The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • April

      "Zumindest noch nichts süßes" erklärte April, während sie sich über das Kuchenstück her machte. "Hier gibt es morgens, mittags und abends ein Buffet und ich hatte in letzter Zeit kein Verlangen nach was Süßem. Ich bewege mich so wenig, dass ich wahrscheinlich direkt doppelt so breit werden würde, wenn ich jedes mal den Nachtisch probieren würde." Obwohl sie an dem Essen geschmacklich eigentlich nichts aussetzen konnte. Es war halt kein fünf Sterne Restaurant aber zum Glück hatten Niamh und Caleb sie nicht einfach in eine Jugendherberge gesteckt und sie sich selbst überlassen. Es hätte sie deutlich schlechter treffen können. Selbst über die Anwältin, die ihr zur Seite gestellt worden war, konnte sie sich nicht beschweren. Sie hatte definitiv eher mit einem alten, weißen Mann gerechnet, als mit May.
      "Wenn wir eines unserer Work-Dates nochmal nach außerhalb verlegen, können wir uns ja auch einfach hier im Hotel-Café treffen. Da gibt es bestimmt noch einiges zu probieren. Vielleicht sollte ich einfach anfangen, das alles zu bewerten und einen Vlog draus basteln. Vloggen Leute überhaupt noch, oder war das so ein 2010'er YouTube Ding, was jetzt keiner mehr kennt?" Sie blinzelte kurz, zwischenzeitlich nochmal von der Serie abgelenkt. Wahrscheinlich wäre YouTube etwas zu auffällig für ihre restlichen Karrieren, aber mittlerweile würde sie irgendwie alles ausprobieren, um sich abzulenken.
      "Weißt du, was ich immer schräg in so Filmen und Serien finde?", fragte sie, gedanklich schon beim nächsten Thema, "Irgendwie Daten sich immer alle gegenseitig. Ist es nicht irgendwie seltsam, wenn man sich untereinander dated, wenn man zusammen arbeitet? Wenn man genau weiß, dass man zwei mal die Woche beruflich mit dem eigenen Partner diskutieren muss?" Sie sah wieder zu May herüber, während ein kleines, aufziehendes Lächeln auf ihren Lippen erschien. "Oder ist das so ein ganz seltsamer turn-on?"
    • May

      Hm, vielleicht nahm May auch alles zu ernst, weil April ständig von Dates sprach. Aber sie meinte das bestimmt nicht so. Zu einem Meeting konnte man in freundschaftlichen Kontext schließlich auch Date sagen. May lachte leicht, als April von Vlogs sprach. "Wenn du einen machst, seh ich ihn auf jeden Fall an, damit ich weiß, was ich als erstes bestellen soll", beschwichtige sie. Sie war April irgendwie langsam sehr dankbar, dass sie eine so lockerflockige Persönlichkeit zu haben schien. Mays soziale Fähigkeiten versagten heute irgendwie ein wenig. Ohne Aprils optimistische Art wäre das alles hier eine peinliche Katastrophe.
      Wobei April auch manchmal peinliche Sachen sagte, bei denen May sich fragte, ob sie überhaupt wusste, was ein Filter war. Sie stockte etwas. "Ich fände das auch seltsam", sagte sie. "Ich kenne auch niemanden, der offiziell bei uns Büro dated. Nur ein älteres Ehepaar und über deren Turn-ons will ich nicht nachdenken" Sie bekam fast Gänsehaut bei dem Gedanken, urgh. "Aber wenn es so oft in Filmen vorkommt, haben die Fantasie wahrscheinlich viele"
      Moment, was redete sie denn von Fantasien? Sowas musste nicht gleich sexuell sein, vielleicht mochten auch einfach viele den Vorteil, sich jeden Tag zu sehen. Aber... naja... in einem hierarchischen Unternehmen kam die Fantasie vermutlich schnell auf... Oder vielleicht war May einfach nur selbst vollkommen irre, vielleicht war es das. Sie kannte in ihrem Büro jedenfalls niemanden, zu dem sie sich auch nur ansatzweise hingezogen fühlte. Ihre letzte Beziehung hatte sie auch im Studium gehabt und irgendwie hatte sie seitdem damit abgeschlossen, da sowieso nur alle dateten, um zu heiraten und sich dann scheiden zu lassen. Und das Letzte, das sie derzeit wollte, war ihrer Mutter auch noch einen Grund zu geben, eine laute Meinung zu ihrem Liebesleben zu haben, denn eine stille Meinung hatte sie sowieso, egal, ob sie mit jemandem zusammen war oder nicht.
      "Also ich denke, es ist besser, Arbeit und Privatleben zu trennen" Wenn man denn ein Privatleben hatte. Aber im allerschlimmsten Fall trennte man sich von seinem Partner und war dann simultan auch seinen Job los, weil es zu seltsam wäre, sich länger täglich zu sehen. Vor allem für zukünftige Beziehungen!
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    • April

      April musste laut auflachen, als May das ältere Ehepaar erwähnte. "Okay, gut, das will ich mir auch nicht unbedingt vorstellen", pflichtete sie ihr belustigt bei, auch, wenn sie nicht ganz wusste, ob die Vorstellung witzig, oder verstörend war. Irgendwie beides. Obwohl es im Nachhinein fast ein wenig seltsam war, dass Anwälte offenbar nicht untereinander dateten. Bei vielen ihrer bisherigen Aushilfsjobs hatte es Pärchen am Arbeitsplatz gegeben und in ihrem kriminellen Umfeld kannte irgendwie sowieso jeder jeden und kleine romantische Abenteuer waren nicht selten. Nicht immer gern gesehen, aber das war was vollkommen anderes. Von den ganzen anderen familiären Verbindungen mal vollkommen abgesehen, aber die schien May mit ihrer Mutter ja auch zu haben.
      Einzig der kleine Nachsatz am Ende war ein wenig traurig - immerhin zählte April für May wahrscheinlich auch deutlich mehr zur 'Arbeit', als zum 'Privatleben'. Aber ja auch nur für eine gewisse Zeit, nicht? Und wenn sie es jetzt schon geschafft hatte, dass May sich ein wenig mehr geöffnet hatte, würde sie es ja vielleicht auch schaffen sie dazu zu bringen, diese Einstellung nochmal zu überdenken. Es würde ja sowieso nichts Festes sein. Wer holte sich schon gerne seine Arbeit nach hause? May, hoffentlich.
      "Okay, dann trennen wir uns vom Privatgespräch und gehen sofort zur Arbeit zurück", verkündete sie gut gelaunt, während sie auf den Fernseher deutete. Sie hatte zwar nicht wirklich aufgepasst, aber das war eh egal. Sie wollte May nur ein wenig beschäftigen, um noch etwas mehr Zeit mit ihr rauszukitzeln. "Wie sieht deine Fallanalyse aus und wie hättest du es gelöst?" Sie rutschte ein wenig seitlich, damit sie May und den Fernseher zeitgleich im Blick hatte, während sie versuchte, den professionellsten Gesichtsausdruck aufzusetzen, den sie hatte. "Nicht, dass ich mir am Ende doch noch Sorgen um meinen eigenen Fall machen muss..."


      Wyatt

      "Du weißt, dass du nicht gehen musst, richtig? Es ist dir überlassen."
      "Ja ja." Wyatt seufzte und lehnte sich an das Autofenster, während er den irritierten Blick, den Milo ihm zuwarf, gekonnt ignorierte. Natürlich wusste er, dass es ihm augenscheinlich vollkommen frei stand, ob er nochmal ins Jugendzentrum wollte, oder nicht, aber - und es war ein großes ABER - Milo hatte sich nach dem kleinen Ausrutscher mit dem Alkohol beinahe beängstigend mit irgendwelchen Konsequenzen zurückgehalten und jetzt hatte Wy Angst, dass seinem Bruder bei der kleinsten Auseinandersetzung einfallen würde, dass er ihm ja eigentlich noch Hausarrest geben wollte, oder so. Also stimmte er vorerst lieber jeden Bitte zu, bis ein wenig Gras über die Sache gewachsen war. Es gab deutlich schlimmeres, als das Jugendzentrum. Im Gegensatz zu ihren Eltern war Milo jung genug um zu wissen, wie man die W-Lan Box ausstöpselte. Da verbrachte Wy doch lieber nochmal ein paar Stunden in der Semi-Haft unter Milos Freund.
      Außerdem hatte er schon - nach Rücksprache mit Milo - mit Emma und Lucas ausgemacht, dass sie anschließend im Einkaufszentrum abhängen würden und die Zeit bis dahin könnte er überbrücken, indem er mit Jia sprach. Er war ziemlich betrunken gewesen, aber ein paar ganz bestimmte Teile von seinem Gespräch mit Jude waren ihm im Kopf hängen geblieben. Ein Teil war leider der, dass er Jude ziemlich ausschweifend davon erzählt hatte, dass er irgendwann einen eigenen Comic-Shop eröffnen wollte, was furchtbar peinlich war, aber er hatte die Hoffnung, dass das vielleicht eine der Lücken in Judes Gedächtnis wäre. Darum ging es auch gar nicht. Ihm spukte immer noch der Grund durch den Kopf, warum Jias Eltern sie rausgeworfen hatten.
      Er wusste irgendwie nicht, wie er damit umgehen sollte. Es interessierte ihn im Grunde nicht. Ihm war egal, dass Jia trans war. Wirklich. Er hatte nur irgendwie ein ungutes Gefühl dabei, dass sie nicht wusste, dass er es wusste. Es kam ihm irgendwie einfach unfair vor.
      "Melde dich, wenn ich dich irgendwo einsammeln soll."
      Wyatt blinzelte kurz irritiert, als er feststellen musste, dass sie tatsächlich schon da waren. Er war viel zu tief in seinen eigenen Gedanken versunken gewesen, um etwas von der Fahrt mitbekommen zu haben. Er nickte kurz, streckte seine Hand nach dem Türgriff aus und stoppte, um Milo einen kritischen Blick zuzuwerfen. "Willst du nicht mitkommen und Aaron hi sagen?"
      "Nein?" Milo klang so, als ob er sich selbst nicht ganz sicher mit seiner Antwort war. Sein Blick hing an der Tür des Jugendzentrums, als würde er nur darauf hoffen, dass Aaron zufällig raus kommen würde.
      Wyatt verdrehte die Augen. "Es ist mir egal, wenn du hier bist, um ihn zu sehen."
      "Okay, erstens wissen wir beide, dass das nicht stimmt und zweitens bin ich nur hier, um dich los zu werden. Also los. Beweg dich, bevor ich dich reintrage und vor den anderen eine Szene mache." Milo grinste ihm entgegen, während er kurz in Richtung des Jugendzentrums nickte.
      "Pff. Du bist fast 30. Du würdest schon zusammenbrechen, bevor du mich richtig hochgehoben hättest." Wyatt streckte ihm kurz die Zunge entgegen, bevor er schlussendlich doch die Beifahrertür öffnete.
      "Ich bin nicht fast 30!", protestierte Milo erschüttert.
      Wy knallte die Tür zu und warf ihm einen kleinen, entschuldigenden Blick zu. "Sorry. Die Tür. Ich hör dich nicht", verkündete er, während er von der Tür zu seinen Ohren deutete und langsam rückwärts ging. Milo streckte ihm kurz den Mittelfinger entgegen, was Wy mit selbiger Gestik und einem breiten Lächeln erwiderte, bevor er sich schlussendlich umdrehte und dabei fast gegen die Tür zum Jugendzentrum knallte. So viel zu einem würdevollen Abgang.
      Der Tür erfolgreich ausgewichen, trug er sich in die Anwesenheitsliste ein - alles für das Internet - bevor er sich kurz umsah. Okay. Er hatte ihren Namen auf der Liste gesehen. Aber wo war sie?
    • May

      May lachte. "Du hast die Grenze längst überschritten, wenn ich das hier echt noch als meinen Job sehen würde, kann ich demnächst mit einer Kündigung rechnen" Allerdings war Mays Laune mittlerweile gut genug, um das einfach zu ignorieren. Ja, sie war ein wenig strikt mit sich selbst, aber auch noch ein Mensch, und Ausnahmen waren okay, solange sie nicht zu oft vorkamen. Außerdem hatte sie schon länger nicht mehr so gelacht. Die Gespräche mit ihren Kollegen beschränkten sich eher auf Deprimierendes.
      May lehnte sich zurück, schob sich zwei Pommes in den Mund und betrachtete nachdenklich den Fernseher, auch wenn sie keine sinnvolle Antwort auf die Frage hatte, die sowieso nicht ernst gemeint gewesen war. Aber dennoch war es ganz lustig, weil sie selbst nie Serien oder Filme über Anwälte ansah, zumindest nicht bewusst, und schon garnicht, um sich in deren Lage zu versetzen.
      "Ich hab keine Ahnung, ich hätte im Gerichtssaal einfach völlig versagt", antwortete sie letztlich belustigt. "Aber keine Sorge, deinen Fall werde ich definitiv gewinnen, das schulde ich dir mindestens" Sie lächelte.

      Jia

      Freitag, also Jude-Tag. Jude-und-seine-Freundin-Tag, wenn man es genau nahm, weil er Jia zuletzt noch eine Nachricht geschickt hatte, dass er sich für sein Verschwinden von der Ausstellung bei Carol rechtfertigen wollte und er Jia und Nataly als Backup brauchte, damit Jia Aaron auf ihre Seite ziehen konnte und Nataly mit ihrer Anwesenheit als Außenstehende eine Diskussion unterbinden konnten. Sowas in die Richtung. Es war ein ganzer Schlachtplan. Was völlig dämlich war, weil es Carol bestimmt nicht interessierte, dass Jude auf einmal weg war, sie war nur etwas verwirrt gewesen. Aber Jude hatte manchmal komische Einfälle. Oder vielleicht eher Verlustängste, die man ihm nicht zutrauen würde.
      Jia stieg gerade aus dem Bus und lief von der Station zum Jugendzentrum rüber, als eine ihr bekannte Statur aus einem Auto stieg, einen seltsamen Rückwärtsgang hinlegte und beinahe in die Eingangstür des Zentrums knallte. Jia beobachtete das Spektakel belustigt. Wyatt war also schon wieder hierher gezwungen worden? Wie oft wollte Milo das denn durchziehen? Diesmal blieb er bestimmt nicht länger als fünf Minuten.
      Jia lief durch die Schiebetür und erfasste Wyatt noch beim Unterschreiben der Anwesenheitsliste. Ein seltsamer Anblick. "Hi", sagte sie und kam zum Tresen, um sich selbst ebenfalls einzutragen. Sie ließ ihren schwarzen Schulrucksack neben sich auf den Boden fallen und nahm Wyatt den Kugelschreiber ab. "Wolltest du nicht nie wieder hergekommen?", fragte sie fast schon uninteressiert während sie ihren Namen in die Liste schrieb. Obwohl es sie eigentlich schon interessierte. Erstens, wieso Wyatt sich eben eingetragen hatte. Zweitens, was am Sonntag noch passiert war. Mit ihm, mit Jude, und vor allem zwischen Milo und Aaron, deren Date sie vermasselt hatten.
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    • Wyatt

      Man merkte ihm den Schreck natürlich absolut nicht an, aber Wyatt war tatsächlich kurz davor gewesen, reflexartig den Stift auf Jia zu werfen, als selbige ihn aus dem Nichts ansprach. Hatte er es gerade tatsächlich geschafft, sie aus purer Gedankenkraft zu manifestieren? Warum funktionierte sowas mit ihr, aber nicht mit Leuten, die er wirklich gerne sah? Würden Emma und Lucas früher vorbeikommen, wenn er es sich einfach feste genug wünschte?
      "Oh, ich bin nur kurz hier. Eine Stunde, höchstens. Ich-" Er stockte ein wenig. Bis gerade hatte er noch einen ausgesprochen guten und absolut sicheren Plan in seinem Kopf gehabt (Jia suchen - ihr sagen, dass Jude sich verplappert hatte - ihr einen schönen Tag wünschen und gehen), doch jetzt war er sich plötzlich doch unsicher, wie genau er das Thema ansprechen sollte. Er hatte immerhin keinen Plan, wie sich sich bei alledem fühlte und auch, wenn es ihm eigentlich auch relativ egal war, wie sie sich fühlte, wollte er nicht, dass sie irgendetwas falsch verstand. "Ich wollte schauen, ob Judes Eltern noch rausbekommen haben, dass er betrunken war. Wir haben vergessen Nummern auszutauschen und ich hoffe ein bisschen darauf, dass sein Glück nicht funktioniert, wenn er betrunken ist." Er zuckte kurz mit den Schultern. Keine große Sache.
      "Oh und ich schätze, ich sollte mich irgendwie generell für die Sache mit dem Alkohol entschuldigen? Obwohl Milo das Lan zuhause noch nicht ausgeschaltet hat, also werde ich es wahrscheinlich nicht tun, aber wisse, dass ich kurz über eine Entschuldigung nachgedacht habe." Er hab reflexartig zwei Finger zu einem Peace Zeichen, was wahrscheinlich das dämlichste war, was er tun konnte. Zweitdämlichste. Das dämlichste war immer noch, fast gegen die Tür zu laufen. Was Jia natürlich nicht gesehen hatte, weil sie einfach hier und jetzt spontan erschienen war und nicht knapp hinter ihm ins Jugendzentrum gekommen war. Haha. Genau.
      "Hatten Kaia und du noch einen schönen Tag, oder habt ihr es bereut, nicht mitgetrunken zu haben?", fragte er, natürlich aus vollstem Interesse und nicht, um noch einen Moment mehr Zeit zu gewinnen. Absolut nicht. Er...er brauchte nur noch eine gute Hinleitung, oder so.
    • Jia

      Jia beobachtete Wyatt skeptisch bei seinem Gebrabbel-Anflug. „Okay… Jude kommt wahrscheinlich so in… einer halben Stunde? Wie jeden Freitag eben“, informierte sie Wyatt. Hatten die beiden sich echt so gut verstanden, dass Wyatt freiwillig hierher kam, um Jude zu treffen und nach seiner Handynummer zu fragen, um in Kontakt zu bleiben?
      „Ich kann dir seine Nummer aber auch geben“, meinte sie dann schulterzuckend. Jude würdest dazu sicherlich nicht Nein sagen. Aus Jias Perspektive hatte es ja auch so ausgesehen, als hätten sie sich gut verstanden, auch wenn sie eben… völlig betrunken gewesen und seltsames Zeug über Sekten geredet hatten. Aber vielleicht teilten sie ja dieselbe Form von Bescheuert.
      Dann lächelte sie etwas belustigt. „Ich hab ihn übrigens auch gefragt, und seine Eltern haben garnichts mitbekommen. Komisch, was? Meine Mutter hätte sowas sicher innerhalb von einer Sekunde gemerkt und ich hätte lebenslang Hausarrest“ Jude hatte einfach zu viel Glück, als ihm guttun konnte. Er kam ja wirklich mit allem durch! Und scheinbar färbte das auch auf Menschen in seinem Umfeld ab, die er in blöde Ideen reinzog, wenn Emery auch nie erwischt wurde, und Wyatt scheinbar die Zorn seines Bruders erspart geblieben war. Zum Teil.
      „Du solltest dich echt bei Aaron entschuldigen“, meinte sie dann nachdenklich und stützte sich an den Thresen. „Ich hab ihn nicht gefragt, was passiert ist, weil das irgendwie aufdringlich ist, aber du weißt es doch, hm? Treffen Milo und er sich überhaupt wieder nach so einem Mist? Und ich meine, Kaia und ich waren eben bis zum Ende bei der Ausstellung, wieso?“ Sie zog eine Augenbraue hoch, als sie plötzlich eine grausame Vorahnung traf.
      „Oh, nein“, machte sie deprimierend. „Bitte lass Kaia in Ruhe, bitte. Ich hasse es, wenn sie auf irgendjemanden steht, dann redet sie über nichts anderes mehr“ Jia konnte schon vor ihrem geistigen Auge sehen, wie sie sich wochenlang anhören musste, wie süß Wyatt doch war, wenn er sie rumkriegte, und ob Jia ihr nicht zustimmte. Und Jia würde sich vermutlich anstrengen müssen, sich nicht zu übergeben. Urgh. Sie seufzte angestrengt.
      „Außerdem passt ihr sowieso überhaupt nicht zusammen, also lass es gleich bleiben“, sagte sie bestimmt.
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    • Wyatt

      "Milo hat das Jugendzentrum angestarrt, als würde er schon seine Hochzeit mit Aaron planen, also gehe ich nicht davon aus, dass die beiden ihr Dating-Idee überdacht haben", merkte Wyatt an, während sein Hirn sich auf einen ganz anderen Teil von Jias Antwort konzentrierte. Ihre Mutter. Traurig, aber irgendwie vielleicht genau die Brücke, die er brauchte, um anzusprechen, was er ansprechen wollte. Er musste es nur irgendwie halbwegs nett formulieren und dann konnte er sich vielleicht schon umdrehen, direkt aus der Liste austragen und gehen, um nicht- warte. Was?
      Wyatt starrte Jia an, wie ein Reh im Scheinwerferlicht, während er versuchte zu verstehen, was sie meinte. Sie konnte nicht- Das war vollkommen- Wo waren sie in dieser Konversation so falsch abgebogen? Hatte er irgendwas nicht mitbekommen?
      "Was? Nein! Ew!" Wy verzog das Gesicht, als er daran dachte, mit Kaia zu flirten. Er hatte an sich nichts gegen sie, aber sie...war eben einfach da und mehr nicht. Sie war ein bisschen cooler, als Jia, aber das war keine sonderlich schwierige Leistung. "Ich will nichts von ihr. Wir haben vielleicht fünf Worte miteinander gewechselt und die kamen alle von ihr." Gut, das war ein bisschen sehr dramatisch, aber er hatte keine Ahnung, wie er die kleine Gedankenakrobatin vor sich sonst davon überzeugen sollte, dass er nicht an ihrer Freundin interessiert war. Er hatte bis jetzt noch nicht mal darüber nachgedacht und jetzt konnte er nicht nicht mehr darüber nachdenken. Ugh. Das war fast schlimmer als der Hinweis, dass er sich vielleicht bei Aaron entschuldigen sollte.
      "Ich frag nur, weil..." Er zögerte erneut, bevor er sich einen Ruck gab. Jetzt, oder nie. Er würde mit Jia wahrscheinlich eh nicht mehr viel zu tun haben. Milo hatte offenbar begriffen, dass seine neuen Freunde aus dem Jugendzentrum genauso furchtbar sein konnten, wie seine alten Freunde und würde ihn hoffentlich hiermit in Ruhe lassen. Selbst, wenn er es nicht schaffen würde, Aaron irgendwie los zu werden, würde Jia wohl zukünftig nicht mehr als ein Name für ihn sein. Er senkte trotzdem ein wenig die Stimme, als er weitersprach. Zwar war es hier nicht sonderlich voll, aber man wusste ja nie, wer zuhörte. "Jude hat, ähm, er hat sich eventuell ein bisschen verplappert und mir erzählt, warum deine Eltern dich rausgeworfen haben." Okay. So weit, so gut. Nicht aufhören zu reden. "Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich es weiß, weil ich es irgendwie unfair finden würde, wenn du nicht wissen würdest, dass ich es weiß, weißt du? Zu seiner Verteidigung - er war wirklich betrunken. Bitte bring ihn nicht um, ich bin mir halbwegs sicher, dass er mir irgendwann zwischendurch versprochen hat, für mich Lotto zu spielen, wenn er 18 ist. Je nach Gewinnsumme würde ich sogar mit dir teilen. Vielleicht. Oder dir einen Donut ausgeben, oder so."
    • Jia

      Jia war einerseits sehr beruhigt über die sofortige Abneigung, andererseits aber fast ein bisschen second-hand beleidigt. Er tat ja so, als wäre sie ein Freak oder sowas. Kaia war hübsch und klug und ja, ein bisschen zu aufgeweckt und sarkastisch, aber auch sehr nett. Aber Wyatt stand sicher auf irgendwelche Mädchen, deren Horizont nicht über ihre Fingernägel hinaus reichte. Yup. Sie hatte ihn durchschaut. Besser, er redete garnicht erst mit Kaia, so ein Einfallspinsel.
      „Sehr gut, behalte das im Hinterkopf, wenn du sie nächstes Mal siehst, und wehe du änderst deine Meinung“, sagte sie streng, legte den Stift endlich ab und zog ihr Handy aus der Hosentasche, weil sie Wyatt dennoch Judes Nummer geben wollte. Den konnte er gerne haben. Vielleicht nicht 24/7, weil Jia ihn schon sehr mochte, aber zumindest für die ganzen dämlichen Ideen.
      Sie fror allerdings mitten im Tippen ein. Was hatte Wyatt eben gesagt?
      Jia hob den Blick von ihrem Handy und war einen Moment verwirrt, bevor sie begriff, was Jude ihm erzählt haben musste, damit er gerade mit ihr sprach, als würde er einen Mord vertuschen wollen. „Oh“, machte sie. Zu mehr war sie nicht imstande. Es war ja nicht so, als wäre es ihr Geheimnis, von dem keiner wusste. Bis vor einem halben Jahr hatte sie sich noch nichtmal wie ein Mädchen anziehen dürfen. In der Schule ignorierten sowieso fast alle, dass sie als Mädchen behandelt werden wollte. Es war die Hölle. Und genau deshalb war das Jugendzentrum für sie wie zuhause, weil sie vorher niemand gekannt hatte. Alle kannten sie nur als Jia. Nur Aaron, Jude und Kaia wussten überhaupt, dass sie trans war, und sie hatte Glück, dass sie nichts rumerzählten und sie einfach akzeptierten. Aber sie kannte Wyatt kaum. Es wirkte nicht so, als würde er sie insgeheim beleidigen wollen oder irgendwie angeekelt sein oder seltsam neugierig, aber woher sollte Jia denn wissen, wie gut er Dinge für sich behalten konnte? Musste sie jetzt hoffen, dass er einfach nie wieder hierher kam, damit sie weiter einen einzigen Ort haben konnte, an dem sie sich wohl fühlte?
      Es war keine Absicht, aber dieses stille Gedankenkarussel hatte ihre Augen glasig werden lassen und sobald es ihr auffiel, war es ihr sichtlich unangenehm und sie begann zu blinzeln. „Ich äh-“, fing sie an, dann fiel ihr aber ein, was sie wohl fragen sollte. „Du erzählst es keinem oder?“ In ihrer Stimme schwang ein Hauch Panik mit, als sie sich vorstellte, dass Wyatt sich vielleicht doch noch entschloss, sie deshalb zu hassen und ihr Leben kaputt machen zu wollen. Auch wenn es kaum kaputter werden konnte.
      Jia griff bereits nach ihrer Schultasche, weil sie spürte, dass sie gleich weg musste. Sie wollte jetzt keinen Nervenzusammenbruch mitten im Foyer und direkt vor Wyatt haben, wegen so einer bescheuerten Kleinigkeit. Es war kein Weltuntergang, das sagte sie sich selbst, und sie war auch nicht sauer auf Jude. Eher auf sich selbst. Auch wenn sie sich gerade nicht ganz sicher war, wieso. Vielleicht sollte sie einfach generell aufhören, mit irgendjemandem zu reden, vielleicht wäre das besser. Dann passierte sowas nicht. Oder vielleicht sollte sie einfach nur aufhören zu hoffen, dass irgendetwas jemals anders sein könnte. Es war völlig unrealistisch, dass niemals jemand etwas bemerkte. Vielleicht musste sie sich einfach damit abfinden, dass es immer so sein würde.
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    • Wyatt

      Oh. Jia sah aus, als wäre sie den Tränen nahe. Wundervoll. Das war eigentlich nicht der Plan gewesen. Die kleine Rückfrage überraschte ihn genau so sehr. Wys Mundwinkel zuckten kurz nach oben, bevor er sich bemühte, einen möglichst ernsten Gesichtsausdruck beizubehalten, während er mit beiden Händen nach Jias freier Hand griff und ihr in die Augen sah.
      "Jia, es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber...du bist nicht interessant genug, als dass ich mit anderen über dich reden würde." Er ließ ihre Hand fallen und schob seine eigenen Hände in seine Hosentasche. Mit wem sollte er überhaupt darüber reden? Außer Jude, Kaia und Aaron kannte er niemanden, der Jia kannte und er ging davon aus, dass alle drei sowieso schon Bescheid wussten. Er würde kaum einfach auf irgendwelche Leute im Jugendzentrum zugehen und ihnen erzählen, dass Jia trans war. Eigentlich hatte er nicht mal vor, hier mehr Zeit zu verbringen, als unbedingt nötig. Außerdem hatte er genug eigene Probleme, als dass er sich zusätzlich noch um ihre kümmern könnte. Er hatte das alles nur loswerden wollen, mehr nicht.
      "Also - weißt du zufällig, wo Kaia ist? Jetzt will ich sie doch darum bitten, die nächste Woche nur über mich zu reden, um zu sehen, wie lange es dauert, bis du nachts in meinem Zimmer erscheinst, um mich mit einem Kissen zu ersticken." Wyatt grinste Jia fröhlich entgegen. "Ich geb dir sechs Tage, aber auch nur, weil du vorher noch meine Adresse rausfinden musst." Hoffentlich war der Themenwechsel genug, um Jia davon abzuhalten, in Tränen auszubrechen. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wenn sie jetzt anfangen würde zu weinen. Er würde lieber gegen die Tür laufen, als sie zu umarmen, oder so. Und überhaupt - warum war es so schlimm, dass er es wusste? Es war nicht so, als ob er mit der Info irgendwas anfangen könnte. Bisher waren sie sich ja auch irgendwie mehr oder weniger aus dem Weg gegangen, so gut es ging. Warum sollte sich das jetzt ändern?
    • Jia

      Irgendwie war sie hin und hergerissen zwischen einem Wutanfall und einem Nervenzusammenbruch, mit leichter Tendenz zur Wut. War das Wyatts ernst? Dachte er, dass er selbst so wahnsinnig interessant war?
      Sie zog ihre Hand weg. Leider bewirkte auch Wut, dass sich die Tränen in ihren Augen sammelten, aber das war um einiges erträglicher. "Mich interessiert nicht, ob du es weißt, aber wehe du verplapperst dich wie Jude, dann ersticke ich dich nicht nur, sondern schneide dir vorher dein Ding ab"
      Sie warf sich, bereit zu gehen, den Rucksack über die Schulter. Irgendwie fühlte sie sich ein wenig besser. Wyatt war einfach nur ein nerviger Idiot, um den sie sich keine Sorgen machen musste, solange sie sich einfach nie wieder sahen. Aaron konnte mit der Sache ausnahmsweise mal alleine klarkommen, bevor sie Wy echt noch den Hals umdrehte. Wieso war er eigentlich so arrogant und dämlich, wenn Milo ganz normal wirkte? Hmpf.
      "Aber red echt mal mit Kaia, vielleicht kommt sie mir noch zuvor, wenn du genug Blödsinn von dir gibst" Jia lächelte leicht. Gut, dass sie wenigstens nicht mehr so tun musste, als könnte sie ihn leiden. Wyatt war auch wirklich einer der wenigen Menschen, die das hinbekommen hatten. Jia war nicht so schnell irgendetwas wichtiger, als Aarons Bitten an sie, und auch wenn man Wyatt zugute halten konnte, dass er offensichtlich echt nur unfreiwillig eine uninteressante Info bekomme hatte, war er einfach... so unfassbar... anstrengend.
      Und nachdem sie sich gerade selbst von ihrer Pflicht befreit hatte, einen 'guten Einfluss' auf Wyatt zu haben, konnte sie auch einfach gehen, richtig? Er konnte ruhig irgendetwas anzünden oder in die Luft jagen, dann bekam er wenigstens Hausverbot und tat sich selbst und allen anderen einen Gefallen.
      "Viel Spaß beim Warten auf Jude", sagte sie ihm zum Abschied und machte sich auf den Weg in eines der Zimmer, um sich mit ihren Hausaufgaben auseinanderzusetzen. Vielleicht sollte sie Aaron auch noch warnen, dass sein zukünftiger Stiefsohn aus der Hölle hier war.
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    • Wyatt

      Einen Moment lang konnte Wyatt nichts anderes tun, als Jia ein wenig perplex hinterher zu schauen. Blöde Ziege. Wahrscheinlich hätte er einfach besser nichts sagen sollen. Wieso wurde er bedroht, wenn Jude doch derjenige gewesen war, der sich verplappert hatte? Er war im Grunde genauso Opfer wie sie! Aber das Jia irgendwie verständlich zu machen, war wahrscheinlich vollkommen unmöglich. Typisch Mädchen halt. Wy sah ihr hinterher, als könnte er sie durch pure Gedankenkraft zum Stolpern bringen, bis sie - unfallfrei - um die nächste Ecke bog. Schade.
      Naja, blieb ihm wohl nichts anderes, als sich auf die Suche nach Kaia zu machen, um Jia wenigstens um zwei Ecken etwas zu ärgern. Vorausgesetzt, er würde Kaia irgendwie dazu bekommen, mitzumachen. Aber das würde hoffentlich nicht zu schwer werden. Wer hatte schon was gegen einen kleinen, harmlosen Scherz unter Freunden? Er würde sie schon irgendwie zum Mitmachen überzeugen, da war er sich sicher.

      Wyatt fand Kaia nach kurzem Suchen in der Küche, zusammen mit Aaron. Hey, wenigstens konnte der Tag jetzt nur noch besser werden, oder? Wie sollte er Kaia auch nur ansatzweise dazu bringen, ihm zu helfen, Jia zu ärgern, wenn Aaron dabei war? Ugh, es war frustrierend.
      "Hi", grüßte er beide, bevor er ein "Ich bin nur kurz hier" hinterherschob, um den Fragen zu entgehen, was er überhaupt hier machte. Als ob das irgendwas besser machen würde. Sein Blick glitt zu Aaron, während sich in seinem Kopf langsam die Zahnrädchen drehten. Eigentlich konnte er den Moment auch nutzen, oder? Wenn er dem Blonden schon nicht entkommen konnte.
      "Ist zwischen Milo und dir irgendwas passiert am Wochenende? Er wollte gerade nicht mal aussteigen, um hi zu sagen. Hast du irgendwas blödes gesagt? Streit?" Er legte den Kopf leicht schräg, so, als ob er sich tatsächlich Sorgen machen würde, bevor er kurz blinzelte und entschuldigend lächelte. "Oh. Sorry, geht mich wahrscheinlich nichts an. Ist wahrscheinlich nichts ernstes. Ich hatte mich nur gewundert." Er lächelte Aaron erneut zu, bevor er sich zu Kaia drehte.
      "Eigentlich hatte ich nach dir gesucht. Hast du einen Moment für mich?"
    • Aaron

      „Und wie geht es deiner Tante Jenelle?“, fragte Aaron, über die kleine Kücheninsel gelehnt, während Kaia sich einen Tee machte und ihn mal wieder über alles mögliche updatete, das in ihrem Leben passierte. Es war erfrischend, mal mit einem Kind zu reden, dem man nicht absolut alles aus der Nase ziehen musste, und Kaia hatte dazu auch noch ein ziemlich wildes, aufgewecktes Familienleben, wo es immer etwas Neues gab. Und noch dazu nicht auf die deprimierende Art.
      „Oh, wir waren letztens im Kino, hast du diesen neuen Disneyfilm gesehen? Jenelle steht absolut auf Disneyfilme. Seit ich klein war hat sie mir Prinzessinnenkleider und den ganzen Kram gekauft, ob ich wollte oder nicht. Jedenfalls geht‘s ihr gut, außer dass sie einen Haarschnitt braucht. Rena und ich wollen sie schon ewig überzeugen, dass sie mit dem Glätten aufhört, aber das ist echt eine schwere Geburt“
      Genau das meinte Aaron. Er könnte sich außerdem stundenlang von ihr zuquatschen lassen. Die Frage war ja, wer von ihnen beiden mehr zu einem Redeschwall neigte.
      „Das ist schön zu hören“, sagte er lächelnd und sah Kaia zu, wie sie das kochende Wasser über ihren Teebeutel leerte. „Sag ihr, dass sie mal vorbeikommen soll, wenn sie Zeit hat“ Jennelle hatte jahrelang hier gearbeitet, bis sie einen neuen Job angenommen hatte. Es war immer irgendwie ziemlich traurig, wenn sie jemand verließ, weil sich das Ganze hier wie eine viel zu große Familie anfühlte. Aber trotz Jennelles Abschied kam Kaia regelmäßig hierher, vermutlich weil sie es einfach schon gewohnt war, hier ein paar Freunde zu treffen. Und gerade als Aaron sich fragte, ob Jia schon hier war, weil er versprochen hatte, ihr bei den Hausaufgaben zu helfen (auch wenn man nicht wirklich von Hilfe sprechen konnte), kam Wyatt durch die Tür und zog Aaron wiedermal mit Leichtigkeit den Boden unter den Füßen weg.
      „Hi, Wyatt“, sagte er nach einer kurzen Verarbeitungspause. Hatte er eben gesagt, Milo wollte nicht mit rein kommen? „Nichts ist passiert“, antwortete er etwas überfordert. Wyatts Interesse in ihre Dating-Situation machte ihn mittlerweile ziemlich nervös. Es würde sicher eine ganze Weile dauern, bis Wyatt irgendetwas davon akzeptiert hatte und bis dahin sollte Aaron wohl beten, dass er ihn nicht ins Grab brachte, oder so. War das eine übertriebene Angst?
      Er hatte jedenfalls noch nicht aufgegeben, Wy auf seine Seite zu ziehen. Nur jetzt gerade hing er gedanklich zu sehr an Milo fest. Es war doch alles gut gelaufen — so gut, wie es in der Situation eben ging. Ehrlicherweise wunderte es Aaron auch, dass Wyatt wieder hier war, wenn er sich so gewehrt hatte. Hatte er sich am Ende wirklich noch mit Jude anfreunden können? So weit, dass er wieder herkam?
      Nein, Moment, er wollte zu Kaia? Das war neu.
      „Oh, ich hab sowieso noch was zu tun, redet ruhig“, wandte Aaron ein, lächelte und zog sich zurück, um Jia zu finden. Gedanklich war war allerdings ganz woanders. Vermutlich hatte Milo einfach viel zu tun, richtig? Sie konnten sich ja auch nicht ständig sehen, wenn Aaron arbeiten sollte. Aber… vielleicht sollte er ihn nachher mal anrufen. Der Abend war ganz in Ordnung gewesen, sie hatten viel geredet und an irgendeinem Punkt zumindest sehr nah aneinander gesessen, aber nachdem Jude und Wy angetrunken im selben Haus waren, hatte das die Stimmung etwas milde gehalten, wenn man das so sagen konnte. Nachdem er zuhause abgesetzt worden war, auch wenn es wirklich nicht notwendig gewesen war und sie sich vermutlich beide riesen Sorgen um Wyatt allein zuhause gemacht hatten, war es auch nichtmal zu einem Kuss gekommen. Was irgendwie normal war, es war ihr erstes Date gewesen und es war nicht gerade sorgenfrei verlaufen. Das war Aarons Eindruck gewesen. Er musste jetzt nur hoffen, dass ihn nicht der Schein trügte und Milo das Date so sehr gehasst hatte, und Aaron gleich mit dazu, dass er ihn nie wieder sehen wollte. Urgh, Wyatt hatte ein Talent dafür, sich in jemandes Kopf einzunisten.

      Kaia

      Kaia sah sich das Spektakel an, bis Aaron aus der Tür raus war und Wyatt und sie mit vereinzelten anderen Leuten hier alleine zurückließ. Sie wusste nicht recht, was sie von Wyatt halten sollte.
      „Was zur Hölle hast du eigentlich gegen ihn?“, fragte sie leicht belustigt und deutete zur Tür, durch die Aaron verschwunden war. „Und was willst du von mir? Doch noch eine Sekte gründen? Sicher, dass du Alkoholiker dir das zutraust?“ Sie lachte leicht. Wyatt war für sie quasi ein Fremder, sie hatte keine Ahnung, was er von ihr wollen könnte. Kaia schnappte sich den vorbereiteten Honig von der Theke und rührte einen Löffel in ihren Tee. Eigentlich war sie heute nur hier, um Jia zu sehen. Freitag war immer ein bisschen heikel, weil sie zu allem Übel Sportunterricht hatte.
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    • Wyatt

      Es erforderte sämtliche Selbstbeherrschung, die Wy besaß, nicht zu lächeln, als Aaron ging. Irgendwie erstaunlich, dass er nicht schon längst alles hinterfragte, was Wyatt von sich gab, aber hey - er wollte sich nicht beschweren. Wenn er ihm zehn Minuten Kopfzerbrechen bereitete, hatte er sein Ziel schon erreicht.
      “Wie kommst du darauf, dass ich was gegen ihn habe?” Wyatt hielt den unschuldigen Gesichtsausdruck bei, während er sich bestürzt eine Hand auf die Brust legte. “Und die Idee mit der Sekte war richtig gut. Du musst zugeben, dass Jude sowas schaffen könnte. Er muss nur ein paar mal im Lotto gewinnen und schon hätte er seine ganz eigene Fangemeinde.” Er grinste, während er seine Hände wieder in seine Hosentaschen schob.
      “Aber nein, darum geht es nicht. Wenn du nicht früh genug ins Geschäftsmodell einsteigen willst, ist das dein Verlust.” Er zuckte kurz belustigt mit den Schultern, während er beobachtete, wie sie sich Honig in den Tee rührte. Vielleicht sollte er die Idee mit der Sekte doch nochmal etwas überdenken. Eigentlich wirkte sie gar nicht so schlecht. Wenigstens müssten sie sich so keine Sorgen über Jobs machen. Er wäre dann nur unglücklicherweise von Jude abhängig.
      “Jia und ich hatten eben ein kleines Missverständnis. Lange Geschichte, ist auch egal, aber - sie hatte am Ende Angst, dass du sie die nächsten Wochen darüber vollquatschen würdest, wie toll du mich findest. Jetzt wollte ich wissen, womit ich dich bestechen muss, damit du genau das tust.” Er lehnte sich gegen den Küchentresen, während er den Blick auf Kaia gerichtet hielt, die die Idee hoffentlich ähnlich unterhaltsam finden würde, wie er. Nach dem Abgang gerade hatte Jia zumindest nichts anderes verdient. Selbst wenn er es in Zukunft vermeiden würde, hier her kommen zu müssen, könnte er sie wenigstens ein wenig aus der Ferne nerven, nicht? Ein letzter kleiner Gedanke an ihn, der sie noch eine Weile begleiten würde.
      “Es muss nichts krass übertriebenes sein. Erwähn’ einfach ab und an mal meinen Namen und beobachte, wie sie reagiert. Ich will rausfinden, wie lange es dauert, bis sie mir die ersten Drohbriefe schreibt. Denkst du, sie schreibt die handschriftlich, oder schneidet sie Buchstaben aus Zeitungen aus, wie in alten Erpresserbriefen?”
    • Kaia

      Kaia stieß ein lautes, überraschtes Lachen aus. Das klang nach etwas, über das Jia sich beschweren würde, aber auch nur hinter ihrem Rücken. Und wie genau kam Wyatt jetzt dazu, sie in seinen Komplott zu verstricken? War seine Mission im Leben, einfach alle zu nerven?
      Sie grinste amüsiert und schob ihre Tasse zur Seite, um sich über die Kücheninsel zu lehnen.
      „Ich wette, du warst als Baby schon richtig nervig und bist mit dem Talent auf die Welt gekommen, andere in den Wahnsinn zu treiben“, sagte sie und stützte den Kopf in eine Hand. „Es ist nicht leicht, Jias Wut auf sich zu ziehen. Was hast du gemacht? Sie irgendwie beleidigt? Ich helf dir vielleicht, sie zu nerven, wenn mir eine gute Belohnung dafür einfällt, aber nicht, wenn du sie nur wegen irgendetwas fertigmachen willst. Sag mir zuerst, was sie gegen dich hat, damit ich weiß, wie moralisch fragwürdig ein Team-Up mit dir ist“ Sie zuckte mit den Schultern. Sie hatte zwar keinen Plan, wie Jia darauf kam, dass sie auf Wyatt stehen könnte, wenn sie sich genau einmal kurz getroffen hatten und er in diesen fünf Minuten besoffen am Boden gesessen hatte, aber alleine deshalb wollte sie sie jetzt irgendwie auch ein wenig damit nerven. Sie hatte vielleicht den ein oder anderen Crush auf den ersten Blick gehabt, aber das hieß nicht, dass sie auf jeden Typen stand, der existierte und ihr zufällig über den Weg rannte… Wenn Jia das glauben wollte, konnte sie ruhig ein bisschen drunter leiden.
      Aber Kaia musste natürlich wissen, ob sie sich selbst ihre Freundschaft mit Jia kaputt machen würde, wenn sie sich mit Wyatt verbündete und Jia ihn zufällig zu sehr hasste. Was Kaia bezweifelte. Sie verzieh einem doch eh absolut alles, nicht? Und Wyatt wirkte vielleicht etwas nervtötend, aber leider fand Kaia das nur witzig und weniger unsympathisch. Nervtötend hieß für sie auch gleichzeitig unterhaltsam.
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    • Wyatt

      “Ich finde es furchtbar gemein, dass du sofort davon ausgehst, dass ich was falsch gemacht habe. Diesmal ist es absolut nicht meine Schuld.” Es war generell irgendwie schräg, dass so vieles offenbar immer seine Schuld war. Er war nie unbedingt ein Vorzeigeschüler gewesen, aber in letzter Zeit schienen die Leute um ihn herum ihn zu behandeln, als wäre er ein klassischer Cartoon-Bösewicht. Wenn sie überhaupt noch mit ihm sprachen. Die meisten seiner alten Freunde hatten offenbar entschieden, dass es einfacher war, einfach so zu tun, als ob er bei dem Anschlag ebenfalls ums Leben gekommen wäre.
      “Jude hat mir im Rausch etwas über Jia erzählt, was er nicht erzählen sollte, ich wollte so fair sein und ihr sagen, dass er es erzählt hat und sie hat aus dem nichts so getan, als hätte ich behauptet, dass Rosa kitschig und überbewertet ist.” Er verdrehte die Augen. Zwischen ihnen lag nur ein Jahr - oder zwei? Wy hatte keine Ahnung, wie alt Jia überhaupt war - und trotzdem benahm Jia sich, wie ein Kleinkind. “Es war noch nicht mal was sonderlich spannendes. Und das war, nachdem sie mir gedroht hat, dir nicht den Kopf zu verdrehen. Was ich übrigens nicht vorhabe - nichts gegen dich. Aber…diesmal bin ich durch und durch in der Opferrolle. Du kannst also mit einem ruhigen Gewissen zustimmen, mir zu helfen.” Das war ziemlich eindeutig, oder? Gut, er hatte vielleicht weggelassen, dass er Jia gesagt hatte, dass sie langweilig war, aber das tat wahrscheinlich nicht sonderlich zur Sache. Eigentlich war das ja nichts, was sie nicht auch selbst wusste.
      “Ich hoffe, du bist bei deiner Preisgestaltung ähnlich moralisch unterwegs. Ich könnte dir meine unendliche Dankbarkeit anbieten. Deal?” Er lächelte, während er Kaia eine Hand entgegen streckte. Ihm gefiel die Idee von Sekunde zu Sekunde besser. “Oh, wenn du sie ab und an Nachts wach klingelst, weil dir noch irgendwas neues über mich eingefallen ist, wäre ich sogar bereit, den kompletten Sommer über jedes einzelne Eis zu zahlen, das du dir holst.”
    • Kaia

      Kaia verschränkte ihre Arme. "Du kannst mich nicht mit Eis ködern, ich bin nicht Jia", stellte sie richtig und dachte dann nach. Okay, wenn sie das richtig verstand, hatte Jude wohl ausgeplaudert, dass Jia trans war. Ansonsten gab es schließlich kaum etwas, das man über sie ausplaudern konnte. Ihr Leben war nicht gerade mit vielen Geheimnissen gesäumt, sie stand noch nichtmal auf irgendjemanden oder hatte jemals etwas peinliches gemacht. Vielleicht sollte sie Wyatt zugute halten, dass er es ihr wenigstens mitgeteilt hatte, aber das war vermutlich eher um sein eigenes Gewissen zu reinigen, also... Kaia konnte sich gut vorstellen, dass Jia das ein wenig getroffen hatte. Aus verschiedenen Gründen. Und wahrscheinlich hatte Wyatt das auch noch so blöd rübergebracht, wie Kaia es sich vorstellte, und dann wunderte es sie auch kein Stück, wenn Jia wütend wurde.
      Was sie jetzt auch wusste, war, dass Jias Wut nicht lange halten würde. Wyatt hatte ihr nichts getan, sondern ihr nur gesagt, dass er etwas wusste, dass er definitiv von der falschen Person erfahren hatte. Und Jia wusste das sicher auch. Sie war wahrscheinlich nur ein bisschen gereizt, oder so. Kaia würde später einfach mal checken, wie es ihr ging.
      Und bevor sie das tat, oder besser währenddessen, würde sie sich wohl auch ein bisschen für die Anschuldigungen rächen. Es gab da nur ein kleines Problem. "Hey, ich weiß noch nichtmal irgendwas über dich. Was soll ich denn machen? Sie darüber zureden, wie süß du bist, nachdem du dich betrunken am Boden selbst fast angesabbert hast? So viel Kreativität hab ich leider nicht" Sie zuckte mit den Schultern. Dann legte sich ein diabolisches Grinsen auf ihre Lippen, sie nahm Wyatts Hand und zog ihn daran ruckartig ein Stück zu sich.
      "Aber du kannst nett zu Aaron sein, dann lasse ich mir was einfallen. Ich werde richtig poetisch, das versprech ich dir", fügte sie leiser hinzu und lächelte. "Oh, und du zahlst mir jedes Eis. Ich hab nichts gegen Eis"
      Im Endeffekt sprang dabei für sie heraus, dass sie Jia und Wyatt ärgern konnte, während sie ultimativ sogar ihrer Freundin half, die ja quasi für Aaron lebte. Ein perfekter Deal, wie sie fand. Und sie hatte derzeit eh nicht viel anderes zu tun.
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    • Wyatt

      Wyatt stieß ein kurzes, überraschtes Geräusch aus, als Kaia ihn näher zog. Das war so ungefähr das letzte, womit er gerechnet hatte. Genau so, wie bei ihrer Gegenforderung, nett zu Aaron zu sein. Im Nachhinein hatte er es ihr viel zu einfach gemacht. Die Frage war nur, wie weit sie überhaupt prüfen konnte, wie er mit Aaron umging. Die Chancen standen gut, dass er ihn die nächsten Tage überhaupt nicht sehen würde und wenn Milo auch nur ein bisschen Verstand hatte, würde er wohl nicht mehr auf die Idee kommen, Wy zu einem ihrer Dates mitzuzerren. Also könnte er Aaron locker einige Zeit einfach ignorieren, bis Jias Ärger über Kaias Schwärmerei sowieso abgeflacht war und alles wieder normal wurde, oder?
      "Okay. Schön. Ich werde netter zu ihm sein." Er verdrehte demonstrativ seine Augen. Einen Tod musste man sterben und er würde schon einen Weg finden, dass am Ende alles so lief, wie er es wollte. "Und - erstens habe ich mich nicht fast selbst angesabbert und zweitens habe ich keine Ahnung, worüber Mädchen reden. Betet ihr sonst nicht immer einfach runter, wie toll jemand aussieht?", fragte er, während er wieder ein wenig Abstand zwischen sich und Kaia brachte. Zumindest war es das, was er immer von den Mädchen in seiner Klasse mitbekommen hatte, wenn sie über die Jungs aus den Stufen über ihnen redeten, oder Filmstars, oder so. Sonst hatte er nur Emma als Referenz und die redete meistens eher über dämliche Persönlichkeits-Tests, oder True Crime Dokumentationen, als über Jungs.
      "Aber du kannst mich alles fragen, was du wissen musst, um 'richtig poetisch' zu werden. Ich bin ein offenes Buch." Kein gehobenes offenes Buch, das man irgendwo in einem Laden kaufen konnte, sondern mehr so ein Buch mit Wasserschaden in einer 'zu verschenken' Box am Straßenrand, aber darauf kam es ja sowieso nicht an. Es reichte, wenn Kaia einfach ein paar Tage richtig nervig sein würde.
    • Kaia

      Kaia grinste. „Schau nicht so. Du musst ihm keine Blumen kaufen, nur mal versuchen, ihm keine Angststörung anzutrainieren“ Sie ließ Wyatts Hand los und nippte an ihrem Tee. Das lief alles schön, wie sie es wollte. Und dann war es für sie an der Zeit, die Augen zu verdrehen. „Wahnsinnig attraktiv, ein Typ, der doch nie mit nem Mädchen geredet hat“, neckte sie ihn. Aber echt, reichte es nicht irgendwann mal mit dem ‚Mädchen reden nur über Jungs‘?
      „Und du, redest du grundsätzlich auch nur mit deinen Freunden drüber, wie gut irgendwelche Mädels aussehen, oder hast du ein Gehirn?“, fragte sie neutral und blinzelte Wyatt unschuldig entgegen. Sie ging um die Kücheninsel herum und nickte Wyatt zu, mit ihr zu kommen.
      „Also, du könntest mir erklären, warum du hier bist, weil ich bisher nur mitbekommen hab, dass du alles am Jugendzentrum und jeden darin hasst. Vielleicht waren die Gerüchte ein bisschen übertrieben, aber du beweist mir grade nicht das Gegenteil“ Sie lachte. „Erst verarscht du Aaron und jetzt willst du Jia belästigen. Und mich ziehst du auch noch mit rein. Oh, und Jude, weil der Alkohol definitiv deine Idee war“ Sie warf Wyatt einen fragenden Blick zu. „Erzähl mir deine Perspektive?“
      Sie war auf dem Weg in den Hintergarten, auch wenn es heute nicht sonderlich warm war, aber man konnte sich dort an kühleren Tagen super ungestört auf die Treppe setzen. Und nachdem Kaia hier mehr oder weniger ihr zweites Zuhause hatte, dachte sie auch gleich daran, sich neben ihrer Jacke auch zwei Outdoor-Pölster aus einer Truhe zu schnappen, die sie auf die kalten Treppen legen konnten. Sie hatte nicht geplant gehabt, Wyatt heute überhaupt zu sehen, oder eigentlich jemals wieder, aber wenn er schon da war… Zumindest war Kaia von Anfang an aufgefallen, dass er ein unterhaltsamer Mensch war. Sie selbst hatte vielleicht ein paar zu weit gesteckte moralische Grenzen, aber es war schon manchmal ganz lustig, andere zu ärgern, solange es nicht zu weit ging. Das ging mit Jia absolut nicht, die war wie ein Engel aus dem Himmel, der hier unten kontrollierte, ob sich eh jeder an die Regeln hielt. Aber sie war viel zu niedlich, um sie dafür zu hassen.
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    • Wyatt

      "Eine meiner zwei besten Freunde ist ein Mädchen. Sie spricht nur nie über Jungs mit uns. Wir sprechen eigentlich meistens über Computerspiele, oder Serien", erklärte Wyatt ein wenig angefressen, während er Kaia folgte. Sie redeten generell nicht über Beziehungen und Schwärmereien. Emma und Lucas hatten solche Themen nie angesprochen und Wy selbst konnte irgendwie herzlich wenig damit anfangen. Er hatte diesen 'Wow'-Effekt, den man aus Filmen kannte, wenn sich die Hauptcharaktere direkt ineinander verliebten, sobald sie sich sahen, nie selbst erlebt. Wie wollte man überhaupt nach dem ersten Blick schon wissen, ob die Person, die man gerade zum ersten mal traf, die wahre Liebe und nicht ein gerissener Serienmörder war? Vielleicht kam es ihm deshalb auch so absurd vor, dass Milo und Aaron sich Blicke zuwarfen, als ob sie nur auf einen Antrag des jeweils anderen warteten. Es war ja auch nicht so, als ob Wyatt selbst noch nie verliebt gewesen wäre. Es war nur irgendwie anders, als er es sich vorgestellt hatte und - ach, eigentlich wollte er sich da gar nicht den Kopf drüber zerbrechen.
      "Milo muss wohl noch was wegen dem Erbe unserer Eltern regeln und traut mir nicht zu, alleine zu bleiben, also ist das seine nächst beste Möglichkeit, mich los zu werden", erklärte er, während er sich neben Kaia auf die Treppe setzte. Es war kalt draußen, aber ein paar Minuten würde man es wohl aushalten, ohne zu erfrieren. "Ich hab nur zugestimmt, weil ich mit Jia reden wollte. Es wird dich überraschen, aber ich habe sie nicht nach ihrer Handynummer gefragt, also musste ich hoffen, dass sie irgendwo hier ist. Außerdem haben meine Freunde erst in-", er warf einen kurzen Blick auf die Uhr auf seinem Handy "-knappen 35 Minuten Zeit, also muss ich mich bis dahin irgendwie beschäftigen. Und ich würde sagen, dass die Sache mit dem Alkohol Teamarbeit war." Er hatte vielleicht die zündende Idee gehabt, aber es war nicht so, als ob er Jude hätte überzeugen müssen. Er freute sich tatsächlich fast ein wenig, dass Jude auch noch aufkreuzen würde. Von all den Leuten, die hier rumliefen, war er mit Abstand derjenige, mit dem er am besten zurecht kam. Was nicht bedeuten würde, dass der Kontakt lange halten würde. Am Ende würde Jia noch seine Taktik kopieren und Jude dazu bekommen, wochenlang nur über sie zu reden. Ugh.
    • Kaia

      „Aha“, machte Kaia und stützte den Kopf in eine Hand. „Ich hätte wetten können, dass du nur hier bist, um Aaron einzureden, dass dein Bruder ihn nicht leiden kann“ Sie lächelte. Obwohl es für sie jetzt deutlich mehr Sinn machte, wieso Wyatt ein Problem damit hatte. Wahrscheinlich war Milo seine einzige Familie. War irgendwie scheiße, wenn die sich dann eine neue Familie suchen wollte. Aber Wyatt unterschätzte wahrscheinlich, wie toxisch unselbstsüchtig Aaron war. Was man für den Job hier wohl auch irgendwie sein musste, aber trotzdem.
      „Deine zwei besten Freunde, die nicht mit dir über Crushes sprechen?“, fragte Kaia neckend, als Wyatt erwähnte, dass er wohl noch hier abgeholt wurde. „Du bist ja arm. Keiner will mit dir über sowas reden, hm“ Sie lachte sich innerlich darüber ab, dass Wyatt so leicht zu nerven war, wenn er doch eigentlich derjenige war, der andere nerven wollte. Kaia legte ihm spielerisch einen Arm über die Schulter. „Schon okay, mir kannst dus erzählen. Wer ist es, der dein Herz höher schlagen lässt?“, fragte sie melodramatisch und legte sich eine Hand auf die Brust. Kaia tippte darauf, dass es seine beste Freundin war. Selbst wenn Wyatt es nicht wusste, war es bestimmt so. Sie redeten nie darüber, ob oder auf wen sie standen, obwohl das doch irgendwie jeder zumindest mal in einem Nebensatz erwähnen würde, wenn es nicht gerade die Person war, die einem gegenüber saß. Da war Kaia sich ziemlich sicher. Entweder das, oder sie war lesbisch, verklemmt oder doch nicht so eng mit Wyatt, wie er tat. Wer erzählte seinen besten Freunden denn sowas nicht?
      Sie ließ Wyatt wieder los und nahm ihren Tee wieder in die Hände. Dann sagte sie etwas ernster: „Ich weiß auch nicht, was Jia dir erzählt hat, aber ich rede nicht ständig über sowas. Nur eben, wenn es echt jemanden gibt. Okay, und manchmal über irgendwelche Stars, aber Jias uninteressierte Blick versaut es einem eh ziemlich schnell. Sie hat echt kein Pokerface“ Kaia trank einen Schluck von dem Tee, der dank der Temperatur draußen nun die perfekte Wärme erreicht hatte. „Keine Ahnung, obs dran liegt, dass grademal 14 geworden ist, aber ist schon irgendwie seltsam, sich so garnicht dafür zu interessieren, finde ich. Auf der anderen Seite ist sie wahrscheinlich ziemlich mit sich selbst beschäftigt“
      Sie warf Wyatt einen Blick zu. „Ich weiß schon, was Jude dir erzählt hat, darum weiß ich auch, dass sie das Recht hat, eingeschnappt zu sein, egal wessen Schuld es ist. Stell dir vor, jemand plaudert was über dich aus, das komplett ändern könnte, wie dich jemand sieht. Man sollte wenigstens selbst kontrollieren können, wer solche Dinge über einen weiß, findest du nicht?“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Aber naja, passiert. Jude hat wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen, aber Jia wird auf keinen von euch länger als fünf Minuten sauer sein, glaube ich. Ich hab ihr mal die Haare absolut schief unten abgeschnitten, weil ich dachte, ich krieg das hin. Spoiler Alert: schneid keinen Koreanern die Haare, da sieht man jeden Fehler. Jedenfalls war sie nur einen Tag lang sauer und ich hätte es ihr nicht verübelt, wenn sie mich bis zum nächsten Friseurtermin ignoriert hätte“
      Vor allem, weil Kaia wusste, dass Jia Panik vor Friseuren hatte, und sie hatte ihr noch eingeredet, dass es wichtig war, kaputte Spitzen abzuschneiden. Und dass sie das konnte. Definitiv. Urgh. Nie wieder würde sie Friseurin an wem anderen als ihrer eigenen Familie spielen.
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