The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Wyatt

      Zurück zur Ausstellung. Irgendwie hatte Wyatt das Gefühl, dass das sowieso sein Plan gewesen war, auch, wenn er beim besten Willen nicht mehr wusste, warum. Er wollte Judes Bildern eine wirkliche Chance geben. War es das gewesen? Jude war wirklich in Ordnung und Kaia war eigentlich auch nicht so schlecht. Vielleicht sollte er sogar Jia noch eine Chance geben, bevor er sie als Langweilerin abstempelte, auch, wenn sie es ihm verdammt schwer machte - warum sollte sie Wasser holen, wenn es so einfach war, an den Sekt zu kommen? Wyatt stellte seine Flasche neben sich auf den Boden und versuchte, nicht allzu offensichtlich über seine eigenen Beine zu stolpern, als er sich aufrappelte. Er brauchte eine Sekunde, um seine Balance zu finden, was irritierend war. Er war sich sicher gewesen, dass er sich mittlerweile an seine Prothese gewöhnt hatte. Er hatte seit Wochen keine Probleme mehr mit dem Gleichgewicht gehabt. Aber egal. Vielleicht war er nur unkonzentriert, wegen der ganzen Sache mit Milo und Aaron und - das Date! Das war es, warum er nochmal zurück in die Ausstellung wollte! Er wollte unbedingt, dass Milo wusste, dass...dass...
      Wyatt stützte sich kurz an der Wand ab, während er realisierte, dass ihm das Dating-Leben seines Bruders von Sekunde zu Sekunde egaler wurde. Vielleicht würde er ja irgendwann mit Aaron zusammenziehen und eine Familie mit Hund gründen und dann könnten Lucas und Emma dafür bei Wyatt wohnen. Sie wären bestimmt eine super WG. Jude könnte ja ab und an vorbeischauen - aber nur, wenn gerade keine Spiele gespielt wurden. Die würde er ja sowieso gewinnen und das wäre langweilig.
      "Lass uns zurückgehen", stimmte er Jude mit einem entschlossenen Nicken zu, dass ihn direkt wieder zum Schwanken brachte. Okay. Konzentration. Es konnte nicht so schwer sein, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er hatte das schon mal geschafft und das Schwanken war definitiv nicht so auffällig, wie Judes Nuscheln. Er konnte das. Wo ging es noch gleich lang?


      Milo

      Milo stieß ein schwaches "Oh" aus, als Aaron beinahe beiläufig erwähnte, dass seine Mutter kein Fan von seinem Kleidungsstil war. Das Gefühl kannte er selbst zu Genüge, was es nicht besser machte. Zeitgleich schien es absolut nicht nachvollziehbar zu sein. Aaron sah in dem Glitzer-Sakko so unverschämt gut aus, dass Milo das Bedürfnis verspürte, seinen Namen auf die Stirn des Blonden zu schreiben, damit ihn niemand anderes anflirten würde.
      "Ich fürchte, ich bin nicht sonderlich experimentierfreudig, was meine Kleidung angeht. Ich sammel bunte Socken und hatte mal eine Brille mit knallgelbem Gestell und das war das höchste aller Gefühle." Er musste selbst ein wenig lachen. Mode war wirklich nichts, wofür er sich je großartig interessiert hatte. Meistens kaufte er sich seine Klamotten danach, dass er sie beruflich und privat tragen könnte und nicht wechseln musste. Mehr praktisch, als optisch. "Aber ich schwöre, dass nicht alles in meinem Leben so langweilig wie mein Kleiderschrank ist", scherzte er, während sie langsam weiter gingen. Sie waren mittlerweile fast wieder am Eingang zu der Ausstellung angekommen und hatten immer noch kein Lebenszeichen von Wyatt oder Jia bekommen. Kein Problem. Sie hatten wahrscheinlich einfach irgendwas anderes nettes zu tun im Museum gefunden. Hah.
      "Die Ausstellungsstücke sehen wirklich gut aus", merkte er an, um sich selbst von seiner Sorge abzulenken. "Ich hab irgendwie mit...weniger gerechnet. Jetzt habe ich fast ein schlechtes Gewissen." Jedes Kunstwerk hatte irgendwie einen eigenen Stil und man konnte den meisten ansehen, dass eine Menge an Überlegung hineingeflossen war. Er wollte gerade dazu ansetzen, ein Gemälde von einem Huhn zu kommentieren, als er aus dem Augenwinkel sah, dass Wyatt wieder in die Ausstellung hinein kam, die anderen im Schlepptau und...irgendwie ein wenig unsicher auf den Beinen. Die kleinen Alarmglöckchen, die in Milos Kopf klingelten, wurden sofort unüberhörbar laut. "Wy."
      Sein Bruder zuckte kurz überrascht zusammen, bevor er in seine Richtung blinzelte. Ein kleines, beängstigend schuldbewusstes, Lächeln erschien auf seinen Lippen, während er auf Milo zusteuerte und sich zwischendurch einmal kurz an Jude festhalten musste. Fast, als wäre er angetrunken. Was nicht sein konnte. So dumm wäre nicht mal Wyatt, oder? Oder?
      "Alles okay?", fragte Milo, als Wy vor ihm zu stehen kam und auf das Bild mit dem Huhn starrte, als würde er dort die Antwort auf alle seine Fragen finden.
      "Alles super", antwortete Wy, beide Wörter so ineinander genuschelt, dass es wie eines klang. Oh nein. "Wir waren nur Judes Handy holen. Und dann haben wir uns verquatscht und dann ist Jia Wasser holen gegangen und dann habe ich beschlossen, dass es mir eigentlich vollkommen egal ist, dass ihr auf einem Date seid. Ich werde aber nicht auf euren Hund aufpassen."
      Milo presste seine Lippen aufeinander, als sich seine schlimmste Befürchtung Stück für Stück zu bewahrheiten schien. Fuck. "Wy, ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Welcher Hund?"
      Wyatt blinzelte kurz, offensichtlich überfordert, bevor er Jude nach vorne schob. "Jude wird Sektenanführer."
    • Aaron

      "Das Brillengestell will ich bitte mal in Person sehen. Knallgelb? Absolut crazy", lachte Aaron. Er hatte schon irgendwie geahnt, dass Milo die letzten drei Male nicht nur zufällig seine verrückte Kleidung zuhause gelassen hatte, aber das machte nichts. Wenn er schon kein Problem damit hatte, dass Aaron bunt unterwegs war, sprach das ja dafür, dass er kein langweiliger Mensch war. Und irgendwie war Aaron motiviert, die kleinen, verrückten Dinge nach und nach herauszufinden, die Milo machte, auch wenn es das Sammeln lustiger Socken war.
      "Aber hab kein schlechtes Gewissen wegen der Kinder, ich hab mir auch weniger erwartet. Zumindest sind wir beide schlechte Menschen" Er grinste. Mit jeder Minute fühlte sich dieses Date immer schöner an. Locker und dynamisch und interessant und- Oh, sogar Wyatt zurückgekommen. Lebendig und in einem Stück, mit Jude und Kaia im Trott! Und Jia war sicher auch... irgendwo?
      Aaron war sich sicher, dass das Universum es gut mit Ihnen meinen musste. Jetzt konnte Milo auch wieder entspannen und... Warum sprach Wyatt so undeutlich?
      Aaron blinzelte, als der Jüngere sich an Jude festhielt, der nur nickte und nickte und irgendwie abwesend wirkte, bis er plötzlich laut aufstöhnte. "Junge, du bist echt schlecht in sowas", zischte er dem Kleineren zu, der ihn gerade nach vorne geschoben hatte. Vermutlich war Jude nicht klar, dass ihn ungefähr jede andere Person im Raum ebenfalls hören konnte und dass er ziemlich verwaschen sprach. Aber Aaron brauchte keine weitere Sekunde, bevor er Jude und Wyatt einmal um 180 Grad drehte und vor sich her aus dem Raum schob. Schön. Okay. Sie wollten ihnen den Tag noch etwas schwerer machen, als er schon war. Das hieß nicht, dass jedes einzelne Elternteil alles mitbekommen und ein Drama lostreten musste. Das war nicht in irgendjemandes Interesse hier.
      Während er - Jude unter dem linken Arm, Wyatt unter dem rechten - die beiden in den Gang schob, was glücklicherweise nicht allzu schwer war, da beide sowieso eine Stütze zum Laufen zu brauchen schienen, rasten seine Gedanken in eine sehr unangenehme Richtung. Er war ein wenig sauer. Ein bisschen. Nur ein kleines bisschen. Nicht, dass er irgendetwas zu sagen hatte, weder Wyatt noch Jude waren mit ihm verwandt oder heute auch nur ansatzweise seine Verantwortung. Was er gerade tat, war sowieso mehr zum Schutz der beiden. Um ihre... absolut... dämlichen Entscheidungen irgendwie abzuschwächen. Und um Milo nicht allein mit diesem Problem zu lassen, vermutlich.
      Ein paar Meter weiter im Gang, wo es gerade erdrückend still war, abgesehen von Judes unkontrolliertem Kichern, blieb Aaron stehen. "Wo habt ihr überhaupt Alkohol herbekommen?", fragte er irritiert. In einem Museum??
      "Kannst du einmal kurz nicht den Betreuer spielen?", nuschelte Jude undeutlich.
      Aaron blinzelte und brauchte einen Moment. "Ich- Weißt du- Du solltest froh sein, dass deine Eltern dich gerade nicht gehört haben" Logisch betrachtet mussten sie es aber sowieso erfahren. "Und wo ist Jia?" Kaia hatten sie eben im Ausstellungsraum zurückgelassen, aber wann war Jia vom Weg abgekommen?!
      "Wasser holen?", antwortete Jude schulterzuckend. Urgh, dieses dezent genervte, gleichgültige Gesicht machte Aaron gerade fertig.
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    • Milo

      War es seltsam, dass ihn die Situation fast ein wenig entspannte? Okay, blöde Frage. Wahrscheinlich würde Aaron ihm sofort einen Korb geben, wenn er merken würde, dass Milo erleichtert aufatmete. So hatte er sich ihr Date schon eher vorgestellt. Chaos, eine von Wys dummen Ideen, mit denen er wieder seine Aufmerksamkeit wollte, als ob er davon nicht sowieso schon mehr als genug hatte... Jetzt wusste er wenigstens, was genau sein Bruder angestellt hatte und es war bei weitem nicht so kriminell, wie er befürchtet hatte. Nicht ideal, natürlich und bei jedem anderen Teenager wäre er wahrscheinlich komplett durchgedreht, aber für Wyatt war es fast schon ein bisschen schwach, sich einfach nur zu betrinken. Es war nicht gut, aber es hätte definitiv weitaus schlimmer enden können. Glück im Unglück halt. Oder Milo quatschte sich gerade alles irgendwie schön.
      Er folgte Aaron und den Jungs nach draußen und ignorierte Wyatts lallende Versuche, Jude irgendwie klar zu machen, dass er nicht schlecht in "sowas" war und er einfach normal hätte antworten sollen. Die Rechtfertigungen wurden von einem betretenen Schweigen abgelöst, als Aaron sich erkundigte, wo sie den Alkohol her hatten. Wenigstens wusste Milo, dass Wyatt ihn sicher nicht in der Jackentasche gehabt hatte. Die hatte er zwischendurch nochmal unauffällig auf Zigaretten geprüft, bevor sie losgefahren waren.
      "Ich weiß gar nicht, was ihr habt", verteidigte Wyatt sich, während er vollkommen unkoordiniert versuchte, sich aus Aarons Griff zu lösen. Milo streckte automatisch den Arm aus, um ihn von der anderen Seite zu stützen, bevor er über seine eigenen Füße stolpern würde. "Wir haben gar nichts gemacht. Wir sind nicht betrunken."
      "Wy. Du kippst um, wenn ich dich los lasse. Wo habt ihr den Alkohol her?", wiederholte Milo Aarons Antwort.
      "Aus der anderen Ausstellung. Der ist da ausgegeben worden, also hab ich ihn nicht geklaut. Er war nur schlecht überwacht." Wy nickte, als würde er versuchen, sich selbst zu überzeugen. "Und Jia ist wirklich nur Wasser holen. Die ist zu langweilig zum Trinken. Können wir uns nochmal Judes Bilder anschauen?"
      "Ich bin mir sicher, dass Jude die dir auch so irgendwann nochmal zeigen wird, wenn ihr wieder in einer geraden Linie laufen könnt", versprach Milo, während sein Kopf auf Hochtouren arbeitete. Wie sollten sie Judes Familie erklären, dass er vollkommen betrunken und Wyatt wahrscheinlich daran Schuld war? Er drehte sich kurz zu Aaron. Ein Problem nach dem anderen. "Ich passe auf die beiden auf. Willst du kurz nach Jia schauen gehen?"
    • Aaron

      Naja, irgendwie hatte Wyatt damit recht. Geklaut war etwas anderes. Der Alkohol war zwar nicht für Kinder gedacht gewesen, aber dann hätte das mal wer richtig kontrollieren sollen, wenn gegenüber eine Veranstaltung von Jugendlichen war. Er nickte, als Milo vorschlug, dass er Jia suchte. Das ging Aaron sowieso schon die ganze Zeit durch den Kopf. Wahrscheinlich waren die drei weggelaufen, während sie versucht hatte, die Schäden zu beheben, und hatten sie alleine gelassen. Und Aaron war wohl irgendwie schuld daran, weil er sie ständig losschickte.
      "Ich suche Jia und dann... dann rede ich mit Judes Eltern", erklärte er, mehr sich selbst, bevor er ging, aber Jude hielt ihn auf.
      "Nein", sagte er laut. Er sah alarmiert aus. Aaron hatte irgendwie... Mitleid.
      Er seufzte. "Nein? Jude, in spätestens einer halben Stunde fragen sie sich sowieso, wo du bist, und finden es heraus"
      "Bitte sag ihnen nichts. Wir können einfach gehen und wenn ich am Abend nachhause komme, kriegen sie nichts mit", versuchte Jude ihn zu überzeugen. Mit weniger als null Argumenten.
      "Wohin willst du gehen? Wie erklärst du das? Ich lasse dich sicher nicht alleine. Aber ich kann dich auch nicht entführen", erwiderte Aaron, der sich selbst dabei erwischte, wie sich die Rädchen in seinem Kopf drehten, um eine Lösung zu finden, die nicht in Hausarrest oder so etwas für Jude endeten. Sie hatten ja nicht wirklich... irgendetwas angestellt. Oh Gott, vermutlich sollte Aaron sein Studium sofort wieder vergessen. Er hatte zu viel Sympathie für diese Kinder übrig, dass er sogar Jugendliche mit Drogenkonsum davon kommen ließ. Aber was sollte er schon unternehmen? War das wichtigste an seinem Job nicht, diese Kinder irgendwie zu unterstützen und auf den rechten Weg zu bringen? Alkohol war nicht der rechte Weg, aber jemandes Vertrauen zu missbrauchen auch nicht. Wollte er lieber Judes Vertrauen missbrauchen oder ein verantwortungsbewusster Erwachsener sein? Urgh. Vielleicht sollte er sich eher fragen, ob er angezeigt werden wollte, wenn dem besoffenen Jugendlichen in seiner Obhut irgendetwas passierte.
      "Kompromiss", sagte er und wandte sich an Milo. "Ist es okay, wenn Jude für ein paar Stunden mit zu euch kommt? Ich würde auch mitgehen, damit du nicht alleine bist. Und ich bringe Jude dann selbst nachhause, wenn er... ausgenüchtert ist" Er blinzelte Milo mit dem unschuldigste Lächeln an, das er drauf hatte. Alles während er sich fragte, ob er völlig durchgeknallt war, dass er sein Date um so etwas bittete, nur weil er Mitleid mit Jude hatte. Er sah den Rothaarigen wieder an. "Ich sage deinen Eltern, dass du ein paar Stunden mit einem neuen Freund, Milo und mir verbringst. Nichts von dem Alkohol, aber ich schwöre dir, wenn du was anstellst, war das das letzte Mal, dass ich dir bei irgendetwas helfe"
      Jude nickte energisch. Mann, wie hatten diese Leute nie mitbekommen, dass beide ihrer Kinder ständig auf irgendwelchen Drogen waren? Nur hatte Aaron sonst nicht das Pech, mit hineingezogen zu werden. Wenn er ihn jetzt gehen ließ und Jude von einem Auto überfahren wurde, musste er das für immer am Gewissen haben.
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    • Milo

      "Natürlich", versicherte Milo sofort. Eine Weile zuhause auf die beiden aufzupassen war das Mindeste, was er tun konnte. Eine Alternative hatten sie im Grunde nicht. Sie konnten sie ja schlecht einfach hier rumlaufen lassen. Und - wie könnte er bei so einem Blick auch nein sagen? Zumal es wahrscheinlich besser für alle Beteiligten wäre, wenn Judes Familie nicht direkt mitbekommen würde, dass er sich betrunken hatte und anfing, unangenehme Fragen zu stellen. Dafür würde er den Jungen nicht gehen lassen, bis er nicht vollkommen nüchtern war. Mit ein bisschen Glück würden Wyatt und er sich einfach den Rausch ausschlafen und dann zu sehr über den Hang-Over heulen, um noch irgendwas anzustellen.
      "Ich fahre euch heute Abend dann nach Hause, dann musst du ihn nicht noch durch Bus und Straßenbahn ziehen." Milo lächelte knapp, während er Jude und Wyatt im Auge behielt, damit die beiden nicht auf die Idee kamen, einfach in irgendeine Richtung davon zu torkeln. Er hatte sich zwar irgendwie einen etwas besseren Einfluss erhofft, aber Teenager waren...Teenager, unvernünftig und ein bisschen dämlich, egal, in welcher Situation.
      "Wir können auch nach Jia gucken und du sprichst in der Zwischenzeit mit Judes Eltern, wenn dir das lieber ist", bot er schließlich an. Dass Aaron mit Judes Eltern sprach war so oder so die einzige Lösung. Milo war ein vollkommen Fremder für sie und er wollte ungerne Riskieren, dass Jude selbst reden musste. Aber er würde es wohl noch hinbekommen, die beiden betrunkenen Jugendlichen durch das Museum zu navigieren, bis sie Jia - hoffentlich nüchtern - irgendwo fanden. "Wir können uns dann am Eingang wieder treffen." Aaron musste schließlich nicht alles machen. Milo war immerhin derjenige, der seine Aufsichtspflicht schleifen gelassen hatte. Er hätte es besser wissen müssen. Es war frustrierend, dass er seinen Bruder keinen Moment alleine lassen konnte. "Wisst ihr, in welche Richtung Jia gegangen ist?", fragte er Wy und Jude.
      Wy schien kurz zu überlegen, bevor er mit den Schultern zuckte. "Ich weiß nicht mal, aus welcher Richtung wir gekommen sind", gab er zu, ein Lächeln auf den Lippen, als ob das alles unfassbar witzig wäre.
    • Aaron

      Aaron nickte. Das war ein guter Plan. Es stresste ihn ohnehin schon, mit Judes Eltern zu sprechen. Genau wegen so etwas wollte er nie Lehrer werden. Obwohl er Helen und Christopher über die letzten Jahre zwei, drei Mal gesehen hatte und sie immer unglaublich nett gewesen waren, aber... irgendwie waren sie deswegen trotzdem noch Fremde. Schließlich war sein Job nicht, sich mit irgendjemandes Eltern auseinander zu setzen. Was er jedoch sicher wusste, war, dass Jude sie schon sein ganzes Leben lang kannte und sie sehr mochte, was vermutlich erklärte, warum er so hervorragend verstecken konnte, wenn er etwas anstellte. Die wenigen Male, die Aaron Emery kennenlernen durfte, hatte er jedenfalls sehr schnell verstanden, dass die beiden sich zwar eher unähnlich waren, in einem aber wie Zwillinge: Sie hatten ein erschreckendes Gespür dafür, sich auf jemandes gute Seite zu schlagen und das Vertrauen zu nutzen, um im Hintergrund dann ganz scheinheilig ihr Ding abzuziehen. Wobei es Jude bei den meisten Menschen deutlich weniger zu interessieren schien, was sie von ihm dachten.
      Gerade als Aaron den Gang entlang zurücklief, noch garnicht außer Sichtweite, kam Jia aus Richtung des Ausstellungsraums um die Ecke, die wie ein Reh im Scheinwerferlicht stehen blieb, als sie ihn sah. Und im nächsten Moment wohl auch Milo mit den Jungs hinter ihm, denn ihr Gesichtsausdruck änderte sich schnell von panisch zu schuldbewusst.
      "Na? Sind sie dir weggelaufen?", fragte Aaron belustigt während sie aufeinander zugingen.
      "Nein, also... Ich wollte nur nicht, dass sie Milo und dich stören", erklärte sie etwas niedergeschlagen und Aaron knickte sofort völlig ein.
      "Ich werde lieber gestört, als dass ich nachher von irgendeinem Unfall erfahre", sagte er und lächelte. "Aber egal, du hast mit dem Ganzen sowieso nichts zu tun. Fühl dich nicht so verantwortlich für andere" Er überlegte. "Aber sag nächstes Mal trotzdem lieber was, auch wenn Wyatt dich als Spaßbremse bezeichnet"
      "Das war nicht der Grund", sagte sie nachdrücklich. Das machte Aaron seltsam stolz.
      "Okay. Entschuldige, dass ich dich da mitreingezogen hab. Ich dachte irgendwie, es hätte mehr Einfluss, dass Milo und Wyatt dieselben Gene haben. Aber das ist mein Problem, nicht deins. Ich wollte auch garnicht, dass du das Gefühl hast, mir damit helfen zu müssen. Wenn du dich mit Wyatt nicht verstehst, musst du auch keine Zeit mit ihm verbringen"
      Jia lächelte und Aaron wusste schon, was sie als nächstes sagen würde, bevor sie es aussprach. "Okay, du musst nicht so viel reden, ich habs schon verstanden, aber ich hab nichts gegen Wyatt. Er ist irgendwie anstrengend aber auch ganz lustig" Sie zuckte mit den Schultern. Ugh, womit hatte Aaron so ein verständnisvolles Wesen verdient? Sein übermäßiges Verlangen, andere zu umarmen, wurde jeden Tag herausgefordert.
      "Was macht ihr jetzt?", fragte Jia mit einem skeptischen Blick an Aaron vorbei.
      Aaron seufzte. "Ich werde Judes Eltern erklären, dass er unbedingt... mit zu Wyatt nachhause kommen will, oder so. Und ich komme auch mit und warte, bis beide nüchtern sind" Er stockte plötzlich. "Du hast doch nichts getrunken, oder?"
      "Nope"
      Puh. Zumindest musste er nicht anzweifeln, ob sie log. Hoffentlich drehte sich der Spieß nicht um, und Wyatt hatte noch schlechten Einfluss auf sie. "Also, dann sehen wir uns morgen?", fragte er lächelnd.
      "Oh. Okay", kam es subtil enttäuscht zurück.
      "Kaia wartet sicher auf dich", sagte er. Verdammt, warum mussten heute alle sein Mitgefühl triggern? Jude hatte Jia eingeladen und jetzt gingen alle, die sie kannte. Naja, fast alle. Aber das reichte, um Aaron das Gefühl zu geben, dass sie heute schon wieder am schlechtesten ausstieg.
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    • Milo

      Milo konnte ein kleines, erleichtertes Lächeln nicht unterdrücken, als Jia um die Ecke bog - und das ohne Torkeln oder lallen. Ein Problem weniger. Wenigstens mussten sie sich nicht um drei betrunkene Jugendliche sorgen, auch, wenn ihm Jia ein wenig leid tat. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Wy und Jude irgendwo Alkohol aufgetrieben hatten, als er das Mädchen gebeten hatte, nach ihnen zu gucken. Er hatte eher damit gerechnet, dass die beiden einfach draußen saßen und sich unterhielten, oder schon längst weg waren, oder so. Das nächste mal würde er wieder selbst nach seinem chaotischen Bruder suchen, wenn dieser es schaffte, nochmal zu verschwinden.
      "Jia!" Wyatts Begeisterung war nur deshalb seltsam, weil er mehrfach betont hatte, wie langweilig er das Mädchen fand. Jetzt hatte er einen Ausdruck irgendwo zwischen Scheinheiligkeit und Freude auf dem Gesicht, während er sie zu sich herüber winkte. Manchmal wollte Milo wirklich gerne wissen, was seinem Bruder durch den Kopf ging. Wahrscheinlich gar nichts.
      "Jia", rief Wyatt erneut.
      "Du musst nicht so schreien", merkte Milo an und bekam einen genervten Blick als Antwort.
      "Wir wollen noch zu uns fahren", fuhr Wyatt an Jia gewandt fort - nicht mehr schreiend, dafür in einem ziemlich lauten Flüsterton, der nicht besser war. "Kommst du mit? Das wird cool!"
      "Ich glaube nicht, dass Jia Lust hat, mit euch abzuhängen, wenn ihr betrunken seid", merkte Milo an, während er nach der Kapuze von Wyatts Hoodie griff, um seinen Bruder daran zu hindern, um zu kippen, als er sich schwungvoll drehte, um ihm den nächsten bösen Blick zuzuwerfen.
      "Wir können Kaia ja auch mitnehmen. Die ist nicht betrunken", erklärte Wyatt.
      "So viele Leute passen nicht ins Auto."
      Wyatts Blick huschte wieder zu Jia herüber. "Können wir Jia nicht einfach in den Koffer-"
      "Wir stecken niemanden in den Kofferraum, Wy."
      Die Enttäuschung in Wyatts Blick war fast herzerweichend. Wahrscheinlich war er eher darüber enttäuscht, niemanden im Kofferraum transportieren zu können, als darüber, Jia und Kaia nicht mitnehmen zu können. "Aber zu zweit kann man so wenig machen. Zu dritt könnten wir wenigstens Karten spielen."
      Milo warf ihm einen kritischen Blick zu. So drüber, wie Wyatt und Jude waren, ging er fest davon aus, dass die beiden schon im Auto einschlafen würden. Der kleine Energierausch würde hoffentlich nicht zu lange dauern und leicht zu managen sein. Er hoffte nur drauf, dass sie die Fahrt überleben würden, ohne, dass einer von den beiden sich übergeben musste.
    • Jia

      Jia runzelte die Stirn, als Wyatt quer durch den Gang zu schreien begann. Was denn, auf einmal fand er also nicht mehr, dass sie wie Kaugummi war, der an seiner Schuhsohle klebte? Aber auch, wenn es irgendwie echt ätzend war, dass Jude von seiner eigenen Ausstellung wegging und er jetzt auch noch Aaron mitnahm, sie hatte keine übermäßige Lust, mit zwei Betrunkenen abzuhängen, da hatte Milo recht. Auch wenn Alkohol Wyatt anscheinend netter machte. Aber Jude machte es nur dreifach so dämlich und es wäre ihr größter Alptraum, wenn einer von den beiden kotzen müsste. Dieser Chance ging sie lieber ganz aus dem Weg. Kaia war zumindest noch hier, also musste sie nicht selbst gleich wieder nachhause gehen. Das war schließlich der einzige Lichtblick an diesem Sonntag gewesen. Normalerweise hatte kaum jemand Zeit, weil alle bei ihren Familien waren, und das Jugenzentrum hatte geschlossen und sie war gezwungen, den ganzen Tag in ihrem Zimmer im Heim zu bleiben. Nur damit alle fünf Minuten jemand anklopfte und versuchte, sie aus dem Zimmer zu holen. Wozu, damit sie mit lauter schreienden Kleinkindern spielte?
      „Bis morgen“, sagte sie und hatte es plötzlich ganz eilig, zu Kaia zu kommen und sie nie wieder gehen zu lassen.

      Jude

      Er hatte keine Ahnung, was Wyatt von Jia wollte, aber er machte ihm einfach mal die energisch zu sich winkenden Bewegungen nach. Oh, sollte sie mitkommen? Pfft. Das wollte sie fix nicht. Yup, er hatte es geahnt, sie winkte ihn kurz und drehte sich dann schon schleunigst um und verschwand.
      „Du kannst mich aber echt auch einfach gehen lassen“, sagte Jude dann aus dem Nichts an Milo gewandt und zuckte mit den Schultern. Nicht, dass er das Gefühl hatte, er würde nachgeben, aber Jude konnte es ja nochmal anbieten. Er konnte sich gut um sich selbst kümmern und er könnte sich auch immernoch super zusätzlich um Wyatt kümmern. Sie hätten vermutlich auch deutlich mehr Spaß, wenn Aaron und Milo nicht Babysitter spielten. Mal ehrlich, was erwarteten die beiden eigentlich? Jude nahm gerade noch deutlicher wahr, dass er von allen hier am größten war. Festhalten konnte ihn sowieso keiner. Aber gut, wenn sie sich unbedingt einbilden mussten, irgendwas aussetzen zu können… Gerade war seine Sicht sowieso ein bisschen eingeschränkt, also war es eh angenehmer, im Auto zu sitzen, als zufuß irgendwo hinstolpern zu müssen. Und solange Aaron ihn nicht an Helen und Chris verpfiff, machte er halt mit.
      „Auf der anderen Seite könnte es ganz witzig sein, dich in jedem einzelnen deiner Lieblingsspiele zu schlagen“, grinste er wieder Wyatt an. Auch wenn er betrunken noch nie irgendetwas gespielt hatte, außer Flunkyball. Darin war er gut. Also vermutlich auch in Karten- und Videospielen.

      Aaron

      Okay… Aaron scannte gerade den Ausstellungsraum, als ihm auffiel, wie nervös er war. Warum war er nervös?! Er war nicht derjenige, der vor seinen Eltern verstecken musste, dass er getrunken hatte! Ugh, aber es fühlte sich so an…
      Judes Eltern fand er letzlich mit Emery an ihre Seite geklebt vor einer der mit Stoff umhüllten Statuen. Es wunderte ihn irgendwie, dass Jude Emery nicht gleich mit in seine Abenteuer gezogen hatte, aber… Leo und er hatten früher auch eher ihr eigenes Ding gemacht, wenn von irgendjemandem Freunde da gewesen waren. Es war jedenfalls besser, wenn er heute nur mit zwei betrunkenen Kindern dealen musste.
      „Gefällt euch, was ihr seht?“, fragte er lächelnd, als er sich zu den dreien und der Statuen gesellte.
      „Oh, Aaron“ Helen erkannte ihn, das war ein guter erster Schritt. „Wir versuchen zu erörtern, was das darstellen soll, aber abseits davon… Die Ausstellung ist sehr gelungen“ Sie lächelte. „Du hast nicht zufällig Jude irgendwo gesehen…? Er rennt irgendwie immer in den seltsamsten Momenten davon“
      Emery stieß ein unterdrücktes Lachen aus, riss sich aber sofort wieder am Riemen. Hm, vielleicht konnte er riechen, dass etwas nicht stimmte.
      „Er ist draußen mit Wyatt und einem… Freund von mir. Wyatt und er haben sich letzte Woche im Jugendzentrum kennengelernt und verstehen sich sehr gut und-“
      Wieder ein stoßartiger Lacher von Emery. Chris warf ihm einen kritischen Blick zu. „Brauchst du was? Frische Luft vielleicht?“, fragte er mit warnendem Unterton. Emery schüttelte schnell den Kopf.
      „Ah… hah… jedenfalls“, fuhr Aaron fort. „Milo, das ist Wyatts Bruder, und ich hatten vor, noch zusammen Abendzuessen und würden die beiden einladen, wenn das für euch okay ist“
      Helen blinzelte verwirrt. „Er ist 17, er kann Abendessen wo und was er will, aber… heute? Was ist mit der Ausstellung?“
      Sie sah Aaron an, als hätte er alle Antworten, und er spürte, wie seine Hände schwitzten. Er lachte etwas nervös. „Ja, das… hab ich mich auch gefragt. Ich glaube, die Aufmerksamkeit ist jetzt doch zu viel geworden“
      Chris nickte. „Lass ihn eben, Helen. Jude hat immer ein Problem damit, wenn zu viele Leute an einem Ort sind“ Er sah Aaron an und erklärte: „Weniger eine Aufmerksamkeitssache, als eher… Überforderung. Ich glaube ja immernoch, dass er ADHS hat“
      Helen stieß ihren Ehemann sanft mit dem Ellbogen in den Arm. „Okay, wie auch immer. Emery geht sowieso auf dieselbe Schule, nur einen anderen Zweig, und zwar Fotografie“ Sie lächelte stolz. „Wir kennen hier genug Leute, also… Solange Jude morgen rechtzeitig in der Schule ankommt, ist mir alles recht“
      Aaron nickte und lächelte und bedankte sich und wollte einfach nur noch weg. In solchen Momenten fühlte er sich viel zu jung für seinen Job. Wieso hatte er überhaupt irgendeine Form von Authorität? Es war wirklich viel leichter, mit Menschen zu reden, die jünger waren, als er. Obwohl Judes Eltern so nett waren… Ein wenig eigen vielleicht, aber so nett.
      „Keine Sorge, ich bringe ihn auch nachhause“, sagte er.
      „Ah, bitte, der Junge hat zwei Beine“, wand Chris ein.
      Ja, zwei Beine, die gerade nicht ganz taten, was sie sollten. Aaron lachte einfach nur freundlich, weil er darauf keine sinnvolle Antwort finden konnte, und setzte dem Gespräch endlich ein Ende, um zurück zu Milo gehen zu können.
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    • Milo

      Zum Glück besaß Jia einen gesunden Selbsterhaltungstrieb. Milo musste ungewollt lächeln, als er sah, wie sie sich umdrehte und wieder in die Ausstellung verschwand, offenbar zurecht unwillig, sich mit zwei betrunkenen Jungs herumschlagen zu müssen, die ihr nüchtern schon genug auf die Nerven gingen. Wenigstens schien sie einen Funken Verstand zu haben. Was man von den beiden Teenagern neben ihm nicht behaupten konnte.
      Milo wollte gerade ansetzen, Jude zu erklären, warum er ihn auf keinen Fall alleine durch die Gegend - oder schlimmer noch, zu seinen Eltern - laufen lassen würde, als Wyatt ihm zuvorkam.
      “Ach komm schon!”, beschwerte er sich, während er…wahrscheinlich versuchte, Jude zu umarmen, dabei allerdings nichts wirklich koordiniert bekam. “Das wird lustig! Ich hab sogar einen Fernseher auf meinem Zimmer!”, erklärte er weiter, während er halb an Jude hing, Jia offensichtlich bereits vollkommen vergessen. Er sah ein wenig aus, wie ein angetrunkener Koala. “Wir könnten-” Er stockte, als Jude erwähnte, ihn in jedem Spiel schlagen zu wollen und blinzelte kurz, während sein Gesichtsausdruck deutlich an Enthusiasmus verlor. “Ach ja…”, räumte er zerknirscht ein, ohne Jude los zu lassen.
      Milo seufzte. Wenn die beiden nicht vollkommen betrunken wären, wäre das ganze fast niedlich. Er hatte Wyatt das letzte mal so anhänglich erlebt, als er ein Kleinkind gewesen war und sich ständig an den Beinen ihrer Eltern festgeklammert hatte. Obwohl ihm ein anhänglicher, betrunkener Wyatt deutlich lieber war, als ein aggressiver, oder hyperaktiver Betrunkener. Langsam wünschte Milo sich fast, dass er auch etwas von dem Sekt abbekommen hätte. Er spürte, wie sich auch ohne Alkohol Kopfschmerzen anbahnten.
      “Wy, lass Jude los. Dann gehen wir schon mal eure Jacken abholen”, wies er an, während er in die Richtung der Garderobe deutete. Wenn er nicht gerade auf einem - mittlerweile vollkommen katastrophalen - Date wäre, hätte er wahrscheinlich noch nach jemandem gesucht, den er darauf hinweisen könnte, dass das Museum mehr darauf achten sollte, wer Zugang zum Alkohol hatte. Aber jetzt gerade hatte er das Gefühl, dass es schon anstrengend genug werden würde, die beiden Jungs sicher ins Auto zu bekommen und danach Damage-Control bei Aaron zu betreiben.
      "Können wir nicht einfach ohne Jacken gehen?", fragte Wy genervt, während er Jude los ließ und ihn stattdessen am Arm mit sich hinter Milo her zog, fast, als ob er Angst hätte, dass Jude sich doch noch dazu entschied, Jia zurück in die Ausstellung zu folgen.
      "Es ist immer noch kalt draußen, Wy."
      "Ich will nach Hause."
      Milo seufzte erneut. Hoffentlich würde das klammern nicht in Quengeln umschlagen.
    • Aaron

      Aaron bahnte sich den Rückweg durch die Menschenmenge mit zügigen Schritten, um diese dezent unangenehme Situation schnell hinter sich lassen zu können. Einerseits wollte er sich daran gewöhnen, mit Eltern zu sprechen, da das oft ganz hilfreich für die Kinder sein konnte, andererseits hatte er keine Ahnung, wie seine Kollegen das machten. Was wohl unter anderem daran lag, dass er zwar schon länger im Jugendzentrum, aber erst seit kurzem im Studium saß und sich noch immer daran gewöhnen musste, mehr Verantwortung zu tragen. Es war auch immernoch etwas anderes, als Elternteil für jemanden verantwortlich zu sein, ohne eine undefinierte dritte Partei namens Vertrauensperson darzustellen, die sich irgendwie mit den, teilweise sehr eigensinnigen, Eltern herumschlagen musste.
      Aaron traf Milo mit den zwei koordinationslosen Jugendlichen vor der Tür, wo er es kaum noch erwarten konnte, irgendwie aus dem Auge der Öffentlichkeit zu verschwimmen. "Dein Auto steht wo?", fragte er Milo, nachdem er sich eine Sekunde frische Luft und Verarbeitungszeit gegönnt hatte.
      "Was haben meine Eltern gesagt?", fragte Jude und stützte sich etwas wackelig von der Wand ab, als sie losgingen.
      "Dass du morgen rechtzeitig in die Schule kommen sollst", antwortete Aaron und konnte sich nicht zurückhalten, Jude am Arm festzuhalten, weil er alle Zustände bekam, wenn er ihn beim Gehen zwischen Gehsteig und Straße variieren sah.
      "Ich war noch nie zu spät" Er zuckte mit den Schultern. Aaron runzelte die Stirn, weil er nicht einschätzen konnte, ob das gelogen war. Momente wie diese waren es immer, die es absolut ungläubig erscheinen ließen, dass Jude seinen Noten zufolge ein Musterschüler war. Es war... fast unfair. Wie viel Zeit Aaron wohl sparen könnte, wenn er nach einmal durchlesen einfach alles wüsste, was er für Prüfungen können musste?
      Als sie zu Milos Auto kamen fiel Aaron zum ersten Mal endlich auf, dass er drauf und dran war, sein Date zuhause zu besuchen. Nicht unter den besten Umständen, aber... trotzdem war es Milos Haus. Oder Wyatts, was auch immer. Und das hier war Milos Auto und Milos Heimweg und, Gott, wenn heute nicht alles so unfassbar schief gelaufen wäre, könnte das hier richtig romantisch sein. In der Dämmerung nachhause fahren? Verdammt, einmal hätte Jude doch einen guten Einfluss auf jemanden haben können.
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    • Milo

      So weit, so gut. Jude durfte anstandslos mitkommen und sie erreichten das Auto ohne größere Zwischenfälle. Jetzt mussten sie nur noch die Fahrt überleben und dann konnten sie - hoffentlich - entspannen. Sie würden Jude und Wy einfach vor den Fernseher setzen und wenn es spät genug war, würde er Jude nach Hause fahren und hoffen, dass seine Eltern jedes bisschen geistige Abwesenheit darauf schieben würden, dass er einfach übermüdet war. Kein sonderlich solider Plan, aber...ein Plan.
      Milo hielt Aaron die Beifahrertür auf, bevor er sicher ging, dass die beiden Jungs ihre Autotüren richtig geschlossen und sich angeschnallt hatten. Er war immer schon ein guter Autofahrer gewesen, aber dieses mal fuhr er absolut übervorsichtig, um Übelkeit und Würgegeräusche möglichst gering zu halten. Er musste sich dazu zwingen, sich nicht selbst zu bekreuzigen, als er endlich in die kleine Einfahrt zu seinem Haus einbog und den Motor ausschaltete. Bis jetzt hatte sich noch niemand übergeben. Das war gut. Das war ein Anfang. Sie hatten das schräge Mitsingen zwei angetrunkener Teenager zu den Liedern im Radio überlebt.
      Er atmete einmal tief durch, bevor er ausstieg und Wy dabei half, aus dem Auto zu kommen, ohne zu fallen. Er zog seinen Bruder die zwei Stufen zur Tür hinauf, bevor er seinen Schlüssel aus seiner Hosentasche zog und die Haustüre öffnete. Er schob Wyatt in den kleinen Flur und sah kurz zurück, um sicher zu gehen, dass Aaron mit Jude klar kam. Er überließ den beiden den Vortritt, bevor er die Türe hinter ihnen zu zog.
      Der Einrichtungsstil seiner Eltern war immer schon furchtbar spießig gewesen. Dunkles Holz auf dunklem Boden mit tristen Tapeten. Wyatt griff nach Judes Hand und wankte schon den Treppen zu seinem Zimmer entgegen, während er begeistert darüber redete, was sie alles machen konnten. Milo sah ihnen ein wenig besorgt hinterher, während sie die ersten Stufen hoch gingen, bevor er sich zu Aaron drehte. Ein Problem im Griff - Zeit, sich um das zweite zu kümmern.
      "Das alles tut mir unfassbar leid", begann er, während er Aarons Jacke entgegen nahm und an die Garderobe hing. "Kann ich dir etwas nicht-alkoholisches zu trinken anbieten? Wasser? Cola?" Er deutete ihm kurz an, ihm zu folgen und führte ihn ins Wohnzimmer, welches nicht sehr viel besser war, als der Flur. Ein dunkelbraunes Ledersofa stand vor einem dunklen Wohnzimmertisch und einer dunklen Fernsehanrichte. Milo vermisste jedes mal sein eigenes Wohnzimmer, wenn er hier war. Wenigstens war der Teppich mit einem ausgeblichenen Rosa ein kleiner Farbklecks im Raum. Dafür strahlte Aaron im Kontrast noch mehr. Verdammt, er hatte wirklich ein schöneres erstes Date verdient.


      Wyatt

      "Auf jeden Fall-" Wyatt stockte, als er realisierte, dass er keine Ahnung mehr hatte, was er sagen wollte. Worüber hatte er noch gleich mit Jude gesprochen, während sie die Treppen - die irgendwie länger waren, als sonst - nach oben gegangen waren? Er wusste es beim besten Willen nicht mehr.
      "Das ist mein Zimmer", erklärte er stattdessen mit einem kurzen Deut auf seine Zimmertür, bevor er Jude weiter mit sich zog. "Das da gegenüber ist das Bad, das das Gästezimmer und das da das Büro. Wir haben auch noch einen dritten Stock, aber der ist eigentlich nur eine große Abstellkammer, weil meine Eltern nicht wussten, was sie sonst damit anfangen sollten." Das waren irgendwie viel zu viele Informationen, aber Jude war noch nie hier gewesen, also interessierte es ihn vielleicht...irgendwie.
      Er zog Jude mit in sein Zimmer hinein. Seines war eines der größeren Zimmer auf der zweiten Etage. Sein Bett, Schreibtisch, Schränke, Fernseher und sogar ein kleines Sofa passten gemütlich hinein. Er hatte sich alles vor ein paar Jahren selbst ausgesucht, außer den Schreibtisch, den er von Milo geklaut hatte. Er schob Jude vor einen offenen Schrank, in dem er seine Brett- und Computerspiele gesammelt hatte. "Such dir was aus. Vielleicht gewinnst du ja nicht, wenn du betrunken bist", verkündete er gut gelaunt. "Schade, dass Jia nicht mitkommen wollte. Dann wäre ich zweiter von dreien geworden und nicht Letzter."
    • Aaron

      Ja, so in etwa hatte er sich das vorgestellt. Auch wenn es in Person dann doch noch ein wenig trostloser war, als gedacht. Milo meinte aber, dass daran seine Eltern die Schuld trugen und Aaron konnte nicht anders, als den ganzen Platz zu bewundern. Man konnte bestimmt einiges aus dem Haus herausholen. Wenn Wyatt einen ließ, so wie Aaron das verstanden hatte. Aber wieso auch nicht? Vermutlich wollte ein Teenager auch etwas mehr Licht in seinem Leben, oder?
      Aaron lief ein paar Schritte durchs Wohnzimmer und ließ sich lächelnd auf die Couch fallen, sagte nichts und klopfte neben sich auf den Lederpolster. Sie würden in ein paar Minuten sowieso wieder aufstehen, um sicherzugehen, dass im zweiten Stock keiner draufging.
      „Setz dich hin“, sagte er und überschlug seine Beine. Er warf erneut einen Blick in den Raum hinein, dann aus dem Fenster, dann sah er wieder Milo an. „Stille kann manchmal echt angenehm sein, aber nur an bestimmten Tagen“ Er lachte. „Mach dir keine Sorgen, damit hat ja echt keiner rechnen können. Außerdem war es gutes Training, mit Judes Eltern zu reden, ich kann sowas nämlich nicht leiden. Oh, und, ich kann mir den Einrichtungsstil deiner Eltern gleich in Person geben. Ist… hübsch. Hat was viktorianisch-melancholisches“ Netter konnte man es unmöglich ausdrücken. „Der Teppich da ist mein Favorit“ Er grinste.

      Jude

      Treppensteigen war in diesem Zustand wirklich der Endgegner. Jude fühlte sich nicht sonderlich betrunken, eigentlich vollkommen klar, nur mit etwas weniger Macht über seinen Körper und Geist. Aber das würde ihn schon nicht am Gewinnen hindern. Er war schließlich unkaputtbar.
      „Okay. Monopoly“, sagte er, ohne seine Auten richtig auf den Schrank fokussieren zu können. Dann stockte er. War Monopoly zu kompliziert? Also, nicht kompliziert, nur… zu viel, auf das man gleichzeitig achten konnte. Lieber etwas spaßigeres auswählen. „Ne, warte, Uno“, korrigierte er sich. Uno bekamen sie hin. Plus, Jude kannte dutzende Extra-Regeln, die sie einbauen konnten. Einmal hatte er das gesamte Kartendeck auf die Spieler aufgeteilt und es gab nichts mehr zum Abheben, also mussten sie- Naja, egal.
      Er ließ sich auf den Boden vor Wyatts Bett sinken und legte den kurz den Kopf nach hinten, dann lachte er über Wyatts Kommentar. „Oh, sie verliert absolut alles. Gegen mich. Aber gegen dich ist sie wahrscheinlich noch verdammt gut in den meisten Sachen“ Er überlegte, dann zog er sein Handy aus der Tasche und klickte auf seine Musik-App, um eine Playlist laufen zu lassen. „Was für Musik hörst du sonst so?“, fragte er nebenbei und hatte bereits vergessen, was eben noch das Thema gewesen war. Er ließ sich sanft zur Seite und auf den Boden fallen, dann stieß er ein lautes „Wow“ aus. Verdammt, vielleicht sollte man Sekt echt nicht so unterschätzen! Es drehte sich alles, als hätte er ein paar Shots von irgendetwas geleert.
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    • Milo

      "Ich bezeichne es eher als manisch-depressiv, aber ich schätze, so kann man es auch ausdrücken", antwortete Milo flach, während er sich neben Aaron setzte, einfach nur dankbar dafür, dass der Blonde es tatsächlich schaffte, der Situation noch etwas Positives abzugewinnen. Entweder war Aaron hoffnungslos optimistisch, oder zwei Minuten davon entfernt, sich als Psychopath zu outen und Milo war sich nicht sicher, was er schlimmer finden würde.
      "Wenn es nicht so chaotisch wäre, wäre es fast lustig", fuhr er nach einer kurzen Pause fort, während er seine Brille hoch schob und sich kurz über die Augen wischte, als ob er so klarer denken könnte. "Mein Dad hat mal gesagt, dass er mich raus wirft, wenn ich je mit einem Mann nach hause komme. Ich bin kurz danach ausgezogen und habe gedacht, dass ich mir darum keine Sorgen mehr machen muss, aber...jetzt sitzen wir hier. Nicht mal als verspätete Protest-Aktion, sondern einfach, weil zwei Teenager dachten, dass es schlau wäre, sich zu betrinken." Es war vollkommen unmöglich nicht darüber zu lachen. Manchmal hatte das Schicksal doch einen Sinn für Humor, auch, wenn Milo sich sicher war, dass Wyatts Alkoholkonsum seine Eltern nicht so erschüttert hätte, wie sein Date. Wyatt hatte es immer schon geschafft, ihre Eltern um seine Finger zu wickeln, während Milo sich selbst ins Aus gespielt hatte. Nicht, dass er seinem Bruder das irgendwie nachtragen würde - im Gegenteil, wenn er nicht selbst gerade von ihm um den Finger gewickelt wurde, war er meistens ziemlich froh darüber gewesen, wenn Wy die Aufmerksamkeit seiner Eltern auf sich gezogen und Milo damit eine ruhige Minute verschafft hatte.
      Milo lächelte, während er wieder nach Aarons Hand griff und ihre Finger miteinander verschränkte. Es war vollkommen verrückt, dass der Blonde das alles mitmachte. Milo hatte viel zu viel Glück und ein furchtbar schlechtes Gewissen. "Wie warst du in dem Alter drauf?", fragte er. "Eher Team Stubenhocker, oder auch betrunken auf einer Ausstellung?"


      Wyatt

      Uno. Okay. Uno konnte er wahrscheinlich noch spielen, ohne zu verwirrt zu sein. Man musste nur Zahlen und Farben vergleichen. Das bekam er hin!
      Wyatt starrte ein paar Sekunden zu lange auf seinen Schrank, während er versuche sich daran zu erinnern, wo er das Kartenspiel hingesteckt hatte. Ein Großteil des Inhalts bestand aus Brettspielen, die ihn mit den bunten Verpackungen ablenkten. Er fand die Uno Karten schlussendlich neben einem Stapel mit Rollenspiel-Büchern, die er panisch zur Seite geschoben hatte, als Lucas und Emma das letzte mal vorbeigekommen waren und die er bisher nicht mehr ordentlich in den Schrank zurückgeräumt hatte. Was nicht auffiel, weil der komplette Schrank ein einziges Chaos war.
      "Rock", antwortete er auf Judes Frage und griff im Vorbeigehen nach seinem tragbaren Lautsprecher, damit sie nicht die blecherne Musik aus dem Handy ertragen mussten. Auch, wenn er sich nicht mehr ganz sicher war, auf welchen Knopf er drücken musste, damit Judes Handy sich mit dem Lautsprecher verbinden konnte, aber das würden sie schon irgendwie hinbekommen. Er setzte sich gegenüber von Jude auf den Teppich, legte das Spiel zwischen sie und fand den Knopf an dem Lautsprecher beim dritten Anlauf. Er schob den Lautsprecher in Judes Richtung und schnappte sich die Karten.
      "Ich glaube nicht, dass Jia mich in so vielen Sachen schlagen würde. Sie war dabei Mario Kart zu verlieren, bevor du dazugekommen bist", merkte er an, während er sich mehr darauf konzentrierte, die Karten zu mischen, als er zugeben wollte. Sekunde - hatte er die kleine Karte mit der Werbung für andere Spiele mitgemischt? Mist. Er ging die Karten noch mal durch. "Ich bin wirklich davon ausgegangen, dass sie besser darin ist. Offensichtlich macht sie ja nichts anderes, als im Jugendzentrum rumzuhängen." Was für ein trauriges Leben. Wy mischte erneut und verteilte die Karten. Hoffentlich gleich viele für sie beide. Sicher war er sich nicht. Er fühlte sich, als ob er Kaugummi im Hirn hätte.
    • Aaron

      Er musste auflachen, als Milo sich bei der Beschreibung seiner Einrichtung nicht zurückhielt. Den depressiven Anteil sah Aaron definitiv, aber wo war der manische abgeblieben? Vielleicht bei der impulsiven Entscheidung, das ganze Haus grauenvoll zu tapezieren. Und abgesehen von schlechtem Geschmack, schienen Milos Eltern noch andere Probleme gehabt zu haben. Aaron hörte zu und brachte es nicht über sich, mitzulachen, weil er selbst wusste, wie schmerzhaft der Moment war, wenn man realisierte, dass es für manche Eltern wichtigere Dinge gab, als das Glück des eigenen Kindes.
      Aber es war gerade vermutlich auch nicht der richtige Zeitpunkt, über die Moral von Milos toten Eltern zu philosophieren. Sie waren nicht mehr da, Aaron dafür schon, und so seltsam dieses erste Date auch verlief, gab er nicht auf, daraus etwas positives zu machen. Er lächelte und sah auf ihre beiden Hände. Er fühlte sich bei jeder Berührung seltsam leicht. Das war auch das wichtigste, nicht? Milo und er schienen auf wundersame Weise beinahe die selben Probleme zu haben, auch wenn einer von ihnen deutlich mehr kämpfen musste. Und es war irgendwie schön, nicht alleine so gestresst und überfordert zu sein, sondern einfach zusammen erstmal nichts auf die Reihe zu kriegen. Das machte es halb so schlimm.
      "Alles, was ich gerade höre, ist, dass ich der erste bin, den du mit nachhause gebracht hast", erwiderte Aaron und grinste leicht. "Du kannst es immernoch als Protestaktion sehen, ich hätte Jude ja auch woanders hinbringen können, also... Vielleicht hatte ich ein paar andere Motive" Er lachte leise. "Ich hab meine Eltern als Teenager außerdem auch nur geschockt, und dann nie jemanden mit nachhause gebracht, weil ich ewig lange eine Freundin hatte, das hat mich sicher ziemlich beeinflusst. Zumindest hab ich mich selten angetrunken, das war eher mein Bruder. Auf Partys war ich zwar, aber weil ich damals schon echt Sport-versessen war, hab ich mich mit 'ich trinke nicht' immer rausgeredet. Meine Freunde hatten da auch nie ein Problem damit, ich hab dann eben darauf geachtet, dass keiner im Krankenhaus landet... Und irgendwann war ich sowieso nurnoch der Aufpasser, wenn mein Bruder mit mir irgendwohin gegangen ist, dann konnte ich generell nicht trinken. Aber ich durfte dutzende Male sein totes Gewicht aus dem Auto bis in sein Zimmer schleppen" Aaron stoppte, als auf einmal Musik zu ihnen herunter dröhnte. Zumindest schienen die beiden jetzt wie normale Menschen Spaß zu haben.

      Jude

      "Super, ich auch", murmelte Jude konzentriert, am Boden liegend, während er versuchte, sein Handy mit der Lautsprecherbox zu verbinden. Als es klappte, setzte er sich ächzend wieder auf und nahm seine Karten in die Hand. Das erste was er tat, war, eine rote Sechs auf eine grüne Neun zu legen, als wäre es völlig selbstverständlich. "Glaub ich dir nicht, ich wette sie hätte gewonnen", murmelte er während er seine Karten in der Hand sortierte. Dann sah er wieder auf. "Sie ist auch ungefähr die einzige, mit der man Fußball und das ganze Zeug spielen kann, ohne dass sie komplett abloost oder nach fünfzehn Minuten rumheult, wie unfair und anstrengend alles ist" Jude sah auf sein Handy und wechselte den Song. "Magst du Red Hot Chili Peppers?", fragte er, als 'Can't Stop' zu spielen begann. "Du solltest gegen Jia mal Basketball spielen. Gegen mich gewinnt sie zwar nicht, aber sie ist ziemlich gut, weil sie immer mit ihrem Bruder gespielt hat, oder so. Außerdem bist du echt klein, also hast du nichtmal den Vorteil"
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    • Milo

      Es war irritierend, wie ähnlich sich ihre Familien gewesen waren. Aarons Eltern schienen wohl auch nicht zu begeistert darüber gewesen zu sein, dass er bi war. Milo war von seinen eigenen Eltern nicht sonderlich überrascht gewesen. Er hatte das Thema Sexualität nie offen angesprochen, bis er sich sicher gewesen war, dass er auf eigenen Beinen stehen konnte und nicht mehr auf seine Eltern angewiesen war. Irgendwie hatte eine kleine, naive Stimme in seinem Kopf immer noch darauf beharrt, dass sie zur Vernunft kommen würden, sobald die Überraschung über sein Outing abgeklungen war, aber...dieser Moment war nie gekommen. Er hoffte, dass Aaron mehr Glück hatte, als er selbst.
      Außerdem wusste Aaron selbst wohl nur zu gut, wie es war, wenn man sich um seinen chaotischen Bruder kümmern musste, auch, wenn er sehr viel pflichtbewusster zu sein schien, als Milo. Wenigstens hatte Milo Glück, dass Wyatt sich nicht so sehr betrunken hatte, dass er bewusstlos war, auch, wenn der kleine Problemteenager nicht so schwer war, als dass er ihn nicht hätte rein tragen können. Zumindest bis zu den Treppen, dann hätte Wy auf dem Sofa schlafen müssen, aber immer noch besser, als im Auto. Er war fast froh, als er leise Musik von oben hörte, die verkündete, dass die beiden Jungs es ins Zimmer geschafft hatten und noch lebten.
      "Was für Sport hast du gemacht?", fragte er Aaron, während er versuchte, zumindest für einen Moment auszublenden, dass sie hier waren, weil Wyatt und Jude sich betrunken hatten. Vielleicht sollte er sich auf die kleine Andeutung des Blonden konzentrieren, dass er vielleicht ganz andere Hintergedanken gehabt hatte, als er mitgekommen war. Es war eine nette Vorstellung. Er war froh, dass Aaron mitgekommen war und dieses Date - so seltsam es auch war - nicht vorzeitig beendet worden war. Bei jeder normalen Verabredung hätte er ihn wahrscheinlich noch auf einen Drink in einer Bar eingeladen und auf einen kleinen Abschiedskuss gehofft. Aktuell wäre er einfach nur froh, wenn sie irgendwann ein zweites Date hätten. Etwas ruhigeres, bei dem sie sich wirklich kennen lernen könnten.
      "Ich habe mal eine ganze Weile lang Fußball gespielt, bis die Vereinstreffen mehr in Trinkgelage, als wirklichen Sport abgedriftet sind."


      Wyatt

      Irgendwie kam Wyatt Judes Spielzug nicht ganz richtig vor. Er zögerte kurz, bevor er die rote Sechs mit einer blauen...nein. Das passte nicht. Es musste was Rotes sein, oder? Noch eine rote Sechs...nein, das konnte nicht sein. Die gab es ja nur einmal im Spiel. Er spielte die rote Fünf und hoffte, dass das so stimmte. Er stieß ein kleines, abwesendes "Mhm" aus, als Jude ihn nach der Musik fragte und starrte auf seine Karten. Wer war dran? Und viel dringender - wie kamen sie vom Kartenspielen auf Sport? Er wusste es nicht mehr ganz, aber Jia war ein interessantes Thema.
      "Warum haben ihre Eltern sie eigentlich rausgeworfen, wenn sie doch so gut in allem ist?", fragte er, während er einfach die nächste Karte spielte. Jia und Aaron schienen sich wirklich ähnlich zu sein - beide wurden von allen anderen als so toll empfunden, während sie Wyatt einfach nur auf die Nerven gingen. Er war generell immer vorsichtig, wenn jemand über den grünen Klee gelobt wurde. Niemand war perfekt. Selbst Emma und Lucas hatten Fehler, sonst wären sie wahrscheinlich nie Freunde geworden. Aber die beiden hatten Fehler, die ihm nicht absolut auf die Nerven gingen. Jia hingegen war einfach nur langweilig, während Aaron...etwas zu fröhlich war. Es gab definitiv zu viele schlechte Sachen auf der Welt, um dauernd so positiv zu sein.
    • Aaron

      „Wirklich? Vielleicht hat Jude das Verhalten ja auch vom Fußball“ Aaron schmunzelte. Es schien ja nicht abwegig zu sein. Aber es war vermutlich zu spät, um bei Jude noch mit Erziehung zu punkten. Sie konnten nur hoffen, dass er in den nächsten paar Jahren verantwortungsbewusster wurde, wie alle anderen. Im Prinzip sprach auch nichts dagegen, dass er jetzt Fehler machte, er sollte ja bestenfalls daraus lernen, solange die Konsequenzen noch gering waren.
      „Ich hab… Gymnastik gemacht“, antwortete er blinzelnd, weil er immernoch das Gefühl hatte, es sich in seiner Schublade sehr gemütlich gemacht zu haben. Queer und Gymastik? „Da gab es selten Saufgelage“ War ja auch etwas schwer, betrunken Gymnastik zu machen, ohne sich das Genick zu brechen. „Mittlerweile mache ich nurnoch Calisthenics, das ist irgendwie… recht ähnlich, vom Muskelgebrauch. Und einfacher zuhause zu machen“ Er lächelte. Er wollte schon fast sagen, dass er einfach keine Zeit und Lust hatte, um in Klubs oder Fitnesscenter zu gehen und alles, was man zwischendurch zuhause reinquetschen konnte, deutlich machbarer war. Aber er wollte sich einmal nicht mit seinen eigenen Worten uncooler machen. „Ich kann mich da nicht mehr so genau dran erinnern, aber laut meiner Mutter hab ich sie als Kind immer damit genervt, dass ich Ballett tanzen wollte, aber das hat sie mich nicht machen lassen. Naja, Gymnastik hat sie dann auch nicht so überzeugt“ Manchmal hielt er ihr das nach, aber einfach nur um seiner Frustration über sein stressiges Leben ein Ventil zu geben. Vielleicht wäre er ein berühmter, reicher Balletttänzer geworden, oder so. „Mein Bruder hat dafür garkeinen Sport gemacht und ist in Videospiele reingerutscht“, lachte er. Im Endeffekt liebte ihre Mutter sie beide noch, auch wenn sie ziemliche Enttäuschungen sein mussten.

      Jude

      Das Spiel nahm unglaublich langsam seinen Lauf, und Jude war sich nur bei etwa der Hälfte der Karten sicher, dass er sie richtig abgelegt hatte, aber er konnte sich halt nicht auf zwei Sachen gleichzeitig konzentrieren UND den Songtext mitflüstern. Debaser. Richtig cooler Song.
      slicing up eyeballs… girly so groovy… Weil sie trans ist. Be a debaser… debaser…“ Moment. Jude sah auf. Er schwieg. Er war sich zu 99% sicher, dass er das eben laut ausgesprochen hatte, aber vielleicht hatte Wyatt ihn ja auch nicht gehört. Er sah wieder auf seine Karten und legte eine gelbe ‚Zieh 2‘ Karte auf die gelbe Eins. „Debaser… debaser… debaser… debaser…“ Er war sich garnicht sicher, ob es ein richtiges Geheimnis war, dass Jia trans war, wenn es in ihrer Schule beispielsweise jeder wusste. Aber wahrscheinlich behielt sie es genau deshalb im Jugendzentrum eher für sich. Verdammt, was wenn Wyatt etwas herumerzählte? So gut kannte Jude ihn auch nicht.
      Er riskierte, dass Wyatt ihn vielleicht eh nicht gehört hatte, und sah ihn plötzlich ernst an. „Hey, erzähl das keinem. Oh, und, du musst zwei abheben“ Warte, war er eben dran gewesen, oder Wyatt? Musste er selbst abheben? Nein, er war sich fast sicher, dass Wyatt dran war. Jedenfalls fiel Judes Kopf bald ab. Er ließ den Kopf in den Nacken fallen und kam auf dem weichen Bett auf. „Urgh, ich bin müde. Ich mach die Musik lauter“
      Gesagt, getan. Irgendwie musste er sich ja vorm Einschlafen bewahren, wenn sie hier nur sitzen und Karten spielen würden. Mann, wenn Aaron und Milo nicht wären… Sie hätten in irgendeiner Garage Einkaufswagenrennen machen können. Obwohl das zu zweit etwas schwer war, wenn man drin sitzen wollte… Dann eben ohne drin zu sitzen. Oder sie Kaia und Jia noch überredet, mitzukommen.
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    • Milo

      Milo stieß ein überraschtes "Oh!" aus, als Aaron ihm von seinem Sport erzählte. Irgendwie hatte er ihn mehr in der Yoga/Pilates Richtung gesehen. Obwohl es am Ende in jedem Fall um bewusste Museklbewegung ging. "Ich glaube, Ballett wäre nichts für dich gewesen. Du hättest doch nur der Prima Ballerina das Spotlight geklaut und den Zorn aller anderen auf dich gezogen." Er grinste leicht, während über ihnen die Musik lauter gestellt wurde. Vielleicht sollten sie beizeiten doch mal nachschauen gehen, ob bei den Jungs alles okay war, oder ob die Musik irgendeinen Streit, oder Würgegeräusche jeder Art überdecken sollte. Obwohl Wyatt eben zu anhänglich gewirkt hatte, um einen Streit vom Zaun zu brechen, also war es irgendwie wahrscheinlicher, dass sie sich die Sache mit dem Sekt, naja, nochmal durch den Kopf gehen ließen.
      "Sehr beeindruckende Sportwahl, auf jeden Fall. Du musst mir irgendwann mal was davon demonstrieren." Arm- und Griffkraft war auf jeden Fall immer schon Milos Schwäche gewesen. Zwar wurde beides in ihrem - alles andere, als professionellen - Fußballteam auch trainiert, aber am Ende hatte nur gezählt, wer die meisten Tore schießen und das meiste Bier trinken konnte. Später sogar beides in Kombination, was zu mehr Unfällen geführt hatte, als jedes reguläre Spiel. Wahrscheinlich sollte er das mit dem Fußball gar nicht mehr erwähnen, wenn zukünftig jemand fragen würde.
      "Ich habe mit Videospielen irgendwie nie viel anfangen können. Also sicher, ich hab auch mit Freunden oder Wy gespielt, aber irgendwie war es nie ein Hobby, das ich alleine gemacht habe." Er zuckte kurz mit den Schultern. Wyatt war deutlich mehr in seine Spiele versunken, als Milo. Vielleicht war das so ein jüngeres-Geschwisterkind-Ding. Obwohl es heutzutage auch deutlich einfacher war, online mit Freunden zu spielen, als in Milos Kindheit. "Obwohl ich zwischendurch eine ziemlich extreme Stardew Valley Phase hatte. Ich glaube, die hat mich am Anfang meines Studiums irgendwie bei Verstand gehalten."


      Wyatt

      Damit hatte Wyatt nicht gerechnet. Er war irgendwie davon ausgegangen, dass Jias Rauswurf mit irgendetwas illegalem zusammenhängen würde. Irgendwas, was ihre Eltern nicht mehr verantworten konnten. Nicht sowas...blödes. Frustrierend, irgendwie. Selbst in diesem Punkt war Jia langweilig. Obwohl Wyatt zugeben musste, dass er im Grunde keine Ahnung hatte, was es wirklich bedeutete, trans zu sein. Also, er wusste, was der Begriff bedeutete und was es für Jia hieß, aber er hatte keine Ahnung, was es nach sich zog, trans zu sein. Medizinisch und psychologisch und so.
      Er hatte sich generell noch nie Gedanken um die ganze LGBT Community gemacht. Als Milo ihm das erste mal erzählt hatte, dass er einen Mann datete, war es ihm einfach egal gewesen. Damals hatte er nicht wirklich begriffen, dass es überhaupt irgendeinen Unterschied machte, wen man datete - und wenn er ehrlich war, hatte er das immer noch nicht. Aber das war was anderes, als in Jias Fall, oder?
      Er griff nach dem Nachziehstapel und zog drei Karten, war sich ziemlich sicher, dass das falsch war, steckte sie aber trotzdem in sein Deck. Durch die laute Musik konnte er sich kaum selbst denken hören. "Ich hab immer gedacht, dass Jia irgendwas angestellt hat und deshalb jetzt als Resolut- Resoz- Resulul- Folge so langweilig wäre", erklärte er, während er eine Karte ablegte, von der er sich halb sicher war, dass sie bedeutete, dass er jetzt nochmal dran war. Oder durfte er sich eine Farbe aussuchen? Er legte einfach die nächste Karte auf den Stapel. "Das ist irgendwie wirklich enttäuschend. Hätte sie nicht wenigstens eine Bank in Brand setzen können, oder so?" Er stockte kurz, bevor er wieder zu Jude hoch sah. Jude, dessen Brandnarben immer noch gut sichtbar waren. "Oh. Sorry. Bank ausrauben, oder so", korrigierte er schnell.
    • Jude

      Enttäuschend, huh? Weil es langweilig war? Jia fand es wahrscheinlich nicht sehr langweilig. Aber sie war wirklich ein bisschen… naja… einfach gestrickt. Wahrscheinlich einfach, weil es ihr total an Selbstbewusstsein mangelte.
      „Langweilig ist manchmal besser als komplett gestört“, sagte Jude nebenbei. Und langweilig war Jia auch nicht, einfach sehr gesetzestreu oder so. Aber immer viel zu nett und aufmerksam und hilfsbereit, wenn man ihr nicht grade komplett auf die Nerven ging, was Jude sehr gut konnte und Wyatt wohl auch von der ersten Sekunde an gemeistert hatte. Und als ‚komplett gestört‘ würde er dann eher Jias Bruder einstufen. Wieviel Schiss konnte man vor seinen Eltern schon haben, dass man seine Geschwister einfach vergaß, wenn sie rausgeschmissen wurden? Vor allem wegen sowas. Egal was er für einen Grund hatte, Jia nichtmal zu besuchen, es machte ihn zu einem absoluten Arschloch. Jude würde sich jedenfalls immer auf Emerys Seite stellen, und sie waren nichtmal verwandt, während seine Eltern ihn aber ohne zu fragen aufgenommen hatten. Trotzdem, solange Emery nicht grade durchdrehte und zu einem Serienmörder wurde, stand Jude auf seiner Seite.
      „Wie sind deine Eltern damit klargekommen, dass Milo schwul ist? Oder… was auch immer er ist“, fragte er und legte erneut eine Karte ab, die so nicht ganz passen konnte, und dann sagte er „Uno“. Zumindest ging Jude davon aus, dass Wyatts Eltern tot waren, sonst würde er ja nicht bei seinem Bruder wohnen, oder? Außer, sie waren beide im Gefängnis oder Drogenabhängig oder so, aber da war tot wahrscheinlich die bessere Alternative.
      Dass Wyatt kurz übers Brandlegen sprach, war eigentlich nur unangenehm, weil er Jude direkt so ansah, als würde gleich ein traumatisches Flashback bei ihm starten. Insofern konnte er den Satz eigentlich nur ignorieren. Und bei ihm hatte sowieso keiner einen Brand gelegt. Man unterschätzte nur, wie wenig sich Katzen und Kerzen vertrugen. Es war echt fies, dass er gleichzeitig keine Eltern und kein Haustier mehr gehabt hatte. Eins von beidem war schlimm genug.
      „Habt ihr eigentlich ein Haustier?“, fragte er und wechselte schon wieder das Thema, weil er nicht lange genug bei einem Gedanken bleiben konnte.

      Aaron

      „So beeindruckend ist es garnicht, eigentlich nur Muskeltraining und irgendwann kriegt man diese ganzen Tricks hin, die alle sehen wollen“, sagte er etwas leiser, irgendwie ein wenig peinlich berührt. Es war seltsam, wenn man als Gymnastik-Kind aufgewachsen war und mit beinahe nur Mädchen trainiert hatte, nur damit man es später Calisthentics nannte, ein paar Tricks lernte und auf einmal gesellschaftlich anerkannt war. Dabei war sich beides sehr ähnlich. Nur, naja, Gymnastik war in fast allen Disziplinen deutlich herausfordernder. Muskeln waren da eben nicht alles.
      „Ich zeig dir demnächst mal was, wenn mehr Platz ist und ich nicht Gefahr laufe, irgendwelche Erbstücke hier zu zertrümmern“, sagte er schmunzelnd. Auch wenn das vermutlich nicht passieren würde, aber fürs erste Date war ‚vermutlich‘ nicht ausreichend.
      „Videospiele haben es mir auch nicht angetan, ich war immer unterwegs, wenn ich die Chance bekommen hab. Laufen oder Einkaufen oder mit Freunden im Kino, sowas. Mein Bruder hatte zwar auch immer einige Freunde, er war nicht introvertiert oder so, aber der hatte immer schon diesen ‚College Lifestyle‘. Party, Konzerte, Zocken, Nachtaktivität generell. Ich hab auch nicht mitbekommen, ob er da jemals rausgewachsen ist, aber jetzt hat er zwei kleine Kinder und die Fähigkeit, wenig bis garnicht zu schlafen spielt ihm sicher in die Karten“ Aaron horchte kurz auf und versuchte die Musik zu entziffern. „Yup, sowas hört er auch. Und seine Freundin hat er bei einem Konzert kennengelernt“ Aaron lachte. Es war schon irgendwie witzig, wenn man zusammen wohnte, und der Schlafrythmus so aneinander vorbeiging, dass man sich beim Frühstück traf, wenn der andere gerade nachhause kam. Aber das war nicht oft passiert, schließlich war Aaron irgendwann ausgezogen und bis Leo etwa 17 war, wollte ihre Mum nicht, dass er ohne Aaron zu Partys ging. Also war er da irgendwie mitreingezogen worden.
      „Es muss schwer sein, wenn man so einen großen Altersunterschied hat“, sagte er plötzlich, als es ihm auffiel. Bei ihm waren es schließlich nur zwei Jahre, aber Wyatt war schon fast eine neue Generation. „Ich hab mich zwar auch irgendwie für meinen Bruder verantwortlich gefühlt, aber manchmal dachte ich mir auch… Komm alleine klar und geh mir nicht ständig auf die Nerven. Ich weiß nicht, ob ich sowas bei einem… hm… damals vielleicht 8 Jährigen, denken hätte können“ Es war vermutlich etwas seltsam, sich wie das dritte Elternteil zu fühlen, oder? Selbst jetzt, wo Milo die volle Verantwortung für Wyatt hatte, war er immernoch nur sein großer Bruder. Und in dieser Dynamik, die sie gerade hatten, war für unnötige Geschwister-Streiterein wahrscheinlich kaum Platz.
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    • Milo

      Wahrscheinlich würde er Aaron vom Fleck weg heiraten, wenn er hier irgendwas zertrümmern würde. Was besseres konnte der erdrückenden Einrichtung eigentlich gar nicht passieren. Milo entschied sich dazu, diesen Gedanken vorerst für sich zu behalten, während er Aaron zuhörte und dabei automatisch lächeln musste. Offensichtlich waren die Geschwister recht unterschiedlich und irgendwie war es überraschend zu hören, dass zwischen ihnen beiden ausgerechnet Aarons Bruder derjenige mit Frau und Kindern war. Es schien nicht ganz ins Bild passen zu wollen.
      "Naja, ich kenne es nicht anders", antwortete er auf die Rückfrage. "Meine Eltern wollten eigentlich mehr Kinder, deshalb ist das Haus auch so groß, aber es hat nicht funktioniert. Sie hatten fast schon die Hoffnung aufgegeben, als meine Mom mit Wy schwanger wurde und danach haben sie sich zu alt für Kleinkinder gefühlt, also sind wir zu zweit geblieben. Ich hab oft gebabysittet, aber ich konnte nicht viel mit ihm anfangen, wenn ich ehrlich bin." Dafür war der Altersunterschied doch zu groß gewesen. Als Elfjähriger interessierte man sich dann doch mehr für Sport und Freunde, als dafür, Kleinkindern reden beizubringen, oder Memory zu spielen.
      "Aber es ist überraschend leicht, 'Nerv mich nicht' zu denken, wenn es sich um den eigenen Bruder handelt. Ich glaube, das hat mit dem Alter nichts zu tun." Er lachte kurz. Es hatte einen kurzen Abschnitt gegeben, als sie sich tatsächlich gut verstanden hatten, kurz, bevor Milo ausgezogen war. Vielleicht wäre Wyatt heute umgänglicher, wenn Milo sich nach seinem Auszug öfter gemeldet hätte, aber er war ja nicht davon ausgegangen, dass er sich je um ihn kümmern müsste. Er hatte gedacht, dass Wyatt und seine Beziehung automatisch besser werden würde, wenn sein Bruder alt genug war, um ordentlich mit ihm reden zu können.
      "Vor ein paar Jahren ist er komplett in die Dungeons And Dragons Welt abgerutscht und ist mir damit dermaßen auf die Nerven gegangen, dass ich kurz davor war, ihn auf irgendeinem Parkplatz auszusetzen. Und da haben wir schon nicht mehr zusammen gewohnt." Er verdrehte amüsiert die Augen. Ihre Dynamik war schon anders gewesen, als die, die er von seinen Freunden und deren Geschwistern kannte, aber er hatte sich einfach nie wirklich Gedanken darum gemacht. Ihm war der Altersunterschied immer selbstverständlich vorgekommen.
      "Sollen wir mal kurz nachsehen, ob die beiden oben noch leben?" Außer der Musik hörte man zumindest keinen Ton von oben.

      Wyatt

      "Bi", korrigierte Wyatt automatisch, weil...es das einzige in dieser Richtung war, was er mit Gewissheit sagen konnte. Alles andere ging, vorallem in seinem aktuellen Zustand, vollkommen über seine Hirnkapazität hinaus. Er hatte keinen Plan, was seine Eltern gesagt hatten. "Sie haben nie wirklich drüber geredet. Er hatte mir auch erst gesagt, dass er nen Typen datet, als er schon längst ausgezogen ist. Kein Plan, ob sie es überhaupt wussten." Zumindest hatten sie es irgendwie nie zur Sprache gebracht. Es war aber auch nie sonderlich relevant gewesen. Das einzige mal, dass Milo nach seinem Auszug nochmal nach Hause gekommen war, war er single gewesen. Aber er hatte sich sowieso nie mit ihren Eltern verstanden, also hatte er es ihnen vielleicht einfach nie gesagt. Was wahrscheinlich besser wäre. Jetzt, wo Wyatt so darüber nachdachte, konnten sie es nicht gut aufgenommen haben. Sie waren viel zu religiös gewesen. Sie hatten ja schon angefangen sich zu beschweren, wenn irgendein Charakter in irgendeiner Serie schwul war.
      Wy realisierte erst, dass er schon viel zu lange auf die Karten starrte, als Jude Uno sagte. Irritiert hob er den Blick und blinzelte ihm entgegen. Mist. Offenbar gewann Jude wirklich immer. Er sah zurück in seine Karten und spielte einfach die, die er spontan weniger mochte, ohne wirklich zu wissen, ob sie passte, oder nicht. Jude würde ihn schon korrigieren, wenn es nicht passte und sonst...einfach gewinnen, schätzte er.
      "Nope. Meine Eltern wollten nie Haustiere. Zu viel Arbeit." Er warf seine letzte Karte zur Seite und lehnte sich neben Jude ans Bett. "Ich wollte immer einen Hund, aber ich durfte nie. Oder einen Hamster." Er schloss die Augen. "Ich hätte den Käfig da hinten ins Regal gestellt und ihn Walter genannt. Den Hamster, nicht den Käfig. Ich glaube, ich hab irgendwo immer noch die Power Point Präsentation, die ich gemacht habe, um Mom und Dad zu überzeugen, mir einen zu holen. Hat nicht funktioniert." Er zuckte kurz mit den Schultern. Vielleicht war es besser so gewesen. Er hätte gerade absolut keine Lust darauf, einen Käfig zu reinigen. "Und du?"
    • Aaron

      „Ach echt? Vielleicht will Wyatt nach der ganzen Geschichte ja doch nochmal ins Jugendzentrum kommen, und vielleicht gibt es wen, der sich auch für Dungeon and Dragons interessiert“ Aaron schmiedete bereits wieder Pläne, wie er Wyatt Freundschaften suchen konnte, die Milo entlasten würden. Auch wenn es bisher… ziemlich schief gelaufen war. „Ich meine, irgendjemand, der sich vielleicht nicht so extrem auf dumme Ideen bringen lässt, wie Jude?“, fügte er mit einem leicht schuldbewussten Lächeln hinzu. Wenn Wyatt aber von der Persönlichkeit her einfach etwas abenteuerlustiger war, könnte es schwer werden, irgendjemanden zu finden, mit dem er sich auf Tee und Häkeln einlässt. Jia fand er ja offenbar langweilig, obwohl er gegen Ende nun doch irgendwie Zeit mit ihr verbringen wollte. Vielleicht brauchte es auch einfach eine Weile, bis die beiden sich anfreundeten.
      In jedem Fall hatten sie zwei angesoffene Teenager schon eine ganze Weile allein gelassen, also nickte Aaron und stand auf. Er hatte ein wenig Angst davor, was sie vorfinden könnten, als er Milo die Treppe nach oben folgte. Als sie jedoch die Tür öffneten, war er kurz sprachlos. Die beiden lehnten nebeneinander am Bett und starrten in die Luft, während die Musik ohrenbetäubend laut aus dem Lautsprecher dröhnte.

      Jude

      „Ah“, erwiderte Jude. Tja, wenn sie es nicht gewusst hatten, konnten sie ja auch auf kein Coming Out reagieren. Aber es war wahrscheinlich unscheinbarer und leichter zu verstecken, wenn man auf Kerle stand, als wenn man sich Kleider anzog. Soweit Jude wusste, war das ja sogar der Grund für den Rauswurf gewesen. Einmal, vor ein paar Monaten, hatte Jia ihm den ganzen Kram erzählt, weil er wohl irgendwie ihr einziger Freund im Jugendzentrum gewesen war, als sie angefangen hatte, dort hinzugehen. Weil sie nicht ständig in ihrer WG hocken wollte, verständlicherweise. Jedenfalls war sie völlig fertig gewesen, aber davor und auch seit dem hatte sie kein Wort mehr darüber verloren. Wahrscheinlich wollte sie nicht dran denken. Jude hatte nach dem Brand auch versucht, sich von allem nur abzulenken, wenn es ging. Wenn man wochenlang im Krankenhaus lag, hatte man eh viel zu viel Zeit, sich mit der Sache auseinanderzusetzen, also hatte er nach der Entlassung sofort wieder angefangen, normale Dinge zu unternehmen, wie vorher. Aber so wirklich das gleiche war es ja eh nicht. Für Jia musste es außerdem schlimm sein, dass ihre Eltern ja sogar lebten und einfach nur aktiv beschlossen hatten, nichts mehr mit ihr zu tun haben zu wollen.
      „Uno Uno“, sagte er letztlich, als er seine letzte Karte loswurde. Schien, als würde er betrunken auch alles gewinnen. Was für eine Ironie.
      „Hamster sind süß, aber die leben nicht lange. Ich hätte nicht gern ein Haustier, dass nach zwei Jahren an Altersschwäche stirbt. Was macht man dann? Sich den nächsten holen? Richtig makaber“, murmelte er vor sich hin während er die Ecke anstarrte, in die Wyatt den Käfig gestellt hätte. „Und wenn dann hätte ich ihn schon Sonic genannt, oder so. Macht doch den ganzen Tag nichts anderes, als in einem Rad laufen“ Aber Walter war auch irgendwie gut. Gab es nicht so ein Bilderbuch über einen Hamster namens Walter, der dauernd versuchte, auszubrechen?
      „Ich hatte eine Katze, die mein Haus, meine Familie und mich in Brand gesteckt hat. Pff“ Er musste unwillkürlich kurz auflachen. Wenn er so drüber nachdachte, wollte er vielleicht doch kein Haustier mehr haben.
      Jude bekam kaum mit, als die Zimmertüre aufging, weil die Musik so gut wie alles übertönte, wie auch die Schritte im Gang. Er lehnte den Kopf erst etwas zur Seite, als er Milo und Aaron im Augenwinkel sah. Aaron spähte über Milos schulter. „Na? Was macht ihr? Ihr spielt Uno?“, fragte er interessiert. Und Jude vermutete, auch erleichtert, weil sie noch lebten. Er musste echt mal entspannen. Ob Milo auch dauernd so unnötig gestresst war?
      „Wir reden über tote Menschen und Haustiere“, erwiderte Jude unberührt und entlockte Aaron ein leicht verstörtes „Ah.. ha…“.
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