The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Milo

      Jepp. Das war ungefähr so seltsam, wie er es sich vorgestellt hatte. Milo hatte noch nie Publikum bei einem Date gehabt. Er fragte sich fast, ob sie am Ende vielleicht Bewertungsbögen an die anderen Anwesenden austeilen sollten. Vielleicht wäre es sogar von Vorteil, wenn ein Haufen Teenager ihnen am Ende offenbaren würden, ob sie sich weiter daten sollten, oder nicht. Er konnte nur hoffen, dass die Bewertungen gnädig ausfallen würden.
      "Kunst nicht unbedingt, aber Museen an sich finde ich eigentlich ganz spannend. Es ist trotzdem nicht unbedingt ganz oben auf meiner furchtbar verstaubten Dating-Liste", antwortete Milo mit einem Lächeln, als Aaron - der sich offensichtlich ähnlich beobachtet vorkam - ihn ein wenig zurück zog. Aus der Nähe konnte er sein Parfum riechen, schwer und mit einer Note, die er nicht ganz zuordnen konnte. Er hatte so viel mehr verdient, als diesen seltsamen beinahe Schulausflug. Milo war fast versucht ihm vorzuschlagen, sich davon zu stehlen und irgendwo in Ruhe was essen zu gehen, nur sie beide, als wären sie einfach zwei normale Menschen auf einem normalen Date und nicht die gestresstesten Personen im Umfeld, die aus allem ein Date machten, was sie kriegen konnten.
      "Aber man sollte ja ab und an auch mal was Neues ausprobieren, oder? Auch wenn ich nicht denke, dass irgendeines der Kunstwerke heute mit dir mithalten kann." Er zwinkerte Aaron amüsiert entgegen. Ab und an konnte man zwischen Schal und Jacke ein leichtes Glitzern erahnen, also schien er mit der Vermutung ziemlich richtig zu liegen. Obwohl Aaron einer dieser Menschen war, die auch in einem Kartoffelsack hübsch aussehen würden.
      "Und wie sieht es bei dir aus?", fragte er, bevor er automatisch kurz in Wyatts Richtung sah, nur um sicher zu stellen, dass sein Bruder noch da war und sich nicht wieder in Verschwinde-Tricks übte, "Eher Kunst, Naturwissenschaften, oder gar keine Museen?" Er sah wieder zurück zu Aaron neben sich. In Anbetracht dessen, dass sie immer noch nicht alleine waren, fühlte sich das Gespräch angenehm normal an. Er konnte nur hoffen, dass das ein gutes Zeichen war.
    • Aaron

      Aaron versenkte sein Gesicht in seinem Schal, als Milo ihm ein Kompliment machte, und lächelte in sich hinein. "Ich hoffe nicht, ich hab mich extra schwarz angezogen, wie Künstler das immer machen, um ihren eigenen Werken nicht die Show zu stehlen"; antwortete er und sah wieder auf. "Aber ich hab am Ende vielleicht trotzdem übertrieben", beichtete er lächelnd. Er hätte es ganz einfach bei dem Pullover belassen sollen, aber im Hinterkopf hatte er eben auch ständig Milo, und wenn er sich persönlich schon die ganze Zeit zum Affen machen musste, wollte er ihn wenigstens irgendwie beeindrucken. Auch wenn er nicht sicher war, ob ein Glitzer-Jackett da einen gigantischen Unterschied machen würde.
      "Ich mag Kunst. Aber eher dann, wenn sie irgendetwas verrücktes an sich hat. Ich kenne mich zwar nicht gut aus, aber ich schau es mir gerne an, wenn es irgendwie unterhaltsam ist. Monet und Picasso und den Kram... dafür bin ich glaub ich zu simpel gestrickt", erklärte er. Wenn es um bunte Statuen, Karikaturen und interaktive Ausstellungen ging, konnte er sich durchaus für Kunst begeistern, aber selbst hatte im das alles noch nie gelegen. Er war eine absolute Niete wenn es ums Zeichnen, Malen oder sonstiges Handwerk ging. Kochen bekam er gerade noch so hin, aber das schmeckte auch meist deutlich besser als es aussah. Das einzige, das ihm ein wenig lag, war vermutlich Mode. Aber da hatte er irgendwie auch einfach nur das Talent, auf Flohmärkten die richtigen Teile zu erwischen. Im Endeffekt war seine Wohnung und er selbst einfach nur ein zusammen gewürfelter Haufen aus Dingen, die ihm aus irgendeinem Grund gefallen hatten. Und nachdem es nicht unbedingt schlecht aussah, nur ab und an vielleicht etwas viel... schien er ja doch irgendwie ein Auge für Kunst zu haben, oder?
      "Naturwissenschaftliche Museen erinnern mich... irgendwie an Schulausflüge", fügte er hinzu und verzog das Gesicht. "Es ist für mich schon ein Alptraum, wenn die Kinder mal Hausübungen machen und fragen, ob jemand helfen kann. Als wüsste ich irgendetwas über Mathe in der 12. Klasse" Und schon wieder fing er von seinem miserablen Schulwissen an.
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    • Milo

      Milo musste schmunzeln, als Aaron sich über die Mathehausaufgaben aufregte. Er tat ihm fast ein wenig leid. Er selbst war auch unglaublich froh gewesen, als er Mathe endlich hinter sich gelassen hatte und er konnte es sich nicht vorstellen, jetzt immer noch regelmäßig mit Matheaufgaben konfrontiert zu werden.
      “Ich habe eine Kollegin, die unglaublich gut in Mathe ist. Vielleicht sollte ich euch mal einander vorstellen, dann hättest du zumindest einen Telefonjoker für die schwierigen Hausaufgaben.” Er war selbst froh darüber, dass er Wy nur selten aushelfen musste - falls dieser sich überhaupt mal mit Hausaufgaben beschäftigte, was ein anderes Problem für einen anderen Tag war.
      “Ich habe Mathe und Physik damals konsequent von einem Freund abgeschrieben. Immer im Tausch gegen Geschichte und Englisch.” Wahrscheinlich nichts, worauf man stolz sein sollte, aber er hatte es trotzdem sogar durch ein Studium geschafft, also konnte er nicht so viel falsch gemacht haben. “Wir hatten morgens im Bus immer die Hefte ausgetauscht und dann bis zur Schule kein Wort gesprochen, weil wir so beschäftigt damit waren, abzuschreiben.” Er musste bei der Erinnerung daran ein wenig lächeln. Irgendwann hatten sie genau gewusst, wo welches Schlagloch war und wann sie beim Schreiben kurz pausieren mussten. Es waren deutlich einfachere Zeiten gewesen, als heute.
      "Also, wenn Kunstmuseen gar nicht so schlecht sind - was steht dann auf den letzten Plätzen deiner Date-Ideen Liste?", lenkte er das Thema wieder zur Eingangsfrage zurück. So positiv, wie Aaron bis jetzt auf ihn gewirkt hatte, konnte er sich aktuell schwer vorstellen, dass es irgendeine Idee gegeben hätte, die der Blonde sofort abgelehnt hätte. Obwohl es ja auch irgendwie immer darauf ankam, mit wem man das Date plante, nicht? Aaron hatte Milo zumindest schon so weit in seinen Bann gezogen, dass er wahrscheinlich für jede noch so langweilig klingende, oder abstrude Idee zu haben gewesen wäre, solange er ihn einfach nur besser kennen lernen konnte.
    • Aaron

      "Es wär doch cool, wenn es einen Stein gäbe, der einen besser in Mathe macht, oder? Bestimmt gibt es sowas. Das hätte ich in der Schule am besten für jedes Fach gebraucht" Er hatte sich so zwar auch ganz schön durchgeschummelt, aber sonst würde er jetzt immernoch in einem Klassenraum sitzen. So schlecht war er in den ganzen Fächern garnicht gewesen, Lernen war das Problem. Gut, früher hatte er definitiv auch einen Mangel an Motivation gehabt, aber abseits davon hatte er anscheinend ein furchtbares Kurzzeitgedächtnis, und Schulstoff landete selten im Langezeitgedächtnis. Naja, und Mathe hatte er einfach nicht verstanden, da hatte er keine Ausreden.
      "In Physik wär ich dir auch keine Hilfe gewesen, aber meine Mum hat meinem Bruder und mir immer ein halbes 5 Sterne Menü als Jause eingepackt. Damit haben sich meine Mitschüler ganz gut ködern lassen" Aaron lachte. Am Ende hatte er wohl dem Essen seiner Mutter seinen Abschluss zu verdanken. Wie auch immer sie das hinbekommen hatte, während sie auch noch eine Zeit lang alleinerziehend war und immer gearbeitet hatte. Kein Wunder, dass sie sich ständig einen neuen Mann geangelt hatte, dem sie den Haushalt zuschieben konnte. Dass sie Vanessa überhaupt noch Vorwürfe machte, als würde sie selbst irgendwie nach der Bibel leben... Naja. Gekocht hatte sie zum Glück jedenfalls immer selbst, das war auch heute noch ein riesen Vorteil, wenn Leo und er an Feiertagen nachhause kamen.
      "Oh... Hm", machte er und musste erstmal überlegen. Selbst ein technisches oder naturhistorisches Museum würde er akzeptieren können, solange sein Date sympathisch war. "Ich glaube, ich würde nichts nicht machen", sagte er ehrlich. Auf der anderen Seite könnte ihn nichtmal das schönste Restaurant überzeugen, wenn er schlechte Gesellschaft hatte. Er kam allerdings auch mit so gut wie jedem zurecht. Solange sein Date nicht unfassbar langweilig oder respektlos war. Irgendwie konnte man sich immer eine schöne Zeit machen.
      "Solange es etwas halbwegs normales ist, versteht sich. Ich wäre kein Fan von irgendwelchen... politisch oder moralisch fragwürdigen Aktivitäten" Er lächelte schief. "Aber ich würde alles mal ausprobieren, also falls du jemanden fürs Tiefseetauchen suchst oder für einen Töpferkurs... Wenn ich Zeit finde, mache ich alles mit" Er lachte.

      Er machte seinen Punkt wohl schon alleine damit recht klar, dass sie mit einer Gruppe Kinder zur Ausstellung einer Kunstklasse gingen und es Date nannten. Als sie ankamen und die Garderobe hinter sich ließen, um von Jude in den Raum geführt zu werden, wo er auch gleich seine Adoptiveltern begrüßte, staunte Aaron aber ein wenig. Der Raum war recht groß und es schienen mehr als nur Abschlussprojekte ausgestellt zu sein. Und die Sachen waren nicht schlecht. Eine Kombination aus verschiedenen Formaten, Aaron sah von Tonarbeit bis Aquarell alles. Vielleicht, weil die Schule sich auf Kunst spezialisierte? Und die Schüler waren auch alle 17 oder 18. Irgendwie hatte Aaron etwas ganz anderes erwartet. Mehr so Zeug, das seine Nichten ihm manchmal auf Papier kritzelten und schenkten. Aber er war richtig beeindruckt.
      "Jude, was ist von dir? Sind die Sachen beschriftet?", fragte Aaron gleich, bevor sie eine Runde drehten.
      Der Rothaarige drehte sich zu ihm herum. "Dort hinten rechts sind meine Sachen, ist alles beschriftet und das Abschlussprojekt auch gekennzeichnet"
      Aaron wandte sich lächelnd an Milo. "Gehen wir eine Runde? Die Kinder werden schon nichts anstellen, es sind ja alle hier"
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    • Milo

      Das bisschen Glitzer, das Milo eben zwischen Schal und Jacke erhaschen konnte, stellte sich als Jackett heraus, das Aaron ein wenig zum strahlen brachte. Es stand ihm unglaublich gut und war so ungefähr das Gegenteil von allem, was Milo in seinem Schrank hatte. Er selbst hatte sich für einen grauen Pullover über einem weißen Hemd entschieden, was seinen Stil ziemlich gut zusammenfasste.
      Er folgte seinem Date in das Museum hinein und musste ein wenig staunen, als sie den Raum erreichten, in dem die Kunstwerke der Jugendlichen ausgestellt waren. Sie waren teilweise deutlich hochwertiger, als er gedacht hatte. Ein paar der Bilder sahen fast fotorealistisch aus, während anderen ein deutlicher Stil anzusehen war. Inhaltlich war nicht alles unbedingt seins - ab und an war Kunst einfach zu abstrakt für ihn - aber der kleine Raum war erfüllt von jungen Menschen, die stolz auf die unterschiedlichen Ausstellungsstücke zeigten, während Eltern und Freunde geduldig zuhörten, was die allgemeine Stimmung absolut angenehm machte.
      "Sicher", antwortete er mit einem Lächeln auf den Vorschlag, eine Runde zu drehen. "Sollen wir uns langsam zu Judes Bildern vorarbeiten? Dafür bist du ja irgendwie hier." Er steuerte Aaron sanft nach rechts, ließ sich allerdings Zeit, die anderen Bilder zwischen ihnen und ihrem Ziel zu betrachten, damit Jude einen Moment mit seinen Adoptiveltern und Carol hatte.
      "Bist du gut in Kunst?", fragte er Aaron, während sie vor einem Kissen stehen blieben, das aus Ton geformt worden war. Offensichtlich von einem Schüler, der lieber im Bett geblieben wäre. Er ließ seinen Blick wieder automatisch durch die Menge gleiten, bis er Wyatt fand, der immer noch mit Jia zusammen stand - ob freiwillig oder nicht ließ sich auf die Entfernung nicht ganz ausmachen. Aber Aaron hatte Recht. Es waren zu viele Leute anwesend, als dass einer der Jugendlichen irgendwas anstellen könnte. Er musste wirklich aufhören, sich Sorgen zu machen.
    • Aaron

      "Ob ich gut in Kunst bin?", lachte Aaron, während sie bei einem Bild nach dem anderen stehen blieben und Aaron die Frage mit jeder vergehenden Sekunde immer amüsanter fand. "Nein", sagte er schließlich. "Ich seh mir das alles gerne an, aber handwerklich bin ich echt schlecht. Also, solange es um Inneneinrichtung oder so geht, kann ich dir sagen, was meiner Meinung nach gut aussieht, aber das ist ja auch subjektiv. Zeichnen... Ich weiß nicht, meine Hände sind völlig nutzlos glaube ich"
      Er sah interessiert zu Milo und lächelte. "Und du? Du bist doch Arzt, muss man da nicht ruhige Hände haben und so? Du kannst sowas bestimmt gut"
      Als sie letztlich bei Judes Bildern ankamen, staunte Aaron nicht schlecht. Jude konnte nicht nur nicht verlieren, er war auch in nichts schlecht, wie es schien. Die Zeichnungen könnten locker von jemandem stammen, der seine gesamte Freizeit mit Kunst verbrachte. Aber Aaron wusste zu gut, dass Jude mehr als ein Hobby hatte und andauernd neue Sachen probierte, und trotzdem alles meisterte, als wäre er mit dem Talent geboren worden. Und seine Zeichnungen... waren nicht einmal oberflächlich. Keine Stillbilder oder fotorealistischer Kram, der an sich schon genug Können erforderte. Seine Bilder wirkten tatsächlich, als hätte er sich viele Gedanken gemacht und irgendetwas damit ausdrücken wollen. Und was das war, war Aaron ziemlich klar. Die Bilder schienen alle irgendwie zu einer Reihe zu gehören. War es darum gegangen, als Carol Jude bei der Findung einer Konzeptidee unterstützt hatte? Aaron hatte beim Hinsehen jedenfalls langsam einen Kloß im Hals.
      "Wow. Ich hab noch nie eine Zeichnung von Jude gesehen", murmelte er und beugte sich etwas näher. "Ich dachte eigentlich, sein Fokus liegt eher auf Sport. Hm" Er wusste zwar, dass Jude an sich kein oberflächlicher oder einfallsloser Mensch war, aber er hatte ihn bisher nicht für einen Künstler gehalten. "Welches gefällt dir am besten?", fragte er Milo nebenbei. Die Bilder waren unterschiedlich groß, mal auf Papier, mal auf einer Leinwand, und soweit Aaron beurteilen konnte, hatte er auch verschiedene Materialien benutzt.


      Jude

      Jude wurde ein wenig nervös, als sich alle nach und nach in Richtung seiner Bilder bewegten, stehen blieben und alles genau inspizierten. Im Nachhinein war es ihm irgendwie doch etwas peinlich, so viele Leute mitgebracht zu haben. Emery und seine Eltern, also seine Familie wenn er es genau nahm, hatte sich mittlerweile auch schon in den Raum hineinbewegt und Jude hatte den Moment genutzt, sich ein wenig davonzustehlen, zumindest weiter an den Rand, um nicht dabei zusehen zu müssen, wie andere seine Bilder ansahen. Glücklicherweise erwischte er Jia und Kaia noch an der Tür, vermutlich wiedermal in irgendeinen Tratsch vertieft, den er nichtmal als Toter mitanhören müssen wollte. Allerdings klammerte Jia auch unglaublich an Wyatt, und der kam ihm schon ein wenig unterhaltsamer vor. Normalerweise redetet er auch gerne mit Jia, mit Kaia auch, aber die beiden zusammen waren ein Alptraum.
      "Hey, wieso stehst du hier? Geh doch mit und halte eine Rede oder so", grinste Kaia als er zu ihnen stieß. "Über den Arbeitsprozess und deine tiefgründigen Gedanken hinter den Kunstwerken? Vielleicht kommst du noch ins Fernsehen"
      "Nein danke", erwiderte Jude. "Aber du musst auch nicht direkt neidisch werden, nur weil du künstlerisch unbegabt bist", lächelte er ihr entgegen und Kaia rollte mit den Augen.
      "Jia, erzähl mir mehr von Aarons Date", murmelte sie der Koreanerin, sehr gut hörbar, ins Ohr. Und damit hatte Jude für heute auch wieder mit den beiden abgeschlossen. Ab jetzt würde es nur noch um dieses Date gehen, auch wenn Jia hier bestimmt eine Runde drehen wollte, so wie er sie kannte, aber Kaia hatte das alles sowieso schon seit dem Anfangsstadium gesehen.
      Was Wyatt bestimmt ungefähr so sehr freuen musste, wie ihn selbst. Wenn nicht sogar mehr, nachdem er seinen großen Bruder auf dessen Museums-Date begleiten musste. Das war schon irgendwie... echt traurig. Für sie beide.
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    • Milo


      "Oh. Nein. Präzise Schnitte, oder Nadeln setzen ist definitiv einfacher, als zeichnen. Ich glaube, ich würde schon dabei versagen, einen ordentlichen Kreis zu malen." Milo lachte kurz auf. Kunst war für ihn nie mehr als kleine Zeichnungen am Rande seiner Schulhefte gewesen, wenn ihm langweilig gewesen war und wahrscheinlich konnte man einen Großteil der Zeichnungen nicht mal ansatzweise entziffern. Deshalb war es umso beeindruckender, dass es so viele Menschen gab, die sich künstlerisch so unglaublich gut ausdrücken konnten.
      Judes Bilder waren anders, als er erwartet hatte. Er wusste nicht ganz, wo er zuerst hinschauen sollte, als Aaron seine Frage stellte. Je länger er auf die Motive sah, desto mehr Details fielen ihm auf. "Ich mag die Katze. Der genervte Blick erinnert mich ein bisschen an Wy", antwortete er, die Stimme irgendwo zwischen Ernst und Spaß verloren. "Die beiden Silhouetten sind auch super. Und die Hände-" Er seufzte kurz. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass ihm das Bild mit den Händen fast zu nah ging, wenn auch wahrscheinlich auf eine Art und Weise, die Jude nicht beabsichtigt hatte. "Ich glaube, ich kann mich nicht entscheiden. Er ist wirklich gut." Man konnte den Bildern ansehen, dass der Jugendliche sich Gedanken gemacht hatte, was er auf die Leinwand bringen wollte, sogar, wenn er Jude nicht gut kannte.
      "Welches spricht dich am meisten an?", fragte er zurück, während er Aaron ein kleines Lächeln zuwarf. Kunst war wirklich nicht auf seiner Date-Liste gewesen, aber es fühlte sich tatsächlich seltsam entspannend an, hier mit Aaron zu stehen. Unter anderen Umständen hätte er wahrscheinlich versucht, seine Hand zu nehmen, aber hier hatte er zu sehr das Gefühl, beobachtet zu werden. Ausflüge in Dates umzuwandeln war auf lange Sicht wahrscheinlich wirklich nicht ratsam. Zum Glück war das hier vorerst eine Ausnahme und immerhin wusste er jetzt, in welche Museen er sich von Aaron mitschleppen lassen konnte. Es könnte deutlich schlechter laufen.


      Wyatt

      Der Tag hätte schlechter nicht laufen können.
      Wyatt hatte gewusst, dass er hier enden würde, er hatte gewusst, dass ihn nichts an dieser Ausstellung auch nur ansatzweise interessieren würde. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er dabei die ganze Zeit Zeuge sein musste, wie sein Bruder und Aaron sich anschmachtende Blicke zuwarfen, während er Jia nicht los wurde. Am liebsten hätte er sich sofort wieder aus dem Museum herausgestohlen, um sich irgendwas interessanteres in der Nähe zu suchen, aber sein neuer Schatten hatte offensichtlich ein Gespür dafür, wann er zu nahe an die Tür kam. Es half nicht, dass sie offenbar direkt noch eine andere Freundin ansteuerte, die ähnlich verrückt zu sein schien, wie sie. Wy hatte sich nie für Tratsch interessiert und...das würde sich wohl wirklich nie ändern.
      Er beschäftigte sich damit, darüber nachzudenken, welches Bild er zuerst verbrennen würde, falls die Welt plötzlich von einem massiven Stromausfall und nicht enden wollenden Winter heimgesucht wurde. Wahrscheinlich das mit der Hello Kitty mit dem Peace Zeichen auf der rosa Latzhose, das hinter ihnen hing. Oder das Bild schräg gegenüber von ihnen, das nur aus Kreisen und Vierecken bestand. Wenigstens könnte man einige der Plastiken gut nutzen, um andere Leute niederzuschlagen, wenn die Ressourcen knapp wurden.
      Die erste Woche seines Endzeitszenarios war gerade durchgeplant - Jia würde es nicht in sein survial Team schaffen - als Jude zu ihnen herüber kam und Wyatt damit zumindest ein kleines bisschen Hoffnung gab, dass der Tag noch nicht ganz verloren war. Jude war...nicht ideal, aber immerhin unterhaltsamer, als Klatsch und Tratsch.
      Er starrte den Rothaarigen kurz an, bis sich ihre Blicke trafen, dann formte er mit den Lippen ein stummes "Hilfe", bevor er nachdrücklich zur Tür sah und Jude einen fragenden Blick zuwarf. Er schien auch nicht sonderlich an der Ausstellung zu hängen - vielleicht ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit für ihn, oder so - also schien er momentan sein einziger Weg hier raus zu sein. Aber besser so, als noch länger hier zu hängen.
    • Aaron

      "Hm, vielleicht sollte ich auch mal irgendetwas aufschneiden, wenn das so viel einfacher ist", meinte er ironisch. Aaron fand es immernoch fast unglaublich, dass Milo tatsächlich Arzt war. Dabei war das nur eine seiner kurzweiligen kleinen Fantasien gewesen. Aber er war sich sicher, dass Milo sich unterschätzte. Er musste ruhige Hände haben, das brachte ihm bestimmt was beim Zeichnen. Aaron hatte auch ruhige Hände, solange bis er sich konzentrieren musste und aus dem Nichts wie ein Kettenraucher zitterte.
      "Stimmt", lachte er, als Milo die Katze mit Wyatt verglich. "Und beide haben trotzdem sicher einen supersüßen, weichen Kern" Er würde jedenfalls nicht aufgeben, das aus Wyatt herauszukitzeln.
      Dann überlegte er. Rein künstlerisch konnte er sich nicht entscheiden, was ihm am besten gefiel. Er mochte sie alle. Aber nachdem er wusste, was es mit den Bildern auf sich hatte... "Ich mag das Aquarellbild", sagte er und deutete auf die etwas kleinere Zeichnung, die zwei Figuren abstrakt darstellte, die mit einem dunkelblauen Hintergrund verschwammen. Es hatte irgendetwas romantisches. Vermutlich war es auch eines der optimistischeren Motive. "Ich sollte Jude mal etwas in Auftrag geben, damit ich was in meiner Wohnung aufhängen kann", murmelte er. Es war auch ziemlich egal, was er zeichnen würde, weil Aarons Einrichtung sowieso aus allem und nichts bestand.

      Jude

      Hilfe. Ernsthaft? Wyatt wollte, dass Jude seine eigene Ausstellung verließ? Jude drehte sich kurz herum und sah wieder die ganzen Leute, die er eigenhändig hierher geschleppt hatte, und die Idee kam ihm plötzlich doch nicht mehr so schlecht vor. Es würde nur wahrscheinlich recht schnell auffallen, wenn er nicht hier war, und dann würden Wyatts Babysitter sicher auch direkt Alarm schlagen. Aber hey, war das sein Problem? Ein wenig frische Luft konnte ja nicht schaden.
      "Ich hab mein Handy in meiner Jacke vergessen. Wyatt, komm mit mir zu den Schließfächern", sagte er trocken, griff Wyatt am Arm und ließ Jias misstrauischen Blick schnell hinter sich. Sobald sie ein Stück weit von dem Ausstellungsraum entfernt waren, ließ er Wyatt los und blieb stehen. Er zog sein Handy demonstrativ aus der Hosentasche. Dann grinste er neckend. "Du hast echt kein Glück. Aaron und Milo sehen aus, als würden die nächsten 30 Dates schon feststehen" Es war irgendwie seltsam, mitzubekommen, wie Aaron mit irgendjemandem flirtete. Richtig seltsam. Und für Wyatt war es wahrscheinlich nicht besser.
      "Also, was ist dein Plan? Es wird ziemlich schnell auffallen, wenn du abhaust. Ich glaube außerdem Jia hat dir längst ein GPS eingesetzt, oder so" So wie sie an ihm klebte. Bestimmt wieder nur, um Aaron einen Gefallen zu tun. Er konnte ja irgendwie nachvollziehen, dass sie an ihm hing, aber generell machte sie einfach zu viel. Nicht nur für Aaron. Sie hatte überhaupt keine Grenzen.
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    • Milo

      Aufschneiden war einfach. Der schwierige Part war es zu wissen, wo man schneiden musste, ohne dabei versehentlich den Patienten umzubringen. Zum Glück hatte Milo als Allgemeinmediziener eher selten mit irgendwelchen Operationen zu tun, in denen er Leute aufschneiden musste. Seine Arbeit beschränkte sich zum Großteil auf Grippe und ältere Leute, die eher zum Reden zu ihm kamen, als aus einem tatsächlichen medizinischen Grund. Vielleicht konnte Aaron ihm hier tatsächlich irgendwann Tipps geben, auch, wenn sein Klientel am anderen Ende des Altersspektrums stand.
      "Er war mal deutlich einfacher", gab Milo zu, als Aaron Wyatt erwähnte. Es hatte ein kurzes Zeitfenster gegeben, in dem er wirklich gerne Zeit mit seinem Bruder verbracht hatte. Als Kleinkind hatte er nicht viel mit ihm anfangen können, außer ihn irgendwie niedlich zu finden, aber sobald er angefangen hatte, in ganzen Sätzen zu sprechen, war er ihm eigentlich ganz sympathisch gewesen. Leider war Milo ausgezogen, bevor er eine wirkliche Freundschaft zu ihm aufbauen konnte. Er hatte sich dazu oft genug selbst Vorwürfe gemacht.
      Er musste kurz schmunzeln, als Aaron darüber nachdachte, Jude zu beauftragen. "Entweder würde ihn das super stolz machen, oder sehr peinlich sein", mutmaßte er. "Welche Farben würdest du wählen? Ich tippe auf was helles, knalliges." Wenn Glitzer-Jacketts für Aaron schon dezent waren, würde seine Garderobe wohl sonst deutlich bunter ausfallen. Die Outfits, die er bisher an ihm gesehen hatte, sahen zumindest immer so aus, als ob sie perfekt durchgeplant gewesen wären. "Vielleicht mit ein bisschen Glitzer?" Er lächelte weiterhin, während er Aaron ansah. "Oder stehst du doch eher auf gedeckte Farben und dunkle Holzmöbel?" Das konnte er sich irgendwie nicht vorstellen.

      Wyatt

      Zum Glück erfasste Jude, was er von ihm wollte und handelte sofort. Die einzige Frage, die offenbar blieb war, warum alle so seltsam obsessed mit dem Date zwischen Aaron und Milo waren. Es würde für sie doch absolut keinen Unterschied machen, ob die beiden jetzt zusammenkamen, oder nicht. Er war das einzige Opfer bei dieser ganzen Sache und offenbar auch der einzige, der nicht vollkommen begeistert war.
      Wy verdrehte die Augen. Von ihm aus konnten die beiden auch sofort heiraten. Es schien eh keinen Unterschied zu machen. Milo hatte ja jetzt schon keinen freien Moment mehr für ihn. Vielleicht würde Jude sich ja noch zum Hochzeitsmaler aufschwingen, während Wy bei den Einladungen vergessen wurde und dann könnten sie alle zusammen so tun, als ob es ihn gar nicht geben würde. Sein Endzeitszenario war ihm irgendwie deutlich lieber gewesen.
      "Wenn Jia noch zehn Minuten länger an mir gehangen hätte, hätten wir chirurgisch von einander getrennt werden müssen", beschwerte er sich, während er einfach kurz die Ruhe genoss, die in dem kleinen Flur vor der Ausstellung herrschte. Hier waren deutlich weniger Besucher unterwegs. Die meisten strömten entweder direkt in die Schülerausstellung, oder den gegenüberliegenden Raum, in dem wohl ebenfalls eine Ausstellung eröffnet wurde. Das Publikum im zweiten Raum schien deutlich älter zu sein, als die Schüler, aber nicht merklich leiser. Wyatt konnte eine kleine Getränkebar durch die offene Tür hindurch sehen. Was ihn tatsächlich auf eine kleine Idee brachte.
      "Hey, du hast auf deine Bilder noch gar nicht angestoßen", erklärte er. Er hatte sich Judes Bilder noch nicht mal richtig angeschaut, aber das war gerade vollkommen nebensächlich. Er nickte zu der kleinen Getränke...bar. Wenn man es Bar nennen wollte. Die Getränke standen einfach auf einer Reihe von Tischen und man konnte sich wegnehmen, was man wollte, während ein paar Aushilfen Becher und Gläser nachfüllten.
      "Wetten, ich schaffe es, eine von den Sektflaschen mitgehen zu lassen? Das wäre doch passend, oder?" Er sah heraufordernd zu Jude herüber. "Außer, du verträgst keinen Alkohol, natürlich."
    • Aaron

      "Ich glaube es wäre ihm ganz einfach zu viel Arbeit und er würde mir ins Gesicht sagen, dass ich es doch selbst machen soll", erwiderte Aaron schmunzelnd. "Peinlich wäre es ihm bestimmt nicht, er würde sich nur wie immer zu viel auf alles einbilden. Hast du schon mal ein Kind mit traumatischer Vergangenheit getroffen, dessen Ego man mal ein bisschen stutzen müsste?" Normalerweise war es eher Aarons Job, die Jugendlichen emotional zu unterstützen und aufzubauen, aber Jude schien sich irgendwie von selbst aus seinem Loch gezogen zu haben und seitdem gab es garnichts mehr, das ihn stoppen konnte. Was definitiv eine gute Sache war, aber manchmal wirklich erstaunlich. Aaron hatte immer das unterschwellige Gefühl, dass da doch irgendetwas in ihm sein musste, das er mit seiner Art nur verstecken wollte. Aber er war nicht unsicher oder depressiv oder bemitleidete sich selbst auch nur im geringsten. Im Gegenteil, er war vermutlich psychisch gesünder als jeder Erwachsene, den Aaron kannte. Was ihn nicht unbedingt... reifer machte. Aber wenigstens ging es ihm gut. Verhältnismäßig, jedenfalls. Es war ihm bestimmt nicht egal, was passiert war. Aber so gut würde wohl kaum einer mit einem solchen Schicksalsschlag umgehen. Wyatts Reaktion machte deutlich mehr Sinn.
      "Hm, es muss nicht unbedingt knallig sein, nur etwas außergewöhnlich. Bunt ist gut. Aber das Motiv wäre mir wichtiger", antwortete er deutlich zu ernst, als würde er doch abwägen, ob er Jude nicht wenigstens mal fragen sollte. "Die Farben spielen kaum eine Rolle mehr. Bei meinem Einzug vor zwei Jahren hab ich noch versucht, irgendwie zu color-coden, aber ich bin zu anfällig für die unterschiedlichsten Sachen und am Ende ist meine Wohnung dem Chaos verfallen. Geordnetem Chaos, zumindest" Er lächelte. "Und du hast gerade versucht, deine eigene Vorliebe auf mich zu projizieren?" Er grinste. "Hell oder dunkel Ikea? Oder stehst du auf Vintage Möbel?" Milo strahlte irgendwie Ruhe aus, mit seinem simplen, ordentlichen Outfit. Es passte zu der Art, wie er redete und sich verhielt. Bei ihm Zuhause musste es genauso sein. Angenehm ruhig. Bei Aaron dagegen konnte man sich kaum entspannen, wenn das Licht nicht aus war. Er musste mal wieder entrümpeln.

      Jude

      Jude folgte Wyatts Blick. Er war ziemlich leicht zu durchschauen. "Klar, aber wenn du erwischt wirst, hatte ich nichts damit zu tun", stellte Jude klar. Er musste nicht auf seine Bilder anstoßen, und Wyatt hatte daran sowieso kein Interesse, aber es sprach trotzdem nichts dagegen, sich ein bisschen zu beschäftigen. Jude hatte keine Lust, im Ausstellungsraum herumzustehen, und darauf zu warten, dass ihm alle erklärten, wie toll seine Zeichnungen waren. Klar waren sie gut, sonst hätte er sie kaum für die Ausstellung ausgewählt, und gegen Komplimente hatte er nichts, aber seine gesamte Klasse war da und allesamt standen sie nur seltsam herum und warteten darauf, dass ihre Eltern sich alles angesehen hatten, und es hinterließ eine unangenehme Atmosphäre. Vielleicht war es wirklich die übermäßige Aufmerksamkeit, die ihn störte. Er war sich selbst nicht ganz sicher. Aber er brauchte davon nicht volle zwei Stunden und Wyatt war der einzige, der schamlos genug war, sich von dort zu distanzieren.
      Und was hieß hier, keinen Alkohol vertragen? Er hatte es betrunken immer noch jedes Mal nachhause geschafft UND sich unauffällig verhalten. Emery und er waren Profis darin, unauffällig zu sein. Und wie konnte man von Sekt schon betrunken werden? Das war quasi Saft.
      Jude lief den Gang ein paar Schritte weiter und wartete in der Nähe der Toiletten auf Wyatt. Wenn er erwischt wurde, würde Jude einfach erklären, dass er nichts bekommen hatte und gerade von der Toilette kam. Er traute Wyatt außerdem zu, absichtlich aufzufliegen, um Milo abzulenken.
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    • Milo

      "Helles Holz", beantwortete Milo die Frage mit einem kleinen Lachen. "Aber weniger Ikea. Ich glaube, ich muss mich bei 'außergewöhnlich' anschließen. Ich mag Möbel, die irgendwie einzigartig sind, mit Details, die auf den ersten Blick kaum auffallen." Seine Wohnung war nie auch nur ansatzweise an seine Ästhetik herangekommen. In seiner Studienzeit war er zu pleite gewesen, um sich die Möbel zu kaufen, die er hübsch fand und danach hatte er keinen Kopf dafür gehabt, umzuräumen. Und jetzt hatte sich das Thema sowieso erledigt. Seine Möbel waren weitestgehend verkauft, oder auf dem Sperrmüll gelandet, als er seine Wohnung aufgelöst hatte, um zurück in sein Elternhaus zu ziehen. Seine eigene Wohnung wäre zu klein gewesen, um Wy aufzunehmen und ein gutes Stück zu weit weg von seiner Schule. Außerdem hatte er gehofft, dass Wy mit dem ganzen Schicksalsschlag besser umgehen würde, wenn er nicht direkt alles in seinem Leben verlor. Er konnte nicht behaupten, dass diese Taktik auch nur ansatzweise auf ging, aber wenigstens hatten sie im Haus seiner Eltern genug Platz, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen.
      "Meine Eltern hatten immer schon einen ziemlich altbackenen Stil. Als Kind fand ich es einfach langweilig. Mittlerweile ist es erdrückend. Ich muss dringend renovieren, aber offiziell hat Wy das Haus geerbt, also müsste ich alles mit ihm durchsprechen und ich glaube er ist in einer Phase, in der er kategorisch alles ablehnen würde, was ich vorschlage, außer, ich stelle einen Pool in den Garten." Er verdrehte leicht die Augen, bevor er sanft lachte. Er würde sich schon irgendwann mit seinem Bruder einigen können. Bis dahin musste er die Launen des Jüngeren einfach...aussitzen. Aber das war eigentlich kein Thema, das er heute ansprechen wollte.
      "Du hast auch einen Bruder, richtig?", fragte er. Zumindest hatte er eine vage Erinnerung daran, dass Aaron ihn in der Bar erwähnt hatte. "Ist er älter, oder jünger, als du?"

      Wyatt

      Den Sekt zu klauen war fast schon enttäuschend einfach. Der Schlüssel war Selbstbewusstsein, so tun, als würde man eben nichts kriminelles im Sinn haben, als würde man dazugehören und könnte sich die Flasche greifen, weil man alles Recht darauf hatte. Es war tatsächlich so einfach - eine der Aushilfen war immer noch auf das Nachfüllen der Becher fixiert, während die andere einem älteren Herrn erklärte, wie man zu den Toiletten kam - dass er sich direkt noch eine zweite Flasche griff. Niemand achtete auf ihn. Niemand hielt ihn auf, als er wieder aus dem kleinen Raum hinaus ging und Jude ansteuerte, der in sicherer Entfernung gewartet hatte, was fast eine Beleidigung war.
      "Danke für dein Vertrauen", merkte Wyatt mit einem kleinen Grinsen an, während er Jude eine der beiden Flaschen entgegen hielt. Der Sekt schien keine der teuren Flaschen zu sein, die man in Film und Fernseher sah. Zumindest hatte sie einen Drehverschluss. Wy drehte seine Flasche auf und wartete darauf, dass Jude das selbe tat.
      Er hatte noch nie richtig getrunken. Vielleicht hier und da mal einen Schluck bei Freunden, aber eigentlich hatte er Alkohol nie etwas abgewinnen können. Aber darum ging es hier nicht. Er wollte nur genug trinken, um Milos Date entweder zu stören, oder zu vergessen. Was auch immer zuerst passieren würde.
      "Na dann - Gratulation zur Ausstellung. Ich bin mir sicher, dass die Bilder künstlerisch wertvoll sind, oder so." Er klickte seine Flasche kurz gegen Judes, bevor er einen großen Schluck nahm. Sekt schmeckte deutlich schlimmer, als er befürchtet hatte. Er zog kurz die Nase kraus und zwang sich, einen weiteren Schluck zu trinken. Der zweite war wenigstens ein kleines bisschen besser.
      "Hast du dir bei den Motiven eigentlich was gedacht, oder hast du einfach nur gemalt, was du cool findest?"
    • Aaron

      "Hast du vor, in dem Haus zu bleiben oder ziehst du aus, wenn Wyatt alt genug ist? Oder denkst du, er will sowieso ausziehen?", fragte Aaron. Erbe war immer eine recht komplizierte Angelegenheit, vor allem wenn es um Minderjährige ging, die eigentlich Garnichts so richtig damit anfangen konnten. Aber normalerweise erbten doch alle Kinder, oder nicht? Seine Eltern mussten Milo explizit herausgenommen haben, wenn das Haus an Wyatt gegangen war. Aarons Mutter hatte schon unglaublich früh ein Testament erstellt, um zu fixieren, dass nichts von ihrem Besitz jemals an einen ihrer Ex-Ehemänner gehen würde, und Aaron und Leo bekamen beide das Haus vererbt. Wenn einer von ihnen darin wohnen wollen würde, müsste der andere eben ausgezahlt werden. Und nach ihnen standen klarerweise Claire und Sophie, die erben würden. Wenn Aaron je Kinder haben würde, würde seine Mutter das vermutlich wieder ändern und die Erbanteile fair aufteilen. Allerdings lag diese Sache hoffentlich noch weit in der Zukunft. Und falls nicht, würde Aaron seinem Bruder sowieso den Vortritt beim Haus lassen, da er eine Familie hatte.
      Er wollte Milo allerdings nicht vor den Kopf stoßen und gleich nachfragen, warum seine Eltern ihn enterben würden. Und vielleicht war das ja garnicht der Fall, sondern er hatte dafür irgendetwas anderes geerbt, Wertpapiere oder so. Es ging Aaron nicht wirklich was an. Nicht beim ersten Date.
      Er nickte auf die Frag, die das Thema wechselte. "Er ist zwei Jahre jünger und verhält sich auch so", sagte er. "Er ist verdammt frech und verhätschelt, wenn du mich fragst. Wahrscheinlich, weil er als Kind so viel komplizierter war, und zu viel Aufmerksamkeit bekommen hat, keine Ahnung. Aber seine Freundin weist ihn ganz gut in seine Schranken. Auch wenn es irgendwie lächerlich ist, mit 25 erzogen werden zu müssen. Auf mich fällt das auch zurück, weil ich regelmäßig auf seine Kinder aufpasse und die sich ein Beispiel an ihm nehmen"
      Er liebte seinen Bruder wirklich sehr, aber er verhielt sich manchmal wie ein 16-Jähriger, der unabsichtlich Vater geworden war. Ein Teil davon stimmte ja sogar. Aaron fühlte sich selbst nicht unbedingt alt, und er war auch als Kind nicht vernachlässigt worden oder sowas - im Gegenteil, er hatte so dermaßen viel Nachhilfe gebraucht, dass er ihre Familie fast ins Elend gestürzt hatte - aber irgendetwas unterschied Leo und ihn trotzdem gewaltig. Dabei war ihre Mutter mit ihnen beiden ziemlich locker umgegangen. Die Sache mit der Erziehung war demnach nicht Leos Schuld.
      Vielleicht war es wirklich die Tatsache, dass Aaron sich immer etwas verpflichteter gefühlt hatte, selbstständig zu sein, nach seinem jungen Coming Out, das nicht gerade ideal verlaufen war.

      Jude

      Damit hätte sich zumindest geklärt, dass er das Date nicht unterbrechen wollte, indem man ihm bei einem Diebstahl erwischte. Auch, wenn es nicht wirklich einer war, oder? Immerhin stand der Sekt ja den Besuchern zur Verfügung und sie waren auch Besucher.
      Jude nahm eine der beiden Flaschen entgegen und fragte sich, ob er wirklich einen Liter davon runterbringen würde. Vielleicht, wenn er ihn exte. Er trank einen Schluck, nachdem Wyatt mit seiner Flasche anstieß und verzog kurz das Gesicht. Geschmacklich nicht unbedingt herausragend. Er winkte Wyatt, sich ein paar Schritte weiter zu bewegen, in den Gang zu den Toiletten hinein, wo er an der Wand herunterrutschte und sich setzte.
      "Das ist ekelhaft, Desinfektionsmittel wäre mir lieber", kommentierte er kurz, bevor er noch einen großen Schluck nahm und versuchte, den Sekt nicht zu sehr an seiner Zunge ankommen zu lassen.
      Dann überlegte er kurz. "Carol - du weißt schon, die Frau mit den weißen Haaren von vorhin - hat mir geraten, etwas aus meinem Leben zu zeichnen, das mich beeinflusst hat, weil sowas gut ankommt, oder so. Emotionaler Wert", erklärte er. "Also hab ich das gemacht. Hast du dir überhaupt irgendetwas angesehen?" Jude grinste. "Warum soll ich dir was dazu erklären, wenn du nicht weißt, worum es geht?" Er lachte und trank dann noch einen Schluck. "Aber sie hatte recht, meine Lehrerin meinte, ich soll auf eine Kunst-Universität gehen. Als würde ich mir das antun, mit den ganzen Möchtegern-Hippies"
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    • Milo

      Milo schüttelte kurz den Kopf, als Aaron fragte, was er mit seiner Wohnsituation vorhatte. “Darüber habe ich mir noch keine richtigen Gedanken gemacht”, erklärte er. Als Kind hatte er das Haus geliebt und war irgendwie automatisch davon ausgegangen, dass er immer dort bleiben wollen würde. Mittlerweile wäre er lieber wieder in seiner kleinen Wohnung. Das Haus war eindeutig zu groß für zwei Leute. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Wy viel damit anstellen könnte, aber wahrscheinlich würde er aus bloßer Sentimentalität dran hängen bleiben. Oder er überraschte ihn und würde es sofort verkaufen. Zum Glück hatte er ja noch zwei Jahre, um alles irgendwie mit ihm durchzugehen und ihn von schlechten Entscheidungen abzuhalten. Bisher hatte es ja nicht sonderlich gut funktioniert.
      Dafür brachte Aaron ihn mit seiner kurzen Beschreibung seines eigenen Bruders zum lachen. Jüngere Geschwister schienen sich alle irgendwie auf eine Art zu ähneln, nicht? Aber wenigstens schienen sie einigermaßen gut auszukommen, wenn Aaron trotzdem regelmäßig auf seine Nichten aufpasste. Vor allem, wenn er sonst schon so viel Zeit im Jugendzentrum und Studium verbrachte. Kein Wunder, dass sie beide vollkommen ausgebucht waren.
      "Revanchiert er sich wenigstens fürs Babysitten, oder wird das als selbstverständlich angesehen?", fragte er amüsiert, während er sie langsam weiter durch die Ausstellung gingen. Eigentlich war der Raum gar nicht so groß, wie er am Anfang gewirkt hatte. Die meisten Ausstellungsstücke nahmen relativ viel Platz ein und die längste Strecke legte man zurück, wenn man den anderen Anwesenden ausweichen musste. Obwohl es wirklich nett war. Vielleicht hatte er Kunstausstellungen Unrecht dabei getan, sie nicht auf seine Date-Listen zu setzen. Oder vielleicht kam ihm das alles nur so schön vor, weil es sich langsam ein kleines bisschen mehr wie ein Date anfühlte und nicht mehr ganz nach Babysitten. Was ein nettes Stichwort war.
      Milo ließ seinen Blick durch die Anwesenden schweifen und spürte sein Herz ein kleines bisschen panischer schlagen, als er Wyatt nicht finden konnte. Gut, es war unübersichtlich. Wahrscheinlich hing er in irgendeiner Ecke und tat demonstrativ so, als würde ihn nichts interessieren. Es würde schon alles okay sein. Außer, dass bei Wyatt nie alles okay war. Er korrigierte ihren Kurs dezent in Jias Richtung. Sie hatte Wyatt zuletzt gesehen, nicht? Vielleicht wüsste sie, wo er war. Er wollte nur nicht zu panisch rüberkommen.

      Wyatt

      Wyatt folgte Jude weiter hinein in den Gang, bevor er sich neben ihn auf den Boden setzte und kurz einen Blick auf sein Handy warf. Eine kleine Beileidsbekundung von Emma, dass er in eine langweilige Kunstausstellung musste und eine Erinnerung von Lucas an ihre geplante Zocker-Runde heute Abend, aber noch kein Anruf von Milo, wo er war. Offensichtlich war sein Bruder wirklich wunderbar abgelenkt. Was Wyatt natürlich egal sein könnte, nicht? Er hatte es ja irgendwie nicht anders erwartet.
      "Ich hatte vor, sie mir etwas genauer anzusehen, aber...naja, der Gedanke zählt und so. Nicht?" Wyatt warf Jude ein kleines Lächeln zu. Abgesehen von Online Skins und Character Designs hatte er sich nie sonderlich für Kunst interessiert. Er hatte ein paar Freunde gehabt, die deutlich kreativer gewesen waren, als er, aber die meisten seiner Kontakte hatte er verloren, als er eine halbe Ewigkeit im Krankenhaus gelegen hatte. Es war irgendwie seltsam, dass die einzigen Leute, die ihn besucht hatten, die waren, die Milo nicht mochte. Gut, Lucas hatte versehentlich ein Loch in die Krankenhaus Gardinen gebrannt, aber wenigstens hatte er Cola reingeschmuggelt.
      Er schnaubte ein kleines Lachen, als Jude eine Kunst-Uni erwähnte. "Wieso nicht? Ihr könnt euch gegenseitig Blümchen in die Haare flechten. Aber ich glaube man muss Gitarre spielen können, um bei den Möchtegern-Hippies aufgenommen zu werden. Oder du gründest nen Kult." Er zuckte kurz mit den Schultern und würgte einen weiteren tiefen Schluck vom Sekt runter. Seine Wangen fühlten sich ein bisschen warm an. Das Museum musste gut geheizt sein. "Du scheinst doch eh alles zu können, was du ausprobierst. Sektenoberhaupt wäre doch cool."
    • Aaron

      "Oh, ja. Meistens gibt er mir und den Kleinen dafür das Abendessen aus, und so. Aber es wäre mir auch egal, wenn nicht. Das ist meine Familie, also passe ich gerne auf sie auf", erklärte er und lächelte. "Außerdem ist es echt entspannend, mit Kleinkindern zu spielen oder Filme anzusehen, solange sie gut drauf sind. Mittlerweile sind sie auch in dem Stadium, in dem sie wahnsinnig viel Blödsinn reden, das ist auch unterhaltsam" Aaron war eigentlich seit dem ersten Tag ziemlich ins Leben seiner Nichten eingebunden gewesen, weil Ness und Leo auch einfach etwas überfordert mit der Lebensumstellung gewesen waren. Und auch wenn er wirklich wenig Freizeit hatte, schätzte er die Momente wirklich, die er mit seiner Familie verbringen konnte. Nachdem er eine Weile... unfreiwillig ziemlich abgeschottet von ihnen gewesen war. Dafür schätzte er es mittlerweile umso mehr, so viele Menschen in seinem Leben zu haben. Alleine zu sein war Aarons größter Alptraum.
      "Aber das weißt du wahrscheinlich eh, hm? Ich wette, Wyatt war ein aufgedrehtes Kind. So wie mein Cousin. Einer davon zumindest" James und Thomas hatten früher fast jedes Wochenende mit Leo und ihm verbracht. Irgendwie traurig, dass solche Dinge mit dem Alter oft verloren gingen. Als Jugendliche hatten sie auch noch etwas Kontakt gehabt, aber spätestens als jeder mit dem Studium und der Arbeit begonnen hatte, war das auf einmal vorbei. Und Aaron musste zugeben, dass er Cassy kaum richtig kannte, weil sie einfach so viel jünger gewesen war, als sie alle. Und mit Elias hatte er noch nie ein Wort gewechselt. Ihre Familie war aber auch einfach gigantisch. Bei Familienfeiern kam man kaum dazu, jeden zu begrüßen.
      Aaron fiel auf, dass sie plötzlich in eine andere Richtung steuerten, da entdeckte er Jia und Kaia, die über irgendetwas flüsterten. Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und wusste auf einmal auch, weshalb Milo zu ihnen wollte. Er konnte Wyatt nicht sehen. Aber das war bei all den Leuten hier auch echt schwierig. Er griff sanft nach Milo Arm, während sie zu den Mädchen spazierten. "Hast du Wyatt rausgehen sehen?", fragte er. Aaron war deutlich zu fokussiert auf die Bilder und Milo gewesen, um darauf zu achten, was die ganzen Kinder hier anstellten. Immerhin waren hier so viele Menschen, die Verantwortung übernahmen, dass er sich kaum vorstellen konnte, dass hier etwas passieren würde. Aber Milo kannte seinen Bruder besser.

      Jude

      "Jetzt wo du es sagst, wäre das wahrscheinlich was für Jia", murmelte er. Mittlerweile trank er einen großen Schluck aus seiner Flasche, nach jedem Satz den er sprach. Irgendwie musste er das Zeug ja runterbekommen. Das war das gute an hartem Alkohol: Wenn man betrunken werden wollte, ging es wenigstens schnell. Jetzt gerade hatte er nur vor, demonstrativ die Flasche zu leeren und... Ja, was eigentlich? Beweisen, dass ihm das rein garnichts ausmachte? Bei Sekt konnte das ja auch kein Wunder sein.
      Jude lachte, als Wyatt anfing von einer Sekte zu reden. "Braucht man dafür nicht irgendeine Idee, um Anhänger zu finden? Ich mache definitiv nichts religiöses" Er überlegte und trank währenddessen aus seiner Flasche, als wäre es Wasser. Ekelhaftes, prickelndes Wasser. Er stellte stolz fest, dass mindestens die Hälfte schon weg sein musste. Er warf einen Blick auf das Etikett. 0.75 Liter? Es war nichtmal ein Ganzer. Was hatte er gerade sagen wollen?
      "Oh, aber ich wette, dass ein Haufen Leute glauben würden, ich bin der Auserwählte oder so, wenn ich immer alles gewinne", sagte er. Das war keine schlechte Idee. Auch wenn es ein bisschen religiös war. Aber egal. Vielleicht konnte er damit ja auch Spenden sammeln und musste nie arbeiten gehen? "Du musst das rumerzählen und verbreiten. Vielleicht geb ich dir dann was von meinen Spenden ab", murmelte er, als wäre der Plan schon fixiert.
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    • Milo

      Je länger Aaron redete, desto eher konnte er ihn sich mit den Kindern vorstellen. Es musste wirklich praktisch sein, ein Geschwisterkind zu haben, das eh mit Kindern arbeitete und daher vielleicht wenigstens ein bisschen Ahnung hatte. Obwohl er sich Aaron irgendwie auch in keinen anderen Berufsfeld vorstellen könnte. In ein langweiliges Büro, oder an eine Kasse, oder etwas ähnliches passte er einfach nicht.
      “Ich fand Wy als Kind richtig süß. Er hat mir immer alles geglaubt, was ich ihm erzählt habe und damit konnte ich ihn wundervoll aufziehen.” Milo zuckte leicht mit den Schultern. Der Altersunterschied war immer zu groß gewesen, um wirklich irgendwas zusammen zu machen. Wenn Wy in ein Hobby hineinwuchs, war Milo meistens schon daraus herausgewachsen. Als Wy in der Phase gewesen war, in der er spielen wollte, hatte Milo in der awkwarden Teenager-Phase gehangen, in der er kaum sein Zimmer verlassen hatte und jetzt schien es fast umgekehrt zu sein. Vielleicht hasste Wyatt ihn deshalb jetzt so und legte es immer drauf an, sein Leben möglichst kompliziert zu machen, in dem er plötzlich verschwand, zum Beispiel.
      "Nope. Ich wollte Jia nur kurz fragen, ob sie weiß, wo er ist", erklärte er. Er würde sich das Date dadurch nicht ruinieren lassen. Wyatt hatte einen Schlüssel bei und war bisher immer nach Hause gekommen. Milo musste es nur schaffen, den schrillen Alarmton in seinem Kopf zu ignorieren, der dafür sorgte, dass er sich auf nichts anderes konzentrieren konnte, als die Slideshow von Wyatt in irgendeiner Polizeizelle, die gerade durch seine Gedanken klickte. Obwohl das noch eines der besseren Szenarien war. Es war vollkommen verrückt. Eigentlich war Wy längst alt genug, um einfach alleine zu hause zu bleiben, oder bei Freunden zu sein, aber er konnte ihm einfach nie vertrauen, keine Katastrophe daraus zu basteln.
      "Hey", sprach er Jia mit einem kleinen Lächeln an. "Hast du zufälligerweise eine Ahnung, wo Wy ist?"


      Wyatt

      Wyatt warf einen unauffälligen Blick auf den Stand von Judes Flasche und trank nach, um nicht hinterher zu hinken. Er wollte- eigentlich wusste er gar nicht mehr so richtig, was er wollte. Was war sein Ziel mit dem Sekt gewesen? Die Enttäuschung über den Tag abfedern, oder Milos Date ruinieren? Beides vielleicht? Obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass der Sekt noch irgendwas an dem Date ändern würde. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sich seine Gedanken im Kreis drehten.
      "Ich hatte die Idee. Wenn ich jetzt noch die Werbung machen soll, bin ich für mindestens 50/50 bei den Spenden." Er würgte noch etwas von dem Sekt runter. Er war jetzt über der Hälfte. Das war...gut, oder? Er fühlte sich noch nicht angetrunken. Obwohl er eigentlich nicht wusste, wie es sich überhaupt anfühlte, betrunken zu sein, also sollte er selbst vielleicht nicht über seinen eigenen Zustand richten, wenn er - wohin ging dieser Gedanke nochmal?
      "Ist der Vorteil an einer Sekte nicht, dass man irgendwie seine eigene Religion baut? Du könntest die Wochentage umdrehen. Samstag und Sonntag wird gearbeitet und Montag bis Freitag ist frei. Statt einer Messe wird regelmäßig zusammen online gezockt und die heiligen Schriften werden durch DnD Kampagnen erzählt." Er grinste leicht, während seine eigenen Ideen ihm immer besser gefielen. Warum hatte sonst noch niemand daran gedacht?
      "Ist es in Museen eigentlich immer so warm?" Er schob die Ärmel seines Hoodies zurück und zog seine Beine zu einem Schneidersitz zusammen. Oder wollte es zumindest. Eines schien nicht reagieren zu- Oh. Richtig. Er zog seine Prothese an seinem Hosenbein zum Schneidersitz, bevor er wieder zu der Sektflasche griff.
    • Aaron

      Jia drehte sich prompt herum, als Milo sie ansprach, und ließ Kaia mitten im Satz hängen. "Oh... Jude hat ihn vorhin mitgezogen, um sein Handy aus seiner Jacke zu holen", sagte sie leise. Ihr Blick schwankte zu Aaron, bevor sie anhängte: "Aber das ist schon länger her. Soll ich mal nachsehen?"
      Aaron seufzte. "Wenn es dir nichts ausmacht", sagte er. Langsam bekam er wirklich ein schlechtes Gewissen, wenn er Jia um solche Dinge bat. Ständig ging ihre Freizeit dafür drauf. Und Aaron bezweifelte, dass sie ihm irgendetwas ausschlagen würde. Was... definitiv etwas war, woran sie arbeiten sollten.
      "Ich komme mit", sagte Kaia sofort. Das ließ Aaron ein wenig auflockern. Zumindest hatte sie beim Suchen dann Gesellschaft. Und das nur, damit Milo und er sich keine Sorgen machen mussten. Obwohl Wyatt dann ja bei Jude war... Seltsamerweise entspannte der Gedanke Aaron aber kaum. Gut, es war Judes Ausstellung und er würde nicht absichtlich irgendetwas anstellen, vor allem wenn seine Familie hier war, richtig? Aber aufhalten würde er Wyatt definitiv auch nicht. Naja, mit diesen Sorgen hatte Aaron ja rechnen können. Bisher war ihm dieses Date für ihre Umstände auch deutlich zu locker vorgekommen.
      Die Mädchen liefen bereits aus dem Ausstellungsraum, und Aaron dreht sich zu Milo herum. "Mach dir keine Sorgen. Was sollen sie in einem Museum schon anstellen? Ich glaube nicht, dass Wyatt ein Kunstobjekt stehlen würde, das wäre etwas heftig" Er schmunzelte. Und er hoffte, dass Milo ihm zustimmen würde.

      Jude

      "Na schön. Solange wir genug Geld machen, kannst du die Hälfte behalten", erwiderte Jude, winkte ab und rutschte tiefer in seinen Sitz hinein. Der Steinboden war echt ungemütlich. Gab es hier nicht irgendwo ein Sofa? Obwohl er wohl einen Vorteil hatte. "Der Boden ist kalt", murmelte er, als unausgesprochenen Vorschlag, dass Wyatt sich doch hinlegen sollte. Ihm selbst war auch etwas warm, aber bevor er seinen Pullover ausziehen konnte, beobachtete er mit zusammengekniffenen Augen, wie Wyatt an seinem eigenen Bein zog, als wäre es aus Holz. Ohne darüber nachzudenken streckte Jude den Arm aus und griff nach Wyatts Knie. "Wow", sagte er, als seine Vermutung sich bestätigte. Er nahm seine Hand zurück und zog seinen Pullover aus. "Jetzt können wir beide unseren Sektenanhängern erzählen, dass wir die Auserwählten sind. Bist du in irgendwas gut? Dann trittst du eben nur in einer Kategorie auf, wo du nie verlierst. Hey, hast du eigentlich auch Phantomschmerzen in dem Bein? Hab ich mal gehört. Echt krass, dass man was fühlen kann, das nicht da ist. Ich spüre auf den Narben überhaupt garnichts, obwohl meine Haut noch existiert"
      Jude hatte vermutlich zehn Gedankensprünge in diesem Wortschwall gemacht, was ihm währenddessen kaum auffiel. Allerdings... ihm war heiß und er hatte keine Hemmungen? Das war nicht unbedingt was besonderes bei ihm, aber er kannte definitiv den Unterschied zwischen angetrunken und nüchtern. Hm, vielleicht hatte er Sekt etwas unterschätzt. Nachdem er die Flasche in unter einer halben Stunde fast ausgetrunken hatte... Hah. Vermutlich hätte er sich etwas zurückhalten sollen. Aber jetzt konnte er Wyatt auch nicht glauben lassen, dass er so schnell betrunken wurde.
      Jude setzte bereits dazu an, sich selbst etwas zu beweisen, indem er den nächsten Schluck trank, als Jia vor seiner Nase auftauchte. Er hatte nichtmal mitbekommen, dass sie um die Ecke gekommen war, und jetzt hockte sie am Boden und streckte die Hand nach seiner Sektflasche aus. "Was macht ihr hier?", fragte sie, in einem leicht abschätzigen Ton, gemischt mit dezenter Sorge und Verwirrung. Jude wusste sofort, dass sie einen Kontrollgang gemacht hatte, um sie zu finden. "Willst du nen Schluck?", fragte er grinsend.
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    • Milo

      "Danke ihr beiden." Milo sah Jia und ihrer Freundin hinterher, als die beiden hinaus in den Gang verschwanden. Eigentlich sollte alles an dieser Situation vollkommen normal sein. Es sollte normal sein, dass Teenager zwischendurch verschwanden, um durch das Museum zu geistern und sich die anderen Ausstellungen anzusehen. Es sollte normal sein, sich zwischendurch ein bisschen zu verlieren und dann abend zusammen am Tisch darüber zu reden, was man alles erlebt hatte. Die einzige Variable, die bei alledem nicht mitspielte, war Wyatt, der es jedes mal darauf anlegte, möglichst viel Chaos anzustellen.
      Milo atmete kurz durch, bevor er sich zu Aaron drehte. "Tut mir wirklich leid. Ich hatte Wyatt am Anfang allen Freiraum gegeben, den er wollte, weil ich dachte, dass ihm das irgendwie helfen würde und das ist furchtbar nach hinten losgegangen, also bin ich jetzt wohl etwas überfürsorglich. Du hast Recht, es wird schon alles okay sein." Er lächelte, während er sich doch endlich dazu bringen konnte, nach Aarons Hand zu greifen. "Ich wollte dich eben auch nicht unterbrechen. Ich glaube, du hast von deinem Cousin geredet?", versuchte er den Faden wieder aufzunehmen. Er konnte nur hoffen, dass Aaron nachsichtig sein würde. Er arbeitete selbst mit Kindern und er hatte offensichtlich eine etwas größere Familie mit Kindern, die jünger waren, als er. Vielleicht würde das irgendwie helfen. Er wollte das hier nicht ruinieren. Er wollte sich nicht eingestehen, dass es vielleicht ein bisschen zu früh für eine Beziehung war, auch, wenn ihm dieser Gedanke furchtbar egoistisch vorkam.
      "Hast du eine große Familie, oder endet es bei deinem Bruder und...mindestens zwei Cousins?" Er versuchte, das unangenehme Kribbeln zu ignorieren, das ihm einreden wollte, dass er nur Minuten von einer Katastrophe entfernt war.


      Wyatt

      Es war seltsam. Wyatt hatte das Gefühl, dass er die kurze Berührung an seinem Knie fühlte, auch, wenn es unmöglich war. Das war ihm jetzt schon seit Wochen nicht mehr passiert. Das letzte mal, als er gegen den Wohnzimmertisch gestoßen war und aus Reflex kurz aufgeschrien hatte, bevor er realisiert hatte, dass er keinen Schmerz spürte. Obwohl das schöner war, als das Gegenteil. Phantomschmerzen. Wie oft war Wyatt schon Nachts wachgeworden mit dem Gefühl, dass sein Bein gebrochen war? Milo hatte ihm eingeschärft, ihm bei Schmerzen bescheid zu geben, damit er entsprechende Medikamente verschreiben konnte, aber...irgendwie würde das Wyatt das Gefühl geben, zu verlieren. Er wusste nicht mal, was er verlieren würde. Er wollte einfach nicht zugeben, dass ihn das ganze Attentat vielleicht mehr verfolgte, als er sich selbst eingestehen wollte.
      Er zuckte kurz mit den Schultern, als Jude ihn fragte, unsicher, wie er antworten sollte. Er entschied sich für die einfachste Lösung - er ignorierte die Frage und konzentrierte sich dafür auf den Rest.
      "Ich...glaube, ich kann gar nichts besonders gut", antwortete er. "Vielleicht kann ich ja noch irgendwelche Zaubertricks lernen, oder so." Der Gedanke brachte ihn irgendwie selbst zum Lachen. Wahrscheinlich würde er nicht mal einen ordentlichen Zaubererzylinder über seine Haare bekommen. Vielleicht wäre es besser, wenn er die Logistik übernehmen und Jude alles andere machen lassen würde. Er trank einen weiteren Schluck - der Sekt schmeckte wirklich, als würde man nasse Pappe essen - bevor Jia ihn aus seinen Gedanken riss.
      Natürlich war es Jia, die sie unterbrechen würde. Sie hatte eben schon an ihm geklebt und wahrscheinlich wollte sie Aarons Date irgendwie vor allem retten, was Wy anstellen würde. Obwohl sie dafür wohl schon einen kleinen Moment zu spät dran war. Wyatt hatte fast ein bisschen Mitleid.
      "Wir planen gerade Judes Aufstieg zum Sektenführer", erklärte er, während er ein wenig zur Seite rutschte, als ob der Boden nicht groß genug wäre und er Platz für die beiden Mädchen machen wollte. "Ihr könnt noch einsteigen, wenn ihr wollt. Ich glaube, wir brauchen noch jemanden, der sich um den ganzen legalen Kram kümmert, bis die Sekte groß genug ist, um sich darüber keine Sorgen mehr machen zu müssen."
    • Aaron

      "Schon okay, nach so einer Lebensumstellung kann nicht alles gleich glatt laufen", erwiderte er lächelnd und zuckte mit den Schultern. Milo trug an dem ganzen sowieso überhaupt keine Schuld und Aaron könnte nicht auf ein Kind böse sein, das gerade seine Eltern verloren hatte. Also hieß es eben, das alles zu akzeptieren. Es war ja auch nicht so, als wäre Aaron hier festgebunden, aber er mochte Milo, und somit betrachtete er das einfach ganz locker. Sollte seine Gegenwart wirklich alles verschlimmern, dann mussten sie das auch akzeptieren und... naja, dann funktionierte es nicht. Aber so weit waren sie noch nicht.
      Im Gegenteil. Nachdem Milo nach seiner Hand griff hatte Aaron eher das Gefühl, dass er alles daran setzen würde, dass seine Gegenwart die Situation nicht verschlechtern konnte. Alles was er tun musste, war Wyatt für sich zu gewinnen, oder? Gut, dass er jeden Tag mit schwierigen Jugendlichen zu tun hatte, da hatte er schon einen Vorteil.
      "Ohh, ich hab drei Cousins, eine Cousine, einen Bruder und zwei Nichten und der Rest ist eher entfernt, aber meine Familie ist erschreckend groß", erklärte er lachend. Er wollte jede Sekunde, in der sie sich unterhalten konnten, voll auskosten. "Fast alle wohnen auch außerhalb von London, meine Eltern zum Beispiel. Ich bin in einer ruhigeren Gegend aufgewachsen und erst vor fünf Jahren hergezogen. Und du? Hast du noch andere Familienmitglieder hier?"

      Jia

      Urgh, das war... ja wieder klar. Jia nahm Jude als Antwort die Sektflasche aus der Hand, aber natürlich trank sie nichts. Kaia lehnte sich gegenüber von den Jungs an die Wand. "Hm, und ich dachte schon, die Ausstellung wird langweilig", sagte sie. Jia schloss kurz die Augen, um ihre Gedanken zu ordnen. Zumindest saßen sie hier nur am Boden herum, das war keine Katastrophe. Aber wenn Milo davon erfuhr, würden sie definitiv gleich nachhause fahren. Aber schlimmer war...
      "Jude, deine Familie ist hier und Carol", sagte sie leicht empört. Sie wusste, dass Helen, Emerys Mutter, ständig davon schwärmte, dass ihre Kinder nie etwas anstellen würden. Was echt... unglaublich war und Jia konnte ihr da kaum zuhören. Sie hatte wohl keine Ahnung, wer in ihrem Haus wohnte. Jude zuckte nur mit den Schultern.
      "Ugh" Sie seufzte und wandte sich an Kaia. "Was jetzt? Soll ich die Flasche mit Wasser auffüllen?", fragte sie etwas hilflos. Sie sollte sich bestimmt nicht so verantwortlich fühlen, aber ihre eigene Angst davor, etwas falsch zu machen, übertrug sich oftmals auf andere. Ihr war klar, dass Milo und Judes Adoptiveltern damit bestimmt anders umgehen würden, als ihre eigenen Eltern, aber dennoch...
      "Mach dir nicht so eine Stress, Jia. Du bist nicht diejenige, die bescheuert genug war, sich in einem Museum anzutrinken, während deine Familie im nächsten Raum ist", antwortete Kaia. Sie lachte, dann hockte sie sich vor Wyatt. "Du, das war deine Idee, stimmt's? Und Jude hat wiedermal sein Gehirn ausgeschalten. Mann, was ist eigentlich los bei euch? Das Y-Chromosom muss echt Dummheit mit sich bringen" Sie sah zu Jia auf, setzte an etwas zu sagen, stoppte dann aber und das 'Hoppla' war in ihren Augen abzulesen. Jia seufzte. "Was wolltest du sagen?", fragte sie. Eigentlich konnte sie ja froh sein, wenn ihre Freunde vergaßen, dass sie nicht als Mädchen geboren war.
      "Eh... Wenn du dich echt verantwortlich fühlen willst, dann ja, Wasser", setzte Kaia ihren Gedanken fort, dann sah sie wieder Wyatt an. "Und warum soll ich mich um die legalen Angelegenheiten kümmern, während ihr den Spaß habt?"
      "Kann eine Sekte überhaupt... legal sein?", murmelte Jude.
      "Sekten sind legal, solange man nichts illegales macht", lachte Kaia und setzte sich nun doch neben Wyatt.
      Jia blinzelte. Jude war völlig weg. Hatten die beiden echt jeweils einen Liter von dem Sekt getrunken? Wieso?? Sie schüttelte kurz den Kopf und lief den Gang entlang zu den Toiletten, um die Flasche aufzufüllen. Sie konnten ja nur hoffen, dass demnächst niemand aufs Klo ging.
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    • Milo

      "Das klingt nach sehr vollen Familienfesten", antwortete Milo mit einem kleinen, etwas überforderten Lächeln. "Wir hatten nie viel mit dem Rest der Familie zu tun. Ich habe nur Onkel, Tante und Cousin in den USA. Ich hab sie ab und an mal besucht, aber...ich glaube Amerika ist nichts für mich. Dafür konnte ich meinem Cousin beim letzten Besuch endlich davon überzeugen, dass London nicht nur aus Regen und Menschen mit witzigen Akzenten besteht." Er zuckte leicht mit den Schultern. Eigentlich wartete er immer noch darauf, dass irgendwo die Alarmsirenen angingen und das Wachpersonal Wyatt zu ihm zerren würde. Es war fast ein bisschen seltsam, dass so gar nichts passierte. Er hoffte nur, dass sie Jia und ihrer Freundin nicht zu viel zugemutet hatten. Die beiden Mädchen waren schließlich auch hier, um einen entspannten Tag zu haben und nicht, um sich um Wyatt zu kümmern.
      "Ist deine Familie generell modisch interessiert, oder bist du die einzige kleine Discokugel?", fragte Milo weiter, während er Aaron zurück zu den Kunstwerken zog und dabei lächelnd kurz an dem glitzernden Stoff zupfte. Sie blieben passend dazu vor ein paar textilen Werken stehen - etwas, was aussah wie ein paar Leinenstreifen war über eine Schaufensterpuppe drapiert worden, die eine offensichtlich selbstgestrickte Mütze trug. Die Mütze sah süß aus, bunt mit kleinen Aufnähern, aber die Stoffstreifen überstiegen Milos künstlerisches Verständnis. Sollte er sich doch je zu Kindern durchringen können, hoffte er, dass sie eher sportlich, als kreativ waren. Und nicht so chaotisch, wie der Teenager, um den er sich jetzt kümmern musste. Er hoffte nur, dass Jia so lange weg war, weil sie sich...wunderbar unterhielten, oder Jude seine Jacke verloren hatte, oder so.


      Wyatt

      "Genial, nicht?", fragte Wyatt mit einem Grinsen, als Kaia ihn fragte, ob der Sekt seine Idee gewesen war. Er hatte schon deutlich schlechtere Ideen in seinem Leben gehabt. Sicher, Sekt schmeckte widerlich, aber dafür war er gerade tatsächlich überraschend gut drauf. Hier zu sitzen war eindeutig unterhaltsamer, als sich Bilder anzusehen, auch, wenn es ihm langsam ein bisschen leid tat, dass er sich keinen Moment genommen hatte, um Judes Bilder zu sehen. Er hatte sich bestimmt Mühe gegeben und sie sahen bestimmt toll aus, oder so. Vielleicht sollten sie gleich doch nochmal rein gehen und er würde sich zum Ausgleich alle von ihm erklären lassen. Ja! Das klang nach einer weiteren tollen Idee!
      Wyatt blinzelte kurz, als eine Schweigesekunde zwischen Kaia und Jia entstand, die er nicht ganz nachvollziehen konnte. Er hatte das Gefühl, gerade was verpasst zu haben. Nicht, dass es ihm stören würde. Vor allem jetzt, wo der Plan, eine Sekte zu gründen, immer konkreter wurde. Sie waren auf einem guten Weg! Das spürte er einfach!
      "Ja, aber genau deshalb muss die Sekte ja so groß und wichtig werden, dass es niemanden stört, wenn sie was Illegales macht!", erklärte er, auch, wenn ihm gerade eigentlich nichts wirklich illegales einfallen wollte, was sie tun könnten. In einer Sekte hätten sie ja eh genug Geld, um sich alles zu kaufen, was sie wollten, oder? "Wir könnten Hausaufgaben abschaffen und niemanden würde es interessieren", erklärte er schließlich. "Das ist voll genial, Kaia! Oh! Du könntest auch einfach in die Werbung einsteigen! Du redest doch so gerne, oder?" Zumindest war ihm das eben so vorgekommen, als er noch mit ihr und Jia festgesteckt hatte. Wo war Jia überhaupt? Hatte er sie gehen sehen?
    • Jude

      "Du denkst nicht groß genug", murmelte Jude. Langsam wurde es anstrengend, Worte einzeln auszusprechen und nicht in einer langen Aneinanderreihen von Lauten zusammenzuziehen. "Wen interessieren Hausaufgaben? Wir sollten das Arbeitslosengeld erhöhen, damit man nur noch freiwillig arbeiten muss"
      "Bitte, als würde es dich so stören zu arbeiten. Was auch immer du machst, wird wahrscheinlich eh den Nobelpreis kriegen. Und das meine ich nicht als Kompliment. Du und dein Glück nerven", motzte Kaia. "Aber wenn ihr gute Ideen umsetzt, helfe ich bei der Werbung" Sie nickte entschlossen. "Vielleicht solltet ihr statt einer Sekte auch einfach die Politik andenken, wenn euer Ziel nicht wirklich ist, einfach nur in den Himmel gelobt zu werden"
      "Nein. Das war genau die Idee. Politiker sind alle... urgh, wo ist Jia? Sie ist nicht ernsthaft petzen gegangen, oder?" Jude setzte sich auf. Das konnte jetzt nicht so enden. Er hatte doch noch Sekt übrig. In... der Flasche... die er eben noch hatte.
      "Sie holt dir was zu trinken, Idiot"
      "Sekt?"
      "Wasser"
      Jude seufzte genervt und lehnte sich wieder an die Wand. Dann grinste er leicht. "Hey, Kaia, sei ehrlich, man merkt sowieso nicht, dass wir getrunken haben, oder?" Er wandte sich an Wyatt. "Gehen wir wieder zur Ausstellung", forderte er ihn auf. Er war sich sicher, dass niemand etwas merken würde, solange er sich genug auf die Abstände zwischen seinen Worten konzentrierte... Zuhause merkte ja auch nie wer etwas! Und selbst wenn, könnten sie wenigstens mal gucken, wie lange sie es durchhielten und wer von ihnen früher aufflog. Definitiv Wyatt. Und Jude würde bis zur letzten Sekunde daran festhalten, dass er keine Ahnung hatte, wie Wyatt an Alkohol gekommen war. Yup. Er stand auf, etwas wackelig, aber die Wand war ja aus einem Grund da.
      Kaia schwieg. "Oh. Im Ernst?", meinte sie dann etwas uninteressiert und zog ihre Beine an sich, damit Jude nicht darüber fiel.

      Aaron

      "Pft, die sind die mit dem witzigen Akzent", meckerte Aaron gespielt. "Hey, das heißt aber, dass du dort mal billiger Urlaub machen könntest, nicht? Ich wünschte ich hätte Familie im Ausland. Obwohl... Ich sollte mal meine Mutter fragen, vielleicht hab ich ja welche. Bei so vielen Leuten kann man keinen Überblick behalten" In jedem Fall brauchte er Urlaub. Auch wenn er nicht sicher war, ob ein paar Tage oder Wochen an diesem Punkt noch ansatzweise reichen würde.
      "Meine Mutter steht auf den Hippie-Kram. 70-er Jahre, viele Pailletten, Glockenhosen und gigantische Ohrringe. Vielleicht kommt das Interesse daher, aber... ein sehr modisches Vorbild hatte ich auch nicht" Er lachte. "Aber Diskokugel beschreibt meine Mutter eigentlich echt gut. Dafür sieht sie es nicht gern, wenn ich mich so anziehe" Sie war leicht... heteronorm was das betraf. Oder was alles betraf. Klar, sie hatte Leo und ihm immer super viel Freiraum gegeben, aber der endete da, wo die Geschlechternorm aufhörte.
      "Und, hattest du eine Emo oder Punk Phase als Jugendlicher oder bist du direkt mit diesem Kleidungsstil geschlüpft?" Aaron grinste. Milo brauchte garkeine Accessoires oder sonstiges Zeug, er war heiß genug, um den Nerd-Style zu rocken. Aaron war sogar eher der Meinung, dass das noch dazu beitrug, aber vielleicht war das einfach sein Nischen-Geschmack.
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