The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Wyatt

      Ein Brand. Das erklärte die Narben an Judes Unterarmen. Obwohl sich Wyatt schon etwas in die Richtung gedacht hatte. Wahrscheinlich war es schwer, hier drin auch nur eine Person zu finden, die ein vollkommen normales, dramafreies Familienleben hatte. Wyatt schob seine Hände in seine Hosentaschen, während er Jia folgte. Wenigstens schien Jude seine Misere irgendwie mit seinem Glück ausgleichen zu können. Hoffentlich würde er mit seinem Selbstvertrauen gleich aufs Maul fallen und ab und zu mal verlieren.
      "Du erzählst mir also Judes halbe Lebensgeschichte, aber nicht deine?", fragte er beiläufig, während sie sich an einen Tisch ins Foyer setzten. Hier war zum Glück wieder etwas weniger los. "Ziemlich unfair, findest du nicht?" Es hatte sich in den letzten Minuten absolut nichts geändert, Jia wirkte immer noch einfach vollkommen normal auf ihn. Durchschnittlich, langweilig... und ihm gegenüber viel zu nett, dafür, dass sie ihn offensichtlich nicht leiden konnte. Was könnte sie angestellt haben, dass ihre Eltern so aufregte, dass sie nicht mehr bei ihnen wohnte? Hatte sie das Haus in Brand gesteckt? Zu viele Haarschleifchen gesammelt?
      Er nahm das Spiel an sich und begann, die Karten zu mischen. Die Ecken waren schon ein wenig in Mitleidenschaft gezogen, aber die Karten hatten noch keine Knicke. Offensichtlich wurde hier tatsächlich öfter gespielt. Oder das Spiel war von irgendjemandem gespendet worden, der es vorher öfter gespielt hatte. "Was machst du eigentlich gerne, wenn du hier bist? Mario Kart spielen ja offensichtlich nicht", wechselte er selbst das Thema. Jia konnte gerne mit ihrer Doppelmoral weiterleben, aber es musste irgendwas an ihr geben, worüber sie reden konnte, also wieso nicht eine der Basic-Themen ansprechen, über die man immer reden konnte? Er musste nur hoffen, dass Jude wieder auftauchen würde, bevor sie sich beide über den Londoner Regen unterhalten mussten. Aber er hatte sonst keine Ahnung, worüber er mit ihr reden sollte. Sie wirkte nicht wie jemand, der mit Freunden online Spiele spielte, oder Horror-Filme schaute.
    • Jia

      Okay, Wyatt war eindeutig zu neugierig. Und Jia war es eindeutig zu unangenehm, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, nur weil Wyatt sie drängte.
      „Das ist nicht dasselbe. Er erzählt das außerdem sowieso andauernd jedem“, antwortete sie. Es machte ihr auch nichts aus, jemandem zu erzählen, dass sie nicht zuhause wohnte und keinen Kontakt zu ihren Eltern hatte. Das Problem war ja nur, dass dann immer gefragt wurde ‚wieso?‘ und sie wusste wieso, sie konnte das auch ganz leicht erklären, abgesehen davon dass sie es nicht wirklich verstand, aber dann riskierte sie jedes Mal, dass wieder das selbe passierte. Dass irgendjemand sie nicht mochte, sie seltsam fand und ansah, als wäre etwas von Grund auf falsch mit ihr. Das Problem hatte Jude nicht, denn es war nicht seine Schuld, dass sein Haus gebrannt hatte. Aber… auch, wenn ihr alle sagten, dass sie genauso wenig Schuld daran trug, was passiert war, konnte sie das nicht so ganz glauben. Wenn sie ganz normal wäre, dann würden ihre Eltern sie auch nicht hassen. Niemand außer ihr selbst war Grund dafür, dass sie nicht zuhause wohnen durfte.
      Jia sah Wyatt beim Kartenmischen zu und merkte, dass sie ein wenig haderte. Es war echt irgendwie unfair, wenn sie immer von allen wusste, was ihnen passiert war, aber sie selbst erzählte nichts. Aber wenn sie es tat, konnte ihr auch keiner garantieren, dass sie nicht gleich alleine hier am Tisch saß. Oder auch überall anders alleine war. Über ihre Freunde, mit denen sie über alles geredet hatte und die sie immernoch mochten, war sie ja echt glücklich, aber sie dachte auch immer an die Leute, die nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten. Vor allem, seit sie ausgezogen war und keiner sie mehr daran hinderte, sich anzuziehen, wie sie wollte und die Dinge zu tun, die sie machen wollte.
      Wyatt lenkte sie mit seiner Frage plötzlich ab. „Hm? Oh. Wenn ich hier bin, rede ich oft einfach mit Freunden… Wir schauen Filme an oder backen oder zeichnen oder sitzen einfach nur und reden“, murmelte sie. Sie setzte sich etwas weiter auf und sprach wieder deutlicher. „Aber ich bin wirklich nicht immer hier. Ich hab auch Freunde, die nicht herkommen. Mit denen ich einkaufen gehe oder essen. Und ich bin schon lange in einem Eiskunstlauf-Kurs“ Irgendwie hatte sie ein bisschen das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, nachdem Jude vorhin nochmal unterstrichen hatte, dass sie nichts anderes tat als an Aaron zu kleben. Sie war gern bei ihm aber das hieß nicht, dass sie sonst kein Leben hatte. Sie war nicht fünf.
      „Früher war ich auch oft schwimmen oder mein Bruder hat mich gezwungen, mit ihm Basketball zu spielen“ Sie zuckte mit den Schultern. Das war schon zwei oder drei Jahre her, seit sie das zuletzt gemacht hatten. Aber wenn es wärmer war, machte sie im Garten hier auch immer bei allem mit, egal ob Basketball, Fußball oder Badminton.
      Jias Blick wurde von den Karten am Tisch plötzlich weggezogen, als sie im Augenwinkel Jude auf sie zukommen sah, der sich sogleich zu ihnen an den Tisch setzte und Wyatt angrinste. „Ich hab grade was erfahren, das dich freuen wird“, sagte er verschmitzt. „Du wirst Aaron vermutlich noch öfter sehen. Wer weiß, vielleicht wohnt er bald bei euch“
      Jia horchte auf. Sagte er das, was sie dachte, das er sagte?
      „Dein Bruder hat ein Date mit ihm“, erklärte Jude endlich. „Wusstest du das und kannst ihn deswegen nicht leiden oder magst du einfach prinzipiell niemanden, der nett zu dir ist?“
      Oh. Sie hatte. Recht gehabt. Jia scannte Wyatt nach seiner Reaktion.
      „Wäre ganz schön kindisch, wenn du dich da einmischt“, neckte Jude ihn. Da hatte er definitiv recht.
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    • Wyatt

      "Mhm, das klingt genau nach etwas, was man sagen würde um zu verstecken, dass man dauernd hier ist", zog Wyatt Jia mit einem kleinen Grinsen auf. Er wusste nicht, wieso sie so versessen darauf war zu beweisen, dass sie nicht ständig hier war. Ihn musste sie sicher nicht beeindrucken - da kämpfte sie eh auf verlorenem Posten - und sonst passte sie doch wunderbar ins langweilige Bild des Jugendzentrums.
      Er überlegte gerade, welche halb-interessierte Frage er zum Eiskunstlaufen stellen könnte, als Jude seinen Gedanken auf die wohl unschönste Art unterbrach, die ihm einfallen könnte. Wyatt stoppte mit dem Mischen, während er Jude anstarrte, als ob er gerade Spanisch mit ihm gesprochen hätte. Er verstand die Wörter einzeln, aber zusammen schienen sie keinen Sinn zu ergeben. Milo. Und Aaron. Auf einem Date. Je öfter dieser Gedanke durch seinen Kopf zischte, desto offensichtlicher fühlte es sich an. Natürlich. Natürlich fand Milo in seinem ach so überfüllten Terminkalender eher Zeit für die nervtötendste Person Englands, als für seinen eigenen Bruder. Natürlich ließ er sich von diesem Friede-Freude-Eierkuchen Grinsen den Kopf verdrehen.
      Wyatt wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er legte den Kartenstapel vor sich auf den Tisch und presste die Lippen aufeinander. Aaron würde natürlich absolut nicht bei ihnen einziehen, das war vollkommener Schwachsinn, aber er würde ihn wahrscheinlich auch so öfter sehen, als ihm lieb war. Obwohl es fast schlimmer war, wenn er ihn nicht sehen würde, weil er auf einem Date mit Milo war, den er folglich auch deutlich seltener sehen würde. Fantastisch. Noch mehr Zeit, in der Milo versuchen würde, ihn an irgendjemand anderen abzuschieben. Wahrscheinlich war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Wyatt doch in Amerika landen würde, weil Milo einfach gar keine Zeit mehr hatte.
      Zwei Jahre und zwei Monate. Er musste nur noch zwei Jahre und zwei Monate durchhalten, bis er 18 war und selbst entscheiden konnte, was er tun wollte, wo er wohnte und mit wem er seine Zeit verbrachte.
      "Wusste ich nicht", antwortete er knapp. Durchatmen. Wenigstens musste er die anderen Anwesenden nicht länger als heute aushalten. "Ich mag einfach generell niemanden, der gezwungen fröhlich ist." Natürlich würde er sich nicht einmischen. Wenn Milo meinte, dass ihm irgendein Idiot wichtiger war, als sein eigener Bruder, war das sein Problem. Wenn Wyatt zufälligerweise in der Zwischenzeit etwas anstellte, könnte Milo sich ja jederzeit dazu entscheiden, ihn einfach weiter zu ignorieren. Es war nicht so, als ob Wy ihn dazu zwingen könnte, das Date abzusagen.
    • Jia

      Jude und Jia schwiegen beide für einen Moment, und sie dachten vermutlich genau das selbe, als Wyatt antwortete. Aaron war nicht gezwungen fröhlich, er war es einfach tatsächlich. Was auch ein wenig gewöhnungsbedürftig war, aber es war angenehm, wenn man jemanden um sich hatte, auf dessen Freundlichkeit man sich immer verlassen konnte. Selbst wenn er müde oder tatsächlich schlecht gelaunt war, hielt ihn das nicht auf, nett zu allen hier zu sein. Es war quasi unmöglich, ihn wirklich zu verärgern und Hass war vermutlich garnicht in seinem Gefühls-Repertoire.
      "Also wenn dein Bruder nur ansatzweise so allergisch auf Freude ist, dann wird das zwischen denen sowieso nicht lange halten", sprach Jude seine Gedanken wieder ungefiltert aus. Jia hoffte allerdings wirklich, dass er unrecht hatte. Hoffentlich hatte Milo Humor und war normalerweise übertrieben glücklich. Hoffentlich hielt das zwischen ihnen. Jia hatte keine Angst, dass Aaron sie wegen irgendetwas oder irgendjemandem vergessen würde, schließlich arbeitete er sowieso hier. Aber sie wünschte ihm total, dass er jemanden hatte. Kaia hatte mal erzählt, dass ihre Oma angefangen hatte, mit ihren Katzen zu reden, also richtige Konversationen zu führen, nachdem ihr Opa gestorben war. Ihre Eltern sagten zwar, dass das an der Demenz lag, aber sie war sich sicher, dass sie einfach langsam verrückt durch die Einsamkeit wurde. Und sobald man anfing mit Katzen zu reden war die Wahrscheinlichkeit laut ihr sehr gering, nochmal jemanden zu finden. Seitdem verspürte Jia auch ein wenig Stress und hatte sich etwas darauf fixiert, irgendwann zu heiraten und definitiv als erstes zu sterben. Aber mehr als das wollte sie vor allem, dass Aaron ansprechbar blieb. Nur...so wie er jetzt lebte, alleine in einer Wohnung und immer mit Studieren oder Arbeiten beschäftigt... Jia hatte sich jedenfalls schon Sorgen gemacht. Allerdings hatte er ihr sogar mal erzählt, dass er mit Beziehungen kein Glück hatte und deswegen fast lieber alleine war. Also musste Milo um jeden Preis der richtige für ihn sein, bevor Aaron komplett aufgab.
      Gerade machte sie sich aber mehr Sorgen, dass Wyatt versuchen würde, die beiden zu manipulieren. Dafür hatte er genug Gründe. Er mochte Aaron nicht. Er fand, dass sein Bruder zu wenig Zeit hatte, das würde dann vermutlich auch nicht besser werden. Und er wirkte so, als würde er absolut alles tun, um sich einfach nicht zu langweilen. Und das, obwohl er sich verdammt glücklich schätzen könnte, wenn Aaron ein Teil seiner Familie wäre. Jia würde gerne mit ihm tauschen.
      "Ich gönne es ihm", wandte sie ein. "Und vielleicht solltest du deinem Bruder auch gönnen, glücklich zu sein", fügte sie noch leise hinzu. Zumindest war Aaron sicher ein Bonus in seinem Leben, egal wie seine eigene Persönlichkeit war.
      Nach einigen Runden Cabo, in denen Jude jede gewann und langsam unausstehlich nervig wurde, schien der Workshop schon wieder vorbei zu sein, weil immer wieder Leute durchs Foyer liefen und es etwas lauter war, als vorhin. Das hieß wohl, dass Milo bald wiederkommen würde. Jia würde diesmal ganz genau beobachten, wie er mit Aaron sprach, um abzuschätzen, ob sie zusammen passten.
      "Oh, fast vergessen. Hast du Lust, auch zur Kunstaustellung zu kommen, Wyatt?" Judes Frage kam sogar für Jia irgendwie überraschend. Warum lud er ihn plötzlich ein? "Ich darf nichts genaues sagen, aber womöglich liegt deine Wahl für eine Freizeitaktivität nächsten Sonntag irgendwo zwischen einer Gummizelle und meiner Ausstellung. Bei uns gibt es wenigstens ein gratis Buffet" Jude grinste. Alles klar, das war wohl Aarons Idee gewesen.
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    • Wyatt

      Es würde funktionieren. Das war ja das Problem an der Sache. Milo klickte irgendwie mit jedem, außer Wyatt und er wusste nicht, ob er seinen Bruder dafür beneiden, oder verfluchen sollte. "Er ist zu gestresst, um glücklich zu sein", antwortete er knapp. "Und es ist ein bisschen gruselig, wie sehr euch das Date interessiert." Ihre Leben würden sich dadurch immerhin nicht ändern. Seines schon.
      Er konzentrierte sich nicht richtig auf das Spiel. In seinem Kopf lief ein Horror-Szenario nach dem anderen ab. Was, wenn Milo ihn wirklich einfach austauschen würde? Er würde sich ein schönes Leben mit Aaron machen und Wy würde irgendwo anders landen. Vielleicht in Amerika, vielleicht in einem Heim. Oder schlimmer - sie würden alle zusammen wohnen und er würde sich in seinem eigenen Haus wie ein ungebetener Gast fühlen. Sie wären glücklich und er würde wahrscheinlich jeden Tag hier mit Leuten abhängen müssen, die ihn nicht leiden konnten und die er nicht leiden konnte.
      Wyatt blinzelte sich aus seinen Tagalbträumen raus, als Jude ihn ansprach. Er hatte nicht mitbekommen, wer die letzten Runden gewonnen hatte, aber er tippte auf den Glückspilz in ihrer Mitte. Jude sah zumindest nicht so aus, als ob er in den letzten paar Minuten einen Dämpfer bekommen hätte. Dafür verpasste er Wyatt - wahrscheinlich ungewollt - den nächsten verbalen Schlag ins Gesicht. Hah. So fing es also an. Er musste irgendwo abgestellt werden, damit sein Bruder sich ein schönes Leben machen konnte. Es wunderte ihn schon gar nicht mehr. Er fühlte sich fast schon so taub, wie wenn er über den Tod seiner Eltern nachdachte. So, als würde das alles gar nicht wirklich passieren.
      "Ich würde mich ehrlich gesagt lieber vor einen Bus schmeißen", antwortete er. Im Gegensatz zu Milos Date löste die Kunstausstellung tatsächlich was in ihm aus. Abneigung und Panik, am Ende doch mitgehen zu müssen. Vielleicht war die Idee mit dem Bus gar nicht so dumm. Ein bisschen dramatisch, aber immerhin... vielleicht könnte er sich einfach irgendwas brechen. Wieder ein paar Tage zurück ins Krankenhaus, wo er nicht einfach ständig von einem Babysitter zum nächsten geschoben wurde. Vielleicht würde Milo es sogar schaffen, genug Geschwisterliebe zusammenzukratzen, um das Date abzusagen und bei ihm zu sitzen. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Oder vielleicht war Milo so begeistert davon, dass Wyatt mittlerweile eine halbe Stunde länger hier saß, als sie abgemacht hatten, dass er ihn endlich wieder alleine zuhause lassen würde, oder wenigstens bei einem Freund, den Wyatt sich selbst aussuchte.
      "Aber ich fürchte, dass ich eh kein Mitspracherecht haben werde. Also wenn wir Pech haben, sehen wir uns nochmal."
    • Jia

      „Hey, wenn du sowieso gezwungen wirst hier zu sein, kannst du wenigstens versuchen, irgendetwas positives daran zu sehen“, erwiderte Jude in einem seltsam ernsten Ton. „Ich meine, keiner findet es super, wenn man überhaupt kein Entscheidungsrecht hat und sich mit allem abfinden muss. Aber wie alt bist du? 16? Dann hast dus eh bald hinter dir. Bis dahin kannst du nicht wirklich was tun, also mach dir das Leben doch nicht unnötig schwer“ Jude zuckte mit den Schultern und nahm Wyatt das Kartenmischen für die nächste Runde ab. „Wie ging das nochmal? Den zweiten Pfeil schießt man selbst auf sich indem man sich über den ersten Pfeil aufregt, oder so?“
      „Das ist kein Sprichwort, sondern eine Geschichte aus dem Buddhismus“, korrigierte Jia. Das hatte sie in der Schule auch schon gelernt. Der erste Pfeil stand für den Schmerz von Außen, den man nicht kontrollieren konnte, und den zweiten Pfeil, der für die Reaktion darauf stand, schoss man auf sich selbst. Damit hatte man quasi das doppelte Leid, weil man sich entschloss nochmal übertrieben schlecht zu reagieren.
      Jude blinzelte sie an. „Was machst du eigentlich in deiner Freizeit?“
      „Ich hab Ethik Unterricht in der Schule“, erklärte sie belustigt.
      „Okay, ist ja auch egal, aber es geht eben darum, Dinge einfach mal zu akzeptieren wenn man sie eh nicht ändern kann“ Er wandte sich wieder an Aaron. „Du könntest es schlechter treffen als mit Aaron. Der würde sich wahrscheinlich ein Bein ausreißen um dir alles irgendwie recht zu machen“
      Wenn Aaron wüsste, dass Wyatt so ein Problem mit der Sache hatte, würde er vielleicht sogar nochmal überlegen, ob er Milo überhaupt daten wollte. Was hieß, dass Jia ab sofort dafür sorgen würde, dass Wyatt Aaron irgendwann mögen musste.
      „Oh ja, er würde alles machen, damit du ihn leiden kannst, darauf wette ich“, stimmte sie schnell zu. Gut, es war auch nicht optimal, wenn Wyatt begann ihn ausnutzen, aber besser, als sie zu sabotieren, vielleicht? Und das war ja auch nur vorübergehend, bis er Aaron mochte!
      „Wenn du mit Aaron redest lässt er Milo vielleicht sogar fallen, wenn er genug Mitleid mit dir hat“, fügte Jude hinzu. Das- Nein! Das ging in die falsche Richtung.
      „Ich glaube nicht, dass-“ Jia stoppte ihren Satz, als Aaron ins Foyer kam und sich zur Aushilfe an den Empfang stellte. Er schien nur über irgendetwas mit ihr zu reden und nicht zu ihnen kommen zu wollen… Gut, das würde die Situation verschlimmern, wenn er gleich zwei Mal sein Versprechen brach.
      „Ähm… nächste Runde?“
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    • Wyatt

      Das Positive an der Situation. Gab es überhaupt irgendwas positives hieran? Vielleicht, dass Wyatt wenigstens noch nicht seinen Haustürschlüssel abgeben musste? Aber das sollte irgendwie das Minimum sein, oder? Es half auch nichts, dass Aaron offensichtlich so wenig Selbstbewusstsein besaß, dass er alles tun würde, um von ihm gemocht zu werden. Wy wollte ihn gar nicht mögen. Alles Mitleid der Welt half ihm nicht, wenn er am Ende trotzdem wieder alleine war. Und hey, wenn man vom Teufel spricht...
      Wyatt warf Aaron einen kurzen Seitenblick zu. Vielleicht sollte er wirklich austesten, wie weit Aaron gehen würde, um seine Sympathie zu bekommen. Vielleicht sollte er ihn wirklich darum bitten, das Date einfach abzusagen und ihn fragen, wie er überhaupt auf die Idee kam, Milos Zeit für sich zu beanspruchen. Aber nicht jetzt. Nicht hier. Nicht, bevor er nicht mit Milo selbst gesprochen hatte.
      "Oh. Sicher", antwortete er, als Jia die nächste Runde vorschlug. Er drehte sich wieder zu den anderen beiden, als sein Handy leise summte. Milo. Der Text war knapp und ohne irgendwelche Smileys, aber so sahen alle ihre Chats aus.
      > Alles okay bei dir? Würde dich in 15 abholen. Burger?
      Mit Milo zu schreiben war immer ein wenig, wie einen Lückentext auszufüllen. Keine Zeit für lange formulierungen und zu verpeilt für Sprachnachrichten. Wyatt antwortete schlicht mit einem Daumen hoch, bevor er wieder hoch sah. "Wird wohl die letzte Runde. Mein Bruder kommt in 15 Minuten vorbei." Dann konnte er ihn wenigstens direkt wegen dem Date löchern. Obwohl ihm gerade noch eine vollkommen andere Idee für ihre letzte Runde kam. "Wie wäre es mit einer Wette? Wenn du verlierst, komme ich am Sonntag mit." Er lächelte Jude herausfordernd entgegen. Gewinnen schien ihm nicht schwer zu fallen, aber er hatte keine Ahnung, ob verlieren ihm genauso lag. Er würde Sonntag so oder so auf dieser bescheuerten Ausstellung landen, also wieso nicht wenigstens vorher Judes Ego ein bisschen anknacksen?
    • Jia

      „Ich soll verlieren damit du mitkommst?“, wiederholte Jude belustigt. „Ich glaube, wir sehen uns so oder so dort, aber meinetwegen. Ich hab kein Problem damit, zu verlieren“ Er zuckte mit den Schultern, sie begannen die Runde und Jia sah die 15 Minuten fast mit einem Wimpernschlag an ihnen vorbeiziehen, und Jude hatte… gewonnen. Allerdings stellte er sich gerade mehr so an, als hätte er verloren.
      „Hä? Ich hab sogar absichtlich meine guten Karten getauscht!“, meinte er verwirrt und lehnte sich zurück, seinen ungläubigen Blick immernoch auf den Tisch gerichtet. „Ihr habt absichtlich schlecht gespielt, oder?“, fragte er plötzlich, aber sie mussten nicht einmal antworten und er hatte sich bereits darauf fixiert, dass das der Fall sein musste. Jia hätte für ihren Teil jedenfalls nicht versucht, zu verlieren, aber jetzt sollte wohl auch Wyatt klar sein, dass Jude hier derjenige mit dem Fluch war. Vermutlich würde er auch einfach nie sterben und irgendwann alleine und einsam durchs All fliegen weil ihn nicht mal die Zerstörung der Erde auslöschen konnte.
      „Weißt du, du solltest mal in ein Casino gehen“, schlug Jia vor. „Aber das war meine Idee, also will ich mindestens 50% vom Gewinn“
      Jude blinzelte irritiert. „Ihr verarscht mich, oder? Ich hab aktiv versucht zu verlieren. Spielen wir noch eine Runde und diesmal-“
      „Ich glaube, das wird nichts mehr“, unterbrach Jia seinen Trotzanflug, als sie Milo an der Tür sah.
      Aaron hatte sich auch seit 20 Minuten nicht vom Empfang wegbewegt. Hatte er darauf gewartet, dass Milo zurückkam? Zumindest hatte er es relativ unoffensichtlich gemacht. Er war tatsächlich immernoch tief in ein Gespräch mit der Aushilfe verwickelt. Mann, er konnte echt mit allem und jedem über absolut alles stundenlang reden.
      „Ihr trefft euch übrigens Sonntag um 15 Uhr hier vor der Tür, meine Schule ist in der Nähe“, erklärte Jude nachdem er einen kurzen Blick auf Milo geworfen hatte, als wäre es völlig selbstverständlich, dass Wyatt sowieso mitkommen würde.
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    • Wyatt

      Natürlich gewann Jude. Aber die Verzweiflung darüber war unterhaltsamer, als Wyatt gedacht hatte. Es würde so oder so nichts bedeuten - er sah sich selbst schon von langweiligem Bild zu langweiligem Bild laufen, während alle anderen so taten, als ob die Ausstellung das interessanteste Event des Jahres wäre. Er nickte nur kurz, als Jude ihm Zeit und Ort nannte, merkte sich keines von beidem und stand auf. "Dann bis Sonntag, fürchte ich. War nett-" Er stockte kurz, als er realisierte, dass die Floskel absolut nicht zur Situation passte. "Wir haben uns kennen gelernt, schätze ich." Es hätte schlimmer sein können. Er freute sich trotzdem nicht über Sonntag und befürchtete, dass er in Tränen ausbrechen würde, wenn Milo ihn hier nochmal absetzen würde. Aber hey - die positiven Dinge an der Situation, richtig? Wenigstens kam er jetzt hier weg.
      Milo grüßte ihn mit einem kurzen "Hey" und einem Blick, als ob er befürchten würde, dass der Tisch, an dem Wyatt bis gerade noch gesessen hatte, gleich in die Luft gehen würde. "Alles gut?"
      Wy antwortete mit einem nichtssagendem "Mhm", während sein Blick wieder zu Aaron rüber glitt und er plötzlich die absolute Erleuchtung hatte. Wenn die beiden schon ihr Date hätten, konnten sie sich auch wundervoll miserabel dabei fühlen, oder? "Oh. Ich muss mich noch austragen", erklärte er mit einem kleinen Lächeln. "Kommst du schnell mit?"
      Milo nickte kurz, offenbar immer noch ein wenig irritiert darüber, dass Wy nichts in Brand gesteckt, oder anderweitig zerstört hatte und folgte ihm rüber zum Empfang. Er grüßte Aaron mit einem kleinen "Hey", während Wyatt ein ebensokurzes "Einmal austragen" ergänzte und nach der Liste griff.
      "Oh, übrigens", begann Wyatt nebenbei, während er nach seinem Namen auf der doch überraschend vollen Liste suchte. "Jude hat mich auf seine Kunstausstellung am Sonntag eingeladen. Klang gar nicht so schlecht." Er strich seinen Namen durch, bevor er mit einem engelsgleichen Lächeln zu Milo hoch sah. "Willst du mit? Wäre doch mal was anderes."
      Man musste Milo nicht sonderlich gut kennen um zu sehen, wie er langsam panisch wurde. Er warf einen hilfesuchenden Blick zu Aaron. "Äh. Ich-"
      "Wir haben so lange nichts mehr zusammen gemacht", fiel Wy ihm ins Wort, während er sich zum gehen wandte und kurz zurück zu Aaron sah. "Oh. Sorry. Vielleicht sieht man sich ja nochmal."
    • Aaron

      Er hatte sich ein wenig zu sehr in den Tratsch über Melissa‘s Ex vertieft, aber wie oft kam man schon wirklich dazu, viel zu persönliche Gespräche mit Praktikanten zu führen? Aaron fiel erst auf, dass Milo wohl zurück war, als er seine Stimme neben sich hörte und Wyatt Platz machen musste, damit er sich auf der Liste austragen konnte.
      Aaron lächelte sofort breit, als er Milo sah. „Hi“, sagte er, aber zu mehr kam er nicht, weil Wyatt sogleich die Ausstellung erwähnte. Kurz glitt Aarons Blick ganz stolz hinüber zu Jude, der ihm den Gefallen getan hatte, aber dann sah er schon wieder irritiert zu Wyatt zurück. So war das nicht unbedingt geplant gewesen. Aber… sie hatten lange nichts zusammen gemacht? Aaron hatte schon durchschaut, dass Wyatts momentane ‚schwierige Phase‘ davon stammen musste, dass er sich vernachlässigt fühlte. Seine Eltern waren plötzlich weg und sein Bruder schien sehr beschäftigt zu sein, wie Aaron nun auch aus erster Hand mitbekam. Er wollte auf keinen Fall, dass Milo seinem Bruder so eine Einladung ausschlug, um mit ihm auszugehen. Dann würde Wyatt ihn außerdem bloß noch weniger mögen. Und sie könnten sich ja schlimmstenfalls einen anderen Tag für ihr Date aussuchen, nicht?
      Wyatt schien es aber deutlich zu eilig zu haben, als dass Aaron irgendetwas davon noch sinnvoll ansprechen konnte. „Oh, äh, ich hoffe, dass heute alles in Ordnung war. Komm gerne wieder“, verabschiedete er sich lächelnd von Wyatt. Aaron würde hoffentlich noch von Jia erfahren, wie es wirklich gelaufen war.
      „Ich schick dir später eine Nachricht, Milo“, sagte er noch schnell, bevor Wyatt ihn wegzog. Vielleicht sollte er eher anrufen. Oder eine Sprachnachricht schicken. Irgendwie musste er jedenfalls das mit der Ausstellung erklären. Hey, im Prinzip konnten sie ja einfach alle hingehen! Aaron war schließlich auch eingeladen worden.
      Sobald die beiden verschwunden waren lief er rüber zum Tisch, an dem Jude und Jia noch immer saßen. Er stand kurz nur daneben, aber beide schienen ohnehin darauf zu warten, was er zu sagen hatte, also setzte er sich seufzend hin.
      „Du hast also echt nicht von dem Date erzählt, hm?“, fragte er Jude. Jia hätte es sowieso noch aus ihm herausgekitzelt. Und Gerüchte verbreiteten sich hier wie ein Lauffeuer.
      „Hä? Doch, hab ich“, erwiderte Jude ungehalten.
      Aaron blinzelte. Sein Uhrwerk blieb kurz stehen. Hatte er? Dann wusste Wyatt doch, dass- Oh. Klar. Okay. Das war natürlich suboptimal.
      „Ich wusste doch, dass er was manipulieren wird!“, sagte Jia etwas aufgebracht. „Was hat er gesagt? Wieso siehst du aus, als hättet ihr das Date abgesagt? Hat er versucht dein Mitleid zu bekommen?“
      Jia war deutlich zu interessiert. „Entspann dich. Nichts wurde abgesagt“, sagte Aaron. Noch nicht. „Und ich wusste von Anfang an, dass Milo es gerade kompliziert hat. Vielleicht sollten die beiden sich wirklich erst mal aneinander gewöhnen, bevor ich mich einmische“, erklärte er, allerdings mehr sich selbst. Es war wirklich irgendwie sinnlos, Milos Leben jetzt noch umständlicher zu machen, als er schon war. Wyatt hatte offensichtlich nur etwas gegen Aaron, weil er etwas gegen das Jugendzentrum hatte. Weil er wohl dachte, dass sein Bruder ihn abschieben wollte. Und dann datete er auch noch den Typen, der im Jugendzentrum arbeitete? Klar hatte er damit ein Problem. Aaron sah es ganz deutlich und er war der letzte, der einem Kind absichtlich das Leben schwerer machen wollte. Es war zwar auch eine wichtige Lektion im Leben, dass man nicht immer alles unter Kontrolle haben konnte und andere auch ein Leben hatten, Milo in dem Fall. Aber das war vielleicht keine Lektion für ein Kind, das gerade seine Eltern verloren hatte. Sollte Aaron sich einfach aus der Rechnung herausnehmen? Bestimmt wäre es schlauer. Das hatte Milo ihm ja auch zwei Mal erklären wollen. Aber im Endeffekt wollten sie einander doch kennenlernen, also wäre es auch schade, es nicht zu tun, oder?
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    • Milo

      Sei Date mit Aaron hatte ihn tatsächlich wenige beschäftigt, als gedacht. Was nicht daran lag, dass er sich nicht darauf freute, sondern daran, dass er die nächsten Stunden damit beschäftigt gewesen war, mit der Bank seines Vaters zu diskutieren, um das Konto aufzukündigen. Nachdem er der dritten Person am Telefon erklärt hatte, dass sie keine Unterschrift seines Vaters bekommen könnten, weil ihnen bereits die Sterbeurkunde zu selbigem vorlag, war er fast so weit gewesen, ihn wieder auszugraben und auf den Tresen der Bank zu legen. Es war zum verzweifeln. Das einzig Positive war, dass er tatsächlich nichts von seinem Bruder hörte. Offenbar hatte Wyatt es also geschafft, nichts anzustellen. Mit ein bisschen Glück hatte er vielleicht sogar Spaß gehabt und es geschafft, ein paar Freunde zu finden, die nicht rauchten, oder Ladendiebstähle begangen.
      Als Milo das erste mal auf die Uhr sah, merkte er, dass Wy sogar schon eine halbe Stunde länger im Jugendzentrum gewesen war, als sie ursprünglich verabredet hatten. Was ein gutes Zeichen war. Trotzdem war er seltsam nervös, als er sich ins Auto setzte.
      Die Nervosität nahm nicht ab, als er Wyatt zusammen mit Jia und einem anderen Jungen zusammen am Tisch sitzen sah. Es war irgendwie schräg, seinen Bruder so ruhig zu sehen. Fast konnte er sich einbilden, dass sie einfach eine vollkommen normale Familie waren, ohne Drama, ohne Streit.
      Leider hielt dieses Gefühl nur, bis sie an den Empfangstresen traten. Fuck. Aaron hatte ihm eine kurze Nachricht zu der Ausstellung geschickt. Milo war nicht davon ausgegangen, dass Wyatt sich wirklich dafür interessieren würde, aber er hatte überlegt, ihn einfach irgendwie anders zu beschäftigen. Zur Not hätte er ihn eben mit seinen seltsamen Freunden abhängen, oder alleine zuhause gelassen. Heute war immerhin nicht schlecht gelaufen. Und jetzt? Er hatte das Gefühl, dass sein Kopf gleich platzen würde.

      "Wie wars?", fragte Milo, als sie wieder zurück ins Auto stiegen.
      "Unglaublich langweilig", antwortete Wyatt, während er sich anschnallte und demonstrativ aus dem Fenster starrte. "Du kommt am Sonntag nicht mit, oder?"
      Wyatt war wahrscheinlich die einzige Person, die er kannte, die etwas aus einem Laden stehlen und anderen trotzdem spielend leicht ein schlechtes Gewissen machen konnte. "Ich-" Milo zögerte kurz. "Ich hab eigentlich schon was vor." Und es wäre verdammt schwer, irgendwas zu verschieben. Er freute sich auf sein Date mit Aaron. Zwischen all den Sachen, die er machen musste, fühlte es sich wie ein kleiner Hoffnungsschimmer an. Aber es war selten geworden, dass Wyatt von sich aus etwas vorschlug, was sie zusammen machen könnten. "Wie wärs - wir holen uns was zu essen und gehen dann den Terminplan für nächste Woche zusammen durch. Vielleicht finden wir ja irgendwas anderes, was wir machen können. Deal, Picasso?"
      Wyatt sah für einen Moment irritiert aus, bevor er mit den Schultern zuckte. "Wenn du meinst."
      Er musste dringend Aaron anrufen.
    • Aaron

      Aaron hielt es nicht lange aus, Milo nicht zu kontaktieren. Er war heute sowieso schon unglaublich abgelenkt, da würde es jetzt kaum mehr etwas ändern, ob er nochmal eine Nachricht abtippte. Er saß sowieso gerade bei Jude und Jia, die sein Leben brennend zu interessieren schien, also galt das ja auch irgendwie als Teil seines Jobs, solange er sie beschäftigte… Oder?

      > Hi, ich melde mich nochmal wegen der Kunstausstellung. Ich finde, Wyatt und du solltet den Tag auf jeden Fall zusammen verbringen, ich will mich da nicht einmischen. Wir können unser Date auf jeden anderen Tag verlegen, aber es ist wichtig, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Außerdem hat Jude mich auch eingeladen, also sehen wir uns vielleicht?:) Aber es ist natürlich ganz deine Entscheidung, da du ja für Wyatt verantwortlich bist. Ich will mich nicht zwischen euch stellen. Jedenfalls verstehe ich das mit dem denkbar schlechten Zeitpunkt jetzt sehr gut. Ich hab aber keine Eile, also lass mich wissen, was dir lieber ist. <3 <

      Hm. Zu viel? Die Nachricht war irgendwie sehr schnell sehr sehr lang geworden, aber wie fasste man sich bei sowas auch kurz? Urgh, telefonieren war ihm deutlich lieber. Dennoch schickte er die Nachricht ab. Er musste ohnehin schon ziemlich verzweifelt auf Milo wirken, so viel schlimmer konnte die Nachricht es garnicht machen.
      „Du kannst das Date nicht absagen“, sagte Jia erneut. Langsam wirkte sie wirklich besorgt, was wiederum Aaron besorgte, weshalb sie sich so sehr für sein Liebesleben interessierte. Hatte er mal irgendwas falsches gesagt?
      „Jia, es wäre auch kein Weltuntergang, wenn es nicht zustande kommt“, sagte er mit einem etwas verwirrt verzogenen Lächeln, um sie zu beruhigen. Wann war es so weit gekommen? Nicht nur seine Familie sorgte sich zu sehr um ihn, jetzt auch seine Kollegen und die Kinder. „Es wäre schade, aber manchmal passt es einfach nicht, aus unterschiedlichen Gründen“, erklärte er. So locker er das gerade aber auch sagte, spürte er jetzt schon, dass das keine milde Enttäuschung sein würde. Er wirkte wohl nicht nur verzweifelt, er war es auch. Sonst würde er sich nicht so sehr an jemanden klammern, mit dem er zweite minimalistische Gespräche geführt hatte.
      „Hört sich wie ne Ausrede an“, warf Jude ein, vollkommen ungeniert wie immer. Aarons Blick schweifte langsam zu ihm. „Na, entweder man will was oder man will es nicht. So kompliziert kanns doch garnicht sein, dass man etwas einfach aufgibt, wenn man es will“
      Das waren erschreckend weise Worte für einen 17-Jährigen… oder auch einfach nur naiv. Ja, furchtbar naiv. „So einfach ist es nicht“, sagte Aaron sanft, aber Jude hielt an seinem Punkt fest.
      „Meine Freundin muss vor ihren Eltern verstecken, dass wir zusammen sind, aber wir sind es trotzdem“, sagte Jude und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
      „Das… ist sicher nicht angenehm, aber immernoch etwas anderes“
      „Wieso? Haltet es doch einfach geheim“
      Aaron biss sich leicht auf die Zunge. Er wollte nicht darüber diskutieren, weshalb es überhaupt nicht zur Debatte stand, eine geheime Beziehung zu führen, aber dann würde er vermutlich unabsichtlich mal ein ‚Du bist 17, du verstehst sowas nicht‘ raushauen, oder so, und dann konnte er sein Studium auch gleich abbrechen. Nur weil er es dachte, konnte er es nicht einfach sagen. Das würde keinem helfen. Und diese Kids hörten sowieso viel zu oft, dass sie Dinge nicht verstehen konnten und sie nie Recht hatten.
      „Das will ich nicht“, sagte Aaron also ruhig. „Man darf Grenzen haben, und das ist für mich eine. Auch, dass ich nicht jemandes Familienleben verkomplizieren will“
      „Wie du meinst. Aber Wyatt wird sowieso nicht mehr lange zuhause wohnen, dann ist es auch schon egal, nicht?“, meinte Jude.
      Aaron atmete tief durch. Seine Geduld wurde tagtäglich trainiert. „Zwei, drei Jahre können einen Menschen aber sehr beeinflussen, Jude. Das ist später nicht alles einfach aus den Augen, aus dem Sinn“ Aaron wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass jemandes Geschwisterliebe vollständig ausgelöscht wurde und ein junger Erwachsener vielleicht mit Bindungsängsten aus der Sache herauskam.
      „Ich finde trotzdem, dass es das wert wäre“
      Oh Mann. Okay. Hoffentlich meinte er das nicht ganz ernst, sondern wollte bloß nicht nachgeben. Zeit, das Gespräch umzulenken. „Apropos. Ist Fußball wirklich die tausend Verletzungen wert?“, fragte Aaron schmunzelnd.
      Jude setzte sich auf. „Weißt du was? Wir haben heute herausgefunden, dass ich unmöglich verlieren kann. Also wieso kann ich verletzt werden?! Heißt das nicht, ich könnte verlieren, wenn mir einfach jemand ein Bein bricht? Oder beide Hände, damit ich nicht Karten spielen kann??“
      „Du solltest das Talent nutzen, anstatt es zu hinterfragen. Wie wärs wenn du mal für mich Lotto spielst?“, stieg Aaron darauf ein.
      „Hab ich auch schon vorgeschlagen“, sagte Jia.
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    • Milo

      Egal, wie er es auch drehte, sein Kalender war hoffnungslos überfüllt. Milo zog eine weitere leicht matschige Pommes aus der Tüte und seufzte. Früher hatte er öfter selbst gekocht, aber seit seine Tage durchgetaktet waren, wich er ab und an auf Fast Food aus, um Zeit zu sparen. Zum Glück war Wyatt der letzte, der sich darüber beschweren würde. Er saß ihm gegenüber und starrte auf seinen Burger, als ob er gleich einen Aufsatz über ihn schreiben müsste.
      Sie saßen zusammen an einem Küchentisch, der viel zu groß für zwei Personen war. Es war gruselig gewesen, wie einfach sich Milo wieder in das Haus seiner Eltern eingelebt hatte. Er saß an dem selben Platz, auf dem selben Stuhl, auf dem er seine ganze Kindheit lang gesessen hatte. Er saß immer noch auf der Ecke des Sofas, als würde er Platz für seine Eltern lassen. Einzig sein altes Zimmer hatte er nicht mehr - seine Eltern hatten es zu einem Büro umgebaut, sobald er ausgezogen war, was nur das Elternschlafzimmer, oder das Gästezimmer übrig gelassen hatte. Er hatte sich für letztes entschieden. Eigentlich hatte er vorgehabt, das Büro einfach rauszureißen und sein altes Zimmer wieder zu renovieren, aber dafür hatten seine Eltern tatsächlich zu viele wichtige Dokumente in den Ordnern in den Regalen verstaut. Also schlief er seit Monaten auf einer unbequemen Schlafcouch. Ein weiterer Punkt auf seiner nicht endenwollenden To-Do Liste, aber seine Prioritäten lagen deutlich bei anderen Punkten.
      Momentan lag seine Aufmerksamkeit auf seinem Terminkalender und der Nachricht, die Aaron ihm geschrieben hatte. Er hatte sie mittlerweile mindestens zehn mal gelesen und hatte jedes mal das Bedürfnis, ihn aus dem Handy zu ziehen und zu küssen. Wie konnte eine Nachricht, die fast ein wenig nach einem Abschied klang, so perfekt formuliert sein? Er konnte nicht aufhören, das kleine Herz am Ende anzustarren. Er konnte das Date nicht absagen. Er wünschte, er könnte alles irgendwie unter einen Hut bringen.
      "Hey." Er sah zu Wyatt auf, der mittlerweile mit dem Starren aufgehört hatte. "Hast du eigentlich nochmal mit Aaron gesprochen, oder habt ihr euch gegenseitig in Ruhe gelassen?"
      Wy warf ihm ungefähr den selben Gesichtsausdruck zu, den er aufsetzte, wenn Milo in darum bat zu spülen. "In Ruhe gelassen. Zum Glück. Ich finde ihn ein bisschen übertrieben fröhlich, oder? Da kann irgendwas nicht richtig sein." Super.
      "Ich fand ihn eigentlich ganz nett", setzte Milo an, während Wys Blick noch genervter wurde. Okay, fair, welcher Teenager sprach schon gerne über potentielle Flirts seiner älteren Geschwister? "Ich hatte gedacht, dass wir vielleicht irgendwo einen Kaffee trinken gehen könnten. Nach der Ausstellung, falls du wirklich hin willst." Warum Wy gehen wollte, war ihm immernoch vollkommen schleierhaft. Seine komplette Kreativität ging fürs Chaos stiften drauf und er hatte bisher noch kein einziges gutes Wort über seine neuen Bekannten verloren. "Vielleicht wollen Jia, Jude und du auch mit? Oder ihr macht nach der Ausstellung noch was anderes?"
      Wy sah mittlerweile aus, als hätte er Hausarrest bekommen. Er schüttelte kurz den Kopf. "Ich glaube nicht, dass sie mitkommen wollen, oder wir danach noch was machen. Ich könnte danach einfach zu Lucas gehen. Der wohnt eh in der Nähe."
      Milo presste seine Lippen aufeinander. Lucas' Namen hörte er meistens nur im Kontext von 'Hey, war ne dumme Idee, aber Lucas hat gesagt, dass', was ihn nicht sonderlich sympathisch machte. Er hatte versucht, Wyatt nicht in seine Freundschaften reinzureden, aber es wurde von Tag zu Tag schwerer. "Oder das", antwortete er flach.
      "Wo wir dabei sind- ich wollte noch mit Freunden zocken. Bis dann."
      "Willst du nicht aufessen?"
      "Kein Hunger mehr." Wyatt hob kurz die Hand zum Abschied, bevor er durch die Küchentür verschwand. Teenager.
      Milo sah ihm kurz nach, bevor er auf sein Handy tippte und Aarons Kontakt raussuchte. Vielleicht hatte er ja eine bessere Lösung, sobald er ihm ausgeredet hatte, das Date abzusagen. Sie mussten sich halt nur den unglücklichen Umständen irgendwie anpassen. Er räusperte sich, dann wählte er die Nummer des Blonden an und wartete.

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    • Aaron

      Etwa eine Stunde später hatte Aaron noch nicht einmal seinen halben Arbeitstag hinter sich, aber seine Energie wurde ein wenig aufgetankt, als er sein Handy in seiner Hosentasche vibrieren hörte. Er entschuldigte sich bei den Kids, die in der Küche gerade Ramen mit kochendem Wasser aufgossen und ihm einen Vorschlag für den nächsten Ausflug unterbreitet hatten: Eine Comic Convention. Klang zwar spannend, aber finanziell ein wenig herausfordernd.
      Er nahm den Anruf ab, während er leicht gestresst nach einem Fleck in diesem Gebäude suchte, an dem es nicht laut war. „Hey, hast du meine Nachricht gelesen?“, fragte er und entschied sich letztlich dazu, durch die Hintertür in den Garten zu gehen. In zwei Minuten würde er die Entscheidung vermutlich bereuen, denn es wurde draußen schon wieder dunkel und deutlich kälter.
      „Hast du mit Wyatt gesprochen? Mir- äh- ist zu Ohren gekommen, dass sich das mit unserem Date ein bisschen herumgesprochen hat… bis zu deinem Bruder. Tut mir leid. Es ist unmöglich, hier irgendetwas geheim zu halten. Ich hoffe, er lässt es nicht an dir aus…?“ Er musste in Zukunft vermutlich etwas diskreter werden, wenn es um sein Privatleben ging. Bisher war es ziemlich irrelevant gewesen, wer wieviel wusste, da es ohnehin kaum etwas zu wissen gab. Sein Leben war recht langweilig. Aber Teenager konnten unglaublich neugierig sein, sobald es um jemandes private Angelegenheiten ging, und dann stellten sie die ganze geistige Energie unter Beweis, die sie gerne versteckt hielten. Entweder das oder alles was man sagte konnte ihnen nicht egaler sein. Aaron hatte mit Jia auf jeden Fall ersteres erwischt und Jude mischte sich einfach zu gerne ein, wenn er dachte, dass er es besser wusste.
      Was geschehen war, war geschehen, aber Aaron hoffte, dass Wyatt damit irgendwie klarkommen würde. Dass er versuchte, ihr Date ins Wasser fallen zu lassen, war allerdings nicht das beste Anzeichen und der Weg könnte ganz schön steinig werden, wenn Milo und Aaron sich öfter sehen wollten. Als wäre es nicht schwierig genug, mit ihren Zeitplänen. Aaron konnte das kleine Stimmchen namens Logik in seinem Hinterkopf auch nicht ganz ausblenden und er fragte sich, wie sehr sich das alles wirklich auszahlte. Aber er polarisierte viel zu sehr zu Milo, als dass er das aussprechen könnte. Es wäre schön, wenn es funktioniert würde. Wenn eine Beziehung in seinem Leben überhaupt mal funktionieren würde. Und wenn nicht… dann würde er vermutlich deutlich motivationsloser zurück in seinen äußerst realistischen, trockenen Alltag kommen.
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    • Milo

      "Hey, ja, ich- offensichtlich tippst du so viel, wie du redest", antwortete Milo mit einem kleinen Lachen, als Aaron ihn fragte, ob er seine Nachricht gelesen hatte. Er würde sich auf ziemlich kurze Antworten einstellen müssen, falls das zwischen ihnen auf wundersame Weise irgendwie funktionieren würde. Es war nicht so, dass Milo nicht gerne tippte, oder sich keine Gedanken machte, aber er hatte meistens keine Zeit, lange auf sein Handy zu starren und sich den Kopf über die richtige Formulierung zu zerbrechen.
      Dafür wurde ihm Wyatts plötzliches Interesse an Kunst um einiges klarer, als Aaron weiter redete. Ah. Sein Bruder schien wieder alles daran zu setzen, sein Leben unnötig kompliziert zu machen. Gerade so, als ob Milos Leben nicht sowieso schon eine 180 Grad Wende hinter sich hätte. Warum konnte Wyatt seinen Kopf nicht mal für gute Sachen nutzen? Weniger Manipulation und bessere Schulnoten, oder sowas. Irgendwas musste es doch geben, das ihn irgendwie beschäftigen konnte.
      "Alles okay. Er ist...schwierig. Tut mir wirklich leid", entschuldigte er sich, während sein Blick wieder auf den Planer vor ihm fiel. Eigentlich war das nur ein Grund mehr, das Date nicht ausfallen zu lassen. Wie viel schwieriger würde Wy werden, wenn er wusste, dass seine Taktik funktionierte? Bald hätte Milo überhaupt kein Sozialleben mehr!
      "Ich hab nachgedacht. Über die Ausstellung und das Date und...ich will unser Date wirklich nicht ausfallen lassen. Wie wäre es, wenn wir es einfach ein wenig umplanen? Wir könnten zusammen zur Ausstellung gehen und danach vielleicht doch einen Kaffee trinken? Wir müssten Wy eventuell mitnehmen, aber vielleicht haben Jia und Jude auch Lust, mitzukommen, oder so?" Er konnte das Date nicht ausfallen lassen, nur, weil Wyatt meinte, seinen Dickkopf durchsetzen zu müssen.
      "Es wäre kein Standard-Date, aber besser, als nichts? Wir können dann ja immer noch einen anderen Termin finden, an dem wir was zu zweit machen." Je mehr er darüber nachdachte, desto trotziger wurde er selbst. Wenn Wyatt ein Problem damit hatte, dass er sich mit Aaron treffen wollte, musste er wohl einfach damit klarkommen.
    • Aaron

      "Sorry", sagte Aaron nur. Er sprach wirklich viel, vor allem wenn er etwas nervös war, und die Nachricht war tatsächlich sehr lang gewesen. Darum machte es ihm auch nichts aus, wenn ihn darauf jemand ansprach, er wusste es ja selbst. Jeder, der es anstrengend fand, ließ es ihn sowieso gleich wissen und Milo hatte ihn eigentlich von der ersten Sekunde an von seiner schlimmsten Seite gesehen. Nervös, armselig, peinlich. Irgendwas musste er aber richtig gemacht haben.
      "Niemand hat eine perfekte, einfache Familie. Keine Sorge", antwortete er. Auch wenn Aaron mit vielem gerechnet hätte, aber nicht damit, dass ein Kind sie tatsächlich so manipulieren wollte, dass sie sich nicht einmal treffen konnten. Das verdiente schon fast einen Applaus. Aber scheinbar wollte Milo sich trotzdem nicht ganz unterkriegen lassen. Aaron lächelte.
      "Das klingt gut", sagte er und konnte sein kleines Grinsen nicht in seinem Ton verstecken. Irgendwie klang das mehr nach einem Arbeitsausflug oder einer eigenartigen Patchwork-Familien Sache aber damit konnte er leben, solange Milo und er noch dazu kamen, mal richtig miteinander zu reden. Nicht übers Telefon oder mit irgendjemandem zwischen ihnen, der sie auseinander bringen wollte. Also, solange Jia und Jude mitkamen und Wyatt beschäftigten, oder sie zu dritt irgendetwas anderes machten, das nicht in einem Unfall enden würde. Aaron wusste jetzt schon, dass Milo und er die drei ständig im Hinterkopf haben würden, egal was sie taten, aber das war immer noch besser als nichts, vor allem mit der Aussicht, sich tatsächlich nochmal zu zweit zu treffen. Nur, da gab es eine Kleinigkeit, die Aaron Sorgen machte.
      "Hey, also, eine Sache nur. Jude ist zwar niemand, der irgendetwas anstellen würde, das ihn auf eine Polizeistation befördern könnte, oder zumindest... ist er sehr diskret. Aber ich weiß nicht, ob Wyatt und ihm in der Kombination nicht irgendetwas dummes einfallen würde. Nur so als... Vorwarnung. Aber wenn wir ein Auge auf sie haben, wird alles okay sein. Und Jia ist eigentlich schlau genug, nichts anzustellen, aber sie ist nicht sehr gut darin, sich durchzusetzen oder bei etwas zu weigern. Ehrlich gesagt mach ich mir um sie immer am meisten Sorgen. Aber meine Kollegin Carol ist auch bei der Ausstellung und sie hat die Kinder sehr gut im Griff"
      Es fühlte sich falsch an, nicht ganz transparent mit Milo zu sein, wenn er sich schon ständig Sorgen machte, dass Wyatt etwas anstellte und er vielleicht darauf vertraute, dass die anderen Kinder ihn irgendwie aufhalten würden. Das war sehr unwahrscheinlich, sie waren ja auch nur Kinder, und keine Aufsichtspersonen. Außerdem hatten sie alle ihre persönlichen Probleme, damit war es sogar recht wahrscheinlich, dass sie sich gegenseitig irgendwie dazu brachten, Ärger zu machen. Aber solange jemand in der Nähe war, würde schon nichts passieren. "Aber ähm... schwierige Jugendliche schrecken mich nicht ab, ist irgendwie klar. Also nehmen wir es einfach, wie es kommt, ja?", versuchte er seine Ansage etwas abzuschwächen. Immerhin stellte sich das alles als exakt so kompliziert heraus, wie sie bereits gedacht hatten. Kein Grund zur Panik.
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    • Milo

      Langsam brach ein kleines bisschen Entspannung durch den Ärger und Trotz. Es war unglaublich erleichternd zu hören, dass Aaron offenbar genauso viel an ihrem Date lag wie Milo. Er hätte es so einfach absagen können. Milo lächelte leicht, schaltete das Handy auf Lautsprecher, legte es vor sich hin und begann schon mal den Tisch abräumen, während Aaron sprach. Die kleine Entschuldigung am Anfang war vollkommen unnötig gewesen. Er fand es seltsam charmant, dass Aaron so gesprächig war. Wahrscheinlich würde er ihm auch dann zuhören, wenn er anfangen würde, ein Telefonbuch vorzulesen. Leider war das Thema weitaus anstrengender, als Telefonnummern und Namen.
      “Sie sind Teenager. Natürlich werden sie sich gegenseitig anstacheln”, warf er ein, als Aaron eine Pause machte. Er selbst war in seiner Jugend keine Ausnahme gewesen. Seine Mutproben waren nur um einiges legaler gewesen, als das Zeug, was Wyatt abzog. Er war damals angetrunken von viel zu großen Höhen in viel zu flache Seen gesprungen - absolut dämlich, aber nichts, was ihn in eine Polizeistation bringen würde. Obwohl er momentan auch einen Polizeieinsatz in Kauf nehmen würde, wenn es bedeutete, dass er ein paar Stunden mit Aaron verbringen könnte. Und sie würden offenbar zu dritt sein, was bedeutete, dass…das Date noch weniger date-like sein würde, aber immerhin mussten sie sich keine allzu großen Sorgen um ihre Schützlinge machen. Es musste einfach irgendwie funktionieren! Auch, wenn es unglaublich anstrengend werden würde, wenn alle ihre Dates immer von Wyatts Launen überschattet wurden.
      Ein kleines Lächeln schlich sich auf Milos Lippen, als Aaron bekräftigte, dass er sich nicht von einem schwierigen Teenager abschrecken lassen würde, gerade so, als ob er seine Gedanken gelesen hätte. Er hatte wirklich verdammt viel Glück gehabt, dass Aaron ihn im Pub angesprochen hatte. Vielleicht war es irgendeine übersinnliche Fügung gewesen, dass sie sich im Jugendzentrum nochmal getroffen hatten. Wer außer Aaron hätte so viel Verständnis für seine Situation?
      “Wir bekommen das hin, Aaron”, versicherte er, während er das Handy wieder in die Hand nahm und ans Ohr hielt. “Und wenn du am Sonntagabend nicht gerade das Gefühl hast, mich nie wieder sehen zu wollen, gleiche ich das ganze Chaos mit dem nächsten Date aus. Ich verspreche es.”
    • Aaron

      „Wir haben ja Zeit“, erwiderte Aaron zuversichtlich. „Ich hab im nächsten Jahr jedenfalls nichts geplant, außer mein Studium abzuschließen und zu arbeiten, also… ich gehe nirgendwo hin“ Er lachte. Er würde nicht mal auf Urlaub fahren können. Er lachte über diese traurige Tatsache hinweg. „Ich sollte langsam wieder reingehen, es ist etwas kalt und ich muss zwei Kindern schonend beibringen, dass Convention-Tickets nicht im Budget drin sind“, sagte er letztlich. „Ich freue mich schon auf nächste Woche und ähm… vielleicht sehe ich Wyatt vorher ja nochmal?“ Es wäre garnicht so schlecht, wenn Aaron noch ein paar Chancen bekäme, Wyatt irgendwie umzustimmen. Wenn ihn das irgendwie glücklicher machte, würde Aaron ihm auch bestmöglich aus dem Weg gehen. Das Ganze fühlte sich ohnehin ein wenig so an, als würde jemandes Kind in eine viel zu neue Beziehung hineingezogen und verwirrt werden. Nur hatten Milo und er noch nichtmal ein richtiges Date und das Kind war fast 16 und ohnehin schon traumatisiert.
      Nachdem Aaron sich von Milo verabschiedet hatte, ging er wieder hinein und sah stetig auf die Uhr, in der Hoffnung dass die Zeit anfangen würde, schneller zu rennen. Das tat sie nicht. Sobald er zuhause war, versuchte er in der Dusche nicht einzuschlafen und kippte anschließend ins Bett. In der scheinbar nächsten Sekunde klingelte sein Wecker wieder und es war… erst Samstag. Ausflug Tag. Zumindest keine Uni. Am Sonntag kümmerte er sich wie immer um seine Nichten und führte am Nachmittag ein eindringliches Gespräch mit Thomas, der seine Babysitting Schicht in der nächsten Woche übernehmen sollte, und wie er es von seinem Cousin kannte: Er gab nach. Damit hatte Aaron schon gerechnet, also stand dem Date zumindest insofern nichts mehr im Weg. Die kommende Woche schien endlich mal etwas schneller zu vergehen, vielleicht weil er nun nicht nur verdammt viel zu tun hatte, sondern er auch geistig völlig eingenommen von seinen Gedanken an Milo war. Er hatte seine Nummer und sie gingen auf ein Date. Sag niemals nie. Alles war möglich.

      Als der folgende Sonntag endlich kam, hatte Aaron tatsächlich seit langem Mal wieder einen völlig freien Tag, der eigentlich mit ausschließlich entspannenden, lustigen Aktivitäten gefüllt sein sollte. Und dem Hauch Nervosität, der ihn eine Stunde lang vor seinem Schrank stehen ließ. Letztendlich entschied er sich, Jude den Gefallen zu tun, der Ausstellung ganz dezent entgegen zu treten und die Aufmerksamkeit nicht von den Bildern wegzulenken. Er zog eine schwarze Anzughose mit schwarzem Stehkragenpullover an und dazu ein Jacket. Ein… dunkelgraues Jacket mit… ein bisschen Glitzer. Silbernen Glitzerfäden, die ganz dezent in einem karierten Muster in den Stoff genäht waren. Und eine schwarze Tasche nahm er natürlich mit, wo sollte er sonst Handy, Geld, Schlüssel, Taschentücher, Handspiegel, Mini-Haarbürste, Haarspange, Labello, Kaugummis, Erste-Hilfe-Täschchen und Wasserflasche verstauen?
      Aaron sprühte sich von Kopf bis Fuß mit seinem Lieblingsparfum, einem schweren Kirsch-Duft, ein, zog seinen üblichen dicken Wintermantel über, sowie einen Schal, der sein halbes Gesicht verdeckte, und machte sich auf zum Bus, um zum Treffpunkt vor dem Jugendzentrum zu fahren. Innerlich war er auf einmal unglaublich unruhig. Er freute sich, aber er war auch ein wenig panisch. Was, wenn alles schief lief und Milo und er sich doch nie wieder sahen, weil einfach alles zu kompliziert war?
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    • Milo

      “Ich freue mich auch.” Er hatte ein Date. Milo konnte nicht aufhören zu lächeln, als er auflegte und das Handy zurück in seine Hosentasche schob. Es würde ein absolutes Desaster werden, aber wenigstens hatte Aaron ihm eine Chance gegeben und er musste sich nicht selbst vorwerfen, dass er es nicht versucht hätte. Jetzt musste er nur noch einen Weg finden, um das alles Wyatt schonend beizubringen. Oder vielleicht auch weniger schonend, immerhin war sein Vorschlag, zu der Ausstellung zu gehen, auch nicht ganz unschuldig gewesen.
      Er atmete tief durch, bevor er die Treppen hoch zu Wys Zimmer ging. Er klopfte und wartete auf ein genervtes “Hm?” bevor er die Tür öffnete. Wy saß an seinem Computer, so in ein Spiel versunken, dass er nicht mal aufsah, als Milo ins Zimmer trat.
      “Wy, ich hab das Wochenende nochmal durchgeplant.” Milo lehnte sich an den Schreibtisch und sah zu seinem Bruder, der weiterhin nur mit einem desinteressierten “Mhm” antwortete, ohne sein Spiel zu unterbrechen.
      “Die Kunstausstellung am Sonntag passt.”
      “Oh?” Wyatt warf ihm einen irritierten Blick zu.
      “Eigentlich wollte ich mich mit Aaron treffen, aber du wolltest ja so gerne hin, also haben wir das erstmal verschoben. Außerdem ist er sowieso auch eingeladen, also…” Er zuckte kurz mit den Schultern, während er beobachten konnte, wie die kleinen Rädchen in Wys Kopf langsam anfingen, sich zu drehen. Der Jüngere zog seine Kopfhörer runter und starrte Milo an.
      “Was?”
      “Ist das eigentlich mein alter Schreibtisch?” Er strich mit den Fingern über eine Kerbe, an die er sich halb aus seiner eigenen Kindheit erinnern konnte.
      “Ich dachte, du könntest am Sonntag nicht.” Wy klang eher panisch, als begeistert.
      “Ich weiß. Sonst hättest du die Ausstellung gar nicht vorgeschlagen, oder?” Er warf seinem Bruder ein humorloses Lächeln zu.
      “Ich- Nein- Ich-” Wyatt schob seinen Stuhl ein wenig zurück, während er nervös mit dem Kabel seiner Kopfhörer spielte. “Nein, ich wollte wirklich hin”, versicherte er schließlich.
      “Na dann passt es ja.” Milo stieß sich vom Schreibtisch ab und ging wieder zur Tür. “Viel Spaß beim Zocken.”

      Wyatt schien die ganze nächste Woche schlechte Laune zu haben, was Milo nicht weiter störte. Er hatte sowieso andere Sorgen, als den Dickkopf seines Bruders. Seine Woche war voll. Wenn er nicht in der Praxis war, saß er im Büro seiner Eltern und ging Akten durch, während er das Ausräumen des Schlafzimmers vor sich her schob. Er wusste nicht, was es war, das ihn jedes mal umdrehen ließ, wenn er die Hand auf die Türklinke des Schlafzimmers legte. Es war, als würden sich seine guten Kindheitserinnerungen mit dem Kontaktabbruch im Erwachsenenalter in seinem Kopf bekriegen.
      Er war fast schon froh, als er am Sonntag aufstand und der Alltagsstress von der ganz normalen Date-Aufregung abgelöst wurde. Auch, wenn es kein normales Date war. Milo wusste nicht, ob es das besser, oder schlechter machte.
      “Wir können immer noch was anderes zusammen machen”, nuschelte Wyatt, als Milo das Auto in der Nähe des Jugendzentrums parkte. “Zocken, oder einen Film gucken, oder so.” Er hatte den ganzen Morgen schon versucht, Milo irgendwie davon zu überzeugen, dass die Kunstausstellung vielleicht doch nicht so wichtig war. ‘Du magst sowas doch gar nicht. Wir können ja auch was anderes machen’, hatte er am Frühstückstisch angesetzt und sich stotternd verteidigt, als Milo erwidert hatte, dass er das gerne machte. Wahrscheinlich war der Besuch in der Ausstellung eine größere Strafe für Wyatt, als alles, was Milo sich hätte ausdenken können.
      “Ach, das wird bestimmt gut”, versicherte Milo, während er seinen Sicherheitsgurt löste. “Versuch nur bitte, nichts anzustellen.”
      Wyatt sah ihm kurz genervt entgegen, bevor er kommentarlos die Autotür öffnete und ausstieg.
      Milo seufzte, bevor er ihm folgte.
      Aaron sah mit seiner Jacke und dem Schal aus, als ob er jeden Moment einen Schneesturm erwarten würde. Milos Herz machte einen Sprung, als er ihn sah. “Hey”, grüßte er mit einem Lächeln, als sie sich nah genug waren, um nicht schreien zu müssen. Wy entschied sich nach dem redseligen Morgen für ein kaltes Schweigen, was Milo herzlich egal war, während er Aaron eine kleine Packung mit Pralinen entgegen hielt. “Gegen den Alltagsstress”, erklärte er mit einem Lächeln. Und wahrscheinlich auch als kleine Entschädigung für alles, was noch kommen würde. Er hoffte nur, dass Wy sich zufrieden damit geben würde, den ganzen Tag über schlecht gelaunt zu sein und sich nichts schlimmeres einfallen ließ.
    • Aaron

      Aaron kam gleich nach Jude und Carol an, und nach ihm stießen Kaia und zwei weitere Freunde Judes dazu, was sie nur noch auf Jia, Wyatt und Milo warten ließ. Die drei kamen beinahe gleichzeitig an, liefen allerdings aus zwei Richtungen auf sie zu und Aaron drehte sich kurz einmal verwirrt nach links und rechts, bevor Milo vor ihm zu stehen kam und ihm eine Schachtel Pralinen vor die Nase hielt. Das ließ ihn innehalten. Aaron zupfte an seinem Schal, um sich hörbar zu machen, und er strahlte Milo an. "Danke, das war nicht notwendig", lachte er und ließ seine Tasche von der Schulter rutschen. Notwendig oder nicht, Aaron freute sich, als wäre er einer der Teenager hier. Aber er fühlte sich irgendwie beobachtet. Er warf einen Blick hinter sich und stellte fest, dass das nicht nur sein Gefühl war. Die anderen hatten ihre gigantischen Augen auf Milo und ihn gerichtet und wandten sich erst schnell ab, als sie sich ertappt fühlten. Schön, wieviel Privatsphäre ihrem Date gegönnt wurde. Aber damit mussten sie heute wohl leben. Er war ja selbst schuld daran, dass alle davon wussten.
      Carol begrüßte Milo schnell mit einem Händedruck und Aaron hatte auf einmal ein ähnliches Gefühl wie damals, als er seine erste Freundin mit nachhause gebracht hatte. Es war furchtbar. Zum Glück ließ sie die Gruppe gleich losmarschieren. Judes Schule war nicht allzu weit von hier entfernt, ebenso wie das Museum, in dem seine Lehrer einen kleinen Ausstellungsraum reserviert hatten. Vermutlich würden alle Kinder samt ihrer Eltern da sein, es würde also bestimmt voll werden. Was für Aaron nur gut war... Die Chancen standen so immerhin besser, dass Milo und er sich mal irgendwo abseits unterhalten konnten, anstatt sich wie eine entfremdetes Ehepaar auf einem Familienausflug zu fühlen.
      Jia gesellte sich auf dem Weg sofort zu Wyatt, wofür Aaron ihr unglaublich dankbar war. Er selbst griff Milo sanft am Arm und signalisierte ihm, dass sie ruhig ein wenig zurückfallen konnten. Sobald die Stimmen der anderen ein wenig abgedämpft zu ihnen klangen, begrenzte Aaron den Abstand zwischen ihnen. "Und, wie weit unten stand Museums-Date auf deiner Liste an Dingen, die du gerne machst? Oder bist du ein Kunst-Fan?", fragte er lächelnd und sah Milo kurz an, bevor er den Blick wieder nach vorne richtete.
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