The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Milo

      Das lief alles absolut wundervoll. Besser könnte es nur laufen, wenn das Gebäude spontan Feuer fing, oder eine Wasserleitung platzte, oder so was in der Richtung. Milo warf einen besorgten Blick in Wyatts Richtung, aber sein Bruder schien den Kampfgeist verloren zu haben. Er zupfte die Kapuzenkordeln zurecht und nahm Aaron mit einem kleinen "Deal" den Stift aus der Hand, um sich auf dem Zettel einzutragen. Unleserlich, was weniger an seinem Trotz lag und mehr daran, dass er immer schon eine furchtbare Handschrift gehabt hatte. Er warf Milo einen kleinen 'Glücklich jetzt?' Blick zu, während er Aaron den Stift zurück gab und sich wieder an Jia wandte. "Wie war das mit den Videospielen?"

      Die Sorge war Milo wahrscheinlich im Gesicht abzulesen, während er Wy und Jia hinterher sah. Er unterdrückte das Verlangen, das arme Mädchen nochmal zurück zu ziehen, um ihr einzuschärfen, dass sie seinem Bruder ruhig Kontra geben konnte und konzentrierte sich stattdessen auf das zweite, deutlich hübschere, Problem im Raum.
      "Das alles tut mir wirklich leid", setzte er an, während er seinen Blick von Wy löste und stattdessen zu Aaron sah. "Ich hab nicht mal eine gute Ausrede für sein Verhalten." Aber Aaron war ziemlich gut damit umgegangen. Wahrscheinlich war Wyatt nicht der erste schwierige Teenager, dem er begegnete. Jetzt hatte Milo fast Mitleid.
      "Hattest du noch einen schönen Abend mit deiner Familie?" Er war sich nicht ganz sicher, ob er das ganze Thema ansprechen, oder einfach so tun sollte, als ob sie sich noch nie vorher gesehen hätten. Aber er hatte es schon mal bereut, Aaron stehen zu lassen und er hatte nicht die Zeit, großartig um den heißen Brei herum zu reden. "Ich...ich hatte nochmal an die Bar geschaut, bevor ich gegangen war, aber ich hatte dich nicht mehr entdeckt." Und eigentlich hatte er immer noch keine Zeit für eine Beziehung, oder so. Aber irgendwas an Aaron ließ ihn einfach nicht los.
    • Aaron

      Na bitte, damit waren sie einen Schritt weiter. Aaron beobachtete stolz, wie Wyatt sich in der Liste eintrug und kniff dann leicht die Augen zusammen. Er musste sich wohl einfach… merken wie Wyatts Name in dieser Zeichensprache aussah. Jia schien nun noch etwas widerwilliger als vorher, sich mit Wyatt zu beschäftigen, denn sie warf Aaron kurz einen fragenden Blick zu, wartete aber keine Antwort ab, sondern deutete Wyatt, ihr zu folgen.
      Milos Blick unterdessen war nicht schwer zu deuten. Aaron lächelte. "Keine Sorge, sowas wird sie definitiv nicht unterkriegen. Ich stecke sie dauernd zu den Kindern, die Eingewöhnungshilfe brauchen" Er winkte ab. Der einzige Grund, weshalb er das Verlangen hatte, sie zu beschützen, war ihre Lebensgeschichte. Aber nachdem sie das alles schon wunderbar überstanden hatte, soweit zumindest, dann würden sie ein paar freche Kommentare von Pubertierenden auch nicht weiter belasten.
      Aber jetzt wurde es ein wenig seltsam. Er wusste nicht so recht, worüber er mit Milo noch sprechen sollte. Hatte er vor, zu bleiben? Zumindest schien der andere schnell ein Thema vorzugeben. "Oh, ja, es… war ganz in Ordnung", antwortete er wahrheitsgemäß. Er war zwar in einem ziemlich armseligen Gemütszustand gewesen, aber das hatte den Abend zum Glück nicht zu sehr getrübt. Und dann machte Aarons Herz einen kleinen Sprung. Wie, er hatte ihn nochmal gesucht? Hatte Aaron das alles falsch eingeschätzt und war einfach weggelaufen? Nein, er war sich ganz sicher… Also… Das hatte doch eindeutig nach einer Abfuhr geklungen.
      "Hast du das?", fragte er leise, hauchte beinahe nur, und musste sich räuspern. "Ich dachte, du bist schon gegangen. Gemessen an dem… äh… 'Es war schön, dich kennenzulernen'?" Er lachte etwas nervös, als er den Satz wiederholte. Aber, hieß das, er hatte garkeine Korb bekommen?
      "Ich hab mich übrigens die ganze Zeit gefragt, ob ich dir erzählt hab, wo ich arbeite", lenkte Aaron ein wenig von seiner Nervosität ab. "Hab ich das? Also, in jedem Fall freut es mich, dass du über den Vorschlag nachgedacht hast. Ich denke schon, dass es Wyatt gut tun könnte, ein paar Leute zu treffen, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie er"

      Jia

      Es gab Dinge, die Jia wirklich deutlich lieber machte, als irgendwelche Leute von der falschen Bahn auf die richtige zu schieben, aber sie konnte auch nicht anders, wenn sie Aaron damit irgendwie half. Sie fragte sich ja schon manchmal, warum er sich mit diesen Kindern abgab, wenn sie ihn so blöd anredeten, aber dann fiel ihr ein, dass das wohl sein Job war. Nichts könnte sie jemals dazu bringen, so einen undankbaren Job zu machen. Und Wyatt schien auch noch die nervige Art zu sein. Nicht, dass sie ihm das sagen würde. Sie konnte sich ja später bei Aaron beschweren, wenn Wyatt unnötig schwierig wurde.
      "Und, magst du sonst noch irgendwas, abgesehen von Videospielen?", fragte sie. Es war jedenfalls nicht unbedingt Jias erste Wahl, wie sie ihre Freizeit verbrachte, aber die meisten Jungs hier stritten sich regelrecht um die Konsole und wer wann welches Spiel spielen durfte. Wenn sie jetzt gleich hingingen, hatten sie jedenfalls noch eine gute Chance, auf nichts warten zu müssen.
      "Oh, und, weißt du woher dein Bruder Aaron kennt?", fragte sie als nächstes, bemüht nüchtern, aber sie war unglaublich interessiert, wer Aaron da vorhin so aus dem Konzept gebracht hatte.
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    • Milo

      Jia tat ihm wirklich leid. Aber sie schien sich ebenso wie Wyatt mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. Er konnte nur hoffen, dass sie sich gemerkt hatte, einfach an den Kapuzenkordeln zu ziehen. Aber die Sorge konnte er wahrscheinlich wirklich getrost nach hinten schieben. Seine Unterhaltung mit Aaron war dringender.
      "Ja, das..." Milo atmete kurz durch. "Ich mochte unser Gespräch. Hättest du mich letztes Jahr um die Zeit angesprochen, hätte ich dir wahrscheinlich sofort meine Nummer gegeben, aber", er gestikulierte kurz etwas hilflos in die Richtung, in die Wy gerade mit Jia verschwunden war, "Dates sind bei meinem momentanen Zeitplan irgendwie nicht drin. Ich wollte es dir irgendwie schonend beibringen, bevor Wy angerufen hat und als ich mit dem Telefonat durch war, hab ich es dann doch bereut, dich nicht nach deiner Nummer gefragt zu haben." Und jetzt war es wahrscheinlich absolut zu spät. Was toll war. Sein Zeitplan und so. Eh keine Zeit für Dates. Haha.
      "Ich hatte die Idee mit dem Jugendzentrum von dir, aber ich wusste nicht, in welchem du arbeitest." Er sah wieder in die Richtung, in die Wy verschwunden war, bevor ihm auffiel, wie bescheuert der Satz geklungen hatte. "Also, ich meine, es war Zufall, dass wir uns hier begegnet sind. Es ist einfach das Größte Jugendzentrum, was bei uns in der Nähe war. Ich bin nicht stalkermäßig von Zentrum zu Zentrum gefahren, um zu sehen, wo ich dich finde. Ich glaube, dann hätte Wy mir spätestens nach dem Zweiten ein Loch in die Reifen gestochen." Aber es war ein schöner Zufall, nicht? Jetzt musste er sich wenigstens nicht mehr selbst vorhalten, Aaron einfach sitzen gelassen zu haben. Zumindest...nicht ganz. Sitzen gelassen hatte er ihn ja irgendwie trotzdem, aber er hatte ihm wenigstens erklären können, wieso.
      "Ich hoffe, dass er aus der Trotzphase rauswächst, bevor er mir noch den letzten Nerv raubt. Manchmal bin ich kurz davor, ihn doch noch kopfüber in eine Babyklappe zu stopfen." Er stieß ein kleines, verzweifeltes Lachen aus, bevor er sich kurz räusperte. "Naja, wie dem auch sei. Ich will dich nicht zu lange aufhalten. Vielleicht sehen wir uns nochmal, wenn ich Wy wieder einsammle?"


      Wyatt

      Das war die Hölle. Wyatt wusste nicht genau, was er falsch gemacht hatte, aber er musste irgendwie eine gute Portion schlechtes Karma gesammelt haben und das hier war die Strafe dafür. Wer hing schon freiwillig hier ab? Er hätte schon vor Stunden mit seinen Freunden im Park hängen und quatschen sollen und stattdessen befand er sich in einem...Kindergarten. Damit war wohl auch der letzte Funken Hoffnung darauf, dass sein Bruder auch nur annäherungsweise cool war, erloschen.
      Wyatt warf einen kurzen Blick auf die Uhr, während er Jia hinterher ging, ohne wirklich darauf zu achten, wohin sie sie führte. "Brettspiele", antwortete er, ohne großartig darüber nachzudenken. "Die strategischen, die nur existieren, um Freundschaften zu beenden." Er war immer noch ungeschlagener Monopoly Sieger in seiner Familie. Und würde es wohl auf Ewig bleiben, jetzt, da die Hälfte der Familie fehlte. Mit zwei Leuten konnte man nicht mal eine ordentliche Runde Wizard spielen, ganz davon abgesehen, dass Milo eh nie Zeit hatte.
      Glücklicherweise war Jias zweite Frage weitaus interessanter. Wy hatte keine Ahnung, woher Milo jemanden wie Aaron kannte, aber er hatte das Gefühl, dass dieser nicht ganz unschuldig an seiner aktuellen Situation war, was ihn auf Anhieb super unsympathisch machte. Das und die Tatsache, dass der Blonde reden konnte, als ob er darin einen Rekord aufstellen wollte.
      Er zuckte ratlos mit den Schultern. "Kein Plan. Er hat ihn nie erwähnt. Redet er mit einem immer so, als ob man fünf Jahre alt und ein bisschen dämlich wäre?" Wie schaffte Jia es, fast jeden Tag hier drin zu verbringen, ohne dabei durchzudrehen?
    • Aaron

      Aaron hörte etwas überfordert zu. Er hatte sich den Ton, der eine Abfuhr hatte ankündigen sollen, also wirklich nicht eingebildet. Aber alles, das er gerade heraus hörte, war, dass Milo es bereut hatte, nicht nach seiner Nummer gefragt zu haben. Und dann musste er lächeln, als er versuchte, sich nervös aus der Stalker-Geschichte herauszureden. "Ich weiß schon, was du meinst", lachte Aaron. "Aber das hieße zumindest, dass ich einen bleibenden Eindruck hinterlassen hab mit meinen… Flirt Übungen und den aufdringlichen Ratschlägen", meinte er sarkastisch.
      "Vielleicht findet er es hier ja nicht so schlecht und du musst ihn garnicht in eine Babyklappe stopfen", versuchte er Milo zu entspannen. Aber versprechen konnte er nichts. Jugendzentren waren auch nicht was für jeden. Wenn er überhaupt keine Lust hatte, neue Leute kennenzulernen oder überhaupt irgendwo zu sein, wo es Regeln gab, dann war die nächstbeste Idee vielleicht einfach Therapie. Aber da musste man auch mal jemanden finden, also hoffte Aaron ganz einfach für Milo, dass ihm ein wenig Stress erspart blieb und Wyatt sich mit irgendjemandem hier anfreunden konnte, um einen Grund zu haben, wiederzukommen. Dass er Löcher in Reifen stach sprach zwar nicht dafür, dass das viel bringen würde, aber… Naja, man konnte hoffen.
      Aber was sollte das jetzt? Milo wollte ihn nicht aufhalten? Was war aus dem 'Ich bereue es, nicht nach deiner Nummer gefragt zu haben' geworden? Hatte Aaron schon wieder etwas falsch verstanden?
      "Ich werde hier sein", antwortete er, lächelnd aber doch leicht irritiert. Dann riss er sich schnell zusammen, bevor Milo aus der Tür war. Er hatte genug davon, seinen Rücken dabei zu beobachten, wie er sich in Richtung irgendeines Ausgangs wegbewegte. "Hey, warte", sagte er laut. Dann ging er die paar Schritte wieder auf Milo zu.
      "Du bereust es, mich nicht nach meiner Nummer gefragt zu haben, aber nicht genug um es nachzuholen?", fragte er verwirrt. "Mein Zeitplan ist auch nicht gerade einladend, wenn ich ehrlich bin. Ich hab ungefähr ein zweistündiges Zeitfenster pro Monat in dem mal keiner irgendetwas von mir will. Aber vielleicht überschneidet sich das ja mal… mit deiner Freizeit. Ich hab ein Handy, weißt du? Ich kann sogar tippen und nach spätestens 50 bis 100 Chat Nachrichten purer Planung würden wir es schonmal schaffen, uns zu sehen, oder? Und sonst bin ich hier und hab immer kurz Zeit, wenn nichts abfackelt oder unter Wasser steht" Er lächelte. War die Rede so armselig gewesen, wie sie sich im Nachhinein anfühlte? Das Schlimmste war, dass sein Bruder recht gehabt hatte. Man fand für alles irgendwie Zeit, wenn man wollte. Milo müsste er nur wollen. Gott, wenn er jetzt wieder eine Abfuhr bekam, würde er wirklich heulen.

      Jia

      "Das klingt besser. Aber wir sind nur zu zweit. Obwohl Monopoly auch stundenlang zu zweit geht", dachte Jia laut nach. "Lass uns einfach Mario Kart oder so spielen bis die anderen da sind. Vielleicht macht eine Freundin von mir mit, dann kannst du irgendein Brettspiel aussuchen. Es gibt auch so gut wie alles"
      Dann warf sie Wyatt ein Stirnrunzeln zu. "Er will nur nett sein. Du musst dich schon mal richtig mit ihm unterhalten, damit er einschätzen kann, wieviel geistige Kapazität du hast"
      Als sie bei dem Zimmer ankamen, in dem die Konsolen standen, war es natürlich nicht leer. Zwei Jungs saßen auf dem Sofa, waren aber mit irgendeinem Handyspiel beschäftigt. Jia ging erstmal zum Fernseher und ignorierte die beiden, da sie wahrscheinlich sowieso bald gehen würden, wenn sie hier waren. Nur weil sie in einem Jugendzentrum waren, wollte auch nicht jeder ständig was mit jedem zu tun haben. Und Jia kannte die zwei. Einer von ihnen, Cory, war eins von Aarons Projekten gewesen, dass er ihr zugeteilt hatte. Und naja, er war immernoch hier, also hatte es wohl irgendwie geklappt. Das war jetzt einen Monat her und er war meistens für ein oder zwei Stunden mittags hier. Aber wie vorhergesagt…
      "Was spielt ihr?", kam es interessiert vom Sofa.
      "Mario Kart", meinte Jia und drehte sich kurz herum. "Wollt ihr mitspielen?" Natürlich nicht.
      Cory stieß einen etwas unentschiedenen, gelangweilten Laut aus, der wohl 'Nein' hieß, und dann schien sich irgendeine Form von Zeichensprache zwischen den beiden Jungs abzuspielen, die dazu führte, dass sie den Raum verließen und sich wahrscheinlich einfach das nächstbeste Sofa suchten, wo sie nicht gestört wurden.
      Jia nahm zwei Controller in die Hand, drückte Wyatt lächelnd einen zu und ließ sich auf die Couch fallen. "Besser so, er kann absolut nicht Verlieren", erklärte sie. "Ich hoffe, du bist darin besser", neckte sie Wyatt. Und nachdem Mario Kart nicht super anspruchsvoll war, konnte sie vielleicht noch die ein oder andere Sache über Milo herausfinden…
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    • Milo

      "Ich bin davon ausgegangen, dass du keine Verwendung mehr für meine Nummer hast", antwortete Milo schwach. Ein Teil von ihm machte gerade Freudensprünge, während der andere Teil sich wünschte, dass Aaron ihn einfach gehen gelassen hätte. Alles sprach gegen mehr als einen kleinen Flirt zwischen ihnen, aber Milo konnte nicht so tun, als ob Aaron ihm vollkommen egal wäre.
      Zwei Stunden im Monat. Er hatte keine Ahnung, ob er so viel zusammenkratzen konnte, ohne dabei auf Schlaf zu verzichten, aber...vielleicht war es das sogar wert, um mehr Zeit mit Aaron zu verbringen und ihn wirklich kennen zu lernen. Immerhin kannten sie sich kaum und er war jetzt schon vollkommen verzaubert von ihm, was wohl zu einem gewissen Maße auf Gegenseitigkeit beruhte.
      Milos Gedanken rasten und er hatte keine Ahnung, ob er gerade dabei war sich das alles hier aus-, oder einzureden. In der kurzen Zeit, die sie gemeinsam hatten, hätten sie wahrscheinlich nicht mal Zeit für ein richtiges Date. Eine Beziehung zwischen Tür und Angel, nichts halbes und nichts ganzes. Aber warum sollten sie dem allen keine Chance geben? Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass sie realisierten, dass ein voller Terminplan doch keine gute Basis für eine Beziehung war und sie die ganze Sache beendeten. Was sich jetzt schon furchtbar anfühlte.
      "Das wird eine absolute Vollkatastrophe." Milo biss sich auf die Unterlippe, während er sein Handy zückte, es entsperrte und Aaron entgegen hielt. "Weißt du schon, wann dein nächstes Zwei-Stunden-Fenster ansteht?" Er wusste nicht mal, wann sein eigenes nächstes offenes Zeitfenster anstand. Theoretisch hatte er die Wochenenden frei, praktisch war er davon abhängig, dass Wy nichts Dummes anstellte, was absolutes Wunschdenken war und eigentlich hatte er noch genug zu tun, bevor er Zeit mit Dates verschwendete, aber wie konnte man Nein sagen, wenn Aaron so hoffnungslos verzweifelt aussah?


      Wyatt

      "Du wirst es nicht herausfinden", antwortete Wyatt, während er den Controller in die Hand nahm. Er hatte jahrelang gegen Milo gespielt, der deutlich älter war, als er und ihn nie absichtlich gewinnen lassen hatte. Alle anderen besiegte er mittlerweile mit geschlossenen Augen. Er ließ sich neben Jia auf die Couch fallen und wählte sein übliches Set-Up - Yoshi, Motorrad, weniger Handling, mehr Speed - bevor er wieder zu seiner Mitspielerin sah.
      "Wie kommt es, dass du so viel Zeit hier verbringst?" Sie sah aus, wie jedes andere Mädchen auch, aber irgendwas musste ja mit ihr falsch sein, wenn sie sich das alles freiwillig antat. "Man kann sich doch auch super draußen mit Freunden verabreden, ohne, dass einem ständig jemand auf die Finger guckt." Es war erdrückend. Wyatt hatte genau gewusst, was er tun durfte, als seine Eltern noch gelebt hatten. Solange er gute Noten schrieb, war er mit allem anderen davongekommen. Milo schien da keine klare Vorstellungen zu haben. Nicht, dass Noten in den letzten Monaten irgendeine Rolle gespielt hätten. Schule war ihm in den Wochen, die er im Krankenhaus verbracht hatte, erspart geblieben und auch danach hatte er sie vermieden, so gut es ging. Solange er ging, wenn der Bus zur Schule fuhr und nach Hause kam, wenn sein Stundenplan es vorgab, stellte Milo keine Fragen. Was sich furchtbar anfühlte. Nach den ganzen Jahren der Funkstille hatte Wyatt mit deutlich mehr Fragen gerechnet. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie die Größe des Hauses ausnutzen würden, um sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen, solange es ging.
    • Aaron

      Zumindest funktionierte es bei Milo wohl recht gut, wenn man sich möglichst armselig und mitleidbedürftig anstellte. Was die Hälfte der Zeit irgendwie Aarons Grundeinstellung war, wenn er etwas wollte und es nicht haben konnte.
      Er lächelte sofort will, als er nach dem Handy griff und seine Nummer eintippte. „Oh, keine Ahnung, vielleicht kann ich meine Babysitting-Zeit mal auf meinen Cousin abwälzen. Wie sieht es bei dir… nächsten Sonntag aus? Nachmittag und nicht allzu spät, weil wir sicher beide am Montag aufstehen müssen?“ Er gab das Handy zurück. Seinen Namen hatte er wie selbstverständlich mit einem Blumen Emoji und dafür ohne Nachnamen eingetragen.
      „Sonntag hat aber auch das Jugenzentrum geschlossen, und du müsstest sicher jemanden finden, der Wyatt im Griff hält, oder?“, fragte er etwas besorgt. Er überlegte krampfhaft, ob ihm irgendeine Alternative einfiel, aber er kannte niemanden, der sich freiwillig mit einem schwierigen Jugendlichen beschäftigte, wenn das Risiko der Sachbeschädigung bestand. „Wie wäre es, wenn wir uns irgendwo ganz in der Nähe bei euch treffen, damit du jederzeit weglaufen kannst?“, fragte er lächelnd und blinzelte Milo an. Natürlich war es nicht optimal, wenn er überhaupt im Hinterkopf haben musste, dass sein Bruder etwas anstellte, und Aaron wollte auch kein Date abbrechen lassen, aber das war besser, als nichts, oder?
      „Kennst du irgendein Café… in eurer Nähe? Oh, und ich arbeite von 13 bis 21 Uhr am Montag, Dienstag, Freitag und Samstag von 10 bis 18 Uhr, manchmal fange ich aber später an und gehe später. Ich- vielleicht schicke ich dir die Zeiten einfach, das ist besser“ Er stoppte sich, bevor er noch anfing, seinen Stundenplan aufzusagen. „Sorry, hast du‘s eilig? Ich wollte dich nicht aufhalten. Ich schreib dir nachher, ja?“, sagte er entschuldigend. „Und mach dir keine Sorgen um Wyatt, ich beobachte ihn aus Sicherheitsabstand, damit er nicht wegläuft und Jia beschäftigt ihn hoffentlich“ Aaron grinste leicht.

      Jia

      Es war Jia absolut egal, ob sie gewann oder nicht. Aber aus Erfahrung funktionierte es ganz gut, wenn man andere motivierte, zu beweisen, dass sie besser waren. Und weil Wyatt irgendwie ein bisschen versessen aufs Gewinnen zu sein schien, würde er vielleicht wiederkommen, wenn er sich seine Portion gute Laune dadurch holen konnte, ein Mädchen in Videospielen zu besiegen. Pfft.
      Aber aufgeben würde sie auch nicht gleich von Anfang an. Sie entschied sich bei der Charakterauswahl für Daisy, der Rest ging ebenfalls mehr nach Aussehen als Eigenschaft, und dann wollte sie gerade Start drücken, als Wyatt ihr eine Frage stellte. „Huh?“, fragte sie und sah ihn kurz an. „Nur so. Mich stört es nicht, wenn mir jemand auf die Finger schaut, wie du sagst. Außerdem ist das hier garnicht so, aber wenn jeden Tag dutzende Leute hier aus und eingehen, dann muss ja irgendjemand schauen, dass alles ordentlich bleibt“, erklärte sie und begann mit einem Klick endlich die erste Runde. „Und ich mag Aaron, auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst“ Sie mochte ihn am meisten von allen Menschen die sie kannte. Weil er immer alles für sie fallen ließ und sich um sie kümmerte und man merkte eben, dass er das nicht aus Pflichtgefühl oder reinem Mitleid tat, sondern weil er einfach ein guter Mensch war und Jia mochte. Ja, vielleicht war er manchmal ein bisschen überfürsorglich, aber viele der Kinder hier hatten ja auch niemanden, der sich sonst wirklich um sie kümmerte und dann war es vielleicht mal nervig, aber viel besser, als wenn ihm alles egal wäre. Außerdem stellte er keine Fragen, nur weil er neugierig war, wie alle anderen, sondern ließ ihr immer Zeit, Dinge selbst anzusprechen. Er war wie der beste ältere Bruder, den man sich wünschen konnte, und das obwohl sie tatsächlich einen hatte, der mit ihr verwandt war.
      „Sind deine Eltern so streng, oder wieso hast du so eine extreme Abneigung gegen Autoritäten“, fragte sie nüchtern. Manchmal konnte man den Bücherwurm direkt aus ihr heraushören. Und dafür ignorierte sie auch kurz ihre unausgesprochene Regel, nicht nach jemandes Eltern oder Wohnsituation zu fragen.
      „Aaron ist nichtmal wirklich so, dass er einem sagt, was man tun soll. Du könntest hier echt alles machen, was du willst, wenn du nichts kaputt machst und die Betreuer fragen eh nur hin und wieder, ob alles okay ist“ Es war deutlich lockerer, als Wyatt sich das vermutlich vorstellte. Zuhause, und damit meinte sie ihre WG, hatten sie auch Betreuer, und die kamen zwar nicht einfach so ins Zimmer hinein, aber sie waren unglaublich nervig. Weil sie sich eben nicht nur verantwortlich fühlten, sondern es auch waren, und die Regeln waren deutlich strikter. Dafür war ihnen aber ziemlich egal, wie es den einzelnen Kindern ging, hauptsache alle hielten sich immer an die Pläne. Außerdem mochte Jia die meisten anderen Kinder nicht, die dort wohnten. Es war eigentlich immer laut, irgendjemand schrie oder weinte andauernd und die meisten waren sowieso viel jünger als Jia. Ihre einzige Freundin dort war Zara, aber die ging auf eine andere Schule und hatte längere Stundenpläne und war nicht oft zuhause. Außerdem war es seltsam, plötzlich woanders ohne ihre Familie zu wohnen, darum war sie lieber hier, als dort.
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    • Milo

      Er konnte nicht anders, als zu lächeln, als er sein Handy wieder an sich nahm und kurz auf Aarons Namen mit dem Blümchen dahinter sah. Wie konnte man mit so einem vollen Zeitplan so hoffnungslos gut drauf sein? Wieso fühlte es sich so schön an zuzuhören, wie Aaron verzweifelt Zeit für ein Date suchte? Wenn er nur halb so viel Energie in alle folgenden Dates stecken würde, hätten sie vielleicht doch eine Chance, diese Beziehung irgendwie hinzubekommen. Er tippte Aarons Namen kurz an, um ihm einen lächelnden Smiley zu schicken, damit er Milos Nummer ebenfalls hatte.
      Milos Lächeln verschwand erst, als Aaron begann, seinen Terminplan minutiös runter zu rattern und ihn damit vollkommen überforderte. Er hatte sich keine einzige Uhrzeit gemerkt. Er war schon zufrieden, wenn er es mit Hilfe von seinem Handy hinbekam, sich seinen eigenen Zeitplan irgendwie zu merken. Zum Glück schien Aaron gerade auf den selben Gedanken zu kommen.
      "Aufschreiben kling gut", kommentierte er trocken, während er sein Portmonee aus seiner Jackentasche kramte und kurz die einzelnen Fächer nach der Visitenkarte seine Praxis durchsuchte. Er war sich sicher, dass irgendwo zwischen den tausenden Mitgliedskarten, die man mittlerweile in jedem Geschäft in die Hand gedrückt bekam und die viel zu langsam durch Apps ersetzt wurden, noch eine hatte. Er zog sie schließlich mit einem kleinen triumphierenden Geräusch aus einem der hinteren Kartenfächer und hielt sie Aaron entgegen.
      "Das sind meine Zeiten", erklärte er. Die Karte war simpel designed, was größtenteils daran lag, dass weder Charles, noch Milo sonderlich viel Sinn für Ästhetik besaßen. Der Hintergrund war weiß und viel mehr als "Gemeinschaftspraxis" gefolgt von Milos und Charles' Namen, sowie ihren Sprechstundenzeiten stand nicht drauf. Manchmal hatte Milo das Gefühl, dass Charles nur eine Gemeinschaftspraxis bilden wollte, um die Karte irgendwie voll zu bekommen. Vielleicht hätte er sich mehr gegen den Vorschlag wehren sollen.
      "Meistens kann man mit ein bis zwei Stunden Überstunden rechnen, dafür kann ich ab und an den Mittwoch ausfallen lassen, wenn nicht viel los ist. Dafür steht meistens ein Haufen anderes Zeug an, aber...damit hast du wenigstens einen Richtwert." Wenigstens musste er Aaron nicht mehr erklären, dass er ab und an schlicht keine Zeit hatte, weil er sich um einen rebellischen Teenager kümmern musste.
      "Wir wohnen in einem richtigen 'Nichts außer Häuser' Wohngebiet. Cafés gibt es da leider keine. Aber wir haben einen Italiener in der Nähe, wenn du auf mittelmäßige Pizza stehst. Sonst findet sich bestimmt jemand, der"- Er suchte kurz nach dem richtigen Wort, bemüht, nicht das zu sagen, was ihm als erstes in den Kopf schoss - "nett genug ist, um auf Wy aufzupassen. Wir könnten es Sonntag versuchen." Er fühlte sich seltsam leicht. Wenn Aaron es nicht nochmal angesprochen hätte, hätte er wahrscheinlich vollkommen vergessen, dass er eigentlich was vor hatte. "Also. Wir sehen uns dann gleich vielleicht nochmal. Sonst bis Sonntag."


      Wyatt

      Wyatt achtete nur halb auf die Strecke, während er Jia zuhörte. Er musste kurz humorlos auflachen, als sie Aaron nochmal erwähnte. Sie hatte eben an ihm geklebt, als ob sie sein persönlicher Schatten wäre. Es war ziemlich offensichtlich, dass sie ihn mochte. Er verstand nur nicht, warum.
      "Meine Eltern waren okay. Sie sind letztes Jahr bei diesem Amoklauf in der Kirche verstorben, also haben sie nicht mehr die Chance, strenger zu werden. Außer sie kommen als Geister zurück, aber dafür waren sie zu katholisch", erklärte er trocken. Es gab keine Geister im Christentum, richtig? Nur Himmel und Hölle und ein paar Dämonen, von denen er nie richtig wusste, wie sie ins Bild gepasst hatten. Vielleicht hätte er wirklich besser aufpassen sollen, aber Wyatt hatte sich nie für Religion interessiert. Er war immer nur mit in die Kirche gegangen, wenn sie danach direkt irgendwas anderes machen wollten. Damals wollten sie anschließend ins Kino. Wy konnte sich noch daran erinnern, wie er mit einem Freund in der letzten Reihe der Kirchenbänke gesessen hatte, damit sie während des Gottesdienstes leise miteinander reden konnten. Seine Eltern hatten weiter vorne bei Bekannten gesessen. Er hatte keinerlei Erinnerung daran, was zwischen dem leisen Gespräch und dem langsamen Wachwerden im Krankenhaus passiert war. Es kam ihm vor, als hätte er zwischendurch einmal kurz geblinzelt und plötzlich war alles auf den Kopf gestellt. Seine Eltern waren tot und irgendwie...interessierte es niemanden. Das Leben ging weiter, als ob nichts passiert wäre und er war alleine mit der Frage, was passiert wäre, wenn er bei seinen Eltern gesessen hätte.
      "Milo ist deutlich strenger. Wenn er Zeit hat. Ältere Geschwister halt." Er verdrehte die Augen, bevor er es schaffte, sich mit einem gut gezielten Schildkrötenpanzer auf den ersten Platz zu setzen. Eine Runde noch. So lange würde er die Position sicher halten können, solange Jia sich nicht als verdecktes Mario Kart Genie outete.
      "Aber kommt dir das alles nicht auch einfach wie ein Kindergarten vor?"
    • Aaron

      Oh, Dr. Brooks… Aaron sah sich die Sprechstundenzeiten kurz an und überlegte bereits, wo sich ihre Freizeit überschnitt, aber das konnte noch warten. Wichtig war, dass sie zumindest mal einen provisorischen Tag fürs erste Date gefunden hatten, auch wenn die Planung dahinter alles andere als romantisch war. Aber er war ja vorgewarnt worden. Vielleicht ließ Aaron sich etwas leichtfertig auf einen gestressten, gerade zum Waisen gewordenen Arzt ein, der alleine einen Problemteenager erzog. Aber hey, er sah wirklich gut aus und niemand war völlig vor Oberflächlichkeit gerettet. Und vielleicht konnte er den Teenager ja selbst noch ein bisschen hinbiegen. Er steckte die Karte in die Tasche seines rosa Cardigans.
      "Mittelmäßige Pizza klingt nach dem idealen Sonntag Abend", stimmte er zu und lächelte. "Falls Wyatt sich irgendwie überzeugen lässt, öfter herzukommen, sehen wir uns vielleicht ja vor nächstem Sonntag sogar noch öfter" Aaron war sich nur nicht ganz sicher, wie er Wyatt motivieren sollte, wenn er nicht von ihm angesprochen werden wollte. Er musste wohl noch länger Jia für sich arbeiten lassen und… vielleicht fand er später noch irgendein Kind, das er auf ihn hetzen konnte.
      "Hey, bevor du gehst", hielt Aaron Milo erneut kurz auf. "Hat Wyatt irgendwelche Hobbys? Irgendwelche speziellen Interessen, bei denen nichts und niemand verletzt wird? Vielleicht kann ich ihn ganz zufällig mit jemandem verkuppeln, der ihm ähnlich ist" Vielleicht sollte er sich auch nicht zu sehr einmischen, aber er war recht motiviert. Und unter den locker 50 Kindern die hier täglich ein und ausgingen, kannte Aaron so gut wie jedes. Er wäre perfekt für den Match-Maker Job.

      Jia

      Wyatts Antwort lenkte Jia einen Moment zu sehr vom Spiel ab, sodass sie es dann auch schon völlig aufgeben konnte, noch zu gewinnen. Sie beobachtete den Jungen kurz aus dem Augenwinkel, aber er hatte wirklich sehr neutral von seinen Eltern erzählt. Der Anschlag war überall in den Nachrichten gewesen, also wusste sie natürlich, welchen er meinte. Aber das war nicht sehr lange her und irgendwie hätte Jia zumindest einen etwas traurigeren Gesichtsausdruck erwartet, oder so. "Tut mir leid", sagte sie nur. Aber das würde auch nichts ändern. "Zumindest redet dein Bruder mit dir", erwiderte sie. Auch wenn er streng war und wenig Zeit hatte, hatte Wyatt immernoch jemanden, der sich um ihm kümmerte. Das war besser als garkeine Familie zu haben, dachte sie jedenfalls.
      "Ich hab meinen Bruder seit September nicht gesehen", fügte sie etwas leiser hinzu, auch wenn sie es eigentlich vermied, über sowas zu reden. Besser war es, wenn niemand hier wusste, wo sie wohnte oder weshalb sie dort wohnte. Dann müsste sie eine Frage nach der anderen beantworten und würde wohl oder übel irgendwann dort ankommen, an das sie selbst am liebsten nicht dachte. Aber wenn Wyatt ihr schon so etwas erzählte, wollte sie ihm irgendwie entgegenkommen. Fairer Informationsaustausch oder so.
      "Aaron ist für mich mehr wie meine Familie als meine ganze richtige Familie, darum bin ich andauernd hier"
      Das war's, sie hatte verloren. Naja, den zweiten Platz erreicht. Die nächste Runde stand an.
      "Ich seh überhaupt keine Ähnlichkeit zu einem Kindergarten. Wir sind hier freiwillig und können jederzeit gehen. Aber manche mögen es halt, wenn sich ausnahmsweise mal jemand um sie kümmert. Auch wenn nur mal wer fragt, wie es dir geht", sagte sie. Müsste Wyatt das nicht irgendwie nachvollziehen können, wenn er sich gerade darüber beschwerte, dass sein Bruder nie Zeit hatte?
      "Und außerdem gibt es hier ein paar Leute, die verstehen wie es ist, wenn man nicht dauernd bemitleidet werden oder über seine Probleme reden will. Das ist wie eine Auszeit" Zumindest war Jia es leid, dass in der Schule jeder wusste, dass irgendetwas bei ihr nicht stimmte. Dass sie plötzlich umgezogen war und keinen Kontakt zu ihren Eltern hatte. Sogar die Lehrer steckten ihre Nasen dauernd in Jias Angelegenheiten, aber das Schlimmste war, dass sie auch schon Schlüsse zogen, ohne dass sie etwas dazu sagen musste. Entweder sie hatten Mitleid mit ihr oder sie wussten es besser. Und mit dem falschen Namen angesprochen zu werden machte es auch nicht angenehmer. Im Jugendzentrum wusste wenigstens niemand wirklich etwas über sie.
      "Und, wieso hat dein Bruder dich eigentlich hierher gezwungen, wenn du nicht hier sein willst?", fragte sie. "Weiß er, dass du jederzeit gehen kannst oder dachte er, das ist eine Alternative zum Jugendknast?"
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    • Milo

      Hobbies. Milo erstarrte kurz, während er das Gefühl hatte, auf einen Schlag alles zu vergessen, was Wy je gemocht hatte. "Oh. Ich, äh..." Milo schüttelte kurz mit dem Kopf. "Wir hatten nicht sonderlich viel Kontakt, bevor..." Er machte eine vage Handbewegung, um sich selbst etwas Zeit zu geben. "Wir haben früher oft Brett- oder Kartenspiele gespielt. Er hat eine widerliche Vorliebe für Spiele, in die man sich richtig reindenken muss und zieht seine Züge oft so lange, dass man zwischendurch nicht mehr weiß, was man überhaupt spielt." Zumindest war das vor ein paar Jahren der Fall gewesen. Momentan tat er nicht viel mehr, als mit seinen Freunden unterwegs zu sein, oder am Handy zu hängen.
      "Und er kann wirklich gut backen, aber ich weiß nicht, ob er das freiwillig zugeben würde. Ich weiß nicht, wie es im sportlichen Bereich aussieht. Er kommt mit seiner Prothese noch nicht ganz klar- Oh. Linkes Bein. Er war dabei, als- Gott, das ist alles durcheinander." Milo schob seine Finger in seine Haare und zwang sich durchzuatmen. Er hatte so viele Baustellen gleichzeitig im Kopf, dass er keine Ahnung hatte, wo er anfangen sollte, ohne, dass Aaron absolutes Mitleid bekommen würde. Eigentlich war das ganze auch kein Thema, das er gerne jemandem auf die Nase band, mit dem er Ende der Woche ein Date hatte. Waren Traumata nicht irgendwie eher so fünftes-Date-Material?
      "Er findet immer irgendwas, womit er sich beschäftigen kann. Positiv, wie negativ." Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. Würde er es überhaupt noch hinbekommen, nach Hause zu fahren und sich auf irgendwas anderes als sein Date zu konzentrieren, bevor er Wy wieder einsammelte? "Ich versuche dir Sonntag alles irgendwie zusammenzufassen. Ich lad dich dann zum Ausgleich ein. Danke schon mal für die ganze Mühe." Am liebsten würde er Aaron einfach umarmen und nicht mehr los lassen, aber das sollten sie sich wahrscheinlich auch für ihr erstes Date aufsparen.


      Wyatt

      "Nein, ich glaube, das weiß er. Er hat die Hoffnung, dass ich hier Freunde finde, die er lieber mag, als die Freunde, die ich jetzt hab. Oder er denkt, dass er sein Nötigstes getan hat, als er mich hier abgesetzt hat und alles andere ist ihm egal." Wyatt zuckte kurz mit den Schultern, während er auf die nächste Strecke sah. "Als meine Eltern noch gelebt haben, hat er auch nicht mit mir geredet. Er hat jetzt einfach keine Wahl mehr." Was fast okay wäre, wenn Milo nicht so tun würde, als ob er sich irgendwie für ihn interessieren würde. Die ersten paar Wochen war Wy furchtbar froh gewesen, dass sein Bruder die Vormundschaft übernommen hatte. Die Alternative wären irgendeine Tante und ein Onkel gewesen, die in Amerika wohnten und die er noch nie getroffen hatte. Langsam wünschte er sich doch, er wäre aus London raus gekommen.
      Er blinzelte leicht, als er realisierte, dass er fast den nächsten Start verpasst hätte. Er hatte wirklich ewig nicht mehr mit jemandem Mario Kart gespielt. Irgendwie war es fast nett. Jia hatte irgendwo recht - es war angenehm, dass sie nicht übermäßiges Mitleid mit ihm hatte. In seinem Freundeskreis versuchte er meistens, seine komplette Vergangenheit irgendwie unter den Tisch fallen zu lassen. Er brauchte kein Mitleid. Es würde eh nichts ändern und irgendwie gab es ihm jedes mal ein schlechtes Gewissen, weil er nicht genug trauerte. Er hatte geweint. Natürlich. Die Beerdigung war furchtbar gewesen und auch danach hatte er seine Eltern furchtbar vermisst, aber mittlerweile fühlte er sich einfach nur...taub. So, als würde das alles einem anderen Menschen passieren und nicht ihm.
      "Wie kommt es, dass du deinen Bruder so lange nicht mehr gesehen hast?", fragte er schließlich. "Hast du ihn auch zu sehr mit Mario Kart genervt?"
    • Aaron

      Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Frage Milo einerseits so überforderte und er andererseits gleich das Verlangen hatte, Wyatts Lebensgeschichte zu erzählen, und eigentlich wollte Aaron ihn stoppen, bevor er zu viel erzählte, aber das tat er dann zum Glück auch selbst. Aaron war es nämlich deutlich lieber, solche Dinge entweder von der betroffenen Person zu hören oder garnicht. Dass er eine Prothese hatte, kam ihm irgendwie auch schon zu persönlich vor. Er wusste ja nicht, wie Wyatt damit umging.
      „Okay, Spiele, verstanden“, antwortete er lächelnd und war kurz davor, Milo eine Hand auf die Schulter zu legen oder so, um ihn ein wenig zu beruhigen. Sein Stress ging langsam auf Aaron über. „Ich wollte garnicht… Du musst mir überhaupt nichts von der Sache erzählen, wenn du nicht willst. Vielleicht wäre es Wyatt auch lieber, wenn der nervige Betreuer nicht seine halbe Lebensgeschichte kennt“, erklärte er schonend. „Ich freue mich auf Sonntag, aber ich würde gern mehr über dich wissen. Also dann. Bis später“ Er blieb stehen und sah Milo hinterher, bis er aus der Tür war, bevor er sich nach vorne beugte und die Hände auf seine Oberschenkel stützte. Einmal tief atmen. Okay. Und wieder hoch. Ihn erwartete hier wirklich jedes Tag was Neues, aber so viel Neues ging dann auch nicht spurlos an ihm vorbei. Ihm war plötzlich viel zu heiß und er zog sich den Cardigan aus. Dann schüttelte er nochmal ungläubig den Kopf, bevor er zurück zum Mitarbeiter-Raum lief.

      Jia

      „Es ist ihm sicher nicht egal, sonst hätte er dich einfach wieder zur Adoption freigegeben oder so“, murmelte Jia, was zugegeben ein wenig düster war, aber sein Bruder würde sich doch nicht um Wyatt kümmern, wenn er ihm egal wäre und er nichtmal ansatzweise durchdacht hatte, wieviel Zeit es in Anspruch nahm, jemandes Erzieher zu sein. Es sei denn, Milo war eben genau so ein Vollidiot, und er dachte, dass Wyatt sich schon irgendwie allein durchschlagen würde. Aber dann gäbe es ein niedrigeres Mindestalter, um arbeiten und alleine wohnen zu können. Wie alt war Wyatt überhaupt? Vermutlich nicht 18.
      „Was ist falsch mit deinen jetzigen Freunden?“, fragte sie. War er in irgendwelchen Verbrecherkreisen oder so? Das wäre auch nicht das erste Mal, dass Jia so jemanden hier traf. Aber sie hoffte irgendwie, dass es etwas anderes war. Illegale Dinge machten sie nervös.
      Sie seufzte, als genau das passierte, was sie immer vermeiden wollte. Aber aus irgendeinem Grund war sie heute nicht ganz so abgeneigt, über sich selbst zu reden, solange es sich in Grenzen hielt.
      „Mein Bruder wohnt bei meinen Eltern, ich aber nicht. Aber wir haben davor auch nicht viel miteinander geredet. Hat keinen besonderen Grund, das hat einfach irgendwann aufgehört“, antwortete sie. Okay, da war vielleicht eine kleine Lüge versteckt. Es gab keinen spezifischen Grund, weshalb Jiwoo und sie keine gute Beziehung gehabt hatten, aber es gab ein paar Dinge, die dazu beigetragen hatten. Zum Beispiel, dass er nicht verstand, wieso Jia so war, wie sie war. Aber er hatte auch nie versucht es zu verstehen und er hatte sie nie vor ihren Eltern verteidigt. Aber Jia nahm ihm das auch nicht übel, weil ihre Eltern verdammt einschüchternd sein konnten. Darum hatten sie sich immer separat auf ihren Zimmern eingeschlossen. Zumindest, wenn Jiwoo überhaupt mal zuhause war. Er war immer mit seinen Freunden beschäftigt. Aber seit Jia rausgeworfen wurde, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sie gingen auch auf unterschiedliche Schulen, also liefen sie sich nie über den Weg. Sie konnte nicht wirklich behaupten, dass sie ihn vermisste, aber sie vermisste die Zeit, als sie ein Kind war, und die Erinnerungen, als Jiwoo sie überall hin mitgenommen hatte.
      „Frag nicht, warum ich nicht zuhause wohne“, warnte sie Wyatt. Sie konnte vieles beantworten, aber das würde sie nicht jemandem erzählen, den sie seit dreißig Minuten kannte und dessen erste Reaktion auf sie gewesen war, sie zu beleidigen. Auch wenn sie das nicht persönlich nahm. Aber besonders vertrauenswürdig machte es Wyatt nicht gerade.
      „Oh, übrigens bist du gerade auf dem zweiten Platz“, sagte sie und lachte leise, weil sie Wyatt endlich überholt hatte. Wenn man ständig zum Aufwärmen Mario Kart mit irgendwem spielte, wurde man schnell besser.
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    • Milo

      Milo wusste irgendwie immer noch nicht so richtig, was gerade passiert war, als er in sein Auto stieg. Er hatte ein Date mit einem Typen, den er vor ein paar Tagen in einer Bar kennen gelernt und zufällig in einer 8,8 Millionenstadt nochmal getroffen hatte. Solche Zufälle gab es sonst nur in Filmen. Und Aaron hatte wirklich aufrichtig begeistert darüber gewirkt, dass sie miteinander ausgehen würden. Hoffentlich würde er sich diese Begeisterung beibehalten, wenn das Date vollkommen nach hinten losgehen würde. Milo konnte jetzt schon sehen, dass es in Tränen der Verzweiflung enden würde.
      Er lehnte seine Stirn kurz gegen das Lenkrad, während er versuchte, seine Gedanken an das Date erstmal nach hinten zu schieben, was nur dazu führte, dass seine Sorge, dass Wy etwas anstellen könnte, wieder aufkam. Bisher hatte er noch nichts von ihm gehört, also schien Jia ihn entweder gut auf Trab zu halten, oder sie lag mittlerweile geknebelt in irgendeinem Schrank. Er hoffte auf ersteres, als er tief durchatmete und sich wieder aufsetzte. Für Sorgen hatte er keine Zeit mehr. Er hinkte seinem Zeitplan jetzt schon hinterher. Es gab Aktenordner, die auf ihn warteten.
      Mit einem letzten Blick auf sein Handy - nun wegen Wyatt und Aaron - startete er den Motor. Den geplanten Wocheneinkauf würde er verschieben müssen, aber wenn er sich beeilte, würde er eventuell endlich dazu kommen, die Konten seiner Eltern aufzukündigen und durch die vielen Abos zu schauen, die sie für Streaming, Zeitung und alles andere abgeschlossen hatten. Es war seltsam. Die Nachricht, dass seine Eltern tot waren hatte ihn nicht so sehr mitgenommen, wie er gedacht hatte und doch wurde ihm jedes mal mulmig zumute, wenn er irgendetwas angehen musste, was tiefer in ihr Leben hineinreichte. Als er nach Jahren das erste mal wieder in ihrem Schlafzimmer gestanden hatte, hatte er es keine fünf Minuten ausgehalten, bis er sich umgedreht hatte und wieder gegangen war. Sein erster Plan war es gewesen, alles zu renovieren, aber der Plan musste wirklich, wirklich weit nach hinten geschoben werden.
      Er konnte nur hoffen, dass die Konstellation mit Wy und Aaron nicht auch noch zur Sorge werden würde.


      Wyatt

      Die Nachfrage nach seinen Freunden konnte Wyatt nur mit einem Schulterzucken beantworten. Er mochte seine Freunde. Sie waren entspannt, unabhängig und deutlich unterhaltsamer, als alles, was er zuhause machen konnte. Sie verstanden ihn. Sie wussten, was er gerne machte und wo seine Stärken lagen. Sie hatten nichts gegen gelegentliche Beleidigungen. Wahrscheinlich konnte Milo einfach nicht akzeptieren, dass er kein Kind mehr war. Er war alt genug, um selbst Entscheidungen zu treffen. Und es war verdammt spannend zu sehen, wie oft man es schaffte, etwas aus einem Laden zu schmuggeln, bevor man erwischt wurde. Aber das würde Milo mit seinem Doktortitel und fehlendem Freundeskreis wohl nie begreifen. Zwei Jahre und ein Monat noch und dann könnte Wy endlich tun und lassen, was er wollte.
      Es war seltsam, dass Jia nicht so dachte, wie er. Offensichtlich hatte sie auch keinen Rückhalt in ihrer Familie. Warum also jemand anderen suchen, der auf sie aufpasste, statt einfach selbstständig zu werden? Vor allem jemand so nervtötendem, wie Aaron? Sie war alt genug, nicht? Sie musste mindestens dreizehn sein. Und offenbar war sie besser in Mario Kart, als er gedacht hatte, aber das war zweitrangig. Ihre Bitte davor war viel spannender.
      "Warum soll ich nicht fragen? Ist es was peinliches?", fragte er, bevor er kurz die Stimme senkte, "Was illegales? Hast du irgendein geheimes Familienrezept verkauft und bist jetzt verflucht worden?" Er lehnte sich kurz zu ihr herüber, damit sie sein verschwörerisches Flüstern noch hören konnte und tippte sie bei der Gelegenheit kurz am Ellenbogen an, in der Hoffnung, dass sie einen Schlenker fahren würde. So furchtbar ernst, wie sie die ganze Zeit war, war sie ihrer Familie wahrscheinlich einfach zu gruselig geworden.
    • Jia

      Jia verpasste Wyatt einen etwas genervten Seitenblick, als er ihr auf die Pelle rückte und sie anstupste, während sie noch vollkommen konzentriert auf das Spiel war, um die Runde zu gewinnen. "Wundert mich nicht, dass Milo dich hier ausgesetzt hat", pfefferte sie zurück. Normalerweise war sie wirklich entspannter und ging auf sowas nicht ein, aber Wyatt motivierte sie irgendwie dazu, Zurückzureden, wenn er schon solche bescheuerten Sachen sagte und durch Tricks gewinnen wollte. Obwohl das hier wirklich alles andere als ein Streit war. Ihr war schon klar, dass Wyatt sie nur nerven wollte.
      "Willst du unbedingt verlieren?", fragte sie und deutete auf den Bildschirm. "Beschwer dich dann nicht, wenn ich dich in jeder Runde besiege, während du irgendwas von Flüchen redest" Sie hielt ihr Wort jedenfalls und hatte keine Sekunde später die zweite Runde gewonnen. Sie drehte sich mit triumphierendem Blick zu Wyatt herum. Na, war er ein schlechter Verlierer? Jia konnte sich fast nichts anderes vorstellen. Irgendwie hatte sie aber noch das Verlangen, ihm eine sinnvolle Antwort zu geben.
      "Ich hab übrigens nichts gemacht, meine Eltern hassen mich weil ich-"
      "Hey, ich störe ganz kurz" Aus dem Nichts tauchte Aaron im Türrahmen auf und hielt Jia auf, bevor sie ihren Satz zu Ende sprechen konnte. Vielleicht war das gut, sie sollte Wyatt nicht zu viel erzählen, wenn sie ihn eigentlich dazu bringen sollte, öfter herzukommen. Danke, Aaron. Auch wenn er doch versprochen hatte, nicht mehr mit Wyatt zu reden, oder…? War das jetzt sehr schlau?
      "In zehn Minuten fängt der Workshop drüben an, und ich wollte nur mal fragen, ob ihr hier okay seid, oder da teilnehmen wollt?", fragte er, dann drehte er sich etwas zur Seite weil sich zwei Jungs an ihm vorbei in den Raum quetschten und sich unter dem Fenster an den Heizkörper setzten. Das wars dann mit Privatsphäre.
      Jia war sich aber auch ziemlich sicher, dass Wyatt an dem Workshop nicht interessiert sein würde. "Äh, ich weiß nicht, ich glaube nicht", antwortete sie für sie beide. Wenn Wyatt schon nichtmal unbedingt hier sitzen und zocken wollte, dann hatte er auf Schule 2.0 wahrscheinlich noch deutlich weniger Lust.
      Aaron stand noch einen Moment länger da, dann sagte er: "Alles klar. Ich bin in der Küche, wenn was ist" Und er lächelte, wie immer viel zu freundlich, und schien wohl noch nicht ganz sicher zu sein, ob er wirklich wieder gehen und sie alleine lassen konnte. Jia lächelte deutlich zu übertrieben zurück und versuchte Aaron mit den Augen zu deuten, dass er jetzt definitiv gehen sollte, wenn er Wyatt nicht sofort loswerden wollte.
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    • Wyatt

      Wyatt verzog kurz unglücklich das Gesicht, als er auf den Fernseher sah und realisierte, dass diese Runde wohl an Jia ging. Gut, es würde auch verdammt langweilig werden, wenn er immer gewinnen würde und es war ja auch eine Weile her, seit er gespielt hatte. Am Ende zählte doch eh nur, wer nach allen vier Runden auf dem ersten Platz war, oder? Bis dahin würde er sie schon noch überholen. Wahrscheinlich musste er sich nur etwas kreativeres als Ablenkung ausdenken. Aber hey - dafür bekam er wenigstens eine Antwort auf seine Frage!
      Oder auch nicht!
      Natürlich musste Aaron im denkbar schlechtesten Augenblick auftauchen. Jia war Wy im Grunde vollkommen egal, aber...wenn man schon mal jemanden traf, dem es offenbar ähnlich schlecht ging, wie einem selbst, wollte man auch die ganzen Details, oder nicht? Er konnte sich zumindest nicht vorstellen, was ein Mauerblümchen wie Jia gemacht haben sollte, um den Hass ihrer Eltern auf sich zu ziehen. Und offenbar würde er es nie erfahren. Obwohl das vielleicht auch Teil von Blondies Plan gewesen war - hey, unterbrich sie in einer Konversation, damit Wy nochmal wiederkommen muss, um das Ende zu erfahren!
      Es würde absolut nicht funktionieren. Wy hatte besseres mit seiner Zeit vor. Er würde den heutigen Tag einfach absitzen und hoffen, dass Milo so erleichtert über seine Mitarbeit war, dass ihm die nächsten drei Fehltritte gar nicht auffallen würden. Bei seinen Eltern hatte die Taktik zumindest immer wunderbar funktioniert. Er wünschte sich nur, dass Milo irgendwas cooleres gefunden hätte, mit angenehmeren Leuten.
      Aaron lächelte, als ob er alles gab, um Jias genervtes Gesicht in den letzten Minuten auszugleichen. Fast ein bisschen gruselig. Außerdem schien er ziemlich masochistisch veranlagt zu sein, wenn er wirklich nochmal das Gespräch suchte, obwohl er Wy eben noch versichert hatte, ihn in Ruhe zu lassen. Seine einzige Rettung war, dass Jias angestrengtes Grinsen zu unterhaltsam war, um irgendwie einzugreifen. Manisch. So, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen und wollte nicht zugeben, wie sauer sie schmeckte. Wyatt warf ihr einen amüsierten Seitenblick zu, bevor er kommentarlos mit den Schultern zuckte und Aaron einfach weitestgehend ignorierte.
      "Nächste Strecke?", fragte er Jia mit einem kleinen Nicken in die Richtung des Fernsehens. Vielleicht würde er sie ja doch wieder zum reden bekommen.
    • Jia

      Jia ließ ihr Lächeln sofort fallen, als Wyatt sich zu ihr drehte, und sie nickte nur als er die nächste Runde ansteuerte. Mit einem Seitenblick zu Aaron und einem kleinen Winken signalisierte sie ihm, dass er einfach gehen sollte. Dabei fragte sie sich langsam, warum er sein Vorhaben selbst manipulierte. War es ihm so wichtig, zu sehen, ob Wyatt sich eingewöhnte und bleiben wollte? Es interessierte sie immer brennender, wie er zu Milo stand. Aarons Blick nach zu urteilen, als Milo durch die Tür gekommen war, hatte er sich jedenfalls nicht angekündigt und Aaron hatte nicht mit ihm gerechnet, aber trotzdem wollte er sich um Wyatt kümmern. Hmm… War es möglich, dass er endlich jemanden mochte? Oder vielleicht waren sie alte Schulfreunde oder sowas… Aber Jia hoffte irgendwie, dass es das nicht war.
      Als Aaron sich wieder umdrehte und ging, waren Wyatt und sie trotzdem nicht allein. Hoffentlich hatte Wyatt einfach schon wieder vergessen, was sie sagen wollte. „Du kommst nicht wieder, oder?“, fragte Jia neutral. Alleine, dass er Aaron einfach ignorierte, ließ sie schon irgendwie schlussfolgern, dass er den heutigen Tag einfach über sich ergehen lassen und dann nie wieder einen Fuß ins Jugendzentrum setzen würde. „Aber wer weiß, vielleicht zwingt Milo dich jetzt jede Woche hier her, nur damit er Aaron sehen kann“, murmelte sie und lächelte in sich hinein. Die dritte Runde Mario Kart lief wieder etwas schlechter für sie, aber das machte nichts, sie konnte ja noch aufholen. Oder zumindest war sie davon überzeugt, bis sie erneut abgelenkt wurde, diesmal von einer bekannten Stimme im Türrahmen: „Jia, arbeitest du wieder in Aarons Auftrag?“
      Sie sah vom Fernseher hoch und erblickte den rothaarigen Jungen, der sie angrinste. „Wer bist du?“, fragte er Wyatt. „Und was hast du angestellt, dass dir unser Engel aufgehetzt wurde um dich zu bekehren?“ Jude kam herein und ließ sich an Wyatts Seite aufs Sofa fallen. „Ohh Mario Kart, wer gewinnt?“
      „Ich“, erklärte Jia selbstbewusst, auch wenn es gerade nicht danach aussah. „Definitiv ich, Wyatt ist zu beschäftigt damit, zu schummeln“
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    • Wyatt

      Nope, dass er wiederkommen würde war verdammt unwahrscheinlich. Er würde Milo irgendwie verklickern, dass das alles nichts für ihn war. Oder er würde die selbe Nummer abziehen, wie in der Schule - einfach behaupten, dass er hier wäre und eigentlich woanders hingehen. Er musste nur einen Weg finden, Milo das nicht rausfinden zu lassen, aber irgendwas würde ihm schon einfallen. Er würde einfach-
      Seine Gedanken erstarrten kurz, als Jia andeutete, dass er hier war, weil Milo Aaron sehen wollte. Das war...abwegig, richtig? Wyatt wusste genau, dass das hier das Jugendzentrum war, das am nächsten an seinem Haus lag und Milo es einfach ausgesucht hatte, damit er nicht so lange fahren musste. Sicher, er kannte Aaron irgendwoher, aber Wyatt hätte den Namen bestimmt schon mal gehört, wenn die beiden irgendeine tiefere Beziehung hätten. Vielleicht war Aaron einfach einer von Milos Patienten. Das würde auch erklären, warum Milo nicht sonderlich begeistert ausgesehen hatte, als sie aufeinander getroffen waren. Es wäre seltsam, einen Patienten außerhalb der Praxis zu sehen, oder? Aber es wäre wahrscheinlich genauso seltsam, einen Patienten mit dem Vornamen anzusprechen. Wobei...Aaron war genau der Typ Mensch, der von allen nur beim Vornamen genannt werden wollen würde. War Aaron Milos Typ? Wyatt hatte keine Ahnung. Er kannte keine einzige Beziehung seines Bruders. Seine Eltern hatten nicht gerne über ihn gesprochen und Milo selbst schien das Thema vollkommen zu vermeiden.
      Er kommentierte Jias Anmerkung mit einem formschönen Augenrollen und versuchte, sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren, bevor sie erneut unterbrochen wurden. Warum war hier jeder so redebedürftig? Wyatt hätte keine Probleme damit gehabt, die zwei-drei Stunden auch einfach alleine am Handy zu sitzen.
      "Wyatt", stellte sich selbiger dem Fremden vor. "Und ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich bin gar nicht in der Lage, irgendwas anzustellen. Jia hatte einfach das Pech, in der Nähe gewesen zu sein, als wir reingekommen sind. Hatte sie immer schon Wahnvorstellungen?" Er nickte kurz auf den Punktestand, den er noch anführte, wenn auch nur knapp. Vielleicht hatte Jia mit ihrem Kommentar einfach beweisen wollen, dass sie einen Hauch Humor besaß. Wer wusste das schon?
    • Jia

      „Pech. Klar“, erwiderte Jude mit hochgezogener Augenbraue. „Mit den Wahnvorstellungen könntest du aber recht haben“ Dann ließ er sich mit einem Seufzen zurück ins Sofa sinken und legte breit ein Bein über das andere. „Wenn du nichts angestellt hast, musst du ja richtig nett sein, dass Jia hier sitzt anstatt Aaron hinterher zu laufen“
      Jia war sich nicht sicher, gegen wen diese Aussage gerade ging, aber sie fühlte sich von so etwas sowieso nicht angegriffen. War ihr doch egal, wenn jemandem auffiel, dass sie lieber bei Aaron war als irgendwelchen anderen Kindern. Und außerdem übertrieben immer alle, sie war auch nicht durchgehend bei Aaron.
      „Sooooo nett“, meinte sie, etwas übertrieben. „Und stell dir vor, Jude. Er hat sogar erraten, dass ich verflucht wurde weil ich das Familienrezept meiner Eltern verkauft hab“ Sie grinste leicht.
      Jude lehnte den Kopf nach hinten und blinzelte sie hinter Wyatt hinweg kurz an. „Achja? Und weiß er auch, dass du verstoßen wurdest, weil der Fluch sich darin äußert, dass sich alle andauernd verpflichtet fühlen, dir Geschenke zu kaufen?“
      Jia schwenkte den Blick nochmal etwas verwirrt zu Jude, was vermutlich ihr Todesurteil in der Runde war, weil sie sofort aus der Bahn flog und nun deutlich hinten lag.
      „Nein? Ist dir auch neu? Mir nicht“, murmelte Jude und hielt an Wyatt vorbei seinen Arm ausgestreckt und irgendwas lag da in seiner geöffneten Hand, das Jia aus dem Augenwinkel nicht einschätzen konnte. Sie sah etwas gestresst nach unten und flog dann wieder aus der Bahn, reagierte aber ziemlich schnell, als sie zwei große schwarze Schleifen sah, die vermutlich an Haarspangen befestigt waren. Sie sog überrascht die Luft ein und drückte Jude stattdessen ihren Controller in die Hand, während sie die Spangen inspizierte. „Die sind schön, aber wieso?“, fragte sie völlig baff und lehnte sich nach vorne, aber Jude lachte nur und versuchte ihren Spielstand wieder zu verbessern.
      „War mit meiner Freundin einkaufen, da hab ich diese übertrieben großen, kitschigen, rosa Schleifen gesehen, aber dann gab es sie auch in schwarz also hab ich sie mitgenommen. Irgendwer muss dich ja aus der Hello Kitty Phase rauskriegen“
      Jia lächelte und lehnte sich zurück während sie weiter glücklich an den Schleifen zupfte. „Danke“, murmelte sie. Jude war seit sie hierher kam schon immer sehr nett zu ihr gewesen und er war auch einer der wenigen, dem sie so gut wie alles erzählt hatte, was sich bei ihr Zuhause abgespielt hatte. Nicht wirklich beabsichtigt, aber vor ein paar Monaten hatten sie mal einen kleinen Nervenzusammenbruch gehabt.
      Und sie war sich immernoch nicht sicher, ob Jude einfach echt viel Geld hatte oder deutlich zu gerne Geschenke machte und es nicht wirklich zugeben wollte, aber manchmal kam er mit irgendwelchen Sachen an und verteilte sie an seine Freunde, wo Jia wohl irgendwie auch dazu gehörte. Er kam zwar nicht sehr oft ins Jugendzentrum, aber eigentlich hatte er immer mindestens ein paar Snacks für alle mit. Und dann tat er so, als wäre es entweder komplett selbstverständlich oder als hätte er irgendeinen eigennützigen Zweck dafür. Zum Beispiel, Jia von der Farbe Rosa wegzubekommen. Was definitiv nicht klappen würde, aber er konnte es ja versuchen.
      „Spiel ich jetzt für dich oder was? Ich wollte eigentlich noch zu Carol“, fragte Jude auf einmal. Carol war eine ihrer Betreuerinnen, die schon etwas älter war und Jude vermutlich kannte, seit er das erste Mal hier war.
      Jia wollte gerade antworten, als der Rothaarige wohl die letzte Runde hinter sich gebracht hatte und mit Platz 5 abschloss. „Boah, was ist da denn passiert? Du bist zu leicht ablenkbar“, beschwerte er sich, als wäre er nicht der Grund dafür gewesen. „Okay, die letzte Runde spiel ich. Wyatt, mach dich bereit. Ich werde Jias Ehre noch retten“ Er setzte sich auf, stülpte die Ärmel seines Pullovers hoch und stützte sich auf seinen Oberschenkeln ab, dann salutierte er Jia viel zu ernst bevor es losging. Naja, wenigstens musste sie sich jetzt keine Sorgen machen, Wyatt zu besiegen. Jude hatte irgendeinen Cheat-Code im Leben, der ihn bei allem gewinnen ließ.
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    • Wyatt

      Wyatt kam sich ein wenig so vor, als ob er in einer furchtbar verrückten Parallelwelt feststecken würde. Gab es hier auch nur einen einzigen Menschen, der nicht übertrieben nett und einfach nur normal war? Er hob seinen Controller automatisch an, als Jude einen Arm an ihm vorbeistreckte und erwischte sich selbst dabei, fast das Spiel für Jia zu pausieren. Fast. Sie hätte genausogut pausieren können. Ihr Verlust. Obwohl es tatsächlich ein bisschen schmerzhaft war, wegen ein paar Haarschleifen links liegen gelassen zu werden. Das hatte man wohl davon, wenn man mit Mädchen spielte.
      Jude schien auf die Schnelle auch nicht mehr viel rausreißen zu können. Wy schaffte es - durch die Unterbrechung etwas knapper, als ihm lieb war - auf den ersten Platz. Wenn Jia jetzt abbrach, könnten sie vielleicht wenigstens irgendwas interessanteres machen. Oder er würde die beiden einfach alleine lassen und sich tatsächlich die restliche Zeit mit seinem Handy beschäftigen. Was ein super Plan war, bis Jude beschloss, die letzte Runde zu übernehmen. Offensichtlich mit weitaus mehr Kampfgeist, als Verstand.
      "Selbst wenn du die Runde gewinnen solltest, ist es mathematisch unwahrscheinlich, dass Jia noch den Cup gewinnt. Du müsstest Erster und ich höchstens Sechster werden." Und da er heute noch kein einziges mal tiefer als auf den zweiten Platz gestanden hatte, sah es nicht sonderlich gut für Jude aus. Was ihn nicht aufzuhalten schien. Wy warf ihm einen äußerst kritischen Seitenblick zu, während er drauf wartete, dass die nächste Runde startete.
      Ungefähr fünf Minuten später starrte er deutlich irritierter auf den Punktestand. Die Runde war nicht sonderlich gut gelaufen. Jude schien das Spiel tatsächlich deutlich ernster zu nehmen, als Jia und ein kleines Kopf-an-Kopf Rennen wurde am Ende durch einen äußerst guten Bananen-Einsatz entschieden, der Jude auf den ersten und Wyatt tatsächlich zurück auf den siebten Platz katapultiert hatte. Er blinzelte kurz, während Daisy auf dem Bildschirm einen kleinen Freudensprung machte und sah dann zu Jude rüber.
      "Wie hast du das geschafft?", fragte er mit einem Mix aus Überraschung und Bewunderung. "Kennst du irgendeine Abkürzung, die sonst niemand kennt, oder so?"
    • Jia

      Wie erwartet gewann Jude. Auch wenn Jia sich aus Gewinnen und Verlieren nicht viel machte, war es manchmal ein bisschen langweilig, mit Jude zu spielen. Es war völlig egal, ob sie Videospiele spielten oder Basketball oder Uno. Sogar Glücksspiele wie Würfelpoker gewann er jedes Mal und dann war er nicht mal wirklich ein sonderlich guter Gewinner, er ließ es ganz schön raushängen.
      Auch jetzt entglitt ihm ein kleiner Jubel, dann sah er Wyatt mit einem selbstgefälligen Grinsen an und antwortete: „Glück. Reines Glück. Und schlechte Gegner“ Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf, als wolle er es sich gemütlich machen, als er plötzlich wieder hochschreckte. „Oh, verdammt, Carol. Hey Jia, weißt du wie lang sie da ist? Ich wollte fragen, ob sie nächste Woche mit ein paar von euch zur Kunstaustellung meiner Klasse kommt. Abschlussprojekte“
      Jia zuckte mit den Schultern. „Frag doch Aaron?“
      „Eh… ja. Aber mir ging es mehr um Carol als die anderen, sie hat mir die Idee für die Arbeit gegeben“
      Jia horchte interessiert auf. Jude ging auf eine Kunstschule, was ihm keiner wirklich zugemutet hatte, aber scheinbar war er auch in dem ganzen künstlerischen Kram seltsam gut. Wenn sie konnte, wollte sie auf jeden Fall auch zu der Ausstellung. „Wann ist die?“
      „Nächsten Sonntag“
      „Dann hast du ja noch Zeit, sie zu fragen“
      Jude schien trotzdem etwas nervös. „Ich mach‘s lieber gleich, bevor sie dann keine Zeit hat“ Und damit stand er auch schon auf, drehte sich im Türrahmen aber noch einmal herum während er seine Ärmel wieder über die vernarbten Unterarme schob. „Wenn du noch was verlieren willst, Wyatt: Ich bin noch für circa ne Stunde hier“ Er zwinkerte dem Jüngeren zu und war schneller verschwunden, als Jia noch etwas sagen konnte.
      Sie wandte sich also an Wyatt, der ja gerade zum ersten Mal erleben durfte, wie unverschämt oft Jude bei allem gewann. „Welche Brettspiele magst du nochmal? Irgendwas, das zu dritt geht und nicht ewig dauert?“, fragte sie lächelnd. „Oh, aber ich schau euch auch gerne bei einer Runde Schach zu. Vielleicht will irgendjemand hier Wetten abschließen“ Sie kicherte.
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    • Wyatt

      Wy sah immer noch ein wenig irritiert auf den Controller in seiner Hand. Er hatte wirklich lange nicht mehr gespielt, aber plötzlich von einem so guten Lauf zu weit nach hinten zu rutschen war trotzdem furchtbar seltsam. Ob Jude irgendeinen Stein hatte, der ihm bei Videospielen gewinnen ließ, oder so? Gab es solche Steine überhaupt? Wyatt hatte sich mit dem Thema nie wirklich auseinandergesetzt. Die wenigen Steine, die seine Eltern besessen hatten, waren alle irgendwie unnütz gewesen. Milo hatte sie trotzdem weggeschlossen, damit Wy nicht doch noch einen kreativen Weg fand, um mit ihnen Chaos anzurichten. Er hatte keinen Plan, warum Milo sie nicht einfach selbst nutzte. Generell war Milo furchtbar hölzern, wenn es um die Sachen ihrer Eltern ging.
      Er hörte dem Gespräch über eine Kunstausstellung - ugh - nur mit halbem Ohr zu und warf nebenbei einen kurzen Blick auf sein Handy um zu schauen, was er gerade alles so in seinen Chats mit seinen Freunden verpasste. Nicht viel, offenbar. Ein paar von ihnen zockten wohl online miteinander, die anderen schienen anderweitig beschäftigt zu sein. Wenigstens musste er sich so nicht schlecht darüber fühlen, irgendwas wichtiges verpasst zu haben, weil sein Bruder meine, sich aufspielen zu müssen. Oder versuchte, ihn als Vorwand zu nutzen, um Aaron zu sehen. Seit Jia diese Idee gehabt hatte, ging sie Wyatt nicht ganz aus dem Kopf. Er sah erst wieder auf, als Jude ihn direkt ansprach.
      "Jeder hat mal Glück", antwortete er. Jude musste ziemlich von sich selbst überzeugt sein, wenn er davon ausging, immer zu gewinnen. Den Triumph würde Wy ihm auf keinen Fall gönnen. Deshalb fing er tatsächlich kurz an zu überlegen, als Jia ihn nach dem nächsten Spiel fragte.
      "Kennst du Cabo? Ein Kartenspiel. Man kennt am Anfang sein eigenes Blatt nicht, muss aber versuchen, am Ende trotzdem die niedrigste Punktzahl zu erzielen." Ein einfaches Kartenspiel, das aus der perfekten Mischung aus leichter Taktik und Glück bestand. Außerdem konnte man praktisch nach jeder Runde Schlussmachen und somit nur so lange spielen, wie man Lust hatte. Perfekt für zwischendurch und garantiert ein Spiel, bei dem Jude, falls er mitspielen sollte, nicht jede Runde gewinnen konnte.
      "Sonst gehen die Klassiker doch immer. Uno und so."
    • Jia

      Jia stand auf, steckte die Haarspangen in eine Tasche ihrer Weste und streckte sich kurz. „Kenn ich“, antwortete sie. „Aber glaub mir, sowas gewinnt er auch. Darum kann man nichtmal sagen, dass er einfach schlau ist. Es ist wirklich pures Glück“ Sie zuckte mit den Schultern. Bildete sie es sich ein oder hatte sie vielleicht einen Köder für Wyatt gefunden?
      Sie ging voraus ins andere Zimmer, das deutlich größer und voller war, aber sie konnten das Spiel auch einfach mit in den Eingangsbereich nehmen, wo so gut wie nie jemand saß, außer es war wirklich mal zu viel los. „Jude hält sich auch irgendwie für den Auserwählten, glaube ich. Er hat so ähnlich wie du seine Eltern verloren, durch einen Wohnungsbrand, wo er dabei war und als einziger überlebt hat. Und weil er auch einfach immer gewinnt und in allem gut ist, hat er vielleicht ein bisschen zu viel… Selbstvertrauen. Aber besser als garkeins, nicht?“ Sie zuckte lächelnd mit den Schultern, bevor sie an dem hohen Regal stehen blieb und das kleine Spiel herauszog. Es war wohl der Inbegriff von Optimismus, wenn man sich einfach darüber freute, etwas überlebt zu haben, anstatt sich daran aufzuhängen, dass es in erster Linie passiert war. So weit war Jia definitiv nicht. Und Jude könnte einfach allen mal ein bisschen was von dem Selbstbewusstsein abgeben, das wäre super.
      „Gehen wir raus“, sagte Jia und deutete ans Ende des Ganges, damit sie wieder ins große Foyer kamen und sich dort an einen Tisch setzen konnten. „Jude kommt sowieso hier vorbei, wenn er aus dem Mitarbeiterraum zurückkommt“ Zumindest hatte Jia die Vermutung, dass Carol mit irgendwelchen Planungen beschäftigt war. Sie war wohl diejenige, die am meisten für das Finanzielle verantwortlich war, oder so.

      Aaron

      Nachdem Aaron sich einen Kaffee gemacht hatte und dann mit ein paar der Kindern in der Küche gesprochen hatte, fiel ihm plötzlich auf, dass er Milo noch seinen Zeitplan schicken wollte. Er hatte das alles in der letzten halbe Stunde ausserordentlich gut verdrängt. Beziehngsweise hatten die Gespräche ihn gut abgelenkt und wenn er sich mit den Gedanken an etwas aufhing, dann eher an Jia und Wyatt und ob die beiden auch wirklich miteinander klarkamen. Aber wenn Jia Aaron schon so offensichtlich wegschickte, schienen sie sich wohl zu verstehen.
      Er kam gerade zurück in den Mitarbeiterraum und zog einen Planer aus seiner Tasche, der einen ausgedruckten Zeitplan beinhaltete, als jemand an der Tür klopfte. Carol und er waren die einzigen im Raum, da ja jemand am Empfang sitzen musste und jemand beim Workshop dabei war. Der erste Gedanke, der Aaron in den Kopf kam, war, dass irgendjemand verletzt wurde oder Aluminium in die Mikrowelle gesteckt hatte. Aber Jude öffnete die Türe und Aaron ließ erleichtert die Schultern sinken. Er sollte seine Tasche einfach mit nach draußen nehmen und sich den Stress ersparen.
      „Jude, hi, warst du nicht beim Training?“, fragte Carol lächelnd, als sie von ihrem Laptop aufsah.
      Der Rothaarige kam herein, schloss die Tür hinter sich und blieb stehen. „Nope, ich hab mir vorgestern einen Muskel gezerrt“, erklärte er.
      „Hattest du nicht gerade erst… irgendwas in die Richtung? Einen Bänderriss oder so?“, fragte Aaron etwas besorgt.
      „Das ist fast ein halbes Jahr her“, schmunzelte Jude. „Kann man auch nichts machen, Fußball ist brutal“
      War wirklich Fußball brutal oder einfach seine Mannschaft?
      „Gibt es irgendwas?“, fragte Carol um auf den Punkt zu kommen. Sie nutzte die kurze Pause, um einen Schluck Wasser zu trinken und ihre Haarspange neu zu positionieren.
      „Mhm. Meine Ausstellung ist nächsten Sonntag. Du weißt schon, von dem Bild? Hast du da Zeit?“ Jude zupfte ungeduldig an einem Armband an seinem Handgelenk und Aaron wollte gerade am liebsten schmelzen. Jude war nicht wirklich jemand, der oft nach etwas fragte, und Aaron wusste jetzt schon ganz genau, dass Carol sogar ihre eigene Beerdigung dafür verschieben würde.
      „Natürlich“, sagte sie und klang etwas überrascht.
      „Ist es okay, wenn ein paar aus dem Jugendzentrum mitkommen und ihr euch hier trefft, oder so? Jia zum Beispiel. Aber ich frage Sam und Kaia auch noch, also…“
      „Kein Problem“, erwiderte Carol gleich. Da sie Sonntag geschlossen hatten, würde sie die Kinder als Privatperson mitnehmen müssen, was immer ein wenig problematischer war, wenn es darum ging, wer für was die Verantwortung übernahm, aber sowas konnte sie schlecht ausschlagen. Carol kannte Jude jetzt außerdem seit fast fünf Jahren und nach so langer Zeit konnte man sich von dem Job auch nicht mehr richtig abgrenzen. Aaron fiel es jetzt schon schwer, sich nicht auch persönlich für jeden verantwortlich zu fühlen.
      „Kommst du auch?“ Die zwei hellblauen Augen waren plötzlich auf Aaron gerichtet.
      „Oh! Oh, ich würde echt gerne“, sagte er ein wenig enttäuscht. „Aber ich hab schon Pläne, tut mir leid“ Und dann kam ihm… die Idee des Jahrtausends. Vermutlich sah man eine Glühbirne über seinem Kopf erleuchten. „Du warst eben bei Jia?“
      „Ja?“
      „Hast du Wyatt kennengelernt?“
      „Ich wusste, dass das dein Verdienst ist. Aber er wirkt ganz okay“, sagte Jude etwas irritiert. Aaron war es ebenfalls kurz. Er wirkte okay? Hatte er nur Erwachsenen gegenüber eine große Klappe? Das würde zumindest ins Bild passen.
      „Hättest du was dagegen, ihn auch zur Ausstellung einzuladen? Sonntag Nachmittag?“, fragte er vorsichtig.
      Jude zögerte. „Ich meine, es ist sowieso am Nachmittag. Aber ich kenn ihn kaum, glaubst du echt er will da hin?“
      „Es… wenn ich ehrlich bin, geht es nicht so richtig um wollen. Es wäre nur super, wenn er für zwei oder drei Stunden so beschäftigt ist, dass sein Bruder ihm nicht hinterher laufen muss und wenn Carol dabei ist… Sorry, das ist wahrscheinlich eine Zumutung“ Aaron stoppte sich wieder. Das war wirklich eine unverschämte Frage.
      „Mir macht das garnichts aus, ein Auge auf ihn zu haben“, sagte Carol plötzlich. „Wenn das heißt, dass du endlich mal wieder ausgehst anstatt immer nur zu Lernen“
      Aaron war ein wenig sprachlos. Wie armselig wirkte sein Leben eigentlich auf andere?
      „Was, hast du ein Date mit seinem Bruder?“, fragte Jude grinsend und Aaron konnte die Gerüchteküche schon brodeln hören.
      Er wurde etwas panisch. „Wehe dir, du verlierst vor Wyatt ein Wort darüber. Er kann mich jetzt schon nicht leiden“, warnte er Jude, der nur einen ganz unschuldigen Blick aufsetzte und die Hände in die Luft warf. Das war nicht gerade überzeugend.
      „Alles klar, ich lade ihn ein. Wenn er überhaupt noch kommen will, nachdem ich ihn in jedem Spiel der Welt platt gemacht hab“, gab Jude sogleich nach.
      Ob er wollte… Das stand immernoch nicht wirklich zur Debatte. Milo würde ihn bestimmt irgendwie bestechen müssen, so wie Aaron die Lage einschätzte. Aber solange er von jemand Professionellen beaufsichtigt wurde, konnte wenigstens nichts passieren. Aaron war vielleicht ein wenig selbstsüchtig, aber… Verdammt, sogar seine ältere Kollegin bemitleidete ihn schon!
      „Lass ihn vielleicht mal gewinnen?“, schlug Aaron schwach vor. Auch wenn er sich nicht sicher war, ob Jude überhaupt in der Lage war, absichtlich zu verlieren.
      „Niemals“ Damit hatte sich das auch erledigt.

      Sobald Jude wieder verschwunden war, tippte Aaron endlich seine Nachricht an Milo. Aber das Thema war wohl nicht für jeden beendet.
      „Du hast wirklich ein Date?“, fragte Carol neugierig über ihren Laptop hinweg.
      Aaron sah unsicher von seinem Handy auf. „Ja? Ich hoffe echt, dass Jude kein Wort darüber verliert“
      „Darauf kannst du sogar wetten. Das hält er nicht geheim“, lachte Carol und begrub jeden Funken Hoffnung in Aaron. Wyatt würde wohl allein deshalb schon versuchen, Ärger zu machen…
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