The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Jelena

      Nadia war definitiv die seltsamste Beziehung, die Jelena je gehabt hatte. Sie zu lieben war schwierig, wenn nicht beinahe unmöglich. Sie wusste nie, wo sie bei ihrer Freundin dran war. In einer Sekunde war sie eine blutrünstige Killerin und in der nächsten kam sie mit dem seltsamsten Kitsch um die Ecke, den Jelena sich vorstellen konnte. Es war ein Drahtseilakt, jeder Schritt konnte ihr letzter sein. Sie verzog dezent den Mund, äußerte sich aber nicht weiter zu der Idee.
      Sie hatte noch nie viel für Kitsch über gehabt. Er war einfach nicht realistisch. Für sie musste alles einem Plan folgen. Liebe auf den ersten Blick war ein Wunschtraum, den sich irgendwelche einsamen Menschen haben einfallen lassen, die keine Sozialkompetenz besaßen. Beziehungen dienten immer irgendeinem Zweck. Man blieb bei jemandem, weil man einen Vorteil aus der Person zog. So war es bei ihr und Nadia schließlich auch, oder? Nadia bot ihr einen gewissen Schutz und folgte ihr aufs Wort, während sie Nadia Sicherheit vor dem Gesetz bieten konnte. Sie waren nicht wegen einer emotionalen Nähe zusammen, oder weil es ihnen bestimmt war. Bei Jelenas Eltern war es nicht anders gewesen. Der einzige Unterschied war, dass ihre Eltern sich nicht gegenseitig umgebracht hätten, wenn einer von ihnen nicht bei einem vollkommen albernen Rollenspiel mitmachen wollte.
      Jelena stieß ein kleines Seufzen aus, als Nadia einen Schritt zurück trat. Dabei hatte sie so sehr darauf gehofft, heute einen
      normalen Abend zu haben. Aber den würde es wohl nicht geben. Jetzt musste sie sich wohl irgendeine seltsame Rolle überlegen ohne sich dabei zu fühlen, als ob sie auf einem Kindergeburtstag wäre.
      Wenigstens begann Nadia das Spiel damit, Alkohol anzubieten. Vielleicht würde der helfen, sich nicht so vollkommen albern zu fühlen. Auch, wenn Jelena ein wenig Sorge hatte, dass Nadia ihre Drohung, betrunken mit ihr zu flirten, wahr machen würde.
      "Oh, das wäre zu freundlich von dir- Ihnen", antwortete sie mit einem etwas gequälten Lächeln. Womit ihre Kreativität schon weitestgehend ausgeschöpft war. Am liebsten würde sie Nadia einfach darum bitten, das alles sein zu lassen und ein normales Gespräch zu führen. Aber sie hatte sie nicht aus dem Knast geholt, um direkt einen Streit vom Zaun zu brechen.
      "Ihr Kleid sieht wundervoll aus", fügte sie also hinzu, was ihr sowieso schon die ganze Zeit durch den Kopf gegangen war. Wenn die anderen - streng ausgewählten - Gäste nicht sowieso schon wissen würden, dass sie zusammen gehörten, hätte Nadia sich sicherlich nicht vor Flirts retten können. Zumindest bis sie ihren Flirts Rollenspiele vorschlug.
    • Nadia

      „Danke“, erwiderte sie breit grinsend und lud Jelena dann ein ihr zu folgen, damit sie mit einem Glas Sekt anstoßen konnten. Es war grauenvoll, Jelena beim Schauspielern zuzusehen, aber es war reizend, dass sie es versuchte. „Sie würden nie erraten, wieviel es gekostet hat“, lachte sie. Jelena wusste es ganz genau, sie bekam schließlich alle Abrechnungen. Sie warf ihrer Freundin einen langen musternden Blick zu. „Die Maske sagt mir, dass Sie eine heiße Catwoman abgeben würden. Schonmal über Cosplay nachgedacht?“ Sie zwinkerte, was in diesem Licht und durch ihre eigene Maske vermutlich kaum wahrzunehmen war. Doch sie liebte es einfach, Jelena an ihre Grenzen zu bringen. Sie litt so offensichtlich unter dem Romantik-Kram, dass Nadia sich am liebsten komplett der Aufgabe widmen würde, sie mit Kitsch zu foltern. Auch wenn sie wohl am besten nachvollziehen konnte, wieso sie nichts dafür übrig hatte.
      Nachdem sie Jelenas leidvollen Ausdruck einen Moment in sich aufgesogen hatte, gab Nadia doch nach. „Schön. Was willst du machen? Dich betrinken? Wir schaffen einen Kompromiss. Ich flirte, du trinkst dich ins Koma. Und wenn du umfällst, fange ich dich auf und trage dich zurück ins Schlafzimmer“ Sie zupfte ein wenig an Jelenas Kleid herum. „Die Farbe steht dir so gut“, murmelte sie. Dann fiel ihr Blick zurück in Jelenas Augen. „Aber wenn dir das Ganze zu blöd ist finde ich bestimmt irgendeine unbefriedigte Frau in diesem Raum, die eine kleine Ausflucht aus ihrer traurigen Ehe braucht“ Ihrer Meinung nach wartete jede Frau nur darauf, gerettet zu werden. Die Welt wäre ein besser Ort, wenn alle Männer schwul wären und sich einfach gegenseitig nerven würden. Aber das war nur ihre persönliche Meinung, die kleine innere Stimme die sich nicht abstellen ließ. Dass das fern der Realität war, war ihr leider viel zu bewusst. Nicht nur Männer hatten sie in ihrem Leben fertig gemacht.
      Trotzdem blinzelte sie Jelena unschuldig an, als würde sie es ernst meinen. Und ein wenig tat sie das. So unwahrscheinlich war es nicht, dass sie hier irgendjemanden abschleppen konnte. Die meisten Frauen von Politikern mussten unheimlich frustriert sein, oder nicht? Größere Arschlöcher gab es auf dem Planeten kaum. Abgesehen von Nadias reizender Catwoman. „Oder wirst du dann neidisch? Ich hab auch nichts gegen eine Ménage à trois“
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    • Jelena

      Eigentlich wollte Jelena nicht wissen, wie teuer das Kleid gewesen war. Sie hatte die Abrechnung aus genau diesem Grund nicht zu genau angeschaut. Ihre Freundin hatte einen verdammt teuren Geschmack und auch wenn Nadia ihr das und noch so viel mehr wert war, hatte sie das Gefühl, dass sie beruhigter schlafen könnte, wenn sie nicht immer ihr Bankkonto vor Augen hätte. Zumal sie sich bei den Kosten ihres eigenen Kleides eigentlich nicht beschweren durfte.
      Aber das alles war sowieso vollkommen egal, als Nadia sie als 'heiße Catwoman' bezeichnete und Jelena sich unweigerlich an ihrem Sekt verschluckte. Sie spuckte unfreiwillig einen Schluck ins Glas zurück, bevor sie sich zur Seite drehte und begann zu husten, bis ihre Lungen sich unangenehm verkrampften. Sie konnte spüren, wie sich die Blicke der umliegenden Personen auf sie richteten, als sie mit Mühe ein "Großer Gott, Nad!" rauspresste. Leider schien ihre Freundin die Sache mit dem Danebenbenehmen ernst gemeint zu haben. Und es war keinerlei Besserung in Sicht.
      "Das wirst du nicht! Das werden wir nicht! Nadia!" Jelena klappte der Mund auf, als Nadia so Beiläufig von einem Ménage à trois sprach. Selbst das formschöne Französisch konnte sie bei dem Gedanken daran nicht vertrösten. Sie griff nach dem Handgelenk ihrer Freundin und zog sie vom Buffet weg, wieder zurück an den Rand des Saals, an den es etwas leerer war. "Ich werde dich garantiert nicht mit irgendeiner dahergelaufenden Schlampe teilen", zischte sie, als sie anhielten. Ihre Wangen fühlten sich furchtbar warm an. Sie hatte noch nie gerne geteilt, egal ob es um Spielsachen, Liebhaberinnen oder das Familienvermögen ging. War das nicht einer der Punkte gewesen, warum es ihr so leicht gefallen war, ihre Eltern ausschalten zu lassen? Vollkommene Kontrolle über den Familienbesitz. Zum Glück hatte sie nie Geschwister gehabt, das hätte die ganze Angelegenheit nur unnötig in die Länge gezogen.
      "Und jetzt tu mir den Gefallen und benimm dich", schob sie hinterher, während sie sich mit der flachen Hand Luft zufächelte und einen Blick zurück auf die anderen Gäste warf. Sie war sich sicher, dass alle hier auf ihrer Seite waren. Ein Teil der Anwesenden stimmte vollkommen mit ihren Plänen überein, während die anderen wahrscheinlich nur zu viel Angst vor Nadia hatten, um ihr irgendwie zu widersprechen. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - wäre es besser, wenn man sie nicht dabei beobachten würde, wie sie mit ihrer Freundin diskutierte. Etwas, was sie sowieso nicht gerne tat. Jeder Streit könnte ihr letzter sein, nicht?
    • Nadia

      „Warum turnt es mich immer total an, wenn du wütend wirst“, murmelte Nadia mit einem breiten Grinsen auf den Lippen, während sie sich von einer bestürzten Jelena davonziehen ließ. Sie legte ihr die Arme um den Hals, als sie stehen blieben. „Du musst mich auch nicht teilen“, sagte sie leise. Wenn es etwas gab, dass Nadias Obsession anfachte, dann war es Jelenas possessives Verhalten. Sie war furchtbar besitzergreifend und auch wenn Nadia sich ungern als jemandes Besitz sah, wollte sie sich von Jelena in Momenten wie diesen am liebsten ein Halsband umlegen lassen.
      „Ich hab nur Augen für dich, meine Jellybean“ Sie blinzelte Jelena ein paar Mal unschuldig an, im vollen Bewusstsein dass ihre Worte sie wieder in den Wahnsinn treiben mussten, aber das machte es gerade so reizvoll. Zumal auch etwas Wahres dran wahr. Nadia war selbst bestimmt nicht abgeneigt, ihr Liebesleben noch aufregender zu gestalten, auch wenn ihr definitiv noch nicht die Ideen ausgingen, aber sie brauchte keine Dritten, die in ihrer Beziehung herumfuschten. Sie funktionierten schließlich am besten zu zweit. Aber darum müssten sie sich auch keine Sorgen machen, im schlimmsten Fall konnte man die besagte Schlampe auch einfach ausschalten, wenn ihnen etwas nicht gefiel. So ungern Nadia ihre Fähigkeiten auch an Menschen ausließ, die eigentlich nur eine Bereicherung für die Menschheit darstellten, aber für Jelena würde sie jedem den Hals aufschneiden.
      „Na schön, lass uns aufs Dach gehen, es ist fast Mitternacht“, lächelte sie, um Jelena eine Pause zu gönnen. Nadia wusste zwar, dass sie nicht so leicht zu ersetzen war und sich so gut wie alles erlauben konnte, aber das alles wäre nur halb so lustig, wenn sie Jelena zu irgendetwas zwingen musste, also sollte sie lieber bei Launen bleiben. „Ich nehm dir gerne dein Glas ab, wenn du etwas Frisches willst. Gegen ein bisschen Spucke hatte ich noch nie was“ Sie leckte sich leicht über die Lippen, dann lachte sie und ließ ihre Freundin wieder los. Sie sollten sich wohl wirklich langsam aufs Dach begeben, bevor sie die Feuerwerke noch verpassten. Nach den letzten Wochen war es ein kleines Wunder, dass sie Neujahr noch zusammen erlebten.
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    • Jelena

      Der alberne Spitzname, den Nadia sich für sie ausgesucht hatte, machte was mit Jelena. Sie konnte nicht genau sagen, was, aber sie hatte das Gefühl, dass sie ihn nicht so sehr hasste, wie sie es sollte. Er war albern und kindisch und doch...war er vollkommen Nadia. Niemand sonst nannte sie so. Es war beinahe charmant. Trotzdem presste sie ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Sie hoffte wirklich darauf, dass Nadia es ernst meinte, wenn sie sagte, dass sie nur Augen für Jelena hatte und nicht einfach nur versuchte, sie zu beruhigen.
      Sie spielte etwas nervös mit ihrem Glas, als Nadia endlich den ersten normalen Vorschlag des Abends machte. Das Dach. Das klang wundervoll. Frische Luft, Feuerwerk, zu viel Lärm, als dass irgendjemand hören könnte, was Nadia so alles von sich gab.
      "Oh, das klingt nach- ew! Warum bist du so?" Jelen zog die Nase kraus, während sie ihr Glas so fest umklammerte, dass der Stiel gleich brechen musste. "Ich hab gerade noch gedacht, dass du endlich vernünftig wirst!", beschwerte sie sich, auch, wenn ihre Stimme nicht so verärgert klang, wie sie tat. Der Gedanke, dass Nadia ihre Spucke trinken würde war...ekelerregend, aber auch das gehörte irgendwie zu ihr dazu. Irgendwann würde sie es schon schaffen, ihre Freundin einigermaßen gesellschaftsfähig zu machen.
      Jelena stellte das Glas mit Nachdruck auf das Tablett des nächsten Kellners, der an ihnen vorbeikam und griff erneut nach der Hand ihrer Freundin, um sie mit sich auf das Dach hinauf zu ziehen.
      Die Luft draußen war furchtbar kalt. Trotzdem hatte sich bereits eine kleine Ansammlung von Menschen zusammengefunden, die hier ebenfalls auf das Feuerwerk zu warten schienen. Jelena hatte eigens eines zusammenstellen lassen, ohne dabei auf die Kosten zu achten. Die Party sollte immerhin in Erinnerung bleiben, nicht? Sie nickte ein paar Herren zu, die in einem kleinen Kreis zusammenstanden und irgendetwas zu diskutieren schienen. Die meisten von ihnen Politiker, einige nützlicher, als die anderen, aber im Zweifelsfall wollte sie lieber zu viel Rückhalt haben. Nur einer der Anwesenden gehörte nicht zur Politik - immerhin konnte sie ihre anderen Assassinen nicht ausschließen, oder? Der junge Mann, der einen Arm um die Taille seines Gesprächspartners gelegt hatte, hob kurz sein Glas zum Gruß in ihre Richtung und zwinkerte ihnen zu, machte allerdings zum Glück keine Anstalten, zu ihnen herüber zu kommen.
      "Denkst du, wir können im nächsten Jahr langsam wieder mit größeren Missionen anfangen?", fragte Jelena, während sie Nadia mit sich zum Geländer führte und sich anlehnte. "Ich will dich ungerne nochmal in irgendeinem Gefängnis sehen." Sie streckte eine Hand nach ihrer Freundin aus und spielte mit einer Locke ihres Haares. Sie mussten vorsichtig sein und das nervte sie mehr, als alles andere.
    • Nadia

      "Du bist nicht mit mir zusammen, weil ich vernünftig bin", neckte sie Jelena und zwinkerte ihr zu, bevor sie ihr auf das Dach folgte. Die kalte Luft auf Nadias Armen hinterließ ein stechendes Gefühl, das sie seltsam genoss. Es gab doch nichts Schöneres, als sich lebendig zu fühlen. Dafür musste sie oft Längen gehen, die andere nicht gehen mussten, aber dann gab es solche simplen Momente, die ihr fast Freude an ihrem Leben gaben, das sich meist unerträglich monoton anfühlte. Obwohl es das Gegenteil davon war. Sie bemühte sich auch durchaus, es spannend zu halten.
      "Ich hoffe doch, dass du dich nicht zurückhältst", sagte Nadia. "Wir haben schließlich ein Ziel vor Augen" Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer der Dachterrasse. "Außerdem lasse ich mich so schnell nicht wieder fangen. Sie haben mich überrascht, das ist alles. Ich nehme an, wir haben diese Idioten unterschätzt"
      Sie hob das Kinn und ließ den Blick über den Nachthimmel gleiten, der gleich grell erleuchtet sein würde. Es war wirklich eine unschöne Erfahrung gewesen, zurück im Gefängnis zu sein. Vor allem, nachdem sie endlich ein Leben im Luxus hatte. Vorher hatte sie das Gefühl von einem sicheren Zuhause und einem eigenen Bett nicht gekannt; nun konnte sie alles haben, das sie wollte. Und der einzige Preis den sie dafür zahlte, war etwas, das sie nur zu gerne ausführte. Die Welt hatte eine Reinigung verdient und sie würden dafür sorgen, dass sie vollendet wurde. Es fehlten nicht mehr viele Steine und ehrlicherweise bräuchten sie wohl kaum alle, um ihren Plan durchzuziehen, aber Jelena arbeitete gründlich und Nadia tat, was auch immer auf ihrer To-Do Liste als nächstes stand. Die letzten Missionen waren tatsächlich erschreckend leicht gewesen, nachdem Nadia seit dem Louvre Vorfall mit allem gerechnet hatte. Ihnen stand nichts mehr im Weg. Sie wusste nun, was passieren konnte, und sie war vorbereitet. Am liebsten würde sie die beiden ja heimsuchen und ihnen im Schlaf die Augen ausstechen… Aber das würde sie in einen zeitlichen Verzug bringen.
      "Mir ist übrigens nach italienischem Wein. Denkst du, das lässt sich auf deiner Liste ein wenig nach oben schieben?", fragte sie lächelnd. "Ich bringe dir auch ein paar Flaschen mit"
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    • Jelena

      Unterschätzt. Jelena redete sich gerne ein, dass die beiden einfach unverschämt viel Glück gehabt hatten. Sie war sich zu sicher gewesen, sie irgendwie auf ihre Seite ziehen zu können und danach hatten sie sich nicht genug Zeit gelassen, ihre Pläne zu überarbeiten. Ihre Hand wanderte hoch in ihre nur noch schulterlangen Haare. Nochmal würde ihr das nicht passieren. Das nächste mal wären sie besser vorbereitet.
      Jelena blinzelte kurz, als die Lichterketten, die um das Geländer gewunden waren, sich etwas dimmten. Die Türen zu der geschmückten Dachterrasse öffneten sich und brachten einen neuen Ansturm an Leuten und Kellnern mit sich, die Sekt verteilten. Offenbar war es nicht mehr lange bis Mitternacht. Jelena winkte einen Kellner heran und reichte Nadia ein Glas mit Sekt entgegen, bevor sie eines für sich selbst nahm.
      "Italien?", griff sie ihr Gespräch wieder auf, während sie zu ihrer Freundin sah. Ihre Pläne waren eigentlich in eine vollkommen andere Richtung gegangen. Tschechien, vielleicht. Sie hatte auch von einem Stein in Dänemark gehört. Zu Italien hatte sie keine konkreten Details, was sie unglaublich nervös machte. Aber vielleicht wäre das auch das Risiko, das sie brauchten, um sich wieder selbstsicher zu fühlen. "Eigentlich würde ich mich lieber darum kümmern, die beiden irgendwie auszuschalten. Es macht mich nervös, dass sie uns jeden Augenblick wieder in die Quere kommen könnten", gab sie zu, "Aber Italien klingt nach einem netten Ziel. Vielleicht begleite ich dich dieses mal sogar." Sie hatte immerhin Urlaub verdient, nicht? Die letzten Wochen und Monate waren viel zu hektisch gewesen, um sich zu entspannen.
      Um sie herum begannen die Gespräche der anderen Gäste langsam zu verstummen, vereinzelt konnte man hören, wie Leute die letzten Sekunden runterzählten. Jelena lehnte sich wieder ans Geländer und schwenkte das Glas in ihren Händen leicht, als das Runterzählen um sie herum lauter wurde und schließlich die ersten Feuerwerke den Himmel erhellten. Die Gäste um sie herum kommentierten alles mit einem beeindruckten "Oh" und "Ah", was sie mehr erfreute, als das Feuerwerk an sich. Sie hob ihr Glas und streckte es Nadia entgegen. "Frohes Neues Jahr, Nad."
    • Nadia

      "Momentan sind sie sowieso mit dieser affigen Geheimorganisation beschäftigt. Konzentrieren wir uns lieber auf uns" Nadia lächelte. Sie schluckte das Verlangen herunter, Jelena begeistert von ihren Plänen zu erzählen, wie sie die zwei am liebsten foltern wollte. Aber Jelena war offensichtlich einfach zu ängstlich und das gefiel Nadia nicht. Sie hatte zwar selbst auch ein paar mehr Sorgen im Hinterkopf, seit sie Jelena damals im Ferienhaus gesehen hatte, wie Andrew ihr beinahe die Haut von den Knochen geröstet hatte… Aber das beeinträchtigte nicht ihre Pläne. Besser, Jelena machte sich weniger Sorgen um Andrew und Ezra. Ein gemeinsamer Italien Urlaub klang schon besser. Nadia würde sich früher oder später ohnehin um die zwei Clowns kümmern.
      "Das klingt toll. Du und ich am Meer mit einem Glas Wein", schwärmte sie und legte Jelena verführerisch ihre Hand an die Wange. "Oh Mann. Mir fallen tausend Dinge ein, die nur uns beide und ein Strandtuch beinhalten" Sie schmiss den Kopf wieder kurz seufzend in den Nacken. "Ich wünschte, du würdest öfter mitkommen. Wir hätten so viel Spaß zusammen. Ich glaube mit ein bisschen Übung wären wir sogar ein killer Dreamteam, denkst du nicht? Ich zeige dir auch, wie man jemanden abstechen kann, ohne sich das Outfit zu ruinieren" Nadia griff nach Jelenas Hand und drückte ihr einen sanften Kuss auf den Handrücken. Im Hintergrund hörte sie bereits den Countdown und wenig später durfte sie das bunte Spektakel am Himmel erleben. Jelena übertraf sich wirklich gerne selbst.
      "Frohes Neues", erwiderte Nadia lächelnd und stieß mit ihr an. "Auf ein weiteres erfolgreiches Jahr"

      Thomas

      Nach der Silvesterfeier war Thomas deutlich entspannter gewesen, zumindest sobald der Schock des Gesprächs nachgelassen hatte. Allerdings hielt diese Entspannung nicht allzu lange, da ihm spätestens zwei Tage später, als sie zurück in ihrer Routine angelangt waren, klar wurde, dass er mit Steve reden musste. Es war nicht fair, seine neugewonnen emotionalen Erkenntnisse länger vor ihm zu verschweigen. Es ging sie ja wohl beide was an. Und außerdem… je länger er diese Unterhaltung hinauszögerte, desto länger mussten sie sich beide mit Küssen abfinden, die eigentlich ein Verlangen auf mehr hinterließen, nur weil Steve und er gerade auf einem unterschiedlichen Wissenstand waren, was zuletzt okay war. Aber nach drei Wochen, die aus etlichen kleinen, seltsam unsicheren Make Out Sessions bestanden hatten, weil keiner von ihnen so richtig wusste, wie sehr er sich zurückhalten sollte, wurde es langsam Zeit etwas zu unternehmen. Thomas hielt diese Filmabende kaum mehr aus, die fast immer darin endeten, dass eine unglaubliche Spannung im Raum lag, bloß weil sie kuschelten. Es war furchtbar, wenn man wusste, dass man irgendwann mitten in einem Kuss sagen musste 'Okay, das wars für heute. War nett', weil man zwar mehr wollte, aber eine mentale Blockade hatte. Da vermied man diese Nähe lieber gleich ganz. Aber es reichte nun wirklich.
      Gegen Ende der Woche hatte er sich endlich dazu durchgerungen, etwas früher Schluss zu machen, um Steve nicht warten zu lassen und vor dem Abendessen noch etwas Zeit zu haben. Zuhause angekommen wollte er sich am liebsten im Spiegel selbst Mut zu sprechen, aber er ließ es bleiben, weil der rationale Teil seines Gehirns ihn überzeugte, dass das total lächerlich war. Thomas war nicht verklemmt, er hatte bloß die konstante, einschnürende Angst, die Harmonie zu zerstören. Aber Steve und er waren in einer Beziehung und es war wirklich nicht so, als würde er ihm mitteilen, dass jemand gestorben war. Eigentlich war das Gespräch durchaus etwas positives. Von ihrem jetzigen Standpunkt aus jedenfalls… Es gab immer noch Luft nach oben, wie Thomas vermutete. Allerdings musste man ja mal irgendwo anfangen. Zumindest wenn man seinen Freund nicht ins Zölibat zwingen wollte.
      "Steve?", fragte er in den Raum hinein, als er sich die Schuhe auszog und anschließend ins Wohnzimmer kam. Eigentlich hatte er vorgehabt, so etwas wie 'Wir müssen reden' anzuhängen, aber in letzter Sekunde fiel ihm auf, was das für einen schrecklichen Unterton hatte, also ließ er sich bloß stumm neben seinem Freund ins Sofa sinken. "Ähm… was machst du so?", fragte er, um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.
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    • Steve

      “Auf dich warten, natürlich”, antwortete Steve mit einem kleinen Grinsen. Ein furchtbarer Spruch, aber vielleicht würde er Thomas irgendwie zum lächeln bringen und diese seltsame Anspannung lösen, die seit Silvester zwischen ihnen lag.
      Eigentlich lag eine seltsame Stimmung zwischen ihnen, seit sie begonnen hatten zu daten, aber in letzter Zeit hatte sie sich irgendwie geändert. Er wusste nicht, ob es an diesem ominösen Gespräch lag, das Thomas wohl geführt hatte, oder ob er selbst irgendetwas falsch gemacht hatte. Steve hatte sich immer eingebildet, Thomas gut genug zu kennen, um praktisch seine Gedanken lesen zu können, aber in den letzten Tagen und Wochen war ihm dies vollkommen unmöglich geworden. Er hatte das Gefühl, langsam seinen besten Freund zu verlieren und das bereitete ihm weitaus mehr Sorgen, als er zugeben wollte.
      Aber solange Thomas sich nicht beschwerte, wenn er nachts seine Arme um ihn legte und ihn näher an sich heran zog, war alles gut, oder? Mit ihnen war alles okay. Das waren nur Startschwierigkeiten. Sehr lange Startschwierigkeiten.
      “Eigentlich schiebe ich es nur vor mir her, das Abendessen vorzubereiten”, gab er schließlich zu, ließ sein Handy, auf dem er bis gerade noch gedankenverloren durch Memes gesurft war, sinken und zog Thomas für einen Kuss etwas näher an sich heran. Wenigstens war das irgendwie einfacher geworden. Er dachte jetzt nicht mehr zu viel darüber nach, ihn zu küssen - er tat es einfach. Bis sie wieder zu weit gingen, Thomas sich zurückzog und die Stimmung kippte, was Steve jedes mal mit einem unfassbar schlechten Gewissen zurückließ. Er wollte seinen Freund nicht überfordern. Thomas war zu wundervoll für all den Stress - und mittlerweile war er deutlich zu verliebt in ihn, um diese Beziehung zu verlieren.
      “Ich hatte gehofft, dass ich dich einfach zu Pizza überreden könnte”, fuhr er fort, um das Thema irgendwie neutral und leicht zu halten. Und vielleicht auch, weil er wirklich absolut keine Lust hatte, sich noch an den Herd zu stellen. Im Büro war nach Neujahr wieder der ganz normale Wahnsinn ausgebrochen. Missionen, die auf jeden Fall keine fünf Minuten warten konnten, Büromaterial, das wohl aus irgendeinem Grund niemand außer ihm bestellen konnte… Alles Kleinigkeiten, die sich über den Tag anhäuften und ihn wirklich fertig machen konnten.
      “Wie war dein Tag?”, fragte er schließlich, während er sich etwas aufrechter hinsetzte, um Thomas aufmerksamer zuhören zu können.
    • Thomas

      „Pizza braucht nie Überredung“, antwortete Thomas. Er erwiderte den kleinen Kuss, der langsam aber sicher endlich zu einer Normalität wurde — zumindest solange Thomas sich nicht allzu bewusst darüber war und wieder nervös wurde. Aber das war nur noch ein weiterer Grund, um mit Steve zu reden. Thomas war glücklich, aber es wäre schön, wenn ihre Beziehung irgendwann etwas natürlicher wurde. Zumindest wäre es für sein Herz gut.
      „Ich hab nachgedacht“, fuhr er fort. Eigentlich konnte er auf ‚Wie war dein Tag‘ auch nichts anderes antworten. Er hatte viel zu wenig gemacht, weil er komplett in seinem Kopf festgesteckt hatte. Er hatte überlegt, ob er Steve von seinem Gespräch an Silvester erzählen sollte, war aber dann zu dem Schluss gekommen, dass es unnötig war, ihn damit zu belasten. Und Thomas war sich sicher, dass es belastend wäre. Er wollte selbst am liebsten nicht mehr darüber nachdenken. Außerdem hatte Andrews Rede letztendlich wenig damit zu tun, was er sagen wollte. Er würde seine eigenen Worte finden. Irgendwann. Nachdem er eine Weile in den schwarzen Bildschirm des Fernsehers gestarrt hatte, um Steves Augen zu vermeiden.
      „Weißt du noch, wie wir letzte Woche über uns gesprochen haben? Als ich meinte, dass ich mich noch an alles gewöhnen muss“, fing er an. Hoffentlich schaffte er es noch, schnell zum Punkt zu kommen, denn er merkte, dass dieser Satz etwas Ungutes an sich hatte. „Ich glaube, ich werde mich nie an alles gewöhnen, wenn ich nicht meine Angst überwinde. Ich weiß nicht, woher sie kommt. Vielleicht hat es doch was damit zu tun, dass meine Eltern nicht gut reagiert haben, oder… Ich weiß auch nicht. Vielleicht muss ich irgendetwas aufarbeiten. Aber ich will versuchen, mich davon nicht so sehr beeinflussen zu lassen, weil es logisch betrachtet nichts gibt, vor dem ich Angst haben müsste, richtig? Wenn meine Eltern ein Problem mit mir haben, dann ist es eben so. Ich bin kein Kind mehr. Und ich weiß, dass du der wahrscheinlich rücksichtsvollste und geduldigste Mensch bist, der mir je begegnet ist, also…“ Thomas seufzte und lehnte sich zurück. „Ich rede schon wieder so viel“, murmelte er. So viel dazu, dass er zum Punkt kommen wollte. Stattdessen gab er nur wieder, was ihm die letzte Woche durch den Kopf gegangen war. Er hatte versucht, irgendeine Begründung für sein repulsives Verhalten zu finden, weil er es selbst nicht ganz verstand. Klar war das alles neu für ihn, aber es war ja nicht so, als würde man ihn zu irgendetwas zwingen. Ohne Therapie würde er aber vermutlich sowieso nie alles verstehen, was er in seinem Leben so gemacht hatte.
      „Ich will damit nur sagen, dass… es okay wäre, wenn wir es irgendwann… nicht mehr beim Küssen belassen“, sagte er etwas leiser als gewollt. Sein Blick heftete so sehr an dem verdammten Fernseher dass er langsam das Gefühl hatte, nie wieder wegsehen zu können. Aber sein Gesicht fühlte sich verräterisch warm an und die silhouettenhafte Spiegelung ihrer Körper im schwarzen Bildschirm war ihm gerade lieber als Steves Gesicht direkt anzusehen, das ihn wahrscheinlich nur zum Stottern bringen würde.
      „Mit irgendwann meine ich jederzeit, wenn es sich ergibt“, stellte Thomas klar, auch wenn das irgendwie danach klang, als müssten sie erstmal ihre Terminkalender checken. Er wollte nur nicht, dass Steve dachte, er sprach von nächstem Jahr. „Nur fände ich es für den Anfang irgendwie besser, wenn wir es… langsam angehen. Sehr langsam. Du bist mir bestimmt zehn Jahre voraus, also… versetz dich in meine Lage“ Er schmunzelte und traute sich endlich Steve einen schnellen Blick zuzuwerfen, bevor er sich nach vorne lehnte und nach der Fernbedienung griff. „Bis die Pizza kommt könnten wir uns irgendwas ansehen“
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    • Steve

      Ah. So viel zu einem neutralen, unbeschwerten Thema.
      Steve stieß ein unsicheres “Oh?” aus, als Thomas anmerkte, dass er nachgedacht hatte. Irgendwie klang das gerade ein wenig nach dem Anfang eines ‘Es liegt nicht an dir, es liegt an mir’ Gespräches. Der nächste Satz schien das irgendwie nur zu bestätigen. Steve spürte, wie sich alles in seiner Magengegend zusammenzog, während Panik in ihm aufstieg. Die Panik flaute zum Glück wieder ein bisschen ab, als Thomas weitersprach und wich…Irritation.
      Okay. Thomas schien weniger ein Problem mit ihm, als viel mehr ein Problem mit sich selbst zu haben. Aber daran konnten sie zusammen arbeiten, oder? Irgendwie. Das musste nicht gleich bedeuten, dass ihre Beziehung zerbrechen und Steves gesamte Welt untergehen würde. Vielleicht nur ein bisschen. Das alles wäre deutlich einfacher, wenn Thomas ihn ansehen würde.
      Steve biss sich auf die Unterlippe und schüttelte kurz den Kopf, als Thomas meinte, dass er zu viel reden würde. “Ich bin ein guter Zuhörer”, merkte er an, während er nach der Hand seines Freundes griff. Er war auch unglaublich gut darin, sich selbst Panik zu machen, aber das tat gerade nichts zur Sache. Er war schon drauf und dran, Thomas irgendwie erklären zu wollen, dass seine Eltern bestimmt auch nur noch etwas Zeit benötigen würden, als sein wundervoller, phantastischer Freund das Gespräch in eine vollkommen andere Richtung lenkte und ihm damit vollkommen den Wind aus den Segeln nahm.
      “Oh”, stieß Steve erneut aus, diesmal etwas überfordert, während er merkte, dass seine eigenen Wangen sich plötzlich furchtbar warm anfühlten. Er hoffte, dass er nur halb so rot im Gesicht war, wie Thomas. Es war irgendwie zeitgleich sehr beruhigend und unfassbar beängstigend, dass das das Thema war, das Thomas wohl die letzten Tage rumgetrieben hatte. Er öffnete kurz den Mund, um etwas zu sagen, wusste aber nicht wirklich, was. Seine Gedanken überschlagen sich einfach viel zu sehr.
      Es war Thomas’ Griff nach der Fernbedienung, der ihn irgendwie aus der Starre rausholte.
      “Thomas”, setzte er weitaus selbstbewusster an, als er sich fühlte, während er seinem Freund sanft die Fernbedienung aus der Hand nahm und sie zur Seite legte. “Du weißt, dass mir das absolut nichts ausmacht, richtig?” Er legte eine Hand an Thomas’ Wange und zwang ihn, ihm in die Augen zu schauen, nur um sicher zu gehen, dass Thomas hörte, was er sagte. “Es ist mir egal, wie langsam wir es angehen. Ich bin mit dir zusammen, weil ich dich l- mag und nicht, weil ich dich einfach ins Bett kriegen will.” Er ließ seine Hand fallen. “Was nicht heißt, dass ich nicht mit dir schlafen will. Es ist nur- Ich meine, wir müssen ja nicht sofort- Es gibt so viele unterschiedliche Arten von Sex und-” Gott, er hatte noch nie eine so seltsame Konversation über Sex gehabt. Allerdings waren all seine vorherigen Beziehungen da auch deutlich erfahrener gewesen, als Thomas - und über sein eigenes erstes Mal wollte er gar nicht nachdenken.
      “Wir hören auf, wenn einer von uns sich unwohl fühlt. Ich möchte nicht, dass du dich zu etwas zwingst. Das ist nicht der Sinn des Ganzen. Mir reicht es voll und ganz, dich zu küssen und morgens neben dir aufzuwachen. Okay? Alles andere kommt schon noch mit der Zeit.” Er lächelte Thomas sanft entgegen und hielt ihm wieder die Fernbedienung hin. Es war gut, dass sie drüber gesprochen hatten und offensichtlich auf dem selben Stand waren. Steve hoffte trotzdem irgendwie, so eine Unterhaltung nie wieder führen zu müssen.
      “Und jetzt sag mir, welche Pizza du willst.”
    • Thomas

      "D-das ist gut zu wissen", brachte er über die Lippen, obwohl er sich kurz nicht sicher war, ob er überhaupt eine Stimme hatte. Steves Hand an seiner Wange und der erzwungene Blick in seine Augen brachten Thomas so sehr aus dem Konzept, dass er nichtmal Zeit fand um über den kleinen Versprecher nachzudenken. Das hätte sein Gehirn zum Absturz gebracht. Es war furchtbar eigenartig, seinem besten Freund tief in die Augen zu sehen, während er kurz davor war ihm von den verschiedenen Arten von Sex zu berichten. Irgendwie kam es in Momenten wie diesen nicht ganz bei Thomas an, dass sie zusammen waren. Dafür ging dieser Beziehung einfach eine zu lange Freundschaft voraus. Darum war er wohl so abgeneigt, ihn bei diesen Unterhaltungen direkt anzusehen. Er war erleichtert, als Steve aufhörte zu reden. Auch, wenn ihn die Worte etwas beruhigten. Nicht, dass er sich das alles nicht irgendwie hätte denken können, schließlich wusste er was für ein Mensch Steve war. Aber es war dennoch ein Teil seiner Angst gewesen, dass Steve irgendwie unbefriedigt und unglücklich war. Es war eben nicht nur das Problem gewesen, dass Thomas sich selbst von etwas abhielt das er eigentlich wollte, sondern auch seinen Freund.
      Dass das Gespräch damit nun hoffentlich ein für alle mal geklärt war, schien trotzdem das positivste an der ganzen Sache zu sein. Thomas war sich nicht ganz sicher, was er erwartet hatte, aber teils hatte er sich vor dieser Unterhaltung wohl gedrückt, weil er dachte, dass Steve die Gelegenheit direkt nutzen wollen würde. Was wohl… ein ziemlich bescheuerter Gedanke war und je länger er darüber nachdachte, desto mehr fiel ihm das auch auf. Er musste fast über sich selbst lachen, konnte es dann aber bei einem etwas übertriebenen Lächeln belassen, das zum Teil bestimmt auch dank der Erleichterung aufkam, die er auf einmal spürte.
      "Ähm, Cardinale", antwortete er mit dem Lächeln hörbar weiterhin auf den Lippen. Zumindest konnte er sich wieder klar ausdrücken. Er entspannte sich und lehnte sich an Steve an, während er den Fernseher einschaltete. "Irgendeine Präferenz, was wir uns anschauen könnten?", fragte er. Irgendwie war er seit Silvester gerade zum ersten Mal so richtig glücklich. Es gab nichts mehr zu besprechen und alle Sorgen waren wiedermal komplett unbegründet gewesen. Womit hatte er Steve eigentlich verdient?
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    • Steve

      "Ich lad dich ein." Steve atmete erleichtert aus, als dieses furchtbar unangenehme Thema wohl nun endlich seinen dauerhaften Abschluss fand. Wenigstens konnte es jetzt nicht mehr schlimmer werden, oder? Irgendwie waren damit die peinlichsten Themen abgearbeitet. Und hey- Thomas sah mit dem Lächeln auf seinen Lippen unglaublich gelöst aus. Also kein Ende ihrer Beziehung in Sicht. Zumindest solange, bis Steve sich irgendwann überlegen musste, wie genau er mit seinem Job umgehen sollte. Was definitiv ein zu schwerer Gedanke für den heutigen Abend war.
      Er tippte auf die Lieferapp auf seinem Handy und warf einen flüchtigen Blick auf den Fernseher. "Oh, ich hab von dieser neuen Serie gehört", fing er an, während er sich selbst eine Pizza aussuchte, einfach froh darüber, überhaupt eine längere Serie vorschlagen zu können.


      Caleb

      Kurz nach Silvester schien der Januar alle nochmal daran erinnern zu wollen, dass er tatsächlich ein Wintermonat war. Die Nachtluft war beißend kalt. Caleb konnte seinen Atem in kleinen Wölkchen vor sich aufsteigen sehen, während er seine Finger tief in die Taschen seiner Winterjacke vergrub und sein Bestes gab, die kleine Kneipe am Ende der Straße irgendwie möglichst schnell zu erreichen, ohne dabei zu rennen. Irgendwie waren die Londoner Winter noch schlimmer, als die verregneten Sommertage. Er wusste nicht, was Ezra all die Jahre hier gehalten hatte. Oder - er wusste genau, was, oder wer Ezra in London gehalten hatte, er konnte nur beim besten Willen nicht verstehen, warum die beiden bei ihrem Zusammenzug nicht direkt auch irgendwo hingezogen waren, wo es schöner war. Griechenland, vielleicht, oder Spanien.
      Im Vergleich zu der kühlen Luft draußen war die Luft in der Kneipe furchtbar schwül und stickig. Die Heizung war wohl ohne Rücksicht auf Verluste aufgedreht worden. Die Gäste, die an den kleinen Tischen oder der dunklen Theke saßen, hatten die Jacken ausgezogen und die Ärmel hochgeschoben. Die Stimmung klang gelöst, ein angenehmes Rauschen an Unterhaltungen, Lachen und leiser Musik, die aus irgendeinem Lautsprecher dröhnte, den Caleb auf den ersten Blick nicht orten konnte. Was er dafür sehr wohl orten konnte, waren die ganzen Steine um ihn herum. Die Ohrringe der Frau an der Bar, die seine Haut unangenehm kribbeln ließen, die Uhr von dem Mann rechts von der Tür, die sich anfühlte, als ob jemand Caleb gegen das Handgelenk hauchen würde und so viele mehr, die sein Nervensystem zum prickeln brachten. Er versuchte, all diese Eindrücke zu ignorieren, während er seine Jacke auszog und sich zur Bar bewegte.
      Seine Eltern hatten seine Fähigkeit, Steine spüren zu können, immer schon als Gabe gesehen. Ein menschliches Frühwarnsystem - welche kriminelle Familie würde sich soetwas nicht wünschen? Wie es Caleb selbst dabei ging war niemandem je wirklich wichtig gewesen.
      Er suchte sich einen Platz am äußersten Ende der Bar - der Platz, der am weitesten von dem Mann mit der Uhr entfernt war - und bestellte mit einem kleinen Lächeln beim Barkeeper. Selbiger nickte, schob Caleb einen kurzen Moment später ein Glas entgegen und bekam dafür einen Geldschein zurück, der so zusammengerollt war, dass er geschickt einen kleinen USB-Stick kaschierte. Der Mann nickte erneut und steckte sich das Geld mitsamt Stick in die Hosentasche, bevor er sich anderen Gästen widmete. Nicht die eleganteste Art, um Informationen auszutauschen, aber solange am Ende des Tages Alkohol im Spiel war, wollte Caleb sich nicht beschweren. Er zückte sein Handy und tippte eine kurze Nachricht an Niamh, um sie zu informieren, dass seine kleine Mission abgeschlossen war, ohne dabei auf ihre letzten Nachrichten einzugehen. Er schob das Handy zurück in seine Tasche, bevor er eine Antwort erhalten konnte und wandte sich wieder dem Glas zu. Nur eines, dann würde er gehen. Vielleicht würde es ja diesmal klappen, wenn er es sich fest genug vornahm.
    • Richard

      "Kommst du mit auf ein Bier, Teddy?", fragte May in der Sekunde, in der sie den Gerichtssaal verließen, wo eben ein Fall gewonnen wurde, der ihnen zu Gunsten kam. May war Anwältin. Sie hatte den Fall wochenlang vorbereitet und letztendlich gewonnen, was aus mehreren Gründen zu feiern war, und nachdem Richard sich immer gut mit ihr verstanden hatte, hatte er die Einladung sofort angenommen. Auch Ted, sein neuer Kollege aus dem Dezernat, in das Richard sich vor einigen Wochen unnötigerweise versetzen hatte lassen, zögerte nicht lange. Sie hatten alle einen verdammt langen Tag hinter sich. Aber nachdem Richard mittlerweile zwei Jobs arbeitete, war er die Erschöpfung langsam gewöhnt. Ehrlicherweise konnte er sich kaum darüber beschweren, dass er keine Sekunde am Tag Zeit hatte, um einen Gedanken zu formen. Über Andrew hinwegzukommen hatte sich nach der Oslo Mission mit Ezra beinahe unmöglich angefühlt, aber auch… sehr notwendig. Er sah die zwei Vollpfosten fast täglich, wenn er bei MLO war, und langsam genoss er die Arbeit als Held wirklich mehr, nur weil er Andrew aus dem Weg gehen konnte. Natürlich hatten die beiden darüber gesprochen, was in Oslo passiert war. Nachdem sie so aneinander klebten, war Richards Versuch offensichtlich nach hinten losgegangen und der Hass in den Augen seines Kollegen hatte sich mindestens verdoppelt. Es war vorbei. Er hatte keine Chance, um das irgendwie zu reparieren und es würde wohl auch nichts mehr bringen, sich für den Vorfall auf der Willkommensfeier zu entschuldigen, auch wenn er das weiterhin vorhatte. Nicht, dass eine Entschuldigung irgendetwas rechtfertigen konnte. Richard hatte sich noch nie zurückgehalten, wenn er jemanden für sich gewinnen wollte, aber üblicherweise hatte er sich genug unter Kontrolle, um nicht übergriffig zu werden, auf welche Art auch immer. Er war verzweifelt gewesen, nachdem er realisiert hatte, dass er doch noch mit Andrew zusammenarbeiten würde aber dieser kleine blonde Giftzwerg ihm offenbar überall hin folgte. Jetzt blieb ihm nur noch eine Erinnerung an diesen Abend, die er am liebsten auslöschen wollte. Sich mit Arbeit zu begraben brachte insofern wenigstens ein bisschen Erlösung mit sich. Aber nicht genug. Zusätzlich zu den Schuldgefühlen, jahrelang nicht realisiert zu haben, woher seine Obsession mit Andrew kam, durfte er damit nun auch leben. Richard kannte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich kein größeres Arschloch, als sich selbst.
      "Haaaa, ich bin so froh, dass die Geschworenen keine Idioten waren", seufzte May laut, als sie die Bar betraten. Richard schlug eine Wolke aus Rauch und Wärme entgegen, die sich vermutlich schneiden lassen würde. Nachdem die eisige Luft draußen aber auch nicht schmerzfrei zu atmen war, wusste er nicht, was er lieber hatte.
      "Es wäre wahnsinnig gewesen, wenn sie den Kerl für unschuldig befunden hätte", murmelte Richard während er seine Jacke auszog. May löste ihre kastanienbraunen Haare aus dem Dutt, der ihr vermutlich längst Kopfschmerzen bereitete, und wirkte auf einmal etwas menschlicher. Richard würde sich auch gerne von seiner Uniform befreien, aber er konnte schlecht seine Pistole und die paar Steine, die er mit sich herumtrug, in seinen Jackentaschen lassen.
      "Das denke ich mir jedes Mal. So viele Fälle und ich glaube, ich nehm die Gefühle aus dem Gerichtssaal immernoch mit nachhause", erwiderte sie mit ernster Miene. Sie gingen zusammen zu einem Tisch und setzten sich.
      "So geht es glaube ich den meisten. Am Ende macht den Job keiner, der nicht irgendwie eine persönliche Meinung zu den Dingen hat. Sowas kann man schwer trennen", sagte Ted und ließ sich auf einen Stuhl sinken.
      Es war schwer zu trennen? Am liebsten hätte Richard die beiden gefragt, ob sie damit klarkommen würden, zu wissen, dass die Welt jeden Tag von ein paar Psychopathen zerbombt werden könnte, wenn man seinen Job schlecht machte, und das Gefühl mit nachhause nahm. Definitiv nicht. Irgendwo musste man eine Grenze ziehen und auf alles scheißen. Sonst endete man wie Andrew auf der anderen Seite des Gesetzes. Aber der hatte offenbar irgendeinen persönlichen Schutzengel.
      "Ich hol uns was zu trinken. Wünsche?", fragte Richard und entzog sich damit geschickt dem Gespräch. Dann ging er an die Bar.
      "Zwei Guinness, ein Irish Red Ale", bestellte er.
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    • Caleb

      Vielleicht musste er einfach nur die Taktik ändern. Statt schnell ein Glas zu trinken und dann zu gehen, nur um zu scheitern und sich ein zweites zu bestellen, könnte er einfach sehr lange an dem einen nippen. Entweder war das die genialste Idee, die er seit langem hatte, oder Ezras Idiotismus färbte langsam auf ihn ab.
      Caleb schob das Glas leicht von links nach rechts, während er sich - wenig erfolgreich - selbst einzureden versuchte, dass er nicht auf dem besten Weg zu einem Alkoholproblem war. Vielleicht sollte er Niamhs besorgte Fragen, ob es ihm gut ging, doch etwas ernster nehmen. Oder den Therapeuten wechseln. Oder Ezras Beispiel folgen und einfach irgendwo ein neues Leben beginnen. Ohne, dass man ihn schlussendlich finden würde. Caleb war zu perfektionistisch, um Spuren zu hinterlassen. Weshalb er ein kleines bisschen nervös wurde, als sich die Tür öffnete und mit einem Schwall kalter Luft ziemlich ungünstige Gäste mit sich brachte.
      Helden. Der wohl unnötigste Beruf der Welt, gleich hinter Rettungsschwimmern bei Olympia. Immer einen Schritt zurück, aber nervtötend hartnäckig. Zumindest die Art von Held, die sich nicht einfach bestechen ließ. Und Andrew. Wahrscheinlich musste er eine kleine Ausnahme für Andrew machen - wer es schaffte, Ezra so ein absolut zufriedenes Lächeln auf die Lippen zu zaubern, hatte wohl ein bisschen Anerkennung verdient.
      Die Frage war nur, warum dieser kleine Trupp - zwei Männer und eine Frau, die eher nach einer überbezahlten Büroassistenz, oder so, aussah - hier waren. Ein unschuldiger Drink nach Feierabend, oder hatte irgendjemand mitbekommen, das momentan ein USB-Stick voller belastender Beweise im Raum war? Caleb biss sich kurz auf die Unterlippe, während sein Blick wieder zu dem Barkeeper wanderte, der sich nichts anmerken ließ. Er hatte seinen Namen vergessen, irgendwas mit M vielleicht. Martin, Mathias, Marcus, oder so. Es war nicht das erste mal, dass er Informationen von ihnen weiterleitete. Er würde schon dichthalten. Trotzdem überwog Calebs Neugierde, als sich einer der Typen, ein hochgewachsener, sportlicher Kerl, auf den Weg zur Bar machte. Mit einer durchaus interessanten Bestellung.
      "Jedes mal, wenn ein Brite einen Guinness bestellt, geht irgendwo eine Kartoffelpflanze ein", seufzte Caleb dramatisch, während er sich selbst ein wenig in seinen irischen Akzent lehnte. Er stützte seine Unterarme auf den Tresen, während er amüsiert zu dem Typen herübersah. "Feierabend?", fragte er mit einem kurzen Nicken zu seiner Uniform. Auf die kurze Distanz konnte er die Steine spüren, die der Typ mit sich trug. Durcheinander, schwer auseinanderzuhalten. Nur einer von ihnen fühlte sich wirklich interessant an.
      Rechte Seite. Er konnte nicht direkt orten, ob der Stein in der Jacken- oder Hosentasche war, oder ob es sich um ein Accessoire handelte. Alles, was er fühlen konnte, war die Auswirkung des Steines - ein Gefühl, als würde jede seiner Bewegung ein wenig hinterherhinken. Wie ein Fehler in einer Computeranimation, in der jeder Bewegung ein leicht zeitversetzter Schatten folgte. Das war interessant. Mehr, als interessant.
      "Oder gibt es etwas zu feiern?, erweiterte er die Frage in der Hoffnung, den Helden zumindest lange genug in der Nähe halten zu können, um den Stein genauer zu orten. Was auch immer er mit der Information anfangen würde.
    • Richard

      Richard bekam fast einen Herzinfarkt, als er angesprochen wurde und im Augenwinkel den Mann sah, dem die Stimme gehörte. Fast hatte er gedacht, dass der nervigste Mensch auf dem Planeten neben ihm stand, aber… Nein. Die Ähnlichkeit zu Ezra schwand ein wenig, als Richard den Kopf zu ihm drehte und ihm einen genaueren Blick schenken konnte. Jeder blonde Winzling sah doch irgendwie gleich aus, oder?
      "Die Beschwerde lässt du am besten bei allen tausend Briten aus, die das Bier finanzieren. Vielleicht bewirkst du ja was", erwiderte Richard, drehte sich zu dem Blonden und stützte sich mit einem Arm auf der Bar ab. "Meine Freundin hat eben einen Fall gewonnen", antwortete er dann und lächelte leicht während er zu seinem Tisch zeigte, an dem May über der Tischplatte lehnte, als würde ihre Seele demnächst ihren Körper verlassen, und das ohne Alkohol intus.
      "Ein Pädophiler weniger auf der Straße. Also, ja, Grund zum Feiern. Und du? Ist das ein Cocktail oder hast du eher vor, dir irgendwelche Sorgen wegzutrinken?", fragte Richard und deutete auf das halbleere Glas, das der Blonde vor sich her schob und dessen Inhalt nach einem höheren Prozentsatz aussah. Gespräche an der Bar waren etwas, dem Richard normalerweise aus dem Weg ging, weil sie allermeistens nur dazu führten, dass er wieder realisierte, wieviele Idioten auf diesem Planeten existierten, aber in letzter Zeit ließ er sich auf so gut wie alles ein. Vermutlich ein weiterer Hilfeschrei, den er selbst stur ignorierte. Alles war besser, als sich seinen Problemen zu stellen. Wirklich alles. Sogar jemand, der nach ein paar Drinks vermutlich zum Doppelgänger seines Erzfeinds wurde.
      Irgendwie hatte Richard fast das Verlangen, sich auf einen Barhocker zu setzen, nur um nicht so sehr auf den Blonden herabsehen zu müssen, ein Wunsch der ihm nicht oft kam. Aber er würde sowieso gleich zurück zu seinen Kollegen gehen und sich weiter aus deren Gesprächen heraushalten müssen. Es war deutlich angenehmer, sich mit Mitarbeitern von Magia Lapides zu verabreden, um nicht ständig das Gefühl zu haben, sich bei vielen Unterhaltungen zurückhalten zu müssen, aber in seltenen Fällen war die Unschuld der Helden und anderer Durchschnittsbürger tatsächlich ganz angenehm. In sehr seltenen Fällen. Und in letzter Zeit häuften diese Fälle sich an, wie alle anderen Ausnahmezustände.
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    • Caleb

      Scheinbar beschäftigte sich die Justiz ab und an tatsächlich mit relevanten Fällen. Ein Wunder.
      Caleb folgte dem Blick des Fremden zurück zu seinem Tisch, an dem seine Begleitung gerade so wirkte, als ob das hier nicht die erste Bar wäre, die sie heute besuchten. Aber wenigstens kam ihm keiner von beiden irgendwie bekannt vor.
      “Depressionen”, antwortete er knapp auf die Nachfrage hin, was er hier tat, begleitet von einer kleinen abweisenden Geste, um zu verdeutlichen, dass der Grund seiner Anwesenheit nicht weiter wichtig war. Er kam wunderbar mit seiner eigenen angeknacksten Psyche zurecht, wenn man ihn fragte. Alles, was man nicht mit irgendwelchen Tabletten regeln konnte, trank man weg, bis man einfach gar nichts mehr fühlte. Wundervolle Lösung, nicht?
      “Sieht deine Freundin immer so aus, als ob sie einen Nervenzusammenbruch hätte, wenn sie einen Fall gewinnt?”, fragte Caleb mit einem kurzen Blinzeln. “Oder musst du dir Sorgen machen?” Hosentasche. Der Stein musste eindeutig in der Hosentasche sein. Er fühlte sich zu stumpf an, um in der Jackentasche zu stecken. Die Frage war nur, wie Caleb an den Stein herankommen sollte. Niamh und Ezra wüssten es wahrscheinlich. Die beiden hatten in der Hinsicht immer schon erschreckend viel Talent besessen - oder einfach Fingerspitzengefühl und unverschämtes Glück - während Caleb einfach immer zu lange nachdachte. Er könnte den alten Trick mit dem Stolpern versuchen, allerdings ging er davon aus, dass sein Gegenüber diesen zur Genüge kannte. Ihn einfach auf den Stein ansprechen und auf das Beste hoffen konnte er auch nicht, ohne direkt viel zu viel über sich selbst zu erzählen. Also blieb ihm nur die Möglichkeit, den Fremden irgendwie lange genug da zu behalten, um sich etwas zu überlegen. Was nahtlos in seine nächste Schwäche überging - Smalltalk.
      Er hatte nie verstanden, warum so viele Leute Smalltalk liebten. Es wurde viel geredet und wenig gesagt und am Ende wusste man einen Haufen Dinge, die einen nicht interessierten.
      “Solche Fälle können einen wirklich mitnehmen, mhm?”, fragte Caleb, auch, wenn er die Antwort eigentlich schon längst kannte. Man stumpfte ab, oder man zerbrach daran. Es war unmöglich, gut in den Schlaf zu kommen, wenn man sich immer Gedanken darum machte, was man getan und gesehen hatte. “Oder ist sie einfach nur am Ende, weil du so lange mit den Getränken brauchst?”
    • Richard

      Richard erlaubte für eine Millisekunde einer kleinen Falte auf seiner Stirn aufzutauchen und nickte dann nur langsam, als der Blonde seine stumpfe Antwort gab und abwinkte, sodass man nicht sicher sein konnte, ob er es ernst meinte. "Dann empfehle ich einen Fusel aus dem Supermarkt, sonst kannst du dir das nur einmal leisten", erwiderte er und setzte sich anschließend auf den Barhocker. Was soll's.
      "Sie ist nur müde… nehm ich an", sagte Richard dann und musste sich aber eingestehen, dass er sich selbst nicht ganz sicher war. Vielleicht belastete sie die Geschichte auch einfach noch immer. Sowas verstand er nicht, immerhin war der Kerl für den Rest seines Lebens hinter Gittern. Klar, es war furchtbar, was er getan hatte, und dass es etliche Menschen da draußen gab, die es ihm jeden Tag nachmachten, aber Helden konnten sich auch nicht spalten und überall gleichzeitig sein. Einer nach dem anderen. Anders ging es einfach nicht. Sobald der Fall abgeschlossen war, löschte man die ekelhaften Bilder am besten irgendwie aus seinem Gedächtnis.
      "Wenn man nicht dafür gemacht ist, den Job für den Rest seines Lebens zu machen… dann, ja. Dann nimmt es einen wohl jedes Mal mit", antwortete er also. Der Bartender stellte die drei Bier nur Sekunden später vor seiner Nase auf den Tresen, also nahm Richard einen Schluck aus seinem Glas, als hätte er heute nichts mehr vor als hier zu sitzen und mit einem Fremden zu quatschen.
      "Ich setze drauf, dass sie nur müde ist und nachdem ich nicht vor habe, irgendjemanden nachhause zu bringen, wäre es für sie sogar besser, wenn ich die Gläser einfach selbst austrinke", schmunzelte er. Was war eigentlich daraus geworden, zu trinken, weil man Spaß haben wollte? Stattdessen waren 90 Prozent der Leute in Clubs und Bars nur noch dort, um sich zu betäuben. Selbst konnte er sich da aber auch nicht ausklammern, also war es eindeutig ein gesellschaftlicher Fluch.
      "Wenn du deine… Depressionen weggesoffen hast, hast du dann auch einen Plan? Darf man hier in der Bar schlafen oder bist du überzeugt, dass du nachher noch mit einem Taxifahrer kommunizieren kannst?", fragte er und grinste leicht. "Oder bist du einer, der hofft, dass irgendjemand die Verantwortung übernimmt?"
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    • Caleb

      Fast musste Caleb lachen. Bei all seinen wundervollen Problemchen musste er sich um Geld wohl weitaus die geringsten Sorgen machen. Die Uhr an seinem Handgelenk kostete wahrscheinlich mehr, als das gesamte Jahreseinkommen seines Gegenübers. Selbst wenn seine Eltern morgen auf die Idee kämen, ihn zu enterben, hatte er sich über die Jahre eine mehr als komfortable Summe beiseite geschafft. Und zur Not würde er immer noch die Geschwisterkarte ziehen und Niamh auf der Tasche liegen können. Zumindest, bis er ihr zu sehr auf die Nerven gehen würde.
      Also nein, Geld wäre absolut kein Problem. Das größte Problem, das Caleb im Moment hatte war, dass sich der Fremde tatsächlich setzte - was einerseits gut war, weil er so mehr Zeit hatte, sich den Kopf zu zerbrechen, andererseits allerdings auch mehr Konversation bedeutete, was er eigentlich gerne vermied. Zumal der seltsam zeitversetzte Effekt des Steines ihm langsam Kopfschmerzen bereitete.
      “Oh, wenn ich es schaffen sollte, die Depressionen wegzutrinken, lasse ich mir die Methode direkt patentieren und mach mir ein schönes Leben auf Hawaii." Wenn es doch nur so einfach wäre. Caleb stützte seinen Kopf auf seine Hände, während er den Fremden kurz unverhohlen musterte. “Flirtest du öfter mit fremden Menschen in Bars? Du bist nicht sonderlich gut darin”, merkte er im unverbindlichen Plauderton an, während er den Kopf leicht schräg legte und ihm einen fragenden Blick zuwarf. Er war sich ziemlich sicher, dass es nicht als Flirt gemeint gewesen war, aber wo war da der Spaß?
      “Ich weiß, wie viel ich einem Taxifahrer zumuten kann. Ich kenne mein Limit. Kennst du deins?”, fragte er und nickte zu den drei Gläsern vor dem Fremden. Obwohl drei Gläser bei ihm wahrscheinlich nicht viel ausmachen würden - der Typ war fast so hoch wie breit. Sportlich. Nicht unattraktiv, wenn man auf kantig stand.
      “Obwohl ich auch kein Problem damit habe, ab und an die Verantwortung abzugeben.” Er zwinkerte in der Hoffnung, damit darüber hinwegtäuschen, dass das die wohl größte Lüge des Abends war. Er würde eher in der Bar schlafen, als darauf zu hoffen, dass ihm jemand Fremdes half - und sich abschleppen zu lassen, war für ihn noch nie sonderlich einfach gewesen. Zumal er nie mit einem Helden mitgehen würde, unabhängig davon, ob das gerade wirklich ein Flirt gewesen war, oder nicht. Ezra mochte die Vorstellung reizvoll finden, Caleb fand alleine den Gedanken daran schon furchtbar anstrengend. Obwohl der Stein es fast wert wäre.
      “Verrätst du mir deinen Namen, oder muss ich dafür erst eine Straftat begehen?”
    • Richard

      „Flirt- Ich… meinte das nicht… so“, stammelte er nach einer kurzen Pause, allerdings schien sein Gegenüber sich damit auszukennen, wie man andere auf sich aufmerksam machte, weil Richard ihn automatisch noch einmal mit anderen Augen musterte. Flirten? Natürlich war er schlecht darin, wenn er es garnicht gemacht hatte. Außerdem flirtete er selten mit Männern. Noch nicht einmal mit dem ganz spezifischen, der ihn überhaupt realisieren hatte lassen, dass er an Männern interessiert war. Beleidigungen waren eher sein Gebiet, wie’s aussah. Ein bisschen gab er Andrew noch immer die Schuld an allem. Ohne ihn hätte Richard wahrscheinlich einfach nie geschnallt, dass er bisexuell war. Allerdings war er nun deutlich aufmerksamer, was das anging, und machte sich gerade ein bisschen Sorgen, nervös zu wirken. Er war es ein wenig. Der Blonde flirtete schließlich ziemlich offensichtlich mit ihm. Ein seltsames Gefühl, wenn man nüchtern genug war um sich später daran zu erinnern.
      Er räusperte sich und riss sich aus der kleinen Starre. „Richard“, sagte er und versuchte die Spannung aus seinen Schultern zu lösen ohne sich offensichtlich zu bewegen. Er hatte in den letzten Wochen durchaus versucht, Andrew auf den unterschiedlichsten Wegen aus dem Kopf zu kriegen. Inklusive einiger One Night Stands mit Frauen, denn glücklicherweise hatte er in dem Department noch nie großartige Probleme gehabt. Es gab tatsächlich einige Frauen, die darauf standen, wenn man nicht unbedingt gesprächig oder… besonders nett war. Nicht, dass er das nicht sein konnte, aber ihm war in letzter Zeit definitiv nicht danach. Da kam es ihm zugute wenn er irgendjemandes seltsamer Fantasie entsprach. Allerdings lag das Problem vielleicht genau darin: Er schlief nur mit Frauen. Naja, fast, aber in der deutlichen Mehrheit, vor allem seit er Andrew vergessen wollte. Er versuchte einen Kerl aus dem Kopf zu kriegen, indem er mit Frauen schlief. Das war… vermutlich kontraproduktiv. Aber sein erster Typ seitdem konnte unmöglich blond sein, oder? Das war irgendwie zu lächerlich. Auch wenn er nicht schlecht aussah… Aber es war einfach… lächerlich.
      Nach diesem Gedanken trank er in ein paar großen Schlücken sein Glas beinahe leer, bevor er fragte: „Und du?“ Richard hatte noch nie so viel Angst vor der Antwort auf die Frage nach einem Namen gehabt, aber es wäre gerade mehr als unglücklich wenn sein Gegenüber auch hier irgendjemandes Double war. Dann wollte ihn das Schicksal einfach nur verarschen. Und er hatte es vermutlich auch noch verdient.
      „Du musst dir übrigens keine Sorgen machen, ich kenn mich mit Frusttrinken aus. Drei Bier sollten sich irgendwie ausgehen“ Er lächelte. „Aber eigentlich hatte ich nicht vor, mich zu betrinken, wenn ich am nächsten Tag arbeiten muss. In solchen Momenten wünscht man sich manchmal, einfach selbstständig oder besser noch reich zu sein“ Er seufzte leicht. Er verdiente nicht schlecht, aber nachdem er einen Bruchteil von seinem MLO Gehalt im Dezernat bekam, sollte er mit dem Schwachsinn wohl endlich aufhören und bei MLO wieder in eine Vollzeitposition rücken. Sein Bankkonto würde es ihm danken. Und seine Augenringe auch. Es war deutlich anstrengender, irgendwelchen Ameisen an Verbrechern nachzujagen, bei denen 10 nachkamen wenn man endlich einen geschnappt hatte.
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