The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Niamh

      "Mh, ja, das klingt nach ihm." Niamh führte Andrew eine Treppe hinauf ins zweite Stockwerk. Jedes mal, wenn sie hier war, fiel ihr wieder auf, wie gut man sehen konnte, dass es kaum genutzt wurde. Wie auch? Die meiste Zeit war sie mit ihrem Mann und ihren Kindern alleine hier und ihnen reichte das Erdgeschoss absolut aus. Ihre Eltern kamen alle paar Monate vorbei, Caleb schaute nur vorbei, wenn er sich besonders dramatisch fühlte und mit Ezra hatte sie im Leben nicht mehr gerechnet.
      Es war...irritierend gewesen, ihren Bruder wiederzusehen. Er sah ihrem Dad überraschend ähnlich, die selbe Kieferpartie. Früher war ihr das nie aufgefallen. Früher war ihr vieles nicht aufgefallen, aber hey, vielleicht hatte sie bei ihrer zweiten Chance mehr Glück. Sie wollte nicht noch ein Geschwisterkind verlieren.
      "Er war als Kind schon so. Immer gegen alles, nur aus Prinzip. Unglaublich anstrengend." Sie verdrehte die Augen, bevor sie vor einer der Türen stehen blieb und sie öffnete. "Hier. Schlafzimmer, kleines Bad. Falls du was brauchst, meld dich bitte." Sie trat einen Schritt zurück und deutete auf die Tür schräg gegenüber. "Das ist Ezras Zimmer. Ich hab keine Ahnung, ob Cal über Nacht bleibt, aber sein Zimmer ist das am Ende des Ganges. Essen gibt es um sechs, falls du dich anschließen willst. Ich-" Niamh zuckte zusammen, als man einen Knall aus dem Erdgeschoss hörte. Sie warf einen kurzen Blick auf ihr Handy und seufzte. "Leg dir Kinder zu und du hast keine ruhige Minute mehr. Sorry." Sie warf ihm ein kurzes Lächeln zu und wandte sich zum Gehen. "Oh- Bevor ich's vergesse, versuch nicht das Gelände zu verlassen. Das würde nur schmerzhaft enden. Bis gleich!"


      Ezra

      Die Hand war kein sonderlich guter Ort für eine Verletzung.
      Als die Verletzung neu verbunden wurde, hatte Ezra Tränen in den Augen. Was seinen Gesamtzustand ebenfalls ziemlich gut zusammenfasste. Aber wenigstens waren seine Geschwister nicht ganz so psychopathische Gastgeber, wie die beiden Damen von heute morgen.
      "Du weißt, dass sie nur den Stein will", merkte Caleb an. Er lag auf einem Sofa und scrollte teilnahmslos an seinem Handy. "Danach würde sie euch gehen lassen."
      Ezra bedankte sich bei dem Arzt, der gerade seine Tasche wieder zusammenpackte und rutschte von dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte, um um das Sofa herum zu gehen und seinem Bruder in die Augen sehen zu können. "Du weißt, dass ich das nicht kann."
      "Das musst du nicht mir erzählen. Mir ist das doch vollkommen egal." Cal zuckte mit den Schultern. "Ich will nur nicht an deiner Stelle stehen, wenn du deinem Boyfriend erzählst, dass ihr hier nicht mehr raus kommt."
      "Er ist nicht mein-" Ezra seufzte frustriert. "Ich hoffe, dir rutschen beim Spülen die Ärmel ins Wasser."
      Caleb musste unweigerlich lachen. "Viel Erfolg, Romeo."
      Ezra streckte ihm lächelnd den Mittelfinger entgegen, bevor er sich wegdrehte. Im Grunde hatte Cal Recht - Andrew hatte nichts mit dieser Situation zu tun, hing jetzt aber unweigerlich mit drin. Es wäre unfair, alles weitere ohne ihn zu entscheiden. Außerdem hatte er wohl einiges zu erklären. Er atmete einmal tief durch, bevor er die Treppen hoch ging und an Andrews Zimmertür klopfte.
    • Andrew

      Ja, genau wie Niamh es beschrieb hatte Andrew sich den kleinen Ezra auch vorgestellt. So aufmüpfig war er bestimmt nicht erst im Erwachsenenalter geworden und als Elternteil hätte Andrew sich vermutlich die Kugel gegeben. Er dagegen war nur deshalb so pflegeleicht gewesen, weil seine Hobbys aus Kriminalromanen und Schach bestanden hatten.
      Er spähte in das geräumige Schlafzimmer und nickte dann bloß, als Niamh weitersprach. "Ich nehme an… dass ich mich anschließen werde. Danke", sagte er nur, unschlüssig was überhaupt der Plan war. Auf Ewig in diesem Haus zu bleiben war es jedenfalls nicht, aber Essen brauchte er gerade beinahe so dringend wie Schlaf. Dabei nickte er nur unbeholfen, als er die Drohung vernahm, dass es wohl demnächst sowieso keinen Weg aus diesem Haus gab. Es wäre bloß gut zu wissen, was diese Leute überhaupt von ihm wollten und was sie mit den Steinen zu tun hatten, falls das der Grund für die Entführung gewesen war. Aber darüber konnte er gerade nicht nachdenken. Er ging in das Zimmer und schloss die Türe hinter sich ab. Dann sah er sich um. Im Schrank waren einige alte Kleidungsstücke, unter denen er hoffentlich irgendetwas einigermaßen Passendes finden würde. Aber als interessanter empfand er gerade das Badezimmer. Er öffnete erstmal das Fenster im Zimmer und sog die frische Luft ein. Blick aufs Meer… eigentlich konnte es hier ja richtig gemütlich werden. Wenn dies tatsächlich nur ein Familienbesuch war. Aber es war zu bezweifeln.
      Andrew ging ins Badezimmer und zog sich von seiner Kleidung aus, was überhaupt noch übrig war, bevor er in die Dusche stieg. Das warme Wasser tat seinem Nacken gut. Und außerdem konnte er hier nach etwas mehr als 24 Stunden eine andere Flüssigkeit als Kaffee trinken. Nicht, dass er es nicht gewohnt wäre, kaum etwas anderes zu sich zu nehmen, aber nachdem er sich gerade erst so verausgabt hatte, war es doch ganz angenehm, seinen Körper wieder zu hydrieren. Nach einer minimalen fünfminütigen Dusche, die reichen musste, um die Asche von seinem Körper zu schwemmen, suchte er sich Unterwäsche und eine blaue Jeans aus dem Schrank, die ihm etwas zu locker war, und einen kuscheligen, weißen Wollpullover. Irgendwie merkwürdig die alte Kleidung eines Fremden zu tragen, besonders wenn es der Ehemann der Schwester deines Komplizen war. Dann ließ er sich auf das Bett fallen. Reflexartig wollte er sein Handy checken, aber das trug er schon eine Weile nicht bei sich. Wo genau es ihm abhanden gekommen war, konnte er nicht mehr sagen. Aber irgendwie… war er einfach nur schrecklich müde. Sie würden das alles schon irgendwie regeln… später…
      Starr auf dem Rücken liegend schlief Andrew einfach ein. Er hatte noch nicht einmal mehr die Energie, sich anders hinzulegen. Nachdem er seit Tagen endlich mal keine Todesangst hatte, gab er gerade einfach auf. Binnen weniger Sekunden war er so weggetreten, dass er auch das Klopfen an seiner Türe nicht mehr hörte.
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    • Ezra

      Andrew öffnete nicht. Ob aus Sturheit, oder weil er nicht da war, wusste Ezra nicht, aber es hob seine Laune nicht besonders. Das alles würde nicht gut enden. Wenn er sich wenigstens einen anderen Tag ausgesucht hätte, um über seine Gefühlslage zu sprechen, dann hätte er jetzt zumindest ein Problem weniger.
      Ezra strich sich selbst verzweifelt durchs Haar, bevor er die Tür zu seinem eigenen Zimmer öffnete, dass...überraschenderweise immer noch genau so aussah, wie er es zuletzt verlassen hatte. Die selben Poster an den Wänden, die selben Möbel. Wahrscheinlich würde er auch noch seine alten Klamotten im Schrank finden, auch, wenn diese ihm lange nicht mehr passten. Wenn er Glück hatte, konnte er sich vielleicht wenigstens ein neues Shirt von Caleb leihen. Was furchtbar seltsam war, gemessen daran, dass sein Bruder normalerweise seine Shirts geklaut hatte. Aber hey - das war wohl jetzt Teil seines Lebens.

      Caleb lieh ihm tatsächlich ein Shirt. Nicht ohne Kommentar und süffisantem Lächeln, aber immerhin hatte dieses Shirt kein Blut am Ausschnitt. So endete er frisch geduscht und immer noch übermüdet am Essenstisch, zwischen seinem Bruder und Andrew. Ihnen gegenüber saß Niamhs Familie, sie selbst, ihr Mann - ein großer, Typ namens John, der offenbar verzweifelt bemüht war, zumindest ein bisschen Normalität in die seltsame Zusammensetzung zu bringen - so wie ihr ältester Sohn, ein Kind, das vielleicht gerade drei Jahre alt war. Der jüngere Sohn schlief wohl gerade. Obwohl der dreijährige auch nicht sonderlich interessiert am Essen, oder den Gästen zu sein schien. Es war seltsam. Alle paar Sekunden musste Ezra sich aktiv selbst daran erinnern, dass Niamhs Kind zeitgleich sein Neffe war. Seine Familie hatte er in den letzten Jahren immer vollkommen anders definiert.
      Das Abendessen lief größtenteils schweigend ab. Die wenigen Gespräche, die entstanden, waren kurz und relativ belanglos. John zog sich irgendwann unter dem Vorwand zurück, seinen Sohn ins Bett bringen zu müssen, was ungefähr der Punkt war, an dem man fühlen konnte, dass die Stimmung kippte.
      "Ezra", setzte Niamh in einem Tonfall an, der wohl mitfühlend klingen sollte, seine Wirkung allerdings ein wenig verfehlte. "Ich weiß, dass du nicht hier sein möchtest und ich hab ehrlich auch keine Lust, dich wochenlang durchzufüttern. Du hast damals den Stein mitgenommen, als du abgehauen bist. Wir wollen ihn wieder. Dann lass ich euch gehen."
      "Nein." Antwortete Ezra knapp.
      "Hör auf, dich so quer zu stellen. Gib mir einfach den Stein und dann ist gut."
      "Ich hab ihn nicht mehr." Ezra seufzte und wünschte sich wirklich, er könnte das Thema wechseln. Er hatte genug von Steinen. Sein halbes Leben hatte er damit verbracht, ihnen aus dem Weg zu gehen und jetzt schien ihn alles wieder einzuholen. "Ich bin ihn losgeworden, sobald ich hier raus war. Er hat Molly getötet. Denkst du, ich heb ihn als Andenken auf?"
      Niamh öffnete kurz den Mund und schloss ihn dann wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Als sie wieder sprach, hörte sich ihre Stimme irgendwie...dünn an. "Denkst du, das interessiert Mom und Dad?"
      "Das ist doch genau der Grund, warum ich überhaupt hier raus wollte!" Ezra seufzte frustriert.
      "Weißt du-", setzte Niamh an, bevor sie mit einem Räuspern von Caleb unterbrochen wurde.
      "Warum kein anderer Stein?" Er zückte sein Handy und tippte kurz auf die Bildfläche, bevor er es vor Ezra und Andrew schob. "Paris. Angeblich gibt es dort einen relativ großen Stein, gut geschützt in irgendeinem Bunker. Ihr kommt da doch sicher spielend leicht dran und dann gebt ihr ihn uns. Ein kleiner Einbruch für eure Freiheit. Fair, oder?"
    • Andrew

      Als Andrew irgendwann aufwachte, glücklicherweise noch vor 6 Uhr, und sich unten an den Esstisch setzte, war er noch verwirrter über die Gesamtatmosphäre, als vorher. Er bedankte sich bei John, dessen Kleidung er trug und der ebenso verzweifelt schien, wie Andrew. Am liebsten wäre er einfach wieder gegangen, bei dieser eigenartigen Stille konnte man kaum sein Essen genießen. Dabei war er dankbar, mal etwas zu schmecken, das kein völlig neues Geschmackserlebnis einer anderen Kultur war.
      Ezra sprach nicht mit seiner Familie und nicht einmal mit ihm. Ihm war zum Heulen zumute. Körperlich ging es ihm zwar besser, mental aber nur bedingt. Als John und das Kind den Raum verließen, bekam Andrew Angst, dass gleich irgendetwas in die Luft flog. Die Spannung musste ja irgendwo enden. Ah, da war es. Das Gespräch. Worüber auch immer.
      Etwas betreten lauschte Andrew der unangenehmen Konversation, während er sich langsam weiter das Essen in den Mund schob. Ezra hatte seine Familie bestohlen und war abgehauen, aha. Das war irgendwie kaum mehr überraschend. Dann hörte Andrew auf zu kauen, als er hörte, dass jemand gestorben war. Was war bloß in dieser Familie los?
      Moment… wurde Andrew gerade ebenfalls angesprochen? Nein. Nein, nein. Er mischte sich definitiv nicht mehr in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angingen. Andrew musste beinahe lachen bei dem Vorschlag. Er legte die Gabel auf seinem Teller ab.
      "Ich weiß ja nicht, was bei euch allen hier", begann er und zeigte in die Runde, "vorgefallen ist, aber ich werde genau nach London fliegen und mich erstmal in eine Therapie begeben. Sollte vermutlich jeder hier an diesem Tisch" Er schüttelte ungläubig den Kopf.
      "Paris…", murmelte er und stieß frustriert Luft aus. Dann sah er die Geschwister Ezras abwechselnd mit todernstem Blick an. "Wir kommen gerade aus Russland, wo wir entführt wurden, Ezra wäre fast abgestochen worden und ich habe ein Haus mit Psychokillern abgefackelt. Oh! Und vergessen wir nicht den Autounfall" Und diverse Gespräche, die ebenfalls vorgefallen waren.
      "Ich brauche mal einen Moment, bevor ich die nächste Reise antrete. Und ich denke, Ezra geht es nicht anders" Er warf ihm einen kurzen Seitenblick zu, erwartete bei der momentanen Stimmung aber auch keine sonderliche Reaktion. War ja auch egal. Andrew flog bestimmt nirgends mehr hin, wenn das Ziel nicht seine Wohnung war. Diese Steine einzusammeln war womöglich die dümmste Entscheidung, die er je getroffen hatte. Und dabei hatten sie keinen der beiden überhaupt noch bei sich. Es sollte noch einen geben? Wieviele dieser Unglücksbringer existierten eigentlich auf der Welt?! Wenn er sich damit nochmal herumschlagen sollte, dann nur mit einer ordentlichen Pause vorher.
      "Ihr könnt ja gerne euren Bruder hier festhalten, aber ich hab mit der Sache nichts zu tun. Ich fliege nachhause. Und zwar lieber heute Abend, so sehr mich die Gastfreundschaft auch gefreut hat…" Mit den Worten stand er auf. "Danke für das Essen"
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    • Ezra

      Ezra konnte seinen Blick nicht von Calebs Handy lösen. Ein Grundriss, ein kleines Kreuz, wo der Stein vermutet wurde…auf Papier sah das alles immer so furchtbar einfach aus, aber das war es nie. Einfache Grundrisse bedeuteten meistens einfach nur erhöhte Security. Was seiner Familie wahrscheinlich herzlich egal war. Meist sorgte man sich mehr um die Beute, als um den Dieb und das schien sich in den letzten Jahren nicht geändert zu haben.
      Andrew schien ähnlich begeistert von dem Vorschlag zu sein. Und von Ezra als Person, immerhin schien er kein Problem damit zu haben, ihn hier zurück zu lassen, was…härter traf, als der Blonde es sich eingestehen wollte. Ezra schob das Handy wieder in Calebs Richtung und bereitete sich mental auf die nächsten paar Minuten vor.
      “Du kannst nicht gehen.” Niamh klang ruhig, aber bestimmt. So, als wäre das alles ein einfacher, trauriger Fakt. “Du weißt von den Steinen, du weißt von, naja, dem hier-” sie machte eine vage Handbewegung, die entweder die Situation, oder das Haus einschließen sollte. Vielleicht beides. “Ich weiß nicht, wer verzweifelt genug ist, um euch beide zu entführen und ich will es ehrlich gesagt auch nicht wissen. Aber was lässt dich glauben, dass dieser jemand einfach aufgibt? Und dann erzählst du diesem jemand fröhlich, wer wir sind und was wir vorhaben?” Niamh warf Andrew einen fragenden Blick zu, bevor sie mit dem Kopf schüttelte. “Wir können wenigstens für deine Sicherheit garantieren.”
      “Außerdem ist das ein Job für mindestens zwei Personen”, warf Caleb halblaut ein, während er mit seinem Glas spielte, offenbar ein wenig fasziniert von der Situation, aber nicht besonders hilfreich.
      Obwohl beide Recht hatten. Außerdem wüssten sie so zumindest, wo einer dieser verdammten Steine wäre, hinter denen die Psycho-Freundinnen so her waren. Das könnte ein Vorteil sein, nicht? Ezra ging jedenfalls nicht davon aus, dass die beiden so schnell locker lassen würden. Ganz davon abgesehen, dass seine Familie es wahrscheinlich auch nicht gerade berauschend finden würde, wenn sie einfach wieder frei durch die Weltgeschichte laufen würden und allen erzählen könnten, dass sie es auf einen Stein abgesehen hatten. Ein falscher Schritt und sie hätten eine Kugel im Kopf - da war es doch fast egal, von welcher Seite sie kam. Ezra fing ein wenig nervös damit an, die Teller zu stapeln, während er seine Chancen abwog. Egal, wofür sie sich entscheiden würden, Andrew und er hingen zusammen in dieser Sache drin.
      "Wir machen's", verkündete er schließlich, während er seinen Arm ausstreckte, um Andrew zurück zu ziehen. Dieser würde nicht glücklich darüber sein, aber das war ihm gerade vollkommen egal. Warum sollte er sich um die Meinung von jemanden kümmern, der ihn hier zurücklassen würde, ohne mit der Wimper zu zucken? "Unter der Voraussetzung, dass wir vollen Zugriff auf die Familien-Ressourcen bekommen."
      "Selbstverständlich", stimmte Niamh zu. "Natürlich steht es euch auch weiterhin frei, in den Selbstmord zu laufen, wenn euch das lieber ist."
      Ezra sah automatisch zu Andrew hoch, drauf und dran, ein kleines 'Vertrau mir ' zu flüstern, bevor er sich eines Besseren besann. Vertrauen war momentan wahrscheinlich das Letzte, an was er appellieren konnte. "Bitte, spiel einfach mit."
    • Andrew

      Andrew blieb stehen. Er wandte den Kopf herum und betrachtete Ezra sprachlos. 'Wir machen's'? Wir? Er stand kurz davor, sich einfach weiter zu weigern. Warum sollte er sich erpressen lassen, um weiterhin in dieser schwachsinnigen Schnitzeljagd mitzuspielen? Aber irgendetwas in Ezras Augen ließ ihn nur ein angestrengtes "Schön." zwischen den Zähnen hervor pressen.
      Er konnte ihn nicht alleine nach Paris fliegen lassen, auch wenn es Andrew ein Rätsel war, weshalb er das überhaupt wollte. Hatte er noch nicht genug abgekommen? Eine Schusswunde fehlte noch. Vielleicht am Ende des Tages auch eine schicke Beinprothese. Oder am besten explodierten sie einfach beide plötzlich, nachdem sie die Kraft des nächsten Steins wieder einmal nicht kannten.
      Andrew riss seinen Arm los, an dem Ezra ihn zurückgehalten hatte. Hoffentlich hatte dieser Idiot einen Plan, der keine weitere Selbstmordmission darstellte. Und hoffentlich war ihm klar, dass er Andrew ordentlich etwas schuldete. Ohne seine sadistischen Geschwister wären sie vielleicht bereits wieder zuhause. Gut, vermutlich hätten Jelena und Nadia sie dort am Ende ohnehin umbringen lassen, aber wenigstens hätte Andrew seine Sachen packen und untertauchen können, anstatt nach Paris zu fliegen und immer tiefer in diese Scheiße hineinzurutschen. Und um ehrlich zu sein… konnten diese Frauen ruhig alle konservativen Arschlöcher in der Politik ausschalten. Er wollte einfach nichts mehr mit all dem zu tun haben. Ob er sich nun denen angeschlossen hätte oder jetzt Ezras Familie… am Ende würde die Welt nicht mehr so sein, wie sie vorher war. Und seine eigene kleine Power-Group zum Schutz der Steine konnte er nicht gründen, denn da wären sie übermorgen bereits tot.
      Andrew schüttelte langsam den Kopf. "Ich brauche Schlaf. Meinetwegen… plan den Flug. Aber nicht vor morgen Früh", murmelte er und verließ den Raum. Er ging zurück in den zweiten Stock und schloss sich im Gästezimmer ein. Ob er nun schlafen können würde, war eine andere Frage. Mal wieder fühlte es sich an, als wäre dies der letzte Tag, den er von Anfang bis Ende lebendig erleben durfte.
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    • Ezra

      Das war deutlich unkomplizierter abgelaufen, als er gedacht hätte. Wundervoll! Jetzt hatte er sie entweder gerettet, oder in den sicheren Tod geführt. Offensichtlich würde sich das in den nächsten paar Tagen zeigen. Ezra seufzte, während er nach den letzten Tellern griff.
      "Du hast die richtige Entscheidung getroffen", merkte Niamh an, bevor sie ihm die Teller aus der Hand nahm - wahrscheinlich weniger aus Geschwisterliebe und mehr für den Fall, dass er die fallen ließ. "Ich denke nur, dass du deine Beziehung nochmal überdenken solltest."
      "Ich habe keine-" Ezra seufzte genervt, bevor er das ganze einfach abwinkte.
      "Ich mag ihn mehr, als John", merkte Caleb amüsiert an, während er nach den Resten von Niamhs Nachtisch griff. "Wenigstens hat er ein Rückgrat."

      Am nächsten Morgen hatte Ezra das Gefühl, kaum geschlafen zu haben. Er musste irgendwann weggenickt sein - zumindest hatte sein Wecker ihn aus dem Schlaf gerissen - aber er konnte sich nicht mehr daran erinnern, eingeschlafen zu sein. Sein Kopf war viel zu voll mit...allem, irgendwie. Der bevorstehende Einbruch, die Steine, die Entführung und immer wieder die unangenehme Stimmung zwischen ihm und Andrew.
      Wenigstens schien er nicht der Einzige zu sein, der keinen Schlaf bekommen hatte. Niamh trug immer noch die selbe Jogginghose, wie gestern und hatte ziemlich dunkle Ringe unter den Augen, als er in die Küche kam. Sie saß vor ihrem Laptop und hob nur kurz die Hand als Zeichen, dass sie ihn bemerkt hatte.
      "Hast du zwischendurch auch mal geschlafen, oder...?", fragte er zur Begrüßung, während er sich an den Tisch setzte und nach dem Kaffee griff.
      "Nope, aber die Reise steht." Niamh klappte ihren Laptop zu und griff nach einer Klarsichtfolie, die daneben gelegen hatte. "Flugtickets, Buchung für die Hotelzimmer, der Grundriss des Bunkers", zählte sie auf, während sie die Unterlagen kurz durchblätterte. "Das Hotel ist ziemlich zentral gelegen. Man kommt gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin und weg, hat aber auch eine kleine Firma in der Nähe, die Autos vermietet. Außerdem hab ich drauf geachtet, dass das Hotel eine gute Überwachung und Security hat."
      "An dir ist eine Reiseleiterin verloren gegangen."
      "Halt die Klappe." Niamh schob ihm die Unterlagen hin, bevor sie eine kleine Dose an sich zog. "Am besten kauft ihr euch Klamotten und so weiter einfach direkt in Paris. Kreditkarte-", Sie hob die Karte kurz hoch, bevor sie sie an Ezra überreichte, "Und Handy. Eines für jeden von euch. Unsere Nummern sind alle schon eingespeichert." Sie atmete kurz durch, während man ihr ansehen konnte, dass ihr Kopf immer noch ratterte, offenbar bemüht nichts wichtiges zu vergessen. "Vielleicht renkt sich das zwischen Andrew und dir wieder ein, wenn du ihm seinen Stein wiedergibst." Sie schob den Stein zusammen mit Ezras Ring in seine Richtung. Ezra bezweifelte, dass das noch irgendetwas retten würde, steckte aber beides ein. "Falls du es schaffen solltest, Cal irgendwie wach zu bekommen, kannst du auch nach anderen Steinen sehen. Wir haben hier nur...wenige. Dad wollte die wirklich mächtigen lieber bei sich in der Nähe behalten."
      "Okay. Danke. Bitte geh endlich ins Bett." Ezra zog langsam ihren Laptop von ihr weg. Niamh sah kurz so aus, als ob sie protestieren wollen würde, dann überlegte sie es sich offensichtlich anders.
      "Ihr werdet in zwei Stunden zum Flughafen gebracht. Versuch wenigstens, nicht drauf zu gehen", bat sie, bevor sie aufstand und die Küche verlies.
    • Andrew

      Guten Morgen, Welt. Andrew wachte erneut nur auf, weil er von draußen Geräusche vernahm und nun offenbar die angenehme Fähigkeit entwickelt hatte, einen extrem leichten Schlaf zu haben. So leicht, dass sogar das Rauschen der Wellen vor dem Fenster ihn ein paar Mal geweckt hatte, wenn es zu 'laut' geworden war. Dadurch war er nicht besonders ausgeschlafen, konnte aber zumindest wieder klar denken. Es war spannend, wie wenig Schlaf sein Körper brauchte, wenn er nur genügend unter Druck stand, funktionieren zu müssen. Er zog sich an, dieselben zu großen Klamotten, die er gestern Abend kurzzeitig getragen hatte, und ging hinunter. Am Weg über die Treppen war ihm bereits mulmig zumute, Ezra gegenüber zu stehen. Zwischen ihnen herrschte eine wirklich unglückliche Stimmung und irgendwie hatte Andrew das Verlangen, sich für die Sache in Russland zu entschuldigen aber auf der anderen Seite war er wirklich sauer, in diesen Mist hineingezogen worden zu sein. Je mehr er drüber nachdachte, desto wütender wurde er über das Ganze. Ezra hätte ihn gestern Abend zumindest noch aufklären können, was genau sein Ziel mit dieser Aktion war, aber offensichtlich war 'Geheimhalten' sein neues Ding.
      Er ignorierte ihn daher einfach, als er in der Küche ankam. Ja, vielleicht war das kindisch, aber vor seiner merkwürdigen Familie musste er gerade auch keine Diskussion führen. Alles was er gerade brauchte, war eine Tasse Kaffe, oder zwei, oder drei. Und vielleicht eine Packung Zigaretten um bei Sinnen zu bleiben, aber das würde vermutlich alles nicht mehr helfen. Er konnte nur daran denken, dass er gerade aus der einen Hölle geflohen war, nur um sich semi-freiwillig in die nächste zu stürzen. Dass er das nur für Ezra tat, konnte er noch weniger glauben. Der ließ sich ja nicht einmal dazu herab, ihn einzuweihen. In irgendetwas.
      Mit einer frischen Tasse Kaffe setzte er sich schweigend an den Küchentisch, da verließ Niamh gerade den Raum. Super, jetzt waren sie allein. "Die Handys sind für uns?", murmelte er trocken, als er sie am Tisch liegen sah. Dann konnte er sich zumindest mal bei Thomas melden und ihn wissen lassen, dass er zwar noch nicht tot war, es aber bald so weit sein würde.
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    • Ezra

      Kein 'Guten Morgen', kein Lächeln, nichts. Wenn die Handys nicht auf dem Tisch gelegen hätten, hätte Andrew wahrscheinlich überhaupt nicht mit ihm geredet und Ezra ärgerte sich selbst darüber, wie sehr ihn das mitnahm. Eigentlich sollte ihm das egal sein. Falls sie Paris überstehen würden, würden sie sich wahrscheinlich sowieso nie wieder sehen. Vielleicht war das besser so. Vielleicht war für sie wirklich nie mehr vorgesehen gewesen, als wöchentliche Verfolgungsjagten.
      "Jepp", bestätigte er Andrews Frage, während er seinen Stein auf eines der Handys legte und es in Andrews Richtung schob. "Du kannst meine Nummer gerne direkt rauslöschen, falls dir das dabei hilft, mich zu ignorieren. In zwei Stunden geht's los." Er warf ihm ein humorloses Lächeln zu, bevor er nach seiner Tasse griff und ging. Es fühlte sich vollkommen irreal an, dass es gerade mal 24 Stunden her war, dass sie mit gefesselten Händen in einem Keller festgesteckt hatten. Seltsamerweise wünschte sich Ezra fast dorthin zurück. Nicht in den Keller, eher an den Punkt, bevor sie ins Auto gestiegen waren. Als zwischen ihnen wenigstens noch alles in Ordnung gewesen ist. Aber der Zug war lange abgefahren.

      Leider hob sich die Stimmung nicht auf magische Art und Weise. Die Fahrt war still und der Flug war der Schlimmste, den Ezra je erleiden durfte - die Entführung durch seine Geschwister eingeschlossen. Dafür war das Hotel eigentlich wirklich nett. Ein etwas gehobener Stil mit einer Rezeptionistin, die ihnen fröhlich entgegen strahlte, als sie die Lobby betraten. Ezra konnte nicht anders, als zu hoffen dass sie nicht ermordet werden würde, während sie ihnen zwei Zimmerkarten entgegen schob und ihnen erklärte, wann es Frühstück gab. Er nickte höflich mit, bevor sie sich verabschiedeten, um... auf ihre Zimmer zu gehen? Normalerweise stellte man direkt das Gepäck ab, sah sich um und brach zur ersten Sehenswürdigkeit auf, nicht? Vollkommen ohne Gepäck mit jemanden zu reisen, mit dem man sich aktuell nicht unbedingt gut verstand, brachte das alles furchtbar durcheinander. Also musste irgendwas anderes her.
      "Ich schau mich schon mal bei dem Bunker um. Tob dich aus", informierte Ezra seine Reisebegleitung, während er Andrew die Kreditkarte mit einem kleinen Zettel für den Pin-Code in die Hand drückte. "Überweis dir nur nicht selbst was. Niamh geht Rechnungen durch, als wäre es ein Sport." Bei seinem letzten Fehlkauf vor Jahrzehnten hatte er jeden Cent zurückzahlen dürfen, indem er ihre Hausarbeit übernommen hatte. Er wollte lieber nicht herausfinden, welche Methoden sie in den letzten Jahren zusätzlich entwickelt hatte.
    • Andrew

      Andrew war sich noch immer nicht sicher, ob Ignorieren der richtige Weg war, aber seine kochende Wut nach Außen zu tragen schien ihm auch nicht produktiver. Seine Nummer löschen? Hatte er vergessen, dass sie davor standen, wiedermal zu zweit in ein fremdes Land zu fliegen, in dem sie eine Mission ausführen sollten, die offenbar 'für 2 bestimmt war'? Da nicht einmal die Telefonnummer des anderen haben, war bestimmt hilfreich. Es war vielleicht ein Witz gewesen, aber für Witze war Andrew gerade absolut nicht aufgelegt. Mit einem Augenrollen nahm er das Handy entgegen. Zumindest hatte er den Stein zurück, damit fühlte er sich weitaus sicherer nachdem er wusste, was er damit anstellen konnte.

      Nur wenige Stunden später in einem Taxi in der sogenannten romantischsten Stadt der Welt zu sitzen und nicht weit entfernt vom Eiffelturm zu sein, war ein surreales und zutiefst ironisches Gefühl. Andrew rechnete eigentlich damit, dass sie sich inzwischen über einen Plan unterhalten hätten, aber nichts, Nada. Sie schwiegen sich an wie kleine Kinder. Und als Ezra ihm eine Kreditkarte in die Hand drückte und meinte, er würde sich alleine auf den Weg machen, konnte Andrew sich nicht mehr zusammenreißen. Ihm platzte bestimmt gleich eine Ader im Gesicht, so wütend war er. Und dennoch standen sie in einer Rezeption und er konnte sein englisches Benehmen nicht ganz fallen lassen. "Hast du sie noch alle?", zischte Andrew den Blonden an. "Was bin ich? Deine Teenie Tochter?!" Er bemerkte wie die Rezeptionistin ihnen nervöse Blicke zuwarf, also zog er Ezra am Arm auf die andere Seite der Lobby.
      "Du kannst mir wenigstens mal erklären, was los ist! Hast du irgendeinen Plan? Was stimmt mit deiner Familie nicht? Warum sind wir schon wieder in so einer beschissenen Situation?!", ging er ihn an und versuchte nicht zu laut zu werden. Ezra schien nicht zu verstehen, dass er nur hier war, um ihn nicht alleine zu lassen. Aber alles was dieser tat, war ihn auszuschließen, was ja wohl nicht unbedingt etwas Neues war. Es fing schon damit an, dass er nach 9 Jahren zum ersten Mal über seine Gefühle gesprochen hatte und Andrew vorwarf, keine Gedanken lesen zu können.
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    • Ezra

      Offensichtlich endete das Thema mit der Ignoranz hier. Ezra presste die Lippen aufeinander, als Andrew auf ihn einredete. Erklärungen. Warum interessierte ihn das alles überhaupt?
      "Natürlich habe ich einen Plan", zischte er zurück. Sein Plan drehte sich im Kreis, hatte mehrere Lücken, die er noch nicht füllen konnte und driftete immer wieder zu ganz anderen Themen ab, aber Andrew hatte ja nicht gefragt, ob es ein guter Plan war.
      "Ich hab dir gesagt, dass meine Familie kaputt ist. Aber sie halten ihr Wort und sie haben weitreichende Kontakte. Ein Anruf und du bist tot, oder ein Anruf und du hast plötzlich eine Chance zu überleben, wenn Jelena und ihre Freundin dich irgendwie aufspüren. Was hätten wir sonst machen sollen?" Er gestikulierte fassungslos mit seinen Händen, während seine Gedanken rasten. Hier waren sie also in einem netten Hotel in der romantischten Stadt der Welt und stritten miteinander. Ganz großes Kino. "Es tut mir leid, dass du in all das reingezogen worden bist, aber es ist nur diese eine verdammte Aktion, dann musst du niemanden von uns je wieder sehen und du musst dir keine Gedanken darum machen, dass dich jemand mal eben erschießen könnte. Bist du jetzt glücklich?"
      Ezra war sich absolut sicher, dass das hier ihre letzten gemeinsamen Tage wären, aber wenigstens würde er am Ende wissen, dass Andrew halbwegs sicher war. Das war alles, was er wollte. Er konnte nicht mit dem Gedanken leben, dass Andrew tot sein könnte, ohne, dass er es je erfahren würde.
      "Außerdem mag meine Familie einen absoluten Knall haben, aber ich vertraue ihnen lieber einen Stein an, als den anderen beiden." Wenigstens wusste er, dass niemand aus seiner Familie je die Kirche in die Luft fliegen lassen würde und keiner von ihnen schien motiviert genug, um irgendwelche Politiker zu töten, egal, wie gut der Grund war.
    • Andrew

      Nun, zumindest hatte er einen Plan. Zumindest hatte er sich etwas dabei gedacht, mit seinen Geschwistern zu arbeiten und Andrew musste wohl auf sein Wort vertrauen, wenn er meinte, ein Stein wäre in ihren Händen besser aufgehoben als denen der Russinnen. Aber Ezra war heute besonders dramatisch eingestellt wie es schien. Er zog das Argument vom Frühstückstisch also durch den ganzen Tag.
      "Was redest du nur die ganze Zeit davon, dass ich dich nie wieder sehen will?!", platzte es Andrew heraus.
      Hatte er irgendetwas verpasst? War er sauer, weil er alleine zurück nach London geflogen wäre? Dann hätte er den Blödsinn mit seiner Familie vielleicht vor Jahren mal klären sollen, wenn er es jetzt nicht tun wollte, aber das hieß doch nicht, dass sie sich nie wieder sahen! Gut, abgesehen von dieser waghalsigen Steinejagd hatten sie kaum Gründe, einander zu sehen, nachdem Andrew nicht einmal mehr ein Held war. Aber er wollte doch bloß eine Pause, bevor es weiterging. Als ob einer von ihnen jemals noch ruhig schlafen konnte, bei all dem Wissen, mit dem sie mittlerweile belastet waren. Wenn Ezra ihn mal gefragt hätte, dann hätte er ihm das auch sagen können.
      "Seit der Flucht benimmst du dich wie ein Jugendlicher, der abgewiesen wurde", schnauzte Andrew. "Du legst mir Worte in den Mund und fragst mich nicht einmal, was ich denke. Es wäre nett gewesen, mal in irgendetwas eingeweiht zu werden und trotzdem steh ich jetzt hier in Paris mit dir, reicht dir das nicht?!"
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    • Ezra

      "Du warst gestern schon drauf und dran, zu gehen. Ich bin nicht blöd, Andrew. Du ignorierst mich, wenn ich an deine Zimmertür klopfe, du ignorierst mich am Esstisch- Ich glaube, ich weiß ziemlich genau, was du denkst." Ezra zwang sich dazu, durchzuatmen. Er hatte mittlerweile fast das Gefühl, dass er jede Sekunde in Tränen ausbrechen könnte. Das letzte mal, als er sich so gestresst gefühlt hatte, hatte ein Messer in seiner Hand gesteckt. Er strich abwesend über den Verband. "Also bitte, lass mich wenigstens noch alles mögliche tun, damit du sicher bist." Das alles war so unglaublich frustrierend. Langsam wusste er selbst nicht mehr, was er denken sollte. Andrew war hier. Ja. Aber aus Eigennutz, nicht? Weil er keine andere Wahl gehabt hat, oder? Wollte er jetzt ein Lob dafür, dass er eine logische Entscheidung getroffen hatte?
      "Können wir dieses Streitgespräch wenigstens verschieben? Und vielleicht nicht unbedingt in der Lobby austragen?" Er war fertig. Noch zwei Anschuldigungen und er würde einfach zusammenbrechen. Er konnte das Pochen in seiner Hand wieder fühlen, während er an seinem Verband zupfte. Wie konnte sich innerhalb eines einzigen Tages nur so viel ändern? Oder hatte er sich die ganze Freundschaft davor auch nur eingebildet? Warum mussten Streitgespräche immer so kompliziert sein? Warum musste das alles hier so kompliziert sein?
    • Andrew

      Wann hatte er denn bitte angeklopft?? Andrew verzog verwirrt das Gesicht. In welchem Paralleluniversum lebte er eigentlich? Offensichtlich hatte Ezra keinen Schimmer, was Andrew dachte. Gerade dachte er nur an diesen deprimierten Ausdruck in seinem Gesicht, den er in letzter Zeit viel zu oft gesehen hatte statt dem leichten Grinsen, das er normalerweise aufgesetzt hatte. Ezra musste echt mal ein paar Schritte zurück treten. Er schien sich gerne in seinen eigenen Gedanken zu versteifen und niemanden mehr hinein zu lassen.
      "Du weißt nicht, was ich denke, weil du nicht fragst", sagte Andrew und schüttelte frustriert den Kopf. "Ich wäre natürlich lieber zuhause und… nicht ständig im Stress, nicht erschossen zu werden" Er seufzte genervt. "Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du das irgendwie genießt. Darum lasse ich dich den Scheiß auch nicht alleine durchmachen. Ich dachte ja nicht, dass du so ungern allein bei deiner Familie bleibst, aber ich gehe nirgendwohin, bevor wir beide sicher sind"
      Er atmete tief durch, dann setzte er sicher an: "Also. Ich hab Hunger. Frühstück?" Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete er Ezra und hoffte inständig, dass er das alles erstmal ruhen lassen konnte, solange sie ein größeres Problem hatten. Wenn sie etwas gegessen hatten, Andrew wieder passende Klamotten trug und vielleicht was zum Wechseln kaufen konnte, dann konnten sie sich erstmal nach dem Stein umsehen und morgen Früh sah die Geschichte hoffentlich schon anders aus. Mit etwas Glück blieben sie nicht lange in Paris und konnten wieder zurück nachhause und beten, dass jemand sich darum kümmerte, auch die anderen beiden Steine zu sichern. Und dann… wenn die Welt noch nicht untergegangen war, dann konnten sie noch einmal über Gefühle sprechen.
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    • Ezra

      Ezra öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schien sich dann allerdings anders zu entscheiden und nickte nur knapp. "Frühstück hört sich gut an", stimmte er zu, bemüht, sich den ganzen Stress nicht anhören zu lassen. Sicher tat er nichts hiervon gerne - abgesehen von dem Einbruch vielleicht, der enthielt einen gewissen Reiz - aber so war er groß geworden. Die Familie schnipst und du springst, kein wenn und aber. Das bedeutete nicht, dass er jemand anderen ebenfalls mit reinziehen musste. Aber das konnte warten. All diese Gedanken konnten warten. Hübsch im Unterbewusstsein vergraben, wo sie sowieso schon so lange gelegen hatten, nicht? Frühstück war erst mal wichtiger.

      Für den hohen Standard des Hotels schienen die Gäste ziemlich bunt durcheinandergewürfelt zu sein. Der kleine Frühstücksraum war voll mit Leuten, Rentnerpärchen, die sich langsam ihre Brote schmierten, Familien, die versuchten, ihre Kinder in den Griff zu bekommen und junge Leute, die über Handys und Stadtpläne geneigt waren und offenbar besprachen, was sie heute sehen wollten. Zwischendrin huschten immer mal wieder Kellner von Tisch zu Tisch, um benutztes Geschirr abzuräumen, damit sich die Gäste direkt den nächsten Teller von Buffet holen konnten, ohne Platzmangel zu erleiden. Insgesamt fühlte sich das alles furchtbar normal an.
      Ezra warf einen kurzen Blick auf das Buffet, bevor er sich einzelne Sachen herauspickte und einen der leeren Tische ansteuerte. Er wartete, bis Andrew sich gesetzt hatte, bevor er sich kurz räusperte.
      "Es tut mir leid. Du hast Recht. Ich frag zu selten nach deiner Meinung und ich hätte dir wahrscheinlich viel früher von meiner Familie erzählen sollen." Das war ein Anfang, oder? "Ich- Wenn du Fragen hast, frag. Ich verspreche, dass ich ehrlich antworten werde." Auch, wenn es vielleicht nicht immer schön, oder einfach war. Aber das schuldete er ihm, oder?
    • Andrew

      Croissants, Butter, Marmelade. Uh- vielleicht doch Baguette, Käse und Weintrauben. Aber Kaffee musste sein. Vielleicht auch was Süßes? Macarons? Andrew lief allein beim Anblick des Buffets das Wasser im Mund zusammen und ließ beinahe all seine Sorgen in Vergessenheit geraten, aber nur beinahe. Am Ende stand er mit einem vollgeladenen Tablet bei Ezra und war sich sicher, dass des wieder eine Umgangsform mit Stress sein musste, die er neu entwickelt hatte. Mittlerweile fühlte es sich an, als würde er neue Level freischalten. Er setzte sich und begann zu essen. Dann sprach Ezra das Thema erneut an und er wurde zurück in die Realität, raus aus dem Schlaraffenland des französischen Frühstücks gerissen.
      Mit einer Weintraube in der Hand antwortete er: "Das hätte mir viel Verwirrung erspart, ja" Aber er wollte nicht weiter auf Ezra rumhacken. Er hatte seinen Standpunkt wohl klar gemacht. Er überlegte einen Moment, denn wenn Ezra ihm dieses Angebot schon einmal machte, wollte er es gleich nutzen, um die wichtigste Frage, die an ihm nagte, aus dem Weg zu räumen. "Also gut. Wieso will deine Schwester diesen Stein unbedingt? Den in Paris, meine ich. Aber… der andere würde mich auch interessieren" Letzteres fügte er etwas leiser hinzu. Er war nicht sicher, ob die Frage eine gute Idee war, nachdem es wie ein sensibles Thema erschien, aber er hatte das Gefühl, dass er eine sehr große Rolle dabei spielte, wieso sie jetzt hier waren.
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    • Ezra

      "Machtdemonstration", antwortete Ezra, bevor er kurz an seinem Tee nippte. "Meine Familie ist ziemlich bekannt in der 'kriminellen Unterwelt' und extrem gut vernetzt. Jeder kennt dort jeden irgendwie und je mächtigere Steine man hat, desto eher wird man respektiert." So viel Einfluss sie auch haben mochten, niemand konnte in ihren Kreisen alleine agieren. Man brauchte immer Unterstützung, oder zumindest die Versicherung, dass ein potentieller Mitwisser die Klappe halten würde. Mehr Feuerkraft bedeutete in diesem Fall immer, dass man weniger Versprechungen machen musste.
      "Ich hab vor Jahren schon mal einen relativ großen Stein gestohlen, in Dublin. Er konnte Pflanzen kontrollieren. Ich war furchtbar jung und verdammt stolz auf mich selbst. Ich glaube, ich hab tagelang von nichts anderem geredet, bis meine jüngere Schwester auf die Idee gekommen ist, den Stein zu nutzen." Ezra machte eine kurze Pause, während er auf seinen Teller starrte. Sie war so jung gewesen. "Sie war tot, bevor irgendjemand reagieren konnte. Ich hab mich furchtbar schuldig gefühlt, also bin ich den Stein losgeworden. Damals ist mir das irgendwie logisch vorgekommen." Wahrscheinlich würde er heute ganz anders reagieren, aber wer verstand schon den wirren Geist eines Teenagers? Er blinzelte kurz, bevor er wieder zu Andrew aufsah. "Ich schätze, der in Paris war einfach das nächstbeste, was sie finden konnten." Er zuckte kurz mit den Armen. "Besser hier, als irgendwo in der Arktis, wenn du mich fragst." Spanien wäre vielleicht auch nett gewesen, oder Italien. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie sie auf einen Stein in Paris aufmerksam geworden sind. In den ganzen Aufzeichnungen, die er von Caleb bekommen hatte, hatte nicht mal ein Hinweis darauf gestanden, was der Stein überhaupt konnte. Aber vielleicht machte das auch den Reiz aus - niemand wusste, was der Stein konnte, also konnte man bluffen, so viel man wollte.
    • Andrew

      Das machte natürlich alles Sinn, aber der Gedanke, dass Ezra in diesem Umfeld aufgewachsen war, erklärte noch vieles mehr. Sein halbes Leben lang war er von Leuten umgeben gewesen, die offenbar mehr Wert in Steinen als in Menschen sahen und als Dieb in London weigerte er sich dann, auch nur einen einzigen Stein zu stehlen. Wenn das mal kein klarer Standpunkt war. Andrew wäre beeindruckt von seiner Kraft, einfach abzuhauen und seinen eigenen Weg zu gehen, aber der zweite Teil seiner Antwort ließ ihn bloß ein wenig erstarren. Er war weggelaufen, weil seine Familie unbedingt den Stein wollte, der seine kleine Schwester getötet hatte. Natürlich wollte man so etwas loswerden, wenn man bei Sinnen war. Niemand wollte etwas in seinem Zuhause haben, das einen geliebten Menschen umgebracht hatte. Andrew schwieg einen Moment.
      "Als meine Eltern gestorben sind, hab ich mich ewig lang nicht an ihre Sachen getraut. Ich wollte auch nichts bei mir haben, das mich daran erinnert hätte. Das ist eben die erste Reaktion, die man hat. Wahrhaben will man es schon garnicht", sagte er und versuchte Ezra damit irgendwie den Gedanken zu vermitteln, dass er nichts falsch gemacht hatte. Seit dem Unfall war Andrew nie mit einem Zug gefahren. Man tat eben merkwürdige Dinge, wenn etwas traumatisches passierte. "Das muss schwer sein. Dass deine Familie dem Stein noch immer so nachhängt" Anstatt seiner Schwester. "Dann sind sie hoffentlich zufrieden, wenn sie den hier in die Finger kriegen", murmelte er. Vielleicht würde es auch Ezra einen Abschluss mit der Sache geben. Wobei man mit so etwas wohl nie richtig abschließen konnte.
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    • Ezra

      In der Hinsicht konnte Andrew wahrscheinlich am besten nachvollziehen, wie es Ezra ging. Sie hatten beide schon viel zu viel durchgemacht und über schlechte Lebensentscheidungen konnten sie mittlerweile wahrscheinlich einen sehr eindrucksvollen Vortrag halten. Trotzdem konnte er nicht anders, als leicht zu lächeln, während Andrew sprach. Irgendwie tat diese Bestätigung wirklich gut. Er hatte so viel Zeit damit verbracht, die Monate nach Mollys Tod immer wieder durchzugehen und zu analysieren, dass er selbst nicht mehr wusste, ob er richtig gehandelt hatte.
      “Um fair zu sein - ich glaube nicht, dass meine Geschwister sich wirklich für die Steine interessieren. Niamh tendiert einfach dazu, unseren Eltern nach dem Mund zu reden und Caleb ist wahrscheinlich nur wegen dem Drama dabei.” Zumindest vermutete Ezra sowas in der Art. Er hatte seine Geschwister immerhin seit gut 13 Jahren nicht gesehen und konnte nicht beurteilen, wie sehr sie sich in der Zeit verändert hatten. Sie waren ihm ein bisschen ruhiger vorgekommen, als früher, aber sonst... Er wusste nicht mal genau, warum er seine Geschwister verteidigte. Vielleicht, weil sie alle die selbe Kindheit gehabt hatten und er selbst nicht so viel anders war.
      “Wie bist du am Ende damit umgegangen, deine Eltern zu verlieren?”, fragte er schließlich zurück. “Ich meine, du redest immer so unbefangen von ihnen. Wie schaffst du das?” Er lehnte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch, während er mit seiner Teetasse spielte. Ob Andrews Eltern begeistert darüber wären, dass er hier saß, mit einem Dieb frühstückte und dabei war, einen Stein zu stehlen? Es war am Ende immerhin irgendwie für einen guten Zweck, oder? Wenn man beide Augen zudrückte und nicht zu sehr darüber nachdachte, zumindest.
    • Andrew

      Andrew stutzte, auf die Frage war er irgendwie nicht vorbereitet gewesen. "Wie ich…", wiederholte er leise. Dann sagte er: "Ich hab's ausgeheult, denke ich"
      Er zuckte leicht mit den Schultern. Er hatte tagelang nicht realisiert, dass er nun alleine war, damals war er ja auch erst 17 gewesen und hatte abgesehen von seiner Familie keine Bezugspersonen gehabt. Man hatte ihn ein Jahr lang provisorisch in Pflegefamilien gesteckt, dann hatte er in der Ausbildungszeit in einer staatlich finanzierten Wohnanlage gelebt und dort Essen bekommen. Und seine Mitbewohner waren bestimmt nie glücklich über seine Nervenzusammenbrüche gewesen, aber manchmal ließ sich das nicht zurückhalten. So wirklich abgelenkt von allem hatte ihn damals nur dieses Arschloch Richy, der ihn zwar genervt, aber auch angespornt hatte. In seiner ersten Wohnung, die er noch immer hatte, war er dann erstmal wochenlang damit beschäftigt gewesen, die Einsamkeit zu bewältigen und irgendwann… hatte er sich daran wohl gewöhnt.
      "Irgendwann wird es einfach normal, was passiert ist. Ich bin 30 und ich denke, ich hätte heute auch nicht wirklich viel Kontakt zu meinen Eltern. Dafür arbeite… hab ich zu viel gearbeitet. Aber vielleicht auch gerade deshalb, weil es passiert ist. Keine Ahnung", murmelte er und rührte mit einem kleinen Löffel in seinem Kaffee. Er stoppte. "Ich denke, das Schlimmste war immer, dass ich wie mein Vater sein wollte. Und jetzt bin ich es und er sieht es nicht"
      Er lächelte leicht. Das tat immer noch weh. Das würde immer weh tun. Der Mann, der Andrew so sehr gedrängt hatte, in seine Fußstapfen zu treten, konnte nicht einmal sehen, wie er genau das getan hatte. Er arbeitete im selben Dezernat, er lebte weiterhin in London und trug sogar die Kleidung seines Vaters, weil er seinen Stil immer gemocht hatte. Und am Anfang war das wirklich bizarr gewesen, er hatte sich langsam herangetastet. Erstmal an die Uhren, dann die Mäntel… Dann hatte er irgendwann gemerkt, dass er die Garderobe auch gleich übernehmen konnte, wenn er dank der Mieterhöhungen sowieso kein Geld mehr hatte, sich was Neues zu kaufen. Die Sachen hatten schließlich immer in Kartons bei ihm rumgestanden. Aber der Punkt war erst sehr spät gekommen. Da war er bereits 'unbefangen', wie Ezra es nannte. Oder wie er es selbst sagen würde: an den Zustand gewöhnt.
      "Aber keine Sorge, als du mir damals seine Uhr geklaut hast, hab ich nur ein bisschen geweint" Er zwinkerte Ezra plötzlich grinsend zu und trank einen Schluck Kaffee.
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