I wanna be a knight, no matter what [Kiimesca & Haruka]

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    • Valerius Hazen

      Kaufen? Dann sollte ich auch noch mein eigenes Geld dafür verwenden? Da ich jedoch nicht widersprechen wollte, sagte ich nichts.
      "Natürlich", antwortete ich auf seine Frage hin.
      Ich verabschiedete mich von dem General und verließ die Herberge, um eine Schmiede aufzusuchen. Wenn das Mädchen mit dem Bogen beschäftigt war, würde ich ein neues Schwert wohl nicht so schnell bekommen. Da ich allerdings nur etwas mehr wie eine Woche hatte, wollte ich doch wenigstens sofort damit anfangen.
      Bei der Schmiede angekommen, betrachtete ich die Waffen und nahm auch einige in die Hand. Zum Üben würde es ja erst mal ein leichtes Schwert tun, dachte ich. Ein oder zwei, fragte ich mich und warf einen kurzen Blick zu den Schilden. Ich erinnerte mich noch daran, dass ich mich viel zu sehr auf das Blocken konzentriert hatte und kaum zum Angreifen kam. Dieses Mädchen führte doch auch zwei Schwerter. Also nahm ich auch ein zweites Schwert in die andere Hand, um ein Gefühl dafür zu kriegen. Schwert oder Schild.. Ein Parierdolch wäre auch denkbar, aber der war ja noch kleiner, als ein Schwert und bot somit noch weniger Schutz. Auf Wunden war ich wirklich nicht scharf.. Da auch der Hauptgefreite zwei Klingen führte, entschied ich mich für diese Variante und zahlte eben auch das Doppelte. Gut, dass ich nichts zuhause gelassen und Harald mir auch etwas beigesteuert hatte, um das Gästezimmer zu bezahlen.
      Mein nächstes Ziel führte mich also in das Gasthaus, wo ich mein Zimmer hatte. Dort begab ich mich direkt in dieses und setzte mich an den kleinen Tisch, um damit zu beginnen, alles was ich wusste, aufzuschreiben. Ich glänzte vielleicht nie mit einer großen Motivation, aber ich erledigte meine Aufgaben immer so schnell wie möglich und schob nie etwas vor mich hin.

      _____

      Lorae

      Ich sah kurz auf seinen Finger und dann in sein Gesicht. Ich wusste natürlich auch, dass man nicht einfach irgendjemanden küssen könnte. Aber das ich die einzige sein sollte? Was war mit Piotr? Keine Ahnung, ob er noch jemanden hatte. Ehrlich gesagt war ich gar nicht mal so abgeneigt. Wenn es Baldr helfen würde, würde ich es durchaus tun. Er war anfangs auch ziemlich ernst, weshalb ich fast davon ausging, dass er darüber nachdachte, doch dann winkte er ab. Würde ein Kuss unsere Freundschaft wirklich so schaden, dass man es mit Gift vergleichen musste? Daraus zog ich die Schlussfolgerung, dass Baldr einfach keine Mädchen küssen wollen würde oder ging es wirklich nur um mich? "Natürlich", bestätigte ich ihm noch mal und nickte. Das brauchte er mir doch nicht noch einmal sagen, aber es war auch ein sehr sensibles Thema, da konnte ich seine Sorge schon verstehen.

      Ich folgte Baldr und setzte mich mit ihm zu den anderen, wo Lisbeth uns herzlich anlächelte.
      "Oh Hallo. Ich bin Lisbeth", stellte sie sich gleich vor und lächelte noch breiter. Ich kannte ihren Namen und wusste wie sie aussah, das sie sich viel um die anderen Waisenkinder kümmerte, weshalb sie in ihrem Alter noch im Waisenhaus bleiben durfte, aber ansonsten nicht sehr viel.
      Sie musterte uns, wobei sie vor allem an mir hängen blieb.
      "Ich bin Lorae", stellte ich mich selbstverständlich vor und lächelte ebenfalls.
      "Das... ist sozusagen Leon, von dem ich dir schon erzählt habe..", erklärte Marius, woraufhin sich Lisbeth Augen weiteten. Anscheinend hatte sie schon sehr viel von mir gehört.
      "Hast du Marius wirklich schon 42 mal besiegt?", fragte sie neugierig, woraufhin ich eine Augenbraue hob.
      "Kann sein.. Hab nicht mitgezählt.. du etwa?" Mein Blick ging zu Marius, der demonstrativ zur Seite sah und an seinem Krug nippte.
      "Du bist eben sehr geschickt, auch wenn du... ein Mädchen bist..." Beim letzten Teil wurde Ruven etwas leiser, weil er sich wohl Sorgen machte, mich damit zu kränken.
      "Was soll's. Für dich ist es besser so, oder nicht?", fragte er mich, woraufhin ich mit nur einer Schulter - der unverletzten - zuckte. Dieses Mal hatte ich mich daran erinnert, die andere nicht zu bewegen.
      "Dafür kannst du besser mit einem Schild umgehen", meinte ich, denn auch Marius hatte seine Stärken.
      "Ja.. Naja.. lasst uns nicht über Kämpfe oder Training sprechen.."
      Dem stimmte ich mit einem Nicken zu, ehe ich einen Schluck von meinem Met nahm.

      "Also..", begann Marius und sah abwechselnd von mir zu Baldr, "was ist das mit euch, hm?" Dabei stützte er sich mit einem Arm auf dem Tisch ab und beugte sich zu uns rüber.
      Ernsthaft? Das war seine erste Frage?
      "Wir sind Freunde.. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er ist.. meine Familie..", erklärte ich und legte einen Arm um Baldr's Schulter - zum Glück saß er rechts von mir, sodass es der unversehrte Arm war - und lächelte.
      "Ich würde für ihn sterben.." Gut, genau genommen war ich bereit für jeden unschuldigen Bürger und den König und meine Kameraden zu sterben, aber bei Baldr war das irgendwie doch etwas anderes. Als sich so viele unserer Kameraden gegen uns gewandt hatten, war ich mir unsicher, ob ich gegen Baldr kämpfen könnte, wenn er einer von ihnen gewesen wäre. Deshalb war ich sehr froh, dass es nicht so war.
      "Ah.. also ist er für dich sowas wie.. ein Bruder.." Sein Blick ging dabei zu Baldr, der mich ein wenig verwunderte. Ich wusste ja nicht, dass er damit beabsichtigte Baldr damit vielleicht etwas mehr Klarheit bei seinem Problem in der Kirche zu verschaffen.
      "Hm.. ja.. sozusagen.."

      Lisbeth fragte mich noch ein paar Dinge, unter anderem, warum ich Ritter werden will. Da erzählte ich ihr von dem Moment, wobei sie unbedingt meine Narbe sehen wollte und diese auch anfasste.
      Außerdem redeten wir auch über ziemlich belanglose Dinge, um von unserem heutigen Tag abzulenken. Marius und Lisbeth redeten dabei am meisten, aber das störte mich nicht. Es war besser als peinliches Schweigen. Ich sah jedoch eine Seite an ihm, die ich noch nie gesehen hatte. Wie er Lisbeth ansah. Er würde für sie ebenso sterben und alles für sie tun.
      Genau wie.. ich.. für Baldr.. aber das war doch völlig natürlich. Wir waren schließlich Freunde. Gute Freunde. Nicht mehr. Er hätte so viele Gelegenheiten gehabt, aber sie nie genutzt. Wer hätte uns schon in unserem Zimmer gestört?
      Je länger ich die beiden betrachtete, desto eigenartiger fühlte ich mich. Irgendwie musste ich immer wieder daran denken, wie Baldr einen Kuss mit mir mit vergiftetem Essen verglich. Wäre das wirklich so schlimm? Würde er mich küssen, wenn wir nicht zusammen aufgewachsen wären?

      Nachdenklich blickte ich in meinen frisch gefüllten Krug und trank einen Schluck, ehe Lisbeth und kurz darauf auch Ruven aufstanden, um auszutreten.
      "Ich.. muss auch mal..", meinte ich und ging nach hinten, wobei Lisbeth mir entgegen kam. Zum ersten Mal konnte ich während so einer Runde dem Ruf meiner Blase folgen, ohne mir Sorgen darüber zu machen, entlarvt zu werden. Es war die richtige Entscheidung meine Maskerade zu beenden.


      _____

      Ruven Avenor


      Als die beiden sich zu uns setzten, rutschte ich etwas weiter nach rechts, damit sie sich neben mich auf die Bank setzen konnten. Jedenfalls dachte ich, dass sie gern nebeneinander und nicht neben den Turteltäubchen sitzen wollten. Da Baldr sich ausgerechnet neben mich setzte, war ich etwas nervös. Nachdem er sich vorstellte, beobachtete ich Lis, doch Lorae hatte ihr Interesse glücklicherweise auf sich gelenkt. Sie war fasziniert davon, dass ein Mädchen ein so guter Kämpfer war und einen Hünen wie Marius besiegen konnte.
      Nach dem zweiten Met sah sie jedoch immer öfter zu Baldr. Als sie mich ansah und ich ihren Blick erwiderte, konnte ich mir zu gut vorstellen, was in ihrem Kopf vorging. Ich zog die Augenbrauen ein wenig zusammen und hoffte, dass sie nichts komisches sagen würde. Bei den Göttern, sei bitte still, dachte ich und trank auch meinen zweiten Krug aus, ehe ich noch einen orderte. Sicher gab es sinnvollere Ausgaben als Alkohol, aber da ich ein eigenes Zimmer in Praha hatte, hatte ich Zugriff auf fast mein gesamtes Erspartes.

      "Ich.. bin gleich zurück.."
      , entschuldigte sie sich und gab Marius einen Kuss auf die Wange, ehe sie zum Austreten nach hinten ging.
      "Ich muss auch..", meinte ich und folgte ihr kurz darauf.
      Als sie aus dem Raum kam, stand ich direkt vor ihr und legte meine Hände an ihre Schultern. Ihre Augen wurden schon größer und ich konnte sie nicht aufhalten.
      "Ist das der Junge, den du so magst?", fragte sie flüsternd und kicherte leise.
      "Du sagst nichts, okay?"
      "Er sieht wirklich so gut aus, wie du ihn beschrieben hast.."
      "Sagte ich doch...", murmelte ich verlegen.
      "Und er ist nicht mit Lorae zusammen. Hast du ja gehört."
      "Vielleicht lügen sie. Außerdem hat das nichts zu bedeuten.."
      "Naja... aber sie ist doch ganz hübsch.. Denkst du Marius hätte seine Hände bei sich behalten, wenn er mit so einem Mädchen auf einem Zimmer wäre? Ich glaube nicht... Also.."
      "Also nichts", unterbrach ich sie.
      Sie sah mich einen Moment an und ich versuchte zu erraten, was sie gerade dachte. Sie schien irgendwie nachdenklich, ein wenig ernst. Kein Grinsen, kein Lächeln. Nur nachdenklich. Ob sie irgendeinen seltsamen Plan schmiedete, der peinlich für mich enden würde? So weit würde sie nicht gehen..
      "Er hat doch seine Ausbildung beendet. Du musst an eine andere Akademie. Also... wirst du ihn vielleicht nie wieder sehen.. Wenn nicht jetzt, wann dann? Du bist doch sonst nicht so eine Memme", meinte sie und grinste nun wieder frech wie eh und je.
      "Ja, aber.."
      "Nichts aber! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, hat Oma immer gesagt. Und wer nicht kämpft, hat schon verloren."
      Ich rollte mit den Augen, wie immer, wenn sie mit ihren Weisheiten kam und auch noch irgendwie Recht hatte.
      "Ich weiß nicht.. Ich.. muss pinkeln...", redete ich mich heraus und wandte mich von ihr ab, um nun auch meine Blase zu entleeren.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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    • "Wohin werden wir morgen gehen?", fragte Falco, der gemeinsam mit Dimitri an einem Lagerfeuer mitten im Nirgendwo saß.
      Unweit von ihnen grasten zwei Pferde. Außerdem trug Dimitri wieder anständige Kleidung, nachdem seine alte Feuer gefangen hatte.
      Die Leiche seiner verbrannten Schwester lag auf dem Rücken seines Pferdes.
      "Wir reiten weiter nach Osten. Wenn wir uns ranhalten, sind wir in zwei Tagen an der Grenze des Landes und von dort aus ist es noch etwa ein Tagesritt bis nach Petrograd."
      "Und was machen wir da?"
      "Meine Schwester beisetzen. Meine Großeltern sind in jungen Jahren vor dem Krieg geflohen und haben sich hier niedergelassen. Es war jedoch ihr letzter Wille, nicht hier in Bohemia sondern in ihrer Heimat bestattet zu werden. Meine Mutter liegt dort auch und meine Schwester soll es auch sein. Danach muss ich einiges erledigen und Vorbereitungen treffen."
      "Wird man mich dort verstehen?"
      "Nein. Aber keine Sorge, ich werde dir das Wichtigste beibringen und dir alles übersetzen."

      -----

      Stumm saß ich neben Ruven und Lorae am Tisch und trank mein Met, da eine Bedienung zwischenzeitlich an unseren Tisch herangetreten war und auch meine Bestellung aufgenommen hatte.
      Ich hatte nicht viel zum Gespräch beizutragen, warum auch. Das Gros der Aufmerksamkeit war auf Lorae gerichtet, sodass ich mich ein wenig außen vor fühlte.
      Irgendwie war mir das jedoch auch recht. Im Mittelpunkt zu stehen, war mir ein wenig unangenehm. Mein Becher Met war demnach recht schnell geleert, weshalb ich mir einen zweiten kommen ließ.

      Als Lorae im weiteren Verlauf des Gespräches ihren Arm um mich legte und ihr Verhältnis zu mir offenlegte, lächelte ich leicht und zwickte ihr sanft in den unteren Rücken.
      Später fing Lisbeth an, Lorae Dinge zu fragen. Ich klinkte mich gedanklich aus und blickte mich im Gastraum um.
      Die Taverne war recht gut gefüllt. Die Gäste lachten, hatten Spaß, spielten Karten und der Alkohol floss in Strömen. Irgendwann hatte sogar jemand angefangen, auf einer Drehleier zu spielen. Die anderen hatten scheinbar eine gute Zeit. Und wir saßen hier und hatten gerade all unser Hab und Gut verloren.
      Ich hatte gerade auch meinen zweiten Becher geleert, als Ruven, Lisbeth und Lorae nach und nach verschwanden, um das stille Örtchen aufzusuchen.


      Marius und ich blieben alleine zurück.
      Für einen langen Moment herrschte betretenes Schweigen. Ich war noch nie alleine mit ihm gewesen und obwohl wir jahrelang gemeinsam an der Akademie gelebt hatten und mit Lorae sogar einen gemeinsamen Freund teilten, war er mir dennoch irgendwie fremd, gleichwohl ich ihm vertraute und mich für ihn freute.
      Dennoch stellte sich mir die Frage, was ich jetzt machen soll. Einfach schweigen bis die anderen wieder da sind, warten, bis er etwas sagt oder meine Gedanken nach außen tragen?
      Ich entschied mich schließlich für letzteres.
      "Ist komisch, hm? Wir leben schon so viele Jahre an der Akademie und haben mit Lorae sogar einen gemeinsamen Freund und dennoch wissen wir beide nicht viel übereinander."
      Ich schob nervös ein wenig meinen Becher hin und her.
      "Ich freue mich für dich, dass du die Liebe deines Lebens gefunden hast. Ihr passt gut zueinander, denke ich. Auch wenn es schade ist, dass Yoichi nicht dabei sein wollte, um auf euch anzustoßen. Trotz seiner gebrochenen Hand."




      I'm a shape shifter at Poe's masquerade.
    • Marius war plötzlich ziemlich schweigsam, als er mit Baldr allein zurückblieb. Er sah sich ebenfalls ein wenig um, beobachtete jedoch auch gelegentlich Baldr's Verhalten. Ob er ihn darauf ansprechen sollte, was er unbeabsichtigt gehört hatte? Wozu? Es ging ihn ja eigentlich gar nichts an.
      Doch als sein Gegenüber das Wort ergriff, schenkte Marius ihm seine gesamte Aufmerksamkeit und nippte nur beiläufig wieder an seinem Krug.
      "Mhm..", gab er lediglich von sich und bemerkte sein eigenartige Verhalten. Mit Yoichi hatte er auch nicht viel zutun, weshalb er sich an diesem Tisch vermutlich genau so fehl am Platz fühlen würde, wie Baldr es tat.
      "Mein Vater wollte, dass ich eine Adlige heirate. Total nervtötend dieses Weib. Aber Lorae hat einfach zu mir gesagt, dass ich ihn ignorieren und Lis heiraten soll. Als ich ihm davon erzählte, hab ich ihn zum letzten Mal gesehen. Tja.. Aber egal. Ich bin glücklich. Lis ist nicht nur wunderschön, sondern auch klug, witzig und manchmal auch etwas frech. Sie kann aber auch total verlegen werden. Diese Mischung mag ich so an ihr", erzählte er, auch wenn es Baldr vermutlich gar nicht so sehr interessierte.
      "Manchmal muss man eben einfach auf sein Herz hören, was?" Nach diesem Kommentar trank Marius einen recht großen Schluck und sah den Schwarzhaarigen über den Krug hinweg an.
      "Bist du enttäuscht, dass sie nur einen Bruder in dir sieht?", fragte er nun direkt, da er das Gefühl hatte, dass er nicht von selbst damit herausrücken würde.
      Lisbeth war derweil von der Wirtstochter angesprochen worden, mit der sie ganz gut befreundet war und sich für ihre Verlobung mit Marius freute. Das Gespräch der beiden würde wohl noch etwas dauern.
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      - Eugene Ionesco
    • Interessiert lauschte ich Marius´ Worten. Als er schließlich seine zweite Frage stellte, musste ich einen Moment lang nachdenken.
      "Nein. Sie und ich...wir sind gute Freunde...nein...wir sind allerbeste Freunde. Ich würde für sie sterben, so wie sie für mich sterben würde. Ich brauche sie, sie ist mein Gegenpol. Sie ist stark, emanzipiert, ehrgeizig und durchsetzungsfähig und ich...ich bin unsicher, emotional, sensibel, weich und ängstlich und ich weiß jetzt schon genau, dass ich heute Nacht, wenn alles schläft, weinen werde. Weinen über die Verluste, die wir erlitten haben, über das Zuhause, das uns geraubt wurde, über unsere Freunde und Kameraden die gefallen sind und in solchen Momenten, wünsche ich mir tot zu sein, nichts mehr fühlen zu müssen, anstatt alles fühlen zu müssen. Eure Zukunft mag sicher sein, doch meine ist ungewiss. Ich weiß nicht, wie es nach meinem Ritterschlag weitergehen wird. Soll ich zur Militärpolizei, um die Sicherheit der Hauptstadt fernab des Krieges genießen zu können, zu den Bogenschützen, um mein Land zumindest noch von der zweiten Reihe aus verteidigen zu können oder doch zum Aufklärungstrupp, um weiterhin an Lorae´s Seite sein zu können, wohlwissend, dass ich an der vordersten Front unter den widrigsten Bedingungen kämpfen muss und wahrscheinlich noch sehr oft emotional zusammenbrechen werde, wie damals in diesem Dorf..."
      Ich saß nach meinem Ausbruch einen Moment still da und überlegte. "Aber vielleicht spricht auch nur der Met aus mir. Morgen wird die Welt wieder eine andere sein, nicht wahr?", zwang ich mich zu einem gequälten Lächeln.
      Dann ließ ich mir einen dritten Becher Met kommen und hoffte, dass die anderen schnell wiederkommen, damit dieses für mich ziemlich unangenehme Gespräch endet.
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    • Ruven Avenor

      Bei meiner Rückkehr begegnete ich Lisbeth erneut, die sich nun bei dem anderen Mädchen entschuldigte und mit mir an den Tisch zurückkehrte. Ich sah sie an - Sie sah mich an. Erneut. Dann trat sie mir gegen das Schienbein, weshalb ich meine Augenbrauen zusammenzog. So einfach war das nicht! Vor allem würd ich Baldr nicht in Marius' Gegenwart in irgendeiner Weise darauf ansprechen.
      Kurz darauf kam auch Lorae zurück und setzte sich an ihren Platz. Nun waren wir wieder vollzählig, aber es war ruhiger, als vor der Pinkelpause. Wenn ich mit Baldr allein wäre, könnte ich mich ja.. vorsichtig herantasten.. Seine Hand berühren oder so.. Wie kitschig.. Aber wie sprach man einen Jungen an, wenn man nicht wusste, ob er einem ähnlich war oder eben nicht. Würde ich jemals irgendetwas aufschnappen, dass mir Aufschluss darüber geben könnte? Wenn ja, dann.. würde ich nicht mehr so zögern..

      Marius hatte nichts weiter zu Baldr's Ausführung gesagt, da er im Gegensatz zu Lorae nicht nachbohrte und andere bequatschte.

      ____

      Lorae

      Als ich zurück an den Tisch kam, waren alle irgendwie ziemlich still. Die Blicke zwischen Lisbeth und Ruven waren eigenartig, aber sie waren gute Freunde, wie ich aus den vorherigen Gesprächen entnommen hatte. Was war denn plötzlich mit allen los?
      Nachdem Lisbeth ausgetrunken hatte, atmete sie tief durch und sah zu Marius.
      "Ich will es tun. Jetzt..", sagte sie ziemlich entschlossen, obwohl sie dabei etwas rot wurde.
      Was wollte sie tun? Ich stand etwas auf dem Schlauch, während Ruven sich an seinem Met verschluckte und hustete.
      Marius schwieg kurz und sah sie nur an. "Bist du etwa schon betrunken, Lis?", fragte er schmunzelnd und tätschelte ihren Kopf.
      "Nein! Ich.. Wozu warten? Du.. du hättest tot sein können.. und ich.. ich liebe dich.."
      Hmm.. doch, vermutlich war sie ein wenig betrunken, hatte ich den Eindruck.
      Er legte seine Hand an ihr Kinn, drehte ihr Gesicht zu uns und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
      "Was immer du willst, Liebling.."
      Lisbeth grinste triumphierend, aber dann schmiegte sie sich an ihn heran und schloss ihre Augen, nachdem sie gähnte. Sie hatte wegen des Feuers an der Akademie in der Nacht kaum geschlafen und nun holte sie die Müdigkeit allmählich ein.
      "Ich bring dich nach Hause.."
      "Aber... du bist doch verletzt.. So kannst du mich nicht tragen...", nuschelte sie und schon stand Ruven auf.
      "Ich trag dich. Kein Problem."
      Blinzelnd sah ich zu Ruven auf und dann zu Marius, der uns kurz ansah und dann mit Lisbeth aufstand.
      "Na gut."
      Ruven sah noch einmal zu uns und wirkte irgendwie aufgeregt.
      "Ähm.. äh.. hier.." Da er ja gesagt hatte, dass es auf ihn geht, legte er seinen Geldbeutel auf den Tisch und begleitete die beiden nach draußen.

      Wie viel hatte sie getrunken? Zwei.. oder Drei.. Hmm.. Nachdenklich betrachtete ich meinen zur Hälfte geleerten Krug. "Willst du.. zurück oder noch etwas bleiben?", fragte ich Baldr und wandte meinen Blick zu ihm.

      ____

      Valerius Hazen

      In fein säuberlicher Schrift trug ich sämtliche Informationen, die ich von Harald hatte, auf einem Papier zusammen.
      Namen, die mal erwähnt wurden und auch näheres, das Harald durch Theo oder andere erfahren hatte.

      Theo Avenor
      Ausbilder, Kontaktmann in der Akademie, hat Harald angeworben
      Trotz seines Alters hatte er die Verantwortung über die Spione in der Akademie
      Er hielt sich mit Informationen über die Verbündeten in Praha sehr zurück
      Harald glaubte, dass Theo geahnt haben könnte, dass er nicht ganz auf ihrer Seite war

      Oliver Warden
      Schmiedelehrling, Sohn des Schmiedemeisters, wurde von Theo ausgenutzt, um Informationen aus der Schmiede und der Akademie zu bekommen, da er leicht zu beeinflussen ist
      Sie hatten eine Affäre

      Christel Eichmann
      Krankenschwester, weitere Kontaktperson in der Akademie

      Edward Isen
      Schmied, ein Freund von Theo, der sich ihm anschloss und viel zum Erfolg des Waffenschmuggels beigetragen hatte

      Ralph
      Ein Freund von Edward, der ihn unterstützte.
      Außerdem uneheliches Kind von Louis Beauvau, der ihn oft misshandelt haben soll

      Isabelle Beauvau
      Tochter von Louis Beauvau. Sie soll Theo im Auftrag ihres Vaters verführt haben, damit er alles tat, worum sie ihn bat.
      Harald vermutete, dass sie das gleiche auch bei anderen Männern tat

      Krauss
      Ein Name, den Theo erwähnt, aber nicht weiter beschrieben hat
      Drahtzieher oder zumindest hohe Stellung vermutete Harald

      Walt
      Waise, Militärpolizist, der Henriette und Gustav Ravel, sowie Richard Isen ermordet hat. Laut Harald hatte er eigenmächtig gehandelt, da sie seiner Meinung nach zu viel wussten

      Joseph Gabara
      Bestatter, der Berichte von Todesfällen durch die Hand der Gruppierung gefälscht hat

      Weitere Schmiede, die Theo gegenüber Harald im Zusammenhang mit dem Waffenschmuggel mal erwähnt hatte:
      Edgar Wegmann
      Anton von Maffei

      Kaufleute, über die Theo nie genauer gesprochen hatte:
      Louis Beauvau, Vater von Isabelle Beauvau
      Aicholt

      Weitere Militärpolizisten, die beim Waffenschmuggel halfen oder als Informanten fungieren:
      Jonathan Eckhoff

      Damit war das erledigt und ich faltete das Schriftstück zusammen, ehe ich es in meiner Brusttasche verstaute und mich dann zum Fenster begab, um dieses zu öffnen. Ich setzte mich seitlich auf das große Fensterbrett, lehnte meinen Rücken gegen den Rahmen und ließ ein Bein heraushängen, während mein Arm auf den anderen, angewinkelten Bein lag. Da ich kein großer Freund von Gesellschaft war, verbrachte ich viele Abende so und blickte einfach nur hinauf in den Himmel.
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      - Eugene Ionesco

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    • Ich war erleichtert; zum einem vom Umstand, dass Marius nicht nachhakte und ich damit keine weitere Selbstoffenbarung leisten müsste, zum anderen von der Rückkehr von Lorae, Ruven und Lisbeth.
      Nach und nach verabschiedeten sich die anderen, bis nur noch Lorae und ich übrig blieben.
      Ihrer Frage entgegnete ich mit einem kurzen Schweigen, während ich meinen dritten Becher in einem Zug leerte. Dann stand ich auf und reichte ihr meine Hand, die Drehleier wurde noch immer gespielt, einige Leute tanzten inzwischen sogar zu den Klängen.
      "Willst du auch tanzen? Das haben wir damals im Waisenhaus ziemlich oft gemacht, wenn unsere Erzieher auf dem Klavier gespielt haben. Erinnerst du dich?"

      ----

      "Bist du dir sicher, Flavius?"
      "Ja. Ich werde morgen früh aufbrechen."
      "Und deine Verletzung?"
      "Ich komm schon klar, Basim."
      "Was ist mit Baldr?"
      "Ich weiß es nicht. Ich muss nachdenken."
      "Soll ich ihm was ausrichten?"
      "Nein."
      "Du bist doch enttäuscht, hm?"
      "Nein."
      "Enttäuscht, dass er deine Gefühle nicht so erwidert hat, wie du es dir vorgestellt hast und danach noch in Begleitung von einem Mädchen war", bohrte Basim nach.
      "Halt die Schnauze. Das ist eine Sache zwischen ihm und mir."
      "Du erinnerst mich an mein jüngeres ich. Damals, als ich mich heiß und innig in ein Mädchen verliebt habe, habe ich den Fehler gemacht, zu schnell zu viel gewollt zu haben. Genau das machst du auch gerade. Gib ihm Zeit."
      Flavius verließ den Raum ohne eine Antwort.

      "Teenager", sprach Deimos, der inzwischen erwacht war und die Unterhaltung mit verschränkten Armen verfolgt hatte.
      "Wir waren früher selber nicht besser. Ich weiß genau, wie er sich fühlt. Ach Deimos, hast du schon überlegt, uns fest beizutreten oder willst du weiter als Söldner durch die Lande streifen? Wegen Neros Tod brauchen wir neue Leute."
      "Klar. Ich werde es mir überlegen."
      "Gut. Gib mir Bescheid, wenn du dich entschieden hast. Und überleg dir schonmal einen Decknamen."
      Basim reichte ihm ein kleines Buch, in dem kurz die Geschichte Oinotrias - dem Land, in dem der Orden gegründet wurde - aufgeführt wurde, inklusive einer Auflistung diverser ehemaliger Herrscher.
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    • Lorae

      Da Baldr seinen Becher ziemlich schnell geleert hatte, dachte ich, dass er gehen wollen würde. Doch er reichte mir seine Hand, die ich kurz betrachtete, ehe er fragte, ob ich tanzen wollte.
      "Natürlich erinnere ich mich...", antwortete ich lächelnd und dachte daran zurück. Damals als wir noch unbeschwert immer in den Tag hineingelebt hatten. Die kindliche Naivität. In manchen Momenten wünschte ich mich dorthin zurück.
      Ich legte meine Hand in seine und stand auf.
      "Lach mich aber nicht aus, wenn ich das nicht hinbekomme, ja?"
      Immerhin hatte ich schon ewig nicht mehr getanzt. Ich war zu beschäftigt mit meinem Training. Es war viel zu lange her, dass ich so mit Baldr zusammen war. Ohne in ein Buch zu sehen und uns auf die Prüfung vorbereiteten. Ohne ein Schwert in der Hand zu halten.
      Einfach nur wir beide.
      Mit ihm konnte ich immer lachen. Auf ihn konnte ich mich immer verlassen. Ob ich ohne ihn wirklich zurecht käme? Ich wusste es nicht, aber darüber konnte ich ein anderes Mal nachdenken, denn jetzt wollte ich einfach nur die Zeit mit ihm genießen und... tanzen. Oder es zumindest versuchen.
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      - Eugene Ionesco
    • Ich war erfreut, dass sie zustimmte. Ihre Hand haltend schritt ich mit ihr zu den anderen Tänzern auf die provisorische Tanzfläche.
      Dann tanzte ich mit ihr im Takt der Musik. Anfangs war es ziemlich schwierig, da wir erst einen gemeinsamen Rhythmus finden mussten, sodass wir uns nicht nur einmal gegenseitig auf die Füße traten.
      Mit fortschreitender Dauer wurde es jedoch immer besser. Ich fühlte mich frei, seltsam unbeschwert. Ein Lächeln machte sich in meinem Gesicht breit.

      Am Tisch in der Nähe wurden Karten gespielt.
      "Scheiße, schon wieder verloren. Eine Runde noch, okay? Dann muss ich aber zu meiner Alten."
      "Kellner, noch eine Runde für uns!"
      "Da wirst du dir morgen wieder einiges anhören dürfen, wenn du rotzevoll bei deinem Weib aufschlägst und ihr wieder in den Flur kotzt."
      "Mir egal. Das ist ihre Aufgabe. Ich verdiene die Brötchen, sie putzt das Haus und hütet die Bälger, ganz einfach. Es wird ja wohl noch erlaubt sein, einmal die Woche mit seinen Kumpels saufen zu gehen und Karten zu spielen."
      Mir waren die Leute unangenehm, deshalb machte ich im Takt der Musik einige Schritte vom Tisch weg, dann noch mehr Schritte um mich weiter dem Instrument zu nähern. Ich wollte, dass die Musik lauter und damit intensiver ist. So tanzte ich mit ihr, fühlte mich immer besser.
      Irgendwann drückte ich meine Stirn sanft an ihre, während wir unsere Hände fester ineinander verschlungen und uns endgültig den wohligen Klängen der Drehleier hingaben.

      Am Tisch wurde derweil noch Runde nach Runde gespielt. Aus einer wurden fünf und das Met floss den Männern in Strömen die Kehlen hinunter.
      "ja, leck mich doch am Arsch, schon wieder verloren. Ich glaube langsam, dass du mich über den Tisch ziehst!"
      Der eine Mann stand nun auf.
      "Ich kann dich ja mal über den Tisch ziehen, du dumme Sau, du! Irgendwann ist auch mal der Moment gekommen, wo ich dir in die Fresse haue und diesmal schlag ich zu, darauf kannst du dich verlassen!"
      Nun erhob sich auch der andere.
      "Ach ja, dann komm doch her, du Dummschwätzer! Ich werde dich auf deinen Platz zurückverweisen wo du hingehörst!"
      Dann fingen sie an, sich zu prügeln.
      Der dritte im Bunde wollte noch eingreifen, wurde jedoch am Kragen gepackt und wegeschleudert, er prallte gegen zwei andere Männer, die gerade mit der Bedienung flirteten, als diese sich umdrehten und dem Mann eine reinhauten. Dieser taumelte ein Stück zurück gegen einen Tisch und schnappte sich einen Becher, den er in die Richtung der Männer warf.
      Jedoch wichen sie aus.

      Ich hingegen bekam davon nur wenig mit, sondern tanzte innig mit Lorae. Irgendwann überkam es mich und ich wollte gerade zu einem Kuss ansetzen, als mir der Becher an den Hinterkopf knallte und mich augenblicklich in die Realität zurückholte. Die Musik stoppte nun abrupt, als ein weiterer Becher angeflogen kam und gegen die Wand polterte.
      Augenblicklich duckte ich mich und rollte zur Seite weg, den Blick in die Richtung des Wurfes gerichtet und sah, dass nur wenige Meter vor uns gerade eine Schlägerei im Gange war.
      Leider war die Tür auf der anderen Seite der sich prügelnden Meute, lediglich ein Fenster in der Nähe von uns würde sich als Fluchtweg anbieten. Ich blickte zu Lorae: "wollen wir uns durchprügeln oder aus dem Fenster raus?"
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    • Lorae

      Nachdem wir es endlich einigermaßen hinbekamen, könnte es fast wie damals sein. Nur wir beide und die Musik. Mittelmäßige Tänzer - vermutlich eher grauenhaft, aber wir waren nicht so sturz betrunken wie manch anderer. Ich fühlte mich eigentlich noch vollkommen klar.
      Meine Gedanken spielten schon seit einiger Zeit verrückt. Noch vor kurzem dachte ich über meinen Werdegang nach. Wo ich hin sollte. Dann ob Baldr und ich überleben würden und jetzt, wo ich nicht mehr an unsere Pflichten und das Kämpfen - und vor allem an mein Geheimnis - dachte, dachte ich immer mehr über diese blöde Sache nach, die ich auch noch selbst losgetreten hatte. Ich wusste doch von Baldr und Piotr. Baldr und Flavius. Hatte ich je das Gefühl, dass ich mich für ihn freute? Ich dachte zumindest, dass ich mich über alles freuen würde, über das er sich freuen würde.
      Dann hatte ich sogar kurz in Erwägung gezogen, entgegen meines innigen Wunsches zu kämpfen, zur Militärpolizei zu gehen, um bei Baldr bleiben zu können. Ich wusste nicht, ob ich es ohne ihn aushalten würde, auch wenn er mir nicht mehr helfen musste, so zutun, als wäre ich ein Junge.

      Das Gespräch in unserer Nähe reizte mich ein wenig, denn ich konnte es ganz und gar nicht ausstehen, wenn man so über Frauen sprach. Hätte Baldr mich nicht dort weggezogen, hätte ich vielleicht sogar eine Prügelei angezettelt.

      Während wir tanzten, ließ ich unsere Umgebung irgendwann vollkommen außer Acht und konzentrierte mich nur noch auf die Musik und Baldr. Auf die Wärme seiner Hände, die mit meinen beinahe verschmolzen. Das Gefühl seiner Stirn an meiner, sodass ich seinem Gesicht ganz nahe war. Das Gefühl seines Atems auf meiner Haut. Ich schloss nur kurz meine Augen und wusste nicht, wo uns das Ganze hingeführt hätte, ehe wir von der Prügelei unterbrochen wurde, die mich ruckartig in diese Welt zurückholte.
      Deshalb war meine Verwirrung groß, als wir sahen, was gerade vor sich ging. Baldr fragte mich, wie wir entkommen wollten und ich zog ihn instinktiv mit zum Fenster. Ich wollte wirklich nicht mit da rein gezogen werden.
      Draußen angekommen fing ich an zu lachen. Über uns, dass wir so sehr in der Musik gefangen waren, dass wir gar nichts bemerkt hatten. Man hätte uns ja abstechen können! Wie sehr war ich in den Tanz vertieft?

      Als ich bemerkte, dass ich in einer Hand noch immer seine Hand hielt, sah ich zu dieser und hob dann meinen Blick, um in seine Augen zu sehen. Die Augen, die ich schon hunderte Male gesehen hatte. Hatte er.. mich da drin beinahe geküsst? Es fühlte sich so an, als wäre er mir noch näher gekommen, bevor er getroffen wurde. Ich konnte seinen Atem auf meinen Lippen spüren, die darunter ein wenig kitzelten. Das Kribbeln in meinem Bauch.
      Der Drang ihn zu fragen, warum er einen Kuss mit mir mit Gift verglich, wurde immer größer. Es ließ mich nicht los. Mich hielt auch keine Scheu davor zurück, diese Frage auszusprechen. Mein Kopf konnte gerade einfach nicht meine Entscheidungen treffen, andernfalls hätte ich mich wohl anders entschieden.
      Doch ich näherte mich seinem Gesicht ohne zu zögern und da lagen meine Lippen schon auf seinen. Meine Hände legten sich an seine Wangen, ehe ich realisierte, was ich da gerade getan hatte.
      Ich löste mich von ihm und sah erneut in seine Augen, bevor ich meinen Blick senkte und meine Wangen - mein ganzer Körper - immer wärmer wurden. Mein Herz schlug schneller. Vermutlich weil ich mich schuldig fühlte? Wie konnte ich das tun, obwohl er mir vor wenigen Stunden noch gesagt hatte, dass es keine gute Idee war?
      Auf meiner Zunge lag eine Entschuldigung, doch sie wollte nicht herauskommen. So schlimm... war das doch gar nicht... Nein, überhaupt nicht. Es.. fühlte sich sogar ganz gut an. Viel zu gut. Es tat mir nicht leid. Noch nicht jedenfalls. Denn was, wenn Baldr Recht hatte und dieser Kuss zu Gift in unserer Freundschaft werden würde? Warum.. musste ich denn immer so impulsiv sein?
      Ich hoffte darauf, dass Baldr etwas sagen würde. Etwas.. nettes. Oder etwas witziges. Etwas nettes wäre mir jedoch lieber. Keine Ahnung.. Wir könnten ja einfach so tun, als wäre das nie passiert. Hoffte ich zumindest. Irgendwie. Oder ich behaupte einfach, dass ich ihm nur helfen wollte, so wie ich es vorher vorgeschlagen hatte. Ja, so könnte ich mich vielleicht noch herausreden.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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    • Ich ließ mich von Lorae die Hand nehmen; gemeinsam flüchteten wir aus dem Fenster. Dann lachten wir, doch es war ein anderes Lachen als jenes von Dimitri, es fühlte sich befreiend an.
      Während wir lachten, tobte im Inneren weiter die Prügelei, doch das war mir egal. Wichtig ist, dass wir es heil nach draußen geschafft haben.

      Meine Hand noch in ihrer haltend, blickte sie schließlich auf diese und dann in meine Augen. Ein Knistern lag in der Luft, dann kam sie meinem Gesicht näher. Näher, näher, immer näher und dann küsste sie mich. Ihre Hände hielten nun meine Wangen.
      Erneut dieses Herzrasen, dieses Feuerwerk in meinem Bauch, dort es fühlte sich anders an als bei zuvor bei Flavius.
      Dann löste sie ihn mit einem leisen Schmatzen und blickte errötet auf den Boden, ihre Wangen erstrahlten in einem tiefen Rot.
      Sie schien nun zu realisieren, was sie gerade angerichtet hatte und ich wusste, was dazu geführt hatte. Ich hätte nicht versuchen dürfen, sie beim Tanze zu küssen. Dieser Moment der eigenen Schwäche, mein Unvermögen, die eigenen Impulse unter Kontrolle zu halten, hatte mich geradewegs in ein Dilemma geführt, ein Szenario, dass nur tragisch enden kann.
      Zum einen war da Flavius, ein junger Assassine, der eine starke Zuneigung für mich empfindet, zum anderen Lorae, meine beste und einzige Freundin, die mich bereits fast mein ganzes Leben lang begleitete.
      Wir waren immer zusammen, unser Band der Freundschaft ist tief und unerschütterlich, doch nun das...dabei hatte ich die Analogie mit dem vergifteten Essen doch nicht grundlos aufgestellt, denn egal wie ich mich entscheide, wird es unserer Freundschaft schaden und sie vergiften.
      Entscheide ich mich für Flavius, wird sie unter Umständen eifersüchtig oder enttäuscht reagieren, dass ich sie verschmäht habe, was unsere künftigen Zusammenkünfte unangenehm gestalten wird.
      Entscheide ich mich jedoch für sie, wären wir mehr als nur Freunde, dann wären wir in einer Beziehung und könnten all die Dinge, die Marius und Lisbeth erleben würden, selbst haben. Das erste Mal, Verlobung, Hochzeit, eigene vier Wände, Familiengründung.
      Doch was ist, wenn es Streit gibt oder wir die Phase des Verliebtsein hinter uns gelassen haben und merken, dass die Ernüchterung, die Realität, unterschiedliche Lebensvorstellungen und die Macken des Anderen zu schwer wiegen, um eine erfüllte Liebe leben zu können? Selbst wenn wir uns trennen und beschließen, einfach wieder nur Freunde zu werden, wäre alles anders.
      Und was würde aus Flavius werden? Schließlich sind wir beide Assassinen. Unsere künftigen Einsätze würden sehr seltsam werden und das will ich nicht, Beruf und Liebe niemals vereinen. So, wie Nero es vor einigen Jahren mal zu Magnus gesagt hatte. Damals wusste ich nicht wieso, doch inzwischen ging mir langsam ein Licht auf.
      Das Beste wäre für den Moment wohl Schadensbegrenzung, so tun, als wäre alles halb so wild und dann nie wieder darüber sprechen. Oder ist es bereits zu spät und das Gift schon verzehrt? Früher oder später würde man mir eine Entscheidung abverlangen, doch diesen Moment müsste ich solange wie möglich hinauszögern.

      Nach einem langen Moment des Schweigens - ich war wild mit meinen Gedanken beschäftigt - rieb ich mir schließlich über den Hinterkopf und tastete die Stelle ab, wo mich der Becher getroffen hatte. Lorae stand noch vor mir und schien auf eine Antwort zu warten.
      "Tjaa...irgendwie hat mir das nicht weitergeholfen", ich seufzte, "Vielleicht sollte ich für den Moment aufhören, mich diesen Freveln hinzugeben und lieber auf meine Zukunft konzentrieren. Die Militärpolizei und die Bogenschützen bieten bestimmt bald Orientierungskurse an und vielleicht können mir Levi und Magnus weiterhelfen, eine Entscheidung zu finden."
      Ich stellte mich vor Lorae und umarmte sie.
      "Mir hat das Tanzen auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht. Lass uns jetzt zu den anderen gehen, bevor man sich noch komische Dinge über uns erzählt", ich löste mich sanft lächelnd von ihr.
      Dann drehte ich mich um, mein Lächeln verwandelte sich in eine Fratze aus Trauer und Schuldgefühlen. Was hatte ich da angerichtet? Ich hätte einfach mit den anderen zurück zur Herberge gehen sollen, ohne diesen Tanz. Einfach gehen und schlafen, ich war so ein Idiot. Und warum musste ich auch noch so blöd sein, ihr überhaupt von Flavius zu erzählen? Warum ausgerechnet ihr? Ich hasste mich.
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    • Lorae

      Je länger wir schwiegen, desto peinlicher wurde es mir. Das war offensichtlich keine gute Idee. Doch dann sagte er endlich was und ich sah wieder in sein Gesicht, wobei ich ein nachdenkliches Gesicht machte. Es hatte ihm nicht weitergeholfen.
      "Na, ob dir das gelingt?", meinte ich schmunzelnd, ehe ich seine Umarmung erwiderte. Es fühlte sich wie immer an und doch irgendwie anders.
      "Mir auch. Und wenn schon." Lachend strubbelte ich durch seine Haare, als er mich seinen Rücken zuwandte und ging dann mit ihm zurück zur Herberge.

      Dort angekommen, sah ich Marius im Hof sitzen. Offenbar war er allein. "Ich komm gleich nach..", sagte ich zu Baldr und ging zu ihm. Ich konnte niemanden sehen und näherte mich ihm.
      "Na, hattet ihr noch Spaß?"
      "Und du?", fragte ich und grinste ebenso frech, wie er es tat.
      "Sie ist schon in Ruvens Armen eingeschlafen."
      Ich betrachtete ihn aus der Nähe, stand direkt vor ihm und konnte auf ihn herabsehen, da er auf der Bank sitzen blieb.
      Mein Herz schlug wieder schneller und auch die Wärme in meinen Wangen kehrte zurück. Das war ein gutes Zeichen, oder? Doch ich wollte es durchziehen. Ich musste es wissen.
      "Denk jetzt nichts falsches", bat ich ihn und hatte mich sogleich zu ihm runtergebeugt, um ihn wie Baldr mit den Händen an seinen Wangen zu küssen. Es.. kribbelte ein wenig. Also war dieses Gefühl nur meine Nervosität?
      Ich löste mich schnell von ihm und sah ihn mit großen Augen an. Er sah mich verdutzt an, wusste jedoch scheinbar nicht was er sagen sollte. Allerdings ergriff ich bereits schnell das Wort und lächelte.
      "Danke. Du hast mir sehr geholfen."
      "Ehm.. okay? Verrätst du mir auch, wie?"
      "Ich habe nur etwas getestet.." Marius war der einzige, bei dem ich mich das getraut hätte, obwohl ich sehr aufgeregt war. Ich wusste ja nicht, wie er reagieren würde.
      Ich lachte und nun war ich es, der ihm mal durch die Haare wuschelte, wie er es bei mir immer tat.
      "Ich hab Baldr geküsst und wollte wissen, ob es sich bei jemand anderen anders anfühlt", erklärte ich ihm, da ich ihm das wohl schuldig war. Aber ich war nun sehr erleichtert, dass sich das Gefühl dabei so sehr ähnelte. Immerhin hatte ich ja noch nie jemanden geküsst, also war es doch vollkommen normal, dass ich so nervös war.
      "Und, hat es sich anders angefühlt?", fragte er nach und schien irgendwie aufrichtig daran interessiert zu sein.
      "Nein. Irgendwie nicht. Außer das ich bei dir Angst hatte, dass du mich anschreien oder schlagen würdest."
      "Wenn du das noch einmal machst, dann könnte das passieren."
      Ich lachte und legte meine Arme um seinen Hals um ihn zu umarmen. Die Umarmungen von Baldr haben mir immer sehr gefallen und auch diese Umarmung fühlte sich gut an. Als Junge hätte ich keinen von beiden in der Öffentlichkeit umarmen können, doch als Mädchen war das nur halb so schlimm.
      Nach kurzem Zögern, erwiderte er meine Umarmung und seufzte sogar leise.
      "Ich bin froh, dass du noch lebst. Du.. bist mir sehr ans Herz gewachsen..", flüsterte ich leise und spürte, wie meine Wangen wieder erröteten. Dieses Gefühl kam also eindeutig von meiner Unsicherheit und Aufregung, ebenso wie das Herzklopfen. Es war eben etwas vollkommen neues so offen zu sein.
      "Dank dir.. Das Schwert hätte meine Brust durchbohrt." Dabei legte er seine Hand vorsichtig auf die Wunde nahe meiner Brust.
      "Dafür hat es fast dich durchbohrt.. Du bist.. echt verrückt." Das hörte ich sehr oft von ihm und würde es wohl auch in Zukunft noch öfter hören.
      "Ach was.. ich wusste, dass es mich nicht so schlimm treffen würde...", versuchte ich ihn zu beschwichtigen und löste mich von ihm.
      "Klar..", meinte er und schüttelte lächelnd seinen Kopf.
      "Du hast mich sehr motiviert, Lorae. Bleib so wie du bist und lass dich von nichts und niemandem unterkriegen, ja?"
      Ich würde mich niemals unterkriegen lassen! Hin und wieder hatte ich mal ein paar Zweifel und Sorgen, aber wer hatte die nicht? Meine Entschlossenheit kehrte jedoch immer wieder zu mir zurück.
      "Wir sollten jetzt schlafen gehen. Mal sehen, was der morgige Tag dieses Mal für uns bereit hält.."
      Hoffentlich nichts schlechtes, denn davon hatten wir ziemlich viel in letzter Zeit.

      Im Zimmer angekommen, zog ich meine Stiefel aus und versuchte mich ohne Licht im Zimmer zu orientieren. Ich wusste, dass Baldr direkt im Bett rechts schlief und ging deshalb darauf zu, um mich zu ihm zu legen. Deshalb hatte ich auch meine Kleidung angelassen. Und weil ich kein Nachthemd hatte.
      "Es ist alles gut..", flüsterte ich und streichelte sanft seinen Kopf. Er sollte wissen, dass ich für ihn da war und auch, dass unser Kuss nichts an unserer Freundschaft ändern würde. "Ich werde für uns beide stark sein.." Baldr war deutlich emotionaler als ich, aber ich glaubte, dass ich ihm Halt geben konnte. Wie ein Fels in der Brandung. Wie ein Schild. Er müsste sich für nichts schämen. Nicht vor mir. "Wie eine große Schwester..."
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco
    • Wir schwiegen den gesamten Rückweg. Wie würde es nun für uns weitergehen?
      In der Herberge angekommen, lief ich direkt an Marius vorbei, der auf derselben Bank saß, auf der ich Stunden zuvor auf Lorae gewartet hatte.
      "Ist gut", sprach ich und betrat das Gebäude. Nachdem ich im Speisesaal einige Becher Wasser getrunken hatte, lief ich die Treppe hinauf und einen dunklen Gang entlang, bis ich unseren Raum erreichte und die Stiefel auszog.
      Yoichi schlief bereits im linken Bett und da ich unbedingt mit Lorae gemeinsam schlafen wollte, entschied ich mich, im anderen Platz zu nehmen. Leider hatten wir keine Nachthemden bekommen, weshalb ich in meiner aktuellen Kleidung schlafen müsste. Jedoch war mir das ein wenig zu eklig, weshalb ich mich dazu entschied, nur in meiner Unterbekleidung zu schlafen. Die Straßenkleidung hing über dem Stuhl, der zum Schreibtisch gehörte und dem einzigen Fenster in diesem Raum zugewandt war.

      Ich drehte mich mit dem Rücken zu Yoichi und weinte leise vor mich hin.
      Wenig später betrat auch Lorae den Raum. Als sie sich in mein Bett legte und meinen Kopf streichelte, drückte ich mich mit dem Rücken an sie und nahm ungefragt ihren Arm, welchen ich auf Brusthöhe um mich schlang, meine Hand legte ich auf ihre und ließ die Finger ineinandergleiten.
      "So ist es besser, große Schwester...wenigstens für heute Nacht."


      Am frühen Morgen war ich bereits sehr früh wach, sogar noch vor Lorae. Insgeheim hatte ich gehofft, dass alles nur ein Traum war, ich in meinem Bett in der Akademie aufwachte und normal meinem Tagewerk nachgehen konnte: Frühstück, lesen, lernen, Franz zu einem vollwertigen Knappen erziehen, ein wenig rumblödeln, einfach einen schönen Tag erleben und mich nebenbei auf die Prüfung vorbereiten. Doch stattdessen erwachte ich hier, in einer für mich Dystopie mit nichts mehr als meiner Kleidung und den anderen drei Menschen in diesem Raum, von denen ich zwei kaum kannte, obwohl wir jahrelang miteinander gelebt hatten.
      Ich zog mich an, ich brauchte Wasser, eine Toilette und frische Luft.
      Bevor ich ging, strich ich Lorae eine braune Strähne aus dem schlafenden Gesicht. Sie wirkte friedlich, ein Jammer, dass ich nicht so aufgewacht bin, wie ich einschlief - in ihren schützenden Armen.
      Leise verließ ich den Raum, verrichtete meine Notdurft, trank im Speisesaal mehrere Becher Wasser und lief zuerst ziellos durch die Stadt.
      Irgendwann kam ich zu dem Entschluss, mich an Basim zu wenden.
      So fand ich mich eine Weile später - ich hatte mich einige Male verlaufen, da ich mich in Praha nicht auskannte - endlich vor der Klinik wieder. Einfach durch den Vordereingang eintreten traute ich mich nicht, man würde mit meiner Bitte ohnehin wieder abweisen, zudem ich nicht wusste, ob die Tür überhaupt wieder geöffnet wäre.
      Daher kletterte ich wie schon gestern Abend die Wand hinauf zum Fenster.
      Diesmal war es verschlossen, also hieß es durchatmen und klopfen.
      Ich hoffte darauf, dass Flavius mir aufmacht, jedoch war es Deimos.
      "Pius...wenn du wegen Flavius hier bist, der Malaka ist schon abgereist."
      "Dürfte ich erstmal reinkommen? Ich rutsch sonst gleich ab."
      "Klar...komm rein, aber sei leise. Die anderen schlafen noch. Oder noch besser, wir gehen aufs Dach. Mach Platz, dann klettern wir gemeinsam."

      Auf dem Dach angekommen, setzte ich mich auf den kurzen Schornstein. Der Wind wehte durch mein schwarzes Haar.
      "Wo ist er hin?"
      "Nach Hause, in sein Eulennest."
      "Ist er wegen mir gegangen?"
      "Keine Ahnung. Hab ihn nicht gefragt. Gründe für seine Abreise hat er jedenfalls keine genannt. Also ja und nein."
      "Hat er etwas ausgerichtet?"
      "Nein. Noch etwas? Sonst geh ich wieder rein und hau mich aufs Ohr."
      "Naja, eigentlich wollte ich mit Basim sprechen."
      "Worum geht es denn? Ich kann es ihm ja weitergeben."
      "Naja...ich hab da diese Freundin und..."
      ich erzählte ihm von meinem Dilemma mit Flavius und Lorae.
      "Tja, das ist in der Tat kein leichtes Thema. Ich denke aber nicht, dass Basim da groß weitergeholfen hätte. Er hatte immer nur Augen für ein Mädchen und auch wenn es am Anfang nicht gut lief, ist er mit ihr inzwischen mit ihr verheiratet und hat eine Familie gegründet."
      "Und was ist mit dir?"
      "Ich will mich nicht binden. Zwar schlafe ich gerne mit anderen Menschen, doch mein Herz schlägt für den Kampf und das Geld. Deswegen bin ich Söldner geworden und den Assassinen beigetreten...auch wenn ich noch kein offizielles Mitglied bin und noch keinen Decknamen hab."
      "Also hast auch du keinen Rat für mich."
      ich zeigte mich enttäuscht.
      "Wenn du einen ernsthaft gemeinten Rat willst: nimm die Person, die du länger kennst und der du blind vertrauen kannst. Vertrauen ist eine wichtige Grundlage in jeder Beziehung und wenn die bereits besteht, um so besser. Letztlich ist es jedoch deine Entscheidung, du musst sie nur offen mit allen Beteiligten kommunizieren und zu ihr stehen. Aber nimm dir Zeit, bevor du sie fällst, damit du später nichts bereust."
      "Das hat tatsächlich geholfen. Danke."
      "Freut mich, dass ich helfen konnte. Ist noch etwas?"
      "Ja. Meine Montur und meine Klingen sind beim Brand kaputt gegangen. Ich bräuchte daher neue. Kannst du Basim das ausrichten? Und naja, einen Vogel als Begleiter hätte ich auch gerne."
      "Ich werde es ihm ausrichten. Und viel Glück bei deiner Entscheidung."
      "Danke."

      Wenig später lief ich wieder ziellos durch die Stadt, die Hände in den Taschen vergraben, das Säckchen mit dem Geld bei mir.
      Unterwegs entdeckte ich einen Blumenladen, auf dem Aussteller vor dem Geschäft waren einige Sträuße ausgestellt. Tulpen, Rosen und Nelken in verschiedenen Farben zu bezahlbaren Preisen, drei Gulden der Strauß. In dem Säckchen, das Flavius mir gab, mussten mindestens 15 sein. Vielleicht könnte ich für Lorae einen kaufen? Schöne rote Rosen, wer kann da schon nein sagen?
      Ich schlug mir den Gedanken jedoch schnell wieder aus dem Kopf. Bevor ich meine Entscheidung fälle, musste ich mich um andere Dinge kümmern.

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      Währenddessen wurde an Levi der Eingriff vorgenommen, der Fleck des nekrotischen Gewebes hatte sich über Nacht vergrößert.
      Da es noch keine Narkose gab, hielt man ihm während der Operation stattdessen einen - in einem Destillat aus Opium und verschiedenen Kräutern wie Bilsenkraut und Mandragora getränkten - Schlafschwamm vor die Nase, um ihn in einen schlafähnlichen Zustand zu versetzen. Das würde die Schmerzen für ihn immerhin erträglicher machen. Außerdem verabreichte man ihm einen Trank mit ähnlichen Zutaten und ähnlicher Wirkung.

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      Am frühen Morgen erreichten die Schmiede von Maffei und Wegmann gemeinsam mit Krauss die vom Löschwasser noch feuchten Trümmer der Akademie.
      "Ein Jammer, dass diese Idioten die Katapulte unschädlich gemacht haben."
      "Schau mal, die Munition ist komplett verbrannt. Es muss einen Zwischenfall gegeben haben und man wollte vermeiden, dass die Katapulte früher oder später dem Feind in die Hände fallen."
      "Immerhin ist unser Seilwerfer noch intakt."
      "Was machen wir jetzt?"
      "Wir bringen die Katapulte nach und nach in die Halle und werden sie dort wieder instand setzen. Den Seilwerfer jedoch nehmen wir jetzt mit. Er ist der einzige Prototyp den wir haben."
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    • Lorae

      Mit Baldr im Arm und einem Lächeln im Gesicht, schlief ich recht schnell ein. Ich schlief ungewöhnlich gut, wenn man bedachte, was wir gestern alles erlebt hatten. Ob ich wirklich verrückt oder kaltherzig war, dass ich das alles so viel leichter wegstecken konnte, als andere? Um meine Kameraden trauerte ich natürlich, auch wenn ich nicht viele von ihnen kannte. Doch um die Akademie selbst, das Gebäude an sich, unser Zimmer. Darum trauerte ich kaum. Solange ich bei Baldr war, fühlte sich jeder Ort wie Zuhause an.
      Um mein Hab und Gut war es auch schade, aber materielles war mir nicht sehr wichtig. Bis auf meine Schwerter und die hatte ich bei mir. Die hatte ich vorher schon unter dem Bett verstaut.

      Als ich am nächsten Morgen erwachte, ging ich in den Waschraum. Ein paar andere Rekruten waren schon wach und hielten sich hier auf. Baldr war jedoch auch hier nicht zu sehen. Vielleicht hockte er wieder auf dem Dach? Allerdings würde ich mich in meinem Zustand nicht im Klettern versuchen, um nach ihm zu suchen.
      Manche von ihnen waren bereits am Gehen und andere schnappten sich nun ihr Zeug, um zu verschwinden. War es eigenartig, dass ich mittlerweile so selbstverständlich hereinkam, obwohl ich mich vorher gescheut hatte?
      Marius erledigte gerade seine Mundpflege und Ruven stand in der Ecke und wusch sich. Außer ihnen war niemand mehr im Raum. Ich machte mich frisch und sah zu Ruven, der sich halb angezogen neben mich stellte, um sich um seine Zähne zu kümmern.
      "Du bist ja gar nicht mehr so schüchtern..", stellte ich fest und schmunzelte ein wenig.
      Er sah mich an, wobei sein Blick anders war als früher. Selbstbewusster? Das traf es ganz gut, dachte ich.
      "Weil du ein Mädchen bist? Das stört mich nicht."
      "Das freut mich. Ich möchte nicht anders behandelt werden, als vorher."
      "Tu ich nicht", meinte er und lächelte.
      Ruven war wirklich in Ordnung. Ich kannte ihn zwar noch nicht so sehr wie Marius, aber deutlich besser als die anderen Rekruten.
      Baldr, Marius, Ruven und Franz. Mit anderen hatte ich kaum ein Wort gewechselt. Wie Franz wohl reagieren würde? Ich war gespannt.

      _____

      Meredith Ravel

      Irgendwann musste ich mit Edward's Kissen im Arm eingeschlafen sein. Mein Gesicht fühlte sich ein wenig trocken an, vermutlich weil ich die halbe Nacht geheult hatte. Schon wieder. Aber deswegen war ich nicht weniger motiviert. Schnell erinnerte ich mich an das Gespräch mit dem General und dem Hauptgefreiten und stieg aus dem Bett. Bevor ich den Raum verließ, sah ich noch einmal kurz zurück und ging dann nach Hause, um mich zu waschen und umzuziehen.
      Zuvor hatte ich das Feuer in der Schmiede entzündet. Denn heute würde ich mich den ganzen Tag mit der Herstellung der Einzelteile für den Bogen beschäftigen. Dieses Mal verwendete ich ein stärkeres Metall, aber entsprechende Zusatzstoffe, um es biegsamer zu machen. Das würde für einen stärkeren Bogen und somit für noch mehr Geschwindigkeit sorgen, sodass die Pfeile weiter fliegen könnten. Die Form dafür hatte ich auch noch herumliegen, ebenso etwas Draht. Für die Pfeile würde ich dieses Mal auch etwas schwereres verwenden: Carbon. Ich war mir sicher, dass diese Kombination unschlagbar sein würde. Eines Tages würde mein Name sicher sehr bekannt sein. Nicht nur, weil ich die erste Frau war, die zum Schmied wurde. Auch, weil ich mit meinem Wissensdurst viel ausprobierte und mich immer wieder selbst übertreffen wollte.

      _____

      Valerius Hazen

      Am nächsten Morgen verließ ich das Gasthaus, um den General aufzusuchen, damit ich ihm die Liste übergeben konnte. Ich hatte gestern viel über meine Zukunft nachgedacht und würde schon direkt nach dem Gespräch mit dem Training beginnen. Die Schwerter trug ich bereits an meiner Hüfte, den Bogen hatte ich in der Kiste in meinem Zimmer verstaut.
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      - Eugene Ionesco
    • Nach einer Weile des ziellos Umherirrens erreichte ich einen Laden, in dem unter anderem Stöcke, Sonnenschirme und Hüte verkauft wurden.
      "Galanteriewaren H. Kafka", murmelte ich, was auf dem Schild über dem Eingang in dicken schwarzen Lettern geschrieben stand.
      Unsicher trat ich heran, nahm mir einen von ihnen und setzte ihn mir auf.
      "Kann ich ihnen helfen?", ertönte eine sanfte Frauenstimme vom Geschäft aus. Dann trat sie aus der Tür und an mich heran.
      "Ich...ich schaue mich nur mal um. Ich bin neu hier in der Stadt."
      "Ah, gut. Willkommen in Praha. Wollen Sie den Hut gleich kaufen?"
      "Nein, ich schaue mich nur um."
      "Gut. Wenn Sie etwas brauchen, sprechen Sie mich an. Aber nichts klauen, mein Mann wird sonst wieder wild."
      Ich nickte stumm, entfernte mich vom Laden und setzte meinen Weg fort. Dieser führte mich schließlich in ein Cafe in der Nähe eines großen Marktes unweit einer gigantischen Kirche oder Basilika, ich wusste es nicht genau.
      Mein Magen machte sich nun bemerkbar, also trat ich ein.
      Ich bestellte mir für knapp eine Gulde und fünf Kreuzer ein ausreichendes Frühstück. Für Lorae nahm ich bei einem nahgelegenen Bäcker ein Stück Gebäck mit, dass der Verkäufer als Kolatsche bezeichnete und als ein brotartiges Gebäck gefüllt mit, in diesem Fall, Pflaumenmus beschrieb. Er packte es in ein kleines, dünnes Wachstuch und überreichte es mir.
      Dann machte ich mich zurück zur Herberge, die ich nach etwa einer halben Stunde Fußweg erreicht hatte.
      Die Größe und Vielfalt der Stadt faszinierte und überwältigte mich, gleichzeitig war ich damit überfordert und mich beschlich das Gefühl, noch lange nicht alles gesehen zu haben.
      Ich wusste nicht, wo die anderen waren und was sie machten. Daher lief ich eine Weile durch das Gebäude und fand im zweiten Geschoss schließlich einen großen Gemeinschaftsraum. Zu meiner Freude fand ich einige Bücher und einen Haufen gebundener Blattsammlungen mit kurzen, handgeschriebenen Geschichten in einem Regal vor. Ich setzte mich auf eine gepolsterte Bank und blätterte durch die Geschichten.
      Das Gebäckstück legte ich auf einen kleinen Tisch, der neben dem Sitzmöbel stand.

      ----

      Der General war seit dem frühen Morgen ebenfalls auf den Beinen. Er hatte sich in dem Zimmer, das er sich mit Levi teilte, ein provisorisches Büro eingerichtet, auf dem er gerade einige Briefe verfasste, die er an sämtliche Akademien schicken wollte.
      Sie beinhalteten eine Zusammenfassung der aktuellen Ereignisse und die Bitte, einige Schüler aufzunehmen.
      Die Antwort sollte eine zeitnahe Bestätigung oder Ablehnung beinhalten sowie eine genaue Anzahl an Schülern, die aufgenommen werden könnten.

      ----

      Franz staunte nicht schlecht, als er gerade mit einigen seiner Freunden den Speisesaal betrat und am Tisch von Marius, Lorae, Yoichi und Ruven vorbeilief. Dabei fiel ihm ein Mädchen auf, das ihm, obgleich fremd, auch surreal vertraut vorkam.
      "Ein Mädchen an der Akademie? Wer bist du?"
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    • Lorae

      Früher hatte ich die Gesellschaft anderer möglichst gemieden. Seit dem Abend mit Marius wurden es zunehmend mehr. Nun war auch Yoichi dabei, der sich mit uns ein Zimmer teilte. Allerdings musste ich mich nun nicht mehr irgendwie verstellen und überlegen, wie ein Junge auf etwas reagieren würde. Ich konnte einfach ich sein und das war unglaublich befreiend.
      Als Franz vorbeikam, wollte ich ihn gerade begrüßen und fragen, ob er Baldr gesehen hatte. Doch da fragte er schon wer ich bin.
      "So verändert hab ich mich nun auch nicht", lachte ich und legte meinen Kopf schief. Meine Stimme klang fast wie immer, da ich sie mir so sehr angewöhnt hatte, dass sie zu meiner normalen Stimme wurde. Nicht gerade sehr mädchenhaft, aber das störte mich nicht im geringsten.
      "Ich bin oder besser gesagt, ich war Leon, Franz. In Wahrheit heiße ich aber Lorae." Ich musste mich schon ein paar Rekruten vorstellen, die noch nichts davon wussten. Irgendwann wäre es normal und niemand würde mich mehr danach fragen.

      ____

      Ruven Avenor

      Lorae's Anwesenheit im Waschraum störte mich überhaupt nicht. Auch als ich mit ihr und den anderen an einem Tisch saß, war es.. anders. Ich sah sie plötzlich mit ganz anderen Augen. Vorher hielt ich sie für einen.. ziemlich hübschen Jungen, wobei Leon mir nie so sehr gefallen hatte wie Baldr. Dennoch sah ich sie auch anders, als andere Mädchen. Lis zum Beispiel. Ich war mir jedoch sicher, dass ich mich weiterhin gut mit ihr verstehen würde oder vielleicht irgendwann noch besser.
      Als wieder jemand Lorae ansprach, sah ich schon gar nicht mehr hin und widmete mich meinem Frühstück. Wenn ich nur ein Jahr älter wäre, hätte ich auch kämpfen müssen wie Marius, Lorae und Baldr. Ob ich das überlebt hätte? Ich war in allem eher so mittelmäßig gut..

      ____

      Valerius Hazen

      Ich betrat die Jugendherberge und sah mich zuerst im Speisesaal um. Der General war nicht zu sehen. Deshalb fragte ich einen der Angestellten nach dem Zimmer des Generals und begab mich zu diesem, um anzuklopfen. Nachdem er mich hereinbat, salutierte ich vor ihm und holte das gefaltete Schriftstück aus meiner Brusttasche, um es ihm zu reichen.
      "Hier sind alle Namen, die Harald in Erfahrung bringen konnte. Die meisten davon hatte er von Theo, ebenso einige Informationen."
      Ich wartete einen Moment, während er sich meine Liste ansah.
      "Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, würde ich mir dann einen Platz zum Trainieren suchen.."
      Allerdings hatte ich alles, was ich wusste, bereits gesagt oder aufgeschrieben. Somit war ich in der Hinsicht keine große Hilfe mehr.

      Ich verabschiedete mich vom General und zog los. Während ich den Flur entlang ging, überlegte ich, wo ich ungestört trainieren könnte. Der Hof der Jugendherberge wäre zwar am naheliegendsten, doch dort würden mit Sicherheit ständig Schüler herumlungern. Meine nächste Überlegung war ein ebenes Dach, aber das würde auch eigenartig erscheinen, schätze ich.
      Hm. Die Schmiedin, die gestern Abend da war, hatte doch sicher ein Plätzchen für mich. Da würde mich niemand stören und ich könnte mir auch den neuen Bogen ansehen, sobald er fertig wäre.
      Also ging ich durch die Stadt, die ich einigermaßen gut kannte. Ich hatte ein sehr gutes Gedächtnis, auch wenn ich nicht sehr oft und vor allem seit langer Zeit nicht mehr hier war. Die Straßen waren mehr oder weniger dieselben, nur die Gebäude hatten sich teilweise ein wenig verändert. Da ich das Mädchen jedoch nicht kannte, musste ich etwas suchen.
      Ich klapperte eine Schmiede nach der anderen ab, denn ich wollte niemanden nach dem Weg fragen. Als ich sie gefunden hatte, betrat ich die Schmiede. Sie war vollkommen in ihre Arbeit vertieft und blickte nur kurz zu mir auf.
      "Was willst du?", fragte sie mich.
      "Ich brauche einen Platz zum Trainieren. Du hast doch bestimmt einen Hinterhof, oder?"
      "Sicher. Hinten durch die Tür", meinte sie und nickte zu besagter Tür.
      "Danke", sagte ich noch höflicherweise und ging an ihr vorbei.

      Der Hof war nicht all zu groß, doch es genügte. Eine sehr abgenutzte Zielscheibe stand an einem Ende des Hofes. Offenbar war sie schon Opfer etlicher Pfeile und Bolzen geworden, um die Waffen der Schmiede zu testen.
      Um zu vermeiden, dass ich mein Hemd übermäßig vollschwitzen würde, zog ich es aus und legte es über die Zielscheibe. Bis auf die Narbe über meiner rechten Augenbraue - die von meinen Haaren verdeckt wurde - war mein Körper makellos. Mein Oberkörper wies die Muskeln eines erfahrenen Bogenschützen auf, denn auch wenn es in Rumthal sehr ruhig war, übte ich täglich. Da es nur ein kleines Dorf war, hatte ich dort ein großes Grundstück und baute mir dort einen richtigen Parkour auf, um mein Geschick zu perfektionieren - und mich nicht zu langweilen - schnell und präzise, trotz ständiger Bewegung und etlichen Rollen oder Sprüngen, zu schießen. Auch mein Pferd trainierte oft mit mir. Das arme Vieh war leider den Feinden zum Opfer gefallen. Er war es gewohnt, die Richtung zu halten, ohne das ich seine Zügel halten musste, damit ich meine Pfeile abfeuern konnte.
      Ich zog die beiden Schwerter und machte mich langsam mit ihnen vertraut. Das letzte Mal, dass ich ein Schwert in den Händen hatte, war vor meinem Ritterschlag. Aber ich erinnerte mich gut an die Ratschläge von Harald. Mit der linken Hand war ich jedoch etwas ungeschickter, deshalb übte ich erst einmal, das Schwert darin richtig zu halten. Ich hatte mir die Bewegungen des Mädchens, sowie des Jungen, der Dimitri begleitete eingeprägt und ahmte sie mehr und mehr nach. Harald hatte mich immer für meine genaue Beobachtungsgabe gelobt und die Fähigkeit, das Gesehene selbst anzuwenden. Es jedoch ebenso gut zu beherrschen, wie andere war dennoch nicht einfach. Am Ende dieser Woche sollte ich jedoch mindestens genau so gut sein wie die beiden. Aber auch nur, weil ich schon gewisse Grundkenntnisse beim Schwertkampf hatte und sie noch nicht sehr erfahren waren.
      ~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
      - Eugene Ionesco

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    • "Ho..interessant.. ." Franz wusste nicht so recht, wie er damit umgehen sollte. Ein Mädchen, dass sich als Junge ausgibt? Für ihn eine seltsame Vorstellung.
      "Warst du denn nicht stolz darauf, ein Mädchen zu sein?"
      Die Freunde von Franz, die ihn begleiteten, riefen ihn ungeduldig.
      "Naja, wie auch immer, ich muss dann mal. Wenn ihr Baldr seht, frag ihn, wer mich ausbilden soll, wenn wir zurück an der Akademie sind. Er wird ja bald seinen Ritterschlag erhalten und sich nicht mehr um mich kümmern können."
      Dann schloss er zu seinen Freunden auf.

      "Wow, die wissen wirklich nichts, oder? Es wird keine Rückkehr an die Akademie geben", murmelte Yoichi mit einem Stück Brot im Mund.
      "Kein Wunder", sprach eine der Betreuerinnen, die unser Gespräch belauscht hatte.
      "Was soll das heißen?"
      Sie trat an den Tisch heran, beugte sich zu ihnen vor und sprach leise: "Wir haben vom General höchstselbst die Anweisung bekommen, die Jüngeren am Tag des Angriffs im Haus zu beschäftigen, damit sie nichts davon mitbekommen. Der General würde ihnen später von umfassenden Renovierungsarbeiten erzählen, weshalb sie für eine Weile an anderen Akademien unterkommen werden sollen. In gewisser Weise ist das nicht mal gelogen, mir ist nämlich zu Ohren gekommen, dass die Akademie fast vollständig abgebrannt ist. Mein Mann arbeitet bei der Feuerwehr und hat es mit eigenen Augen gesehen. Und überall diese verbrannten Leichen und der Gestank, dass muss wohl furchtbar gewesen sein. Aber diese Infos habt ihr nicht von mir, klar?"
      Sie zwinkerte uns zu und kümmerte sich dann wieder um die Schützlinge, denen sie Tee einschenkte.

      ---

      Der General hatte gerade das Schreiben beendet, als Valerius das Büro betrat und ihm in knappen Worten die Liste reichte.
      Stumm überflog er diese und sah sich die Namen an.
      "Einige von Ihnen sind bereits tot. Das macht es für uns einfacher. Weiß Dimitri auch von diesen Leuten?"

      Nachdem er sich bei Valerius bedankt hatte und dieser gegangen war, machte der General sich mit den Namen und den Briefen auf dem Weg zum König. Bevor er gestern gegangen war, hatten sie ausgemacht, in regelmäßigem Austausch zu bleiben.

      ---

      Unterdessen hielt ich mich weiter im Gemeinschaftsraum auf. Ich war auf eine seltsame Erzöhlung gestoßen; "Die Verwandlung", verfasst von einem Anschel K.
      "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt", laß ich leise.
      Ich beschloss, mir die Geschichte später in Ruhe durchzulesen. Mit dem lose gebundenen Stapel Papier und dem Gebäck für Lorae verließ ich den Gemeinschaftsraum, da in der Etage unter mir bereits seit einiger Zeit Lärm zu vernehmen war und ich mich nur schwerlich auf diese Geschichte konzentrieren konnte.
      Zuerst dachte ich, dass er aus dem Speisesaal kommen könnte, jedoch war dieser wie vorhin auch schon leer. Ich musste tatsächlich zurückgekommen sein, als die anderen ihr Frühstück bereits beendet hatten.
      Dann ertönte erneut dieses Geräusch. Es klang, als würde ein Schwert gegen ein massives Stück Holz knallen.
      Dies klang für mich nach Lorae. Vermutlich ist sie diesem ruhigen Leben bereits überdrüssig geworden und versucht nun zu trainieren und in Form zu bleiben.
      Ich folgte also der Quelle des Geräusches und fand mich schließlich in einem Hinterhof wieder, den man vom Erdgeschoss aus erreichen konnte.
      Jedoch wusste ich nicht, ob ich mit meiner Vermutung recht hatte. Es könnte auch ein im Wind auf- und zu schwingender Fensterladen sein, davon hatte dieses Gebäude einige.
      I'm a shape shifter at Poe's masquerade.
    • Valerius Hazen

      Es lag mir fern den General oder einen anderen Vorgesetzten zu belügen, weshalb ich ihm verriet, dass ich Dimitri eine ähnliche Liste von Harald gegeben hatte. Die Rothaarige musste wohl mit dem aktuellen Prozess fertig sein, denn sie stellte mir einen Krug Wasser auf den Baumstumpf neben der Tür. Allerdings verschwand sie auch schnell wieder und ich konnte hören, wie sie mit ihrem Hammer auf Metall schlug. Fleißig..
      Nachdem ich etwas getrunken hatte, trainierte ich weiter. Ich hatte ohnehin nichts besseres zutun und ich wollte mich auch nicht zum Gespött machen, wenn ich dem Aufklärungstrupp beitrat. Es war jedoch anstrengender, als ich gedacht hatte. Beim Schwertkampf bewegten sich die Arme mehr und waren ständig vom Körper entfernt. Meinen linken Arm, der für gewöhnlich den Bogen hielt, konnte ich zwar länger gestreckt halten, dafür fehlte ihm die Kraft beim Schlagen. Der rechte Arm war es gewohnt Pfeile zu ziehen und zu spannen, war also nie weit weg von meinem Körper und Pfeile wogen auch nicht so viel.

      ____

      Ruven Avenor

      Marius war zu Lis gegangen, um Zeit mit ihr zu verbringen. Zwar hatte er mich aus Höflichkeit gefragt, ob ich mitkommen wolle, doch ich lehnte ab. Ich wollte mich nicht immer wie das fünfte Rad am Wagen fühlen. Eine Weile betrachtete ich noch die jüngeren Rekruten. Es war wirklich besser, dass sie nichts wussten. Allerdings stellten manche von ihnen fragen zu ihren Ausbildern, die nicht mit dem General und den anderen Überlebenden hergekommen waren. Lennard fragte mich nach Theo und ich entschied mich dazu ihn anzulügen. Ich sagte ihm, dass Theo beschäftigt wäre und wir während des Ausflugs nicht trainieren müssten.

      Als Lorae und ich gerade aufstehen wollten, hörten wir, wie eine der Betreuerinnen sagte, dass ihr Feuerholz bald ausgehen würde und sie neue Holzscheite spalten müssten.
      "Ich mach das", bot Lorae sofort an, weshalb ich verwundert zu ihr aufsah. Bekäme sie das mit ihren Verletzungen wirklich hin?
      "Ich helf dir..", meinte ich und folgte ihr in den Hinterhof.
      "Schon gut. Dafür brauch ich nur einen Arm."
      Ich glaubte, dass sie entweder nicht ruhig sitzen könnte, oder sich unbedingt beweisen wollte.
      Sie nahm die Holzaxt in die rechte Hand und teilte tatsächlich ein paar Holzscheite.
      Einen Moment lang sah ich ihr zu, aber dann ging ich auf sie zu und hielt ihren Arm fest, als sie gerade ausholte. Ich war mir sicher, dass letzteres der Grund für ihr Handeln war, denn auch wenn sie versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, sah ich, dass sie Schmerzen hatte.

      ____

      Lorae

      Ich hasste nichts mehr, als herumzusitzen und nichts zutun. Für die theoretische Prüfung zu lernen, war schon eine Herausforderung, doch es war besser als nichts tun. Deshalb ergriff ich sofort die Chance mich nützlich zu machen und ging Holzhacken. Das Ruven mir folgte, war irgendwie lästig, aber ich konnte es ihm kaum verbieten. Das bekäme ich aber auch mit nur einem Arm hin.
      Mit jedem Schlag wurde ich langsamer, denn immer, wenn die Axt im Baumstumpf unter dem Holzschreit einschlug, zog der Schmerz durch meinen ganzen Körper.
      Als Ruven mich davon abhielt, erneut zuzuschlagen, sah ich ihm die Augen und presste meine Kiefer aufeinander.
      "Das reicht", meinte er und klang dabei sehr bestimmend.
      "Lass mich los.."
      "Erst, wenn du mir die Axt gibst", forderte er.
      Wir sahen uns gegenseitig in die Augen, doch keiner von uns wollte klein beigeben. Erst als ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrnahm, wandte ich meinen Blick ab und entdeckte Baldr. In dem Moment nahm Ruven mir die Axt weg.
      "Geh beiseite." Vorsichtig, aber unnachgiebig schob er mich zur Seite und ich schnaubte leise. Er nahm die Axt in beide Hände und holte aus, um meine Arbeit fortzusetzen.
      Als sich Baldr näherte, beruhigte ich mich und seufzte leise.
      "Franz.. würde gern von dir wissen, wer ihn ausbilden soll, wenn du deinen Ritterschlag bekommst..", murmelte ich leise. Die Frage hatte sich zwar eigentlich erledigt, aber ich wusste im Moment nichts besseres zu sagen..
      Ich atmete tief durch, um mich nicht weiter darüber zu ärgern, dass Ruven mich abgehalten hatte.
      "Wie geht es dir..?", fragte ich ihn und lächelte, als ich ihm in die Augen sah und mein Groll verflogen war.
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      - Eugene Ionesco
    • "Eure Hoheit. Ich bringe neue Informationen", entgegnete der General und salutierte kurz vor dem König, gleichwohl dies nicht notwendig war, kannten sie einander doch recht gut. Jedoch war die Königin zugegen, welche auf eine strikte Einhaltung der Etikette achtete.
      "Was gibt es, Wladimir?"
      "Ich bringe Euch eine Liste mit Namen möglicher Verdächtiger im Bezug auf den Angriff auf die Akademie. Mein Sohn hat ebenfalls eine Liste mit diesen Namen. Einige von ihnen sind bereits tot, jedoch sollten wir die Überlebenden ausfindig machen und verhören. Beweise sichern, herausfinden, warum unsere Akademie angegriffen wurde, ob es noch weitere Drahtzieher gibt und so weiter. Wir haben viel zu tun und je eher wir damit anfangen, desto höher ist die Chance, dass wir Dimitri zuvor kommen, sollte er diese Leute ebenfalls suchen."
      "Glaubst du noch immer, dass Dimitri die Königsfamilie töten will um die Macht an sich zu reißen? Warum sollte er das tun?
      Selbst wenn er es schaffen würde, würde das Volk einen Königsmörder an der Spitze nicht akzeptieren und ihn über kurz oder lang stürzen wollen. Damit wäre niemandem geholfen."
      "Ehrlich gesagt kann ich es mir kaum vorstellen. Mein Sohn ist ein guter Mann mit edlen Absichten, jedoch sollten wir die Bemerkung die er machte nicht unterschätzen. Außerdem hat er noch dieses Schwert."
      "Gut. Danke für die Informationen. Die meisten von den Namen auf dieser Liste sind mir gut bekannt, ich werde mich darum kümmern. Allerdings...dieser Name...Krauss...bist du dir sicher, dass er darin involviert ist?"
      "Ich bin nur der Überbringer, eure Majestät."
      "Schon klar, verstehe. Ich werde mit ihm reden."
      "Ist an diesem Namen etwas besonderes?"
      "Ich kenne einen Krauss. Georg ist Ingenieur und ein fairer Geschäftsmann. Er war diesem Land immer loyal gegenüber eingestellt und hat viel geleistet, um unsere und damit auch deine Truppen während der Eroberung von Chin mit allem Notwendigen zu versorgen. Ihm gehört eine Halle am Stadtrand, wo er mit befreundeten Schmieden an neuen Möglichkeiten der Kriegsführung herumbastelt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er diesem Land schaden wollen würde. Aber das wird wohl meine Sorge sein. Hast du noch etwas für mich?"

      Dann berichtete er ihn von den Geldsorgen, die ihn plagten, den Briefen an die anderen Akademien, die sich nicht umsonst verschicken und von Meredith, die morgen einen Bogen vorstellen möchte, in der Hoffnung auf einen Kredit, um ihre Schmiede wieder voll einsatzfähig zu bekommen. Zum Schluss besprachen sie, wann der Ritterschlag abgehalten werden soll und wie es um die berufliche Zukunft des Generales stehen wird.

      Eine Stunde später war er zurück in der Herberge. Er trug einen kleinen Sack geliehenes Geld bei sich, um die nächste Zeit alle notwendigen Kosten für die Unterkunft der künftigen Ritter decken zu können.
      Unterwegs hatte er die Briefe beim Postamt der Hauptstadt abgegeben, die Postkutschen würden diese in den nächsten Tagen zustellen, so der Plan.

      ---

      Ich blickte mich auf dem Hinterhof um und beobachtete Lorae und Ruven, wie sie scheinbar beim Holzhacken eine kleine Auseinandersetzung hatten.
      Als Lorae zu mir blickte und Ruven ihr deswegen die Axt abnehmen konnte, kam ich näher.
      Ich nahm ihre Hand und zog sie weg, damit wir uns auf eine Bank in der Nähe setzen konnten.
      "Ich weiß nicht, wer sich um Franz kümmern soll. Woher soll ich das auch wissen? Und wie es mir geht? Ganz gut, auch wenn ich nicht gut schlafen konnte..."
      Dann erzählte ich ihr von meinem bisherigen Tagesablauf, von meinem Treffen mit Deimos, meinem Ausflug durch die Stadt, den Blumenladen und den schönen Blumensträußen, diesem Galanteriewarengeschäft, meinem Frühstück an diesem großen Marktplatz und von dieser riesigen Kirche.
      "Vielleicht können wir ja mal gemeinsam einen Ausflug durch die Stadt machen. Ach ja, und das ist für dich."
      Ich reichte ihr das in Wachstuch gehüllte Gebäck. Da war plötzlich wieder dieses Kribbeln im Bauch.
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    • Meredith Ravel

      Ohne das ich es merkte, war es schon Mittag und der Ritter, dessen Name ich nicht einmal kannte, kam in die Schmiede herein. Da ich gerade darauf wartete, dass das Metall schmolz, sah ich zu ihm rüber. So wie er da stand.. mit nacktem Oberkörper, der durch seinen Schweiß ein wenig glänzte.. erinnerte er mich an Edward.. Deswegen wandte ich meinen Blick schnell ab und starrte in den Schmelzofen.
      "Darf ich dein Badezimmer benutzen?"
      "Sicher. Gleich die erste Tür links..", meinte ich, ohne ihn anzusehen.
      "Willst du keine Pause machen? Es ist Mittag. Du solltest was essen."
      Was kümmerte es ihn, ob ich was aß, oder nicht? Ich hatte nicht einmal gefrühstückt, da ich sparen musste. Es war zwar noch etwas in der Küche, aber..
      "Ich kann nicht kochen", brummte ich, für den Fall, dass er auf die Idee käme, dass ich uns beiden etwas kochen könnte.
      "Dann koche ich."
      Verwundert sah ich zu ihm, doch er ging bereits in die Wohnung. Dem Anschein nach ging er sich zuerst waschen, später hörte ich etwas Lärm aus der Küche, als er wohl die Schränke nach Zutaten und Töpfen durchsuchte.

      Eine halbe Stunde später roch es verführerisch und mein Magen fing an zu knurren. Wenn er unbedingt darauf bestand, für mich zu kochen..
      Ich unterbrach meine Arbeit und ging in die Küche, um mich umzusehen. Es roch nach Zwiebeln, Kartoffeln und Speck. Allerdings sah die Küche beinahe unbenutzt aus. Er hatte auch sein Hemd wieder angezogen und servierte mir wenig später wirklich köstlich aussehende Bratkartoffeln. Viel war auch nicht mehr da, was er hätte verwenden können..
      "Ich hoffe es schmeckt dir", sagte er, bevor wir uns an den Tisch setzten und er mir zuerst etwas auf den Teller legte. Die Kartoffeln waren in sehr dünnen Scheiben geschnitten und knusprig angebraten. Ganz anders, als Mama sie machte.
      Als ich davon probierte, konnte ich kaum glauben, wie gut es schmeckte.
      "Woher kannst du so gut kochen?", fragte ich mit vorgehaltener Hand, da ich mir die Frage nicht aufheben konnte, bis ich runtergeschluckt hatte.
      "Ich lebe allein. Irgendwas muss ich ja essen."
      Das.. klang irgendwie einleuchtend.. aber dennoch! Es gab mit Sicherheit nicht viele Männer, die so gut kochen konnten. Höchstens die Köche aus den Gasthäusern, aber doch kein Ritter.
      "Ich heiße übrigens Meredith..", stellte ich mich vor und er sah mich etwas schockiert an. Was.. war denn nun mit ihm?
      "Tut mir furchtbar leid.. Ich hab' mich nicht mal vorgestellt.. Ich bin Valerius.." Der Typ war echt seltsam.. Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte. Zumindest schien er keine Gefahr zu sein. Wenn er wollte, hätte er mich schon längst umbringen können.

      Nach dem Essen wollte ich den Tisch abräumen, doch er kam mir zuvor.
      "Ich mach das schon. Geh nur weiter arbeiten." Wie bitte? Na gut. Ich war nicht scharf drauf den Abwasch zu machen. Dennoch blieb ich einen Moment und sah ihm dabei zu. Kopfschüttelnd ging ich zurück in die Schmiede, um weiter an dem Bogen zu arbeiten.

      ____

      Lorae

      Ganz gut war doch.. ganz gut.. schätzte ich. Ihm machte die ganze Sache schließlich mehr zu schaffen, als mir. Obwohl ich mir nicht nachsagen lassen wollte, dass ich eine Memme wäre und das es kein Wunder wäre, weil ich ein Mädchen bin. Deswegen musste ich jetzt besonders stark sein.
      Als er mir von seinem Tag erzählte, schwieg ich durchgehend. Nach der Sache mit Deimos und dem Blumenladen konnte ich kaum noch richtig zuhören. Hatte ich ihn mit dem Kuss etwa so sehr verwirrt? Ich hätte das vermutlich lieber nicht tun sollen.. Aber er.. er hätte mich zuerst geküsst, wenn diese Blödmänner sich nicht geprügelt hätten! Glaubte ich jedenfalls..
      Erst als er mir das Wachstuch überreichte, in das etwas eingewickelt war, konnte ich mich wieder fassen.
      "Was..?", fragte ich etwas abwesend. Warum klopfte mein Herz schon wieder so schnell? Ich hatte doch gar nichts dummes vor, weshalb ich nervös sein musste..
      Ich senkte meinen Blick und hoffte, dass er mich nicht so genau ansehen würde. Langsam packte ich das Gebäck aus und musste lächeln.
      "Danke..", hauchte ich leise und blickte wieder auf, direkt in seine Augen, weshalb meine Wangen sich wieder wärmer anfühlten. Warum.. war er so eigenartig? Was sollte das heißen, dass er sich entscheiden müsste? Und was.. sollte ich mit Blumen..
      "Baldr, ich.." wusste nicht, was ich sagen sollte. Das er sich für Flavius entscheiden sollte, weil ich keine Frau war, die ein Mann an seiner Seite gebrauchen könnte? Das war Flavius immerhin auch nicht.. und irgendwie wollte ich das auch gar nicht. Dann würde er bestimmt weniger Zeit mit mir verbringen.. und das stimmte mich unglücklich. Dennoch wollte ich, dass Baldr glücklich war! Ihn beschützen, egal ob im Kampf oder bei seinen Sorgen.
      "Wollen wir uns nicht jetzt gleich die Stadt ansehen?", fragte ich nun, um diese peinliche Stille zu brechen.
      "Ich.. bring das nur kurz ins Zimmer.. Ich esse es später..", teilte ich ihm mit und lächelte, ehe ich aufstand und im Zimmer verschwand. Dort legte ich das Gebäck zu meinen Sachen und betrachtete meine Schwerter. Selbst wenn ich.. Selbst wenn Baldr sich für mich entscheiden würde.. würde er doch nicht erwarten, dass ich meine Waffen ablegen würde, oder? Er wusste immerhin, wieviel es mir bedeutete. Ich wäre auch bestimmt keine gute Mutter.. Ich konnte ja nicht einmal kochen..
      Als ich hörte, wie sich die Tür öffnete, hoffte ich irgendwie, dass es Marius oder Yoichi wären. Baldr würde vor der Herberge auf mich warten. Also sollte ich ihn auch nicht noch länger warten lassen, aber ich traute mich nicht mich umzudrehen. Wenn es nicht Baldr wäre, wäre ich zwar erleichtert, aber irgendwie auch enttäuscht. Ich sollte mir nicht immer so den Kopf zerbrechen.. Das hatte mich bisher nie wirklich geholfen..
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    • Aufgeregt beobachtete ich Lorae dabei, wie sie auf meine Ausführungen und mein Geschenk reagierte.
      Als sie vorschlug, dass wir jetzt gleich die Stadt ansehen könnten, nickte ich.
      "Ich werde vor der Herberge auf dich warten, ja?"
      Dann trennten sich unsere Wege. Lorae lief ins Zimmer, um das Gebäck dort zu verstauen, ich begab mich zur Bank vor die Herberge, wo ich auf sie wartete.

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      Die Operation an Levis Oberschenkel verlief planmäßig und das nekrotische Gewebe konnte entfernt werden.
      Nachdem er einen Verband angelegt bekam, fand er sich in einem Bett wieder.
      Vor diesem stand ein seltsamer Holzstuhl, an dem zwei Holzreifen befestigt waren, wie man sie von Kutschen kannte.
      "Was ist das?"
      "Das, mein Lieber, ist ein Stuhl mit Reifen. Damit können Sie sich rollend fortbewegen. Ein Freund aus Studienzeiten hat ihn für mich entworfen und ihn Rollstuhl getauft. Wie ich gestern bereits erwähnt hatte, müssen Sie nach dem Eingriff ihr Bein schonen. Damit Sie dennoch in den Genuss einer gewissen Mobilität kommen, stelle ich Ihnen für die Dauer des Genesungsprozesses diesen Stuhl zur Verfügung."
      "Schon gut. Danke."
      "Wollen Sie ihn gleich benutzen? Falls ja, mache ich die Tür auf."

      Wenig später fand sich Levi in diesem Stuhl auf den Straßen der Stadt wieder. Den teils amüsierten, teils neugierigen Blicken der Leute zum Trotz bewegte er sich damit fort, indem er die Holzrollen mit seinen Händen antrieb, was anstrengender war als gedacht.
      Sein Ziel war bereits ausgewählt.
      Er würde einen alten Freund besuchen, der für den Fall, dass der Eingriff nicht den erhofften Effekt erzielt, seine Nachfolge antreten sollte.
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