Valerius Hazen
Kaufen? Dann sollte ich auch noch mein eigenes Geld dafür verwenden? Da ich jedoch nicht widersprechen wollte, sagte ich nichts.
"Natürlich", antwortete ich auf seine Frage hin.
Ich verabschiedete mich von dem General und verließ die Herberge, um eine Schmiede aufzusuchen. Wenn das Mädchen mit dem Bogen beschäftigt war, würde ich ein neues Schwert wohl nicht so schnell bekommen. Da ich allerdings nur etwas mehr wie eine Woche hatte, wollte ich doch wenigstens sofort damit anfangen.
Bei der Schmiede angekommen, betrachtete ich die Waffen und nahm auch einige in die Hand. Zum Üben würde es ja erst mal ein leichtes Schwert tun, dachte ich. Ein oder zwei, fragte ich mich und warf einen kurzen Blick zu den Schilden. Ich erinnerte mich noch daran, dass ich mich viel zu sehr auf das Blocken konzentriert hatte und kaum zum Angreifen kam. Dieses Mädchen führte doch auch zwei Schwerter. Also nahm ich auch ein zweites Schwert in die andere Hand, um ein Gefühl dafür zu kriegen. Schwert oder Schild.. Ein Parierdolch wäre auch denkbar, aber der war ja noch kleiner, als ein Schwert und bot somit noch weniger Schutz. Auf Wunden war ich wirklich nicht scharf.. Da auch der Hauptgefreite zwei Klingen führte, entschied ich mich für diese Variante und zahlte eben auch das Doppelte. Gut, dass ich nichts zuhause gelassen und Harald mir auch etwas beigesteuert hatte, um das Gästezimmer zu bezahlen.
Mein nächstes Ziel führte mich also in das Gasthaus, wo ich mein Zimmer hatte. Dort begab ich mich direkt in dieses und setzte mich an den kleinen Tisch, um damit zu beginnen, alles was ich wusste, aufzuschreiben. Ich glänzte vielleicht nie mit einer großen Motivation, aber ich erledigte meine Aufgaben immer so schnell wie möglich und schob nie etwas vor mich hin.
_____
Lorae
Ich sah kurz auf seinen Finger und dann in sein Gesicht. Ich wusste natürlich auch, dass man nicht einfach irgendjemanden küssen könnte. Aber das ich die einzige sein sollte? Was war mit Piotr? Keine Ahnung, ob er noch jemanden hatte. Ehrlich gesagt war ich gar nicht mal so abgeneigt. Wenn es Baldr helfen würde, würde ich es durchaus tun. Er war anfangs auch ziemlich ernst, weshalb ich fast davon ausging, dass er darüber nachdachte, doch dann winkte er ab. Würde ein Kuss unsere Freundschaft wirklich so schaden, dass man es mit Gift vergleichen musste? Daraus zog ich die Schlussfolgerung, dass Baldr einfach keine Mädchen küssen wollen würde oder ging es wirklich nur um mich? "Natürlich", bestätigte ich ihm noch mal und nickte. Das brauchte er mir doch nicht noch einmal sagen, aber es war auch ein sehr sensibles Thema, da konnte ich seine Sorge schon verstehen.
Ich folgte Baldr und setzte mich mit ihm zu den anderen, wo Lisbeth uns herzlich anlächelte.
"Oh Hallo. Ich bin Lisbeth", stellte sie sich gleich vor und lächelte noch breiter. Ich kannte ihren Namen und wusste wie sie aussah, das sie sich viel um die anderen Waisenkinder kümmerte, weshalb sie in ihrem Alter noch im Waisenhaus bleiben durfte, aber ansonsten nicht sehr viel.
Sie musterte uns, wobei sie vor allem an mir hängen blieb.
"Ich bin Lorae", stellte ich mich selbstverständlich vor und lächelte ebenfalls.
"Das... ist sozusagen Leon, von dem ich dir schon erzählt habe..", erklärte Marius, woraufhin sich Lisbeth Augen weiteten. Anscheinend hatte sie schon sehr viel von mir gehört.
"Hast du Marius wirklich schon 42 mal besiegt?", fragte sie neugierig, woraufhin ich eine Augenbraue hob.
"Kann sein.. Hab nicht mitgezählt.. du etwa?" Mein Blick ging zu Marius, der demonstrativ zur Seite sah und an seinem Krug nippte.
"Du bist eben sehr geschickt, auch wenn du... ein Mädchen bist..." Beim letzten Teil wurde Ruven etwas leiser, weil er sich wohl Sorgen machte, mich damit zu kränken.
"Was soll's. Für dich ist es besser so, oder nicht?", fragte er mich, woraufhin ich mit nur einer Schulter - der unverletzten - zuckte. Dieses Mal hatte ich mich daran erinnert, die andere nicht zu bewegen.
"Dafür kannst du besser mit einem Schild umgehen", meinte ich, denn auch Marius hatte seine Stärken.
"Ja.. Naja.. lasst uns nicht über Kämpfe oder Training sprechen.."
Dem stimmte ich mit einem Nicken zu, ehe ich einen Schluck von meinem Met nahm.
"Also..", begann Marius und sah abwechselnd von mir zu Baldr, "was ist das mit euch, hm?" Dabei stützte er sich mit einem Arm auf dem Tisch ab und beugte sich zu uns rüber.
Ernsthaft? Das war seine erste Frage?
"Wir sind Freunde.. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er ist.. meine Familie..", erklärte ich und legte einen Arm um Baldr's Schulter - zum Glück saß er rechts von mir, sodass es der unversehrte Arm war - und lächelte.
"Ich würde für ihn sterben.." Gut, genau genommen war ich bereit für jeden unschuldigen Bürger und den König und meine Kameraden zu sterben, aber bei Baldr war das irgendwie doch etwas anderes. Als sich so viele unserer Kameraden gegen uns gewandt hatten, war ich mir unsicher, ob ich gegen Baldr kämpfen könnte, wenn er einer von ihnen gewesen wäre. Deshalb war ich sehr froh, dass es nicht so war.
"Ah.. also ist er für dich sowas wie.. ein Bruder.." Sein Blick ging dabei zu Baldr, der mich ein wenig verwunderte. Ich wusste ja nicht, dass er damit beabsichtigte Baldr damit vielleicht etwas mehr Klarheit bei seinem Problem in der Kirche zu verschaffen.
"Hm.. ja.. sozusagen.."
Lisbeth fragte mich noch ein paar Dinge, unter anderem, warum ich Ritter werden will. Da erzählte ich ihr von dem Moment, wobei sie unbedingt meine Narbe sehen wollte und diese auch anfasste.
Außerdem redeten wir auch über ziemlich belanglose Dinge, um von unserem heutigen Tag abzulenken. Marius und Lisbeth redeten dabei am meisten, aber das störte mich nicht. Es war besser als peinliches Schweigen. Ich sah jedoch eine Seite an ihm, die ich noch nie gesehen hatte. Wie er Lisbeth ansah. Er würde für sie ebenso sterben und alles für sie tun.
Genau wie.. ich.. für Baldr.. aber das war doch völlig natürlich. Wir waren schließlich Freunde. Gute Freunde. Nicht mehr. Er hätte so viele Gelegenheiten gehabt, aber sie nie genutzt. Wer hätte uns schon in unserem Zimmer gestört?
Je länger ich die beiden betrachtete, desto eigenartiger fühlte ich mich. Irgendwie musste ich immer wieder daran denken, wie Baldr einen Kuss mit mir mit vergiftetem Essen verglich. Wäre das wirklich so schlimm? Würde er mich küssen, wenn wir nicht zusammen aufgewachsen wären?
Nachdenklich blickte ich in meinen frisch gefüllten Krug und trank einen Schluck, ehe Lisbeth und kurz darauf auch Ruven aufstanden, um auszutreten.
"Ich.. muss auch mal..", meinte ich und ging nach hinten, wobei Lisbeth mir entgegen kam. Zum ersten Mal konnte ich während so einer Runde dem Ruf meiner Blase folgen, ohne mir Sorgen darüber zu machen, entlarvt zu werden. Es war die richtige Entscheidung meine Maskerade zu beenden.
_____
Ruven Avenor
Als die beiden sich zu uns setzten, rutschte ich etwas weiter nach rechts, damit sie sich neben mich auf die Bank setzen konnten. Jedenfalls dachte ich, dass sie gern nebeneinander und nicht neben den Turteltäubchen sitzen wollten. Da Baldr sich ausgerechnet neben mich setzte, war ich etwas nervös. Nachdem er sich vorstellte, beobachtete ich Lis, doch Lorae hatte ihr Interesse glücklicherweise auf sich gelenkt. Sie war fasziniert davon, dass ein Mädchen ein so guter Kämpfer war und einen Hünen wie Marius besiegen konnte.
Nach dem zweiten Met sah sie jedoch immer öfter zu Baldr. Als sie mich ansah und ich ihren Blick erwiderte, konnte ich mir zu gut vorstellen, was in ihrem Kopf vorging. Ich zog die Augenbrauen ein wenig zusammen und hoffte, dass sie nichts komisches sagen würde. Bei den Göttern, sei bitte still, dachte ich und trank auch meinen zweiten Krug aus, ehe ich noch einen orderte. Sicher gab es sinnvollere Ausgaben als Alkohol, aber da ich ein eigenes Zimmer in Praha hatte, hatte ich Zugriff auf fast mein gesamtes Erspartes.
"Ich.. bin gleich zurück..", entschuldigte sie sich und gab Marius einen Kuss auf die Wange, ehe sie zum Austreten nach hinten ging.
"Ich muss auch..", meinte ich und folgte ihr kurz darauf.
Als sie aus dem Raum kam, stand ich direkt vor ihr und legte meine Hände an ihre Schultern. Ihre Augen wurden schon größer und ich konnte sie nicht aufhalten.
"Ist das der Junge, den du so magst?", fragte sie flüsternd und kicherte leise.
"Du sagst nichts, okay?"
"Er sieht wirklich so gut aus, wie du ihn beschrieben hast.."
"Sagte ich doch...", murmelte ich verlegen.
"Und er ist nicht mit Lorae zusammen. Hast du ja gehört."
"Vielleicht lügen sie. Außerdem hat das nichts zu bedeuten.."
"Naja... aber sie ist doch ganz hübsch.. Denkst du Marius hätte seine Hände bei sich behalten, wenn er mit so einem Mädchen auf einem Zimmer wäre? Ich glaube nicht... Also.."
"Also nichts", unterbrach ich sie.
Sie sah mich einen Moment an und ich versuchte zu erraten, was sie gerade dachte. Sie schien irgendwie nachdenklich, ein wenig ernst. Kein Grinsen, kein Lächeln. Nur nachdenklich. Ob sie irgendeinen seltsamen Plan schmiedete, der peinlich für mich enden würde? So weit würde sie nicht gehen..
"Er hat doch seine Ausbildung beendet. Du musst an eine andere Akademie. Also... wirst du ihn vielleicht nie wieder sehen.. Wenn nicht jetzt, wann dann? Du bist doch sonst nicht so eine Memme", meinte sie und grinste nun wieder frech wie eh und je.
"Ja, aber.."
"Nichts aber! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, hat Oma immer gesagt. Und wer nicht kämpft, hat schon verloren."
Ich rollte mit den Augen, wie immer, wenn sie mit ihren Weisheiten kam und auch noch irgendwie Recht hatte.
"Ich weiß nicht.. Ich.. muss pinkeln...", redete ich mich heraus und wandte mich von ihr ab, um nun auch meine Blase zu entleeren.
Kaufen? Dann sollte ich auch noch mein eigenes Geld dafür verwenden? Da ich jedoch nicht widersprechen wollte, sagte ich nichts.
"Natürlich", antwortete ich auf seine Frage hin.
Ich verabschiedete mich von dem General und verließ die Herberge, um eine Schmiede aufzusuchen. Wenn das Mädchen mit dem Bogen beschäftigt war, würde ich ein neues Schwert wohl nicht so schnell bekommen. Da ich allerdings nur etwas mehr wie eine Woche hatte, wollte ich doch wenigstens sofort damit anfangen.
Bei der Schmiede angekommen, betrachtete ich die Waffen und nahm auch einige in die Hand. Zum Üben würde es ja erst mal ein leichtes Schwert tun, dachte ich. Ein oder zwei, fragte ich mich und warf einen kurzen Blick zu den Schilden. Ich erinnerte mich noch daran, dass ich mich viel zu sehr auf das Blocken konzentriert hatte und kaum zum Angreifen kam. Dieses Mädchen führte doch auch zwei Schwerter. Also nahm ich auch ein zweites Schwert in die andere Hand, um ein Gefühl dafür zu kriegen. Schwert oder Schild.. Ein Parierdolch wäre auch denkbar, aber der war ja noch kleiner, als ein Schwert und bot somit noch weniger Schutz. Auf Wunden war ich wirklich nicht scharf.. Da auch der Hauptgefreite zwei Klingen führte, entschied ich mich für diese Variante und zahlte eben auch das Doppelte. Gut, dass ich nichts zuhause gelassen und Harald mir auch etwas beigesteuert hatte, um das Gästezimmer zu bezahlen.
Mein nächstes Ziel führte mich also in das Gasthaus, wo ich mein Zimmer hatte. Dort begab ich mich direkt in dieses und setzte mich an den kleinen Tisch, um damit zu beginnen, alles was ich wusste, aufzuschreiben. Ich glänzte vielleicht nie mit einer großen Motivation, aber ich erledigte meine Aufgaben immer so schnell wie möglich und schob nie etwas vor mich hin.
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Lorae
Ich sah kurz auf seinen Finger und dann in sein Gesicht. Ich wusste natürlich auch, dass man nicht einfach irgendjemanden küssen könnte. Aber das ich die einzige sein sollte? Was war mit Piotr? Keine Ahnung, ob er noch jemanden hatte. Ehrlich gesagt war ich gar nicht mal so abgeneigt. Wenn es Baldr helfen würde, würde ich es durchaus tun. Er war anfangs auch ziemlich ernst, weshalb ich fast davon ausging, dass er darüber nachdachte, doch dann winkte er ab. Würde ein Kuss unsere Freundschaft wirklich so schaden, dass man es mit Gift vergleichen musste? Daraus zog ich die Schlussfolgerung, dass Baldr einfach keine Mädchen küssen wollen würde oder ging es wirklich nur um mich? "Natürlich", bestätigte ich ihm noch mal und nickte. Das brauchte er mir doch nicht noch einmal sagen, aber es war auch ein sehr sensibles Thema, da konnte ich seine Sorge schon verstehen.
Ich folgte Baldr und setzte mich mit ihm zu den anderen, wo Lisbeth uns herzlich anlächelte.
"Oh Hallo. Ich bin Lisbeth", stellte sie sich gleich vor und lächelte noch breiter. Ich kannte ihren Namen und wusste wie sie aussah, das sie sich viel um die anderen Waisenkinder kümmerte, weshalb sie in ihrem Alter noch im Waisenhaus bleiben durfte, aber ansonsten nicht sehr viel.
Sie musterte uns, wobei sie vor allem an mir hängen blieb.
"Ich bin Lorae", stellte ich mich selbstverständlich vor und lächelte ebenfalls.
"Das... ist sozusagen Leon, von dem ich dir schon erzählt habe..", erklärte Marius, woraufhin sich Lisbeth Augen weiteten. Anscheinend hatte sie schon sehr viel von mir gehört.
"Hast du Marius wirklich schon 42 mal besiegt?", fragte sie neugierig, woraufhin ich eine Augenbraue hob.
"Kann sein.. Hab nicht mitgezählt.. du etwa?" Mein Blick ging zu Marius, der demonstrativ zur Seite sah und an seinem Krug nippte.
"Du bist eben sehr geschickt, auch wenn du... ein Mädchen bist..." Beim letzten Teil wurde Ruven etwas leiser, weil er sich wohl Sorgen machte, mich damit zu kränken.
"Was soll's. Für dich ist es besser so, oder nicht?", fragte er mich, woraufhin ich mit nur einer Schulter - der unverletzten - zuckte. Dieses Mal hatte ich mich daran erinnert, die andere nicht zu bewegen.
"Dafür kannst du besser mit einem Schild umgehen", meinte ich, denn auch Marius hatte seine Stärken.
"Ja.. Naja.. lasst uns nicht über Kämpfe oder Training sprechen.."
Dem stimmte ich mit einem Nicken zu, ehe ich einen Schluck von meinem Met nahm.
"Also..", begann Marius und sah abwechselnd von mir zu Baldr, "was ist das mit euch, hm?" Dabei stützte er sich mit einem Arm auf dem Tisch ab und beugte sich zu uns rüber.
Ernsthaft? Das war seine erste Frage?
"Wir sind Freunde.. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er ist.. meine Familie..", erklärte ich und legte einen Arm um Baldr's Schulter - zum Glück saß er rechts von mir, sodass es der unversehrte Arm war - und lächelte.
"Ich würde für ihn sterben.." Gut, genau genommen war ich bereit für jeden unschuldigen Bürger und den König und meine Kameraden zu sterben, aber bei Baldr war das irgendwie doch etwas anderes. Als sich so viele unserer Kameraden gegen uns gewandt hatten, war ich mir unsicher, ob ich gegen Baldr kämpfen könnte, wenn er einer von ihnen gewesen wäre. Deshalb war ich sehr froh, dass es nicht so war.
"Ah.. also ist er für dich sowas wie.. ein Bruder.." Sein Blick ging dabei zu Baldr, der mich ein wenig verwunderte. Ich wusste ja nicht, dass er damit beabsichtigte Baldr damit vielleicht etwas mehr Klarheit bei seinem Problem in der Kirche zu verschaffen.
"Hm.. ja.. sozusagen.."
Lisbeth fragte mich noch ein paar Dinge, unter anderem, warum ich Ritter werden will. Da erzählte ich ihr von dem Moment, wobei sie unbedingt meine Narbe sehen wollte und diese auch anfasste.
Außerdem redeten wir auch über ziemlich belanglose Dinge, um von unserem heutigen Tag abzulenken. Marius und Lisbeth redeten dabei am meisten, aber das störte mich nicht. Es war besser als peinliches Schweigen. Ich sah jedoch eine Seite an ihm, die ich noch nie gesehen hatte. Wie er Lisbeth ansah. Er würde für sie ebenso sterben und alles für sie tun.
Genau wie.. ich.. für Baldr.. aber das war doch völlig natürlich. Wir waren schließlich Freunde. Gute Freunde. Nicht mehr. Er hätte so viele Gelegenheiten gehabt, aber sie nie genutzt. Wer hätte uns schon in unserem Zimmer gestört?
Je länger ich die beiden betrachtete, desto eigenartiger fühlte ich mich. Irgendwie musste ich immer wieder daran denken, wie Baldr einen Kuss mit mir mit vergiftetem Essen verglich. Wäre das wirklich so schlimm? Würde er mich küssen, wenn wir nicht zusammen aufgewachsen wären?
Nachdenklich blickte ich in meinen frisch gefüllten Krug und trank einen Schluck, ehe Lisbeth und kurz darauf auch Ruven aufstanden, um auszutreten.
"Ich.. muss auch mal..", meinte ich und ging nach hinten, wobei Lisbeth mir entgegen kam. Zum ersten Mal konnte ich während so einer Runde dem Ruf meiner Blase folgen, ohne mir Sorgen darüber zu machen, entlarvt zu werden. Es war die richtige Entscheidung meine Maskerade zu beenden.
_____
Ruven Avenor
Als die beiden sich zu uns setzten, rutschte ich etwas weiter nach rechts, damit sie sich neben mich auf die Bank setzen konnten. Jedenfalls dachte ich, dass sie gern nebeneinander und nicht neben den Turteltäubchen sitzen wollten. Da Baldr sich ausgerechnet neben mich setzte, war ich etwas nervös. Nachdem er sich vorstellte, beobachtete ich Lis, doch Lorae hatte ihr Interesse glücklicherweise auf sich gelenkt. Sie war fasziniert davon, dass ein Mädchen ein so guter Kämpfer war und einen Hünen wie Marius besiegen konnte.
Nach dem zweiten Met sah sie jedoch immer öfter zu Baldr. Als sie mich ansah und ich ihren Blick erwiderte, konnte ich mir zu gut vorstellen, was in ihrem Kopf vorging. Ich zog die Augenbrauen ein wenig zusammen und hoffte, dass sie nichts komisches sagen würde. Bei den Göttern, sei bitte still, dachte ich und trank auch meinen zweiten Krug aus, ehe ich noch einen orderte. Sicher gab es sinnvollere Ausgaben als Alkohol, aber da ich ein eigenes Zimmer in Praha hatte, hatte ich Zugriff auf fast mein gesamtes Erspartes.
"Ich.. bin gleich zurück..", entschuldigte sie sich und gab Marius einen Kuss auf die Wange, ehe sie zum Austreten nach hinten ging.
"Ich muss auch..", meinte ich und folgte ihr kurz darauf.
Als sie aus dem Raum kam, stand ich direkt vor ihr und legte meine Hände an ihre Schultern. Ihre Augen wurden schon größer und ich konnte sie nicht aufhalten.
"Ist das der Junge, den du so magst?", fragte sie flüsternd und kicherte leise.
"Du sagst nichts, okay?"
"Er sieht wirklich so gut aus, wie du ihn beschrieben hast.."
"Sagte ich doch...", murmelte ich verlegen.
"Und er ist nicht mit Lorae zusammen. Hast du ja gehört."
"Vielleicht lügen sie. Außerdem hat das nichts zu bedeuten.."
"Naja... aber sie ist doch ganz hübsch.. Denkst du Marius hätte seine Hände bei sich behalten, wenn er mit so einem Mädchen auf einem Zimmer wäre? Ich glaube nicht... Also.."
"Also nichts", unterbrach ich sie.
Sie sah mich einen Moment an und ich versuchte zu erraten, was sie gerade dachte. Sie schien irgendwie nachdenklich, ein wenig ernst. Kein Grinsen, kein Lächeln. Nur nachdenklich. Ob sie irgendeinen seltsamen Plan schmiedete, der peinlich für mich enden würde? So weit würde sie nicht gehen..
"Er hat doch seine Ausbildung beendet. Du musst an eine andere Akademie. Also... wirst du ihn vielleicht nie wieder sehen.. Wenn nicht jetzt, wann dann? Du bist doch sonst nicht so eine Memme", meinte sie und grinste nun wieder frech wie eh und je.
"Ja, aber.."
"Nichts aber! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, hat Oma immer gesagt. Und wer nicht kämpft, hat schon verloren."
Ich rollte mit den Augen, wie immer, wenn sie mit ihren Weisheiten kam und auch noch irgendwie Recht hatte.
"Ich weiß nicht.. Ich.. muss pinkeln...", redete ich mich heraus und wandte mich von ihr ab, um nun auch meine Blase zu entleeren.
~ ♦ ~ Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung. ~ ♦ ~
- Eugene Ionesco
- Eugene Ionesco
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