☙Guns and Roses ❣ Yumia & Alea❧

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    • Eigentlich wollte Leonardo gleich wieder einen Rundgang machen, doch das Bild, das sich ihm bot, hielt ihn kurz gefangen. Nero hatte sich zu Amalthea getraut und ließ sich jetzt so richtig von ihr verwöhnen, dass der Kater sogar anfing, beruhigend zu schnurren. Die junge Frau wehrte alles ab, das erkannte er direkt an ihrer Körpersprache, nur jetzt schien sie sich zu entspannen, ja, selbst ihre Gesichtszüge wurden weicher, die davor recht ernst und hart auf den Schwarzhaarigen wirkten.
      Amaltheas Frage an ihn, verwunderte Leo einen kurzen Moment. Er ist es nicht gewohnt, dass man nach seiner Meinung fragt. "Er scheint ein tüchtiger, aber freundlicher Mann zu sein. Hier im Haus begegnet er allen mit Respekt. Spricht nicht von oben herab, denn das hatte ich zuerst von dem Blondi erwartet." rutscht Leo seine bewertende Meinung heraus. "Von meinem Vater und Deon weiß ich aber auch, dass er seinen Job stets gründlich, nein, eher penibel und präzise erledigt. Er scheint keine Fehler zu machen. Na ja, ist auch besser so. Fehler können tödlich sein." sprach Leon weiter, ehe er sich dann räusperte. Für seinen Geschmack, hatte er genug gesprochen. Seiner Meinung nach, standen ihm solche Aussagen auch gar nicht zu. Er ist nur ein Werkzeug, der Mann für das Grobe. "Ich gehe jetzt wieder. Du findest allein zurück in dein Zimmer?" fragte er aus Höflichkeit die junge Frau. Wenn es sein musste, würde er sie noch dorthin begleiten, und dann seinen Kontrollgang beginnen. Wenn Amalthea aber meinte, sie fände allein zurück, würde er ihr das fürs Erste glauben und gleich an seine Arbeit gehen. Er hatte nicht zu knapp Zeit verschwendet, mit diesem kleinen Plausch.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


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    • Amalthea konnte sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen, als sie hörte, wie Leonardo ihren Zukünftigen nannte. Diese Wortwahl hatte sie nicht von ihm erwartet. Es überraschte sie auf eine angenehme Weise. Gleichzeitig beruhigte es sie zu wissen, dass Mikail die Angestellten auf dem Anwesen gerecht behandelte. Zumindest schien es so. Ob es jedoch wirklich seiner Natur entsprach oder lediglich eine Fassade war, weil dies nicht sein eigenes Zuhause war, konnte sie nicht mit Sicherheit beurteilen.
      Trotzdem sträubte sich alles in ihr gegen die Entscheidung, die man über ihr Leben hinweg getroffen hatte. Es war ihr Schicksal, das hier verhandelt wurde, und doch hatte sie kein Mitspracherecht gehabt. Bei Leonardos weiteren Worten entwich ihr ein leises Seufzen. Wieder wurde ihr bewusst, in welcher Welt Mikail lebte. Freundlichkeit hin oder her, sein Geschäft bereitete ihr Unbehagen. Wie sollte sie sich jemals wirklich frei fühlen, wenn sie vielleicht nur aus den Fängen ihres Vaters in die eines anderen Mannes geriet? Sicherlich würde es niemanden kaltlassen, wenn der Deal zwischen ihren Familien scheiterte. Und sie war sich sicher, dass Enttäuschung in dieser Welt selten ohne Konsequenzen blieb.
      Als Leonardo sie fragte, ob sie den Weg zurück in ihr Zimmer allein finden würde, nickte sie. So weit war es nicht. Außerdem erschien ihr der Gedanke angenehm, ein paar Minuten für sich zu haben, um die Umgebung bewusster wahrzunehmen. Vielleicht konnte sie sich die Wege einprägen, kleine Details speichern, die ihr später nützlich sein würden. „Viel Spaß“, verabschiedete sie sich und schlug einen anderen Weg ein.
      So ausgiebig, wie sie es sich erhofft hatte, konnte sie das Anwesen jedoch nicht erkunden. Auch wenn nur wenig Zeit vergangen war, spürte sie plötzlich eine tiefe Müdigkeit. Der kleine Spaziergang und die frische Luft hatten ihr gutgetan, doch nun forderte ihr Körper seinen Tribut. Immerhin nahm sie etwas Positives mit. Sie hatte sich den Gang eingeprägt, wusste nun, wie viele Türen sich auf der Etage befanden, wie hoch die Decken waren und was sich darunter befinden musste. Kleine mentale Notizen, die ihr ein Gefühl von Kontrolle gaben.
      Kaum hatte sie ihr Zimmer erreicht und sich auf das Bett gelegt, überrollte sie die Erschöpfung wie eine Welle. Ihre Augenlider wurden schwer, und nur wenige Minuten später war sie eingeschlafen.
      Ein hartnäckiges Klopfen riss sie unsanft aus dem Schlaf. Genervt brummte sie leise und drehte sich auf die andere Seite, doch das Klopfen hörte nicht auf. „Was?“, fauchte sie schließlich gereizt und warf einen Blick zur Tür. Eine Bedienstete trat ein und informierte sie höflich, dass das Frühstück bald serviert werde. „Ich habe keinen Hunger“, erwiderte Amalthea knapp. Doch das schien keine akzeptable Antwort zu sein. Die Frau erklärte ihr mit vorsichtiger Stimme, dass ihr Vater darauf bestehe, dass sie am Frühstück teilnehme, damit sie Zeit mit Mikail verbringen könne. Ist das sein Ernst, dachte Amalthea verärgert. Ihre Laune sank augenblicklich tiefer. Dennoch wusste sie, dass die Bedienstete lediglich ihre Anweisungen ausführte, also schickte sie sie wortlos wieder hinaus.
      Die Müdigkeit lag ihr noch schwer in den Gliedern. Nicht einmal ausschlafen durfte sie. Kaum war sie wieder eingenickt, klopfte es erneut. Diesmal pochte zusätzlich ein dumpfer Schmerz in ihrem Kopf. Für einen Moment verspürte sie den impulsiven Drang, ihr Kissen quer durch den Raum zu werfen. Man forderte sie erneut auf, sich fertig zu machen. Da sie ahnte, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn sie sich weiter widersetzte, stand sie schließlich widerwillig auf. Ihre schlechte Laune machte sie nicht einmal ansatzweise zu verbergen. Warum sollte sie auch, wenn man sie ohne triftigen Grund aus dem Schlaf riss und sie zu etwas zwang, wozu sie keine Kraft hatte?
      Sie erinnerte sich daran, dass Deon am Vortag erwähnt hatte, man erwarte heute einen Gast. Wer das wohl sein mochte? Hoffentlich musste sie bei diesem Treffen nicht anwesend sein. Ihre Stimmung war ohnehin auf einem Tiefpunkt.
      Wie schon am Tag zuvor zog sie Kleidung an, die nicht ihrem Geschmack entsprach. Doch sie hatte keine Wahl. Sie war überstürzt hierhergebracht worden und hatte keine Gelegenheit gehabt, eigene Sachen einzupacken.
      Schließlich wurde sie zum Frühstück begleitet. Ihre Mutter war noch nicht erschienen, zumindest war sie ihr nicht begegnet. Auch wenn Mikail ihr bisher stets höflich begegnet war, verspürte Amalthea wenig Lust, ihn in dieser frühen Stunde zu sehen oder gar ein Gespräch mit ihm zu führen.
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    • Leonardo nickte Amalthea zu, als sich diese verabschiedete, und sah ihr nur kurz nach, ehe er seinen Rundgang im Außenbereich antrat. Die restliche Nacht blieb auch ereignislos, bis seine Ablösung kam und der Schwarzhaarige sein Zimmer aufsuchte und dort, ohne sich umzuziehen, ins Bett fiel, um auch gleich tief und fest einzuschlafen. Im Gegensatz zu Amalthea konnte er ausschlafen, so war er beim morgigen Frühstück nicht dabei.

      Mikail gehört zu den frühen Vögeln und so war der Blonde schon gegen sieben Uhr in der Früh auf. Auf Geheiß seines Leibwächters, war er sogar für 30 Minuten im Pool gewesen, um ein paar Runden zu schwimmen. Er war wahrlich keine Sportskanone und er hasste es, zu schwitzen, was es nicht leichter machte, ihn zum Sport zu motivieren. Daher war Schwimmen wohl die einzige sportliche Aktivität, der er ohne zu murren nachging, da man hier nichts vom Schwitzen merkte und sich danach auch gleich duschte.
      Nach seinem auferlegten Training und einer ausgiebigen Dusche, richtete sich Mikail wie immer sehr adrett und gepflegt her. Er legt sehr viel Wert auf sein Äußeres und besucht sogar die Maniküre für seine Nägel. Heute trug er einen hellen Anzug, wobei er die Krawatte wegließ. Wie frisch aus dem Ei gepellt, setzte er sich an seinen Schreibtisch und ging einige Dokumente und Berichte durch. Es wurde in jüngster Vergangenheit ein Verräter in den Reihen von Deons Geschäftsmännern geschnappt, der bis jetzt im Keller des Anwesens schmorte. Heute würde er sich um die Vernehmung kümmern müssen, und dafür musste er noch einen Mann der Tat aussuchen, wobei sein Augenmerk hier auf Leonardo lag. In der Zeit, wie er hier lebte, hatte er den Mann genausten beobachtet. Er ist still, dafür aber zuverlässig und stellt keine Fragen. Er ist wahrlich ein Werkzeug, das in den richtigen Händen, bestimmt Großes vollbringen kann.
      Später würde er ihn aufsuchen und ihn bitten, ihn bei der Befragung zu unterstützen. Doch jetzt wurde es langsam Zeit für das Frühstück und Deon bestand erneut darauf, dass Mikail aber auch Amalthea diesem beiwohnten.
      Er saß schon an dem reich gedeckten Tisch, sowie auch Deon. Nur die Damen des Hauses fehlten noch. "Da bist du ja endlich." blaffte das Mafiaoberhaupt seine Tochter an, als diese in Begleitung den Speisesaal betrat. Mikail zuckte bei ihrem Anblick etwas zusammen. Sah Amalthea schrecklich aus, mit den tiefen, dunklen Augenringen, die sie wohl nicht zu verstecken versuchte. "Da hat wohl jemand nicht schlafen können." dachte er sich, wobei er ist auch jemand, der am Anfang in einem neuen Bett sich mehrere Momente hin und her wälzt, ehe er einschlafen kann. Und in ihrem Fall war es ein fremdes neues Bett, das sie sich nicht ein mla ausgesucht hatte.
      "Guten Morgen." begrüßte er die junge Frau dennoch mit einem Lächeln und erhob sich, um ihren Stuhl zurückzuziehen. Er setzte sich dann wieder und widmete sich seinem Frühstück. Er schenkte Amalthea auch gleich Kaffee in ihre Tasse, versuchte sie aber nicht in ein Gespräch zu verwickeln. Mikail selbst konnte es gar nicht leiden, wenn jemand versuchte, ihm ein Ohr abzukauen, wenn er selbst, viel lieber tot ins Bett fallen würde. Es nahm daher auch an, dass Amalthea in diesem Moment keine Lust hatte auf einen kleinen Plausch.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
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    • Amalthea trat in Begleitung in den Speisesaal, ihre Schritte etwas langsamer als sonst. Noch bevor sie sich einen Überblick verschaffen konnte, traf sie die scharfe Stimme ihres Vaters. „Da bist du ja endlich.“
      Für einen kurzen Moment blieb sie stehen. Sie hätte sonst vielleicht sofort reagiert, doch Amalthea war schlicht zu müde, um sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen. Statt einer Antwort hob sie nur leicht den Blick und warf ihm einen stinkigen, wenig begeisterten Blick zu, bevor sie sich wortlos abwandte.
      Ihr Blick fiel kurz auf Mikail. Sie bemerkte sein leichtes Zusammenzucken, sagte jedoch nichts. Vielmehr ließ sie es einfach geschehen, als er aufstand und ihr den Stuhl zurechtrückte. Ohne ein Wort nahm sie Platz. Seine Höflichkeit war… unerwartet. Fast irritierend aufmerksam.
      Als er ihr dann auch noch Kaffee einschenkte, ohne dass sie etwas sagen musste, huschte für einen flüchtigen Moment ein kaum merklicher Ausdruck von Verwunderung über ihr Gesicht. Sie kommentierte es nicht, griff lediglich nach der Tasse und nahm einen ersten Schluck. Die Wärme tat gut, auch wenn sie die Müdigkeit nicht vertreiben konnte, die wie ein schwerer Schleier auf ihr lag. Sie hatte keine Energie für Gespräche. Kein Interesse daran, Worte zu wechseln, die ohnehin bedeutungslos wären.Stattdessen verlor sie sich in ihren eigenen Gedanken.
      Da war doch etwas gewesen. Ihr Blick glitt kurz zu Mikail, während sie gedankenverloren mit dem Rand ihrer Tasse spielte. Hatte er heute nicht etwas vor? Irgendetwas Wichtiges… jemand, den er treffen wollte? Sie runzelte leicht die Stirn. Sollte sie nachfragen? Nein.
      Allein der Gedanke an ein Gespräch ließ sie innerlich seufzen. Vielleicht später. Jetzt ganz sicher nicht.
      Sie senkte den Blick wieder und ließ ihre Gedanken weiterziehen. Da sie das Anwesen ohnehin nicht verlassen durfte, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich selbst irgendwie zu beschäftigen. Der Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht. Dann fiel ihr der kleine Pool ein, den sie am Vortag gesehen hatte. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit.
      Wasser hatte etwas Beruhigendes. Und solange Deon und Mikail beschäftigt waren, würde sich wohl kaum jemand daran stören, wenn sie sich dort aufhielt. Zumindest hoffte sie das. Der Gedanke, in Ruhe ein paar Momente für sich zu haben, ohne beobachtet oder in Gespräche gezwungen zu werden, war verlockend. Auch würde man sie im besten Fall nicht in einem Bikini sehen.
      Während sie mechanisch ein wenig von dem Essen zu sich nahm, begann sie im Stillen, einen kleinen Plan zu schmieden. Vielleicht würde sie sich später dorthin zurückziehen. Einfach verschwinden, ohne viel Aufsehen zu erregen. Ein paar Stunden Ruhe. Mehr verlangte sie gar nicht.
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    • Das Frühstück verlief ruhig, da alle am Tisch schwiegen. Als dann Deon wohl eine Frage oder vielleicht eher eine spitze Bemerkung an Amalthea richten wollte, kam er ihm zuvor. "Deon. Um wie viel Uhr genau, kann ich mit dem Gast rechnen? Ich nehme an, ich soll ihn mit dem Keller bekannt machen. Daher würde ich zuvor noch ein paar Vorbereitungen treffen. Alle wussten auf dem Anwesen, was sich im Keller der Villa befand: ein Folterkeller. Verschieden große Räume. Schalldicht, mit Fliesen verkleidet, die man mit einem Schlauch Wasser gut und schnell reinigen kann. Wer als Gast in den Keller kam, konnte nur hoffen, dass er wieder lebend das Tageslicht erblickte. Er ist reserviert für Verräter und Feinde, aus denen man sämtliche Informationen herauskitzeln wollte, die dem Don nützlich waren.
      Die Frage lenkte Deon von seiner eigenen ab, und wie von Mikail erwartet, ging er direkt darauf ein. "Alfredo hat mir vorher mitgeteilt, dass unser Gast gerade hierher begleitet wird. Das vor … ungefähr einer Stunde. Daher gehe ich davon aus, dass sie sogar schon vor 12 Uhr hier eintreffen werden." erläuterte Deon und aß dabei schmatzend von seinem Speck mit Eiern. "Ah, ich habe nichts anderes erwartet von deinem treuesten Mann." entgegnete der Blonde und nahm dann einen Schluck von seinem Kaffee. Kurz blickte er zur Tasse von Amalthea und schenkte dieser kommentarlos nach, als er sah, dass sie fast leer war, ehe er sich selbst etwas einschenkte. Mikail nahm dann seine Tasse in die Hand und schwenkte diese etwas hin und her, ehe er einen weiteren Schluck von dem dunklen Getränk nahm. Ruhig stellte er dann die Tasse wieder vor sich ab und sah mit wachem Blick zu Deon. "Es wäre wohl am besten, wenn wir uns in dein Büro begeben, damit ich weiß, welche Informationen ich beschaffen soll." schlug er dann dem Don vor. Deon nahm den Vorschlag auf und dachte beim Kauen darüber nach. "Gut." grunzte er einverstanden und warf seiner Tochter einen kühlen Blick zu. "Amalthea scheint ja eh nicht in Plauderlaune zu sein. Wir sollten keine Zeit verlieren." meinte das Oberhaupt des Hauses grimmig und erhob sich dann von seinem Platz. Mit seiner Serviette putzte er sich den Mund ab und warf diese auf den Teller, der nicht ganz aufgegessen worden war. Ohne seine Tochter einen weiteren Blick zu würdigen, verschwand Deon aus dem Speisesaal und verschwand in Richtung seines Büros.
      "Ich komme sofort." ließ Mikali ihn wissen und beendete sein Frühstück nicht so hektisch und abrupt. Im Gegensatz zu Deon, aß Mikail alles auf, was auf seinem Teller lag, und leerte auch seine Tasse. Sorgfältig tupfte er sich den Mund mit der Serviette ab und legte sie dann feinsäuberlich neben seinen Teller. "Verzeih, Amalthea, dass wir dich alleine lassen." richtete er sein Wort an die junge Frau, wobei er sich ein verschwörerisches Zwinkern nicht nehmen konnte. "Vielleicht haben wir später die Gelegenheit, ungezwungen zu reden und Zeit miteinander zu verbringen, wenn du denn willst." sprach der Blonde weiter und erhob sich dann von seinem Stuhl. "Ich hoffe bis später." verabschiedete er sich von ihr und deutete sogar eine kleine Verbeugung an, ehe er dem Don in sein Büro folgte.
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    • Amalthea musste ein theatralisches Seufzen unterdrücken. Der Gast. Immer sprachen sie nur vom Gast, nie fiel ein Name. Als würde sie mit dieser Bezeichnung auch nur ansatzweise etwas anfangen können. Selbst wenn sie den Namen erfahren hätte, hätte er ihr vermutlich nichts gesagt. Sie kannte sich weder mit Deons Geschäften noch mit den Menschen aus, mit denen er verkehrte. Sie hatte nie den Wunsch verspürt, mehr über seine schmutzigen Machenschaften zu erfahren, und dabei sollte es auch bleiben. Je weniger sie wusste, desto besser.
      Lustlos schob sie ihr Frühstück mit der Gabel über den Teller, während die beiden Männer sich weiter unterhielten. Wörter drangen zwar an ihr Ohr, doch sie bemühte sich, ihnen keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken. Ein bissiger Kommentar lag ihr bereits auf der Zunge. Sie hätte Deon ohne Weiteres fragen können, ob seine Gäste inzwischen grundsätzlich mit Handschellen empfangen wurden oder ob das nur ein besonderer Service des Hauses war. Doch sie schluckte die Bemerkung hinunter. Sie wusste nur zu gut, wohin das führen würde. Zu einem weiteren Streit, einer weiteren Standpauke und vermutlich einem weiteren Vortrag darüber, wie sie sich zu benehmen hatte. Darauf konnte sie an diesem Morgen gut verzichten.
      Zu ihrer Erleichterung schien Deon mit seinem Frühstück fertig zu sein. Kaum hatte er sich erhoben, verspürte Amalthea beinahe Genugtuung. Endlich. Sie war bereits davon ausgegangen, dass Mikail ihm sofort folgen würde. Stattdessen blieb dieser seelenruhig sitzen, führte seinen letzten Bissen zum Mund, trank seinen Kaffee aus und legte die Serviette anschließend ordentlich neben seinen Teller, als hätte es keinerlei Eile gegeben.
      Unwillkürlich hob Amalthea den Blick zu ihm. Sie wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Es hätte doch deutlich mehr Sinn ergeben, wenn er Deon unmittelbar folgte. Schließlich schien dieser Mann jederzeit nach ihm verlangen zu können. Umso sonderbarer wirkte es auf sie, dass Mikail sich nicht hetzen ließ.
      Als er sich schließlich bei ihr verabschiedete, sah sie lediglich schweigend zu ihm auf. Weder erwiderte sie sein Zwinkern noch seine Worte. Nicht aus Unhöflichkeit. Vielmehr wusste sie selbst nicht, was sie darauf antworten sollte. Sollte sie sich wirklich darauf freuen, Zeit mit ihm zu verbringen? Deon erwartete offensichtlich genau das von ihr. Andererseits langweilte sie sich auf diesem Anwesen bereits jetzt zu Tode. Vielleicht wäre ein Gespräch zumindest eine willkommene Ablenkung. Oder vielleicht wäre es sogar besser, wenn Mikail endlich ihre wahre Persönlichkeit kennenlernte. Nicht die schweigende Tochter, zu der ihre Mutter sie ständig ermahnte, sondern die Frau, die widersprach, provozierte und ihren Mund nicht hielt, wenn ihr etwas gegen den Strich ging. Wer wollte schon eine aufbrausende, vorlaute und sture Frau an seiner Seite haben, wenn man dabei war, sich sein eigenes Imperium aufzubauen?
      Amalthea schüttelte kaum merklich den Kopf.
      Du denkst eindeutig zu viel für diese Uhrzeit.
      Nachdem schließlich auch Mikail den Speisesaal verlassen hatte, blieb sie noch einige Minuten sitzen und beendete in aller Ruhe ihr Frühstück. Erst danach erhob sie sich und verließ ebenfalls den Raum. Sie verspürte nicht die geringste Lust, den restlichen Vormittag in ihrem Zimmer einzusperren. Fast wie von selbst trugen ihre Schritte sie hinaus in den Garten, den sie am Vortag bereits gemeinsam mit Mikail gesehen hatte.
      Im Morgenlicht wirkte die Anlage beinahe noch beeindruckender. Die Blumen standen in voller Blüte, akkurat geschnittene Hecken säumten die Wege, und irgendwo plätscherte ein Springbrunnen so gleichmäßig, dass es beinahe beruhigend wirkte. Langsam schlenderte Amalthea über den Kiesweg, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft gelang es ihr, für einen kurzen Augenblick tief durchzuatmen. Sie blieb an einem Rosenbeet stehen und ließ ihre Fingerspitzen über eine geöffnete Blüte gleiten.
      „Schön...“, murmelte sie leise. Schön, aber eingesperrt. Fast wie sie selbst. Ein bitteres Schmunzeln legte sich auf ihre Lippen.
      Nach einer längeren Weile führte ihr Spaziergang sie schließlich zum Pool. Das Wasser glitzerte einladend im Sonnenlicht und ließ sie unwillkürlich stehen bleiben. Sie hatte ohnehin nichts Besseres vor. Vielleicht würde das kalte Wasser ihren Kopf wenigstens für eine Weile freibekommen. Sie hielt eine vorbeigehende Bedienstete an. „Entschuldigung.“ Die junge Frau blieb augenblicklich stehen und verbeugte sich leicht.
      „Ja, Miss Amalthea?“
      „Ich würde gern schwimmen gehen.“
      „Selbstverständlich. Ich kümmere mich sofort darum.“
      Während die Bedienstete verschwand, setzte sich Amalthea an den Beckenrand und ließ ihre Beine ins angenehm kühle Wasser gleiten. Kleine Wellen breiteten sich kreisförmig über die glatte Oberfläche aus. Sie wusste genau, dass sie nicht wirklich allein war. Auch wenn sie niemanden direkt sehen konnte, war sie sich sicher, dass irgendwo ein Sicherheitsmann jede ihrer Bewegungen beobachtete. Der Gedanke gefiel ihr überhaupt nicht. Sie fühlte sich wie ein Vogel in einem goldenen Käfig, dessen Tür zwar offenstand, der aber trotzdem nicht fliegen durfte. Viel lieber hatte sie es, wenn Leo offensichtlich bei ihr stand, anstatt zu wissen, dass ein fremder Mann im Schatten stand.
      Kurz darauf kehrte die Bedienstete zurück und reichte ihr einen sorgfältig zusammengelegten Bikini. Argwöhnisch betrachtete Amalthea den Stoff einen Moment, ehe sie ihn entgegennahm. Offenbar hatte man ihre Größe erstaunlich gut eingeschätzt.
      „Danke.“
      Sie verschwand in einer kleinen Umkleidekabine am Rand des Pools. Während sie sich umzog, schweiften ihre Gedanken erneut ab. Schwimmen würde ihre Probleme nicht lösen. Deon würde dadurch nicht verschwinden und auch die drohende Hochzeit nicht. Doch vielleicht konnte sie sich für eine Stunde wenigstens einreden, dass sie einfach eine gewöhnliche junge Frau war, die einen Sommertag am Pool verbrachte.
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    • Als man nach Leonardo verlangte, saß dieser gerade in seinem Zimmer. Im Gegensatz zu Amalthea wirkte er nicht müde und erweckte nicht den Eindruck, als sei er unausgeschlafen. Er ist es nun mal gewohnt, kurze Nächte zu haben, und genügend Koffein und auch Nikotin halten ihn wach.
      Ohne nach dem Grund zu fragen, machte er sich auf den Weg zum Büro des Don. Er klopfte an die schwere, dunkle Türe und trat erst ein, als er von Deon die Erlaubnis erhielt. Der Mann saß wie immer hinter seinem massiven Schreibtisch. Seitlich davor saß Mikail in einem kleineren Sessel. Er wirkte ruhig, die Beine locker übereinandergeschlagen.
      "Ah, Leo. Wie schon angekündigt sollst du heute Mikail bei seiner Arbeit unterstützen." kam Deon sofort zum Punkt. Keine höfliche Begrüßung, keine Umschweife mit irgendwelchem Small Talk. Der Blick von Leonardo wanderte vom Don zu dem Blonden und nickte dann nur. "Gut." war dabei seine einfache Antwort. Keine weiteren Fragen.
      "Sehr gut. Ich habe nichts anderes von dir erwartet." gab Deon mehr als zufrieden von sich und wandte sich dann wieder an Mikail. Es schien, als wären sie gerade im Gespräch gewesen.
      "Damit solltest du alles wissen." meinte Deon zu Mikail und lehnte sich dabei entspannt in seinen Sessel zurück. "Ja. Damit bin ich im Bilde, was ich herausfinden soll." versicherte der Blonde und erhob sich dann aus seinem Sessel. Damit verließ Mikail das Büro, Leonardo dabei nur wenige Schritte hinter ihm. Der Schwarzhaarige folgte dem Blonden schweigend, und auch fragte er nicht, wohin es ging oder was seine genaue Aufgabe ist.
      Nachdem sie den Flur durchquert hatten und so zum Eingangsbereich gelangten, brach Mikail das Schweigen.
      "Du machst gerade eine bessere Arbeit als mein eigener Schatten." merkte er mit einem Schmunzeln an und verlangsamte dabei seinen Schritt, sodass Leonardo nun neben ihm lief.
      "Jetzt nicht mehr." erwiderte der Schwarzhaarige fast schon monoton, den Blick dabei nach vorn gerichtet.
      "Touché." gab Mikail amüsiert von sich und betrachtete dabei den Mann neben sich genauer. "Wir hatten noch nicht das Vergnügen, so eng zusammen zu arbeiten." stellte er wie beiläufig fest.
      "Nein." Wieder nur eine kurze Antwort von Leo.
      Der Blonde seufzte. "Es scheint mir, dass ich hier der alleinige Entertainer sein muss. Also weihe ich dich zumindest etwas ein, auch wenn es so scheint, dass es dich nicht wirklich interessiert." entschied Mikail, Leonardo in Kenntnis zu setzen.
      "Es ist mir nicht egal, aber eine mir aufgetragene Aufgabe erledige ich ohne unnötige Fragen."
      Etwas überrascht sah Mikail zu dem Schwarzhaarigen und hob dabei seine Augenbrauen.
      "Du scheinst deine Zunge doch nicht verschluckt zuhaben." grinste er. Das war klar als Scherz gemeint. Doch der kühle Blick von Leonardo ließ den Blonden kurz daran zweifeln, ob er das so aufgefasst hatte.
      "Wie gesagt rede ich nicht unnötig."
      "Das habe ich jetzt verstanden." nickte Mikail langsam. "Dann hör einfach zu." fuhr er fort und bezweifelte nicht, dass der Schwarzhaarige das gut konnte.
      "Wir erhalten heute Besuch von Mateo Salcedo. Er kümmert sich unter anderem um Transport und Lagerung von verschiedenster Ware. In letzter Zeit gab es Unstimmigkeiten. Manche Dinge sind einfach verschwunden. Nicht viel, aber genug, dass es doch auffällt. Auch die Finanzen sind nicht stimmig." erzählte Mikail, während der Schwarzhaarige aufmerksam lauschte. "Alle Ereignisse sind mit Herrn Salcedo verbunden. Daher soll ich ihn befragen." Mit diesen letzten Worten schritten die beiden jungen Männer durch die Eingangshalle und traten hinaus auf den großen Hof.

      Es dauerte nicht lange, bis ein dunkler Wagen durch das große Metalltor fuhr und auf dem Hof der Villa zum Stehen kam. Direkt vor Mikail und Leonardo.
      Aus dem Wagen stieg ein Mann, der ungefähr Mitte vierzig sein musste. Mateo Salcedo trug einen dunklen Anzug, der ihm etwas zu weit um den Bauch saß. Sein schwarzes Haar war bereits von einigen grauen Strähnen durchzogen und über seiner Oberlippe lag ein schmaler, akkurat gestutzter Bart. Er warf den beiden Männern ein lockeres Lächeln zu.
      Er wirkte ruhig. Fast schon gut gelaunt.
      "Er weiß nicht, weshalb er hier ist." dachte sich Leonardo, wobei man ihm seinen Gedankengang nicht im Gesicht ablesen konnte.
      "Herr Salcedo. Schön, dass Sie sich es einrichten konnten." begrüßte Mikail den Mann und deutete mit einer einladenden Geste zur Villa. Die Hand reichte er ihm nicht. Wenn Mateo clever wäre, hätte er dies schon als erstes Warnzeichen deuten können. Aber er ist nun mal nicht clever.
      "Ah, Herr Romanov. Es ist mir eine Freude, Sie endlich persönlichkennenzulernen."

      Herr Salcedo wurde zunächst in einen kleinen Salon gebracht. Mikail lief voran, Leonardo war hinter ihm. Dort standen bequeme Ledersessel, eine Karaffe mit Whisky und zwei Gläser bereit. Alles wirkte wie eine gewöhnliche geschäftliche Zusammenkunft.
      Mikail deutete auf einen der Sessel. "Bitte setzen Sie sich. Deon wird später möglicherweise noch zu uns stoßen. Zunächst möchte ich mir jedoch selbst einen Überblick über die aktuelle Lage verschaffen."
      Mateo nahm Platz. "Natürlich. Ich helfe gerne, wo ich kann."
      "Das habe ich gehofft." Mikail setzte sich ihm gegenüber und schenkte ihm etwas Whisky ein. Mateo nahm das Glas dankend entgegen, während der Blonde sich selbst nur eine kleine Menge eingoss.
      Sie sprachen zunächst über belanglose Dinge. Die letzten Lieferungen, beschädigte Frachtcontainer, Beamte, die plötzlich höhere Bestechungsgelder verlangten, und einige Männer, die angeblich nicht mehr zuverlässig genug waren. Mateo beantwortete jede Frage ruhig und ohne lange nachzudenken.
      Mikail ließ sich nichts anmerken. Er lachte sogar über eine beiläufige Bemerkung, als wäre dies tatsächlich nur ein freundliches Kennenlernen zwischen zwei Geschäftsmännern.

      "Sie arbeiten bereits lange für Deon." stellte Mikail irgendwann fest.
      "Fast dreizehn Jahre." Man konnte den Stolz in seiner Stimme hören. Ob er nur gespielt war?
      "Beeindruckend. In unserem Metier ist eine solch lange Zusammenarbeit nicht selbstverständlich."
      "Herr Vecera weiß Loyalität zu schätzen."
      "Daran zweifle ich nicht."
      Mikail führte das Glas zu seinen Lippen, ohne einen Schluck zu nehmen. Sein Blick ruhte über den Rand hinweg auf Mateo.

      "Deon meinte, Sie hätten einige Unterlagen vorbereitet."
      Mateo zögerte nur einen sehr kurzen Moment. "Natürlich."
      "Dann sehen wir sie uns am besten gleich an." Der Blonde erhob sich und stellte sein Glas ab. Mateo tat es ihm gleich, noch immer ohne sichtbares Misstrauen.
      Leonardo öffnete die Tür.
      "Die Unterlagen befinden sich unten", erklärte Mikail und ging voraus.
      "Im Archiv?" fragte Mateo.
      "So könnte man es nennen." Ein sanftes Schmunzeln umspielte dabei die Lippen von Mikail, aber nur kurz, dass niemand es wirklich sah. Außer Leonardo, ihm schien nichts zu entgehen.
      Mateo folgte ihm durch den Flur. Leonardo ging hinter den beiden Männern und bildete damit den Abschluss der kleinen Gruppe. Die Schritte hallten kaum, schluckte der Teppich doch jedes Geräusch.
      Je weiter sie sich vom repräsentativen Teil der Villa entfernten, desto schlichter wurde die Einrichtung. Die Gemälde und dicken Teppiche verschwanden. Schließlich erreichten sie eine schwere Tür, die zu einer Treppe in den Keller führte.
      Erst jetzt schien Mateo ein wenig unsicher zu werden. Unsicher blickte er zu Leonardo. Dann zu Mikail.
      "Ich dachte, die geschäftlichen Unterlagen würden in Deons Büro aufbewahrt."
      "Die wichtigen schon." entgegnete der Blonde.
      Mikail öffnete die Tür und stieg die ersten Stufen hinab.

      Mateo blieb für einen kurzen Augenblick stehen. Als er sich umdrehte, stand Leonardo direkt hinter ihm. Der große Leibwächter sagte nichts. Er wartete lediglich.
      Mateo setzte sich wieder in Bewegung und das Unwohlsein in seiner Brust wurde immer größer, je tiefer er dem Blonden die Treppen hinunter folgte.
      Unten war es deutlich kühler als im übrigen Anwesen. Das Licht der langen Deckenlampen wirkte hell und unbarmherzig. An den Wänden hingen keine Bilder mehr, und auf dem gefliesten Boden lagen in regelmäßigen Abständen Abflüsse. Der scharfe Geruch von Reinigungsmitteln hing in der Luft.

      Mateos Schritte verlangsamten sich.
      Sein Blick wanderte zu einer der schweren Metalltüren, dann zu dem zusammengerollten Wasserschlauch an der Wand.
      "Das hier ist kein Archiv."
      Mikail ging weiter, als hätte er ihn nicht gehört.
      "Herr Romanov."
      Der Blonde blieb vor einer der Türen stehen und legte die Hand auf den Griff. Erst jetzt wandte er sich um. Das höfliche Lächeln auf seinen Zügen war spurlos verschwunden.
      "Sie haben recht." Seine eisblauen Augen wirkten dabei kalt und ohne jegliches Mitgefühl.

      Mateos Gesicht verlor schlagartig jede Farbe. Er wollte einen Schritt zurückweichen, stieß jedoch gegen Leonardos Brust. Der Leibwächter hatte sich so lautlos hinter ihn gestellt, dass er es nicht einmal bemerkt hatte.

      "Was soll das werden?", fragte Mateo und versuchte vergeblich, seiner Stimme etwas Festigkeit zu verleihen. "Wenn Deon etwas von mir wissen will, kann er mich einfach fragen."
      "Er hat mich damit beauftragt."
      "Womit?"
      Mikail öffnete die Tür. Der Raum dahinter war klein und vollständig mit hellen Fliesen verkleidet. In seiner Mitte stand ein stabiler Stuhl. Daneben ein metallener Tisch, auf dem nichts lag. An der Wand ein weiterer Wasserschlauch.
      "Mit allem, was notwendig ist."
      Mateo wollte sich erneut umdrehen, doch Leonardo legte ihm eine Hand auf die Schulter.
      "Gehen Sie hinein." brummte der Schwarzhaarige ruhig.
      "Ich habe nichts getan."
      "Das besprechen wir drinnen." entgegnete Mikail.
      "Ich will mit Deon reden."
      "Später."
      Mateo machte keine Anstalten, den Raum freiwillig zu betreten. Leonardo verstärkte den Druck auf seiner Schulter. Er musste keine Gewalt anwenden. Der Größenunterschied und seine bloße körperliche Präsenz reichten völlig aus, um Mateo langsam vorwärtszuschieben.

      Als alle drei im Raum waren, schloss Leonardo die Tür hinter ihnen. Das metallische Einrasten des Schlosses war nicht besonders laut. Dennoch zuckte Mateo merklich zusammen. Es hatte etwas Endgültiges, dem er nicht entkommen konnte.

      Jetzt wusste er, dass er aufgeflogen war.

      "Setzen Sie sich." Mikails Stimme war ruhig. Fast geschäftsmäßig.
      Mateo blieb starr stehen. "Ich habe gesagt, ich will mit Deon sprechen." Ein leichtes Beben ging bei seinen Worten durch seine Stimme.
      Der Blonde neigte leicht den Kopf. "Und ich habe gesagt, Sie sollen sich setzen." Mikail wiederholte die Aufforderung ruhig, aber mit einem Ton, der erahnen ließ, dass seine Geduld bald ein Ende haben könnte.
      Mateo blickte zu Leonardo, der weiterhin stumm an der Tür stand. Für einen kurzen Moment schien er abzuwägen, ob er an ihm vorbeikommen könnte. Eine aussichtslose Überlegung.
      "Leonardo." sprach Mikail den Leibwächter an.
      Der Dunkelhaarige trat vor.
      "Seien Sie doch so gut und setzen Sie Herrn Salcedo auf den Stuhl."
      Leonardo packte Mateo am Oberarm. Der Mann versuchte noch, sich aus dem Griff zu winden, doch er hatte der Kraft des Schwarzhaarigen nichts entgegenzusetzen. Nur wenige Augenblicke später saß er auf dem Stuhl.

      Mikail nahm ihm gegenüber Platz und schlug gelassen ein Bein über das andere. In seinem hellen Anzug wirkte er vollkommen fehl am Platz. Als wäre er versehentlich aus einem vornehmen Restaurant in diesen kühlen Keller geraten.
      Nachdenklich legte er die linke Hand an sein Kinn und betrachtete sein Gegenüber eindringlich, ehe er Mateo ansprach.
      "Drei unserer Lieferungen wurden in den letzten Monaten abgefangen", begann er. "Die Täter kannten die Routen, die Abfahrtszeiten und sogar die Namen der Männer, die an den Kontrollpunkten bezahlt wurden."
      "Davon habe ich gehört."
      "Das glaube ich."
      "Ich habe damit nichts zu tun." beteuerte Mateo sofort, dabei wurde er danach gar nicht gefragt.
      Mikail atmete leise durch die Nase aus. "Sie enttäuschen mich."
      "Es ist die Wahrheit."
      "Nein. Es ist nur die erste Lüge, die Verräter aussprechen, sobald sie merken, dass ihnen niemand mehr glaubt."
      Mateo spannte sich sichtbar an. "Ich bin kein Verräter." presste er zwischen seinen Lippen hervor.
      "Dann wird dieses Gespräch gleich vorbei sein." Mikail wandte den Kopf leicht zur Seite. "Leonardo. Stellen Sie sich hinter ihn."
      Leonardo gehorchte. Er trat hinter den Stuhl und legte zunächst nur eine Hand auf die Rückenlehne. Mateo konnte ihn nicht mehr sehen. Gerade das schien ihn nervös zu machen. Sein Blick sprang unruhig hin und her, als könnte er dadurch erkennen, was hinter seinem Rücken geschah. Er konnte nur seine bedrohliche Präsenz spüren, wie einen unheilvollen Schatten, der in seinem Rücken lauerte.
      Mikail beobachtete das Spektakel mit kühler Aufmerksamkeit. "Legen Sie ihm eine Hand auf die Schulter."
      Leonardo tat, wie geheißen. Seine großen Finger schlossen sich über Mateos Schulter. Noch übte er kaum Druck aus, die Hand lag eher locker, doch der Mann wurde augenblicklich stiller.
      "Was soll das?" fragte Mateo. Seine Stimme rutschte dabei ein paar Töne höher.
      "Ich erkläre Herrn Santis lediglich, was tun soll." Mikail sah den Schwarzhaarigen ruhig an. "Wenn unser Gast versucht aufzustehen, drücken Sie ihn zurück herunter. Sollte er sich wehren, nehmen Sie den Arm nach hinten."
      Mateos Gesicht wurde noch eine Nuance blasser. Die ersten Schweißperlen wurden auf seiner Stirn sichtbar.
      "Nicht ruckartig." fuhr Mikail fort. "Schön langsam. So hat er genug Zeit, zu spüren, wie weit sich sein Schultergelenk bewegen lässt, bevor etwas nachgibt."
      Leonardos Blick ruhte auf dem Blonden. Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob Mikail dies wirklich verlangte oder nur wollte, dass Mateo es hörte. Doch es war nicht seine Aufgabe, diese Absichten zu hinterfragen. Jedenfalls nicht laut.
      "Verstanden." war nur seine knappe Antwort. Die Stimme monoton. Kein Hinweis darauf, ob ihm diese Situation missfiel.
      "Sehr gut." Mikails eisblaue Augen richteten sich wieder auf Mateo. "Noch einmal: Wer hat die Informationen über die Lieferungen weitergegeben?"
      "Ich weiß es nicht!"
      Der Blonde schloss nach dieser Antwort kurz die Augen und atmete einmal tief ein, ehe er sich an den Schwarzhaarigen wandte. "Leonardo, nehmen Sie seinen rechten Arm."
      Der Leibwächter griff nach Mateos Handgelenk und führte den Arm nach hinten. Noch war die Bewegung nicht schmerzhaft, doch Mateo spürte, wie mühelos Leonardo ihn festhielt.

      "Warten Sie!"
      Leonardo hielt inne.
      "Ja?" fragte Mikail ruhig. "Möchten Sie mir etwas sagen? Ich höre Ihnen gerne zu." Seine Aufmerksamkeit lag auf Mateo.
      "Ich habe nichts weiterzugeben."
      "Eine weitere Lüge." Der Blonde lehnte sich seufzend etwas zurück. "Ziehen Sie den Arm höher."
      Leonardo hob Mateos Hand einige Zentimeter an. Sofort spannte sich dessen gesamter Körper an.
      "Nicht zu schnell." wies Mikail den Leibwächter an. "Ich möchte nicht, dass die Schulter gleich aus dem Gelenk springt. Zunächst soll er den Druck spüren. Danach können Sie langsam weiterziehen, bis er versteht, dass ihn jederzeit nur eine kleine Bewegung von einer dauerhaften Verletzung trennt."
      Mateos Atem wurde hektischer. "Sie bluffen." quiekte er.
      Mikail lächelte nicht. "Tue ich nicht." erwiderte er mit kaltem Blick und ruhiger Stimme.
      Leonardo verstärkte den Druck ein klein wenig mehr. Mateo biss die Zähne zusammen und kniff die Augen zu.
      "Sollte das nicht ausreichen," erklärte Mikail weiter, "nehmen Sie anschließend seine Hand. Legen Sie sie flach auf den Tisch und beginnen Sie mit dem kleinen Finger."
      Leonardos Blick wurde eine Nuance härter. Mikail sprach über das Kommende, weder aufgebracht noch voller Freude. Es klang vielmehr so, als würde er einem Angestellten einen alltäglichen Arbeitsablauf erklären.
      "Biegen Sie ihn nicht sofort um." fuhr er fort. "Das wäre zu schnell vorbei. Erst zur Seite, bis das Gelenk an seine Grenze kommt. Dann halten Sie inne. Geben Sie ihm ein paar Sekunden, um darüber nachzudenken, ob ein Name nicht doch leichter über seine Lippen kommt."

      Mehr Schweißperlen bildeten sich auf Mateos Stirn. "Ich habe eine Familie!" versuchte er, an das Mitgefühl des Blonden zu appellieren.
      "Das wussten Sie auch, als Sie Deon bestohlen haben." entgegnete Mikail sehr nüchtern.
      "Ich habe ihn nicht bestohlen!"
      Mikail ließ ein leises Seufzen hören. "Dann machen wir nach dem kleinen Finger mit dem Ringfinger weiter. Danach mit dem mittleren. Den Zeigefinger lassen wir zunächst unversehrt. Menschen benutzen ihn gerne, um auf ihre Komplizen zu zeigen."
      Mateo sah ihn fassungslos an. In diesem Augenblick war nichts mehr von dem charmanten Mann übrig, der ihm vor wenigen Minuten noch beiläufig Whisky angeboten hatte. Mikail musste nicht schreien, und er musste seinen Gefangenen nicht einmal selbst berühren. Seine Stimme blieb beherrscht, seine Haltung elegant und sein Anzug makellos.
      Gerade das machte ihn beängstigend.
      "Und wenn er weiterhin schweigt?" fragte Leonardo trocken. Kein Mitgefühl, nur eine sachliche Feststellung
      Mikail sah zu ihm. Sein Blick war kühl und man konnte keine Emotionen darin lesen. Der Schwarzhaarige wusste selbst nicht genau, weshalb er diese Frage gestellt hatte. Vielleicht wollte er hören, wie weit der Blonde wirklich gehen würde.

      "Dann fixieren Sie seine Hand am Tisch und kümmern sich um das Handgelenk." antwortete Mikail ohne jede Verzögerung. "Danach das andere. Wir besitzen ausreichend Zeit und Mateo ausreichend Knochen."
      "Hören Sie auf!" Die Worte kamen deutlich lauter über Mateos Lippen als beabsichtigt und jetzt eine Oktave höher.
      Mikail hob leicht eine Augenbraue. "Ich habe noch gar nicht angefangen."
      "Ich kann Ihnen nichts sagen, was ich nicht weiß!"
      "Leonardo."

      Der Dunkelhaarige erhöhte den Druck auf den Arm. Mateo stieß einen gepressten Laut aus und versuchte, sich nach vorn zu beugen, doch Leonardos andere Hand hielt ihn unerbittlich an der Schulter zurück.
      "Rafael!" platzte es schließlich aus ihm heraus.
      Leonardo hielt sofort inne. Mikail saß regungslos da und beobachtete Mateo ruhig.
      "Rafael wer?"
      Mateo schloss für einen Moment die Augen. "Rafael Ibarra."
      Der Name gehörte zu einem von Deons erfahrensten Geschäftsführern. Ibarra kümmerte sich um mehrere Lagerhäuser am Hafen und genoss seit Jahren das Vertrauen des Mafiabosses.
      Mikail ließ sich keine Überraschung anmerken. "Das ist ein Anfang."
      "Er hat alles organisiert!"
      "Und Sie haben nur zufällig davon gewusst?"
      "Er ist zu mir gekommen! Er hat gesagt, dass wir bei jeder Lieferung einen Anteil bekommen. Es sollte niemand sterben."
      "Aber es sind Männer gestorben." Für einen kurzen Moment wurde Mikails Stimme härter.
      Mateo senkte den Blick. "Das war nicht geplant."
      Der Blonde sah zu Leonardo. "Noch nicht loslassen."
      Der Leibwächter verharrte in der Bewegung.
      "Wer gehört noch dazu?" fragte Mikail.
      "Ich kenne nicht alle."
      "Dann nennen Sie die, die Sie kennen."
      Mateo schwieg. Mikail wartete einige Sekunden. Dann deutete er mit einem kaum sichtbaren Nicken auf den gefangenen Arm.
      Leonardo hob ihn ein weiteres kleines Stück an.
      "Luis Ortega!" rief Mateo sofort. "Er hat die Frachtpapiere verändert."
      "Weitere Namen?" hakte Mikail ruhig nach.

      Mateo sang wie ein Vogel. Wie ein verängstigter Vogel, der um sein Leben bangte.
      Als alle Namen genannt waren, fragte Mikail weiter.
      "Und Beweise? Sie sind kein Mann, der sich vollständig auf das Wort anderer verlässt. Sie müssen etwas besitzen, mit dem Sie Ibarra unter Druck setzen konnten." schätzte er Mateo ein.
      Dessen Augen wanderten nervös zur Tür. "Es gibt keine Beweise."
      Mikail blickte zu Leonardo. "Die linke Hand."
      "Nein!" quiekte der Mann panisch.
      Leonardo ließ Mateos rechten Arm los, trat jedoch sofort an dessen Seite. Er griff nach der linken Hand und legte sie flach auf den metallenen Tisch. Seine Finger umschlossen Mateos Handgelenk wie eine Fessel aus Stahl. Sich zu wehren war zwecklos. Wie ein Schraubstock lag die Hand um das Gelenk.
      "Bitte." stieß Mateo flehend hervor.
      Mikail deutete auf dessen kleinen Finger. "Hier beginnen."
      Leonardo legte zwei Finger darum. Er hatte noch keinen echten Druck ausgeübt, doch Mateo verlor endgültig die Fassung.
      "Ein Schließfach!"
      Mikail hob die Hand. Leonardo hielt sofort inne.
      "Wo?"

      Mateo sprach schnell, stolperte über seine eigenen Worte. Doch er verriet alles. Es war sein letzter Strohhalm, seine letzte Hoffnung, dass er diesen Keller vielleicht doch noch lebend verlassen würde.
      Während der Mann sprach, fixierte Mikail ihn einige Sekunden lang stumm. Mateos Brust hob und senkte sich in schnellen Stößen. Schweiß lief ihm inzwischen an der Schläfe hinab, obwohl es im Keller kühl war.
      "Leonardo, Sie können ihn loslassen."
      Der Leibwächter nahm seine Hände zurück und stellte sich wieder hinter den Stuhl.
      Mateo zog beide Arme dicht an seinen Körper. Obwohl nichts gebrochen und kein Gelenk ausgekugelt worden war, rieb er sich über das Handgelenk, als wäre bereits eine schwere Verletzung entstanden. Dabei atmete er keuchend und viel zu schnell ein und aus.

      Mikail stand auf.

      "Ich habe Ihnen alles gesagt." versicherte Mateo hastig. "Alle Namen, die ich kenne. Das … das muss doch etwas wert sein."
      "Das wird sich zeigen."
      "Sie können mit Deon reden."
      "Das könnte ich."
      "Sagen Sie ihm, dass ich kooperiert habe. Ich kann weiterhin für ihn arbeiten. Ich kann Ibarra eine Falle stellen!"
      Der Blonde strich seinen Ärmel glatt und wischte imaginären Staub von diesem. "Sie hoffen auf eine mildere Strafe."
      "Ja." Mateos Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
      Mikail trat nah an ihn heran und sah auf ihn hinab. Sein Gesicht war wieder vollkommen ruhig. "Verrat wird in dieser Familie mit dem Tod bestraft."
      Mateo erstarrte. "Aber ich habe geredet!"
      "Das könnte einen Einfluss darauf haben, wie lange Sie in diesem Raum sitzen müssen."
      "Sie haben mir Hoffnung gemacht!"
      "Ich habe Ihnen nichts versprochen."
      "Herr Romanov, bitte…" flehte Mateo leise mit zitternden Lippen.
      Mikail beugte sich etwas zu ihm hinunter. "Sie haben Deon verraten, weil Ibarra Ihnen Geld angeboten hat. Jetzt verraten Sie Ibarra, weil Sie um Ihr Leben fürchten. Sie besitzen keine Loyalität, Mateo. Nur einen sehr ausgeprägten Überlebensinstinkt."
      "Ich kann nützlich sein." warf er verzweifelt ein.
      "Das waren Sie gerade." Der Blonde richtete sich wieder auf und wandte sich zur Tür. "Leonardo."
      "Ja?"
      "Er bleibt hier. Niemand spricht mit ihm, bis sämtliche Angaben überprüft wurden. Essen und Wasser bekommt er nur von Männern, die nicht zu den genannten Personen gehören."
      "Verstanden."

      Mateo erhob sich leicht von seinem Stuhl. Ein letzter Versuch. Ein kläglicher Versuch.
      Leonardo legte ihm sofort eine Hand auf die Schulter und drückte ihn nachdrücklich zurück.
      "Sagen Sie Deon, dass ich geholfen habe!" rief Mateo Mikail nach. "Ich habe Ihnen die anderen gegeben. Ich habe alles gesagt, was ich weiß!"
      Mikail blieb an der geöffneten Tür stehen und sah über seine Schulter. "Das werde ich ihm sagen."
      Für einen kurzen Augenblick zeigte sich Erleichterung in Mateos Gesicht.
      "Er wird sich sicher darüber freuen, dass er nicht nur einen Verräter, sondern gleich mehrere gefunden hat."
      Damit verließ Mikail den Raum. Die Tür fiel hinter ihm schwer ins Schloss.

      Leonardo blieb noch einen Moment bei Mateo. Der Mann sah zu ihm auf und versuchte vergeblich, in seinem Gesicht irgendeine Form von Mitleid zu erkennen.
      "Sie haben mich nicht verletzt." sagte er leise. "Sie wollten das doch auch nicht."
      Leonardo antwortete nicht.
      "Sie müssen mich nicht hierlassen."
      Der Schwarzhaarige sagte nichts. Sein harter Blick war Aussage genug.
      "Sie führen nur seine Befehle aus."
      Leonardos Blick wurde eine Nuance kälter. Sein Griff etwas fester, mit dem er Mateo auf den Stuhl drückte.
      "Deon benutzt Sie, genauso wie dieser Romanov!"
      Diese Worte trafen einen Punkt, den Mateo nicht einmal ahnen konnte. Leonardo ließ sich jedoch nichts anmerken. Er öffnete die Tür und winkte zwei Wachmänner herbei.
      "Niemand betritt den Raum ohne die ausdrückliche Erlaubnis von Herrn Romanov oder Herrn Vecera." wies er sie an. "Der Gefangene wird keine Sekunde aus den Augen gelassen."
      "Verstanden." erwiderten die Männer mit einem kurzen Nicken.
      Leonardo warf Mateo einen letzten Blick zu. Der Mann saß zusammengesunken auf dem Stuhl. Von der selbstsicheren Haltung, mit der er die Villa betreten hatte, war nichts mehr übrig.
      Mikail hatte ihn nicht schlagen müssen. Nicht einmal berühren. Er hatte seine Stimme kein einziges Mal erhoben. Er hatte lediglich Leonardo angewiesen, sich hinter ihn zu stellen, und sachlich beschrieben, was geschehen würde, wenn er weiterhin schwieg. Dabei hatte er den Leibwächter benutzt, als wäre er eine Waffe – eine, die man noch nicht einmal abfeuern musste, weil bereits der Anblick des Laufs genügte.
      Leonardo wusste nicht, ob er diese Vorgehensweise bewundern oder verabscheuen sollte.
      Vermutlich beides.

      Mikail erstattete Deon nur einen knappen Bericht. Mateo hatte gestanden: Rafael Ibarra und mindestens drei weitere Männer waren an dem Verrat beteiligt. Es gab ein Schließfach mit Beweisen, ein Wegwerftelefon und ein geplantes Treffen am Abend.
      Deons Gesicht verfärbte sich während der Schilderung zunehmend dunkler.
      "Dieser undankbare Bastard!" knurrte der Don und schlug mit der Faust auf den massiven Schreibtisch. "Ibarra hat seit neun Jahren für mich gearbeitet!"
      "Offenbar hielt er neun Jahre für ausreichend, um zu lernen, wie man Sie bestiehlt."
      Deon ignorierte den Seitenhieb oder bemerkte ihn in seiner Wut gar nicht. "Ich will sie alle hier haben."

      "Zuerst sollten wir die Beweise überprüfen." warf Mikail ruhig ein.
      "Na gut. Aber dann bringt ihr sie her!" knirschte Deon ungehalten mit den Zähnen.
      "Natürlich."
      "Noch heute."
      Mikail nickte schlicht. "Noch heute."

      Mikails Mann Joe wurde mit der Sicherstellung der Beweise beauftragt. Andere Männer durchsuchten Mateos Wagen und seine Wohnung. Sein Telefon enthielt tatsächlich Nachrichten, die genau zu seinen Aussagen passten. Die Frachtpapiere im Schließfach trugen veränderte Nummern und gefälschte Unterschriften. Mehrere Zahlungen ließen sich zu Konten zurückverfolgen, die direkt mit Ibarra und den anderen genannten Männern verknüpft waren.

      Mateo hatte die Wahrheit gesagt.

      Im Laufe des Nachmittags verschwanden nach und nach weitere Männer aus dem Alltag von New Caracas.
      Noch vor dem Abendessen befanden sich vier weitere Verräter im Keller der Villa. In getrennten Räumen. Keiner wusste, wie viel die anderen bereits gesagt hatten.
      Mateo hörte die schweren Türen im Korridor. Er hörte Schritte, gedämpfte Stimmen und einmal das wütende Brüllen Ibarras, der wissen wollte, welcher Feigling ihn verkauft hatte.
      Mateo antwortete nicht. Er wusste, dass Verrat mit dem Tod bestraft wurde. Nun musste er lediglich darauf hoffen, dass seine Kooperation ihm zumindest einen schnellen und schmerzlosen gewähren würde.

      Mikail überließ die weiteren Befragungen Deons Leuten. Er hatte die wichtigsten Informationen beschafft und seine Aufgabe damit erfüllt. Zudem spürte er nicht das Bedürfnis, den gesamten Tag im Keller zu verbringen. Der Geruch von kalten Fliesen und scharfem Reinigungsmittel hing ihm noch immer in der Nase.

      In seinem Zimmer legte er zuerst das Jackett ab und hing es sorgfältig auf einen Bügel. Danach öffnete er die obersten Knöpfe seines Hemdes und wusch sich ausgiebig die Hände. Es gab keinen sichtbaren Schmutz daran. Dennoch seifte er sie ein zweites Mal ein.
      Mikail empfand kein Mitleid mit Mateo. Der Mann hatte aus bloßer Habgier seine eigenen Leute verraten und dabei billigend in Kauf genommen, dass andere starben. Was mit ihm geschah, hatte er sich selbst zuzuschreiben.
      Trotzdem hinterließ eine solche Befragung stets eine gewisse Anspannung und einen bitteren Beigeschmack. Vor allem, wenn man jedes Wort, jede Bewegung und jede Reaktion haargenau kontrollieren musste. Mikail hatte exakt darauf geachtet, wann Mateos Blick zur Tür wanderte, wann sein Atem schneller wurde und an welchem Punkt die bloße Vorstellung von Schmerz schwerer wog als seine Angst vor Deons Strafe.
      Es war geistig zehrend. Und nun brauchte er etwas vollkommen Banales.
      Er nahm eine kleine Schale mit kandierten Früchten von seinem Schreibtisch und ließ sich auf den Sessel in seinem privaten Büro sinken. Auf dem Tisch lag noch das Buch, das er am Vorabend begonnen hatte – ein Kriminalroman über einen Ermittler, der einen Serienmörder jagte.
      Mikail öffnete es an der markierten Seite. Nach zwei Absätzen bemerkte er, dass er kein einziges Wort wirklich aufgenommen hatte.
      Er schlug das Buch wieder zu. "Wunderbar." murmelte er leise.
      Miakil schloss die Augen und legte den Kopf gegen die Lehne. Nur für einen kurzen Moment wollte er die Gespräche im Keller, Deons Wutausbruch und die genannten Namen verdrängen.
      Aus dem Flur drangen gedämpfte Schritte. Irgendwo im Anwesen wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Die Villa setzte ihren gewöhnlichen Tagesablauf fort, während mehrere Etagen tiefer fünf Männer auf ihr Todesurteil warteten.
      Mikail griff blind nach der Schale. Für heute genügte es ihm, an etwas Süßes zu denken.
      Zumindest für einige Minuten. Dann erhob er sich doch noch einmal und suchte den Bereich des Gartens auf, mit dem anliegenden Pool.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


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    • Die Dunkelhaarige klammerte sich einen Moment fester um das neu erworbene Bikinioberteil, während ihr Blick neugierig über den Bereich neben dem Pool wanderte. Erst jetzt fiel ihr rechts von ihr ein Durchgang auf, der zu einem dahinterliegenden Raum führte. Vermutlich befand sich dort eine Umkleide, immerhin wäre es wenig sinnvoll, wenn sie sich mitten am Pool umziehen müsste. Amalthea zog ihre Füße aus dem Wasser und erhob sich vom Beckenrand. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, bedacht darauf, auf dem feuchten Boden nicht auszurutschen, und machte sich auf den Weg zu dem Raum.
      Zu ihrer Freude bestätigte sich ihre Vermutung. Hinter dem Durchgang befand sich tatsächlich eine kleine Umkleide. Der Raum war schlicht gehalten und mit kaum mehr als dem Nötigsten ausgestattet. Doch gerade als Amalthea sich wieder umdrehen wollte, fiel ihr eine weitere Tür auf. Ihre Neugier war geweckt. Sie trat näher und öffnete sie nur einen Spalt. Dahinter befand sich lediglich eine Toilette. Doch direkt daneben entdeckte sie noch eine weitere Tür. Nun konnte sie es sich nicht verkneifen und öffnete auch diese. Eine Sauna. Amalthea hob überrascht die Augenbrauen. So schlicht war dieser Bereich also doch nicht.
      „Na schön“, murmelte sie leise und kehrte zur Umkleide zurück. Dort zog sie sich eilig um. Wie sie bereits vermutet hatte, saß der Bikini erstaunlich gut. Ein wenig zu gut, wenn sie ehrlich war. Sie sollte vermutlich besser nicht genauer darüber nachdenken. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr würde sie sich vermutlich darüber ärgern, dass sie sich überhaupt Gedanken darum machte.n Also kehrte sie lieber zum Pool zurück.
      Die Bedienstete, die ihr zuvor den Bikini gebracht hatte, wartete noch immer dort. Amalthea war es nach wie vor unangenehm, eine Person in ihrer unmittelbaren Nähe zu wissen, die offenbar nur darauf wartete, dass sie irgendeinen Wunsch äußerte. Sie war es nicht gewohnt, dass jemand ständig auf sie achtete oder bereitstand, um ihr jeden noch so kleinen Wunsch zu erfüllen. Vor allem aber wollte sie eines: Ruhe.
      „Könnte ich vielleicht etwas zum Musikhören bekommen? Ein Radio oder etwas Ähnliches?“
      Auch wenn die Frau eine Angestellte war, wollte Amalthea ihre eigene Frustration nicht an einer unschuldigen Person auslassen. Deshalb wandte sie sich höflich an sie. Die Bedienstete sah sie für einen Moment unsicher an. Ihre Haare waren zu einem strengen Dutt gebunden, und Amalthea konnte beinahe dabei zusehen, wie sie fieberhaft überlegte, was sie antworten sollte.
      „Einen Moment bitte.“
      Sie verneigte sich leicht und verschwand erneut.
      Amalthea setzte sich wieder an den Beckenrand und ließ ihre Füße ins Wasser sinken. Ihr Blick verlor sich auf der glatten Oberfläche des Pools. Es war unheimlich still. Das einzige Geräusch, das sie wahrnahm, war das leise Plätschern des Wassers, wenn es sanft gegen den Beckenrand schlug. Die Zeit schien sich in die Länge zu ziehen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hörte Amalthea Schritte. Die Bedienstete kehrte tatsächlich mit einem Radio zurück. Ohne ein Wort einzufordern, stellte sie es auf, schaltete es ein und platzierte es anschließend in ihrer Nähe.
      Amalthea blinzelte. Offenbar durfte sie das Gerät nicht einmal selbst bedienen. Ihre Laune sank ein wenig.
      „Etwas lauter, bitte“, bat sie dennoch. „Und haben Sie vielleicht auch eine Luftmatratze für den Pool? Wenn ja, könnten Sie die dann einfach ins Wasser legen?“
      Sie wollte nicht noch länger auf jemanden warten müssen. Die Bedienstete erhöhte die Lautstärke, nickte und verschwand erneut. Amalthea sah ihr kurz hinterher und beschloss, das als Zeichen zu betrachten, dass sie nun endlich ihre Ruhe haben durfte.
      Sie schwamm zunächst einige Runden durch den Pool, ließ sich treiben und bewegte sich dabei so lange durchs Wasser, bis die Anspannung in ihren Muskeln langsam nachließ. Schließlich drehte sie sich auf den Rücken und ließ ihren Körper von der Wasseroberfläche tragen. Ihre Ohren versanken dabei teilweise im Wasser, wodurch die Musik nur noch gedämpft zu ihr durchdrang.
      Es war eine andere Art von Stille.
      Eine, die sie nicht störte.
      Eine, die sie sogar genoss.
      Amalthea ließ die Augen geschlossen und verharrte in dieser Position. Für eine lange Zeit blendete sie alles um sich herum aus. Den Anwesen. Deon. Mikail. Die Sicherheitsleute. Ihre Mutter. Die Hochzeit. Die Flucht.
      Alles.
      Ihre Gedanken trieben schließlich genauso ziellos dahin wie ihr Körper.
      Doch anstatt bei ihrer gegenwärtigen Situation zu landen, führten sie sie an einen längst vergangenen Sommertag zurück.

      Sie saß mit einer Freundin im Park. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel, und die schwüle Luft klebte auf ihrer Haut. Zum Glück hatten sie unter einem großen Baum Schatten gefunden. Amalthea hatte die Beine ausgestreckt und widmete sich ihrem Crêpe, während ihre Freundin sie neugierig von der Seite musterte.
      „Wie bist du eigentlich bis heute keine Beziehung eingegangen? Nicht einmal in der Schule.“
      Amalthea erinnerte sich noch genau an den überraschten Blick ihrer Freundin.
      „Es ist ja nicht so, als hätte es keine Jungs gegeben, die auf dich standen“, fuhr diese fort. „Aber ich kann mich ehrlich gesagt nicht daran erinnern, dass du jemals für einen von ihnen Gefühle hattest.“
      Sie hatte recht gehabt.
      „Ich habe einfach ein ziemlich klares Bild davon, was ich bei jemandem suche“, hatte Amalthea schließlich geantwortet. „Und bisher gab es einfach niemanden, der mir das gegeben hat. Ich will meine Zeit und Energie nicht in jemanden investieren, wenn mir von Anfang an klar ist, dass es sowieso nicht funktionieren wird.“
      Ihre Freundin hatte sie einen Moment lang schweigend angesehen, bevor sich ein amüsiertes Lächeln auf ihre Lippen gelegt hatte.
      „Na ja, das heißt ja nicht, dass du ihn gleich heiraten musst. Ein bisschen Erfahrung sammeln kann doch nicht schaden. Was suchst du denn überhaupt genau?“
      Damals hatte Amalthea keine richtige Antwort darauf gehabt. Eigentlich hatte sie es noch immer nicht.
      „Ich ... es ist irgendwie schwierig.“ Sie hatte kurz überlegt. „Es ist einfach ein Gefühl. Jemand, dem ich mein Leben anvertrauen kann. Jemand, für den ich unersetzlich bin. Jemand, der mir die richtige Richtung zeigt und ... ich weiß nicht. Jemand, der irgendwie einen Soft Spot für mich hat.“
      Viel genauer konnte sie es nicht beschreiben. Sie suchte etwas, das sich nur schwer in Worte fassen ließ. Ganz weit hinten in ihrem Kopf schien eine leise Stimme zu flüstern: Etwas Verzwicktes. Amalthea hatte diesen Gedanken damals wie heute ignoriert.
      Sie wusste, dass sie stur, aufbrausend und mitunter ziemlich schwierig sein konnte. Vielleicht brauchte sie jemanden, der geduldig mit ihr war. Jemanden, der sie nicht sofort aufgab, wenn sie wieder einmal ihren Dickkopf durchsetzen wollte. Gleichzeitig wollte sie aber auch niemanden, der ihr einfach alles durchgehen ließ. Das Problem war nur, dass sie selbst nicht wusste, wie genau diese Person aussehen sollte. Also hatte sie irgendwann aufgehört, darüber nachzudenken. Sie würde es schon merken, wenn sie diesem Menschen begegnete. So zumindest ihre feste Überzeugung.
      „Ich glaube, du hast einfach zu viele Liebesromane gelesen“, hatte ihre Freundin damals lachend gemeint. „Nach all den Typen, die ich kennengelernt habe, waren die jedenfalls ziemlich weit von dem entfernt, was du suchst.“
      Und genau deshalb hatte Amalthea sich bisher auf niemanden eingelassen. "Vielleicht will ich etwas, was nicht im Bild von "Normal"passt", mrmelte sie, während sie das letzte Stück Crêpe aufass. "Aber ja, vermutlich habe ich zu viele Romane gelsen." Doch Amalthea wusste, dass das nicht stimmte. Sie war keine Leseratte, doch Liebesromane hatte sie dennoch gelsen, jedoch nicht genug, sodass ihre Realitätssinn sich davon hätte beinflussen lassen können.

      Ein sanfter Stoß gegen ihren Kopf riss sie aus ihren Erinnerungen. Amalthea öffnete die Augen und sah zur Seite. Die Luftmatratze war endlich da. Mit einiger Ungeschicklichkeit stemmte sie sich aus dem Wasser und kletterte auf die schmale, längliche Matratze. Sie war gerade groß genug, damit Amalthea bequem darauf liegen konnte. Die Sonne fiel durch die Öffnung über dem Pool und tauchte das Wasser in ein warmes Licht, ohne dabei unangenehm grell zu sein.
      Amalthea schloss erneut die Augen. Die Musik war nun wieder deutlich zu hören. Gedankenlos ließ sie die Finger ihrer linken Hand ins Wasser sinken und bewegte sie langsam durch die kühle Oberfläche. Wenn sie hier gemeinsam mit ihrer Mutter leben könnte, wäre diese Villa vermutlich gar nicht so schlimm. Doch sie wusste, dass sie nicht wirklich allein war.
      Deon war irgendwo auf dem Anwesen.
      Mikail ebenfalls.
      Und Leo konnte jederzeit auftauchen.
      Allein der Gedanke daran hielt sie davon ab, sich frei auf dem Gelände zu bewegen. Sie wollte niemandem begegnen und erst recht keine unnötigen Gespräche führen.
      Kurz blickte sie über das Wasser. Dabei meinte sie für einen Moment, eine leichte bläuliche Färbung an ihren Lippen zu erkennen. Vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Kalt war ihr durchaus, aber noch nicht so kalt, dass sie fror oder zu zittern begann. Noch nicht.
      Sie zog ihre Hand wieder aus dem Wasser und legte sie auf ihren Bauch. Eigentlich hatte sie ihrer Meinung nach ausreichend geschlafen. Trotzdem wurden ihre Gedanken zunehmend schwerer.
      Die Musik spielte weiter.
      Das Wasser bewegte die Luftmatratze sanft hin und her.
      Und ehe Amalthea es bemerkte, glitten ihre Gedanken endgültig in einen schläfrigen Zustand.
      Sie döste ein. Ihre Fingerspitzen der linken Hand tauchten wieder zurück ins Wasser und sogen die Kälte des Wasser auf.
      Ganz langsam.
      Während die Sonne über ihr schien, trieb die Luftmatratze beinahe lautlos über den Pool.
      Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft dachte Amalthea an nichts. Und für einen Moment war das alles, was sie wollte. Und für einen Moment war das alles, was sie in diesen Moment brauchte.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Mikail

      Der Poolbereich lag am entgegengesetzten Ende des Anwesens. Weit genug entfernt von den fensterlosen Räumen des Kellers, deren modrigen Geruch nach feuchtem Beton und kaltem Reinigungsmittel Mikail noch immer auf der Haut zu spüren glaubte.

      Auf den mit dicken Teppichen ausgestatteten Fluren begegneten ihm vereinzelte Bedienstete. Sie wichen ihm mit gesenktem Blick aus, oder nickten ihm höflich, aber stumm zu. In New Caracas lernte man schnell, dass Aufmerksamkeit tödlich sein konnte. Mikail ignorierte sie. Mit jedem Schritt, den er dem lichtdurchfluteten Außenbereich näher kam, reifte in ihm der Gedanke, ein paar Bahnen zu ziehen. Körperliche Anstrengung und das monotone Hin und Her waren das einzige Mittel, das die Bilder aus dem Verhörraum verlässlich aus seinem Kopf vertreiben konnte.

      Noch bevor er die gläsernen Schiebetüren zum Garten erreichte, drang Musik an sein Ohr. Es war ein gängiger Radiosender, der lieblos die aktuellen Charts rauf und runter dudelte. Nicht unbedingt sein Geschmack – zu laut, zu banal –, aber immerhin ein gewöhnliches Geräusch. Etwas, das nicht nach verhaltenem Flehen oder rascher Atmung klang. Er schüttelte leicht den Kopf, wollte er doch genau diese Gedanken vertreiben.

      Dass jemand am Pool war, hatte er erwartet. Welches Bild sich ihm jedoch bot, überraschte ihn.

      Es war Amalthea.

      Sie trieb auf einer schlichten Luftmatratze mitten auf der azurblauen Wasserfläche. Ein Arm hing schlaff über den Rand ins kühle Nass, die dunklen Haare fächerten sich leicht auf dem Plastik und ihrem Rücken auf. Sie schlief. Tief und völlig ahnungslos.

      Mikails Blick wanderte sofort absuchend über das Areal. Keine Wachen an den Eckpunkten der Balustrade. Kein Hausmädchen in Reichweite. Ein Muskel an seiner Kieferpartie spannte sich an. Ein Anwesen dieser Größenordnung war voller Gefahren – nicht nur durch Feinde von außen, sondern auch durch schlichte Unachtsamkeit. Was, wenn sie abgerutscht wäre? Ein plötzlicher Krampf, das lautlose Versinken im tiefen Bereich. In seiner Welt bedeutete ein unbewachter Moment oft den Unterschied zwischen Leben und Tod.

      "Gott sei Dank ist nichts passiert."

      Er atmete leise durch die Nase aus und streifte seine feinen Lederschuhe ab. Nachdem er die Hosenbeine seines Maßanzugs sorgfältig hochgekrempelt hatte, tauchte er den Fuß ins Wasser. Es war spürbar kühl. Wie lange lag sie hier schon in dieser Temperatur?

      Ohne lange zu zögern, wandte er sich ab und trat in den kleinen Durchgang, der sich weiter hinten befand. Versteckt hinter einer unauffälligen Holzblende befand sich die Steuerung der Anlagentechnik. Er aktivierte die Heizung und stellte das System auf angenehme fünfundzwanzig Grad ein.

      Das leise Anspringen der Pumpen erzeugte eine sanfte, kaum merkliche Strömung auf der Wasseroberfläche. Wie erwartet, trieb die Luftmatratze langsam, Zentimeter für Zentimeter, zum Beckenrand. Als sie nah genug war, fing Mikail das Plastik vorsichtig mit zwei Fingern ab und zog es an die Kante.

      Er setzte sich auf den warmen Naturstein und ließ die Beine ins Wasser gleiten. Die Kälte schoss kurz durch seine Muskeln, doch er blieb ruhig sitzen. Er positionierte sich so, dass er sie mit einer einzigen Handbewegung greifen konnte, sollte sie das Gleichgewicht verlieren. Wenn es hart auf hart käme, würde er nicht zögern, samt Anzug ins Wasser zu springen. Doch genau das galt es zu verhindern.

      Sie hatte schon beim Frühstück vollkommen erschöpft gewirkt – wahrscheinlich eine Konsequenz der Daueranspannung, die dieser Ort jedem Besucher aufzwang. Und sie ist obendrein eine unfreiwillige Besucherin. Er beschloss, sie nicht zu wecken. Schlaf gehörte zu dem einzigen Luxus, den man nicht kaufen konnte.

      Leonardo
      Der Trainingsraum roch nach schwerem Leder, Eisen und frischem Schweiß. Es war kein Ort für Dekoration. Nur Spiegel an einer Wand, schwere Sandsäcke und Reihen von Hanteln. Genau das, was Leonardo jetzt brauchte.

      Er hatte sein Shirt abgelegt. Das gleichmäßige Klatschen seiner Fäuste gegen den ledernen Sandsack hallte rhythmisch durch den Raum. "Links. Rechts. Ausfallschritt. Haken."

      Seine Muskeln arbeiteten automatisch, doch seine Gedanken kreisten noch immer um die Ereignisse vor der gefliesten Zelle. Um Mikail Romanov.

      In der Führungsetage von Deons Syndikat gab es zwei Arten von Männern: die Schlachter, die ihre Macht durch stumpfe, blutige Gewalt demonstrierten – Männer wie Deon selbst, die Territorium mit Leichen markierten. Und es gab die Strategen.

      Mikail gehörte definitiv zu Letzteren.

      Leonardo fing den schwingenden Sandsack mit beiden Händen ab und trat einen Schritt zurück. Schweiß lief ihm in klaren Bahnen über Brust und Rücken. Er griff nach einem Handtuch und beobachtete sein eigenes Spiegelbild.

      Mikail hatte Mateo im Keller nicht einmal berührt. Er hatte keine Waffe gezogen, nicht einmal die Stimme gehoben. Und doch hatte er den Mann innerhalb von Minuten gebrochen. Er hatte Leonardo als Instrument benutzt – als eine geladene Waffe, deren bloße Existenz im Raum reichte, um den Widerstand des Verräters zu zerschmettern. Das war keine rohe Brutalität. Das war Präzisionsarbeit. Kalt, berechnend und unendlich viel gefährlicher als ein Mann mit einem Messer.

      Ein Mann, der Blut vergaß, erzeugte Chaos und Rachegelüste. Ein Mann, der mit Worten und psychologischer Dominanz regierte, erzeugte Disziplin.

      Leonardo strich sich mit dem Handtuch über das nasse Haar. Bisher hatte er Mikail für einen verwöhnten, eleganten Außenseiter gehalten, der sich nur zufällig in Deons Zirkel bewegte. Jetzt wusste er es besser. Der Blonde war ein Raubtier – er trug nur einen besseren Anzug als die anderen und sah auch besser aus. "Ein Wolf im Schafspelz." dachte er sich kurz.
      Wenn Deon von ihm verlangte, für Mikail das zu werden, was sein Vater für den Don ist, dann verlangte er bedingungslose Loyalität. Solange Mikail jedoch auf sinnlose Grausamkeit verzichtete und seine Ziele mit Verstand erreichte, konnte Leonardo damit leben. Mehr als das.
      In einer Welt, die von Idioten und Psychopathen regiert wurde, war ein intelligenter Boss eine Seltenheit. Für einen Mann wie Mikail Romanov den Rücken freizuhalten und ihm als Schatten zu folgen, war kein bloßes Erbe seines Vaters mehr. Es war eine Entscheidung, die sich tatsächlich lohnen könnte.
      Leonardo griff nach den schweren Hanteln und trainierte weiter. Er muss bereit sein, auch wenn er im Augenblick nicht einmal weiß, wofür.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Amalthea wusste nicht mehr, worüber sie geträumt hatte, oder ob überhaupt ein Traum sie während ihres kurzen Schlafes aufgesucht hatte. Vielleicht war die Zeit einfach zu knapp gewesen, als dass ihr Körper ihr für einen kurzen Moment einen Zufluchtsort hätte schenken können. Auch wenn sie sich einen solchen kleinen Ausflug in eine heile Welt gewünscht hätte, war sie dennoch froh, überhaupt ein wenig Schlaf bekommen zu haben. Vielleicht war es das sanfte Wippen der Luftmatratze, vielleicht die Kälte, die sich allmählich durch ihre Haut zog, oder aber das gleichmäßige Plätschern des Wassers, das sie langsam zurück in die Realität holte.
      Die Musik lief noch immer. Offenbar hatte niemand daran gedacht, das Radio auszuschalten. Eigentlich wäre es auch nicht nötig gewesen, es überhaupt zu holen, wenn sie ihren Aufenthalt im Pool ohnehin größtenteils verschlafen hatte.
      Mit einem leisen Brummen zog Amalthea die Augenbrauen zusammen und öffnete langsam die Augen. Der Schlaf lag noch schwer in ihren Knochen, während ihr Blick zunächst verschwommen über ihre Umgebung glitt. Für einen Moment meinte sie, eine Gestalt neben sich zu erkennen. Sie blinzelte, rieb sich verschlafen über die Augen und wartete, bis der Schleier vor ihrem Blick sich langsam lichtete.
      Als sie ihre Hände wieder sinken ließ, stellte sie fest, dass sich tatsächlich jemand unmittelbar neben ihr befand.
      „Was zum ...“
      Ein erschrockenes Quieken entwich ihr, bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnte. Instinktiv wollte sie nach hinten ausweichen, doch die Luftmatratze war schmaler, als sie in ihrem verschlafenen Zustand bedacht hatte. Ihre Hand griff ins Leere, oder vielmehr direkt ins Wasser. Ihr Gleichgewicht geriet ins Wanken. Amalthea spürte, wie ihr Körper nach hinten kippte. Reflexartig kniff sie die Augen zusammen und bereitete sich bereits darauf vor, mit einem lauten Platschen im Wasser zu landen. Doch dazu kam es nicht.
      Eine Hand schloss sich um ihr Handgelenk. Ihr Körper wurde abrupt aufgehalten.
      Amalthea sog scharf die Luft ein. Der Griff war fest, aber keineswegs schmerzhaft. Für einen Moment wagte sie kaum, sich zu bewegen. Erst als sie begriff, dass sie nicht ins Wasser fallen würde, öffnete sie vorsichtig die Augen. Eilig richtete sie sich wieder auf der Luftmatratze auf und räusperte sich.
      „Sorry ... und danke.“ Sie hatte keinesfalls damit gerechnet, dass er trotz seines Aussehens so schnell und standhaft reagieren konnte. Sie hatte ihn bisher nur in gescheiten Kleidung gesehen, sodass sie eher die Kraft eines Büroarbeiters vor Augen hatte. Dass er selbst trainieren würde, so weit zumindest, dass er sein eigenes Leben beschützen könnte und dadurch selbst an seine kröperliche Grenzen geriet, kam ihr bisher nicht in den Sinn.
      Ihre Stimme war deutlich leiser als gewöhnlich. Die Peinlichkeit ihrer Reaktion brannte ihr bereits in den Wangen. Sie traute sich kaum, ihrem Gegenüber direkt in die Augen zu sehen. Ausgerechnet sie, die sonst für gewöhnlich keine Gelegenheit ausließ, einen bissigen Kommentar abzugeben, hatte sich gerade wie ein erschrockenes Kind angestellt.
      Um wieder etwas Kontrolle über sich selbst zu gewinnen und vor allem von ihrem kleinen Missgeschick abzulenken, ließ sie den Blick stattdessen an ihm hinabwandern. Ihre Augen blieben an seiner Hose hängen. „Zur Erfrischung hier?“ Es war die naheliegendste Frage, die ihr einfiel.
      Nach seinem Termin fragte sie gar nicht erst. Sie konnte sich bereits vorstellen, dass Mikail ihr ohnehin keine vollständige Antwort geben würde. Zumindest nicht, wenn seine Angelegenheiten etwas mit Deon und dessen Geschäften zu tun hatten. Und wenn sie ehrlich war, wusste sie nicht einmal, ob sie die Wahrheit wirklich hören wollte. Vielleicht war es etwas, bei dem sie ihn oder Deon am Ende verurteilen würde. Vielleicht war es besser, manche Dinge nicht zu wissen. Sie hatte ohnehin genug auf ihren eigenen Teller, da musste sie sich nicht ihre Nase in Dinge stecken, von denen sie keine Ahnung hatte und sie wusste, dass es nichts Gutes mit sich brachte.
      Ihr Blick wanderte deshalb wieder zur Seite und blieb an den hohen Fenstern hängen. Das Licht draußen hatte sich verändert. Als sie in den Pool gekommen war, hatte die Sonne noch deutlich heller geschienen. Mittlerweile lag eine dunklere Färbung über dem Garten.
      Amalthea runzelte leicht die Stirn.
      „Wie lange habe ich denn geschlafen?“
      Die Frage war kaum mehr als ein leises Murmeln und schien beinahe mehr an sie selbst als an Mikail gerichtet zu sein.
      Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch immer auf der Luftmatratze lag und Mikail offenbar nah genug am Pool gestanden hatte, um sie im Notfall aufzufangen. Ein unangenehmer Gedanke schlich sich in ihren Kopf.Hatte er sie etwa die ganze Zeit beobachtet? Amalthea verzog leicht das Gesicht.
      „Und bevor du irgendetwas sagst ...“
      Sie hob einen Finger, während sie versuchte, ihre Würde wiederzufinden.
      „Ich bin nicht eingeschlafen. Ich habe nur ... die Augen ausgeruht.“
      Eine kurze Pause. Sie wusste selbst, wie lächerlich das klang.
      „Sehr gründlich.“
      Ihre Mundwinkel zuckten kaum merklich, bevor sie den Blick wieder abwandte. Vielleicht sollte sie einfach so tun, als wäre nichts passiert. Immerhin war das deutlich weniger peinlich, als sich weiter darüber Gedanken zu machen. Doch dann fiel ihr etwas anderes auf.
      Die Luftmatratze bewegte sich noch immer leicht unter ihr, und ihr Körper fühlte sich inzwischen unangenehm kühl an. Sie hatte deutlich länger geschlafen, als sie ursprünglich beabsichtigt hatte. Amalthea schob eine nasse Haarsträhne aus ihrem Gesicht und setzte sich etwas aufrechter hin.
      „Ich nehme an, ich habe damit meinen geplanten Nachmittag erfolgreich verschlafen.“
      Sie seufzte leise und ließ den Blick über den Pool wandern. Für einen Moment war da wieder dieses Gefühl von Ruhe. Beinahe hatte sie vergessen, wo sie sich befand. Beinahe.
      Dann erinnerte sie sich wieder daran, dass sie nicht alleine hier war und dass ihr eigentlich nicht einmal klar war, wie viel Zeit ihr noch blieb, bevor jemand sie wieder aus diesem kleinen Stück Freiheit zurück in die Realität holte.
      Ihre Finger glitten gedankenverloren über die Oberfläche der Luftmatratze.
      „Ist irgendetwas passiert, während ich geschlafen habe?“ Diesmal sah sie Mikail doch an. Nicht lange. Nur einen kurzen Moment. Doch ihre Neugier war stärker als ihr Wunsch, sich nicht in seine Angelegenheiten einzumischen.
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