Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zoras hatte nicht damit gerechnet, jemand anderen in ihrem Gemach vorzufinden. Er hatte noch viel weniger damit gerechnet, Kassandra am Ende ihres Zyklus anzutreffen.
      Wie zur Salzsäure erstarrt blieb er in der offenen Tür stehen, hinter ihm seine Garde, die sich an ihre angestammten Plätze zurückzog. Perplex starrte er auf Kassandra, oder eher das kleine Mädchen, das dort von Rußflecken gesprenkelt inmitten eines Aschehaufens saß. Heute Morgen hatte er noch die Hand einer greisen Frau geküsst, jetzt saß dort eine Phönixin, die gut und gerne seine Enkelin sein mochte.
      "Grundgütiger, Kassandra, warum hast du nicht -"
      „Sei so gut und schließe die Tür“, sagte Kassandra in einer kindlichen Stimme, bei der es Zoras schauderte. Ganz mechanisch drehte er sich zur Tür um und verschloss sie vor den neugierigen Blicken, die nach innen dringen könnten. Was man wohl von einem nackten Mädchen im königlichen Gemach halten mochte? Ihr Götter im Himmel, steht mir bei.
      Langsamer drehte er sich wieder zu Kassandra um, die sich die Asche von der Haut strich und dann aufstand. Sie war wirklich splitternackt und ihr Körper noch nichtmal ansatzweise soweit, um die sonst gewohnte Form anzunehmen. Zoras wusste gar nicht, wohin er schauen sollte; das war alles viel zu viel für ihn. Gestern war sie noch im Alter seiner Großmutter gewesen, heute seiner Enkelin. Er wusste noch nicht einmal, ob er ihren reifen Körper wieder ansehen konnte, ohne an eines der anderen beiden zu denken. Was für ein Chaos.
      „Meine Natur muss sich noch setzen, aber schon morgen wirst du mich in altbekannter Erscheinung bewundern können“, sagte Kassandra und Zoras glaubte, Belustigung aus ihrer Stimme zu hören. Es war schwierig zu bestimmen, weil sie so kindlich war - und außerdem war er sowieso damit beschäftigt, mit der Situation klarzukommen.
      "Das ist... gut."
      Mit ein paar langen Schritten kam er zu ihr und wollte ihr schon das oberste Gewand seiner Tracht überlegen, da fing die Asche zu ihren Füßen an, sich zu bewegen und sich zu einem locker fallenden Kleid zu formen. Zoras atmete ein bisschen auf; jetzt musste er zumindest nicht mehr darüber nachdenken, wie sich dieser Körper noch entwickeln würde. Die Vorstellung bereitete ihm schon Kopfschmerzen.
      "Warum hast du nichts gesagt?", setzte er erneut an und warf den eigenen Stoff auf das Bett. Mit Kassandra in dieser Form würde er keinesfalls Bedienstete ins Gemach lassen, da konnte er auch sehr gut selbst damit beginnen, sich aus den ganzen Lagen zu schälen. Er nestelte an seinen Schnüren herum und sah mit einiger Unannehmlichkeit auf das Kind hinab. Die ganze Situation war höchst skurril.
      "Wir hätten dir Wachen abstellen können. Oder ich hätte nach Mirdole senden können. Was, wenn Dionysus deine Asche gefunden hätte?"
      Er hielt inne um in die roten Augen zu blicken, die ihn so sehr an Kassandras gewöhnliche Gestalt erinnerten, dass es ihm wirklich wie zwei Personen schien.
      "Du siehst aus wie deine eigene Tochter. Götter ist das merkwürdig."
    • „Warum hast du nichts gesagt?“
      Kassandra stemmte die Hände in die schmalen Hüften und musterte Zoras, wie er sich halbherzig aus seiner eigenen Gewandung zu schälen suchte. Ja, warum hatte sie nichts gesagt? Weil sie wusste, dass es schneller von statten gehen würde. Dass er nicht in ihrer Nähe bleiben müsste und es besser wäre, wenn so wenige Menschen wie möglich davon wussten, dass sie praktisch nicht da gewesen war.
      „Weil ich dich nicht aus wichtigen Sitzungen reißen wollte und mir bewusst war, wie schnell es dieses Mal von statten gehen würde. Schließlich gibt es keine Bündnisse mehr, die mich einschränken“, antwortete sie nach einem Moment des Überlegens und versorgte ihn mit einer Teilwahrheit.
      Mit einem Seufzen fielen ihr die Arme an die Seiten, als sie an den Mann herantrat und damit begann, Band für Band und Strang für Strang zu lösen. Ohne die Bediensteten fiel es ihm schwer, die gesamte Gewandung abzulegen und sie hatte es schon so oft gesehen und selbst getan, dass es kein Hindernis für sie war. Nur der Größenunterschied fiel unangenehm ins Gewicht: an die oberen Riemen kam sie nicht so wirklich.
      „Wir hätten dir Wachen abstellen können. Oder ich hätte nach Mirdole senden können. Was, wenn Dionysus deine Asche gefunden hätte?“
      „Ich vertraue niemanden von ihnen, sei es Gott oder Mensch. Niemand von ihnen konnte genau bestimmten, wie lange ein Zyklus bei einem Phönix andauert und selbst Dionysus wäre nicht schnell genug hier, um zu intervenieren. Mirdole traue ich auch noch immer einen eigenen Plan zu und von Menschen fange ich gar nicht erst an.“ Ihr Vertrauen in die Sterblichen war noch immer entsprechend erschüttert. Sie mochten Zoras gegenüber loyal erscheinen, aber es bedurfte nur einen Augenblick der Schwäche, um eine Katastrophe loszutreten. Dies hatte sie schließlich am eigenen Leibe erfahren dürfen.
      Zoras hielt inne, um Kassandra zu beäugen. Anders konnte man es nicht nennen, wie er sie ansah und offensichtlich nicht wusste, was er davon halten sollte. Das weckte nun doch etwas Belustigung in Kassandras angespannter Stimmung. „Was?“
      „Du siehst aus wie deine eigene Tochter. Götter ist das merkwürdig.“
      „Areti hat jedoch rote Haare und nicht die meinen… Allerdings glaube ich zu wissen, wie du es meinst“, sagte sie und lächelte amüsiert, während sie weiterhin Streifen über seine Schulter warf und ihn schließlich aus dem Gewand schälte. „Das hätten auch deine Diener tun können. Mir kann jetzt niemand mehr gefährlich werden, außer du hegst ein Problem damit, mich zu präsentieren?“
      Darauf zögerte der Mann abermals und Kassandra hob erwartungsvoll ihre Augenbrauen an. „Aha? Du willst mich ihnen nicht zeigen? Wieso denn nicht? Weil ich jetzt so kindlich und weniger erhaben wirke? Oh, das hat wenig Einfluss auf meine Macht.“
      In den meisten Kreisen, in denen Kassandra bislang gewandelt war, waren Kinderehen nicht unbedingt selten. Schon früh nahm man sich Mädchen, um sie früh dazu zu bringen, Nachkommen zu gebären. Ob es nun Kinder oder junge Frauen waren – für Kassandra war das Einerlei. Kinder und ihre Entwicklungsstadien kannte sie als Göttin nicht und auch bei Areti war diese Phase viel zu schnell verflogen. In der Geschwindigkeit eines Wimpernschlages war ihre Tochter groß geworden, die langsame Entwicklung und das kleinkindliche Gehirn war bei ihr gar nicht vorhanden gewesen. Amartius hatte ebenfalls Stadien übersprungen. Eine Art Beschämung wie Zoras sie verspürte, kannte Kassandra nicht.
      Ihre Hände, zart und jung und weich, glitten über seine Flanken und er zuckte unweigerlich zurück. Mit einem Schmunzeln nahm sie es zur Kenntnis und zog die Hände zurück. Dann ging sie an ihm vorbei zum Bett und kletterte darauf. So elegant sie auch wirken wollte – der Effekt war minder ausgeprägt. Neben sich klopfte sie auf das Bettzeug.
      „Keine Sorge. Morgen oder spätestens übermorgen hast du wieder die Frau vor Augen, die du liebst.“
    • Zoras ließ sich nur sehr unwillig von Kassandra ausziehen - wie sah das denn aus? Eine Kind-Bedienstete, die ihm - einem fast 40 Jahre älteren Mann - die Oberkleider abschälte? Er wusste zwar, dass solche Bedienstete vielerorts Gang und Gäbe waren, aber Zoras hatte das selbst nie für gut beschrieben. Er musste immer nur an eigene Kinder denken und wollte mit gewissen Vorlieben nicht assoziiert werden. Unangenehm berührt versuchte er, sich größtenteils selbst auszukleiden. Ein beinahe unmögliches Verfangen.
      „Das hätten auch deine Diener tun können", sagte Kassandra mit ihrem zuckersüßen Stimmchen. Zoras gab sich Mühe, die echte Kassandra darin herauszuhören. "Mir kann jetzt niemand mehr gefährlich werden, außer du hegst ein Problem damit, mich zu präsentieren?“
      "Naja...", begann Zoras, zum ersten Mal seit langem sprachlos. Ihm fiel keine passende Ausrede ein, da hatte Kassandra schon eine Augenbraue hochgezogen.
      „Aha? Du willst mich ihnen nicht zeigen?"
      Unwohl verlagerte Zoras sein Gewicht von einem Bein aufs andere.
      "Nein."
      "Wieso denn nicht? Weil ich jetzt so kindlich und weniger erhaben wirke? Oh, das hat wenig Einfluss auf meine Macht.“
      "Auf deine Macht nicht, aber..."
      Zoras druckste ein wenig herum. Jetzt war er erst recht froh, keine Bediensteten um sich zu haben, weil ihn die Situation überforderte. Er vergaß alle seine königlichen Gebärden, als er so nach Worten suchte.
      "Man würde sich fragen, wer du bist. Wenn du meine Tochter bist, woher kommst du? Und wenn nicht, was suchst du hier? Ich will nicht, dass die Leute mir unterstellen, Kinder in mein Bett zu holen. Als ob ich es... nötig hätte und überhaupt..."
      Kassandra berührte ihn an der Hüfte, sehr geflissentlich. Zoras zuckte zurück und redete sich ein, dass es wegen der Berührung selbst war. Nicht, weil ihre Hände sich so klein und gebrechlich anfühlten.
      "Nicht."
      Kassandra schmunzelte nur, dann zog sie ab und kletterte ins Bett hinein. Kletterte wortwörtlich, auf Händen und Knien, wie ein Kind auf der Suche nach Bausteinen. Als sie sich dann dort auf ihrem angestammten Platz drapierte und neben sich klopfte, rieb Zoras sich die Stirn. Das konnte ja noch was werden.
      „Keine Sorge. Morgen oder spätestens übermorgen hast du wieder die Frau vor Augen, die du liebst.“
      "Ich liebe dich auch jetzt - ich liebe dich immer, Kassandra", bemühte er sich, während er sich selbst ins Bett legte. Im Liegen war alles sogar noch viel schlimmer und er zog züchtig die Bettdecke bis zu den Schultern hoch. Eine ganze Barriere zwischen ihren beiden Körpern.
      "Es ist nur sehr... ungewohnt. Ich habe das Gefühl, als würde ich dich durch ein ganzes Leben begleiten, während ich selbst nur... ich bleibe."
      Er stutzte und sah sie an.
      "Ist es das, was die Götter fühlen, wenn sie mit uns zu tun haben?"
    • Als ob Zoras es nötig hätte? Selbstverständlich nicht. Jeder, der ihn auch nur ein wenig kannte wusste, dass Familie ein extrem hohes Wertebild bei ihm innehatte und sich deswegen auch nie an Kindern vergreifen würde. Da sie beide jedoch seit Beginn ihrer Regentschaft und sogar davor mächtig mit bösen Zungen zu kämpfen hatten, hinterfragte Kassandra seinen Gedanken hierbei nicht. Für sie war schließlich nur wichtig, wie sie ihn kannte.
      Als er sich darüber hinaus noch die Stirn rieb, konnte sie sich ein leichtes Lächeln nicht mehr verkneifen. Abermals bekundete er seine Liebe zu ihr – die sie auch nicht mehr infrage stellen würde – aber sein Unbehagen war für jeden ersichtlich. Das Lächeln blieb bestehen, als sie sich unter die Bettdecke legte, Zoras direkt an ihrer Seite. Allerdings zog er dabei die Decke fast bis zum Kinn, was Kassandra amüsiert Lachen ließ. Ihr sonst so volles und raumgreifendes Lachen fiel deutlich heller aus, sodass sie sich einen weiteren Blick ihres Auserwählten einfing.
      „Es ist nur sehr… ungewohnt.“
      „Ach, das hätte ich dir nun gar nicht zugesprochen.“
      „Ich habe das Gefühl, als würde ich dich durch ein ganzes Leben begleiten, während ich selbst nur... ich bleibe.“
      Zoras stutzte, seine dunklen Augen auf Kassandras kindliches Gesicht gerichtet mit den Augen, die selbst die Dunkelheit vertreiben konnten. Er war drauf und dran eine wichtige Erkenntnis zu machen – das spürte die Phönixin auch ohne göttliche Eingebung.
      „Ist es das, was die Götter fühlen, wenn sie mit uns zu tun haben?“
      Das Lächeln wurde eine Nuance schwerer, als Kassandra antwortete: „Ja, das trifft es ungefähr. Wir sind unveränderlich und überdauern die Zeit, wenn nötig auch vollständig unberührt. Ihr seid wie ein Wimpernschlag, so flüchtig und schnell, dass wir euch nicht greifen können. Tausende von euch sind uns während unserer Existenz begegnet, doch nur die wenigsten brannten sich trotz ihrer Flüchtigkeit in unser Gedächtnis ein. So wie du.“
      Sanft strich sie mit ihrer deutlich kleineren Hand oberhalb seiner Brust über die Decke. Manch ein Gott kam nie zu der Erkenntnis, dass es genau diese Kurzlebigkeit war, die Menschen und alle anderen Lebewesen so interessant und erst lebenswert machten. Unter ihrem wachsamen Blick entwickelte sich alles stetig weiter, nur die Götter selbst nicht. Das war der Fluch der Unsterblichkeit und Kassandra hatte früher als die meisten genau diesen Punkt begriffen. Nicht nur, weil ihre Natur es teilweise so besagte, sondern auch, weil sie genau dagegen arbeiten musste. Weil man es ihr so angedichtet hatte. Vielleicht würden es die anderen Götter auch einmal verstehen.
      Sofern sie denn den Himmelsbruch zu stoppen wussten.

      Am nächsten Tag erwachte Zoras aus einem angenehmen Schlaf, geschuldet einzig und allein Kassandras Anwesenheit. Es bedurfte nur einen kurzen Augenaufschlag, um die Phönixin in ihrer gewohnten Erscheinung am Fußende des Bettes sitzen zu sehen, das pechschwarze Haar über ihre Schulter nach vorn gezogen, während sie es mit einem goldenen Kamm richtete. Geflissentlich warf sie dem zerzausten Mann einen Blick über jene Schulter zu; Sie sah wieder genauso aus wie damals, als er sie auf dem Markplatz in Theriss das erste Mal gesehen hatte.
      „Ich hoffe, ich darf mich wieder aus den Gemächern trauen ohne Sorge, mich könnten deine Bediensteten sehen und sich die Mäuler zerreißen?“, säuselte Kassandra regelrecht und machte deutlich, wie absurd sie es noch immer fand. „Morpheus soll dich besser mit guten Träumen gesegnet haben, denn ab heute ist die Zeit des Wartens vorbei. Ab heute werde ich deutlich machen, dass ein weiteres Grenzen einreißen nun nicht mehr möglich ist.“
      Dann drehte sie sich zur Hälfte ein und betrachtete Zoras mit ungeahnter Kampfeslust im Blick.
      „Es ist Zeit, dass wir zu Götterschlächtern und Himmelsflickern werden.“
    • Auf diese Weise hatte Zoras noch nie darüber nachgedacht, wie flüchtig Menschen doch waren. Sicher wusste er, dass sein Leben in Kassandras Augen in einem Herzschlag vorbei war, doch wenn er sich dasselbe bei ihr vorstellte, wie schnell sie gealtert war, wie plötzlich sie wieder jung war...
      Es gefiel ihm nicht. Plötzlich war er sich gar nicht mehr so sicher, ob es schön war, eine Gottheit zu sein.
      "Tausende von euch sind uns während unserer Existenz begegnet, doch nur die wenigsten brannten sich trotz ihrer Flüchtigkeit in unser Gedächtnis ein. So wie du", sagte Kassandra. Trotz ihrer kindlichen Stimme spürte Zoras einen warmen Schauer bei ihren Worten und er sah sie wieder an. Mit ihrer jugendlichen Hand strich sie über seine Brust und ein Lächeln erweichte seine Züge. Er konnte von Glück reden, dass er keine Gottheit war - und dass er Kassandra niemals beim Sterben beobachten würde müssen.

      Am Tag darauf war Kassandra zurück in der Blüte ihres Alters. Ein schlanker, zierlicher Körper, lange, geschwungene Haare, ein ebenmäßiges, erfahrenes Gesicht. Zoras war so erleichtert von ihrem Anblick, er konnte es sich nicht nehmen, zu ihr zu rutschen und den Arm um ihre Taille zu legen. Zärtlich küsste er ihre Schulter.
      "Hmmm guten Morgen."
      „Ich hoffe, ich darf mich wieder aus den Gemächern trauen ohne Sorge, mich könnten deine Bediensteten sehen und sich die Mäuler zerreißen?“
      Zoras schmunzelte und küsste ihre Wange. Ihr gewohnter Duft nach Luft und Natur hüllte ihn ein und ihre Haut fühlte sich unter seiner Hand gänzlich weich an. Zwar musste er noch ein wenig an die jüngere Kassandra von gestern denken, aber wenn er sich nur lange genug mit ihrem Körper beschäftigte, würde auch das sicher vorbei sein. Was für eine schöne Beschäftigung um aufzuwachen.
      "Ausnahmsweise will ich es gestatten", gab er genauso säuselnd zurück.
      „Morpheus soll dich besser mit guten Träumen gesegnet haben, denn ab heute ist die Zeit des Wartens vorbei. Ab heute werde ich deutlich machen, dass ein weiteres Grenzen einreißen nun nicht mehr möglich ist.“
      Kassandras Augen blitzten auf und es war, als steckte das Feuer in ihrem Inneren auch Zoras an. Ein Kribbeln zog ihm durch den Magen, als sie ihn mit einem Blick bedachte, der Kampf und Blut versprach.
      „Es ist Zeit, dass wir zu Götterschlächtern und Himmelsflickern werden.“
      "Zeit, zurückzuschlagen", raunte er und küsste sie mit längst vermisster Leidenschaft. An diesem Tag würden sie wieder in die Offensive gehen.

      Kassandra zog noch am selben Tag aus, um die Grenzen zu bereinigen. Ihre Präsenz reichte aus, um die ersten Vorstöße im Keim zu ersticken, die Menschen zu nervös von ihrem Anblick, um ihre Front weiter nach vorne zu verschieben. Zwar gaben sie den Angriff nicht auf, aber sie hielten ihn zumindest auf Grenzkämpfe beschränkt. Da Kassandra auch nach Xafia musste, konnte sie nicht lange an einem Ort verbleiben.
      Inzwischen begann der königliche Haushalt mit dem Umzug. Die Kommandozentrale wurde in den Norden verlegt, um Upraria näher zu sein - das eigentliche Ziel. Von dort aus erhofften sie sich, Xafia vor einem Niedergang schützen zu können. Xafia war dringend notwendig, um eine Versorgungskette bis nach Upraria gewährleisten zu können.
      Eine Woche später brachte Kassandra die Nachricht zurück, dass der Norden Xafias längst gefallen war. Die Angreifer hatten sich unlängst in den steinernen Befestigungsanlagen verschanzt und einen Pfeilhagel auf Kassandra regnen lassen, sobald sie zu nahe gekommen war. Ihr Feuer hatte nichts ausrichten können; die steinerne Anlage hielt solchen Angriffen stand. Sie hatte erfolglos abziehen müssen.
      “Wir können Upraria nicht bekämpfen, solange Xafia nicht sicher ist”, sagte General Almar, einer jener Führungskräfte, die in Xafia verblieben waren, um das Land zu halten. Sein Gesicht war hart und seine Statur noch härter, ein Mann, der für den Krieg geschaffen war. Nur Kassandra machte ihn nervös, die spürbare Anwesenheit der zierlichen Frau, die das Besprechungszelt dominierte. Sie waren noch auf der Reise und General Almar war extra abgezogen, um ihnen einen umfassenden Bericht zu bringen. Jetzt schien er sich lieber wieder nach Xafia zu wünschen, um dem brennenden Blick der Phönixin zu entgehen.
      “Mit Verlaub, Eviad, Kassandra; es wäre töricht. Wir würden riskieren, unsere Truppen abzuschneiden, für - was? Mehr Tempo? Wir haben so schon kaum genug Männer um Xafia zu halten, wir werden Upraria in keinem Fall halten können. Außer Ihr plant zu zerstören und nicht einzunehmen.”
      Das war eine Frage, die nicht unrelevant war. Wenn sie nur zerstörten, könnten sie einen schnellen Vorstoß wagen, ihr Feuer regnen lassen, und sich im Anschluss wieder zurückziehen. Doch wenn sie zerstörten, dann schnitten sie sich selbst von den Ländern hinter Upraria ab - die allesamt auch mit ihren Champions hantierten. Aus einer strategischen Sicht wäre Zerstörung zu bevorzugen, aber nicht aus ihrer Sicht. Nicht aus der Sicht des Plans, den sie verfolgten.
      Wir brauchen nur Apollo”, sagte Zoras später, als sie wieder allein waren. Auf dem Tisch vor ihm waren die Karten und Pläne verteilt, einzelne Figuren zeigten die Truppenbewegungen an. Apollo hatte als Figur eine Harfe bekommen, die in der Mitte von Upraria saß. In Wahrheit wussten sie gar nicht, wo der Gott sich tatsächlich befand.
      Und wenn du nur hinein gehst und ihn rausholst? Schaffst du das?
      Sie diskutierten, über das Für und Wider, was Kassandras Möglichkeiten waren. Schließlich legten sie sich fest und Zoras verabschiedete sich mit einem Kuss von der Phönixin, ehe er mit nach draußen ging und ihr von dort nachsah, bis sie am Horizont verschwunden war.

      Apollos Aura wogte durch Upraria hindurch wie fließendes Wasser. Es war nicht schwierig, seine Präsenz auszumachen, denn Apollo machte sich nicht die Mühe, sie zu verschleiern. Wie ein Leuchtfeuer stach seine farbenfrohe, schwingende Aura durch die Luft und deutete seinen Standort an. Es schien, als wollte er darauf aufmerksam machen, dass er hier zu finden war, genau hier.
      Kassandras Ankunft ging ihr allerdings voraus. Kaum kreuzte sie die Grenze - wo die Menschen sich bereits auf einen Krieg vorbereiteten - ging unter ihr in einem Turm ein Feuer an. Groß und mächtig flackerte es in den Himmel empor und tauchte gleich schon wieder auf: Am Horizont, wo ein zweiter Turm wie dieser aufgebaut war und das Signal nun weitergab. Kassandra hatte kaum eine Stunde in Upraria verbracht und schon wusste die ganze Nation davon. Kassandra war angekommen.
      Doch Apollo rührte sich nicht. Seine Aura bewegte sich nicht, sondern vibrierte gemütlich vor sich hin. Auch wurden keine Abwehrmaßnahmen durchgeführt; die Phönixin flog ungetrübt durch den Himmel, von keinen Truppen konfrontiert, von keinen Göttern aufgehalten. Man versuchte es noch nicht einmal, denn wo Kassandra aufkreuzte, hatten die Leute schon die Straßen verlassen und sich in ihre Häuser zurückgezogen. Kein einziger Pfeil flog. Niemand hinderte Kassandra daran, Apollo aufzusuchen.
      Erst, als sie sich ihm näherte, geschah etwas. Bislang schien Apollos Aura mächtig genug gewesen, um die vielen kleinen Auren der Menschen um ihn herum zu überschatten, doch das war nicht der Fall. Es gab einfach keine Auren, die ihn umgaben - zumindest keine gesunden Auren.
      Stattdessen saß Apollo inmitten von flackernden, brüchigen, auflösenden Auren. Apollo hatte sich in ein Meer aus kranken und sterbenden Menschen gesetzt.
      Beim näherkommen wurde das Lager ersichtlich, dessen Apollo mächtig war. Hunderte Planen, die sich über dem Boden ausbreiteten und die darunter liegenden stöhnenden, leidenden, kranken Menschen schützten, hunderte Feuer, die die Gegend sanft erwärmten und den Sterbenden ein letztes Licht boten. Es war nicht nur ein Krankenlager, denn in einem solchen wären die Priester und Heiler umhergegangen, um den armen Menschen zu helfen und auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Doch hier gab es keine Priester und keinen Heiler, niemanden, dessen Aura nicht auf irgendeine Weise angefallen war.
      Nur Apollo.
      Eine Befestigungsanlage für den Gott, einzig gegen Kassandra errichtet.
      Apollo selbst saß in der Mitte seines kleinen Heers auf einem einfachen Holzstuhl, eine Leier im Schoß. Der blond-gelockte Gott trug exquisite Gewänder und goldenen Schmuck, der seine Haare zierte; er saß im direkten Kontrast zu all den Lumpen, die die Leidenden an sich trugen. Sein ruhiges Spiel übertönte das Stöhnen und Schreien der Kranken.
      Er sah auf, als Kassandra sich näherte, und lächelte charmant, dann sah er wieder auf seine Leier hinab. Zupfte und spielte und lauschte seiner eigenen Harmonie.
      “Hallo, Kassandra.”
    • Schon der Tag darauf war eher nach Kassandras Geschmack. Die elendigen Tage der Tatenlosigkeit hatten endlich ihr Ende gefunden, als sie mit breiten Schwingen über der Erde schwebte, um dem kolossalen Fehler der Menschen einen Riegel vorzuschieben. Wenn sie dachten, dass sie einfach die Grenzen einer Göttin überschreiten konnten, dann hatten sie sich geschnitten. Ihr einfaches Erscheinen hatte genügt, um den Vorstoß zum Stoppen zu bringen. Doch da war noch nicht die Endstation gewesen. Es zog sie weiter in das Landesinnere, als sie nach dem Ort suchte, so sich besonders viele Auren versammelt hatten. Bald schon wurde sie fündig; Die Angreifer hatten sich in einem steinernen Bau verschanzt, der durch ihr Feuer zwar schmelzen, dafür aber auch keinerlei Erkenntnisse bringen würde. Außerdem konnte sie hier nicht klar absagen, wer Freund und wer Feind war. So sehr sie gerne tätig werden wollte – ihre wertschätzende Natur gewann in diesem Augenblick die Oberhand. Und so verbrannte sie jeden Pfeilhagel, den man auf sie abgab, bis sie genug hatte und beschloss, die gewonnenen Erkenntnisse wieder zurückzubringen. Ewig konnten sich Menschen nicht hinter Stein verkriechen. Das wusste sie so gut wie kaum jemand anderes.

      Schon kurz nach der Besprechung war Kassandra wieder in der Luft. Zunächst unsichtbar hatte sie sich in die Lüfte geschwungen und war in Windeseile über Upraria, wo man sie nicht erspähen konnte. Der aktuelle Plan war, Apollo, wenn möglich, aus Upraria zu reißen. Das gelang allerdings nur, wenn sie an seine Essenz kam, sofern er eine abgegeben hatte. Zu viele Konstanten und Unbekannt für einen ausgeklügelten Plan, aber Kassandra war das Improvisieren gewohnt. Falls das nicht gelingen sollte, würde sie ihn mit Gewalt in Ecke zwingen wollen und damit Informationen gewinnen. Sofern sich Apollos Einfluss im Laufe der Zeit abgeschwächt hatte.
      Woran Kassandra ernsthafte Zweifel hegte. Schon früh bemerkte sie die Aura, die sich wie ein Leuchtfeuer vor ihrem göttlichen Auge gen Himmel streckte. Sogleich gab sie ihre Tarnung auf und eine Reihe von Leuchtfeuern kündigten ihre Ankunft an. Ihr göttliches Ego fühlte sich geehrt, ihr geerdeter Verstand nahm dies als ungutes Zeichen wahr. Umso schlimmer war der Fakt, dass das Land unter ihr wie leergefegt wirkte. Wie ausgestorben, wären da nicht all die Auren, versteckt in Gebäuden.
      Kassandra flog nicht schneller, sie sprang praktisch zur nächsten Instanz, nutzte das Licht und die Langsamkeit der Menschen. Als sie in unmittelbarer Nähe von dem Leuchtfeuer der Auren erschien, erstarben ihre Flügelschläge für einen Augenblick, als sie erkannte, dass es nicht Apollos Einfluss war, der so weit hinweg gestrahlt hatte. Es war eine enorme Ansammlung an Menschen, getürmt wie lieblos weggeworfene Kleidungsstücke, zwischen ihnen vereinzelte kleine Feuerstellen. Was für Menschen ein Ort des Grauens war, war für Götter auch nur ein x-beliebiger Ort auf der Welt. Nur eben einer, wo sich der Tod, der sie sowieso nicht tangierte, kumuliert hatte.
      Weit über dem Boden nahm Kassandra bereits ihre menschliche Erscheinung an. Mit gestrecktem Fuß voran landete sie sanft, wie aus dem Himmelreich gestiegen, auf dem Boden, genau zwischen all den Leibern. Die Stimmen waren übermächtig, rissen an ihrer Seele, die sie für tot gehalten hatte. All das Flackern bescherte ihr Kopfschmerz, den sie sonst mit Raserei bekämpfte. Selbst der dunkle Teil in ihr hieß dies nicht gut – denn sie war nicht ausschlaggebend hierfür gewesen.
      Mit nackten Füßen schritt sie über die verseuchte Erde, vereinzelt streckten sich Hände nach ihr aus. Sie alle wurden ignoriert, wohl oder übel, denn jetzt gerade brauchte sie ihre Konzentration für etwas anderes. Hier lagen hunderte Menschen, wenn nicht sogar tausende. Wie sie alle so schwer krank geworden sein sollen, war ihr ein Rätsel. Normal war es jedenfalls nicht.
      „Hallo Kassandra“, begrüßte Apollo sie, zupfte an seiner Leier und wirkte vollkommen unbekümmert.
      Allein hier hätte Kassandra ihm schon am liebsten das Instrument in Brand gesteckt.
      „Wie ich feststellen darf, hat sich deine Wahrnehmung offensichtlich verschlechtert.“ Bis auf wenige Meter trat sie an Apollo heran, die Menschen um sie herum streckten sich, wurden jedoch von ihrer Göttlichkeit davon abgehalten, sie zu berühren. „Früher lag dein Gefallen eher auf Chören aus himmlischen Stimmen und nicht dem Wehklagen sterbender Menschen.“
      Sie ließ den Blick schweifen. Weit und breit nur Kranke und der Tod. Nicht der Tod, den sie verursacht hatte. Es schmerzte sie tief in ihrem Kern, sodass sie dieses Gefühl in Ketten legen musste, solange sie hier war.
      „Was soll das hier werden? Hast du dich schlecht von Dionysus beraten lassen? Oh, nein, du hast ja noch keine Gelegenheit dazu gehabt. Aber wie wäre es? Du kannst mich gerne nach Kuluar begleiten. Unter meiner Schwinge, selbstverständlich.“
    • Apollo lächelte und zupfte einen neuen Akkord an. Für einen ganz kleinen Augenblick harmonierten die neuen Töne mit dem besonders lauten, aber fernen Rufen eines Menschen.
      "Ich vermisse die himmlische Chöre. Aber hör nur, menschliche Musik ist auch nicht zu verwerfen. So roh und unangetastet - ganz frei von jeglicher Perfektion."
      Er zupfte wieder an seinen Saiten und so war es nicht klar, ob er sein Instrument meinte, oder auch etwas anderes.
      „Was soll das hier werden?", fragte Kassandra schroff, nur wenige Schritte vor ihm. Apollo kreuzte die Beine. "Hast du dich schlecht von Dionysus beraten lassen? Oh, nein, du hast ja noch keine Gelegenheit dazu gehabt."
      Sein Lächeln wurde düster und er wechselte die Tonart. Ein leidiges Lied kam unter seinen Fingern hervor.
      "Die hatte ich wirklich nicht. Ich verzehre mich nach ordentlichem Wein."
      "Aber wie wäre es? Du kannst mich gerne nach Kuluar begleiten. Unter meiner Schwinge, selbstverständlich.“
      Sein Spiel stoppte.
      "Oh - du bietest mir einen Flug an?"
      So wie es für Götter möglich war, zeigte Apollo ehrliche Überraschung. Dann legte er die Leier in seinen Schoß und öffnete wieder die Beine.
      "Ich habe fest damit gerechnet, dass du mich von dem Antlitz dieser Erde tilgen willst, so wie du es schon in Xafia getan hast. Hermes hat es mir gesagt, aber ich wäre auch selbst darauf gekommen. Du hast deine Absichten nicht wirklich verschleiert."
      Er nahm den Blick von ihrem Gesicht und ließ ihn kurz schweifen.
      "Dabei habe ich mir so viel Mühe gegeben für ein... Willkommen. Sag es mir ganz ehrlich: Was hältst du davon?"
      Er richtete seine dunkle Augen wieder auf sie.
      "Von den Menschen? Dem Tod? Sag mir, wie viel Phönix steckt wirklich in dir, Kassandra?"
    • „Ich vermisse die himmlischen Chöre. Aber hör nur, menschliche Musik ist auch nicht zu verwerfen. So roh und unangetastet – ganz frei von jeglicher Perfektion.“
      „Dann solltest du die Balladen hören, die auf menschlichen Schlachtfeldern gesungen werden.“ Kassandra hielt mit einer Selbstverständlichkeit gegen Apollos Worte, die nur unter Göttern so leichtfertig ausfallen konnte. Wenn es stimmte und er wirklich die Chöre vermisste, dann war er dem Himmel schon länger fremd, und das sicherlich nicht auf freiwilliger Basis. Nur die Doppeldeutig mit der fehlenden Perfektion war etwas, das sie sehr gut verstehen, aber nicht teilen konnte. Das Wimmern, das Stöhnen und Ächzen all dieser Menschen um sie herum bescherte ihr Kopfschmerzen. Wann immer ein Licht erlosch, stach es schmerzhaft.
      Fast so schmerzhaft wie der Augenblick, als er aufhörte, an der Leier zu zupfen. Das Geklimpere hatte die Phönixin wenigstens ein bisschen von dem Leid um sie herum ablenken können. Jetzt prasselte es ungehemmt auf sie ein. Aber immerhin hatte sie ihn etwas aus der Deckung locken können. So berechenbar war sie also doch noch nicht geworden.
      „Im Gegensatz zu meinem Ruf bin ich keine wahnwitzige Ares-Kopie“, sagte Kassandra immer noch schroff und verschränkte die Arme vor der Brust.
      Bei dem Kommentar bezüglich Hermes seufzte sie lediglich. Es war genau das eingetreten, was sie vermutet hatte. Hermes hatte ihre Worte überall wie spitze Steine verstreut und lachte sich ins Fäustchen, sobald jemand in sie trat und sich die Sohlen aufschlitzte. Natürlich war das Vorgehen an Xafias Grenzen rigoros gewesen – das Schlimmste wurde jedoch verhindert, als sich die Menschen in die steinerne Feste zurückgezogen hatten. Somit kam es weitaus weniger heftig als ursprünglich geplant. Eine direkte Mordabsicht würde sie ihrem Unterfangen nicht unterstellen. Nicht, wenn sie so offenkundig in das Land einflog.
      „Dabei habe ich mir so viel Mühe gegeben für ein… Willkommen. Sag es mir ganz ehrlich: Was hältst du davon?“
      „Seid wann interessiert dich die Denkweise mythischer Wesen?“
      „Von den Menschen? Dem Tod? Sag mir, wie viel Phönix steckt wirklich in dir, Kassandra?“ Entweder heuchelte Apollo verdammt gut ernsthaftes Interesse oder er war es wirklich. Die intelligenten Augen auf die Phönixin gerichtet hielt sie ihm spielendleicht stand. Ohne zu blinzeln hielt sie den Blickkontakt aufrecht ehe sie enttäuscht den Kopf schüttelte.
      „Es sind immer die gleichen Fragen. Egal, auf welchen von eurer Art ich treffe, ihr stellt alle immer dieselben Fragen. Ich glaube, die Menschen verunreinigen euch ebenfalls mit ihrer Denkweise. Üblicherweise wart ihr großen Götter immer eher egozentrisch geschaffen“, meinte Kassandra herablassend.
      Aber es war nicht so, als hätte sie nicht unlängst selbst damit begonnen, sich diese Frage zu stellen. Über die gesamte Zeit, seitdem sie in Kuluar waren, und besonders nach dem Einsturz ihres letzten Tempels. Die Gespräche, die sie mit Nail geführt hatte. Das Welt- und Geschichtsbild von ihr, das sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt hatte. Schon früh war sie auf die Idee gestoßen, dass die Menschen sie so erschaffen hatten. Aber erst in den letzten Wochen hatte sich ihre Auffassung gedreht bis sie zu einem anderen Schluss kam. Einem, der vieles wesentlich einfacher machen konnte.
      „Was ich von den Menschen halte? Ohne sie gäbe es uns nicht. Weder dich noch mich noch Zeus oder Loki. Ihr wollt es euch nicht eingestehen, aber ihr Glaube hält euch in der Existenz. Ihr Glaube hat euch geschaffen. Ich bete sie weder an noch verwünsche ich sie. Aber ich verstehe sie besser als ein jeder von euch.“ Kassandra ließ ihren göttlichen Schleier kaum merklich fallen, sodass Hände ihre Füße, ihre Knöchel berührten. Kalte, klamme Finger krallten sich in ihre Haut. Jeder von ihnen hatte sein eigentliches Ende nicht erreicht. Ihre Zeit war noch nicht abgelaufen, weshalb Kassandras Blick sich von enttäuscht zu entschlossen wandelte. Jemand hatte ihnen dies absichtlich angetan.
      „Was ich vom Tod halte?“ Ihre Aura floss hinab zu all denen, die sie unmittelbar berührten. Ihr Ächzen linderte sich, als sich die warme Woge um ihre Körper legte und die Krankheit, die sie befallen hatte, auflöste. „Alles zu seiner rechten Zeit. Und manchmal setze ich die rechte Zeit. Ich bin kein vollwertiger Todesgott, noch ein vollwertiger Phönix. Lange Zeit dachte ich, ich sei imperfekt. Aber vielleicht irre ich mich ja.“
      Schwarze Flammen stiegen von ihrer Haut auf und tanzten in wilden Mustern über ihren gesamten Körper.
      „Wie viel Phönix in mir also steckt? So viel, wie nötig, um eine neue Art zu begründen“, verkündete sie hoch erhobenen Hauptes. „Also. Entweder verrätst du mir, wo ich deine Essenz finden kann oder du kommst freiwillig mit. Diese Wahl lasse ich dir.“
    • „Es sind immer die gleichen Fragen. Egal, auf welchen von eurer Art ich treffe, ihr stellt alle immer dieselben Fragen. Ich glaube, die Menschen verunreinigen euch ebenfalls mit ihrer Denkweise. Üblicherweise wart ihr großen Götter immer eher egozentrisch geschaffen.“
      Apollo musste lächeln. Es sah gut aus auf seinem Gesicht; einladend.
      "Wir sind wohl von einer Faszination geplagt, die den Menschen nicht unähnlich ist. Und du, Kassandra, du ganz besonders; du hast schon immer gewusst, dich in Szene zu setzen. Erst die Feuer in Mynos und jetzt bist du auch noch Lokis Lieblingsspielzeug. Wusstest du, dass so manch einer vorschlägt, dich zu vernichten? Damit du den Ruf der Phönixe nicht mit ins Schwarze ziehst? Im Gegensatz zu dir ist deine Art nämlich sehr reizend. Ich mag sie; es wäre eine Schande, wenn du sie befleckst."
      Kassandra blieb ganz stoisch, während er das sagte. Schwarze Phönixin hin oder her, in ihr wallte noch immer göttliches Blut.
      „Was ich von den Menschen halte?"
      "Ja."
      "Ohne sie gäbe es uns nicht."
      "Hm."
      "Weder dich noch mich noch Zeus oder Loki. Ihr wollt es euch nicht eingestehen, aber ihr Glaube hält euch in der Existenz. Ihr Glaube hat euch geschaffen. Ich bete sie weder an noch verwünsche ich sie. Aber ich verstehe sie besser als ein jeder von euch.“
      "Das mag sein. Ich halte es für unrelevant."
      Er sah zu, wie Kassandras Göttlichkeit sich dorthin zurückzog, wo der menschliche Verstand sie nicht mehr greifen konnte. Kranke und Sterbende wagten sich jetzt noch näher heran, griffen ziellos nach der einzigen Rettung, die es hier für sie geben konnte. Apollo ließen sie in Ruhe; der Gott war getaucht in die schwingenden, vibrierenden Farben seiner Aura und davor schreckten sie zurück. Aber nicht mehr vor Kassandra, die die Hände und Berührungen mit regloser Miene ertrug.
      „Was ich vom Tod halte?“
      "Ja."
      Ihre Aura floss nach unten zu den Menschen und wirkte dort ihr Wunder. Krankheiten wurden gelindert, Wunden geheilt, Schwächen gestärkt. Die Menschen um sie herum atmeten erleichtert auf und lockten damit noch weitere Menschen an. Wie plagendes Ungeziefer kamen noch mehr herangekrochen und streckten ihre schwieligen, schleimigen, blutigen Hände nach ihr aus. Apollo beobachtete sie dabei, allerdings ohne sich davon abschrecken zu lassen. Sein Interesse galt vielmehr Kassandra, die die Kranken mit offener Aura empfing.
      „Alles zu seiner rechten Zeit. Und manchmal setze ich die rechte Zeit. Ich bin kein vollwertiger Todesgott, noch ein vollwertiger Phönix. Lange Zeit dachte ich, ich sei imperfekt. Aber vielleicht irre ich mich ja.“
      "Todesgott", echote Apollo nachdenklich und ergriff wieder seine Leier. Er zupfte ein paar Töne an, dann spielte er eine längst vergessene Ballade über den Tod im untergegangenen Süden. Das Stöhnen der Menschen untermalte seine leise Melodie.
      „Wie viel Phönix in mir also steckt? So viel, wie nötig, um eine neue Art zu begründen. Also. Entweder verrätst du mir, wo ich deine Essenz finden kann oder du kommst freiwillig mit. Diese Wahl lasse ich dir.“
      "Hm. Richtig."
      Er neigte den Kopf und spielte sein Lied, während er die Menschen beobachtete.
      "Aber wenn ich sie nicht treffe, wirst du mir zu einer Entscheidung verhelfen. Dann ist es nicht mehr meine Wahl, sondern unsere. Oder gar deine. Das liegt nicht in meinem Interesse."
      Er wechselte das Lied, eine Melodie aus dem Himmel, die von den einfachen Saiten einer Leier nicht ansatzweise verkörpert werden konnte. Tatsächlich hatte er Mühe, dem Instrument die richtigen Töne zu entlocken und runzelte die Stirn. Sein Blick glitt über Kassandra hinweg.
      "Ich sehe die Situation folgendermaßen: Du kommst an meine Essenz nicht heran und wenn du sie finden willst, müsstest du ganz Upraria durchforsten. Oder sogar die ganze Welt, wer weiß das schon? Folglich kannst du mich nicht befehligen und ich kann mich entscheiden zu bleiben. Wir werden das also wie Götter regeln müssen und nicht wie Menschen, auch wenn mir die Ironie dessen durchaus bewusst ist."
      Er drehte sich um und setzte sich zurück auf seinen Stuhl. Die Menschen hinter ihm wichen vor seiner Aura erneut zurück.
      "Was möchtest du von mir, wenn schon nicht meinen Tod? Sag es mir und vielleicht bin ich ja gewillt, meine Wahl zu treffen. Dieser Ort hier lädt nämlich nicht zum Bleiben ein, wie du dir vorstellen kannst."
    • Mit Passivität hatte Kassandra nicht gerechnet. Die Götter spielten ihre eigenen Spiele und gaben nur selten den Taktstock ab. Doch genau das tat Apollo gerade oder hegte einfach nur einen weiteren Plan im Verborgenen. Kassandras Miene festigte sich, als sie das Für und Wider abzuwiegen begann.
      „Ah – also hast du tatsächlich auch den Fehler begangen und dich täuschen lassen? Der große Apollo verliert sein Selbst an schwafelnde Menschen?“, höhnte Kassandra, wobei sich zu ihren Füßen die Menschen abwechselten. Wie das Zentrum eines Strudels hatte sie begonnen, die Menschen zu sich zu ziehen und die gesundeten an den Rand der Versammlung zu schicken. Immer mehr Menschen begannen, zu der Phönixin aufzusehen als diejenige, die sie errettet hatte. Funken des Glaubens zündeten in ihrer göttlichen Existenz.
      „Im Endeffekt hast du die Wahl. Entweder du weichst zurück in den Himmel – was du offensichtlich nicht ohne deine Essenz kannst – oder ich muss dich vom Antlitz der Erde tilgen. Das obliegt sehr wohl deiner Wahl“, stellte Kassandra rigoros fest, während die Flammen weiterhin über ihren Körper tanzten. „Wir werden den Himmelsbruch stoppen. Haben unlängst damit begonnen, aber der Bruch hatte sich kurzfristig gezeigt. Theorien lassen sich leicht aufstellen, wieso das passiert ist, aber du wirst bestimmen können, ob der eingeschlagene Weg der rechte ist.“
      Die Frage war, wieso man ihn hierher postiert hatte. Hatte er es für eine gute Idee gehalten, sich inmitten von Kranken aufzustellen und diese Idee wie ein Souffleur seinem Träger zugetragen? Oder täuschte er sie doch und war sehr wohl Herr seiner Essenz? Das wiederum passte nicht ganz zu seiner Aura, die zwar stark, aber nicht überwältigend war. Sie genügte jedoch, um sämtliche Menschen von ihm fernzuhalten. Offensichtlich wollte er von ihnen nicht berührt werden. Wenigstens da war er unverändert.
    • Kassandra zögerte nicht, ein verbaler Schlagaustausch, wie nur Götter dazu fähig waren.
      „Ah – also hast du tatsächlich auch den Fehler begangen und dich täuschen lassen? Der große Apollo verliert sein Selbst an schwafelnde Menschen?“
      "Mitnichten", sagte Apollo über sein merkwürdig klingendes Spiel hinweg. "Ich bin freiwillig hier. Und meine Träger habe ich auch freiwillig ausgesucht. Upraria ist sehr... fortschrittlich in dieser Hinsicht."
      Er bewegte seinen Fuß und drei Menschen zuckten vor der Bewegung der Aura zurück. Bei Kassandra kletterten sie mittlerweile über ihre Leidensgenossen, um eine Hand an ihre jetzt schmutzige Haut legen zu können.
      „Im Endeffekt hast du die Wahl. Entweder du weichst zurück in den Himmel – was du offensichtlich nicht ohne deine Essenz kannst –"
      "Und nicht möchte."
      "- oder ich muss dich vom Antlitz der Erde tilgen. Das obliegt sehr wohl deiner Wahl.“
      Apollo atmete aus.
      "Aber warum? Sicher gibt es interessantere Ziele als mich. Dionysus zum Beispiel?"
      „Wir werden den Himmelsbruch stoppen. Haben unlängst damit begonnen, aber der Bruch hatte sich kurzfristig gezeigt. Theorien lassen sich leicht aufstellen, wieso das passiert ist, aber du wirst bestimmen können, ob der eingeschlagene Weg der rechte ist.“
      Apollo unterbrach sein Spiel mit dem letzten Zupfen einer Saite und legte den Kopf zurück.
      "Ahhh. Der Himmelsbruch."
      Er schwieg einige Sekunden lang, dann ließ er den Blick wieder über die Massen gleiten.
      "Interessant. Jetzt sehe ich es, es hätte von Anfang an offensichtlich sein müssen. Deine Bindung an einen Menschen, dein plötzlicher Herrschaftsdrang, die Auslebung deiner Kampfeslust. Ja. Ich hätte ja darauf getippt, dass du den Verstand verloren hast, aber das hier, das ist besser, ja. Göttlicher. Ein angemessenes Unterfangen für eine... Todesgöttin."
      Er sah Kassandra an und lächelte. In seinen Augen reflektierten sich die schwarzen Flammen auf ihrer Haut.
      "Ich habe meine eigenen Theorien, die den Himmelsbruch betreffen, gemessen daran, was ich bisher gesehen habe. Es sind gute Theorien, möchte ich meinen, aber: Ich bin keine Moira. Weissagungen sind keine Vorhersagen. Das muss dir bewusst sein."
      Nachdenklich zupfte er an einer Saite.
      "Und trotzdem bist du hier..."
      Ein paar Sekunden lang schwieg er, dann:
      "Ich habe mich entschieden, ich möchte geflogen werden."
      Mit einem Ruck stand er auf.
      "Unter drei Bedingungen nur: Meine Essenz bleibt dort, wo sie ist. Ich erhalte Zugang zu Dionysus. Und", seine Mundwinkel zuckten, "ich erfahre Morpheus' Aufenthaltsort."
    • Todesgöttin. Ein Titel, den sie sich niemals selbst auferlegen würde und gegen den Kassandra gerade aktiv arbeitete. All die Menschen um sie herum, die sie bereits geheilt hatte, bezeugten nicht ihre Tödlichkeit, sondern ihre helle, ihre heilende Seite.
      „Ich habe meine eigenen Theorien, die den Himmelsbruch betreffen, gemessen daran, was ich bisher gesehen habe. Es sind gute Theorien, möchte ich meinen, aber: Ich bin keine Moira. Weissagungen sind keine Vorhersagen. Das muss dir bewusst sein“, sagte Apollo schließlich, wobei sein Blick auf die schwarz umflammte Phönixin vor ihm ruhte.
      „Suchte ich nach Vorhersagen, würde ich das Orakel aufsuchen oder eigenmächtig die Moiren beschwören. Dass du nicht zu mehr als Weissagungen fähig bist, ist mir durchaus bewusst“, stichelte Kassandra weiterhin, um den anderen Gott etwas aus der Reserve zu locken. Anstelle einer direkten Reaktion bekam sie lediglich ein nachdenkliches Geklimper auf der Laier.
      „Und trotzdem bist du hier…“
      Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Ohne zu wissen, was und wie viel Apollo gesehen hatte, konnte sich jeder ihrer Züge als eine Art Fehler herausstellen. Dieser kleine Nebensatz hatte mehr zu bedeuten, als sie hätte zugeben wollen. Trotz eines unguten Ausgangs war sie hier her gekommen – war das bereits ein Fehler gewesen?
      „Ich habe mich entschieden, ich möchte geflogen werden.“
      „Wie bitte?“
      Apollo erhob sich ruckartig, sodass Kassandra unweigerlich ihre Aura anfeuerte und die Menschen an ihren Füßen jaulten und sich von ihr zurückzogen. Sie musste sich verhört haben. Als wären sie ein niederes Reisemittel!
      „Unter drei Bedingungen nur: Meine Essenz bleibt dort, wo sie ist. Ich erhalte Zugang zu Dionysus. Und ich erfahren Morpheus‘ Aufenthaltsort.“
      Kassandra stutzte sichtlich. „Morpheus? Welchen Teil in deiner Gleichung nimmt er ein?“ Ganz davon zu schweigen, dass sie den alten Gott bei ihrem letzten Aufeinandertreffen dermaßen gedroht hatte, dass sie nicht einmal mehr wusste, ob er noch auf Erden weilte. Ihn zu finden war eine Mammutaufgabe gewesen, die seinesgleichen suchte.
      Sachte begann sie, den Kopf zu schütteln, den entschlossenen Blick auf Apollo gerichtet. „Ich werde keine Gefahr in unsere Reihen holen ohne ein Mittel der Kontrolle zu besitzen. Ich werde dich einäschern können, aber nicht ohne das Auslöschen ganzer Städte. Das wissen wir beide. Ich brauche eine Absicherung, Apollo. Wenn dein Träger dich zu Dingen zwingt oder du erachtest, es wäre hilfreich, unser Herzstück zu attackieren, habe ich keine Gewissheit, dich davon abzuhalten. Außerdem erfülle ich keine unbegründeten Erklärungen.“
      Ihre Aura wurde erdrückender, sodass sich die Menschen, die es konnten, von ihr fortbewegten. Immer mehr Raum entstand um sie herum, sodass sie, falls sie sich verwandeln sollte, keine Menschen unter ihren Klauen zerquetschen würde.
      „Welche Rolle spielt Morpheus in deinen Weissagungen? Und ich werde dich sicherlich keine Pläne mit Dionysus schmieden lassen. Es hat lang genug gedauert, bis ich ihn in seine Schranken habe weisen können. Sieh es mir nach, dass ich keinen weiteren Aufstand ersehne“, verkündete Kassandra standfest.
    • Die Menschen wichen mit Schreien vor Kassandra zurück, aber Apollo sprach über den Lärm hinweg.
      "Morpheus ist meine persönliche Sache. Du musst dich nicht darum sorgen, dass es zu eurem Schaden kommen könnte."
      Kassandra schüttelte den Kopf. Zuerst hatte sie noch so sehr auf Apollos Wahl bestanden und jetzt war es ihr nicht genug. Die Phönixin hatte eindeutig zu viel Zeit unter den Menschen verbracht.
      „Ich werde keine Gefahr in unsere Reihen holen ohne ein Mittel der Kontrolle zu besitzen."
      "Du besitzt eine Kontrolle, wenn auch eine barbarische. Selbst ich habe nichts gegen deine Feuer einzuwenden."
      "Ich werde dich einäschern können, aber nicht ohne das Auslöschen ganzer Städte."
      "Hm. Und Städte sind dir wichtig", schloss er daraus.
      "Ich brauche eine Absicherung, Apollo. Wenn dein Träger dich zu Dingen zwingt oder du erachtest, es wäre hilfreich, unser Herzstück zu attackieren, habe ich keine Gewissheit, dich davon abzuhalten."
      "Eine Absicherung also."
      Apollo wirkte unentschlossen. Er ließ den Blick wandern.
      "Außerdem erfülle ich keine unbegründeten Erklärungen“, setzte Kassandra hinterher. Apollo sah sie wieder an, schwieg aber.
      „Welche Rolle spielt Morpheus in deinen Weissagungen? Und ich werde dich sicherlich keine Pläne mit Dionysus schmieden lassen. Es hat lang genug gedauert, bis ich ihn in seine Schranken habe weisen können. Sieh es mir nach, dass ich keinen weiteren Aufstand ersehne.“
      "Oh, ich möchte an keinen Plänen teilnehmen. Ich sehne mich nach Dionysus' Wein und seiner Gesellschaft, das ist alles. Wenn es dich stört, dann lass uns beaufsichtigen. Wir sprechen auch nur kuluarisch, wenn es dein Wunsch ist."
      Jetzt, da Apollo seine Wahl getroffen hatte, schien er mehr als kooperativ zu sein.
      "Und wenn es dir so wichtig ist, dann wisse eben, dass ich wegen Morpheus hier bin. Auf der Erde, meine ich."
      Er nahm seine Laier wie ein Baby in die Armbeuge.
      "Er ist aus dem Olymp geflohen, als hinge das Schwert des Damokles höchstpersönlich über seinem Kopf. Nun kennst du Morpheus und weißt schließlich... nein, was rede ich, du bist keine Göttin des Olymps. Dann halte dir vor Augen, wie viel Zeit sein Vater Hypnos im Schlaf verbringt und übersetze das in die Zeit, die Morpheus mit Träumereien verbringt. Er ist kein Gott, der sich für die Realität interessieren würde und dennoch hat er seine Träume für etwas reales im Stich gelassen. Ich möchte wissen, was das ist. Ich möchte wissen, was ein Gott des Traumes weiß, was mir verborgen bleibt."
      In seinen Augen blitzte es auf; kein Hass, aber eine Art von Irritation. Ein Gott der Gesellschaft und Weissagung, der sich von einem Gott des Traumes geschlagen sehen musste. Aus seiner Reaktion war zu erkennen, wie sehr er sich in seiner Macht betrogen fühlte.
      "Das ist alles, was ich wissen wollte. Nur leider habe ich ihn beim Übergang aus den Augen verloren. Auf meine Träume antwortet er nicht und wenn, dann redet er nur wirres Zeug. Es ist besonders schlimm, wenn er wieder den Träger gewechselt hat. Ich möchte ihn finden, mit ihm reden und dann wieder gehen. Das ist mein Verlangen."
      Abwesend streichelte er über seine Laier.
      "Ich hatte gehofft, er würde nach Kuluar zurückkehren. Dort war er erst vor zwei Jahrhunderten, aber er ist nicht wiedergekommen. Ich habe gewartet."
      Sein Blick festigte sich wieder auf Kassandra.
      "Das ist mein Grund, o große Göttin. Und nun sag mir, welche Leine du mir anlegen willst, damit deine Menschen nachts gut schlafen können."
    • „Im Gegensatz zu manch anderen werde ich keine Sterblichen dazu beauftragen, Götter zu bewachen“, stieß Kassandra fast schon angewidert hervor. Irgendwo gab es Grenzen und diese war hier gesetzt. Wer konnte sich einbilden, eine niedere Rasse – und das waren Sterbliche nun mal – als Bewacher umzufunktionieren? „Wir beide wissen sehr genau, dass wir auch ohne Gehör kommunizieren können.“ Das galt ebenfalls für Kassandra. Sollten die Götter auf ihren höheren Ebenen sich untereinander austauschen, so würde kein Sterblicher oder Außenstehender diese Unterhaltung mitbekommen können. Es wäre in der Tat wieder möglich, geheime Pläne zu schmieden und das unter ihren feurigen, wachsamen Blicken.
      „Wieso sollte dich Morpheus auf die Erde führen?“
      Apollo offenbarte ihr eine mehr oder weniger passable Antwort auf diese Frage, nur rüttelte dies mehr Fragen als Antworten auf. Tatsächlich hatte sie sich damals, als sie den Gott des Traumes erwischt hatte, nie infrage ob seines Handelns gestellt. Dabei war die Motivation für ihn überhaupt nicht klar gewesen. Unwissentlich hatte Kassandra ihm einen ähnlichen Fehler wie den ihren unterstellt, wobei der Gott sich eigentlich niemals aus dem Himmel hätte trauen dürfen.
      „Hm.“ Nachdenklich betrachtete Kassandra Apollo dabei, wie er seine Laier streichelte. Das menschliche, traurige Abbild eines seiner Lieblingsinstrumente. Man konnte beinahe Mitleid entwickeln. „Interessant, dass dir nicht geläufig ist, dass Morpheus gar nicht so weit weg von Kuluar gewesen ist.“
      Als Gott der Weissagung unterstellte sie Apollo zumindest das Wissen, dass sie Morpheus einmal wenigstens getroffen hatte. Nur welchen Inhalt sie besprochen hatten dürfte sich seines Kenntnisstandes entziehen. Spekulieren wollte sie allerdings nicht noch weiter. Viel gruseliger war nur die Vorstellung, dass Apollo all die Zeit in direktem Umkreis gewesen war. Ohne, dass Kassandra ihn bemerkt hatte.
      „Das ist mein Grund, o große Göttin. Und nun sag mir, welche Leine du mir anlegen willst, damit deine Menschen nachts gut schlafen können“, forderte der namenhafte Gott zu erfahren und nun musste sich die Phönixin entscheiden.
      „Ich werde Morpheus finden. Aber du wirst nicht direkt mit ihm in Kontakt treten, sondern nur mich als Mittelsperson nutzen. Ich werde dein Bindeglied zwischen dir und ihm sein und solltest du auch nur einen Hauch einer Tat gegen mich, die meinen oder meine Überzeugungen wagen, bricht jeder Kontakt zu Morpheus ab. Ich entscheide, was ich übermittle und was nicht. Bemühe dich, dann bin ich dir zugewandt“, beschloss Kassandra und atmete tief durch, wobei sich ihre vogelartige Gestalt wie eine transparente Täuschung in ihrem Rücken erhob und die Flügel schüttelte. Die Menschen in ihrem Umkreis hatten sich größtenteils in einem weiteren Bogen um sie herum zurückgezogen, manche von ihnen gesund und hilfsbereit gegenüber den Armen, die es nicht rechtzeitig zur Phönixin geschafft hatten.
      „Wenn die Kondition genehm ist, dann überführe ich dich nach Kuluar. Auf meiner Kralle, versteht sich.“
    • Apollo wog den Kopf hin und her und wägte Kassandras Angebot ab. Schließlich seufzte er und stimmte einen traurigen Akkord an.
      "Die Kondition ist genehm. Du sollst meine vertrauenswürdige Botin sein und vermitteln. Du mit deinen Flügeln findest du ihn sicher schneller als ich mit meiner Zukunft."
      Er stand auf. Die Menschen waren wieder vor ihnen zurückgewichen, hauptsächlich abgestoßen von Kassandras nicht mehr sehr einladender Aura. Jetzt wichen sie auch noch vor Apollos göttlichem Wesen zurück, das er nicht länger im Zaum hielt.
      "Trage mich auf deiner Kralle. Vielleicht können wir einen Umweg fliegen und die Berge betrachten? Ich möchte sehen, wie sich dieses sterbliche Instrument in Anbetracht aller Urschöpfung verhält."

      Kassandras Ankunft wurde gemeldet, sobald der dunkle Fleck der Phönixin am Himmel auftauchte. Es dauerte noch immer eine geraume Zeit, bis die Nachricht von der Wache zu Zoras getragen und alles vorbereitet worden war. Aber dann war der Platz neben dem Lager geräumt und von Wachen umzäunt, um den Landeplatz zu markieren, und Zoras wartete mit seiner Garde auf sie. Kassandra kam unter hoher Aufregung der Pferde und Soldaten an und landete mit einem gezielten Manöver auf dem hergerichteten Platz. Sie stellte ihre menschengroße Klaue auf dem Boden ab und herunter stieg ein Gott, der nicht göttlicher aussah als jeder gewöhnliche Mann. Er war schlank und nicht besonders groß, trug seine Haare in der Form goldiger Locken und war in ein schlichtes, uprarisches Gewand gekleidet. In seiner Armbeuge hielt er eine Laier, so wie eine Mutter ihr Kind hielt, und er richtete sich sogleich zu seiner vollen Größe auf. Das alleine - das unbekümmerte Absteigen von Kassandras riesiger Klaue und die ungewöhnliche Laier - zeichneten ihn als Gottheit aus. Kein Mensch hätte eine solche Eleganz und Selbstsicherheit in Gegenwart der Phönixin an den Tag gelegt. Außerdem hätte es kein Mensch geschafft, auf Kassandras Klaue zu reiten und nicht getragen zu werden.
      Apollo ließ den Blick über die versammelten Männer schweifen, über das türkise Wappen des Königshauses und über das Lager im Hintergrund. Er nahm seine Laier und stimmte eine kleine Melodie an, die schönsten Töne, die Zoras jemals vernommen hatte. Zoras versuchte seine Überraschung darüber zu verstecken, als der Gott auf ihn zukam. Er hatte nicht gewusst, dass Apollo Musik mochte; gab es dafür keinen eigenen Gott?
      "Ich heiße Euch willkommen, Apollo", sagte er förmlich, ein halbes Auge auf Kassandra gerichtet. Er musste unbedingt wissen, ob es Schwierigkeiten gegeben hatte.
      Apollo sah ihn sehr eindringlich an. In seinen Augen brannte seine Göttlichkeit.
      "Er trägt dein Zeichen, Kassandra."
      Apollo streckte eine Hand nach ihm aus und Zoras' Garde schob sich vorwärts. Zoras hielt sie zurück, nachdem er nicht wirklich glaubte, dass der Gott gefährlich war. Nicht so wie Dionysus.
      Apollo ließ die Hand vor ihm durch die Luft wandern. Zoras sah nicht, dass der Gott seine Aura streichelte.
      "Ich kann es sehen. Es ist noch nicht hier, aber so gut wie. Man kann es nicht mehr rückgängig machen."
      Zoras starrte den Gott verständnislos an, sah zu Kassandra und wieder zurück. Hoffentlich war dieser Gott hier nicht auch von dem Aufenthalt auf der Erde völlig durchgedreht.
      "Darf ich Euch in mein Zelt einladen?"
      Apollo nahm die Hand zurück und spielte wieder eine unsagbar schöne Harmonie.
      "Ich möchte Dionysus sprechen."
    • Tatsächlich hatte sich Kassandra erweichen lassen, einen kleinen Umweg zu fliegen. So ganz verschätzen mit einem Gott, der eigentlich eine Liga über ihr sein musste, wollte sie nun doch nicht. Nach dem kurzen Exkurs waren sie jedoch auf direktem Wege zur Lagerstätte geflogen, wo man sich nicht mehr kauernd vor ihrem Schatten duckte oder mit dem Finger auf sie zeigte, um kurz darauf die Flucht zu ergreifen. Stattdessen räumte man eine Fläche, damit der gigantische Phönix landen konnte, ohne etliche dabei zu zerquetschen. Der Boden erzitterte unter ihrem Gewicht, als ihre Ständer aufsetzten und Windstöße warfen die nächsten Soldaten um, die zu nah an ihren Schwingen gestanden hatten. Sie wartete, dass Apollo abgestiegen war, um zu schrumpfen und in ihre übliche, menschliche Erscheinung zurückzukehren, die kleiner als die von dem anderen Gott und natürlich wesentlich zierlicher war. Statt eines wallenden und leichten Gewandes trug sie dieses Mal eine intrigante Kombination aus dunkel gefärbtem Leder mit türkisen Akzenten, die ihrem Körper schmeichelten. Ihr Blick heftete sich an Apollo, der zuvor noch etwas auf seiner Laier gezupft hatte, und jetzt unmittelbar auf Zoras zuhielt. Die Anspannung der sie umgebenden Soldaten wurde greifbar.
      „Er trägt dein Zeichen, Kassandra“, verkündete Apollo, in dessen Rücken Kassandra wie ein Omen lauerte. Zu weit entfernt, als dass sie ihn aus sterblicher Sicht von etwas hätte abhalten können, aber nah genug, damit man ihren Einfluss nicht vergaß. Während sie die beiden Männer mittels Seitenblicks im Auge behielt, streckte sie erwartungsvoll die Hände aus, damit eine Dienerin aus Zoras‘ Hausstaat ihr ein feuchtes Tuch reichen konnte.
      „Nicht nur meines. Ist dir seine Hand nicht aufgefallen?“, erkundigte sich Kassandra in einem entspannten Tonfall, doch Zoras wusste es besser. Sie spielte auf Amartius an und nichts, was ihren Sohn betraf, war leichtfertig von ihr gesprochen. Dass Apollo nicht einmal ein Wort über ihren Sohn verlor, setzte ihn in ihren Augen herab und das duldete sie nicht.
      Als Apollo seine Hand ausstreckte, zuckten sämtliche Soldaten zeitgleich zusammen. Nur die Phönixin, die keine böse Absicht seitens des Gottes spürte, blieb den Umständen entsprechend entspannt. Stattdessen schlich sich sogar ein heimliches und selbstzufriedenes Lächeln auf ihre Lippen, als Apollo Zoras‘ Aura liebkoste. Anders konnte man seine Gestik nicht beschreiben.
      „Ich kann es sehen. Es ist noch nicht hier, aber so gut wie. Man kann es nicht mehr rückgängig machen“, sagte Apollo plötzlich unvermittelt und Kassandra stellte das Abreiben ihres Halses mit dem Tuch ein.
      Zoras‘ und Kassandras Blicke kreuzten sich, beide nicht wirklich in Kenntnis darüber, was der Gott der Weissagung gesehen und gemeint hatte. Das aber hier auf dem Platz infrage zu stellen, war unklug.
      „Darf ich Euch in mein Zelt einladen?“ Kluger Schachzug.
      „Ich möchte Dionysus sprechen.“
      „Vorerst abgelehnt“, stellte Kassandra prompt klar und gab dem Diener das Tuch zurück. Mit entschlossenen Schritten trat sie an Apollos Seite und musterte ihn. „Wir werden uns erst in das Zelt zurückziehen, einen Grundsatz definieren und dann werden wir schauen, ob ich ein Treffen mit Dionysus arrangieren kann. Kuluars Sterbliche befinden sich gerade in einem Ausnahmezustand und da dir Krieg nicht viel bedeutet, sei dir eröffnet, dass er wenig Spielraum für Vergnügung lässt.“
      Kassandra nickte Zoras‘ Garde zu, dass sie den Weg zum Hauptzelt freigeben sollten.
      „Gewöhn dich an das sterbliche Sprichwort: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.““
      Und damit führte Kassandra das Dreigespann aus Göttern und Sterblichem zurück zum Hauptzelt. Schließlich hatte sie klar gemacht, dass sie nicht immerzu von ihrem Pfad abweichen würde.

      Das Zelt war größer als die restlichen und entsprechend schnell zu entdecken. Man hatte wieder einmal sämtliche Annehmlichkeiten, die eines Herrschers würdig waren, innerhalb des Zeltes aufgestellt. So wie der Rotundentisch in der Mitte, der eigentlich zur taktischen Besprechung diente und nun umfunktioniert wurde zu einer Tafel, die hoffentlich auch Göttern zusagte. Zwischenzeitlich war Kassandra bereits geneigt gewesen, dem Gott die Laier aus der Hand zu reißen, denn selbst wenn er gut spielte, zerrten die zarten Töne an ihrem Geduldskonstrukt. Bis auf ein Wort hatte sie kaum etwas gegen den Gott in der Hand und die Aufgabe, nach Morpheus zu suchen, verstimmte sie zusätzlich.
      Dennoch war sie die Erste, die auf einem der Stühle Platz nahm und sich einen Kelch mit Wein bringen ließ. Einen, der natürlich nicht von Dionysus stammte. „Um dich kurz aufzuklären, Zoras: Apollo ist aufgrund eines wörtlichen Handels hier. Weder habe ich seine Essenz als Druckpunkt noch weiß ich, wo sie sie sich aufhält.“ Sie sah die Besorgnis in Zoras‘ Gesicht und schüttelte leicht den Kopf. „Wir haben andere Maßnahmen getroffen, von denen ich denke, dass sie zur Genüge sind. Frag ihn also nach allem, was du wissen möchtest. Aber stell dich auf kryptische Antworten ein.“
      Sie warf Apollo einen vielsagenden Blick zu, der nur noch von einem Augenrollen hätte gekrönt werden können.
    • Apollo war nicht sehr glücklich, dass man seinen Wunsch nicht erfüllt hatte - aber er zeigte es nur durch die kurze traurige Harmonie, die er mit der Laier anstimmte. Sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos, während er Kassandra folgte und sich seinem Schicksal ergab. Zoras war glücklich darüber, dass der Gott keine so große Klappe hatte wie Dionysus.
      Sie nahmen im Kommandozelt Platz, wo ein kleiner Kamin für Feuer und Licht sorgte. Zoras nahm sich den Moment des Hinsetzens, um Apollo genau anzusehen, sein Gesicht, sein Gewand, seine Laier. Er suchte auch Kassandra ab, nach Anzeichen eines Kampfes oder nach Apollos Essenz, die die Phönixin bei sich tragen könnte, aber von beidem fand er nichts. Es stimmte ihn nervös; Apollo schien aus seiner Sichtweise freiwillig hier zu sein. Das gefiel ihm nicht, nachdem er schon am eigenen Leib erfahren hatte, wie wankelmütig manche Götter sein konnten.
      „Um dich kurz aufzuklären, Zoras", sagte Kassandra da und nahm einen Kelch Wein entgegen. Zoras verzichtete auf das Getränk. "Apollo ist aufgrund eines wörtlichen Handels hier. Weder habe ich seine Essenz als Druckpunkt noch weiß ich, wo sie sie sich aufhält."
      Seine Augenbrauen schossen hoch. Ein wörtlicher Handel - mit einem Gott?
      Kassandra nahm seinen Gedanken wahr und schüttelte den Kopf.
      „Wir haben andere Maßnahmen getroffen, von denen ich denke, dass sie zur Genüge sind. Frag ihn also nach allem, was du wissen möchtest. Aber stell dich auf kryptische Antworten ein.“
      Sie sah Apollo an, der den Blick sogleich erwiderte und lächelte. Zoras wusste nicht, was dort zwischen ihnen vorging und er glaubte auch nicht, es jemals verstehen zu können. Dafür hätte er wohl bei ihrem Treffen dabei sein müssen.
      "Nun gut. Apollo, ich nehme an, Kassandra weihte Euch über unsere Absichten ein."
      Apollo sah wieder ihn an und sein Lächeln verschwand. Er setzte sich auf seinem Stuhl zurecht und spielte eine leise Melodie an, die Zoras' Ohren schmeichelten.
      "Sie hat mir ein Bild davon verschafft, ja", sagte der Gott auf fließendem therissisch. Zoras fand es immer ein bisschen gruselig, wenn Götter so einfach die Sprache wechselten.
      "Dann erbitte ich Eure Auskunft, ob wir den richtigen Weg einschlagen. Können wir den Himmelsbruch aufhalten, wenn wir so weitermachen wie bisher?"
      Apollo sah ihn einen Moment lang schweigend an.
      "Das klingt mir nach einer Frage für das Orakel. Ich kenne nicht das Schicksal, das die Moiren weben. Weder für dich, noch für Kassandra oder die Welt."
      "Aber sicher barg der letzte Himmelsbruch in Xafia eine Prophezeiung, die Ihr wiedergeben könnt?"
      "Der in Xafia? Oh nicht doch. Ein Vögelchen zwitscherte mir: Auf der ganzen Welt", sagte Apollo lächelnd. Zoras wurde unruhig; er warf Kassandra einen Blick zu. Das war noch kein schlechtes Zeichen - oder doch?
      "Aber wie es der Zufall so will", sagte Apollo weiter, "habe ich tatsächlich etwas gesehen. Und anscheinend möchtet ihr genau das hören."
      "Bitte."
      Apollo klimperte vor sich hin.
      "Dann sage ich es euch. Ich habe also in den Himmel gesehen und siehe da: Blau ward nicht mehr Blau und Rot ward nicht mehr Rot. Licht spross, wo Schatten verschlang, und Wolken zogen durch den dichten Nebel. Ich sah ein Schwert und es hatte zwei Seiten, aber beide Seiten zeigten auf schwarze Flammen. Hund und Geier fressen den Raben. Leben ist gesprossen und genauso schnell wieder verendet. Das Rad der Zeit hat sich gedreht und nichts konnte es aufhalten. Was einst getrennt war, wird nie wieder auseinander sein. Den Graben füllt das Blut. Zwei Arme haben sich erhoben, doch der Körper ist geblieben. Und dann..."
      Apollo pausierte sein Spiel, sodass der letzte Ton nur langsam verklang.
      "Nun, dann war es wieder vorbei. Der Himmelsbruch dauerte schließlich nur ein paar Minuten."
      Zoras starrte ihn an. Er blinzelte, sah zu Kassandra und wieder zurück. Apollo nahm sein langsames Spiel wieder auf.
      "Und... was heißt das?"
      "Es ist eine Weissagung und keine Vorhersage. Ich weiß nicht, was es bedeutet. Manchmal erlauben mir die Moiren einen Blick auf ihre Fäden, doch dann sehe ich noch lange nicht das ganze Gewebe. Das, was sie mir zeigen, kann Warnung, Wunsch oder Vorhersage sein. Es liegt nicht an mir, das zu beurteilen."
      "Können wir sicher sein, dass es uns betrifft?"
      "Oh nein, keinesfalls. Wie gesagt, es ist eine Prophezeiung. Aber", Apollo sah Kassandra an, "da ihr für den letzten Himmelsbruch verantwortlich wart, würde ich es euch zuschreiben. Zumindest einen Teil davon."
    • Nun war es an Kassandra, die Rolle des stillen Beobachters zu übernehmen. Mit überschlagenen Beinen thronte sie auf ihrem Stuhl mit dem Kelch in der Hand, als täte sie nie etwas anderes. Ihr war unlängst aufgefallen, dass Apollo sich allen Menschen gegenüber als recht distanziert und desinteressiert gab, außer bei ihr. Ob es daran lag, dass er die Grenze zwischen Göttlichem und Sterblichem so scharf zog oder ob es andere Gründe hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Jedenfalls empfand sie Zoras‘ erste Frage als ziemlich plump. Sie rechnete damit, keine konkrete Antwort seitens des anderen Gottes erhaschen zu können. Immerhin wäre dann diese gesamte Aktion mit nur einer Frage abgetan gewesen. Das war… zu leicht.
      „Das klingt mir nach einer Frage für das Orakel.“
      Aha. Dann lag Kassandra mit ihrer Vermutung zumindest richtig. Die Moiren waren wie ein Schatten an ihre Fersen geheftet und immer öfter ertappte sich die Phönixin dabei, wie sie eben jenen Schatten zu vergessen drohte. Fast genauso wie der Himmelsbruch, der sich natürlich nicht nur in Xafia zugetragen hat. Was Zoras nur mit seinen Augen hatte sehen können, war für die Götter über den gesamten Platen zu spüren gewesen. Folglich erwiderte sie seinen Blick nur mit einer neutralen Mimik. Das hatte sie immerhin schon gewusst.
      „Aber wie es der Zufall so will habe ich tatsächlich etwas gesehen. Und anscheinend möchtet ihr genau das hören“, verriet Apollo nun doch und erlangte damit Kassandras volle Aufmerksamkeit.
      Schon beim ersten Satz wurde Kassandra klar: Sie hasste Weissagungen. Diese nichts aussagenden, kryptischen Texte, die manch Gott und Sphinx liebten, trafen bei ihr nur auf Unmut. Lieder und geschwafelte Verse waren eine Sache, kryptische Texte, die einen Funken Wahrheit beinhalteten etwas völlig anderes. Ihre Miene verfinsterte sich, als die Konzentration in ihr Gesicht trat und sie versuchte, zumindest teilweise Rückschlüsse zu ziehen. Hier und da gab es Hinweise, die sie zu deuten vermochte. Allerdings konnte niemand beantworten, wie weit diese Weissagung in die Zukunft griff. Tage? Monate? Gar Jahre?
      Leises Geklimper erklang wieder und Zoras wirkte noch verwirrter als zuvor. Verständlicherweise. „Und… was heißt das?“
      Apollo teilte Kassandras Meinung hinsichtlich von Weissagungen. Natürlich, denn er war derjenige, der am besten über die Wahrscheinlichkeiten und das Eintreffen seiner Worte Bescheid wusste. Im Endeffekt hatten sie nun die Aussage Apollos und konnten damit nicht wirklich viel anfangen. Sie standen wieder dort, wo sie angefangen hatte, nur dieses Mal mit einer potenziellen Gefahrenquelle in den eigenen Reihen.
      „Aber… da ihr für den letzten Himmelsbruch verantwortlich wart, würde ich es euch zuschreiben. Zumindest einen Teil davon“, sagte Apollo, nachdem er den Blick der Phönixin aufgefangen hatte.
      Darauf stieß sie lediglich einen Seufzer aus. „Teilweise. Niemand konnte damit rechnen, dass er bricht, wenn wir das Gleichgewicht wiederherzustellen versuchen. Aber, ja, die ein oder andere Passage würde ich uns zuschreiben können.“
      Ihr Blick legte sich auf Zoras und mit einem Nicken bedeutete sie ihm, doch Platz zu nehmen. Sein konsequentes Stehen obwohl sich die Götter gesetzt hatten, wirkte in ihren Augen nicht recht. „Wir wissen auch nicht, inwieweit ein zeitlicher Rahmen mit dieser Weissagung abgedeckt wird. Es könnten Stunden, Tage oder sogar Jahre sein, die er da gesehen hat“, merkte sie ruhig an, bevor sie den Teil, den sie möglicherweise deuten konnte, mit ihm teilte. „Ich weiß nicht genau, für was das Schwert steht, welches er sah, aber die Flammen sind zweifellos meine. Es gibt niemanden sonst mit schwarzem Feuer und so wie es klingt, gibt es zwei Optionen, allerdings beide mit demselben Ergebnis.“
      Dieser Teil gefiel ihr am wenigstens. Diesen Teil konnte sie so akkurat auf sich selbst münzen, dass ihr unheimlich zumute wurde. Gerade ihre schwarzen Flammen setzte sie nach Möglichkeit nicht ein und dass ihr nun weisgesagt wurde, dass sie so oder so zu diesem Mittel greifen würde, schmeckte ihr nicht. Fremdbestimmung war etwas, von dem sie sich hatte lossagen wollen und nicht noch tiefer darin versinken wollte.
      „Der Rest klingt, gelinde ausgedrückt, nicht unbedingt friedsam. Wenn es auch nur ansatzweise eintreffen sollte, dann stehen uns keine ruhigen Zeiten bevor.“
    • Zoras schwenkte seinen Kelch Wasser langsam herum, während er Kassandra lauschte. Die Weissagung sah nicht gut aus; schwarzes Feuer bei einem zweiseitigen Schwert. Das trug wirklich Kassandras Zeichen, wobei Zoras unsicher war, warum es relevant war, dass das Schwert zwei Seiten haben sollte. Alle Schwerter hatten zwei Seiten, wie sollte auch ein einseitiges Schwert aussehen? Und überhaupt, wie sollte Apollo das erkannt haben? Wenn er nur ein Schwert sah, warum wäre es für ihn wichtig zu erwähnen, dass es zwei Seiten hatte?
      Zoras studierte den Gott einen Moment lang, der neben Kassandra saß und sein überirdisches Lied spielte. Er erweckte nicht den Eindruck von Feindseligkeit und auch der Wahnsinn der Erde schien ihn noch nicht ergriffen zu haben. Gemäß aller Umstände wirkte er sogar recht normal, so normal, wie Zoras einen Gott einschätzen mochte. Bedeutete das, dass sie seiner Weissagung glauben sollten? Dass er sie damit nicht zu manipulieren versuchte?
      Zoras trank einen Schluck, dann atmete er aus.
      "Wir wissen also, dass irgendetwas mit deinem Feuer zu tun hat, oder mit dir, aber nicht, was genau es ist. Oder ob es überhaupt eintrifft. Wir wissen, dass Blut fließen wird, aber nicht welches Blut. Und der Himmelsbruch... wurde er mit dem Rot und Blau angesprochen? Das ist am undeutlichsten. Ich kann mir keinen Reim daraus machen."
      "Wenn ihr einen Vorschlag hören möchtet", sagte Apollo und schlug eine andere Harmonie an. Die schönen Töne entlockten Zoras eine Gänsehaut. "Die Menschen neigen dazu, sich alles aufschreiben zu wollen. Bestimmt habe ich schon vor dem Himmelsbruch Weissagungen über ihn vermittelt. Findet solche und ihr könnt meine Deutung vielleicht entschlüsseln."
      Zoras sah irritiert zu Apollo.
      "Könnt Ihr denn nicht am besten deuten, was Ihr selbst gesehen habt? Sicher brauchen wir dafür keine Niederschriften vergangener Vorhersagen. Eurer Vorhersagen, wohlgemerkt."
      Bei dieser Antwort brach Apollo sein Stück unvermittelt ab und senkte seine Laier. Der Blick, mit dem er Zoras bedachte, wurde plötzlich auffällig ausdruckslos, als hätte der Gott eine Maske aufgezogen. Zoras wurde sich unwillens von Neuem bewusst, dass sie mit einem - quasi - freien Gott in diesem Zelt saßen. Und bisher hatten sich die Götter als ziemlich unberechenbar herausgestellt.
      "Unterstell mir nicht, dass ich mein eigenes Wort nicht verstehe. Die Mächte der Götter waren schon immer größer, als der menschliche Verstand begreifen kann. Keine Sprache wird jemals in der Lage sein zu vermitteln, was die Moiren mir zu sehen gestatten. Niederschriften und Ereignisse haben wenigstens eine Chance darauf, den Worten eine Bedeutung zuzuschreiben."
      Er wandte sich von Zoras ab und sah Kassandra an, noch immer unangenehm ausdruckslos.
      "Du hast eine Abmachung einzuhalten."
    • Ein doppelseitiges Schwert… Eine mögliche Metapher und nicht wortwörtlich gemeint? Weissagungen konnten alles und nichts sein, was es so schwierig machte, sie recht zu deuten. Aber wenn es als Metapher galt, dann würde irgendeine Entscheidung oder Handlung anstehen, die wie ein zweischneidiges Schwert fungierte. Ein Gewinn und ein Verlust gleichermaßen. Aber ob dies dann für sie galt, stand ebenfalls in den Sternen.
      „Im Endeffekt wissen wir gar nichts“, stellte Kassandra nüchtern fest. „Um ehrlich zu sein habe ich auch nichts anderes erwartet. Wäre eine klare Antwort von Apollo gekommen, dann wäre ich durchaus überrascht gewesen.“ Das war nur in tausenden von Jahren nicht vorgekommen.
      „Wenn ihr einen Vorschlag hören möchtet“, mischte sich Apollo ein. Die Melodie, die er anstimmte, war durchaus schön, in Kassandras Ohren aber nicht so anziehend wie für sterbliche Ohren. Zumindest sah sie, wie Zoras teilweise verzückt vom Gespräch abdriftete und den Lauten der Laier lauschte. Apollo gab seinen Tipp ab, von dem Kassandra nicht allzu viel hielt. Menschen verwechselten gerne Weissagungen und Prophezeiungen. Dies auseinander zu klamüsern hatte sie nicht wirklich vor. Vielleicht konnte man ja den ein oder anderen Gelehrten aus Kuluar dazu abstellen, Schriften zu sammeln.
      „Könnt Ihr denn nicht am besten deuten, was Ihr selbst gesehen habt?“ Zoras‘ Frage, die voll von sterblicher Naivität war, ließ Kassandras Blick aufmerksam und scharf werden. „Sicher brauchen wir dafür keine Niederschriften vergangener Vorhersagen. Eurer Vorhersagen, wohlgemerkt.“ Es brauchte keinen Spezialisten, um zu wissen, dass Zoras damit eine Grenze überschritt. Noch bevor Apollo sein Spiel einstelle und die Laier senkte, hatte Kassandra ihren Menschen schon mit Blicken gestraft, die nicht mehr nur ein Tadel, sondern eine scharfe Zurechtweisung enthielten.
      Entsprechend reagierte der andere Gott. Er explodierte nicht, aber er legte sein menschliches Mimenspiel ab, wodurch er so fremdartig wie alle Götter wirkte, wenn sie das erste Mal die Erde betraten. In dieser Phase war es selbst für Kassandra kein Leichtes zu bestimmen, welche Handlungen der Gott als nächste verfolgen würde. Glücklicherweise wandte sich Apollo ihr mit dieser Ausdruckslosigkeit zu, mit der sie wesentlich besser klarkam als Zoras. „Du hast eine Abmachung einzuhalten.“
      „Und ich habe nie gesagt, wann ich sie einlösen werde“, hielt Kassandra mit ebenso ausdrucksloser Miene dagegen, erhob sich jedoch von ihrem Platz. „Es wurde weder ein Ultimatum noch eine Frist genannt. Ich werde mir die benötigte Zeit nehmen, um nach Morpheus zu suchen. Aber du sollst deine Unterredung mit Dionysus erhalten. Begrenzt, versteht sich.“
      Mit einer ausladenden Geste warf sie den überflüssigen Teil ihres Gewandes hinter sich, ehe sie sich anschickte, das Zelt zu verlassen. „Zoras, ich fliege ihn zur Hauptstadt. In ein paar Stunden sind wir wieder hier“, ließ sie ihn wissen und warf Apollo einen auffordernden Blick zu, dass er sich endlich erhob und ihr folgen würde.
      Kurz darauf hob ein großer Phönix vom Freiplatz des Lagers ab und verschwand von einem Wimpernschlag auf den nächsten im Nichts. Sie reisten nicht mit kosmischen Stunden. Sie reisten mit dem Licht.

      Kurz darauf landete Kassandra in der Hauptstadt, wo sie sich zurückverwandelte und ein eilig heranstürmender Nail sie bereits erwartete. Als der Blick ihres Fanatikers auf Apollo fiel, rauschten diverse Emotionen über das Gesicht des Jünglings, aber es war Abschätzigkeit, die sich final bei ihm einstellte. Er beschloss, den anderen Gott einfach zu ignorieren und stattdessen seine Herrin zu begrüßen.
      „Hast du Dionysus über einen gast informiert?“, wollte sie von ihm wissen und erachtete es nicht als nötig, Apollo ihn vorzustellen. Das Leben eines Sterblichen scherte den Gott gewiss nicht.
      Selbstredend, aber ich schätze, er hat mir nicht recht zugehört“, antwortete Nail und bedeutete den Göttern einen Weg hoch zum Palast, wo sich der dritte Gott im Bunde eingefunden hatte.
      "Hatte ich dir nicht aufgetragen, kuluarisch zu lernen?", mahnte sie ihn beiläufig während des Gehens.
      "Ich lerne. Gut", erwiderte Nail darauf in gebrochenem kuluarisch.