Zoras nickte nur zögerlich. Der Himmelsbruch hatte ihn überrascht und jetzt war es ihm nicht geheuer, Kassandra einfach so ziehen zu lassen. Natürlich wusste er, dass mit zwei Champions weniger die Welt nicht wieder ins Gleichgewicht gebracht werden konnte, aber er hatte doch gedacht, dass sich zumindest der Himmelsbruch eindämmen lassen würde. Wie viele Champions gab es schließlich auf der ganzen Welt, ein paar hundert vielleicht? Sollten da nicht schon zwei einen Unterschied machen?
"Wie du wünschst", sagte er, ohne seine Unzufriedenheit zu verbergen. Er würde Kassandra nicht davon abhalten zu gehen, aber er würde über ihre Abwesenheit auch nicht glücklich sein. Er hatte sie jetzt schon vermisst in dem einen Monat, den sie getrennt waren.
Kassandras Züge weichten erneut auf und sie strich ihm gar liebevoll über die Wange. Zoras lehnte sich in die Wärme hinein, wohlwissend, dass sie ihm wieder entzogen würde.
„Gib mir etwas Zeit. Wir treffen uns wieder in Kuluar, sobald ich zurück bin.“
"Du hast alle Zeit, die du brauchst. Gute Reise."
Kassandra löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück, um sich Platz zu verschaffen. Zoras beobachtete, wie sie in dunkle Schatten eintauchte, aus denen schwarzes Gefieder wuchs, bevor sie in ihrer gigantischen Gestalt in den Himmel schoss. Die erzeugte Windböe ließ ihn straucheln und er sah nach oben, um seine Geliebte davonfliegen zu sehen. Ein weiteres mal.
Auch ohne Kassandra ließ sich Xafia erobern, so wie es geplant worden war. Zoras ernannte den hierfür abgestellten Offizier zu seinem Fürsten - die Kuluarer kannten den Titel nicht, aber Zoras wusste noch nicht, wie er ihn sonst nennen sollte - und ließ ihn, sowie einen kleinen Teil der Armee, in Xafia verweilen, um die Herrschaft zu sichern und die Infrastruktur wiederherzustellen. Es war noch nicht absehbar, ob Xafia sich halten würde, weshalb sie alle kein großes Risiko eingehen und viel Aufwand und Ressourcen darum bemühen würden. Sollte Xafia in einem Rachefeldzug angegriffen werden, würde Kassandra hinfliegen und die Lage binnen weniger Stunden regeln. So war der Plan, bis sich ihr Standpunkt gefestigt hatte, denn Xafia sollte nur als Auftakt dienen. Fortan würde ein großer, vernichtender Krieg herrschen.
Mit dem Großteil der Armee kehrten sie nach Kuluar zurück, um zu entdecken, dass ihre Prophezeiung in Erfüllung gekommen war: Die Botschaften hatten ihre Türen geschlossen und ihre ausländischen Vertreter abziehen lassen. Ristaer verzeichnete einen hohen Anlauf an Nachrichten, die alle dasselbe Schema hatten. Man verurteilte Kuluar für seinen radikalen Vormarsch, nahm Gebrauch von Kündigungsklauseln für bestehende Verträge und sprach Warnungen aus, teilweise auch direkte Drohungen. Länder, die keinen Champion beherbergten, hielten sich dabei deutlich zurück; bei ihnen konnte Zoras Vorsicht und Zögern erkennen, ein langsames Vortasten, wie man mit Kuluar in der Zukunft verfahren sollte. Schließlich war es für Kuluar ein einfaches, ein Land ohne Champion einzunehmen - noch einfacher als Xafia. Die großen Herrscher fürchteten, dass Kuluar genau das ausnutzen würde.
Das war zwar nicht ihr Ziel, aber das wusste niemand. Für die ganze Welt sah es aus, als hätte Kuluar einen Eroberungs-Feldzug gestartet.
Hier begann der schwierige Teil. Feinfühlige Diplomatie musste eingesetzt werden, um zu verhindern, dass Kuluar an zu vielen Kriegserklärungen auf einmal ertrank. Eins nach dem anderen lautete der Plan und das musste mit größter Vorsicht umgesetzt werden. Sie mussten den Feldzug rechtfertigen, ohne sich dafür zu entschuldigen, mussten Versprechungen machen, die sie in jedem Fall halten konnten und mussten so das Vertrauen der Länder darin stärken, dass Kuluar keine allzu ernst nehmende Bedrohung war. Sie mussten sie warten lassen, warten und untätig sein, damit Kuluar die Zeit hatte, sich vorzubereiten. Sie mussten auf dem dünnen Drahtseil der vollständigen Vernichtung balancieren.
Die beendeten Allianzen waren der nächste Punkt. Geld musste her, das nicht mehr über den Handel fließen konnte, Ressourcen mussten ersetzt werden, die nun nicht mehr von außen kommen konnten. Darauf waren sie zwar alle vorbereitet gewesen, aber der Einbruch war dennoch ein heftiger Schlag, den sie ausgleichen mussten. Und dann natürlich die militärische Sicherheit: Irgendwann würde jemand gegen Kuluar vorzugehen versuchen. Sie mussten sich also aufspalten, mussten neue Ländereien absichern, während die alten verteidigt blieben. Kurz gesagt: Der Eroberungsmarsch nach Xafia war wohl der einfachste Teil gewesen.
Kaum war Zoras wieder Zuhause, widmete er sich dem ehemaligen Tagesgeschäft. Aber die Planung lief, die Maschinerie war im Gange und die Zahnrädchen verzahnten sich nach und nach miteinander; so musste er nicht mehr den Aufwand betreiben, den er einst betrieben hatte. Denn Zoras hatte durchaus nicht vor, zu seinem alten, kümmerlichen Platz zurückzukehren, eingesperrt im Palast, um mit Argusaugen jedes Vorgehen zu hinterfragen. Nach und nach wollte er sich selbst aus dem System nehmen, um auf die Feldzüge zu gehen. Denn dort lag sein wahres Herz; es zog ihn jetzt schon wieder in den Sattel und er würde sich nicht mehr an den Thron fesseln lassen. Nicht wie zuvor.
Mit Lasyon aktualisierte er gerade die Karte der Ländereien und brütete darüber, wie sich die Geschehnisse zukünftig entwickeln würden, als die Tür aufsprang. Gereizt wandte er den Kopf, überzeugt, dass er eine Magd zurechtweisen musste, dass sie es überhaupt gewagt hatte, aber sein Ärger wurde sofort von angenehmer Freude abgelöst, als er Kassandra entdeckte. Kassandra war zurück und sie war nicht alleine gekommen.
"Kassandra."
Erleichtert wandte er sich ihr zu und auch Lasyon richtete sich auf. Die Phönixin betrachtete die beiden Männer, als sie hereinkam, ihr Gewand ein merkwürdiger Schnitt, den Zoras noch nie gesehen hatte, und in ihrem Gesicht ein ernster Ausdruck. Sie hielt sich nicht mit Förmlichkeiten auf, was Zoras zum einen gefiel, zum anderen aber auch ein bisschen enttäuschte. Schließlich hatte er sie vermisst.
„Der Bruch hat Chaos über Teile der Erde gebracht. Manche Regionen sind verschont worden, andere sind einer Apokalypse gleich untergegangen. Darunter auch… meine letzte Stätte, die unterhalb der Wüste vergraben war."
Zoras verzog das Gesicht. Er wusste nicht zu deuten, welche Auswirkungen so etwas auf eine Göttin hatte, aber Kassandra hatte sowieso nicht viele Tempel aufzuweisen, die heutzutage noch standen. Der Verlust musste sie ähnlich treffen wie eine Heimat zu verlieren.
Zoras sprach sein Beileid aber nicht aus. Sie hatte es ihm nicht erzählt, um bemitleidet zu werden, sondern um Neuigkeiten zu überbringen. Später konnten sie noch privat darüber reden.
"Die Erde wurde entzweigerissen und hat einfach alles zunichte gemacht, was noch dort gewesen war. Die letzten Tempelanlagen. Den letzten Altar.“
"Sie ist nicht wiederherzustellen?", fragte Zoras. "Gar nicht?"
„Ich habe alles in Glas eingeschlossen, um es vor weiteren Verfall zu schützen. Der Schaden ist aber längst angerichtet."
Zoras brummte missmutig. Er würde sich nachher noch eingehend mit ihr darüber unterhalten müssen.
"Dafür habe ich eine andere Entdeckung gemacht", sagte Kassandra und lenkte die Aufmerksamkeit zu dem Mann, der nun hinter ihr den Raum betrat. So wie auch Kassandra trug er eine andersartige Robe und hatte die Haut mit zeremoniellen Zeichen bedeckt. Demütig hielt er den Kopf gesenkt und ging nur so weit in den Raum hinein, um von allen gesehen zu werden.
„Ich nahm an, dass der Kult, der mir einst huldigte, nicht mehr existiert. Ich lag falsch. Das ist Nail. Ich werde ihn fortan hier wissen.“
Zoras nickte.
"Das ist gut - zu wissen, dass noch Anhänger dort draußen sind. Dein Erbe ist nicht ganz verloren."
Zu gerne hätte Zoras erfahren, was das für Kassandra wirklich bedeutete, aber der Moment war dafür nicht richtig. Er war mitten in einer Besprechung mit Lasyon und Kassandra war sicherlich auch nicht hereingekommen, um sich ihr Mitleid von ihm abzuholen. Und tatsächlich reagierte sie mit keiner Regung auf sein Gesagtes und ließ den Blick stattdessen zu den Karten schweifen.
„Wie hat es sich entwickelt während ich fort war? Bleiben wir bei unserem Zeitplan?“
"Alles wie vorhergesagt."
Zoras trat einen Schritt beiseite, um sie sehen zu lassen. Nail blieb im Hintergrund und rührte sich nicht.
"Eclad hat uns öffentlich denunziert. Seine Regierung aus den drei Champions hat bekannt gegeben, dass sie mit niemandem verkehren werden, der seine Stellung ausnutzt. Sie sind empört und verachten ihre kuluarischen Artgenossen, wie mir scheint. Noch erwarten wir von ihnen keine Kriegserklärung, sie regen sich nur auf.
Upraria hat alle Verträge zurückgezogen und sich nicht weiter dazu geäußert. Feyra hat berichtet, dass sie ihre Streitkräfte zusammenziehen und wohl versuchen, die Champions trotz Gesetze in die Regierung zu schieben, um uns einen geordneten Krieg zu erklären. Wir erwarten ihre Kriegserklärung in den nächsten zwei bis drei Wochen, wenn es länger dauert, können wir von inneren Konflikten ausgehen. Das wäre, je nach aktueller Situation, von Vorteil für uns.
Otros ist sofort ein Bündnis mit Astreysil eingegangen und hat uns als Primaten beschimpft. Der Champion, den sie am Hof gehalten haben, wurde verkauft, aber sie haben laut Feyra vergünstigte Tarife von der Händlergilde einholen können. Zusammen gibt es dort nun also vier. Die Händlergilde selbst hat zwei neue Champions dazu bekommen und ihre Handelsrouten für uns gesperrt. Sie wird sich ganz sicher gegen uns wenden und das mit einem Land als Rückhalt. Wir vermuten, dass es Otros sein wird, wegen der guten, geographischen Lage."
Er deutete auf die Karte zu den jeweiligen Grenzen.
"Abgesehen davon haben wir Kriegserklärungen von Usmad, Staiso und Echistan erhalten. Trowana und Voswen haben sich unflätig geäußert und werden sich demnächst wohl den anderen anschließen. Ebran und Aclary sind verunsichert und warten lieber ab. Wir haben in ihnen mögliche Verbündete, oder mögliche zukünftige Verräter. In jedem Fall stellen sie keine akute Gefahr dar."
Zoras verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Er betrachtete selbst, was sie in den letzten Wochen angerichtet hatten und welche Auswirkungen das haben würde. Nach dieser Eroberung würde nichts wieder wie früher sein, ihr ganzes Leben würde sich ändern, die gesamte Welt. Sie hatten einen Stein zum Rollen gebracht und jetzt mussten sie zusehen, dass er auch in einem Stück unten ankam, ohne sie dabei selbst plattzuwälzen.
"Es sieht gut aus. Wir müssen vorsichtig vorgehen, aber es ist das, was wir wollten. Wenn alles nach Plan läuft, können wir das schaffen."
"Wie du wünschst", sagte er, ohne seine Unzufriedenheit zu verbergen. Er würde Kassandra nicht davon abhalten zu gehen, aber er würde über ihre Abwesenheit auch nicht glücklich sein. Er hatte sie jetzt schon vermisst in dem einen Monat, den sie getrennt waren.
Kassandras Züge weichten erneut auf und sie strich ihm gar liebevoll über die Wange. Zoras lehnte sich in die Wärme hinein, wohlwissend, dass sie ihm wieder entzogen würde.
„Gib mir etwas Zeit. Wir treffen uns wieder in Kuluar, sobald ich zurück bin.“
"Du hast alle Zeit, die du brauchst. Gute Reise."
Kassandra löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück, um sich Platz zu verschaffen. Zoras beobachtete, wie sie in dunkle Schatten eintauchte, aus denen schwarzes Gefieder wuchs, bevor sie in ihrer gigantischen Gestalt in den Himmel schoss. Die erzeugte Windböe ließ ihn straucheln und er sah nach oben, um seine Geliebte davonfliegen zu sehen. Ein weiteres mal.
Auch ohne Kassandra ließ sich Xafia erobern, so wie es geplant worden war. Zoras ernannte den hierfür abgestellten Offizier zu seinem Fürsten - die Kuluarer kannten den Titel nicht, aber Zoras wusste noch nicht, wie er ihn sonst nennen sollte - und ließ ihn, sowie einen kleinen Teil der Armee, in Xafia verweilen, um die Herrschaft zu sichern und die Infrastruktur wiederherzustellen. Es war noch nicht absehbar, ob Xafia sich halten würde, weshalb sie alle kein großes Risiko eingehen und viel Aufwand und Ressourcen darum bemühen würden. Sollte Xafia in einem Rachefeldzug angegriffen werden, würde Kassandra hinfliegen und die Lage binnen weniger Stunden regeln. So war der Plan, bis sich ihr Standpunkt gefestigt hatte, denn Xafia sollte nur als Auftakt dienen. Fortan würde ein großer, vernichtender Krieg herrschen.
Mit dem Großteil der Armee kehrten sie nach Kuluar zurück, um zu entdecken, dass ihre Prophezeiung in Erfüllung gekommen war: Die Botschaften hatten ihre Türen geschlossen und ihre ausländischen Vertreter abziehen lassen. Ristaer verzeichnete einen hohen Anlauf an Nachrichten, die alle dasselbe Schema hatten. Man verurteilte Kuluar für seinen radikalen Vormarsch, nahm Gebrauch von Kündigungsklauseln für bestehende Verträge und sprach Warnungen aus, teilweise auch direkte Drohungen. Länder, die keinen Champion beherbergten, hielten sich dabei deutlich zurück; bei ihnen konnte Zoras Vorsicht und Zögern erkennen, ein langsames Vortasten, wie man mit Kuluar in der Zukunft verfahren sollte. Schließlich war es für Kuluar ein einfaches, ein Land ohne Champion einzunehmen - noch einfacher als Xafia. Die großen Herrscher fürchteten, dass Kuluar genau das ausnutzen würde.
Das war zwar nicht ihr Ziel, aber das wusste niemand. Für die ganze Welt sah es aus, als hätte Kuluar einen Eroberungs-Feldzug gestartet.
Hier begann der schwierige Teil. Feinfühlige Diplomatie musste eingesetzt werden, um zu verhindern, dass Kuluar an zu vielen Kriegserklärungen auf einmal ertrank. Eins nach dem anderen lautete der Plan und das musste mit größter Vorsicht umgesetzt werden. Sie mussten den Feldzug rechtfertigen, ohne sich dafür zu entschuldigen, mussten Versprechungen machen, die sie in jedem Fall halten konnten und mussten so das Vertrauen der Länder darin stärken, dass Kuluar keine allzu ernst nehmende Bedrohung war. Sie mussten sie warten lassen, warten und untätig sein, damit Kuluar die Zeit hatte, sich vorzubereiten. Sie mussten auf dem dünnen Drahtseil der vollständigen Vernichtung balancieren.
Die beendeten Allianzen waren der nächste Punkt. Geld musste her, das nicht mehr über den Handel fließen konnte, Ressourcen mussten ersetzt werden, die nun nicht mehr von außen kommen konnten. Darauf waren sie zwar alle vorbereitet gewesen, aber der Einbruch war dennoch ein heftiger Schlag, den sie ausgleichen mussten. Und dann natürlich die militärische Sicherheit: Irgendwann würde jemand gegen Kuluar vorzugehen versuchen. Sie mussten sich also aufspalten, mussten neue Ländereien absichern, während die alten verteidigt blieben. Kurz gesagt: Der Eroberungsmarsch nach Xafia war wohl der einfachste Teil gewesen.
Kaum war Zoras wieder Zuhause, widmete er sich dem ehemaligen Tagesgeschäft. Aber die Planung lief, die Maschinerie war im Gange und die Zahnrädchen verzahnten sich nach und nach miteinander; so musste er nicht mehr den Aufwand betreiben, den er einst betrieben hatte. Denn Zoras hatte durchaus nicht vor, zu seinem alten, kümmerlichen Platz zurückzukehren, eingesperrt im Palast, um mit Argusaugen jedes Vorgehen zu hinterfragen. Nach und nach wollte er sich selbst aus dem System nehmen, um auf die Feldzüge zu gehen. Denn dort lag sein wahres Herz; es zog ihn jetzt schon wieder in den Sattel und er würde sich nicht mehr an den Thron fesseln lassen. Nicht wie zuvor.
Mit Lasyon aktualisierte er gerade die Karte der Ländereien und brütete darüber, wie sich die Geschehnisse zukünftig entwickeln würden, als die Tür aufsprang. Gereizt wandte er den Kopf, überzeugt, dass er eine Magd zurechtweisen musste, dass sie es überhaupt gewagt hatte, aber sein Ärger wurde sofort von angenehmer Freude abgelöst, als er Kassandra entdeckte. Kassandra war zurück und sie war nicht alleine gekommen.
"Kassandra."
Erleichtert wandte er sich ihr zu und auch Lasyon richtete sich auf. Die Phönixin betrachtete die beiden Männer, als sie hereinkam, ihr Gewand ein merkwürdiger Schnitt, den Zoras noch nie gesehen hatte, und in ihrem Gesicht ein ernster Ausdruck. Sie hielt sich nicht mit Förmlichkeiten auf, was Zoras zum einen gefiel, zum anderen aber auch ein bisschen enttäuschte. Schließlich hatte er sie vermisst.
„Der Bruch hat Chaos über Teile der Erde gebracht. Manche Regionen sind verschont worden, andere sind einer Apokalypse gleich untergegangen. Darunter auch… meine letzte Stätte, die unterhalb der Wüste vergraben war."
Zoras verzog das Gesicht. Er wusste nicht zu deuten, welche Auswirkungen so etwas auf eine Göttin hatte, aber Kassandra hatte sowieso nicht viele Tempel aufzuweisen, die heutzutage noch standen. Der Verlust musste sie ähnlich treffen wie eine Heimat zu verlieren.
Zoras sprach sein Beileid aber nicht aus. Sie hatte es ihm nicht erzählt, um bemitleidet zu werden, sondern um Neuigkeiten zu überbringen. Später konnten sie noch privat darüber reden.
"Die Erde wurde entzweigerissen und hat einfach alles zunichte gemacht, was noch dort gewesen war. Die letzten Tempelanlagen. Den letzten Altar.“
"Sie ist nicht wiederherzustellen?", fragte Zoras. "Gar nicht?"
„Ich habe alles in Glas eingeschlossen, um es vor weiteren Verfall zu schützen. Der Schaden ist aber längst angerichtet."
Zoras brummte missmutig. Er würde sich nachher noch eingehend mit ihr darüber unterhalten müssen.
"Dafür habe ich eine andere Entdeckung gemacht", sagte Kassandra und lenkte die Aufmerksamkeit zu dem Mann, der nun hinter ihr den Raum betrat. So wie auch Kassandra trug er eine andersartige Robe und hatte die Haut mit zeremoniellen Zeichen bedeckt. Demütig hielt er den Kopf gesenkt und ging nur so weit in den Raum hinein, um von allen gesehen zu werden.
„Ich nahm an, dass der Kult, der mir einst huldigte, nicht mehr existiert. Ich lag falsch. Das ist Nail. Ich werde ihn fortan hier wissen.“
Zoras nickte.
"Das ist gut - zu wissen, dass noch Anhänger dort draußen sind. Dein Erbe ist nicht ganz verloren."
Zu gerne hätte Zoras erfahren, was das für Kassandra wirklich bedeutete, aber der Moment war dafür nicht richtig. Er war mitten in einer Besprechung mit Lasyon und Kassandra war sicherlich auch nicht hereingekommen, um sich ihr Mitleid von ihm abzuholen. Und tatsächlich reagierte sie mit keiner Regung auf sein Gesagtes und ließ den Blick stattdessen zu den Karten schweifen.
„Wie hat es sich entwickelt während ich fort war? Bleiben wir bei unserem Zeitplan?“
"Alles wie vorhergesagt."
Zoras trat einen Schritt beiseite, um sie sehen zu lassen. Nail blieb im Hintergrund und rührte sich nicht.
"Eclad hat uns öffentlich denunziert. Seine Regierung aus den drei Champions hat bekannt gegeben, dass sie mit niemandem verkehren werden, der seine Stellung ausnutzt. Sie sind empört und verachten ihre kuluarischen Artgenossen, wie mir scheint. Noch erwarten wir von ihnen keine Kriegserklärung, sie regen sich nur auf.
Upraria hat alle Verträge zurückgezogen und sich nicht weiter dazu geäußert. Feyra hat berichtet, dass sie ihre Streitkräfte zusammenziehen und wohl versuchen, die Champions trotz Gesetze in die Regierung zu schieben, um uns einen geordneten Krieg zu erklären. Wir erwarten ihre Kriegserklärung in den nächsten zwei bis drei Wochen, wenn es länger dauert, können wir von inneren Konflikten ausgehen. Das wäre, je nach aktueller Situation, von Vorteil für uns.
Otros ist sofort ein Bündnis mit Astreysil eingegangen und hat uns als Primaten beschimpft. Der Champion, den sie am Hof gehalten haben, wurde verkauft, aber sie haben laut Feyra vergünstigte Tarife von der Händlergilde einholen können. Zusammen gibt es dort nun also vier. Die Händlergilde selbst hat zwei neue Champions dazu bekommen und ihre Handelsrouten für uns gesperrt. Sie wird sich ganz sicher gegen uns wenden und das mit einem Land als Rückhalt. Wir vermuten, dass es Otros sein wird, wegen der guten, geographischen Lage."
Er deutete auf die Karte zu den jeweiligen Grenzen.
"Abgesehen davon haben wir Kriegserklärungen von Usmad, Staiso und Echistan erhalten. Trowana und Voswen haben sich unflätig geäußert und werden sich demnächst wohl den anderen anschließen. Ebran und Aclary sind verunsichert und warten lieber ab. Wir haben in ihnen mögliche Verbündete, oder mögliche zukünftige Verräter. In jedem Fall stellen sie keine akute Gefahr dar."
Zoras verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Er betrachtete selbst, was sie in den letzten Wochen angerichtet hatten und welche Auswirkungen das haben würde. Nach dieser Eroberung würde nichts wieder wie früher sein, ihr ganzes Leben würde sich ändern, die gesamte Welt. Sie hatten einen Stein zum Rollen gebracht und jetzt mussten sie zusehen, dass er auch in einem Stück unten ankam, ohne sie dabei selbst plattzuwälzen.
"Es sieht gut aus. Wir müssen vorsichtig vorgehen, aber es ist das, was wir wollten. Wenn alles nach Plan läuft, können wir das schaffen."
