Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zoras nickte nur zögerlich. Der Himmelsbruch hatte ihn überrascht und jetzt war es ihm nicht geheuer, Kassandra einfach so ziehen zu lassen. Natürlich wusste er, dass mit zwei Champions weniger die Welt nicht wieder ins Gleichgewicht gebracht werden konnte, aber er hatte doch gedacht, dass sich zumindest der Himmelsbruch eindämmen lassen würde. Wie viele Champions gab es schließlich auf der ganzen Welt, ein paar hundert vielleicht? Sollten da nicht schon zwei einen Unterschied machen?
      "Wie du wünschst", sagte er, ohne seine Unzufriedenheit zu verbergen. Er würde Kassandra nicht davon abhalten zu gehen, aber er würde über ihre Abwesenheit auch nicht glücklich sein. Er hatte sie jetzt schon vermisst in dem einen Monat, den sie getrennt waren.
      Kassandras Züge weichten erneut auf und sie strich ihm gar liebevoll über die Wange. Zoras lehnte sich in die Wärme hinein, wohlwissend, dass sie ihm wieder entzogen würde.
      „Gib mir etwas Zeit. Wir treffen uns wieder in Kuluar, sobald ich zurück bin.“
      "Du hast alle Zeit, die du brauchst. Gute Reise."
      Kassandra löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück, um sich Platz zu verschaffen. Zoras beobachtete, wie sie in dunkle Schatten eintauchte, aus denen schwarzes Gefieder wuchs, bevor sie in ihrer gigantischen Gestalt in den Himmel schoss. Die erzeugte Windböe ließ ihn straucheln und er sah nach oben, um seine Geliebte davonfliegen zu sehen. Ein weiteres mal.

      Auch ohne Kassandra ließ sich Xafia erobern, so wie es geplant worden war. Zoras ernannte den hierfür abgestellten Offizier zu seinem Fürsten - die Kuluarer kannten den Titel nicht, aber Zoras wusste noch nicht, wie er ihn sonst nennen sollte - und ließ ihn, sowie einen kleinen Teil der Armee, in Xafia verweilen, um die Herrschaft zu sichern und die Infrastruktur wiederherzustellen. Es war noch nicht absehbar, ob Xafia sich halten würde, weshalb sie alle kein großes Risiko eingehen und viel Aufwand und Ressourcen darum bemühen würden. Sollte Xafia in einem Rachefeldzug angegriffen werden, würde Kassandra hinfliegen und die Lage binnen weniger Stunden regeln. So war der Plan, bis sich ihr Standpunkt gefestigt hatte, denn Xafia sollte nur als Auftakt dienen. Fortan würde ein großer, vernichtender Krieg herrschen.
      Mit dem Großteil der Armee kehrten sie nach Kuluar zurück, um zu entdecken, dass ihre Prophezeiung in Erfüllung gekommen war: Die Botschaften hatten ihre Türen geschlossen und ihre ausländischen Vertreter abziehen lassen. Ristaer verzeichnete einen hohen Anlauf an Nachrichten, die alle dasselbe Schema hatten. Man verurteilte Kuluar für seinen radikalen Vormarsch, nahm Gebrauch von Kündigungsklauseln für bestehende Verträge und sprach Warnungen aus, teilweise auch direkte Drohungen. Länder, die keinen Champion beherbergten, hielten sich dabei deutlich zurück; bei ihnen konnte Zoras Vorsicht und Zögern erkennen, ein langsames Vortasten, wie man mit Kuluar in der Zukunft verfahren sollte. Schließlich war es für Kuluar ein einfaches, ein Land ohne Champion einzunehmen - noch einfacher als Xafia. Die großen Herrscher fürchteten, dass Kuluar genau das ausnutzen würde.
      Das war zwar nicht ihr Ziel, aber das wusste niemand. Für die ganze Welt sah es aus, als hätte Kuluar einen Eroberungs-Feldzug gestartet.
      Hier begann der schwierige Teil. Feinfühlige Diplomatie musste eingesetzt werden, um zu verhindern, dass Kuluar an zu vielen Kriegserklärungen auf einmal ertrank. Eins nach dem anderen lautete der Plan und das musste mit größter Vorsicht umgesetzt werden. Sie mussten den Feldzug rechtfertigen, ohne sich dafür zu entschuldigen, mussten Versprechungen machen, die sie in jedem Fall halten konnten und mussten so das Vertrauen der Länder darin stärken, dass Kuluar keine allzu ernst nehmende Bedrohung war. Sie mussten sie warten lassen, warten und untätig sein, damit Kuluar die Zeit hatte, sich vorzubereiten. Sie mussten auf dem dünnen Drahtseil der vollständigen Vernichtung balancieren.
      Die beendeten Allianzen waren der nächste Punkt. Geld musste her, das nicht mehr über den Handel fließen konnte, Ressourcen mussten ersetzt werden, die nun nicht mehr von außen kommen konnten. Darauf waren sie zwar alle vorbereitet gewesen, aber der Einbruch war dennoch ein heftiger Schlag, den sie ausgleichen mussten. Und dann natürlich die militärische Sicherheit: Irgendwann würde jemand gegen Kuluar vorzugehen versuchen. Sie mussten sich also aufspalten, mussten neue Ländereien absichern, während die alten verteidigt blieben. Kurz gesagt: Der Eroberungsmarsch nach Xafia war wohl der einfachste Teil gewesen.

      Kaum war Zoras wieder Zuhause, widmete er sich dem ehemaligen Tagesgeschäft. Aber die Planung lief, die Maschinerie war im Gange und die Zahnrädchen verzahnten sich nach und nach miteinander; so musste er nicht mehr den Aufwand betreiben, den er einst betrieben hatte. Denn Zoras hatte durchaus nicht vor, zu seinem alten, kümmerlichen Platz zurückzukehren, eingesperrt im Palast, um mit Argusaugen jedes Vorgehen zu hinterfragen. Nach und nach wollte er sich selbst aus dem System nehmen, um auf die Feldzüge zu gehen. Denn dort lag sein wahres Herz; es zog ihn jetzt schon wieder in den Sattel und er würde sich nicht mehr an den Thron fesseln lassen. Nicht wie zuvor.
      Mit Lasyon aktualisierte er gerade die Karte der Ländereien und brütete darüber, wie sich die Geschehnisse zukünftig entwickeln würden, als die Tür aufsprang. Gereizt wandte er den Kopf, überzeugt, dass er eine Magd zurechtweisen musste, dass sie es überhaupt gewagt hatte, aber sein Ärger wurde sofort von angenehmer Freude abgelöst, als er Kassandra entdeckte. Kassandra war zurück und sie war nicht alleine gekommen.
      "Kassandra."
      Erleichtert wandte er sich ihr zu und auch Lasyon richtete sich auf. Die Phönixin betrachtete die beiden Männer, als sie hereinkam, ihr Gewand ein merkwürdiger Schnitt, den Zoras noch nie gesehen hatte, und in ihrem Gesicht ein ernster Ausdruck. Sie hielt sich nicht mit Förmlichkeiten auf, was Zoras zum einen gefiel, zum anderen aber auch ein bisschen enttäuschte. Schließlich hatte er sie vermisst.
      „Der Bruch hat Chaos über Teile der Erde gebracht. Manche Regionen sind verschont worden, andere sind einer Apokalypse gleich untergegangen. Darunter auch… meine letzte Stätte, die unterhalb der Wüste vergraben war."
      Zoras verzog das Gesicht. Er wusste nicht zu deuten, welche Auswirkungen so etwas auf eine Göttin hatte, aber Kassandra hatte sowieso nicht viele Tempel aufzuweisen, die heutzutage noch standen. Der Verlust musste sie ähnlich treffen wie eine Heimat zu verlieren.
      Zoras sprach sein Beileid aber nicht aus. Sie hatte es ihm nicht erzählt, um bemitleidet zu werden, sondern um Neuigkeiten zu überbringen. Später konnten sie noch privat darüber reden.
      "Die Erde wurde entzweigerissen und hat einfach alles zunichte gemacht, was noch dort gewesen war. Die letzten Tempelanlagen. Den letzten Altar.“
      "Sie ist nicht wiederherzustellen?", fragte Zoras. "Gar nicht?"
      „Ich habe alles in Glas eingeschlossen, um es vor weiteren Verfall zu schützen. Der Schaden ist aber längst angerichtet."
      Zoras brummte missmutig. Er würde sich nachher noch eingehend mit ihr darüber unterhalten müssen.
      "Dafür habe ich eine andere Entdeckung gemacht", sagte Kassandra und lenkte die Aufmerksamkeit zu dem Mann, der nun hinter ihr den Raum betrat. So wie auch Kassandra trug er eine andersartige Robe und hatte die Haut mit zeremoniellen Zeichen bedeckt. Demütig hielt er den Kopf gesenkt und ging nur so weit in den Raum hinein, um von allen gesehen zu werden.
      „Ich nahm an, dass der Kult, der mir einst huldigte, nicht mehr existiert. Ich lag falsch. Das ist Nail. Ich werde ihn fortan hier wissen.“
      Zoras nickte.
      "Das ist gut - zu wissen, dass noch Anhänger dort draußen sind. Dein Erbe ist nicht ganz verloren."
      Zu gerne hätte Zoras erfahren, was das für Kassandra wirklich bedeutete, aber der Moment war dafür nicht richtig. Er war mitten in einer Besprechung mit Lasyon und Kassandra war sicherlich auch nicht hereingekommen, um sich ihr Mitleid von ihm abzuholen. Und tatsächlich reagierte sie mit keiner Regung auf sein Gesagtes und ließ den Blick stattdessen zu den Karten schweifen.
      „Wie hat es sich entwickelt während ich fort war? Bleiben wir bei unserem Zeitplan?“
      "Alles wie vorhergesagt."
      Zoras trat einen Schritt beiseite, um sie sehen zu lassen. Nail blieb im Hintergrund und rührte sich nicht.
      "Eclad hat uns öffentlich denunziert. Seine Regierung aus den drei Champions hat bekannt gegeben, dass sie mit niemandem verkehren werden, der seine Stellung ausnutzt. Sie sind empört und verachten ihre kuluarischen Artgenossen, wie mir scheint. Noch erwarten wir von ihnen keine Kriegserklärung, sie regen sich nur auf.
      Upraria hat alle Verträge zurückgezogen und sich nicht weiter dazu geäußert. Feyra hat berichtet, dass sie ihre Streitkräfte zusammenziehen und wohl versuchen, die Champions trotz Gesetze in die Regierung zu schieben, um uns einen geordneten Krieg zu erklären. Wir erwarten ihre Kriegserklärung in den nächsten zwei bis drei Wochen, wenn es länger dauert, können wir von inneren Konflikten ausgehen. Das wäre, je nach aktueller Situation, von Vorteil für uns.
      Otros ist sofort ein Bündnis mit Astreysil eingegangen und hat uns als Primaten beschimpft. Der Champion, den sie am Hof gehalten haben, wurde verkauft, aber sie haben laut Feyra vergünstigte Tarife von der Händlergilde einholen können. Zusammen gibt es dort nun also vier. Die Händlergilde selbst hat zwei neue Champions dazu bekommen und ihre Handelsrouten für uns gesperrt. Sie wird sich ganz sicher gegen uns wenden und das mit einem Land als Rückhalt. Wir vermuten, dass es Otros sein wird, wegen der guten, geographischen Lage."
      Er deutete auf die Karte zu den jeweiligen Grenzen.
      "Abgesehen davon haben wir Kriegserklärungen von Usmad, Staiso und Echistan erhalten. Trowana und Voswen haben sich unflätig geäußert und werden sich demnächst wohl den anderen anschließen. Ebran und Aclary sind verunsichert und warten lieber ab. Wir haben in ihnen mögliche Verbündete, oder mögliche zukünftige Verräter. In jedem Fall stellen sie keine akute Gefahr dar."
      Zoras verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Er betrachtete selbst, was sie in den letzten Wochen angerichtet hatten und welche Auswirkungen das haben würde. Nach dieser Eroberung würde nichts wieder wie früher sein, ihr ganzes Leben würde sich ändern, die gesamte Welt. Sie hatten einen Stein zum Rollen gebracht und jetzt mussten sie zusehen, dass er auch in einem Stück unten ankam, ohne sie dabei selbst plattzuwälzen.
      "Es sieht gut aus. Wir müssen vorsichtig vorgehen, aber es ist das, was wir wollten. Wenn alles nach Plan läuft, können wir das schaffen."
    • Es waren viele Informationen auf einmal, die Zoras Kassandra mitteilte und die ein ungeübter Mensch vermutlich schnell vergessen hätte. Bei der Phönixin hingegen löste jeder ausgesprochene Ländername ein Bild in ihrem Kopf aus. Auch ohne Karte erschienen die passenden Länder vor ihrem geistigen Auge und fügten sich zu einer zusammenhängenden Masse rund um Kuluar zusammen. Nicht nur die direkt angrenzenden Länder hatten sich geäußert; diejenigen mit Verbindungen und Beziehungen äußerten sich, selbst ohne direkten Grenzkontakt zu haben. So groß war die gesammelte Reaktion auf den ungeahnten Vorstoß des vorher unorganisierten Landes.
      „Wie hoch würdest du das jeweilige Risiko eines spontanen Gegenangriffs werten?“, erkundigte sich Kassandra, war jedoch keinen Schritt weiter vorwärts gegangen. Sie war nicht ganz glücklich mit ihrer Position – das konnte man ihr durchaus ansehen – aber irgendetwas hielt sie zurück. Nail in ihrem Rücken hatte sich noch immer nicht bewegt. Der arme Mann verstand auch nicht ein einziges Wort. Also warf Kassandra einen Blick über ihre Schulter und sprach in ihrer Heimatsprache: „Du wirst dir kuluarisch aneignen müssen, wenn du hier bleiben willst.
      Darauf nickte Nail und antwortete, was sich bei ihm fast wie ein Singsang anhörte. Eine seltsame Sprache, die komplett fremd zu denen klang, die Zoras bislang gehört haben musste. Das eifrige Nicken war aber als Zustimmung mehr als deutlich.
      Zoras hatte unterdessen die Hände hinter seinem Rücken verschränkt und betrachtete die Karte. „Es sieht gut aus. Wir müssen vorsichtig vorgehen, aber es ist das, was wir wollten. Wenn alles nach Plan läuft, können wir das schaffen.“
      „Sofern keine weiteren unvorhergesehenen Ereignisse eintreten“, gab die Phönixin zu bedenken. Dann ließ sie einen ungewohnten, leisen Seufzer hören und ließ die konzentrierte Mimik fallen. Mit einem Schlag wirkte sie wesentlich müder als zuvor. „Mit anderen Worten ist bislang noch nichts vorgefallen. Das ist gut. Ich würde mich zurückziehen bis ihr mit der Planung fertig seid. Komm zu mir, wenn du soweit bist.“
      Lasyon bekam ein Nicken von ihr, der Eviad hingegen ein flüchtiges Lächeln. Es wäre ein Zeichen der Schwäche, zuzugeben, dass sie wirklich müde war. Aber für mehr als diesen kurzen Bericht reichte es vorerst nicht. Auch wenn Lasyon ein Vertrauter Zoras‘ war, würde Kassandra ihn nicht mit mehr Informationen versorgen als unbedingt nötig. Sie hätte noch immer ins therissische wechseln können, jedoch wusste man nie, ob die Gelehrten sich der Sprache unterdessen nicht doch befähigt hatten.
      Kaum machte Kassandra Anstalten, sich umzudrehen, erwachte Nail zum Leben. Er nahm den Kopf hoch, das Gesicht mit gepardenartigen Tränenlinien geschmückt, und eilte zur Tür, um sie für die Göttin zu öffnen. Dabei nahm er sogar in Kauf, Wachen rigoros zur Seite zu schieben, als er seine Göttin hindurch ließ und danach die Türen wieder schloss. Sogleich folgte er ihr wieder in einem perfekten, unausgesprochenen Abstand, bis sie ihn in ein zweites Zimmer führte, wo er dasselbe wieder tat. Dies hier war nicht Zoras‘ Gemach, aber eines der gut ausgestatteten Gästezimmer. Da sie sich nicht hinlegen wollte, ging Kassandra zu den zwei Sesseln und setzte sich. Schon einen Augenblick später hatte Nail ihr einen Schemel vor die Füße gestellt. Auf dem Boden sitzend streckte er seine Hände nach ihrem Fuß aus und sah auf. „Darf ich?
      Gewährt.“
      Mit flinken Fingern entschnürrte er ihr Schuhwerk und hob erst einen, dann den anderen nackten Fuß auf den Schemel. Dabei bettete er immer nur ihre Ferse auf seinen zur Schale geformten Händen. Anschließend rutschte er ein wenig von ihr fort und erhob sich. „Darf ich meine Gedanken sprechen, Göttin?
      Rote Augen richteten sich träge auf den kahlen Mann, dann nickte sie.
      Niemand ist seit unserem Eintreffen vor Euch auf die Knie gefallen. Wieso schenkt Ihr ihnen Eure Güte?“, fragte er mit hörbarem Unverständnis. Genau das war der Grund gewesen, weshalb die Phönixin nicht mehr als Bericht erstattet hatte.
      Es müssen nicht alle Menschen jederzeit vor mir auf die Knie fallen, wenn sie mich tagtäglich sehen.
      Das ist aber nicht richtig. Es ist ein Wunder, Euch jeden Tag und jede Sekunde erblicken zu dürfen. Eine Ehre sondergleichen, auf die ich und die Generationen vor mir schon Ewigkeiten warten. Ihr seid so viel größer als das.
      Wäre es nicht unpraktisch, wenn sie ständig auf den Knien wären? Wie sollen sie denn sonst ihre Arbeiten verrichten?“ Kassandra nahm ein Bündel ihrer dunklen Haare in die Hand und inspizierte sie. Hier und da leuchteten weiße Härchen durch das Schwarz hindurch.
      Nail antwortete nicht sofort, sondern schien nachzudenken. „…Sie sollten es aber tun, wenn sie Euch das erste Mal am Tag erblicken. Das wäre ein Kompromiss.
      Das ist kein Kompromiss, Nail“, ermahnte sie ihren Diener, der bei der Nennung seines Namens sichtlich erfreut war. „Die Menschen hier teilen deinen Glauben nicht. Sie beten andere Götter an, wenn überhaupt, und dann handeln sie nicht so, wenn sie mich erblicken.
      Dann werde ich dafür sorgen, dass mehr von ihnen an Euch glauben“, beschloss er sogleich, ruderte aber zurück, als er Kassandras scharfen Blick sah. „Sofern Ihr das erlaubt, natürlich!
      Erneut seufzte Kassandra. „Leb dich aus, Junge. Wenn dabei eine neue Stätte für mich entsteht, werde ich nicht nein sagen.
      Damit machte sich der zufriedene Nail auf die Suche nach einer Karaffe, in die er Wasser für seine Göttin beschaffen konnte.
    • Kassandra hörte sich an, was Zoras zu sagen hatte. Sie lauschte aufmerksam und zog ihre eigenen Schlüsse, die sie ihm später sicher sagen würde, doch über all das hinweg wirkte sie zurückhaltend. Zoras konnte es nicht genau benennen, aber er spürte es an der Art, wie sie sich bei diesem Mann, Nail, aufhielt, wie sie darauf verzichtete, die Karte zu begutachten und letzten Endes auch die Tatsache, dass sie gerade in Zoras' Alter war - sehr viel älter als gewöhnlich. Das alles fiel ihm mit einer gewissen Sorge auf, aber als sie sich mit einem leisen Seufzen verabschiedete, besaß er das Taktgefühl, nicht vor den anderen darauf einzugehen. Er schenkte ihr das gleiche Lächeln, das sie ihm zukommen ließ, dann sah er zu, wie sie den Raum verließ. Nail öffnete die Tür in einer dramatischen Geste und schloss sie hinter ihr auch wieder. Lasyon und Zoras blieben alleine zurück.
      Zoras sah zu Lasyon zurück.
      "Machen wir weiter."
      Der Mann nickte und in diesem Moment verspürte Zoras einen Stich bei dem Gedanken an Tysion. Er vermisste den Mann und seine ruhige Art, jetzt mehr als jemals zuvor. Ihm hätte diese Planung sicher Freude bereitet.
      Sie legten sich ihre aktuellen Strategien zurecht, dann folgte das Gespräch mit Feyra, die sich während der Eroberung von Xafia besonders ins Zeug gelegt und ihren Wert bewiesen hatte. Zoras weihte sie in alle Planungen ein, dann ließ er nach Ristaer schicken, um sich die prophezeiten Verluste anzuhören, bevor er endlich die Freiheit hatte, Kassandra suchen zu gehen. Fast zwei Monate hatten sie sich quasi nicht gesehen und er sehnte sich nach ihrer Nähe, genauso wie er erfahren wollte, was in Isythuma geschehen war und wie sehr sie das betraf. Zoras war kein Gott und er hatte bis jetzt auch nicht davon gewusst, dass Kassandra noch eine stehende Stätte hatte, aber das hieß nicht, dass es nicht trotzdem für sie schlimm sein konnte. So lange war sie jetzt schon auf der Erde und lebte wie jeder andere Gott von den Huldigungen seiner Anhänger. Wenn auch das letzte Bisschen davon verschwinden würde, wollte Zoras sich nicht ausmalen, was dann mit ihr geschehen würde. Sowas sollte die Phönixin nicht erleben müssen.
      Sie hatte ihm zwar nicht gesagt, wo sie sich aufhalten würde, aber er konnte sie trotzdem spüren, ein warmer Gedanke, der sich wieder in seinem Kopf eingenistet hatte. Zoras hatte längst gelernt, auf seinen Instinkt zu hören, der ihn in den richtigen Gang und von dort zur richtigen Tür brachte. Das Sehnen nach seiner Göttin verstärkte sich und er öffnete die Tür ohne zu zögern, bevor er eintrat. Kassandra hatte sich nicht in ihr gemeinsames Gemach zurückgezogen, stattdessen war sie in einem der Gästezimmer, wo sie sich auf einen der Sessel niedergelassen hatte. Vor ihr saß der Mann Nail auf dem Boden und neben ihr hatte sie ein Getränk auf einem kleinen Beistelltischchen stehen. Zoras war zwar nicht so erfreut über die Anwesenheit des Mannes - er hatte auf Privatsphäre gehofft - aber das konnte trotzdem nicht seine Erleichterung eindämmen, Kassandra zu sehen. Sein Herz schlug ein Stück höher und er ging mit einem sanften Lächeln auf sie zu.
      "Meine Liebste."
      Neben ihrem Sessel blieb er stehen und bettete ungefragt ihre Hand in seiner, bevor er einen langen, sinnlichen Kuss auf ihren Rücken drückte. Aus der Nähe betrachtet fielen ihm die vielen Falten in ihrem Gesicht nun noch deutlicher auf und er konnte nicht umhin, die freie Hand nach ihr auszustrecken und zärtlich über die Kante ihres Kiefers zu streichen. Zu seiner Erleichterung gesellte sich jetzt auch noch Sorge, als er sich daran erinnerte, wieso sie so aussah. Er musste unbedingt wissen, was geschehen war.
      "Was ist passiert? Erzähl es mir. Kann es wirklich deine letzte Stätte gewesen sein?"
    • Kassandras Anwesenheit schien Nail zu genügen, als er sich wieder vor ihren Füßen auf den Boden setzte und damit scheinbar seinen Frieden fand. Der junge Mann war seit dem Augenblick, als sich seine Augen auf die Göttin gerichtet hatten, zum völligen Fanatismus abgefallen. Als wäre innerhalb eines Flügelschlags sein größter Lebenstraum wahr geworden hatte sich der Jünger ihr mit Leib und Geist verschrieben. Die völlige Zufriedenheit, mit der er nun mit gesenktem Haupt zu ihren Füßen saß, hatte sie einst einmal Genugtuung verspüren lassen. Nun jedoch fraß sich etwas unaufhaltsam in dieses Gefühl hinein und ließ es hohl und dumpf werden.
      Die Tür zum Zimmer öffnete sich und gab den Blick auf Zoras frei. Nachdem seine Augen umgehend die der Phönixin gesucht hatten, fiel sein Blick ab; auf den Mann zu ihren Füßen. Weder stutzte der Eviad, noch zeigte er sein Unwohlsein, welches Kassandra dank seiner Aura zu spüren bekam. Natürlich. Immerhin war er jemand komplett Fremdes, den sie ungefragt hierher gebracht hatte.
      „Meine Liebste.“
      Nail zu ihren Füßen reagierte erst, als Zoras praktisch schräg vor ihm stand. Kaum merklich hob der Mann den Blick und seine Augen schielten gerade so unter seinen Lidern hinweg, dass er mitansehen musste, wie Zoras ungefragt Kassandras Hand ergriff. Sein ganzer Körper wurde stocksteif, wohingegen Kassandras Körpersprache nicht tiefer entspannt sein könnte. Doch dann führte Zoras ihre Hand an seine Lippen und Nails Kopf hob sich kontinuierlich ein Stückchen weiter. Mit vor Schreck und Unglauben geweiteten Augen sah er zu, wie sterbliche Lippen die Haut eines Gottes berührten. Ein Frevel seinesgleichen, der mit dem Tod bestraft werden musste, sofern die Göttin es nicht ausdrücklich wünschte. Mit jeder weiteren Berührung, die die Phönixin unausgesprochen empfing, wuchs die Fassungslosigkeit des Jüngers weiter.
      „Was ist passiert? Erzähl es mir. Kann es wirklich deine letzte Stätte gewesen sein?“, fragte Zoras sie in einem harmlosen Tonfall, der für Nail das Fass zum Überlaufen brachte.
      Erschreckend schnell war der Jünger auf die Füße gesprungen. Ihm waren Hierarchien egal, Blut und Herkunft waren einerlei. Aber seine Göttin, DIE Göttin, verlangte und verdiente Respekt. Gerade von ihnen Sterblichen. Also schlug er mit Inbrunst Zoras‘ Hände von der Phönixin fort, das Gesicht in unaussprechlicher Wut verzerrt. „Wagt es nicht, die Göttin zu beschmutzen!
      „Nail, er beschmutzt mich nicht“, sagte Kassandra gedehnt und bediente sich der Göttersprache, damit beide Männer sie verstanden. „Ich habe ihn auserwählt.“
      Als was, oh Göttin?! Kein Mensch dieser schmutzigen Erde ist Eurer würdig und Ihr wisst es!“ Nail deutete aufgebracht in Zoras‘ Richtung, absolut gewillt, trotz seines schmächtigen Körpers den älteren Mann abwehren zu wollen.
      „Solltest du als guter Jünger nicht jedem meiner Worte Folge leisten? Also erwünsche ich, dich nicht feindlich gegenüber den Sterblichen zu zeigen, die ich auserwähle. Du zählst im Übrigen auch dazu.“ Kassandra ließ den Blick zu Zoras schweifen, der diese Reaktion offensichtlich nicht hatte kommen sehen. „Er ist ein Fanatiker, leider. Du erinnerst dich, dass ich das bereits einmal erwähnt hatte?“
      Ich bin kein Fanatiker! Ich bin Euer Jünger, Eure Grundsäule Eures Kultes und werde den Glauben in diesem Land streuen!“, ließ sich Nail nicht beruhigen, wich jedoch wieder in angemessenen Abstand zu Kassandra zurück, kaum war er aufgestanden.
      „Siehst du?“ Die Phönixin seufzte schwer und deutete auf das Gefäß, damit Nail es wieder auffüllen mochte. Der Jünger gehorchte auch ohne ein Wort, jedoch waren seine Blicke noch immer voller Gift. „Ja, es war meine letzte Stätte. Alle anderen sind im Laufe der Zeit der Seismik oder Kriegen zum Opfer gefallen und nur der im ursprünglichen Isythuma existierte noch. Schau mich an. Ist das nicht Beweis genug?“
      Jetzt mit ein wenig mehr Ruhe dürfte auch Zoras auffallen, wie sich das Alter bei Kassandra plötzlich abzeichnete. Die Phönixin durchlief schon häufig den Kreislauf der Wiedergeburt, doch als vollumfängliche Göttin war ihre Macht so groß, dass sie ihn nur im Todesfall brauchte.
      „Meine Macht ist erheblich geschwächt und der Kreislauf schließt seine Fänge um mich. Ein deutliches Zeichen, dass meine Wahrheit auf der Erde schwindet. Alles nur, weil dieser Bruch dazwischen wirkt. Ohne ihn…“
      Kassandra wirkte kühl und entspannt, aber die Flammen der Kerzenhalter an den Wänden begannen nervös zu zucken.
      „Ich will, dass es vorbei ist, Zoras. Ich will, dass derjenige, der den Bruch favorisiert, für meinen Verlust zahlt. Bis hierhin habe ich es geduldet, mich gefügt. Das endet jetzt.“
    • Zoras war so sehr an die Sicherheit bei Kassandra gewöhnt, dass Nails plötzliche Bewegung ihn völlig überraschte und erst recht der ausfallende Schlag des Mannes. Der Schlag, mit dem er seine Hand zur Seite fegte, als wäre sie nichts. Seine Hand - die Hand des Eviads. Nail schlug sie fort wie ein lästiges Insekt, ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden.
      "Varek'th naal, ishara Nûveth ka'tar!", rief er mit einer Inbrunst, als hätte Zoras ihn beleidigt. Zoras war so perplex davon, er wusste im ersten Moment gar nicht, wie er darauf reagieren sollte, als Kassandra schon ruhig sagte:
      „Nail, er beschmutzt mich nicht. Ich habe ihn auserwählt.“
      Beschmutzen? Beschmutzen?! Warf dieser Mann ihm gerade vor, dass er Kassandra beschmutzte? Er?
      Zoras spürte siedend heißen Zorn in sich aufsteigen. Selbst wenn er nicht als Eviad den Respekt aller Landsleute verlangt hätte, er würde sich nicht vorwerfen lassen, Kassandra zu beschmutzen. Und erst recht nicht von einem Mann wie diesem!
      "Va'shel, ô Nûveth?! Nar'khaan dosh varel'th zemira nox il tha’reth ka’len vesh il!"
      Nail deutete auf ihn und Zoras starrte ihn dafür nieder. Er wandte sich ihm zu, mit einem plötzlichen, schwelenden Hass konfrontiert. Seine Hand pulsierte noch immer, wo der andere sie weggeschlagen hatte. Zoras hasste es, berührt zu werden.
      "Wie kannst du es wagen?", knurrte Zoras. Wenn der Mann ihn schon nicht verstehen konnte, so sollte er zumindest an Zoras' Körpersprache ablesen, in was für eine Scheiße er sich soeben geritten hatte.
      „Solltest du als guter Jünger nicht jedem meiner Worte Folge leisten?", antwortete Kassandra Nails Ausbruch, noch immer gänzlich unbewegt von der Situation. "Also erwünsche ich, dich nicht feindlich gegenüber den Sterblichen zu zeigen, die ich auserwähle. Du zählst im Übrigen auch dazu.“
      Sie sah weiter zu Zoras, der drauf und dran war, seinem Zorn Ausdruck zu verleihen und sich auf eine Prügelei einzulassen, ganz wie er es als Söldner getan hatte, wenn es Ärger gab. Das würde seinem Ansehen als Eviad zwar nicht gut tun, aber oh, würde es sich gut anfühlen.
      "Er ist ein Fanatiker, leider. Du erinnerst dich, dass ich das bereits einmal erwähnt hatte?", sagte Kassandra in dem Bewusstsein, was Zoras drauf und dran war zu tun. Tatsächlich sorgte die Erinnerung auch dafür, dass Zoras sich zumindest marginal beruhigte. Fanatiker waren bekanntlich niemals Herr ihrer Sinne.
      "Zhal'ar nai faneth! Zhal'ar dosh en'var, dosh kel'thara ven'kaleth, ish valen'dar vesh tala'kar nem thal'ithar!", rief Nail aufgebracht, wich aber vor Zoras zurück. Vielleicht hatte er endlich die Gefahr begriffen, die von Zoras ausging. Wenn der Mann nicht unter Kassandras Schutz stünde, er hätte schon längst seinen Kopf verloren. Auf diese Weise mit dem Eviad zu reden - undenkbar.
      „Siehst du?“
      Kassandra seufzte und machte eine Geste zu ihrem Getränk. Damit sollte die Sache abgeschlossen sein, aber für Zoras war es noch lange nicht vorbei. Er taxierte Nail mit einem Blick, der Opfer forderte.
      „Ja, es war meine letzte Stätte."
      Bei diesen Worten schaffte er es endlich, sich Nail abzuwenden und sich zu Kassandra zu drehen. Nail war sowieso unter seiner Würde; wenn er ihn tot sehen wollte, würde einen Henker schicken. Er sollte nicht seine Hände dafür schmutzig machen.
      "Sprich weiter", sagte er, jetzt in einem bemüht entspannteren Tonfall. Er setzte sich jetzt auch auf den Sessel daneben und richtete seine Gewänder. Besser sah er Nail gar nicht mehr an, damit ihn nicht wieder der Zorn packte.
      "Alle anderen sind im Laufe der Zeit der Seismik oder Kriegen zum Opfer gefallen und nur der im ursprünglichen Isythuma existierte noch. Schau mich an. Ist das nicht Beweis genug?“
      Er ließ den Blick erneut bewusst über ihre Gestalt wandern, die vielen Anzeichen des Alters, die sie jetzt zeichneten. Ihre Haut war faltig und in ihrem Haar zeichneten sich die ersten grauen Strähnen ab. Würde Zoras keine tiefste Liebe für Kassandra und ihr ganzes Wesen empfinden, er hätte sie vermutlich kaum wiedererkannt. In nur wenigen Wochen war sie um 30 Jahre gealtert.
      "Ich sehe es. Aber es lässt sich wieder richten, nicht wahr?"
      "Meine Macht ist erheblich geschwächt und der Kreislauf schließt seine Fänge um mich. Ein deutliches Zeichen, dass meine Wahrheit auf der Erde schwindet. Alles nur, weil dieser Bruch dazwischen wirkt. Ohne ihn…“
      Kassandra zögerte. Ein deutliches Feuer flackerte in ihren Augen und Zoras streckte erneut die Hand aus, um die ihre zu ergreifen. Diesmal war ihm egal, wie Nail reagieren würde, er wollte seine Phönixin halten und beruhigen.
      „Ich will, dass es vorbei ist, Zoras. Ich will, dass derjenige, der den Bruch favorisiert, für meinen Verlust zahlt. Bis hierhin habe ich es geduldet, mich gefügt. Das endet jetzt.“
      "Wir werden es beenden", sagte Zoras mit deutlicher Überzeugung. "Das schwöre ich dir, Kassandra. Ich werde nicht zulassen, dass der Himmelsbruch dich holt. Wenn es eine Göttin gibt, die auf diese Erde gehört, dann bist es du."
      Er drückte ihre Hand. Zwar wusste er noch nicht, ob sie es rechtzeitig schaffen konnten, den Glauben an Kassandra zu stärken, aber er würde alles in seiner Macht stehende versuchen. Er würde die Welt auf den Kopf stellen, um Kassandra zu retten.
      Er entließ ihre Hand wieder und lehnte sich zurück. Sein Blick legte sich unzufrieden auf Nail.
      "Wird er auch mir etwas zu trinken bringen oder bin ich ihm dafür zu schmutzig?"
      Dann sah er wieder Kassandra an, ein ernster Ausdruck im Gesicht.
      "Ich verstehe nicht, wieso der Himmelsbruch in Xafia stattgefunden hat. Die Champions sind gestorben - müsste der Himmelsbruch nicht auf bestem Weg sein, sich aus zu balancieren? Warum ist er trotzdem wieder aufgebrochen? Oder kann es sein, dass neue Götter auf die Erde gewechselt sind? Können wir das herausfinden, können wir ein Auge darauf haben, wer die Grenze übertritt?"

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    • Die Macht eines Gottes auf der Erde wieder zu etablieren war durchaus möglich, wenngleich auch schwierig. Es gab verschiedene Ansätze, wie man dieses Prinzip verfolgte, wollte man nun ein wohlwollender Gott sein, der verehrt wurde, oder ein Rachegott, den man fürchtete. Kassandra war zumeist Letzteres gewesen, nur in Isythuma war die Ansicht eine andere gewesen. Deswegen hielt sie Nail auch in ihrer Nähe – Fanatiker waren anstrengend und führten in zu großem Maße zum Chaos, aber jetzt gerade brauchte sie ihn. Ein neues Glaubensland war von Nöten, eines, das ihr unumstößlich den Glauben schenkte.
      Zoras ergriff ihre Hand und im Augenwinkel zuckte Nail zusammen. Der junge Mann trug die Fassungslosigkeit noch immer sichtbar für jeden im Gesicht, mehr als das Ballen von Fäusten tat er jedoch nicht.
      „Und was, wenn dies bedeutet, Loki zu vernichten?“, fragte die Phönixin und legte den Kopf etwas schief, ihre Augen funkelten mit Belustigung, da sie niemals in der Lage sein würden, dieses Monster eigenhändig aus dem Weg zu räumen. „Würdest du dich todesmutig ihm entgegenstellen, so wie du es bei Telandir tatest?“
      Die Erinnerung an den anderen Phönix lebte noch immer in ihren Gedanken weiter. Allein der Gedanke an Areti, ihre Tochter, führte dazu, dass sie Telandir niemals vergessen können würde. Er hatte sich ein Denkmal setzen können, das Kassandra noch nicht gelungen war. Bis zu Zoras Tod würde auch die Narbe auf seiner Brust eine Erinnerung sein, wenn auch nur eine temporäre. Doch noch hatte Zoras genug Zeit auf der Erde. Noch war das Datum, welches Kassandra ablesen konnte, nicht in greifbarer Nähe.
      Als Zoras die Hand seiner Phönixin drückte, schenkte sie ihm ein flüchtiges Lächeln. Einen Menschen hatte sie in dieser Epoche nachhaltig verzaubern können. Das müsste ihr doch auch mit anderen gelingen. Eine zweite Person hatte sie offensichtlich, denn die wurde durch Zoras gerade mit einem bösen Blick bedacht.
      „Wird er auch mir etwas zu trinken bringen oder bin ich ihm dafür zu schmutzig?“
      Das Lächeln auf Kassandras vollen Lippen verbreiterte sich. „Das wird er wohl oder übel tun müssen, wenn er die Ansichten seiner Göttin teilen will. Oder, Nail?“
      Der Fanatiker presste seine Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Als jemand, der weder das Land noch seine Kultur kannte, musste Zoras wie jeder dahergelaufene Mann wirken und niemand besaß das Recht, die Göttin zu berühren. Doch er nickte und setzte sich in Bewegung, kaum hatte Kassandra ihn angesprochen. Es würde vermutlich eine weitere Unterhaltung folgen, damit ihr Jünger seine Gedanken nicht sichtbar zur Schau stellte.
      Bei den ganzen Fragen und Gedanken des Eviads verlor sich das Lächeln auf ihren Lippen schnell wieder und ihr Blick schweifte nachdenklich in entlegene Gebiete ab. „Er ist nicht nur in Xafia geschehen. Du hast lediglich eine Momentaufnahme gesehen, aber es war weltumspannend. Ich bin mir nicht sicher, ob das Gefüge einfach so schwer gestört war, dass der Wegfall von drei Göttern auf einmal zu viel Verlust war und zu schnell zu einer Schwächung geführt hat. Das wäre eine Möglichkeit.“
      Ihr Blick glitt zu den Kerzenhaltern an der Wand. Mit einem Wimpernschlag wuchs die kleine Flamme zu einem großen Feuerball heran, der einen Großteil der Wand zu verschlingen schien. Kein Ruß schlug sich auf der Decke nieder, kein Behang geriet in Brand. Unter Kassandras Kontrolle richtete das Feuer keinerlei Schaden an.
      „Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die verbliebenen Götter ihre Macht stärker nutzen. Mehr Einfluss auf die Erde wirken oder dergleichen. Dafür müssen nicht zwangsläufig neue Götter auf die Erde kommen, wobei das womöglich die einfachste Lösung wäre. Ich wüsste jedoch nicht, wieso noch mehr von ihnen auf die Erde hinabsteigen sollten, wenn sich ein Bruch andeutet. Die meisten von ihnen dürften diesen Umstand einfach in göttlicher Ebene aushalten.“
      Denn das war das Einfachste, was die faulen Götter dort oben tun konnten. Die Augen verschließen vor dem Unheil, welches sie ausgelöst hatten. Nur würden sie ebenfalls die Konsequenzen spüren, sollte sich der Bruch ereignen, und dann gab es kein Zurück mehr.
      „Vielleicht erzeugt auch jemand besonders viele Nachkommen oder verleiht Gaben? Das könnte ebenfalls ein Einfluss haben“, dachte sie weiterhin nach, während Nail zurückkam und zu Zoras trat, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Der Becher, welchen er in einer Hand trug, schwappte gefährlich, als er ihn mit einer abrupten Bewegung auf dem Tisch zwischen Zoras und Kassandra abstellte. Dabei verweilte seine Hand einen Moment zu lange um das Gefäß, ehe er es mit einem distanziert wirkenden Blick losließ und wieder auf Abstand ging.
      Kassandra seufzte.
      „Nail, vielleicht solltest du dich ein wenig damit befassen, welches hierarchisches System in Kuluar vertreten ist. Das würde einige Dinge wesentlich einfacher gestalten.“ Kassandras wirkte nicht sonderlich unterhalten, sondern vielmehr geschafft.
      „Das interessiert mich nicht, da Ihr sowieso über Allem steht“, schnaubte der Jünger und verschränkte die Arme, während er sich in gebührendem Abstand wieder auf die Knie sinken ließ. Dabei würdigte er Zoras noch immer keines Blickes.
      „Es sollte dich interessieren, weil dieser Mensch so viel Macht in diesem Land besitzt, um dir den Kopf von den Schultern zu schlagen. Möchtest du, dass ich entscheiden soll, welchen Sterblichen ich favorisiere? Dich oder Zoras hier?“
      Darauf regierte Nail nicht sofort, sondern ließ sich die Worte scheinbar durch den Kopf gehen. „...Euch sollte das Schicksal Sterblicher nicht kümmern, nein.“
      „Dann sorge dafür, dass diese Wahl nie eintritt, Nail“, schloss Kassandra mit einem bestimmenden Tonfall ab.
      Der Blick war noch immer stark unterkühlt, mit dem Nail Zoras bedachte, aber immerhin feuerte er nicht umgehend wieder gegen den König von Kuluar. Ein Anfang. Hoffte die Phönixin jedenfalls.
    • „Und was, wenn dies bedeutet, Loki zu vernichten? Würdest du dich todesmutig ihm entgegenstellen, so wie du es bei Telandir tatest?“
      Kassandra meinte es halb im Spaß, so wie sie Zoras dabei begutachtete. Immerhin gab der gesunde Menschenverstand ihnen vor, dass genau eine solche Situation nicht eintreten sollte. Was hätten sie davon, wenn Zoras sich jetzt, nach Etablierung seines Standes, einem Gott opfern würde, um Kassandra zu bewahren? Schon damals war es eine unüberlegte, waghalsige Unternehmung gewesen, die Zoras den Kopf hätte kosten müssen und stattdessen Amartius gefordert hatte. Doch damals hatte es bis auf sein Leben nichts zu verlieren gegeben - heute hing ein ganzes Land dahinter und all der Fortschritt, den sie sich bereits erkämpft hatten, um den Himmelsbruch aufzuhalten. Heute wäre es töricht, sich einem Gott zu stellen, nur um eine andere Göttin zu retten. Das Problem ging weit über Kassandras Wohl hinaus.
      Das war allerdings nichts, worüber Zoras so genau nachdenken wollte. Denn wenn er ehrlich war...
      "Du kennst meine Antwort. Ich würde vor keinem Gott zurückschrecken, wenn es bedeutet, deine Existenz zu bewahren. Nicht vor Loki und nicht einmal vor Zeus."
      Er lächelte leicht, um die Brisanz aus seinen Worten zu nehmen und Kassandra zu zeigen, dass er verstanden hatte, worum es ihr bei der Frage tatsächlich ging.
      "Ich würde es nur nicht mehr Hals über Kopf tun. Das nächste Mal würde ich eine Armee mitnehmen - und mich ihm dann todesmutig stellen."
      Schweigend hörte er sich im Anschluss an, was Kassandra über den Himmelsbruch in Xafia zu sagen hatte. Ihre Vermutungen waren naheliegend; entweder, der Tod dreier Götter war zu viel gewesen, oder aber das Machtgefüge hatte sich zum selben Zeitpunkt woanders verschoben. Ohne einen Beweis war die Ursache aber unmöglich zu erahnen und das behagte Zoras nicht besonders. Er hatte sich von Xafia einen ersten Erfolg gehofft, aber alles, was es ihnen gebracht hatte, waren noch mehr Unklarheiten und die Unsicherheit, ob sie auf dem richtigen Weg waren. Was, wenn sie letzten Endes selbst für den Himmelsbruch verantwortlich sein würden? Wenn sie mit ihren Taten den Untergang nur noch beschleunigten?
      Zoras machte eine verdrießliche Miene und sah dabei zu, wie Nail einen Krug für ihn füllte. Sie brauchten Antworten und das so bald wie möglich. Sie mussten wissen, ob sie auf dem richtigen Weg waren, bevor sie ihn weiter verfolgten.
      Nail kam zurück und blieb vor Zoras stehen. Er sah ihm nicht in die Augen, als existierte Zoras gar nicht, und stellte den Krug so fest auf dem Tisch ab, dass es schepperte. Zoras wurde aus seinen Gedanken gerissen und sah unter zurückkehrendem Zorn zu ihm auf. Der Mann weigerte sich, seinem Blick zu begegnen, was ihn nur noch wütender machte. Den mangelnden Respekt erachtete er als unverzeihlich.
      Kassandra seufzte.
      „Nail, vielleicht solltest du dich ein wenig damit befassen, welches hierarchisches System in Kuluar vertreten ist. Das würde einige Dinge wesentlich einfacher gestalten.“
      „Travas niriendash mol-threk, da’iru sovashii obera’alem strei.“
      Nail schnaubte und verschränkte die Arme. Wollte er jetzt etwa auch noch patzig werden? Sogar gegenüber Kassandra?
      „Es sollte dich interessieren, weil dieser Mensch so viel Macht in diesem Land besitzt, um dir den Kopf von den Schultern zu schlagen. Möchtest du, dass ich entscheiden soll, welchen Sterblichen ich favorisiere? Dich oder Zoras hier?“
      Nail zögerte, was endlich so etwas wie Genugtuung in Zoras aufsteigen ließ. Dennoch; der Mann wandelte auf einer schmalen Gratwanderung. Nur ein wenig mehr und Zoras würde von Kassandra verlangen, ihn des Palastes zu verweisen. Undenkbar, was man über den Eviad sagen würde, wenn Nail sein aufständisches Verhalten öffentlich zur Schau stellen würde.
      „... Eruv sholta dasch mirathen solvarin nai’khur, nain.“
      „Dann sorge dafür, dass diese Wahl nie eintritt, Nail.“
      Jetzt sah Nail auch endlich zu Zoras zurück, auch wenn in seinen Augen noch lange kein Gehorsam zu erkennen war. Zoras brummte missmutig und hob den Kelch an seine Lippen. Zumindest musste er sich keine Gedanken darüber machen, von Nail vergiftet zu werden.
      "Ein Hund ist besser abgerichtet als er. Er soll sich benehmen; wenn er der letzte Anhänger deiner Stätte ist, werden die Leute unter seiner Führung an dich beten. Du verdienst ordentliche, zivilisierte Gläubiger und keine rebellische Schar, wie er sie gerade darzustellen versucht. Stell dir nur vor, es bricht ein Religionskampf zwischen deinen und Dionysus' Anhängern aus. Wie soll das zu schlichten sein? Sie alle müssen in dieser Stadt unterkommen und wir können innere Krisen momentan wirklich nicht gebrauchen. Er soll sich besser anpassen."
      Zoras nahm noch einen missmutigen Schluck. Natürlich dachte er bei dieser Sache vordergründig um seine Stadt, um sein Land, um Kassandra, aber wenn er ehrlich war, steigerte sich in ihm auch das Bedürfnis, von Nail den gebührenden Respekt zu bekommen. Er wollte ihn knien und einen Eid schwören sehen, so wie er es auch von anderen Würdenträgern verlangte. Wenn er schon einen einzelnen Mann nicht dazu bringen konnte, wie würde sich das nur auf seine Autorität auswirken?
      Er räusperte sich. Das waren Gedanken für ein andermal; jetzt gerade sollten sie sich um den Himmelsbruch kümmern.
      "Ich hatte einen Gedanken wegen des Himmelsbruchs. Wir müssen wissen, ob wir für ihn in Xafia verantwortlich waren - ob wir zu schnell vorgehen, zu drastisch, ob wir das Gefüge unnötig stören, indem wir uns auf diese Weise einmischen. Wie du schon sagtest können wir nicht wissen, was letztlich den Himmelsbruch genau ausgelöst hat - aber wir können jemanden finden, der es weiß."
      Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Kassandra.
      "Korrigiere mich, wenn ich falsch liege, aber die Macht eines Gottes ist auf der Erde nur soweit eingeschränkt, wie er mit seinem Träger auskommt. Die einzigen, die wohl sicher wissen, ob wir auf dem richtigen Weg sind, wären die Moiren, aber ich bezweifle, dass sie auf der Erde wandeln. Vielleicht brauchen wir sie aber auch gar nicht - wir brauchen nur jemanden, der auf der Erde weilt und genug Macht zur Verfügung hat, um uns eine Antwort zu liefern. Jemand, der aus Weissagerei entstanden ist."
      Er ließ seinen Blick schweifen, dachte nach.
      "Apollon könnte es wissen. Oder Hermes; er könnte alles in Erfahrung bringen. Wissen wir etwas über sie? Wissen wir überhaupt, welche Götter momentan auf der Erde verweilen?"
    • Kassandra stieß einen längst überfälligen tiefen Seufzer aus, während ihr Blick auf Nail ruhte, der das Haupt gesenkt, aber sicherlich sich nicht mit seiner Situation abgefunden hatte. „Er ist jung, Zoras. Er wird damit beginnen, die Sprache zu lernen, anders wird er meinen Kult nicht verbreiten können. Spätestens dann sollte er so viel erfahren haben, damit er weiß, wen er mit Respekt behandeln sollte.“ Sie dachte an die unterirdischen Höhlen. Wenn man das nie gesehen hatte, verstand man kaum, woher der junge Mann eigentlich stammte. „Er hat sein Leben lang untertage gefristet, ohne eine nennenswerte Kultur und nur unter seinesgleichen. Das alles hier muss so überfordernd sein, dass er sich an das Einzige hält, was ihm bekannt erscheint.“
      Mit anderen Worten: die Phönixin. Bislang hatte sich Nail überraschend unauffällig gebärdet, so sehr, dass es Kassandra selbst überraschte, wie gut sich der Mensch zusammenriss. Andere wäre angesichts der Tatsache, dass sie ihr Leben lang völlig isoliert aufgewachsen waren, komplett überfordert gewesen. Nail hingegen behielt seinen festen Glauben gegenüber seiner Göttin bei und das rechnete sie ihm an. Obwohl Zoras dies vermutlich anders sah.
      Zoras‘ Räuspern ließ den feurigen Blick wieder zu ihm wandern. Ihr Blick begegnete dem seinen, als er sich dazu äußerste, wie sie wohl herausfinden mochten, ob sie wirklich an dem Bruch schuld waren oder nicht. Langsam nickte Kassandra. „Solange ihm die Essenz fehlt steht und fällt das Gefüge mit dem Zusammenhalt. Wenn die Ziele gleich sind, bewirkt es schon viel, aber wenn sich beide Parteien darüber hinaus blind verstehen, wird der Zugang zur Kraft erhöht.“
      Diese Theorien kannten sie beide schon und Kassandra konnte sie bezeugen. Bei der Erwähnung der Moiren hingegen legte sich ihre Stirn in Falten – ein ungewohnter Anblick, wenn man bedachte, dass Kassandras Äußeres üblicherweise makellos war. Die Moiren waren eine Einheit, mit denen sie es sich weder verscherzen noch großartig anlegen wollte. Eine der wenigen Einheiten, denen sie nicht die Stirn bot, denn dem Schicksal war nur schwerlich auszuweichen. Das hatte sie in ihrer Jugend gelernt, als sie noch versucht hatte, das Schicksal von Menschen zu ändern, deren Tode bereits um die Ecke lauerten.
      „Ehrlich gesagt würde ich die Moiren auch nicht gern befragen. Nicht nur, dass sie kryptisch sprechen, sie spinnen die Fäden manchmal nach ihren Gelüsten und daher halte ich es lieber gut mit ihnen. Was einen anderen Gott betrifft – ich könnte umherfliegen und versuchen, sie auszuspüren, aber wenn sie sich kaschieren wollen, dann kann ich sie nicht finden.“
      Ganz anders war es für Kassandra selbst. So sehr sie sich auch maskieren mochte – Götter wie Loki waren immerzu in der Lage, sie zu lokalisieren. Das machte das Verstecken vor diesen übermächtigen Wesen so schwierig. Außerdem würde es einen nicht geringen Gefahrenanteil beherbergen, wenn sie zur Erkundung fliegen würde und damit ein Ziel für Angegriffen darstellte. Am Ende blieb nur eine wirkliche Wahl, wenn sie eine Chance auf eine Antwort haben wollten, nur hätte die Phönixin lieber nicht auf diese Person gesetzt.
      „Ich weiß nicht, ob sich Apollon aus dem Himmel herabgelassen hat. Ich würde beinahe unterstellen, dass er es nicht tat“, ließ sie Zoras an ihren Gedanken teilhaben, während sie die Hand mit geöffneter Innenfläche nach oben hob. Flammen stoben aus ihrer Hand empor, zuckten und bildeten Formen, die sich miteinander verschlangen. Am Ende flatterte ein kleiner Flammenvogel, ähnlich dem Kolibri, den Zoras ihr einst in Form einer Kette schenkte, in der Luft. Mit hastigen Bewegungen tanzte er durch die Luft ehe er sich zum Fenster und aus dem Staub machte. „Aber Hermes ist eine Überlegung wert. Hermes hat schon immer die Grenze zwischen Himmel und Erde wie ein dünnes Tuch behandelt. Nur kann ich Hermes weder finden noch herbestellen. Man wird gefunden und besucht.“
      Damit ließ Kassandra die Hand sinken und sah zum Fenster, durch das der Kolibri verschwunden war. Hermes war gefährlich – mit dem Wissen über jeden Schwachpunkt eines Gottes und einem unberechenbaren Charakter war Hermes für jeden eine Gefahr. Selbst für Loki.

      Es dauerte fast zwei Wochen bis etwas geschah.
      Nail hatte sich in der Zwischenzeit mit den Ratgebern von Zoras befassen müssen, um mit der kuluarischen Sprache klarzukommen. Anfänglich hatte er sich noch geweigert, in Zoras‘ Anwesenheit seine Versuche zum Besten zu geben, aber nachdem Kassandra ihm mit der Verbannung gedroht hatte, taute der junge Mann etwas auf. Zumindest, was seine Sprache betraf und nicht seinem Gebaren gegenüber dem Eviad. Das war noch immer so distanziert wie zuvor und bereitete Kassandra, die immer mehr ins Altern verfiel, zunehmend Kopfschmerzen. Ihre Haare waren mittlerweile ergraut, die Haut in Falten und außer ihrem feurigen Blick nicht mehr viel von ihrer Schönheit zu vermuten, weshalb sie sich ebenfalls von Zoras etwas zurückzog. Hier und da ließ sie sich ihre Hand noch nehmen, aber im Vergleich zu all den Mägden, die im Schloss ihrer Arbeit nachgingen, war sie keine Schönheit mehr. Sogar Esho schaute ihr nicht mehr lüstern hinterher, sondern hatte sie mit Schock in den Augen bedacht, als er sie so das erste Mal sah. Vermehrt kam es auf, dass sie sich von Zoras distanzierte, doch der Mann ließ sich nicht beirren und hielt daran fest, ihr nahe sein zu wollen.
      So wie an diesem Abend, wo sie gemeinsam die Bäder aufsuchten, nachdem sich Kassandra hatte erweichen lassen, ihn auch dort zu akzeptieren. Diener wünschte sie in den Bädern keine, weshalb nur sie und Zoras mit Handtüchern bedeckt vor dem Wasserbecken standen und sich nacheinander hinein gleiten ließen. Das Wasser umspülte ihren stark gealterten Körper und seinen kräftigen, früher von zahlreichen Narben geprägten. Sie beide lehnten sich an den Rand des Beckens, ließen die Wärme einziehen und den Dampf, geschwängert mit Kräutern und Ölen, in die Nase steigen.
      „… Es dauert nicht mehr lange, dann ist der Zyklus abgeschlossen.“ Kassandras Stimme klang kratziger als üblich, doch sie schenkte ihrem Auserwählten ein Lächeln. „Sei so lieb und lass den Haufen Asche einfach dort, wo auch immer ich zerfalle. Im Notfall setz Nail davor, er wird nichts Besseres zu tun haben.“
      „Seit wann hast du Fanatiker, Kassy?“
      Kassandra wirbelte im Wasser herum, sodass es hoch spritzte. Im gleichen Augenblick sprang sie aus dem Wasser auf, völlig unberührt darüber, dass sie völlig nackt dort stand. Das graue Haar klebte an ihrem gebrechlich gewordenen Körper, als sie zu der hintersten Bank sah, auf der sie ihre Kleider und Waschkörbe abgestellt hatten. Genau dort saß eine Person und spielte mit einer Seife, die sie aus dem Korb genommen haben musste. Ihre Gestalt war drahtig und fast so klein wie Kassandra selbst. Ihre Haut war dunkel, fast schwarz und ließ sie mit den Schatten regelrecht verschmelzen. Dichtes krauses Haar hätte von ihrem Kopf in einem Afro abgestanden, war aber mit Bändern zu einer Palme auf ihrem Kopf gebändigt worden. Sie trug Stiefel, die bis zu den Knöcheln gingen, eine kurze enge Hose, die nur knapp über ihr Gesäß reichte sowie ein enganliegendes bauchfreies Shirt mit Spaghettiträgern. Alles in allem wirkte diese Gestalt komplett aus der Zeit gefallen und der Fakt, dass Kassandra ihre Präsenz nicht eine Sekunde lang spüren konnte, zeichnete diesen Gott aus als das, was er war.
      „Hallo Hermes“, sagte Kassandra gedehnt und mit Vorsicht in der Stimme. „Aktuell ist es ein Fanatiker und den habe ich untertage aufgetrieben. Vielleicht verstecken sich dort noch mehr.“
      „Hmmmm, schwierig. So viel Platz gibt es unter der Erde nicht“, sagte Hermes leichtfertig und kratzte mit den perfekt manikürten Fingernägeln Flocken von der Seife. „War ziemlich überrascht, als ich deinen Vogel gefunden habe. Du hast noch nie mit mir reden wollen. Tut mir ja fast ein bisschen weh.“
      „Üblicherweise bin ich auch nicht in deiner Liga.“
      „Aber Ligen verschieben sich. Die jetzige beispielsweise wird nicht lange bestehen, wenn das so weitergeht mit dem Bruch und allem. Mein Gott, was habt ihr denn in diese Seife gemischt? Die riecht wirklich gut. Kann ich eine davon haben?“ Hermes sah auf und ihre stahlgrauen Augen hefteten sich nicht auf Kassandra, sondern auf Zoras. „Der große Eviad hat doch bestimmt kein Problem damit? Ich will auch nur eine. Ich komm drauf zurück, wenn ich noch eine haben will. Also, was gibt’s?“
    • Dem Gespräch mit Kassandra folgten Tage der Unsicherheit, Wochen sogar, in denen der Fortschritt einen merkwürdigen Stillstand fand. Zwar musste mit der Eroberung Xafias alle Logistik, Struktur und Diplomatie folgen, aber ohne das Wissen, ob sie auf dem richtigen Weg waren, war jegliche weitere Planung unnütz. Zoras befand sich in einem sehr unbefriedigenden Zustand des Eviads wieder, bei dem er nichts anderes zu tun wusste, als Kuluar vor der anbahnenden Rache zu stählen. Denn so groß der Erfolg bei Xafia auch gewesen sein mochte, die Kriegserklärungen, die dem folgten, hatten es in sich. Alles verlief nach Plan - aber der Plan sollte sie auch weiterbringen. Einer Himmels-Genesung entgegen und nicht mehr nur der einfachen Machtposition in Kuluar. Zoras war deswegen sehr angespannt.
      Da machte Nails Anwesenheit nichts besser. Der Mann hatte Zoras' Vertraute zur Seite gestellt bekommen, um die kuluarische Sprache und Kultur zu lernen, aber in wenigen Tagen ließ sich noch nichts vorweisen. Es war sogar noch schlimmer als das: Nail verweigerte stetig, Zoras den gebührenden Respekt zu erweisen, geschweige denn ihm überhaupt in die Augen zu sehen. Er ignorierte ihn, als sei er ein dahergelaufener Hinterwäldler, und das fand bei Zoras einen säuerlichen Anklang. Normalerweise hätte er keinen Skrupel damit, einen Menschen wie Nail seines Platzes zu verweisen - aber dieser Fall war nicht normal. Nail war Kassandras treuer Ergebener und Zoras würde sicher kein Eigentum von Kassandra schänden, in welcher Weise auch immer. Das bedeutete allerdings auch, dass er mit Nails Frechheiten klarkommen musste. Und das tat er nicht, kein bisschen. Jedes Mal musste er sich wieder über ihn ärgern.
      Indessen verkam Kassandra selbst zu einer alten Frau. Graues, fahles Haar ersetzte die sonst tiefschwarze Haarpracht, tiefe Falten verzogen das einst bildschöne Gesicht, herabhängende Schultern krümmten ihre Gestalt. Zoras war verblüfft, wie drastisch diese Veränderung vor sich ging und wie schnell. Vor zwei Monaten noch war Kassandra eine junge Kriegerin auf dem Schlachtfeld gewesen, jetzt war sie eine Greise, die nichts göttliches und jugendhaftes mehr an sich hatte. Sie war eine alte Frau und nur ihre Augen bargen noch immer das Feuer, an das Zoras sich so sehr gewöhnt hatte. Wäre auch das verschwunden, hätte er sie nicht wiedererkennen können. Nicht durch ihr Äußerliches.
      Doch das gab Zoras nur die Gelegenheit, sich selbst und der Welt zu beweisen, was er schon lange gewusst hatte: Dass er Kassandra liebte, Kassandra selbst und nicht ihr Aussehen. Er liebte sie in ihrer vollen Gänze und sogar als Greisin nahm er es sich nicht, ihre Hand zu ergreifen, sie sanft zu küssen und in der Öffentlichkeit anzulächeln, als wäre sie dieselbe junge Schönheit wie sonst auch. Zwar wurde er nicht körperlich mit ihr, aber das eher durch Kassandras Ablehnung als alles andere. Viel häufiger wandte sie sich von seinen Avancen ab und gab ihm nur zögerlich die Hand, wenn er seine nach ihr ausstreckte. Es benötigte Zoras alle Überzeugungskünste, um sie in die Bäder einzuladen, die sie anfangs bereits besucht hatten. Kassandra willigte schließlich ein.
      So saßen sie in dem warmen Wasserbecken, alleine in dem großen Raum. Zoras legte die Arme auf den Beckenrand und seufzte gedehnt. Ein warmes Bad konnte ihn nicht so sehr entspannen wie ein Pferderücken, aber er wusste die Ruhe und den Frieden sehr zu schätzen. Die Stimmung in Kuluar und auf der ganzen Welt schien nach Xafia angehitzt und daher war es wie eine Zuflucht, für ein paar Stunden mit nichts anderem konfrontiert zu sein als warmen Wasser. Außerdem lag sein Bein an Kassandras, sodass sie sich berührten; sie hatten schon früher herausgefunden, dass das Wasser seine Toleranzgrenze erhöhte und so merkte er, dass er sich nach der Berührung verzehrte. Da kümmerte es ihn auch nicht, dass ihr gealtertes Bein sich ebenso fremd und ungewöhnt anfühlte.
      „… Es dauert nicht mehr lange, dann ist der Zyklus abgeschlossen", sagte Kassandra in die Stille hinein. Selbst ihre Stimme war eine andere, auch wenn Zoras einen vertrauten Klang in ihr zu erkennen glaubte. Von der Seite sah er sie an.
      „Sei so lieb und lass den Haufen Asche einfach dort, wo auch immer ich zerfalle. Im Notfall setz Nail davor, er wird nichts Besseres zu tun haben.“
      Das war kein schöner Gedanke. Zoras verzog das Gesicht, gab aber keinen Kommentar dazu ab.
      "Werde ich. Du wirst kein Aschekorn verlieren."
      „Seit wann hast du Fanatiker, Kassy?“
      Die Stimme kam aus ihrem Rücken und sie ertönte so plötzlich, dass Zoras zuckte; doch was ihn eigentlich alarmierte, war Kassandras schnelles und hastiges aufspringen. Mit überschneller Geschwindigkeit war sie aus dem Wasser gesprungen und Zoras folgte ihr gleich nach, ungeachtet jedweder Verluste. Sein Puls raste; es war lange her, seit der letzte Attentäter bis in den Palast vorgedrungen war und seit der Rat kontrolliert werden konnte, wähnte Zoras sich in Sicherheit. Aber dabei hatte er sich getäuscht, wie Kassandras plötzliche Reaktion ihm weis machte. Und das gerade jetzt - gerade, wenn Kassandra am Ende ihres Zyklus stand. Konnte es geplant gewesen sein? Eine hinterhältige List?
      Ehe Zoras sich bewusst machen konnte, was er dort tat, streckte er die Hand zur Seite aus und wirbelte zu der Stimme herum. Amartius bildete sich unter seinen Fingern und Zoras ergriff den kühlen Griff seines Sohnes, um die Klinge in einer ausholenden Geste zur Seite zu bewegen. Er war nackt und erschöpft vom Tag, sollte sich nicht auf einen Kampf einlassen, aber alles, woran er denken konnte, war Kassandra, die am Ende ihres Zyklus stand. Sofort fühlte er sich zurückversetzt nach Asvoß und das bekräftigte eine von vor Wochen getätigte Aussage: Zoras würde wahrlich vor keinem Gott zurückschrecken, um Kassandras Existenz zu wahren. Er stand mit seinem ganzen Wesen dazu.
      Nur war der betreffende Gott - wenn es denn einer war - vermutlich nicht Loki, denn ihr Behaben war ganz anders. Und Zeus war es ganz sicher auch nicht und... Zoras fiel sonst niemand ein, der auf ein solches Aussehen zugetroffen hätte. Er war ratlos, was nicht bedeutete, dass er sein Schwert senken würde.
      "Hallo, Hermes", sagte Kassandra da und Zoras hob überrascht die Augenbrauen. Hermes - wirklich? Dann hatte Kassandra ihn doch erreichen können? Wieso war er dann aufgetaucht - Moment, wieso war er überhaupt eine sie? Und warum hatte Kassandra sich so vor ihr erschreckt; hätte sie ihre Präsenz nicht gefühlt?
      „Aktuell ist es ein Fanatiker und den habe ich untertage aufgetrieben. Vielleicht verstecken sich dort noch mehr.“
      „Hmmmm, schwierig. So viel Platz gibt es unter der Erde nicht. War ziemlich überrascht, als ich deinen Vogel gefunden habe. Du hast noch nie mit mir reden wollen. Tut mir ja fast ein bisschen weh.“
      Hermes redete in einem Plauderton, der ganz unverfänglich wirkte. Zoras gestattete sich mit einem Seitenblick auf Kassandra, sich etwas zu entspannen und Amartius zu senken. Dann war Hermes wahrhaftig gekommen wegen der Nachricht; endlich konnten sie weitere Fortschritte erzielen. Nur gefiel Zoras nicht, dass Kassandra noch weit davon entfernt war, sich zu entspannen. Er behielt Amartius in seiner Hand.
      "Mein Gott, was habt ihr denn in diese Seife gemischt? Die riecht wirklich gut. Kann ich eine davon haben?"
      Hermes sah auf und direkt in Zoras' Gesicht. Fast wirkte es so, als habe sie Amartius gar nicht bemerkt, was natürlich unmöglich war. Zoras war nur irgendwie froh darüber, dass der Blick der Gottheit nichts gefährliches an sich hatte wie bei Mirdole. Sie sah ihn einfach nur an.
      „Der große Eviad hat doch bestimmt kein Problem damit? Ich will auch nur eine."
      Was für ein merkwürdiges Thema. Aber es sorgte dafür, dass Zoras sich weiter entspannte und sich aufrichtete. Es war vermutlich nur wieder eine Eigenart der Götter.
      "Natürlich. Bedient Euch."
      "Ich komm drauf zurück, wenn ich noch eine haben will."
      Wie komisch.
      "Sehr recht."
      "Also, was gibt’s?"
      Zoras warf Kassandra noch einen Blick zu, dann straffte er sich. Er stand nackt vor Hermes mit einem Schwert in der Hand und führte gleich eine Verhandlung - womöglich sollte er das etwas anders angehen. Mit den Augen suchte er nach seinem Handtuch.
      "Verzeiht - wir haben nicht mit Eurem... raschen Auftreten gerechnet. Ich wollte Euch mit meiner Gebärde nicht beleidigen. Habt Nachsicht."
      Er fand es und ging schnell hinüber, um es sich um die Hüfte zu wickeln. Dabei lehnte er Amartius gegen eine Säule; er wollte ihn nicht so bald wieder außer Reichweite wissen. Hermes hin oder her... es ging ums Prinzip.
      Einigermaßen mit Würde ausgestattet, drehte er sich wieder zu der Gottheit um.
      "Wir sind auf der Suche nach Antworten, die sich in Eurem Besitz befinden könnten. Wenn nicht, so erbitten wir Eure Hilfe zur Kontaktaufnahme mit Apollo. Wir wissen nicht, wo er sich derzeit befindet, doch das ließe sich vermutlich einfacher in Erfahrung bringen als das, was wir wissen möchten."
      Wieder warf er einen Blick zu Kassandra. Er war sich unsicher, wie weit sie Hermes einweihen sollten - doch der Gott war immerhin hergekommen. Bei der Launenhaftigkeit, die die Götter sonst an den Tag legen konnten, wollte Zoras kein Risiko eingehen. Besser nutzten sie die Gelegenheit, bevor Hermes es sich anders überlegte und wieder verschwand.
      Er sah zurück zu der Göttin.
      "Der letzte Himmelsbruch fand statt, als wir die Champions von Xafia vernichteten. Wir möchten wissen, ob dies der richtige Weg ist, um den Himmelsbruch aufzuhalten, oder ob wir ihn durch unser Eingreifen beschleunigen. Wie gesagt, wenn Ihr uns dabei nicht helfen könnt, wären wir dankbar um Informationen über Apollo. Wir halten ihn für fähig, uns das nötige Wissen zu übermitteln."
      Er zögerte.
      "Sagt - was können wir Euch für Eure Hilfe bieten?"

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    • So gebrechlich Kassandra zurzeit auch wirken mochte – ihrer Haltung tat dies kaum einen Abbruch. Schließlich war und blieb sie eine Göttin, weshalb sich diese erhabene Aura ihrerseits nie verflüchtigen würde. Doch bei Hermes war dies anders. Hermes wirkte wie eine schwarze, ganz gewöhnliche Frau, die irgendwo in einer Taverne einsaß und dort einen Met trank. Völlig und absolut unauffällig. Jemand, den man gerne übersah.
      „Natürlich. Bedient Euch.“
      Zoras an Kassandras Seite entspannte sich. Amartius ruhte in seiner Waffenhand und auch wenn seine Göttin den Versuch wertschätzte hätte er am Ende rein gar nichts gegen Hermes ausrichten können. Absichtlich hatte sie ihm unterschlagen, dass Hermes nicht nur für den Austausch von Nachrichten zuständig war, sondern für weitaus mehr. Allerdings schien der Eviad des Landes doch etwas irritiert von dem Auftreten dieses Gottes. Hätte Kassandra nicht ihren Namen ausgesprochen, wäre ihm wohl nicht einmal in den Sinn gekommen, dass sich Hermes zu ihnen bequemt hatte. Folglich erwiderte sie kurz den Blick, den er ihr zuwarf, ehe er sich aus dem Wasserbecken kämpfte, um sich ein Handtuch um die Hüften zu schlingen. Kassandra hingegen verweilte an Ort und Stelle, völlig unberührt davon, wie Hermes sich die Seife in eine ihrer Hosentasche steckte und die Beine lang ausstreckte. Kleidung war für Götter ohnehin ein lächerliches Thema.
      „Verzeiht – wir habe nicht mit Eurem… raschen Auftreten gerechnet.“
      „Ach, das tun die wenigsten.“
      „Ich wollte Euch mit meiner Gebärde nicht beleidigen. Habt Nachsicht“, glättete Zoras weiterhin Wogen, die gar nicht da waren. Oder zumindest nicht erspürbar.
      Hermes grinste ein fehlerfreies, weißes Zahnlächeln. „Ich würde das nicht unbedingt als Beleidigung sehen. Jetzt weiß ich wenigstens, dass Kassy hier nicht nur auf dürre Jünglinge steht.“
      Kassandras Finger zuckten an ihrer Seite, schwieg jedoch. Zoras überspielte diese Spitze möglichst schnell.
      „Wir sind auf der Suche nach Antworten, die sich in Eurem Besitz befinden könnten.“ Ungerührt knibbelte Hermes an ihren Nägeln herum. „Wenn nicht, so erbitten wir Eure Hilfe zur Kontaktaufnahme mit Apollo. Wir wissen nicht, wo er sich derzeit befindet, doch das ließe sich vermutlich einfacher in Erfahrung bringen als das, was wir wissen möchten.“
      „Komm zum Punkt. Ich bin schwer beschäftigt, weißt du? Ich habe da so eine Liste mit Leuten, die alle was von mir wollen und mein Zeitplan ist unheimlich eng getaktet“, sagte Hermes mit einer Handgeste, die bedeutete, sich zu beeilen. „Ihr seid nur dazwischen gerutscht, weil mich Kassy bisher noch nie angefragt hat. Da war ich ein bisschen neugierig.“ Ihr Blick richtete sich auf die Phönixin, musterte sie langsam von oben bis unten. „Was für ein echt beschissenes Timing, was?“
      „Das Timing hat hiermit wenig zu tun, Hermes“, erwiderte Kassandra aalglatt.
      „Doch, doch. Euch fehlt da was und ich will’s aus seinem Mund hören.“ Wieder grinste Hermes und sah nun erwartungsvoll zu Zoras. „Lass hören, großer Eviad.“
      Also tat Zoras wie geheißen. Keins der Worte ließ irgendeine Regung in Hermes‘ Gesicht entstehen, nur die wachen, scharfen Augen funkelten mal mehr, mal weniger stark. Als Zoras endete, verzog Hermes pikiert das Gesicht. Parallel dazu verdichtete Kassandra bereits ihre Aura, doch dann erhob sich die schwarze Frau und kickte noch im Gehen die Stiefel von den Füßen. Nebst Kassandra ging sie in die Hocke und ließ ihre Beine bis zu den Knien ins Wasser sinken, während sie auf dem Beckenrand sitzen blieb. Ohne aufzusehen winkte sie Kassandra zu. „Nun komm schon. Setz dich. Jetzt sei doch nicht so furchtbar angespannt, das treibt dir nur noch mehr Falten ins Gesicht.“
      Der Blick, den Kassandra Zoras zuwarf, konnte man nur mit absolut tödlich beschreiben. Widerwillig drehte sie sich um und setzte sich, bis nur noch ihr Kopf bis zu den Schultern aus dem Wasser ragte. Zoras würde ihnen beiwohnen müssen, wenn er sich am Gespräch beteiligen wollen würde.
      „Ihr wollt Apollo fragen und geht dafür den Weg über mich? Ich bin ein bisschen beleidigt. Ich bin doch keine Tratschtante“, beschwerte sich Hermes und plantschte dabei mit den Beinen im Wasser.
      Ungerührt von den Spritzern sagte Kassandra: „Zoras hat es etwas falsch ausgedrückt. Er will dich nicht mit Kleinigkeiten belasten.“
      „Der Bruch ist für dich eine Kleinigkeit?“
      „Das Wissen dazu, ob wir ihn beschleunigen oder nicht, schon.“
      „Sag du es mir. Du hast es gespürt, du hast es erlebt. Wie schätzt du es ein?“
      „Der Bruch stand kurz bevor und wir haben das Gleichgewicht zu stark zu schnell erschüttert.“
      „Das ist eine Variante. Oder das Timing war wieder echt schlecht und jemand ist hinabgestiegen.“
      „Ist das wahrscheinlich?“
      „Hm, eigentlich nicht.“ Hermes blickte auf und zeigte mit einem Finger auf Zoras. „Der weiß aber schon, dass er mir nichts bieten kann, was ich nicht schon weiß?“
      Darauf zuckte Kassandra nur mit den Schultern. „Sterbliche versuchen es eben. Das liegt in ihrer Natur.“
      „Und macht sie schrecklich hartnäckig, jap“, stimmte Hermes Kassandra gut gelaunt zu. „Der Bruch hat auf jeden Fall oben für Chaos gesorgt. Zeus ist praktisch an die Decke gegangen und Odin hat einen seiner Söhne aus den Augen verloren. Nicht, dass er mit seinem einen Auge nicht ohnehin schlecht sehen kann, aber der Alte hätte mal lieber ein bisschen auf seinen Jungspund aufgepasst. Der sorgt nur für Stress.“
      „Mit dem haben wir auch schon Bekanntschaft machen können. Das müssen wir nicht wiederholen.“ Leicht schüttelte Kassandra den Kopf. Einmal Loki hatte ausgereicht, um das Chaos sich entfalten zu lassen. Auf eine Wiederholung konnte sie dankbar verzichten. Aber damit hatte Hermes zumindest ein bisschen als Antwort auf Zoras‘ Frage dagelassen. „Ist Apollo hier?“
      Dies bestätigte Hermes mit einem Nicken. „Der hat sich leider auch bequatschen lassen. Würde ich bei Zeus nicht erwähnen, das ist ihm auch ein Dorn im Auge.“ Sie grinste wissend. „Aber sag mir mal lieber, wie Zoras die große Info aufgefasst hat?“
      Kassandra zog die Augenbrauen zusammen. „Welche große Information?“
      „Na, die über seinen Tod!“ Hermes wandte den Kopf und grinste die Phönixin an. Dieses Lächeln besaß keine Freundlichkeit und war so scharf wie Messers Schneide. „Du hast ihm doch bestimmt gesteckt, wie lange ihr noch habt, oder nicht?“
      Schwere Stille erfüllte den Badesaal ehe Kassandra unfassbar entspannt klingend sagte: „Habe ich nicht.“
      „Was?! Ich dachte, du wiederholst den Fehler bei deinem nächsten Auserwählten nicht.“ Hermes stocherte direkt im Hornissennest herum.
      Unterwasser ballte Kassandra die Hände zu Fäusten. „Es war kein Fehler. Gewaltverbrechen sehe ich nicht.“
      „Also hat er noch eine Weile!“ Freudig klatschte Hermes in die Hände und blickte an Kassandra vorbei zu Zoras. „Schau an, dann hast du noch eine gewisse Zeit mit deiner Göttin! Ist das nicht wunderbar?“
    • Dürre Jünglinge. Zoras tat so, als hätte er das gar nicht gehört. Nicht nur wollte er vermeiden, über Kassandras vergangene Liebhaber nachzudenken, es irritierte ihn auch noch ungemein, wie locker Hermes zu ihnen sprach. Die Göttin hörte sich an wie Fußvolk, dabei sollte sie, naja, eben eine Göttin sein. Nicht einmal Dionysus sprach so freizüngig, wenn er wieder dumme Bemerkungen von sich gab. Färbte die Erde etwa auch auf Hermes ab, auf eine andere Weise als bei Kassandra?
      Außerdem störte es ihn, dass Hermes Kassandra als Kassy ansprach. Er war aber klug genug, es sich nicht anmerken zu lassen.
      Auf seine Ausführung antwortete Hermes nicht sofort, sondern stand erst auf, trat sich die Stiefel von den Füßen und ließ sich am Wasser nieder. Sie winkte zu Kassandra, als wäre sie von vornherein zu dem abendlichen Bad geladen worden.
      „Nun komm schon. Setz dich. Jetzt sei doch nicht so furchtbar angespannt, das treibt dir nur noch mehr Falten ins Gesicht.“
      Diesmal war es Kassandra, die Zoras einen Blick zuwarf, bei dem sich ihr Tiere freiwillig geopfert hätten. Ganz anscheinend war er nicht der einzige, der ein Problem mit Hermes' offener Art hatte. Grundgütiger, waren etwa alle Götter so schwierig? Kein Wunder, dass sie zurückgezogen im Olymp lebten, wo sie niemanden stören konnten. Je mehr Göttern er begegnete, desto glücklicher war er, sie nicht allesamt gleichzeitig auf einem Haufen zu wissen.
      Kassandra folgte der Einladung nackt und auch Zoras gesellte sich dazu, behielt aber sein Handtuch um seine Hüfte. Es gab immerhin keinen Grund, Hermes seine Männlichkeit sehen zu lassen. Es wäre ihm sogar viel lieber gewesen, dieses Gespräch in ordentlichen Klamotten zu führen.
      Hermes sprach aber gleich weiter, kaum hatten sie sich gesetzt.
      „Ihr wollt Apollo fragen und geht dafür den Weg über mich? Ich bin ein bisschen beleidigt. Ich bin doch keine Tratschtante.“
      Zoras' Augenbrauen zuckten. Er übte sich in Gleichgültigkeit, was ihm zunehmends schwer fiel. Eine Tratschtante und das unironisch aus dem Mund eines Gottes. Konnte Hermes denn noch merkwürdiger werden?
      „Der weiß aber schon, dass er mir nichts bieten kann, was ich nicht schon weiß?“
      Hermes zeigte auf Zoras. Zoras verzog das Gesicht, bevor er sich beherrschen konnte. Götter konnten ihn ansprechen und über ihn reden wie sie wollten, aber ein bisschen Respekt hätte er sich schon erhofft. Immerhin waren Kassandra und er auf einer göttlichen Mission, oder etwa nicht? Da gebührte ihm doch ein bisschen mehr als ein laues "der".
      „Sterbliche versuchen es eben. Das liegt in ihrer Natur", erwiderte Kassandra gleichgültig. Zoras' Blick zuckte zu ihr. Sie jetzt auch noch? Fantastisch.
      „Der Bruch hat auf jeden Fall oben für Chaos gesorgt. Zeus ist praktisch an die Decke gegangen und Odin hat einen seiner Söhne aus den Augen verloren. Nicht, dass er mit seinem einen Auge nicht ohnehin schlecht sehen kann, aber der Alte hätte mal lieber ein bisschen auf seinen Jungspund aufgepasst. Der sorgt nur für Stress.“
      Zoras bekam langsam Kopfschmerzen bei der Anstrengung, Hermes noch immer als Göttin zu betrachten. Sie war immerhin auch eine Göttin, sie verhielt sich nur nicht so. Das waren zwei Paar Schuhe, mit denen Zoras nicht klar kam. Er schwieg, um sich selbst nicht zu verraten und sie nicht doch noch zu erzürnen. Kassandra und er waren angewiesen auf Hermes' Hilfe.
      „Ist Apollo hier?“
      „Der hat sich leider auch bequatschen lassen. Würde ich bei Zeus nicht erwähnen, das ist ihm auch ein Dorn im Auge.“
      Zumindest eine Sache machte das einfacher. Hermes hatte zwar nicht verlauten lassen, ob sie selbst etwas über den Himmelsbruch wusste, aber Zoras schätzte, dass das Auffinden von Apollo günstiger sein könnte als eine wichtige Information zu teilen. Er erlaubte sich den Hoffnungsschimmer, dass sie wieder ein Ziel vor Augen haben könnten.
      „Aber sag mir mal lieber, wie Zoras die große Info aufgefasst hat?“
      Jetzt hatte sie zumindest von "der" zu "Zoras" aufgeholt - aber welche große Information? Zoras sah zu Kassandra, die diese Frage laut aussprach.
      „Na, die über seinen Tod! Du hast ihm doch bestimmt gesteckt, wie lange ihr noch habt, oder nicht?“
      Zoras' Blick verdüsterte sich. Das war nichts, worüber man so offen reden würde. Allerdings, wenn er so darüber nachdachte...
      Er sah wieder zu Kassandra. Verheimlichte sie ihm etwas, was er besser wissen sollte?
      Kassandra schwieg länger als gewöhnlich, bevor sie sagte:
      „Habe ich nicht.“
      „Was?! Ich dachte, du wiederholst den Fehler bei deinem nächsten Auserwählten nicht.“
      Den Fehler? Welchen Fehler? Zoras sah Kassandra immernoch an und bemerkte daher, wie sie die Hände im Wasser zu Fäusten ballte. Es war eine so gänzlich menschliche Reaktion, dass die Phönixin auch gleich laut hätte aussprechen können, dass sie etwas vor ihm verheimlichte. Sein Puls beschleunigte sich und er sah zu Hermes und wieder zurück. Welcher Fehler?!
      „Es war kein Fehler. Gewaltverbrechen sehe ich nicht.“
      „Also hat er noch eine Weile!“
      Hermes klatschte in die Hände, als würde sie Kassandra Applaus für ein Kunststück geben.
      „Schau an, dann hast du noch eine gewisse Zeit mit deiner Göttin! Ist das nicht wunderbar?“
      "Sehr", sagte Zoras trocken. Ihm gefiel nicht, wie Hermes in ihren Privatangelegenheiten herumzuschnüffeln schien. Die Göttin war hier ungefragt aufgetaucht und sammelte für Zoras' Geschmack ein paar Informationen zu viel. Wer wusste schon, wem sie sie weiter verkaufen würde?
      Unruhig rutschte er auf seinem Platz herum. Er würde sich später mit Kassandra über diesen Fehler unterhalten müssen.
      "... Dann könnt Ihr uns sagen, wo er sich befindet? Apollo?"
      Er hoffte das Thema wieder dorthin zu lenken, wo es eigentlich sein sollte.
    • Immer wieder sah Hermes zu Zoras, der sich zwar bedeckte, aber nicht minder unangenehm berührt wirkte. Wo Kassandra stocksteif wie eine Statue an ihrem Platz verharrte, rutschte der Mann nur so umher. Als hielte er es auf seinem eigenen Platz nicht mehr aus.
      „Ich könnte das bestimmt“, bestätigte Hermes Zoras‘ Nachfrage leichtfertig und planschte weiter mit ihren Beinen im Badewasser herum. Die Wellen trafen auf eine schroffe Küstenlandschaft, die sich Kassandra nannte. „Aber Kassy hat da schon ganz recht; ohne Gegenleistung wird das nichts und mir fällt jetzt nichts ein, was du haben könntest.“
      „Ich bin bestürzt, dass du nicht nach dem Erstgeborenen verlangst“, warf die Phönixin als Spitze dazwischen und machte sich ungerührt daran, ihre Gliedmaßen zu waschen.
      „Das ist doch langweilig. Außerdem – was will ich mit einer Waffe? Das ist mir zu brachial.“ Hermes rollte die Schultern und gab sich ganz harmlos, doch Kassandra wusste es besser. Hermes war nicht nur Meister im Beschaffen von Geheimnissen, sie war auch eine herausragende Attentäterin, und das selbst unter den Göttern. Man respektierte sie nicht wegen ihrer offenkundigen Stärke, sondern wegen ihrem Potenzial und Intellekt. Dass sie dabei fantastisch mit Dolchen umzugehen wusste, war jedermann bekannt. „Aber sag mal, wollt ihr es nicht noch einmal versuchen? So ganz unter uns? Oder reicht es dir, Kassy?“
      Die Bewegungen der Phönixin wurden langsamer bis sie schließlich innehielten. Der Blick, den sie Hermes zuwarf und der sich außerhalb Zoras‘ Sicht befand, trug eine nicht sonderlich gut versteckte Warnung in sich. „Zoras hat dich etwas gefragt. Nicht ich. Er ist derjenige, mit dem du handeln solltest.“
      Uuuuuh“, machte Hermes mit einem spöttischen Grinsen. „Wunder Punkt, was? Okay, wie ich gehört hab, hat dein Auserwählter mit sterblichen Damen auch noch nie das Glück gehabt. Was für ein Pech.“
      Das Wasser begann urplötzlich zu blubbern und zu schäumen. Mit einem Kichern zog Hermes ihre Beine zurück und rutschte vom Beckenrand fort. Anschließend überschlug sie die feucht glänzenden Beine und musterte Zoras erneut.
      „Wo sich Apollo aufhält kann ich euch sagen, aber wie ihr ihn erreicht, ist euer Problem. Ich werde jedenfalls nicht bei ihm auftauchen und ihm einen Brief überbringen. Dafür bin ich viel zu schwer beschäftigt. Hängt aber wie gesagt alles davon ab, was unser Sterblicher in Petto hat. Ich lass mich gerne überraschen.“
      Ein wölfisches Grinsen trat ihr auf die Lippen, bevor sie den Kopf in den Nacken legte und sinnbildlich durch die Decke nach oben starrte. Mit gerunzelter Stirn fragte sie: „Sag mal, ist Dio zur Zeit im Hause? Irgendwie verlangt es mich nach einem Wein. Er hat den Besten, aber das wisst ihr sicherlich. Der erzählt immer die witzigsten Dinge, wenn ihr mich fragt. Hab den schon Ewigkeiten nicht mehr besucht.“
    • „Ich bin bestürzt, dass du nicht nach dem Erstgeborenen verlangst“, sagte Kassandra unvermittelt und Zoras riss den Kopf zu ihr herum. Bitte was? Er hatte sich doch gerade verhört, oder?
      Entschuldigung?
      Das Erstgeborene für Informationen - ganz sicher nicht.
      “Das ist doch langweilig.”
      Langweilig?!
      “Außerdem – was will ich mit einer Waffe? Das ist mir zu brachial.“
      Er sah ruckartig zu Hermes zurück, von der Bestürzung zur Empörung geworfen.
      Die Waffe hat einen Namen; und nur, um das ein für allemal klarzustellen, verehrte Göttin: Ich bin nicht dazu gewillt, mein Erstgeborenes als Bezahlung zu geben.
      Was für eine Unterhaltung sich hier entwickelte - und Kassandra tat nichts, um in irgendeiner Weise dagegen zu steuern. Warum nicht? Hätte sie wirklich Amartius als Bezahlung gegeben? Zoras wollte es sich gar nicht vorstellen, konnte ihr nicht unterstellen, ihr eigenes Kind loswerden zu wollen.
      “Aber sag mal, wollt ihr es nicht noch einmal versuchen? So ganz unter uns? Oder reicht es dir, Kassy?”
      Oh große Götter. Zoras vermied es, seinen Unmut allzu offen zu zeigen. Nicht nur, dass Hermes davon wusste - natürlich - sondern, dass sie auch noch darüber reden wollte. Wie viel schlimmer konnte es denn noch werden?
      Wenigstens wurde er gleich von Kassandra erlöst. Sie hielt es wohl endlich für angebracht, einzuschreiten.
      „Zoras hat dich etwas gefragt. Nicht ich. Er ist derjenige, mit dem du handeln solltest.“
      Uuuuuh. Wunder Punkt, was? Okay, wie ich gehört hab, hat dein Auserwählter mit sterblichen Damen auch noch nie das Glück gehabt. Was für ein Pech.”
      Verzeihung”, sagte Zoras säuerlich, “lasst uns auf das eigentliche Thema -
      Weiter musste er gar nicht reden, denn da begann das Wasser um sie herum mit einem Schlag zu blubbern. Hermes zuckte nicht einmal, kicherte nur amüsiert und zog ihre Gliedmaßen zurück. Zoras bemerkte selbst nur die Wärme, war aber froh darum, dass Kassandra nun endlich auch dazwischen schritt. Dieses Theater musste aufhören.
      Hermes machte es sich am Rand wieder gemütlich, ein freches Glitzern in den Augen. Zoras hasste sie ein bisschen.
      „Wo sich Apollo aufhält, kann ich euch sagen, aber wie ihr ihn erreicht, ist euer Problem.”
      Mehr ersuchen wir nicht.
      “Ich werde jedenfalls nicht bei ihm auftauchen und ihm einen Brief überbringen. Dafür bin ich viel zu schwer beschäftigt. Hängt aber wie gesagt alles davon ab, was unser Sterblicher in Petto hat. Ich lass mich gerne überraschen.”
      Was war denn ein Petto? In jedem Fall mochte Zoras nicht, dass von ihm gesprochen wurde wie von einem Tier.
      Sicher können wir eine Übereinkunft finden”, sagte er schroff, mit viel weniger Schärfe, als er gerne hätte. Hermes strapazierte wirklich seine Nerven.
      “Sag mal, ist Dio zur Zeit im Hause?”
      Dio? Sie nannte ihn Dio? Gut, kein Wunder bei Kassy, was jedes Mal in Zoras’ Ohren schmerzte.
      “Irgendwie verlangt es mich nach einem Wein. Er hat den Besten, aber das wisst ihr sicherlich. Der erzählt immer die witzigsten Dinge, wenn ihr mich fragt. Hab den schon Ewigkeiten nicht mehr besucht.“
      Dionysus befindet sich im Dienste des Rates”, sagte Zoras. “Wenn Ihr wünscht, beordere ich seine Trägerin zu kommen. Allerdings”, er warf einen kurzen Blick zu Kassandra, “Sind wir kein Etablissement zur göttlichen Vergnügung. Wenn Ihr Dionysus sehen wollt, so fürchte ich, müsst Ihr euch in die Warteschlange all jener reihen, die auch zu ihm wollen.
      Ob er zu weit ging? Er vertraute darauf, dass Kassandra ihn aufhalten würde.
      Es sei denn, Ihr versteht Euren Wunsch als Handelsvereinbarung. Insofern bin ich gewillt, Euch mit festlichen Aktivitäten Dionysus sofort nahe zu bringen, im Austausch zu Apollos derzeitigen Aufenthalt. Ich bin mir sicher, wir werden Eure Gelüste angemessen befriedigen können.
    • „Im Dienste des Rates? Ja klar. Solange ihr ihn unterhaltet, bleibt der auch da.“ Hermes reagierte darauf leichtfertig, so als wäre der Umstand einer, den der Gott des Weines eigenständig gewählt hatte. Diese verdeckte Information fing Kassandra sofort auf. Also war bis jetzt wirklich Dionysus am längeren Hebel gewesen und nicht seine Träger. Er hatte sie manipuliert, so wie es ihm beliebte und solange es ihm nicht den Kopf kostete, blieb er auch auf der Erde. Das alles war das reinste Spektakel für ihn und nichts anderes. „Warteschlange?“
      Jetzt warf Kassandra Zoras über ihre Schultern hinweg doch einen scharfen Blick zu. Eine milde Warnung, nicht über die Stränge zu schlagen. Er kannte die Göttin nicht, traf das erste Mal auf dieses wankelmütige Stück Überraschungstorte, gespickt mit Nadeln und Klingen. Typisch für Hermes waren Aktionen, die niemand vorausahnen konnte und das Schlimmste daran war, dass sie nicht vor den Augen anderer tötete. Sie tat es dann, wenn niemand damit rechnete.
      Hermes rollte den Kopf zur Seite und musterte Zoras einige Herzschläge lang. Irgendetwas lag da in ihren Augen, so als würde sie bereits berechnen, wie sie diesen Sterblichen für ihre Zwecke noch einsetzen können würde. „Für mich gibt’s keine Warteschlange. Ich suche jeden auf, wann ich es möchte. Zu Partys komme ich nur, wenn wirklich die ganz großen Jungs laden.“
      Langsam und viel zu schwerfällig erhob sich die schwarze Frau vom Boden und klopfte sich ihre Sachen ab. Unnötig, weil sich sowieso kein Dreck an ihren Kleidern befand, aber es diente wohl der Geste an sich. Dann zeigte sie auf Amartius, der noch immer angelehnt an der Wand stand. „Würde nur den ein bisschen im Auge behalten, hm?“
      Sowohl Kassandra als auch Zoras blickten zu dem Schwert, das unberührt sein Dasein fristete. Nichts deutete darauf hin, dass ihrem Sohn etwas widerfahren würde. Als sie wieder zurück zu Hermes kommen wollten, war die Göttin verschwunden. Im Nichts aufgelöst.
      Kassandra stieß ein harsches Zischen aus, das veranschaulichte, dass sie diese Fähigkeit der anderen Gottheit mehr als nur verabscheute. Noch immer spürte sie nichts von der Präsenz, weder wie sie verschwand, noch wie sie irgendwo auftauchte. Hermes hatte sich einfach in Luft aufgelöst und das war eine Fähigkeit, die nicht viele besaßen.
      „Schwebt dir eigentlich nur ein kleiner Gedanke im Geiste, wie gefährlich Hermes ist?“ Unterschwellige Wut klangt in der Stimme der Phönixin mit. „Wenn du sie auch nur im Geringsten verärgert hast, bringt sie dich im Schlaf um, ohne dass ich es bemerke.“
      Eine Vorstellung, die sie alles andere als in der Tat umgesetzt sehen wollte. Sie benötigte zwar keinen Schlaf, jedoch war Hermes meisterlich darin, Menschen zu den ungünstigsten Zeitpunkten abzufangen. So wie im Bad. Dieser Ort für ihr Erscheinen war ganz bewusst gewählt. Die Phönixin brachte sie damit nicht unbedingt aus der Fassung, bei dem Eviad des Landes sah es jedoch anders aus.
      „Du solltest vielleicht einmal überdenken, wie du mit anderen Gott-„, begann Kassandra, wobei sie ihrem Auserwählten einen scharfen Blick zuwarf, und unterbrach sich selbst, als sie an Zoras vorbei zu Amartius blickte. An der der Scheide hing etwas. Ein geflochtenes Band aus einem Material, das im schwachen Licht der Fackeln seidig glänzte und einen beinahe andersartigen Schimmer aufwies. Die Farbe war ein natürliches Creme und es gab nur ein einziges Land im Umkreis, das Lotusseide herstellte.
      „Upraria“, sagte Kassandra, als Zoras den Blick zu seinem Schwert warf. „Das ist Lotusseide aus Upraria. Apollo befindet sich dort.“
      Er war die ganze Zeit in nächster Nähe gewesen. Das war der Grund, wieso Kassandra keine Informationen über die drei Champions in Upraria gewinnen konnte. Weil Apollo sie vor ihrem Blick verschleiert hatte.
      Hermes hatte ihnen doch einen Tipp gegeben. Umsonst. Und das bedeutete nichts Gutes.
    • Zoras verstand den Blick, den Kassandra ihm zuwarf, und sagte nichts weiter. Er war wohl zu weit gegangen und jetzt war abzuwarten, ob Hermes es ihm verzieh oder nicht.
      Die Göttin betrachtete ihn derweil mit einem unleserlichen Blick. Die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete, war gewollt, schließlich brauchten Götter nicht so lange, um nachzudenken. Hermes wollte ihn etwas spüren lassen und Zoras wurde nervös, während er dieses Etwas zu ergründen versuchte. Hermes war schwer zu lesen, viel schwieriger als alle anderen Götter, denen er bisher begegnet war, und das machte es ihm schier unmöglich.
      Schließlich sagte sie nur:
      „Für mich gibt’s keine Warteschlange. Ich suche jeden auf, wann ich es möchte. Zu Partys komme ich nur, wenn wirklich die ganz großen Jungs laden.“
      Zoras spürte, dass damit die glimpflichere Antwort gewählt worden war. Er atmete aus.
      Hermes stand auf und klopfte ihre fremdländische Kleidung ab. Sie zeigte auf Amartius und mit ihrer Bemerkung wirbelte Zoras geradezu herum, alarmiert, ob das Schwert verschwunden sein könnte, aber es lehnte noch immer an der Säule, wo er es abgestellt hatte. Unberührt. Als er sich dann wieder zurückdrehte, war Hermes spurlos verschwunden.
      Schnell sah er durch den Raum, aber Hermes war gänzlich verschwunden. Kassandra stieß ein abschätziges Zischen aus und blieb so angespannt wie zuvor auch, als erwarte auch sie die verbleibende Präsenz der Göttin. Als sie aber sprach, war Zoras über den harschen Tonfall überrascht, der in ihren Worten mitschwang.
      „Schwebt dir eigentlich nur ein kleiner Gedanke im Geiste, wie gefährlich Hermes ist?“
      Er sah mit einem Nein auf den Lippen zu ihr, das sie bestimmt auch aus seiner Aura lesen konnte. Das wusste er nicht; in der gängigen Mythologie war Hermes eine Überbringerin von Nachrichten und Informationen, niemand, der besonders gefährlich war. Der Kommentar machte ihm aber bewusst, wie brisant dieses Treffen doch gewesen war. Mit einem Mal fand er seine Reaktion mit Amartius gar nicht mehr übertrieben, gemessen daran, wie schnell und unvorhersehbar Hermes sich bewegen konnte. Im Gegenteil, er hätte gut auch schneller sein können, seinen langsam gewordenen Reflexen zum Trotz.
      „Wenn du sie auch nur im Geringsten verärgert hast, bringt sie dich im Schlaf um, ohne dass ich es bemerke.“
      "Ich verärgert?", sagte Zoras, der jetzt selbst gereizt wurde. "Was ist mit deiner Bemerkung über das Erstgeborene? Hättest du ihr wirklich Amartius gegeben, Kassandra? Hättest du?"
      „Du solltest vielleicht einmal überdenken, wie du mit anderen Gott-"
      Kassandra verstummte, ihr Blick auf einen Punkt über Zoras' Schulter gerichtet. Zoras drehte sich wieder um, langsamer als ihm lieb war, in Erwartung von der zurückgekehrten Hermes, aber er sah nur Amartius - und das kleine Bändchen, das daran befestigt war. Er stand auf, mit der Absicht, das Bändchen zu untersuchen, als Kassandra schon sagte:
      "Upraria. Das ist Lotusseide aus Upraria. Apollo befindet sich dort.“
      Er sah zu ihr zurück, dann wieder auf das Bändchen. Nach kurzem Zögern stieg er doch aus dem Wasser, ging hinüber und löste den Stoff vom Griff. Er fühlte sich weich und zart an, eine Kombination, die Zoras noch niemals gespürt hatte. Er ließ den Daumen ein paar Mal darüber streichen und untersuchte beide Seiten, aber es war keine Nachricht darauf hinterlassen. Hermes hatte wohl darauf vertraut, dass sie es erkennen würden.
      Upraria also. Zoras legte die Seide behutsam über den Schwertgriff, dann kam er zurück und setzte sich wieder ins Wasser. Die vorherige Energie war jetzt im Angesicht der bevorstehenden Änderungen wie fortgewischt und er machte einen tiefen Atemzug.
      "Dann werden wir wohl nach Upraria gehen."
      Er sah Kassandra an und seine Stimme war wesentlich milder, als er sagte:
      "Du hättest ihn ihr nicht übergeben, oder? Sag es mir, ich muss es hören."
    • „Selbstredend verärgert. Hermes wird von den kleinsten Dingen angegriffen und in der Regel beschäftigt sie sich nicht mit Sterblichen“, sagte Kassandra, womöglich eine Spur zu barsch, aber sie befürchtete noch immer Hermes in den Schatten des Schlosses zu wissen.
      Sie war nicht wie Zoras aus dem Wasser gestiegen, sondern zurückgeblieben. Bis zum Hals trieb sie im warmen Wasser, das sich kalt für sie anfühlte. Dieser gesamte Umstand schmeckte ihr nicht. Weder, dass Hermes sich einen Spaß daraus gemacht hatte, delikate Themen anzusprechen, noch dass Apollo so nah an ihnen dran gewesen war. Das machte die Übernahme Uprarias wesentlich schwieriger, denn Apollo war unheimlich gerissen. Zumindest damals, als sie noch in den Himmeln geweilt hatten.
      Schließlich kehrte Zoras zurück, glitt neben Kassandra ins Wasser und versprühte wesentlich weniger Aggression als noch zuvor. Der Hinweis mit der Seide schien sein Gemüt zumindest etwas abgekühlt zu haben. Die Phönixin hingegen kochte innerlich noch, zeigte es jedoch nicht.
      „Du hättest ihn ihr nicht übergeben, oder? Sag es mir, ich muss es hören.“
      Ah, darum ging es also. Was Kassandra vorhin als einen alten Scherz zwischen sich und Hermes angesprochen hatte, war bei Zoras so gar nicht angekommen. Wie denn auch? Er war immerhin keine Jahrhunderte oder gar -tausende alt. „Nein. Selbstredend nicht, zumal Amartius für sich selbst entscheidet. Ich hätte ihn sowieso nicht abgeben können. Er ist an dich gebunden.“
      Er würde sich auflösen und sein Ende finden, wenn Zoras es tat. Zeitgleich würde sie zwei Existenzen endgültig verlieren, auf die sie gebaut hatte. Die ihr Leben geformt und verändert hatten. Die sie zu dem gemacht hatten, was sie heute war. Vermutlich hatte Zoras das einfach nicht so bewusst im Blick wie sie, die stetig vor Augen hatte, wie kurz und flüchtig das Leben der Sterblichen war.
      „Hermes hätte ihn sowieso nicht angenommen. Sie findet diese Art der Opfergaben lächerlich und zurückgeblieben. Mit den meisten Kindern und Menschen kann sie sowieso nichts anfangen, denn sie behindern sie nur in ihrer Arbeit“, sagte Kassadra und versiegelte die ihr wohlbekannte Wut wieder in dem Topf, den sie immer mit sich herumtrug. „Die Chancen stehen gut, dass sie sich geradewegs auf den Weg zu Apollo macht und ihm von unserer Unterhaltung berichtet. Mit ein bisschen Glück sucht sie hingegen doch nur Dionysus auf und betrinkt sich einmal mit ihm. Das kam schon länger nicht mehr vor.“
      Und wäre das weniger große Übel. Hermes besaß sogar das Wissen, wie man Loki zumindest ein Dorn im Auge sein konnte. Bei den Pforten, womöglich konnte sie ihm sogar gefährlich werden. Wann immer man dachte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, fand Hermes eine Klausel in dem Vertrag, die längst verstaubt und vergilbt war. Sie war kein Wiesel, das sich irgendwo herauswand. Sie war wie Luft, ständig da und nicht greifbar.
      Seufzend legte Kassandra den Kopf in den Nacken und auf den Rand des steinernen Beckens. „Ich denke, eine Delegation nach Upraria zu schicken, wird schwierig und nicht funktionieren. Sie haben sich bereits feindlich gesonnen ausgesprochen und ich werde nicht einfach einfliegen können, um mit ihm zu sprechen. Womöglich müssen wir doch versuchen, das Land zu unterjochen und ihn in unseren Gewahrsam zu nehmen. Ich bin ganz ehrlich, Zoras…“
      Kassandra rollte den Kopf und sah ihren Auserwählten eindringlich an.
      „So werde ich es nicht schaffen. Wir müssen warten, bis der Zyklus abgeschlossen und ich aus dem Jünglingstadium herausgewachsen bin. Das dauert eine Weile und da sind wir mehr oder weniger angreifbar, sofern sich unsere restlichen Champions nicht zusammenraufen. Solange müssen wir auch daraufsetzen, dass kein anderes Land uns angreifen wird. Wir sollten uns dazu Gedanken machen.“
    • Zoras entspannte sich wieder, konnte aber eine gewisse Enttäuschung nicht unterdrücken. Nein, Kassandra hätte Amartius nicht abgegeben, aber sie beteuerte es nicht mit der Vehemenz einer Mutter, sondern mit der Überzeugung eines... Händlers. Nein, sie hätte ihn nicht abgegeben, zumal Amartius sowieso nicht gegangen wäre und Hermes ihn auch nicht gewollt hätte. Es war natürlich die Wahrheit, aber nicht ganz das, was Zoras hatte hören wollen. Es spiegelte nicht die... tiefe Bestürzung wieder, die er selbst bei der Vorstellung verspürt hatte. Er fühlte sich alleine gelassen damit.
      Vermutlich sollte er nicht allzu viel hinein interpretieren. Kassandra war eine Göttin und Zoras schadete sich nur selbst, wenn er nur eine Frau in ihr suchte, die ein Kind auf die Welt gebracht hatte. Das war einfach nicht alles, was sie war.
      „Ich denke, eine Delegation nach Upraria zu schicken, wird schwierig und nicht funktionieren", sagte sie. "Sie haben sich bereits feindlich gesonnen ausgesprochen und ich werde nicht einfach einfliegen können, um mit ihm zu sprechen. Womöglich müssen wir doch versuchen, das Land zu unterjochen und ihn in unseren Gewahrsam zu nehmen."
      Dieselbe Befürchtung hatte auch Zoras und er nickte, seine vorherigen Gedanken beiseite schiebend.
      "Das ist die sichere Entscheidung. Wir können uns auch auf keinen Krieg einlassen, der noch einmal zwei Jahre dauert. Uns werden die Ressourcen zur neige gehen."
      "Ich bin ganz ehrlich, Zoras…“
      Sie sah ihn an und er sah in die tiefen, roten Augen zurück.
      „So werde ich es nicht schaffen. Wir müssen warten, bis der Zyklus abgeschlossen und ich aus dem Jünglingstadium herausgewachsen bin. Das dauert eine Weile und da sind wir mehr oder weniger angreifbar, sofern sich unsere restlichen Champions nicht zusammenraufen. Solange müssen wir auch daraufsetzen, dass kein anderes Land uns angreifen wird. Wir sollten uns dazu Gedanken machen.“
      Er sah in ihr faltiges Gesicht und auf die silbrigen Haare, die Anzeichen dafür, dass Kassandras momentane Macht zu Ende ging. Es war angenehm, nicht über ihren endgültigen Tod nachdenken zu müssen, aber es war ein Hindernis, dem sie sich stellen mussten. Besser früher als später.
      "Das werden wir, gleich morgen. Jetzt, wo wir wissen, dass wir Upraria brauchen, können wir unsere Prioritäten setzen. Ich werde Ristaer gleich die Truppenaufstellungen überarbeiten lassen und Dionysus können wir an die Grenze verlegen. Es wird alles nach Plan verlaufen."
      Aber den Plan erstmal aufzustellen, das stellte sich als Problem heraus. Kaum eine Woche später, als sie bereits dachten, die ersten Ansätze bereits umsetzen zu können, erreichte sie ein Bote aus Xafia: Ein ganzes Bataillon hatte die Grenze infiltriert und es über Nacht ins Landesinnere geschafft. Als der Bote informiert worden war, hatten sie sich bereits auf einem Drei-Tages-Marsch befunden und waren nur noch einen Tag von der nächsten Festung entfernt gewesen. Das ganze lag nun schon zwei Wochen zurück, so lange, wie der Bote gebraucht hatte, um die Nachricht bis zum Palast vordringen zu lassen.
      Die Angelegenheit wäre nicht dringlich gewesen, wäre Kuluars eigene Grenze nicht mittlerweile in Bedrängnis geraten mit mehreren größeren Scharmützeln, die auf einen drohenden Großangriff wiesen. Derweil war die Versorgung von Xafia noch gar nicht abgeschlossen, mit zu großen Lücken in den Karawanen, die sehr gut von einem gezielten Angriff voneinander abgeschnitten werden konnten.
      Beispielsweise von einem einfallenden Bataillon.
      Mit Kassandra vorläufig an den Boden und den Palast gebunden, war es der erste Moment, an dem Zoras ehrlich Oronias Tod bedauerte. Sie hätte binnen Stunden zur Grenze fließen und mit aktueller Kunde zurückkommen können, so waren sie auf den Menschenweg angewiesen. Und bei einer Reise von zwei Wochen hatten sie mit einer Verzögerung zu tun, die in einem anstehenden Krieg nicht geduldet werden konnte.
      Der Plan musste umgeworfen werden.
      Normalerweise hätten sie Xafia bei größeren Verlusten aufgeben können, um ihre Ressourcen nicht unnötig zu strapazieren, aber wenn sie nach Upraria wollten, benötigten sie den Rückhalt von Xafia, um sich nicht plötzlich zwischen zwei Fronten zu bewegen. In ihrer jetzigen Lage wurde Xafia sogar zu einem wichtigen Kernpunkt.
      Zoras gefielen diese Entwicklungen nicht, aber nach langem Hin und Her und vielen Besprechungen mit dem Rat, bei denen jeder eine andere Meinung zu vertreten hatte, wurde das Risiko eingegangen, Verstärkung von den Grenzen abzuziehen, um sie nach Xafia zu schicken. Vier Tage später erreichte sie die befürchtete Nachricht: Die Befestigungsanlagen der Westgrenze standen in Flammen. Dahinter sammelten sich 10.000 Soldaten, um jeden Moment einzumarschieren.
      Der Vergeltungskrieg hatte begonnen. Und Kassandra war mit jedem verstreichenden Tag unfähiger, an den Kämpfen teilzuhaben.
      Zoras ging in ihrem gemeinsamen Gemach auf und ab. Seit Hermes gegangen war, trug er Amartius nun immer bei sich, was nur mit dem drohenden Krieg zu tun hatte und nicht mit Hermes selbst. Er konnte aber nicht verhindern, dass die ganze Situation ihn trotz allem nervös machte.
      "Wie lange noch, bis dein Zyklus vorbei ist? Kannst du es abschätzen?"
    • Nach dem Vorfall mit Hermes nahmen mehrere Dinge zeitgleich ihren Lauf.
      Zum einen schritt Kassandras Zyklus unaufhaltsam voran. Anders als beim letzten Mal verlief er nun wie gewohnt und berechenbar, nicht chaotisch und abrupt wie zu der Zeit, als sie noch ein Champion war. Sie spürte ganz genau, wie sich der Kreislauf in seine Stränge auflöste, nur um sich anschließen wieder neu zu weben. Nichts Unheimliches, auch wenn sie diesen Zeitpunkt stets am wenigsten gern ertrug. Ihre Haare ergrauten vollständig, sie ging nur noch gebückt, die Haut lag in Falten. Im Palast wurde sie manches Mal mit einer Alten verwechselt, was sie den Sterblichen jedoch nicht übelnahm. Alternde Götter waren etwas, das in ihrer Auffassung nichts existent war. Götter waren unsterblich, stets jung und schön und nicht… wie sie selbst am Ende ihres Lebens.
      Auf der anderen Seite traf ein Bote aus Xafia ein und überbrachte ihnen schlechte Kunde. So schlecht, dass Kassandra beinahe ihre Prinzipien über Bord geworfen hätte und tatsächlich noch losgeflogen wäre. Ein Bataillon war in das Land vorgedrungen und da sie keinen anderen Botschafter besaßen, waren sie auf menschliche Kunde angewiesen. Der Bote brauchte Tage um in die Hauptstadt zu gelangen und demnach fortgeschritten wäre der Einfall wohl gewesen. In verschlossenen Kammern wütete Kassandra mit kaltem Zorn angesichts der Tatsache ihres Umstandes. Hermes musste ihre Finger im Spiel gehabt haben, anders war das Timing einfach zu perfekt. Sie hatte Apollo in Kenntnis gesetzt, dessen war sie sich mittlerweile sicher.
      Umso frustrierter und geladener wippte ihr überschlagener Fuß, als sie mit Zoras in seinem Gemach saß und sie sich den Ernst der Lage bewusstwurden. Die Nervosität war dem Menschen deutlich anzusehen, so wie er herum marschierte und das Heft des Schwertes ständig umfasst hielt. Die Phönixin selbst hätte fast die Lehnen des Stuhls zertrümmert, so angespannt war ihr Griff.
      „Wie lange noch bis dein Zyklus vorbei ist? Kannst du es abschätzen?“
      Ihr gefiel nicht, dass es so klang, als würde ein Kommandant sich erkundigen, wie lange die Kanone brauchte, bis sie nachgeladen war. „Der Brandpunkt dürfte übermorgen erreicht sein. Daran schließt sich allerdings die Jugendphase an, die noch einmal ein paar Tage dauert. Erst danach habe ich wieder schlagartig Zugang zu meinen vollen Kräften.“
      Und dann würde es wieder Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, bis sie einen weiteren Zyklus durchlaufen würde. Sofern es die Erde als solches dann noch gab.
      „Bei den Pforten, ich werde Hermes eigenmächtig erwürgen. Ich bin mir sicher, dass das Bataillon aus Upraria kommt. Sie muss Apollo informiert haben, das Timing war einfach zu perfekt.“ Sie stieß einen scharfen Atemzug aus, den sie eigentlich gar nicht benötigte. „Sobald ich wieder vollständig bin, bringe ich diese Menschen eigenmächtig dazu, aus dem Land zu fliehen. Sollen sie mich als Omen wahrnehmen – vielleicht ist das ja auch meine Rolle.“
      Kassandras Blick blieb an dem Schwert an Zoras‘ Hüfte hängen. Wie hätte Amartius es wohl gefunden seine eigene Mutter als todbringendes Omen kennenzulernen? Was hätte er wohl von ihr gedacht? Was hatte er in der Zeit gelernt, in der er mit seinem Vater gereist war? Wie viel Gott und wie viel Mensch war wohl in ihm vereint gewesen? Nie würde sie die Antworten auf all diese Fragen bekommen, weshalb sie sie immer, wenn sie in ihrem Geiste auftauchten, schnell wieder wegsperrte. Zu sehr schmerzte es sie, nie eine Antwort auf diese Fragen zu bekommen.




      Die Luft wog schwer nach Feuer und Tod. Stille erstickte den Ort, wo das Knistern der letzten Feuer und das Brechen von Gebälk das Zwitschern von Vögeln abgelöst hatte. Rauchschwaden durchzogen den Ort, der vor Leben nur so gestrotzt hatte. Übersäht waren die Wege und Gänge mit Körperteilen und Leichen. Verbranntes Fleisch soweit das Auge sehen konnte. Pfeile, die wie vereinzelte Haare aus den Überresten von Gebäuden und Körpern abstanden, verwandelten das Bild in einen Alptraum.
      Ihre Schritte erfolgten zielsicher zwischen Körpern und Blut, Asche und Feuer. Ihr Gewand lag eng an, schwebte durch Flammen, doch fing kein Feuer. Ganz genau lauschte sie in die Stille und den Tod, wobei sie diesem Gefühl folgte. Dem Ruf folgte, den sie manchmal hörte und der sie über unendliche Weiten erreichen konnte.
      Vor einem fast gänzlich niedergebranntem Gebäude hielt sie inne, musterte es, horchte genauer. Dort, dort drinnen, daher kam der Ruf. Zwischen den Überresten von Pfeilern und Gebälk hindurch betrat sie die Ruine, aus der nur noch Schwaden aufstiegen. Nur ein Blick genügte, einmal genau Hinsehen und sie fand, was nach ihr rief. Begraben unter Schutt und Asche lag ein Körper, schwarz wie so viele andere aus. Aus den Überresten ragte eine Hand heraus, das Fleisch bis auf die Knochen versengt. Vor ihm ging sie in die Hocke und berührte die verkohlte Hand mit ihren Fingern.
      „Dein Ruf war laut. So laut wie schon lange niemand mehr. Erzähl mir deine Geschichte und ich überlege dir zu geben, wonach du sehnst“, sagte sie und ihr braunes, gewelltes Haar mit den zahlreichen grünen, eingeflochtenen Bändern fiel ihr über die Schultern, als sie der Geschichte lauschte.
      Und als es nichts mehr zu erzählen gab, nickte sie schlicht und akzeptierte es. Akzeptierte ihn. Ließ ihren Segen auf den toten Körper übergehen, der unter Schutt und Asche begraben war.
      „Zeig mir, was du kannst.“
      Als sich der Körper unter dem Schutt zu regen begann, war sie längst verschwunden. Wie Nebel hatte sich ihr Körper aufgelöst und war verschwunden. Doch dafür war er wieder zurück. Stück für Stück befreite er sich aus der schwarzen Hölle, kam hustend aus dem Tod hervor und schlug seinen Körper ab, von dem krustige Asche abfiel und frische Haut zum Vorschein kam. Inmitten der Ruine saß er dort, nackt, unbescholten und besah sich den anderen Arm. Der, den er eigentlich nicht mehr haben dürfte. Eine spektraler Arm leuchtete nun an dessen Stelle und er hielt ihn hoch gen partikelverhangener Sonne, die den Anbruch eines neuen Tages verkündete.
      Sein Herz war kräftig und schlug voller Passion. Diese Passion fußte nur auf ein einziges Gefühl, das seine gesamte Existenz auszumachen schien: Rache.
      Rache für das, was man ihm genommen hatte.
      Rache für das, was man ihr genommen hatte.
    • Übermorgen und dann noch weitere Tage - keine lange Zeit, würden sie einen Krieg mit Menschen führen, um eine ganze Einheit kampffähig zu machen. Doch da Götter involviert waren, ging alles viel schneller und unvorhersehbarer. Ein paar Tage könnten schon ausreichen, um Xafia zu verlieren. Zoras rechnete jetzt schon täglich mit einem neuen Boten, der ihnen die aktuellsten Verluste aufzeichnete.
      „Sobald ich wieder vollständig bin, bringe ich diese Menschen eigenmächtig dazu, aus dem Land zu fliehen. Sollen sie mich als Omen wahrnehmen – vielleicht ist das ja auch meine Rolle", sagte Kassandra, ihre Stimme von versteckter Wut geradezu aufgeladen. Zoras sah zu ihr hinüber, die mittlerweile alte Frau, die sich unkenntlich von Kassandra absetzte. Nichts an ihrer Gestalt deutete mehr auf die Göttlichkeit hin, wenn man die roten, feurigen Augen außenvor lassen wollte. Sie bewegte sich und sprach wie eine alte Frau und Zoras war sich mit Scham bewusst, dass er seit dem Bad keine Avancen ihr gegenüber mehr gemacht hatte. Offiziell konnte er die Vorbereitungen des Krieges anbringen, doch im Geheimen wusste er es besser. Kassandra wirkte mittlerweile fast doppelt so alt wie er.
      Eine lächerliche Tatsache, nachdem sie mehrere tausend Jahre älter war, aber eine Tatsache, die er nicht ignorieren konnte.
      Allerdings war er auch jetzt nicht dazu in der Stimmung, dieses andere Problem anzusprechen. Sie waren im Krieg und da konnte sich sein Schlafzimmer hinten anstellen.
      "Wir sollten es gar nicht so weit kommen lassen. Aber ich weiß nicht, woher wir die Truppen nehmen sollen; verlassen sie Kuluar, bricht die Grenze, und alles andere müssen die Generäle in Xafia entscheiden. Ich hoffe, sie treffen die richtigen Entscheidungen - ich lasse sie eigenhändig hängen wenn nicht."
      Unruhig ging er weiter auf und ab.
      Der Rat war in dieser Zeit dünn besetzt. Esho war mit Asterion irgendwo in den Wäldern unterwegs und kämpfte sich von einem Scharmützel zum nächsten, mit der jugendlichen Energie, die Zoras bei sich selbst vermisste. Seine Berichte trudelten pflichtbewusst bei ihnen ein, doch auch Esho konnte nicht fliegen und würde Xafia nicht erreichen, bevor nicht Kassandra auch dort wäre. Halmyn war ebenfalls unterwegs, ein einziger, großer Brocken, der an den Befestigungsanlagen Patrouille schob. Nur Mirdole war nach Drängen von Kalea in der Stadt geblieben, und natürlich Dionysus. Nachdem die Grenzen geschlossen waren, gab es auch keine Möglichkeit mehr, großartig Spionage zu betreiben. Der Weingott war wieder im Haus und amüsierte sich köstlich über das alte Waschweib, das in diesen kargen Sitzungen zugegen war. Zoras wollte es nicht zugegeben, doch er fürchtete den nächsten Anschlag, sobald Kassandra verstorben wäre. Das Ende ihres Zyklusses hätte nicht schlechter gewählt werden können.
      Und letztlich blieb Zoras selbst nichts anderes übrig, als im Palast auszuharren. Mehrmals hatte er darüber sinniert, den Herrschaftssitz temporär verschieben zu lassen, nach Xafias Grenze, damit die Boten nur halb so lange zu ihnen brauchten, doch das würde auch bedeuten, dass Kassandra im offenen Feld versterben würde, und mit ihrer kostbaren Asche, die sie dabei hinterließ, war das ein zu großes Risiko. Nein, im Palast war sie am sichersten, wenn sie am verwundbarsten war, und damit war auch Zoras dazu verdammt, mit ihr auszuharren. Ruhelos brütete er über die Pläne und schob die Figürchen der Einheiten in diese und jene Richtung, sämtliche Szenarien durchgehend, an die er denken konnte.
      Er äußerte nichts davon, aber sein Entschluss stand fest: Sobald Kassandra wieder einsatzbereit war, würde er zurück auf das Schlachtfeld ziehen. Niemand würde ihn davon abhalten können.
    • Nur einen Tag später ging Kassandra in flammender Hitze auf.
      Sie hatte sich in ihr gemeinsames Gemach zurückgezogen, wo sie schließlich von züngelnden Flammen verschluckt worden war. Ihr Körper zerfiel, ihr Antlitz verschwand von dieser Welt, als sie zu dem Haufen Asche wurde, den Zoras bereits einmal in seinem Leben gesehen hatte. Dieses Mal war ihm Der Zeitpunkt nicht genannt worden, als sie sich einfach aufgelöst hatte. Unbemerkt hatte sie sich in Asche verwandelt und nur ein anwesender Gott hätte ihm sagen können, dass ihre Präsenz sich im Nichts verlaufen hatte. Als hätte es sie nicht gegeben. Nicht eine einzige Sekunde lang.
      Aufgrund der Krise und der Planung der Truppen kam Zoras nicht dazu, sein Gemach aufzusuchen oder nach Kassandra schicken zu lassen. Nahezu der gesamte Tag verstrich, bis er die Zeit fand, am Abend doch in sein Gemach zurückzukehren. Was er bis dahin verpasst hatte, war die rapide Wiedergeburt einer Gottheit. Dadurch, dass sie ihre Kräfte zurückerlangt hatte und keinen Bindungen mehr unterlag, lief der Zyklus wesentlich schneller ab. Schon Stunden nachdem sie zerfallen war, hatten sich Bewegungen in dem Ascheberg abgezeichnet. Die rasante Entwicklung wurde also von keinen sterblichen Augen bezeugt.
      Als Zoras also in sein Gemach trat, fand er nicht nur einen einsamen Aschehaufen vor. Vor seinen Augen richtete sich der Körper eines Mädchens aus dem schwarzen Staub auf. Ruß und Partikel fielen von ihrem Haupt und verschmolzen nahtlos zu satten, gesunden schwarzen Haaren, die sich über den zarten Rücken ergossen. Schwarz rieselte von der flachen Brust, die in Zukunft üppig und prall sein würde, hinunter auf die schmalen Hüften, die unter der Asche begraben lag. Feurige rote Augen richteten sich auf Zoras und vermittelten dem Mann unmissverständlich, dass Kassandra dort vor ihm auf dem Boden saß. Wenngleich sie gerade im Körper eines vielleicht zehnjährigen Mädchens stecken mochte.
      „Sei so gut und schließe die Tür“, trug sie ihrem Auserwählten auf und die Stimme wirkte alt und erhaben, obwohl sie noch etliche Oktaven höher war als jene, die Zoras gewohnt war. Mit gleichmäßigen Bewegungen strich sie sich die Überreste ihres alten Lebens von den alabasterfarbenen Gliedmaßen ehe sie die Beine anzog und aufstand. Die Kassandra, die nun nackt vor Zoras stand, sah aus wie eine Zehnjährige. Mit nur einem kurzen Blick entfachte sie sämtliche Öllampen und Kerzen im Raum. Ja, das fühlte sich schon wesentlich besser an.
      „Meine Natur muss sich noch setzen, aber schon morgen wirst du mich in altbekannter Erscheinung bewundern können“, schmunzelte die Phönixin, der es natürlich nicht entgangen war, wie Zoras sie musterte. Zuerst hatte er eine wunderschöne Frau gehabt, dann ein altes Weib und nun ein Kind. Dass er die beiden letzten Formen nicht berühren mochte war ihr klar. Schließlich besaß er nicht solche Neigungen und Tendenzen.
      Noch während sich Kassandra umdrehte, geriet ihre Asche in Wallungen. Wie in einem Wirbelwind stieg sie auf, schmiegte sich an den jungen Körper und verschmolz zu etwas Neuem. Aus schwarz wurde creme und türkis, als sich ein locker fallendes Gewand bildete, damit Zoras nicht mehr das Gefühl haben musste, ständig ein Kind zu begaffen. Ihr selbst war das herrlich einerlei. Denn als sie Zoras einen vor Tatendrang brennenden Blick über die Schulter zuwarf, war klar, dass vor ihm kein Kind, sondern eine brennende uralte Gottheit stand.