Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Stanis setzte sie mit einer Leichtigkeit zurück auf den Wagen, die Ranea sonst so beeindruckt hätte, die sie jetzt aber kaum bemerkte. Zu sehr musste sie an den riesigen Vogel denken und je mehr sie ihn sich zurück ins Gedächtnis holte, desto mehr furchtbare Dinge fielen ihr ein, wie scharf die Krallen zugelaufen waren und wie boshaft die Augen gewesen waren und wie gewaltig der Schnabel. Es gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie erschauderte dabei und wünschte sich, dass der Ochse auf dem Heimweg sehr schnell sein würde.
      Zuhause war alles wieder ein bisschen besser, aber Ranea war trotzdem nicht mehr in der Stimmung für die aufreizenden Gedanken von vorhin. Sie ließ sich von Stanis herab helfen und zupfte ihr Kleid zurecht.
      „Hey, Ranea…“, sagte er und dem Klang seiner Stimme folgend sah sie zu ihm auf. Er legte seine großen, starken Hände auf ihre Schulter und bei diesem erdenden Gefühl wurde ihr doch wieder ein bisschen wärmer.
      „Wir haben den Vogel nur gesehen. Es ist nicht geschehen. Es geht uns allen gut und nichts hat sich verändert. Wir sind eh zu weit draußen, als dass sich so ein Ungetüm für uns interessieren würde.“
      Ranea nickte langsam; wenn Stanis das glaubte, dann musste das doch sicher richtig sein. Oder? In dem Versuch, sich seiner Meinung anzuschließen, sagte sie:
      "Und er ist nicht zu uns zurückgekommen. Er fliegt weiter und kommt nicht wieder. Nicht wahr?"
      Stanis nickte und lächelte ein bisschen. Es war nicht ganz so strahlend wie vorhin noch, aber es reichte, dass Ranea sich auch wieder ein bisschen besser fühlte. Bestimmt war der Vogel nur auf irgendeiner... Reise und Xaltis hatte nunmal auf seinem Weg gelegen. Nichts, worum man sich lange Sorgen machen müsste.
      Stanis hob seine Hände weiter zu ihrem Gesicht und Ranea fühlte, wie ihr langsam wieder die gewohnte Hitze durch den Körper kroch. Sie fühlte sich Rot im Gesicht werden, wofür Roshia sie sicher ein Leben lang aufziehen würde, doch Stanis blieb ernst und sah sie voller Aufrichtigkeit an.
      „Es ist alles okay, Ranea. Alles ist gut. Es ist nichts passiert. Ich bin da, wenn etwas sein sollte.“
      Er war da, wenn etwas sein sollte. Das hörte sich an wie aus einer Märchengeschichte und Ranea musste jetzt doch unwillkürlich lächeln. Wenn Stanis für sie da war, dann war sicher alles in Ordnung. Niemand konnte dem Jungen mit den starken Händen und den muskulösen Schultern etwas anhaben. Und er würde für sie da sein.
      "Okay. Ich glaube dir", sagte sie und brachte es dann doch noch zu einem erleichterten Lächeln. Alles war okay. Sie hatten zwar den größten Vogel der Menschheit gesehen, aber alles war in Ordnung.

      Wie es sich herausstellte waren die Erwachsenen mindestens genauso beunruhigt, doch sie versuchten es zumindest vor den Kindern zu verheimlichen - zu denen Ranea sicher nicht mehr gehörte, aber in ihrer Gegenwart wurden die Gespräche trotzdem geheim gehalten. Alles konnten sie aber nicht verbergen, zum einen nicht das Geflüster und zum anderen nicht die ganzen sorgenvollen Mienen, die Ranea überall sah. Mit ziemlicher Klarheit kristallisierte sich nach diesem Tag der Begriff Phönix heraus. Das sollte ein Phönix gewesen sein, dessen waren sich die Erwachsenen sicher. Nur schien niemand zu verstehen, wieso der Phönix schwarz war.
      Das Erntefest wurde trotzdem abgehalten. Phönix hin oder her, sie hatten dennoch eine beachtliche Ernte dieses Jahr gemacht und außerdem standen Phönixe sowieso für die Wiedergeburt und für Reinheit, was viele als Zeichen dafür sehen wollten, dass sie genau deswegen das Fest abhalten sollten. Niemand beschwerte sich, doch Ranea fand, dass niemand genauso wenig die Sache mit dem guten Zeichen des Phönixes zu glauben schien. Phönixe waren immerhin Rot und außerdem sollten sie keinen solchen Schrecken verbreiten. Das war sicher nicht als gutes Zeichen zu sehen; fand zumindest Ranea.
      Nichtsdestotrotz half sie einige Tage später beim Aufbauen des Festes und ging Roshia aus dem Weg, die mit ihren Freundinnen zusammenstand, die Jungen anhimmelte und über die Mädchen lästerte. Auch Raneas Freundinnen hatten sich unlängst zusammengerottet, aber sie hatte ihnen schon gesagt, dass sie diesmal keine Zeit für sie haben würde. Sie wollte Stanis finden und ihr Herz raste dabei so sehr, dass sie es schon in ihren Ohren hören konnte. Aufgeregt sah sie sich ständig nach ihm um.
      Es war später Nachmittag und die Sonne neigte sich langsam dem Horizont entgegen. Ranea trug ihr bestes Sommerkleid und hatte sich aus bunten Blumen einen Kranz gebastelt, den sie sich dann in ihre Haare geflochten hatte. Sie fühlte sich hübsch genug, einem Jungen wie Stanis gegenüberzutreten, und außerdem hatte sie in der Nacht noch fleißig tanzen geübt. Sie konnte das. Sie musste ihn nur noch richtig... fragen, weil er ihr genauso ausgewichen war wie sie, aber sie hatte schon fast keine Bedenken, dass er mit ihr tanzen würde. Fast.
      Mit der Nachbarin hängte sie noch die letzten Girlanden auf, dann sprang sie von der Leiter hinab. Jetzt schnell Stanis finden, bevor ein anderes Mädchen ihn auffordern konnte. Bevor Roshia ihn noch erwischte.
    • Wie es schien sollten sich Stanis‘ Worte bewahrheiten. In den Tagen nach der Sichtung des Phönixes geschah rein gar nichts. Als wären sie einfach nur Zeuge einer Sichtung geworden, wie ein auf die Erde gekommener Gott von A nach B reiste. Uneins waren die Stimmen, die sich bemerkbar machten und wild darüber diskutierten, wie man das Omen zu deuten hatte. Doch spätestens am Tage des Erntefestes waren die Gedanken längst wieder verflogen. Ebenso wie der große, unheimliche schwarze Vogel am blauen Himmel.
      Stanis hatte beim Aufbauen der Stände geholfen, um sich anschließend im Bach zu waschen. Die langen schwarzen Haare noch feucht kam er mit frischer, brauner Stoffhose und weißem Leinenhemd zu den Feierlichkeiten. Das große Leuchtfeuer im Zentrum des Dorfplatzes diente als Anlaufstelle für die Feierwütigen, die sich mit Wein und Malz zu prosteten. Musiziert wurde von den wenigen begabten Bewohnern, die mit Trommeln, Harfen und Blasinstrumenten für Stimmung sorgten. Überall waren kleine Stände aufgebaut mit Körben voller Gaben, von denen sich jeder bedienen und essen konnte. Das stetig vor sich hin brutzelnde Spanferkel war das kulinarische Highlight des Festes und immer sehnlichst erwartet.
      Als Stanis sich durch die Leute bahnte hielt er seine Augen offen nach dem Haarschopf, der er immer wieder erkennen würde. Er wirkte ein wenig wie ein Erdmännchen, so hochgereckt wie er über die Leute spähte und Ranea suchte. Irgendwo würde sie hier sein. Vielleicht suchte sie ja schon nach ihm. Bestimmt sogar. Immerhin hatte sie ihn nach dem Fest gefragt und er hatte nicht schnell genug geschalten, um einfach Ja zu sagen. Aber jetzt, ja, jetzt würde er sie einfach auffordern und dann gab es keine Ungereimtheiten mehr. Dann wäre klar, dass er –
      Jemand packte ihn am Unterarm und hielt ihn vom Gehen ab. Sofort wirbelte er herum und senkte den Blick für Ranea, die ihn mit ihren großen…. Brüsten ansah?
      Verdutzt stockte Stanis bei der Aussicht auf ein paar sehr prominente Brüste, die aus einem gut geschnürten Ausschnitt blitzten. Er brauchte ein paar Sekunden, ehe er den Blick hoch zu dem Gesicht hob, das schon eher auf seiner Augenhöhe lag.
      „Hallo, Stanis“, sagte Imalia, der Inbegriff der Dorfschönheit. Sie war gut zwei Jahre älter als Stanis und hatte sich noch nicht wirklich auf einen Verehrer festgelegt. Ihr nussbraunes Haar fiel ihr in satten Wellen um den schlanken Hals und kräuselte sich auf ihren Schlüsselbeinen. Ihre Stimme war viel dunkler als die von Ranea und in allem wirkte Imalia… weiter. Reifer. Üppiger. „Du hast dich ja extra schick gemacht, wie ich sehe. Hast du schon Pläne?“
      „Oh…also…“, druckste Stanis weiter und gab sich Mühe, nicht auf diesen Ausschnitt zu starren. „Eigentlich suche ich jemanden.“
      „Jemanden? Oh, hoffentlich nicht Roshia, denn das Mädchen sticht gerade anderen die Augen aus, die nach dir suchen. Ich war zum Glück schneller“, lachte sie leise und hinter vorgehaltener Hand. Stanis mochte das offene, herzliche Lachen von Ranea tausendmal lieber. „Kommst du mal kurz mit? Ich muss dir was zeigen.“
      Stanis war zu abgelenkt, um das weiter zu hinterfragen. Er ließ sich durch das Gewühl an Leuten von Imalia am Arm raus aus dem Pulk an Leuten ziehen, weiter hin zu den Häusern, die später im Schatten liegen würden. Stanis runzelte die Stirn. Irgendwie hatte er diese Häuser anders in Erinnerung. Irgendwelche Geschichten, die man sich erzählte, aber er kam einfach nicht drauf.
      Imalia zog ihn weiter, hinter Häusern vorbei immer weiter, bis sie das Lagerhaus ansteuerte. In Stanis‘ Kopf ploppten nur noch mehr Fragen auf. „Äh, Imalia, das Fest ist in der anderen Richtung.“
      „Ich weiß. Aber jetzt wird noch niemand dort sein“, sagte sie ohne sich umzudrehen und Stanis ließ sich einfach weiterziehen. Wo war niemand? Am Lager war doch jetzt kein Schwein. Immerhin hatte das Fest gerade erst angefangen…
      Ein paar Mal sah sich Imalia verstohlen um, als litte sie unter Verfolgungswahn. Stanis tat es ihr gleich, aber eher, weil er hoffte, dass Ranea ihnen schon folgte. Oder er sie zumindest sah. Dann jedoch bogen sie um die Ecke des Lagers, dessen hinterer Teil geöffnet und voll mit dem geschnittenen Stroh von den Feldern war. Zielstrebig zog Imalia Stanis herein und drängte sich plötzlich an ihn. Völlig überrumpelt wich Stanis zurück, sie folgte dicht an ihm, bis er die hölzerne Wand im Rücken spürte. „Imalia, was hast –„
      Er kam nicht weiter, denn sie hatte sich gereckt und ihm aus dem Nichts heraus ihre Lippen aufgelegt. Ihr Kuss war ungestüm, ihre Hände fuhren fahrig über sein Hemd. Stanis wusste nicht wohin mit sich, mit seinen Händen, mit seinen Lippen, seinem Kopf. Ihre Lippen waren weich und heiß und so drängend, dass ihm davon ganz anders wurde. Hitze schoss ihm ein, obwohl er das gar nicht wollte. Doch Imalia hörte nicht auf und als sich ihre Zunge an seine Lippen schmiegte, war die Verwirrung passé. Stanis legte Imalia seine Hände auf die Schultern und schob sie mit einem Ruck von sich. Sie taumelte rückwärts und sah ihn mit gerötetem Gesicht an. Ihre Augen waren groß und mit einem Hunger ausgestattet, der Stanis ganz anders werden ließ. „Sag mal, spinnst du?“
      „Ich will dich, Stanis“, hauchte Imalia und streifte sich das geraffte Oberteil über die Schultern. Völlig überrumpelt bekam Stanis den Ausblick über zwei pralle, junge Brüste, die von keinem Mieder geschützt wurden. Der Stoff musste ihr unter der Brust einschneiden, so eng wie es aussah. „Ich musste über ein Jahr darauf warten. Weißt du, wie lange das ist?“
      „Aber was ist denn…“, stutze er noch immer und konnte nicht anders als auf ihre Brüste zu starren. Ihre Brustwarzen verhärteten sich an der Luft und instinktiv fragte er sich, wie die flacheren Brüste von Ranea wohl ausschauen mögen.
      Ah, Ranea…. Ranea!
      Da war Imalia schon wieder an ihm dran. Sie griff unwirsch nach seiner Hand und presste sie auf ihre Brust. Das weiche Gefühl unter seinen Fingern schoss ihm fast augenblicklich zwischen die Beine, aber Falten gruben sich in seine Stirn. Wieder streckte sich Imalia nach ihm, suchte seine Lippen, fand sie. Wieder verzehrte sie ihn in einem hitzigen Kuss und da ließ Stanis seine Finger über ihre Brustwarzen gleiten. An seinen Lippen keuchte Imalia auf und dieses Geräusch ließ ihm nun wirklich den Platz in seiner Hose eng werden.
      Dafür aber auch seinen Kopf aufklären. Dieses Mal schubste er Imalia von sich, die rücklings ins Stroh fiel. „Was?! Wenn du unbedingt gefickt werden willst, dann such dir einen anderen Trottel!“, grollte Stanis und war mit wenigen Schritten aus der Scheune gelaufen. Hinter ihm hörte er Imalia fluchen und ihn mit bitterbösen Schimpfwörtern belegen.
      Sein Kopf war heiß. Seine Hose zu eng. Er hatte gerade nicht nur die ersten Küsse erlebt, er hatte auch das erste Paar Brüste gesehen und gespürt. Weiche, üppige Brüste und Nippel, die zum spielen einluden. Hastig schüttelte er den Kopf, als er den Weg zurück zum Fest stürzte. Eine Hand führte er dabei an der rauen Fassade vorbei, um das Gefühl der Haut dagegen einzutauschen. Auch wenn sein Körper derart drauf reagierte, war sein Geist mehr als bestürzt.
      Immerhin wusste er jetzt, wie sich Frauen fühlten, wenn Männer über sie herfielen.
      Jetzt wusste er auch, dass er Imalia niemals anfassen würde, dieses notgeile Stück.
      Und er wusste, dass er Ranea ganz bestimmt nicht so angehen würde, wenn sie das nicht ausdrücklich von ihm wollte.
      Nie und nimmer.
    • Mittlerweile war der Platz schon ziemlich voll von den ganzen Leuten, die jetzt so wie Ranea auch schon früh Schluss machten und sich dem ersten Met hingaben. Ranea klapperte die üblichen Plätze ab; die Stände, die Wassertröge, der Scheiterhaufen, wo später das Feuer entzündet wurde, selbst bei den Wägen schaute sie vorbei, wohl darum bewusst, dass ihre Mutter sie jederzeit erwischen und zurück zu irgendwelchen Arbeiten schicken könnte. Aber sie fand keinen Stanis. Überall war kein Stanis. Er würde doch hier sein, oder? Sie hatte ihn doch schließlich gefragt, sie hatte doch sehr deutlich gemacht - indirekt sehr deutlich - dass sie ihn hier erwarten würde. Und wenn er jetzt doch nicht da war? Wenn er ihr mit seiner vagen Antwort auch nur indirekt hatte sagen wollen, dass er nicht teilnehmen würde?
      Besorgt knetete sie ihr Kleid und machte noch einen Rundgang. Jetzt hatte sie sich schon so schön hergerichtet für Stanis; und wenn er nicht kommen würde? Wenn sie beim Tanz alleine dastehen würde? Oh, Roshia würde sie das niemals vergessen lassen. Roshia würde sie ihr Leben lang dafür hänseln.
      Sie kam gerade wieder bei den Wägen an, da sagte jemand hinter ihr:
      "Ranea, hallo."
      Doch sie erkannte an der Stimme bereits, dass es nicht Stanis war, und so drehte sie sich mit einem schweren Seufzen zu der Stimme um. Wulf. In ein weißes Leinenhemd gekleidet, sah er sie mit einem unsicheren Lächeln an. Wulf war 15 und auf seinen Pausbacken sprossen unansehnliche Pusteln. Sein ganzes Gesicht war mit roten Flecken überzogen, was wohl so in der Familie lag. Sein Vater, ein dicker Mann mit genauso dicken Backen, war ebenfalls gerne Rot im Gesicht. Seine Schwester weniger, aber trotzdem.
      "Hallo", sagte Ranea enttäuscht. Sie beobachtete, wie Wulf den Blick über ihre schönen Blumenhaare schweifen ließ und dann wie vorhergesehen sagte:
      "Das sind aber hübsche Blumen da in deinen Haaren."
      Oh, sie wollte nicht mit Wulf tanzen, bloß nicht! Alles nur das nicht. Verzweifelt ließ sie ihren Blick über die Menge schweifen.
      "Danke. Hast du Stanis gesehen?"
      Wulfs Miene sackte sichtbar ein Stück ein, dann sagte er tonlos:
      "Nein. Wobei..."
      Ranea sah sofort wieder zurück zu ihm. Als er ihr Aufmerksamkeit bemerkte, schien er wieder Hoffnung zu schöpfen.
      "Ich habe ihn gesehen. Doch, ja. Er hat vorhin mit Imalia geredet."
      Imalia? Imalia?! Die Frau war eine Gefahr für jedes junge Mädchen, das noch nicht verheiratet war, denn Imalia war es auch nicht - und sie hatte alles, wonach ein Mann Ausschau halten konnte. Absolut alles. Sämtliche Männer in Xaltis waren völlig verrückt nach ihr und das zurecht. Doch Ranea hatte geglaubt, Stanis sei eine Ausnahme. Nur, wenn er mit ihr gesprochen hatte...
      Sie spürte ihre Augen groß werden und ein Ausdruck von Panik glitt über Wulfs Gesicht. Schnell sagte er:
      "Also, wenn du willst, können wir beide auch -"
      "Ich muss Stanis finden", fiel sie ihm schnell ins Wort und wirbelte herum. Bevor er nach ihr greifen konnte, lief sie schon davon.
      "Ranea!"
      Sie hörte nicht auf ihn. Jetzt musste sie Stanis noch viel dringender finden.
      Beim dritten Rundgang - oder eher Rundlauf - entdeckte sie ihn dann endlich. Endlich! Doch als sie ihn so sah und an Imalia dachte, da blieb sie auf der Stelle stehen. Imalia war nicht bei ihm, doch was, wenn... was, wenn sie ihn jetzt schon zum Tanzen aufgefordert hätte? Was, wenn er zugesagt hätte? Ranea wurde ganz mulmig zumute.
      Aber sie musste es wissen. Mit langsameren, gemäßigten Schritten ging sie zu ihm hinüber.
      "Hallo, Stanis."
      Er entdeckte sie und für einen Moment bildete sie sich ein, dass in seinen Augen Erleichterung aufflackerte. Was sie nur noch nervöser machte, denn plötzlich bekam sie die Idee, dass er ihr eine Abfuhr erteilen wollte, weil er jetzt mit Imalia ging. Und wenn es so wäre?
      "Ähm..."
      Sie knetete eine Falte in ihrem Kleid, dann fiel ihr ein, dass Frauen dass nicht so taten, und ließ das Kleid wieder fallen, um die Hände hinter dem Rücken zu verstecken. Wieso musste er auch gerade mit Imalia reden!
      "Bist du, ähm, alleine hier?"

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    • Stanis rang um Atem, als er zurück auf den Dorfplatz kam und am Rande dessen innehielt. Er lehnte sich an die nächstbeste Hauswand und versuchte krampfhaft, sich wieder zu entspannen. Durch das Gerenne hatte sich wenigstens das Problem in seiner Hose halbwegs gelöst und auch die Gedanken an die Bilder von vorhin wurden schon blasser. Vermutlich würde Imalia sich über ihn das Maul bei den anderen Mädchen zerreißen, aber das spielte keine Rolle. Viel wichtiger war, dass er sich unter Kontrolle brachte, ehe er auf Ranea traf, denn dann…
      „Hallo, Stanis.“
      Der junge Mann fuhr kurz zusammen. Sein Kopf drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und als er Ranea entdeckte, fiel ihm ersten Augenblick ein Stein vom Herzen. Sie war ja wirklich hergekommen und hatte sogar nach ihm gesucht. Bei den Göttern, dann musste er sich gefälligst auch zusammenreißen! Stanis nahm etwas mehr Haltung an und strich sich wilde Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Da bist du ja“, sagte er mit aufkeimender Freude. Jedenfalls, bis er sah, wie sie ihr Kleid förmlich zerquetschte. War sie wieder aufgeregt? Er hatte ihr doch schon indirekt gesagt, dass er mit ihr tanzen würde. Nur mit ihr.
      Als wäre ihr etwas eingefallen ließ sie ihr Kleid los und steckte die Hände hinter den Rücken. Warum die Frauen das immer machten, wusste Stanis nicht. Er mochte es viel mehr, wenn Ranea zeigte, wenn sie etwas fühlte. Eine dumme Angewohnheit der Frauen, ihre Hände ständig zu verstecken. So viel konnte man mit ihnen schließlich anstellen und zeigen. „Bist du, ähm, alleine hier?“
      Sofort meldete sich ein schlechtes Gewissen. Hatte sie ihn doch mit Imalia gesehen? Hatte irgendjemand ihn mit ihr am Lager gesehen?! Wenn ja, dann wäre das Gespött nicht nur groß, dann hätte Ranea längst das Weite suchen müssen. Oder?
      „Ja, sicher? Oder siehst du noch jemanden hier an meinem Zipfel hängen?“
      Mit genug Vehemenz hatte er schließlich dafür gesorgt, dass Imalia genau das nicht tat. Wahrscheinlich hatte sie sich schon ein neues Opfer in seinem Alter gesucht und vernaschte ihn gerade in der Scheune. Von jetzt an hatte das Mädel einen deutlichen Stempel auf ihrer Stirn, zumindest für Stanis. Also musste er nun Nägel mit Köpfen machen! Raus mit Imalia aus seinen Gedanken und her mit Ranea, auf die er sich die ganze Zeit schon gefreut hatte!
      Stanis ergriff Raneas Ellbogen und zog ihre Hand hinter ihrem Rücken hervor. Schnell ließ er seine Hand an ihrem Arm hinab gleiten, bis er ihre kleine Hand in seiner halten konnte. Das Lächeln auf seinen Lippen kehrte sofort wieder zurück. Ja, auch sie fühlte sich weich an. Ob sich ihre Lippen wohl auch so anfühlten?
      „Verzeih mir, wenn ich dich jetzt vereinnahme, aber wir beide werden heute tanzen“, beschloss Stanis kurzerhand. Fort mit der Zurückhaltung und dem Herumgedruckse. Vom Nichtstun wuchs auch nichts auf dem Feld, also führte er Ranea an der Hand durch die Feierwütigen hin zu den Musikern, wo sich etliche Bewohner Xaltis‘ bereits vergnügten. Stanis warf Ranea einen aufmunternden Blick zu. Das hier war es, worauf er sich gefreut hatte. Nicht das, was Imalia mit ihm anstellen wollte.
      Wobei… Wäre es Ranea gewesen, dann…
      Er schüttelte heftig den Kopf und wandte sich dem Mädchen zu. „Ich hab mich die ganzen Tage schon drauf gefreut. Letztes Jahr durfte ich dich noch nicht fragen, aber jetzt…“ Er grinste sie breit an. „Jetzt kann mir keiner verbieten, mit dir zu tanzen. Willst du es denn? Letzte Chance, Ranea.“
    • „Ja, sicher? Oder siehst du noch jemanden hier an meinem Zipfel hängen?“
      Die freche Antwort wäre sonst ganz reizend gewesen, doch jetzt suchte Ranea unmittelbar nach einem Anzeichen, dass es doch so war. Genauer gesagt suchte sie nach Imalia und ob sie sich in der Nähe aufhielt. Sie wusste nicht, was sie getan hätte, wenn sie sie gefunden hätte. Vermutlich angefangen zu weinen, schließlich hätte Stanis sie angelogen und bloßgestellt.
      Aber Imalia war nicht da und so erlaubte sie sich ein zögerliches Lächeln. Das vergrößerte sich auch noch, als Stanis ihre Hand hervorzog und in seiner hielt. Er hatte so eine große Hand, so eine starke, und bei ihrem Gefühl wurde alles andere unwichtig. Ranea hätte jetzt alles dafür getan, sich von den genauso starken Armen halten zu lassen.
      „Verzeih mir, wenn ich dich jetzt vereinnahme, aber wir beide werden heute tanzen.“
      Bei diesen Worten fiel Ranea ein Stein vom Herzen. Sie würden wirklich tanzen! Ihr erster Tanz und sie würde ihn gerade mit Stanis haben! Begeistert nickte sie und kicherte dann aufgeregt, als Stanis sie ohne weiteres durch die Menge zog, bis sie bei der Musik angekommen waren. Sie hatte schon so lange darauf gewartet, hatte so viel geübt, und jetzt würde es wirklich passieren - sie würde mit Stanis tanzen. Vor Aufregung vergaß sie glatt, was sie tun sollte, als er inmitten der anderen tanzenden Pärchen stehenblieb und sich ihr zuwandte.
      „Ich hab mich die ganzen Tage schon drauf gefreut. Letztes Jahr durfte ich dich noch nicht fragen, aber jetzt… Jetzt kann mir keiner verbieten, mit dir zu tanzen. Willst du es denn? Letzte Chance, Ranea.“
      "Ja! Oh ja, natürlich!", rief sie begeistert und spürte im selben Moment auch schon die Hitze in ihren Kopf kriechen. Es passierte wirklich, sie würde jetzt mit Stanis tanzen! Kichernd griff sie nach seinen Händen.
      Die ersten Schritte waren ein bisschen... merkwürdig. Ranea hatte noch nie mit einem Jungen getanzt und fühlte sich unbeholfen und tollpatschig, als sie sich im Takt zu bewegen, gleichzeitig auf Stanis' Füße zu konzentrieren versuchte und ihn nebenher auch noch anlächelte. Das alles war so neu und aufregend, sie spürte ihr Herz fest in ihrer Brust rasen. Stanis kam ihr nahe beim Tanzen, näher noch als jemals zuvor, und sie spürte die Hitze auch in ihrem Magen ausbreiten, wann immer sie seine Wärme an sich spürte und wann immer er nahe genug kam, dass nicht mehr viel gebraucht hätte, um ihn zu küssen. Sie stellte es sich angeregt vor, jedes Mal, wenn ihn seine Schritte zu ihr und ihre Schritte sie aus einer Umdrehung brachten, wie er einfach nur ein Stück näher kam und sie sich zu ihm hoch streckte, um ihn zu küssen. Wie sich das nur anfühlen würde? Ob er sie lassen würde? Ob er sie sogar zurück küssen würde? Die Gedanken überschlugen sich fast in ihr und brachten sie zum Straucheln und zum Kichern. Aber Stanis war immer da, um sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen, Stanis und seine starken Arme. Voller Bewunderung hielt sie sich an ihm fest und stellte sich bestimmt zum hundertsten Mal vor, wie er sie in diese starke Arme nehmen würde.
      Da gab sie sich einen Ruck, wartete auf das nächste Mal, bei dem sie dicht aneinander tanzten, machte die Schritte ein bisschen größer als nötig und küsste ihn schnell und flüchtig auf die Wange. Vor Nervosität und Aufregung kichernd ließ sie darauf wieder von ihm ab, um im Takt zu bleiben.
    • Bei Raneas überglücklichem Ausruf konnte Stanis sich das zum zerreißen breit gespannte Grinsen nicht mehr verkneifen. Fortgewaschen waren die vergangenen Minuten, in denen er von Imalia angegangen und genötigt wurde. So einfach konnten Raneas Reaktionen seinen Kopf klären und dafür brauchte sie nicht einmal Worte. Ihr Kichern beflügelte ihn, als sie nach seinen Händen griff und er sich genötigt sah, sie zu führen. Sehr zu seinem Schrecken bemerkte er, dass Ranea mit ihren jüngeren Jahren mehr vom Tanzen verstand als er. Zugegeben, er hatte sich mit den Schrittfolgen auch gar nicht beschäftigt, weshalb sie seiner Führung gar nicht recht folgen konnte. Es war ein Gestarkse und kein folgenreicher Tanz. Keine bestimmten Schrittfolgen und Drehungen, wie die Älteren es machten. Es war ein herrliches Chaos aus Füßen, Händen und Lachen, wann immer sie ihm auf die Füße trat oder er sie in eine Drehung führte, ohne ihr die Hand zum Auffangen zu reichen. Hier und da erwischte er sie nicht recht und holte sie an Schulter oder Taille wieder zu sich heran, wann immer sie drohte, zu weit abzudriften. In diesen Momenten dachte Stanis herrlicher Weise an gar nichts; seine Augen lagen einzig auf Ranea, auf ihrem Lächeln, die Art, wie sie ihn ansah und irgendetwas ausheckte. Zu lange hatte er sie schon beobachtet, als dass er nicht wüsste, wenn sie wieder etwas plante. Oft genug hatte er gesehen, wie sie ihren Schwestern eins ausgewischt hatte. Er war gespannt, was sie dieses Mal im Schilde führte.
      Dann machte sie einen Schritt außerhalb der Folge, die er so sorgsam versucht hatte, zu initiieren. Er hielt inne, um nicht gegen sie zu prallen und er legte den Kopf leicht schief, die Frage ins Gesicht geschrieben. Schon einen Augenblick später war sie da – ihre Lippen streiften seine Wange praktisch nur. Mit einem weiteren Kichern fiel sie wieder zurück und genau in den Takt für die nächsten Schritte. Stanis verpasste die Schritte und starrte Ranea für einen Herzschlag lang an, der nicht mehr der Musik folgte.
      Er hatte sich nicht geirrt. Selbst dieser lächerliche Kuss auf die Wange fühlte sich schon anders an als das, was Imalia getan hatte. Zahllose Gedanken fluteten schlagartig sein Gehirn, schlugen Vergleiche zwischen den beiden Mädchen an und malten sich Unterschiede aus. Ihm wurde zwar nicht heiß und kalt wie bei Imalia, aber das dringende Gefühl, es zu wollen, war da. Er wollte Ranea nicht an die Wand nageln, aber…
      Mit einem großen Schritt stand Stanis vor Ranea. Seine Arme umfingen das Mädchen, zogen es vielleicht etwas zu hart an seine Brust. Der Takt der Musik war vergessen, die Augen der Umstehenden waren vergessen, als er den Kopf senkte und seine Lippen an ihre Ohrmuschel legte. „Mach’s mir nicht noch schwerer, Ranea“, raunte er in ihr Ohr und er spürte, wie sie in seinen Armen erschauderte. Bei den Göttern, er wollte sie jetzt auf der Stelle küssen. Richtig. So, wie es sein sollte und nicht nur die Wange. Aber er musste sich beherrschen. Zusammenreißen. Er wusste nicht einmal, ob sie das alles überhaupt auch so sah und fühlte und verstand. „Du hast keine Ahnung, was ich noch gerne mit dir machen würde.“
      Genug. Das reichte. Mach das arme Mädchen nicht scheu.
      Stanis riss sich am Riemen und gab Ranea wieder frei. Er brachte sich und sie wieder in den rechten Takt, aber er sah in ihrem Gesicht, dass seine Worte Spuren hinterlassen hatten. Ihre Augen waren riesig, noch riesiger sogar, als sie den schwarzen Phönix am Himmel gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig, vielleicht sogar ganz rot, als ihre Lippen zuckten und nach Worten suchten, um seinen zu begegnen. Doch Stanis schüttelte nur den Kopf, bereute die Worte der Wahrheit, die er ihr gerade ins Ohr geflüstert hatte.
      „Verzeih. Vergiss, was ich gerade gesagt habe“, lenkte Stanis, etwas beschämt, ab und griff nach ihrer Hand, um sie wieder in den Tanz zu holen.
      Was dachte er sich denn dabei?! Er konnte doch nicht das arme Mädchen mit seinen eindeutig zweideutigen Gedanken versauen. Imalia hatte genug Schaden hinterlassen, dass sein Kopf noch von Hormonen überspült war. Aber nur weil er so dachte, musste er doch nicht Ranea mit hineinziehen. Immerhin wusste er gar nicht, ob sie überhaupt ähnliches in Betracht zog! Sie war doch noch so jung, so unbefleckt. So… zart und rein. So wertvoll für denjenigen, der sie später heiraten würde. Sie war gut, nicht so wie Imalia, die sich quer durch das Dorf schlief, wie er nun herausgefunden hatte. Er konnte, durfte und würde Ranea nicht mit seinen Gedanken beschmutzen.
      Er würde mit ihr tanzen und zwar so lange, wie sie es von ihm wollte. Und wenn das hieß, dass seine Füße später bluteten.
    • Stanis' Augen wurden so groß und darüber musste Ranea noch viel mehr kichern. Die Aufregung über den kurzen Kuss machte sie ganz hibbelig und unruhig und sie konnte kaum richtig weitertanzen, so sehr schlug ihr das Herz in der Brust. Sie hatte ihn auf die Wange geküsst, sie hatte es wirklich getan! Und Stanis...
      Stanis zögerte nur ein paar Sekunden lang, dann trat er plötzlich so dicht zu ihr, dass er sie vom Tanzen abhielt. Ranea stolperte etwas unsicher gegen seine Brust, aber da legte er schon seine starken Arme um sie. Ranea spürte, wie es ihr vor Aufregung die Luft abschnürte. So dicht bei ihm konnte sie ihn schon fast riechen und das machte sie ganz schwindelig. Stanis hielt sie fest, hielt sie in seinen starken Armen fest! Konnte dieser Tag denn noch besser laufen?
      „Mach’s mir nicht noch schwerer, Ranea“, raunte er ihr zu, leise genug nur für Ranea, und seine tiefe Stimme machte etwas mit ihr, das sie nicht ganz beschreiben konnte. Es kribbelte in ihr, überall, und plötzlich hob sich in ihr das Verlangen, sich an ihn zu schmiegen. Ganz fest. Ihr Herz hämmerte wie wild und sie schnappte nach Luft.
      „Du hast keine Ahnung, was ich noch gerne mit dir machen würde.“
      Jetzt pulsierte es in ihrem Unterleib, zwischen ihren Beinen. Ranea presste die Schenkel zusammen, weil sich das für den Moment gut anfühlte, und hielt sich fest an Stanis. Was würde er denn gerne noch mit ihr machen? Plötzlich bekam sie selbst Ideen, ganz viele sogar, die sich ganz und gar nicht für so ein Fest und einen Tanz gehörten. Sie dachte ja schon darüber nach, Stanis nackt zu sehen, dabei hatten sie sich noch nicht einmal richtig geküsst! Die Vorstellung ließ sie erschaudern.
      "Stanis", sagte sie ganz atemlos, doch da ließ er sie schon wieder frei. In seinem Gesicht war kaum ein Hinweis darauf, was er eben gesagt hatte, und so sah Ranea ihn nur noch eindringlicher an. Wie aufregend das war! Und dass er wirklich so dachte - über sie!
      „Verzeih. Vergiss, was ich gerade gesagt habe“, sagte Stanis schnell und ergriff wieder ihre Hand, um sie zurück zum Tanzen zu bewegen, aber Ranea würde das nicht vergessen. Ganz sicher nicht! Sie stolperte wieder gegen ihn, weil er sie zog und ihre Füße nicht richtig mitkamen.
      "Stanis - warte."
      Sie brachte ihn zum Stehenbleiben, aber nur mit einiger Mühe. Mittlerweile war ihr ganz heiß, viel zu heiß, zu heiß für diesen Platz, für den Tanz, für ihr eigenes Kleid. Sie fühlte sich noch immer so... schaurig von seinen Worten. War es das, was Frauen immer bei Männern fühlten? Plötzlich konnte sie verstehen, dass die älteren Mädchen ihnen so sehr nachhimmelten.
      "Ich glaube - ich möchte nicht mehr tanzen", sagte sie ein bisschen atemlos. Sie sah ihn noch immer mit großen Augen an, diesen hübschen, hinreißenden Jungen, der sich von ihr küssen ließ und ihre Hand hielt und mit ihr tanzte und... mehr als das machen wollte. Ranea wollte es auch. Sie wusste nicht, ob sie dafür überhaupt schon bereit war, aber gerade wollte sie nichts anderes als das.
      "Ich glaube, ich möchte lieber... einen Spaziergang machen. Ja. Machst du mit mir einen Spaziergang?"
      In ihren eigenen Ohren hörte sie sich ganz quietschig an von ihrer Aufregung, doch Stanis willigte ein. Er tat es wirklich! Noch viel aufgeregter zog Ranea an ihm.
      "Dann komm."
      Sie verließen den Platz wieder und Ranea zog ihn blindlings zwischen den Häusern hindurch. Zuerst dachte sie so halbwegs, zum Lagerhaus zu gehen, aber Stanis schien irgendetwas dagegen zu haben und so wandte sie sich doch im letzten Moment ab, bis sie auf die Felder hinausgingen. Dort war es eh viel schöner, mit einem rot werdenden Himmel über ihnen und den herüber wehenden Geräuschen des Festes. Ranea steuerte eine kleine Anhöhe an und faltete dann ihr Kleid, wie ihre Mutter es ihr gezeigt hatte, um sich hinzusetzen. Mit großen Augen sah sie Stanis an und zupfte ein bisschen an dem Stoff herum.
      "Ich, ähm... ich - ich möchte dich gerne küssen, Stanis."
      Wie aufregend das war! Ranea fühlte sich, als würde gleich ihr Herz aus der Brust springen.
      "Willst du mich auch küssen? Ich habe das nur noch nie gemacht. Ich bin aufgeregt."
    • „Stanis – warte.“
      Aber Stanis wollte nicht warten. Denn wenn er wartete, dann würde er Ranea wieder ansehen. Ihre herrlich rosigen Wangen. Diese großen, verzückten Augen. Diese leicht geöffneten und nach Luft sehnenden Lippen. Als sie sich praktisch an seinen Arm hing, musste er doch innehalten, um sie nicht einfach nur mitzuschleifen.
      „Ich glaube – ich möchte nicht mehr tanzen“, sagte sie und Stanis fiel alles aus dem Gesicht. Was hatte er denn getan? War er so schlecht im Tanzen? Oder waren diese wenigen Worte, die er ohne nachzudenken in ihr Ohr geflüstert hatte, schon zu viel des Guten gewesen?
      „Was? Aber, wieso denn?“, fragte er sie entgeistert und vergaß völlig die Musik, die ungehemmt weiterlief.
      „Ich glaube, ich möchte lieber… einen Spaziergang machen. Ja. Machst du mit mir einen Spaziergang?“
      Noch immer völlig perplex sah Stanis Ranea an. Ihre Stimme war piepsig geworden und wenn er es nicht besser wüsste, dann war sie nicht beschämt, sondern eher aufgeregt. Okay, Aufregung musste nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Vor ihm trat sie stetig von einem Bein auf das andere, unruhig wie es schien. Es fühlte sich dringend an. „…Na gut. Wenn du es unbedingt willst.“
      Dann zog Ranea ihn bereits aus dem Zentrum der Tanzwütigen heraus und hin zur nächsten Gasse zwischen die Häuser hindurch. Noch immer verdutzt folgte er ihrem kleinen Körper einfach. Als sie jedoch dem Lagerhaus immer näher kam, wurde ihm ganz mulmig zumute. Nicht nur, dass sie dort vielleicht Imalia über den Weg liefen, was wollte Ranea da? Sie kam doch nicht etwas auf die Idee, das Gleiche zu tun wie Imalia?! Hatte er ihr jetzt Flausen in den Kopf gesetzt?! Sie war doch noch viel zu jung und er konnte nicht und die Konsequenzen und ihr Vater… ihr Vater.
      Stanis hielt sie davon ab, weiter zum Lagerhaus zu gehen, wodurch sie ihren Kurs änderte. Fort von dem Zentrum und der Festlichkeit, weg von dem Lagerhaus und raus ins offene Feld. Dahin ließ sich Stanis wesentlich lieber ziehen, denn hier gab es wenig Deckung. Aber auch wenig andere Dorfbewohner, wie sich herausstellte. Auf einer kleinen Anhöhe warf er einen Blick über die Schulter zurück. Nein, niemand folgte ihnen oder verirrte sich ebenfalls hierher. Sie waren ungestört.
      Ranea hatte sich hingesetzt, ihr Kleid geordnet und sah ihn wieder mit diesen großen Augen an, in denen er sich verlieren könnte. Er stand noch halb vor ihr, nicht ganz sicher, ob er sich einfach zu ihr setzen sollte oder nicht. Er wollte, keine Frage, aber je nachdem, was sie dann wollte, wären die Gedanken wieder da. Und seine Selbstbeherrschung…
      „Ich, ähm… ich – ich möchte dich gerne küssen, Stanis.“
      Stanis riss die Augen auf. Er hatte sich nicht verhört. Auf gar keinen Fall hatte er das. Also hatte er ihr doch Flausen in den Kopf gesetzt. Woher kam das denn auf einmal? Hatte sie doch irgendwie Wind von Imalia bekommen? Dabei war das Mädel überhaupt keine Konkurrenz zu Ranea in seinen Augen. „Uh… also… Ranea…“
      „Willst du mich auch küssen?“
      Ja. Natürlich.
      „Ich habe das nur noch nie gemacht. Ich bin aufgeregt.“
      Oh, Himmel. ER war doch derjenige, dem das Herz gleich aus der Brust sprang. Ihm blühten verschiedenste Bilder vor seinem geistigen Auge auf und Blut floss an Stellen, wo er es gerade nicht gebrauchen konnte. Stanis wandte den Blick ab, blinzelte heftig, sein Mund öffnete sich stumm und schloss sich mehrfach. Wie sollte er denn jetzt damit umgehen?!
      „Ranea, weißt du, wenn du das einen Jungen fragst, dann… hm… könnte der auch auf andere Gedanken kommen“, versuchte er es schließlich und griff nach seinem Zopf, um ihn fester zu ziehen. Er musste seine Hände irgendwie beschäftigt halten.
      Doch Ranea schien das nicht zu interessieren. Als er sie flüchtig ansah, wirkte es so, als hätte ihre Freude einen Dämpfer erfahren. Schuld röhrte in seinem Inneren auf. Was sie von ihm wollte, war doch nicht Verwerfliches. Und wenn er sich zusammenriss, dann blieb ein Kuss auch nur ein Kuss. „Willst du nur probieren oder… soll ich so machen, wie ich würde?“
      Die Augen des Mädchens hellten sich wieder auf. Wenn es nach ihr ginge, dann bekäme sie alles. Nicht nur probieren – sie wollte Stanis haben. Den echten, unverfälschten Stanis. Das zu hören schnürte ihm die Brust zu. Oder platzte sie? Genau konnte er das nicht beschreiben, so neu was das Gefühl. Schließlich nickte er. „Okay. Mach dich bereit.“
      Ranea knetete ihr Kleid, weil sie nicht wusste, wohin mit ihren Händen. Stanis trat mit einem langen Schritt über ihren Schoß, um sich dann auf die Knie sinken zu lassen. Ihr zugewandt betrachtete er ihr feines Gesicht einen Moment lang. Die noch immer rosigen Wangen. Die zitternden Lippen, die sich bereit machten. Sein eigener Puls stieg in rasante Höhen, als er die Hände an ihre Wangen legte. Prompt wurden ihre Augen noch größer und Nervosität brach in Stanis aus. „Mach die Augen zu. Das ist besser“, wies er sie an und sah zu, wie sie ihre Lider fest zusammenpresste.
      Dann gab er sich einen Ruck. Er hatte vor Imalia auch noch niemanden geküsst und das Intermezzo würde er nicht als Erfahrung werten. Für ihn war das genauso neu wie für Ranea, als er sich vorlehnte und seine Lippen einfach auf ihre drückte. Es fühlte sich plump und ungeschickt an und so, so warm, nein, heiß. Ihm war schlagartig heiß, als ihr der Atem stockte und er mit den Daumen über ihre Wangenknochen fuhr. Er löste sich, kurz, um Luft zu holen, dann lagen seine Lippen wieder auf ihren. Dieses Mal war es drängender, forscher. Er legte den Kopf leicht schief und setzte zu sehr nach, dass ihre Zähne durch ihre Lippen aneinanderstießen. Leise fluchte Stanis, gab Raneas Gesicht frei und richtete sich auf.
      „Zufrieden?“, fragte er nun atemlos.
    • Stanis sah gänzlich perplex aus auf Raneas Frage hin und für einen Moment bekam sie Panik. Was, wenn er sie nun doch nicht küssen wollte? Was wenn - sie musste an Imalia denken und die Panik verwandelte sich in Entsetzen. Wenn nun Stanis und Imalia schon längst... ein Paar waren? Wenn Ranea sich nun lächerlich machte, weil sie Stanis küssen wollte, wenn er doch längst einer anderen versprochen war? Wenn er nur aus Mitleid mit ihr getanzt hatte?!
      Dutzende solcher Fragen schossen ihr durch den Kopf, während der Junge sichtlich mit seiner Fassung rang. Ihr Herz raste jetzt ganz schnell, aber es fühlte sich nicht gut an. Sie hatte sich so hübsch für ihn gemacht; und wenn er ihr nun eine Abfuhr erteilte?
      „Ranea, weißt du, wenn du das einen Jungen fragst, dann… hm… könnte der auch auf andere Gedanken kommen“, sagte er schließlich und fummelte nach seinem Zopf. In ihrer Panik begriff Ranea für einen Moment gar nicht, was er meinte. Dann erlaubte sie sich einen kurzen Hoffnungsschimmer darauf, dass es noch nicht alles vorbei war.
      "Dann... dann möchtest du? Oder..."
      Stanis sah sie an. Unter seinem eindringlichen Blick wurde ihr immer ganz anders und auch jetzt wurde ihr ganz warm davon. Nervös knetete sie ihr Kleid.
      „Willst du nur probieren oder… soll ich so machen, wie ich würde?“
      Dann war das ein Ja? Plötzlich meldete sich die Aufregung wieder. Vielleicht würde sie ihn wirklich küssen. Ihr erster Kuss - und es würde mit Stanis sein. Mit Stanis!
      "Ähm... Ich... weiß nicht - also... ich möchte dich einfach sehr gerne küssen."
      Stanis starrte sie für einen Moment an, in dem Raneas Herz wie wild schlug, dann nickte er. Er nickte!
      „Okay. Mach dich bereit.“
      Bereit machen - er würde sie küssen! Er würde! Plötzlich war Ranea so aufgeregt, dass sie gar nicht mehr klar denken konnte. Hastig setzte sie sich auf, machte den Rücken ganz gerade und griff nach ihren Haaren. Saßen die Blumen noch? Waren sie noch schön? Saß ihr Kleid richtig, hatte sie Flecken, Falten? Zeigte sie auch nicht zu viel von ihren Beinen - nur ein bisschen die Waden?
      Stanis kam zu ihr und ließ sich über ihr langsam auf die Knie sinken. Auf einmal war er ihr so nahe, dass es ihr die Luft abschnürte und die Schmetterlinge in ihrem Bauch wie wild mit den Flügeln schlugen. Er war nahe genug, dass sie seinen Duft riechen konnte, aber diesmal war da kein Tanz, der sie wieder auseinander gebracht hätte. Er würde so nahe bleiben - für einen Kuss. Stanis würde sie küssen! Ranea packte ihr Kleid ganz fest, unsicher, wohin sie ihre Hände tun sollte.
      Ganz sanft legte Stanis die Hände an ihre Wangen. Er konnte das so gut! Sicher hatte er schon dutzende Mädchen geküsst.
      „Mach die Augen zu. Das ist besser.“
      "Okay", sagte sie atemlos und schloss sie. Dafür raste ihr Herz nur umso mehr. Sie wurde sich so sehr bewusst, dass Stanis gerade über ihr kniete.
      Seine Hände blieben an ihren Wangen und für einen Moment passierte gar nichts, dann spürte sie zuerst seinen warmen Atem an ihrer Nase und dann küsste er sie, seine Lippen an ihren, warm und weich und so aufregend. Ranea musste sich davon abhalten nach Luft zu schnappen, denn das geschah hier wirklich, Stanis küsste sie, seine Lippen waren auf ihren! Ein Schauer durchfuhr sie und Raneas Hände zuckten nach vorne. Sie streifte seine Hose und zog sie ganz schnell wieder zurück. Er küsste sie und das war so aufregend. Es fühlte sich so gut an!
      Sein Daumen strich leicht über ihren Wangenknochen und ihre Haut prickelte, wo er sie berührte. Da löste er sich und Ranea wusste sofort, dass sie mehr haben wollte. Nochmal - sie wollte ihn nochmal küssen. Und sie wollte, dass er ihr näher war als ohnehin schon und sie wollte ihn berühren; sie wollte ganz viele Dinge, die sie noch nicht so recht ergründen konnte. Hauptsache nochmal und näher.
      Er war nicht lange weg, dann waren seine Lippen wieder zurück und diesmal tat er etwas anderes, diesmal bewegten sich seine Lippen und Ranea gab ein leises, überraschtes Geräusch von sich, als das Gefühl davon sich durch ihren Körper ausbreitete und zwischen ihren Beinen sammelte. Das war gut, oh, er küsste sie so gut. Sie wollte nie wieder aufhören damit.
      Stanis gab einen leisen Fluch von sich, dann löste er sich endgültig von ihr. Ranea riss die Augen sofort auf, um ihn daran zu hindern, wegzugehen. Aber er richtete sich nur ein bisschen auf.
      "Zufrieden?"
      Zufrieden? Ranea konnte gar nicht beschreiben, wie zufrieden sie war! Aber... sie wollte nochmal. Nochmal und nochmal und nochmal. So oft er sie ließ.
      "Ja - das war gut."
      Sie lächelte und fühlte jetzt erst die Hitze in ihrem Gesicht. Aufgeregt schluckte sie.
      "Darf ich - nochmal? Nochmal küssen?"
      Dieses mal brauchte Stanis nicht so lange für eine Antwort und dann war er wirklich wieder da und küsste sie. Es war jetzt schon ein bisschen einfacher, wie Ranea fand, und sie hob vorsichtig die Hände, um sie zögernd auf seine Beine und dann auf seine Hüfte zu legen. Machte man das so? War das richtig? Unter ihren Händen fühlte er sich stark an und ihr wurde wieder ganz komisch bei der Erkenntnis, dass sie Stanis wirklich küsste und jetzt auch noch berührte. Das war unglaublich! Von der ganzen Aufregung entrutschte ihr ein Kichern und sie brach den Kuss schnell ab, um die Arme um seinen Nacken zu legen und ihr heißes Gesicht an seinem Hals zu verstecken. Noch einmal kicherte sie und hielt sich fest an ihm. Unter ihrer Stirn konnte sie seinen Puls spüren, der mindestens genauso schnell war wie ihr eigenes Herz. Stanis war genauso aufgeregt!
      "Das gefällt mir", sagte sie ganz leise, traute sich aber für den Moment nicht, ihm noch einmal in die Augen zu schauen. Stattdessen legte sie ihren Kopf auf seine starke Schulter.
      Ihr Blick fiel auf einen Hügel, der sich bewegte.
      Blinzelnd starrte sie für einen Moment auf das Phänomen in der Entfernung, während sie die ganze Aufregung zu verarbeiten versuchte. Stanis hatte sie wirklich geküsst und dann hatte er es wieder getan, hatte sie nochmal geküsst, und jetzt hielt er sie, während Ranea sich an ihn klammerte. Wie toll das war, wie unbeschreiblich! Er fühlte sich so gut an, alles von ihm, und Ranea wollte nichts anderes als das ganze nochmal zu probieren und seine Lippen nochmal zu fühlen und ihn zu berühren. Ob er es ihr erlauben würde, dass sie seine starke Brust einmal berührte? Oder seinen Rücken oder - würde er ihre Hände halten? Würde er sie auch berühren? Plötzlich wurde ihr von der Vorstellung ganz heiß. Angenehm heiß.
      Der Hügel bewegte sich noch immer.
      Langsam blinzelte Ranea und bemerkte jetzt erst, dass ihre Augen ihr keinen Streich spielten. Dort hinten bewegte sich der Hügel, aber... nein, moment, das war ja gar nicht der Hügel selbst. Das waren Menschen. Ganz viele sogar.
      Ranea hatte ihre Aufregung mit Stanis noch nicht vergessen, aber jetzt löste sie sich ein bisschen von ihm, um einen besseren Blick erhaschen zu können. Ja, das waren ganz sicher Menschen in Rüstungen dort hinten und sie gingen alle in einer sehr langen Linie - die Linie schien sich von einem Ende der Welt bis zum nächsten zu erstrecken. Und sie hatten auch Fahnen dabei, das konnte Ranea so langsam auch erkennen. Ganz viele Fahnen, aber da schien nichts draufzustehen. Es waren nur farbige Tücher, Rot, Braun, Grün, Türkis, Lila. Das Türkis gefiel ihr besonders gut, das war so eine helle, hübsche Farbe. Sie konnte sich sehr gut ein Kleid in dieser Farbe vorstellen.
      "Stanis, sieh mal. Da sind ganz viele Menschen."
      Und sie zeigte auf die große, weite Linie, die langsam auf sie zukam.
    • An Raneas Lippen lächelte Stanis ein bisschen, als sich ihre kleinen Hände an seine Oberschenkel legten. Sie wanderten höher, während er ihr den Atem stahl, bis sie auf seiner Hüfte zum Ruhen kamen. In der Zwischenzeit drängte er das Mädchen dazu, die Lippen für ihn zu öffnen. Das zufriedene Seufzen entkam seiner Kehle und der Wunsch, noch mehr mit ihr zu machen als sie nur zu küssen, wurde immer stärker. Doch da kicherte Ranea plötzlich, brach den Kuss und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals. Seine Arme schlangen sich von selbst um ihren kleinen, zierlichen Körper. Dass es ihr gefiel verriet sie ihm über seine Schulter hinweg und ließ sein Herz hüpfen. Oh ja, er würde sie hier so lange küssen, wie sie es wollte. Und dann würde er sie anfassen, wenn er durfte. Vielleicht würde sie dann noch mehr ausprobieren wollen. Dann dürfte er doch nicht mehr nein sagen. Oder? Oder?!
      Da schob sich Ranea ein wenig von Stanis fort. Fragend sah er das Mädchen an, die nicht ihn, sondern etwas hinter ihm ansah. Ihr Gesichtsausdruck war nicht mehr voller Aufregung und Nervosität, sondern… besorgt? „Stanis, sieh mal. Da sind ganz viele Menschen.“
      „Wo?“ Nun rückte auch er weiter von ihr ab, um sich umzudrehen. Er brauchte nicht lange danach suchen. Dort hinten am Horizont hatte sich eine Linie aufgetan. Sie flackerte oben am Rand und er musste die Augen zusammenkneifen, um zu erkennen, dass es sich um Flaggen handelte. Flaggen in verschiedenen Farben. Sehr, sehr viele Flaggen. Und damit verbunden auch sehr, sehr viele Menschen.
      Sofort viel sämtliche Hitze aus Stanis‘ Magen ab und wich einer bleiernen Schwere. Das, was er da sah, war ein Aufzug. Die Flaggen wurden nicht von einem Konvoi oder Botschafter getragen, dafür waren es zu viele. Die Linie an Menschen war viel zu breit. Im Licht der Sonne glänzte und blitzte es an der Linie immer wieder auf und er erkannte, dass es Metall sein musste, was da so das Licht reflektierte. Mit anderen Worten: Es waren Soldaten.
      Stanis sprang so schnell auf die Beine, dass ihm schwindelig wurde. Adrenalin flutete seine Adern, als er auch Ranea an ihren Armen grob auf die Füße zog. Sie beide waren vermutlich die ersten, die diesen Aufzug entdeckt hatten. Zu diesem Zeitpunkt kam ihm noch nicht in den Sinn, dass die Farben der Flaggen die kuluarische Regierung repräsentierte.
      „Ranea, wir müssen weg. Die Dorfbewohner müssen das Fest abbrechen. Sie müssen flüchten!“, stieß der junge Mann aus und lief mit Ranea an der Hand ohne Abwarten los. Das ganze Dorf würde nicht fliehen können. Wohin denn auch? Diese Linie an Soldaten verschluckte ganze Landstriche. Sie würden über das Dorf herfallen und keinen Kopf auf den Schultern lassen. Immer wieder hatte er die Geschichten und Berichte der Männer gehört, wie solche Angriffe abliefen. Dass er selbst mal in einem stecken würde, hatte er nicht so kurzfristig erwartet. Also rannte er los, die Lunge brannte, Ranea stolperte, aber er zog sie einfach den fehlenden Schritt direkt weiter. Sie konnten und durften nicht anhalten.
      Als die ersten Feierwütigen in Sicht kamen, schrie Stanis schon los: „Da kommen Soldaten!“
      An den verdutzt dreinblickenden Dorfbewohnern vorbei rannte Stanis weiter bis er schließlich auf den Dorfplatz kam. Schwer atmend ließ er dort endlich die arme Ranea los, rang um Atem und formte dann einen Trichter aus seinen Händen.
      „ES KOMMEN SOLDATEN! BRECHT DAS FEST AB!“, schrie er, wobei seine Stimme am Ende brach.
      Zahlreiche Köpfe drehten sich zu ihm, Ärger, Verdruss und Kopfschütteln waren die Reaktionen, die er dafür bekam. Keiner von ihnen schien sich wirklich zu bewegen oder sich um seine Worte zu scheren. Dabei hatte Stanis doch nie gelogen. Er hatte nie falsche Warnungen gerufen. Warum reagierten sie denn nicht?!
      „Bitte!“, versuchte er es erneut, Verzweiflung hing schwer in seiner Stimme. „Ranea hat sie als erstes gesehen. Ein ganzer Aufmarsch. Sie tragen bunten Flaggen und Rüstungen. Wir müssen abbrechen!“
    • Stanis rückte ein wenig von ihr ab, um jetzt selbst einen Blick auf die Linie erhaschen zu können. Ranea vermisste sofort die Wärme, die er ihr durch seine Nähe gegeben hatte, aber sie war auch viel zu neugierig, um ihm den Anblick nicht zu gönnen. So viele Menschen. Und was war nur ihr Ziel?
      In der Entfernung war die Linie der Menschen in Rüstungen nun ein Stück näher gerückt und Ranea erkannte, dass hinter ihnen noch mehr Rüstungen folgten. Sie hatte gedacht, es wäre nur eine Linie gewesen, aber stattdessen schienen es wohl ganz viele Linien, direkt nacheinander zu sein. Wie viele Menschen mochten das sein? Sicherlich ein paar hundert, oder? Oder sogar noch mehr?
      Sie wollte Stanis danach fragen - er wusste sonst auch immer so viel - aber da war der Junge schon aufgesprungen. In seinem Gesicht zeigte sich pure Besorgnis und vielleicht sogar Schrecken. Warum?
      „Ranea, wir müssen weg. Die Dorfbewohner müssen das Fest abbrechen. Sie müssen flüchten!“
      Ranea verstand nicht, aber seine Panik steckte sie an. Jetzt klopfte auch ihr Herz, ganz schnell sogar, und nicht auf die gute Weise. Fast vergaß sie bei der Aufregung schon, dass sie ihn vor einem Moment noch geküsst hatte.
      "Warum? Was wollen diese Menschen, Stanis?"
      Aber Stanis antwortete nicht, stattdessen zog er sie ohne Umschweife mit sich. Ranea kam stolpernd auf die Füße und lief ihm strauchelnd hinterher.
      "Stanis!"
      Ohne auf sie zu hören, rannte er mit ihr direkt zurück zum Fest. Sobald die ersten Menschen in Sicht kamen, rief er schon:
      „Da kommen Soldaten!“
      Die Leute drehten sich verständnislos nach ihm um. Auf ihren Gesichtern standen dieselben Fragen geschrieben, die auch Ranea sich stellte. Doch im Gegensatz zu ihr hatten sie die nahenden Linien noch nicht erblickt.
      Stanis lief aber gleich weiter. Erst, als er den Festplatz erreicht hatte, blieb er stehen und brüllte aus vollstem Leib:
      „ES KOMMEN SOLDATEN! BRECHT DAS FEST AB!“
      Alle drehten sich nach ihm um, selbst die Musik machte eine kurze Pause, aber die erwartete Reaktion blieb aus. Stattdessen kratzten die Leute sich an den Köpfen und murrten hier und da über die Anmaßung des Jungen, einen solchen Aufstand zu machen.
      „Bitte! Ranea hat sie als erstes gesehen. Ein ganzer Aufmarsch. Sie tragen bunten Flaggen und Rüstungen. Wir müssen abbrechen!“
      "Was wollen denn Soldaten hier in Xaltis?", brummte der alte Gehnard, eine Pfeife zwischen den Lippen. Ein paar der Leute raunten sich etwas zu, aber die meisten schienen diese Meinung zu vertreten.
      "Vielleicht sind sie hinter dem Vogel her", sagte jemand anderes. "Der ist nur schon lange weg."
      Das erhielt nun deutlich mehr Zustimmung. Die Musik ging auch wieder an und Ranea ergriff wieder Stanis' Hand.
      "Stanis", sagte sie flehentlich. "Ich verstehe das nicht. Warum müssen wir weg? Sie sind bestimmt nur auf dem Weg irgendwohin. Sie werden uns doch nichts antun wollen, oder?"
    • Fassungslos blickte der junge Stanis in all die Gesichter, die fragend oder gar anklagend in seine Richtung sahen. Niemand wurde von seiner Panik angesteckt, niemand fühlte sich berufen, auf die Warnung einzugehen. Während Stanis schwer atmend da stand, zerbrachen sich die anderen Dorfbewohner lieber den Kopf über seine Worte.
      „Was wollen denn Soldaten hier in Xaltis?“, wunderte sich Gehnard und dafür hatte Stanis natürlich keine Antwort. Es gab darauf keine Antwort. Kein Grund, wieso Soldaten aus anderen Ländern plötzlich einmarschieren sollten.
      „Vielleicht sind sie hinter dem Vogel her.“
      Ah. Der Unheilsvogel. Das riesige Vieh, das seinen Schatten über sie alle geworfen hatte. Stimmte, der kam aus der gleichen Richtung wie die Soldaten. Sie hingen zusammen, das ergab Sinn, aber wie die Konstellation bestand war Stanis nicht ganz klar. Vielleicht, nur ganz vielleicht, zogen die Soldaten einfach nur durch Xaltis. Wenn sie wirklich den Vogel jagten, dann würden sie sie ausfragen nach dem Verbleib des Vogels. Dann wären sie nur auf der Durchreise… Nichts würde geschehen… Aber…
      Die Musik setzte wieder ein und Stanis‘ Blick sprang unentschlossen umher. Was sollte er tun? Was, wenn er sich täuschte und die Soldaten waren Feinde? Echte Feinde?
      „Stanis.“ Eine süße Stimme drang an sein Ohr und sein Kopf flog herum. Ranea sah ihn mit ihren großen Augen an. Große, verunsicherte Augen, die nicht begriffen, was er sich bereits ausmalte. „Ich verstehe das nicht. Warum müssen wir weg? Sie sind bestimmt nur auf dem Weg irgendwohin. Sie werden uns doch nichts antun wollen, oder?“
      Sein Gesicht entgleiste ihm und er musste es abwenden. Die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst packte er Raneas Hand nur noch fester. Er konnte mit ihr nicht das Dorf verlassen. Es gab nichts, wohin sie rennen konnten. Außerdem würden sie ihre Familien zurücklassen und was sollten… Kinder wie sie schon ohne Eltern erreichen können? Also traf er den Entschluss und zog Ranea fort von dem Fest. Er zerrte sie durch die Wege zwischen den Häusern hindurch bis er jenes fand, wo er sich am sichersten fühlte.
      „Es wird alles gut, Ranea. Mach dir keine Sorgen“, sagte Stanis, als er sie durch die schwere hölzerne Tür der Schmiede führte. Hinter sich nahm er den hölzernen Querbalken und verrammelte damit den Eingang. Das würde auf Dauer niemanden abhalten, aber besser als nichts sein. Fahrig fuhr er sich mit beiden Händen durch die Haare und löste dabei seinen Zopf. Dann drehte er sich zu dem Mädchen um. „Okay, vergiss das. Ich weiß nicht, ob alles gut wird. Aber ich lasse nicht zu, dass dir was geschieht.“
      Es half nicht, ihr etwas vorzumachen. Er musste mit offenen Karten spielen, denn sonst wäre es nur noch traumatischer für sie. Sein eigenes Herz raste schon so schnell, dass er glaubte, es würde gleich seinen Dienst quittieren. In Eile fegte er durch die Schmiede, machte jegliche Waffen aus, die er nutzen könnte. Er fand schließlich ein fertiges Kurzschwert, das immerhin heben und führen konnte. Besser als eine Mistgabel. Er stellte es an die Kisten, die neben dem Haufen an Zunderstroh und Brennholz aufgestellt worden waren. Dann winkte er Ranea heran und versteckte sich mit ihr im Stroh.
      Behutsam nahm er ihr Gesicht in beide Hände. „Pass auf. Wir bleiben hier bis ich sage, dass wir laufen. Nicht schreien, egal was du hörst. Kriegst du das hin? Wenn sie wirklich nur dem Vogel hinterher wollen, ist alles okay, aber wenn nicht…“
      Er schluckte hart und versuchte zu überspielen, dass seine Finger zitterten.
      „…wenn nicht, dann schwöre ich, dir wird nichts passieren.“
    • Stanis wandte sich ab von ihr und Ranea wurde dafür nur umso nervöser. Sie hatte ihn noch nie so aufgeregt gesehen und das machte ihr irgendwie Angst. Sie wollte den alten Stanis zurückhaben, den Jungen, mit dem sie vor ein paar Minuten noch auf der Anhöhe gesessen und ihn geküsst hatte. Wieso konnte sie das nicht wieder haben, wieso mussten plötzlich Soldaten auftauchen?
      Ohne eine Antwort zu geben zog er sie mit sich, der Griff um Raneas Hand unbarmherzig und fest. Sie hätte ihm am liebsten gesagt, dass er ihr wehtat, aber sie traute sich nicht. Stattdessen lief sie hinter ihm her und versuchte Schritt zu halten.
      „Es wird alles gut, Ranea. Mach dir keine Sorgen.“
      Die Worte klangen hohl, wenn er sie so aussprach, nachdem er doch schließlich selbst so aufgeregt war. Ranea glaubte ihm nicht. Wenn überhaupt dachte sie jetzt, dass alles nur noch schlimmer werden würde.
      Sie waren jetzt im Inneren der Schmiede und Stanis verrammelte hinter sich die schwere Tür. In dem dunklen Raum fühlte Ranea sich ganz kalt in ihrem Sommerkleid und sie knetete an dem Saum herum. Stanis fuhr sich durch die Haare bis sie ihm auf die Schultern fielen.
      „Okay, vergiss das. Ich weiß nicht, ob alles gut wird. Aber ich lasse nicht zu, dass dir was geschieht.“
      "Okay..."

      Vor Xaltis rückte die Armee in geschlossener Formation voran, doch jetzt blieb ein kleiner Teil von ihr zurück, nicht mehr als ein paar hundert Soldaten. Bögen wurden aus ihren Halterungen gezogen und Pfeile angenockt. Reiter lösten sich aus der Menge, die Wappenröcke braun gefärbt. Sie brachten Fackeln zutage, die sie entzündeten, um durch die Reihen der Bogenschützen zu reiten. Pfeilspitzen flammten auf. Ein in Xaltis nicht hörbarer Ruf erschallte von einem Soldaten in grünen Farben und Erkennungsmerkmalen an den Schultern. Er hob den Arm. Bögen bewegten sich in die Luft und Sehnen wurden zurückgezogen. Hunderte Pfeilspitzen flackerten im langsam schwindenden Abendlicht.

      Stanis blieb nicht still stehen, er lief durch die Schmiede und kam bald darauf mit einem Kurzschwert in der Hand zurück. Ranea hatte ihn noch nie bewaffnet gesehen und der Anblick löste Furcht in ihr aus. Es würde doch sicherlich nicht dazu kommen, dass sie Waffen einsetzen mussten, oder? Es waren doch nur Soldaten - sie waren doch gar nicht im Krieg. Sicher würden sie hier nur vorbeiziehen und alles würde erledigt sein. Sie könnten wieder auf das Fest und tanzen; oder zurück auf das Feld und küssen. Nur war der Gedanke ans Küssen jetzt soweit entfernt wie das Tanzen.
      Stanis winkte sie heran. Ranea kam zögernd zu ihm und kauerte sich mit ihm ins Stroh. Die Situation hatte aber nichts mehr romantisches an sich und die Halme piekten sie in die freien Waden.
      Sanft nahm er ihr Gesicht in die Hände. Ranea sah ihm furchtsam in die Augen.
      „Pass auf. Wir bleiben hier bis ich sage, dass wir laufen. Nicht schreien, egal was du hörst. Kriegst du das hin? Wenn sie wirklich nur dem Vogel hinterher wollen, ist alles okay, aber wenn nicht…“
      Er zögerte. Schluckte. Ranea hatte vermutlich noch nie so viel Angst gehabt - vor der Situation und vor Stanis.
      „…wenn nicht, dann schwöre ich, dir wird nichts passieren.“
      "Okay..."

      Der Soldat in grün ließ seinen Arm hinab sausen und alle Sehnen lösten sich gleichzeitig. Wie ein Vogelschwarm erhoben die Pfeile sich in die Luft und beschrieben einen großen, mächtigen Bogen. Ihre Feuer rauschten unter dem rötlichen Himmel, ihr Licht wurde reflektiert von den Rüstungen der voran marschierenden Soldaten. Ihre Spitzen neigten sich nach unten und sie stürzten vom Himmel herab. Sie waren nicht präzise, aber sie waren viele. Sehr viele.

      Ranea saß für geraume Zeit schweigend neben Stanis im Stroh, den Blick auf die Tür gerichtet. Sie hörte nichts und es geschah auch nichts, nur die Musik in der Entfernung, ganz leise, die konnte sie noch hören. Aber sonst veränderte sich nichts. Und je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam sie zu der Überzeugung, dass alles schon in Ordnung war. Dass die Soldaten in diesem Moment einfach vorbeizogen.
      Doch da hörte die Musik mit einem Schlag auf. Und im nächsten Augenblick erklangen die Schreie.

      Die Pfeile fuhren in Holzwände, Strohdächer, Erntewagen, Heuballen und Menschen. Frauen und Kinder. Alte und Kranke. Starke sowie Schwache. Wo sie trafen, fraß sich ihr Feuer in Holz, Kleidung und Stroh, breitete sich aus und nahm an Fahrt auf. Die Pfeile hatten keine Präzision, aber es waren viele. So viele.

      Ranea packte Stanis' Oberarm und hielt sich an ihm fest. Grauen packte sie und sie riss die Augen auf, während sie auf die Tür starrte. Die Schreie vermehrten sich jetzt, wurden lauter. Es waren keine Schreie der Freude, sondern panische Ausstoße, tierische Geräusche, schrill und spitz, die sich selbst überschlugen. Ranea hatte noch nie etwas so furchtbares gehört. Es fraß sich durch ihre Eingeweide und setzte sich in ihren Knochen fest.
      "Stanis, was passiert da? Stanis."
      Außerhalb der Schmiede schlugen mehrere Gegenstände dumpf auf, irgendwo knackte Holz. Das Dach der Schmiede knackte auch, aber nur einmal und sehr kurz. Ranea richtete den Blick nach oben und dann wieder auf die Tür. Sie konnte sich einfach nicht dazu bringen sich davon abzuwenden.
      "Stanis ich hab Angst."

      Die erste Reihe an Soldaten erreichten die Felder als die Feuer sich noch ausbreiteten. Feuer begleitete jeden ihrer Schritte und nichts blieb auf ihrem Weg liegen. Wagen wurden zertrümmert, Vieh wurde geschlachtet, Heu wurde in Brand gesteckt. Sie verlangsamten ihre Schritte nicht, noch reagierten sie auf die Schreie und das Entsetzen, das sich vor ihnen ausbreitete. Sie marschierten im Gleichschritt weiter, ungerührt, ungestraft. Als die ersten Menschen ihnen entgegen liefen, richteten sie ihre Waffen gegen sie.
    • Stanis‘ Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
      Mit seiner freien Hand hielt er die von Ranea, die andere war krampfhaft um den Griff des Schwertes geschlossen. Er starre wie sie auch auf die Tür, als würde das allein genügen, damit sie verschont blieben vor dem, was sich draußen abspielte. Früh genug hatte er reagiert und sich mit dem Mädchen in vermeintliche Sicherheit begeben, sodass es lange dauerte, bis sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten. Als die Musik aussetzte tat es auch sein Herzschlag. Und dann kam das, wovor er sich gefürchtet hatte: Die Schreie.
      Es waren keine Schreie wie vom Feld, wenn er den Ochsen wieder mal nicht angebunden hatte. Oder die Schreie, wenn eine Mutter ihre Kinder zum Essen rief. Diese Schreie waren anders, roh und alles andere als vertraut. Sie waren geprägt von Angst, von Schmerz und Panik. Auch wenn Stanis selbst nicht schrie ging diese Panik fast nahtlos auf ihn über. Ranea neben ihm bewegte sich und er bemerkte, dass er ihre Hand viel zu fest drückte. „Verzeih“, presste er hervor, wobei seine Stimme die Schreie draußen nur knapp übertönte.
      Sie packte seinen Oberarm und schmiegte sich noch enger an ihn. In einer anderen Situation hätte er sich darüber gefreut, aber nicht in dieser. Er warf ihr einen Blick zu, der ihr Sicherheit vermitteln sollte. Doch die Sorge war ihm vermutlich ins Gesicht geschrieben. „Stanis, was passiert da? Stanis?“
      Er zog eine Grimasse, unschlüssig, ob er ihr seine Gedanken offenlegen sollte. Sein Atem ging schon viel zu schnell und er entschied sich, die Wahrheit zu sagen. „Wir werden angegriffen. Die Soldaten sind von anderen Ländern. Kuluar, wenn ich an die Farben denke.“
      Dumpfes Geprassel ertönte und schnitt Stanis die Worte ab. Er erstarrte, lauschte und sah ruckartig zur Decke, als es auch dort knackte. Entgegen Ranea starrte er weiter auf das Dachgebälk. Da stimmte was nicht.
      „Stanis ich hab Angst.“
      „…Ich auch.“

      Es vergingen grausame Minuten, in denen sie unentdeckt in der Schmiede blieben. Draußen wütete das Chaos, Schritte ertönten, Schreie wurden zu Stöhnen und dann Stille. Es prasselte, aber nicht von Regen, und der Geruch von Verbranntem stieg ihnen in die Nase.
      Dann wurde unvermittelt die Tür zur Schmiede aufgerissen und Stanis drückte sich selbst mit Ranea tiefer ins Stroh. Zu seinem Entsetzen stürzte Imalia in die Schmiede, ihre Haare ein einziges Chaos, das Kleid verschmutzt. Sie stolperte über ihre eigenen Füße und fiel zu Boden, wobei sie sich wimmernd auf den Hintern drehte. Von ihrer Position aus sahen Stanis und Ranea, wie sie voller Grauen vom Eingang wegrobbte, durch den ein Mann in silberner Rüstung hereintrat. Braune Bänder und Embleme zierten die Rüstung, sein Kurzschwert war an der Schneide dunkel verfärbt. Er ging langsam, machte sich ein Bild von der jungen Frau, die am Boden wimmerte.
      „Bitte… B-Bitte nicht!“, flehte Imalia und Tränen rannen ihr über die Wangen.
      Der Soldat sagte nichts, als er sich vor ihr aufbaute und sie für einen Augenblick in Augenschein nahm. Imalia zitterte und schüttelte immer wieder den Kopf. Dann hob der Soldat seinen Schwertarm und ließ die Klinge auf die wehrlose Frau niederfahren.
      Stanis‘ Augen quollen beinahe aus den Höhlen, als er seine Hand fest auf Raneas Mund presste, um jegliches Geräusch von ihr zu ersticken. Vor ihren Augen trieb der Soldat das Schwert durch Imalias Schulter, zersplitterte ihr Schlüsselbein und blieb schließlich stecken. Mit einem widerlichen Geräusch zog er die bluttriefende Klinge wieder heraus, die gurgelnde Imalia fiel auf den Rücken. Ihr Körper zuckte, ihre Hände fuhren blindlinks herum, als sich eine Lache unter ihr bildete. Schneller als ihm lieb war bezeugte Stanis, wie Imalia aufhörte zu zucken und regungslos liegen blieb, das Gesicht von ihnen abgewandt. Der Soldat wartete ab, dann drehte er den Kopf und Stanis zog Ranea noch enger an sich. Seine Lunge schrie, als er sich das Atmen verwehrte und sich so regungslos verhielt wie nur irgendwie möglich. Draußen wurde ein Kommando auf einer anderen Sprache gerufen und der Soldat machte kehrt. Ohne die Tür zu schließen verließ er die Schmiede und ließ sie beide mit der toten Imalia zurück.
      Etwas Warmes lief Stanis über seine Hand, die vor Raneas Mund gepresst war. Ruckartig gab er sie frei und schnappte selbst nach Luft bevor er bemerkte, dass es Tränen waren. Ihre Tränen. „Scheiße, Ranea, es tut mir leid. Sieh nicht hin. Sieh nicht hin. Komm schon. Schau mich an“, versuchte er das Mädchen zu bekehren, die einem Zusammenbruch nahe war. Auch er hatte noch nie gesehen, wie ein Mensch starb. Oder wie Schwerter eingesetzt wurden. Es war grausam und die Vorstellung, dass der Körper da drüben langsam auskühlte und steif wurde, drehte ihm den Magen um. Aber er musste durchhalten. Für sich. Für Ranea.
      Wieder knackte es und als Stanis dieses Mal hochsah, fielen glimmende Teile des Strohdaches zu Boden. Das Entsetzen erreichte einen neuen Höchststand als er realisierte, dass das Dach brannte. Es waren Brandpfeile gewesen, die eingeschlagen waren. Das war das Geräusch gewesen. Und das bedeutete, dass sie raus mussten. Raus in die Hölle, die dort auf sie wartete.
      Stanis fluchte derb und hemmungslos, als er sich aus dem Stroh auf kämpfte und Ranea mit hochzog. „Wir müssen raus. Das Dach brennt“, sagte er knapp und packte sein Kurzschwert fester, während er Ranea Richtung Ausgang zog. Er schaute vehement nicht auf den Körper von Imalia und positionierte sich so, dass er Raneas Blickfeld auf Imalia blockierte. „Nicht hinsehen. Raus. Einfach raus. Und dann laufen wir.“
      Draußen war die Hölle los. Leute flohen, alle schrien. Es war der reinste Alptraum. „Komm schon. Wir schaffen das. Ich habs dir versprochen“, erinnerte er das völlig verängstigte Mädchen an seiner Seite und sah sie sorgenvoll an. Endlich erreichten sie die Tür. „Pass auf, wir laufen je-„
      Stanis blieb abrupt vor dem Türrahmen stehen. Vor ihm stand ein Soldat, vielleicht sogar der Soldat. Auch er trug das Braun als Erkennung, sein Schwert hielt er mit der Spitze zu Boden gesenkt. Außer seinem breiten Rahmen konnte Stanis nichts hinter ihm erkennen. Er schnitt ihnen den Weg ab. Der Mann trug ein Vollvisier, weshalb er das Gesicht nicht erkennen konnte. Aber die Augen, die er sah, waren kalt und emotionslos.
      „ZURÜCK!“, brüllte Stanis und schubste Ranea nach hinten. Sie taumelte, stolperte über den am Boden liegenden Körper und fiel zu Boden. Stanis wich ebenfalls zurück und hob das Schwert, so, wie er es für richtig hielt. Der Soldat betrat die Schmiede mit langsamen, selbstbewussten Schritten, während Stanis‘ Arme wie Espenlaub zitterten. Aber er hatte es Ranea versprochen. Er würde sie schützen. „Bitte geht! Wir sind nur Bauern, mehr nicht!“
      Der Soldat reagierte nicht auf Stanis‘ Worte. Vielleicht verstand er ihre Sprache nicht. Oder er hielt es nicht für notwendig. Es spielte keine Rolle. Hinter Stanis schluchzte Ranea. Er packte das Schwert fester. Dann warf er sich nach vorn, das Schwert erhoben. Sein gellender Schrei ging in metallischem Scheppern unter, als der Soldat den Schlag parierte und selbst nachsetzte. Stanis wurde von einem Ruck erfasst, dann klirrte es erneut. Der junge Mann wich zurück und starrte den Soldaten an, von dessen Schwert Blut tropfte.
      Erst dann kam der Schmerz. Ein so übler Schmerz, dass ihm fast Schwarz vor Augen wurde. Sein rechter Arm brannte nicht nur, er schmerzte. Er stöhnte, als ihm schwindelig wurde. Dann fiel sein Blick auf den Boden, wo ein Schwert lag. Sein Schwert.
      Mit einer darum geschlossenen Hand und Teil eines Unterarms.
      Stanis‘ Blick ging zu seinem Arm. Statt seiner Hand war dort… nichts mehr. Zersplitterter Knochen ragte aus dem Stumpf hervor, abgetrenntes Fleisch baumelte herunter. Ströme von Blut ergossen sich auf den Boden und mischten sich mit dem von Imalia. Stanis packte sich mit der anderen Hand am verletzten Oberarm und drückte zu. Der Blutschwall verebbte nicht. Der Schwindel nahm zu, die Übelkeit wurde übermächtig. Schmerz und Kälte machten ihn taub, doch er weigerte sich vor Ranea wegzutreten.
      „Nicht… Ranea…“, keuchte Stanis und wankte bereits, als der Soldat mit erhobenem Schwert auf ihn zukam. „Verpiss… dich, du… schei-„
      Weiter kam Stanis nicht. Als der Soldat sein Schwert durch Stanis‘ Brust trieb, brach er fast auf der Stelle zusammen. Das Atmen fiel ihm schwer. Er bekam keine Luft mehr, als sein Gesicht auf dem Boden aufschlug und Blut in seine Augen spritzte. Tränen aus Wasser und Blut rannen über sein Gesicht, als er nach Luft japste. Blut füllte seine Lungen. Er erstickte. Sein Blick verschwamm, während seine Augen nach Ranea suchten. Der Soldat trat über ihn hinweg. Keine Ranea zu sehen. Seine Ohren klingelten, wurden taub. Die Kälte zog herein. Sein Blickfeld wurde dunkler, immer dunkler. Er hatte ihr versprochen, sie zu beschützen. Sein Wort hatte er nicht halten können. Die Dorfbewohner hätten doch nur auf ihn hören müssen. Jetzt konnte er ihr nicht einmal mehr sagen, dass er sie liebte. Zorn flammte in seinem Herzen auf bevor es seinen letzten Schlag tat und Stanis aufhörte zu atmen.
    • Eine geraume Zeit lang saßen sie zusammengekauert im Stroh, unfähig sich zu bewegen. Stanis hatte Ranea so fest gepackt, dass es ihr wehtat, aber sie wagte nicht, seinen Griff zu lockern. Wenn er sie losließ, würde sie sicher gleich losschreien. Sie hatte so, so große Angst.
      Die Schreie von draußen wurden nicht weniger. Sie kamen jetzt näher, verstummten teilweise schlagartig, entfernten sich teilweise wieder. Die Geräusche waren furchtbar und prägten sich tief in Raneas Gedächtnis ein. Sie wurden angegriffen, hatte Stanis gesagt. Das konnte doch gar nicht möglich sein, es kam ihr so surreal vor. Angegriffen wurde man in Geschichten und Märchen, aber doch nicht in der Wirklichkeit, nicht in Xaltis. Das konnte einfach nicht sein. Bestimmt war das alles nur ein ganz großer, böser Traum. Bestimmt würde Ranea bald in ihrem Bett aufwachen und könnte gleich ihrer Mutter davon erzählen gehen. Und dann Stanis, ja, natürlich. Sie würde ihm erzählen, wie sie von ihm geträumt hatte.
      Die Tür sprang plötzlich auf. Das Holz knallte krachend gegen die Wand und herein kam Imalia gestürmt, das kurze Kleid völlig verdreckt, die Haare wirr und zerzaust, in ihrem Gesicht ein Ausdruck puren Terrors. Sie stürmte mit riesigen Schritten ihrer langen Beine herein, blieb in ihrer Hast an ihrer eigenen Ferse hängen und stürzte der Länge nach auf den Boden. Ein verzweifeltes Geräusch drang ihr über die Lippen, bei dem es Ranea sämtliche Haare aufstellten. Stanis packte sie bereits und drückte sie tiefer mit sich ins Stroh, aber sie konnte den Blick nicht von der Frau abwenden, von dem bodenlosen Entsetzen, das sich auf ihrem Gesicht widerspiegelte. In diesem Moment hatte sie völlig vergessen, dass sie Imalia eigentlich nicht mochte. Niemand sollte so aussehen. Diese Angst hätten ihre schlimmsten Feinde nicht verdient.
      Imalia drehte sich um. Im Türrahmen tauchte ein Soldat auf, die blank polierte Rüstung schimmernd im schwindenden Sonnenlicht. Oder nein, nicht im Sonnenlicht; in den flackernden Flammen, die in seinem Hintergrund wüteten, sich in die Luft erhoben, ihre vernichtenden Krallen nach Stroh und Holz ausstreckten. Sie beleuchteten seinen Umriss und tauchten sein Visier in undurchdringliche Schatten, die sich auf Imalia fokussierten. Er trug ein Schwert in der Hand, dessen Klinge so lang war wie sein Unterarm und von der frische Farbe tropfte. Es musste Farbe sein, denn etwas anderes mochte Ranea sich gar nicht ausmalen. Etwas anderes wäre viel zu grauenvoll gewesen, um von ihrem Verstand begriffen zu werden.
      Imalia wand sich bei seinem Anblick auf dem Boden.
      „Bitte… B-Bitte nicht!“
      Alles liebenswürdige war aus ihrer Stimme verblasst und nun schwebte darin Angst und Terror, die Raneas Eingeweide verkrampfen ließen. Sie glaubte, dass es langsam an der Zeit war, aufzuwachen. Dieser Traum gefiel ihr mit jeder Sekunde weniger und weniger. Bitte, lass mich aufwachen. Lass mich jetzt aufwachen.
      Der Soldat trat ein. Er bewegte sich langsam, das Visier noch immer in Dunkelheit getaucht. Sein Schwertarm hob sich mit einer Unwiederbringlichkeit, die selbst seine Langsamkeit nicht aufhalten konnte. Raneas Augen weiteten sich. Sie hatte das Gefühl, gleich schreien zu müssen bei dem Grauen, das sie packte.
      Sie wachte nicht auf. Die Schmiede verblasste nicht, um von dem Anblick ihres Kinderzimmers ersetzt zu werden. Ranea blieb dort sitzen, im Stroh, und sah mit eigenen Augen, wie die Klinge niedersauste.
      Ein Schrei entriss sich ihrer Kehle, der von Stanis' großer Hand gedämpft wurde. Ihr Magen drehte sich um und sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihre Augen quollen aus den Höhlen und eine durchtriebene Panik schloss die eiskalten Klauen um ihr Herz. Imalia wurde von der Klinge aufgeschlitzt wie eine Puppe. Eine Fontäne aus Blut spritzte hervor - nein, Farbe, FARBE! - und benetzte den Boden, die Wand, den Ofen, das Stroh. Die Klinge. Die schon farbige Klinge, die sich nun mit einem nassen Schmatzen aus der Wunde löste und all die Farbe auf den Boden tropfen ließ. Ranea wagte es gar nicht hinzusehen. Ihre Augen füllten sich mit heißen Tränen und verzerrten alles, aber die Geräusche, die Schreie, das Feuer, die vielen Schritte, die hielten sie im Moment fest. Der Geruch. Denn plötzlich war die Luft erfüllt von einem hässlichen Bleigeruch, von dem Ranea ganz schlecht wurde. Sie wollte nicht benennen, wonach es da roch. Sie wollte nicht.
      Der Soldat drehte den Kopf. Von draußen ertönte ein bellender Ruf in einer Sprache, deren Silben sich ganz geschwungen anhörten und der Soldat machte sofort kehrt. Er ging nach draußen und ließ Imalia alleine auf dem Boden zurück. Nein, die Puppe. Das war eine Puppe, so wie auch die ganze Nässe Farbe war. Bleierne Farbe.
      Ranea weinte. Die Tränen liefen ihr unaufhaltsam über die Wangen und als Stanis die Hand wegnahm, brach ein furchtbares Schluchzen aus ihr heraus. Sie wollte eigentlich gar nicht. Das war doch alles nur ein Traum, sie wollte nicht auch noch weinen! Ich will aufwachen!
      „Scheiße, Ranea, es tut mir leid. Sieh nicht hin. Sieh nicht hin. Komm schon. Schau mich an.“
      Verzweiflung lag in Stanis' Stimme, die an Raneas Eingeweiden zog. Sie wandte ihm ihre von Tränen verschleierten Augen zu und weinte nur noch mehr, weil sein eigenes Gesicht von blanker Angst nur so verzerrt war. Er sollte nicht so aussehen. Wenn er so Angst hatte, dann bedeutete das nur... dann konnte das nur bedeuten...
      "Stanis. Oh, Stanis. Stanis."
      Sie schluchzte wieder und Stanis hielt sie fest. Von draußen drangen noch immer Schreie herein, aber es wurden weniger. Oh Götter, es wurden weniger.
      Von oben knackte es wieder. Ranea zuckte zusammen, als ein flackerndes Stück Strohdach nach unten fiel und auf dem Boden brutzelte. Selbst die ganze Farbe konnte nicht aufhalten, dass die Flammen das Stroh auffraßen.
      Stanis stieß einen Fluch aus, den Ranea noch von keinem Erwachsenen gehört hatte, und zog sie auf die Beine.
      „Wir müssen raus. Das Dach brennt.“
      Plötzlich musste alles schnell gehen. Wieder knackte das Dach und Stanis zog die schluchzende Ranea hinter sich her aus dem Stroh. Ihre Schuhe platschten geräuschvoll in die viele Farbe und hinterließen warme Spritzer auf ihrem Knöchel. Ranea weinte noch mehr. Sie wollte die Puppe auf dem Boden nicht ansehen, sie wollte nicht. Sie würde nie wieder wegsehen können.
      „Nicht hinsehen."
      Stanis ging vor ihr her, ging an der Puppe vorbei. Ranea heulte und starrte auf seinen Rücken.
      "Raus. Einfach raus. Und dann laufen wir.“
      "Okay. Okay."
      Sie packte seine Hand ganz fest und ließ - endlich - die viele Farbe hinter sich.
      Draußen war das Chaos los. Überall waren Soldaten, überall waren schreiende Leute, jedes zweite Haus brannte. Die Flammen waren heller als die untergehende Sonne. Sie beleuchtete Ecken und Straßen, wo farbige Puppen lagen, die Ranea lieber gar nicht so genau ansehen wollte. Sie konzentrierte sich vehement auf Stanis.
      „Komm schon. Wir schaffen das. Ich hab's dir versprochen.“
      Ranea nickte heftig und heulte schon wieder. Sie konnte einfach nicht anders, dabei wollte sie endlich aufwachen. Sie wollte, dass es vorbei war.
      „Pass auf, wir laufen je-"
      Stanis blieb plötzlich im Türrahmen stehen und Ranea lief in ihn herein. Sie klammerte sich schnell an seinen Arm und versuchte ihr Zittern zu unterdrücken.
      Vor ihnen stand ein Soldat. Er sah sie beide an.
      "ZURÜCK!"
      Ranea stolperte sofort rückwärts. Ihr Fuß stieß auf Widerstand und sie stürzte zu Boden. Ihr Kleid riss auf, sie stieß sich den Kopf an und als sie ihn drehte, sah sie, dass sie über die Puppe gestolpert war. Über Imalias Puppe. Ihr Körper wurde gelähmt von einem furchtbaren Entsetzen und sie starrte die Puppe an, starrte in die Augen. Ihre Augen standen offen. Die Puppe hatte die Augen von Imalia.
      Stanis wich einen einzelnen Schritt zurück, dann hob er das Schwert, das er in der Schmiede gefunden hatte. Die Klinge war genauso lang wie die des Soldaten und unbefleckt; auf ihrem glänzenden Stahl spiegelte sich das tanzende Feuer. Stanis packte sie mit beiden Händen und hielt sie wie ein richtiger Mann, wie jemand, der damit umzugehen wusste.
      „Bitte geht! Wir sind nur Bauern, mehr nicht!“
      Seine Stimme troff wieder von dieser entsetzlichen Verzweiflung, aber der Soldat blieb reglos, so wie auch bei Imalia. Unbeirrten Schrittes kam er weiter hinein und hob seinen Schwertarm, so wie auch bei Imalia. Stanis' eigenes Schwert schien ihm nicht zu imponieren, denn er würdigte es nicht einmal eines Blickes. Sein in Dunkelheit getauchtes Gesicht lag ganz allein auf Stanis.
      "Nein!", schrie Ranea. Vor ihrem inneren Auge sah sie Stanis bereits zu einer Puppe werden, so wie es auch mit Imalia geschehen war. Sie sah, wie ihn Farbe bespritzte und er sich auf den Boden legte. Wie ihm die Augen offen stehen blieben. "Nein!"
      Und Stanis setzte mit einem Brüllen nach vorne, das zeigte, was für ein Mann bereits aus ihm geworden war. Seine Klinge durchschnitt die Luft und Ranea sah den kraftvollen Schwung, der auf den Soldaten zuhielt, so schnell und so mächtig. Stanis würde ihn teilen, so wie der Soldat die Puppe geteilt hatte. Er würde mit seiner Wucht die Rüstung durchdringen und den Soldaten in eine Puppe verwandeln. Er würde die Farbe spritzen lassen, so wie sie auch aus Imalias Puppe gespritzt war. Dagegen hatte der Soldat keine Chance.
      Doch plötzlich vollzog der Soldat eine Bewegung, die so schnell war, dass sie vor Raneas Augen verschwamm. Er riss das Schwert nach oben und als die beiden Klingen aufeinander krachten, stolperte Stanis nach hinten, von einer Wucht erfasst, die seinen eigenen Schwung im Vergleich ganz schwach wirken ließ. Doch der Soldat beließ es nicht dabei. Wieder bewegte er sich, schneller als bei Imalia, schneller als Ranea es jemals hätte begreifen können und sein Schwert durchschnitt die Luft. Farbe spritzte. Stanis stolperte wieder. Sein Schwert fiel zu Boden.
      Und an seinem Schwert sein Arm.
      Abgetrennt am Unterarm.
      Die Hand zur Faust um den Schwertgriff geschlossen.
      Und der Soldat bewegte sich erneut.
      "STANIS!", kreischte Ranea und streckte die Hand nach ihm aus. Entsetzen packte sie bei dem Anblick. Sie wollte, dass er sie wieder bei der Hand nahm, dass er sie zurück ins Stroh zog, dass er ihr sagte, dass alles gut werden würde. Dass er es versprochen hatte. Sie wollte, dass er ihr den Mund zuhielt, dass er ihr befahl, nicht hinzusehen. Dass er sie tiefer ins Stroh drückte.
      Was Stanis tat, war auf seinen Arm hinabzusehen und seinen Stumpf zu erfassen. Er rührte sich nicht, als der Soldat vor ihn trat.
      „Nicht… Ranea… Verpiss… dich, du… schei-“
      Das Schwert sauste auf ihn zu und drang plötzlich aus seinem Rücken heraus, wie ein völlig verkehrter, furchtbarer Zaubertrick. Ranea schrie. Sie sah, wie Stanis' Beine einknickten und er ungebremst auf den Boden fiel. Das Schwert glitt aus ihm heraus - aus ihm heraus - und ließ die Farbe mit Imalias vermischen. Stanis gab ein Geräusch von sich, an das sich Ranea für den Rest ihres Lebens erinnern würde, dann wurde er plötzlich still. Er bewegte sich nicht mehr.
      "STANIS! STANIS!"
      Der Soldat stieg über ihn hinweg. Er würdigte Stanis, wie sein Schwert vorhin, keines Blickes mehr.
      "STANIS! STEH AUF! STANIS! HILF MIR, STANIS! STEH AUF!!"
      Er bewegte sich nicht. Stanis bewegte sich nicht. Er sah aus wie eine Puppe. Wie Imalia. ICH WILL AUFWACHEN!
      Der Soldat kam. Ranea kroch rückwärts von ihm weg, dann drehte sie sich um, glitt in roter Farbe aus und kam rennend auf die Füße. Sie rannte, so schnell sie konnte, weiter in die Schmiede hinein, bis sie auf die Wand neben dem Stroh stieß. Es gab keine zweite Tür. Mit den Fingernägeln versuchte sie eins der Bretter abzukratzen, aber es ließ sich nicht bewegen. Hinter sich hörte sie die schweren Stiefel des Soldaten und das leise Platschen der Farbe. So viel Farbe. Stanis' und Imalias Farbe.
      "STANIS! OH STANIS!"
      Ranea heulte wieder. Sie bekam das Brett einfach nicht ab. Es bewegte sich keinen Zentimeter. Ihre Fingernägel rissen ein.
      Die Schritte kamen nahe und Ranea stieß sich schnell von der Wand ab. Sie warf sich in das Stroh, wo sie bis eben noch mit Stanis gekauert hatte und rollte sich zusammen. Zwischen ihrem Schluchzen und Schreien versuchte sie an Stanis zu denken, an seinen Geruch, den er vielleicht hier im Stroh hinterlassen hatte, an seine Wärme, die womöglich immernoch hier war. Sie roch Blei und das Stroh war kalt. So kalt.
      Fest presste sie die Augen zusammen und schlang die Arme um den Kopf. Sie konnte nicht aufhören zu weinen. Ihr ganzer Körper erzitterte davon und sie heulte umso mehr, als die Schritte neben dem Stroh verklangen. Sie wollte jetzt aufwachen. Sie wollte jetzt aufwachen.
      Der Schlag kam und löschte ihre Welt aus. Sie spürte nichts, nicht einmal das Eintreten der Kälte und auch nicht, wie ihr Halswirbel von der Klinge durchtrennt wurde. Von jetzt auf gleich war sie nicht mehr.
      Oh, Stanis.
    • Echte Götter bluteten nicht.
      Das war nicht nur ein Gerücht, es war die Wahrheit. Kassandra hatte es unzählige Male zu sehen bekommen, als sie damals noch in den Himmel geweilt hatte. Damals, als man sie noch nicht als Aussätzige verstoßen hatte und sie Zeuge von dem wurde, wie sich Götter in ihrer Langeweile Abhilfe schafften.
      Hier unten auf der Erde sah die Welt schon anders aus. Das bezeugte die mächtige Hellebarde, deren Spitze auf der blutdurchtränkten Erde zu Kassandras Füßen ruhte. In dunkelroten, klebrigen Striemen suchte sich der Lebenssaft seinen Weg nach unten und würde jede gewöhnliche Waffe auf Dauer ruinieren. Das, was dort auf den Boden troff, war kein Menschenblut. Als Omen war sie in ihrer wahren Gestalt hoch über den Köpfen der Menschen in Xafia hinweg geflogen und hatte mit ihrem Schatten darauf hingedeutet, welche Zukunft ihrem Land bevorstand. Doch dabei sollte es keine menschlichen Opfer geben, jedenfalls nicht durch ihre Hand. Ihrer Spur folgend fielen Soldaten in das Land ein – dessen war sie sich bewusst. Ebenso, wie all die Lichter, die plötzlich erloschen, als das erste Dorf im Wege lag. Jedes Mal, wenn eines ausging, traf es sie wie einen Blitzschlag, und doch behielt sie ihren Kurs bei. Trotz allem flog sie weiter auf das Ziel zu, welches sie sich auserkoren hatte und die Vorfreude darüber wog nicht gering.
      In den Büchern des Landes stand dieser Tag fortan als einer der Schwärzesten niedergeschrieben. Nicht nur, weil Kuluar ohne Andeutung Xafia überrannte, sondern auch, weil sie vor Kopf eine nachtschwarze Gottheit hatten. Wie das Unheil selbst fiel der riesige Phönix mitten in die Hauptstadt ein, in der sich die beiden stationierten Champions aufhielten. Sie hatten extra auf diesen Moment gewartet, dass beide Champions vor Ort waren, damit Kassandra mit dem Überraschungsmoment beide überrumpeln konnte. Ihr Erscheinen glich einem Meteoriteneinschlag, der den ersten Champion fast augenblicklich von der Erdoberfläche pulverisierte. Noch bevor er überhaupt hatte begreifen können, war auch sein Licht vergangen und die Welt atmete auf. Sein Kumpane hingegen, ein Kentaur, war nicht nur klüger, sondern auch schneller. Er hatte früh genug sich und seinen Träger geschützt, als der schwarze Phönix vom Himmel kam. Danach war er direkt in den Zweikampf übergegangen.
      Kassandra war in ihre menschliche Erscheinung gewechselt, ohne Rüstung, aber dafür mit ihrer Waffe, wie Zoras sie auch kannte. Nur hier und jetzt ließ sie zu, dass ein wildes und befreites Grinsen ihr wunderschönes Gesicht entstellte. Es fielen keine gesprochenen Worte, als sie sich auf den Kentaur stürzte. Es entzog sich sogar dem sterblichen Auge, als die zwei Götter kurzerhand Ernst machten. Doch der unglückliche Kentaur hatte gegen eine befreite Gottheit keine Chance. Der Ausbruch des Kampfes dauerte nur wenige Minuten, dann trennte Kassandra dem Kentaur mit einem sauberen Schwung ihrer Hellebarde den Kopf von den Schultern.
      Und daher trug sie nun an ihrer Waffe den Beweis für alle sichtbar, dass Götter, die vermenschlicht wurden, ebenso bluteten. Die Phönixin selbst trug nicht einen Kratzer davon. Dieses Mal legte sie es nicht auf eine Spielerei an. Dieses Mal hatte sie Ernst gemacht, um dem Land so viel Terror wie nur irgendwie möglich ersparen zu können. Doch ihr kampferprobtes Herz schlug nicht schneller, heißer, wie wenn sie sich wirklich hätte ausleben dürfen. Es war kalt geblieben bei diesem Massaker, das sich vor ihren Augen in seine Bestandteile zersetzte. Die sterblichen Hüllen von Göttern lösten sich auf, wenn die Essenz gelöscht wurde. Und Götter in ihrer Championgestalt waren vergleichbar wie Menschen zu töten. Diese Angst realisierten sie alle irgendwann und wenn nicht, dann endeten sie wie der Kentaur und sein Kumpane.
      Ohne Champions und im Angesicht einer entfesselten Gottheit kapitulierte der Kopf von Xafia ohne Umschweife. Wie ein Mahnmal verharrte Kassandra an Ort und Stelle, während das Blut zu trocknen begann, ihr dunkles Haar wie Rauchschwaden im Wind wehten und sich die Vorhut der kuluarischen Streitmacht bereits ihren Weg zu ihr bahnte. Sie hatten damit kalkuliert, dass Kassandra nur kurz mit den Champions beschäftigt sein würde und eine berittene Vorhut geschickt. Weil Kassandra den Einsatz als verhältnismäßig leicht und gefahrlos eingeschätzt hatte, hatte niemand etwas entgegen zu setzen gehabt, dass der König höchstpersönlich seine Vorhut anführte. Dass er beim nächsten Mal nicht mehr an der Spitze sein würde, hatte Kassandra bereits mit Esho mehr als eindringlich geklärt. Interessanterweise war er in diesem Punkt sogar ihrer Meinung gewesen. Ohne listige Hintergedanken.
    • Xafias Eroberung dauerte einen Monat. Die zweit-kürzeste Eroberung in der Geschichte der ganzen Welt.
      Obwohl auch Kuluars Seite seine Verluste zu beklagen hatte, war alles einfach gewesen. Die Armee marschierte hinter dem Phönix her, der seinen gewaltigen Schatten wie ein Omen auf all jene Siedlungen warf, die in seinem Weg lagen, und damit ihr Schicksal besiegelte. Nach ihm folgte der Tod. Die Armee marschierte auf einem geraden Weg durch das Land und ließ sich dabei nicht von Städten, nicht von Garnisonen und nicht von Bergen, Sümpfen und Wäldern aufhalten. Sie mordete, was noch lebte, verbrannte, was noch stand, und zerstörte, was noch war, bis in ihrem eigenen Schatten nichts mehr übrig war als brennende Erde. Es war ein Massaker, das seinen Blutzoll forderte. Sie marschierten wie Männer und schlachteten wie Tiere.
      Aber dafür war alles in einem Monat vorbei. Ein Monat und über Xafias Hauptstadt erhob sich eine türkise Fahne.
      Zoras brach mit seiner Vorhut über die Versammlung ein, die sich Verteidigung schimpfen wollte. Kassandra war bereits über die Champions hergefallen und so hatte sich alle Gegenwehr, die sich gegen die Phönixin gewandt hatte, sofort in Luft aufgelöst, als die einzigen Champions des Landes gefallen waren. Die Herrschaft war zusammengebrochen. Politiker, Kommandanten und Offiziere hatten versucht, die Macht zu übernehmen und in eine Richtung - dem Feind entgegen - zu lenken, nur um sich dabei selbst in die Quere zu kommen. Mehr als die Hälfte der Armee war bei Kassandras Auftreten, die Hellebarde voller Blut, desertiert. Ihre Schreie und Rufe hatten sich über die Stadt hinweg getragen und jeden ergriffen, der nicht selbst schon vor dem Unvermeidlichen zu flüchten versuchte. Man hatte sie ziehen gelassen, aber so war der Rest, der kümmerliche Rest, der an seiner Existenz festhalten wollte, nicht genug, um gegen eine berittene Vorhut zu bestehen. Zoras pflügte durch sie hindurch wie durch die Bauern, die die Armee gerissen hatte, und brachte Tod und Verderben über die letzten, die ihrem Land treu beizustehen versucht hatten. Er zerstörte sie. Als er mit ihnen fertig war, war nichts mehr von ihnen übrig als eine Masse aus Blut und Körpern.
      Beim Palast sah er sie dann. Er drosselte seine Männer und wies sie mit knappen Befehlen an, den Vorplatz zu sichern. Zoras selbst stieg ab und ging auf die einsame Gestalt zu, die dort inmitten von Trümmern und Scherben alter Existenzen stand, die Haare vom Wind lebendig geworden, die Augen kühl und doch feurig, die gewaltige Waffe mit göttlichem Blut benetzt. Sie hielt seinen Blick und rührte sich nicht, als der große, mit türkisen Akzenten verzierte Soldat vor ihr stehenblieb und seinen Helm abnahm. Kühle Luft trocknete den Schweiß, der sich auf Zoras' Haut gebildet hatte, aber er lächelte. In seinen Augen tobte derselbe Quell an Leidenschaft, der in Kassandra brannte, doch ihre Auszüge unterschieden sich voneinander. Zoras würde nichts so sehr genießen wie den Kampf auf Pferderücken, während Kassandra niemals ohne ihre Freiheit kämpfen mochte.
      Vielleicht war es letzten Endes auch doch dasselbe.
      "Kassandra", sagte der große, von Blut besudelte Mann erstaunlich sanft und zog einen Handschuh aus, um Kassandras freie Hand zu ergreifen. Er führte sie hoch zu seinen Lippen und küsste sie im Zeichen seiner völligen Hingabe.
      "Hat alles nach Plan funktioniert?"
    • Ganz der Göttin gleich, die sie war, veränderte Kassandra ihre Haltung kaum, als Zoras zu ihr trat und seinen Helm vom Kopf zog. Wo der Mensch von Last und Witterung schweißgebadet war, glitzerte auf ihrer Stirn nicht einmal ein kleiner Tropfen. Ihre feurigen Augen fanden seine, die von einer anderen Liebe brannten. Eine, die sie nicht ersetzen konnte und niemals würde.
      „Kassandra.“ Ihr Name, von seinen Lippen gesprochen, war eine Huldigung seinesgleichen. Der König eines kleinen Landes sprach mit solcher Hingabe und Ehrung ihren Namen aus, dass er sich dadurch allein ihre Aufmerksamkeit verdient hatte. Kurz darauf zog er sich einen seiner Handschuhe aus und suchte nach ihrer freien Hand. Seine grobe, saubere Hand schloss sich um ihre feine, blutbesprenkelte und führte sie an seine Lippen. Manch einer würde behaupten, dass sie zusammen ein Bild für einen Maler abgaben, so, wie der Wind mitspielte und die Grausamkeit in diesem Moment der Zärtlichkeit ausgeblendet zu sein schien. „Hat alles nach Plan funktioniert?“
      Kassandra gab ihre schwarze Waffe frei, die sofort in kleinste Aschepartikel zerfiel und vom Wind davongetragen wurde. Ihre konzentrierten Gesichtszüge wurden allmählich weicher, als sie aus ihrer Gedankenwelt in das Hier und Jetzt zurückkehrte. „Natürlich. Oder siehst du noch irgendeinen Feind oder eine Gegenwehr bestehen?“
      Eine rein rhetorische Frage, denn der Platz war wie leergefegt. Jeglichen Widerstand hatte sie zerschlagen und nun lag ein kopfloses Land ihr zu Füßen. Was für Genugtuung bei einem anderen Gott gesorgt hätte, löste bei ihr nicht diese Zufriedenheit aus. Für Kassandra war es nur ein weiterer Punkt auf ihrer Liste, um den Himmelsbruch abzuwenden. Sie würde in den Erinnerungen der Menschen für eine Weile bestehen, aber nur bei denen, die das Massaker überlebt hatten. Ein schwarzes Omen, das Ende der friedvollen Zeit. Etwas, vor dem man sich fürchtete, und das war nur eine kurzfristige Lösung. Das spürte sie deutlich anhand der Macht, die sich durch diese Aktion in ihrem Körper ansammelte. Flüchtig. Nicht von Dauer. Nicht das, was sie erreichen wollte.
      „Sie haben nicht mit meinem Einfallen gerechnet. Ihre Reaktionszeit war zu gering, wobei der Kentaur sich gut geschlagen hat. Für seine Verhältnisse und die Einschränkungen, denen er unterlag“, sagte Kassandra und drehte den Kopf seitlich der Sonne entgegen. „Genieß deinen ersten und einzigen Ausflug an die Spitze. Bei unserem nächsten Ziel wirst du nicht mehr an vorderster Front mitreiten.“
      Das stand endgültig fest und auf eine Diskussion ließ sich die Göttin nicht ein. Ebenso wenig wie auf eine Verhandlung ihrer Position bezüglich. Schließlich hatte Zoras ihr versichert, ihr freie Hand zu lassen. Ihr Urteil und ihr Wollen nicht anzufechten und das würde sie in der nächsten Eroberung voll ausleben. Jetzt war das Wort bereits gesprochen und die Information, dass Kuluar andere Länder angriff, wie ein Lauffeuer unterwegs. Jetzt würde man sich wappnen und ihr eine ernsthafte Bedrohung entgegensetzen.
      „Wir sollten als nächstes –„, begann die Phönix, dann erzitterte die Welt unter ihnen. Sofort alarmiert schloss Kassandra zu Zoras auf und zog ihren Einfluss eng zu sich heran, als der Himmel in anderen Farben flackerte und sich gigantische lilafarbene Tropfen zu bilden schienen, die träge irgendwo auf der Welt zu Boden trieften. Bei jedem Mal ächzte die Erde unter ihren Füßen, für Menschen unhörbar krachte es in der Erdkruste und Magma wurde aufgewühlt. Der ganze Planet bebte, als sich durch das Töten zweier Götter das Machtgefüge änderte und zeigte, wie fragil die Balance wirklich war. Grausige zwei Minuten hielt der Spuk an, dann war wieder alles vorbei.
      Kassandra sah sich um, entdeckte jedoch keine Veränderungen im näheren Umkreis. „Bei dir alles in Ordnung?“, fragte sie Zoras und musterte sein erschrockenes Gesicht. Aber irgendetwas stimmte nicht. Die Macht, die sie soeben noch flüchtig gespürt hatte, verließ ihren Körper. Es fühlte sich an, als hätte man ihr irgendetwas entrissen. Irgendetwas wichtiges. Sehr wichtiges…
      Schlagartig schnappte ihr Kopf gen Süden. Dort, wo einst Isythuma gelegen hatte. Dort, wo sie ihre Anfänge hatte und wo es gut gehütet die letzten Überreste ihrer Kultur beherbergte. Dieser Schreckensmoment war nicht nur Einbildung oder eine Warnung. Das war der Vorgeschmack auf das, was der Bruch bewirken würde, wenn er eintreten sollte.
    • Kassandras Gesichtszüge wurden weicher und Zoras mochte sich einbilden, dass es wegen ihm so war. Ihr Blick fing seinen und sie löste ihre gewaltige Waffe in Nichts auf.
      „Natürlich. Oder siehst du noch irgendeinen Feind oder eine Gegenwehr bestehen?“
      Ein Lächeln stahl sich auf die Lippen des Soldaten, das gleichermaßen voller Hingabe und Belustigung war. In dem einen Monat, in dem sie schon durch Xafia marschierten, hatte Zoras Kassandras direkte Art wahrlich vermisst.
      "Nein. Aber ich hätte dir den Erfolg auch zugetraut, wenn es nicht nach Plan verlaufen wäre."
      Er strich ihr mit dem Daumen über den seidenweichen Handrücken, dann ließ er sie frei. Sein Blick glitt nun zum ersten Mal wirklich von Kassandra fort und über den menschenleeren Platz hinweg, der von seinen eigenen Soldaten gesäumt wurde. Nicht ein Lebensgeräusch erfüllte die Luft, das kein Klackern und Rasseln von Rüstungen war. Ein Sieg, wie er im Buche stand. Eine Eroberung, die genauso grausam wie wirksam war, dass sie geächtet wurde. Der erste und letzte Sieg, der so einfach sein würde, denn das hier, dieser Krieg, der eigentlich nur ein Schlachten war, würde sich schon jetzt in alle Welt verbreiten - und Kuluar zur Zielscheibe machen. Das hier war nur der Anfang, der Auftakt von etwas viel größerem.
      „Sie haben nicht mit meinem Einfallen gerechnet. Ihre Reaktionszeit war zu gering, wobei der Kentaur sich gut geschlagen hat. Für seine Verhältnisse und die Einschränkungen, denen er unterlag.“
      Zoras nickte und stellte keine Fragen. Er vermutete, dass Kassandra damit ausdrücken wollte, dass Xafia sehr wohl eine Chance gehabt hätte, wenn es genug Vorbereitungszeit gegeben hätte. Das hatte die sehr einfache Schlussfolgerung, dass diese Taktik ein zweites Mal nicht mehr funktionieren würde. Beim nächsten Mal wären die Champions auf Kassandra vorbereitet und würden sie nicht einfach so einfliegen lassen.
      „Genieß deinen ersten und einzigen Ausflug an die Spitze. Bei unserem nächsten Ziel wirst du nicht mehr an vorderster Front mitreiten.“
      Zoras sah sofort zu Kassandra zurück und seine Stirn kräuselte sich. Die Phönixin sprach mit einer Endgültigkeit, die ihm nicht gefiel, denn in dieser Sache war sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen. Zoras war ein Heerführer, er würde seine Armee sicher nicht von der Seite führen - oder gar von hinten. Aber selbst Zoras war schlau genug, seine Kämpfe nicht unüberlegt zu wählen und so sagte er nur:
      "Das werden wir zu geeigneter Zeit bestimmen."
      Kassandras Blick verschärfte sich, ein Feuer in ihren Augen, das auf Zoras überzuschlagen versuchte, nachdem sie genau verstand, dass er eine andere Meinung zu vertreten hatte. Doch bevor das Gespräch noch in einer dieser Diskussionen ausarten konnte, begann der Boden zu erzittern.
      Zoras riss entsetzt den Kopf herum und strauchelte, als der feste Stein unter seinen Stiefeln zu beben und vibrieren begann. Der ganze Platz schien erschüttert zu werden und dann, gemessen an dem aufkeimenden Lärm, den Rufen und dem Geräusch von fallenden Stein, auch noch die ganze Stadt, nein, das ganze Land, nein, die ganze Welt. Zoras kämpfte um sein Gleichgewicht und keine Sekunde später war Kassandra an seiner Seite, ihre Aura ein warmer Schutz-Kokon um sie beide, ihre Haltung gerade, aufrecht und ungebrochen. Er packte ihren Oberarm, unwissend, ob zu ihrem Schutz oder seinem eigenen, und hob den Blick. Hinauf zu einem weinenden Himmel.
      Diesmal schien der Himmel nicht zu spalten, aber ob das, was Zoras stattdessen zu sehen bekam, auf irgendeine Weise besser war, das wusste er nicht. Es war keine klaffende Spalte, die sich im Himmel auftat, stattdessen schienen sich Himmelsfragmente in der Form von großen Tränen zu lösen, um irgendwo auf die Erde zu krachen. Jedes Mal erbebte bei einem Absturz alles und Zoras musste erneut um sein Gleichgewicht kämpfen. Der Anblick war grausig, so übermächtig und unaufhaltbar, wie er war. Keine Gottheit der Welt hätte es mit dem aufnehmen können, was vom Firmament regnete.
      Endlose Sekunden lang wurde die Erde gepackt und geschüttelt in dem ungreifbaren Schmerz des Himmels, dann legte sich die Katastrophe. Der Himmel nahm wieder eine graue, trübe Farbe an und die Erde beruhigte sich. Fast war es so, als wäre niemals etwas gewesen.
      Vorsichtig atmete Zoras auf und ließ Kassandra los. Ihr Blick schoss sogleich herum, analysierte den Platz schneller, als es für ihn je möglich gewesen wäre, und legte sich zuletzt auf ihn selbst.
      „Bei dir alles in Ordnung?“
      "Ja", sagte er knapp und sah sich nach seinen Soldaten um. Die Pferde waren durchgegangen, aber dem Rest der Truppe schien es gut zu gehen. Keine Verluste, den Göttern sei Dank.
      "War es das wieder, der Himmelsbruch? Aber wir haben zwei Champions von der Erde getilgt! Es sollte doch nicht möglich sein, dass -"
      Sein Blick fiel wieder auf Kassandra und schlagartig verstummte Zoras. Sie hörte ihm gar nicht zu, denn ihr eigener Blick lag mit einer Intensität in der Ferne, die Zoras eine Gänsehaut verschaffte. Er hatte Kassandra vermutlich noch niemals wahrlich erschüttert gesehen, aber das hier, das kam dem Entsetzen sehr nahe. Kassandra und Entsetzen? Das passte nicht. Irgendetwas musste geschehen sein und Zoras war mit einem Mal höchst aufmerksam.
      "Was? Kassandra, was ist los? Was ist geschehen?"
    • „Der plötzliche Eingriff in das Gleichgewicht hat es zum Schwanken gebracht. Ein Ausblick auf das, was der Bruch auf der Erde anrichten kann. Hier zeigt sich kein Schaden, das gilt aber nicht für den Rest der Welt“, sagte Kassandra angespannt, deren ungutes Gefühl sich nur noch verfestigte. Eine Unruhe sondergleichen baute sich in ihr auf und ergriff sie mit gnadenloser Härte. Länger konnte sie nicht bleiben, sie musste es sehen. „Zoras. Du kannst hier alles ohne mich regeln, dazu brauchst du mich nicht. Aber ich muss sehen, was geschehen ist. Es wurde Schaden angerichtet, den ich nicht ignorieren kann.“ Was auch immer ihre Gesichtszüge entstellt hatte, war wieder unter ihrer üblichen Anmut verschwunden. Mit einem sanften Lächeln ließ sie ihre Finger über seine Wangen gleiten und strich mit den Daumen über sein Jochbein. „Gib mir etwas Zeit. Wir treffen uns wieder in Kuluar, sobald ich zurück bin.“
      Damit entließ die Phönixin den Menschen und wandte sich von ihm ab. Nichts auf der Welt hätte sie davon abgehalten, den Schaden zu begutachten und loszufliegen. Viel zu lange war sie nicht mehr dahin zurückgekehrt, wo ihr Anfang begonnen hatte. Weil sie es nicht konnte und aus Sorge vor dem, was sie dort vorfinden würde. Aber nun blieb ihr keine andere Wahl mehr, als sie wieder zum großen Omen wurde und sich in die Lüfte erhob, nur um kurz darauf wie vom Himmel verschluckt worden zu sein.

      Egal, wohin Kassandra ihren Blick schweifen ließ – die Welt hatte Schaden genommen. Ehemals inaktive Vulkane waren erwacht, tiefe Erdrisse hatten sich aufgetan und teilweise Landabschnitte einfach verschluckt. Erdrutsche vernichteten ganze Dörfer und Brände verschlangen Wälder, Felder, Siedlungen. Es glich einer kleinen Apokalypse, die sich nur auf einzelne Bereiche des Planeten zu erstrecken schien. Umso besorgter war sie, als sie über die Wüste hinweg flog, die Isythuma unter sich begraben hatte. All die Zeit existierte ein Hohlraum unter der Wüste, vor neugierigen Augen geschützt, und enthielt den einzigen und letzten Altar der Phönixin, sowie einige wenige Bauten von damals. Als Kassandra schon von Weitem den gewaltigen Riss sah, der die Wüste auseinandergerissen hatte und Sand wie ein Wasserfall ins Dunkel hinab rieseln ließ, explodierte Entsetzen in ihrer Brust. Sie schrumpfte ihre Gestalt, um in den Riss abzutauchen und direkt in den Hohlraum zu gelangen, den sie so lange geschützt gedacht hatte. Weitere Risse hatten sich aufgetan und Teile der alten Wohnhäuser verschluckt. Von den Wänden und Decken gebrochener Stein hatte den Altar mit seinem kreisrunden Podium, wo sie einst ihre Opfergaben bekommen hatte, zerschlagen. Sand verschluckte die Überbleibsel der Straßen, Bänke, die letzten Hinweise auf Zivilisation. Sanft setzte Kassandra auf dem ehemaligen Altar ab und schlug einmal kräftig mit den Flügeln. In einem Sandsturm verflüchtigte sich der Sand, begann erst gelb, dann rot zu glühen. Eine unheimliche Hitze breitete sich aus und brachte die Luft zum Flimmern selbst noch über den Riss über ihren Kopf hinweg. Als sie in ihre menschliche Erscheinung wechselte, kühlte es ringsherum um sie wieder ab. Nach und nach erkaltete der geschmolzene Sand und verlor seine Farbe, wurde klar. Alles um sie herum begann zu glänzen, als sich über ihrem Kopf ein Wasserfall aus Glas bildete und die umliegenden Trümmer ihrer alten Kultur in Glas gefasst wurden. Das war das Einzige, was sie nun noch tun konnte.
      Schweigend ließ Kassandra den Blick schweifen. Von all der Glorie ihrer Herkunft war nicht mehr viel übrig. Der Bruch hatte sein Werk vollbracht und die letzte Stätte von Kassandra vernichtet. All die Erinnerungen hatte er verschlungen und was war ein Gott ohne seine Stätte? Hätte es diese nicht gegeben, hätte sie die Jahrtausende nicht überstanden. Ohne diesen letzten Rückhalt wäre ihre Präsenz auf Null gesunken und sie hätte sich einfach aufgelöst. Dieses Refugium war nun nicht mehr und ihre Brust wurde eng. Ihre Hände, ihre Arme, ihr Körper begann zu zittern, als sich Trauer und Sorge zu einem unaufhörlichen Erdbeben in ihrem Inneren verbanden. Ganz langsam ging Kassandra in die Hocke, die Lider geschlossen in dem Versuch, nicht dem ersten Impuls nachzugeben und ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Der Bruch hätte jede verdammte Stelle auf dem Planeten treffen können, zielte aber direkt auf ihre einzige Stätte ab. Wut mischte sich in den Knäuel von Emotionen und ließ sie Welt vor ihren Augen rot glühen. Wenn sie nicht jetzt schon einen Grund gehabt hätte, diesen Bruch aufzuhalten, dann war er nun gewachsen. Sie würde jeden einzelnen Gott, der sich nicht freiwillig von der Erde löste, mit Freuden ins Jenseits schickten. Und wenn sie dafür Federn und Krallen lassen musste – das war es ihr wert. Ihre Hände auf dem warmen Stein unter ihren Füßen ballten sich zu Fäusten. Der Zorn brodelte in ihr wie das Magma in den Kammern im Herzen der Erde.
      Es klirrte plötzlich und Kassandras Kopf ruckte hoch. Der in Mitleidenschaft gezogene Turn, der einst die Priester beheimatet hatte, entließ eine Staubwolke, als die Tür aufgestoßen wurde und Glas splitterte. Zu ihrem vollen Entsetzen sah sie zu, wie sich etwas in dem Turm bewegte und nach draußen drängte.
      …Das war doch vollkommen unmöglich.


      Ein paar Wochen später


      Der riesige Phönix, der über Kulaur hinweg zog, war hier kein Omen des Bösen. Hier hatte der Phönix eine klare Zugehörigkeit zu dem Eviad, der das Land in neue Bahnen lenken wollte. Nach der Übernahme von Xafia hatte sich das Land umstrukturieren müssen, der Rat hatte alle Hände voll zu tun. Esho war mit dem Grenzschutz beauftragt worden, der nun wesentlich angespannter vonstatten lief als noch vor dem Angriff. All das konnte Kassandra während ihres Fluges nur spärlich überblicken, aber sie hatte schließlich andere Neuigkeiten zu überbringen. Der Schock aus Isythuma war halbwegs verdaut, als sie mit ihrer wertvollen Fracht kurzerhand vor dem Palast landete und in einem Feuerball in ihre menschliche Erscheinung wechselte. Mit einer Selbstverständlichkeit, die nur Kassandra an den Tag bringen konnte, stolzierte sie in den Palast hinein, geradewegs zu Zoras‘ Gemach, wo sie ihn spürte. Vermutlich brütete er dort gerade über weitere Pläne, wenn er schon in keiner Versammlung saß. Also stieß sie kurzerhand die Tür auf und fand ihn genauso vor, wie sie es erwartet hatte; mit nachdenklicher Miene an seinem Schreibtisch stehend, Karten und Papiere überall verstreut, Lasyon an seiner Seite. Beide Männer zuckten zusammen bei ihrem Erscheinen, aber Zoras‘ Miene hellte sich umgehend auf.
      Doch Kassandras Ausdruck blieb ernst, als sie mitten im Raum zum Stehen kam und Hände vor ihrer Mitte zusammenführte. Sie trug ein luftiges Gewand mit südländischem Einschlag, wenig geprägt von dem Stil aus Kuluar. Nur das Türkis hatte sie als Akzente aufgefasst, beispielsweise in Form der Bänder, die sich durch ihre schwarzen Haare wanden. Was aber wohl das Erschreckendste war, war ihr Gesicht; von der jungen, hübschen Göttin war nicht viel zu sehen. Stattdessen wirkte sie nun älter, eher wie in Zoras‘ Alter, mit leichten Falten und vereinzelten helleren Strähnen im Haar. „Der Bruch hat Chaos über Teile der Erde gebracht. Manche Regionen sind verschont worden, andere sind einer Apokalypse gleich untergegangen. Darunter auch… meine letzte Stätte, die unterhalb der Wüste vergraben war. Die Erde wurde entzweigerissen und hat einfach alles zunichte gemacht, was noch dort gewesen war. Die letzten Tempelanlagen. Den letzten Altar.“
      Sie sprach auf kuluarisch, da sie wollte, dass auch Lasyon es verstand. Den Schmerz in ihrer Stimme ließ sie dabei durchblitzen. Dieser Verlust war für eine Gottheit nichts Leichtes, nicht, wenn ihre Existenz darauf beruhte, dass Menschen ihnen huldigten.
      „Ich habe alles in Glas eingeschlossen, um es vor weiteren Verfall zu schützen. Der Schaden ist aber längst angerichtet. Dafür habe ich eine andere Entdeckung gemacht“, fuhr sie fort und drehte den Kopf leicht zu Seite, als eine weitere Person mit gesenktem Kopf den Raum betrat.
      Ein Mann, vielleicht gerade die dreißig Jahre erreicht, betrat demütig den Raum. Sein Kopf war kahlrasiert und war über und über mit schwarzen Zeichen übersäht. Er trug eine sandfarbene Robe, die ihn fast vollkommen verschluckte. Auch seine Robe war vereinzelt mit kleinen, türkisen Ornamenten verziert, die aber eindeutig keiner kuluarischen Kultur entsprangen. Sein Hautton war fast so dunkel wie der von Santras und sein ganzes Verhalten war nur als unterwürfig zu beschreiben. Dabei hielt er sich dicht bei Kassandra, ohne die persönliche Grenze zu übertreten, die als zu nah gegolten hätte.
      „Ich nahm an, dass der Kult, der mir einst huldigte, nicht mehr existiert. Ich lag falsch“, erklärte die Phönixin den Mann in ihrem Schatten, der sich nicht bewegte. „Das ist Nail. Ich werde ihn fortan hier wissen.“
      Der Mann senkte sich noch tiefer, als er seinen Namen hörte, blieb ansonsten aber regungslos stehen.
      Kassandra richtete ihren Blick wieder auf Zoras. So gern sie ihm ein warmes Lächeln hätte schenken wollen – es gelang ihr nicht. Dafür saß der Schock noch zu tief, die Wut war zu heiß. „Wie hat es sich entwickelt während ich fort war? Bleiben wir bei unserem Zeitplan?“