Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • „Vielleicht liegt’s an deinem Alter, aber bei mir muss ein Pferd mich nur tragen und sonst nichts. Wo kommen wir denn hin, wenn das Weib nachher erzählt, dass das Tier die Arbeit geleistet hat. Ich muss mich da selbst schon verausgaben, sonst macht das doch keinen Spaß!“, sagte Esho und Zoras schnaubte amüsiert. So einen Eifer hätte er auch gern zurück; stattdessen machte er sich immernoch über Eshos Gesicht lustig, als er das Thema überhaupt angesprochen hatte.
      "Am Alter liegt das nicht. Du musst doch die Gelegenheiten ergreifen, wo sie sind!"
      „Was für Bilder das sind, Zoras", lachte Esho und es war noch nicht einmal mehr komisch, dass sie sich so beim Vornamen nannten. "Du kannst dann nur kleine Frauen auf deinen Sattel holen. Hast du das mit Kassandra auch gemacht? Auf dem Pferd? Wie war das so?“
      Von diesem Gedanken erfasst erstarrte Zoras und weitete die Augen. Er sah erst ins Leere, dann voller Wunder in Eshos Gesicht.
      "Nein - Nein, habe ich nicht. Warum eigentlich nicht? Warum habe ich das denn noch nie gemacht?"
      In verblüffter Erkenntnis hob er die Hand zum Kinn und strich sich darüber. Währenddessen grinste Esho, als er erkannte, dass er Zoras zu neuen Höhen verhalf.
      "Müsste ich mal. Ohh, das müsste ich wirklich mal tun. Du hast vollkommen recht."
      „Wie ist das so, eine Göttin zu ficken?", fragte Esho weiter, jetzt definitiv interessiert an Zoras' Antwort. "Fühlt sie sich anders an? Ist sie enger, heißer, oder macht sie das so, wie du es willst? Gibt es dir ein Machtgefühl, wenn sie sich unter dir windet oder lässt sie das gar nicht erst zu?“
      Und Zoras ging darauf ein - warum nicht? Esho wollte erfahren, wie es war, dann würde Zoras es ihm sagen. Mit einem verschmitzten Grinsen lehnte er sich nach vorne und senkte verschwörerisch die Stimme. Esho stand jetzt völlig in seinem Bann.
      "Stell dir vor - die beste Frau, die du jemals in deinem Leben hattest. Stell sie dir vor."
      Die kuluarischen Wörter kamen schwieriger auf seiner lose gewordenen Zunge, aber er schien sie alle noch so artikulieren zu können, dass Esho ihn verstand.
      "Die beste Frau mit dem besten Sex. Stell es dir vor; und jetzt tu so, als hättest du mit einer Göttin Sex gehabt. Diese beste Frau, dieser beste Sex, der einmal gewesen war, ist jetzt plötzlich der schlechteste, den du jemals erlebt hast. Es ist nicht zu vergleichen. Im einen Moment schmachtest du noch eine Menschin an, im nächsten kannst du dich nicht mehr daran erinnern, wie du jemals etwas anderes hast genießen können außer deiner Göttin."
      Noch immer grinsend lehnte er sich wieder zurück und nahm noch einen Schluck. Esho wagte es nicht, ihn zu unterbrechen und Zoras genoss es, dass er sich nicht wieder so alt fühlen musste. Dass er sich sogar recht jung fühlen durfte, in diesem Moment.
      "Es ist unbeschreibbar. Ihre Haut ist wie... wie... Seide. Ihre Schenkel sind so glatt, als wären sie aus schönstem Stein gehauen und ihr... ihr... verdammt nochmal. Ihr... Geschlecht! Ihr Geschlecht ist wie der Himmel, Esho. Heißer als die Feuer von Mynos und feuchter, als Oronia jemals hätte sein können. Und ihre Stimme - oh, ihre Stimme."
      Er grinste breiter und setzte sich wieder um. In seinen Augen glitzerte es, als er Esho die Lektion seines Lebens zu geben versuchte.
      "Es geht nicht darum, was sie mit dir macht oder wie gut es ist, das sage ich dir. Es geht darum, wie es ihr gefällt. Das wirst du wissen, wenn du jemals eine Göttin gehört hast, die deinen Namen stöhnt. Du wirst es einfach wissen, Esho. Ich würde mein restliches Leben auf Sex verzichten, wenn ich dafür nur ihre Stimme zu hören bekomme, wie sie stöhnt, wie sie seufzt. Das ist das höchste. Das ist besser als jeder Sex zusammengenommen."
      Das ließ Esho sich erstmal durch den Kopf gehen - so gut es unter dem Alkohol eben ging. Er lehnte sich wieder zurück und nahm einen fast gedankenverlorenen Gesichtsausdruck an.
      „Ich habe lange versucht, Mirdole flachzulegen. Das Miststück hat mir am Ende die Füße als Warnung zeitweise versteinert. Wink verstanden.“
      "Mirdole?!"
      Fassungslos starrte Zoras Esho an. Das war kaum vorstellbar, dabei gab er sich wirklich Mühe dabei. Esho wollte Mirdole flachlegen?
      "Das ist... ungewöhnlich. Was ist mit den ganzen Schlangen? Die gehen doch nicht... weg. Sollen sie dann zusehen oder was? 50 Schlangen, die auf dein... ach... Geschlecht schauen?"
      In einer abwehrenden Geste hob er die Hände.
      "Was auch immer dein Blut zum Pumpen bringt, aber dann verurteile mich nicht wegen meiner Pferde. Wenigstens sieht das Pferd dabei nicht zu."
      Sie tauschten ein Grinsen aus, das zwischen ihnen irgendwie vertraut geworden war, dann leerte Esho seinen Krug in einem Zug, bevor er sagte:
      „Wusstest du eigentlich, dass es Weiber gibt, die es ernsthaft auf Asterios abgesehen hatten?"
      Zoras verlor fast seinen Kelch, als er sich ruckartig aufsetzte. Der Alkohol schwappte ihm über die Hand und er fluchte in einer Mischung aus kuluarisch und therissisch, bevor Esho ihm ein Tuch gab. Er wischte es auf, aber sehr nachlässig.
      "Nein! Ist das dein ernst?"
      "Vor etlicher Zeit war ich bei einer Gala und da hat sich so ein junges Ding an mich rangemacht. Irgendeine Tochter von irgendeinem hohen Händler oder sowas. Ich hab sie am Ende eigentlich in die Ställe nehmen wollen, aber im Garten hat sie mich gestoppt und nach Asterios gefragt. Asterios. Verstehst du?“
      Oh, Zoras verstand - und wie er es verstand. Trotzdem starrte er Esho ungläubig an, ausnahmsweise mal selbst an seinen Lippen hängend.
      „Ich wollte ja nicht so sein und hab ihn hergerufen. Am Ende… sagen wir mal so, das Mädel hatte nachher alle Löcher voll zu tun! Wer nimmt denn freiwillig den Schwanz von einem Tier in den Mund?! Ich meine, selbstverständlich hab ich sie gefickt und nicht Asterios. Wie sollte ich das denn rechtfertigen, wenn dabei irgendeine Mutation herausgekommen wäre? Aber das war echt 'ne Erfahrung, sag ich dir…“
      Regungslos starrte Zoras Esho für einen Moment an - dann brach er in lautes Gelächter aus. Es sprudelte einfach so aus ihm heraus, diese Vorstellung, dieser absurder Gedanke, angefangen bei einer Frau, die nach Asterios verlangte, und aufgehört bei Eshos Dreier. Einem Dreier mit Asterios!
      "Und du willst wissen wie es mit Kassandra ist! Du hast einen... wie nennt man das? Eine Drei mit Asterios und einer Frau und willst wissen, wie es mit Kassandra ist."
      Er lachte wieder.
      "Wie ist es mit Asterios? Wie sagst du ihm überhaupt, dass jemand seinen... wie hast du das genannt? Sag das nochmal. ... Nein, das kann ich nicht aussprechen - wie sagst du ihm, dass jemand sein Geschlecht haben will? Wie geht das? Und dann macht er das auch noch? Unglaublich."
      Zoras schüttelte den Kopf und lachte nochmal.
      "Passt er überhaupt? Wie groß ist er?"
      Im selben Moment machte er eine unwirsche Handgeste, bevor Esho noch antworten konnte und legte eine dramatische Pause ein.
      "Halmyn oder Asterios? Meine Wette liegt auf Halmyn. Wenigstens von der..."
      Ihm fiel das Wort nicht ein und so machte er eine Geste. Von der Breite.
    • "Und du willst wissen wie es mit Kassandra ist! Du hast einen... wie nennt man das? Eine Drei mit Asterios und einer Frau und willst wissen, wie es mit Kassandra ist." Zoras lachte, als gäbe es kein Morgen mehr. Der Alkohol lockerte bei ihm so viel, dass der hohe Eviad wieder zu dem wurde, was er eigentlich war: ein einfacher Mann mit einfachen Gedanken.
      „Moment, stopp“, wehrte der junge Hauptmann mit beiden Händen ab und zuckte unschuldig mit den Schultern. „Du meinst einen Dreier.“ Er sprach das Wort mehrmals langsamer aus, damit sein gegenüber es in seinem Wortschatz aufnehmen konnte. „Und das stimmt nur, wenn Asterios und ich uns auch anfassen. Das Weib war die strikte Grenze!“
      „Wie ist es mit Asterios?“
      „Hey, was hab ich denn gerade gesagt?!“
      „Wie sagst du ihm überhaupt, dass jemand seinen… wie hast du das genannt? Sag das nochmal.“
      „Schwanz. Nicht zu verwechseln mit Rute oder so.“ Esho nippte an seinem Kelch bevor er das Wort nochmal langsam wiederholte.
      „Nein, das kann ich nicht aussprechen – wie sagst du ihm, dass jemand sein Geschlecht haben will?“
      „Ganz plump? Asterios, da ist ein Menschenweib, dass von dir bestiegen werden will, aber das mache nur ich.“
      „Wie geht das? Und dann macht er das auch noch? Unglaublich.“
      Esho prustete in seinen Becher bei den zahllosen Fragen, die dem Eviad gerade durch den Kopf gehen mussten. „Du vergisst, dass Asterios am Ende auch nur ein männliches Wesen ist. Ich glaub, der wird noch eher von Trieben als von Moral gesteuert. Sobald das Mädel seinen Schwanz auch nur angefasst hatte, war sowieso alles klar.“
      Gut, es war wirklich etwas umständlich gewesen, dem Minotauren klarzumachen, dass er da an der Wand im Schatten stehen bleiben sollte, während sich das Weib am Lendenschurz zu schaffen machte. Am Ende waren alle drei Parteien glücklich gewesen und das war doch wohl die Hauptsache gewesen.
      Passt er überhaupt? Wie groß ist er?“, fragte Zoras und Esho war drauf und dran zu antworten, da würgte eine Handgeste die Antwort ab. „Halmyn oder Asterios? Meine Wette liegt auf Halmyn. Wenigstens von der…“
      Zoras formte einen Ring mit seinen Händen, um die Dicke zu symbolisieren. Esho grinste breit, nahm sich alle Zeit der Welt, um seinen Kelch abzustellen und dann wortlos mit seinen Händen eine Breite und eine Länge anzugeben. Sehr großzügige Maße, wenn man denn so wollte. Großzügiger als die von Menschen.
      „Halmyn ist ein beschissener Zyklop. An denen ist alles viel zu groß! Hast du dir mal sein riesiges Auge angesehen? Der wird höchstens mit einer anderen Zyklopin was zustande bringen, aber jede Frau wird der spalten“, lachte Esho. „Selbst mit Asterios will ich keinen Schwanzvergleich eingehen. Das hat selbst mein Ego schon kapiert. Aber du wolltest es ja wissen: Keine Ahnung, ob der passt. Weiber pressen die Schädel von Kindern dadurch, warum also nicht einen dicken, langen Schwanz aufnehmen? Jedenfalls war das Mädel mehrmals verdammt am Würgen.“
      In seiner Laufbahn hatte er schon so viele Weiber gevögelt, dass er den Überblick verloren hatte. Aber keine war dem Erstickungstod je so nah gewesen wie an jenem Abend. In der Regel war das auch nicht unbedingt etwas, worauf er abging, aber ihr hatte es allem Anschein nach wohl gefallen.
      „Aber wo wir gerade bei den Göttern sind“, schlug Esho den Bogen und winkte sich Zoras‘ Kelch heran, damit er ihm nachfüllen konnte. Kelche hatten nicht leer zu bleiben. „Du bist ein verdammt gesegneter Bastard, weißt du das eigentlich? Nicht nur, dass du wann immer du willst Kassandra vögeln kannst, nein, du wurdest sogar noch von Oronia bestiegen! Ja, wir lassen den Hintergrund mal weg, aber verdammt nochmal, gleich zwei Göttinnen!“
    • Zoras schnaubte bei den ganzen Vorstellungen, die ihm jetzt dank Esho über Asterios durch den Kopf gingen. Erst das mit dem Teich, dass der Minotaure wirklich dort saß und Schmetterlinge beobachtete, und jetzt die Tatsache, dass er auch nur ein männliches Wesen mit männlichen Bedürfnissen war. Wieso war ihm das zuvor noch nie eingefallen? Um fair zu sein hatte er auch noch nie ernsthaft über Asterios' Männlichkeit nachgedacht, aber der Minotaure hatte auch noch nie einen Eindruck danach gemacht, dass er über andere Sachen nachdachte als über Kampf. Das war alles mehr als skurril.
      Auf die eigentliche Frage, auf die wichtige Frage, ließ Esho sich Zeit. In aller Seelenruhe stellte er seinen Kelch ab, dann symbolisierte er eine Maße, die völlig überdimensional war. Zoras stieß daraufhin einen anerkennenden Pfiff aus - teilweise für Asterios, teilweise aber auch für Esho.
      "Mit sowas hast du dir eine Frau geteilt? Sie war trotzdem auch mit deinem zufrieden, richtig? Trotzdem bleibe ich bei Halmyn."
      „Halmyn ist ein beschissener Zyklop. An denen ist alles viel zu groß! Hast du dir mal sein riesiges Auge angesehen? Der wird höchstens mit einer anderen Zyklopin was zustande bringen, aber jede Frau wird der spalten“, lachte Esho.
      "Ja, okay, guter Punkt."
      „Selbst mit Asterios will ich keinen Schwanzvergleich eingehen. Das hat selbst mein Ego schon kapiert. Aber du wolltest es ja wissen: Keine Ahnung, ob der passt. Weiber pressen die Schädel von Kindern dadurch, warum also nicht einen dicken, langen Schwanz aufnehmen? Jedenfalls war das Mädel mehrmals verdammt am Würgen.“
      Zoras schnaubte. Diese Vorstellung war einfach zu surreal.
      "Ja - aber aus ihrem Geschlecht, nicht aus dem Mund. Dass sie nicht erstickt ist... wie hättest du das jemandem erklärt? Oder hättest du es lieber Asterios überlassen?"
      Er hielt Esho seinen Kelch entgegen, damit er ihn auffüllen konnte. Mittlerweile dachte er schon gar nicht mehr über den Alkohol nach.
      „Aber wo wir gerade bei den Göttern sind - Du bist ein verdammt gesegneter Bastard, weißt du das eigentlich?"
      Zoras' Grinsen wurde breiter.
      "Ich weiß."
      Er war der glücklichste Mann, Kassandra zu haben. Aber Esho sprach noch weiter.
      "Nicht nur, dass du wann immer du willst Kassandra vögeln kannst, nein, du wurdest sogar noch von Oronia bestiegen!"
      Oh; aber das zählte nicht. Zoras winkte bereits ab, aber Esho hatte schon verstanden.
      "Ja, wir lassen den Hintergrund mal weg, aber verdammt nochmal, gleich zwei Göttinnen!“
      "Das zählt kaum, ich habe nichtmal was gespürt. Das meine ich hier", Zoras zeigte sich auf die Brust, "aber auch hier", er zeigte sich auf den Schritt. "Ich war völlig weg, Esho. Ich dachte, sie wird mich umbringen oder irgendwas ähnliches, ich habe die ganze Zeit Kassandra gerufen. Das zählt nicht als zwei Göttinnen. Hat sie ihn überhaupt reingesteckt, ist sie so weit gekommen? Nein, das zählt nicht. Ich zähle das nicht."
      Er schüttelte den Kopf, dann grinste er wieder.
      "Ich zähle aber durchaus, dass ich mit einer Königin geschlafen habe. Ich weiß, das ist nicht so aufregend wie mit einer Göttin, aber es ist realistischer. Du denkst die ganze Zeit nur an die Schönheit der Götter, aber hast du es jemals mit einer Menschin getan, die mächtiger ist als du? Das ist etwas anderes. Das ist eine Erfahrung, die sich lohnt."
      Immernoch grinsend prostete er Esho zu.
      "Besser als mit Mirdole, sicherlich. Wirklich, Mirdole? Du bist doch im Rat, du könntest jede Frau in ganz Kuluar bekommen - bis auf Mirdole. Gibt es da nicht jemand besseren? Ich habe dich noch nie ernsthaft mit einer Frau zusammengesehen. Wie alt bist du - 25? Worauf wartest du da noch?"
    • Sehr übertrieben rollte Esho mit den Augen. Da kam man mal in den Genuss, von einer Göttin bestiegen zu werden und dann behauptete Zoras einfach, nichts gefühlt zu haben? Das konnte doch nur gelogen sein.
      „Also wenn ich jedes Mal mit dem Herz fühlen würde, wenn ich eine Frau ins Bett kriege, dann hätte ich schon keines mehr“, sagte Esho schulterzuckend. „Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du da unten“, er deutete nun auf seinen eigenen Schritt, „so gar nichts gefühlt hast.“
      „Hat sie ihn überhaupt reingesteckt, ist sie so weit gekommen? Nein, das zählt nicht. Ich zähle das nicht.“
      Da schlug Esho mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass die Flaschen klirrten, und starrte Zoras mit aufgerissenen Augen an. „Das zählt nicht?! Und wie das zählt. Die hat dich geritten bis die Phönixin reingerauscht kam! Jeder von uns hat’s genau sehen können, wie sie deinen Schwa-„
      Zoras schüttelte den Kopf und hielt den jungen Mann davon ab, noch unflätigere Dinge zu sagen. Dafür bekam Esho nun eine weitere Information, die ihn unter anderen Umständen vielleicht milde beeindruckt hätte. Da er aber wusste, dass Zoras einen höheren Titel in dem Land bekleidet hatte, aus dem er stammte, regte sich dort wenig Zugeständnis.
      „Gibt’s in Theriss und Umgebung viele Königinnen? So ranghohe Frauen sind selten, stimmt schon, aber keine davon kann mir richtig gefährlich werden. Ich kann sie immer noch überwältigen, wenn ich das will. Aber Götter? Die nehmen dir im nächsten Wimpernschlag einfach jegliche Daseinsberechtigung“, hielt Esho dagegen und bemerkte, dass er offenbar andere Dinge reizvoll fand als sein Gegenüber. Zugegeben; als jemand, der seit Kindesschuhen mit unglaublicher Macht gesegnet worden war, fand er den Reiz nur in jenen Personen, die mächtiger waren als er selbst. „Lass mich kurz nachdenken. Ich glaube, ich hab was vergleichbares…“
      Die Stirn in Falten gelegt dachte Esho angestrengt nach. Nicht besonders viele Treffen hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt, aber hier und da blitzten doch noch Techtelmechtel auf, an die er sich erinnerte.
      „Aha!“ Er schnippte mit den Fingern. „Ich bin an der Grenze zu Otros mal stationiert gewesen und dort in Kontakt mit der Händlergilde gekommen, die einen Champion umherreichten. Die Tochter vom Kopf der Gilde ist mir verfallen. War wie Butter in meinen Händen. Dachte eigentlich, ich krieg ein bisschen aus ihrem Kopf raus, was es mit dem Champion auf sich hat, aber hab’s ihr wohl aus dem Schädel gevögelt.“ Ein Achselzucken folgte dem Satzende. Den Prost erwiderte er jedoch beanstandungslos.
      „Wirklich, Mirdole?“
      „Ja? Oronia hat schon öfter auf Geheiß irgendwelche Kerle gevögelt. Die hab ich hinten angestellt.“
      „Du bist doch im Rat, du könntest jede Frau in ganz Kuluar bekommen – bis auf Mirdole. Gibt es da nicht jemand besseren?“, bohrte Zoras weiter nach und Esho überlegte.
      Natürlich gab es jemand besseren. Seit er sie das erste Mal gesehen hatte, wusste er, dass er SIE wollte. Und wenn es auch nur ein einziges Mal sein sollte, er würde sich dafür freiwillig eine Hand abhacken lassen. Diese eine Person auf Erden, die er niemals haben können würde und für die er so viel mehr tun würde, obwohl er sie kaum kannte.
      „Das ist es eben, Zoras. Ich brauch nur in die nächste Taverne zu gehen und einen auszugeben und schon scharen sich die Weiber um mich. Wegen der Macht, wegen des Aussehens, wegen der Hoffnung auf Prestige. Aber das bringt mein Blut nicht voll in Wallungen, verstehst du? Ich liebe einen guten Kampf und der beschränkt sich nicht nur auf das Kampffeld.“
      Darüber schien der Eviad einen Augenblick lang nachzudenken und sich einen Schluck zu genehmigen. „Ich habe dich och nie ernsthaft mit einer Frau zusammengesehen. Wie alt bist du – 25?“
      „26.“
      „Worauf wartest du noch?“
      Esho wollte lustige Gespräche führen und keine tiefsinnigen Fragen beantworten. Er schob sich schwerfällig vom Tisch weg, damit er die Beine hochlegen konnte. Die dreckigen Stiefel richtete er zur Wand aus und nicht an den Eviad gewandt. Ein bisschen Anstand hatte er selbst im alkoholisierten Zustand noch. Dass er von dieser Frage genervt war, war jedoch nicht zu bestreiten.
      „Was bringt mir das? Ich sehe meinen Sinn auf dem Schlachtfeld. Im Kampf. Da, wo es blutig zugeht. Ich bin damit im Reinen, irgendwann durch eine Waffe niedergestreckt zu werden. Aber wenn ich Frau und Kinder hätte, müsste ich einen Gedanken an sie verschwenden. Wertvolle Sekunden, die deine Reaktionsfähigkeit einschränken.“
      Er nahm sich einen Schluck und hörte seine großspurigen Worte in seinen eigenen Ohren nachhallen. Sie dunklen Augen beobachteten die Flüssigkeit, die in seinem Kelch schwappte. Dann seufzte er. Manchmal mochte er seine eigene Art wirklich nicht.
      „… Ich will nicht, dass die Frau, die mich von Grund auf liebt, trauern muss. Dass Kinder ohne ihren Vater aufwachsen müssen“, fügte er schließlich leiser hinzu ohne den Blick zu heben.
    • Zoras lächelte milde bei der Vorstellung, wie Esho der unschuldigen Tochter eines Handelsvorstehers den - wie hatte er es genannt? Das Wissen aus dem Schädel vögelte. Oh, das konnte er sich sehr gut vorstellen bei dem jüngeren Mann. Esho schien ihm genau der Typ, der auf so eine Frau hereinfallen könnte. Ob er dabei noch etwas über den Champion gelernt hatte? Anscheinend nicht, aber Zoras kicherte, als er sich vorstellte, Esho in Feyras Position zu setzen. Wer weiß, vielleicht würde ein junger, kräftiger Soldat mehr Erfolg erzielen, wo Feyra sonst versagte. Vielleicht war es genau Eshos Schwanz, den sie brauchten, und bei dem Gedanken lachte Zoras auf. Schnaubend rieb er sich den Nasenrücken.
      "Ein toller Fang, wirklich. Ich habe es noch nie mit einer Händlerin getan. Es kam nie dazu."
      Esho sprach gleich weiter.
      „Das ist es eben, Zoras. Ich brauch nur in die nächste Taverne zu gehen und einen auszugeben und schon scharen sich die Weiber um mich. Wegen der Macht, wegen des Aussehens, wegen der Hoffnung auf Prestige. Aber das bringt mein Blut nicht voll in Wallungen, verstehst du? Ich liebe einen guten Kampf und der beschränkt sich nicht nur auf das Kampffeld.“
      Verständnisvoll nickte Zoras, denn hier fühlte er nicht anders. Er verstand, was Esho ausdrücken wollte, weil er sich selbst sehr früh darüber im Klaren gewesen war, welche Art von Frauen eine Anziehung auf ihn auswirkten. Das waren keine Bauerstöchter, natürlich nicht, aber in vielen Fällen waren es nichtmal die Töchter oder nahen Verwandten der anderen Herzöge, die ihn interessiert hatten - nicht, wenn sie kein Verständnis von Truppenbewegungen mit sich brachten oder davon, wie eine Einheit Kavallerie zu manövrieren war. Das waren die beiden Dinge, die für Zoras wichtig waren: Strategie und Pferde. Ohne das eine kam er mit dem anderen nicht aus, sodass er auch bei seinen Frauen Wert darauf gelegt hatte, dass sie mit ihm mithalten konnten. Wobei Kassandra keine besondere Liebe für Pferde hegte und die Königin eigentlich auch nicht, wenn er es sich so recht überlegte. Dann war es vielleicht auch nur die Strategie, die für ihn wichtig war, so wie für Esho der Kampf wichtig war. So wie Zoras sich nicht vorstellen konnte, eine unintelligente Frau zu heiraten, konnte Esho sich nicht vorstellen, eine im Kampf unerfahrene zu heiraten. Das ging beides aufs Gleiche hinaus.
      Esho legte daraufhin seine Beine hoch. Sein Tonfall war nicht mehr ganz so fröhlich wie soeben noch und Zoras blinzelte, als er mit Mühe versuchte, sich ebenso auf das Thema zu konzentrieren. Schluss mit dem Gedanken an Schwänzen, er versuchte hier ein Gespräch zu führen, ein nicht unwesentliches noch dazu.
      "Ich sehe meinen Sinn auf dem Schlachtfeld. Im Kampf. Da, wo es blutig zugeht. Ich bin damit im Reinen, irgendwann durch eine Waffe niedergestreckt zu werden. Aber wenn ich Frau und Kinder hätte, müsste ich einen Gedanken an sie verschwenden. Wertvolle Sekunden, die deine Reaktionsfähigkeit einschränken.“
      Das würde Zoras nicht so sagen. Langsam wog er den Kopf hin und her, suchte gleichermaßen nach den richtigen Worten und einem ordentlichen Gedanken, den er aussprechen konnte. Seine Gedanken waren mindestens genauso träge geworden wie seine Zunge.
      "Ich glaube, das ist kein Problem. Du bist schließlich nicht bei ihnen, du kämpfst für sie. Wenn, dann würde ich behaupten, dass du sogar noch besser, noch schneller kämpfst, weil du genau weißt, dass deine Frau und deine Kinder Zuhause sind. Wenn schon jemand für sie kämpft, wer wenn nicht du?"
      Das ließ Esho sich für einen Moment durch den Kopf gehen. Nachdenklich studierte er den Inhalt seines Kruges, dann sagte er leise:
      „… Ich will nicht, dass die Frau, die mich von Grund auf liebt, trauern muss. Dass Kinder ohne ihren Vater aufwachsen müssen.“
      Reflexartig sah Zoras da auf das dunkle Mal auf seinem Handrücken hinab und ein bedrückendes Gefühl machte sich in ihm breit. Dabei hatte er nicht mit dieser Aussage gerechnet, nicht mit diesen Worten, nicht von Esho. Der Mann war immer so entschlossen, strebte immer nach dem Kampf, als wäre es das einzige, was ihm im Leben wirklich Freude bereitete, und vielleicht war es das sogar auch. Vielleicht war für Esho der Kampf das Höchste, was Zoras niemals hinterfragt hätte, weshalb er umso überraschter war, eine derart häusliche Seite an dem Mann zu finden. Dann zögerte er vor einer Frau, weil er die Konsequenzen eines Kampfes nicht auf andere abwälzen wollte?
      Zoras ballte seine Hand zur Faust und öffnete sie wieder. Amartius' Mal bewegte sich dabei mit dem Rhythmus seiner Muskeln.
      "Wenn du die richtige Frau findest", sagte er langsam, "und ich meine keine Königin und auch nicht die Tochter eines Handelsvorstehers; wenn du die richtige findest, dann wirst du den Preis zahlen wollen, den sie mit sich bringt. Jede Art von Preis. Dann wirst du in Kauf nehmen wollen, dass sie um dich trauert und eure Kinder ohne Vater aufwachsen, weil - weil sie dafür da ist. Weil du genau weißt, dass du nachhause kommen wirst und sie da sein und dich lieben wird. Hattest du das schonmal? Eine Frau, die Zuhause auf dich wartet?"
      Unmittelbar dachte er an Kassandra und dass sie Zuhause sein würde, wenn er wieder kam. Zuhause. Ein warmes Gefühl durchströmte ihn, das bekannte Gefühl von inniger Liebe, die er mit seiner Phönixin verband, und er legte den Kopf zurück. Das Gefühl wärmte besser als jeder Alkohol der Welt es hätte tun können.
      "Das ist, was du bekommst. Du machst dir Sorgen darüber, im Kampf zu zögern, aber was, wenn ich dir sage, dass du überhaupt erst einen Grund gefunden haben wirst zu kämpfen? Dass du erst erkennen wirst, dass es notwendig ist zu kämpfen, gerade weil du hinterher nachhause kommen und deine Frau in deine Arme schließen wirst? Das wird so viel stärker sein als die Sorgen, die du dir wegen ihr machst. Es wird dein ganzer Grund sein, weshalb du überhaupt eine Waffe in die Hand nimmst. Wofür kämpfst du, Esho? Wenn es keine Frau ist und auch keine Kinder, wofür kämpfst du dann? Wofür hebst du dein Schwert?"
    • Sehr vehement schüttelte Esho den Kopf. „Nein, das stimmt so nicht. Ich kämpfe NUR für mich und sonst niemanden. Selbst wenn da jemand warten sollte, bin immer noch ich auf dem Feld. Ich spüre das Schwert, den Speer, meine Faust, wenn sie in der Visage des Gegners landet. Meine Gefühle, mein Erlebnis.“
      Das war der Punkt, an dem die meisten Gespräche scheiterten. Niemand verstand, dass er wirklich nur auf dem Schlachtfeld die Erfüllung fand. Er existierte für den blutigen Grund, für die Gewalt, die echte Konflikte mit sich brachte. Das Klingen von aufeinanderprallenden Schwertern war die reinste Symphonie in seinen Ohren. Dass Zoras bei Eshos Worten scheinbar in eigene Gedanken abdriftete und dabei die Faust ballte, fiel ihm nur halbherzig auf. Das Mal auf dessen Handrücken interessierte ihn nicht sonderlich.
      „Ob ich eine Frau hatte, die auf meine Ankunft gewartet hat? Na sicher!“ Das war wieder eher die Richtung, die seine Gedanken einschlagen wollten. Er wollte sich nicht in die Misere reden und in schlechten Gedanken versinken. Darauf nahm Esho lieber noch einen Schluck. „Hatte der Frau von einem unserer Handelsmogulen nach einem Auslandsbesuch versichert, dass ich sie noch am selben Abend besuchen würde. Hat extra ihren Mann auf den Plaza zu einer Verkündung gedrängt, damit ich ihr später das Hirn rausvögeln konnte!“
      Ausgiebig lachte Esho, doch Zoras stimmte nicht ganz mit ein. Ein bisschen peinlich berührt räusperte sich der junge Mann, als der Eviad mit dem tiefsinnigen Zeug fortfuhr. Am liebsten hätte Esho ihn angefahren, doch dieses vermaledeite Thema fallen zu lassen. Fast hätte er sich gehen lassen. Aber nur fast.
      „Du machst dir Sorgen darüber, im Kampf zu zögern, aber was, wenn ich dir sage, dass du überhaupt erst einen Grund gefunden haben wirst zu kämpfen?“
      „Schwachsinn. Ich habe jetzt schon Gründe genug. Deine Herkunft und Werte sind anders als die meinen. Denk mal drüber nach.“ Esho prostete Zoras zu und nahm einen doch etwas gequälten Schluck. Dieses Gespräch würde ihm mehr Kopfschmerzen als jeder Alkohol bescheren.
      Zoras ließ nicht locker. „Dass du erst erkennen wirst, dass es notwendig ist zu kämpfen, gerade weil du hinterher nachhause kommen und deine Frau in deine Arme schließen wirst? Das wird so viel stärker sein als die Sorgen, die du dir wegen ihr machst. Es wird dein ganzer Grund sein, weshalb du überhaupt eine Waffe in die Hand nimmst.“
      Darauf stieß Esho ein theatralisches Stöhnen aus. „Pass auf, da wird einfach kein Weib auf mich warten. Das kann die tun, wenn ich mich zur Ruhe setze, sofern ich noch nicht tot bin. Erst dann hab ich Zeit für sowas. Solang ich kann werde ich auf dem Schlachtfeld stehen. So schwer zu verstehen?“
      „Wofür kämpfst du, Esho? Wenn es keine Frau ist und auch keine Kinder, wofür kämpfst du dann? Wofür hebst du dein Schwert?“
      Die Hand um den Kelch schloss sich fester, Adern traten auf dem Handrücken hervor. Esho fixierte Zoras, der nicht nur beschwipst vom Alkohol dreinsah. Bei den Göttern, wie gern hätte Esho seine Frustration über dieses misslungene Gespräch mit einem Schwert ausgelassen. Aber Alkohol und Schwerter vertrugen sich nicht. Dann eben ein Weib. Zur Not würde wohl auch eine der Bediensteten für ihn die Beine breit machen.
      „Für mich.“ War das so schwer zu verstehen für den anderen Mann? „Hör mal, ich versteh schon, dass wir zwei andere Schwerpunkte im Leben haben. Liegt vielleicht auch daran, dass du einfach viel älter bist als ich. Oder woanders herkommst. Aber ich?“ Esho schwang seinen Kelch im Kreis und verschüttete dabei achtlos etwas von seinem Getränk. „Der Hof kommt von meiner Mutters Seite. Mein Vater ist migriert und war in Kampfgruben unterwegs. Er hat sich selbst freikaufen können und ist dann aus seinem Land getürmt. Aber Blut lässt sich nicht leugnen.“ Das war mitunter auch der Grund, warum Pakros es nicht befürwortete, dass sein Sohn in die Fußstapfen seines jüngeren Selbst trat. Während der alte Mann schon längst die Schrecken des Zweikampfes kennengelernt hatte, war sein Sohn noch nicht diesen Pfad entlang geschritten. Die Schwelle zum Tod hatte Esho noch nicht gesehen. „Wenn ich kämpfe, bin ich frei. Dann gibt es nur mich, meinen Körper und das, was ich leisten kann. Der direkte Zweikampf, das Kräftemessen zwischen zwei Männern, ist das, was mich zum Leben erweckt. Und danach kann ich immer noch Weiber in meine Betten einladen. Wenn ich du wäre, würde ich mich kaum noch aus meinem Gemach trauen. Ich würde Kassandra solange vögeln, bis sie wund wäre und um Erlösung bettelt.“
      Er machte einen frustrierten Laut und kippte sich den restlichen Inhalt seines Bechers in den Rachen. Abwesend starrte er in den leeren Becher, den er über seinen in den Nacken gelegten Kopf hielt. „Einmal ihr Feuer in den Augen sehen, das nur mir gilt. Einmal erleben, wie sie unter mir kapituliert und den Kampf verliert. Das ist das Einzige, worum ich dich wirklich beneide, Zoras. Nur das.“
    • Zoras hatte keine Ahnung, wovon Esho da redete, und das lag nicht an dem Alkohol. Für sich selbst zu kämpfen - was für ein Schwachsinn. Wie sollte er denn für sich selbst kämpfen, wenn er auf einem Schlachtfeld stand? Es gab doch einen Grund, weshalb dieses Schlachtfeld existierte, einen Grund, aus dem die Schlacht entsprungen war - und dieser Grund war es doch, für den man kämpfte. Meistens war es für Zoras das Land gewesen, jetzt würde es der Himmelsbruch sein und wenn Kassandra nicht dabei neben ihm stehen würde, würde er immer auch für sie kämpfen, denn der Ausgang dieser Schlacht würde unmittelbar auch sie betreffen. Deswegen zog er doch überhaupt erst sein Schwert. Wenn es nicht so wäre, wenn er für sich selbst kämpfte, wann würde er das Schwert dann jemals wieder wegstecken? Wann würde er sich mit sich selbst zufrieden geben?
      Aber Esho verfechtete seine Meinung mit großem Eifer und das, obwohl er soeben noch versucht hatte, die Stimmung wieder aufzulockern. Vergebens. Ein bisschen tat Zoras das leid, der in diese nachdenkliche Stimmung gerutscht war und einfach nicht mehr herauskam.
      „Wenn ich kämpfe, bin ich frei. Dann gibt es nur mich, meinen Körper und das, was ich leisten kann. Der direkte Zweikampf, das Kräftemessen zwischen zwei Männern, ist das, was mich zum Leben erweckt."
      Zoras machte eine wegwerfende Geste.
      "Das ist doch nur Nebensache. Das ist noch nicht der Hauptgrund."
      "Und danach kann ich immer noch Weiber in meine Betten einladen. Wenn ich du wäre, würde ich mich kaum noch aus meinem Gemach trauen. Ich würde Kassandra solange vögeln, bis sie wund wäre und um Erlösung bettelt.“
      Darauf gab Zoras ein Schnauben von sich und nahm nach Esho einen großen Schluck aus seinem Kelch. Vermutlich sollte er das machen. Jetzt, wo sie beide wieder den Kopf frei genug für solche Dinge hatten, sollte er es tun, sich einfach mit Kassandra einsperren und sie wund vögeln. Der Gedanke kam ihm so merkwürdig vor, er schnaubte davon nochmal. Zoras war nicht mehr der Typ fürs vögeln, auch wenn er es früher durchaus gewesen war - in Eshos Alter, eigentlich. Heute würde er seinen Akt eher als... lieben bezeichnen. Oder als begehren, ja, das war ein passendes Wort. Er sollte nachhause gehen, sich mit Kassandra einsperren und sie begehren, bis sie wund war. Das gefiel Zoras schon viel eher und er nahm noch einen Schluck aus seinem Kelch.
      „Einmal ihr Feuer in den Augen sehen, das nur mir gilt", sinnierte Esho gegen die Decke, auf seinem Sessel schon zusammengesunken. Er wirkte dabei fast schon verträumt - Esho und verträumt. Wie absurd.
      "Einmal erleben, wie sie unter mir kapituliert und den Kampf verliert. Das ist das Einzige, worum ich dich wirklich beneide, Zoras. Nur das.“
      Zoras nickte langsam, auch wenn Esho das nicht sehen konnte. Er nickte, runzelte die Stirn, dann seufzte er.
      "Ich verstehe dich und gleichzeitig will ich dir den Kelch an den Kopf werfen, dass du überhaupt so über sie nachdenkst. Sie ist meine Frau, denk da nicht einmal dran, Bursche."
      Dann grinste er, als Esho den Kopf zu ihm neigte, um seinen Gutwillen zu zeigen. Er nahm seinen letzten Schluck aus dem Kelch, dann stellte er ihn geräuschvoll auf dem Tisch vor ihm ab.
      "Nun, ich beneide dich um deinen Hof. Das ist wirklich ein toller Hof, sehr schöne Pferde. Wenn ich könnte, würde ich hier einziehen. Das meine ich ernst."
      Er stand auf. Der Raum wackelte ein bisschen zu viel und er schwankte leicht, dann hielt er sich an der Lehne fest.
      "Aber ich kann nicht und ich muss morgen früh im Palast sein. Ich erwarte Ristaers Aufstellungen und wenn ich nicht da bin, zerreißen sie sich nur wieder die Mäuler. Ich sollte gehen."
      Und außerdem wollte er zurück zu Kassandra - zurück nachhause. Gerade jetzt wollte er am meisten nachhause kommen, sich in sein Bett legen und seine wunderschöne, bezaubernde Phönixin in seine Arme nehmen. Das war eigentlich der Hauptgrund, weshalb er nicht bleiben wollte. Beim nächsten Mal sollte er sie wirklich überreden mitzukommen.
      Esho begleitete ihn nach draußen wie der gute Gastgeber, der er war. Während die Kutsche vorbereitet wurde, wandte Zoras sich Esho zu.
      "Es war mir ein Vergnügen. Richte deinen Eltern meinen Dank aus, ich will wiederkommen, sobald es die Zeit erlaubt."
      Er grinste Esho frei an.
      "Und beim nächsten Mal erzähle ich dir, was man mit Steigbügeln alles machen kann. Die Sattel-Geschichte war ja erst der Anfang."
      Beide grinsten sich für einen Augenblick an, dann verabschiedeten sie sich. Zoras war überrascht festzustellen, dass er die Zeit mit Esho genossen hatte. Vielleicht waren sie noch nicht die besten Freunde, aber der Kampf in der Arena schien ihm jetzt weiter entfernt zu liegen als jemals zuvor. Esho war ein guter Mann, wenn auch auf seine eigene Weise. Er war sehr jung und unerfahren für den Posten, den er innehatte, aber Zoras versuchte darüber hinwegzusehen. Und wenn man Eshos Blutdurst einmal außer Acht ließ, war er ein wirklich unterhaltsamer Zeitgenosse.
      Zoras stieg in die Kutsche und fuhr vom Hof.

      Auf der Fahrt schlief er ein und wachte erst wieder auf, als die Kutschentür geöffnet wurde - was nachlässig war, bedachte man die indirekte Gefahr, in der er noch immer schwebte, aber nichts war passiert und so versuchte Zoras den Gedanken schnell wieder zu verdrängen. Er stieg aus und merkte gleich, dass der Alkohol größtenteils verschwunden war. Stattdessen war er jetzt hauptsächlich nur noch müde.
      Von seiner Eskorte begleitet ging er in den Palast und geradewegs zu seinem Gemach. Die Tür wurde für ihn geöffnet und dort stand sie: Kassandra, eine typische Silhouette vor dem Fenster, die über die Weite von Kuluar hinweg blickte. Zoras sah sie und bei ihrem Anblick verspürte er sofort Wärme in seiner Brust. Er stellte sicher, dass die Tür hinter ihm geschlossen wurde, dann kam er auf sie zu, legte den Arm um ihre Hüfte und zog sie sanft an sich.
      "Kassandra."
      Ihr Duft erfüllte ihn und ihre Wärme ließ seine Haut prickeln. Sehnend lehnte er sich zu ihr und küsste zart die Haut unter ihrem Ohr.
      "Wie habe ich dich vermisst."
    • Die mächtige Kutsche hatte den ganzen Abend bis in die Nacht hinein auf ihren Eviad gewartet. Erst, als er eingestiegen und die Türe geschlossen hatte, brachte der Kutscher die Pferde in Bewegung und das Gefährt fuhr vom Hof davon. Esho stand noch eine Weile im Torbogen seines Gehöfts ehe er sich umdrehte und gemächlich ins Innere des Gebäudes schlenderte.
      Weiter hinten im Gang schälte sich eine der Bedienstete aus den Schatten. Wegen ihres auffallend roten Haars hätte sie am Nachmittag unter all den Frauen noch herausgestochen, doch sie hatte eindeutig gefehlt. „Ich hatte mir den großen Eviad anders vorgestellt. Man sieht, dass er nicht von hier stammt.“
      Als Esho an ihr vorbei ging hing sie sich an seinen Arm und drückte ihr pralles Dekolleté gegen ihn. Sie zählte zu den Frauen, die in etwa in seinem Alter waren und von Krankheit und Befall verschont geblieben waren. „In der Prophezeiung war nie ein Wort geschrieben, dass er ein Landsmann sein muss.“
      „Nein, das stand da nicht“, pflichtete sie ihm bei und ihre Stimme wurde samtig und dunkel. „Allerdings bin ich mir sicher, dass du ihm ohne seine Göttin leicht beikommen wirst. Er sieht nicht nach kraftstrotzender Jugend so wie du aus.“
      Der junge Mann schnaubte lediglich. Er war noch nie sonderlich empfänglich für Komplimente gewesen. „Natürlich. Ohne sie ist er nichts als ein alter Mann. Ohne Asterios werde ich das auch irgendwann sein.“ Furchen bildeten sich auf seiner Stirn.
      Vor seiner Gemachtür hielten sie inne. Die Frau legte ihre Hände an Eshos Wangen und drehte sein Gesicht zu ihr. Ihre Daumen strichen zärtlich über seine Haut, während sie ihn mit einem verschmitzten Lächeln bedachte. „Wie gut, dass du noch nichts von deiner Vitalität eingebüßt hast. Die wirst du gleich brauchen.“
      „In der Tat. Was für ein Segen“, stimmte Esho ihr zu, beugte sich zu ihr für einen begierigen Kuss hinab und öffnete die Tür, hinter der sie verschwanden.

      Wie lange Kassandra vor dem Fenster in Zoras‘ Gemach stand, wusste sie nicht mehr. Irgendwann hatte sie sich hierher zurückgezogen und an ihre bewährte Spähposition eingekehrt. Die Sonne war noch da gewesen, als sie herkam, doch nun hatte sie ihren Platz längst mit dem Mond getauscht. Eigentlich hatte sie nur einen kurzen Augenblick verweilen wollen, aber dann kam dieses Gefühl. Dieses unsägliche Gefühl einer Ahnung, die bald zur Gewissheit wurde. Ihren Einfluss hatte sie in weiten Teilen über das Land geworfen, wie ein feines Netz bemerkte es Eindringliche und Störenfriede. Auren und Lebenslichter flackerten millionenfach vor ihren Augen, wenn die Phönixin es denn so wollte. Und ausgerechnet heute an diesem Abend brach eine Aura, mindestens ebenso mächtig wie die ihre, diesen Einfluss. Wie ein Nadelstich punktierte sie ihre Abwehr und schob sich penetrant hinein. Dann verschwand die Aura urplötzlich wieder und Kassandra verlor den Fokus. Jedoch wusste sie jetzt: Eine neue Konstante befand sich innerhalb Kuluars Grenzen und sie wusste nicht wer.
      „Kassandra.“
      Die Phönixin zuckte kaum merklich zusammen, als Zoras seine Arme um ihre Hüfte legte und sie an sich zog. Bei ihrer Konzentration hatte sie seine Rückkehr nicht registriert.
      „Wie habe ich dich vermisst.“ Er küsste sie zärtlich und sie entspannte sich in seinen Armen.
      „Du warst lange fort. Ungewöhnlich. Ich nahm an, Pferde im Dunkeln auszusuchen ist nicht ratsam?“, fragte sie, wobei ihr nicht der Geruch von Hochprozentigem entging. Offensichtlich war er trinken gewesen. Hoffentlich mit Esho und sonst niemanden. „Wie ist es gelaufen? War die Suche erfolgreich?“ Und Pferd. Wie konnte sie diesen Geruch nur vergessen haben?
      Sanft schälte sie sich aus seinem Griff, um mit ihren feinen Fingern die einzelnen Schnürungen seines Gewandes zu lösen. Eine meditative Angelegenheit, wenn man so wollte. „Wenigstens lag ich mit meiner Annahme richtig, dass Esho dir nicht feindlich gesinnt ist. Was hat er dir zu trinken angeboten? Selbstgebrannter Tarrum?“
      Kassandra schlug einen leichtfertigen Plauderton an. Sie wollte nicht, dass er nach diesem Tag, der ihn mehr Entspannung als Anstrengung gebracht hatte, direkt wieder in Sorgen ausbrach. Solange sie selbst nicht genau das Gefahrenpotenzial einschätzen konnte, würde sie ihn nicht in die Angelegenheit einweihen. Jedenfalls noch nicht.
    • Zoras lächelte seicht und küsste sie noch einmal, ein bisschen tiefer. Kassandras Haut war heiß unter seinen Lippen und er ließ sich die Wärme gefallen, sowohl die unter ihrer Haut, als auch die in seinem eigenen Körper. Er liebte Kassandras Wärme, die sie mit ihm teilte.
      "Es ist auch nicht ratsam. Ich habe alles Tageslicht genutzt, das ich nur nutzen konnte."
      „Wie ist es gelaufen? War die Suche erfolgreich?“
      Noch ein Kuss, dann richtete Zoras sich auf, als Kassandra sich sanft aus seiner Umarmung löste. Er sah ihr in die roten, glühenden Augen, die sich auf ihn richteten. Einmal ihr Feuer in den Augen sehen, das nur mir gilt. Das ist das Einzige, worum ich dich wirklich beneide, Zoras.
      "Nein. Es war gut, sehr unterhaltsam, aber gefunden habe ich keins. Ich bin wohl wählerischer, als ich gedacht hatte."
      Er lächelte jetzt mehr und schob eine Strähne von Kassandras Haar zurück, die auf ihrer Schulter geblieben war.
      "Dafür habe ich mich gut unterhalten mit Esho. Er ist ein guter Mann, wenn man einmal darüber hinweg sieht, dass er mich genauso tot sehen wollte wie alle anderen. Ein bisschen jung, ein bisschen unerfahren, aber das waren wir alle mal. Er erinnert mich ein bisschen an mich selbst."
      Kassandra hob die Finger zu seinem Hemd und löste mit einem leichten Zug die Schnürungen. Der Stoff blieb größtenteils an Ort und Stelle, nur Telandirs Mal kam zum Vorschein.
      „Wenigstens lag ich mit meiner Annahme richtig, dass Esho dir nicht feindlich gesinnt ist. Was hat er dir zu trinken angeboten? Selbstgebrannter Tarrum?“
      Zoras lachte leise. Er fühlte sich locker genug, um es amüsant zu finden, dass Kassandra die Tatsache so schnell erkannt hatte. Er war in der Zwischenzeit stundenlang ohne zu trinken in der Kutsche gesessen.
      "Das war es, was er mir gegeben hat? Er hat versucht es zu erklären, aber wir haben es beide aufgegeben. Ich war nur froh, dass es kein Wein war. Ja, wir haben Tarrum getrunken, sehr guten sogar."
      Kassandras Augen wanderten von seinem Hemd wieder zu ihm nach oben und Zoras verspürte unsagbare Liebe bei dem Anblick seiner Göttin, die er in den Armen halten durfte. Er lächelte wieder und schloss diesmal beide Arme hinter ihrem Rücken.
      "Komm."
      Sie ließ sich an ihn ziehen und als sie bei ihm stand, nahe genug, dass ihre Hitze auf seinen ganzen Körper ausstrahlte, neigte er sich zu ihr hinab und küsste sie, ein leichter, gefühlvoller Kuss. Er schloss die Augen und verging in diesem einen Moment einzig und allein dem Gefühl ihrer weichen Lippen an seinen, dann öffnete er sie wieder und sah diese unendliche, feurige Tiefe ihrer Augen, die ihn mit einem Ausdruck betrachteten, der ihn von selbst wärmte. Er genoss den Anblick, genoss es in vollsten Zügen, dass sie ihn mit einem solchen Blick bedachte.
      "Meine Hübsche."
      Zärtlich folgte er mit dem Fingerrücken der Kontur ihres Gesichtes, bis hinab zu ihrem Kinn, bevor er mit dem Daumen sanft über ihre Wange strich. Leise sagte er:
      "Wusstest du, dass ich für dich töten würde?"
      Ein eigenartiger Ernst kam zurück und er senkte die Hand wieder, um die ihre zu ergreifen.
      "Ich würde für dich kämpfen und ich würde für dich gewinnen", sagte er, noch immer leise und mit Wachsamkeit. "Ich würde auch für dich verlieren. Ich würde Kriege beginnen und beenden, nur für dich. Alles nur für dich. Ich hoffe, das weißt du."
    • „Du solltest dringend damit aufhören, dir fremde Delikatessen und Getränke anzunehmen“, riet Kassandra Zoras, während sie ihm die Finger unter seine Robe schob. „Sei froh, dass du nicht weißt, aus welcher Grundzutat Tarrum gebrannt wird.“
      Ihr Blick wanderte von seiner Brust höher zu seinen Augen und zog die Finger von seiner Brust zurück, als er seine Arme um ihren Rücken schloss. Ihr graziler Körper schmiegte sich an seinen kräftigen und es folgte ein leichter Kuss, bei dem sich Reste von alkoholhaltigen Noten auf ihre eigene Zunge niederschlugen. An sich war sie diesem Geschmack nicht abgeneigt. Insbesondere guter, süßer Wein besaß schwere Noten, denen sie manchmal hinterher sehnte. Wie von selbst wanderten ihre Hände über Zoras‘ Oberarme, leicht und unverbindlich. Über dem Stoff durfte sie das. Diese Regel war noch immer fest etabliert.
      „Meine Hübsche“, sagte er, nachdem sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten, und jede Silbe war voller Wärme.
      „Die Einzige“, bekräftigte die Phönixin, als Zoras über ihre Wange strich.
      „Wusstest du, dass ich für dich töten würde?“
      Der Ausdruck in Kassandras Augen wechselte schlagartig zur Wachsamkeit. Ihre Hände verweilten an seinen Armen, während ihr Blick sein Gesicht nach verräterischen Zuckungen absuchte. „Du hast dich Telandir gestellt. Du hättest dich noch mehreren Gegnern gestellt, die dir wesentlich überlegen waren. Ja, ich weiß, dass du es tun würdest.“
      Seine Hand verließ ihre Wange, um stattdessen nach ihrer Hand zu greifen. Sie konnte nicht anders, als einen bestimmten Schritt zurückzutreten. So nah an seinem Körper hatte sie nicht das Gesamtbild im Blick, um ihn recht einzuschätzen. Ganz automatisch überprüfte sie den Eviad auf Veränderungen, die nur ein Gott wahrnehmen konnte. Nichts davon wirkte sonderlich verdächtig. Vielleicht wirkte der Alkohol doch noch stärker nach als gedacht, aber sie konnte sich nicht sicher sein, ob Esho womöglich doch niedere Absichten gehegt hatte.
      „Ich würde für dich kämpfen und ich würde für dich gewinnen“, pflichtete er weiter bei.
      Du würdest kämpfen und du würdest verlieren. Deswegen bist du mir als Herrscher lieber, der nicht seinen Kopf auf dem Feld riskiert, dachte Kassandra, ließ ihn jedoch weitersprechen.
      „Ich würde auch für dich verlieren.“
      Ein winziger Muskel in ihrem Augenwinkel zuckte.
      „Ich würde Kriege beginnen und beenden, nur für dich. Alles nur für dich. Ich hoffe, das weißt du.“
      „Und ich hoffe, du weißt, dass ich es nicht wünsche, dass du ein Risiko eingehst.“ Wo Zoras‘ Stimme leise klang, war ihre voll von absoluter Unumstößlichkeit. „Du wirst Kriege beginnen, aber nicht nur für mich. Du wirst sie schließlich beenden, und das definitiv für mich. Aber wenn du soweit gehen willst, dann sei gewiss, dass ich nicht nur zuschauen werde.“
      Kassandra verschränkte ihre Finger mit denen von Zoras und zog ihn ruckartig einen Schritt auf sich zu. Sie war kleiner als er, schon immer gewesen, aber jetzt gerade lag der Göttin alles zu Füßen, genau so, wie es sich gehörte. „Ich will in den Kriegen, die du für mich lostrittst, auf dem Feld stehen und sein, wer ich wirklich bin. So wie du auf dem Rücken von Pferden deine Freiheit findest, will ich auch die meine ausleben können. Ohne, dass du mich dafür verurteilst. Kannst du mir das versichern?“
      Eigentlich hatte sie so eine essenzielle Frage nicht stellen wollen, wenn er nicht ganz Herr seiner Sinne war. Aber was es auch gewesen war – Zoras hatte diese Thematik als Erster angesprochen. Jetzt, wo sich allmählich Pläne eines Angriffs konkretisierten, musste Kassandra ihren Willen in Worte fassen, damit Zoras sie verstand. Und das besser eher als später.

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    • Kassandras Sanftheit verschwand ein bisschen und zurück blieb die Göttin, die Phönixin, die Zoras mit klarem Blick betrachtete. Seine Liebesbekundung schien in ihr andere Wurzeln zu schlagen als gedacht, aber das war ihm nicht unlieb. Kassandra war schon immer eine Kämpferin gewesen, ein Wesen, die ihren Willen durchzusetzen vermochte. Das war immerhin eines der Dinge, die er so sehr an ihr liebte.
      „Du wirst Kriege beginnen, aber nicht nur für mich. Du wirst sie schließlich beenden, und das definitiv für mich. Aber wenn du soweit gehen willst, dann sei gewiss, dass ich nicht nur zuschauen werde.“
      Sie wussten beide, auf was sie unter anderem anspielte: Die Schlacht in Theriss um den Thron und Zoras' Wunsch zu sterben, um Feris' Macht zu etablieren. Kassandra war bereits damals nicht gerade glücklich gewesen und nur die Essenz hatte sie wirklich davon abzuhalten einzuschreiten; denn das hätte Zoras nicht zugelassen. Nur war sie jetzt frei, und in ihrer Freiheit bemerkte er, dass ihm der Gedanke gefiel, Kassandra nicht nur als teilnahmslose Zuschauerin dabei zu haben.
      "Natürlich bin ich das", sagte er daher mit einem aufrichtigen Lächeln. Oh ja, Kassandras Willenskraft war ein starker Punkt, den er liebte. Es würde ihm nicht im Traum einfallen, sie von seinen Kriegen auszuschließen. Auch nicht, wenn sie beide verschiedener Meinungen waren, was den Ausgangspunkt dieses Krieges betraf.
      Kassandra ergriff seine Hand und zog ihn mit einem Ruck wieder zu sich, der ihn ein bisschen stolpern ließ. Manchmal vergaß er, was für eine göttliche Kraft in ihrem eleganten Körper steckte, er ließ sich jedoch gerne daran erinnern.
      „Ich will in den Kriegen, die du für mich lostrittst, auf dem Feld stehen und sein, wer ich wirklich bin. So wie du auf dem Rücken von Pferden deine Freiheit findest, will ich auch die meine ausleben können. Ohne, dass du mich dafür verurteilst. Kannst du mir das versichern?“
      Ein Funkeln glitt über Zoras' Augen, eine direkte Auswirkung des Hochgefühls, das sich in ihm einstellte. Vor seinem inneren Auge sah er die brennende, hoch aufragende Phönixin auf dem dunklen Schlachtfeld und das war nur mit begrenzter Macht möglich gewesen. Was Kassandra jetzt ausmachte, der riesige, schwarze Phönix, das konnten ihm bislang nur die Legenden sagen. Und das, was er dort hörte, gefiel ihm.
      "Es wäre mir eine außerordentliche Ehre", raunte er, "dich auf dem Schlachtfeld neben mir zu wissen, Kassandra. Dafür wurdest du geboren, du hast es selbst gesagt. Ich werde es dir nicht nur versichern, ich verspreche es dir, dass das Schlachtfeld ganz dir gehört. So, wie ich meine Pferde führen möchte, wirst du dein eigener Herrscher sein."
      Und das gefiel ihm. Das gefiel ihm sogar sehr. Esho hatte ihm gesagt, dass er eine Kämpferin wollte, und Zoras hatte verpasst ihm zu sagen, dass Kassandra genau das war. Egal wie viele Frauen schon in Zoras' Bett gelegen waren, Kassandra war die einzige unter ihnen, die er genau deswegen mit einer derartigen Inbrunst liebte, dass es ihm schier die Brust verbrannte. Er nahm ihre Hand, führte sie an seine Lippen und küsste sie mit Eindringlichkeit, ohne den Blick von ihr zu nehmen.
      "Ich verspreche es, so wahr ich hier vor dir stehe."
    • EINIGE WOCHEN SPÄTER





      Das Leben in Xafia war schön und idyllisch. Gerade die äußeren Randbezirke mit ihren Ländereien und der Land- sowie Viehwirtschaft sahen für Durchreisende aus wie das klassische, einfache Bauernleben. Die Menschen hier lebten im Zeitlauf der Jahreszeiten, unberührt von den Spielchen der Hauptstadt oder den zwei Champions, die im Süden und im Norden des Landes postiert worden waren. Konflikte gab es in Xafia praktisch keine – hier hatte sich eine Demokratie etabliert, die wenig von den Champions beeinflusst wurden. Zu den angrenzenden Ländern hielt Xafia ein eher freundschaftliches Verhältnis. Das war womöglich auch der Grund, wieso die Grenzen nicht so eng bewacht wurden, wie es vielleicht sein sollte. Aber niemand hier rechnete mit einem Ausbruch von Gewalt. Niemand rechnete damit, dass eine ganze Armee praktisch über Nacht über die Grenzen marschieren würde.

      „Stanis, hast du die Bündel mit dem Getreide schon geholt?“
      „Nein, die liegen noch am Feldrand. Ich nehm‘ mir den Karren und den Ochsen“, erwiderte der junge Stanis, ein gerade mal 17-jähriger, der seit er laufen konnte fest in die Landwirtschaft seiner Familie eingespannt worden war. Als einziger Sohn seiner Familie lastet Großes auf seinen Schultern. Eines Tages wird der braungebrannte junge Mann mit den langen, dunklen Haaren den Hof und seine Ländereien übernehmen. Er würde eine Frau finden, eine Familie gründen und schließlich seinen Hof weiterreichen. Stanis war damit zufrieden, er trachtete nie nach etwas anderem. Aber manchmal, da trieb auch ihn der jugendliche Leichtsinn und er fragte seinen Vater, warum er nicht den Soldaten beitreten sollte. Dass sein Vater seinen Hof nicht an jemand fremdes abgeben wollte, wusste er. Trotzdem – es wäre nur eine Ausbildung gewesen. Ein Ausflug. Denn wirklich zum Einsatz kamen die Grenzposten schließlich sowieso nicht.
      Das kleine und versprengte Dörfchen Xaltis befand sich in unmittelbarer Nähe zum nun Königtum Kuluar. Die Kunde, dass ein prophezeiter König seinen Platz eingenommen hatte, war bis in diese Weiten vorgedrungen. Auch das Wort, dass er alle fünf Champions sowie seinen eigenen unter Kontrolle hatte, wirkte beeindruckend. Stanis, der noch nie einem Gott auf der Erde begegnet war, fand diese Vorstellung abstrakt. Merkte man, wenn man einem Gott gegenüberstand? Glühten sie? Sprachen sie überhaupt die gleiche Sprache? Fragen über Fragen, die Stanis irgendwann aufgehört hatte zu stellen. Auf dem Karren sitzend knarrte das Holz und der buntgefleckte Ochse schnaufte hier und da, während der junge Mann gemächlich dem Sonnenaufgang entgegenfuhr. Das Dorf arbeitete zusammen, um die Ernte einzubringen. Die Frauen schnitten die Halme, bündelten es und verzurrten. Die Männer sammelten die Bündel auf, lagerten sie am Feldesrand und wieder andere transportierten das Getreide mittels Wagen und Karren zurück zur großen Lagerhalle im Zentrum von Xaltis. Hier lagerte jede Familie ihre Feldfrüchte ein. Gemeinschaft war in entfernten Siedlungen noch viel wichtiger als in anderen Orten und Städten. Hier musste man sich auf das Wort des jeweils anderen verlassen können.
      Dies hier war die erste Tour des Tages für Stanis. Locker lagen die Zügel des Ochsen in seinen Händen, das Tier kannte den Weg praktisch schon selbst. Das erübrigte dem jungen Mann Freizeit, um mit seinen Gedanken woanders abzudriften. Insgeheim hoffte er, dass Ranea mit ihrer Schwester und Mutter schon Getreide mit ihren Sicheln schnitt. Vielleicht war sie sogar mit Bündeln beauftragt, sodass er sich ganz ungeniert zu ihr stellen und mit ihr reden konnte. Ranea war in seinem Alter, sie beide waren wie so viele andere hier zusammen aufgewachsen. Aber sobald er sie mit seinen dunkelbraunen Augen sah, wurde ihm immer ganz warm zumute. Wenn er ihr aschblondes Haar von Weitem sah, schwor er, es auch unter hunderten anderen Haarschöpfen erkennen zu können. Nur ihres tanzte im Wind wie die Halme des Getreides, welches sie gerade einfuhren. Er konnte nicht mehr sagen, wann er sich in ihre gräulichen Augen verliebt hatte. Jedenfalls hatte er sich bisher immer stets zurückgehalten, ihr näherzukommen als ihm zustand. Sie war zwei Jahre jünger als er und erst, wenn sie sechszehn wurde, konnte er bei ihrem Vater nach ihrer Hand fragen. Das war nicht mehr lange. Das bisschen Zeit würde er auch noch durchhalten. Hatte er schließlich immer.
      Es kamen die ersten Bündel am Wegesrand in Sicht. Hier waren keine Leute mehr; sie waren schon weiter gezogen, das Feld zu seiner rechten war bereits abgeerntet worden. Leichtfüßig sprang Stanis vom Karren und warf die Bündel auf die Ladefläche, während der Ochse gemächlich weitertrottete. Als er soweit fertig war, sprang er wieder auf und fuhr weiter, bis schließlich Stimmen lauter wurden und er Menschen weiter hinten entdeckte. Die Frauen bildeten eine Reihe und arbeiteten sich durch das Getreide hindurch. Die Klingen ihrer Sicheln blitzten regelmäßig im frühen Sonnenlicht auf. Hinter der Reihe bündelten die jüngeren Mädchen und die ganz Alten das Getreide, während Männer und Frauen gemischt die Bündel zum Wegesrand trugen.
      Ohne es zu wollen wuchs Stanis in der Größe an. Er hielt Ausschau nach Ranea und entdeckte sie tatsächlich als eine derjenigen, die die Bündel zum Rand trugen. Noch sammelte sie gerade bei ihrer Großmutter die nächsten Bündel, aber dann würde sie zum Rand kommen und da würde er auf sie warten. Ein freudiges Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.
      „Bei den Göttern, Stanis, streich dir dieses grenzdebile Lächeln aus dem Gesicht und komm runter!“, fuhr ihn Gehnard an, der Vater des Nachbarhauses. Er mochte keine verträumten Kinder und erst recht keine jungen Männer, die Flausen im Kopf hatten.
      „Darf man morgens nicht schon gute Laune haben?“, stichelte Stanis zurück und hüpfte vom Wagen, um den Ochsen festzumachen. „Wenn ich immer griesgrämig gucke, ende ich nachher wie du.“
      „Du kleiner…“, bauschte sich der vom Wetter gegerbte Mann schon auf, bekam aber von seiner Frau direkt einen Schlag auf den Arm ab.
      „Gehnard, lass den Jungen doch einfach! Er hat recht! Früher warst du wesentlich hübscher als heute.“
      Die anderen Frauen lachten hinter vorgehaltenen Händen und Gehnard schnaubte sichtlich pikiert. Er warf die Bündel nun vielleicht etwas zu energisch auf Stanis‘ Karren, der die Bündel richtig anordnete und dabei immer wieder den Kopf nach Ranea reckte.
      Nur ein bisschen Reden. Das wäre schon genug für heute.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es war Erntezeit und um diese Jahreszeit war es in Xaltis immer am schönsten. Die Felder schimmerten Gold im warmen Sonnenlicht, die Apfelbäume trugen ihre dicken Früchte und vom Bachlauf ertönte das beständige Surren der Insekten. Die Luft war erfüllt von dem Gelächter der Kinder und den ernsten Ermahnungen der Erwachsenen und überall, wo man hinging, herrschte ausgelassene Stimmung. Denn wo die Erntezeit war, blieb das Erntefest nicht weit entfernt und wenn es dieses Jahr auch wieder so ertragreich wurde, dann würde es sicherlich groß und bunt und wunderschön werden.
      Dachte zumindest Ranea, die zwischen ihrer Schwester Roshia und dem Nachbarsmädchen Kay saß, einen Korb goldenes Getreide vor ihren Füßen, den sie mit funkelnden Augen begutachtete, während sie die einzelnen Halme zusammen schnürte. Jetzt war sie endlich alt genug um bei den anderen Mädchen zu sitzen und zu schnüren - endlich! Letztes Jahr hatte sie noch mit den anderen Kindern - mit den wirklichen Kindern, sie war ja jetzt eine Frau! - das Wasser tragen müssen, aber dieses Jahr hatte Mutter es ihr endlich erlaubt. Und wenn sie schon das tun durfte, dann durfte sie sicher auch auf dem Erntefest mit den Jungen tanzen, so wie Roshia das tat. Ganz sicher!! Darauf freute sie sich schon so sehr und es machte die Vorstellung an das Fest nur umso unglaublicher.
      "Ranea", sagte Roshia patzig von der Seite, "du machst die Knoten viel zu locker, siehst du! Ich sag ja, dass du noch viel zu unreif dafür bist. Mama!! Ranea macht den Knoten nicht richtig!"
      "Mache ich wohl!", rief Ranea zurück. Ihre Mutter saß mit den anderen Müttern an einem eigenen Tisch, an dem sie sich ruhig unterhalten konnten; jetzt sah sie zu ihnen herüber und winkte drohend mit dem Zeigefinger.
      "Benehmt euch, Mädchen!"
      Roshia sah Ranea böse an und Ranea streckte die Zunge zu ihr aus. Okay, vielleicht hatte sie noch ein paar kindische Angewohnheiten - aber sonst war sie wirklich schon eine Frau.
      "Sie plant sicher schon Stanis zum Tanz einzuladen", sagte Kay von der anderen Seite, den Kopf gesenkt und das Gesicht hinter den langen Haaren verborgen. Kay war schon 16, Roshia war 17. Ranea war mit ihren gerade gewordenen 14 Jahren die Jüngste am ganzen Tisch.
      "Wahrscheinlich", sagte Roshia und schob sich eine Strähne hinter die Ohren. "Dumme Tagträume für dumme Mädchen."
      "Das ist kein dummer Tagtraum", beschwerte Ranea sich, der zu spät einfiel, die beiden Mädchen überhaupt zu korrigieren. Denn... eigentlich war das keine so schlechte Idee.
      "Doch, ist es", sagte Kay entschlossen, legte ihr Bündel weg und nahm sich neue Halme aus dem Korb. "Weil Stanis sicher nicht mit dir gehen wird. Stanis ist schon fast erwachsen und du bist noch ein Baby."
      "Bin ich gar nicht", fauchte Ranea und überlegte für einen Augenblick, Kay mit ihrem Getreide zu schlagen. Aber dann würde ihre Mutter sauer werden und sie vielleicht wieder zum Wassertragen verdammen, also blieb sie sitzen und sah stattdessen finster drein.
      "Ich bin kein Baby. Und Stanis würde sicher Ja sagen, wenn ich ihn frage."
      Roshia lachte verächtlich. Dieses Lachen hasste Ranea besonders.
      "Nur weil er manchmal Hallo zu dir sagt, heißt das noch nicht, dass er dich heiraten wird. Wenn er jemanden heiratet, dann ja wohl jemand in seinem Alter. Mich zum Beispiel."
      "Oder mich", sagte Kay und warf Roshia einen giftigen Blick zu, den die andere erwiderte. "Immerhin sind unsere Eltern befreundet."
      "Ja, aber ich bin die ältere."
      "Mag sein, dafür habe ich aber schönere Haare als du."
      "Ich bin aber auch größer als du."
      "Ich ziehe mich zumindest nicht an wie ein Trampel."
      "Dafür sehe ich nicht aus wie einer."
      "Du mit deiner spitzen Nase hast da gar nicht mitzureden!"
      "Stanis findet meine spitze Nase toll, das hat er mir selbst gesagt."
      "Nein hat er nicht."
      "Wohl."
      "Du lügst."
      "Tue ich nicht."
      "Und ob."
      "Jedenfalls geht er lieber mit einer spitzen Nase als mit zu großen Füßen."
      Ab dann hörte Ranea nicht mehr zu, denn ihre Augen hatten etwas anderes erfasst: Stanis auf seinem Ochsenkarren. Und er war noch weit genug entfernt, dass Ranea schnell die Bündel zum Rand bringen konnte und rechtzeitig dort sein würde.
      Das Gezänker der beiden anderen Mädchen ignorierend schob sie sich von ihrem Stuhl, sammelte ihre Bündel zusammen und lief dann schnell - aber gemäßigt schnell, Frauen rannten nicht - zu den anderen Tischen, um einzusammeln. Dabei schaute sie immer wieder zu Stanis' Wagen hinaus und überlegte sich schon jetzt, wie schnell sie gehen musste, damit es möglich natürlich aussah, wenn sie dann dort ankam. Schließlich hatte sie es raus und ging ruhig und lässig zum Rand des Feldes, gerade als der Ochse vor ihr zum Stehen kam und schnaufte. Stanis sprang herab und ihre Blicke trafen sich.
      In Raneas Augen war Stanis unheimlich schön. Er hatte lange, dunkle Haare, die sein kantiges Gesicht auf eine malerische Weise umrahmten und er hatte schon lange die Kindlichkeit in seinen Wangen und seinem Kinn abgelegt. Eigentlich sah er aus wie eine jüngere Version seines Vaters und sein Vater war ein sehr stolzer, kräftiger Mann. Bei Stanis zeigten sich jetzt auch bereits die ersten Muskeln und Ranea konnte nicht anders als ihn zu bewundern, wenn er die vielen Bündel auf einmal nahm und auf seinen Wagen hievte. Stanis war so toll! Und er redete mit ihr - mehr als ein Hallo, wie Kay sagte!!
      "Hallo Stanis", sagte Ranea mit ihrem besten Lächeln, das sie extra für ihn übte. Auch an ihrer Oberweite entwickelte sich langsam etwas, das man auch sehen konnte, und so stand sie extra gerade, damit er sie in ihrem Sommerkleid bewundern konnte. Das hatte sie natürlich auch nur angezogen, weil sie genau wusste, dass er auch helfen würde.
      "Ähm..."
      Sie sah ihn für einen Augenblick zu, wie er auf seinen Wagen lud. Diese starken Arme - wie es sich nur anfühlen würde, von ihnen gehalten zu werden...
      "Du hast da schon ziemlich viel. Machst du noch eine Runde?", fragte sie aus Ermangelung an Ideen, was sie sonst sagen könnte. Sie hatten nicht viel Zeit um miteinander zu reden, bevor einer der Erwachsenen auf sie aufmerksam werden würde, und sie war noch zu gehemmt, um ihn einfach auf den Tanz anzusprechen. Was, wenn er Nein sagen würde? Das musste sie sich doch erstmal noch gut überlegen.
    • Gehnard war ein anstrengender Mann. So anstrengend, dass Stanis für einen Moment nicht den Kopf nach Ranea streckte, sondern sich bereit machte, dem deutlich älteren Mann Paroli zu bieten.
      „Du bist ein ausgedörrter, alter –„
      „Hallo Stanis“, kam es von der Seite und Stanis fiel fast vom Wagen.
      Die Bündel an Getreide rollten ihm aus den Armen, als er herumfuhr und Ranea vor dem wagen entdeckte. Ihre großen, schönen Augen waren einzig auf ihn gerichtet und er schwor, dass selbst die Sonne blass ihr gegenüber aussah. Ihr steckten vereinzelte Halme in den Haaren, die manch anderem vielleicht gar nicht aufgefallen wären. Ihr Gesicht war noch nicht von der Sonne gerötet und von der Arbeit schwitzig, was ihr dieses jugendliche, frische Aussehen verlieh. Stanis kannte ihre Schwestern, aber nur sie hatte diese aberwitzige Nase, in die er am liebsten einmal hinein gekniffen hätte. Natürlich nur, um sie zu ärgern.
      „Guten Morgen, Ranea“, sagte Stanis und erwiderte ihr Lächeln mit seiner strahlenden Variante. Er konnte einfach nicht anders. Wo er manchmal plump grinste, war ihr Lächeln weit mehr geziert, so als setze sie es nur in ganz bestimmten Moment und gewillt ein. Ein Gut, welches ihm zuteilwurde und nicht jedem anderen Kerl in Xaltis. Manchmal, wenn sie dieses Lächeln jemand anderes zeigte, ertappte er sich dabei, wie er denjenigen am liebsten weggesperrt hätte, nur damit sie ihn anlächelte.
      „Ähm…“
      Stanis konnte allerdings nicht weiter auf dem Wagen hocken und starren und lächeln. Es gab Arbeit zu erledigen und somit machte er sich an das Stapeln der Bündel, die ihm aus den Armen gerollt waren. Immer wieder warf er dem Mädchen dabei verstohlene Blicke zu. Irgendwie stand sie… seltsam da. So steif. Sonst wirkte sie immer so geschmeidig, aber heute war sie einer Statue gleich. Das ging ihm nicht so recht auf.
      „Du hast da schon ziemlich viel. Machst du noch eine Runde?“, fragte sie schließlich und Stanis witterte direkt seine Chance. Er richtete sich kerzengerade auf dem Wagen auf und legte die Hand über seine Augen, um über das Feld zu blicken. Objektiv betrachtet waren da doch genug Frauen zugange. Es waren genug Alte da zum Binden, genug Frauen zum Schneiden und genug Kinder zum Tragen. Ja, er musste noch eine Runde drehen – mindestens – und ehrlich gesagt hatte niemand ihm verboten, jemanden auf dem Karren mitzunehmen. Schließlich zog sein Ochse locker mehr als zwei Personen und Getreide.
      Im Hintergrund warf Gehnard ihm bereits finstere Blicke zu, die Stanis gekonnt ignorierte. In einem Anflug an Übermut sprang er vom Wagen, gar nicht unweit des gut einen Kopf kleineren Mädchens. Er mochte es, wenn sie so viel kleiner waren als er. Doch nur Ranea hätte er zusätzlich in seine Arme geschlossen.
      „Deine Schwestern kommen doch ganz fantastisch auf dem Feld zurecht, oder?“, fragte Stanis mit gewieftem Lächeln und bedecktem Tonfall. Er lehnte sich vor und legte den Unterarm gegen den Karren, um mit Ranea fast auf Augenhöhe zu sein. „Was hältst du davon, mich zu begleiten? Zur Scheune, abladen und wieder zurück? Sollte doch keiner was sagen können.“
      Seine Augen funkelten, als er sie fragte. Zuvor hatte er sich noch nicht dazu bringen können, sie generell nach etwas zu fragen. Zu sehr hatte er die Bedenken, dass ihre ältere Schwester auf den Trichter käme, sich mit ihm treffen zu wollen. Diese Schnepfe mit den Pickelmalen konnte ruhig Land gewinnen.
    • Kaum hatte Ranea gefragt, sprang Stanis schon von seinem Wagen herunter wie ein Held aus den vielen Geschichten. In seinem Gesicht tauchte ein Grinsen auf, in das sich Ranea glatt zweimal verliebte. So hübsch war er, wenn er so grinste - und sie dabei auch noch ansah!
      „Deine Schwestern kommen doch ganz fantastisch auf dem Feld zurecht, oder?“, fragte er, worauf Ranea ihm glatt erzählt hätte, dass das alles dumme Gänse waren, die doch keine Ahnung von irgendwas hatten - nur wie man den ganzen Tag nörgeln und meckern konnte. Doch da begriff sie erst, worauf er hinauswollte, als er weitersprach.
      „Was hältst du davon, mich zu begleiten? Zur Scheune, abladen und wieder zurück? Sollte doch keiner was sagen können.“
      "Oh ja!", rief sie begeistert und sprang ein kleines Stück in die Luft, bevor sie sich zusammenreißen konnte. Cool musste sie bleiben, wenn sie mit Stanis Zeit verbringen wollte. Aber er hatte sie gefragt - er hatte gefragt! Und natürlich wollte sie das, nichts anderes auf der ganzen Welt.
      "Unbedingt!"
      Gehnards mürrischem Blick mit einer ähnlichen Professionalität ausweichend wie Stanis, trat sie an den Wagen heran und sah sich nach einer Stufe zum Hochklettern um. Normalerweise wäre sie ohne Probleme bis auf den Kutschbock geklettert, aber doch nicht mit einem Kleid - außerdem kletterten Frauen nicht, das hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Frauen mussten elgant und schön sein, da blieb kein Platz zum Klettern.
      "Hilfst du mir? Das Kleid..."
      Er streckte die Hand nach ihr aus und Ranea lächelte ordentlich, als sie sie ergriff und sich hochziehen ließ. So groß war seine Hand und so stark war er, am liebsten hätte sie ihn gar nicht mehr losgelassen. Doch da saß sie auch schon neben ihm und sah auf die Weite der Felder hinaus.
      "Aber schnell, Roshia petzt alles, was sie sieht. Ganz schnell."
      Das sagte sie aber nur so, in Wahrheit wollte sie am liebsten so langsam wie nur möglich machen. Denn jetzt saß sie neben Stanis dort oben, nahe genug, dass sich ihre Beine berührten und ihr davon ganz warm wurde. Aufgeregt zupfte sie an ihrem Kleid herum und warf ihm immer mal wieder Blicke zu. Er war so hübsch! Sie konnte sich gar nicht genug an ihm sattsehen.
      "Hey, ähm... hast du..."
      Sie fing eine ihrer Strähnen an und wickelte sie nervös um den Finger.
      "Weißt du schon... - wann du zum Erntefest kommen wirst? Wir werden wahrscheinlich wieder aufbauen helfen - aber dann habe ich frei. Wenn du... auch da bist."
    • Bei Raneas freudigem Ausruf wurde Stanis gleich ganz warm. Längere Zeit hatte er sich gefragt, ob er seine Gefühle vielleicht nur falsch interpretierte. Ob er Ranea nicht als Frau, sondern eben nur als Mädchen oder gar seine kleine Schwester ansah. Er hatte keine Geschwister zum Vergleichen, weshalb ihm der Zweifel immer wieder mal in den Kopf schoss. So wie jetzt gerade, wo sie ihn voller Freude anstrahlte, war er sich nicht sicher, woher dieses warme Gefühl stammte.
      Leichtfüßig wie zuvor wollte er vom Wagen springen und ihr hochhelfen. Seine Hände an ihre schmalen Hüften legen und sie einfach hochheben. Da sie beide aber noch immer Zuschauer hatten, fühlte er sich dabei doch beklemmt. Also lieber ganz unverfänglich nur eine Hand reichen. Ihre Hand war verschwindend klein in seiner und auch die Rauheit war eine andere. Zierliche, weiche Hände gab es hier nicht, aber ihre Hand fühlte sich trotzdem viel weicher in seiner von der Arbeit gegerbten Hand an. Ganz leicht zog er sie auf den Wagen – das Mädel wog ja fast nichts!
      „Aber schnell, Roshia petzt alles, was sie sieht. Ganz schnell“, drängte Ranea Stanis, nachdem er sich neben sie auf den Bock gesetzt hatte und die Zügel in die Hand nahm.
      „Die kommt mit ihren Stummelbeinen eh nicht schnell genug heran“, grinste Stanis pikant und lenkte das Tier zum Wenden an.
      „Stanis! Du sollst allein fahren und nicht mit Begleitung!“, rief jemand, aber der junge Mann winkte schlicht ab.
      „Ich brauch Motivation, damit ich nicht mit Halluk am Lager versacke!“
      „Als ob der Morgens schon Met ausgibt!“
      „Kannst du’s garantieren bei dem Saufbold?“
      Darauf kam keine Antwort mehr und Stanis und Ranea fuhren gemächlich ihres Weges. Er tat sein Bestes, dem Ochsen nicht zu signalisieren, besonders schnell zu laufen. Und auch saß er möglichst weit auf der Ecke des Bocks, um seiner Begleitung nicht ungewollt auf die Pelle zu rücken. Aber sie hatte sich nicht auf die Ecke gesetzt. Sie war so nah, dass ihre Beine sich berührten und aneinander rieben, wann immer der Wagen wackelte. Den Göttern sei Dank trug sie ein wadenlanges Kleid, das ihr nicht höher rutschte als zu den Knien. Jetzt so ganz allein… konnte man fast auf schlechte Gedanken kommen.
      „Hey, ähm… hast du…“, begann das Mädchen und wickelte sich eine Strähne um den Finger. Stanis bemerkte das aus dem Augenwinkel, weil er sich dazu anhielt, auf den Weg zu gucken und nicht sie ständig anzustarren. „Weißt du schon… - wann du zum Erntefest kommen wirst? Wir werden wahrscheinlich wieder aufbauen helfen – aber dann habe ich frei. Wenn du… auch da bist.“
      Stanis blinzelte ein paar Mal, dann konnte er das immer größer werdende Grinsen nicht mehr unterdrücken. Er zeigte ein bisschen Zahn, als er ihr einen flüchtigen Seitenblick zuwarf.
      „Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, du fragst mich als deine Begleitung“, sagte er mit schelmischem Unterton. Es war das erste Mal, dass ihn generell jemand fragte. Die letzten Jahre musste er immer mit den kleinen Mädchen abhängen und deren Aufpasser spielen. Erst letztes Jahr durfte er danach mit den Jungs seines Alters am Feuer sitzen und Met trinken. Da hatte er auch seinen ersten Filmriss erlebt.
      Ranea fing daraufhin das Drucksen an und Stanis lachte leise. Der Weg zurück zum Lager führte über einen Feldweg, an den kaum Häuser anschlossen. Von Weitem würde man ihn wohl kommen sehen, das war aber auch schon alles. Deswegen waren die Ochsen so wertvoll. Die gesamte Strecke zu Fuß mit Körben zu laufen zehrte nicht nur an der Kraft, sondern kostete auch viel zu viel Zeit.
      „Hast du etwa auf den passenden Moment gewartet, damit deine ältere Schwester dir keinen Strich durch die Rechnung macht? Ich glaube nämlich, die ist echt frustriert, dass noch kein anderer Kerl sich so recht für sie interessiert“, sagte Stanis und ließ die Zügel in seinen Schoß fallen, um sich zu strecken. Immerhin war es noch früh. „Könnte sich ein Scheibchen von dir abschneiden. Das würde ihr definitiv helfen.“
      Ihre Oberweite war immerhin nicht alles, was zählte.
    • Ranea kicherte vergnügt, während Stanis sie am Feld entlang lenkte. Jetzt saß sie wirklich bei ihm, mit ihm, neben ihm und begleitete ihn auf seiner Fahrt. In ihrem Inneren vermischte sich das anregende Gefühl von Abenteuer, nachdem sie eigentlich gar nicht hier sein durfte, und ihre Verliebtheit dem hübschen Jungen gegenüber. Sie bekam davon ganz wildes Herzrasen.
      Auf ihre Frage hin fing Stanis an zu grinsen und das machte sie selbst ganz glücklich. Er grinste - wegen ihr. Sie konnte ihn zum Grinsen bringen.
      „Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, du fragst mich als deine Begleitung“, gab er zurück und Ranea spürte wie ihr heiß wurde. Sie kicherte ein bisschen und zupfte an ihrem Kleid.
      "Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht wirst du das einfach herausfinden müssen."
      Ohh wie ungezogen sie war! Ihre Mutter würde ihr für so ein Verhalten sicher einen Vortrag darüber halten, wie man sich bei den Männern rar und beliebt machen sollte - und das ging nicht, indem man ihre lebhaften Fantasien auch noch anfeuerte. Aber Ranea konnte einfach nicht anders. Sie war drauf und dran mit Stanis eine Verabredung zu erzielen!
      „Hast du etwa auf den passenden Moment gewartet, damit deine ältere Schwester dir keinen Strich durch die Rechnung macht? Ich glaube nämlich, die ist echt frustriert, dass noch kein anderer Kerl sich so recht für sie interessiert."
      "Ja", stimmte Ranea ihm zu und kicherte wieder. "Habe ich schon ein bisschen. Aber jetzt, wo sie uns gesehen hat, wird sie dich ganz sicher fragen, wenn sie dich das nächste Mal sieht. Ansonsten muss sie wieder mit Wulf gehen, aber er ist so hässlich und tanzen kann er auch nicht."
      Angeregt drehte sie die Strähne in ihren Fingern.
      "Da habe ich mir gedacht, ich frage lieber jemanden, mit dem ich auch wirklich gehen will."
      „Könnte sich ein Scheibchen von dir abschneiden. Das würde ihr definitiv helfen.“
      "Hihihi. Vielleicht. Also ist das ein Ja?"
      Ranea konnte vor Aufregung kaum still sitzen. Sie würde wirklich mit Stanis auf das Fest gehen und dann würde sie mit ihm tanzen! Welches Kleid würde sie nur anziehen? Was würde sie mit ihren Haaren machen? So viele Fragen, die unbedingt noch beantwortet gehörten!
      Langsam fuhren sie beim Lager an und blieben dann stehen. Stanis sprang mit einer Leichtfüßigkeit hinunter, die Ranea ganz besonders gefiel, und fing dann den Wagen umladen. Er war nicht der einzige; dieses Jahr war die Ernte wirklich gut ausgefallen. Ranea hörte auch schon die Erwachsenen ständig davon reden.
      Sie selbst blieb sitzen, streckte die Beine über den Wagen hinaus und ließ sie baumeln. Getreidekisten zu schleppen war definitiv Männersache und Ranea wollte sich das Kleid nicht schmutzig machen - nicht vor Stanis. Also blieb sie da, wo sie war, und sah Stanis beim Schleppen zu, bewunderte seine Kraft, himmelte seine Größe an und bestaunte sein langes Haar, das ihm immer auf reizende Weise um das Gesicht fiel, egal wie er sich gerade bewegte. Wenn er einmal zu ihr herüber sah, winkte sie ihm zu und zeigte ihr tolles Lächeln, das sie Zuhause immer vor dem Spiegel übte. Stanis lächelte dann immer zurück und Raneas Herz machte einen kleinen Sprung.
      Als Stanis mal weiter hinten im Lager verschwand, ließ Ranea den Blick schweifen. Es war ein wunderschönes Wetter, ein wolkenloser Himmel - und doch entdeckte sie durch Zufall eine kleine dunkle Wolke am Horizont. Prüfend kniff sie die Augen zusammen; die Wolke schien näher zu kommen. Komisch, wo doch sonst keine Wolken am Himmel waren.
      "Hey, Stanis", rief sie und sah zu ihm, als er wieder auftauchte. Sie sah zurück und bemerkte, dass die Wolke wieder ein Stück größer geworden war.
      "Schau mal." Sie deutete auf den Horizont. "Da kommt eine richtig große Wolke auf uns zu. Die sieht irgendwie komisch aus."
    • „Hihihi. Vielleicht. Also ist das ein Ja?“
      „Vielleicht? Vielleicht auch nicht? Du wirst wohl warten müssen, ob ich dich abhole oder nicht“, kopierte Stanis einen Teil von Raneas Wörtern bevor sie am Lager eintrafen und er leichtfüßig wie immer vom Karren sprang.
      Halluk, der Lagerhüter, lief tatsächlich schon mit einem Kelch durch die Gegend. Der alte Mann schien keine anderen Hobbies mehr zu haben als zu trinken und den anderen Leuten beim Arbeiten zuzusehen. Wäre sein Gedächtnis so einwandfrei und sein Auge so scharf, hätte der Älteste ihn schon längst seiner Arbeit verwiesen. Aber so hing Halluk am Scheunentor ab und beobachtete Stanis, der immer wieder einen Krug ablehnte, wann immer er zwei Bündel Getreide zeitgleich in die Scheune trug. Dafür hatte er zu viele Augen für Ranea. Vor dem Mädchen wollte er sich nicht blamieren und erst recht nicht als Saufbold wie der Lagerwart selbst gelten. Wann immer er konnte warf er ihr einen Blick zu und immer dann, wenn sie ihn anlächelte, musste er schmunzeln und kurz darauf wegsehen. Sonst käme er wirklich noch auf schlechte Gedanken. Immerhin mussten sie noch den Weg wieder zurückfahren und er konnte das Gefühl einfach nicht abschütteln, dass sie gar keine Einwände hätte, wenn er sie einmal ganz kurz küsste. Nur ganz, ganz kurz.
      „Hey, Stanis“, rief Ranea wie auf’s Stichwort und er zuckte schuldbewusst zusammen. Wieso denn schuldbewusst?! Er hatte doch gar nichts getan!... Noch nicht, jedenfalls. Er warf die zwei Bündel in die Scheune und trat an ihre Seite neben dem Bock des Karrens. „Schau mal. Da kommt eine richtig große Wolke auf uns zu. Die Sieht irgendwie komisch aus.“
      Der junge Mann folgte dem Fingerzeig des Mädchens. Er musste eine Hand über die Augen legen und sie ein bisschen zusammenkneifen. Die Sonne ging in ihrem Rücken auf, aber hell genug war es trotzdem schon. Aber tatsächlich. Da hinten, umgeben von nichts außer blauem Himmel, war eine dunkle Wolke. Eine schwarze sogar, die, während er sie beobachtete, immer größer wurde. Er runzelte die Stirn. Regen war zu dieser Jahreszeit weder üblich noch traten Wolken im Alleingang auf. Oder… wuchsen so schnell.
      Stanis beschlich ein ungutes Gefühl. „Ranea, komm vom Wagen runter“, befahl er ihr mit ernstem Tonfall. Die Wolke bewegte sich. Links und rechts bewegte sie sich in einem gleichmäßigen Rhythmus. Neben ihm kletterte Ranea vom Wagen und stellte sich in seine Nähe. „Was ist das…“
      Dann, mit einem Male, erkannte Stanis mehr als nur eine Wolke. Das Ding war mittlerweile so groß, dass er die Bewegung als Flügelschläge ausmachen konnte. Das war keine Wolke. Es war ein gigantischer, schwarzer Vogel. Ohne drüber nachzudenken schlang er einen Arm um Raneas schmale Schultern und presste sie beschützend an sich. Seine Augen wurden größer und größer, so wie der Vogel immer größer und größer wurde. Er war ein gigantisches Ungetüm und erstreckte sich über gleich mehrere Langhäuser auf einmal. Ein eleganter Kopf, gespickt mit zwei leuchtend roten Augen, auf einem schmalen Hals schien alles unter ihm zu überprüfen. Fast so, als suche er nach irgendetwas. Weiße Kreise und Muster zogen sich über die Unterseite des Gefieders und hinter den Stoßfedern folgten fünf einzelne lange Federn, ähnlich die eines Pfaues. Die Füße, die der Vogel angezogen hatte, waren so groß wie mehrere Karren zusammen. Der Ochse, der die ganze Zeit über ruhig am Gras gezupft hatte, wurde unruhig und zog an dem Seil, mit dem er festgemacht wurde. Halluk fiel der Becher aus der Hand, als er den gigantischen Vogel sah. Völlig lautlos schoss der Monstervogel über ihre Köpfe hinweg und tauchte sie für fast eine volle Sekunde in Schatten. Er flog Richtung Inland, zu einer der Hauptstädte, wenn Stanis es nicht besser wüsste.
      „War das… ein Champion?“, fragte er mit zittriger Stimme, denn das gerade kam einem schlechten Omen gleich.
    • Während die beiden die Wolke beobachteten, staunte Ranea schon nicht schlecht. Sie kam wirklich schnell näher, und das bei einem fast windstillen Tag, und außerdem wurde sie auch noch größer. Ranea hatte vermutlich noch nie eine Wolke gesehen, die sowas anstellen konnte.
      „Ranea, komm vom Wagen runter“, sagte Stanis neben ihr und sein ernster Tonfall ließ Raneas Nackenhaare aufstellen. Sie sah zu ihm hinab und dann folgte sie seiner Aufforderung, wenn auch nur, um näher bei ihm zu sein. Plötzlich hatte sie ein ungutes Gefühl. Es saß ihr irgendwo in der Magengegend.
      „Was ist das…“
      Zusammen beobachteten sie wieder die Wolke und diesmal konnte Ranea erkennen, dass sie sich bewegte. Also - natürlich bewegte sie sich, aber es wirkte auch sehr stark, als hätte sie Gliedmaßen an den Seiten. Ranea kniff die Augen zusammen. Das war doch keine Wolke, oder? Das war...
      ... Ein Vogel. Ein riesiger, gigantischer Vogel, der sogar noch größer wurde, je näher er ihnen kam. Seine Schwingen trieben ihn mit unglaublichen Bewegungen voran und er hielt genau auf sie zu. So als hätte er das Dorf ins Auge gefasst.
      Ranea bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Sie hatte niemals so etwas großes gesehen und je näher er kam, desto deutlicher konnte sie den langen Schnabel ausmachen und die furchtbar dicken Krallen. Da schlang Stanis die Arme bereits um sie, zog sie an sich und Ranea klammerte sich an sein Hemd, so gut sie konnte.
      "Stanis, ich hab Angst."
      Der Vogel kam und passierte sie. Seine Augen hatten die Farbe von unheimlichen Kirschen und obwohl er so groß war, so gewaltig, verursachte er keinerlei Geräusch. Nur der Windstoß, den seine riesigen Flügel verursachten, traf sie selbst auf dem Boden noch, wenn auch nur als feine Brise.
      "Ich hab Angst, Stanis. Was ist das?"
      Der Vogel flog über sie hinfort, ohne in seinen Bewegungen anzuhalten. Schnell hatte er das Dorf passiert und hielt weiter auf den Horizont zu. Doch selbst, als er weg war und nun wieder langsam kleiner wurde, konnte man trotzdem noch den Schatten spüren, den er bei seinem Flug auf sie geworfen hatte. Als hätte er sie damit markiert.
      „War das… ein Champion?“, fragte Stanis mit zitternder Stimme und Raneas Augen wurden groß. War das denn ein Champion? Waren alle Champions so groß? Wenn das so war, dann hatte Ranea nicht mehr das Bild von strahlenden Göttern vor sich, sondern von fürchterlichen Ungetümern, die alles in ihrer Umgebung einreißen konnten. Denn dem Vogel wäre es sicher ein leichtes gewesen, mit nur einem Flügelschlag ein ganzes Haus zu zerstören.
      Ranea erschauderte bei dem Gedanken. Sie klammerte sich noch immer an Stanis, während die Erwachsenen um sie herum alle nervöse Worte miteinander tauschten. Niemand hatte eine Ahnung, was das gewesen sein sollte, alle fühlten sich unwohl von seiner Präsenz. Als hätte der Flug des Vogels etwas noch nicht spürbares, greifbares losgetreten.
      "Ich glaube ich will nachhause, Stanis. Bringst du mich nachhause?"
    • Die leise Angstbekundung von Ranea konnte Stanis nur allzu gut verstehen. Sein eigener Verstand begriff nicht, welches Wesen er da gerade über ihren Köpfen noch gesehen hatte. Es musste ein Champion gewesen sein. Alles andere ergab keinen Sinn. Aber so sollten sie doch nicht aussehen. Nicht so groß und schwarz und… todbringend. Der Vogel sah aus wie ein Seuchenbringer, einer, der das Korn mit Schimmel befallen ließ und Wasser ungenießbar machte. Kein gutes Zeichen, aber mehr als eine warme Brise kam von dem Wesen nicht bis zu ihnen hinab.
      Ranea erschauerte an Stanis‘ Seite und er drückte sie noch enger an sich. Er würde sie beschützen solange er es nur konnte. Das schwor er sich in diesem Augenblick. Heldenartig würde er sich vor sie stellen, damit ihr nichts geschah. Er würde für sie sterben, keine Frage! Denn das tat man so, um seine Liebe zu schützen.
      „Ich glaube, ich will nachhause, Stanis. Bringst du mich nachhause?“, fragte Ranea kleinlaut und Stanis sah zu ihr hinunter.
      „Natürlich. Ich sag deiner Mutter Bescheid, dass du da bist“, versicherte er ihr, als er sie behände wieder auf den Wagen hob und, nachdem er die restlichen Bündel abgeladen hatte, sich neben sie setzte. Die Leichtigkeit und Freude von vorhin war verflogen. Der Schattenvogel hatte alles einfach mit sich genommen. Stanis zerbrach sich darüber den Kopf, ob es Konsequenzen gäbe. Irgendetwas, das sie tangieren würde. Der Vogel war aus kuluarischer Richtung gekommen. Hatte es nicht geheißen, dass der neue König mit seiner Göttin dort aufgetaucht sei? Mit einer… Phönixin? Aber die waren doch rot. Warum war dieser Vogel schwarz gewesen? Irgendetwas stimmte nicht und Stanis konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass diese Sichtung erst der Anfang gewesen war.
      Bei Raneas Haus angekommen hielt Stanis an und half dem Mädchen wieder von dem Wagen. Sie war mittlerweile wieder etwas wenige blass um die Nase, aber die Angst hatte ihre Klauen fest in ihr herz geschlagen. Es machte sein eigenes ganz schwer, das sonst so unbekümmerte Mädchen so voller Angst und Sorge zu erleben.
      „Hey, Ranea…“, sagte er sanft und legte ihr die rauen Hände auf beide Schultern. Sie wirkte so zerbrechlich, dass er nicht einmal sein volles Gewicht auf ihr ablegte. „Wir haben den Vogel nur gesehen. Es ist nicht geschehen. Es geht und allen gut und nichts hat sich verändert. Wir sind eh zu weit draußen, als dass sich so ein Ungetüm für uns interessieren würde.“
      Er versuchte es mit einem leichten Lächeln, aber auch das kam nur teilweise an. Ein Stein lag in seiner Magengrube und so konnte er sie nicht einfach zurücklassen. Also hob er seine Hände und legte sie zu beiden Seiten an ihre Wangen. Seine Finger streiften dabei ihre Ohrmuscheln, als er ihr Gesicht in seinen Händen hielt. „Es ist alles okay, Ranea“, versuchte er es erneut und beugte sich dieses Mal zu dem Mädchen hinab. Stanis übertrat diese feine, unausgesprochene Linie nicht. Nicht jetzt, wenn sie dermaßen unter Angst. Er wollte es tun, wenn sie wieder das freudige, aufgeregte Ding war und nicht jetzt. Deswegen legte er seine Stirn an ihre, schloss die Augen und atmete tief durch.
      „Alles ist gut. Es ist nichts passiert. Ich bin da, wenn etwas sein sollte.“
      Ein paar Sekunden behielt er diese Haltung bei, dann löste er sich von ihr und wartete, bis sie im Haus verschwunden war.
      Erst dann schwang er sich wieder auf den Karren und fuhr zurück zum Feld, vorbei an aufgeregten Dorfbewohnern und Quacksalbern, die schon das Ende verkündeten.