Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Kassandra ging unter Zoras in einer Symphonie aus lustvollen Geräuschen auf, ein Anblick, der ihn selbst schier um den Verstand brachte. Sie war so eng um ihn herum, so erhitzt und feucht, dass jede Bewegung ihren Körpern obszöne Laute entlockten. Dabei rieb sie sich noch immer und Zora trank von ihren Bewegungen. Es war umwerfend. Jede Bewegung brachte ihn mehr auf ein unaufhaltbares Ende zu.
      Dann spannte Kassandra ihre Muskeln an und ihre Bewegungen wurden fahrig, als sie sich ins Bett krallte, um seinen Stößen entgegen zu wirken.
      OhMhh… Nicht aufhören!“, keuchte sie und Zoras gehorchte. Ja, er gehorchte, packte sie an den Schenkeln und drang mit Präzision in sie ein, versenkte sich in der glühenden Hitze, die sich noch weiter um ihn zusammenzog. Vielleicht hätte er aufhören sollen, hätte den Zorn der Phönixin auf sich lenken sollen, um sie daran zu erinnern, wer hier von beiden das Tempo bestimmte, hätte sie ihre Worte bereuen lassen. Aber er tat es nicht. Stattdessen behielt er seinen Rhythmus bei und beobachtete, wie Kassandra ihren Höhepunkt erreichte.
      Ihr Innerstes zuckte. Alles um ihn herum schien sich zusammenzuziehen und Zoras keuchte auf, überwältigt von dem Rausch an Ekstase, die ihn dabei packte, als Kassandra sich unter ihm aufbäumte. Dabei hatte er nicht mit der Kraft der Göttin gerechnet, als sie ihn dabei mühelos von sich wegdrückte und er für einen Moment Schwierigkeiten hatte, nicht die Balance zu verlieren. Ihre Muskeln zuckten und sie stöhnte sein Namen, so, so süß, wie er sich aus ihrem von Lust getränkten Mund nur anhören konnte. Zoras stöhnte selbst auf bei dem Anblick, der sich ihm bot. Dann sackte Kassandra zurück, ihre Haut von einem schimmernden Schweißfilm bedeckt. Die Kraft verließ ihre Muskeln, aber in ihren Augen tanzte noch immer ein Feuer, als sie ihn damit betrachtete.
      "Weitermachen", erinnerte er sie raunend daran und sie tat es auch, auch wenn sie sich dabei unter ihm wand und zuckte. Ihre Hand strich noch immer über ihre Mitte und in ihren Augen stand Trotz, als sie ihn damit betrachtete.
      Aber Zoras zeigte kein Erbarmen. Er wurde auch nicht langsamer, ungeachtet seiner brennenden Muskeln und dem Schweiß, der ihm auf dem Rücken perlte; er trieb sich immer wieder in sie, jagte der Empfindung nach, die ihn selbst über die Klippe treiben würde. Seine Sinne waren vollends auf die Phönixin ausgerichtet, auf ihre glänzende Haut, auf den süßen Duft ihres Höhepunkts, auf ihre abgehackten Atemstöße. Sie war perfekt unter ihm, so, wie sie sich dort wandt. Sie war wunderschön.
      Zoras kam mit einem Stocken und drückte sich tief, tief in sie hinein, eine Welle von Empfindungen über ihn hereinbrechend. Seine Muskeln zuckten unkontrolliert und er presste die Finger gegen Kassandras erhitzte Haut, ihren Namen auf den atemlosen Lippen. Es war wie eine Explosion und raubte ihm sämtliche Sinne, bis er schließlich nach vorne fiel und sich gerade noch rechtzeitig mit den Armen abfing, bevor er auf Kassandra gefallen wäre. Seine Arme erbebten, aber verweigerte es sich, sich auf ihr abzulegen. Er wollte den Moment nicht ruinieren durch seinen Kopf; er wollte jedes bisschen auskosten, was er mit Kassandra genießen konnte. Er wollte sie auskosten, solange es ihm möglich war.
      Ganz langsam nur zog er sich schließlich zurück, bis sie ihre Beine wieder auf dem Bett aufstellen konnte. Schwer atmend sah er ihr in die tiefen, roten Augen, dann beugte er sich zu ihr hinab und übersäte ihr Gesicht und ihren Hals mit Küssen. Kassandra ließ es geschehen, ihre Brust nur wenige Zentimeter von seiner entfernt.
      "Meine Hübsche", raunte er, bevor er ihre Lippen küsste. Dann zog er sich zurück, verließ mit einem Zuckend ihre erhitzte Mitte und ließ sich neben ihr aufs Bett fallen. Mit einer nachlässigen Bewegung wischte er sich den Schweiß von der Stirn.
      "Das habe ich vermisst", seufzte er selig.
    • Unablässig streichelte sich Kassandra selbst, so, wie Zoras es im Spiel aufgetragen hatte. Es war zu viel, hielt sie permanent an der nahen Klippe und brachte sie doch nicht darüber hinaus. Gepaart mit Zoras‘ anhaltenden Bewegungen war sie sich nicht einmal sicher, ob sie nicht sogar noch zweites Mal gekommen war. Die ganzen Empfindungen und Sinneseindrücken stellten eine geballte Macht dar, der sie sich nicht erwehren konnte. Irgendwann erreichte auch Zoras seinen längst überfälligen Höhepunkt und sie spürte, wie er sich zuckend in ihr ergoss. Ihre Beine lagen noch immer eng angewinkelt an ihrem Körper, bebend wie die Nachwehen ihres Liebesspiels. Genauso geschafft sackte Zoras nach vorn und fing sich gerade noch rechtzeitig ab, ehe er vollends auf seine Göttin gestürzt wäre.
      Dankbarerweise zog er sich zurück, damit sie ihre Füße zurück auf die weiche Matratze bringen konnte. Ihr Blick begegnete dem seinen, untermalt von einem warmen Lächeln. Ja, nach solchen Akten war es verständlich, dass Menschen manchen Dingen leichter gegenüber eingestellt waren. Sie selbst fühlte sich schließlich auch wesentlich befreiter als zuvor. Die Wut und der Zorn hatten sich gesetzt und waren zu etwas anderem verglommen. Ihre Hände hatte Kassandra unlängst über ihrem Kopf auf dem Bett zusammengeführt und räkelte sich dabei wohlwissend unter Zoras‘ dunklen Augen. Als er sie mit Küssen übersäte, schloss sie lediglich die Augen. Auch ohne ihn zu berühren spürte sie, dass seine Grenze alsbald ausgereizt sein würde, sollte sie nun über die Stränge schlagen.
      „Das habe ich vermisst“, seufzte er, wohingegen sich Kassandra aufsetzte, um ihre schwarzen Haare mit beiden Händen zu einem ordentlichen Strang zusammenzufassen. „Ich hoffe, du beziehst dich damit nicht nur auf den Fakt des Aktes“, erwiderte die Phönixin, deren Stimme hart klang, ihr Ausdruck im Gesicht jedoch war entspannt und weich. „Denn dann müsste ich dir unterstellen, dass du das auch mit jeder anderen Frau haben könntest.“
      Daraufhin bekam sie eine für Zoras so typische Antwort und dass er doch nur eine wahre Göttin habe, nämlich sie und sonst keine. Damit schenkte sie ihm einen Blick über ihre Schulter, der ihren Ausdruck auch für ihn offenbarte. Dann ließ sie Haar Haar sein und legte sich an seine Seite, getrennt durch eine Decke und doch mit einem seiner Arme um ihre Schulter.
      Vielleicht wog Zorn ja doch nicht länger und schwerer als Liebe.

      Einige Tage später

      Der Versammlungssaal war an diesem Tag ausschließlich von den Ratsmitgliedern und deren Champions bewohnt. Zoras und Kassandra saßen am Kopf der Tafel auf ihren angestammten Plätzen, wohingegen die Ratsmitglieder zu den Seiten verteilt saßen. Als sie die Nachricht bekamen, auf eine wichtige Versammlung berufen worden zu sein, war es lediglich Esho gewesen, der in kürzester Zeit vor Ort gewesen war. Das lag womöglich auch daran, dass sie für ihn im Bescheid schon einen Hinweis darauf hinterlegt hatten, um was es thematisch gehen mochte. Schließlich war er der Einzige unter den Ratsmitgliedern, der von dem Bruch in abgespeckter Art und Weise wusste.
      Doch nun, nachdem die größten Hürden beseitigt worden waren und sich der Rat als kontrollierbar erwiesen hatte, konnten Zoras und Kassandra endlich in ihrem Plan voranschreiten. Nämlich das Ausmerzen der Götter auf der Erde, um das Gleichgewicht zu wahren.
      Die Phönixin trug wie üblich ihr türkises Gewand, doch statt hoch erhoben und desinteressiert dazusitzen saß sie offen und aufrecht auf ihrem Platz neben dem Eviad. Aus ihren Augen waren die menschlichen Gelüste gewichen, denn nun galt es sich weitaus wichtigeren Dingen zu widmen. Insgeheim hoffte sie, mit dieser Offenbarung Mirdole endgültig auf ihre Seite ziehen zu können. Wie sie selbst gehörte die Gorgone nicht in den langweiligen Hof von spießigen Menschen.
      „Wir werden heute verkünden, wie es in der Zukunft mit Kuluar weitergehen wird. Bislang habt ihr euch sehr gut damit getan, euren Wohlstand konstant zu halten, aber wir werden es erweitern“, eröffnete Kassandra die Sitzung. „Kuluars Grenzen werden sich erweitern. Wir streben den Übergriff anderer Länder an.“
      Auf seinem Sitzplatz hüstelte Esho. „Was interessieren Euch die Grenzenerweiterungen?“
      „Gar nicht.“ Kassandra reckte das Kinn höher. „Mir geht es um jene Länder, die Champions besitzen. Diese Länder werden wir gezielt angreifen und einnehmen. Schließlich besitzt Kuluar gleich mehrere.“ Ihre roten Augen zuckten kurz zu Mirdole, die sich unbeteiligt gab.
      „Ich weiß, Ihr seid darauf aus, Eure Natur auszuleben, aber doch wohl nicht auf Kosten der armen Menschen Kuluars.“ Esho zog es ein wenig mit seiner Stimme ins Lächerliche, doch er setzte dafür eigentlich nur den Pfad, damit Zoras erklären konnte, worum es wirklich ging.
      Deshalb schüttelte Kassandra leicht den Kopf. „Richtig. Denn es geht nicht nur um meine Natur. Es geht um etwas wesentlich Größeres und ich denke, ihr nehmt es aus dem Mund des Eviads eher an.“ Sie neigte den Kopf zu Zoras. „So wenn du es möchtest, eröffne es ihnen.“
    • An diesem Nachmittag versammelten sich die Ratsmitglieder zum ersten Mal auf ausdrückliche Einladung des Eviads. Es war ein Beweis ihres unglaublichen Fortschritts, dass sie vollzählig und pünktlich im Versammlungssaal aufkreuzten, um artig bei der Ankunft des Herrscher-Paares aufzustehen. Vor einem Jahr wäre das noch undenkbar gewesen. Vor einem Jahr wäre Zoras ausgelacht geworden, wenn er auch nur vorgeschlagen hätte, den Raum zu wechseln.
      Jetzt saßen sie alle in mehr oder weniger ordentlicher Manier an dem langen Tisch und studierten sowohl die Karten, die dort ausgebreitet lagen, als auch Zoras und Kassandra. Sie beide trugen ihre traditionellen Gewänder in türkiser Note und schienen sich alleine durch die etablierte Eviad-Farbe von dem Violett, Grün, Rot und Braun der anderen abzusetzen. Auch das war etwas, was vor einem Jahr unmöglich gewesen wäre.
      Kassandra eröffnete mit dem Stolz und der Erhabenheit einer wahren Göttin. Sämtliche Augen setzten sich auf ihr fest, als sie anfing zu reden.
      "Wir werden heute verkünden, wie es in der Zukunft mit Kuluar weitergehen wird. Kuluars Grenzen werden sich erweitern. Wir streben den Übergriff anderer Länder an."
      Zoras beobachtete die Mienen jedes einzelnen, während Kassandra sprach. Dionysus zeigte sich bei der Ankündigung halbwegs interessiert, Kalea verzog das Gesicht in einer Art, die ihr Missfallen ausdrückte, Ristaer kniff argwöhnisch die Augen zusammen. Die anderen Götter sahen neutral drein, ähnlich wie Freya, die beim Anblick der Karten vielleicht schon entschlüsselt hatte, worum es gehen würde. Alles in allem empfingen sie die Neuigkeit recht wohlwollend.
      Eshos Kommentar bereitete Zoras dabei keine Sorgen. Er war schließlich auch der erste und einzige gewesen, der in ihren eigentlichen Plan eingeweiht gewesen war.
      "Es geht um etwas wesentlich Größeres und ich denke, ihr nehmt es aus dem Mund des Eviads eher an."
      Kassandra neigte den Kopf in seine Richtung und Zoras übermittelte ihr das Gefühl seiner Dankbarkeit.
      "So wenn du es möchtest, eröffne es ihnen."
      "Der Himmelsbruch vor zwei Jahren ist die Auswirkung von zu vielen Göttern auf der Erde", sagte Zoras ohne weitere Umschweife. Er ließ den Blick kalkuliert über die einzelnen Gesichter schweifen, die Arme sicher auf den Armlehnen abgelegt. Das hier kannte er, darin war er geübt. Das Führen von politischen Parteien hatte er in Theriss bereits auf höchster Ebene vollzogen.
      "Ihre Anwesenheit hat für das Unausweichliche gesorgt: Das Gleichgewicht der Kräfte hat sich gespalten. Es gibt einen Olymp und es gibt eine Erde, mittlerweile gibt es aber den Olymp auf der Erde. Die Götter und ihre halbmenschlichen Nachkömmlinge haben sich zu sehr mit den Menschen vermischt, um die Grenze aufrecht zu erhalten. Der Himmel hat verdeutlicht, dass das Gleichgewicht auseinander bricht.
      Wir werden das aufhalten. Wir werden verhindern, dass die Welten auseinander brechen, so wie sie es in dem jetzigen Zustand drohen. Das hier, das Leben, das ihr jetzt kennt, wird nicht Bestand haben. Es müssen sich nur genügend Götter entscheiden, auf die Erde auszuwandern, und das Gleichgewicht wird ein für alle mal brechen. Es ist eine Frage der Zeit und davon haben wir schon mehr als genug verloren."
      Er pausierte einen Moment, um den anderen die Möglichkeit zu geben, seine Worte sacken zu lassen. Kalea betrachtete ihn jetzt mit einem offenen Ausdruck von Unglauben, Mirdoles Schlangen zischten leise vor sich hin, während die Gorgone Kassandra eindringlich anstarrte. Freya sah hauptsächlich verunsichert aus und Ristaer argwöhnisch. Halmyn bewegte sich auf seinem größeren Stuhl und gab ein leises, tiefes Brummen von sich.
      Dionysus begann schließlich zu lachen. Er lachte, als hätte Zoras den köstlichsten Witz aller Zeiten erzählt.
      "Das Gleichgewicht? Ihr wollt das Gleichgewicht wiederherstellen? Ihr? Ein Mann, der von Albträumen schreit, wenn sein geliebter Vogel nicht in der Nähe ist, und besagter Vogel, der nichtmal bei seinen Artgenossen irgendeine Art von Macht besitzt? Ihr wollt den Himmel flicken? Dass ich nicht lache! Das tue ich ja sogar - hah! Haha! Was für eine lustige Geschichte! Nein, bitte, versucht es doch, und lasst mich dabei sein, damit ich die Balladen höre. Das will ich mir nicht entgehen lassen."
      Er lachte noch einmal und Zoras wollte ihn bereits zurechtweisen, als Kalea sich schon einmischte. Mit irritierter Grimasse lehnte sie sich nach vorne.
      "Was ist das für ein Gerede über Himmel und Gleichgewicht? Warum höre ich das erst jetzt? Wenn es so wichtig sein soll, warum weiß es die Welt nicht schon? Warum erfahre ich jetzt - zwei Jahre danach - davon?"
      "Weil du nicht - Freya, beherrsche deinen Champion."
      Die Angesprochene zuckte zusammen und Dionysus hörte auf zu lachen. Er grinste aber immernoch und räkelte sich zufrieden in seinem Stuhl. Zoras gab ihm nicht die Befriedigung, ihn noch einmal anzusehen.
      "Weil du nicht bei seinem Ursprung zugegen gewesen bist. Ich habe gesehen, was den Himmelsbruch verursacht hat, ich weiß, dass es keine Laune der Natur und erst recht nicht die eines Gottes gewesen war. Das hier ist keine simple Begebenheit, deren Ursprung sich über die ganze Welt verteilt. Nur wenige können wissen, was es damit auf sich hat, und noch weniger davon können etwas daran ändern. Aber wir können es."
      Er breitete die Hände leicht aus, um den Raum in sich einzunehmen.
      "Deswegen sind wir hier."
      Kalea sah noch bei weitem nicht überzeugt aus.
      "Und was hat den Himmelsbruch verursacht?"
      "Zu viele Götter", sagte Zoras, bevor er sich unvermittelt nach vorne lehnte und die Aufmerksamkeit aller auf die ausgebreiteten Karten lenkte. Er würde vor dem Rat nicht offenbaren, dass Kassandras Erlösung der Grund dafür gewesen war. Dafür war ihr gegebenes Machtkonstrukt noch zu fragil.
      "Auf dem Kontinent um Kuluar herum gibt es alleine schon 21 bekannte versammelte Champions. 21. Das sind fast doppelt so viele Götter, wie der Olymp beherbergt, und das bezieht nur fünf Länder mit ein. Auf der ganzen Welt gibt es noch viel mehr als das; so viel mehr. Das bezieht keine Champions mit ein, von denen man nichts weiß, und auch keine Halbgötter, die von Champions entstanden sind. Es ist schon ein Wunder, dass der Himmelsbruch so nicht schon viel früher gekommen ist. Aber jetzt ist er da und wenn wir nichts daran ändern, dann wird es irgendwann nichts mehr geben, das brechen kann. Keine Welt und auch keine Menschen und ziemlich sicher auch keine Götter."
      Er sah dabei zu Dionysus, der betont gleichgültig dreinsah. Als wäre er kein Gott, der genauso wie alle anderen vom Glauben der Menschheit abhängig war.
      "Deswegen habe ich als Eviad, als Gleichgewicht zwischen Gott und Mensch in Kuluar, beschlossen, dass Kuluar sich dieser Aufgabe annehmen wird. Wir werden, wie Kassandra bereits angedeutet hat, die Champions ausmerzen. Sie werden zurück in den Himmel gehen oder sie werden sterben, das ist die einzige Wahl, die wir ihnen lassen werden."
      "Moment", sagte Ristaer, der plötzlich aufgewacht zu sein schien. Seine Augen wurden groß und eindringlich. "Das heißt wir auch? Unsere Champions? Und Kassandra damit auch? Wie stellst du dir das vor?"
      Zoras behielt seine Fassung, während er sich Ristaer zuwandte.
      "Selbstverständlich Kuluar nicht. Was zum Reich Kuluar gehört, soll Champions unangetastet lassen. Andernfalls sähen wir uns mit der Macht einer menschlichen Armee der eines Champions entgegen. Dann müssten wir gar nicht erst anfangen darüber zu reden."
      "Also bekämpfen wir Champions mit Champions", sagte Mirdole leise und aus ihrer Stimme war nicht herauszulesen, was sie davon hielt. Ihre Augen waren auf die Karten fixiert, worüber Zoras ein wenig dankbar war. Er mochte das Gefühl nicht, das ihr Blick in ihm auslöste.
      "Das ist keine sehr kluge Entscheidung."
      "Es ist die einzige, die uns bleibt, wenn Diplomatie aussetzt", entgegnete Zoras. "Ich plane zu verhandeln, aber wenn es fehlschlägt, bleibt uns nichts anderes übrig als ein offener Vorstoß. Ich werde keinen Champion auf dieser Welt verweilen lassen. Der Himmelsbruch muss gestoppt werden, bevor unsere Zeit ausläuft."
      Mirdole nickte ganz langsam. Sie sah aber weder glücklich, noch unglücklich dabei aus.
      "Dann wird es Krieg geben", empört sich Kalea. "Krieg! In 50 Jahren hat es hier keinen Krieg mehr gegeben! Kuluar gedeiht durch die Anwesenheit seiner Champions und das willst du aufs Spiel setzen für - für Vermutungen? Behauptungen? Ich werde keinen Krieg verantworten, der unser Land auseinanderreißt!"
      "Ich auch nicht", stimmte Ristaer ihr zu. "Es gibt sicher eine andere Möglichkeit, den Himmelsbruch aufzuhalten. Ich werde nicht dafür mein Leben riskieren."
      "Wenn wir es nicht tun, dann wird es irgendwann kein Leben mehr geben, das man riskieren kann. Ich sehe keine andere Möglichkeit, wie man den Bruch aufhalten kann. Kuluar hat die perfekten Voraussetzungen, um so einen Krieg zu gewinnen, dann sollten wir es auch tun."
      Er nahm sich ein paar Figürchen und Fahnen, die er auf der Karte rund um Kuluar verteilte, alles nach den Berichten von Feyra, die sie ihm in den letzten Monaten regelmäßig zugesandt hatte. Zwei in dem einen Land, vier in dem anderen, sechs dort, bis alle 21 davon verteilt waren. Die fünf von Kuluar setzte er alle auf die Hauptstadt. Neben den vereinzelten verstreuten Posten, sahen sie aus wie eine einzige, geballte Kraft.
      "Kuluar ist das einzige Land unter seinen Nachbarstaaten, in dem die Champions unter vereintem Wappen regieren. Wir regieren zusammen und wir haben unsere Rivalitäten ausgemerzt. Wenn wir unsere Streitmächte zusammenlegen, sind wir genug, um es mit jedem einzelnen dieser Länder aufzunehmen. Xafia besitzt zwei Champions, die sich weit voneinander niedergelassen haben. Eclad besitzt zwar eine Regierung aus Champions, aber sie sind nur zu dritt. Upraria hat eine wankelmütige Verfassung, die es unmöglich macht, den Champions sichere Posten in der Regierung zu gewähren. In Otros dient ein Champion zur Unterhaltung des Hofes, der andere wird durch die Händlergilden weitergereicht und zwei weitere ersetzen Grenzpatrouillen. Niemand besitzt einen Zusammenhalt, wie wir ihn haben. Wir werden es ausnutzen, solange wir können. Solange sie nicht wissen, was Kuluar geplant hat."
      Er sah wieder in die Runde. Ristaer studierte jetzt nachdenklich die Karten, Kalea zischte Mirdole aufgebracht etwas zu, was sie ruhig beantwortete. Dionysus wippte vergnügt mit dem Fuß und Feyra sah noch immer unsicher drein. Esho war vermutlich der einzige, der einen Krieg herbeisehnte und das zum Zwecke des Krieges selbst.
      "Wir werden die Champions erlösen und wenn es nicht durch Diplomatie geschieht, dann wird es durch Krieg funktionieren. Und wenn wir dabei unsere Grenzen erweitern können, kommt es der kuluarischen Wirtschaft nur zu Gute."
      Das schien nun endlich bei Ristaer Funken zu schlagen, der schließlich immernoch mit den Finanzen der letzten steuerlichen Erlassung zu kämpfen hatte. Esho war sowieso dafür und Freya würde sich fügen, ganz allein schon aus dem Zweck, ihren Status nicht noch einmal zu verlieren. Nur Kalea war noch nicht gänzlich überzeugt, aber das war auch nichts neues. Zoras war zuversichtlich, dass sie den Nutzen bald einsehen würde.
      "Ich lade morgen noch einmal, zur selben Zeit. Dann werden wir ein Ziel erörtern und mit den Vorbereitungen beginnen. Ich will noch vor Ende des Monats einen Boten entsenden, um über die Champions zu verhandeln. Es gilt jetzt keine Zeit mehr zu verlieren."
    • Das alles lief besser, als Kassandra es erwartet hatte. Für Menschen war diese Thematik etwas nicht greifbares, und solange sie es nicht am eigenen Leib erfahren hatten, würden sie es immer als Unfug abtun. Das hatten bis auf Esho alle Ratsmitglieder deutlich gemacht. Dass Zoras den Großteil von ihnen schließlich doch mehr oder weniger bekehren konnte, lag einfach daran, dass er wusste, wie er Menschen zu lenken hatte. Die Weichen waren im Voraus gestellt worden. Hätten sie zu früh diese Thematik angesprochen, wäre das Ergebnis mit Sicherheit ein anderes gewesen.
      Als sich der Saal leerte, teilte Kassandra Zoras kurzerhand mit, dass sie später wieder zu ihm stoßen würde. Diese Chance, Mirdole im rechten Zerwürfnis zu erwischen, konnte sie sich nicht entgehen lassen. So fing sie die Gorgone in den Gängen ab und löste sie von Kaleas Seite mit den Worten, dass sich die Götter zwecks Zielfindung unterhalten müssten. Offensichtlich wenig begeistert, aber unfähig dazu, Kassandras Aufforderung auszuschlagen, zog Kalea allein zurück in ihr Domizil und ließ die beiden Göttinnen zurück. Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen dirigierte Kassandra Mirdole nach draußen zum Trainingsplatz. Womöglich war dies eine bessere Ortswahl als ein geschlossener Raum, wo sie beide nur saßen.
      Auf dem Platz angekommen vollführte die Phönixin eine beiläufige Geste. Ein für die Menschen unsichtbarer Schleier legte sich um den Platz und schluckte damit sämtliche Geräusche, die im Inneren entstünden. Außerdem verzerrte er das Bild für sterbliche Augen. So sah es so aus, als würden die beiden Göttinnen entspannt dort stehen und miteinander reden, selbst wenn sie in Wirklichkeit sich gegenseitig gerade die Köpfe abreißen würden. Ein bisschen Privatsphäre hatte noch niemanden geschadet und die umstehenden Soldaten gafften sonst eh mehr als die Waschweiber.
      „Glaubst du mir nun, dass ich keine leeren Worte spreche?“ Kassandra legte die Hände vor ihrem Körper zusammen und musterte die Gorgone. „Wir sind nicht einfach wegen Machthunger oder Größenwahn hergekommen. Wir waren dabei, als der Bruch stattgefunden hatte. Ich musste meine Tochter Areti in den Himmel verweisen, um schnellstmöglich dagegen wirken zu können. Aber das eröffnet dir nun völlig andere Möglichkeiten. Die Zeit des Zuschauens ist vorbei, Mirdole.“
      In ihrer Stimme schwang Nachdruck mit. Die Aussicht, endlich wieder auf dem Schlachtfeld zu stehen, löste eine uralte Vorfreude in ihrem Inneren aus. Diese mit Mirdole zu teilen, die ebenfalls an keine Höfe der Menschen gehörte, war eine mehr als verlockende Aussicht. Deswegen entschied die Phönixin, noch einen Schritt weiterzugehen und ein wenig mehr Vertrauen in die Gorgone zu platzieren.
      „Zoras hält sich nicht für den einen Auserwählten, der die Welt retten muss. Ihm wurde es auferlegt. Als sich der Bruch ereignet hat, war Loki anwesend, Mirdole. Ich weiß nicht, wie lange er es geplant hat, aber der Bruch ist sein Werk.“ Sie lachte kurz und scharf auf. „Vermutlich, weil ihm langweilig geworden ist. Aber das bedeutet, dass er seine Augen auf uns hat und ich bin nicht so einfältig, als dass ich glauben würde, ihn eigenmächtig stoppen zu können. Hier weiß sonst niemand von Lokis Einfluss auf diese ganze Angelegenheit. Aber ich denke, ich kann dich darin einweisen. Oder liege ich da falsch?“
    • Von ihrer Trägerin getrennt, folgte Mirdole Kassandra mit aufeinander gepressten Lippen. Keine der beiden verlor ein Wort, während die Phönixin sie durch die Gänge leitete und hinaus in den Innenhof, allerdings war das Schweigen beidseitig. Sie hatten beide das nötige Gespür dafür, keine Dinge anzusprechen, die besser unter vier Augen besprochen werden sollten. Nur schien Mirdole noch auf dem Weg abzuwägen, was sie von dem sicherlich folgenden Thema halten sollte.
      Erst, als Kassandra sie für die Menschen abschottete, drehte sie sich zu ihr um. Mirdole begegnete ihr mit offenem Blick, was auf dieser Welt vermutlich nur eine andere Gorgone, oder eben eine Phönixin ausgehalten hätte. Das Feuer in Kassandras Augen vernichtete die steinerne Tiefe, die Mirdole von sich gab.
      "Glaubst du mir nun, dass ich keine leeren Worte spreche?", eröffnete Kassandra ohne Umschweife. Eine Schlange auf Mirdoles Kopf zischte leise.
      "Ich habe schon beim letzten Mal nicht daran gezweifelt", sagte Mirdole tonlos, blieb aber unbewegt an Ort und Stelle, um Kassandra weiter reden zu hören.
      "Wir sind nicht einfach wegen Machthunger oder Größenwahn hergekommen. Die Zeit des Zuschauens ist vorbei, Mirdole."
      Sie sagte es mit einem solchen Nachdruck, dass kein Zweifel daran bestand, dass sie es ernst meinte. Es wirkte schon fast, als würde die Phönixin alles dafür tun, um diesen Krieg auch wirklich stattfinden zu lassen, und das brachte Mirdoles Schlangen zum langsamen Winden und leisen Zischeln. Mirdole musterte Kassandra, sah ihr tief in die Augen, während sie über eine Antwort nachdachte. Sie schien sich alles anhören zu wollen, bevor sie ihre Meinung dazu kundtat.
      "Zoras hält sich nicht für den einen Auserwählten, der die Welt retten muss. Ihm wurde es auferlegt. Als sich der Bruch ereignet hat, war Loki anwesend, Mirdole."
      Bei Lokis Namen wurden die Schlangen plötzlich laut. Viele öffneten ihre Münder und zeigten Kassandra feindselig ihre giftigen Zähne, während Mirdole selbst ganz unbeteiligt blieb. Allerdings trat auch in ihre Augen ein Flimmern, das ihren Blick wesentlich intensiver machte. Mirdole mochte Loki wohl nicht - was kaum ein Wunder war.
      "Aber das bedeutet, dass er seine Augen auf uns hat und ich bin nicht so einfältig, als dass ich glauben würde, ihn eigenmächtig stoppen zu können. Hier weiß sonst niemand von Lokis Einfluss auf diese ganze Angelegenheit. Aber ich denke, ich kann dich darin einweisen. Oder liege ich da falsch?"
      "Wir haben schon einen Gott, der nur aus Langeweile handelt", sagte Mirdole unzufrieden und ihre Schlangen unterstützten ihre Antwort zischelnd. "Und sieh, was es deinem Menschen gebracht hat. Es sieht Loki ähnlich, dass er aus Langeweile keinen Menschen umbringen, sondern eine ganze Welt vernichten möchte. Du liegst richtig damit, wenn du mich darin einweist. Ich will Loki nicht im Olymp und erst recht nicht auf der Erde."
      Sie wandte ihren glühenden Blick von Kassandra ab, um ein Soldaten-Paar am anderen Ende des Platzes zu betrachten, das das Trugbild der beiden Göttinnen verstohlen beobachtete. Ihr Blick setzte sich auf dem einen der beiden fest und der Soldat gefror ein bisschen. Er wurde ziemlich schnell bleich im Gesicht, dann sah er weg und rieb sich die Stirn. Der andere fragte besorgt, ob es ihm gut ginge.
      Mirdole sah wieder Kassandra an. Ihre Schlangen hatten sich kaum beruhigt.
      "Ich hätte dir gesagt, dass euer Plan eine närrische Idee ist. Krieg mit Champions führt nur zu größerem Krieg mit noch mehr Champions, bis genug Menschen gefallen sind, dass genau diese Champions darunter zu leiden haben. Du bist vielleicht mit deiner Essenz vereint, aber ich bin es nicht. Wir sind alle davon abhängig, dass irgendjemand an uns glaubt, und ich bin an Kuluar gebunden. Ich kann nicht über den Kontinent fliegen und mehr Menschen mit meiner Anwesenheit konvertieren. Wenn Kuluar fällt, falle ich auch."
      Sie sagte es mit demselben Nachdruck, der in dieser Intensität auch in ihren Augen lag. Es schien aber auch, dass sie es nur sagte, weil die beiden ungehört blieben. Diese Worte würde sie niemand anderem mehr offenbaren.
      "Aber..."
      Ihre Schlangen zischten bösartig. Sie umschlangen sich und verknoteten sich mit ihren Bewegungen gegenseitig.
      "Wenn es Loki ist, dann muss er aufgehalten werden. Dein Mensch hat recht, wir haben eine gute Grundlage, um genau das zu tun. Aber es ist Loki. Wie stürzt man einen Gott aus dem Olymp selbst, Kassandra? Wie können wir einen Gott stürzen, der seine Kraft aus der ganzen Welt bezieht? Wenn wir den Himmelsbruch aufhalten, wird er sich etwas anderes einfallen lassen. Er wird nicht aufhören, nur, weil wir ihn kurz unterhalten haben."
    • Es war kein Wunder, dass Mirdoles Schlangen sofort verrieten, was sie allein von der Erwähnung des Namens einer der ganz großen Götter hielten. Unter ihrer eins genoss Loki kein großes Ansehen. Zu wankelmütig und hinterlistig war dieser Gott. Wenigstens reagierte Mirdoles Haar, wenn auch nicht die Gorgone an sich.
      „Wir haben schon einen Gott, der nur aus Langeweile handelt“, brachte die andere Göttin nicht grundlos zur Sprache und Kassandra rollte die Augen. Eine Geste, die sie unbedingt wieder ablegen musste in der Zukunft.
      „Ich kann ihnen ihre Langweile nicht verübeln. Unsterblichkeit und Reichweite führt nun einmal dazu. Aber jetzt bekommt er eine Aufgabe, ob er das will oder nicht.“
      „Du liegst richtig damit, wenn du mich darin einweist. Ich will Loki nicht im Olymp und erst recht nicht auf der Erde.“
      „Wir haben ihn lieber dort, wo er am Weitesten von uns entfernt ist“, nickte die Phönixin ab und ein doch etwas gehässiges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Was in meinem Fall der Olymp sein dürfte. Immerhin darf ich ja, oh wie schrecklich, nicht mehr die Pforte passieren. Also kann er gerne dort bleiben und seine Brüder terrorisieren.“
      Dass Loki die Erde noch nicht betreten können würde, ohne den Bruch direkt auszulösen, unterschlug Kassandra. Dafür war das Gleichgewicht viel zu zerbrechlich, um einen der einflussreichsten Gottheiten stemmen zu können. Nur würde dieses Verhältnis sich, wenn der Plan aufginge, in Zukunft ändern. Und dann wäre das Misstrauen an Tagesordnung, wenn alles und jeder Loki persönlich sein konnte.
      "Ich hätte dir gesagt, dass euer Plan eine närrische Idee ist. Krieg mit Champions führt nur zu größerem Krieg mit noch mehr Champions, bis genug Menschen gefallen sind, dass genau diese Champions darunter zu leiden haben. Du bist vielleicht mit deiner Essenz vereint, aber ich bin es nicht. Wir sind alle davon abhängig, dass irgendjemand an uns glaubt, und ich bin an Kuluar gebunden. Ich kann nicht über den Kontinent fliegen und mehr Menschen mit meiner Anwesenheit konvertieren. Wenn Kuluar fällt, falle ich auch“, stellte Mirdole klar.
      Kassandra verengte minimal die Augen. Sollten genug Menschen sterben, um die jeweiligen Champions zu beeinflussen, dann hätten Zoras und sie auch auf diesem Wege ihr Ziel erreicht. So weit wollte sie es im ersten Augenblick gar nicht kommen lassen. Das erste Land würde wie in einem Blitzkrieg überfallen werden. In nicht einmal einem Tag würde Kassandra sicherstellen, dass sämtliche Champions dieses einen Landes entweder aufstiegen oder sich auflösten. Danach würde sich erst der klassische Krieg anschließen wie Mirdole ihn voraussah. Wie kaum jemand sonst verstand Kassandra jedoch Mirdoles Bedenken. Sie selbst war schließlich am gleichen Punkt gewesen. „Kuluar wird nicht fallen. Niemals.“
      „Aber… Wenn es Loki ist, dann muss er aufgehalten werden.“
      Innerlich grinste Kassandra. Die Erwähnung des Namens war also doch ausschlaggebend gewesen.
      „Wie stürzt man einen Gott aus dem Olymp selbst, Kassandra? Wie können wir einen Gott stürzen, der seine Kraft aus der ganzen Welt bezieht? Wenn wir den Himmelsbruch aufhalten, wird er sich etwas anderes einfallen lassen. Er wird nicht aufhören, nur, weil wir ihn kurz unterhalten haben."
      In einer vogelähnlichen Weise legte Kassandra den Kopf schräg und betrachtete die Gorgone eingehend. Ihre Augen waren dabei unnatürlich groß und hatten Teile ihrer Menschlichkeit eingebüßt. Ihre gesamte Haltung wurde steif, als sie die Maske des Menschseins kurzerhand fallenließ. „Kein Gott ist ohne Schwachstelle, Mirdole. Es dauert bei manchen nur länger, sie zu finden. Aber wir sollten uns zunächst einem Problem widmen und dann dem nächsten, findest du nicht?“
      Kassandras Worte verklangen einen Augenblick lang unbeantwortet. Dann wurde ihr Körper wieder weicher und ihr Kopf richtete sich auf, als sie nun ihrerseits einen Blick zu den armen Soldaten warf, die gar nicht gewusst hatten, dass sie von einer Gorgone vorhin noch beeinflusst worden waren. „Das Gewicht ist so gestört, dass ich meine Macht entfalten muss und vielleicht noch meine Tochter auf Erden ist, damit sich der Riss öffnet. Selbst wir können nicht vorhersagen, wie sich die Existenz von allem ändern wird, wenn sich der Bruch ereignet. Ein Novum selbst für unsereins. So sehr ich meine Existenz oder was auch immer schätze, aus reiner Neugierde würde ich sie nicht aufs Spiel setzen. Wenn wir nichts tun, wird vermutlich alles im Prozess ausradiert werden. Und das will ich nicht erleben.“
    • Sichtlich unbefriedigt von Kassandras Antwort schürzte Mirdole die Lippen. Sie schien der Idee ganz eindeutig nicht mehr abgeneigt, seit Loki zum Ausdruck gebracht wurde, doch sie wusste anscheinend auch nicht, wie man mit diesem Problem umgehen sollte. Die Gorgone war schließlich keine Gottheit, die sich großartig mit Konflikten auseinandersetzte, erst recht nicht, wenn diese Konflikte nicht zu Stein erstarren konnten.
      "Das Gewicht ist so gestört, dass ich meine Macht entfalten muss und vielleicht noch meine Tochter auf Erden ist, damit sich der Riss öffnet. Selbst wir können nicht vorhersagen, wie sich die Existenz von allem ändern wird, wenn sich der Bruch ereignet. Ein Novum selbst für unsereins. So sehr ich meine Existenz oder was auch immer schätze, aus reiner Neugierde würde ich sie nicht aufs Spiel setzen. Wenn wir nichts tun, wird vermutlich alles im Prozess ausradiert werden. Und das will ich nicht erleben."
      "Das will keiner von uns erleben", stimmte Gorgone düster zu. Sie schien sich gar nicht vorstellen zu wollen, was der Bruch mit sich bringen könnte. Das wollten sich nicht einmal Götter vorstellen.
      Sie betrachtete die Phönixin, wie sie dort stand, ihre Haltung nun wieder ein Stück menschlicher. Sie versuchte Kassandra wohl noch einzuordnen in diesem ganzen Wirrwarr, das die jüngsten Ereignisse darstellte - Loki, der Bruch, bevorstehender Krieg, der Eviad, Kassandra selbst. Was war Kassandras Position in dieser Aufstellung? Sie hatte gesagt, dass sie und Zoras nicht wegen Machthunger oder Größenwahn gekommen waren, aber sie hatte auch nur gesagt, dass die Rettung des Himmels dem Menschen auferlegt worden war - sie hatte sich selbst nicht eingeschlossen. Was war dann ihre Position? Weshalb war sie hier, wenn es niemals um Machthunger ging?
      "Warum bist du hier, Kassandra? Warum bist du hier in Kuluar? Um den Himmelsbruch aufzuhalten?"
      Sie beobachtete sie, wartete auf ihre Antwort.
      "Warum wartest du dann auf deinen Menschen? Du bist frei, du kannst fliegen, du kannst es mit den meisten Champions aufnehmen, ohne eine Armee in deinem Rücken. Du könntest es mit allen aufnehmen, wenn du dieselben Feuer wie in Mynos heraufbeschwörst. Warum verbringst du ein Jahr am Hof, als seist du noch gebunden?"
      Ihr Blick wurde durchdringend, ihre Schlangen wurden ein bisschen ruhiger und zischelten vor sich hin.
      "Ich habe dich gesehen, als wir damals gekämpft haben. Du bist nicht von seiner Seite gewichen, obwohl ich jetzt keinen Grund mehr dafür erkennen kann, wo du ihn doch genauso gut hättest im Stich lassen können. Damals dachte ich, du bist entweder versessen auf die menschliche Macht, die du an seiner Seite bekommen kannst, oder du hast dich so sehr an die Sklaverei gewöhnt, dass du gar nicht anders kannst. Ich habe dich für schwach gehalten. Aber wenn es der Himmelsbruch war, der ihn hergeführt hat, warum bist du dann hier? Wieso regelst du es nicht alleine, lässt die Menschen Menschen sein?"
    • „Warum bist du hier, Kassandra? Warum bist du hier in Kuluar? Um den Himmelsbruch aufzuhalten?“
      Kassandra legte den Kopf in den Nacken und sah zu dem namensgebenden Himmel auf. Kuluar war oftmals mit gutem Wetter gesegnet, so wie heute auch. Nur dünne Schleierwolken trieben über den sonst hellblauen Himmel hinweg. Beinahe so, als gäbe es nichts mehr hinter diesem endlosen Blau. „Wäre mir der Himmelsbruch egal, so wäre ich nicht hier. Würde ich ihn sogar begrüßen, hätte ich meine letzten Tage sicherlich anders als an Zoras‘ Seite verbracht.“
      Sie spürte, wie sich Mirdoles Blick verfinsterte und auch ihre Schlangen wieder lauter wurden. Davon unberührt verfolgte sie, wie die Wolken langsam gen Osten zogen.
      "Ich habe dich gesehen, als wir damals gekämpft haben. Du bist nicht von seiner Seite gewichen, obwohl ich jetzt keinen Grund mehr dafür erkennen kann, wo du ihn doch genauso gut hättest im Stich lassen können. Damals dachte ich, du bist entweder versessen auf die menschliche Macht, die du an seiner Seite bekommen kannst, oder du hast dich so sehr an die Sklaverei gewöhnt, dass du gar nicht anders kannst. Ich habe dich für schwach gehalten. Aber wenn es der Himmelsbruch war, der ihn hergeführt hat, warum bist du dann hier? Wieso regelst du es nicht alleine, lässt die Menschen Menschen sein?"
      Manchmal wünschte sie sich, auch einfach nur eine Wolke zu sein. Ein Geschöpf ohne Sein und Gewissen, ohne Bewusstsein, das einfach nur dorthin trieb, wohin der Wind es wollte. Manchmal hatte sie sogar gehofft, aus ihrer eigenen Asche nicht wieder aufzuerstehen und einfach fortgeweht zu werden. Das war ihr nur nicht vergönnt und so musste sie sich mit der Rolle anfreunden, die die Moiren ihr zuteil hatten lassen. „Weil ich ganz genau weiß, wozu ich fähig bin und wo mein Platz auf der Leiter ist.“
      Kassandra senkte ihren Kopf, um Mirdole wieder anzusehen. Der Blick, mit dem sie sie nun bedachte, war roher Natur. Kein Schalk, kein Witz und auch Übermut lagen in diesen zermürbten Augen vergraben, sondern absolute Klarheit. „Ich kann es nicht allein schaffen. Wie hätte ich allein Kuluar einnehmen sollen? Dafür hätte ich mich eurem Verband stellen müssen, und wenn ihr dabei in einer Einheit agiert, hätte selbst meine entfesselte Form womöglich nicht genügt. Ich bin alt, Mirdole. Aber weder dumm noch unüberlegt. Wenn ich es schaffen will, euch aus der Knechtschaft zu befreien, sofern ihr das wollt, dann muss ich mancherorts mit anderen Mitteln agieren. Selbst ein Zusammentreffen mit einem eingeschränkten Herakles birgt für mich ein hohes Risiko. Er ist resistenter gegenüber Magie und ich kann ihn nicht im Nahkampf schlagen.“
      Es gab noch viel mehr Gründe, die das Handeln der Phönixin erklären würden. Diese verschloss sie gut versteckt in ihrem Inneren, da sie der Gorgone nicht so sehr vertraute, um ihr wirklich sämtliche Beweggründe offenzulegen. Dafür war ihr Verhältnis noch nicht so sehr gefestigt, wie es dafür von Nöten gewesen wäre. Jedoch einen kleinen Bissen war sie bereit, anzubieten.
      „Wenn die Erde weiter besteht, brauche ich Gläubige. Wenn ich in Büchern verzeichnet werde, die über Generationen weitergereicht werden, vergisst man mich nicht. Außerdem… will ich nicht immer nur mit negativen Ereignissen im Gedächtnis der Menschen verbleiben. So gern ich mich in Schlachten stürze… Ich kann nie ganz leugnen, was ich eigentlich bin“, schloss Kassandra mit einem wehmütigen, schwachen Lächeln.
    • Mirdole beobachtete Kassandra ganz genau. In diesem Moment, in dem die Phönixin sich erklärte, stellte die Gorgone sogar ihre Atmung ein, während sie der Ausführung der anderen Göttin lauschte. Alleine schon die Art, wie Kassandra sie im Gegenzug musterte, sprach Bände darüber, wie ehrlich ihre Worte waren.
      Dann war auch Kassandra nicht frei von menschlichem Einfluss, bei weitem nicht. Doch wo es bei der Gorgone einer Notwendigkeit entsprang, war es bei Kassandra simples Kalkül. Sie bildete sich nicht ein, mit ihren wiedergewonnenen Fähigkeiten einem Champion wie Herakles gegenübertreten zu können, und sei der Champion noch so sehr gebunden durch seinen Träger. Kassandra handelte nicht aus ihrer Laune heraus, sie hatte sich in ihrem langen Leben schon unlängst angewöhnt, sorgfältig zu planen. Der Titel des Eviads war dabei ein Teil dieser Planung und auch der des bevorstehenden Krieges, wenn man so wollte. Wie hoch lagen dann also die Erfolgschancen? Wie hoch, wenn Kassandra schon drei Jahrtausende damit verbracht hatte, sich mit ihren Planungen und Überlegungen durchzuschlagen, ohne dabei einzuknicken?
      Mirdole musterte sie, als sie geendet hatte, und schließlich nickte sie, als hätte Kassandra damit einen Test bestanden. Die Tatsache, dass sie dabei ihren eigenen Ruf noch immer im Kopf hatte, war der Phönixin wohl kaum zu verdenken. Falsche Gläubiger konnten falsche Konsequenzen mit sich bringen, das wusste Mirdole nur zu gut.
      “Ich werde gegen den Himmelsbruch kämpfen. Wenn nicht auf deiner Seite, dann auf gar keiner.”
      Sie verzog das Gesicht in einer menschlichen Geste.
      “Ich tue es nicht aus Loyalität heraus. Aber ich erkenne einen Sieger an, wenn ich ihn sehe.”
      Sie zögerte.
      “Und vielleicht weiß ich es zu schätzen, wenn eine Gottheit nicht nur an sich selbst denkt. Ich bereue, dass ich es nicht früher gelernt habe. Du bist ein sicherer Weg, den gleichen Fehler nicht noch einmal zu begehen.”
      Sie wussten beide, was Mirdole damit meinte und so führte sie es nicht weiter aus. Als sie gingen und den Platz verließen, war Mirdole so stolz und hoch aufragend wie immer, aber ihre Schlangen hatten sich beruhigt und eine von ihnen streckte die Zunge aus ihrem Maul in Kassandras Richtung, als versuche sie, sich den Geruch der Phönixin einzuprägen.

      Während Kassandras Abwesenheit nutzte Zoras die Gelegenheit, um Esho abzupassen. Sie hatten seit Kassandras Rückkehr keine Möglichkeit gehabt, noch einmal miteinander zu reden, und Zoras fürchtete, dass es in Zukunft auch so bleiben könnte. In aller Regel war ständig der Rat zugegen und Zoras wollte vermeiden, dass man Esho eine Sonderbehandlung nachsagte. Er musste sich aber vergewissern, dass die eine Stütze, der er wirklich vertraute, auch wirklich eine Stütze bleiben würde.
      Esho, auf ein Wort.
      Der junge Kämpfer schloss sich ihm an, gefolgt vom schnaubenden Asterios. An die Anwesenheit des Champions hatte Zoras sich noch immer nicht recht gewöhnt und warf ihm einen unangenehmen Blick zu. Theoretisch könnte der Minotaure ihn problemlos überwältigen. Praktisch waren sie auch oft genug alleine, dass er es tun könnte.
      Doch um genau solche Gedanken zu verhindern, musste er Esho vertrauen können. Und das tat Zoras auf die einzige Weise, die er selbst kannte.
      Ich möchte mit dir über den anstehenden Krieg reden.
      An dem Funkeln in Eshos Augen konnte er sehen, dass das genau das Thema war, über das der Mann auch gerne reden würde. Sehr gerne sogar.
      Sie zogen sich in Zoras’ Arbeitszimmer zurück, wo er sich wenigstens sicher sein konnte, dass kein Mensch ihnen zuhörte. Seinem Gefühl nach zu urteilen war Kassandra im Innenhof, wo sie vermutlich noch Mirdole bearbeitete.
      Er setzte sich auf seinen Stuhl und betrachtete Esho über die Unordnung seines Schreibtisches hinweg. Dann sagte er:
      Lass es mich gleich auf den Punkt bringen: Ich werde nicht dabeistehen und zusehen, dass Kassandra und die Champions des Rates die anderen Champions auslöschen. So führe ich keinen Krieg und so werde ich auch nicht damit anfangen. Ich werde eine Kavallerie befehligen und ich werde an vorderster Stelle sein, wenn die feindlichen Ränge durchbrochen werden. So wird Kriegsführung in Theriss betrieben, so werde ich sie hier betreiben.
      Eshos Augen funkelten noch immer mit einem Eifer, den Zoras selbst nachempfinden konnte. Ja, Esho und er waren bei diesem Thema auf der gleichen Seite. Wer hätte gedacht, dass gerade Krieg sie verbinden könnte.
      Wenn du daran teilnimmst - und davon gehe ich aus - dann erwarte ich dasselbe von dir. Hast du Erfahrung in der Truppenbefehligung? Hat Asterios Erfahrung damit, an der Seite von Menschen zu kämpfen?
      Es gab noch viele weitere Unbekannte, um die Zoras sich kümmern würde - aber eins nach dem anderen. Er wusste, dass Esho noch keine Kriege geführt hatte, aber Esho war vermutlich der beste um ihm zu sagen, was er über Kuluars Militär wissen musste.
      Ich möchte die Tage unsere Truppen begutachten und mir ein Bild davon machen. Ich möchte, dass du mich begleitest und die Führung übernimmst. Ich kenne mich nicht aus mit den einzelnen Begrifflichkeiten”, ein Geständnis, das er vor einem halben Jahr sicher nicht über die Lippen gebracht hätte, “und ich muss wissen, auf welche Befehle die Soldaten trainiert werden. Ich möchte die Kavallerie begutachten. Ich werde dafür auch ein Pferd benötigen - ein Pferd ausgerichtet auf den Krieg. Du scheinst mir der geeignetste zu sein, um mir dabei behilflich zu sein.
    • „Esho, auf ein Wort.“
      Eigentlich hatte Esho nach dieser Besprechung nur zurück in sein Domizil gewollt und sich mit einem guten Kelch Wein – ja, er hatte erst einmal genug von Met – in sein Hauptzimmer gesetzt. Dass ihn der Eviad abpasste, kam ihm daher eigentlich ungelegen, aber er besann sich eines Besseren als jetzt deswegen einen Aufstand zu machen. „Wie gewünscht“, nickte er und ließ seinen Champion hinter ihnen hertrotten. Ein wenig hatte der Krieger darauf gehofft, dass ihn der Weg nach draußen auf den Trainingshof führen würde, doch Zoras leitete ihn durch die Gänge bis hin zu seinem Studierzimmer, durch dessen normalen Türrahmen sich der Minotaur mit Mühe durchzwängen konnte. Esho warf ihm einen entschuldigenden Blick zu, als sich Asterios schnaubend zum Fenster bewegte und dort grob die Vorhänge zur Seite riss. Auch eine Möglichkeit, seine Unzufriedenheit auszudrücken.
      „Ich möchte mit dir über den anstehenden Krieg reden.“
      „Ich dachte, es ist noch kein Wort von Krieg, sondern… von Verhandlungsstrategien?“, erwiderte Esho mit einem Funkeln in den Augen, das sich nur schwer übersehen ließ. Die Vorstellung auf eine echte Schlacht hatte ihn damals in seinem Anwesen schon fasziniert und jetzt ernsthaft Gedanken darüber zu verlieren stimmte ihn beinahe euphorisch. Aber er konnte nicht anders, als zumindest eine gewisse Zeit lang die Scharade aufrecht zu erhalten und sich eher um das Wohlwollen des Landes und der Leute zu kümmern.
      Zoras hatte unterdessen auf seinem Stuhl hinter dem überladenen Schreibtisch Platz genommen. Esho war davor stehen geblieben. „Lass es mich gleich auf den Punkt bringen: Ich werde nicht dabeistehen und zusehen, dass Kassandra und die Champions des Rates die anderen Champions auslöschen. So führe ich keinen Krieg und so werde ich auch nicht damit anfangen. Ich werde eine Kavallerie befehligen und ich werde an vorderster Stelle sein, wenn die feindlichen Ränge durchbrochen werden. So wird Kriegsführung in Theriss betrieben, so werde ich sie hier betreiben.”
      Nun verschränkte der Krieger demonstrativ seine Arme vor seiner Brust und schüttelte den Kopf. „Abgelehnt“, wehrte er harsch ab. Das Funkeln in seinen Augen verblieb, wurde jedoch von einem Eifer abgelöst, den der Eviad möglicherweise falsch deutete. „Kuluars Streitkräfte besteht primär aus Fußvolk. Eine Kavallerie lässt sich ja noch umsetzen, aber du wirst nicht an vorderster Stelle stehen. Der Führer eines Landes steht nicht an der Spitze des Kriegszuges. Hast du das Kassandra auch so erzählt?“
      Offensichtlich wollte sich Zoras darauf gar nicht einlassen. Oder auch nur erwähnen, ob er seine Pläne so mit Kassandra besprochen hatte. Er konnte es doch nicht ernst meinen, sich nach vorn abzusetzen. Das war lächerlich. Der alte Mann sollte lieber da bleiben, wo er sinnvoll angebracht war.
      „Hast du Erfahrung in der Truppenbefehligung?“, erkundigte sich der Eviad stattdessen und Esho rollte entnervt den Kopf auf der Schulter.
      „Natürlich. Ich habe meine Männer auf den Ernstfall eingestellt, selbst wenn er nie eintreten sollte. Ich bin das Bollwerk, aber allein kann ich selbst ich nicht gegen eine Schar aus Tausend Männern bestehen. Obwohl ich’s versuchen würde.“ Und bei dem Versuch vermutlich fallen, aber dann täte er es wenigstens im Blutrausch.
      „Hat Asterios Erfahrung damit, an der Seite von Menschen zu kämpfen?“
      Der Minotaur schnaubte missbilligend. Da er nicht der Sprache fähig war, antwortete sein Träger für ihn: „Mit mir, ja. Er ist gewohnt, dass die meisten Menschen Reißaus nehmen, wenn er seine Axt schwingt. Verständlicherweise.“
      “Ich möchte die Tage unsere Truppen begutachten und mir ein Bild davon machen. Ich möchte, dass du mich begleitest und die Führung übernimmst. Ich kenne mich nicht aus mit den einzelnen Begrifflichkeiten“, gestand Zoras.
      Esho rümpfte dabei lediglich die Nase und drehte dem Eviad seine Seite zu. „Mit Verlaub, oh großer Eviad, aber wir alle wissen, dass du zwar viel gelernt hast, ohne Kassandra aber immer noch mangelndes Fachvokabular aufweist. Wir kriegen das schon hin. Für meinen Geschmack ist das Heer zu wenig entwickelt worden, also wirst du höchstwahrscheinlich einiges an Änderungsbedarf sehen. Versuch nur nicht, deine Kultur auf unsere Männer zu münzen. Das wird nicht funktionieren, fürchte ich.“
      Darüber dachte Zoras einen Augenblick nach. Esho verübelte ihm das nicht. Immerhin drang er nun in einen Bereich vor, der ihm bislang nicht besonders bekannt war. Das Augenmerk des fremden Mannes hatte in der Sicherung seiner Position gelegen und nicht dem Ausbau des Militärs. „Und ich muss wissen, auf welche Befehle die Soldaten trainiert werden. Ich möchte die Kavallerie begutachten. Ich werde dafür auch ein Pferd benötigen - ein Pferd ausgerichtet auf den Krieg. Du scheinst mir der geeignetste zu sein, um mir dabei behilflich zu sein.”
      Da wurde der junge Mann hellhöriger. Er warf dem Mann hinter dem Tisch einen Seitenblick zu ehe er seinen Champion beobachtete, der mit seinen Nüstern beinahe an der Scheibe klebte. Musste wohl wieder einen Schmetterling oder dergleichen gesehen haben.
      „Stimmt. Wenn du ein Pferd brauchst, sind die Tiere aus unseren Ställen wohl die bessere Wahl. Aber auch da empfehle ich, selbst vorbei zu sehen. Wir züchten und bilden aus, aber wenn ich mich so recht an deine Herkunft erinnere, dann achtest du wohl auf andere Dinge als wir.“
      Mit einem plötzlichen Aufkochen von Energie ließ Esho seine Arme fallen, um anschließend die Hände zusammenzuschlagen.
      „Wie der große Eviad es wünscht! Dann beschaffen wir dir ein passendes Pferd und dann hab ich endlich einen Grund, meine Männer ernsthaft bis zur Erschöpfung zu treiben!“, grinste der Krieger mit der Aussicht, endlich das tun zu können, was sein Blut zum Kochen brachte.
    • Ein paar Tage später saß Zoras in einer Kutsche, umgarnt von einem Dutzend reitender Gardisten, und zog im Schneckentempo durchs Stadttor. Die Kutsche war prächtig, mit türkisenen Akzenten geschmückt, die Prozession so unauffällig gehalten wir nur möglich. Die Farbwahl war aber eindeutig ein Fehler gewesen, vor dem Tor ließen sie nämlich eine ganze Ansammlung Schaulustiger zurück, die versuchten, einen Blick ins Kutscheninnere zu erhaschen.
      Das Gespräch mit Esho hatte Zoras unbefriedigt zurückgelassen. Er fühlte noch immer den seichten Stich der Irritation, den er verspürt hatte, als Esho unvermittelt seine Ablehnung kundgetan hatte. Das war, gelinde gesagt, überraschend gewesen. Zoras hatte durchaus die Möglichkeit gesehen, dass kuluarische Kriegsführung sich grundsätzlich von therissischer unterschied, aber er war der Überzeugung - nein, der Hoffnung gewesen, dass sie zumindest in Anbetracht der Heerführer keinen Unterschied machten. Ein Heerführer sollte vorne stehen und sein Heer, wortwörtlich, anführen, doch Esho schien der Meinung gewesen zu sein, Zoras nach hinten zu setzen. Was, damit er sein Banner halten und wichtig aussehen konnte? Oder damit er das Schlachtfeld im Blick behielt? Wozu hatte er dann Kommandanten und Offiziere, wenn er so etwas selbst erledigen sollte? Nein, Zoras würde sich der Kavallerie bedienen und sie eigenständig in die Schlacht führen, so wie es sein Vater immer getan hatte, so wie er es in Theriss’ Machtkrieg getan hatte. Zoras war niemand, der sich zurücklehnte, um anderen die Aufgaben zu überlassen - ganz besonders nicht, wenn es um Kriegsführung ging. Er würde an der Spitze reiten - nicht an der Front, wo das Fußvolk beschäftigt war, aber an der Spitze.
      Vielleicht war es ein Übersetzungsfehler gewesen. Das würde sich zeigen, wenn er das Gespräch mit Esho wieder aufgriff.

      Die Gegend um Kuluars Hauptstadt herum war so karg und trist, wie Zoras es auch von Theriss kannte. Zu viele Leute auf zu engem Raum trieb immer die Natur zurück und bei diesem Gedanken vermisste Zoras augenblicklich die Wiesen von Luor, die weiten Hügel und die großen Wälder, die sich bis in die schiere Unendlichkeit erstreckt hatten. Auf seinem gesamten Weg hatte er noch nichts Vergleichbares gefunden und er vermisste es, er vermisste es sogar schmerzlich. Das Gefühl von Leichtigkeit, die frische, unbeanspruchte Luft, die einem ums Gesicht schlug, das Gefühl des Pferderückens unter den Beinen. Die Schnelligkeit, die Wendigkeit, die Unabhängigkeit. Er vermisste seine Heimat und Zoras erkannte auch, dass er seine Grundsätze vermisste, alles, was ihn einmal ausgezeichnet hatte. Er war zu lange schon in einer Rolle, der er sein Leben lang abgesagt hatte, nur um sie letzten Endes doch anzunehmen. Zoras war niemand, der sich gerne mit Bürokratie beschäftigte oder seine Tage hinter einem Schreibtisch verbrachte, aber das gesamte letzte Jahr hatte er genau das getan. Seit seinem Aufbruch von Theriss hatte er nie wieder das Gefühl verspürt, wirklich frei zu sein, selbst dann nicht, als er erst als Söldner und dann mit Kassandra durchs Land geritten war. Nie wieder. Er vermisste einfach… Herzog zu sein. Vielleicht vermisste er auch nur seine Pferde.
      Sein Blick glitt zu der leeren Bank ihm gegenüber, aber Kassandra war im Palast geblieben. Er hatte sie gefragt, ob sie mitkommen wollte, aber die Antwort war eher unverbindlich gewesen. Das konnte er ihr auch nicht verübeln, immerhin hegte Kassandra kein besonderes Interesse an Pferden und Esho übte auch keine solche Gefahr mehr aus, um vor ihm auf der Hut zu sein. Alles weitere ließ sich somit auch regeln, wenn alle im Palast waren, und so war Kassandra zurückgeblieben. Das gestaltete die Fahrt dafür umso einsamer.
      Tevia. Tevia hätte dieser Ausflug gefallen.
      Der Gedanke kam unvermittelt, aber nicht unerwünscht. Zoras runzelte die Stirn, während er sich überlegte, ob sowas machbar gewesen wäre. Natürlich nicht, aber vorstellen konnte er es sich zumindest. Vielleicht würde er sie mal wieder im Stall abpassen und könnte ihr dann sein Kriegspferd präsentieren. Dieser Gedanke gefiel ihm irgendwie, das würde er tun.

      Eshos Gestüt lag ein paar Stunden außerhalb und weg von der Hauptstraße. Beim ersten Anzeichen von Weidenzäunen blickte Zoras aus dem Fenster und entdeckte zufrieden eine Ansammlung von Pferden, die gemächlich auf der Weide grasten und durch die Gegend trotteten. Aus der Entfernung wirkten sie wie kraftvolle, energetische Tiere und Zoras’ Interesse war definitiv geweckt, als er den großen Stall erblickte und das Haupthaus nebenan. Das Gestüt war groß und prächtig und sichtbar stolz auf seine Pferdezucht. Alles an dem Anblick versprach Wissen und Kompetenz.
      Die Eigentümer und Bediensteten hatten sich zu einem ordentlichen Halbkreis eingefunden, als die Kutsche mit ihrer Bewachung vorfuhr. Zoras entdeckte Esho an ihrer Spitze, daneben ein Mann, der sehr gut Esho in 20 Jahren sein könnte, und eine Frau, die wohl für Eshos Haare verantwortlich zu sein schien. Sie beide standen würdevoll an seiner Seite und begegneten der Ankunft des Eviads mit Fassung. Zoras hätte von ihnen auch gar nichts anderes erwartet.
      Er wartete, bis ihm einer seiner Männer die Tür öffnete, dann stieg er aus, ganz der erhabene Herrscher, den er zu verkörpern versuchte. Feines Puder versteckte seine Augenringe - die in letzter Zeit aber auch schon wieder besser wurden - und anstatt seines traditionellen Gewandes trug er eine funktionale Lederhose und ein prächtig gewebtes Stoffhemd, das mit zusätzlichen, definitiv unnötigen türkisen Ausschmückungen versehen war. Zoras hatte darum kämpfen müssen, sowas zu bekommen. Jeder schien ihn in Stoffschichten packen zu wollen und keiner schien in Betracht zu ziehen, dass er damit auch mal reiten könnte. War es für einen Eviad überhaupt geziemt zu reiten? Zoras war das egal. Er würde reiten, verdammt nochmal, und keine Tradition der Welt konnte ihn davon abhalten.
      Direkt beim Öffnen der Tür kam ihm der Geruch von Stall und Pferd entgegen, so vertraut, so geliebt, dass Zoras sich unwillkürlich entspannte. Trotz Eviad, trotz Puder, trotz Reitkleidung, die eigentlich keine war, fühlte er sich in diesem Augenblick unfassbar stark nach Luor zurückversetzt. Dieselben Gerüche, dieselben Geräusche, derselbe Wind. Von jetzt auf gleich entschied er, dass er Eshos Gestüt liebte. Er musste es einfach lieben. Vielleicht konnte er ja seinen Sitz hier heraus verlegen.
      Mit deutlich entspannteren Muskeln hielt er auf die Familie zu und setzte ein Lächeln auf, das sogar zu großen Teilen echt war. Das hier war wie ein schöner Traum. Vielleicht war es ja seine Belohnung dafür, was er im letzten Jahr alles hatte ertragen müssen.
      Seid gegrüßt.
      Die Blicke der Bediensteten waren voll gewohnter Wunder, aber sie glitten auch zum Wagen, als erwarteten sie mehr. Kassandra, begriff Zoras, sie erwarteten auch Kassandra. Es würde der Göttin womöglich gefallen, dass sie auf dem Land auch schon vergöttert wurde und er nahm sich vor, es ihr später zu erzählen.
      Er richtete seine Aufmerksamkeit auf den Esho in alt, auf seinen Vater, dem Esho wirklich aus dem Gesicht geschnitten war. Sein Lächeln verblieb, als er weitersprach.
      Es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, Euch zu besuchen. Esho hat mir bereits ein ausgezeichnetes”, in letzter Zeit rühmte er sich ein bisschen damit, komplizierte kuluarische Begriffe schon nutzen zu können, “Bild von seinem Zuhause gemacht. Ich gestehe ganz ohne Scham mein Interesse an Euren Pferden ein. Sie scheinen mir hier”, sein Blick glitt kurz sehnend zu der Weide im Hintergrund, “gute Voraussetzungen zu haben.
    • Esho war einen ganzen Tag zuvor zu dem Sitz seiner Eltern zurückgekehrt. So sehr er für den Plan nach vorn kämpfen würde und es oftmals so aussah, als würde er sich um das Umliegende keine Gedanken machen, so sehr täuschten sich die Leute auch in ihm. Er brauchte den Tag zur Vorbereitung. Nicht, um das Gestüt ansehnlich zu machen, denn das war es ohnehin schon. Sondern um seine Eltern und die Bediensteten darüber zu informieren, dass sich der Eviad einfinden würde und er jedem persönlich den Kopf abschlagen würde, der darüber auch nur ein Wort verlöre. Dass es dabei um eine Kriegsthematik ging, enthielt er sämtlichen Menschen ebenfalls vor. Seine Eltern feierten nicht die Gewalt und den Konflikt so sehr wie ihr Sohn, von dem sie sich des Öfteren schon entfernt und wieder angenähert hatten.
      Deshalb war der Halbkreis akkurat aufgestellt, als der Eviad einfuhr. In dessen Mitte und vorgesetzt hatte sich Esho mit seinen Eltern Pakros und Elmea aufgestellt. Er hatte ihnen davon abgeraten, feierliche Kleidung zu tragen, sondern ganz so zu erscheinen, wie sie es üblicherweise auch taten. Seine Mutter reagierte darauf entsetzt, ließ sich aber schließlich dazu überreden, es doch zu tun. So standen die drei in beinahe leger wirkenden Kleidern vor der Kutsche, aus die der Herrscher des Landes ausstieg. NUR der Herrscher des Landes. Das leise Tuscheln seiner Bediensteten überraschte Esho nicht im Geringsten. Jeder hatte damit gerechnet, dass der Eviad nicht ohne seine Phönixin in die äußeren Gebiete ohne Schutzmauern und dergleichen reisen würde. Eine Ermahnung seiner Untergebenen ließ der Hauptmann bleiben – sollten sie ruhig ein bisschen neugierig in den Wagen starren. Das war besser, als Gerüchte zu streuen.
      Elea machte einen etwas steifen Knicks, Pakros verneigte sich und Esho nickte Zoras schlicht und ergreifend zu. Wo der Hauptmann seinen Champion gelassen hatte, war nicht ersichtlich. Irgendwo musste der Minotaur abgeblieben sein. Seine Masse war schließlich nicht einfach so zu übersehen.
      „Die Freude ist ganz auf unserer Seite“, begrüßte Pakros den Eviad, sein Akzent hart und schwer. „Wir mögen vielleicht nicht die grünsten Weiden des Landes haben, dafür aber die Tiere mit dem besten Blute und Ahnenlinien.“
      Elmea, die den Eviad das erste Mal in Fleisch und Blut sah, musterte den Mann deutlich ergiebiger als ihr Ehemann. Ihre Augen waren von tiefen Falten umgeben, gegerbt durch das Wetter und der Arbeit unter freiem Himmel. Am Ende blieb ihr Blick bei dem Schuhwerk haften, welches Zoras trug, und ihrem Sohn entging dieser Wink nicht.
      „Mit Verlaub, aber wer hat Euch diese Schuhe angezogen? Die Hose winke ich ja vielleicht noch durch, aber die Schuhe…“, lamentierte Esho lautstark, sodass er sich Blicke von seinen eigenen Bediensteten einfing. „Das müssen wir ändern. Und das Hemd ist auch viel zu dick. Wollt Ihr zu Tode schwitzen oder was hat sich der Kämmerer dabei gedacht?“
      Ehso seufzte schwer und bedeutete Zoras, ihm zu folgen. Er entließ die Bediensteten, damit sie ihrer Arbeit nachgehen konnten, und seine Eltern folgten beinahe auf dem Fuß. Er hatte sich ja schon gedacht, dass Zoras nicht nur einfach zum schauen hier war. Sein Kämmerer musste schließlich nicht wissen, dass sein wunderbares Webhemd und die lächerlichen Schuhe einem wesentlich praktikableren Stück Kleidung weichen mussten.

      Kurze Zeit später gingen Zoras, Esho, Pakros und Elmea durch die Stallungen. Der Hauptmann hatte dem Eviad ein luftigeres Hemd aus Leinen gegeben und einen ordentlichen, wenn auch etwas abgetragenen Satz Stiefel. Die Begründung, dass eingetragen wesentlich besser als neu waren, musste er gar nicht liefern. Zoras hatte sie ohne Umschweife angenommen, nachdem sie die richtige Größe ermittelt hatten.
      Die Boxen waren größtenteils leer. Die meisten Tiere befanden sich zu dieser Zeit auf den Koppeln, nur schwächelnde Tiere oder einige der Hengste waren nicht rausgelassen worden. Aktuell gab es keine fohlenden Stuten, die sonst ebenfalls eingestellt geblieben wären, und so konnte Esho Zoras an den Hengsten vorbeiführen, die die Linien bestimmten. Aktuell hatten sie 7 Hengste zur Zucht auf gut 50 Stuten. Die Tiere aus diesem Gestüt waren ausschließlich dem Palast vorbehalten.
      „Ich weiß nicht, wie das in Eurem Heimatland gehalten wurde, aber wir halten nichts davon, ausschließlich Hengste als Spitzentier einzusetzen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Stuten manchmal sogar nervlich stärker sind als Hengste“, erzählte Esho, als sie gerade an einem prächtigen Forellenschimmel vorbeigingen.
      „Mein Sohn ist ein formidabler Reiter, auch wenn er es nur selten nutzt“, meinte Pakros und warf dem Schimmel eine Karotte in den Trog. „Sein Wallach läuft in der Stutenherde mit. Er war Klopphengst und nicht zur Zucht geeignet. Wir wollten ihn verkaufen, aber Esho hat ihn für sich behalten wollen.“
      „Jeder hat doch den Moment, dass er sich für ein Tier entscheidet, oder nicht?“, winkte der Hauptmann fast schon pikiert ab. Er drehte sich nicht um und vermied es auch, Zoras dabei ins Gesicht zu sehen.
      „Was für Tiere habt Ihr unter Eurem Sattel gehabt? Unterscheiden sie sich sehr von unseren, da, wo Ihr herstammt?“, erkundigte sich Pakros weiter, wohingegen sich seine Frau eher bedeckt im Hintergrund hielt.
    • Der Akzent des Vaters - Pakros, wie sich Zoras vage zu erinnern glaubte - war schlichtweg furchtbar. Bei ihrem ersten Treffen hatte Zoras kaum ein Wort verstanden, selbst noch zu beschäftigt mit kuluarischem Vokabular, um sich mit seiner harten Aussprache auseinanderzusetzen. Er hatte dafür die Lautstärke der Feier verantwortlich gemacht und sich mit einer Eleganz aus dem Gespräch gewunden, die Kassandra sicher alle Ehre gemacht hätte, aber jetzt führte kein Weg daran vorbei. Zumindest waren bisher aber auch einige Monate vergangen und so konnte Zoras den Großteil seines Satzes entschlüsseln. Wie die beiden Männer jemals ein ordentliches Gespräch führen sollten, das war fraglich. Sie würden sich auf das mindeste reduzieren müssen.
      Beim Anblick seiner Frau - Zoras wusste den Namen nicht mehr, hatten sie sich überhaupt schon getroffen? - fragte er sich unmittelbar, woher Eshos Familie eigentlich stammte. Seine Mutter schien gebürtige Kuluarerin, zumindest nach dem Aussehen zu schließen, aber sein Vater war ganz eindeutig nicht von hier. Und Esho selbst? War er hier geboren, mit seinem makellos kuluarischen Auftreten und seiner Akzentfreiheit? Wie war er dann überhaupt an Asterios gekommen? Das waren Fragen, die Zoras durchaus interessierten, jetzt, da er vor dessen Familie und Heim stand. Vielleicht lag es daran, dass er sich so sehr an Luor zurückversetzt fühlte. Plötzlich war er einfach kein Eviad mehr, plötzlich war er nur noch Zoras und den Menschen hier... näher.
      "Mit Verlaub, aber wer hat Euch diese Schuhe angezogen?", sagte Esho da und ein Teil von Zoras' Offenbarung verließ ihn da, als er den jungen Mann mit hochgezogener Augenbraue bedachte. Okay, vielleicht fühlte sich Zoras gerade nur als Zoras, aber für alle anderen war er immernoch der Eviad. Und als solcher durfte er sich Kritik über seine Schuhe anhören? ... Was stimmte denn überhaupt mit seinen Schuhen nicht?
      "Die Hose winke ich ja vielleicht noch durch, aber die Schuhe…"
      Im Hintergrund tuschelten die Bediensteten schockiert und starrten Zoras mit ängstlichen Blicken an. Bestimmt fürchteten sie, dass Kassandra gleich aus dem Nichts auftauchen und Zoras' Würde retten könnte, indem sie Esho in Asche verwandelte. Und vielleicht wäre das auch ganz gut gewesen, denn Zoras hatte keine Ahnung, wie er seine eigene Würde retten sollte. Musste er das überhaupt? Sollte er das schleifen lassen, bei diesem mehr oder weniger inoffiziellen Besuch? Sollte er klar machen, dass er sich nicht mehr vom Rat - inklusive Esho - herumschubsen ließ? Sollte er hier den Eviad rausholen oder Zoras rausholen oder was sollte er machen? Und was war denn jetzt mit seinen Schuhen?!
      "Das müssen wir ändern. Und das Hemd ist auch viel zu dick. Wollt Ihr zu Tode schwitzen oder was hat sich der Kämmerer dabei gedacht?", fuhr Esho ungehindert fort, blind gegenüber Zoras' inneren Zwiespalt. Froh darum, wenigstens einen Teil der Schuld jetzt an den Kämmerer abzuwälzen, sagte Zoras unbekümmert:
      "Bei Aufbruch war es noch eine adäquate Kleiderwahl. Ich hatte nicht daran gedacht, die Pferde mit meinem Aussehen beleidigen zu können."
      Das lockerte die Stimmung ein bisschen und ein paar der Angestellten kicherten verlegen hinter vorgehaltener Hand. Würde womöglich noch gerettet. Esho seufzte dafür schwer, als hätte man ihm eine riesige Aufgabe anvertraut, und bedeutete ihm zu folgen. Esho folgten seine Eltern und Zoras wiederum folgten zwei Gardisten, die in gebührendem Abstand zurückblieben. Er hatte sie nicht etwa aus Angst mitgenommen, dass ihm hier draußen etwas widerfahren könnte, sondern nur zur Show. Wie sähe das denn aus, wenn der Eviad ohne Gardisten hier aufschlagen könnte? Die zwölf Mann waren sowieso schon ein Witz, aber sie trugen allesamt prächtige, palästliche Rüstungen, die das Sonnenlicht auf Ehrfurcht gebietende Art reflektierten, und hatten sich mit ihren Speeren wie Statuen positioniert, die das Gelände überblickten. Ja, alles nur Show, aber trotz der 12 Mann konnte man vielleicht denken, dass es eine gebührende Begleitung war. Die Bediensteten wirkten jedenfalls beeindruckt, so wie sie in Grüppchen davon eilten und wild tuschelnd ihre Blicke auf die Männer warfen. Dann war die Show wohl gelungen.
      Esho stattete Zoras mit einem wesentlich einfacheren Hemd und mit abgetragenen Stiefeln aus, ohne je eine Antwort darauf zu geben, was zum Teufel denn jetzt mit Zoras' Schuhen nicht stimmte. Allerdings musste Zoras ihm die Kleiderwahl als passend zugestehen, denn als sie jetzt in die Stallungen gingen, traf ihn alles auf einen Schlag: Der Geruch der Pferde, die kontinuierlichen Geräusche des Stalls, das Gefühl von Arbeitsstiefeln an den Füßen und von Luftigkeit an seiner Brust. Er liebte es. Das hier wollte er haben. Grundgütiger, das war es, was er in Theriss zurückgelassen hatte und das er jetzt wiederfand, ein Stück Heimat, ein Stück Zoras, das er für immer verloren geglaubt hatte. Der Stall sah so sehr nach Luor aus, er roch so sehr nach Zoras' altem Leben, dass ihn eine Welle aus Gefühlen überströmte. Wäre er alleine gewesen, wäre er jetzt am liebsten stehengeblieben und hätte für einen Moment alles in sich aufgenommen, all diese Sinne, diese Gefühle, die alle gleichzeitig auf ihn einprasselten. Er liebte es. Das war, was ihn ausmachte, und es war so anders als die Stallungen im Palast, die mit geschäftigen Stallburschen gefüllt waren und dem Geräusch klappernder Rüstungen, die er nur in unhantlicher Seide betrat und die mit dem bedrückenden Gefühl seiner Gardisten im Rücken einhergingen. Das hier war anders, das war so, wie es sein sollte. Tränen schossen ihm kurzzeitig in die Augen und er dachte sich, dass Kassandra doch hätte mitkommen sollen. Vielleicht mochte sie keine Pferde, aber das hier hätte sie sicherlich gemocht. Wenn nicht für sich selbst, dann ja vielleicht, weil er es so sehr mochte.
      Aber Zoras war nicht alleine und so schwammen diese ganzen Vorstellungen nur dahin, während er an Eshos Seite ging, der ihm hier und da ein paar Eckdaten erzählte. Er blinzelte seine Tränen weg, bevor sie noch aufgefallen wären, und lauschte dem jüngeren Mann mit ehrlichem Interesse. Seine Gedanken überschlugen sich mit dem gewohnten Eifer der Pferdezucht und er schenkte jedem Hengst, an dem sie vorbei gingen, einen aufmerksamen Blick. Das Gestüt betrieb eine ausgezeichnete Zucht, so wie er auf den ersten Blick erkennen konnte. Vielleicht sollte Zoras sich doch mit seinem Vokabular mal anstrengen, damit er sich mit Pakros gebührend über dessen Pferde unterhalten konnte.
      "Ich weiß nicht, wie das in Eurem Heimatland gehalten wurde, aber wir halten nichts davon, ausschließlich Hengste als Spitzentier einzusetzen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Stuten manchmal sogar nervlich stärker sind als Hengste."
      "Wir auch nicht. Gute Leistung wird von gutem Blut bestimmt, nicht von Geschlecht. Wieso auf die Hälfte potentieller Tiere verzichten, wenn sie doch das gleiche Potenzial haben?"
      "Mein Sohn ist ein formidabler Reiter, auch wenn er es nur selten nutzt", warf Pakros ein, wobei es einen Moment dauerte, bis Zoras' Gehirn die undeutlichen Worte übersetzt hatte. Zoras betrachtete den Forellenschimmel in der Box, ein prächtiges Tier mit langem Hals und starken Beinen. Zoras musste dem Drang widerstehen, ihn zur Tür zu locken, damit er ihm ins Maul schauen konnte. Das wäre dann doch etwas unhöflich gewesen.
      "Sein Wallach läuft in der Stutenherde mit. Er war Klopphengst und nicht zur Zucht geeignet. Wir wollten ihn verkaufen, aber Esho hat ihn für sich behalten wollen."
      So eine Seite hatte Zoras bei dem jungen Mann gar nicht vermutet und er schien auch das Bedürfnis zu haben, sich dafür zu verteidigen.
      "Jeder hat doch den Moment, dass er sich für ein Tier entscheidet, oder nicht?"
      "Richtig", pflichtete Zoras ihm bei, aus dem Gefühl heraus, sich auf die Seite von Esho stellen zu müssen. "Jeder hat das. Ich reite eine Zuchtstute niederen Grades. Neben ihm", er deutete zum Forellenschimmel, "sieht sie aus wie ein plumpes Bauernpferd, aber ich werde sie reiten, bis sie nicht mehr kann. Nennt es Sentimentalität, aber einem Pferd vertraut man sein Leben an und das tue ich bei ihr. Ich würde nicht im Leben daran denken, sie einzutauschen, weil sie ihren Wert nicht erfüllt."
      Das schien den armen Pakros irgendwie aus der Bahn zu werfen, der sicher nicht damit gerechnet hatte, innerhalb der ersten fünf Minuten eines richtigen Gesprächs auf Zoras' Missfallen zu stoßen. Seine Frau blieb im Hintergrund und überließ ihn sich selbst, weshalb er schnell ein anderes Thema anschlug.
      "Was für Tiere habt Ihr unter Eurem Sattel gehabt? Unterscheiden sie sich sehr von unseren, da, wo Ihr herstammt?"
      "Ich reite alles, was sich von mir reiten lässt."
      Er warf Pakros ein sanftes Lächeln zu, der ihn von Zoras' Gutmütigkeit überzeugen sollte.
      "Von Kaltblütern zu Warmblütern und alles dazwischen. Ich wähle meine Pferde in erster Linie nach ihrem Nutzen und in zweiter nach ihrem Charakter. Wenn ich reite, dann habe ich ein Ziel, das sich mit dem meines Pferdes überschneiden muss. Reite ich in den Kampf und mein Tier möchte fressen, werden wir beide nicht erhalten, was wir haben wollen. Reite ich über die Prärie und mein Tier möchte mich nicht im Sattel haben, reite ich bald überhaupt nicht mehr. Es ist ein Vertrauensbeweis, dass wir beide erhalten können, was wir wollen, wenn wir zusammenarbeiten. Darum geht es mir."
      Sie gingen weiter zu der Box eines Falben, der seine prächtige Mähne zur Seite warf und sie alle kritisch beäugte. Ihm gab Pakros keine Karotte und Zoras fragte sich, ob der Hengst in Pakros' Missgunst gefallen war.
      "Meine Familie betrieb auch eine Pferdezucht, müsst Ihr wissen. Wir haben uns auf Warmblüter spezialisiert, auf disziplinierte Tiere, die sich nicht aus der Fassung bringen lassen, wenn sie mit Schwertern und Speeren in Berührung kommen. Wir haben sie für den Kampf gezüchtet: Gesunde Gene, ausdauernde Beine, starke Tritte. Es ist erstaunlich, wie sich Soldat und Pferd bewegen können, wenn sie miteinander im Einklang sind. Alleine sind sie langsam und unkoordiniert, aber gemeinsam können sie auch die stärksten Linien durchbrechen. Mein Vater wusste immer zu sagen: 'Gib einem Soldaten ein Pferd und er wird dir Helme, Rüstungen, Bögen und Schwerter zurückbringen'. Ich konnte ihm bisher nicht nachweisen, dass es nicht stimmen sollte."
      Vergnügt lächelte Zoras in sich hinein, beflügelt von einem Gespräch, das so sehr nach seinem Geschmack war. Allerdings schien das für Pakros nicht gerade zu gelten, denn der Mann hatte eine steinerne Miene aufgesetzt, als Zoras ihn ansah. Da begriff er, dass Eshos Kampfwille wohl nicht gerade von seiner Familie stammte und er verfluchte sich selbst dafür, nicht besser aufgepasst zu haben. Schnell setzte er sich wieder in Bewegung, um den nächsten Hengst begutachten zu dürfen.
      "Sagt, habe ich die Erlaubnis, ein paar Eurer Pferde zu satteln und auf die Weide zu führen?"

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    • Im Gegensatz zu Pakros und Elmea wusste Esho von welchem Tier Zoras da sprach. Als er damals mit Kassandra eingeritten kam, hatte er als Einziger unter den Ratsmitgliedern nicht nur darauf geachtet, was für ein Mensch und einer Göttin er daherkam, sondern auf was für einem Tier er gesessen hatte. Ihm war es damals schon seltsam vorgekommen, dass das völlig unproportionierte Tier unter seinem Sattel eine vollkommene Einheit mit ihm gebildet hatte. Das sprach nicht für jemanden, der sich einfach das nächstbeste Pferd genommen hatte, um es für seine Zwecke zu missbrauchen. Nein, spätestens als Zoras die Stute in die hohen Ställe hatte einstellen lassen war klar geworden, dass er das Pferd länger kannte als die meisten Menschen hier. Esho hatte sich selbst dabei ertappt, wie er eines Tages in die Ställe gegangen war, um sich die Stute anzusehen. Nur um am Ende festzustellen, dass die Beine nicht gerade genug waren, der Hals zu kurz, die Kruppe zu flach und der Kopf zu groß.
      „Kriegsrösser also…“, murmelte Pakros undeutlich, während sich Esho geistesabwesend in den Nacken fasste.
      „Nervenstark sind unsere Tiere auch, aber viele von ihnen zeichnen sich eher durch andere Vorzüge aus“, kam es leiser von hinten, als sich Elmea erstmalig meldete. Ihr war aufgefallen, dass ihr Mann scheinbar ins Grübeln verfallen war und löste ihn ab. „Trittsicherheit in unwegsamen Geländen zum Beispiel. Will man nicht unbedingt mit einem Maultier über die Pässe reisen, muss man andere Wege finden. Einige der Handelsrouten verlaufen über die Bergpässe. Und sie haben alle verhältnismäßig lange Beine.“
      Elmea trat an Pakros‘ Seite und strich ihm über dessen Oberarm. Die Furchen auf seiner Stirn glätteten sich leicht, als die Gruppe am Falben vorbei bei einer Box mit einem Braunen vorbeikamen. Ein freundliches Schnauben und neugierige Nüstern kamen ihnen sofort entgegen.
      "Sagt, habe ich die Erlaubnis, ein paar Eurer Pferde zu satteln und auf die Weide zu führen?"
      Es war nicht Esho, der darauf antwortete. Er verschränkte die Arme und überließ demjenigen das Wort, dem das Gestüt gehörte: Pakros. „Sicher. Die meisten stehen jedoch schon draußen, da müsstet Ihr Euch dann nur welche aussuchen. Oder Ihr nehmt von den Hengsten auch einen oder zwei mit raus, aber nicht den Falben.“ Er gab undeutliche Töne von sich, die allesamt nicht wohlgesonnen klangen. „Das Tier hat einen Schaden, aber einen guten Rumpf. Esho, wenn du so gütig wärst?“
      Daraufhin nickte sein Sohn und führte den Eviad geradewegs in die Sattelkammer des Gestüts.

      Selbstverständlich hatten sie nicht eigenhändig die gesamte Ausrüstung herausgeholt. Stattdessen kümmerten sich die Bediensteten darum, all das Zeug auf Wagen nach draußen zu bugsieren, das sie wohl benötigen würden. Esho hatte Zoras darauf hingewiesen, dass einige der Pferde ihre eigene Ausstattung besaßen und folglich passend dazu herausgeholt werden müssten. Doch dazu würde sich der Eviad aus der Herde an Tieren erst einmal jene aussuchen müssen, die ihm wirklich zusagten. Auf Anweisung des Ratsmitgliedes hin holten die Bediensteten jedoch den braunen Hengst aus dem Stall und bereiteten ihn separat vor.
      Die Koppel, auf der die Stuten mit Fohlen standen, war einzeln abgetrennt worden. Auf einer zweiten Koppel standen die Wallache und jene Stuten, die dieses Jahr nicht aufgenommen hatten. Über einen Trampelpfad konnten Esho und Zoras am Zaun entlang die leichte Anhöhe nach oben gehen, wo man in der Entfernung die Pferde grasen sehen konnte. Pakros und Elmea waren nicht mehr mit von der Partie.
      „Stellst du dir immer noch die Frage, wieso ich deine Schuhe habe auswechseln lassen?“, fragte Esho plötzlich unvermittelt und warf einen vielsagenden Blick auf Zoras‘ Stiefel. „Du brauchst hier Stiefel statt feinem Schuhwerk. Die Wege und das Terrain sind echt schlecht.“
      Nach ein paar weiteren Metern hielt Esho an und stieg über den Zaun hinweg, wo er auf Zoras wartete, damit er ihm nachkam. Bei dem Mann sah es etwas weniger geschmeidig aus als bei dem jungen Hauptmann, doch der verlor kein Wort darüber. Zusammen erklommen sie weiter den Weg.
      „In der Gruppe laufen einige Wallache mit. Unter anderem ein Rappe mit Stichelhaar. Wenn du den zu dir bekommst, kannst du den auch ohne Sattelzeug reiten. Sofern du das denn beherrscht“, grinste Esho. „Alle anderen holen wir zum Stall, die dich interessieren. Von mir aus hast du den ganzen Tag Zeit.“
    • Elmea beteiligte sich nun auch an dem Gespräch und Zoras nickte interessiert, als ihm aufging, dass in diesen Gegenden andere Attribute gezüchtet wurden. In Theriss war zwar auch nicht alles von weiten Wiesen und regelmäßigen Hügeln durchsetzt - man musste dafür nur einmal in die steinige Hauptstadt reiten - aber die Grenzen waren ebenerdig angelegt. So mussten die Pferde kein unsicheres Gelände betreten; ein Vorteil, der von den Kriegsführungsregeln nur noch weiter aufrecht erhalten worden war. Das sah hier in Kuluar ganz anders aus, was auch gleich die langen Beine und die breiten Hufe erklärte. Das war allerdings nichts, was Zoras als schlecht empfand; er sah die Vorzüge schon genau vor sich. Von einem hohen Pferderücken ließ sich wunderbar eine ganze Masse kontrollieren und die Beine selbst versprachen Geschwindigkeit und Wendigkeit.
      Mit wesentlich mehr Begeisterung folgte er Esho nach draußen. Die frische Luft trieb ihm entgegen und Zoras nahm einen tiefen, sehnlichen Atemzug. In seinen Fingern kribbelte es bereits von dem Wunsch, die nächsten Zügel zu fassen, und seine Beine fühlten sich schon gar nicht mehr bequem an, so wie sich da steif unter ihm bewegen mussten. Sie wollten sich beugen und den Bewegungen eines Pferdes anpassen und Zoras wollte es mindestens genauso. Wie sehr er sich jetzt genau darauf freute - und nichts stand ihm jetzt noch im Weg, keine lästigen Termine, keine Aufgaben, keine Verpflichtungen. Er musste nur ein Pferd auswählen und Zoras hätte sich durch nichts davon abbringen lassen. Der Himmelsbruch hätte stattfinden können und Zoras hätte noch immer darauf bestanden, ein Tier zu reiten.
      Gemeinsam - ohne Eshos Eltern - gingen sie an der Weide entlang. Zoras hatte seinen Blick auf die Pferde gerichtet, die dort grasten: Einen anmutigen Schimmel mit langem Hals, einen Schwarzen mit kräftigen Beinen und langer Mähne, einen hellen Fuchs, der kontinuierlich mit dem Schwanz peitschte. Es war schon fast schade, dass sie nicht dort drinnen bei den Pferden gingen, wo sie auch gleich quer über die Wiese gehen konnten, aber Zoras erwähnte es nicht. Er machte sich keine Gedanken um Schlamm und Dreck, aber ja vielleicht Esho.
      „Stellst du dir immer noch die Frage, wieso ich deine Schuhe habe auswechseln lassen?“, fragte Esho genau da, als hätte er Zoras' Gedanken gelesen. „Du brauchst hier Stiefel statt feinem Schuhwerk. Die Wege und das Terrain sind echt schlecht.“
      Zoras schmunzelte vergnügt. Wenn der Mann wüsste, was für einen Kampf Zoras geplant hatte, um sich irgendwann wieder in alte gewohnte Reitkleidung stecken zu lassen, hätte er sowas sicher gar nicht erwähnt. Bestimmt würden Esho dann aber auch ein paar spöttische Sprüche einfallen, wenn er ihn mal nicht in seinen feinen Gewändern erblickte, sondern in funktionaler Kleidung. Wobei seine Witzelei sicher nicht Dionysus' Gelächter übertönen würde, wenn er Zoras so zu Gesicht bekam.
      "Nein. Du wirst es mir vielleicht nicht glauben, aber ich bin froh, dass ich die Stiefel brauche. Ich habe mir dein Gestüt anders vorgestellt, aber da habe ich mich geirrt."
      Er ließ seinen funkelnden Blick über die Koppeln gleiten.
      "Gewaltig geirrt."
      Sie gingen ein paar Meter weiter, dann blieb Esho unvermittelt stehen und begann, über den Zaun zu klettern. Bei dem jüngeren Mann sah das geschmeidig und gewohnt aus und Zoras hätte wetten können, dass er selbst früher mal auch so flink über die Zäune geklettert war, wenn er zu faul gewesen war, das Tor zu nutzen. Aber jetzt waren seine Gelenke steifer und die Schwerkraft stärker und so fühlte es sich gar nicht so flink an, wie er es mal gewohnt gewesen war. Trotzdem kam er hinüber und hielt gleich mit Esho auf die Pferde zu.
      „In der Gruppe laufen einige Wallache mit. Unter anderem ein Rappe mit Stichelhaar. Wenn du den zu dir bekommst, kannst du den auch ohne Sattelzeug reiten. Sofern du das denn beherrscht."
      Zoras zog die Augenbrauen hoch und schnaubte.
      "Ohne Sattel reiten? Ich brauche schon Sattel und Zügel, um raufzukommen."
      Esho sah ihn an und Zoras starrte zurück. Nach zwei schweigenden, sehr unangenehmen Sekunden sagte er:
      "Das war ein Witz. Ich habe einen Witz gemacht."
      Irgendwie schien ihm das der andere nicht so ganz zu glauben.
      Sie kamen an einem kleinen Grüppchen Tiere vorbei, die alle gänzlich entspannt ihren Kopf hoben und die beiden Passanten friedlich beobachteten. Esho erlangte hin und wieder besondere Aufmerksamkeit, wenn eines der Pferde herankam, um vertrauensvoll an dem Mann zu schnuppern. Ganz anscheinend war er den Kontakt mit Pferden mehr als gewöhnt, was Zoras auch an seiner Art erkannte, wie er mit den Tieren umging. Einer Person, die das Vertrauen von Pferden genoss, konnte auch selbst vertraut werden. Das war wiederum ein Motto seiner Mutter gewesen und obwohl Zoras sich da nicht immer ganz so sicher war, erkannte er doch jetzt sich selbst in Esho wieder, der die Hand ausstreckte, um einem Tier die Nüstern zu kraulen. Götter, wie gerne hätte er wieder einen Hof, oder doch zumindest eine Weide, um seine Tiere halten zu können. Ob er seinen Sitz hier heraus verlegen könnte? Der Gedanke erfüllte ihn gleichermaßen mit Begeisterung und Enttäuschung, denn so schön er es sich hier draußen auch vorstellte, er wusste doch, dass es nicht möglich war. Zu viele Nachteile und der einzige Vorteil seiner persönlichen Präferenz. Das war einer der Gründe, warum er nie König werden wollte und warum es ihn jetzt so sehr herab zog; er war jetzt verantwortlich für ein Land. Was er selbst wollte, musste er in den Hintergrund stellen.
      Aber wenigstens nicht die Auswahl eines Pferdes. Zumindest hier konnte er in den nächsten Stunden ganz nach seinen Bedürfnissen gehen. So ließ er sich von Esho erzählen, was er über die Pferde wusste, kraulte Nüstern und Köpfe und Ohren, untersuchte Augen, Zähne und Hufe und befühlte Beine und Muskeln. Eine prächtige Auswahl war es und Esho enttäuschte ihn nicht mit seinem Wissen. Vielleicht war er nicht allzu oft hier draußen auf seinem Gestüt, aber er hatte ganz anscheinend schon einen beträchtlichen Teil seines Lebens hier verbracht. Apropos beträchtlicher Teil...
      "Wo ist eigentlich Asterios? Muss er auch wegbleiben, damit er die Pferde nicht aufregt?"
      Bei Kassandra war das so, auch wenn sie dann ihre Göttlichkeit nutzte, um die Pferde wieder zu beruhigen. Aber Zoras war schon aufgefallen, dass sie dann nicht auf gewöhnliche Weise friedlich waren, sondern eher... teilnahmslos. Vermutlich war das bei Asterios auch der Fall.
      Er wählte fürs Erste einen Rappschecken, der aufgrund seiner breiten Brust und der selbstbewussten Haltung seine Aufmerksamkeit erregte. Das Tier ließ sich bereitwillig aufzäumen und zurück in Richtung Stall führen. Bei seinem Anblick schossen die Bediensteten gleich herum, um die eigene Ausstattung für den Schecken zu holen - eine Tatsache, die Zoras noch immer in Glück schwelgen ließ, wie toll es hier doch war - und Zoras sagte Esho, dass sie lieber gehen sollten. Er würde sich doch nicht entgehen lassen, endlich einmal wieder ein Pferd eigenständig satteln zu dürfen. Das schien dem Mann zu gefallen und Zoras lächelte ihm zu. Unglaublich, dass sie jetzt schon fast eine Stunde lang geredet hatten, ohne sich einmal an den Hals zu gehen. Wie unvorstellbar das vor einem Jahr, auch noch mit der Arena und allem, gewesen wäre.
      Er sattelte den Schecken ordentlich mit sehr hochwertigen Leder und stellte dann einen Fuß in den Steigbügel. Sein Körper atmete erleichtert auf, als er sich nach all den Wochen mal wieder in einen Sattel schwang und dort das vertraute Gefühl von Zügeln in den Händen hielt. Es war so anders als sein Ausflug mit Kassadra in die Stadt, wo er nicht schneller gewesen war als ein zügiger Trab. Hier wartete die ganze Welt auf ihn, um beritten zu werden. Keine Grenzen, keine Umzäunungen, keine Häuser. Wie hatte er dieses Gefühl auf der Reise durch Kuluar nur als selbstverständlich sehen können?
      "Gibt es hier einen Weg, der nicht die Straße kreuzt?", fragte er Esho ungeduldig und tätschelte dem Schecken den Hals. Das Tier zuckte mit den Ohren und stand ganz unbewegt auf dem Fleck.
    • Esho runzelte nur die Stirn, als Zoras zugab, sich geirrt zu haben. Wie stellte sich der Kerl denn bitte sonst ein Gestüt vor? Ohne etwas dagegen unternehmen zu können begann der Hauptmann die Art und Weise zu hinterfragen, wie man in Theriss scheinbar mit den Tieren umging. Generell war er noch nicht sonderlich viel in seinem Leben gereist oder durch Kriegshandlungen woanders stationiert gewesen. Aber so unterschiedlich konnte es doch nicht sein. Pferde waren und blieben nun mal Pferde.
      „Ohne Sattel reiten? Ich brauche schon Sattel und Zügel, um raufzukommen.“
      Darauf stoppte Esho kurzerhand und musterte den Eviad. Gut, das konnte er dem alten Mann auch nicht vorhalten. Immerhin trennten sie mindestens zehn Jahre, vermutlich sogar noch mehr, und jünger wurde er auch nicht. Schon bei ihrem Kampf hatte er gemerkt, dass das Alter ihm zusetzte, und so las er aus seinem eigenen Spaß in Zoras‘ Antwort lediglich den Ernst heraus. Auf eine Rechtfertigung wartend sah Esho Zoras an, der dann klarstellte, dass es ein Witz gewesen sein sollte.
      Ein Witz. Natürlich. Nachdem Esho gerade noch gesehen hatte, wie steif der andere Mann über den Zaun gekraxelt war. Er entschied sich jedoch, nicht weiter darauf einzugehen, sondern lieber den Weg zu den Pferden fortzusetzen. Irgendwie hatte er sich das Ganze leichter vorgestellt und nicht so furchtbar steif.
      Bei der Herde an Pferden angekommen, teilte sich die Gruppe augenblicklich. Einige der Tiere, die dachten, sie sollten wieder reingebracht werden, fanden das Auskommen nicht berauschend und entfernten sich leicht trabend von den beiden Männern. Andere Tiere hingegen blieben oder kamen sogar nah, kaum erkannten sie Esho und schnupperten ihn an. Wie ein Messias schritt er durch die massigen Körper, die ihm entweder folgten oder etwas Platz machten, damit er hindurchgehen konnte. Wann immer er bei einem besonderen Tier vorbei kam, erzählte er Zoras kurz etwas zu der Linie oder was bei diesem Tier herausstach. Wie alt es war, wie lange es schon hier war, wie viele Nachzuchten es gegeben hatte. Zoras konnte nicht nachhalten, ob Esho ihm das Blaue vom Himmel erzählte oder tatsächlich bei jedem Tier sämtliche Kennzahlen im Kopf hatte. Ausgerechnet der Mann, der außer kompromisslosem Kampf nichts anderes im Sinn zu haben schien. Langsam aber sicher schien Esho die Hülle des Ratsmitgliedes abzustreifen, hier, umgeben von Tieren und sonst nichts anderem. Leider war es genau dann, dass Zoras ihm seine Rolle wieder bewusst machte. „Wo ist eigentlich Asterios? Muss er auch wegbleiben, damit er die Pferde nicht aufregt?“
      Das entspannte Gesicht bekam die nachdrückliche Härte zurück. Die Partie um seinen Mund verhärtete sich und kleine Fältchen erschienen um die Augenwinkel herum. Nichtsdestotrotz behielt Esho seine übliche unbetroffene Leichtigkeit in der Ausstrahlung bei. „Er hat nicht die gleiche Wirkung wieder andere Götter auf die Tiere. Vielleicht, weil Asterios im Vergleich zu den anderen Göttern eher minderbemittelt ist. Halmyns Größe und Wucht verschreckt die Tiere, aber es ist nicht seine Ausstrahlung wie bei Mirdole oder auch Kassandra.“ Esho kratzte sich an der Schläfe und schwieg einen Augenblick mit nachdenklicher Miene. So als wäge er ab, ob er das sagen sollte oder nicht. „… Er sitzt vermutlich wieder am Teich und schaut den Schmetterlingen zu.“
      Das ließ er weiter unkommentiert und gab einen scharfen, gepfiffenen Ton durch seine Zähne zum Besten. Kurz darauf kam von hinter der Kuppe ein Fuchs angaloppiert, der bei Esho stoppte und sich den dicken Hals tätscheln ließ. Dieses Tier hatte einen Speckhals, was von gutem Futter spricht, und keinerlei Narben oder Einschränkungen. Geschwind griff der Hauptmann nach der Mähne des Tieres und schwang sich mit einem kräftigen Satz mühelos auf den Rücken des Tieres. Der Wallach blieb unberührt an Ort und Stelle stehen und schnaufte, als Esho sein Gewicht verlagerte und ohne Einsatz seiner Ferse das Tier in einen gemächlichen Schritt versetzte. Ein Teil der Herde, darunter auch Zoras‘ Favorit, folgte ihnen ohne ein einziges Wort.
      Zurück am Gehöft wurden sie schon von den Bediensteten erwartet, die nur darauf gewartet haben zu sehen, welches Tier der Eviad mit sich führte. Sofort explodierte die Arbeiterschaft und kramten alles notwendige aus der Sattelkammer hervor. Esho musste die Bediensteten mehrfach anweisen, auch wirklich einfach nur die Böcke hinzustellen, den Rest machten sie schon selbst. Unbehagen zeigte sich in den Augen all jener, die sich nicht wohl dabei fühlten, ihre Arbeit niederzulegen. Dafür gab er ihnen die Aufgabe, eben die Boxen wieder frisch zu machen, während sie sich hier auslebten.
      „Lass dich von mir nicht irritieren. Wir bleiben im bekannten Umfeld, da brauch ich kein Sattelzeug“, meinte Esho, der sich an die Hauswand gelehnt hatte, während Zoras den Schecken aufzäumte. Die Handgriffe gingen dem Eviad so leicht von der Hand, als hätte er sie nie verlernt. Vermutlich konnte man das auch gar nicht. Als Zoras soweit war, schwang sich Esho wieder auf seinen Fuchs und führte vor. Der Rappschecke wäre ihm einfach so gefolgt, doch er ließ Zoras einfach in dem Glauben, die Zügel halten zu müssen.
      „Sicher. Runter zum Teich, da tränken die Pferde auch. Da gibt es nur Schotterwege und keine befestigten Wege“, sagte Esho und gab den Weg vor.
      Die beiden Männer ritten Schotterwege entlang, die weg vom Gestüt und zwischen verschiedenen Koppeln hindurch führten. Eine kurze Strecke lang ritten sie bergauf und dann nur noch bergab, durch niedere Böschungen hindurch und wieder auf freies Feld, wo sie in einer Senke einen Teich ausmachen konnten, der zentral zwischen den Koppeln zu liegen schien.
      „Wir haben von dem Teich aus die Koppeln gezogen, damit wir die Pferde nicht täglich tränken müssen. Sie kommen selbstständig hierher, selbst wenn Asterios da ist wie jetzt“, erklärte Esho und zeigte auf den massigen dunklen Körper, der am Ufer saß und von Weitem eher einem Stein glich. Einem Stein, der mit einigen bunten Fleckchen bespickt war. Schmetterlinge, die sich auf ihm sonnten. Weder Eshos Fuchs noch der Schecke unter Zoras reagierten besonders auf den Minotauren. Dann zeigte Esho zu einem kleineren Waldstück herüber, zu dem ein plattgetretener Graspfad führte. „Wenn du ihn mal richtig laufen lassen willst, dann bis da hinten zum Wald und wieder zurück. Der Boden ist weich, sollte dich dein Übermut nicht im Sattel halten können“, grinste Esho, während sein Fuchs friedlich Gras zupfte.
    • Gemeinsam ritten sie an den Koppeln vorbei und folgten einem einfachen Schotterweg, der sich durch die karge Bewucherung der Umgebung schlängelte. Zoras befühlte die Bewegungen des Schecken und versuchte, ihn mit einfachem, leichten Druck zu lenken. Das Tier war fantastisch ausgebildet und gehorchte dem leichtesten Zug der Zügel. Es behielt ein gleichbleibendes Tempo bei und zeigte nur reges Interesse an seiner Umwelt. Für Zoras ermittelte er allerdings den Eindruck eines Soldaten, der zum Militär verpflichtet worden war und nicht mit seinem Herzen dabei war. Er wusste nicht wieso, das Tier kam ihm nur irgendwie steif vor, wenn er ihm den Hals tätschelte.
      "Gut, Großer...", murmelte er. Der Schecke zuckte nur kurz mit den Ohren. Vielleicht hörte er ja besser auf kuluarische Wörter. Wobei, Kassadra hatte mit therissisch auch keine Probleme gehabt.
      In einer Senke erwartete sie der Teich, an dem auch jetzt ein paar Pferde standen und friedlich grasten - ein paar Pferde und Asterios. Zoras fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er tatsächlich den Minotauren ausmachte, der dort unten am Ufer saß und sich nicht rührte. Auf seinem massigen Körper hatten sich ein paar Schmetterlinge niedergelassen, die nicht den Eindruck erweckten, als wüssten sie, dass sie auf einem Gott saßen. Die Pferde daneben schienen sich auch nicht sonderlich für ihn zu konzentrieren, erst recht nicht, als sie die Köpfe nach den ankommenden Reitern hoben.
      Zoras konnte es kaum fassen. Ungläubig starrte er den Minotauren an.
      "Er sitzt wirklich hier und... sieht den Schmetterlingen zu?"
      Er hatte das für einen Witz von Esho gehalten, einen etwas merkwürdigen, aber doch einen Witz. Nur war das anscheinend kein Witz. Asterios saß wirklich hier und ließ sich die Sonne gefallen; derselbe Asterios, der Zoras und Kassandra mit Mirdole und Halmyn angegriffen hatte, der auf Dionysus zugestürmt war, der neben Esho wohl der einzige war, der sich mit Liebe zum Kampf auf den Krieg freuen konnte. Derselbe Asterios saß hier und... beobachtete eben Schmetterlinge.
      Es war abstrus, völlig absurd. Aber als Zoras Eshos Blick begegnete, erkannte er, dass das auch nichts neues war. Völlig eigenartig.
      Den Minotauren misstrauisch beäugend, zogen sie weiter. Zoras nahm sich fest vor, später Kassandra davon zu erzählen, sonst würde er es irgendwann selbst nicht mehr glauben, sonst würde er es bald für eine Einbildung halten.
      „Wenn du ihn mal richtig laufen lassen willst, dann bis da hinten zum Wald und wieder zurück. Der Boden ist weich, sollte dich dein Übermut nicht im Sattel halten können“, sagte Esho, der Zoras' Verwirrung sehr gut zu deuten wusste und Zoras war dafür froh um die Ablenkung. Ein Minotaure, der Schmetterlinge beobachtete; und er dachte, schon alles auf der Welt gesehen zu haben.
      "Mit meinem Übermut wirst du nicht mithalten können, Esho", entgegnete Zoras und warf einen bedeutungsschwangeren Blick auf Eshos fehlendes Sattelzeug. Es war zwar Eshos Entscheidung gewesen, darauf zu verzichten, aber das war auch eine falsche Entscheidung. Anscheinend unterschätzte der junge Mann den Eviad ganz gewaltig.
      "Wenn du fällst, reite ich weiter. Keine Rücksicht auf die Schwachen."
      Er schmunzelte, weil er richtig damit geraten hatte, dass eine solche Wortwahl Esho aufstacheln würde, dann trieb er den Schecken an. Pflichtbewusst verfiel das Tier in einen geordneten Trab, der sie beide zwischen die Bäume brachte und die merkwürdige Teich-Szenerie hinter ihnen ließ. Esho ritt noch immer gleichauf mit Zoras, unberührt von der anziehenden Geschwindigkeit. Zoras konnte es zwar wertschätzen, wenn ein Mann ohne Sattel auch gut reiten konnte, aber an diesem Tag lagen seine Prioritäten woanders. Er schnalzte dem Schecken zu und gab ihm die Sporen.
      Das Tier machte einen Satz nach vorne und verfiel in einen strammen Galopp mitten in das Waldstück hinein. Auf die plötzliche Bewegung hin riss Zoras seinen Oberkörper nach vorne und federte die Bewegungen mit den Beinen ab. Und was für Bewegungen das waren; wesentlich stärker und geschmeidiger flog der Schecke dahin, wesentlich eindrucksvoller und ausdauernder als Kassadra es jemals geschafft hätte. In den vergangenen Jahren hatte Zoras sich so sehr an Kassadras Bewegungen gewöhnt, das ihn die Geschwindigkeit sofort berauschte. Vielleicht wäre es vergleichbar gewesen mit seinen Heimatstieren, aber den Unterschied hatte er schon längst vergessen. In seiner Wahrnehmung flog der Schecke mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit dahin.
      Und Esho hielt noch immer mit. Der Fuchs war nur einen Moment zurückgefallen, nachdem Zoras ihn mit der plötzlichen Geschwindigkeit überrascht hatte, aber jetzt holte er wieder auf. Esho hatte sich nach vorne über den Hals seines Tieres gebeugt, ganz nach Zoras' Haltung, und trieb ihn sogar noch mehr an. In drei langen, prächtigen Sätzen hatte er Zoras' Schecken eingeholt und dann überholt.
      Es war ein eindrucksvolles Manöver. Zoras wusste nicht, ob er selbst noch die Beinkraft besaß, um sattellos so schnell zu reiten wie Esho es tat, auch wenn er als Kind sicher zu oft ohne Sattel geritten war. Bestimmt hätte er es versuchen können, doch jetzt hatte er nunmal einen Sattel und Esho hatte keinen. Trotzdem gewann der andere Mann schnell die Führung.
      Das kratzte ein bisschen an Zoras' Ego. Gut, vielleicht auch ein bisschen viel. Er konnte es verkraften, wenn der Mann seine Sticheleien losließ, dass Zoras sich nicht im Sattel halten konnte und in seinem Alter Hilfe brauchte, aber ihn in einem Rennen zu schlagen? Oh nein. Ganz sicher nicht. Zoras war vielleicht etwas eingerostet, aber noch lange nicht aus der Übung. Er würde doch nicht zulassen, dass dieser Jüngling, ganz ohne Sattel und Geschirr, schneller war als Zoras auf einem fremden Pferd. Ganz sicher nicht.
      Entschlossen ließ er die Zügel lang und lehnte sich nach vorne. Seine Balance war ein bisschen grenzwertig auf einem ihm gänzlich unbekannten Pferd und natürlich war es auch gefährlich. Er kannte den Schecken nicht, wusste nicht, wie schreckhaft er war oder was für Macken er besitzen könnte, mit denen er Zoras geradewegs über seinen Hals katapultieren konnte, aber als er Kassadra damals geklaut hatte, hatte er sowas auch nicht gewusst und war nebenher auch noch verfolgt worden. Das Risiko musste man einfach eingehen, wenn man ein Pferd kennenlernen wollte. Und wenn man einen anderen in die Schranken weisen wollte.
      Esho preschte voraus und sein Fuchs raste ungebremst über den Waldboden. Der Weg verlief größtenteils geradeaus, aber besonders an den Kurven zeigte der Fuchs seine Wendigkeit, die dem steifen Schecken etwas zu fehlen schien. Nur hatte Esho einen nicht auszumerzenden Nachteil: Er ritt ohne Sattel. Seine Bewegungen waren eingeschränkt und so war es letzten Endes auch die Geschwindigkeit seines Tieres. Er hatte bald seinen Höchstpunkt erreicht, über den Zoras mit seinem Sattel noch hinausschießen konnte.
      Er überholte ihn in einer nächsten Kurve und setzte den Schecken daran, in Höchstform zu gehen. Das Tier gab wenige Geräusche von sich, der Hals lang gestreckt und die langen Beine über den Waldboden fliegend. Er ließ Eshos Fuchs hinter sich, vergrößerte ihren Abstand immer mehr und immer mehr, bis es bald den Anschein hatte, als wären sie alleine im Wald. Da preschte der Schecke voran.
      Zoras ließ sich berauschen vom Wind im Gesicht, von der Geschwindigkeit, mit der sie durch den Wald rasten, von dem Gefühl von Leichtigkeit, von Freiheit, von Stärke. Er grinste bei dem Geräusch von donnernden Hufen, dem Gefühl von reibendem Leder an seinen Beinen und dem Schaukeln des Pferderückens. So lange war er schon nicht mehr frei geritten, so lange hatte er sich gar nicht mehr darauf freuen können. Das hier war es, was er war und sein wollte. Er war auf einem Pferdehof aufgewachsen und verdammt, die Pferde waren noch immer Teil seines Lebens. Er würde einen Weg finden, wie er seinen Schreibtisch in einen Pferderücken eintauschen konnte. Irgendwie würde er dafür sorgen, dass sein Zuhause zu ihm kam und nicht andersherum.
      In der Entfernung kam bald eine Weggabelung in Sicht und Zoras drosselte seinen Schecken. Er ließ ihn auslaufen, bis er die Gabelung erreicht hatte, dann streichelte er lobend über den kräftigen Hals. Der Schecke stand still, tänzelte nur ein ganz klein wenig und schnaubte dabei. Irgendwie vermisste Zoras Kassadras Ungeduld oder vielleicht auch ihren Tatendrang. Roran war auch so gewesen, so ruhelos und bewegungsfreudig; Zoras hatte Gefallen an energischen Tieren. Der Schecke war brav und ordentlich diszipliniert, aber auch nur das. Er erschien Zoras irgendwie... kühl.
      Das Geräusch von Hufen drang nur eine Sekunde später zu ihm durch und er beobachtete, wie Esho herangerauscht kam. Ein vielleicht etwas triumphierendes Grinsen breitete sich auf Zoras' Gesicht aus.
      "Wie war das mit dem Sattel und mit dem Übermut? Wenn du so langsam bleibst, kannst du genauso gut einen Esel reiten. Die kann man übrigens auch ohne Sattel besteigen."
    • „Wenn du fällst, reite ich weiter. Keine Rücksicht auf die Schwachen.“
      „Übermut macht vor Altern keinen Halt.“
      Für jemanden, der auf einen Zweikampf geschult worden war und sein Leben lang nichts anderes getan hatte, war klar, dass Zoras nicht nur von Übermut getrieben war. Er versprühte eine gänzlich andere Ausstrahlung wie jene, die man im Palast wahrnehmen konnte. Man konnte ihm eine gar kindliche Freude unterstellen, als er seinen Schecken antrieb und Eshos Fuchs mit einem Mal hinterherjagte. Der Hauptmann musste seinem Wallach keine besonderen Signale senden, damit das Tier eigenmächtig an Geschwindigkeit gewann, nur um sich nicht von dem anderen Pferd abhängen zu lassen. Dabei lehnte sich Esho in einem aberwitzigen Winkel nach vorn und verschmolz dank seiner Hautfarbe regelrecht mit dem Speckhals seines Fuches. Sie bildeten eine Einheit, eine gemeinsam wogende Welle. Jeden Sprung saß der Hauptmann gekonnt aus anstatt sich hochwerfen zu lassen. Ohne Steigbügel glich das schon einem Meisterwerk, während er sich mit starkem Griff in der dicken Mähne festhielt. Auf gleicher Höhe mit dem Schecken setzte Esho seine Schenkel ein, sodass sein Fuchs den Schecken überholen konnte. Er war schon öfters aus vollem Galopp vom Pferd gefallen, insbesondere in seiner Jugend. Brüche waren damit einhergegangen, aber nichts hatte ihn davor abschrecken können, sich wieder auf den Rücken eines Pferdes zu schwingen.
      Genau deswegen kannte Esho auch die Grenze von sich und seinem Wallach, und diese lag noch ein Stückchen weiter entfernt. Vielmehr hörte er aber den Eviad hinter sich in fremder Sprache irgendetwas sagen und der Frust war kaum zu überhören. Für einige Sätze lang überlegte Esho wie der Ausgang dieses Rennens ausfallen sollte. Schließlich entschloss er sich dafür, das Tempo genauso zu halten. Er kannte die meisten Tiere gut genug um zu wissen, dass der Schecke noch Reserven hatte. Besäße Esho einen Sattel, hätte Zoras ihn garantiert nicht geschlagen. Aber selbst ohne Sattel kannte er das Gelände besser sowie sein Tier. Legte er es drauf an, wäre ihm der Sieg wohl gewiss gewesen, doch der Hauptmann ließ seinen Zug bleiben. Zoras überholte ihn, warf nicht einmal einen Blick über die Schulter zurück. In vollem Galopp preschten sie davon und Esho klopfte mit einer Hand den Hals seines Fuchses, der daraufhin in einen leichten Kanter fiel. Der Eviad war hier, um sich ein Pferd auszusuchen und Esho war der Ansicht, dass dafür ein wenig Zweisamkeit notwendig war. Also ließ er den beiden den Augenblick, solange er sie noch im Blick behalten konnte. Dass er dabei das Ego des alten Mannes streichelte, war ihm zwar ein Dorn im Auge, aber er wusste schließlich, dass er mit gleicher Ausstattung unschlagbar war.
      Als die Weggabelung in Sicht kam, trieb er den Fuchs erneut an. Es sollte zumindest den Anschein haben, als wäre Esho dem Eviad mehr oder weniger schnell gefolgt. Er schloss zu dem wartenden Paar auf und bemerkte dieses widerliche Grinsen auf Zoras‘ Gesicht. Das unwissende Grinsen von jemanden, der annahm, er habe unter fairen Mitteln gewonnen.
      "Wie war das mit dem Sattel und mit dem Übermut? Wenn du so langsam bleibst, kannst du genauso gut einen Esel reiten. Die kann man übrigens auch ohne Sattel besteigen."
      Der Fuchs senkte den Kopf, um Gras vom Wegesrand zu zupfen, während Esho sich zurücklehnte und die Hände hinter sich auf die Kruppe stützte. „Du willst dir ein Pferd aussuchen und nicht dein Ego befriedigen“. Indem du unlautere Wettkämpfe gewinnst. „Es soll das Pferd beurteilt werden und das geht schlecht, wenn du nur den Sieg und das Ausstechen deines Kontrahenten im Geiste trägst.“
      Eshos Stimme klang eine Spur tadelnd, so wie er Zoras mit hochgezogenen Augenbrauen bedachte. Er hatte es nicht nötig, dem Eviad wortwörtlich in den Hintern zu kriechen. Nur wusste er, wie wichtig die Wahl seines Streitrosses war und stellte dies über Sympathien oder Gelüste.
      „Du scheinst Spaß auf dem Schecken gehabt zu haben. Wie ist dein Urteil? War die erste Wahl direkt ein Treffer oder nicht? Ich würde empfehlen, noch andere Tiere auszuprobieren, wenn du mit kuluarischen Pferden sonst nicht vertraut bist.“
    • Esho betrachtete Zoras mit einem undeutbaren Blick, der Zoras' gute Laune kaum störte, bis er schließlich sagte:
      "Du willst dir ein Pferd aussuchen und nicht dein Ego befriedigen."
      Zoras schnaubte amüsiert. Es war ja nicht so, dass er Eshos Entscheidung, ohne Sattel zu reiten, nicht hinterfragt hätte. Aus seiner Sicht war das also keine Ego-Streichelei, lediglich eine maßlose Unterschätzung. Esho war der Ansicht gewesen, auch ohne Sattel mithalten zu können. Eine falsche Ansicht, wie sich herausgestellt hatte.
      "Es soll das Pferd beurteilt werden und das geht schlecht, wenn du nur den Sieg und das Ausstechen deines Kontrahenten im Geiste trägst."
      "Hältst du die beiden Dinge für getrennt? Meiner Meinung nach bindet nichts ein Pferd an seinen Herrn so sehr wie ein Sieg."
      Er tätschelte lobend den Hals des Scheckens. Das Tier zuckte nur mit den Ohren.
      "Oder auch ein Verlust, je nachdem, wie man es betrachtet."
      Esho zog die Augenbrauen hoch, als könne er sich das nicht unbedingt vorstellen. Zoras schmunzelte ihn trotzdem an; jedem das seine.
      „Du scheinst Spaß auf dem Schecken gehabt zu haben. Wie ist dein Urteil? War die erste Wahl direkt ein Treffer oder nicht? Ich würde empfehlen, noch andere Tiere auszuprobieren, wenn du mit kuluarischen Pferden sonst nicht vertraut bist.“
      "Ein guter Junge, sehr diszipliniert, hervorragend trainiert. Er wäre sicherlich keine schlechte Wahl, aber ich fühle nicht sehr... mit ihm. Wenn ich ihm sage zu laufen wird er laufen, aber nur, weil ich es gesagt habe und nicht, weil er es selbst möchte. Ich vermisse... einen Willen."
      Das machte wohl nicht besonders Sinn, wenn man nur begrenzt mit Pferden zu tun hatte, aber Esho könnte es verstehen, wenn er unter den Pferden aufgewachsen war. Wenn der Schecke sich einmal dazu entscheiden könnte, dass sein Wille anders war als der seines Herrn, könnte er ihm einfach den Befehl verweigern, wohingegen Kassadra niemals so weit kommen würde. Zoras kannte sie und vertraute ihr und so wusste er, dass sie sich ihm niemals verweigern würde. Sie würde vielleicht schnippisch werden oder ihre Meinung kundtun, aber sie würde ihm folgen, wohin auch immer er ging, denn sie teilten sich ein Ziel. Was das Ziel des Scheckens war, das konnte er noch nicht so recht herausfiltern.
      "Ich werde wechseln. Immerhin gab es noch ein paar andere sehr passende Kandidaten."
      Esho verstand das nicht als Beleidigung an die Qualität des Hofes und so machten sie sich in gemäßigterem Tempo an den Rückweg. Dabei ließ Zoras endlich die Spielchen bleiben und unterzog den Hengst einer ganzen Reihe an Befehlen, die er stur befolgte. Stehenbleiben, langsam angehen, noch langsamer werden, drehen, Seitschritt, rückwärts, aufstellen. Der Schecke befolgte sie brav einer nach dem anderen und zum Schluss war Zoras überzeugt, dass das Training auf dem Hof ganz ausgezeichnet war und dass er sich von dem Schecken gewünscht hätte, dass er zumindest die Ohren angelegt hätte, wenn Zoras ihn wieder und wieder scheins sinnlos antrieb. Aber der Hengst war brav und tat, was man ihm sagte, ohne sich dabei für seinen Herrn zu interessieren. Es war schon fast eine Enttäuschung.
      Aber Esho behielt sein Wort bei und so sattelte Zoras zurück beim Gestüt auf eine schöne Schimmelstute um. Sie ritten wieder aus, sie passierten wieder den Teich - Asterios hatte sich noch immer nicht gerührt, es war unfassbar - und Zoras ließ die Stute laufen. Danach kam eine prächtige hellbraune Stute, die unerwiderten Gefallen an Eshos Fuchs hatte, und bevor die Dämmerung einsetzte ritt er noch einen kräftigen Leopard. Mit ihm machte er ein paar Sprünge, weil es für einen Ausritt zu dunkel werden würde, und ließ ihn schließlich mit einem gewissen Gefühl der Enttäuschung auf der Koppel laufen. Zoras hatte zwar nicht erwartet, dass er sofort fündig werden würde, aber langsam beschlich ihn das Gefühl, dass er einfach zu wählerisch mit seinen Pferden war. Immerhin hatte er bis jetzt immer enge Beziehungen zu seinen persönlichen Pferden gehegt: Seinen Fuchs Roran hatte er als Fohlen bekommen und aufgezogen, sein Kriegspferd Ischyll hatte er von seinem Vater erhalten und Kassadra hatte ihm das Leben gerettet, sowohl geistig als auch körperlich. Jetzt sah er sich wohl zum ersten Mal in seinem Leben der Aufgabe gegenüber, eine neue Verbindung aufzubauen, und es schien einfach nicht zu funktionieren. Doch was hatte er schon für Möglichkeiten? Er konnte sich kaum ein Fohlen aussuchen, das erst in ein paar Jahren bereit für das Training wäre, und Esho würde ihn sicher nicht im Gestüt bleiben lassen, damit er nach alten Zeiten Willen im Heu schlafen und den ganzen Tag unter Pferden verbringen konnte. Er war zu Besuch hier und er musste eine Wahl treffen; wenn schon nicht heute, dann irgendwann anders. Trotzdem war es enttäuschend, dass es ihm nicht so einfach von den Fingern zu gehen schien wie bei Kassadra. Er war in dieser Hinsicht wohl einfach verwöhnt.
      Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und mit der nächsten Enttäuschung blickte er in den Himmel hinauf. Sein freier Tag war vorbei und er würde wieder in den Palast ziehen müssen. Er wusste noch gar nicht, wann er das nächste Mal Zeit finden würde herauszufahren. Hoffentlich diesen Monat noch; möglichst bevor sie die Verhandlungen mit den Nachbarländern begangen. Danach würde er wahrscheinlich gar nicht mehr vor die Tür kommen.
      Mit einer gewissen Resignation sah er zu Esho hinüber. Das Treffen war erstaunlich angenehm gewesen und sobald sie beide sich damit zurechtgefunden hatten, dass der jeweils andere auch nur ein Mann war, der sich für Pferde interessierte, waren die Gespräche ziemlich gut verlaufen. Zoras konnte ehrlich sagen, seine Gesellschaft genossen zu haben, und das hätte er gerade bei Esho wohl niemals erwartet. Entsprechend schwer fiel ihm auch der Abschied.
      "Ich werde bald aufbrechen müssen. Vielleicht besteht noch die Möglichkeit auf einen Drink?"
      Und Esho stimmte mit Freude zu.

      Die Sonne ging unter und schließlich stand der Mond am Himmel. Esho hatte Zoras mit in einen seiner Privaträume genommen, wo sie von Bediensteten ungestört blieben, und dort einen Alkohol ausgeschenkt, den Zoras nicht kannte und auch nicht aussprechen konnte - es war allerdings kein Wein und auch kein Met. Dafür hatte es gut geschmeckt und seinen Magen erwärmt und in der Zwischenzeit hatten die beiden Männer entdeckt, dass es auch noch andere Thema als die Pferde gab, über die es sich zu sprechen lohnte. Und wie es sich zu sprechen lohnte. Zoras grinste bereits, gelockert von dem Alkohol und zufrieden in diesem angenehm warmen Raum, seinen Kelch in der Hand auf der Armlehne seines Sessels. Er sah Esho grinsend an, der ihn wiederum fast schon mit einer Unschuldsmiene betrachtete.
      "Das hast du wirklich noch nie gemacht?"
      Er lachte knapp und setzte sich auf. In den letzten beiden Stunden war er ziemlich eingesunken.
      "Es ist ganz einfach, geht mit Sattel und auch ohne, aber ich mochte es mit Sattel lieber. Du setzt dich normal drauf, wie beim reiten, dann hast du hier", er spreizte seine Beine entsprechend und deutete mit der Hand an, "den Knauf und hier", wieder eine Handbewegung, "ist die... hm... Kurve vom Sattel. Du musst nur aufpassen, dass du dich hinten hältst, sonst sitzt sie gleich auf dem Knauf selbst, das ist unangenehm. Also brauchst du ungefähr so viel Abstand. Aber wenn du ihr genug Platz gibst, sitzt sie hier, auf dieser Kurve, und dann geht das. Dann kann sie ihre Beine hinter dir kreuzen", er deutete es mit den Händen an, "und sich mit den Armen an dir festhalten. Das ist zwar nicht bequem, aber für ein paar Minuten reicht's. Und das Pferd übernimmt dann die ganze Bewegung. Das ist nur halb so anstrengend wie im Bett."
      Dabei grinste er wieder anzüglich, lehnte sich wieder zurück in seinen Sessel und nahm einen erneuten Schluck.
    • Esho war alles andere als ein schlechter Gastgeber.
      Nach einem langen Tag draußen an der frischen Luft und unter Pferden konnte er schlecht behaupten, nicht gut gelaunt zu sein. Als der Eviad ihn am Ende des Tages fragte, ob er noch einen Drink beziehen könnte, konnte der Hauptmann es ihm nicht abschlagen. Denn zugegeben; schon lange hatte Esho keinen ganzen Tag mehr bei den Pferden verbracht. Entweder war er wegen der zahllosen Sitzungen im Palast in Beschlag gewesen oder musste das Pack, was sich Heer schimpfte, im Griff behalten. All das hatte sich in der letzten Zeit geglättet und das Dank des neuen Eviads, der seine Herrschaft endlich hatte festigen können.
      Als Rückzugsort wählte Esho ein Studierzimmer aus. Als Kind hatte er hier Bücher über Bücher und eine Schlachtkarte nach der anderen gewälzt. Und wenn er das nicht tat, dann gab es Lehrstunden über die Anatomie und Zucht von Pferden. Die Bücher waren in die Regale zurückgekehrt und sicherlich über die Zeiten schon leicht vergilbt. Staub hatte sich ganz oben auf den Rücken angesammelt, wo kein Bediensteter mehr putzte. Dafür war der ausladende Ovaltisch mit seinen dick gepolsterten Stühlen und Sesseln noch vorhanden.
      Genau hier hatte Esho ein Tablett mit etlichen Flakons und Flaschen drapiert. Alles Sorten, die sie selbst vor Ort angesetzt hatten und unberührt waren von Dionysus‘ Macht. Sein Haus verehrte den Gott des Weines selbstverständlich nicht. Den Bediensteten hatte er verboten, sie zu stören und lieber nach seinen Eltern zu sehen. Gerade die Frauen waren mehr als erpicht darauf, nicht nur einen Blick auf den jungen Herren des Hauses zu erhaschen, sondern ihn mit dem Eviad gleich dazu zu sehen.
      „Das hast du wirklich noch nie gemacht?“
      Während Zoras lachte winkte Esho energisch ab und verschüttete dabei fast sein Getränk aus seinem Kelch. Sie hatten die letzte Zeit über Gott und die Welt gesprochen, Alkohol war geflossen und unweigerlich kamen sie zu Themen, bei denen sich ihr Gedankengut scheinbar vollständig überschnitt. Der junge Mann lehnte sich um den Tisch herum, als Zoras ihm diverse Dinge signalisierte, und schüttelte schließlich nur den Kopf.
      „Vielleicht liegt’s an deinem Alter, aber bei mir muss ein Pferd mich nur tragen und sonst nichts. Wo kommen wir denn hin, wenn das Weib nachher erzählt, dass das Tier die Arbeit geleistet hat. Ich muss mich da selbst schon verausgaben, sonst macht das doch keinen Spaß!“, protestierte Esho und schüttelte abermals grinsend den Kopf. „Was für Bilder das sind, Zoras. Du kannst dann nur kleine Frauen auf deinen Sattel holen. Hast du das mit Kassandra auch gemacht? Auf dem Pferd? Wie war das so?“
      Er legte die Unterarme quer auf die Tischplatte und lehnte sich vor. In seinen vom Alkohol geweiteten Augen funkelte Wissbegier und eine Spur Neid auf. „Wie ist das so, eine Göttin zu ficken? Fühlt sie sich anders an? Ist sie enger, heißer, oder macht sie das so, wie du es willst? Gibt es dir ein Machtgefühl, wenn sie sich unter dir windet oder lässt sie das gar nicht erst zu?“
      Wenn es eine Sache gab, die Esho noch nicht hatte erreichen können, dann, eine Göttin als Spielgefährtin zu bekommen. Wenn auch nur für eine einzige Nacht. Er hatte eine Zeit lang versucht, Mirdole ins Bett zu bekommen, es aber schlussendlich aufgeben müssen. „Ich habe lange versucht, Mirdole flachzulegen. Das Miststück hat mir am Ende die Füße als Warnung zeitweise versteinert. Wink verstanden.“
      Mit seinem Kelch in der Hand warf er den Kopf in den Nacken und leerte das Gefäß in einem Zug. Der Alkohol brannte in seiner Kehle so sehr wie es seine Stirn schon tat, aber das Hochgefühl riss nicht ab. Noch nicht. „Wusstest du eigentlich, dass es Weiber gibt, die es ernsthaft auf Asterios abgesehen hatten? Vor etlicher Zeit war ich bei einer Gala und da hat sich so ein junges Ding an mich rangemacht. Irgendeine Tochter von irgendeinem hohen Händler oder sowas. Ich hab sie am Ende eigentlich in die Ställe nehmen wollen, aber im Garten hat sie mich gestoppt und nach Asterios gefragt. Asterios. Verstehst du?“
      Esho fuhr sich großzügig mit der flachen Hand über sein Gesicht, als könne er es selbst nicht fassen. „Ich wollte ja nicht so sein und hab ihn hergerufen. Am Ende… sagen wir mal so, das Mädel hatte nachher alle Löcher voll zu tun!“ Er lachte bei der Erinnerung lauthals auf. „Wer nimmt denn freiwillig den Schwanz von einem Tier in den Mund?! Ich meine, selbstverständlich hab ich sie gefickt und nicht Asterios. Wie sollte ich das denn rechtfertigen, wenn dabei irgendeine Mutation herausgekommen wäre? Aber das war echt 'ne Erfahrung, sag ich dir…“