Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zoras verabschiedete Kassandra mit einem Lächeln.
      "Natürlich. Werde ich immer."
      Es war zwar nicht so, dass er sie gerne gehen ließ, aber er war gerade auch zufrieden damit, einfach nur zu sitzen und zu trinken. Dafür konnte sie sicherstellen, dass sich kein zweites Attentat anberaumen würde und das war ihm nur allzu recht. Er lächelte ihr nach. Dann schloss sich die Tür hinter den beiden Göttinnen.
      Zoras sank ein bisschen tiefer in seinen Sessel. Er war müde von dem langen Tag, erschöpft von der Anstrengung der Gesellschaft und der Wein tat sein übriges. Er war gerade an der Grenze, seinen Verstand zu vernebeln, und damit war es eigentlich perfekt. Zoras schloss die Augen für einen Moment.
      Der Raum war jetzt wesentlich ruhiger und er glaubte, dass es ihm noch durch die Lautstärke von draußen so sehr auffiel. Hier drin schien alles gedämpft und unterdrückt zu sein, nicht so offen und frei wie draußen. Zoras fiel es vermutlich nur deswegen auf, weil er jetzt die Augen geschlossen hatte.
      “Versucht der große Eviad etwa zu schlafen? Wie unhöflich, tsk tsk tsk.”
      Da öffnete er wieder die Augen, auch wenn er Dionysus’ grinsendes Gesicht schon sehen konnte, bevor er es erst erblickte. Der Weingott fläzte in seinem Sessel, als wäre es ein ganzes Sofa. Neben ihm betrachtete Feyra Zoras mit einem neugierigen Blick. Wilben hatte sich abgewandt und Oronia redete ganz leise mit ihm.
      Ein Gott, der nicht schlafen muss, sollte nicht über etwas urteilen, was seinen Horizont übersteigt.
      “Ah, ein Philosoph unter uns. Zum Glück weißt du jetzt die nötigen Begriffe für einen solchen Tiefsinn.”
      Zoras hätte es wissen müssen, aber er versuchte es eben trotzdem hin und wieder mal. Vielleicht würden Dionysus irgendwann doch die neuen Sprüche ausgehen.
      Er nahm noch einen Schluck von seinem Wein und verzog gleich das Gesicht. Mit einem Mal hatte er eine herbe Note und war furchtbar trocken, nichts, was Zoras sonderlich zusagte.
      Kannst du dich heute nicht entscheiden, was es sein soll?
      Oronia und Wilben stoppten ihre Unterhaltung. Mit einem Mal wurde es ruhig im Raum, so als hätte Zoras gerade etwas sehr interessantes gesagt.
      Dionysus lächelte nur.
      “Ich dachte, ein bisschen Abwechslung kann nicht schaden. Schmeckt er dir nicht?”
      Nein.
      Was komisch war, wenn er so darüber nachdachte. Göttlicher Wein schmeckte doch immer - immerhin war er göttlich, oder etwa nicht?
      Dionysus Blick flackte zu seinem Kelch hinab, dann wieder zu Zoras’ Gesicht empor.
      “Versuch noch einmal.”
      Er trank noch einmal, auch wenn er es gar nicht so schnell tun wollte. Für den Rest des Abends sollte er dem Getränk vermutlich ganz absagen.
      Er schmeckte genauso herb. Irgendwie bitter. Zoras zeigte seinen Unmut offen auf seinem Gesicht.
      Er ist genauso fürchterlich. Haben dich etwa deine Kräfte -
      Doch mit einem Mal traf ihn etwas wie auf einen Schlag. Zoras stutzte als er spürte - spürte - wie sich etwas in seinem Inneren loslöste und damit scheins einen ganzen Damm zum Einsturz brachte. Es war so, als hätte sich der ganze Alkohol, den er am Abend zu sich genommen hatte, hinter einer Mauer versteckt, durch die er jetzt hervorbrach. Es war so, als wäre er mit einem Schlag sturzbesoffen.
      Sein Blickfeld verschwamm, dann war ihm für einen Augenblick unglaublich kalt und dann unglaublich heiß. Sein Verstand setzte aus; im einen Augenblick hatte er noch alles klar vor Augen, im nächsten kam ihm alles gedämpft und wie weit weg vor. Irgendjemand sagte etwas und er wusste nicht wer oder was. Er keuchte auf und der Kelch glitt ihm aus gefühllosen Fingern. Sein Herz raste in seiner Brust, sodass es schmerzte. Er beugte sich nach vorne, weil er das Gefühl hatte, sich gleich übergeben zu müssen.
      Aber seine Aura blieb in dem betrunkenen Zustand, in dem sie war. Sie veränderte sich nicht, spiegelte nicht das wieder, was eigentlich in ihm vorging.
      Es war genau derselbe Vorgang wie mit den Attentätern all die Wochen zuvor.

      Mirdole ging in aufrechter Haltung den Gang entlang, nicht allzu schnell, aber auch nicht trödelnd. Sie machte ein paar Abstecher in Nebengänge, die nicht direkt nach draußen führten, was einem gewöhnlichen Rundgang entsprach. Dann ging sie mit Kassandra nach draußen.
      Ein paar Gäste waren noch übrig geblieben, genug um eine kleine Menge zu bilden, nicht genug, um den Platz unübersichtlich zu gestalten. Die Musik spielte noch und die Bediensteten trugen auch immernoch Essen auf, so wie es sich für die kuluarische Sitte gehörte. Mirdole blieb stehen und überblickte die letzten Zusammenkünfte.
      Sie war jetzt schweigsam und schien nicht mehr unbedingt in derselben Redestimmung wie zuvor zu sein. Die Schlange auf ihrem Arm hatte sich jetzt um ihr Handgelenk gewunden und zischelte ganz leise vor sich hin. Die übrigen Schlangen waren still und ignorierten die Phönixin neben ihr.
      "Seit dem letzten Anschlag bin ich nervös", sagte sie dann, ganz ohne Regung. "Es ist so unberechenbar, all die letzten Monate seit der Eviad da ist. Davor war alles ruhig. Jetzt muss ich schon wieder um meinen nächsten Träger fürchten, weil meine jetzige sterben könnte."
      Sie schnalzte missbilligend dabei mit der Zunge. Ihre Schlangen wandten sich und zischten dabei ein wenig.
      "Was würde ich nur für einen Schwur geben, wenn ich schon gebunden sein muss."
    • Kassandra wirkte wie die andere Hälfte der Gorgone. Wann immer sie in einen Nebengang blickte, tat Kassandra automatisch das gleiche in dem gegenüberliegenden Gang. Als wären sie ein eingespieltes Team, was sie leider nur nicht waren. Dass sie dabei ein ganz gutes Tempo anschlug, gefiel der Phönixin. Trödeln stand nicht unbedingt auf ihrer Agenda.
      Draußen war noch der Ausklang der Feier zugange und hier tummelten sich auch wesentlich mehr Bedienstete, ganz der Sitte nach. Kassandra stellte sich neben Mirdole und beobachtete die Menschen in ihrem Treiben. Sie lebten nur für den Augenblick, genossen Speis und Trank, wohingegen Kassandra und all die anderen Götter für die Ewigkeit gemacht waren. Solch Augenblicke hatten bei ihnen keinerlei Gewicht, und vielleicht war das auch der Grund, warum die Gorgone nicht sofort wieder mit der Sprache rausrückte. Vielleicht suchte sie auch einfach nur nach den rechten Worten.
      „Seit dem letzten Anschlag bin ich nervös.“
      Kassandra konnte nicht anders als die Gorgone ein wenig überrascht anzusehen. Wieder lag keine Lüge in ihren Worten, wieder war das diese seltsame Apartheit, wenn sie davon erzählte. „Nur ein fragwürdiger Champion wäre es nicht.“
      „Es ist so unberechenbar, all die letzten Monate seit der Eviad da ist. Davor war alles ruhig“, fuhr sie fort und Kassandra konnte darauf nichts erwidern. Mit ihrer Ankunft hatten sie alles Vorgänge durcheinandergeworfen, den Ablauf gestört und dafür gesorgt, dass Dionysus aktiv gegen Zoras vorgehen musste. „Jetzt muss ich schon wieder um meinen nächsten Träger fürchten, weil meine jetzige sterben könnte.“ Das Geräusch, das Mirdole machte, kannte die Phönixin nur allzu gut. „Was würde ich nur für einen Schwur geben, wenn ich schon gebunden sein muss.“
      Kassandras Überraschung wechselte zu Erstaunen. „Versuchst du gerade, um Schutz für deine Trägerin zu ersuchen?“ Fast hätte sie gehässig gelacht. Fast hätte sie Mirdole all die Erniedrigung spüren lassen, die man ihr entgegengebracht hatte. Doch sie besann sich neu. Das war nicht klug. „Du hättest die gesamte Situation klüger spielen können, Mirdole. Du hättest von Anfang an nicht gegen Zoras und mich Gift spucken müssen und stattdessen lieber deine Trägerin dazu bekehren sollen, uns zu unterstützen. Asterios mag sein Los gefallen, dass er immer wieder in Kämpfen eingesetzt wird und auch Halym wird zu begriffsstutzig dafür sein. Aber du und auch Oronia müsstet es besser wissen. Wesentlich besser.“
      Als mythische Wesen ohne Namen hatten sie allesamt die schlechtere Stellung. Sie mussten darum fürchten, dass nicht nur ihre Träger, sondern ihre gesamte Existenz mit ausgelöscht wurde, sollte es zu einem Eklat kommen. Dionysus trug auch das gleiche Halsband, aber er konnte sich noch mehr Luft verschaffen als die anderen.
      „In all den Jahren, in denen ich in Ketten lag, habe ich mich nach der Freiheit gesehnt. Ich habe mich nicht um den nächsten Träger geschert, weil sie, wie du so schön sagtest, sowieso alle gleich waren. Deswegen wollte ich meine Macht zurück, selbstbestimmt sein. Wenn deine Trägerin jetzt fallen sollte und nur sie, dann wärst du frei, Mirdole. Wenn niemand käme, um sich deine Essenz zu holen, dann musst du keinen Träger mehr fürchten. Du kannst zurückgehen. Du bist frei von der Erde.“
      Das war natürlich auch ein Weg. Statt Götter zu töten, sie einfach dazu zu bekehren, wieder in den Himmel aufzusteigen, sofern sie es konnten. Nur waren auch hier viele Was-wäre-wenn-Fragen involviert und die erschwerten die Überzeugung schon sehr.
      Kassandra atmete durch und löste ihren Blick von Mirdole, um ihn wieder auf die Menschen zu richten. Ihre Stimme war nun weniger nachdrücklich als zuvor. „Du hast mich gefragt, warum ich mit Zoras so umgehe, wie ich es tue. Sehe ich recht, dass du mit Kalea keine sonderlich gute Beziehung pflegst? Sollte ich mich irren, dann korrigiere mich bitte, aber dann willst du einen Schutz doch nur, damit du keinen schlechteren Träger bekommst. Das ist es nicht wert. Wenn du jedoch sagst, sie sei gut genug für einen Menschen, dann gibt es Wege, das zu bekommen, was du willst.“
      Sie sah die Gorgone gezielt weiterhin nicht an. Allianzen schmieden war nicht unbedingt ihr Steckenpferd, aber eine Allianz unter Göttern war eine andere als unter Sterblichen. Wenn Kassandra einen Schwur aussprechen sollte, dann nur unter sehr bestimmten Konditionen und dann auch bindend.
    • Zoras’ Atem war laut in seinen eigenen Ohren. Er keuchte und versuchte dabei, mit dem sich bewegenden Boden mitzukommen.
      Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Er war sich zwar nicht sicher, ob es wirklich eine Hand war, aber er spürte den Druck durch seinen gedämpften Körper hindurch. Alles schien wie unter Wasser zu sein. Der Gedanke daran ließ Panik in ihm aufquellen.
      “... ras. … oras. Zoras. Zoras.”
      Aus dem verzerrten Geräusch kristallisierte sich nach und nach sein Name heraus. Sein Name. Er war perfekt ausgesprochen und nicht nach kuluarisch abgewandelt. Irgendwie kam ihm das komisch vor. Er hörte viel öfter den abgewandelten Namen.
      “Zoras.”
      Die Hand übte Druck aus, bis sich sein Körper fügte und er sich nach hinten lehnte. Die Bewegung weckte Schwindel in ihm und seine Augen zuckten, während er mitzuhalten versuchte. Er krallte sich in den festen Gegenstand unter ihm, der die Bewegung des Raumes nicht mitmachte.
      “Zoras.”
      Ein Schemen stand vor ihm, eine Verzerrung in dem bereits verzerrten Raum. Blau erhob sich vor ihm, Ozeanblau. Kräftig, lebendig. Eine starke Farbe in dem sonstigen Gewühl aus dämmrigen Farbklecksen.
      Er spürte eine Berührung an seinem haarlosen Kinn, die sehr dumpf zu ihm durchdrang. Sein Körper war unglaublich heiß, es fühlte sich an, als würde er verbrühen. Wann war er so betrunken geworden? Wieso hatte er sich nicht zurückgehalten?
      Eine zweite Stimme erhob sich zu seiner Seite, aber sie konnte er wieder nicht mehr so gut verstehen. Seine ganze Aufmerksamkeit lag auf dem Blau vor ihm und auf der ersten Stimme, die sich wie durch die Untiefen des Wassers zu drücken schien.
      “Nein, er ist völlig weg. Nicht wahr, Zoras?”
      Er öffnete den Mund, um zu sprechen. Bevor er - und vermutlich die beiden Stimmen - aber herausgefunden hätten, ob er dessen überhaupt mächtig war, legte sich eine Hand über seinen Mund. Vor das Blau schob sich jetzt ein Gesicht, das genauso verschleiert und verzerrt wirkte wie alles andere. Es drehte sich wie der Raum. Zoras blinzelte viele Male in dem Versuch, Gesichtszüge ausfindig zu machen.
      Da war ein Mund, der sich zu einem Lächeln verzog. Irgendwie erkannte er, dass es eine Frau war.
      “Sch, sch, sch, nichts sagen. Es geht dir nicht gut, Zoras. Du glühst richtig.”
      Das war richtig. Vollkommen richtig. Er glühte wirklich und außerdem drehte sich alles und wann war er so betrunken geworden? Ein Laut kam aus seinem Mund heraus, wurde von der Hand allerdings gleich eingefangen.
      “Hier, lass mich dir helfen. Es wird dir gleich besser gehen, das verspreche ich.”
      Okay. Okay. Helfen war gut. Ja, man sollte Zoras helfen, es ging ihm nicht gut, das war richtig. Helfen war gut.
      Die Hand verließ seinen Mund und er konzentrierte sich nur noch darauf, zu atmen. Das fiel ihm auch so schon schwer genug und er war froh, alles andere für den Moment außer Acht lassen zu können.
      Die Hand geisterte unter seinem Kinn herum, sank tiefer. Zoras verstand ihren Sinn oder gar ihre Bewegungen nicht, aber er sah, wie sich Stofflagen seines Gewandes teilten. Auch das verstand er nicht, bis kühle Luft seine Flanke strich und er ganzkörperlich zuckte, als Fingerspitzen über seine Haut strichen. Jemand sagte etwas, es ging aber in dem geräuschvollen Atemzug, den Zoras unternahm, unter. Selbst aus dem Rausch heraus steigerte sich die Panik, die er von Berührungen stets empfand.
      Kass… Kassan…
      Sie hatte doch gesagt, dass er sie rufen sollte, wenn etwas war, oder? Nun, jetzt war etwas, auch wenn er nicht ganz begriff, was es war, nur schien seine Stimme viel zu leise gewesen zu sein. So funktionierte das doch nicht, oder? Es war doch irgendwie anders, wie er die Phönixin rufen musste?
      Sofort war das Gesicht wieder vor ihm. Es starrte ihn eindringlich an und irgendwie hatte er das Gefühl, es verärgert zu haben. Er blinzelte.
      “Nein, nicht Kassandra, Zoras. Schau mich an. Kassandra ist nicht hier. Du denkst jetzt nicht an sie, klar?”
      Er hatte das Gesicht verärgert. Er wusste nicht wie. Er starrte mit offenem Mund.
      Aber…
      “Schh. Lass mich machen. Wir kriegen das ohne Kassandra hin.”
      Okay…? Aber… Kassandra?
      Kühle Luft strich jetzt um seinen Bauch. Die Hand arbeitete weiter und da spürte Zoras mit einem Mal, wie sich der Stoff um seine Hüfte zerrte. Da setzte er sich ruckartig auf und packte das Handgelenk, bevor es weitermachen konnte.
      Das war zu viel der Hilfe.
      Nein.

      „Versuchst du gerade, um Schutz für deine Trägerin zu ersuchen?“
      Eine beträchtliche Anzahl an Schlangen wandten sich jetzt Kassandra zu zur gleichen Zeit, als Mirdoles Aura erzitterte. Die Frage hatte ihren Stolz getroffen.
      "Natürlich nicht", zischte sie zurück, das Zischen ihrer Schlangen eine Verstärkung ihrer Stimme. "Ich bin sehr wohl in der Lage, meine eigene Trägerin zu schützen."
      Vermutlich hätte das hier damit schon auseinander gehen können. Aber Kassandra ging nicht weiter darauf ein, sondern sprach gleich weiter.
      "Du hättest die gesamte Situation klüger spielen können, Mirdole. Du hättest von Anfang an nicht gegen Zoras und mich Gift spucken müssen und stattdessen lieber deine Trägerin dazu bekehren sollen, uns zu unterstützen. Aber du und auch Oronia müsstet es besser wissen. Wesentlich besser.“
      "Du weißt nichts davon, wie das hier läuft", murrte sie zurück. Ihre Schlangen zischelten nicht mehr, starrten Kassandra jetzt aber dunkel an.
      "Vielleicht hast du schon vergessen wie es ist, keine Essenz zu tragen. Anfangs durfte ich nichts tun, nichts sagen, nichts einwerfen, mich nicht bewegen. Die Freiheit, die ich besitze, habe ich, weil ich nicht meine Trägerin zu bekehren versuche. Kalea ist störrisch und eigensinnig und lässt sich von niemandem etwas sagen. Sie war so wütend, als der Eviad überlebt hat und gekrönt werden sollte, dass sie den ganzen Rat zusammengeschrien hat. Ich habe mich herausgehalten. Ich bereue es nicht. Er ist trotz allem immer noch ein Mensch und ich habe schon so viele Menschen fallen gesehen, ich habe einfach daran geglaubt, dass auch er fällt. Trotz einer Phönixin an seiner Seite."
      Die Schlange an ihrem Handgelenk zischte leise. Mirdole begann, sie mit dem Finger zu streicheln.
      "Bei Oronia ist das anders. Sie ist schon seit 72 Jahren an Wilbens Seite, ich bin mir nicht sicher, ob sie überhaupt weiß, dass sie sich ihm widersetzen kann. Sie versucht es auch nicht. Und Wilben lässt sich von Kalea mitreißen, wenn sie so zornig ist. So war das schon immer."
      „In all den Jahren, in denen ich in Ketten lag, habe ich mich nach der Freiheit gesehnt. Ich habe mich nicht um den nächsten Träger geschert, weil sie, wie du so schön sagtest, sowieso alle gleich waren. Deswegen wollte ich meine Macht zurück, selbstbestimmt sein. Wenn deine Trägerin jetzt fallen sollte und nur sie, dann wärst du frei, Mirdole. Wenn niemand käme, um sich deine Essenz zu holen, dann musst du keinen Träger mehr fürchten. Du kannst zurückgehen. Du bist frei von der Erde.“
      Mirdole warf ihr einen Seitenblick zu.
      "Das sind mir zu viele Wenns und Wärest und Solltest, Kassandra. Ich muss dir nicht sagen, dass auch die Träger sich trotz allem unterscheiden können. Ich muss dir nicht von meiner Sorge berichten, wer meine Essenz als nächstes in der Hand halten könnte."
      Mirdoles Stimme war hart. Sie ersuchte hier nicht um Mitleid, sie sprach einfach nur Gedanken aus, Gedanken, die jeder Champion besaß. Sie zeichnete sich nicht besonders damit aus, dass auch sie darüber nachdachte.
      Die beiden Göttinnen schwiegen für einen Moment.
      „Du hast mich gefragt, warum ich mit Zoras so umgehe, wie ich es tue. Sehe ich recht, dass du mit Kalea keine sonderlich gute Beziehung pflegst? Sollte ich mich irren, dann korrigiere mich bitte, aber dann willst du einen Schutz doch nur, damit du keinen schlechteren Träger bekommst. Das ist es nicht wert. Wenn du jedoch sagst, sie sei gut genug für einen Menschen, dann gibt es Wege, das zu bekommen, was du willst.“
      Mirdole schwieg noch ein bisschen weiter. Sie streichelte die Schlange, die sich jetzt um ihre Hand und ihre Finger wickelte.
      "Ich habe schlimmeres als sie erlebt. Kalea ist nicht schlecht zu mir, aber sie weiß nichts mit mir anzufangen. Ich bin eine Beraterin, eine Wache und ein Albtraum für sie, aber nichts weiter. Manchmal lässt sie mich gegen Asterios antreten, aber das ist mir nicht genug. Ich bin vom Wettkampf geboren worden."
      Wieder schweigen. Mirdole dachte nach und das gründlich.
      "Könnte ich Kalea gegen einen Zoras eintauschen, wäre es mir der Aufwand vielleicht wert, wenn es stimmt, was du von ihm erzählst. Aber..."
      Ihre Aura waberte. Mirdoles Gedanken schwanken um.
      "Es ist schlecht, Kassandra. Du hättest dich von ihm distanzieren sollen, so wie wir das alle machen. Er wird dich nur mit runterziehen, auch wenn du es vielleicht noch gar nicht wissen magst. So geht es immer mit den Göttern und mit ihren Trägern. Du bist dabei keine Ausnahme."
    • „Ja, ich stimme zu, den Eindruck habe ich von deiner Trägerin auch gewinnen können“, gab Kassandra recht schroff zurück und ignorierte diese geschuppten Würmer statt Mirdoles Haar. „Wie dumm manche Menschen sein können. Anstelle sich der Weisheit ihrer Champions zu bedienen, sperren sie sie weg. Du willst gar nicht wissen, wie oft ich das mitgemacht hab, Mirdole.“
      Wieder beschwerte sich die Schlange an ihrer Hand, die die Gorgone geistesabwesend zu streicheln begann.
      „Wie ist das mit dem Waschweib? Wurde sie vererbt?“, fragte Kassandra dann plötzlich. Jetzt hatte sie endlich einmal die Gelegenheit, Infos aus den engsten Reihen zu gewinnen. „Ich hätte gedacht, dass Alter nicht so schnell senil macht. Wieso lässt er sich von einer so viel Jüngeren mitreißen? Er hat auch nicht mehr sonderlich lange.“
      Sie erwähnte das so in einem Beisatz ohne darüber nachzudenken, ob die Gorgone überhaupt wusste, welche Fähigkeiten Kassandra als Phönix besaß. Sie hatte von allen die verbleibende Lebenszeit gesehen und nur eine war in nicht allzu ferner Zukunft angesiedelt.
      „Das sind mir zu viele Wenns und Wärest und Solltst, Kassandra. Ich muss dir nicht sagen, dass auch die Träger sich trotz allem unterscheiden können. Ich muss dir nicht von meiner Sorge berichten, wer meine Essenz als nächstes in der Hand halten könnte.“
      Kassandra begegnete Mirdoles Blick mit unverhohlener Schärfe. „Nein, das musst du nicht. Weil ich mich mehr Menschen beugen musste als du Jahre zu leben hast, Mirdole. Meistens wusste ich im Voraus, wann mein Träger sterben und meine Essenz verlieren würde. Ich wusste, dass ich nicht schnell genug sein würde, sie vorher zu ergattern. Aber ich wusste nie, welcher Typ als nächstes dran wäre: Der, der mich als Monster wegsperrt? Der, der sehen will, wie man sich an einer Göttin ergötzen kann? Der, der mich einfach nur aus Spaß vergewaltigt oder doch vielleicht der, der mich nur als Tötungsmaschine auf andere Menschen und Champions loslassen wird?“
      Beide Göttinnen verfielen in ein angespanntes Schweigen. Ja, Kassandra hatte sich von all dem lösen können, aber nur, weil sie Zoras fand und ihm vertraut hat. Weil er sich in sie verliebt hatte und den Fehler der Menschheit beging.
      Mirdole nahm den Faden wieder auf und klang weniger beißend. Was sie berichtete, kam Kassandra unheimlich vertraut vor und sie nickte bei den Ausführungen hier und da zustimmend. Wenn ein Träger den Sinn missverstand, wieso ein Gott existierte, dann war das die größte Pein, die man ihm zufügen konnte. „Ich schlage vor, dass ich Zoras mit ihr reden lasse. Auf neutralem Territorium. Wenn sie nicht mehr allesamt gegeneinander hetzen. Ich bin mir sicher, dass sich da etwas zu deinen Gunsten drehen lässt.“
      Kassandra hielt inne als sie fühlte, wie sich Mirdoles Aura änderte. Sie flackerte, wurde unstet, sammelte sich neu. „Es ist schlecht, Kassandra. Du hättest dich von ihm distanzieren sollen, sowie wir das alle machen. Er wird dich nur mit runterziehen, auch wenn du es vielleicht noch gar nicht wissen magst. So geht es immer mit den Göttern und mit ihren Trägern. Du bist dabei keine Ausnahme.“
      Jetzt wandte sich Kassandra mit ihrem ganzen Körper der Gorgone zu. Das Nachdenkliche war aus ihrem Gesicht verschwunden und hatte einer Ernsthaftigkeit Platz gemacht. „Halte mir keinen Vortrag darüber, dass uns Menschen runterziehen. Als ich meine Essenz formte, habe ich sie einem Mann geschenkt, dem ich mich hingezogen fühlte. Er starb nur deshalb einen grausamen Tod, weil er mein Herz in Händen hielt. Ich habe nicht meine magische Essenz abgegeben. Es war mein Herz, Mirdole. Keiner von euch hat sein Herz vergeben, aber ich schon. Wenn das nicht der ultimative Beweis ist, dass Menschen uns nicht gut tun, dann weiß ich auch nicht.“
      Sie lachte kurz und beißend auf.
      „Wir sind aus den Glauben der Menschen geboren, Mirdole. Nichts anderem. Du bist nicht aus dem Wettkampf geboren worden, sondern weil Menschen sich dafür entschieden haben, dich zu kreieren. Sie haben uns erschaffen, sie glauben an uns und sie sind diejenigen, die dafür auch sorgen können, dass wir wieder im Nichts verschwinden. Das will nur keiner von ihnen hören.“ Sie zeigte unauffällig mit einem Finger in den Himmel. „Selbst wenn mich Zoras herunterziehen sollte, so geht mein Name in die Geschichte Kuluars ein. So ist mein Name verewigt und ich habe vielleicht meine Existenz ein bisschen besser gesichert. Meinst du nicht, dass das das Risiko wert ist, Mirdole? Ich besitze keine Sekte, keinen großen Kult oder einen entsprechenden Namen. Also muss ich andere Wege finden, ihn ins Gedächtnis der Menschen zu brennen.“
    • Zoras verlor den Halt um das Handgelenk. Im nächsten Moment drückte die Hand ihn so stark zurück in den Sessel, dass er glaubte, sein Herz müsse unter dem Druck zerspringen. Er keuchte auf.
      “Lass es gut sein, Zoras. Zum letzten Mal. Ich will dir nur -”
      Eine andere Stimme ertönte wieder. Zoras mühte sich ab, sie zu verstehen, konnte aber nur Wortfetzen herausfiltern. Es war nichtmal therissisch.
      Das Gesicht schwebte einen Moment über ihm, dann spürte er Druck auf seinen Knien, auf seinen Schenkeln, auf seiner Hüfte. Das ganze Blau schob sich auf ihn und über ihn und Zoras bekam einen Körper zu fassen, als er die Hände ausstreckte, gegen den er halbherzig andrückte. Der Körper rührte sich kein bisschen. Dafür beugte sich das Gesicht wieder zu ihm hinab und feste Lippen drängten sich auf seine.
      Er schmeckte Meersalz und das ganz unwillens. Die Lippen bewegten sich gegen ihn, auch wenn er mit der Bewegung nicht mitkam. Er wollte das nicht. Zoras versuchte sich gegen den Körper und aus dem Sessel zu stemmen, aber er kam an keiner Stelle weiter. Die Sehnen traten aus seinen Armen, als er sie gegen den Körper stemmte.
      Eine Zunge zwängte sich in seinen Mund, feucht und heiß. Sie verwickelte sich mit seiner und Zoras keuchte auf, weil das etwas in seinem Inneren zu befeuern schien, was ihm zuvor gar nicht aufgefallen war. Er wusste nicht, was hier vor sich ging, war maßlos überfordert mit den vielen Eindrücken und Bewegungen, die hier überall um ihn herum vonstatten gingen, aber trotzdem spielte sein Körper darauf an. Zoras wollte es nicht. Er fühlte sich merkwürdig losgelöst von sich selbst.
      Der Stoff um seine Hüfte setzte sich wieder in Bewegung und diesmal kam Zoras gar nicht dran, um es aufzuhalten. Der Körper war ihm im Weg. Er stieß einen unglücklichen Laut aus und die Lippen lösten sich von ihm. Sofort kehrte die Kühle ein Stück zurück.
      Das Gesicht war jetzt ungeduldig mit ihm. Er konnte es klar aus der Stimme herauslesen.
      “Hör jetzt endlich auf. Wenn du noch weiter so zappelst, wird’s noch länger dauern.”
      Ich will… Kassandra…
      Die Stimme machte ein Geräusch, dann packte ihn plötzlich die Hand am Kinn. Sie drückte seinen Kopf zurück mit einer Kraft, der er auch im nüchternen Zustand nicht hätte standhalten können.
      Er konnte jetzt Augen in dem Gesicht ausmachen, eine Nase. Zusammengezogene Augenbrauen.
      “Du willst mich. Hast du verstanden? Mich.”
      Er versuchte den Kopf zu schütteln, aber die Hand hielt ihn fest. Panik machte sich in ihm breit und er versuchte sich zu erinnern, wie er Kassandra rufen konnte. Kassandra, Kassandra, Kassandra. Warum kam sie nicht?
      Die Lippen waren wieder auf ihm, dann verlor sich das andere Gewicht etwas, bevor er eine Hand an seinem Geschlecht spürte. Sie war warm und weich und setzte sich gleich in Bewegung, kaum als sie ihn gefunden hatte. Sie rieb auf und ab in einem schnellen Rhythmus, unter dem Zoras zuckte. Er wollte das nicht. Er mochte das Gefühl nicht, das sich in ihm ausbreitete, die Hitze, die ihn zu verschlingen drohte. Er wollte nicht, wie er unter der Hand hart wurde, wie wenig er es verhindern konnte, dass ihm das Blut gerade dorthin floss. Seine Arme pressten noch immer gegen den Körper an, aber genauso gut hätte er versuchen können, gegen eine Wand zu drücken.
      Kassandra, Kassandra, Kassandra. Er stieß einen Laut aus.
      Dann senkte sich gleißende, vernichtende Hitze um ihn herum und er versank in einer feuchten Enge, die ihm den Verstand raubte. Unwillkürlich stöhnte er auf und gefror am ganzen Körper. Er versuchte, seine Hüfte zu bewegen, nach unten, zur Seite, irgendwohin, wo er nicht dort war, aber er konnte sie kaum bewegen. Irgendwas hielt ihn fest. Die heiße Zunge fegte durch seinen Mund.
      Dann setzte wieder Reibung ein, die feuchte Enge bewegte sich auf ihm und mit ihm und Zoras wurde überwältigt von der Hitze, die dabei durch seinen Körper schoss. Er kannte die Hitze. Er hieß sie sonst gerne willkommen, aber hier wollte er sie nicht haben. Sie kam ihm falsch vor, nicht wie das, was er gewöhnt war. Es war nicht seine Hitze und doch schlug sie in seine Hitze über.
      Er stöhnte. Er wusste nicht, was er anderes hätte machen sollen. Seine Finger krallten sich in den Körper.

      „Wie ist das mit dem Waschweib? Wurde sie vererbt?“
      Mirdole nickte.
      "Sie ist schon seit Generationen in der Familie. Sie weiß ganz genau, wer sie als nächstes bekommen wird, sofern nichts dazwischen grätscht. Ich kann mir auch vorstellen, dass sie ihre Träger schon früh genug beeinflusst. Wilben war 6, als er sie bekommen hat, also hat sie ihm vielleicht die Windel gewechselt. Hat ihm erzählt, was die Götter alles können - oder was sie gerade nicht können. Er hatte keine andere Frau in seinem Leben."
      Was sicher verwerflich war, wenn Wilben Oronia wie eine Art Zweitmutter betrachtete; aber es lag nicht in Mirdoles Interesse, sich damit zu beschäftigen. Vielleicht war ein solches Leben für einen Champion ja gar nicht mal so schlecht.
      Auf Kassandras Erinnerung daran, wie viele Träger - und wie viele Fehlgriffe - sie schon erlitten musste, konnte Mirdole nur schnauben.
      "Erwarte kein Mitleid von mir. Die Menschen behandeln ihre Champions nicht schlechter als sich gegenseitig. Sie können es bei uns nur in einem Ausmaß tun, der ihnen bei ihresgleichen verwehrt ist."
      Kassandra erwartete aber auch kein Mitleid und so stießen Mirdoles Worte nur auf hinreichende Akzeptanz.
      „Ich schlage vor, dass ich Zoras mit ihr reden lasse. Auf neutralem Territorium. Wenn sie nicht mehr allesamt gegeneinander hetzen. Ich bin mir sicher, dass sich da etwas zu deinen Gunsten drehen lässt.“
      Darauf erwiderte die Gorgone zum ersten Mal gar nichts. Sie ließ das Angebot unkommentiert in der Luft hängen und starrte stattdessen die Menschenmenge an. In ihrer Aura arbeitete es dafür.
      „Halte mir keinen Vortrag darüber, dass uns Menschen runterziehen."
      Der Ernst in ihrer Stimme zwang die Gorgone dazu, die Phönixin jetzt auch anzusehen.
      "Es war mein Herz, Mirdole. Keiner von euch hat sein Herz vergeben, aber ich schon. Wenn das nicht der ultimative Beweis ist, dass Menschen uns nicht gut tun, dann weiß ich auch nicht.“
      Mirdoles Aura arbeitete wieder. Sie starrte Kassandra an und dabei räkelten sich ihre Schlangen, als wäre ihnen unwohl auf ihrem Kopf.
      „Wir sind aus den Glauben der Menschen geboren, Mirdole. Nichts anderem."
      Sie schnaubte und wandte sich wieder ab, aber Kassandra war noch nicht fertig zu reden.
      „Selbst wenn mich Zoras herunterziehen sollte, so geht mein Name in die Geschichte Kuluars ein. So ist mein Name verewigt und ich habe vielleicht meine Existenz ein bisschen besser gesichert. Meinst du nicht, dass das das Risiko wert ist, Mirdole? Ich besitze keine Sekte, keinen großen Kult oder einen entsprechenden Namen. Also muss ich andere Wege finden, ihn ins Gedächtnis der Menschen zu brennen.“
      "Achja?", gab sie schneidend zurück, "Ist es so, wie du darüber denkst? Obwohl du mir gerade eben noch davon erzählt hast, dass du deinem Träger nicht deine Essenz, sondern dein Herz geschenkt hast? Jetzt soll es dir gleich sein, wenn dich der Ruhm dafür am Leben erhält?"
      Ihre Schlangen zischten erbost. Mirdole sah selbst so aus, als könne sie gleich zu zischen anfangen.
      Dann wandte sie sich ab, holte Luft. Sprach, ohne Kassandra dabei anzusehen.
      "Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte und du kannst zuhören oder auch nicht. Mein 7. Träger hatte eine Nichte, ein vierjähriges Mädchen. Sie konnte laufen und sprechen aber sie hatte das Gehirn eines Spatzes. Ein Fisch wäre schlauer als sie gewesen. Heute weiß ich, dass das bei Menschen so üblich ist, aber damals hat sie mich genervt mit ihrem Lachen und ihrem Quietschen, wenn sie mich gesehen hat. Sie dachte, meine Schlangen wären Spielzeuge. Sie hat eine von ihnen erwürgt und ich habe den Gefallen nur nicht erwidert, weil mein Träger mich streng gehalten hat. Ich habe sie gehasst, dieses dumme Menschenkind. Mit jeder Faser meiner Seele.
      Dann ist die Verteidigung zusammengebrochen und die Pallisaden wurden gestürmt. Als wir zurückkamen, stand die halbe Stadt bereits in Flammen. Mein Träger hat mich vorausgeschickt, um seine Schwester zu retten. Ich erinnere mich noch genau an den Befehl: Hol sie um jeden Preis raus. Das habe ich getan, denn ich hatte keine Wahl. Ich habe mich zu ihrem Haus durchgekämpft und ihre Tür aufgebrochen. Ich habe den Atem angehalten und bin durch den Rauch marschiert.
      Und dann stand sie vor mir und hat mich angeschrien und die Hände zu mir ausgestreckt. Ich hatte das Verhalten schon beobachtet, ich wusste, dass sie von mir hochgehoben werden wollte. Ich denke, ihr Instinkt war ausgeprägt genug gewesen, dass sie Angst hatte. Und sie hat mich gesehen und wollte zu mir.
      Ich habe sie versteinert und es hat mir wehgetan. Ich bin über den Körper gestiegen und habe die Schwester gefunden, erstickt am Rauch. Das Kind hätte ich retten können, wenn mein Träger nur daran gedacht hätte, wenn er seinen Befehl anders formuliert hätte. Ich hätte sie retten können, wenn sie nicht so dumm, dumm in meinen Weg gelaufen wäre. Aber ich muss heute noch immer daran denken, 200 Jahre später. Es... hat mir gefallen, dass sie mich gesehen hat und mich als ihre Retterin auserkoren hat. Wie sie mich angesehen hat, als würde jetzt alles für sie gut werden. Dieses dumme Menschenkind hat irgendwo in seinem verkümmerten Verstand bemerkt, dass die Schlangen keine Gefahr für sie sind. Bis heute habe ich niemanden getroffen, der klüger als sie ist."
      Mirdole holte noch einmal Luft.
      "Es war ein Fehler, dass ich mit ihr sympathisiert habe. Natürlich war es das. Aber gleichzeitig wünsche ich mir, ich hätte herausfinden können, wie es gewesen wäre, wenn ich sie hochgehoben hätte. Wenn sie sich an meiner Schulter ausgeweint hätte. Wenn sie mir mit ihrer furchtbaren Quietsch-Stimme zu erklären versucht hätte, dass ihre Mutter tot ist. Es hätte dafür nur einen anderen Befehl benötigt, nur einen anderen Ausdruck, eine andere Intention. So etwas leichtes, dummes hätte dafür gesorgt, dass es nicht so ausgegangen wäre. So eine einfache Sache wie etwa... eine Tür zu öffnen."
      Sie schnaubte über sich selbst. Ihre Schlange begann jetzt wieder, ihren Arm hinauf zu kriechen.
      "Die anderen würden nicht verstehen, wenn ich ihnen so etwas erzähle. Halmyn und Asterios haben keine menschlichen Beziehungen, Dionysus ist mehr Gott, als ihm unter Menschen gut ist, und Oronia habe ich schon erklärt. Natürlich würden sie es nicht verstehen."
      Jetzt sah sie Kassandra an.
      "Aber du kannst es. Und ich möchte nicht der Träger sein, der seinen Befehl undeutlich ausspricht. Ich mag dich nicht, Kassandra, keinen von euch Phönixen, aber ich glaube, das hier will ich trotzdem nicht. Ich will nicht noch einmal von einem was wäre wenn heimgesucht werden, auch wenn es sich nicht um mich und ein Mädchen handelt. Geh zurück, Kassandra. Flieg direkt dorthin. Dein Zoras zieht dich jetzt gerade mitten in den Abgrund hinein."
    • Wie Kassandra es auch drehen und wenden mochte: das gerade war wohl die neutralste und aufrichtigste Unterhaltung, die Kassandra jemals mit einem der Champions geführt hatte. Selbst wenn es sie aufstachelte und ärgerte, dass Mirdole ihren Punkt einfach nicht verstand, war das immer noch besser, als wenn über den Kopf hinweg gesprochen wurde. „Ich setze mir ein Zeichen für die Zukunft, wenn der Mensch, dem ich vertrauen, vergangen ist. Nichts anderes.“
      Das klang dann doch wieder sehr bissig, sodass die Schlangen die Phönixin wieder anzischten. Aber anstatt sich weiter darüber zu echauffieren wechselte Mirdole das Thema und überrumpelte Kassandra ehrlicherweise damit. Sie verfiel in Schweigen, während sie der Geschichte der Gorgonge lauschte und erstaunliche Parallelen zu sich selbst fand. Ja, wenn ein Gott so lange lebte wie sie, dann lag es nicht fern, dass es Überschneidungen gab. Zu keinem Zeitpunkt unterbrach Kassandra Mirdole; das war das Mindeste, was sie jetzt tun konnte. Alles andere war nicht fair.
      „Die anderen würden nicht verstehen, wenn ich ihnen so etwas erzähle.“
      Da stimmte Kassandra ihr eindeutig zu. Der Rat bestand aus Champions, bei denen kaum einer mit dem anderen synergierte. Sie waren nicht dafür ausgelegt, zusammenzuarbeiten und die Phönixin war ein weiteres Korn in einem Uhrwerk, das schon nicht rund lief. Niemand von ihnen konnte das nachvollziehen, was Mirdole erlebt hatte. Entweder, weil ihre Natur eine andere war oder sie einfach einen anderen Weg gegangen waren.
      Aber dann fuhr Mirdole fort und mit jedem Wort, das sie sprach, fühlte sich Kassandra beklommener. Mit jedem Wort wuchs die Skepsis in ihrem Blick und mit jeder Sekunde war offensichtlicher, dass irgendetwas nicht stimmte. Als Mirdole dann sagte, sie solle zurückgehen und dass Zoras sie in genau diesem Moment in den Abgrund zöge, zupfte etwas an ihrem Bewusstsein. Ganz leise, ganz subtil. Nur ein einziges Mal.
      …dra….
      Kassandras Augen weiteten sich schlagartig. Im nächsten Bruchteil einer Sekunde wurden ihren roten Augen schwarz wie die Nacht. Als die Sekunde verstrichen war, war auch Kassandra verschwunden. Sie flog nicht. Sie sprang mit dem Licht.

      In dem Raum befanden sich exakt 7 Auren; Zoras, Oronia, Dionysus, Wilben, Feyra, Kalea und Esho. Der Zyklop und der Minotauren waren draußen im Garten, sie trugen nicht viel dazu bei, was im Inneren des Raumes geschah. Überall hing Dionysus‘ Aura herum und hätte jemand anderem die Sicht vernebelt, aber Kassandras schwarze Aura brannte sich komplett hindurch. Je näher sie dem Raum kam, desto mehr spürte sie von Zoras. Seine Aura, die umnebelt war…
      Er war betrunken.
      Wie sie sich aufwallte, weil er Panikanfälle bekam…
      Jemand kam ihm zu nah.
      Wie ihr plötzlich eine Welle von Lust entgegenflackerte.
      Kassandra hielt an. Ihre Hand schwebte vor der Tür, geschockt durch die letzte Empfindung, die sie von Zoras empfangen hatte. Ihr Herz überschlug sich. Ihre Gedanken rasten. Ihre Vorahnung meldete sich. Der Zorn machte sich bereit.
      Eine Druckwelle heißer Luft sprengte die Tür aus ihren Angeln. Kassandras Blick fiel auf die versammelte Gesellschaft, allen voran Esho, der sich am weitesten weg mit seinem Sessel befand und sich quer darüber gelegt hatte. Er war dem ganzen Schauspiel nur halb zugewandt und hatte den besten Blick auf Kassandra, die er mit Erstaunen ansah. Dieses Erstaunen setzte sich fort; bei Wilben, der einfach nur da gesessen hatte, bei Kalea, die mitten im Trinken eingefroren war, bei Feyra, die sich scheinbar gerade noch amüsiert hatte und der das Lachen aus dem Gesicht fiel. Selbst Dionysus wirkte nicht ganz so zuversichtlich wie sonst. Warum auch immer.
      Nur zwei Gesichter zeigten keine Überraschung. Das eine war Zoras, dessen Gesicht halb abgewandt war und der offensichtlich nicht mehr viel mitbekam. Er saß in dem Sessel, seine Kleider abgestriffen und seine Beinkleider bis auf die Knöchel heruntergezogen. Das andere war Oronia, die auf Zoras saß, unbekleidet und Kassandra buchstäblich mit Todesangst anstarrte, kaum hatte sie sie erkannt.
      Kassandra war nicht in der Lage, die Zeit anzuhalten. Das war eine Macht, die man ihr nicht gegeben hatte. Und dennoch kam es ihr gerade so vor, als wäre die Zeit teilweise eingefroren. Ihr Fokus richtete sich einzig auf das Paar in dem Sessel. Zoras, der seine Hände in Oronias Hüfte gekrallt hatte. Sie, die sich in eindeutigen Bewegungen auf ihm bewegte. Er, der aufstöhnte und der mit seiner Hüfte der Nymphe entgegen zuckte. Das ganze Bild ergab für Kassandra keinerlei Sinn. Wieso starrten sie alle mit solch Erstaunen an? Wieso saß Zoras da und ließ sich vögeln? Wieso bei den Pforten der Hölle kam diese NYMPHE auf die Idee, Zoras zu reiten?
      Die langanhaltende Kontrolle, die Kassandra ausmachte, die sie über Jahrhunderte perfektioniert hatte, fand nun ihre Grenze. Sämtliche Gefühle und Gedanken ballten sich, verschmolzen zu einer schwarzen Kugel und versank dann in der unendlichen Tiefe des schwarzen Feuers, das sich aus den tiefsten Winkeln von Kassandras Seele herauf kämpfte. Kassandra ließ die Gegenwehr fallen, begrüßte die Flammen, die Dunkelheit, den Tod.
      In der nächsten Sekunde saß Oronia nicht mehr auf Zoras. Mit einem krachen fiel der Sessel zur Seite, auf dem Zoras saß, und warf ihn heraus. Er prallte auf dem Boden auf noch bevor sich Kassandra wieder richtig materialisierte. Einige Meter weiter hinten lag Oronia auf dem Boden und schien schwarze Flammen über ihrem Hals festzuhalten. Ein Wirbel aus Feuer fauchte um die Nymphe herum, baute sich auf und wuchs zu besorgniserregender Größe heran. Inmitten des Tornados aus Feuer materialisierte sich Kassandra, die Umrisse flackernd, ohne Kleider oder Schmuck. Nur eine Silhouette ihrer menschlichen Erscheinung. Sie hatte ihren Fuß auf Oronias Hals abgestellt, die Flammen darum nahmen die Form einer Kralle an. Kassandra beugte sich leicht vor, ihre Haare, die keine mehr waren, peitschten mit dem geisterhaften Wind durch die Luft.
      WAS FÄLLT DIR EIN?
      Göttersprache, die in den Köpfen aller widerhallte. Kassandras Macht war so stark, dass sie selbst Dionysus‘ Einfluss aus dem kompletten Palastabteil verbannt hatte. Oronia unter ihr zappelte und keuchte, die pure Todesangst in den Augen. Doch Kassandras Miene war ausdruckslos, leer. Sie drückte der Nymphe die Luft ab und ließ dann ihr schwarzes Feuer auf Oronias Aura los. Die Flammen fraßen sich in die Aura und die Nypmhe schrie, sofern sie es konnte. Sie zog an den Flüssigkeiten in ihrer Umgebung und stellte ihre Aura wieder her, nur dass Kassandra sie umgehend wieder verbrannte.
      ICH BRENN DICH AUS. BIS DU NICHTS MEHR FINDEST, WAS DU NUTZEN KANNST.
      Und genau das tat Kassandra dann auch. Unter ihrem Fuß kämpfte Oronia, zog neues Wasser, stellte ihre Aura wieder her. Wie ausgehungerte Tiere stürzten sich die Flammen darauf und verzehrten sie.
      Im Hintergrund bewegte sich jemand und Kassandra hob eine schemenhafte Hand. Sämtliche Anwesenden verfielen in Starre, ausgelöst durch das Verbot, sich zu bewegen. Nur Dionysus konnte sich dem geringfügig widersetzen, aber die Drohung war angekommen.
      Überall zischte es, als Wasser verdampfte, Pfützen sich auflösten, Gefäße leer liefen. Immer mehr Reserven gingen zur Neige und dann kam der Punkt, an dem Oronia nichts mehr fand. Ihre Augen weiteten sich, als sich das Feuer über sie hermachte. Ihren Körper versengte, ihn schrumpfen ließ, ihn verdörrte. Oronias ehemals hübsche Gestalt verkrampfte sich, nahm unmögliche Haltungen ein und zerfiel langsam. Kassandra sah dabei zu, stellte sicher, dass sie jedes einzelne Partikelchen dieser Nymphe vom Erdboden tilgte und sie nie wieder auf diese Erde oder den Himmel erscheinen würde. Es zog sich, der Kampf, die Qual hielt an, Kassandra ergötzte sich daran und dann löste sich Oronia auf und etwas zersprang. Das Schmuckstück bei Wilben, in dem Oronias Essenz gehalten war, war gebrochen. Das Zeichen, dass es die Nymphe nicht mehr gab.
      Einige Herzschläge verstrichen, dann setzte Kassandra ihren Fuß auf den Boden und richtete sich auf. Sie war noch immer nicht greifbar, wie eine wilde Malerei aus Feuer, eine Urgewalt. Sie ließ ihren Blick über die Beteiligten wandern; Wilben, der die Bruchstücke des Schmuckstückes in Händen hielt. Esho, der Kassandra mit einer irrwitzigen Mischung aus Bewunderung und Hitze anstarrte. Kalea, die sich ohne Mirdole unglaublich schutzlos vorkam.
      Und dann schließlich Zoras, der sich wenigstens auf die Unterarme gekämpft hatte und sich scheinbar immer noch nicht gänzlich orientiert hatte. Er sah zu ihr, schien sie aber nicht recht zu erkennen. Er war praktisch nackt. Kassandra konnte sogar noch die Feuchtigkeit auf seinem erigierten Penis erkennen.
      Es gab keinen Knall. Es gab auch keinen Blitz. Es gab nicht einmal einen einzigen Ton, als die Urgewalt, die alles vernichtenden schwarzen Flammen, von jetzt auf gleich im Nichts verschwanden.
      Als hätte es Kassandra nie gegeben.
    • Die Zimmertür krachte auf, eine heiße Welle aus Feuer und Macht brach herein und Zoras’ erster, befreiender Gedanke war: Kassandra. Endlich. Er wusste noch nicht, wo sie genau war, aber sein Instinkt bestätigte ihm ihre Anwesenheit. Kassandra war endlich da und würde ihm helfen. Sie würde richten, was dort vor sich ging.
      Der Körper über ihm erstarrte, als Oronia den Kopf herumriss. Ihr Schreck war stark genug, um nicht nur an ihrer Aura zu reißen, sondern sich außerdem noch auf ihrem Gesicht zu zeigen. Sie starrte Kassandra an, als wäre sie Zeus höchstpersönlich.
      Dann wurde der Körper mit einem Mal herumgerissen und riss auch Zoras gleich mit. Die Welt drehte sich andersherum und Zoras verspürte Schmerzen, die dort eigentlich nicht sein dürften. Er griff um sich, orientierungslos, schwindelig, und spürte harten Boden unter sich. Deswegen die Schmerzen, ja, das machte Sinn. Er wusste nur noch nicht, wo oben und unten war, um sich den Boden zunutze zu machen.
      Ein paar Meter weiter kämpfte Oronia bereits gegen schwarze Flammen an, denen kein Einhalt geboten werden konnte, genauso wenig wie der überwältigenden Präsenz der Phönixin, die mit einem Mal vor ihr auftauchte. Oronia schrie auf, aus Angst, aber auch aus Bosheit. Wilben brüllte auch etwas, erst zu Kassandra, dann zu Dionysus. Doch der Weingott dachte nicht daran, einzuschreiten. Er hatte sich in seinem Sessel neu ausgerichtet und beobachtete das Spektakel nun mit neuem Interesse.
      Zoras hatte gerade herausgefunden, dass er seinen Körper mit seinen Armen vom Boden wegstemmen konnte, als etwas in seinem Kopf explodierte und ihn dorthin zurück schickte. Ein Donnern, ein Rumpeln, ein Beben; Erdplatten, die sich auseinander schoben und wieder zusammen krachten, Berge, die in der Mitte entzwei brachen und deren Lawinen in die sieben Weltmeere krachten - all das und doch nichts davon ging in seinem Kopf nieder, so laut, dass er sein Hirn zu platzen spüren glaubte. Er schlug sich die Hände auf die Ohren und schrie, so wie alle anderen Menschen in diesem Raum, aber natürlich brachte das nichts. Der Lärm war in ihm und kam nicht von außen. Glücklicherweise verrauchte er wieder, knapp nachdem er angefangen hatte.
      Doch nun hielt der Lärm von draußen an. Jemand schrie beständig und die unnatürliche Hitze der schwarzen Feuer wallte in Schüben durch den Raum. Schritte ertönten, andere Stimmen schrien. Zoras war vermutlich der einzige, der sich von den schwarzen Feuern nicht einschüchtern ließ. Immerhin gehörten sie Kassandra und Kassandra war jetzt hier, um ihm zu helfen.
      Die Naturgewalten donnerten erneut in seinem Kopf, der Eindruck von einer Welt, die durch Phönixfeuer von innen heraus verglüht wurde, und wieder schrie er. Diesmal klärte sich sein Blick so weit, dass er gerade noch den Schemen einer feurigen Frau ausmachen konnte, die inmitten des schwarzen Flammeninfernos stand, da legte sich ein tonnenschweres Gewicht auf seinen Körper, das ihn niederdrückte und gleichzeitig nicht zuließ, dass sein Arm unter ihm wieder einknickte. Er rührte sich einfach gar nicht mehr, konnte froh sein, dass seine Brust noch die Kraft besaß, sich zu heben und zu senken. Ein weiterer Schrei steckte in seiner Kehle fest und anhand der plötzlichen Ruhe im Raum schien es anderen wohl genauso zu ergehen.
      Wie gebannt starrte er auf den unwirklichen Kampf, dessen unfreiwilliger Zeuge er nun hier wurde. Der ganze Raum füllte sich mit Rauch und Dämpfen, als Oronia immer und immer wieder zu ihren Wasser griff und sie nicht annähernd stark genug waren, um sich dem nächsten Feuerstrahl von Kassandra zu widersetzen. Die Nymphe kreischte in ihrem Frust und hätte mittlerweile sicher schon ganze Seen ausheben können, um sie vereint auf die Phönixin zu schleudern. Nur befand sich ihre dafür benötigte Macht an der Brust des Alten, der erstarrt bei seinem Sessel stand und den Mund zu einem Schrei aufgerissen hatte, der niemals herausdrang. Selbst wenn er es wollte, hätte er der Nymphe niemals ihre Essenz zurückgeben können und für die Nymphe bestand keinerlei Chance, an der Phönixin vorbei zu ihm zu kommen. Es war ein eindeutiger, wenn auch kein fairer Kampf. Oronia steuerte geradewegs auf ihr Ende zu.
      Wenige Minuten dauerte es nur für die Auslöschung einer ganzen Gottheit, dann war es auf einen Schlag vorbei. Oronias Gestalt, die sich vorher noch weiter und immer weiter zusammengeschrumpft hatte, verschwand bald vollständig und als Antwort zerbrach Glas. Kleine Scherbchen rieselten unter Wilbens Gewand heraus und auf den Boden.
      Dann war es still im Raum. Oronias Schreie hatten in den letzten Minuten die Geräuschkulisse dominiert, aber jetzt war alles unglaublich still. Sechs Augenpaare starrten die übermächtige Erscheinung der Phönixin mit einem Wechsel aus Angst, Hass und Erschütterung an. Nur Dionysus war natürlich sichtlich vergnügt.
      Die Phönixin ließ den Blick durch den Raum schweifen, ganz so, als fordere sie die Versammelten auf, sich ihr in den Weg zu stellen. Dann blieben ihre kühlen und gleichzeitig gleißenden Augen auf Zoras hängen und der streckte eine Hand nach ihr aus.
      Kassandra.
      Sie sah ihn an, ohne zu blinzeln. Und dann, mit einem Schlag -
      Nichts.
      Kassandra war fort.
      Ihre Flammen waren fort.
      Ihre Präsenz war fort.
      Ihr Teil in Zoras’ Verstand war fort.
      Weg. Mit einem Mal.
      Zoras starrte den Fleck an, wo sie vor nur einer Sekunde gestanden hatte, als wieder Stimmen ertönten, Rufe durch den Raum hallten und Schritte heran liefen. Eine Gestalt rannte, nein, sprintete, nein, hechtete auf die Stelle zu, auf der soeben noch Oronia gelegen hatte und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Andere Silhouetten erschienen und strömten den Raum, strömten in die hintersten Ecken und hinter alle Möbelstücke, angeführt von einem rothaarigen, Befehle rufenden Kommandanten. Mirdole kam hereingelaufen, ihre Schlangen zischend und klappernd, ihr Blick sofort auf Kalea festgesetzt, die wiederum Dionysus anzuschnauzen begann. Die Gorgone stellte sich neben ihr auf und da wurde die Frau erst richtig wütend und richtig laut. Sie sprang auf und schrie, wobei sie noch immer nicht lauter war als Wilben, der sich auf Oronias Stelle zusammenkauerte und sämtliche Emotionen, die ein Mensch noch hervorbringen konnte, herausbrüllte. Feyra sah zwischen Kalea und Dionysus mit Besorgnis hin und her.
      Zoras starrte noch immer den Ort an, an dem Kassandra vor einem Moment noch geherrscht hatte. Die Kälte, die sich durch seine Knochen fraß, ließ ihn zittern und frösteln.
      Kassandra?
      Keine Antwort. Gar nichts.
      “Eure Hoheit? Eviad?”
      Zoras wandte den Kopf. Rote Haare sahen auf ihn herab. Zoras war geistig noch nicht klar genug, um zu erkennen, dass Zavion ihn vor neugierigen Blicken abzuschirmen versuchte.
      “Geht es Euch gut? Seid Ihr verletzt?”
      Er starrte Rothaar an. Wie sollte er ihm vermitteln, dass Kassandra fehlte? Dass sie nicht mehr da war? Dass sie nicht mehr da war?
      Ich… Wo ist Kassandra?
      “Nicht hier, Eure Hoheit. Darf ich… äh… kann ich behilflich sein?”
      Zoras verzog die Miene. Ja natürlich war die Phönixin nicht hier - das war doch schließlich auch das Problem.
      Wo ist sie?
      “Mit Verlaub, Ihr solltet Euch erstmal… anziehen, Hoheit.”
      Wo ist Kassandra?
      “Darf ich… Verzeiht mir, Hoheit. Ich werde nur ganz kurz…”
      Wäre Zoras richtig bei Verstand gewesen, hätte er merken können, was für ein erbärmliches Bild er dort abgab, wie er sich auf dem Boden wand wie ein Wurm, während der Kommandant ihm seine Hose hochzuziehen versuchte. Zum Glück für ihn war der Rat mit sich selbst beschäftigt und Zavion hatte seine Gardisten gut genug im Griff, dass sie den beiden die nötige Privatsphäre gewährten. Er schaffte es zwar nicht, Zoras vollständig wieder anzukleiden, aber er zog ihm zumindest die Beinkleider hoch. Dann half er ihm aufzustehen, wobei Zoras sich schwer auf den Mann stützte, um das drehende Zimmer auszugleichen. Er hatte noch immer nicht begriffen, was vor sich ging, und wiederholte nur ständig die Frage, wo Kassandra sei. Die Kälte in ihm war entsetzlich. Zavion leitete ihn nach draußen, wo ihn eine ganze Eskorte bis zu seinem Gemach unterstützte.

      Der Effekt des Weines hielt nicht lange genug an für einen richtigen Rausch. Eine Stunde später kehrte die Klarheit schon wieder zurück, als hätte es niemals einen Einfluss gegeben. Eine Stunde später saß Zoras allein in seinem Gemach auf seinem Sofa und begriff, was überhaupt gerade geschehen war.
      Im Nachhinein wirkte alles immer so leicht und simpel. Wieso hatte er nicht und er hätte doch und es war doch ganz klar, dass, aber im Moment sah es immer anders aus. Zoras musste sich zwanghaft daran erinnern, dass er im Moment selbst machtlos gewesen war und dass es nichts gegeben hatte, was er hätte unternehmen können. Er hatte zu dem Zeitpunkt nicht gewusst, dass Dionysus’ Wein auch andere Effekte auf einen Menschen ausüben konnte und er hatte sich auch nicht gegen die Kraft einer Göttin wehren können. Das waren unumstößliche Tatsachen, die dazu geführt hatten, was geschehen war. Man hätte es nicht ändern können. Nur Kassandras Auftauchen hatte die Situation beendet.
      Wenn sie nicht aufgetaucht wäre… Das war ein Gedanke, der Zoras zum einen mit Entsetzen erfüllte und auch mit Ratlosigkeit. Er konnte sich nicht erklären, weshalb Dionysus und Oronia eine derart gemeinsame Sache tun sollten. Wenn der Wein ihn doch beeinflussen konnte, wieso wurde er nicht vergiftet? Wieso hätte Dionysus ihn nicht dazu gebracht, sich etwa vom Dach zu stürzen? Wieso hatte er ihn nicht gelenkt, so wie er alle zu lenken schien, um sein Vergnügen zu bekommen?
      Das waren Fragen, die ihm schon jetzt Kopfzerbrechen bereiteten, aber allen voran zermürbte ihn die Tatsache, dass Kassandra ihn gesehen hatte. Sie hatte ihn gesehen, sie hatte Oronia in einem Schwall von schwarzen, gefräßigen Flammen vernichtet und dann war sie einfach verschwunden. Sie war nicht nur weg, sie war regelrecht nicht existent. Sie war nicht nur an einem anderen Ort, sie hatte sich aus ihm zurückgezogen und ihre gänzliche Wärme mitgenommen, ihr Feuer, das sich in Zoras’ Knochen niedergelassen hatte und an dessen Anwesenheit er sich so sehr gewöhnt hatte. Er hatte sich daran gewöhnt, stets zu wissen, wo die Phönixin war und stets ihre Wärme zu empfangen. Jetzt war sie weg und schien einen beträchtlichen Teil von ihm mitgerissen zu haben.
      Zoras saß auf seinem Sofa und rieb sich immer und immer wieder seinen stoppeligen Kopf. Verzweiflung drohte sich in ihm breit zu machen und er musste mit aller Macht verhindern, dass er in alte Muster verfiel. Das hier war keine Kassandra-wurde-von-einem-Phönix-entführt-Sache, sondern sie war einfach verschwunden und hatte Zoras alleine in seinem Herrschaftssitz zurückgelassen. Sie würde wiederkommen oder sich mit ihm in Verbindung setzen. Das musste er einfach glauben, denn die Alternative war… die Alternative würde ihn zerreißen. Er wäre nicht mehr in der Lage, den Eviad ohne Kassandra zu spielen und das war vielleicht genau das, was Dionysus sich davon erhofft hatte. Allein deswegen musste Zoras sich zusammenreißen, um nicht alles über Bord zu werfen, was er sich in mühseliger Arbeit mit der Phönixin in den letzten Monaten erarbeitet hatte.
      Sie würde zurückkommen. Er musste einfach daran glauben.

      In dieser Nacht schlief er nur oberflächlich. Wirre Träume plagten ihn, Träume von einer Festung im Schnee, die von einem gigantischen Riss im Boden auseinandergezogen wurde; Träume von einem Krieg, bei dem uniformlose Soldaten gegen eine unsichtbare Streitmacht antraten; Träume von Menschen, Feuer, Tod und Schlangen. Wann immer er aufwachte, zitterte er. Das Zimmer war zwar nicht kühl, aber Zoras war trotzdem so unsagbar kalt, dass er sich irgendwann in der Nacht eine zweite Decke besorgte. Mit der zweiten Decke wurde ihm unsagbar heiß, aber ihm war noch immer unsagbar kalt. Er entzündete das Kaminfeuer in seinem Zimmer und damit schwitzte er, während ihm noch immer kalt war. Egal, was er versuchte, er konnte einfach nicht die Lücke in seinem Inneren füllen, die Kassandra hinterlassen hatte. Egal, wie sehr er sich abzulenken versuchte, ihm fiel stets zuerst das große, leere Bett auf und dann das einsame Fenster, ohne die Silhouette, die unbeweglich davor stand. Kassandra war nicht da. Irgendwann in der Nacht, als ihn diese Erkenntnis vollkommen überwältigte, drehte er das Gesicht ins Kissen und schrie, bis ihm die Luft ausging. Niemand kam herein. Kurz bevor er wieder wegdöste, dachte er darüber nach, seine gesamte, unfähige Garde einmal auszuwechseln.
      Was er in dieser Nacht nicht bemerkte, war der Schlagabtausch zwischen zwei Auren, der sich im Palast austrug. Es war kein richtiger Kampf, nichts gefährliches, aber es war eine eindeutige Meinungsverschiedenheit. Als die Auren sich schließlich wieder voneinander lösten, hatte sich die eine verhärtet, wie um sich selbst zu schützen, während die andere noch immer nach allen Richtungen ausschlug. Kein Mensch bekam je etwas davon mit.
      Am Morgen hatte sich die Erkenntnis der Ereignisse tief in seinen Gliedern eingenistet und damit kam auch der erste Zorn einher, Zorn auf Dionysus und leider auch Zorn auf die tote Oronia, an der Zoras sich nun nicht mehr rächen können würde. Aber an Dionysus und auch an allen anderen des Rates. Er wusste genau, dass sie alle am gestrigen Abend anwesend gewesen waren und dass keiner von ihnen eingegriffen hatte. Dass sie alle mit mehr oder weniger Interesse zugesehen hatten, wie Oronia Zoras erst entkleidet und ihn dann geritten hatte.
      Zoras war wütend. Der Zorn schwelte tief in seinem Inneren und gab ihm ein Feuer, auf das er sich konzentrieren konnte. Denn das war der letzte Tropfen in seinem Fass gewesen, um es zum Überlaufen zu bringen. Zoras würde sich das nicht mehr gefallen lassen. Mit dieser Tat waren sie endgültig zu weit gegangen.
      Er zog sich eigenständig an, riss die Türen seines Gemachs auf und verlangte nach seinen Lehrern, nach seinen Beratern, nach dem Verwalter, nach dem Butler, nach den hochrangigen Gästen von letzter Nacht, nach sämtlichen Menschen, die im Führungsgrad des Rates mitwirkten. Kassandra hatte ihm einmal gesagt, dass er seine Kämpfe durch Strategie ausfocht, bevor sie überhaupt körperlich wurden, und jetzt war es langsam aber sicher an der Zeit, dass er auch diesen Kampf endlich richtig bestritt. Es hatte mit einer Belagerung angefangen, dann hatte er sich im feindlichen Domizil eingenistet und sich hinter Mauern und Schilden verschanzt, um die gegnerischen Schläge abzuwehren, die täglich auf ihn einprasselten. Jetzt würde er aufhören, seine Verteidigung zu verstärken, sondern dafür sorgen, dass den anderen die Munition ausgehen würde. Und dann würde er diesen Kampf ein für alle mal beenden.
      An diesem Abend, nachdem er sich durch Bücher, Schriften und Verträge gewälzt und den ersten Schritt seines Schlachtsplans in Bewegung gesetzt hatte, ging er zu Kassadra in den Stall. Er ließ das Gebäude räumen, bis nur noch er drinnen war, dann setzte er sich zu ihr in die Box, nahm ihr Gesicht in seine Hände und begann zu reden und zu reden. Kassadra war nicht so aufmüpfig wie sonst, sondern sie stand ganz still bei ihm, blinzelte ihn an, kaute hier und da und stieß manchmal ein leises Schnauben aus. Sie ließ sich von ihm streicheln, den Kopf zu ihm gesenkt, und war ganz reglos. Zoras redete mit ihr, bis es nichts mehr zu sagen gab, und küsste dann ihre Schnauze. Die Stute bewegte ihre wackelnden Lippen an sein Gesicht, als würde sie den Kuss erwidern.

      Zwei Tage später marschierte Zoras mit langen, schnellen Schritten durch den Gang. Drei Wachen gingen vor ihm, drei waren hinter ihm, zwei warteten stets an je einem Ende des Ganges. Seine langen Gewänder flatterten hinter ihm im Wind seines schnellen Marsches. Zoras war auf dem Weg in den Kampf.
      An der Tür wurde er bereits angekündigt, noch ehe Zoras davor stand, dann wurden die Flügel aufgeschoben und Zoras rauschte unaufhaltsam hindurch. Die Ratsmitglieder hatten alle schon ihre Plätze eingenommen, standen jetzt aber mehr oder weniger schnell auf, ganz so, wie er es einst von ihnen verlangt hatte. Diesmal stand Zoras allerdings nicht der Sinn nach Disziplin.
      Setzen!
      Sie setzten sich, aber nicht, weil sie ihm gehorchten. Dionysus hatte bereits ein sanftes Lächeln aufgesetzt, weil er den Aufruhr in Zoras’ Aura beobachten konnte. Kalea sah so aus, als würde sie auf ihrem Platz jeden Moment explodieren. Wilben war auch da, der Platz neben ihm war leer.
      “Ist es dir auch mal genehm, uns mit deiner Anwesenheit zu beehren!”, schoss Kalea gleich los. “Wirst du dich dafür verantworten, dass deine Phönixin unsere -”
      RUHE! Ich habe dir nicht gestattet zu sprechen, Kalea!
      Die Frau verstummte wirklich und starrte ihn für einen Moment mit offenem Mund an. Dionysus begann zu lachen.
      “Der Hund wird auf einmal bissig. Dabei dachte ich, er könnte nur bellen.”
      Das gilt auch für dich, Weingott!
      “Oh, verzeih mir. Ich muss doch wirklich für einen Moment gedacht haben, du willst uns hier gleich weismachen, dass du der Eviad bist und wir dir zu gehorchen haben. Ist das nicht so? Oder willst du uns erzählen, dass das mit Oronia nur unglücklich gelaufen ist? Dass du deine Phönixin nicht im Griff hattest?”
      Zoras blieb vor dem gemeinsamen Tisch stehen, anstatt an seinen Platz zu gehen. Dadurch stand er ein Stück tiefer, aber sein ganzes Wesen waberte so von Zorn und Überzeugung, dass er doch größer schien. Er stand breitbeinig, den Rücken durchgestreckt und verströmte die Dominanz eines Heerführers. Sein Blick hatte die Fähigkeit zu vernichten.
      Diese Farce endet hier und jetzt! Ich werde nicht länger die Respektlosigkeit dulden, die an diesem Hof dem Eviad entgegen gebracht wird! Das wird heute ein Ende haben!
      “Deine Phönixin hat Oronia umgebracht!”, kreischte Wilben jetzt aufgeregt von seinem Platz. Der Mann war ganz bleich im Gesicht und sah furchtbar aus. Er hatte sicher die letzten Tage genauso schlecht geschlafen wie Zoras.
      Gut so.
      Zoras warf ihm einen kühlen Blick zu.
      Warum ist er noch hier? WACHEN!
      Die Tür öffnete sich. Ein halbes Dutzend Wachen strömten herein.
      Eskortiert diesen Mann vom Palastgelände! Er hat hier nichts verloren!
      “Und ob ich das habe!”, kreischte Wilben, dicht gefolgt von Kalea.
      “Er ist ein Mitglied des Rates, das hier ist sein Platz!”
      Dieser Mann besitzt keine Essenz, die ihn als ein Mitglied des Rates ausweisen könnte! Er ist nicht dazu befugt, noch weiter im Regierungsstab zu sitzen!
      “Das kannst du nicht machen!”, begehrte Kalea auf. “Wachen, hört sofort auf!”
      Das kann ich und das werde ich und wenn du noch einmal die Stimme gegen mich erhebst, dann verweise ich dich und deinen Champion von diesem Raum!
      Die Wachen hörten sowieso nicht auf sie. Sie waren jetzt bei Wilben und zerrten den Mann vom Stuhl, als er sich zu wehren versuchte. Keine der Wachen würde an diesem Tag auf irgendjemand anderen hören; Zoras hatte mit Zavions Hilfe dafür gesorgt, dass sämtliche Wachmänner im Palast heute seine eigenen Leute waren. Er nutzte das ganze menschliche Schutzschild aus, um sein eigenes Voranrücken zu unterstützen.
      Man musste Wilben aus dem Raum zerren. Dabei schrie der Alte und warf mit den Armen um sich, aber keiner hielt an. Die Tür krachte hinter ihnen zu und der Schrei wurde sofort ausgeschlossen.
      Ristaer stand von seinem Platz auf.
      “Sowas geb ich mir nicht. Der Eviad ist durchgeknallt - mit Verlaub, Eure Hoheit. Ich werde hier keinem Theater beiwohnen.”
      Du wirst dich setzen und du wirst hören, was dein Eviad zu sagen hat!
      “Nein.”
      WACHEN!
      Die Tür ging erneut auf. Ristaer blitzte ihn an.
      “Du kannst mich nicht einfach so rauswerfen.”
      Macht der mir zugeteilten Befugnis befehle ich dir, im Namen der Götter und der Menschen, dich zu setzen, oder mit den Konsequenzen einer Verweigerung zu rechnen!
      Er rezitierte den alt-kuluarischen Text fehlerfrei, den er sich schon seit Monaten erarbeitet hatte. Zoras hatte seine Hausaufgaben gemacht - niemand hier konnte noch von ihm behaupten, dass er sich nicht mit den Gesetzen oder den Richtlinien des Landes auskannte. Er war sich darüber vollständig im Bilde.
      Und Ristaer bemerkte - zum Glück für den Mann - den Zusammenhang zwischen Zoras’ Machtwort und den versammelten Wachen, die allesamt Zeugen seiner Befehlsverweigerung werden würden. Er starrte die Soldaten an, starrte Zoras an, öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, und sagte dann doch nichts. Schließlich ließ er sich wieder auf seinen Platz fallen und verschränkte die Arme.
      Zoras sah in die Runde.
      Gibt es noch jemanden, der sich einzumischen gedenkt?
      “Ja, ich.”
      Natürlich war es Dionysus.
      “Ich bin noch immer ein Gott, ich stehe über dir, egal, was irgendein Schrieb sagt. Soll ich es dir mal zeigen? Möchtest du es herausfinden?”
      Er streckte die Hand nach Feyra aus und die begann wie auf Kommando, ihre Essenz abzuknüpfen. Gegen Dionysus’ Macht hätten auch ein paar Soldaten nichts tun können. Er könnte auch jeden von Zoras’ Verbündeten in diesem Raum umbringen und alles dann auf ein neues Attentat schieben. Dem Weingott würden sicher Mittel und Wege einfallen, etwas derartiges hinzubiegen. Immerhin war Kassandra nichtmal in der Nähe, um so etwas zu verhindern.
      Aber Zoras war mit einem Schlachtplan gekommen und wenn jemand sein Schwert zückte, tat er es ihm nur gleich.
      Wenn du handgreiflich werden willst, Weingott, dann würde ich mir vorher gut überlegen, ob dir dein Leben dafür wert ist! Der Vorfall vor einigen Tagen hat gezeigt, wie schwindsüchtig das Leben eines Gottes sein kann!
      “Hah! Ja, in der Tat - aber nicht durch deine Hand. Und - verzeih mir die Frage, o großer Eviad - wo ist denn deine Phönixin? Ich habe sie schon die ganze Zeit nicht mehr gesehen. Meinst du, sie wird auch jetzt rechtzeitig auftauchen, um dich zu retten?”
      Ich brauche keine Phönixin, um dein Leben zu beenden, Dionysus! Das gilt für ALLE Götter in diesem Raum, die es wagen, sich gegen mich zu wenden! Ich stehe über euch und nicht andersrum! Euer Gehorsam gilt in erster Linie mir und in nächster erst euren Trägern!
      “Und wer soll uns davon abhalten?”, fragte Dionysus süßlich. “Du?”
      Bringt mir Amartius!
      Zavion trat vor. Er trug die schwarze Klinge auf beiden Händen, als wäre sie etwas furchtbar kostbares, und schritt damit zu Zoras nach vorne. Der streckte nur die Hand aus und ließ sich das dunkle Schwert hinein legen.
      Die Spitze richtete er gegen den Boden, als er es nach vorne nahm.
      Feyra, gib mir deine Essenz!
      Die Frau hatte ihre Kette gerade gelöst und war kurz davor, sie an Dionysus zu überreichen, starrte Zoras jetzt aber mit großen Augen an. Sie war so kurz vor Dionysus’ Hand und doch konnte er sie ihr nicht einfach entreißen.
      “Das ist nicht gestattet!”, rief Kalea aus.
      RUHE! Feyra, übergib mir die Essenz oder trage die Konsequenzen deiner Verweigerung!
      Feyra sah zu Dionysus. Der wackelte mit den Fingern.
      “Gib schon her.”
      Ich werde nicht warten!
      Feyra starrte noch immer. Da riss Zoras Amartius empor und richtete die Spitze mit Schwung auf Feyra Brust. Die stieß im Angesicht der Klinge ein entsetztes Quietschen aus und streckte die Essenz dann doch zu Zoras nach vorne.
      Die Essenz wurde übergeben. In Dionysus’ Augen flackerte es für einen Moment auf, dann wurde der Gott am ganzen Körper steif und unbewegt, als ihn die Macht von Zoras’ Wille überflutete. Mit einem Mal schien er nicht mehr so vergnügt lachen zu wollen. Sein Blick setzte sich jetzt recht intensiv auf seiner Essenz fest.
      Zoras hob die Kette, damit sie für alle gut sichtbar war.
      Das ist das Leben des Weingottes, nicht nur der Körper, der vor uns sitzt! Kassandra hat Oronia mit ihren Flammen ausgebrannt, aber ich kenne andere Wege! Amartius’ Stahl ist göttlicher Natur und nur ein Gott vermag einen anderen Gott zu brechen!
      Er hob auch sein Schwert, damit alle es sehen konnten.
      Mit der Macht meines Titels kann ich vollstrecken!
      Und er donnerte die Essenz auf den Tisch und ließ das Schwert niedersausen.
      Feyra schrie auf. Halmyn stand mit einem Ruck auf, sodass der ganze Tisch erbebte. Wachen schossen nach vorne, als sie dachten, der Eviad sei in Gefahr.
      Dionysus zuckte zusammen. Er zuckte wirklich. Die Klinge hatte seine Essenz um eine Fingerbreite verfehlt.
      Ich werde mich keinem Gott beugen! Ich werde mich keinem Menschen beugen! Ich bin der Eviad und ihr habt mir zu gehorchen!
      Der Raum wurde still. Sieben Augenpaare starrten ihn entsetzt an, eines starrte unbewegt auf die dazugehörige Essenz. Keiner schien zu atmen.
      Dann setzte sich Halmyn geräuschvoll wieder auf seinen Platz. Zoras warf ihm einen kurzen Blick zu, dann streckte er die Essenz wieder zu Feyra aus.
      Streck deine Hand aus.
      Feyra gehorchte. Dionysus starrte sie beide an. Zoras hielt seine Essenz über ihre offene Hand.
      Dein Champion hat mir bei meiner Krönung die ewige Treue geschworen.
      Das stimmte nicht, denn Dionysus hatte natürlich nur Schwachsinn geredet, aber das ganze Land war dem Glauben unterlegen. Zoras musste diesen menschlichen Rückhalt nur für sich nutzen.
      Du wirst mir deine Treue schwören, um die seine nicht brechen zu müssen.
      Feyra war sichtlich überfordert mit der Situation. Sie sah hilfesuchend zu Dionysus, aber der Gott konnte unter Zoras’ gewaltigem Willen nicht viel mehr tun, als seine Essenz anzustarren. Sein Kiefermuskel zuckte, während er doch gegen den Zwang anzukämpfen versuchte. Erfolglos.
      Sie sah wieder zu Zoras. Dann sah sie zu den anderen. Dann nickte sie eingeschüchtert.
      “Ich schwöre.”
      Zwing mich nicht dazu, dich deines Titels zu entheben.
      Sie wusste ganz genau, was damit gemeint war, genau wie der Rest des Rates. Dasselbe würde passieren, wie auch schon bei Wilben geschehen war.
      Da ließ er Dionysus’ Essenz in ihre Hand zurückgleiten und der Druck schwand sichtlich von dem Weingott. Doch er sagte nichts. Er sah einfach nur zu, wie Feyra sich die Kette wieder etwas zittrig um den Hals legte.
      Zoras riss daraufhin Amartius aus dem Tisch heraus. Die Klinge hatte eine tiefe Kerbe in dem dunklen Holz hinterlassen.
      Bringt mir die Zweitschriften!
      Eine weitere Tür zum Saal ging auf und ein Schreiber kam hereingelaufen. Er trug eine Mappe bei sich, die er unter dramatischer Verbeugung Zoras übergab.
      Zoras übergab Amartius wieder an Zavion, der das Schwert pflichtbewusst wegtrug, dann nahm er die Mappe und öffnete sie. Der ganze Rat sah dabei zu, wie Zoras einen Schriftzug hervorholte.
      Mit dem heutigen Tag erlasse ich die Handels- und Verkaufssteuer auf Met im ganzen Land! Die Laufzeit beträgt mindestens einen Monat! Von diesem Tag an soll unser Met laufen wie flüssiges Gold!
      Diesmal sagte niemand was. Sie alle starrten nur, während sie zu begreifen versuchten, ob Zoras jetzt wirklich übergeschnappt war, oder einen Plan verfolgte, den hier niemand verstand.
      Zoras hob den Schrieb an, denn ging er gezielt zu Ristaer und warf ihn ihm auf den Tisch.
      Der Erlass geht unter dem Namen Ristaer!
      “Meiner?! Ich habe damit nichts am Hut!”, beschwerte er sich sofort, wenn auch nicht mehr so energetisch wie noch zuvor.
      Ich rechne mit starken Steuer-Einbußungen durch einen derartigen Rückfall. Du wirst dafür sorge tragen, dass dieses Gesetz keinen wirtschaftlichen Einbruch mit sich bringt.
      Er sprach die Fremdwörter sicher nicht richtig aus, aber diesmal korrigierte ihn niemand. Niemand machte sich über seine Aussprache lustig. Alle starrten nur Ristaer an.
      “Warum ich?! Ich hatte damit nichts zu schaffen!”
      Das Volk wird dich lobpreisen und deinen Namen feiern. Erkläre ihnen das Missgeschick und erwarte den Zorn. Tue, was ich von dir verlange, und der Ruhm wird ganz dein sein.
      Ristaer starrte auf den Erlass - natürlich auf alt-kuluarisch verfasst. Zoras hatte genügend Hilfe dabei gehabt. Er hatte alle Formvorsätze eingehalten.
      Ich war so frei und habe den obersten Finanzsekretär”, Zoras hatte vor einigen Monaten noch gar nicht gewusst, dass es sowas überhaupt gab, “über den kommenden Erlass unterrichtet. Ich habe ihm ein Stadthaus zugeteilt, in dem du dich mit ihm treffen kannst. Das Oberhaupt der Handelsgilde wird morgen hinzustoßen.
      Er wartete gar nicht erst auf eine weitere Reaktion des Mannes, sondern zückte einen neuen Schrieb und wandte sich an Esho.
      Ich rechne mit landesweitem Chaos, wenn der Alkohol erstmal fließt. Hier geht es nicht um akute Sicherheitslücken, sondern darum, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Ich unterstelle den Kommandant für städtische Sicherheit deinem Kommando. Er wird bei den Kasernen auf deine Einweisung warten. Höre auf seinen Rat, denn er kennt sich damit aus, eine Stadt bei Recht und Ordnung zu halten.
      Er ging weiter zu Kalea, die ihn noch immer trotzig ansah.
      Ich verlange eine geregelte Ein- und Ausreise aus Kuluar, damit durch den Erlass nicht das Met kostengünstig durch uns in andere Länder gelangt. Ich brauche eine Volkszählung, verstärkte Sicherheitskontrollen und eine Zoll-Anpassung. Du wirst dich dafür mit den hiesigen Botschaftern treffen und dich beraten lassen. Ristaer soll dich dabei unterstützen, die Zölle in die Wege zu leiten, und Esho soll dich dabei unterstützen, die Grenzsicherheit aufrecht zu erhalten. Dieses Schreiben erlaubt es dir, mit eigenen Mitteln Leute für deine Zwecke zu rekrutieren. Ich erwarte wöchentliche Berichte.
      Zuletzt wandte er sich an Feyra. Feyra, nicht Dionysus.
      Bis vor ein paar Tagen hatten wir noch ein laufendes Informationsnetzwerk durch eine Gottheit, die an vielen Orten gleichzeitig sein kann. Diesen Luxus besitzen wir nicht mehr. Feyra, ich ernenne dich zur Staatsspionin.
      Er händigte ihr das Schreiben aus und die Frau starrte ungläubig und überwältigt darauf.
      Du und dein Champion werden das übernehmen, was Oronia uns hinterlassen hat. Ich habe dafür Wilbens Arbeiten zusammentragen lassen. Es gibt einen obersten Spion, mit dem Oronia sich regelmäßig ausgetauscht hat und der dir zur Verfügung stehen wird. Triff dich mit ihm an dem vereinbarten Treffpunkt und lasse dir von ihm sagen, wie viele Leute er zur Verfügung hat und wo sie überall positioniert sind. Wir brauchen die meisten Spione hier in dieser Stadt, aber auch welche bei allen landesweiten Bürgermeistern und an den Grenzen. Es liegt in deiner Verantwortung, dass wir rechtzeitig erfahren, ob der Alkohol aus dem Ruder läuft. Nimm deine Aufgabe ernst.
      Er wandte sich wieder an alle.
      Ich übergebe jedem von euch freie Entscheidungsmacht über sein Aufgabengebiet. Ich enthebe die Bindung an den gesamten Rat, solange es eure Positionen betrifft. Tägliche Versammlungen werden nicht mehr nötig sein. Ich erwarte regelmäßige Berichte. Sollte ich erkennen, dass ihr euren Positionen nicht gerecht werdet, so werde ich euch als des Rates nicht nützlich erachten und euch eurer Positionen entheben. Ihr dürft euch dann aussuchen, ob ihr euch freiwillig von eurer Essenz trennt, oder sie euch entrissen werden soll. Es dürfte sich anbieten, bei Wilben nachzufragen, wie sich der Tod seines Champions angefühlt hat.
      Er sah einmal in die Runde. Große Augen begegneten ihn. Dionysus sah höchst neutral ein.
      Zur Effizienz eurer Arbeit werdet ihr in die euch zugewiesenen Stadthäuser umziehen. Veranlasst selbst, dass alle eure Besitztümer hinüber gebracht werden. Von heute an werden euch in diesem Palast nur noch Gästezimmer zugewiesen.
      Ihr seid entlassen.

      Später eilte Zoras wieder durch die Gänge, Zavion bei ihm. Der erste Schritt war getan, aber so anstrengend er auch gewesen war, das war erst der Anfang. Er war noch lange nicht fertig mit allem.
      “Eure Hoheit, ich verstehe nicht ganz, was Ihr getan habt”, sagte der Mann.
      Ich habe aus ihnen Herzöge gemacht, Zavion. So nennt man diese Konstellation in meinem Land.
      “Und dieser Erlass auf Met ist gut? Wird uns das helfen?”
      Ganz anders als das. Ich befürchte sogar, es wird Kuluar in ein einziges Chaos stürzen.
      “Mit Verlaub - wieso habt Ihr es dann getan?”
      Kennst du dich mit Phönixen aus, Zavion? Wenn sie sterben, dann zerfallen sie zur Asche und werden durch sie wiedergeboren. Kuluar war schon ein einziges Chaos, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als es in Asche zu verwandeln, um zu hoffen, dass daraus etwas besseres entstehen wird.

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    • Dort, wohin Kassandra verschwunden war, existierte weder Zeit noch Raum. Sie hatte sich im Nichts aufgelöst, hatte sich so klein zerlegt, dass sie mit den Molekülen der Luft eins wurde und im Himmel schwebte, ohne dass auch nur irgendjemand wusste, dass sie dort war. Ein war ein Zustand wie in einem Winterschlaf, in dem Zeit keinerlei Rolle spielte. Sie war einfach nur da. Ohne Gedanken, ohne Gefühle, ohne einen Sinn. Es war eine Flucht, ein Rückzug, der Ausweg, um nicht das Unheil auf die Erde loszulassen, das sich bei Oronia bereits angedeutet hatte.

      Manchmal sprechen diese Gedanken in meinem Kopf so laut
      Jede Kleinigkeit, an die ich denke
      Baut einfach auf dem Schmerz und den Zweifeln auf
      Auch wenn ich es einfach rauslassen möchte
      Ich versuche so zu tun, als ob es mir nichts ausmacht, versuche meinen Mund so ruhig zu halten
      Aber das Sitzen in meiner Stille scheint es nur zu verstärken


      Irgendwann öffnete Kassandra ihre Augen. Wie viel Zeit vergangen war, wusste sie nicht. Aber die Leere war noch immer da, als hätte sie die Szene in der Hauptstadt gerade erst verlassen. Von oben herab blickte sie auf die Erde unter ihr, das Land, das sich Kuluar nannte. Sie erkannte die Hauptstadt, sie erblickte die fernen, kleineren Städte. Weiter hinten erstreckte sich der Horizont, aber dieses Mal rief er nicht nach ihr. Sie wollte nicht fliegen, bis sie eins mit dem Wind war. Keine Millionen Kilometer über der Erde hinwegziehen und sich an dem erfreuen, was sie war.
      Das bekämpfte nicht die Leere in ihr.
      Also wählte Kassandra einen Ort aus, an dem sie die Erde wieder mit ihren Füßen betreten würde. Einen einzigen, wo sie sich sicher war, dass ihr dort niemals Rechenschaft für ihr Handeln geboten wurde.

      Ich falle in Ungnade und sehe zu, wie alles auseinanderfällt
      Ich wusste, dass ich von Anfang an alles hätte ändern können
      Wenn ich gegen mich selbst kämpfe, verliere ich immer
      Wenn ich gegen mich selbst kämpfe, verliere ich immer

      Es war mitten in der Nacht, als ein Verpuffungsknall die Stille der Stadt zerriss. Es hatte im Laufe der Nacht geregnet und der sandige Weg, der Rasen, die Steine waren triefnass vom Regen. Kassandra hatte sich auf dem Weg vor dem Anwesen in Paspatera materialisiert und ihre immense Hitze hatte die Feuchtigkeit um die herum schlagartig verdampfen lassen. Nebel stieg noch immer von überall her auf und hüllte das Anwesen in eine gruselige Stimmung, während die Phönixin unbewegt auf dem Weg stand und den Boden vor sich ansah.
      Lichter gingen in dem Anwesen an. Es polterte, dann wurde die Tür des Anwesens aufgerissen und Santras erschien mit seinem Nachtkleid im Türrahmen. Er rief weder nach seinen Wachen, die er wie beim letzten Mal auch schon nicht in der Nähe postiert hatte, noch seine Bediensteten herbei. Er rief nicht einmal danach, wer im Nebel stand. Er starrte mit zusammengezogenen Brauen in den Nebel hinein. Bis er eine Gestalt auf seinem Weg ausfindig machen konnte. Die Skepsis wich dem Schock, als er erkannte, wer dort stand. Sofort stolperte er barfuß auf den Sandweg, kämpfte sich durch den Nebel und näherte sich der Frau, deren schwarze Haare in schwarze Flammen übergingen und an ihrem Körper herabflossen, um ihr eine unwirkliche Erscheinung zu verpassen. Ihre roten Augen waren im Kern noch immer schwarz.
      „Kassandra!“, keuchte Santras, als er in Hörweite war. „Was tust du hier?! Was ist passiert?“
      Er fragte nicht, ob etwas passiert war. Sofort wusste er, dass die Phönixin nicht ohne Grund mitten in der Nacht und ohne Ankündigung vor seinem Anwesen erscheinen würde. Er streckte eine Hand nach ihr aus, stoppte und betrachtete sie noch einmal erneut. Unverständnis stand in sein Gesicht geschrieben, als er all das schwarz sah.
      „Ich habe Oronia getötet“, sagte Kassandra in einer monotonen Stimme und hob den Blick von Santras Füßen, um in sein Gesicht zu sehen.
      Santras schüttelte leicht den Kopf. „Und die anderen?“
      „Leben.“
      Eine Pause entstand. „Und der Eviad?“
      „Lebt.“ Die Antwort kam unverzögert, aber mit derselben Monotonie. Das war Stimme von Göttern, denen menschliche Belange vollkommen gleich waren.
      Santras wirkte nicht überfordert, nur unschlüssig. Er ließ seine Hand etwas sinken und bot ihr die offene Handfläche an, ähnlich wie Zoras es immer tat. Doch die Phönixin reagierte nicht darauf. Langsam atmete Santras ein, sein Verstand fing schon an zu arbeiten. Dann nahm er seine Hand zurück, knickte den Arm vor sich in einem rechten Winkel und beugte sich vor. So tief, dass sein Kopf noch unter dem Arm schwebte.
      Kassandras starrer Blick nach vorn senkte sich auf den Arm. Die Flammen, die noch immer um sie zuckten, beruhigten sich, zogen sich von ihren Händen zurück. Ganz langsam hob sie ihre rechte Hand und legte sie auf Santras Unterarm. Santras zuckte leicht zurück, weil ihre Hand eine glühende Hitze ausstrahlte, doch er sagte nichts. Stattdessen richtete er sich wieder auf und drehte sich zu seinem Anwesen, ihm folgend die Phönixin, die noch immer keinen Ausdruck auf dem Gesicht trug.
      „Ich wollte nicht, dass du denkst, dass ich so schnell erschöpft bin
      Ich wünschte, ich hätte es zurückgehalten, damit du nie wüsstest, was sich in mir aufgebaut hat
      Jetzt weiß ich nicht, wie es überläuft, unfreiwillig herausgeflossen ist
      Aber jetzt kam alles, was ich zu hassen gelernt habe, zum für dich zum Vorschein.“
      Kassandra sprach keine Worte, es war ein Singsang, der feierlich klang, es aber überhaupt nicht war. Sie wirkte nicht ganz da, als sie die Zeilen sang und Santras konnte seine Betroffenheit nicht verbergen. Er wusste, dass er es auch gar nicht brauchte, denn Kassandra würde es im Augenblick sowieso nicht deuten können. In seinen uralten Erinnerungen kannte er die Gründe, wenn Phönixe sangen und sie nach all der Zeit jetzt wieder zu hören, war Segen und Fluch für den Mann zugleich. Nichts hätte er lieber gehört als ihre Stimme, aber nicht mit so einem Lied. Nicht, wenn sich die Göttin, die er liebte, so weit weg befand.
      Kassandra summte noch immer, als sie zusammen das Anwesen betraten und die Nacht aussperrten. Der Nebel würde sich irgendwann setzen und Tau auf den Blättern und Steinen und Körnern hinterlassen. Er würde verdunsten, sobald die Sonne aufging und die Wärme Einzug hielt. Wenn das Licht wieder die Erde berührte und der Schrecken der Nacht vergangen wäre.
      Nur konnte niemand sagen, wie lange die Nacht für Kassandra anhalten würde.



      Esho war sich nicht wirklich sicher, warum er so glimpflich davongekommen war. Als der Plan geschmiedet wurde, war Esho von Anfang an dafür gewesen. Er wollte, dass sich die Phönixin von diesem jämmerlichen Mann entfernte, der ihr nicht ebenbürtig war. Dass am Ende Oronia sogar vollkommen ausgelöscht wurde, hatte keiner so recht vorhergesehen.
      Mindestens genauso erfreut war er über die Tatsache, dass Kassandra offensichtlich wirklich verschwunden war. Die Chance, dass sie also ihre Verbindung zum Eviad gekappt hatte, war hoch. Jetzt musste er sie nur noch einmal finden oder darauf hoffen, dass sie zurückkam. So wie er ihre Art einschätzte, würde sie noch einmal erscheinen. Und sei es nur, um lose Enden zu knüpfen.
      Außerdem gab es eine neue Entwicklung. Dionysus war das erste Mal ungehalten gegenüber einem der anderen Champions. Das hatte Esho erst erfahren, nachdem er sich an Mirdoles Fersen geheftet hatte. In der Phase, wo niemand so recht wusste, was der Eviad nach diesem Attentat der besonderen Art plante, hatte sich der Kriegsherr an die einzige Person gewandt, die ihm ein wenig sympathisch vorkam und intelligent genug zum Reden war: Die Gorgone.
      Immer wieder fing er sie ab, wenn sie gerade einmal nicht mit ihrer Trägerin umher wanderte. Zu Beginn hatte er sie damit gelockt, gegen Asterios zu kämpfen. Aber mit der Zeit hatte er sie dann nicht direkt gehen lassen, sondern versucht, sie in Gespräche zu verwickeln. Es dauerte, floss nur zäh, aber seine Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Kalea setzte Mirdole völlig falsch ein. Die Gorgone konnte so viel mehr und das versuchte er ihr auch klarzumachen. Zumindest, dass Esho der Meinung war, sie wäre bei ihm in besseren Händen.
      Nach dem großen Eklat im Saal, wurde alles neu umstrukturiert worden. Er hörte lautstark Ristaer sich beschweren und auch Feyra jammerte verstärkt. Kalea war einer Furie gleich, aber er selbst… war erstaunlich glücklich davon gekommen. Er durfte weiterhin dem frönen, was sowieso seine Vorliebe war. Er durfte jetzt nicht mehr nur das Heer und die Palastwachen befehligen, jetzt hatte er sogar die ganze Stadtwache unter sich. Und dann auch noch die Grenzkontrollen. Er konnte nun Menschen auf Karten hin und her schieben, wie er wollte und sich selbst dahin bringen, wo es in höchster Wahrscheinlichkeit zu Auseinandersetzungen kommen würde. Er liebte diese Entscheidung - achtete aber tunlichst darauf, dass der Eviad davon nicht allzu viel mitbekam.

      Stattdessen krallte sich Esho immer häufiger Mirdole. Er bequatschte Kalea solange, bis sie die Schnauze voll von ihm hatte und sie ihm überließ, damit er einfach nur ging. Sein Plan, sich mit noch einer Gottheit gutzustellen, rückte in greifbare Nähe. Nachdem er gesehen hatte, wie schnell sich ein ach so toller Champion in Luft auflösen konnte, wollte er gefeit sein. Asterios war ein guter Nahkämpfer, aber er besaß wenig Grips. Mirdole hingegen besaß beides und ungesehen von findigen Augen nutzte er dies aus, um sich persönlich mit Göttern zu messen. Menschen schlug Esho spielend leicht, aber dem Angriff von Kassandra, dieser Urgewalt, hätte er nicht standhalten können. Er musste sich also für den Fall wappnen, gegen einen Champion antreten zu müssen, und so schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe. Mirdole bekam Abwechslung von Kalea und er durfte hemmungslos in fragwürdigen Zweikämpfen loslegen.

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    • So viel Potenzial die neue Aufgliederung auch hatte - Zoras fürchtete mit dem schlimmsten. Und um das schlimmste zu verhindern, versuchte er es vorzubeugen.
      Der erste Teil war es gewesen, die Ratsmitglieder voneinander zu trennen. Es war hauptsächlich Kassandras Beobachtung gewesen, dass sich alle zehn ständig und permanent so nahe aufsaßen - und das seit Jahren schon - dass es gar kein Wunder war, wie sehr sie sich gegenseitig ankeiften. Esho, Asterios und Oronia waren die einzigen (gewesen), die den Palast hin und wieder verlassen hatten, aber der Rest hatte hier sein Zuhause und seine Vorlieben gehabt. Dabei lief man sich nunmal häufiger in die Quere, als einem gut war, und ein getrennter Wohnsitz sollte dabei helfen, alles ein wenig zu entzerren. Zoras hatte selbst seine Gereiztheit gemerkt, wenn er in Theriss wochenlang im Palast gewesen war, um den König zu beraten. Man aß mit den gleichen Leuten, man sprach mit den gleichen Leuten und leider diskutierte man auch mit den gleichen Leuten. Es war ein Wunder, dass der Rat sich nach all den Jahren nicht schon gegenseitig an die Kehle gesprungen war.
      Im zweiten Teil zielte Zoras darauf ab, jedes einzelne Mitglied so stark zu beanspruchen, dass ihnen gar keine Zeit - und im besten Fall keine Lust - mehr dafür blieb, sich mit Zoras oder mit irgendeiner Gegenwehr zu beschäftigen. Er überhäufte sie einfach so sehr mit Arbeit, dass sie mit der Regierung des Landes schon allerhand zu tun hatten. Dabei musste er ihnen die Möglichkeit nehmen, sich einfach aus der Affäre zu ziehen. Bei Ristaer hatte er es geschafft; der Mann war jetzt ein Held, besonders für die arme Bevölkerung, und er würde einen Teufel tun, seinen eigenen Namen in den Schmutz zu ziehen. Ein Monat war zwar keine sehr lange Zeit, bis der Mann den Erlass zurücknehmen konnte, aber bis dahin hatte Zoras sich hoffentlich etwas anderes ausgedacht. Bis dahin wusste er die Stärken und Schwächen des Mannes hoffentlich besser, um sie gezielt einzusetzen.
      Auch bei Esho erhoffte er sich schon Erfolg. Es war ein unglaubliches Risiko, dem Mann eine Militärmacht zuzustehen, mit der er sogar in Zoras' Leben eingreifen konnte, aber es war ein Risiko, das sich umso mehr auszahlen könnte. Von Anfang an war klar gewesen, dass Esho sich für den Militärdienst interessierte und eigentlich gar keine Lust darauf hatte, den ganzen Tag in einem Saal zu sitzen und sich durch Blätter zu wälzen.
      Zoras ging es schließlich nicht anders.
      Wenn er also seine Leidenschaft finden und aufblühen konnte, würde er sie hoffentlich nicht dazu einsetzen, Zoras ein für allemal zu stürzen, sondern er würde sich daran erinnern, wer es ihm überhaupt möglich gemacht hatte. Dafür musste Zoras beobachten und strategisch vorgehen. Dabei musste er Feingefühl zeigen.
      Mit Kalea war es schwieriger, denn sie hatte immernoch ganz eindeutig eine schlechte Meinung von ihm. Das einzige, was er in den letzten Monaten von ihr mitbekommen hatte, war ihre Störrigkeit, ihr Eigensinn, und dass sie es vermutlich liebte, wenn Menschen nach ihrer Pfeife tanzten. Auch das versuchte Zoras zu seinen Gunsten zu nutzen, aber dafür musste er sich wesentlich vorsichtiger bei ihr vorarbeiten. Momentan brannte sie sicherlich noch stärker darauf, sich an dem Eviad zu rächen - angefangen beim Tod von Oronia - um sich ernsthaft mit ihrer neuen Stelle auseinanderzusetzen. Er musste ihre Aufmerksamkeit also beanspruchen, er musste sie in die richtige Bahn zu lenken versuchen und er durfte dabei nicht zu früh oder zu spät vorgehen. Kalea würde Arbeit bedeuten. Hoffentlich würde die Trennung zu den anderen Ratsmitgliedern bei ihr am meisten Einfluss zeigen.
      Und zuletzt war da natürlich noch Dionysus, dem Zoras noch kein bisschen traute. Er hatte Feyra zur Spionin ernannt und damit appellierte er an ihre Fähigkeit und ihren rechtmäßigen Status im Rat, aber es war noch immer Dionysus, der seine Trägerin in der Hand hatte. Zoras wusste nicht, was hinter verschlossenen Türen bei den beiden vor sich ging und er hatte auch keine Chance, es herauszufinden, daher musste er versuchen, an Feyras Erfolg zu glauben. Zeitgleich wollte er aber seine eigene Sicherheit auch wieder verstärken. Es würde ihn gar nicht wundern, wenn Dionysus seine Trägerin durch irgendeinen Trick loswürde und eines Tages einfach bei Zoras auftauchen würde. Um das zu verhindern, musste Feyra zwar "einfach nur" seine Essenz bei sich behalten, aber nach dem Vorfall mit dem Wein war Zoras sicher, dass Dionysus genügend andere Wege kannte um zu bekommen, was er wollte. Für ihn würde sich Zoras noch was einfallen lassen müssen. Was richtiges einfallen müssen. Denn er war unter all den Ratsmitgliedern noch völlig unbezwungen.

      Also versuchte Zoras, die nächsten Tage alles in die richtigen Bahnen zu lenken. Er hatte in jedem der Stadthäuser, in dem die Ratsmitglieder unterkommen sollten, seine eigenen Spione untergebracht, die ihm täglich Neuigkeiten lieferten, wie sich die anderen machten. Er hatte auch engen Kontakt mit all den Ansprechpartnern, die er den Ratsmitgliedern zur Verfügung gestellt hatte. So versuchte er, nach und nach seinen Plan entfalten zu lassen. Es war riskant und es war ein sehr wackeliges Gerüst.
      Je mehr er sich damit beschäftigte, desto mehr konnte er die Kälte in seinem Inneren ignorieren. Natürlich wusste er, dass es keine Kälte per se war, denn es gab nichts in ihm, was Kälte ausstrahlen könnte, sondern es war eher die Abwesenheit der Wärme. Eigentlich sollte er sich also ganz normal fühlen, so, wie er eben war. Eigentlich hatte er aber auch eine Schwurpartnerin, die nicht an seiner Seite war, und vielleicht war das ja doch etwas, was eine Kälte in ihm hervorrief.
      Wenn es aber dunkel wurde, wenn er alleine war und in seinem leeren Gemach letzte Unterlagen durchlas, wenn es keine Geschäftigkeit und keinen Zeitdruck mehr gab, die ihn ablenken konnten, dann schweiften seine Gedanken doch immer wieder zu Kassandra ab und dazu, dass sie nicht bei ihm war. Wo sie nur sein konnte, dass er sie nicht einmal mehr erahnen konnte. Ob sie doch wegbleiben könnte. Aber für immer? Wäre sie so nachtragend?
      Aber er wusste noch nicht einmal, wie sehr der Vorfall sie mitgenommen hatte. Er konnte nicht erahnen, ob es bei den Göttern sowas wie Untreue gab, denn sowas benötigte Gefühle und auch wenn Kassandra den Menschen am nächsten war, war sie noch immer eine Göttin. Könnte es schlimmer gewesen sein, weil Oronia auch eine Göttin gewesen war? Hatte sie das damit persönlicher getroffen?
      Seine Gedanken schweiften in der Dunkelheit immer in dieselbe Richtung ab und wenn sie das taten, dann konnte Zoras bald nicht mehr weiterlesen, sondern fuhr sich durch seine Stoppeln und versuchte, sich von seiner nagenden Verzweiflung nicht auffressen zu lassen. Er hatte Kassandra nicht einmal erzählen können, was vorgefallen war, er war nur erbärmlich auf dem Boden gelegen und hatte immer wieder ihren Namen gesagt, als könne sie immer und überall seine Probleme lösen. Dabei war das hier gar nicht sein Problem, sondern diesmal war es Kassandras Problem, von dem er sie erlösen könnte - wenn er sie nur erreichen könnte. Wenn er ihr nur sagen könnte, dass es alles nicht so ausgesehen hatte, wie es auf den ersten Schein gewirkt hatte. Wenn er nur bezeugen könnte, dass er Oronia gar nicht gewollt hatte und dass er gar nicht die Macht besessen hatte, sie von sich zu weisen.
      Aber würde sie ihm überhaupt glauben? Konnte sie das?
      Darauf liefen seine Gedanken jede Nacht heraus und er begann sich wieder zu wälzen. Er hatte auch wieder Albträume. Niemand war da, um ihn zu wecken, bis er nicht doch schweißgebadet in seinem Bett aufwachte. Manchmal kamen Wachen hereingestürmt, als sie ihn schreien hörten. Zoras schrie sie dann noch viel lauter an, dass sie wieder gehen sollten, obwohl er froh um ihre Gründlichkeit war. Sie kamen auch jedes Mal doch wieder herein, wenn sie etwas hörten, auch, wenn sie seinen Zorn dabei auf sich zogen. Es waren gute Leute.
      Irgendwann würde er anfangen müssen, nach Kassandra zu suchen. Er wusste aber noch nicht, wie er das anstellen sollte, ohne sich dabei die Blöße zu geben.


      Als die Albträume eines nachts wieder besonders schlimm wurden - er träumte zu ertrinken, während Loki am Ufer stand und Kassandra den Arm um die Schulter legte, während beide ihm dabei zusahen - stand er stattdessen wieder auf, zog sich an und ging Kassadra besuchen. Jetzt gab es immerhin keine Götter mehr im Palast, die ihn dabei beobachtet hätten und die sich diese Information zu Nutzen hätten machen können. Zoras war relativ ungestört, als er in dieser Nacht zu den Ställen und zu seiner Stute ging.
      Er hatte herausgefunden, wer die Frau war, die er damals bei Kassadra getroffen hatte: Tevia, eine Waschfrau, die schon seit 7 Jahren dort arbeitete. Das eine beunruhigte Zoras ungemein, das andere erleichterte ihn wiederum. Was hatte eine Waschfrau bei den Pferden verloren? Und gerade bei Kassadra, wo es doch so viel stärkere, bessere, reinrassigere Pferde im Stall gab als sie? Warum gerade die Stute des Eviads?
      Seit dem Fest war er ihr aber nicht noch einmal begegnet und auch jetzt, als er die Dunkelheit der Ställe betrat, durchsuchten seine Gardisten erst das gesamte Gebäude, bevor sie ihn einließen. Diesmal war er ganz froh darum. Wenn diese Tevia nun auch mitten in der Nacht bei Kassadra auftauchte, wenn er sie besuchen gehen wollte, würde er sie vermutlich in den Kerker werfen lassen. Und dann würde er erst recht nicht schlafen können.
      Sie befand sich aber nachts nicht in den Ställen und so konnte Zoras sich ganz getrost wieder zu Kassadra setzen, konnte leise mit ihr reden, konnte sie streicheln und kraulen und dabei den Geräuschen des Stalls lauschen. Er döste auch ein, für einen Moment, zog aber ab, sobald er wieder aufwachte. Es ziemte sich nicht für den Eviad, im Stall zu schlafen. Das würde einen Skandal hervorrufen, den er momentan am wenigsten gebrauchen konnte.
      Aber genauso wenig half es ihm, nur bei Kassadra zu sitzen. Er wollte mehr von seiner neuen Freiheit haben. Also entschied er sich eines Abends, mit Kassadra auszureiten.
      Dafür ging er in die Ställe. Dafür wollte er Sattel- und Zaumzeug besorgen, musste dann aber zur Seite treten, damit seine Stute von den Stallburschen gesattelt werden konnte. Er war immerhin der Eviad, er mühte sich nicht mit Arbeit ab. Dafür führte er sie nach draußen und war sofort von mehr als zehn anderen Reitern umringt, die ihn begleiten würden.
      Auffälliger ging es ja wohl nicht. Zoras würde keine zehn Meter weit kommen, dann hätte sich schon herumgesprochen, dass der Eviad den Palast verlassen hatte, und sämtliche Bewohner würden sich in den Straßen tummeln, um ihm zuzurufen oder gar an ihn heranzudrängen versuchen. So betrachtet waren da zehn Reiter sogar noch zu wenig.
      Das war nicht das, was er erhofft hatte. Gleichzeitig wusste er, dass er unmöglich ohne Gardisten das Gelände verlassen konnte. Er war also in einer Patt-Situation.
      Wäre ihm da eine Nacht darauf nicht eine völlig wahnsinnige, riskante Idee gekommen. Eine, die er sofort umsetzen wollte, kaum hatte sie sich in ihm verfestigt.

      Die Nacht darauf besorgte Zoras sich einen tiefschwarzen Mantel und einen dunklen Schal. Er ging früh zu Bett, wachte mit seinem ersten Albtraum wieder auf und stand auf. Er zog sich etwas leichtes, lockeres über und verließ sein Gemach.
      "Ich brauche keine Eskorte, ich möchte mir nur die Beine vertreten. Ich bin in einer Stunde wieder da."
      Die Wachen gehorchten. Sie ließen Zoras ziehen und der wanderte langsam den Gang hinunter, bog um die Ecke, hielt bei der nächsten Tür an, sah sich schnell um und schlüpfte hinein. Drinnen wickelte er sich den Schal ums Gesicht und warf sich den Mantel über. Sein Herz pochte wie wild, während er sich so verkleidete. Wenn das hier schiefging, dann hätte er ja doch noch einen Skandal am Hals. Einen schlimmen.
      Aber er wollte es probieren. Unbedingt. So verkleidete er sich, spähte durch die Tür nach draußen und schlüpfte dann wieder heraus. Zügiger ging er den Gang entlang.
      Keine Wache hielt ihn auf, auch wenn nicht wenige ihn mit misstrauischen, eindringlichen Blicken betrachten. Sie ließen ihn vermutlich deswegen in Ruhe, weil er geradewegs auf den Ausgang zusteuerte und nicht etwa zu den Gemächern des Eviads oder sonstwohin. Die Wachen am Eingang ließen ihn nämlich höchst bereitwillig passieren.
      Der Stall war dann die Prüfung, ob seine Verkleidung bisher funktionierte. Die Wachen schienen ihn erst nicht zu beachten, als er auf den Eingang zuging, kreuzten dann aber plötzlich die Speere vor ihm.
      "Kein Zutritt mehr für heute."
      Das hatte er nicht bedacht. Als Eviad konnte er immer und überall hinein, aber manche Orte waren für das gemeine Volk wohl versperrt.
      Er traute seiner Stimme nicht, daher griff er einfach in seinen Mantel - die Wachen verspannten sich sofort - und holte ein Schreiben hervor. Natürlich sein eigenes Schreiben mit eigenem Siegel. Die Wachen lasen es gründlich und mehrmals durch und betrachteten ihn dann skeptisch. Zoras senkte den Blick, weil er sich in seiner Verkleidung noch immer nicht wohl fühlte. Dann nickten sie aber und traten beiseite.
      "Ich lasse sie rausbringen."
      Zoras erwiderte das Nicken und wartete.
      Sie brachten Kassadra, gesattelt und hergerichtet. Sie übergaben die Zügel kommentarlos und Zoras nahm sie steif entgegen. Er musste sich beherrschen, seiner Stute nicht zuzuflüstern oder sie gar vertraut zu streicheln. Er musste sich beherrschen, nicht völlig nervös zu werden.
      Dann kam der eigentlich wichtige Teil und er saß auf und lenkte sie auf das Tor zu. Die Wachen öffneten ihm gerade so weit, dass er hindurch passte. Kassadra trottete hindurch und dann war er draußen auf dem Vorplatz.
      Keiner folgte ihm. Keiner rief ihm nach. Es gab keinen Aufruhr wegen ihm und keiner verneigte sich.
      Zoras war durch. Zoras war in der Stadt. Und Zoras war alleine.
      Die Nervosität schlug augenblicklich in ein Hochgefühl über und er trieb Kassadra an. Sie verfiel in einen lockeren Trab und brachte ihn auf der Hauptstraße in die Stadt hinein. Zoras hätte vor Glück lachen können. Das war sein erster, ungestörter Ritt in sechs vollen Monaten.
      Leider konnte er die Stadt nicht verlassen, denn das wäre ihm viel zu riskant gewesen, und er konnte Kassadra auch nicht die Sporen geben, denn das wäre in der Dunkelheit regelrecht auffällig gewesen. So musste Zoras sich damit zufrieden geben, in einem lockeren Trab durch ein paar Straßen zu ziehen, bevor er auch schon wieder umkehrte. Er wollte nicht zu lange wegbleiben, damit die Wachen im Palast keine Panik schoben, wenn bekannt wurde, dass der Eviad nicht aufzufinden war. Er hatte ja nur ein bisschen ausreiten wollen und das hatte er damit gemacht.
      Der Rückweg war gefährlicher, denn die Wachen am Tor wollten ihn natürlich nicht passieren lassen. Zoras hoffte inständig, dass sein eigenes Siegel stark genug war, um den Unbekannten, den er ausgab, eintreten zu lassen, denn sonst hätte er seine Verkleidung lüften müssen und damit sicher für Aufruhr gesorgt. Sie betrachteten seinen Schrieb auch eine ganze Weile lang, so lange, bis er dachte, sie würden ihn noch abweisen.
      Dann ließen sie ihn eintreten. Er ging zum Stall, lieferte Kassadra ab und musste sich dann derselben Prüfung noch einmal beim Palast selbst unterziehen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren gut, vielleicht auch zu gut. Nach drinnen begleitete ihn nämlich eine Wache.
      Er tat dasselbe wie vorhin und verschwand in dem Raum, den er sich extra offen gelassen hatte. Dort riss er sich den Mantel und den Schal ab, glättete seine schlichten Gewänder und öffnete dann die Tür. Die Wache nahm sofort Haltung an.
      "Du kannst gehen."
      Der Mann verbeugte sich tief, dann zog er zügig ab. Zoras wartete darauf, bis er weg war, dann kam er heraus, den Mantel unter seinen Gewändern versteckt, und ging zurück in sein Gemach. Die Gardisten salutierten vor ihm ohne einen Kommentar abzugeben. Zoras trat ein und grinste dann doch über den verbotenen und höchst gefährlichen Ausritt, den er unternommen hatte. Es war gut gewesen. In dieser Nacht schlief er ein kleines bisschen besser, auch wenn es die Albträume nicht verhinderte.

      Von diesem Tag an ritt er jede Nacht aus, jede Nacht ein bisschen länger, jede Nacht ein bisschen weiter weg. Er gewöhnte sich an die Freiheit, die ihm seine Verkleidung bescherte, und fand schnell heraus, wie er den Ablauf noch besser machen konnte. Irgendwann ging er sogar gar so weit, Kassadra vor einer Taverne anzubinden und hineinzugehen. Er setzte sich in die Schatten, abseits des Lichts, und bestellte sich sogar ein Met. Ab da an war es sogar fast wieder wie vor einem Jahr und Zoras konnte für einen Augenblick die Sorgen und die Arbeiten des Palastes ganz hinter sich lassen.
    • „Bist du dir sicher, dass du niemanden sagen möchtest, dass du hier bist? Ich schätze deine Anwesenheit sehr und du kannst auch solange hier bleiben, wie du es wünschst, aber… meinst du nicht, Zoras würde es wissen wollen?“
      Santras versuchte schon seit Tagen zu Kassandra durchzudringen. Er hatte es nicht an die Öffentlichkeit getragen, dass sie nun in seinem Haus untergetaucht war und sich dort und das große Gästezimmer gesetzt hatte, dass die breiten Steinplatten zum Fenster hin hatte. Dort saß sie, tagein, tagaus, und sah nach draußen in die Gärten. Jeder Affront, sie dazu zu bewegen, in der Hauptstadt Bescheid zu geben, war im Sande verlaufen. Auf Nachfrage hin hatte sie nicht reagiert und wirkte völlig teilnahmslos. Bis auf den Gesang, den sie in der ersten Nacht von sich gegeben hatte.
      Santras stand neben ihr, zwei Teetassen in der Hand und sah auf die Phönixin hinab. Sie saß auf dem Stein, angelehnt an der Wand, die Beine halb unter den Körper gezogen. Er seufzte leise, bückte sich und stellte ihr eine Tasse hin. Aus dem Augenwinkel sah er, wie ihre Augen die Tasse fixierten und sie ihren Kopf endlich drehte.
      „Die Sorten von damals existieren natürlich nicht mehr. Aber Sandelblüten kommen dem Aroma wenigstens ein bisschen nahe. Meinst du nicht?“, fragte der Mann sie, während er sich ihr gegenüber auf die Granitsteine sinken ließ und seine eigene Tasse in beiden Händen hielt. „Probier es aus.“
      Kassandras Lider hoben sich, betrachteten Santras, und senkten sich wieder. Dann richtete sie ihren Körper neu aus und griff langsam nach der Tasse, um sie zwischen die Finger beider Hände zu nehmen. Sie besaß keine Henkel und deutete damit eine andere Kultur an als die hiesige. „Es duftet verwandt“, sagte sie schließlich und der Klang ihrer Stimme war so, als würde eine Last von Santras‘ Schultern abfallen.
      „Wieso strafst du auch mich mit Stille, Kassandra? Ich habe dir nichts getan und du hast mich aufgesucht“, sagte er langsam und in einem versöhnlichen Tonfall. Ihm war bereits aufgefallen, dass sie nicht ganz bei sich zu sein schien.
      Kassandra sah auf den klaren, braunen Inhalt ihrer Tasse. „Stimmt. Das ist nicht gerecht.“
      „Ist es nicht, nein.“
      „Worte fassen weder meine Gedanken noch Gefühle“, erklärte sie und nippte an ihrem Tee. Ihre Lider schlossen sich, als sie Erinnerungen wachrief, die nur sie kannte. „Sie wären an dir verschwendet gewesen.“
      Santras zog ein Gesicht und legte den Kopf schief. „Seit wann sind denn Worte an mich verschwendet, Kassandra? Das sind ja völlig neue Ansichten, die du da gerade mit mir teilst.“
      Darauf reagierte sie nicht sofort. Die Tasse senkte sich in ihren Schoß, dann sah sie Santras direkt an. „Ich habe Oronia getötet. Sie für ihre Taten bezahlen lassen.“
      „Verrätst du mir auch, was diese Tat gewesen war?“, fragte er mit verhüllter Neugier und schwenkte seine Tasse. Es war ein Unding, ein Skandal, dass sie die Nymphe einfach so getötet hatte. Es musste einen immensen Grund dafür geben, denn das Gleichgewicht des Rates so zu stören, konnte schwerwiegende Folgen haben. Erst recht, wenn die Phönixin im Anschluss einfach verschwand.
      Kassandras Blick wankte nicht. Ihre Stimme besaß keinerlei Ausdruck, als sie knapp antwortete: „Sie hat mit Zoras geschlafen.“
      Santras starrte Kassandra sprachlos an. Man sah es ihm mit jeder Faser seines Gesichtes an, dass er damit nicht gerechnet hatte. Wenn er eines von Zoras behauptet hätte, dann, dass der Mann Kassandra auf Händen trug, so wie er selbst es einst getan hatte. Jetzt zu hören, dass er mit einer Nymphe das Bett geteilt hatte, weckte das erste Mal seit Äonen einen Funken Zorn in ihm, den er für unmöglich erachtet hatte. „Hast du es gesehen?“
      Kassandra nickte, noch immer fehlte ihr jeglicher Ausdruck. „Ich habe sie von ihm gerissen, während sie mitten dabei waren. Ich habe sie vaporisiert, sie hatte keine Chance. Das war ihr Todesurteil. Ich weiß, dass Dionysus seine Finger im Spiel hatte. Dennoch…“ Sie führte ihren Satz nicht zu Ende und sah wieder aus dem Fenster.
      Der Mann ihr gegenüber atmete hörbar aus. Er konnte es nicht fassen, in welcher Welt es geschehen konnte, in solch einem Augenblick der Phönixin auch nur unter die Augen zu treten. Wäre Santras an Zoras‘ Stelle gewesen, hätte er sich die Zunge abgebissen. Die Augen ausgekratzt, die Hände abgehackt. Alles, nur damit nicht das eintritt, was jetzt geschehen war. Es gab für ihn nicht einen Weg, wie er seiner Göttin so etwas hätte antun können. Nicht einen.
      „Vielleicht…“, er räusperte sich und hasste es, diese Wörter auszusprechen, „… vielleicht war er nicht Herr seiner Sinne.“
      Eine sehr lange Pause entstand, in der Kassandra ihre Tasse leerte und mit Santras aus dem Fenster sah. Irgendwann, als er dachte, es käme keine Antwort mehr, kam sie plötzlich doch: „Oh nein, Santras. Herr seiner Sinne war er ganz bestimmt nicht…“


      Tevia lag mit verschränkten Armen auf dem Tisch der Taverne. Tage war es jetzt schon her, seitdem die Phönixin aus dem Palast verschwunden war und die Stimmung hatte sich schlagartig geändert. Plötzlich fiel viel weniger Wäsche an, seitdem die Mitglieder aus dem Palast geworfen und in ihre neuen Gebäude verwiesen wurden. So viel weniger, dass jetzt schon Kürzungen auf dem Plan standen. Ihr eigener Name war bereits mehrfach gefallen und es war Ghanda zu verdanken, dass sie nicht mit einigen anderen Wäscherinnen schon die Kisten hatte packen müssen.
      Folglich war sie diese Nacht nach getaner Arbeit in die Taverne gegangen, um sich mit ein paar Silber den Frust von der Seele zu spülen. Nicht nur, dass ihre Zukunft im Palast auf der Kippe stand – sie hatte auch nach dem magischen Zusammentreffen mit dem Eviad keine weitere Begegnung erwirken können. Jedes Mal war ihr Timing scheinbar schlecht und irgendwann fand sie sogar heraus, dass Kassadra des Nachts bewegt wurde. Von wem auch immer.
      Nach zwei Krügen Met, das auf einmal spottbillig geworden war, hatte sie den Zustand der Resignation erreicht. Sie hörte den Leuten und ihren Stimmengewirren nur halb zu, die Musik drang kaum an ihr Ohr und die Augen hatte sie geschlossen. Es war einfach zum Mäusemelken.
      Seufzend stand Tevia von ihrem Platz auf und beschloss, an die Luft zu gehen. Hier drin war es zu gut gelaunt, als dass sie es in ihrem Trübsal noch länger hätte ertragen können. Sie stieß die Tür auf und verließ der Taverne, um sich in geringer Entfernung an die nächste Wand zu lehnen und in die Hocke zu gehen. Ihren Umhang hatte sie an sich gezogen, den Kopf jedoch nicht unter der Kapuze versteckt. Vor ihr bewegten sich Füße, Hufe und Pfoten. Alle geschäftig unterwegs in der Nacht mit einem ganz bestimmten Ziel vor Augen. Zu gern hätte sie auch eines gehabt, aber auf sie wartete nur eine kleine Kammer mit einem kleinen Bett darin. Nicht mehr.
      Vor ihr kam ein weiterer Reiter von vielen vorbei, der den Anbindebalken der Taverne ansteuerte und dort abstieg. Gedankenversunken rollte Tevia ihren Kopf zur Seite und betrachtete den Mann, der von dieser hübschen Stute stieg. Das hatte sie selbst in der Dunkelheit erkannt. Der Hals war zu schmal, die Flanken weniger betont. Eigentlich passte die Farbe des Tieres nicht so recht ins Bild. Die vertretenen Farben waren eher Rappen und Schimmel und keine Rotbraunen… Tevia runzelte die Stirn, sah dabei zu, wie der Mann das Pferd anband, das sich an seinem Ärmel liebevoll zu schaffen machte. Noch immer stirnrunzelnd verfolgte die Frau die Szene, bis sich der vermummte Mann in die Taverne begeben hatte. Erst da stand sie auf und näherte sich dem Pferd.
      Sie brauchte nur einen Blick in das Gesicht der Stute, damit sie Kassadra erkannte.
      Tevia schlug sich vor den offenen Mund und gaffte die Tavernentür an. Bei allen Göttern, das war doch ein schlechter Scherz! Wie um alles in der Welt kam denn der Eviad auf die Idee, des Nachts und allein in eine einfache Kneipe zu gehen?!
      Sie musste sich irren. Das hier war nicht Kassadra. Sie hatte zu viel getrunken.
      Das Pferd stieß Tevia am Arm an und ersuchte ganz offensichtlich etwas aus ihren Taschen.
      Das WAR Kassadra.
      Wieder starrte Tevia die Tür an, die sich gerade öffnete und einen Trunkenbold herausließ. Sie war dermaßen schnell wieder in der Taverne, dass ihr schwindelig wurde. Noch beim Hereinkommen überflog sie alle Köpfe, alle Männer, die sich niedergelassen hatten. Sie brauchte etliche Anläufe, bis sie einen vermummten Mann in der hintersten Ecke ausfindig machen konnte.
      Nein… das war er nicht. Oder doch? Was, wenn doch? Sie konnte doch nicht einfach hingehen und klar machen, dass sie ihn kannte! Oder zeigen, dass sie ihn erkannte!
      Tevia biss sich auf die Unterlippe. Andererseits… war hier nun niemand, der ihr dazwischen funken konnte… Ihr Herz schlug schneller bei dem wilden Gedanken daran, den Eviad bei verbotenen Dingen zu ertappen. Ihre Vorfreude siegte und sie bestellte sich ein Met, mit dem sie etwas unsicher zwischen den Tischen herlief und augenscheinlich einen Platz suchte.
      Und ihn gegenüber von dem Mann mit der Verkleidung fand. Sie ließ sich dort nieder, seufzte wieder schwer, weil ihre Anspannung fast greifbar war, und nahm dann einen herzhaften Schluck des Mets. Er brannte in ihrem Hals mindestens so sehr die die Aufregung in ihrem Herzen. Immer wieder warf sie dem Mann verstohlene Blicke zu, bekam aber nie genug von seinem Gesicht und sonst etwas zu sehen. Ihr Mut schwand, ihre Hände spielten nervös an dem Krug herum. Sie traute sich doch nicht, den Mann anzusprechen. Wie sollte sie schließlich reagieren, wenn sie wirklich gerade Zoras gefunden hatte?
    • Niemand störte ihn. Niemand belästigte ihn. Niemand sprach ihn an. Niemand verbeugte, salutierte, räumte den Weg vor ihm. Niemand leerte den Raum und niemand brüllte seinen Namen heraus, damit alle Welt wusste, dass der Eviad soeben den Raum betreten hatte.
      Um Zoras herum herrschte selige Ruhe und damit meinte er den alltäglichen Lärm einer gut besuchten Taverne.
      Er trank sein Met in Schweigen und ließ sich gefallen, dass er mit krummen Buckel dasitzen konnte, dass er die Tischplatte ansehen durfte, dass er niemanden ansehen und mit niemanden reden musste. Dass die Leute um ihn herum einfach nur existieren konnten, ohne von der Anwesenheit des Eviads gestört zu werden. Dass sich die Welt mal nicht nach ihm umdrehte, nur weil er die Frechheit besaß, einen Titel zu tragen.
      Als Herzog war das nie so schlimm gewesen. Als Herzog hatte er aber auch keine Prophezeiung erfüllt.
      Zoras seufzte und trank einen Schluck.
      Alles um ihn herum war gut aufgelegt. Wie vorhergesagt hatten bereits die ersten Tage die ganze Stadt in Chaos versinken lassen, weil es jetzt plötzlich dreimal so viele Betrunkene gab und viele den Erlass für einen Grund sahen, Recht und Ordnung sausen zu lassen. Jeder konnte sich jetzt Met leisten und jeder konnte sich so viel davon leisten, dass es lebensgefährlich wurde. Zoras war das vollständig bewusst gewesen. Es würde sich schon wieder einpendeln.
      Einige der Anwesenden grölten zu der Musik, der Wirt selbst hatte schon zwei Krüge getrunken und ein paar Tische weiter veranstalteten einige Männer ein Trinkspiel, bei dem sie alle paar Sekunden brüllten: "Hoch lebe Ristaer!" und dann lachten, als gäbe es kein Morgen mehr. Zoras mochte das Chaos. Alles war so echt, so unverfälscht.
      Dann ließ sich jemand an seinem Tisch nieder und Zoras erstarrte. Hob den Blick an - und gefror regelrecht auf seinem Platz.
      Es war Tevia. Tevia. Niemand anderes als die Waschfrau, die aus einem ihm unerfindlichen Grund täglich bei Kassadra herumlungerte. Gerade sie.
      Es konnte kein Zufall sein, das war ganz ausgeschlossen. Dafür war die Chance in dieser großen Stadt so verschwindend gering, dass es gar kein Zufall sein konnte.
      Plötzlich wurde Zoras sich der Gefahr seiner Aktion mit neuer Klarheit bewusst. Er war alleine weg vom Palast, hatte sich unter grölende Betrunkene gemischt, hatte sich stationär gemacht in einem Raum, in dem es zwei Ausgänge, und davon vermutlich nur einen erreichbaren, gab und in dem er der Gefahr lief, entdeckt zu werden, sollte es zu einem Handgemenge kommen. Kassandra war nicht erreichbar, die anderen Champions könnten überall sein. Er hatte seine Ausritte zwar geheim gehalten, aber das hieß nicht, dass sie nicht entdeckt werden konnten.
      Was sie jetzt ganz anscheinend waren. Jemand hatte ihn entdeckt. Jemand hatte ihn sich in Sicherheit wähnen lassen, dass er etwas dummes begann.
      Wie etwa, sich noch weiter vom Palast zu entfernen und in einer Taverne zu trinken.
      Es war so naiv, so eine große Torheit. Natürlich hatte er niemandem davon erzählt, denn jeder gesunde Menschenverstand hätte ihm davon abgeraten. Kassandra hätte ihm in großer Ausführlichkeit berichten können, weshalb das eine unermessliche dumme Idee war und das war es auch. Eine sehr dumme Idee.
      Er war nicht einmal trainiert. Vor einem Jahr hätte er sich noch mit bloßen Händen verteidigen können, aber Zoras hatte seit ungefähr einem Jahr auch nicht mehr trainiert. Er wusste nichtmal, ob er sich eine ordentliche Prügelei zumuten konnte. Wobei das auch deutliche Spuren hinterlassen würde - Götter er war so dumm.
      Er wusste nicht einmal, was Tevia von ihm wollte. Besonders kräftig sah sie nicht aus, aber das musste nichts heißen. Vielleicht war sie nur ein Lockmittel. Es gab genügend Parteien, die sie für ihre Zwecke hätten anheuern können.
      Jetzt gerade betrank sie sich aber recht ordentlich. Das konnte zwar ein Zeichen dafür sein, dass sie doch nichts plante, aber es konnte auch einfach nur eine Verkleidung sein, so wie er auch eine trug. Aus welchem Grund hätte sie sich sonst so offensichtlich an seinen Tisch gesetzt?
      Zoras starrte sie einige Sekunden lang aus den Schatten seiner Kapuze heraus an, dann entschied er sich für den einfachsten und direktesten Weg: Er stand auf. Er hatte seinen Krug nur zur Hälfte ausgetrunken, aber das war ihm schon genug. Er hatte wenigstens auch schon bezahlt dafür, in weiser Voraussicht. So war es ihm ein einfaches, mit langen Schritten geradewegs auf den Ausgang zuzusteuern.
      Er würde sogleich Kassadra losmachen, aufsitzen und geradewegs den Palast ansteuern - nicht schnell, aber schnell genug. Er würde sich an die offene Straße halten und versuchen, sich an rote Soldaten zu halten. Und wenn nun Esho dahinter steckte? Nun, dann war es eine doppelte Torheit, dann hätte er von vornherein wissen müssen, dass der junge Mann seine Macht gleich ausnutzen würde.
      Aber einen besseren Ausweg wusste er nicht. Angst saß in seinen Knochen fest.
    • Der Mann bewegte sich einfach nicht mehr. Schon seit ein paar Sekunden hatte er sich nicht mehr bewegt und Tevia bekam ein ungutes Gefühl. Hatte sie sich gerade zu dem Falschen gesetzt? Nein… Die würde sich doch nicht täuschen. Das war Kassadra da draußen. Es konnte nicht anders sein. Kaum ein anderer Pfleger würde es wagen, mit ihr nachts auszureiten und dass ohne die Erlaubnis des Eviads.
      Dann stand er plötzlich auf und Tevia gaffte ihn unverhohlen an. Was war passiert? Wollte er ihre Gesellschaft nicht? Empfand er sie als nicht schicklich, störte sie ihn? War sie… unansehnlich für ihn? Ein Dorn im Auge?
      Er verließ den Tisch und ging mit geraden Schritten schneller, aber nicht überstürzt aus der Taverne. Tevia drehte sich hastig um, sah ihm nach und entschied dann, einfach alles auf eine Karte zu setzen. Sie ließ ihr Met stehen und stand selbst auf, warf dabei ihren Stuhl um und traf einen Sitznachbarn, der sie unflätig anherrschte. Da war die Frau aber schon zwischen den Reihen verschwunden und versuchte, zum Ausgang zu gelangen. Dabei stieß sie etliche Leute an, rempelte sie schon eher an, und versuchte, nicht auch noch irgendwo hängen zu bleiben. Der Mann war schon lange aus der Tür, als sie hinterher kam und sich hastig umsah.
      Da stand er. Am Anbindebalken und machte Kassandra gerade los. Die Stute zupfte dem Mann gerade oben an seiner Kapuze herum und da war sie sich sicher; es musste der Eviad sein. Tevia hielt dann nichts mehr. Es musste Fügung sein! Es musste einfach Fügung sein, dass sie ihn ausgerechnet hier traf! Wenn es kurz davor stand, dass sie ihre Arbeit verlor und damit auch die Möglichkeit, die Ställe des Palastes zu besuchen und eine Chance erhaschen konnte, den Eviad zu sprechen.
      „Bitte!“, rief sie leise aus, weil die Angst vor aufmerksamen Lauschern doch zu groß war. „Bitte geht nicht!“
      Übereilt hastete sie über die kleine Treppe nach unten, die zur Tür der Taverne führte und sicherlich die Todesfalle vieler Trunkenbolde geworden war. Tevia, die nur Angst davor hatte, den Mann aus den Augen zu verlieren oder ihn zu spät zu erwischen, erlitt leider dasselbe Schicksal.
      Sie erwischte die letzte kleine Stufe nicht recht, stolperte vorwärts und hatte kein Gleichgewicht mehr übrig, um sich abzufangen. Mit einem satten Geräusch schlug sie der Länge nach auf dem gepflasterten Boden auf. Sie versuchte, sich noch mit den Händen abzufangen, schrappte sie am Boden auf. Das zart gewebte Beinkleid an Knie und Oberschenkel riss und gab dem eingepferchten Fleisch darunter Raum. Sie trug noch immer die Schürze aus der Waschküche, die nun nicht mehr weiß, sondern braun und fleckig war.
      Es drehte sich in Tevias Kopf. Eine Weile verging, ehe sie sich bewegte und die Glieder unter den Körper zog. Niemand beachtete sie; ein kräftiges Weib, das zu viel getrunken hatte und sich auf die Straße packte konnte keine lohnenswerte Beute sein. Ihre Augen brannten, nicht vom Alkohol oder Wetter, als sie sich auf die Knie aufsetzte und mit dem Handrücken über die Wange wischte. Sie hinterließ auch da einen dunklen Striemen.
      „Aaahh….“, schluchzte sie, als sie die aufgerissenen Hände sah und ihr sofort der Gedanke kam, dass so Wäsche waschen mit dem Schrubbbrett die reinste Qual werden würde. Wie das Waschmittel brennen würde und dass die Wunden nie recht heilen konnte, wenn die Haut ständig nass war. Oh, selbst wenn der Eviad jetzt innehielt und sie so sah; Welch jämmerliches Bild gab sie doch ab.
      Sie ließ den Kopf wieder sinken und rief nicht noch einmal. So hatte sie sich das hier nicht ausgemalt. So sollte keine Begegnung mit Zoras ablaufen. Da würde sie viel lieber noch weitere 6 Monate warten und ihm wie zuletzt im Stall begegnen. Ganz zufällig und nicht angetrunken mit zerrissener Kleidung.

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    • „Bitte!“
      Zoras zuckte zusammen als er die weibliche Stimme hörte, die ganz eindeutig ihm galt.
      „Bitte geht nicht!“
      Er wollte gar nicht zurück zu ihr sehen, wollte gar nicht sehen, was sie sich ausdenken mochte, um seine Aufmerksamkeit wieder zu sich zu lenken. Und wenn ihre Leute nun anrückten, aus all den Seitenstraßen und den dunklen Winkeln dieser Stadt? Er konnte das einfach nicht riskieren.
      Kassadra ließ sich die Zügel um den Hals werfen, warf dann aber den Kopf zurück, um sie ihm wieder aus den Händen zu reißen. Zoras konnte gerade ihre Macken einfach nicht gebrauchen.
      "Benimm dich, Mädchen!", zischte er. Kassadra schnaubte ihn an.
      Da ertönte hinter ihm plötzlich ein klatschendes Geräusch und ließ Zoras herumwirbeln. Die Waschfrau, die Attentäterin, der Lockvogel - was auch immer sie war, sie war von der Treppe gefallen.
      Jetzt lag sie unten am Absatz, der Länge nach ausgestreckt, ihr Kleid an den Beinen aufgerissen. Zugegeben... für eine Attentäterin; oder gar für irgendeine Art professioneller Berufung, war das höchst schlampig. Und auch die Art und Weise, wie sie danach erst einmal den Boden anstarrte, ohne sich zu bewegen, erinnerte viel eher an einen Betrunkenen, als an kalkulierte Vorgehensweise.
      Er stieg doch nicht auf, sondern blieb noch einen Moment stehen, nur um zu schauen, nur um abzuwarten. Tevia realisierte gar nicht, dass er noch da war, sondern nach einem Moment begann sie ganz langsam ihre Gliedmaßen einzuziehen und sich dann aufzusetzen. Wie in Trance, als begreife sie noch gar nicht recht, was geschehen war.
      Dann schluchzte sie auf.
      Zoras stand wie eingefroren neben Kassadra fest, die jetzt mit dem Huf scharrte und gegen seine Schulter stieß, als sei sie ungeduldig geworden. Das war nicht das Bild, das er sich bei dieser Frau vorgestellt hatte. Das war nichtmal ansatzweise etwas, womit er gerechnet hatte.
      Eigentlich müsste er doch gehen, einfach gehen und zurück zum Palast reiten. Aber etwas an dem Anblick störte ihn und das war nicht etwa die Verwirrung über die Situation, sondern etwas ganz anderes, wie ihm einen Augenblick später auffiel. Es war etwas ganz einfaches eigentlich, der Anblick der Frau, die dort unten vor der Taverne saß, die Beinkleider zerrissen, die Hände allem Anschein nach blutig. Der heraus dringende Lärm der Taverne und auch der Lärm der Straßen, der sich in der Nacht noch weiterziehen würde. Der Gedanke an den Aufmarsch der Soldaten, die doch nicht überall zur gleichen Zeit sein konnten. Die vielen dunklen Ecken, die an die Taverne angrenzten und in die man sich schnell verziehen konnte.
      Zoras fürchtete noch immer ein Attentat. Aber wenn sie nun nicht für etwas derartiges verantwortlich war? Wenn es wirklich nur ein Zufall war? Wenn er am Tag darauf erfahren müsste, dass die Waschküche eine Angestellte vermisste?
      Zoras malmte mit den Zähnen. Hinter ihm widmete Kassadra sich wieder seiner Kapuze. Da ließ er die Zügel los und kam zurück zu Tevia marschiert.
      "Steh auf", knurrte er sie an, wartete aber nicht darauf, dass sie ihm auch Folge leisten würde. Er packte sie einfach beim Oberarm und zog sie hoch, mit sich und weiter an die Seitenwand der Taverne, wo das Licht der Straße nicht so sehr heran kam. Dort ließ er sie los, blieb aber direkt vor ihr stehen. Die Dunkelheit verschleierte noch immer seine Gestalt.
      "Was suchst du hier? Ich würde dir empfehlen, mir ehrlich zu antworten, Tevia."
    • „Steh auf.“
      Tevia registrierte nicht, dass die Stimme aus unmittelbarer Nähe kam und auch nicht, dass sie ihr galt. Sie schluchzte noch immer, ihre Hände, ihre Knie, ihre Augen brannten wie Feuer. Der ganze Tag war einfach nur furchtbar. Und nicht nur der, es zog sich ja noch in die ganze Nacht hinein. Vermutlich würde sie irgendwo in einer Gasse auf dem Rückweg nach Hause einem weiteren, blöden Zufall erliegen und einfach gar nicht mehr auftauchen. Ghanda würde es vielleicht bemerken und nach ihr suchen lassen. Wenn sie gute Laune hatte.
      Jemand packte ihren Oberarm und Tevia zuckte heftig zusammen. Ein kräftiger Ruck, der ihr in der Schulter wehtat, riss sie auf die Beine und der schnelle Wechsel ließ sie taumeln. Fast verlor sie auf dem unebenen Boden wieder das Gleichgewicht, als sie weggezogen wurde und sie nun dachte, dass dieser unleidige Zufall sogar noch schneller eingetreten war, als sie gedacht hätte. Sie wehrte sich nicht, akzeptierte ihr Schicksal und stellte sich auf die ewige Nacht ein.
      „Was suchst du hier?“
      „Ah?“ Tevia blinzelte die Tränen weg und orientierte sich neu. Die Stimme kannte sie doch. Die würde sie unter tausenden heraushören können. Oft genug hatte sie ihn schließlich anfangs auf schlechtem kuluarisch seine Reden basteln und später halten gehört. Sie wusste, dass er manche Worte noch immer falsch aussprach, weil er den Trick mit dem Rollen der Zunge noch nicht ganz raushatte.
      Aber er war doch fortgeritten?
      „Ich würde dir empfehlen, mir ehrlich zu antworten, Tevia.“
      Jetzt klarte sie doch auf. Ja, das war definitiv die Stimme von Zoras, selbst wenn sie sein Gesicht nicht erkennen konnte. Aber sie musste zweimal hinhören, um zu realisieren, dass er ihren Namen gesagt hatte. Ihren. Nicht irgendeinen. Nicht falsch betont. Ihren.
      Sie wankte zurück, bis sie eine Hauswand im Rücken hatte und sich daran halten konnte. Sie schluchzte nochmal und vergaß dabei, ihren Kopf wieder demütig zu senken. „Ich… D…das ist doch eine T… Taverne. Da geht man…. Trinken“, formulierte sie mit träger Zunge. Immerhin hatte sie sich nicht auf diese gebissen. Was wollte der Eviad hören? Dass man sie kündigen wollte, weil sie immer nach Pferd roch und weniger lang als andere im Palast angestellt war?
      „Ich dachte wir… wir können auch davon Gebrauch machen, dass das… Met jetzt so… erschwih… erschwinglich ist.“ Die Worte gingen nicht mehr ganz so flüssig von den Lippen.
      Mit beiden Handrücken wischte sie sich über die Augen und verpasste ihrem Gesicht noch mehr dunkle Striemen. Die Sommersprossen sah man beinahe nicht mehr und ehrlich gesagt, sah die Frau einfach bemitleidenswert aus.
      „Wie… Wieso seid Ihr denn hier? Keine Wachen, keine… Ritter. Nichts. Das ist rücksichtslos, Hoh-„ Sie schnitt eine Grimasse. Das war hier das falsche Wort. „Unvorsichtig. Hier kann Euch alles Mögliche passieren. Wenn eine Dienstmagd verschwindet, ist das eine Sache, aber Ihr… Ihr seid… seid…“
      Sie wurde ganz, ganz leise zum Ende hin und zog das Kinn auf die Bust.
      „… zu wertvoll.“
    • „Ich… D…das ist doch eine T… Taverne. Da geht man…. Trinken“
      Zoras blinzelte. Wollte sie ihn gerade auf den Arm nehmen oder...
      Oder war sie einfach nur unglaublich, sturzbesoffen?
      Sie starrte ihn - oder eher seine Silhouette - an und dabei waren ihre Augen ganz verquollen und noch mehr Tränen liefen runter. Ganz in der Nähe ertönten Hufe, als Kassadra die paar Schritte zu ihnen kam, um Tevia auch zu beobachten.
      "Richtig", sagte er langsam, um sie zu noch mehr anzuleiten.
      „Ich dachte wir… wir können auch davon Gebrauch machen, dass das… Met jetzt so… erschwih… erschwinglich ist.“
      Bei den Göttern, sie war wirklich völlig weg - aber wir? Wir?
      "Wir? Wer ist wir? Du bist nicht alleine?"
      Unwillkürlich warf Zoras einen Blick über die Schulter. Er hätte doch einfach zurückreiten müssen! Jetzt stand er hier mit dieser Betrunkenen und versuchte sich mit Mühe und Not davon abzuhalten, eine dritte Dummheit zu begehen.
      Sie wischte sich fahrig über das Gesicht. Ihr Sturz hatte Dreck in ihr Gesicht gebracht, den sie jetzt nur noch weiter verwischte.
      „Wie… Wieso seid Ihr denn hier?"
      Er knirschte mit den Zähnen. Das würde er nicht ernsthaft beantworten.
      "Keine Wachen, keine… Ritter. Nichts. Das ist rücksichtslos, Hoh-"
      "Still", herrschte er sie an und Tevia verstummte sofort, bevor sie dieses eine Wort noch ausgesprochen hätte. Sie verzog das Gesicht, probierte es noch einmal neu. Hatte sie ihn wirklich gerade rücksichtslos genannt? Ihn? Den Eviad?
      "Unvorsichtig. Hier kann Euch alles Mögliche passieren. Wenn eine Dienstmagd verschwindet, ist das eine Sache, aber Ihr… Ihr seid… seid… zu wertvoll.“
      Ach. Wie schön, dass er jetzt doch noch gesagt bekam, was für eine dumme Idee das gewesen war. Doch nicht etwa von einem Gott oder einem Gardisten, sondern von einer Waschfrau.
      Für einen Moment hatte er das Gefühl, tief in seinem Leben gesunken zu sein. Noch tiefer, als er in seiner Sklavenschaft gewesen war.
      "Das geht dich nichts an. Und wenn du nicht gleich akut an Gedächtnisverlust leidest und vergisst, dass du mich je gesehen hast, dann sehe ich mich gezwungen, dein Leben zu beenden. Hast du das verstanden? Ich will eine klare und deutliche Antwort von dir haben."
      Vielleicht war das ja die dritte Dummheit des Abends? Ganz egal, Zoras würde um jeden Preis verhindern müssen, dass der Skandal aufkam, der Eviad würde sich aus seinem eigenen Palast schleichen. Das würde dem Rat nur in die Hände spielen, dabei hatte er gerade erst einen ersten Vorstoß erreicht.
      "Jetzt wirst du mir ganz genau sagen, mit wem du alles hier bist und ob irgendjemand weiß, dass du in diese Taverne gegangen bist."
    • Wir? Ja, es gab doch nur ein paar wie sie! Wieso verstand der Eviad das denn nicht? Es war doch offensichtlich!
      „Wir, ja“, bekräftigte sie schwach, „Eure Bediensteten wird angeraten, sich nicht den… ah… fleischlichen und sündhaften Gelüsten hinzugeben. Dazu zählt… das hier.“ Sie beschrieb einen Kreis, der eher eine Ellipse war, und meinte damit ganz klar die Taverne. Für gewöhnlich sollten sich die Bediensteten zurückhalten. Damit sie immer frisch bei der Arbeit waren und sich keinen Fehltritt erlaubten. Denn sonst waren sie schneller ihren Job los als es ihnen lieb war. Dass es Zoras dabei um etwas anderes gehen konnte, fiel ihr jetzt gerade nicht auf.
      Tevia hob den Blick, als sich etwas an Zoras‘ Haltung änderte. Sie konnte nicht den Finger drauflegen, was es war, aber als er dann seine Drohung aussprach, wurde ihr auch ganz anders zumute. Sie hatte doch nur nicht gewollt, dass er sich hier in Gefahr begab. Nicht, wenn seine Phönixin verschwunden war und noch immer so, so viele Leute wohl auf seinen Sturz aus waren.
      „Und wenn du nicht gleich akut an Gedächtnisverlust leidest und vergisst, dass du mich je gesehen hast, dann sehe ich mich gezwungen, dein Leben zu beenden.“
      Tevias Augen wurden groß. Der Grund dafür war mannigfaltig, aber er ließ ihr keine Zeit zum Reagieren.
      „Hast du das verstanden? Ich will eine klare und deutliche Antwort von dir haben.“
      Er wollte, dass sie vergaß, ihn jemals gesehen zu haben? Jemals? Für immer? Dass sie ihn aus ihrem Gedächtnis strich, die Worte löschte und an der Spitze Kuluars nur einen weißen Schemen sah? Wegen des Alkohols missinterpretierte die Frau die Frage so massiv, dass sie Zoras geradeheraus ansah und ihr plötzlich wieder Tränen über die Wangen liefen. Wie aus dem Nichts.
      „Das kann ich aber nicht“, sagte sie zittrig, wohl bewusst, dass sie ihm damit gerade sagte, dass sie ihr Leben verwirkt hatte. Nie hätte sie diesem Mann zugetraut, dass er so schnell Leben nehmen würde. Nicht nach allem, was sie von ihm je gesehen hatte. „Ich kann Euch nicht… nicht einfach so vergessen. Ich habe alle Eure Reden verfolgt. Ich habe mich in die Ställe geschlichen, weil ich Pferde so sehr liebe und gehofft habe, Euch einmal von Nahem sehen zu können. Dann wart Ihr diesen einen Tag plötzlich da und habt mit mir geredet. Das war einer der schönsten Momente, und den soll ich vergessen?“
      Sie stieß einen zittrigen Atemzug aus. „Das kann ich nicht.“
      Erst langsam, dann mit immer mehr Vehemenz begann sie, ihren Kopf zu schütteln. Ihre Stimme, die gerade noch so leise und zerbrechlich war, gewann an Kraft, als die Verzweiflung sie erreichte und ihr schöner Zufall zu einem wahren Alptraum wurde.
      „Ich bin allein hier her gekommen! Es werden Arbeitsstellen im Palast abgebaut, weil der Rat nicht mehr dem Palast innewohnt und dadurch weniger Wäsche anfällt. Auch mein Name steht auf der List und ich halte mich nur mit gutem Zureden durch Ghanda“, fing sie wasserfallartig zu erzählen und fand kein Stoppen mehr. „Es weiß keiner, dass ich hier bin. Wir sollen es ja eigentlich gar nicht. Es gibt niemanden, der auf mich wartet oder wissen sollte, wo ich bin.“
      Abermals wischte sich Tevia mit ihren Händen über die Wangen, um die Tränen zu vernichten. Zu den dunklen Striemen in ihrem Gesicht gesellten sich jetzt auch blutrote. Sie hatte die Innenflächen statt der Außenflächen benutzt.
      „I…ich w…wusste nicht, dass Ihr h…heute h…hier seid. Ich erkannte K…Kassadra und dann Euch… Ich d…dachte, es sei Fügung, dass ihr hier seid und nicht… nicht…“ Sie brach ab und rutschte an der Wand herunter. Ihr Gesicht vergrub sie nun in den Ärmeln ihres Umhanges. Gedämpfte Worte klangen daraus hervor: „Ich will noch nicht sterben, Herr. Ich wollte Euch nur nahe sein, das war alles. Verzeiht mir die Sünde.“
    • Wir - die Bediensteten. Tevia sprach von Bediensteten.
      Zoras hätte beinahe vor Erleichterung aufgeseufzt und dabei ärgerte er sich nur noch mehr über sich selbst. Er pendelte zwischen sie ist nur eine Waschfrau und ihre Anwesenheit wurde geplant so stark hin und her, dass es ihm Kopfschmerzen bereitete. Wenn er sich anstrengte, dann konnte er für alles einen Grund finden, aber das hieß noch lange nicht, dass es auch die Wahrheit war.
      Doch dann wurden Tevias Augen groß und panisch und verwischten alles wieder um ein weiteres, als sie zu brabbeln begann.
      "Ich kann Euch nicht… nicht einfach so vergessen. Ich habe alle Eure Reden verfolgt. Ich habe mich in die Ställe geschlichen, weil ich Pferde so sehr liebe und gehofft habe, Euch einmal von Nahem sehen zu können. Dann wart Ihr diesen einen Tag plötzlich da und habt mit mir geredet. Das war einer der schönsten Momente, und den soll ich vergessen?“
      Was - was hatten denn jetzt Ställe damit zu tun? Und seine Reden? Was hatte das alles damit zu tun, dass Tevia schnell vergessen sollte, ihn hier gesehen zu haben? Zoras konnte sie nur verständnislos ansehen, während er sich zu entscheiden versuchte, ob er sie nun umbringen sollte oder nicht. Aber konnte er das überhaupt? Die zierliche Frau mit dem zerrissenen Kleid und den verweinten Augen in der dunklen Seitenstraße einer Taverne umbringen?
      Konnte er einen Kindskönig umbringen, der sich vor ihm auf dem Boden zusammenkauerte?
      Die Frau rang um ihre Fassung.
      „Das kann ich nicht.“
      Nein, ich auch nicht, gab er ihr in Gedanken zurück. Er würde die Dummheit begehen und der Bedrohung ins Auge sehen müssen, bevor er auf sie reagieren konnte. Das war eine Schwäche, die er einfach nicht ausmerzen konnte.
      „Ich bin allein hier her gekommen!"
      Das glaubte er ihr jetzt zumindest, weil sie es so verzweifelt aussprach und sich dazu noch um Kopf und Kragen redete. Davon, dass Stellen gestrichen wurden, weil der Rat ausgezogen war. Irgendwas von einer Ghanda. Wer sollte das nun wieder sein? Ein weiterer Name, den Zoras erfragen müssen würde. Dafür, dass er der Eviad war, hatte er reichlich wenig Überblick über seinen Haushalt. Zugegeben, damit gingen auch bestimmt 1.000 Angestellte mit ein.
      Zumindest wusste auch keiner, dass sie hier war. Das erleichterte die ganze Sache ungemein.
      Tevia wischte sich noch einmal über das Gesicht und mit dem Blut sah sie jetzt aus, als wäre ihr etwas noch schlimmeres zugestoßen. Generell sah sie jetzt mit dem zerrissenen Kleid, dem vielen Dreck und auch dem Blut aus, als wäre sie knapp dem Tod von der Waage gesprungen.
      Was ja vielleicht auch so gewesen war.
      „I…ich w…wusste nicht, dass Ihr h…heute h…hier seid. Ich erkannte K…Kassadra und dann Euch… Ich d…dachte, es sei Fügung, dass ihr hier seid und nicht… nicht…“
      Eine Fügung. Zoras hätte sich über das Wort fast amüsieren können, wenn Tevia da nicht vor ihm auf den Boden gesunken wäre. Aber nicht in einer Art, um sich vor ihm zu verneigen, sondern gänzlich verzweifelt. Regelrecht am Boden zerstört.
      „Ich will noch nicht sterben, Herr. Ich wollte Euch nur nahe sein, das war alles. Verzeiht mir die Sünde.“
      Sie wollte ihm nahe sein - wer zu dieser Zeit nicht? Zoras konnte nur seufzen.
      Die vierte Dummheit des Abends: Er ging vor ihr in die Hocke.
      "Okay. Ist schon in Ordnung, ich verzeihe es dir."
      Seine Stimme war jetzt bemüht ruhiger. Es brachte nichts, sich und damit die Frau weiter in den Wahnsinn zu treiben.
      "Sieh mich an, Tevia."
      Sie hob das Gesicht von ihren Armen, zögernd, als könne sie gleich den Tod erblicken. Tatsächlich waren da viele Emotionen in ihrem Gesicht und keine war wohl die, die sie sich für dieses Treffen mit dem Eviad erhofft haben musste.
      "Du hast nichts falsch gemacht. Es war vielleicht ein wenig töricht, dich an meinen Tisch zu setzen."
      Wobei der Met dabei sicherlich auch eine Rolle gespielt hatte und das war sehr wohl töricht gewesen. Wobei sie es wiederum niemals getan hätte, wenn der Erlass nicht gekommen wäre. So gesehen hatte Zoras sie und hunderttausende andere Kuluar in seinen Machtkampf mit hineingezogen.
      Aber das war das Los eines Herrschers, das, was er niemals hatte annehmen wollen. Jetzt auf dem Silbertablett für ihn serviert.
      Als fünfte Dummheit des Abends - er hatte schon so viele, warum nicht einen obendrauf legen - hob er einen Arm und schüttelte sich den Ärmel über die Hand.
      "Stillhalten", forderte er, als sie vor seinem gehobenen Arm wegzuckte. Dann wischte er ihr Schmutz und Blut von der Wange, so gut es eben ging.
      Tevia starrte ihn mit einem Ausdruck an, als hätte es ihr eben das Hirn weggebrannt. Schon ein wenig amüsant, ignorierte man einmal die ganzen Umstände.
      "Ich sage dir, was jetzt passieren wird. Ich werde dich jetzt nachhause bringen, weil dein Kleid dort an der Seite aufgerissen ist und ich nicht zulassen werde, dass das die falschen Menschen zu Gesicht bekommen. Du wirst sehr viel Wasser trinken und deinen Rausch ausschlafen und keiner Menschenseele erzählen, was in dieser Nacht passiert ist. Du hast mich nicht gesehen und auch nicht mit mir gesprochen. Das ist ausgesprochen wichtig Tevia, verstehst du mich? Du wirst dich doch sicher daran halten?"
      Forschend betrachtete er sie. Wenn er hier einen Fehler beginn, dann würde es kritisch werden. Und das alles nur, weil er ein Menschenleben nicht für höhere Zwecke opfern konnte.
      Aber so war es immer schon gewesen, nicht wahr? Zoras war immer schon an so etwas gescheitert.
      "Dann komm. Ich möchte nicht länger als nötig bleiben."
      Er stand auf und ging zu Kassadra zurück, die gehorsam auf ihn gewartet hatte.
      "Mit dir habe ich auch noch ein Wörtchen zu reden", brummte er sie an und griff nach den Zügeln. Kassadra schnaubte ihm zur Antwort ins Gesicht. Dann saß er auf und wartete auf die Waschfrau. Er würde sie im Sattel begleiten, denn so konnte er noch immer zügig abziehen, wenn die Situation sich doch anders entwickeln sollte.
      So hatte er sich seinen Abend nicht vorgestellt, ganz und gar nicht.
    • Das Gesicht in den Ärmeln vergraben bemerkte Tevia nicht, wie Zoras in die Hocke ging. Sie schluchzte weiter, selbst als er ihr sagte, dass er ihr verzieh. Es brauchte seine direkte Aufforderung, damit sie den Kopf ganz langsam hob und damit rechnete, dass der Eviad sie nur kurz in Sicherheit wiegen wollte, damit ihr Tod nicht ganz so vorhersehbar war. Nur deswegen nannte er doch auch ihren Namen…
      Woher hatte er überhaupt ihren Namen? Wieso wusste er ihn?
      „Du hast nichts falsch gemacht. Es war vielleicht ein wenig töricht, dich an meinen Tisch zu setzen.“
      Tevia schwieg und blinzelte ihn mit glasigen Augen an. Das sollte töricht gewesen sein? Nein, in Verkleidung als Herrscher des Landes in eine Taverne mitten in der Nacht zu reiten war töricht.
      Er musste ihre Gedanken gehört haben, denn er hob seinen Arm und schüttelte ihn, damit der Stoff seine Hand bedeckte. Ihre Augen wurden noch größer. Er wollte den Schmutz nicht an seinen Händen kleben haben, das musste es sein. Er würde seine Drohung doch wahrmachen, weil sie nur unbedeutend war. Als er den Arm zu ihr bewegte, duckte sie sich und kniff die Augen zusammen.
      Bitte nicht erwürgen, dachte sie nur. Alles, nur nicht das.
      „Stillhalten“, forderte Zoras und Tevia gefror zu Eis. Sie konnte gar nicht anders, was auch immer passieren mochte, sie konnte ihm keinen Befehl abschlagen. Also wurde sie regungslos und versuchte, dieses Schicksal zu akzeptieren, welches man ihr auferlegt hatte.
      Dann wischte Zoras ihr mit dem Ärmel über die Wange und der Ausdruck viel komplett aus ihrem Gesicht. Sie starrte ihn an, als würde sie gerade zum ersten Mal einen Menschen sehen. Man machte sich doch keine Mühe, das Gesicht seines Opfers vorher zu säubern. Nein, er würde sie doch nicht umbringen. Das ging nicht anders klar.
      Was aber wesentlich mehr wog, war der Punkt, dass der Eviad sie beinahe direkt berührte. Ihr Herz, welches vorher noch im Angesicht des Todes zu einer Walnuss zusammen geschrumpft war, blühte plötzlich zu seiner vollen Größe auf. Es war so groß, dass sie keinen Platz mehr für Luft hatte und ihr wurde so warm von Innen heraus, als hätte sie warme Milch getrunken. Dieser Zustand hielt auch noch dann an, als er seinen Arm wieder senkte und ihr anriet, auf sich zu achten und nur von diesem Abend nichts zu erzählen.
      Die Tränen wagen ob der Wärme versiegt. Das Lächeln war dezent in ihr Gesicht zurückgekehrt, zögerlich, weil sie den Schock noch nicht gänzlich überwunden hatte. Dennoch nickte sie eifrig mit dem Kopf. „Das wird meine persönliche Erinnerung sein und sonst niemandes.“
      Wer konnte sonst schon behaupten, erst eine Morddrohung und dann zärtliche Berührungen in seinem Gesicht von dem Eviad an einem Abend bekommen zu haben? Vielleicht war die Fügung ja doch freundlich gesinnt und nicht ihr Ende.
      „Dann komm. Ich möchte nicht länger als nötig bleiben.“
      Tevia blinzelte ihn an. Er würde jetzt mehr mit ihr in die Taverne gehen, aber wohin… dann sonst? Wollte er sie einfach nur dort absetzen, damit er sich dann aus dem Staub machen konnte? Das war nachvollziehbar. Er wollte ihr jämmerliches Erscheinungsbild nicht länger als nötig ertragen.
      Da stand Zoras schon auf, während Tevia seine letzten Sätze nochmal Revue passieren ließ. Moment. Ihr war da etwas entgangen. Er hatte gesagt, er wolle sie nachhause bringen. Nach…. Hause. Ihrem Zuhause. Dem lächerlichen Verschlag, den sie Zuhause nannte. Der EVIAD würde sie eskortieren!
      Wieder kehrte das Rot auf ihre Wangen zurück, dieses Mal aber in wesentlich dezenterer Art und Weise. Sie musste nach Luft schnappen und Kraft in ihren Beinen sammeln, um auf die Füße zu kommen. Völlig unnötig klopfte sie ihre Schürze unter dem Umhang ab, glättete, was nicht mehr zu glätten war und eilte zu Zoras und Kassadra.
      Ohne sich noch einmal hinzulegen.

      Der Weg bis zu Tevias Haus war ein wenig länger. Als jemand mit niedrigem Einkommen hatte sie kein Haus in den engeren Kreisen der Stadt bekommen können, sondern musste mit einem Verschlag am Rande der Stadt leben. Das hieß, dass sie jeden Morgen durch die gesamte Stadt gehen musste, um zum Palast zu gelangen. Fast schon stolz ging Tevia neben Kassadra her, die Zoras entspannt auf ihrem Rücken trug, und führte ihn somit immer weiter aus dem Zentrum der Stadt. Der Weg sorgte dafür, dass die Erheiterung des Alkohols langsam nachließ und sie die Situation nüchterner betrachten konnte.
      Der Eviad eskortierte sie nach Hause. Eine Bedienstete.
      Da wurde sie schon wieder rot, sagte aber nichts, sondern ging schweigend weiter. Das Geräusch von Kassadras klappernden Hufen beruhigte ihre Nerven und ließen den Weg bis zu ihrer Hütte wie ein Katzensprung erscheinen.
      Am Rande der Stadt waren die niedrigen Hütten nicht dicht an dich erbaut worden. Sie waren jünger als die befestigten Häuser innerhalb der Stadt und waren aus Brettern und manchmal Stämmen errichtet worden. Keine der Hütten fasste mehr als zwei Räume und Witterung war an ihnen deutlich sichtbar.
      So auch bei Tevias Hütte, die aussah, wie alle anderen auch, aber an ihrer Tür hing ein Kranz aus Hufeisen. Vor der Hütte blieb sie stehen, legte die Hände vor ihrer Schürze zusammen und verbeugte sich kurz vor dem Eviad, der noch immer verhüllt auf dem Pferd saß. Sie blinzelte ihn an, ihr Herz noch immer am rasen, als sie es wagte, doch über ihren Schatten zu springen.
      „Ihr seid hier nicht als derjenige heute Nacht hier, der Ihr tagsüber seid. Ihr wollt einfach nur ein Mann sein, oder?“, fragte sie leise, weil seine Handlungen nichts anderes als Schluss zuließen. „Darf ich mich für die Eskorte erkenntlich zeigen und Euch noch etwas Warmes zu trinken anbieten?“
      Tevia wusste, dass sie diese Frage tagsüber dem Eviad niemals hätte stellen können. Aber vor ihr saß ein Mann auf einem Pferd, vollkommen verhüllt. Theoretisch wusste sie ja gar nicht, dass das Zoras war. Vielleicht lag sie mit ihrer Annahme ja richtig und wenn ja, dann wollte sie ihm die gleiche Reaktion erbringen, wie jeder andere sie auch bekommen hätte, der sie nach Hause eskortiert hatte.
    • Zoras hatte eigentlich vermutet - oder eher gehofft - dass Tevia nahe des Palastes wohnen könnte. So kannte er es jedenfalls aus seinem Heimatland, dass die Bediensteten sich direkt am Palast tummelten, damit sie zu jeder Zeit schnell da sein konnten. Dass es in Kuluar anders war merkte er daran, dass Tevia ihn in eine völlig andere Richtung dirigierte.
      Oder vielleicht tat sie das auch absichtlich. Zoras sah finster drein. So langsam musste er sich für eine Meinung entscheiden.
      Er bremste Kassadra zu einem gemächlichen Schritt herab, wodurch Tevia trotzdem etwas zügiger neben ihm hergehen musste. Wie vorhergesagt waren die Straßen voll von Trunkenbolden und Soldaten, die mit diesem Chaos allerhand zu tun hatten. Es hätte zwar gut sein können, dass Tevia in dem manchmal aufkommenden Chaos gut hätte unentdeckt bleiben können, aber mit dem Reiter neben ihr, wagte sich keiner besonders nahe, auch wenn Kassadras laute Hufe häufiger die Blicke auf sich zogen. Sie wurden nicht angepöbelt und nur die Soldaten betrachteten sie mit grimmigen und verdrießlichen Mienen. Zugegeben, Zoras wäre auch äußerst schlecht drauf, wenn er die fünfte Nacht in Folge einen derartigen Zirkus bezwingen musste. Er wollte jetzt nicht in Eshos Haut stecken.
      Tevia führte ihn bis zur Mauer und damit bis zu dem letzten Teil an ziviler Behausung, bevor man hinter der Mauer auf die ganzen behelfsmäßigen Lager stieß, durch das Zoras und Kassandra sich bei ihrer ersten Ankunft auch hatten kämpfen müssen. Damit verglichen war Tevias kleiner Schuppen aus Holzplanken und einem gefestigten Dach sowas wie eine Luxuswohnung. Wenn man natürlich dabei ignorieren wollte, dass ihr Häuschen in Zoras' einzelnes Gemach sicher fünfmal reingepasst hätte und die Bretter im Palast nicht einmal als Brennmaterial verwendet worden wären. Zoras schnitt eine Grimasse.
      Dafür hing ein kleiner, festlicher Kranz aus Hufeisen an der Tür, der für manche Augen recht kitschig hätte wirken können. Zoras gefiel das irgendwie. Es war so... persönlich. Das einzige Andenken, das er von Kassadra in seinem Zuhause hatte, war der lose Stallgeruch, wenn er gerade eben noch von ihr gekommen war. Da kam ihm der Hufkranz sehr viel spektakulärer vor.
      Tevia verneigte sich jetzt doch noch gebührend vor ihm und das war wohl vertragbar, wenn man bedachte, dass Kassadra hier das einzige Reittier weit und breit war. Als Mann mit Pferd stand Zoras von vornherein schon über diesen Leuten.
      Aus irgendeiner Richtung grölte es laut, aber der Lärm schien nicht näherzukommen.
      „Ihr seid hier nicht als derjenige heute Nacht hier, der Ihr tagsüber seid. Ihr wollt einfach nur ein Mann sein, oder?“
      Sie konnte das Stirnrunzeln nicht sehen, das er auf ihre Antwort gab, auch wenn sie es anscheinend versuchte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass eine einfache Bedienstete einen derartigen Scharfsinn aufweisen könnte.
      "Ich bin nicht anders als sonst auch. Aber ein Titel übt nur Einfluss aus, wenn die Menschen ihn auch sehen können."
      Das war alles, was er ihr zu geben bereit war. Ganz sicher nicht würde er Tevia offenbaren, dass er, der große, ach so tolle Eviad, manchmal nicht von einem Bienenschwarm an Gardisten umringt werden wollte. Oder dass er manchmal gerne an eine Zeit in seinem Leben zurückdachte, die er wohl als seine dunkelste Zeit bezeichnen würde, deren Teile er trotzdem gerne zurückhaben wollte.
      Tevia schien seine Antwort in sich aufzunehmen.
      „Darf ich mich für die Eskorte erkenntlich zeigen und Euch noch etwas Warmes zu trinken anbieten?“
      Das war...
      Zoras sah auf das kleine Häuschen. Er sah einmal die Straße in die eine Richtung hinab und dann in die andere, von wo der Lärm herüber wallte.
      Das war eine solch große Dummheit, dass er die Schicksalsgöttinnen damit lieber nicht noch weiter provozierte. Er hatte jetzt sein Glück schon ausgeschöpft, dadurch, dass er und Kassadra beide noch völlig unbeschadet waren. Und dabei musste er noch durch die halbe Stadt zurück in den Palast kommen.
      "Nein. Das wäre keine gute Idee."
      Er zog sanft an den Zügeln und Kassadra wandte sich um.
      "Gehab dich wohl. Wir zwei sind uns niemals begegnet, vergiss das nicht."
      Er trieb Kassadra an und verließ das Viertel in einem gleichmäßigen Trab, nicht, ohne dabei die Gegend im Blick zu behalten. An diesem Abend beschloss er, dass er riskant genug gelebt hatte und nie, nie wieder eine derartige Aktion durchziehen würde. Das war einfach nicht zu verantworten.

      Die Gardisten an seinem Gemach waren unruhig, als er wiederkam, weil er länger weggeblieben war als geplant. Das war die eine Konsequenz, die er von seinen ganzen Dummheiten zu tragen hatte. Die zweite war, dass er kurz darauf in seinem Badezimmer stand und den dunklen Mantel von dem Blutfleck zu reinigen versuchte.
      Blut war schwierig rauszukriegen, besonders, nachdem es fast eine Stunde Zeit gehabt hatte, um einzutrocknen. Nun konnte er diesen Mantel nicht so einfach in die Wäscherei geben - außer er hatte Glück und genau dieser eine Mantel wurde von einer gewissen Tevia gewaschen, was er ernsthaft bezweifeln durfte, nachdem sie erwähnt hatte, dass sie knapp vor der Kündigung stand - denn dort würde man die Blutspuren sicher finden. Und ab da käme er in Erklärungsnot. Wenn es das Blut eines anderen gewesen sein sollte, wäre alles in Aufruhr, weil der Eviad sich eigenständig gegen einen anderen zur Wehr gesetzt haben musste. Und wenn es sein eigenes Blut war, wäre der Aufruhr viel größer, weil, der Eviad hatte immerhin geblutet. Große Tragik. Also stand er in dieser Nacht eine weitere halbe Stunde an seiner Wanne und schrubbte nur mit Wasser. Natürlich hatte er keinen Erfolg. Natürlich konnte er nicht einfach so nach Waschmittel fragen. Das würde sich nicht ziemen für einen Eviad.
      Er war einer der mächtigsten Männer des Landes und als solcher konnte er seinen verdammten Mantel nichtmal reinigen lassen - oder ihn selbst reinigen. Zoras warf das Stück frustriert in seinen Schrank und knallte die Tür zu.

      Am Abend darauf ging er nicht früh zu Bett, um sich mit Kassadra rauszuschleichen, sondern er ging mit seiner Eskorte zu den Kasernen hinab, in denen die Palastwachen ihre Betten hatten. 50 loyale Gardisten standen in Reih und Glied bereit, als er eintrat. Der vertraute und nicht unangenehme Geruch von körperlicher Anstrengung und Leder hing in der Luft.
      Zoras schritt die Reihen durch, bis er ein besonders großes und stattliches Exemplar gefunden hatte. Der Mann hatte ein eckiges Gesicht, einen zu großen Kiefer und eine ausgeprägte Brust. In seinem dunklen Haar versuchte er die ersten grauen Strähnen zu verstecken.
      "Wie ist dein Name?"
      "Eldon, Herr!"
      "Wann war deine letzte Schicht zuende, Eldon?"
      "Vor acht Stunden, Herr!"
      "Ausgezeichnet. Mitkommen."
      Der Mann schloss sich seiner Garde an und sie gingen wieder nach oben.
      Kalea - und eigentlich auch Wilben und Ristaer und... fast alle - war vehement dagegen gewesen, dass in dem schönen Innenhof des Palastes gekämpft wurde. Dort wurden Pflanzen, Sträucher, Bäume und Büsche hochgezogen, damit die feine Herrschaft der Regierung sich in dem kleinen Naturparadies ganz erholen und abkapseln konnte.
      Nachdem Zoras jetzt alleine im Palast wohnte, ließ er einen Teilbereich des Hofes abstecken und ließ Trainingsrüstung bringen. Dann trainierte er mit dem Soldaten Eldon zwei Stunden lang mit Holzschwertern.
      Der Mann war ein fähiger Gegner, denn ganz anscheinend ging er selbst regelmäßig trainieren und war ganz sicher kein Kavallerist. Zoras vermutete von dem großen Schwung und der rohen Gewalt, dass er für die Front ausgebildet worden war. Seine Bewegungen wirkten zwar etwas eintrainiert und steif, aber für ein Training war es genau das richtige. Außerdem schien er sich zurückzuhalten, was Zoras gar nicht anders erwartet hatte. Es hätte ihn verwundert, wenn der Mann mit vollstem Elan auf den Eviad eingedroschen hätte.
      Zumindest konnte er aber so die nagende Angst bekämpfen, die er in der letzten Nacht verspürt hatte, als ihm klargeworden war, wie wenig er auf eine Auseinandersetzung in den Straßen vorbereitet gewesen wäre. Es zeigte sich auch jetzt im Training, denn seine eigenen Bewegungen waren viel langsamer, als er es gewöhnt war, seine Beinarbeit war nicht mehr so geschmeidig wie in seinen jüngeren Jahren und seine Ausdauer hatte sich durch das viele Sitzen deutlich verschlechtert. Hätte Eldon alles gegeben, so hätte er ihn sicher in den ersten fünf Minuten überwältigen können.
      Aber genau dafür trainierte er wieder. Eigentlich hätte er das gerne mit Kassandra gemacht, aber... nun, wenn er ehrlich war, versuchte er einfach noch immer, sich davon abzulenken. Es schmerzte zu sehr darüber nachzudenken, dass er in der Nacht wieder schweißgebadet und doch unfassbar kalt aufwachen würde. Es schmerzte, sich darüber bewusst zu werden, dass die Phönixin am anderen Ende der Welt sein könnte, wo er sie niemals erreichen könnte.
      Also trainierte er und fiel vier Stunden später erschöpft, aber etwas befreiter, ins Bett. Er schlief tief und als in seinen Träumen Telandir auftauchte, um immer und immer wieder Kassandras Speer durch seine Brust zu schlagen, wachte er zumindest nicht schreiend auf. Trotzdem waren seine Laken am Morgen durchgeschwitzt.
      Das gleiche wiederholte er auch den Tag darauf und darauf und erst, als der Muskelkater unerträglich wurde, musste er sich eingestehen, dass er eine Pause benötigte. Da vertrieb er sich die Zeit damit, erst an diversen Plätzen zu sitzen und sich dann mit diversen Leuten zu unterhalten. Er ging schlafen, wachte mit dem ersten Albtraum auf, starrte an die dunkle Zimmerdecke und stand dann doch auf.
      Diesmal verließ er den Palast nicht ohne ein Messer unter seiner Verkleidung.

      Die Taverne, die er beim letzten Mal angesteuert hatte, hatte sich durch ihre relative Nähe zum Palast ausgezeichnet. So hatte er sich dort ein gemütliches Met versprechen können, ohne sich allzu sehr beeilen zu können. Diesmal wollte er dort nicht hin zurück, aus Angst, Tevia wieder über den Weg zu laufen - ja es war Angst, denn Zoras war sich noch immer nicht sicher, was er von der Frau halten mochte - aber er wollte sich die Nähe zum Palast erhalten. Da war die Auswahl nicht gerade groß. Er entschied sich einfach für die nächste Taverne, die in der Parallelstraße lag.
      Wieder band er Kassadra an, wieder ging er hinein, in das Licht, in den Lärm, in den Geruch von Alkohol und Gebratenem. Nur ein Met wollte er trinken und einen entspannten Abend haben, so wie früher. Das war doch sicher nicht zu viel verlangt für den Herrscher des Landes.

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    • Tevia hatte eine Mission.
      Sie hatte sich nach ihrer Schicht in der Waschkammer direkt in die Ställe geschlichen und sich dort versteckt. Nachdem Ghanda so freundlich gewesen war und sie von ihrer Arbeit entlastet hatte, kaum hatte sie die Hände der Wäscherin gesehen. Folglich hatte sie genug Zeit, sich ihren Plan zu überlegen und sich zwischen den Ballen an Stroh zu verstecken, bis die Nacht hereingebrochen war. Sehr zu ihrem Schreck durfte sie feststellen, dass Zoras nicht in den Stall kam, sondern dass man Kassadra zu ihm heraus brachte. Somit endete ihre Nacht nicht im eigenen Bett, sondern im Stall zwischen den Haufen an Stroh.
      Der Kommentar am nächsten Tag dazu war entsprechend. Diesen Plan würde sie also nicht weiterverfolgen können. Es musste ein neuer her. Schließlich wollte sie es jetzt keiner Fügung mehr überlassen. Nicht, wenn der Eviad des Nachts ausritt und es niemand außer ihr wusste. Ihr kleines, eigenes Geheimnis.

      Tevia hatte nachgedacht.
      Zoras peilte bei seinen Ausritten vermutlich immer eine Taverne an. Andere Ziele für ihn gab es nicht, wenn sie mit der Vermutung recht hatte, dass er sich seines Namens entheben wollte. Da er fürchten musste, auch anderen Bediensteten in der Taverne am nächsten zum Palast zu begegnen, würde er die anderen ansteuern. So verbrachte die Frau die folgenden Nächte in den umliegenden Tavernen, immer auf der Lauer, wann sie Kassadra entdecken würde.
      Schließlich hatte sie eines Nachts endlich Glück. Sie saß in der Taverne mit einer Schale Suppe, ihr Essen des Feierabends. In weiser Voraussicht hatte sie nun kein Met oder Bier oder Wein mehr getrunken, damit sich das Schauspiel nicht noch einmal wiederholte. Ihre Hände waren gerade soweit verheilt, dass sie ohne Schmerzen wieder Wäsche waschen konnte.
      Bei jedem Mal, wenn die Tür der Schänke sich öffnete, schoss ihr Blick zu der Person, die eintrat. Meistens senkte sie dann wieder ihren Blick auf ihre Schüssel und löffelte weiter, bis dann die Tür aufging und einen vermummten Mann enthüllte. Das hätte er schon sein können, aber sie hatte sich den Mantel nicht merken können, mit dem er zuletzt ausgeritten war. Also wartete sie, bis er sich gesetzt hatte und stand auf, um sich draußen die Füße zu vertreten.
      Tatsächlich vergewisserte sie sich nur, dass es Kassadra war, die da am Balken angebunden war.
      Mit klopfendem Herzen kehrte Tevia wieder in die Schänke ein und steuerte den Tresen an. Sie lehnte sich darüber und schnippte dem Wirt zu. „Ich bringe dem Mann da hinten sein Met mit. Macht mir bitte auch eines!“
      Sie bekam ohne Murren zwei Krüge Met und bezahlte nur eines davon. Das andere war bereits bezahlt worden und so kam sie mit beiden Krügen zu dem Tisch in der hintersten Ecke, wo sich der Vermummte gesetzt hatte. Möglichst selbstsicher stellte sie den Krug vor dem Mann ab und setzte sich dann ihm gegenüber. Die Muskeln in ihren Wangen flatterten jedoch, was ihrem Lächeln einen nervösen Unterton verlieh.
      „Ich dachte mir schon, dass Ihr dem Nervenkitzel nicht widerstehen könnt“, schmunzelte Tevia in ihren Krug herein und betrachtete ihr Gegenüber, der sich alle Mühe gab, weiterhin im Schatten seiner Verkleidung zu bleiben. Ein wenig würde er lockern müssen, um den Met trinken zu können. „Ich hätte als Dank gerne Euer Met bezahlt, aber da kamt Ihr mir ja leider schon zuvor.“