Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zoras wählte mit Absicht die Unterseite seines Armes. Es gab ein paar Stellen an seinem Körper, die "unbeschadet" geblieben waren, womöglich, weil sie ein zu großes Risiko mit sich brachten. Velius hatte Telandirs Narbe niemals aufgerissen, er hatte sich nicht an seinem Hals zu schaffen gemacht und auch nicht in der Nähe seiner Hauptschlagadern. Zwar wäre er sicherlich gründlich genug gewesen, um die Klinge nicht ausversehen zu tief eindringen zu lassen, aber mit dem Umstand, der in Theriss damals geherrscht hatte, verstand Zoras jetzt, wieso er es nicht einmal gewagt hatte.
      Dafür kam ihm der Ort umso geeigneter für Kassandra vor. Er war fast schon für sie freigehalten worden und dazu auch noch nahe Amartius' Mal. Zoras hatte nicht lange darüber nachdenken müssen.
      Er hielt den Arm ruhig auf seiner Lehne, als Kassandra ohne weitere Umschweife ihre Hand um sein Handgelenk schloss. Es war eine sanfte, ruhige Berührung, der all die Weichheit ihrer Haut und ihres Wesens innelag, und doch verspürte Zoras ein Kribbeln, als wolle ihn sein Körper vor nahendem Unheil warnen. Obwohl er es sich selbst ausgesucht hatte, konnte er nicht leugnen, dass die Aussicht auf den Akt ihn nervös und unruhig werden ließ. Er mochte Schmerz gewöhnt sein und ihn viele Monate lang ertragen haben, aber das hieß noch lange nicht, dass er sich darauf freuen würde. Und so, wie Kassandra die Hand auf seinem Arm liegen ließ, fürchtete er, dass sie ihm keinen Freiraum lassen würde. Das hier würde werden wie schon all die Jahre zuvor.
      Mit einem Hauch Unsicherheit hob er den Blick, um Kassandras strahlend roten Augen zu begegnen. Sie lagen in aller Ruhe auf ihm, weshalb er kein bisschen auf den folgenden Schauer vorbereitet war, der ihm durch den Körper zuckte und seine Muskeln versperren ließ. Mit einem Schlag war er wie festgebunden, sein Körper nicht mehr unter seiner eigenen Kontrolle, sondern jetzt von einer äußerlichen Macht festgehalten. Zoras versuchte es, alleine schon, um dem Drang seines stetig schneller schlagenden Herzens entgegen zu kommen und sein primitives Bedürfnis zu stillen. Aber der Wille, seinen Arm zu bewegen, der sonst ganz natürlich und selbstverständlich war, fruchtete in gar nichts. Sein Arm blieb unbewegt unter Kassandras Hand liegen, ohne überhaupt zu zucken. Zoras war in seinem eigenen Körper gefangen.
      Und dann kam das Feuer.
      Erst war es die Hitze, die sich deutlich spürbar um sie herum ausbreitete, aber der eigentliche Kontakt ließ nicht lange auf sich warten - was gut war, denn kaum hatte Zoras die Augen niedergeschlagen, um die Flammen zu beobachten, die ihn gleich fressen würden, schaltete sein Hirn ganz von alleine um. Im einen Moment hatte sein Verstand die Kontrolle über seine Gedanken, im nächsten Moment entgleitete er ihm und machte stattdessen seinem Instinkt Platz. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Was war nur über ihn gekommen, dass er einer Phönixin gestatten würde, ihm bei vollem Bewusstsein die Haut zu verbrennen? Was war nur in ihn gekommen? Das konnte doch nicht seine Entscheidung gewesen sein - das konnte doch niemals sein eigener, bewusster Wille gewesen sein.
      Der Schmerz kam in einem gleißenden Blitz, der ihm durch den gesamten Arm zuckte. Die Flammen schmerzten nicht scharf und präzise wie eine Klinge, stattdessen war es ein großflächiger Brand, der sich durch die Nervenenden seines Armes wühlte und brannte, brannte, brannte. Seine Haut verkohlte, verbrannte und legte rotes, rohes Fleisch frei und für Zoras fühlte es sich so an, als würden sich die Flammen nur noch tiefer fressen, tiefer und tiefer. Seine Augen sprangen auf, sein Körper verkrampfte sich und seine Brust versperrte sich, ein Schrei kämpfte sich seine Kehle nach oben und Zoras biss seine Zähne so stark zusammen, dass sein Kiefer schmerzte, um ihn zurückzuhalten. Er schluckte ihn herab, nicht mit dem Willen des Moments, sondern mit der Gewohnheit eines anderen Lebens, an dem der Schmerz an der Tagesordnung gestanden hatte. Natürlich half das nicht, um es besser zu machen; es tat so weh, so unheimlich weh, er wollte nicht mehr, er wollte dass es aufhörte, er bereute, es überhaupt gesagt zu haben. Es tat so fürchterlich weh, der Schmerz hallte durch seinen ganzen Körper, beanspruchte jeden einzelnen Nerv, um ihn nicht siegen zu lassen. Seine Brust schmerzte, Telandirs Narbe pochte, als wolle sie auch etwas von der Aufmerksamkeit abhaben.
      „Atmen, Zoras. Das kannst du doch.“
      Es war nicht Velius, der zu ihm sprach, sondern Kassandras ruhige, sanfte Stimme, die seiner Lunge einen abgehackten Atemzug schenkte. Sie atmete nicht von alleine, Zoras musste mit aller Willenskraft seine Brust heben und den viel zu heißen Atem wieder ausstoßen. Dabei entglitt ihm ein Stöhnen, ein kleiner Sieg des Schreis, der noch immer in seiner Kehle tobte. Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, seine Hand ballte sich zur Faust. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich an anderer Stelle verletzt, nur um von dem einen Schmerz abzulenken.
      Es interessiert mich nicht, was morgen ist. Es interessiert mich nicht, was morgen ist.
      Er zwang seinen Schmerz hinunter, versuchte ihn zu beherrschen, zu kontrollieren, ihn zu verdrängen, sich nicht von ihm auffressen zu lassen. Es interessiert mich nicht, was morgen ist. Abgehackt begann er zu atmen.
      Dann war es mit einem Mal wieder vorbei und der Schmerz ebbte ab, als ein kühlender, prickelnder Schauer durch seinen Arm zog. Seine Nervenenden stumpften ab und seine Haut verhärtete sich dort, wo nun das rote Feuermal prangte. Jetzt konnte er erst auch wieder richtig atmen und das tat er viel lauter, als ihm recht war.
      Der Bann verschwand von seinem Körper und hinterließ ein Zittern, dem Zoras erstmal nicht mächtig wurde. Er presste den noch wunden Arm auf die Lehne, so fest es nur ging, und fuhr sich mit der anderen Hand über das kahle Gesicht. Die Kühle des Arms breitete sich auch auf seinen Körper aus und ließ den feinen Schweißfilm auf seiner Stirn trocknen.
      „Bitte mich nicht noch einmal, mein Feuer dafür einzusetzen.“
      "Einmal reicht mir bei weitem."
      Seine Stimme war erstaunlich ruhig dafür, dass sein Inneres völlig aufgewühlt war. Er atmete weiter, tiefe, lange Atemzüge, die nötig waren, um sich von dem blassen Schmerz abzukapseln. Es tat noch immer weh und obwohl die Haut sich bereits gefestigt hatte, würde die Stelle vermutlich noch eine ganze Weile lang wund sein.
      Aber er hatte es selbst gewollt. Das war seine Anweisung gewesen, sein Wille, durch den das Feuer ihn versengt hatte. So merkwürdig es sich anfühlen mochte, so darüber nachzudenken, aber diese Stelle schien nun ihm zu gehören. Sein Arm war ihm fremd gewesen, seit Kassandra ihn von all den Narben befreit hatte, aber jetzt hatte er einen Teil von ihm wieder. Er würde auch den Rest wieder gewinnen können. Was er verlangt hatte, war nur Demonstration dafür, dass er noch immer die Macht über sich selbst besaß. Dass er noch immer er selbst war.
      Schwer atmend wartete er darauf, dass sein pochendes Herz sich langsam wieder beruhigte. Danach wandte er Kassandra wieder das Gesicht zu.
      "Danke."

      Er ließ sich Zeit, bis er wieder in den Kerker zurückging. Er hätte auch zurück in sein Gemach gehen und den Tag dabei belassen können, aber er wollte sich nicht die Blöße geben, nicht vor Velius und auch nicht vor den anwesenden Wachmännern. Sein Faustschlag war impulsiv gewesen und wenn er nicht wieder hinabgegangen wäre, hätte er Schwäche gezeigt.
      So stiegen sie bald wieder die düsteren Steinstufen hinab, sein Arm unter dem langen Ärmel seiner Gewänder verborgen, aber dafür noch immer leise pulsierend. Seine Haut und sein Fleisch fühlten sich roh an und er wagte es nicht, seine Muskeln zu benutzen, aber dafür half ihm das Gefühl, sich zu erden. Das war sein Arm, sein Wille, seine Macht. Velius war ein Mann, ein Mensch, und er würde Zoras nicht noch einmal brechen können. Niemand würde das schaffen.
      Der Mann hatte sich aufgesetzt und sich von seinem Blut gereinigt, so gut es eben ging. Seine Augen waren groß und aufmerksam, als sie sich wieder auf die herannahende Gruppe richteten, und es musste ihm zugeschrieben werden, dass er aufstand. Wie schon beim ersten Mal verneigte er sich, blieb diesmal aber stumm.
      Zoras ließ sich erneut die Zelle aufsperren und trat ein, hauptsächlich um nicht den Eindruck zu erwecken, als wäre er wankelmütig. Diesmal wich Velius einen präventiven Schritt zurück, auch wenn ihm das wohl kaum etwas gebracht hätte. Hinter seinem Rücken war schon nicht mehr sehr viel Platz bis zur Wand.
      Zoras blieb nahe der Tür stehen. Er überlegte sich genau, was er zu dem Mann jetzt sagen wollte, aber schließlich legte er sich fest.
      Weißt du, warum man dich hergebracht hat?
      Velius sah ihn mit großen Augen an, dann schüttelte er den Kopf.
      “Nein, Eure Hoheit. Ich spreche kein kuluarisch und meine…” Er wollte wohl sagen “Entführer”. “... Begleitung sprach kein therissisch.”
      Wer hat dich geholt?
      “Es waren vermummte Männer und Frauen. Ich tippe auf Söldner, aber ich weiß es nicht genau.”
      Trugen sie ein Wappen bei sich? Oder Farben? Violett, Grün, Braun, Blau, Rot? Türkis?
      Wenn Velius die Frage merkwürdig fand, so ließ er es sich nicht anmerken. Für einen Moment dachte er nach.
      “Es gab ein paar Farben. Die Ausrüstungen hatten ein paar und auch das Zaumzeug der Pferde. Ich habe nicht genau darauf geachtet.”
      Welche Farbe war am prominentesten? Welche würdest du wählen?
      Darüber dachte Velius auch einen Moment nach. Dann sagte er recht zuversichtlich:
      “Violett.”
      Zoras warf Kassandra einen Seitenblick zu. Es sollte sie eigentlich nicht überraschen.
      Gut. Ich werde morgen wiederkommen.
      Velius konnte die Erleichterung nicht ganz verbergen, als Zoras zurück nach draußen trat und die Tür hinter sich schließen ließ.

      Es gab natürlich ein ganz offensichtliches Problem, wenn Dionysus dahinter steckte: Wie sollten sie den Gott zügeln? Wie sollten sie, wenn es schon darum ging, irgendeinen der Götter zügeln? Bisher ging nur vom Zyklopen keine direkte Gefahr aus, aber was war mit all den anderen? Wie sollten sie verhindern, dass ein derartiger Vorfall nicht noch einmal auftrat?
      Zoras beschäftigte sich noch am folgenden Tag mit der Frage, nachdem er eine unruhige Nacht verbracht hatte. Die Brandnarbe schmerzte, aber tatsächlich war es verkraftbar. Es half ihm.
      "Wie haben sie es nur vorher geschafft, dass das Konstrukt zusammenhält?"
      Er stand in seinem Studierzimmer, in dem er sonst immer nur die Geschichte des Landes oder die Schrift paukte. Kassandra war bei ihm.
      "Sie ärgern sich auch gegenseitig, das haben wir schon früh festgestellt, aber wie schaffen sie es dann, nebenher noch ein Land zu regieren? Wie können sie es sich leisten, mich zu stürzen und hinterher immernoch dieselbe Macht zu besitzen? Was ist es, was sie alle zusammenhält?"
      Erwartungsvoll sah er Kassandra an, als wäre die Phönixin allwissend.
    • „Einmal reicht mir bei weitem.“
      Das glaubte Kassandra Zoras aufs Wort. Wie erwartet war sein Kopf rot geworden, weil sie ihn davon abgehalten hatte, auch nur einen Hauch zu reagieren. Nur seine Atmung war ihm überlassen gewesen, und die führte er nun in langen, gleichmäßigen Zügen weiterhin aus. Seine Stimme war kein Zeuge von der Qual, die er gelitten hatte, doch seine Aura war es durchaus. Sie war ein wildes Chaos, das sich gegen Kassandra zu erwehren versuchte, sich aber bald wieder fangen würde.
      „Danke.“
      „Nicht dafür.“ Wahrlich nicht. Denn diese Narbe war auch ein Mahnmal für die Phönixin selbst. Ein Anker und eine Warnung zugleich.

      Es bedurfte einen einzigen Blick der Göttin, damit Zoras seine Idee, den Tag enden zu lassen, wieder verwarf. Das hier war lediglich eine Pause gewesen, damit er sich wieder fangen konnte. Doch die Konfrontation war noch lange nicht vorbei gewesen.
      Zusammen traten sie also wieder den Weg ins Dunkle an. Wieder folgten ihnen Wachen in ihrem Rücken, doch dieses Mal ging Zoras eigenständig voraus, mit Kassandra halb hinter ihm. Er wirkte nicht mehr ganz so zerstreut, als sie die Gittertüren und -stäbe sahen, die ihm sonst schon Schweißausbrüche beschert hatten. Die Geräusche drangen nicht mehr bis in die Tiefen seines Unterbewusstseins vor. Die Kälte kroch ihm nicht mehr bis in die Knochen.
      Als sie an Velius‘ Zelle ankamen, beeilte sich der Mann auf seine Füße zu kommen. Sein Blick war wach, weder furchtsam noch dräuend. Kassandras Behandlung hatte Wirkung gezeigt und bis auf die langsam krustig werdenden Blutspuren war von dem Angriff nichts mehr zu sehen. Wie beim letzten Mal blieb Kassandra vor der Zelle zurück und ließ Zoras allein eintreten, da sie wusste, dass er seine Fassung nun besser unter Kontrolle hatte. Er sollte ihm nun die wichtigen Fragen stellen, die ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen konnten.
      Nur leider taten sie es nur begrenzt. Dass die Sprachbarriere viel Intel nahm, war ihr von Anfang an klar gewesen. Ebenso, dass Violett die vorherrschende Farbe der Soldaten gewesen war, die ihn transportiert hatten. Sie bedachte Zoras mit einem vielsagenden Blick, eher der sich mit den Schlussworten an Velius wandte und sich anschließend zum Gehen anschickte.

      Im Gegensatz zu Zoras schlief Kassandra in dieser Nacht wieder nicht. Sie hatte das Bett verlassen, nachdem er eingeschlafen war, und sich an das Fenster gestellt, um ihren Blick über die Stadt schweifen zu lassen. Wieso sollte Dionysus den Fehler begehen und seinen Soldaten ihre Farben anhaften lassen? Es wäre klüger gewesen, ihnen die Kennung abzunehmen, damit Velius so wenig wie möglich als Anhaltspunkt sich hätte merken können. Die einzige Erklärung hierfür war, dass Dionysus es entweder beabsichtigt hatte, dass man seine Verbindung erfuhr, oder es war ihm schlichtweg egal gewesen. Das eine wäre bodenlose Arroganz, das andere hingegen ein offener Versuch, eine Konfrontation vom Zaun zu brechen. So langsam beschlich Kassandra der Eindruck, dass der Weingott verzweifelter wurde. Ihm gingen die Mittel aus, Zoras oder sie aus dem Palast zu drängen. Er wurde allmählich kreativ, so sehr es für seinen Zustand eben möglich war. Aber das hieß, dass Velius erst der Anfang war und noch viel mehr folgen würden. Mit deutlich größerem Ausmaß.

      „Wie haben sie es nur vorher geschafft, dass das Konstrukt zusammenhält?“
      Kassandra war ausnahmsweise einmal nicht das erhabene Stillleben wie üblich, sondern schritt in dem Simmer ganz gemächlich auf und ab. Sie dachte nach. „Das ist die Frage. Wenn die Antwort darauf so einfach fiele, dann hätten wir den Bund wesentlich schneller zerschlagen können.“
      Zoras drehte sich mit solch einer erwartungsvollen Miene zu ihr, dass sie nur seufzen konnte. Er erhoffte sich die Antwort von ihr, weil sie sonst so vieles wusste. So viele Konstellationen erlebt hatte wie kaum ein anderer zuvor. Nur waren diese zumeist aus Sterblichen erbaut und dass war ein gravierender Unterschied zu einem Konstrukt, in dem Götter verwoben waren.
      „Es sind Menschen, Zoras. Sie alle sind in ihren Kernbedürfnissen nicht viel anders gestrickt als du oder Ferid. In den meisten Fällen bekleiden Menschen solch hohe Positionen, die es nach Macht giert und sie werden alles dafür tun, um sie zu halten. Es kann gut sein, dass die Träger sich nicht nach den Gebieten der anderen verzehren, weil sie eine Konfrontation mit deren Champion fürchten. Das könnte in einem kapitalen Verlust enden, wenn der Champion dabei stirbt.“
      Sie hielt in ihrem Schritt inne und betrachtete ihre Fingernägel.
      „Alternativ kann es sein, dass sie sich alle gegenseitig mit Wissen ausstechen können. Jeder kann den Kopf des Anderen in die Schlinge bringen. Nur finde ich eine weitere Möglichkeit auch nicht abwegig.“
      Kassandra öffnete die Hand und ließ in der Luft aus kleinen Flammenbällchen Kugeln entstehen. Sie ordnete sie in einer Linie an, wobei sich eine Kugel über die anderen erhob.
      „Unter den Champions gibt es nur einen einzigen namenhaften Gott. Wir haben herausgefunden, dass Dionysus seinen Träger weder Ernst nimmt, noch dass sie ihn wirklich in Grenzen weisen kann. Ich vermute, sie steht unter seiner Manipulation und nicht anders herum. Die Frage ist: Wie kommt so ein junges Ding wie seine Trägerin überhaupt dazu, einen Platz im Rat zu beziehen? Wie ist sie an ihn gekommen? Und was, wenn er im Hintergrund eine höherwertige Stimme hat als all die anderen Träger? Eben weil sein Machtvorteil da ist, wenn auch nicht enorm?“
    • Leider hatte Kassandra nicht die allwissende Antwort, von der Zoras gehofft hatte. Bislang war die Phönixin, die einen solch beträchtlichen Teil ihres Lebens auf der Erde unter Menschen verbracht hatte, stets seine letzte Hoffnung gewesen, um sich mit derartigen Problemen auseinander zu setzen. Dass sie nun auch nicht weiter wusste, war enttäuschend.
      "Aber sie sind nicht glücklich in der Position, die sie haben, sonst würden sie sich auch nicht gegenseitig ständig anblaffen. Sie scheinen eine Balance gefunden zu haben, mit der sie sowohl ihren Aufgaben nachkommen können, als auch sich gegenseitig ständig erpressen können. Oder beleidigen oder was auch immer es sein mag, was sie dort tun. Und Dionysus ist wesentlicher Bestandteil dieses Gleichgewichts, ob uns das nun gefällt oder nicht."
      Das brachte sie in der Form keinen Schritt weiter. Wenn sie Dionysus zügeln wollten, mussten sie dieses Gleichgewicht aufstechen, damit der Gott nicht mehr so frei agieren konnte, wie er es bereits tat. Aber abgesehen davon, dass es unmöglich war, gegen fünf Träger und ihre Champions gleichzeitig vorzugehen, hatten Kassandra und Zoras weder die Zeit, noch die Macht dazu, sich auf eine solche Sache zu konzentrieren. Sie waren vollständig damit beschäftigt, Zoras' eigene Macht zu festigen und ihn vor einem Sturz zu bewahren, dass kein Platz für eine derartige Aufgabe übrig blieb. Mussten sie sich dann damit abfinden, dass Dionysus weiter freie Hand gewährt wurde? Mussten sie sich darauf einstellen, alle paar Monate mit derartigen Überraschungen wie Velius zu rechnen? Die sich dabei womöglich immer mehr steigerten?
      Wenn es so weiterging, war es nur eine Frage der Zeit, bis Zoras abdanken würde. Das war es jetzt schon.
      "Wir haben herausgefunden, dass Dionysus seinen Träger weder Ernst nimmt, noch dass sie ihn wirklich in Grenzen weisen kann. Ich vermute, sie steht unter seiner Manipulation und nicht anders herum. Die Frage ist: Wie kommt so ein junges Ding wie seine Trägerin überhaupt dazu, einen Platz im Rat zu beziehen? Wie ist sie an ihn gekommen? Und was, wenn er im Hintergrund eine höherwertige Stimme hat als all die anderen Träger? Eben weil sein Machtvorteil da ist, wenn auch nicht enorm?"
      So hatte er es auch noch nicht betrachtet. Und wenn es so war... würde das Dionysus nicht noch stärker machen? Noch unabhängiger? Wie sollten sie dann gegen ihn vorgehen, wenn es jetzt schon unmöglich schien, ihn zu beschränken? Was sollten sie tun, wenn Dionysus wie der eigentliche Eviad von Kuluar schien?
      "Und wenn es so ist... worauf baut sich seine Macht? Was bedeutet es, einer der 60 Götter zu sein? Mit Zeus würde ich mich nicht anlegen, aus offensichtlichen Gründen, aber was kann uns schon Dionysus? Er ist keine Kämpfernatur, er beherrscht keine Tricks wie Mirdole, alles was er kann, ist seinen Wein zur Fülle ausschenken, den er uns nicht einmal einflößen kann. Kann er uns wirklich eine so große Gefahr sein? Wenn wir gezielt versuchen, ihn in die Schranken zu weisen, wie sollte er sich dann wehren können? Wäre es nicht einen Versuch wert?"
    • Kassandra nickte seicht in einem gleichmäßigen Rhythmus, während Zoras seine Gedanken zu ihrem Einwurf laut aussprach. Hier tat sich ein weiteres Mal der Abgrund zwischen Sterblichen und Göttern auf, die nach anderen Regeln und Verhaltensweisen spielten. Als einer der Sterblichen konnte Zoras seinesgleichen besser nachvollziehen als Kassandra, aber was das Machtgefüge innerhalb der Unsterblichkeit anbelangte, war er wie alle anderen völlig ahnungslos.
      „Zoras, du solltest eigentlich besser wissen als viele andere, wie Kämpfe ausgetragen werden“, warf sie dem Eviad, allerdings ohne anklagenden Tonfall, vor. „Nicht alle Kämpfe werden mit reiner Körperkraft ausgetragen. Du bist ein brillanter Stratege, du benutzt primär deinen Geist. Bei den Göttern ist es ähnlich; jeder ragt in einer Disziplin heraus. Meine Heilkünste sind bezeichnend für einen Phönix, immerhin sind wir stark in der Magie. Ich habe mich nur wegen meiner Skalvenschaft auf den Kampf ohne Magie konzentrieren müssen, weil es nicht anders ging. Aber deswegen werde ich dennoch Schwierigkeiten gegen Minotauren im direkten Kräftemessen haben. Dionysus muss nicht körperlich aktiv werden, um seine Macht zu demonstrieren.“
      Kassandra ballte die Faust, auf der sich die Flammenkugeln befunden hatten, und löschte diese damit aus. Ein Puls ging durch den Raum, als sie ihre Magie aussandte und sie in Schwingungen versetzte, damit sie für Zoras‘ Auge sichtbar wurde. Wie Nebel waberte sie im Raum, hielt sich aber strikt aus den Ecken und Wänden zurück. Es wirkte, als gäbe es eine klare Grenze, wohin die Magie reichte und wohin nicht.
      „Das Problem ist, wie sich unser Potenzial berechnet. Nicht umsonst gibt es die Einteilung zwischen namenhafter Götter und mythischen Wesen. Ich kann nur deswegen gegen gleich fünf Champions aushalten, weil ich nicht mehr die Fesseln des Championdaseins trage. Wäre dem so, wäre diese Lage völlig aussichtslos von Beginn an gewesen. Trotzdem bin ich bei Weitem nicht bei meinem vollen Potenzial angekommen, und das liegt daran, wie sich unsere Macht bildet. Ich hatte doch schon einmal erzählt, wie wir Götter entstehen. Erinnerst du dich?“ Ein kurzes Schmunzeln huschte über ihr Gesicht ehe sie fortfuhr. „Ihr habt uns erschaffen. Ihr seid der Kern unserer Existenz, egal wie sehr das jeder Gott leugnen möchte. Das bedeutet, je mehr Menschen an uns glauben, desto mehr Potenzial können wir ausschöpfen. Den Gott des Weines kennt die ganze Welt. Millionen Menschen preisen seinen Namen oder haben ihn wenigstens im Gedächtnis und genau das ist der Punkt, der ihn so stark macht. Sollte er den Bund brechen und nicht mehr Champion sein, kann ich ihm nicht die Stirn bieten. Er wird mich allein mit seiner Aura erdrücken können. Deswegen müssen wir hier so wahnsinnig aufpassen.“
      Da runzelte Kassandra die Stirn. Gut, sie hatten vielleicht Möglichkeiten gefunden, warum sich die Träger so zusammengefunden hatten, aber nicht, wieso die Champions keinen Einfluss auf sie ausübten. „Ich glaube, Mirdole und die anderen sind mit dieser Konstellation einverstanden, weil sie landesbekannt sind durch ihre Stellung im Rat. Sie haben damit ihre Existenz gesichert.“
    • Zoras fühlte sich - wohl zurecht - beschämt durch Kassandras Zurechtweisung, dass nicht alle Kämpfe mit Kraft ausgetragen wurden. Sicher, er wusste selbst, dass ein Kampf nicht immer auf das Schlachtfeld kommen musste, um auch als solcher zu gelten, aber ehrlicherweise hatte er es bei den Göttern anders gesehen. Er hatte das Gefühl, die Götter waren eher dazu geneigt, ihre Macht in physischer Form zu zeigen, weil es für sie immerhin auch so leicht war. Wenn ihnen etwas gegen Strich ging, wer würde sich ihnen schon entgegen setzen, wenn sie ihre geballte Macht einsetzten? Aber das hier war nicht unbedingt ein Kampf, der physisch gehen musste. Dieser Kampf ging schon viel, viel länger auf einer ganz anderen Ebene.
      Hinzu kam die Tatsache, dass Kassandra auf physischer Ebene trotzdem noch unterliegen würde, allein durch die Tatsache, dass alle fünf Champions zusammenhalten würden. Wenn sie Dionysus abspalten könnten, könnte es ihnen gelingen, den Gott in seine Schranken zu weisen, aber auch nur, wenn er dabei nicht an seine Essenz geriet. Und da war wieder das Problem seiner Trägerin, die sicherlich keine Sekunde zögern würde, sie ihm zurückzugeben. Damit war es selbst dann unmöglich, Dionysus einzuschränken, wenn er augenscheinlich alleine war. Vielleicht mochte er dann nicht die direkte Unterstützung der anderen Champions haben, aber er war noch immer alles andere als wehrlos.
      Einzig und allein durch seine Anhängerschaft.
      Kassandras Bemerkung über die gesicherte Existenz ließ ihn dann aber stutzen, denn - natürlich. Darauf hätte Zoras doch auch selbst kommen können.
      "Es könnte sogar darüber hinausgehen. Durch den Status des Rats ist jedem Gott ein gewisser Bekanntheitsgrad gewährt, aber auch durch die Nähe zu Dionysus. Oder etwa nicht? Seine Anhänger könnten zu ihnen beten, weil sie sich Dionysus' Gunst erhoffen, indem sie die Gunst seiner engsten Götter erhaschen. Die Götter sind also weder daran interessiert, ihren Stand aufzugeben, noch Dionysus gehen zu lassen. Sie sind hier zufrieden und sicher werden sie ihre Träger dementsprechend dazu beeinflussen. Kaela scheint zumindest meistens auf Mirdole zu hören, Ristaer und Halmyn scheinen ein distanziertes Zusammenleben zu führen, Esho und Asterios sind ein Herz und eine Seele, wenn es um den Kampf geht, und Wilben und Oronia verhalten sich, als wäre zumindest er mit ihr aufgewachsen. Wenn die Champions es wollten, könnten sie ihre Träger sicher dazu überreden zu bleiben, wenn es drauf ankommt. Ganz unabhängig davon, ob sie untereinander auskommen."
      Er wusste nicht, ob das der wahre Grund für ihre bestehende Kompetenz war, aber es war ein Bruchstück davon, das konnte er deutlich spüren. Er war dem Lichtblick schon sehr nahe, auch wenn er ihn noch nicht ganz erreicht hatte. Er wusste es einfach.

      Zoras versuchte am folgenden Tag, Beweise für diese These zu finden, aber das gestaltete sich als äußerst schwierig, wenn alle auf Sticheleien aus waren und besonders Dionysus ständig Bemerkungen darüber machte, dass es dem neuesten Gast in den Kerkergewölben sicher nicht sehr bequem war. Nun hatte Zoras sich bezüglich Velius zwar schon sehr weit gefangen, so wie es eben möglich war, aber der Gedanke, Dionysus könnte sich eines Nachts in den Kerker schleichen und Velius herauslassen, fraß dann doch an seinen Nerven. Er musste die Sache mit Velius beenden, das wusste er. Es war nur nicht so, dass es so einfach wäre.
      Im Grunde wusste Zoras nicht, was er tun sollte, als er an diesem Abend noch einmal hinunter ging, noch einmal mit Velius sprach, noch einmal mit den Nerven rang. Er würde nicht mehr aus dem Mann herausbekommen, als er ihm eh schon erzählt hatte; er hatte nur Befehle gefolgt, er hatte sich Mühe gegeben, den Schaden auf einem Minimum zu halten. Zoras glaubte ihm auch, aber es war nicht befriedigend. Nichts davon war es. Noch immer hoffte er darauf, dass der Mann die Nerven zuerst verlieren könnte, dass er sich auf ihn stürzen und Zoras einen Grund dafür hätte, ihn mit bloßen Händen zusammenzuschlagen, aber natürlich tat er es nicht. Velius war jeden Tag so verdammt ruhig und gefasst, dass es Zoras nur aufregte. Er war nicht so ruhig gewesen in seiner Zelle. Er hatte unter Halluzinationen gelitten und dieser Mann besaß nun die Frechheit, seine Gefangenschaft nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen.
      Vielleicht hätte ihm Folter etwas gebracht. Vielleicht sollte er es ihm eins zu eins zurückzahlen. Aber Kassandra hielt ihn davon ab, nicht etwa mit logischen Argumenten, sondern mit dem einzigen Grund, der wirklich zog: Das war nicht Zoras' Art. Zoras war kein Mensch, der durch seine Rache jemanden gezielt leiden ließ oder der daran noch Genugtuung finden würde. Das war niemand, der er gewesen war, niemand, der er jetzt war und niemand, der er werden wollte. Das war nicht Zoras.
      Und Zoras glaubte ihr. Zoras vertraute der Phönixin mit seinem ganzen Leben.
      Also tat er nichts dergleichen, sondern ging Tag um Tag in den Keller hinab, stellte Velius Fragen, die ihn reizen sollten, ließ sich von ihm dreimal, viermal, fünfmal erzählen, was in Theriss vorgefallen war, und versuchte damit Frieden zu finden. Frieden kam nicht. Allerdings verspürte er stets das Phantom von Kassandras Feuer, wenn er über ihre Narbe strich, und das war etwas, was seinen Geist zusammenzuhalten schien. Es war sein Schmerz und nichts, was ein anderer ihm aufgezwungen hatte. Es war sein Körper, der diesen Schmerz verursachte und von niemand anderem kontrolliert wurde. Nach Tagen des Kerkerbesuchs glaubte Zoras, dass der Gedanke sich irgendwie gefestigt hatte. Es störte ihn nicht mehr ganz so sehr, diese verdammten blauen Augen zu sehen, weil er genau wusste, dass Velius in seiner Zelle bleiben würde und von dort keine Macht mehr hatte. Sein Körper war jetzt sein eigener und niemand anderes konnte sich daran zu schaffen machen.
      Nach dieser Erkenntnis plante er Velius' Hinrichtung. Es war Zeit, diese Schwachstelle auszumerzen, die der Therisser noch immer in Kuluars Herzen für Zoras darstellte.

      Es wurde nicht öffentlich gemacht und es gab auch keine Zuschauer. Es war auch nicht blutig, wenngleich Zoras darauf bestand, es selbst zu tun. Er überreichte Velius einfach einen Kelch mit Gift.
      Der Mann schien sich an die Besuche des Eviads gewöhnt zu haben, nachdem es schließlich sonst nichts gab, was ihn von seinem eintönigen Alltag abgelenkt hätte. Er schien sich leichter und leichter zu tun, mit Zoras zu reden, wenngleich er stets eine gewisse Distanz wahrte - sowohl körperlich, als auch emotional. Als Zoras ihm aber den Kelch übergab, zögerte er trotzdem noch eine lange Zeit.
      "Du hast die Wahl. Mir stehen alle Möglichkeiten zur Verfügung, dein Leben zu beenden, du wirst die meisten davon selbst kennen. Ich helfe dir nur, eine eigene Wahl zu treffen. An deiner Stelle hatte ich überhaupt keine Wahl."
      Velius starrte den Kelch trotzdem eine lange Zeit an. Vielleicht hatte er sich trotz all der Zeit doch nicht mit seinem Tod abgefunden. Vielleicht hatte er einen winzigen Funken Hoffnung bewahrt, dass Zoras ihn doch gehen lassen würde. Dass er ihn nachhause zurückkehren lassen würde, um die Kunde zu verbreiten, dass der Pferdeherzog noch lebte. Aber jetzt war sein Schicksal eindeutig.
      Zoras rührte sich nicht. Er wartete schweigsam ab.
      "Was geschieht mit meinem Körper?", sagte Velius. Seine Stimme war ruhig wie sonst, aber Zoras hörte das leichte Schwanken.
      "Ich werde ihn einäschern lassen. Theriss ist zu weit entfernt, um ihn dorthin zurückzubringen, bevor er verfault ist."
      Velius nickte, als hätte er sich so etwas schon gedacht. Er nahm den Kelch entgegen und starrte den Inhalt an.
      "Darf ich einen letzten Wunsch äußern?"
      Zoras nickte nach kurzer Überlegung.
      "Meine Familie soll erfahren, was mit mir passiert ist. Sie müssen nicht die Wahrheit wissen, aber sie sollen wissen, dass ich tot bin. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass sie die ganze Zeit nach mir suchen könnten, wenn ich schon längst tot bin."
      Das traf Zoras auf eine solch persönliche Weise, dass er unwillkürlich die Hand ballte, um Kassandras Narbe zu spüren. Er hatte Ryoran im Stich gelassen und hatte sich nicht darum bemüht, Kontakt zu seinem Bruder aufzunehmen. Er wusste auch nicht, ob Zoras noch lebte oder nicht und die Götter mögen ihn behüten, dass er nach all den Jahren noch nach ihm suchte. Aber er würde es auch nie erfahren. Der einzige, der es wusste, würde in wenigen Minuten sterben.
      Zoras nickte wortlos. Zu etwas anderem vertraute er sich selbst nicht.
      Velius sah zurück in seinen Kelch, dann holte er tief Luft. Es war Wein, normaler Wein, aber trotzdem kippte er ihn in einem Zug hinab. Dann stellte er den Kelch ab, als wolle er nicht, dass er umfallen würde.
      Es dauerte nur etwa 10 Sekunden, bis sich die ersten Symptome zeigten. Zoras wandte seinen Blick nicht ab, noch rührte er sich, als Velius zu keuchen begann, sich krümmte und dann zuckte. 20 Sekunden, dann lag er schon auf dem Boden, 30 Sekunden und er rührte sich gar nicht mehr. Schaum stand vor seinem Mund, sein Kopf war blau angelaufen. Seine Finger hatten sich in sein zerschlissenes Hemd gekrallt und dann verkrampft. Seine Augen standen offen und quollen aus ihren Höhlen. Er hatte sich eingenässt.
      Zoras ließ den Anblick des sterbenden Mannes in sich einsacken, den Moment, in dem er das Lebenslicht in seinen Augen erlischen gesehen hatte, als seine Augen ganz glasig und trüb geworden waren. Er dachte mit aller Kraft daran, weil es das einzige war, an was er sich je erinnern wollte. Velius, sein Kerkermeister, sein Peiniger, der das Leben durch Zoras' Hand ließ. Es war trotz allem eine kleine Befriedigung, dass er in seinen letzten Atemzügen Schmerzen gelitten haben musste.
      Die Wachen gingen gleich in die Zelle hinein und trugen den Körper nach draußen. Zoras hielt sie auf, um selbst noch zwei Finger an seinen Hals zu legen und sich zu vergewissern, dass kein Puls mehr unter der warmen Haut schlug. Mit einem Blick zu Kassandra bestätigte sie ihm, dass diesem Körper kein Lebenslicht mehr innewohnte. Velius war unwiderruflich gestorben.
      Damit gab es ein Problem weniger, das ihm auf dem Gewissen lag. Zoras verließ den Kerker, ein für allemal, und machte sich mit Kassandra daran einen Plan zu schmieden, wie sie den Rat endlich bezwingen, bezähmen und letztendlich dadurch ihre Position festigen konnten. Es war an der Zeit, dass diese Spielchen aufhörten.
    • Ein einziges Mal hatte Kassandra Zoras darauf angesprochen, Velius nicht doch einfach gehen zu lassen. Nur ein einziges Mal, um dem kleinen Funken in ihrem Inneren etwas zum Fressen zu geben, damit sie im Nachhinein nicht doch ihre Wahl hinterfragte.
      Als der Tag schließlich kam, berührte Kassandra den Eviad von Kuluar nicht. Sie berührte auch nicht den Weinkelch, nicht die Phiole und sonst auch nichts, das mit dem Schicksal des Kerkermeisters zu tun haben würde. Das Einzige, was sie tat, war wie ein Schatten hinter Zoras die Stufen nach unten zu folgen und noch vor der Zelle anzuhalten. Mit dem Rücken lehnte sie sich an den kalten Stein, der unter ihrer Berührung an Hitze gewann. Ihren Hinterkopf lehnte sie ebenfalls an, während Zoras die Zelle betrat und seine letzte Unterhaltung mit dem Kerkermeister führte. Dabei lauschte Kassandra jedem einzelnen Wort, aber schritt nicht ein, als es zur eigentlichen Tat kam. Einzig ihre Augen schloss sie, als sie die Gänsehaut über ihren Körper streichen ließ, während mit jeder Sekunde das Licht in ihrem Rücken kleiner wurde. Die Zeit, die natürlich war, gewaltsam verkürzt wurde. Die Phönixin hätte sich dem Ganzen abkapseln können, aber sie verfolgte, wie sich das Ende näherte. Wie Velius erstickte und versuchte, an Luft zu gelangen. Wie die Qual mit der Panik Hand in Hand ging und sich die Angst in ihm breit machte, als sein Körper sich gegen den Angriff wehrte. Selbst Kassandra versagte der Atem, als er seinen letzten Atemzug tat und sein Lebenslicht der Dunkelheit wich. Die Befriedigung, die sie dann urplötzlich verspürte, kam nicht von ihr. Sie stammte von demjenigen, der noch lebend in der Zelle stand und alles mitangesehen hatte. So sehr Kassandra diesen Mann auch mochte – diese Befriedigung in ihm löste bei ihr Abscheu aus.
      Es kam zu einem kleinen Tumult, als die Wachen vor der Zelle hereinkamen und den Leichnam aufsammelten. Kassandra schlug die Augen wieder auf, als die Gruppe mitsamt Zoras bei ihr vorbeikamen und innehielten. Lediglich ein Nicken hatte Kassandra für Zoras übrig. Das sollte ihm als Bestätigung genügen.
      Sie blieb hinter Zoras und auch den Wachen zurück, als sie aus dem Kerker emporstiegen. Zoras schien beinahe losgelöst zu sein, als er im Palast abbog und sich später mit ihr treffen würde, um weitere Pläne zu schmieden. Doch Kassandra folgte ihm nicht umgehend. Sie hatte andere Pläne.

      Kassandra hatte ein Trugbild im Palast zurückgelassen und Alsyr damit beauftragt, es zu bewachen. Die Menge an Aura passte zu dem Maß, das sie üblicherweise ausstieß und sollte ausreichen, damit keiner ihr kurzes Fehlen bemerkte.
      Denn Kassandra hatte sich in ihre wahre Gestalt begeben und in die Lüfte geschwungen, ihre wertvolle Fracht in einer Klaue. Sie wusste, dass Zoras Einwände hätte und sie wusste, dass die Verlockung groß war, Umwege zu fliegen. All das musste sie nun ausblenden, auch wenn sie Kuluars Grenzen längst verlassen hatte und über Ländereien flog, die sich allmählich bekannter anfühlten. In der Ferne erkannte sie bereits die Hauptstadt mit ihren Zinnen und dem Schloss, das sich im Zentrum erhob. Auch diesen Anblick kannte sie sehr gut und drehte bewusst ab, weil sie sonst doch Dinge getan hätte, die nicht ratsam gewesen wären.
      Sie hatte sich die Aura sehr gut eingeprägt und suchte nun in den äußeren Bezirken des Herrschaftsgebietes nach verwandten Auren. Dank ihrer Magie flog sie unentdeckt durch den Nachthimmel und scannte die Menschen am Boden nach ihrem Ziel ab. Schließlich fand sie es; ein gut situiertes Haus mit Ländereien außerhalb der Stadt.
      Noch im Landeanflug wechselte Kassandra ihre Gestalt. Sie schrumpfte auf ihre eigentliche menschliche Hülle, verbarg jedoch ihr Antlitz unter Kutten und Stoffschichten. Die Fracht, die sich transportiert hatte, war in Leinenbahnen gehüllt und legte sich auf Kassandras Arme, als sie sich dem hinteren Teil des Hauses näherte. Im Inneren nahm sie eine Frau und Kinder wahr. Kein Mann. Genau wie er gesagt hatte. Sie klopfte an ein Fenster, wodurch die Kinder erschraken und die Frau ebenso. Doch anstelle Panik zu bekommen, besann sie sich und kam zum Hinterausgang, den sie einen Spalt breit öffnete und Kassandra misstrauisch beäugte. „Was wollt Ihr?“
      „Ich bringe Euch, was Euch zusteht“, sagte Kassandra und ging in die Hocke, um ihre Fracht abzulegen. „Er hat sich gewünscht, wieder zu Euch zurückzukehren, und diesem Wunsch komme ich nach. Fragt nicht nach mehr, ich kann es Euch nicht sagen. Ich bringe Euch lediglich Gewissheit.“
      Damit wickelte sie den Stoff am Kopfende ab und enthüllte Velius‘ Gesicht, dem sie vorab die Augen geschlossen und das Aufgequollene aus dem Gesicht genommen hatte. Die Frau schlug sich die Hand vor den Mund und öffnete die Tür weiter, um mit Grauen festzustellen, dass sich ihr Mann dort vor ihr befand.
      Noch bevor sie etwas sagen konnte, hatte sich Kassandra abgewandt und war mit ihrer Magie im Nichts verschwunden. Hinter ihr hörte sie noch das Schluchzen, das einsetzte, wann immer eine Frau um ihren verstorbenen Mann trauerte. Doch die Phönixin wandte sich nicht mehr um, sondern stieg auf in den schwarzen Himmel und kehrte Theriss ein weiteres Mal den Rücken.


      Tage und Wochen zogen ins Land Kuluar. Sehr zu Zoras‘ und Kassandras Verwunderung probierte Dionysus keinen weiteren Versuch, ihre Union irgendwie zu malträtieren. Stattdessen zog sich das ewige Hin und Her zwischen ihnen hin, da keine Seite so recht einknicken wollte. Während Kassandra und Zoras versuchten, die Schnittstelle im Rat zu finden, schien sich eben jener möglichst unbetroffen zu zeigen und stattdessen dem Eviad weiterhin die Stirn bieten zu wollen.
      Als sich das nächste Fest näherte, rückten auch die Sorgen wieder in den Vordergrund. Zavion wurde regelrecht paranoid mit jedem weiteren Tag, an dem das Fest des Handels näher rückte. Er kontrollierte sämtliche Gegenstände und Menschen persönlich und mehrfach, die in die Nähe des Eviads kamen, um so seinen Fehler beim letzten Mal zu kompensieren. Auch Kassandra prägte sich dieses Mal jede Signatur und jedes Gesicht sämtlicher Bediensteten ein, die im Schloss Zutritt hatten. Dieses Mal würde ihnen kein weiterer Fehler unterlaufen, der einen zweiten Tysion nach sich zog.
      Sehr zu Kassandras Erstaunen schaltete sich Esho in die zusätzliche Sicherung mit ein. Scheinbar zog es ihm doch mehr nach als ursprünglich gedacht, dass Attentäter sich unbehelligt ins Schloss bewegen konnten. Oder weil es einfach eine Aktion von Dionysus gewesen war, die er nicht gut befunden hatte. Jedenfalls ließ er Sticheleien gegen Zoras bleiben, wann immer Kassandra in der Nähe war und wies die Wachen mit Hilfe von Alsyr an, sich gegen diese Kampfstile zu wappnen.
      Als der Tag des Festes kam schickte Kassandra Zoras in die Ställe. Ohne die kräftigen Zugtiere wie Maultiere und Pferde war ein Handel praktisch unmöglich und sie empfand es als eine willkommene Ablenkung, ihn zu seiner Stute zu schicken, die er in letzter Zeit wieder vernachlässigt hatte. In der Zwischenzeit konnte sie Vorbereitungen treffen, die keine weiteren Augen benötigten.
      Als Zoras unten in den Ställen ankam, wuselten die Burschen emsig durch die Gänge und trugen eimerweise Äpfel durch die Gegend. Sämtliche Tiere in den Stallungen bekamen an diesem Tag eine Extraportion und das erklärte die erhöhte Frequenz der Burschen. Weiter hinten teilte der Stallmeister die Eimer den jeweiligen Pferden zu, doch sie waren schon so weit, dass Kassadra ihren Eimer vermutlich schon bekommen hatte.
      Wie erwartet war Kassadra in ihrem Stall nicht allein. Jemand hielt ihr einen Apfel hin, während sie ihre Mähne von einem Kamm gebürstet bekam. Es war eine Frau mit hellblondem Haar, lang und in einem französischen Zopf gebunden. Ein Strohhalm stach aus den Knoten hervor während sie der Stute in einem ruhigen Tonfall etwas zu zuflüstern schien. Sie trug ähnliche Kleidung wie die Stallburschen, nur mit einer Schürze und einem Rock ausgestattet.
      Als sie Zoras hinter sich bemerkte, zuckte sie betroffen zusammen und neigte den Kopf. Sie war etwa Anfang dreißig, hatte ein volles Gesicht und grüne Augen. Sommersprossen tanzten auf ihrer Nase, während sie den Blick zum Eviad mied.
      „Oh, verzeiht, ich wusste nicht, dass Ihr heute auch herkommt. Ich… Ich komme fast täglich zu Kassadra, da sie so selten Besuch bekommt. Wollt Ihr… ihr auch einen Apfel geben?“, fragte sie etwas peinlich berührt und bückte sich, um einen Apfel aus dem Eimer zu nehmen.

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    • Natürlich blieb Velius' Tod nicht unentdeckt, aber die ganzen Sticheleien und hirnlosen Bemerkungen verloren selbst nach einigen Tagen den Reiz. Zoras versuchte es einfach nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen. Das tat er aber sowieso bei fast allem, was der Rat jemals von sich gab.
      Die nächsten Festivitäten näherten sich in Windeseile und brachen den wieder eintönig gewordenen Alltag um ein neues auf. Zoras kam der Feiertag nicht gerade gelegen, denn er war kontinuierlich damit beschäftigt, sich in der Regierung behaupten zu wollen, dass ihm eine Pause so vorkam, als würde er den anderen Vorsprung gewähren, während er selbst zurückblieb. Natürlich konnte er sich aber davor nicht drücken und ganz im Gegenteil würde er dort wieder wichtige Persönlichkeiten treffen. Daher durfte er sich die nächsten Tage auch wieder damit ablenken, Namen auswendig zu lernen und sich an die hohen Personen zu erinnern. So wie auch im königlichen Hof von Theriss waren fast immer dieselben eingeladen und so war es für ihn umso wichtiger, sich die Gäste zu merken und so persönlich wie nur möglich mit ihnen zu werden.
      Diesmal waren sie alle auf ein Attentat vorbereitet, was diesen Aspekt des Festes etwas dämpfte, allerdings war Zoras nicht unglücklich darüber, als Kassandra ihn in die Ställe schickte, wo er am besten aufgehoben war und immer noch dafür sorgen konnte, dass er gesehen wurde. Außerdem war er da einmal nicht beim Rat und musste nicht auf der Hut sein, sich von den anderen bei den Gästen bloßstellen zu lassen.
      Er ging mit seiner Eskorte, bei der Zavion diesmal nicht teilnahm, und betrat die Ställe, diesmal ohne, dass sie extra für ihn geräumt wurden. Noch immer liefen all die Stallburschen herum und kümmerten sich um dutzende Reittiere gleichzeitig. Zoras mochte die geschäftigen Geräusche und fühlte sich - so wie immer in einem Stall - gleich viel ruhiger.
      Sein erstes Ziel führte ihn natürlich sofort zu Kassadra, die er niemals ignorieren würde, wenn er den Stall betrat. Diesmal war sie auch nicht alleine; eine Frau im mittleren Alter hielt ihr gerade einen Apfel hin, um sie abzulenken, während sie ihr die Mähne bürstete. Zoras musste lächeln bei dem allzu bekannten Anblick, der sich ihm dort bot. Er wusste um Kassadras Temperament und konnte sich sehr gut vorstellen, dass auch diese Frau sich irgendwann mit solchen Tricksereien abgefunden hatte. Bei ihm war es schließlich nicht anders verlaufen.
      Er kam auf die beiden zu und blieb dann hinter ihr stehen, die Garde neben sich. Die Frau flüsterte Kassadra gerade noch etwas zu, dann schien sie aber das abrupte Verklingen von schweren Stiefeln zu bemerken und drehte sich um - nur, um bei seinem Anblick große Augen zu bekommen. Sofort verneigte sie sich, wobei sie ihm recht offen präsentierte, dass sich dort ein Strohhalm in ihren Haaren eingenistet hatte. War sie eine von den Stallburschen? Irgendwie kam sie ihm dafür zu zusammengewürfelt vor.
      „Oh, verzeiht, ich wusste nicht, dass Ihr heute auch herkommt. Ich… Ich komme fast täglich zu Kassadra, da sie so selten Besuch bekommt. Wollt Ihr… ihr auch einen Apfel geben?“
      Das war also diejenige, die sich um Kassadra kümmerte? Zoras betrachtete sie eingehend. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, dass er denjenigen kennenlernen sollte, aber jetzt schien es ihm irgendwie angemessen. Immerhin waren Kassadras Haare stets frisch gekämmt, ihr Fell glänzte zu jeder Uhrzeit und sie hatte sich auch von dem spärlichen Reisefutter erholt. Zoras hätte sich niemals in diesem Ausmaß um sie kümmern können.
      "Aber selbstverständlich", sagte er ruhig und gelassen. Die Frau sah nämlich, so wie fast alle anderen Angestellten auch, so aus, als wolle sie gleich im Boden versinken, nur um seinem Blick zu entgehen. Wie merkwürdig es für diese Frau doch sicher wäre zu erfahren, dass Zoras einfach nur ein Mann war und niemand, den man so anhimmeln musste.
      Er nahm den Apfel entgegen, wobei er sich darüber im Klaren war, wie sehr sie vermied, ihn auch nur kurz zu berühren, und trat an die Box heran. Seine Garde blieb zurück und machte auch keine Anstalten, die Frau wegzuscheuchen.
      "Hallo Mädchen", schnurrte er Kassadra leise zu und hielt den Apfel extra noch bei sich, damit sie den Kopf aus der Box streckte. Sie hatte zwar schon einen bekommen, vermutlich auch schon einen ganzen Eimer Futter, aber trotzdem reckte sie sich heraus, als wäre sie am Verhungern. Zoras kämmte ihr mit den Fingern durch die Fransen und erbarmte sich dann ihrer. Diesen treuen Augen hatte er einfach noch nie etwas abschlagen können.
      "Wie oft bekommt sie Auslauf? Reitet sie auch jemand?"
      Seine Frage ging an die blonde Frau hinter ihm, von der er wusste, dass sie noch da sein musste. Sicher hatte sie es nicht gewagt, sich ohne seine ausdrückliche Erlaubnis zu entfernen.
    • Die Frau nickte bedächtig, als Zoras zustimmte und ihr den Apfel aus der Hand nahm. Konsequent hielt sie weiter den Blick gesenkt und trat noch weiter beiseite, bis sie fast mit dem Rücken an der Boxenwand stand. Ihre Schürze an der Vorderseite war noch komplett unbefleckt, ihre Stiefel ebenso. Nur an ihren Puffärmeln waren Flecken zu sehen, die Zoras vermutlich schnell als Sabberflecken der Stute enttarnen würde. Dank ihres Verhaltens sah die Garde keinen Grund darin, die Frau vom Ort zu entfernen.
      „Hallo Mädchen.“
      Die Frau blickte gerade so auf, dass sie den Eviad beobachten konnte. Sie verstand kein Wort davon, was er da sagte, aber die Tonlage sagte ihr durchaus sehr viel aus. Ihr fiel auf, wie Kassadra sich über die Lippen leckte und einmal kaute, bevor sie ihm ein Stück des Apfels entriss. Das unmissverständliche Zeichen der Entspannung. War die Stute bei ihr etwa angespannt? Aber dafür verbrachte sie doch extra viel Zeit hier, damit dies nicht geschah!
      „Wie oft bekommt sie Auslauf?“, fragte der Eviad wieder in der Sprache, die sie ebenfalls sprach.
      „Selbstverständlich täglich, Eure Hoheit. Pferde sind Herdentiere. Es ist gegen ihre Natur, sie allzu lange in den Boxen stehen zu lassen. Über Nacht kommen die Pferde herein, damit sie sicher stehen“, erklärte sie sofort und bückte sich nach dem Eimer, den sie kurz darauf umwarf, als er ihre eine weitere Frage stellte.
      „Ob ich sie reite? Natürlich nicht!“ Sie klang ein wenig entsetzt, so als würde man sie gerade fragen, nackt durch die Gänge des Palastes zu spazieren. „Niemand wagt es, Euer Pferd zu reiten! Alles, was wir mit ihr tun, ist Bodenarbeit. Aber niemand besitzt das Recht, einfach so Euer Pferd zu satteln… Nicht auszudenken, solltet Ihr in die Stallungen kommen und nach Eurem Pferd wünschen, das gar nicht da ist.“
      Die Wachen nickten teilweise bei dieser Erklärung. Es stand dem Pöbel einfach nicht zu, das Pferd des Auserwählten zu reiten. Nur, wenn das explizite Recht ausgesprochen wurde, dann war dem erlaubt. Das wusste jeder, der sich mit dieser Hierarchie auskannte. So auch die Frau, die hastig die Äpfel wieder einsammelte. Zu den Äpfeln gesellte sich der Kamm und noch ein Striegel, den sie zuvor benutzt hatte. Als sie sich bückte, hob sich ihr Rock und entblößte die Stiefel, die eindeutig nicht zu den Stallburschen gehörten. Sie sahen eher aus wie gutes Laufwerk, das für Dienste im Palast eingesetzt wurden. Nur dass sie im Gegensatz zu den flachen Halbschuhen der Dienstmägde hohe Stiefel mit Schnürung trug, die kräftige Beine andeuteten. Der Einblick verflog, als sie sich mit dem Eimer wieder aufrichtete und sich nervös über die Lippen leckte.
      „Kassadra hat sich ihre Menschen ausgesucht, wisst Ihr? Sie… sie lässt sich nicht so einfach von jedem führen. Etliche der Burschen haben Schwierigkeiten mit ihr und nun ja… mich scheint sie wenigstens nicht zu verbeißen“, fügte sie leise hinzu und druckste ein wenig dabei herum.
    • Die Frau bestätigte ihm, was er hören wollte, wobei sie hoffentlich die Wahrheit sprach und sich nicht nur bemühte, ihm zu sagen, was er hören wollte. Zoras kraulte Kassadra die Stirn, während sie genüsslich auf ihrem Apfel herum kaute. Er verhätschelte sie zu sehr, aber was sollte er schon dagegen tun. Zoras hatte eine Schwäche für seine Pferde.
      „Ob ich sie reite? Natürlich nicht!“
      Er warf der Frau bei der lauten Stimme einen kurzen Seitenblick zu. Kassadra peitschte mit dem Schweif.
      „Niemand wagt es, Euer Pferd zu reiten! Alles, was wir mit ihr tun, ist Bodenarbeit. Aber niemand besitzt das Recht, einfach so Euer Pferd zu satteln… Nicht auszudenken, solltet Ihr in die Stallungen kommen und nach Eurem Pferd wünschen, das gar nicht da ist.“
      Das wusste er, natürlich wusste er das. Aber es bedeutete auch, dass Kassadra seit einem halben Jahr schon nicht mehr geritten worden war. Vorher hatte Zoras sich nie Gedanken darum gemacht, dass er dafür keine Zeit finden konnte, aber so war es jetzt nunmal. Er fand kaum Zeit, kurz in die Ställe zu kommen, um sie überhaupt zu sehen, und erst recht nicht konnte er mit ihr ausreiten. Das sollte er vermutlich mal bei jemandem ansprechen. Beim Stallwart?
      Er sah wieder seine Stute an und zeigte ihr die leere Handfläche, als sie wieder zu schnüffeln begann.
      "Möchtest du mal wieder ausreiten, Mädchen? Aus der Stadt raus, über die Felder laufen, ohne Umzäunung und Grenze? Hmm? Möchtest du das, mein braves Mädchen?"
      Er sprach leise mit ihr, auch wenn ihn hier niemand verstehen konnte. Es war eigentlich nicht mehr als ein Brummen, das er dort von sich gab, aber Kassadra schnaubte trotzdem, als hätte sie ihn verstanden. Sie schüttelte ihre Mähne, schmatzte zweimal und streckte ihren Kopf dann wieder heraus, um an seinen Gewändern zu schnüffeln und zu schnuppern. Natürlich suchte sie nach Leckereien, die sie bei ihm stets erwartete.
      Neben ihm bemühte sich jetzt die Stallfrau, ihre Sachen einzusammeln. Zoras bemerkte es eher durch Zufall, aber doch sah er die Stiefel, die unter dem Rock der Frau verborgen waren. Das war keine gewöhnliche Uniform für eine Stallfrau und auch die Bediensteten im Haus trugen anderes Schuhwerk. Diese Frau schien sich für etwas anderes gerüstet zu haben.
      Unweigerlich musste er an die Waschfrau denken, die ihnen im unteren Gang des Palastes entgegen gelaufen war. Die sich in die Luft gesprengt hatte, die Tysion das Leben gekostet hatte. Die für viel Chaos verantwortlich gewesen war, das in den nächsten Wochen gefolgt war.
      Unweigerlich versteifte er sich. Kassandra und Zavion setzten zwar alles in ihrer Macht stehende ein, um ein zweites Attentat zu verhindern, aber hatten sie auch daran gedacht, die Ställe zu sichern? Reichten die sechs Gardisten, die jetzt einen Halbkreis hinter Zoras formten, aus, um etwas derartiges zu verhindern? Was, wenn unter all den Äpfeln in dem Eimer der Frau noch etwas ganz anderes verborgen lag?
      Er mochte seine paranoiden Gedanken nicht. Er hatte geglaubt, sie einige Wochen nach dem Vorfall losgeworden zu sein, aber ganz weg würden sie wohl nie sein. Zu sehr saß ihm das Ereignis in den Knochen.
      „Kassadra hat sich ihre Menschen ausgesucht, wisst Ihr? Sie… sie lässt sich nicht so einfach von jedem führen. Etliche der Burschen haben Schwierigkeiten mit ihr und nun ja… mich scheint sie wenigstens nicht zu verbeißen.“
      Zoras sah die Frau nicht wieder an, sondern hielt den Blick auf Kassadra gerichtet. Tatsächlich war die Stute relativ entspannt im Moment. Sie hatte noch nicht die Ohren angelegt und die Frau auch sonst mit keiner anderen Regung gewürdigt. Das war in der Tat ein gutes Zeichen.
      "Sie kann sehr eigensinnig sein, wenn sie das möchte."
      Er sprang fließend ins therissisch über und senkte wieder die Stimme dabei.
      "Was hältst du von ihr, hm? Du scheinst sie ja mehr zu mögen als deine Namensvetterin. Sie kann allerdings auch sehr furchteinflößend sein, wenn sie das möchte."
      Ein leises, hohes Wiehern war Kassadras Antwort. Sie nahm die oberste Lage von Zoras' Gewand zwischen die Lippen und knabberte halbherzig daran, bevor sie den Kopf hob.
      "Denkst du, sie hat die Absicht, mir im Stall aufzulauern? So wie die Waschfrau? Oder ist das nur die Paranoia, die aus mir spricht?"
      Kassadra schnaubte ihn an. Dann riss sie ihren Kopf aus seinen Händen, warf ihn zurück, machte einige ruckartige Bewegungen, und senkte ihn wieder zu Zoras hinab. Ganz freiwillig und anscheinend genüsslich ließ sie sich wieder von ihm kraulen.
      Zoras schwieg für einen Moment. Er war für Festlichkeiten hergekommen und die wollte er sich nicht durch seine Angst verderben lassen. Nicht schon wieder.
      "Wie oft bist du hier, bei Kassadra? Kümmerst du dich regelmäßig um sie?"
    • Als Zoras nach ihrem Ausbruch wieder die Sprache wechselte und mit dem Pferd sprach, hatte die Frau kurzzeitig das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben. Man musste Pferde nicht täglich reiten, bewegen reichte vollkommen aus. Das änderte nur nach sehr sehr langer Zeit etwas an dem Verhalten der Pferde, wenn sie nicht geritten wurden. Das wusste die Frau zweifellos.
      „Sie kann sehr eigensinnig sein, wenn sie das möchte.“
      „Oh ja!“, pflichtete sie dem Eviad bei und wagte es sogar, ein flüchtiges Lächeln aufzusetzen. „Sie gehört zu den Pferden im Stall, die sehr viel Charakter besitzen. Einige der Stallburschen schieben es darauf, dass sie eine Stute ist und die ja immer zickig seien, aber ich bin da anderer Meinung. Ihr werdet sie nicht umsonst als Euer Pferd auserkoren haben.“
      Wieder wechselte Zoras die Sprache und die Frau hob weiter den Blick. Selbst wenn sie kein einziges Wort von dem verstand, was er da sagte, schien sie ihn regelrecht fasziniert anzusehen. In ihren Augen lag eine Neugier und eine Wärme, die sie hastig unter einem gesenkten Blick und Demut verbarg, wann immer der Eviad einen Blick in ihre Richtung riskierte.
      Was auch immer er jedoch gesagt hatte, es schien bei Kassadra eine gewisse Wirkung zu erzielen. Die Stute riss ihren Kopf hoch, als würde sie koppen, und kehrte dann wieder zu ihm zurück, um weiter nach Leckereien zu suchen und sich anfassen zu lassen. Die Frau nutzte den Moment, um sich aus der Box zu stehlen und sich in den Gang neben die Tür zu stellen. Den Eimer hielt sie fest mit beiden Händen, eine absolut akkurate Haltung zur Schau stellend.
      „Wie oft bist du hier, bei Kassadra?“
      Die Frau schien plötzlich ein wenig zu schrumpfen. Fast so, als würde sie der Frage am liebsten ausweichen und nicht darauf antworten. Als sie scheu den Blick hob und die Wachen ansah, die sie mit Blicken dazu aufforderten, zu antworten, tat sie es doch: „Ich… hm… vielleicht… täglich?“ Sie sagte es kleinlaut und schob dann eilig hinterher: „Aber ich versichere Euch, dass ich meine Arbeiten nicht vernachlässige! Wirklich nicht! Ich komm hier nur vor oder nach meinem Dienst vorbei und ganz bestimmt nicht währenddessen!“
      Zoras schien einen Moment darüber nachzudenken. Dann fragte er weiter: „Kümmerst du dich regelmäßig um sie?“
      Die Frau nickte. „Wie erwähnt hat Kassadra mit mir weniger Probleme. Sie hat schon einige der Burschen verbissen und die beschränken sich nun nur noch auf füttern und tränken. Sicher, es gibt Ausnahmen, aber ich komme nur zu ihr.“ Sie holte ihren Zopf nach vorn und fing an, nervös die einzelnen Strähnen zu befühlen. Da fiel ihr der der Strohhalm auf. „Oh, um Himmels…“ Sie pflückte ihn heraus und warf ihn in die Box.
      „Sagt, wollt Ihr sie reiten bevor die Festlichkeiten beginnen? Es ist noch Zeit und ich nehme an, Ihr seid nicht ohne Absicht in die Stallungen gekommen…“
    • Es stimmte, Zoras hatte Kassadra nicht umsonst als sein Pferd auserkoren. Dabei war sie in diesem Stall voller reinblütiger, gezielt gezüchteter Reittiere keineswegs herausragend, in keinster Weise. Sie war sicher nicht die schnellste, die ausdauernste und auch nicht die kräftigste; Zoras zweifelte sogar an ihrer Blutlinie. Aber er hatte Tage in ihrer Box gesessen, geschlafen und hatte mit ihr geredet, wo er doch sonst mit keinem hatte reden können. Und Kassadra hatte ganz ruhig dagestanden, den Kopf zu ihm herab gesenkt und hatte sich von ihm kraulen lassen.
      Ja, es war nicht umsonst, an Kassadra zu hängen. Doch es war bestimmt nicht aus einem Grund, den die Frau hätte erahnen können.
      Bei seiner Frage, wie oft sie hier war, schien sie mit einem Schlag sehr betroffen zu wirken. Das gab Zoras einen Grund, sie mit gehobenen Augenbrauen näher zu betrachten. Hatte er sie mit der Frage bei etwas erwischt?
      „Ich… hm… vielleicht… täglich?"
      Täglich? Das war doch gut. Jemand sollte ständig nach Kassadra sehen.
      „Aber ich versichere Euch, dass ich meine Arbeiten nicht vernachlässige! Wirklich nicht! Ich komm hier nur vor oder nach meinem Dienst vorbei und ganz bestimmt nicht währenddessen!“
      Ah, daher wehte der Wind. Bei der hastigen Entschuldigung war Zoras geradezu gewillt genau das Gegenteil zu glauben.
      Sofern die Frau wirklich eine ganz gewöhnliche Angestellte war und sich nicht als solche tarnen wollte.
      Bei dem Gedanken verschwand die Leichtigkeit der Unterhaltung wieder.
      Jetzt erst schien der Frau der Strohhalm in ihrem Zopf aufzufallen, den sie sich hastig herausrupfte und ein Fluchen unterdrückte. Ihre Manieren ließen eindeutig zu wünschen übrig, besonders im Angesicht des Eviads, aber Zoras war nicht darauf aus, sie dahingehend zu belehren. Sollte sich herausstellen, dass die Frau wirklich nur eine gewöhnliche Dienerin war, so hatte sie bereits damit seine Gunst gewonnen, dass sie sich bei Kassadra einschmeicheln konnte. Immerhin wollte er seine Stute nur in den besten, willigsten Händen wissen.
      „Sagt, wollt Ihr sie reiten bevor die Festlichkeiten beginnen? Es ist noch Zeit und ich nehme an, Ihr seid nicht ohne Absicht in die Stallungen gekommen…“
      "Oh, keineswegs. Außer du möchtest mir zeigen, wie ich in diesen Gewändern einen Sattel besteigen kann."
      Er wandte sich ihr ein Stück zu, um seinen Punkt zu unterstreichen, unterbrach sie aber gleich wieder, als sie den Mund tatsächlich zur Antwort öffnete.
      "Das war keine ernst gemeinte Aufforderung. Allerdings könnte ich Kassadra aus ihrer Box lassen. Hol mir das Zaumzeug her."
      Die Frau schien erleichtert, dass sie sich zum einen entfernen und zum anderen diesen direkten Befehl auch ausführen konnte. Zoras kraulte Kassadra weiter die Nüstern und wartete, bis die Frau weg war, bevor er sich an einen Gardisten wandte.
      "Ich will wissen, wer das ist. Name, Stelle, wie lange sie schon hier arbeitet. Jemand soll es mir in mein Gemach bringen."
      "Verstanden, Herr. Soll sie von den Ställen ferngehalten werden, Herr?"
      "Nein, sie kann weiter herkommen. Aber jemand kann ein Auge auf sie werfen."
      "Verstanden, Herr."
      Dann kam die Frau wieder und übergab das Zaumzeug, als Zoras die Hand danach ausstreckte. Kassadra wich nach oben aus, als er es ihr anzulegen versuchte.
      "Brav sein, Mädchen."
      Sie schnaubte und spielte mit ihm, als er es weiter versuchte, bis sie sich doch einfangen ließ. Dann war sie auch wieder ganz gefügig und kam erhabenen Schrittes aus ihrer Box stolziert.
      Die Frau blieb zurück, während Zoras mit seiner Stute auf den Vorplatz hinaus kam, auf dem sich bereits diverse Tiere mit Wagen und Gefährten für die Vorbereitung des Festes sammelten. Die Abgeschiedenheit der Ställe war verflogen und jetzt richteten sich wieder dutzende Blicke auf den Eviad, der sich seiner Rolle entsprechend die Ranghöchsten suchte, um ungezwungene Plauderei zu betreiben. Es war zwar noch nicht soweit für die Festlichkeiten, aber es ließ Zoras Kontakte über die Tiere knüpfen. Dabei stand Kassadra immer neben ihm und bedachte die fremden Menschen mit angelegten Ohren, wenn sie es wagten, die Dame zu bewundern.
    • Eigentlich hatte die Frau damit gerechnet, dass der Eviad ihre Frage bejahen würde. Viele Würdenträger besaßen Wechselkleidung in der Nähe der Ställe, falls sie sich dazu herabließen, per Pferd zu reisen und nicht in einer Kutsche gefahren zu werden. Das nahm sie auch für diesen Eviad an, doch seine Antwort auf ihre Frage bedeutete ihr anderes. Tatsächlich stutzte sie einen Augenblick, der von außen her nicht wirklich ersichtlich war, und ihr von der Sonne leicht gebräuntes Gesicht wurde eine Nuance dunkler. Sie öffnete den Mund, doch der Eviad war schneller.
      „Das war keine ernst gemeinte Aufforderung.“ Das sah sie jetzt auch und die Farbe in ihrem Gesicht wurde wieder normal. „Allerdings könnte ich Kassadra aus ihrer Box lassen. Hol mir das Zaumzeug her.“
      „Mit Freuden, Hoheit!“, verkündete sie, machte einen Knicks und eilte in Richtung der Sattelkammer davon. Als sie um die Ecke bog, ließ sie die Kontrolle über ihre Mimik sausen. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem leicht runden Gesicht aus und sie summte leise, während sie ein Halfter mit Polsterung an Nase und Kopf herauszog. Mit dem gleichen Elan rauschte sie wieder aus der Kammer, drosselte aber ihr Tempo und hatte auch wieder eine eher dienliche Mimik aufgesetzt anstelle des Lächelns. Sie peilte direkt einen der Soldaten an, um ihm das Halfter zu geben, weil es sich nicht gehörte, dem Eviad von sich aus etwas in die Hand zu geben. Doch Zoras streckte die Hand zu ihr aus und sie schlug gerade noch den Bogen, um ihm das Halfter in die Hand zu legen.
      Dann sah sie mit gefalteten Händen vor ihrer Schürze dabei zu, wie Zoras versuchte, Kassadra einzufangen und sie irgendwann aufhörte, sich anzustellen. Er bekam sie gepackt und konnte sie aus der Box führen, wobei sie eine kurze Spur aus Stroh hinter sich herzog. Die Frau sagte nichts, als der Eviad mit seiner Garde die Stallungen verließ, sondern blieb brav zurück, bis sich die Männer aus ihrem Blickfeld verabschiedet hatten. Dann stieß sie einen langen Atemzug aus.
      „Hey! Oh, ich WUSSTE, dass du schon wieder hier bist!“, kam eine biestige Frauenstimme aus den Gängen und die Frau zuckte zusammen. Auf sie zu gestampft kam ein Dienstmädchen, oder eher Frau, mit massigem Körper, der das Kleid fast zu sprengen gedachte. Sie hatte ihre schon ergrauenden Haare in einen strengen Dutt gezwängt und hob mahnend den Finger. Natürlich den Finger…
      „Ich habe noch bestimmt zehn Minuten, Ghanda…“, seufzte die Frau, gesellte sich aber zu Ghanda und ging mit ihr zurück in die Gänge. „Weißt du, wer gerade höchstpersönlich hier war und sein Pferd geholt hat?“ Sie grinste verschwörerisch.
      Ghanda gaffte sie an. „Du hast NICHT den Eviad angesprochen.“
      „Doch. Habe ich.“ Sie grinste noch breiter.
      Ghanda machte einen empörten Ausruf und gab der Frau einen Klaps auf die Schulter. „Wie kommst du dazu, den Eviad anzusprechen? Bist du denn vollkommen verrückt?“
      Er hat mich angesprochen und nicht andersherum“, verkündete sie stolz, während sie ihren eigenen Zopf aufdrehte und mit Nadeln, die in ihren Ärmeln steckten, festmachte. „Kannst du dir das vorstellen? Endlich hat es funktioniert, Ghanda. Ausgerechnet am Tag des Handels. Das kann doch kein Zufall sein!“
      Die dicke Frau stöhnte genervt auf und schob ihre Kollegin rigoros weiter. „Schön, dann hat es das eben. Jetzt hör auf zu Tagträumen und geh an die Zuber. Die Berge von Wäsche machen sich nicht allein.“
      „Ja, ja…“, lachte die Frau, deren Tag wohl nun gerettet war.
    • Wenige Stunden dauerten die Vorbereitungen noch, dann wurde das Gelände des Palastes geschlossen, um Platz für die anreisenden Geladenen zu schaffen. Zoras übergab Kassadra an einen Stallburschen, der sie zurück in ihre Box brachte, wobei es eher Kassadra war, die ihn in die Box führte. Dabei musste er unweigerlich an die Frau denken und daran, dass sie erwähnt hatte, dass Kassadra kaum jemanden hier mochte. Er vermisste seine Stute. Wenn er nur könnte, wenn er Zeit dazu hätte, dann würde er auch jeden Tag herkommen. Ganz wie früher, ganz so, wie es sein sollte.
      Weil Kassandra noch mit ihren eigenen Vorbereitungen beschäftigt war, gesellte Zoras sich bald alleine zu den langsam eintrudelnden Ratsmitgliedern. Ristaer und Kalea waren bereits vor Ort, beide einen Weinkelch in der Hand, beide in die kräftigen Farben ihrer Häuser gehüllt. Zoras' Türkis mischte sich aufreibend unter die anderen beiden Farben.
      Als er hinzukam, waren sie bereits am Plaudern. Kaum blieb er stehen, tauchte aus dem Nichts schon ein Diener auf und reichte ihm einen leeren Kelch. Er war schon voll, als Zoras ihn an seine Lippen führte. Der Wein schmeckte fruchtig.
      "Er ist schon wieder draußen beim Tor", sagte Kalea gerade mit grimmiger Miene, die Zoras stets als "ich kann nicht fassen, dass die Leute nicht einfach ständig tun, was ich von ihnen erwarte"-Miene einstufte. Damit hatte sie ihn auch schon oft genug angesehen, wenn er es auch nur gewagt hatte, das Wort zu erheben.
      "Wenn er hier in seiner Uniform auftaucht und ohne Farben, schicke ich ihn höchstpersönlich zu Hades."
      Ristaer sah Zoras an und nickte ihm nur wortlos zur Begrüßung zu. Von Kalea bekam er nicht mehr als ein Kopfzucken.
      "Es wird schon nicht sehr auffallen. Wenn er klug ist, dann macht er nicht alle Welt auf sich aufmerksam."
      "Ja. Wenn", schnaubte Kalea.
      "Um wen geht es?", fragte Zoras dazwischen.
      "Um Esho", antwortete Kalea prompt und sah ihn jetzt auch direkt an. Das war auch etwas, was Zoras stets unglaublich aufgestoßen hatte: Der Rat mochte sich gegen ihn verbünden, aber er verbündete sich auch gegeneinander. Und jetzt im Moment war das Ziel Esho wohl höher als das Ziel Zoras, sodass Kalea sich wohl herablassen konnte, mit dem Eviad zu plaudern.
      "Er mischt sich schon den ganzen Tag bei der Wache ein. Ich habe ihm gesagt, er soll das lassen, weil er Amtsträger ist, aber er hört einfach nicht auf mich. Ich habe doch schon immer gesagt, dass er viel zu jung ist für seinen Posten. Für sowas braucht man Alter und Erfahrung und nicht... impulsives Temperament."
      Sie schnaubte abfällig und Ristaer zuckte mit den Schultern.
      "Es war wohl zu erwarten. Keine besonders große Überraschung."
      "Nein. Wirklich nicht."
      Nach und nach gesellten sich auch die anderen hinzu, darunter auch der Übeltäter, der sich nicht darum zu kümmern schien, dass man hinter seinem Rücken tuschelte. An seiner Stelle wäre Zoras jedoch wohl auch entspannt, denn hinter Esho kam gleich auch Asterios angeschlichen, die Augen weit aufgerissen, die Nüstern gebläht. Mit Kassandra fühlte auch Zoras sich stets wesentlich entspannter unter den Ratsmitgliedern. Seine Intention sagte ihm aber, dass sie schon auf dem Weg war.
      Dionysus betrat die Runde natürlich mit einem strahlenden Lächeln, das er gleich wie ein Geschoss auf Zoras richtete.
      "Der Rebell ist auch schon unter uns! Die vielen Pferde hier müssen dir sicher gefallen, nicht? Fühlt sich so ein therisser Festtag an?"
      Zoras hatte bei Dionysus gelernt, ihn und seine Sticheleien einfach zu ignorieren. Das war wesentlich besser als in irgendeiner Weise zu antworten, denn der Gott war äußerst geschickt darin, auf seinen Worten einfach neu aufzubauen.
      Interessanterweise hatte er in den letzten Wochen bemerkt, dass viele Ratsmitglieder eine ähnliche Spur fuhren. Mirdole war die einzige, die sich dem Schlagabtausch mit dem Weingott widmete, aber auch nicht immer. Meistens ließ sie ihre zischenden Schlangen für sich sprechen.
      Dann war auch Kassandra da und Zoras fühlte sich sowieso gleich wieder besser. Er lächelte ihr zu, erfragte wortlos ihre Hand, hob sie sich an die Lippen und küsste sie. Wilben sah den beiden dabei griesgrämig zu, sagte aber nichts.

      Der längste Teil der Festlichkeit sollte draußen stattfinden, weil das Wetter warm war und draußen mehr Platz für all die Reichtümer war, mit denen Kuluar ein weiteres Jahr voller Schätze und Bereicherungen feiern wollte, die sich durch die Handelsrouten erwirtschaftet hatten. Zoras hielt eine vorbereitete Rede, die ihm leichter von den Lippen ging und wieder kleine Fortschritte in seinem Akzent zeigte. Er musste noch immer Fachwörter pauken und sich von Kassandra hundert, wenn nicht tausendmal vorsprechen lassen, wie die Wörter richtig auszusprechen waren, aber es wurde besser und besser. Wenn er den ganzen Tag von kuluarisch umgeben war, gewöhnte er sich schließlich bald auch die Aussprache an.
      Das meiste Rampenlicht gebührte der Handelsgilde, die wiederum den Lob an den Rat zurückzugeben versuchten, allein aus Höflichkeit. Halmyn donnerte noch etwas heraus, seine eigene kleine Rede, die den Rat repräsentieren sollte, und dann stimmten die Musiker ihre Lieder an. Die Menge verdichtete sich schnell und bald.
      Bei dieser Art Festlichkeit blieb der Rat wieder zusammen und verteilte sich nicht an einzelne Tische. Es war fast genau wie am ersten Festtag in Kuluar, den Zoras als Eviad beschritten hatte, was ihn wiederum davon ablenkte, dass Tysion nun nicht mehr hier war und an seinem Platz sitzen konnte. Dafür war Zavion wieder zugegen, der den ganzen Tag schon auf den Beinen gewesen war. Zoras hatte Mitleid mit ihm; er würde ihn früh entlassen.
      Sein Mund fühlte sich schon wieder trocken an. Das war ihm in der letzten Stunde ein paar Mal aufgefallen. Er spülte die Trockenheit mit mehr Wein weg.
      Dann stand er auf, neigte das Haupt vor Kassandra und bat sie um einen Tanz. Diesmal gab es keine Regeln und auch keine Reihenfolge, nach der die Gäste den Tanzbereich hätten betreten können. Es wurde einfach getanzt, wenn man Lust dazu verspürte, und damit die Macht des Handels gefeiert, um so etwas überhaupt erst möglich zu machen.
    • Kassandra stand im Privatgemach von Zoras, weil sie dieses Zimmer separat mit einer Aurensignatur versehen wollte. Früh genug wollte sie informiert werden, wenn jemand das Zimmer betrat und Dinge tat, die ihr sonst entgangen wären. Dabei fiel ihr eine unspektakuläre Rolle auf, die man auf den Nachttisch des Bettes gelegt hatte. Kassandra griff nach der Rolle, öffnete sie und ließ ihren Blick über die Zeilen wandern. Kleine Fältchen erschienen auf ihrer Stirn, als sie fragen die Augenbrauen zusammenzog. Da hatte jemand eine Bedienstete im Palast überprüft und es für nötig gehalten, Zoras die Informationen zukommen zu lassen. Nur, dass es nichts Außergewöhnliches zu vermelden gab.
      Die Phönixin beließ es dabei und legte die Rolle wieder zurück. Dann legte sie ihre Aura wie einen luftigen Umhang über das Zimmer und machte sich dann auf den Weg, zu Zoras und der restlichen Gesellschaft zu stoßen.

      Kassandra stieß etwas später zu der illustren Runde, in die sich Zoras geworfen hatte. Binnen eines Blickes hatte sie alle Träger und Champions ausfindig gemacht, bis auf Esho. Das lag einzig und allein daran, dass der Mann ohne sein Festgewand weniger stark herausstieß. Er hatte seine Uniform an und diese notdürftig mit seiner Farbe in Form von Ansteckern und Riemen ausgestattet. So ähnelte er mehr den Soldaten in Zivil als einem hohen Tier. Asterios stach dafür aus der Menge noch heraus, doch der Minotaure organisierte sich alsbald eine Schale voll Trauben und zog sich in eine Ecke mit weniger Menschen zurück, die er aus Versehen umrennen konnte. Kassandra fielen die vielsagenden Blicke der restlichen Ratsmitglieder zu Esho auf. Natürlich waren sie nicht sonderlich erfreut darüber, dass er es ihnen nicht gleichtat und festlich gestimmt war. Aber der Angriff beim letzten Fest hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen, nur zeigte er sie nicht so deutlich. Er zog sich lieber in die Reihen zurück, in denen er sich am wohlsten und vermutlich auch am nützlichsten fühlte. Als Heervorstand war es teilweise auch sein Versagen gewesen, dass die Attentäter überhaupt so weit gekommen waren.

      Dieses Mal wurde das Fest nicht in geschlossenen Räumen abgehalten, sondern draußen unter freiem Himmel. Damit kamen viele der Beteiligten besser klar, denn es gab keine verwinkelten Ecken, in die man entführt und angegriffen werden konnte. Kassandra hatte den Himmel im Blick, während Asterios Patrouille stampfte. Esho entdeckte sie immer wieder bei anderen Gruppen, nur nicht bei den Ratsmitgliedern selbst. Scheinbar ging er dem Zorn Kaleas bewusst aus dem Weg.
      Bei Zoras‘ Rede sah Kassandra erstmalig einen richtigen Fortschritt. Langsam setzte sich die Sprache im amtlichen Umfang und die Übungsstunden zahlten sich aus. Er hatte Teile seiner Unsicherheit ablegen können und bekam von seiner Göttin für seine Rede ein sehr zufriedenes Lächeln.
      Nach der Rede sammelte sich der Rat. Bis auf Esho, der sich immer noch rar machte. So langsam befand Kassandra dieses Verhalten dann doch als auffällig, doch gerade, wo sie es bei Zoras ansprechen wollte, kam der Mann zusammen mit Zavion an den Tisch. Während sich der Hauptmann von Zoras‘ Garde in angemessenem Abstand hinter den Eviad postierte, ließ sich Esho auf den freien Platz neben Kassandra und Wilben fallen. Er gab sich betont entspannt, aber das passte nicht zu den angespannten Sehnen an seinem Hals und dem leicht verbissen anmutenden Kiefermuskeln. Überraschenderweise griff er nicht zum Wein, sondern winkte sich ein neues Gefäß heran, das sich nicht ständig mit Wein füllte.
      Interessant.
      Neben Kassandra erhob sich Zoras und sie sah zu ihm auf. Er reichte ihr die Hand, die sie annahm, um sie weg vom Tisch auf die Freifläche zu führen. Dieses Mal gab es keine Richtlinien, keine Abfolge und keine Vorschriften. Sie konnten einfach tun, was sie wollten, selbst wenn etliche Augenpaare auf sie gerichtet waren. Aber mit dem Himmel über ihren Köpfen fühlte sich Kassandra weitaus weniger wie ein Ausstellungsobjekt. Das hier war womöglich ihr Lieblingsfest in Kuluar.
      „Ich finde, wir sollten die meisten Festlichkeiten nach draußen verlegen“, befand sie, nachdem sie eine Drehung vollendet hatte und wieder in Zoras‘ Armen war. „Die meiste Zeit über ist es in Kuluar ja warm. Genug Platz haben wir auch, warum also nicht? Luft tut doch allen gut.“
      Sie sprach absichtlich nicht den Punkt der besseren Übersichtlichkeit an. Den ganzen Tag über hatte sie schon die Befürchtung, Zoras würde sich zu sehr an Tysion erinnern und den Tod seines Freundes beklagen. Deswegen umschiffte sie das Thema lieber und konzentrierte sich auf den Moment.
    • So oft hatten sie noch gar nicht die Gelegenheit gehabt, miteinander zu tanzen, doch es kam höchst natürlich. Kassandra bewegte sich in einem Wirbel aus Türkis und schwarzen Haaren und Zoras wusste trotz weniger Tänze genau, wann er den Arm ausstrecken und diesen Wirbelwind einfangen musste. Es war fast friedlich, befand er. Zum vielleicht ersten Mal musste er bei einer solchen Veranstaltung nicht ständig fürchten, irgendeinen Fehltritt zu begehen. Sie waren fast frei in ihrem Benehmen.
      „Ich finde, wir sollten die meisten Festlichkeiten nach draußen verlegen."
      "Da spricht ganz die Phönixin aus dir, meine Hübsche", entgegnete er mit einem Schmunzeln. "Aber mir gefällt es draußen auch besser, wobei das vermutlich an den Pferden liegt. Wieso werden sie nicht öfter so gefeiert? Sie sind doch essentiell."
      Er trat einen Schritt zurück, um Kassandra drehen zu lassen. In den vergangenen Monaten hatte er nur vereinzelt Tanzstunden genommen, denn seine mangelnde Kenntnis von Kuluars Kultur war wesentlich wichtiger auszugleichen als ein paar Tanzschritte, aber sie zeigten trotzdem schon ihre Wirkung. Er fühlte sich schon deutlich freier beim Tanz, nicht so steif. Wenn er sich irgendwann - hoffentlich - besser etabliert hatte, würde er mehr Tanzstunden nehmen.
      Kassandra schmiegte sich wieder an ihn. Ihre Haare wehten noch im Wind.
      "Wie wäre es mit einem Fest zu Ehren der Phönixe? Einen Tag der Wiedergeburt, an dem du ganz Kuluar mit deinem Antlitz beehrst? Das würde mir sicher noch mehr gefallen als ein paar Pferde."
      Er lächelte wegen der offensichtlichen Schmeichelei, die bei Kassandra sowieso nicht zog. Was bei ihr besser wirkte, war die Beendigung des Tanzes, auf die hin Zoras' Handkuss folgte, für den er extra auf ein Knie sank. Ihr Auftritt wurde mit Applaus unterstrichen, dann zogen sie zurück an den großen Tisch des Rates. Dionysus hob den Kelch und prostete ihnen mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zu.
      "Ein fabelhafter Tanz."
      Zoras warf ihm einen Blick zu, als er nicht weitersprach.
      "Was, kein weiterer Kommentar dazu? Etwa über meine fehlende Übung? Oder über Kassandra?"
      Dionysus lächelte offen und frei.
      "Manchmal, sterblicher Mensch, liegt das Vergnügen einzig und allein in der Existenz selbst. Das wirst du sicher auch bald begreifen, wenn es nicht mehr nötig sein wird, Grundbegriffe aus Kinderbüchern auswendig zu lernen."
      Da war die Bemerkung ja doch noch; Zoras hätte es eigentlich wissen müssen. Er setzte sich, während Dionysus fröhlich vor sich hin kicherte. Ein Griff nach seinem Wein offenbarte ihm, dass er jetzt einen zitronigen Nachgeschmack hatte. ... Zitronig? Zoras wusste nicht, ob ihm das so passte. Zugegeben, bis heute hatte er nicht einmal gewusst, dass Dionysus verschiedene Weinsorten und Geschmäcker erschaffen konnte. Das war gar nicht mal so unpraktisch.
      Mittlerweile hatte Dionysus' Aura sich schon längst über den ganzen Platz ausgebreitet und haftete an allen Personen wie dickflüssiger Syrup.

      Der Abend schritt weiter voran und der Tisch blieb lebendig, während Mitglieder aufstanden, in der Menge verschwanden, sich wieder setzten, die Plätze wechselten. Zoras führte eine ausgelassene Unterhaltung mit dem Oberhaupt der Handelsgilde, die sich für ihren besonderen Tag besonders herausgeputzt hatte. Man konnte sich gut mit der Frau unterhalten und so wie es schien hatten sie sogar gemeinsame Interessenspunkte. Bevor sie es sich versehen konnten, hatten sie sich schon in ein Gespräch über Verträge vertieft. Zoras trank dabei seinen Wein, an dessen Zitronen-Geschmack er sich mittlerweile gewöhnt hatte. Langsam spürte er seine Trunkenheit, aber er hielt es alles in Maßen. Er wollte sich nicht mehr so betrinken wie auf dem letzten Fest. Er wollte seinen klaren Verstand behalten.
      Unter den Ratsmitgliedern herrschten wenige Sticheleien, da jeder sich einfach entfernte, wenn er keine Lust mehr auf die anderen hatte. Esho trieb dabei am meisten fort, denn sein Aufzug zog unweigerlich Kaleas mürrischen Blick auf sich, auf den er wohl keine Lust zu haben schien. Verständlicherweise. Wilben und Oronia gingen regelmäßig zur Tanzfläche und wieder zurück, wenn der alte Mann sich setzen und erstmal atmen musste. Dabei sah er immer besonders grimmig drein, als würde er jemandem gleich die Hand abbeißen, wenn er sich ihm nähern würde. Wilben schien schon die ganze Zeit eine eher schlechte Laune zu haben, hielt sich aber zumindest damit zurück, sie bei anderen auszulassen. Er war einfach nicht gut drauf und das war sein Problem.
      Mirdole war die einzige, die den ganzen Abend noch nichts verwerfliches zu Zoras oder Kassandra gesagt hatte und auch nicht so aussah, als würde sie das gerne nachholen wollen. Das Attentat des letzten Festes schien etwas mit ihr gemacht zu haben, wodurch sie sich ruhig verhielt und häufig die Menge betrachtete. Wenn sich ihre und Kassandras Blicke streiften, blieben ihre Schlangen gänzlich unbeteiligt. Das war wohl das erste Mal, dass sie die Phönixin nicht anzischelten.
      An diesem Abend gab es wohl viele erste Male.
      Als es bereits merklich kühl wurde und Feyra bemerkte, dass sie lieber bald reingehen wolle, stand Mirdole von ihrem Platz auf. Zoras verabschiedete Zavion gerade in den Feierabend und sprach noch einige Worte zu ihm, weshalb die Gorgone kam und sich auf seinen Platz neben Kassandra setzte. Da lag nichts merkwürdiges an ihrer Annäherung, sondern es schien ganz natürlich, als hätten die beiden Göttinnen sich schon immer zusammengesetzt, um miteinander zu plaudern. Aber auch Mirdole schien eine eigenartige Stimmung zu haben, so wie Wilben. Die meiste Zeit wirkte sie... nachdenklich.
      "Kann ich dir eine persönliche Frage stellen?"
      In ihrer Stimme und Aura lag nichts als Aufrichtigkeit. Sie wollte wirklich einfach nur ein Gespräch mit Kassandra führen.
      Ein paar Plätze weiter hatte sich Dionysus' Blick auf den beiden festgesetzt.
      "Wie lange weilst du wirklich schon auf der Erde? Ich ahne es nur durch Gerüchte, aber ich möchte die Wahrheit wissen."
    • Dieses gesamte Fest wirkte auf Kassandra wahnsinnig entspannt und gelassen. So sehr, dass sie auf ihrem Platz locker ein Bein überschlug und an dem Weinkelch nippte, was sie sonst eher selten tat. Hier und da hatte selbst sie einen Austausch mit Gästen gehabt, die sich primär wegen dem Eviad genähert hatten, und auch Esho war zwischendurch einmal vorbeigekommen und hatte ihr mitgeteilt, wie träge das alles hier sei. In seinen Augen war es doch klar, warum er lieber bei den Soldaten ein- und ausging, statt sich mit dem feinen Pinkel auf Wein und Tratsch zu treffen. Mit einem Handwink hatte sie ihn abgewiesen, nachvollziehen konnte sie seinen Punkt allerdings schon.
      Ähnlich schien es Wilben zu gehen. Der Mann wirkte kurz angebunden und ließ sich nicht einmal auf Debatten ein. Widerwillig verließ er den Tisch mit Oronia, um sich auf die Tanzfläche zurückzuziehen, doch als sie wiederkamen, war seine Miene immer noch verdunkelt. Vielleicht merkte der Mann auch einfach sein Alter und das gefiel ihm nicht.
      Zavion durfte Feierabend machen. Er verbeugte sich knapp und entfernte sich aus dem Blickfeld, aber Kassandra spürte, dass er noch immer in nächster Nähe verblieb. Er hatte sich halb versteckt und schuldbewusst mit einem Kelch bewaffnet, der jedoch keinen Alkohol enthielt. Er würde dieses Mal seine Tätigkeiten nicht einstellen und auch keinen Wein trinken. Wie ein drittes Auge würde er um Zoras im Schatten wandeln, bis sich dieser sicher in sein Gemach zurückzog. Kassandra gewährte ihm das. Das war seine Art mit den Erlebnissen fertigzuwerden.
      Bei fast jeder Person, die sich zu Kassandra setzte, packte sie die kalte Schulter aus. Als sich Mirdole auf den freien Platz neben der Phönixin setzte, zog sie nicht sämtliche Mauern hoch. Sie lehnte sich sogar ein winziges Stück zu der Gorgone hinüber, als diese zu sprechen begann.
      „Kann ich dir eine persönliche Frage stellen?“
      „Hält dich sonst etwas davon ab?“, stellte sie die Gegenfrage und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Wein und beobachtete Zoras weiterhin, wie er von einer Gruppe Adelige belagert wurde. „Fragen kannst du immer stellen. Ich kann dir nur keine Antwort versprechen.“
      Das genügte Mirdole scheinbar. „Wie lange weilst du wirklich schon auf der Erde? Ich ahne es nur durch Gerüchte, aber ich möchte die Wahrheit wissen.“
      Kassandra warf der Gorgone einen Seitenblick zu. Keine Lüge. Keine versteckten Absichten. Kein Einfluss von außerhalb. Das hier war ihr eigenes Interesse. „Verzeih mir, wenn ich irgendwann aufgehört habe zu zählen. Ab einem gewissen Punkt war es nur noch ein Abwechseln zwischen Tageslicht und Dunkelheit, aber es dürften mindestens 150.000 Jahre sein. Ich denke mehr, wenn ich so darüber nachdenke, dass etliche Kulturen nicht einmal mehr in den historischen Schriften dieser Welt übermittelt werden.“
      Sie schwenkte ihren Kelch und fing Dionysus‘ Blick auf, den sie einige Sekunden lang hielt und dann wieder zu Mirdole sah. „Was interessiert dich das auf einmal? Spielt es eine Rolle, wie lange ich hier unten schon weile? Möchtest du dich Dionysus anschließen und darauf herumreiten, wie sehr ich dem Pack schon ähnel?“
    • Mirdoles Körper regte sich nicht auf Kassandras Antwort, aber ihre Aura zeigte Überraschung und Verblüffung.
      "150.000 Jahre. Ich bin selbst nicht sehr viel älter. Damals herrschte noch mein Vater, Phorkys, über die Meere, bevor er von Poseidon abgelöst wurde. Das ist eine lange Zeit."
      Sie sprach nicht aus, was mit dieser Tatsache offensichtlich einherging: Dass Kassandra wesentlich älter war als sie. Das war auch kaum verwunderlich, denn die Gorgonen entstammten einer Zivilisation, während Phönixe von Stämmen erschaffen worden waren.
      Mirdole folgte Kassandras Blick zu Dionysus. Unter der Aufmerksamkeit beider Göttinnen, hob der Weingott seinen Kelch und grinste breit.
      „Was interessiert dich das auf einmal? Spielt es eine Rolle, wie lange ich hier unten schon weile? Möchtest du dich Dionysus anschließen und darauf herumreiten, wie sehr ich dem Pack schon ähnel?“
      "Nein."
      Mirdole sah den Weingott noch einen Moment an, dann sah sie zurück zur Phönixin.
      "Eigentlich ist es eine andere Frage, die ich stellen möchte, aber unser Verhältnis zwingt mich dazu, auf menschliche Konventionen zurückzugreifen und mit Höflichkeit zu beginnen."
      In ihrer Aura lag keinerlei Verärgerung, lediglich die Wahrheit. Die Gorgone hatte sich noch nie zuvor die Mühe gemacht, mit einem guten Wort zu beginnen, nur um dann doch mit Sticheleien weiterzumachen. Sie war wirklich nur zum Reden und für ihre Frage gekommen.
      "Ich bin seit etwas mehr als 400 Jahren hier unten. Ich habe meine Essenz in einem Wettkampf verloren, bei dem der Verlierer sich binden musste. Seitdem hatte ich 18 Träger und ich verfluche die Titanen bereits dafür, dass sie den Menschen geschaffen haben. Du bist zwar nicht mehr gebunden so wie ich, aber du bist trotzdem noch hier, so wie wir alle. Du lässt dich von ihm befehligen, du lässt dich berühren, küssen, und verbrennst ihn dabei kein einziges Mal."
      Sie sah Kassandra offen an. Ihre Schlangen wanden sich träge auf ihrem Kopf und beobachteten Bewegungen um sie herum.
      "Wie kannst du den Menschen noch immer so zugänglich sein nach all der Zeit?"

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    • Während Kassandra Mirdole zuhörte, rechnete sie parallel mit zurück. Sie hatte sich nie sonderlich viel mit den Herrschaftsgebieten anderer Götter auseinandergesetzt. Schließlich war ihre Zeit in den Himmeln nur von kurzer Dauer gewesen. Viel schneller war sie dann unten auf Erden gewesen, abgeschnitten von dem Informationsnetzwerk, welches sich über ihrem Kopf erhob.
      „Eigentlich ist es eine andere Frage, die ich stellen möchte, aber unser Verhältnis zwingt mich dazu, auf menschliche Konventionen zurückzugreifen und mit Höflichkeit zu beginnen“, antwortete die Gorgone und Kassandra war sich sicher, eine Spitze daraus ableiten zu können. Sie selbst war schroff, ja, aber nicht unbedingt unhöflich.
      „Ich dachte immer, dich hält solch ein Gehabe nicht auf? Sprich frei heraus, schließlich sind uns beiden mehr oder weniger die Hände gebunden“, meinte die Phönixin lapidar und ließ den Blick schweifen.
      „Ich bin seit etwas mehr als 400 Jahren hier unten. Ich habe meine Essenz in einem Wettkampf verloren, bei dem der Verlierer sich binden musste.“
      Kassandra nickte. „Den Fehler begeht man in der Regel nur einmal. Hochmut ist es, der uns meistens erst in diese Lage bringt. Die Menschen sind schlau darin, Worte zu benutzen.“
      Eine Schlange zischelte bei der Bemerkung, aber Mirdole fuhr fort. „Seitdem hatte ich 18 Träger und ich verfluche die Titanen bereits dafür, dass sie den Menschen geschaffen haben. Du bist zwar nicht mehr gebunden so wie ich, aber du bist trotzdem noch hier, so wie wir alle. Du lässt dich von ihm befehligen, du lässt dich berühren, küssen und verbrennst ihn dabei kein einziges Mal.“
      Ah, dachte Kassandra. Dahin ging die Frage also.
      „Wie kannst du den Menschen noch immer so zugänglich sein nach all der Zeit?“
      Kassandra wandte den Kopf und erwiderte Mirdoles Blick. Eine schwere Stille machte sich zwischen ihnen breit, während die Phönixin ihre Antwort abwog. 18 Träger waren nichts im Vergleich zu dem, was sie alles erlebt hatte. Aber das bedeutete lediglich, dass die Erfahrungen, die Mirdole gemacht haben musste, noch zu frisch waren.
      „Ich bin alt, Mirdole“, begann sie deswegen nachdenklich. „Meine Erinnerungen an die ältesten Träger sind zwar nicht verblasst, aber in die Ferne gerückt. Ich habe alle möglichen Facetten gesehen und da ich keinen Ausweg von der Erde habe, wähle ich eben jenen unter den Milliarden Sterblichen aus, der mir am besten gefällt. So einfach ist das.“
      Sie lente sich in ihrem Stuhl zurück und blickte zu Zoras. „Er befehligt mich nicht. Er kann es nicht und das weiß er auch. Alles, was ich tue, ist aus freien Stücken. Er hat mir am Ende meine Essenz zurückgebracht. Seine Geschichte ist es wert, in die Bücher eingetragen zu werden und nicht meine. Ich bin gewillt, diesen Weg bis zum Ende zu bezeugen.“
      Ihr Blick schwenkte zu Kalea hinüber. „Wenn man schon dazu gezwungen ist, trotz all seiner Macht auf Erden zu weilen, warum dann nicht die wenigen Annehmlichkeiten in Anspruch nehmen? Das fällt dir bei deiner weiblichen Trägerin vermutlich schwer, aber ich würde darauf wetten, dass sich Wilben in jungen Jahren auch an sein Waschweib genährt hat. Täusch dich nicht wegen meines zugänglichen Verhaltens gegenüber Zoras. Er genießt Sonderprivilegien, die sonst niemand hat. Es ist fatal, wenn du von ihm auf andere schließen würdest.“
    • Die Gorgone blickte unverwandt zurück in Kassandras rote Augen. Sie lauschte ohne Unterbrechung, was in diesem Rat wohl nur sehr selten vorkam. Allerdings waberte ihr Aura mit unausgesprochenen Antworten, die sie wohl bald loswerden wollte.
      Auch sie sah jetzt zu Zoras hinüber, der sich einem Eviad gerecht unter die Leute mischte. Vermutlich versuchte sie sich vorzustellen, wie der Mann nicht befehligte und wie er nicht sämtliche Vorurteile verkörperte, die sie von Trägern bereits gesammelt hatte.
      "Täusch dich nicht wegen meines zugänglichen Verhaltens gegenüber Zoras. Er genießt Sonderprivilegien, die sonst niemand hat. Es ist fatal, wenn du von ihm auf andere schließen würdest.“
      "Du sprichst, als wäre es immer deine Wahl gewesen. Als hättest du freiwillig 150.000 Jahre bei den Menschen verbracht, weil du sie auswählen konntest."
      Auch hier lag kein Vorwurf drin, nur Interesse. Dann schwenkte allerdings etwas in Mirdole um, als wäre ihr ein anderer Gedanke gekommen, der diesen Plausch trübte. Sie sah Kassandra für einen Moment mit der typisch göttlichen Ausdruckslosigkeit an.
      "Ich halte es für fatal, sich einem Menschen so anzunähern. Es bringt zu viele Schwachstellen mit sich. Abhängigkeit ist nichts, was einem Gott zusagen sollte."
      Sie sprach so wie sonst und doch mischte sich jetzt ein Unterton in ihre Stimme, den vermutlich nur Kassandra hören konnte. Mirdole wollte etwas sagen, was sie nicht zur Sprache brachte. Womöglich war auch die zweite Frage nicht das, wofür sie gekommen war und die sie nun nur dafür benutzte, den eigentlichen Punkt mit Höflichkeit einzulenken.
      "Es gibt einen Grund, warum die Götter keine Gefühle besitzen. Deswegen wird man dich immer damit aufziehen, denn es ist unklug, sich den Menschen so anzunähern. Du solltest dich von ihm distanzieren, bevor noch etwas geschieht, was dich durch ihn verletzen kann. Das ist meine Meinung."
      Sie starrte Kassandra noch einen Moment lang an, als wolle sie ihr Gesagtes auch wirklich der Phönixin übermitteln, dann stand sie auf. Sie ging zurück an ihren Platz und setzte sich, als wäre nichts gewesen.
      Eine Schlange zischelte Dionysus an, der sie weiter betrachtete. Dann schwenkte der Blick des Weingottes zu Kassandra um und er lächelte und trank.
      Einige Plätze weiter hatten sich Wilbens unfreudige Falten noch weiter vertieft.

      Es wurde später und kühler und irgendwann bestand Feyra darauf, dass sie hineingehen sollten. Das Fest war noch lange nicht vorbei und es wäre eine Beleidigung gewesen, wenn sie sich schon in ihre Gemächer zurückgezogen hätten, aber nichts sprach dagegen, wenn sie die Wärme des Palastes aufsuchten. Der Rat und etwa ein Dutzend höchstrangig ausgewählte verzogen sich in einer Einheit nach drinnen.
      Es machte kaum Sinn, für die verbliebenen Stunden einen der großen Säle herzurichten, was auch nicht in ihrem Interesse stand. Sie kamen stattdessen in einem mittelgroßen, edel eingerichteten Salon unter, bei dem in der kurzen Zeit bereits ein Halbkreis hergerichtet worden war, um den Rat unterzubringen, und einige andere Sitzgelegenheiten für die andere Gäste. Es gab ein kleineres Angebot an Essen, aber kaum Bedienstete. Immerhin gab es nichts, womit sie hätten dienen können.
      Zoras fühlte sich betrunken genug, um es langsamer anzugehen mit seinem Wein. Er war allerdings noch frisch im Kopf und setzte sich mit einem Seufzen auf die viel bequemeren Sessel. Das entsprach schon wesentlich mehr seiner Vorstellung eines guten Fests.
      Es war nach Mitternacht, allzu lang sollte es nicht mehr dauern, bis die Gesellschaft aufgelöst wurde. Trotzdem hatten sich nach einer Stunde schon einige der anderen Gäste verabschiedet und ließ den Rat größtenteils alleine zurück. Kalea unterhielt sich wieder in schnippischem Tonfall mit Ristaer, Esho saß abseits und schien sich für die Tür zu interessieren, Wilben unterhielt sich mit Feyra und Dionysus, wobei er die meiste Zeit schlecht gelaunt war. Oronia klinkte sich nur manchmal dazu ein und schien sonst Spaß daran zu finden, Kassandra mit garstigen Blicken zu bedenken. Mirdole saß ebenfalls abseits und ließ gerade zu, dass ihr eine Schlange über ihren Arm kroch. Halmyn und Asterios waren draußen bei den Gästen verblieben oder hatten sich mittlerweile auch schon zurückgezogen. Sie blieben nie lange, weil sie mit ihren Sprachschwierigkeiten kaum für Unterhaltung sorgen konnten.
      Eine weitere Stunde später sah es nicht wirklich anders aus. Da stand Mirdole auf und kam zielgerichtet auf Kassandra zu.
      "Begleitest du mich auf einen Rundgang nach draußen? Zwei Auren sehen besser als eine."
    • Kassandra lächelte. Ein altes, sehr ruhiges Lächeln, das auf dem jugendlich anmutenden Gesicht fehl am Platze wirkte.
      „Ich habe gesagt, ich sei mehr als 150.000 Jahre auf Erden. Das bedeutet nicht, dass ich diese Zeit auch unter Menschen verbracht habe. Die erste Zeit habe ich wie eine Wahnsinnige versucht, zurück zur Pforte zu gelangen. Im Gegensatz zu dir habe ich meine Essenz auch nicht verloren, Mirdole.“
      So gesehen wirkte es so, als würde gerade eine alte Frau mit einem Kind sprechen. Wie sollte Kassandra Mirdole nur erklären, woran es lag, dass sie diesen Menschen nicht wie alle anderen verteufelte? Nach alldem, was ihr widerfahren war. Weiter darüber nachdenken konnte sie nicht, denn die Gorgone wechselte das Thema und erlangte dadurch auch wieder die Aufmerksamkeit der Phönixin.
      „Du musst mir keinen Vortrag über die Nachteile und Schwachstellen halten. Das war im Übrigen der Grund, weshalb ich meine Essenz verloren habe. Ich verschenkte sie. Ich setzte sie nicht ein“, offenbarte Kassandra der Gorgone, als habe sie dadurch rein gar nichts zu verlieren. „Ich kann nicht abhängig von Zoras sein. Ich strebe nicht danach, ihn ewig lebendig zu halten. Ich wünsche nur, seinen Weg bis zum Ende zu bezeugen. Das ist alles. Ich weiß, wie fragil die Sterblichen sind. Ich bin zu alt um naiv zu sein.“
      Dann mischte sich ein neuer Unterton in Mirdoles Stimme und Kassandra wurde hellhörig. Die Gorgone hatte ihr vorhin erklärt, dass sie nur Sätze vorgeschoben hatte, um auf das eigentliche Thema zu kommen. Das hier ähnelte dem, aber zeitglich schien es so, als würde sie nicht ganz offen sprechen. Oder sprechen KÖNNEN. Misstrauen schlich sich in Kassandras Miene, nur ganz subtil. Das war auch der Grund, warum sie nichts weiter auf die Worte erwiderte, die Mirdole an die richtete und mit denen sie sich wieder erhob und zu ihrem Platz zurückging.
      Kassandra hatte ein ungutes Gefühl und das Lächeln von Dionysus verschlimmerte es nur noch.

      Kassandra schloss sich Feyras Beanstandung an. Die Sonne hatte ihre Wärme mit sich genommen und die Überbleibsel derer verzogen sich auch allmählich aus den Steinen ringsherum. Die Kühle kroch langsam über den Boden und die feine Gesellschaft trat den Rückzug in einen der Säle an. Auch hier achtete Kassandra insbesondere darauf, wer mit hineinkam und wer sich wieder verabschiedete. Wie sich das Verhältnis der Auren verschob und wie sich Zavion noch immer im Versuch eines Schattendaseins übte und sich so bewegte, damit Zoras ihn nicht bemerkte. Im Saal musste er sich jedoch geschlagen geben und versuchte sich möglichst unauffällig in der Nähe der Tür zu postieren. Er unterhielt sich mit einer Magd, um möglichst wenig verdächtig zu wirken.
      Sofort fiel Kassandra auf, dass es hier drin sehr wenig Bedienstete gab. Sicher, es gab wenig zu haushalten mit der überschaubaren Menge an Essen, aber irgendwie hatte sie doch mit… mehr gerechnet. Doch merkwürdiger als das erschien ihr vorerst nichts.
      Sehr zu ihrer Freude schlich sich das Fest eigenmächtig aus. Schon nach einer Stunde verabschiedeten sich der Großteil der hohen Gäste und bis auf ein paar wenige Vorstände schrumpfte die Runde bis auf den Rat zusammen. Selbst Esho hatte sich nun in einen Sessel geflezt und trank seinen ersten Krug Wein der Nacht. Auch von Kassandra fiel langsam die Anspannung ab.
      Eine weitere Stunde später kam Mirdole plötzlich wieder zu Kassandra herüber, dieses Mal mit einem eindeutigen Angebot. Kassandra schickte kurz ihre Aura aus, kontrollierte im üblichen Maße und stand schließlich auf. Wenn Mirdole sie so schon fragte, dann lag es nicht fern, dass sie auf das gleiche Thema vorhin wieder zurückkommen würde. Vielleicht gab es hier doch einen Weg, die Gorgone so umzustimmen, dass sie nicht mehr nur einen Sterblichen in Zoras sah, sondern ihn aus den Augen einer bestimmten Phönixin sehen konnte.
      „Natürlich“, stimmte sie also zu und berührte Zoras an der Schulter. „Mirdole und ich ziehen draußen den Abschluss, damit sich niemand doch noch durch unsere Vorkehrungen zwängt. Falls was sein sollte, ruf mich. Besser zu früh als zu spät, ja?“ Damit drückte sie seine Schulter und gesellte sich an die Seite der Gorgone.