Zoras wählte mit Absicht die Unterseite seines Armes. Es gab ein paar Stellen an seinem Körper, die "unbeschadet" geblieben waren, womöglich, weil sie ein zu großes Risiko mit sich brachten. Velius hatte Telandirs Narbe niemals aufgerissen, er hatte sich nicht an seinem Hals zu schaffen gemacht und auch nicht in der Nähe seiner Hauptschlagadern. Zwar wäre er sicherlich gründlich genug gewesen, um die Klinge nicht ausversehen zu tief eindringen zu lassen, aber mit dem Umstand, der in Theriss damals geherrscht hatte, verstand Zoras jetzt, wieso er es nicht einmal gewagt hatte.
Dafür kam ihm der Ort umso geeigneter für Kassandra vor. Er war fast schon für sie freigehalten worden und dazu auch noch nahe Amartius' Mal. Zoras hatte nicht lange darüber nachdenken müssen.
Er hielt den Arm ruhig auf seiner Lehne, als Kassandra ohne weitere Umschweife ihre Hand um sein Handgelenk schloss. Es war eine sanfte, ruhige Berührung, der all die Weichheit ihrer Haut und ihres Wesens innelag, und doch verspürte Zoras ein Kribbeln, als wolle ihn sein Körper vor nahendem Unheil warnen. Obwohl er es sich selbst ausgesucht hatte, konnte er nicht leugnen, dass die Aussicht auf den Akt ihn nervös und unruhig werden ließ. Er mochte Schmerz gewöhnt sein und ihn viele Monate lang ertragen haben, aber das hieß noch lange nicht, dass er sich darauf freuen würde. Und so, wie Kassandra die Hand auf seinem Arm liegen ließ, fürchtete er, dass sie ihm keinen Freiraum lassen würde. Das hier würde werden wie schon all die Jahre zuvor.
Mit einem Hauch Unsicherheit hob er den Blick, um Kassandras strahlend roten Augen zu begegnen. Sie lagen in aller Ruhe auf ihm, weshalb er kein bisschen auf den folgenden Schauer vorbereitet war, der ihm durch den Körper zuckte und seine Muskeln versperren ließ. Mit einem Schlag war er wie festgebunden, sein Körper nicht mehr unter seiner eigenen Kontrolle, sondern jetzt von einer äußerlichen Macht festgehalten. Zoras versuchte es, alleine schon, um dem Drang seines stetig schneller schlagenden Herzens entgegen zu kommen und sein primitives Bedürfnis zu stillen. Aber der Wille, seinen Arm zu bewegen, der sonst ganz natürlich und selbstverständlich war, fruchtete in gar nichts. Sein Arm blieb unbewegt unter Kassandras Hand liegen, ohne überhaupt zu zucken. Zoras war in seinem eigenen Körper gefangen.
Und dann kam das Feuer.
Erst war es die Hitze, die sich deutlich spürbar um sie herum ausbreitete, aber der eigentliche Kontakt ließ nicht lange auf sich warten - was gut war, denn kaum hatte Zoras die Augen niedergeschlagen, um die Flammen zu beobachten, die ihn gleich fressen würden, schaltete sein Hirn ganz von alleine um. Im einen Moment hatte sein Verstand die Kontrolle über seine Gedanken, im nächsten Moment entgleitete er ihm und machte stattdessen seinem Instinkt Platz. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Was war nur über ihn gekommen, dass er einer Phönixin gestatten würde, ihm bei vollem Bewusstsein die Haut zu verbrennen? Was war nur in ihn gekommen? Das konnte doch nicht seine Entscheidung gewesen sein - das konnte doch niemals sein eigener, bewusster Wille gewesen sein.
Der Schmerz kam in einem gleißenden Blitz, der ihm durch den gesamten Arm zuckte. Die Flammen schmerzten nicht scharf und präzise wie eine Klinge, stattdessen war es ein großflächiger Brand, der sich durch die Nervenenden seines Armes wühlte und brannte, brannte, brannte. Seine Haut verkohlte, verbrannte und legte rotes, rohes Fleisch frei und für Zoras fühlte es sich so an, als würden sich die Flammen nur noch tiefer fressen, tiefer und tiefer. Seine Augen sprangen auf, sein Körper verkrampfte sich und seine Brust versperrte sich, ein Schrei kämpfte sich seine Kehle nach oben und Zoras biss seine Zähne so stark zusammen, dass sein Kiefer schmerzte, um ihn zurückzuhalten. Er schluckte ihn herab, nicht mit dem Willen des Moments, sondern mit der Gewohnheit eines anderen Lebens, an dem der Schmerz an der Tagesordnung gestanden hatte. Natürlich half das nicht, um es besser zu machen; es tat so weh, so unheimlich weh, er wollte nicht mehr, er wollte dass es aufhörte, er bereute, es überhaupt gesagt zu haben. Es tat so fürchterlich weh, der Schmerz hallte durch seinen ganzen Körper, beanspruchte jeden einzelnen Nerv, um ihn nicht siegen zu lassen. Seine Brust schmerzte, Telandirs Narbe pochte, als wolle sie auch etwas von der Aufmerksamkeit abhaben.
„Atmen, Zoras. Das kannst du doch.“
Es war nicht Velius, der zu ihm sprach, sondern Kassandras ruhige, sanfte Stimme, die seiner Lunge einen abgehackten Atemzug schenkte. Sie atmete nicht von alleine, Zoras musste mit aller Willenskraft seine Brust heben und den viel zu heißen Atem wieder ausstoßen. Dabei entglitt ihm ein Stöhnen, ein kleiner Sieg des Schreis, der noch immer in seiner Kehle tobte. Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, seine Hand ballte sich zur Faust. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich an anderer Stelle verletzt, nur um von dem einen Schmerz abzulenken.
Es interessiert mich nicht, was morgen ist. Es interessiert mich nicht, was morgen ist.
Er zwang seinen Schmerz hinunter, versuchte ihn zu beherrschen, zu kontrollieren, ihn zu verdrängen, sich nicht von ihm auffressen zu lassen. Es interessiert mich nicht, was morgen ist. Abgehackt begann er zu atmen.
Dann war es mit einem Mal wieder vorbei und der Schmerz ebbte ab, als ein kühlender, prickelnder Schauer durch seinen Arm zog. Seine Nervenenden stumpften ab und seine Haut verhärtete sich dort, wo nun das rote Feuermal prangte. Jetzt konnte er erst auch wieder richtig atmen und das tat er viel lauter, als ihm recht war.
Der Bann verschwand von seinem Körper und hinterließ ein Zittern, dem Zoras erstmal nicht mächtig wurde. Er presste den noch wunden Arm auf die Lehne, so fest es nur ging, und fuhr sich mit der anderen Hand über das kahle Gesicht. Die Kühle des Arms breitete sich auch auf seinen Körper aus und ließ den feinen Schweißfilm auf seiner Stirn trocknen.
„Bitte mich nicht noch einmal, mein Feuer dafür einzusetzen.“
"Einmal reicht mir bei weitem."
Seine Stimme war erstaunlich ruhig dafür, dass sein Inneres völlig aufgewühlt war. Er atmete weiter, tiefe, lange Atemzüge, die nötig waren, um sich von dem blassen Schmerz abzukapseln. Es tat noch immer weh und obwohl die Haut sich bereits gefestigt hatte, würde die Stelle vermutlich noch eine ganze Weile lang wund sein.
Aber er hatte es selbst gewollt. Das war seine Anweisung gewesen, sein Wille, durch den das Feuer ihn versengt hatte. So merkwürdig es sich anfühlen mochte, so darüber nachzudenken, aber diese Stelle schien nun ihm zu gehören. Sein Arm war ihm fremd gewesen, seit Kassandra ihn von all den Narben befreit hatte, aber jetzt hatte er einen Teil von ihm wieder. Er würde auch den Rest wieder gewinnen können. Was er verlangt hatte, war nur Demonstration dafür, dass er noch immer die Macht über sich selbst besaß. Dass er noch immer er selbst war.
Schwer atmend wartete er darauf, dass sein pochendes Herz sich langsam wieder beruhigte. Danach wandte er Kassandra wieder das Gesicht zu.
"Danke."
Er ließ sich Zeit, bis er wieder in den Kerker zurückging. Er hätte auch zurück in sein Gemach gehen und den Tag dabei belassen können, aber er wollte sich nicht die Blöße geben, nicht vor Velius und auch nicht vor den anwesenden Wachmännern. Sein Faustschlag war impulsiv gewesen und wenn er nicht wieder hinabgegangen wäre, hätte er Schwäche gezeigt.
So stiegen sie bald wieder die düsteren Steinstufen hinab, sein Arm unter dem langen Ärmel seiner Gewänder verborgen, aber dafür noch immer leise pulsierend. Seine Haut und sein Fleisch fühlten sich roh an und er wagte es nicht, seine Muskeln zu benutzen, aber dafür half ihm das Gefühl, sich zu erden. Das war sein Arm, sein Wille, seine Macht. Velius war ein Mann, ein Mensch, und er würde Zoras nicht noch einmal brechen können. Niemand würde das schaffen.
Der Mann hatte sich aufgesetzt und sich von seinem Blut gereinigt, so gut es eben ging. Seine Augen waren groß und aufmerksam, als sie sich wieder auf die herannahende Gruppe richteten, und es musste ihm zugeschrieben werden, dass er aufstand. Wie schon beim ersten Mal verneigte er sich, blieb diesmal aber stumm.
Zoras ließ sich erneut die Zelle aufsperren und trat ein, hauptsächlich um nicht den Eindruck zu erwecken, als wäre er wankelmütig. Diesmal wich Velius einen präventiven Schritt zurück, auch wenn ihm das wohl kaum etwas gebracht hätte. Hinter seinem Rücken war schon nicht mehr sehr viel Platz bis zur Wand.
Zoras blieb nahe der Tür stehen. Er überlegte sich genau, was er zu dem Mann jetzt sagen wollte, aber schließlich legte er sich fest.
“Weißt du, warum man dich hergebracht hat?”
Velius sah ihn mit großen Augen an, dann schüttelte er den Kopf.
“Nein, Eure Hoheit. Ich spreche kein kuluarisch und meine…” Er wollte wohl sagen “Entführer”. “... Begleitung sprach kein therissisch.”
“Wer hat dich geholt?”
“Es waren vermummte Männer und Frauen. Ich tippe auf Söldner, aber ich weiß es nicht genau.”
“Trugen sie ein Wappen bei sich? Oder Farben? Violett, Grün, Braun, Blau, Rot? Türkis?”
Wenn Velius die Frage merkwürdig fand, so ließ er es sich nicht anmerken. Für einen Moment dachte er nach.
“Es gab ein paar Farben. Die Ausrüstungen hatten ein paar und auch das Zaumzeug der Pferde. Ich habe nicht genau darauf geachtet.”
“Welche Farbe war am prominentesten? Welche würdest du wählen?”
Darüber dachte Velius auch einen Moment nach. Dann sagte er recht zuversichtlich:
“Violett.”
Zoras warf Kassandra einen Seitenblick zu. Es sollte sie eigentlich nicht überraschen.
“Gut. Ich werde morgen wiederkommen.”
Velius konnte die Erleichterung nicht ganz verbergen, als Zoras zurück nach draußen trat und die Tür hinter sich schließen ließ.
Es gab natürlich ein ganz offensichtliches Problem, wenn Dionysus dahinter steckte: Wie sollten sie den Gott zügeln? Wie sollten sie, wenn es schon darum ging, irgendeinen der Götter zügeln? Bisher ging nur vom Zyklopen keine direkte Gefahr aus, aber was war mit all den anderen? Wie sollten sie verhindern, dass ein derartiger Vorfall nicht noch einmal auftrat?
Zoras beschäftigte sich noch am folgenden Tag mit der Frage, nachdem er eine unruhige Nacht verbracht hatte. Die Brandnarbe schmerzte, aber tatsächlich war es verkraftbar. Es half ihm.
"Wie haben sie es nur vorher geschafft, dass das Konstrukt zusammenhält?"
Er stand in seinem Studierzimmer, in dem er sonst immer nur die Geschichte des Landes oder die Schrift paukte. Kassandra war bei ihm.
"Sie ärgern sich auch gegenseitig, das haben wir schon früh festgestellt, aber wie schaffen sie es dann, nebenher noch ein Land zu regieren? Wie können sie es sich leisten, mich zu stürzen und hinterher immernoch dieselbe Macht zu besitzen? Was ist es, was sie alle zusammenhält?"
Erwartungsvoll sah er Kassandra an, als wäre die Phönixin allwissend.
Dafür kam ihm der Ort umso geeigneter für Kassandra vor. Er war fast schon für sie freigehalten worden und dazu auch noch nahe Amartius' Mal. Zoras hatte nicht lange darüber nachdenken müssen.
Er hielt den Arm ruhig auf seiner Lehne, als Kassandra ohne weitere Umschweife ihre Hand um sein Handgelenk schloss. Es war eine sanfte, ruhige Berührung, der all die Weichheit ihrer Haut und ihres Wesens innelag, und doch verspürte Zoras ein Kribbeln, als wolle ihn sein Körper vor nahendem Unheil warnen. Obwohl er es sich selbst ausgesucht hatte, konnte er nicht leugnen, dass die Aussicht auf den Akt ihn nervös und unruhig werden ließ. Er mochte Schmerz gewöhnt sein und ihn viele Monate lang ertragen haben, aber das hieß noch lange nicht, dass er sich darauf freuen würde. Und so, wie Kassandra die Hand auf seinem Arm liegen ließ, fürchtete er, dass sie ihm keinen Freiraum lassen würde. Das hier würde werden wie schon all die Jahre zuvor.
Mit einem Hauch Unsicherheit hob er den Blick, um Kassandras strahlend roten Augen zu begegnen. Sie lagen in aller Ruhe auf ihm, weshalb er kein bisschen auf den folgenden Schauer vorbereitet war, der ihm durch den Körper zuckte und seine Muskeln versperren ließ. Mit einem Schlag war er wie festgebunden, sein Körper nicht mehr unter seiner eigenen Kontrolle, sondern jetzt von einer äußerlichen Macht festgehalten. Zoras versuchte es, alleine schon, um dem Drang seines stetig schneller schlagenden Herzens entgegen zu kommen und sein primitives Bedürfnis zu stillen. Aber der Wille, seinen Arm zu bewegen, der sonst ganz natürlich und selbstverständlich war, fruchtete in gar nichts. Sein Arm blieb unbewegt unter Kassandras Hand liegen, ohne überhaupt zu zucken. Zoras war in seinem eigenen Körper gefangen.
Und dann kam das Feuer.
Erst war es die Hitze, die sich deutlich spürbar um sie herum ausbreitete, aber der eigentliche Kontakt ließ nicht lange auf sich warten - was gut war, denn kaum hatte Zoras die Augen niedergeschlagen, um die Flammen zu beobachten, die ihn gleich fressen würden, schaltete sein Hirn ganz von alleine um. Im einen Moment hatte sein Verstand die Kontrolle über seine Gedanken, im nächsten Moment entgleitete er ihm und machte stattdessen seinem Instinkt Platz. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Was war nur über ihn gekommen, dass er einer Phönixin gestatten würde, ihm bei vollem Bewusstsein die Haut zu verbrennen? Was war nur in ihn gekommen? Das konnte doch nicht seine Entscheidung gewesen sein - das konnte doch niemals sein eigener, bewusster Wille gewesen sein.
Der Schmerz kam in einem gleißenden Blitz, der ihm durch den gesamten Arm zuckte. Die Flammen schmerzten nicht scharf und präzise wie eine Klinge, stattdessen war es ein großflächiger Brand, der sich durch die Nervenenden seines Armes wühlte und brannte, brannte, brannte. Seine Haut verkohlte, verbrannte und legte rotes, rohes Fleisch frei und für Zoras fühlte es sich so an, als würden sich die Flammen nur noch tiefer fressen, tiefer und tiefer. Seine Augen sprangen auf, sein Körper verkrampfte sich und seine Brust versperrte sich, ein Schrei kämpfte sich seine Kehle nach oben und Zoras biss seine Zähne so stark zusammen, dass sein Kiefer schmerzte, um ihn zurückzuhalten. Er schluckte ihn herab, nicht mit dem Willen des Moments, sondern mit der Gewohnheit eines anderen Lebens, an dem der Schmerz an der Tagesordnung gestanden hatte. Natürlich half das nicht, um es besser zu machen; es tat so weh, so unheimlich weh, er wollte nicht mehr, er wollte dass es aufhörte, er bereute, es überhaupt gesagt zu haben. Es tat so fürchterlich weh, der Schmerz hallte durch seinen ganzen Körper, beanspruchte jeden einzelnen Nerv, um ihn nicht siegen zu lassen. Seine Brust schmerzte, Telandirs Narbe pochte, als wolle sie auch etwas von der Aufmerksamkeit abhaben.
„Atmen, Zoras. Das kannst du doch.“
Es war nicht Velius, der zu ihm sprach, sondern Kassandras ruhige, sanfte Stimme, die seiner Lunge einen abgehackten Atemzug schenkte. Sie atmete nicht von alleine, Zoras musste mit aller Willenskraft seine Brust heben und den viel zu heißen Atem wieder ausstoßen. Dabei entglitt ihm ein Stöhnen, ein kleiner Sieg des Schreis, der noch immer in seiner Kehle tobte. Feine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn, seine Hand ballte sich zur Faust. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich an anderer Stelle verletzt, nur um von dem einen Schmerz abzulenken.
Es interessiert mich nicht, was morgen ist. Es interessiert mich nicht, was morgen ist.
Er zwang seinen Schmerz hinunter, versuchte ihn zu beherrschen, zu kontrollieren, ihn zu verdrängen, sich nicht von ihm auffressen zu lassen. Es interessiert mich nicht, was morgen ist. Abgehackt begann er zu atmen.
Dann war es mit einem Mal wieder vorbei und der Schmerz ebbte ab, als ein kühlender, prickelnder Schauer durch seinen Arm zog. Seine Nervenenden stumpften ab und seine Haut verhärtete sich dort, wo nun das rote Feuermal prangte. Jetzt konnte er erst auch wieder richtig atmen und das tat er viel lauter, als ihm recht war.
Der Bann verschwand von seinem Körper und hinterließ ein Zittern, dem Zoras erstmal nicht mächtig wurde. Er presste den noch wunden Arm auf die Lehne, so fest es nur ging, und fuhr sich mit der anderen Hand über das kahle Gesicht. Die Kühle des Arms breitete sich auch auf seinen Körper aus und ließ den feinen Schweißfilm auf seiner Stirn trocknen.
„Bitte mich nicht noch einmal, mein Feuer dafür einzusetzen.“
"Einmal reicht mir bei weitem."
Seine Stimme war erstaunlich ruhig dafür, dass sein Inneres völlig aufgewühlt war. Er atmete weiter, tiefe, lange Atemzüge, die nötig waren, um sich von dem blassen Schmerz abzukapseln. Es tat noch immer weh und obwohl die Haut sich bereits gefestigt hatte, würde die Stelle vermutlich noch eine ganze Weile lang wund sein.
Aber er hatte es selbst gewollt. Das war seine Anweisung gewesen, sein Wille, durch den das Feuer ihn versengt hatte. So merkwürdig es sich anfühlen mochte, so darüber nachzudenken, aber diese Stelle schien nun ihm zu gehören. Sein Arm war ihm fremd gewesen, seit Kassandra ihn von all den Narben befreit hatte, aber jetzt hatte er einen Teil von ihm wieder. Er würde auch den Rest wieder gewinnen können. Was er verlangt hatte, war nur Demonstration dafür, dass er noch immer die Macht über sich selbst besaß. Dass er noch immer er selbst war.
Schwer atmend wartete er darauf, dass sein pochendes Herz sich langsam wieder beruhigte. Danach wandte er Kassandra wieder das Gesicht zu.
"Danke."
Er ließ sich Zeit, bis er wieder in den Kerker zurückging. Er hätte auch zurück in sein Gemach gehen und den Tag dabei belassen können, aber er wollte sich nicht die Blöße geben, nicht vor Velius und auch nicht vor den anwesenden Wachmännern. Sein Faustschlag war impulsiv gewesen und wenn er nicht wieder hinabgegangen wäre, hätte er Schwäche gezeigt.
So stiegen sie bald wieder die düsteren Steinstufen hinab, sein Arm unter dem langen Ärmel seiner Gewänder verborgen, aber dafür noch immer leise pulsierend. Seine Haut und sein Fleisch fühlten sich roh an und er wagte es nicht, seine Muskeln zu benutzen, aber dafür half ihm das Gefühl, sich zu erden. Das war sein Arm, sein Wille, seine Macht. Velius war ein Mann, ein Mensch, und er würde Zoras nicht noch einmal brechen können. Niemand würde das schaffen.
Der Mann hatte sich aufgesetzt und sich von seinem Blut gereinigt, so gut es eben ging. Seine Augen waren groß und aufmerksam, als sie sich wieder auf die herannahende Gruppe richteten, und es musste ihm zugeschrieben werden, dass er aufstand. Wie schon beim ersten Mal verneigte er sich, blieb diesmal aber stumm.
Zoras ließ sich erneut die Zelle aufsperren und trat ein, hauptsächlich um nicht den Eindruck zu erwecken, als wäre er wankelmütig. Diesmal wich Velius einen präventiven Schritt zurück, auch wenn ihm das wohl kaum etwas gebracht hätte. Hinter seinem Rücken war schon nicht mehr sehr viel Platz bis zur Wand.
Zoras blieb nahe der Tür stehen. Er überlegte sich genau, was er zu dem Mann jetzt sagen wollte, aber schließlich legte er sich fest.
“Weißt du, warum man dich hergebracht hat?”
Velius sah ihn mit großen Augen an, dann schüttelte er den Kopf.
“Nein, Eure Hoheit. Ich spreche kein kuluarisch und meine…” Er wollte wohl sagen “Entführer”. “... Begleitung sprach kein therissisch.”
“Wer hat dich geholt?”
“Es waren vermummte Männer und Frauen. Ich tippe auf Söldner, aber ich weiß es nicht genau.”
“Trugen sie ein Wappen bei sich? Oder Farben? Violett, Grün, Braun, Blau, Rot? Türkis?”
Wenn Velius die Frage merkwürdig fand, so ließ er es sich nicht anmerken. Für einen Moment dachte er nach.
“Es gab ein paar Farben. Die Ausrüstungen hatten ein paar und auch das Zaumzeug der Pferde. Ich habe nicht genau darauf geachtet.”
“Welche Farbe war am prominentesten? Welche würdest du wählen?”
Darüber dachte Velius auch einen Moment nach. Dann sagte er recht zuversichtlich:
“Violett.”
Zoras warf Kassandra einen Seitenblick zu. Es sollte sie eigentlich nicht überraschen.
“Gut. Ich werde morgen wiederkommen.”
Velius konnte die Erleichterung nicht ganz verbergen, als Zoras zurück nach draußen trat und die Tür hinter sich schließen ließ.
Es gab natürlich ein ganz offensichtliches Problem, wenn Dionysus dahinter steckte: Wie sollten sie den Gott zügeln? Wie sollten sie, wenn es schon darum ging, irgendeinen der Götter zügeln? Bisher ging nur vom Zyklopen keine direkte Gefahr aus, aber was war mit all den anderen? Wie sollten sie verhindern, dass ein derartiger Vorfall nicht noch einmal auftrat?
Zoras beschäftigte sich noch am folgenden Tag mit der Frage, nachdem er eine unruhige Nacht verbracht hatte. Die Brandnarbe schmerzte, aber tatsächlich war es verkraftbar. Es half ihm.
"Wie haben sie es nur vorher geschafft, dass das Konstrukt zusammenhält?"
Er stand in seinem Studierzimmer, in dem er sonst immer nur die Geschichte des Landes oder die Schrift paukte. Kassandra war bei ihm.
"Sie ärgern sich auch gegenseitig, das haben wir schon früh festgestellt, aber wie schaffen sie es dann, nebenher noch ein Land zu regieren? Wie können sie es sich leisten, mich zu stürzen und hinterher immernoch dieselbe Macht zu besitzen? Was ist es, was sie alle zusammenhält?"
Erwartungsvoll sah er Kassandra an, als wäre die Phönixin allwissend.
