Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Zoras zuckte zusammen, als es plötzlich scharf durch den Raum klirrte. Wenige Sekunden lang war es still gewesen, jetzt war Kassandras Weinkelch in lauter Einzelteile zerplatzt.
      "Deinen Sohn?"
      Es gefiel ihm nicht, wie sie es aussprach, so abwertend, so hinterfragend. Ein kaltes Prickeln fuhr dabei durch Zoras' Körper, eine Anbahnung von Zorn, die er bei dem Tonfall verspürte. Sohn. Ja, Sohn.
      "Was man dir entwendet hat, ist eine Waffe und ein Relikt von deinem Sohn", fuhr Kassandra fort und in ihren Augen lag jetzt nichts von der Weichheit, die sie ihm sonst zuschrieb. Ihre Augen waren in ein kaltes Feuer gehüllt, dass nicht Zoras' Fleisch, aber seine Seele verbrannte.
      "Dein Sohn ist an dem Tag gestorben, als er dich geschützt hat. Mein Erstgeborener hat sich für dich geopfert und er wurde dir nicht einfach entwendet, sondern als Druckmittel gegen mich eingesetzt."
      Zoras richtete sich ein wenig auf. Das Prickeln wandelte sich wirklich in Zorn um, als er ihre Worte hörte.
      "Mein Sohn ist eine Waffe. Unser Sohn ist eine Waffe, denn das ist das einzige, was von ihm auf dieser Welt übrig geblieben ist. Aber er ist immernoch unser Sohn, Kassandra! Und ob er nun keine Ohren hat, um zu hören, wie du über ihn sprichst, oder keinen Mund, um sich selbst zu verteidigen, macht für mich keinen Unterschied. Er ist immernoch unser Sohn, ob man ihn nun an der Hand hinaus geführt oder in einer Waffenhülle hinaus getragen hat."
      Kassandra lehnte sich nach vorne. Da war wieder dieses raubtierartige in ihrer Haltung, das Zoras schon mehrfach bei ihr beobachtet hatte, aber nie im Zusammenhang mit sich selbst. Niemals. Als Gegenzug spürte er, wie er sich für einen Angriff widmen wollte, der niemals kommen würde. Hoffentlich.
      "Du sagst, du kannst das nicht mehr? Weil sie dir deinen verdammten Kerkermeister vorgesetzt haben? Bei den Pforten zum Himmel, Zoras, hast du dir überhaupt einmal zugehört, was du gerade alles aufgezählt hast? Was du alles bis jetzt ertragen hast und dann reicht der jämmerliche Schatten deiner Vergangenheit aus, um alles zunichte zu machen?"
      Der jämmerliche Schatten seiner Vergangenheit? Kassandras Worte trafen ihn wie Messerschnitte und er konnte spüren, wie der Schmerz unter die Oberfläche abtauchte, um sich zu all dem anderen zu gesellen. Wie sich eine neue, verhärtete Schicht Haut darüber bildete, denn wirklich, was hatte er schon für eine Wahl bei all den Schnitten, die er bereits abbekommen hatte?
      Aber von Kassandra - von Kassandra tat es anders weh. Daher reagierte er auch anders.
      "Sechs Monate lang, Kassandra. Das hier ist ein Belagerungskrieg, den wir seit sechs Monaten führen und zu den schwindenden Vorräten kommt jetzt auch noch eine Seuche. Ich mag es vielleicht länger aushalten, mich zum Hofnarren zu machen, aber selbst ich habe Grenzen und eine davon ist heute Nachmittag über unsere Türschwelle getreten. Soll ich mich etwa dafür vor dir rechtfertigen? Soll ich mich dafür rechtfertigen, dass ich nicht noch einmal meinen Sohn entführt sehen will? Dass ich nicht noch einen Anschlag erleben will? Dass ich nicht noch eine Beerdigung veranlassen muss?"
      Über alledem hinweg wurde er noch immer wütend - wütend auf Kassandra. Wütend auf seine Hilflosigkeit.
      Da sprang sie endlich auf, schnell, gefährlich. Es provozierte Zoras, selbst wieder aufzuspringen, als würde es etwas ändern, wenn sie beide auf den Beinen standen. Als wäre er ihr dann mehr ebenbürtig.
      "Ob er mir also meine Fragen beantwortet hat? Das hat er nicht, weil ich ihn in den Kerker habe bringen lassen. Obwohl es mir widerstrebte. Du hast mich vor den Wachen angeschrien, Zoras. Nicht irgendeine Frau oder deine Königin, nein, eine Göttin hast du angeschrien. Und weshalb? Ich weiß es nicht einmal!"
      "Du hast dich mir widersetzt!", rief er aufgebracht zurück, sprang doch auf. "Du hast genau gesehen, was es mit mir gemacht hat, ihn hier zu sehen - hier! So weit weg von Theriss, wie ich es selbst nur geschafft habe! Ich sehe ihn, sehe dieses... Gesicht, das mich in all meine Träume verfolgt, und du musstest ihn einfach ausfragen! Du musstest einfach weiterfragen! Du konntest es nicht dabei belassen, dass ich ihn in den Kerker werfen wollte! Es war dir ganz egal, was ich gesagt habe, du wolltest nur eine Antwort von ihm haben! Ja, er war es, den ich jeden Tag, vier ganze Monate lang gesehen habe, wenn er mir seine Instrumente durch die Haut gebohrt hat! Ja, er war es! Macht es dich jetzt glücklich, das zu wissen? Hat jetzt wenigstens einer von uns seinen Seelenfrieden erhalten? Das hoffe ich doch, denn dann war mein Anschreien wenigstens völlig grundlos!"
    • „Du hattest wenigstens die Gelegenheit, Zeit mit ihm außerhalb von Mauern und Zwängen zu verbringen!“, fuhr Kassandra Zoras an, den es mittlerweile nicht mehr auf seiner Bettkante hielt und er endlich den Schneid hatte, sie wieder anzusehen. „Du hast ihn erleben können, wenn er neue Dinge entdeckt und nicht mehr ständig darum fürchten muss, von Telandir von den Zinnen geworfen zu werden! Du hast miterlebt, wie er seine Natur als Halbgott entdeckt hat. Glaubst du etwa, das macht nichts mit mir?!“
      Es knirschte, als sich Kassandras Finger durch die Rückenlehne des Sessels brannten.
      „Du hast zwar geschworen, ihn nicht aus den Augen zu lassen, aber wegen mir ist er überhaupt ins Blickfeld anderer gefallen! Ich habe Dionysus ernsthaft drohen müssen, um ihn davon abzuhalten, ihn ein weiteres Mal zu berühren.“ Das hatte sie Zoras beim letzten Mal nicht erzählt.
      „Sehe ich etwa danach aus, als würde es mir gefallen, wie sie alle ständig auf meiner Nase tanzen? Ich muss mich permanent gegenüber fünf Champions behaupten, pausenlos! Ich versuche darauf zu achten, dass es zu möglichst wenig Zwischenfällen kommt, aber Menschen sterben nun mal, Zoras.“
      Sie befreite ihre Hand aus dem Stoff und drehte sich dem Eviad halb zu. Die lila Sprenkler in ihrem Gesicht waren mittlerweile vergangen, verdampft und im Nichts verschwunden. Nur ihre ausdrucksstarken Augen blieben unverändert.
      Bei Zoras nächstem Ausbruch fiel sie ihm nicht ins Wort. Stattdessen zuckten verschiedene Ausdrücke wie Blitze über ihr Gesicht, allesamt vorhanden aber zu schnell, als dass man sie ordentlich hätte deuten können. Kassandra hatte nicht die Antwort bekommen, sie die ursprünglich haben wollte. Dafür wusste sie jetzt aber, wie lange Zoras da unten ausgehalten hatte. Ebenso wie einen ganz anderen Punkt.
      „So weit weg von Theriss, wie du es selbst nur geschafft hast?“, wiederholte sie seine Worte monoton, doch darunter lag eine wesentlich größere Betroffenheit, als es zunächst den Anschein machte. „Ach so, du bist also nur der Flucht halber bis nach Kuluar gekommen und nicht, weil du mich gesucht hast?“
      Sie wollte es nicht zugeben. Sie wollte nicht wahrhaben, dass diese kleine veränderte Wahrheit in ihrem Herzen schmerzte. Er hatte ihr versichert, nach ihr gesucht zu haben und sich deswegen auf die Reise begeben. Nicht, weil er auf der Flucht war vor einer Vergangenheit, die er niemals abstreifen können würde. Jetzt nahm sie doch die Arme hoch und baute einen schützenden Wall vor ihrer Brust auf, der ihr etwas Halt in dieser unwirklichen Situation vermitteln sollte.
      „Weder hast du mir je gesagt, was genau man dir angetan hat, noch dass du vier Monate in Folterschaft gewesen warst. Du hast mir nicht gesagt, was sie von dir wissen wollten oder was du nicht bereit warst, zu teilen. Ich wusste gar nichts. Wie soll ich auch nur ansatzweise deinen Horror nachvollziehen können, wenn ich keinerlei Informationen habe? Ich wusste, dass er es war, aber ich wollte das Wissen von ihm, welches du mir verwehrst.“
      Kassandra wandte den Blick ab, die Kiefermuskeln deutlich angespannt. Als sie den nächsten Satz sprach, war er erfüllt von Erschütterung.
      „Ich konnte ja nicht ahnen, dass die Furcht dich trieb und nicht die Suche.“
    • "Glaubst du etwa, das macht nichts mit mir?!"
      Es war diese letzte Frage, die Zoras davon abhielt, den eingesogenen Atem in einem weiteren Anfall wieder auszustoßen. Er wusste, was Amartius' Tod mit Kassandra angestellt hatte, schließlich war er der Überbringer der Nachricht gewesen. Er hatte auch eine Vorstellung davon, wie es gewesen sein musste, Amartius zu gebären. Aber zu wissen, dass er irgendwo ein halbes Leben geführt hatte? Dass Kassandra nie wirklich eine Mutter hatte sein können, wenn es nicht gerade darum ging, Telandir davon abhalten, Amartius über die Kante zu stoßen?
      Nein, das wusste Zoras nicht, aber es konnte sie nicht kalt gelassen haben. Gerade Kassandra konnte dieser Umstand nicht kalt gelassen haben.
      Aber das änderte nichts an der Lage, es änderte gar nichts. Schlimme Dinge waren geschehen und dann durch neue, genauso schlimme Dinge ersetzt worden. Es änderte nichts daran, dass Dionysus die Finger an Amartius gelegt hatte.
      "Du hast zwar geschworen, ihn nicht aus den Augen zu lassen, aber wegen mir ist er überhaupt ins Blickfeld anderer gefallen! Ich habe Dionysus ernsthaft drohen müssen, um ihn davon abzuhalten, ihn ein weiteres Mal zu berühren."
      Das hatte Zoras nicht gewusst. Warum nicht? Hatte sie es ihm verheimlichen wollen, um zu verhindern, dass er Maßnahmen ergriff? Wollte sie nicht, dass er wusste, dass sie und Dionysus ernsthaft aneinander geraten waren? Wussten es die anderen - war er der einzige, der darüber nicht im Bilde gewesen war?
      "Wir beide haben ihn aus den Augen gelassen! Und sieh, wohin das geführt hat!"
      "Sehe ich etwa danach aus, als würde es mir gefallen, wie sie alle ständig auf meiner Nase tanzen? Ich muss mich permanent gegenüber fünf Champions behaupten, pausenlos! Ich versuche darauf zu achten, dass es zu möglichst wenig Zwischenfällen kommt, aber Menschen sterben nun mal, Zoras."
      Er hätte sie verstehen können. Fast hätte er sie verstehen können. Denn saßen sie nicht im gleichen Boot? Musste Kassandra nicht mindestens genauso viel Spott über sich ergehen lassen, mussten sie nicht alle mindestens einmal in der Woche eine Bemerkung hören, die davon handelte, wie lange Kassandra schon auf der Erde weilte, dass sie verbannt war, eine Sklavin gewesen war oder für die schwarzen Feuer von Mynos verantwortlich war? Wie viele davon? Und gingen sie nicht Hand in Hand mit Zoras' Sticheleien?
      Aber es war diese letzte Bemerkung, die dieses Verständnis zunichte machte. Menschen sterben nunmal. Ja - und die Lebenden blieben übrig, um ihre Opfer zu beklagen.
      Kassandras Gesichtsausdruck wandelte sich, schneller, als Zoras ihn hätte erkennen können. Ihre Augen lagen unverwandt auf ihm, sie blinzelte nicht und sie regte sich auch sonst nicht, während er seine ganze Wut an ihr abließ. Als sie dann doch sprach, war es gefährlich, wie ausdruckslos ihre Stimme war. Wie viel besser es doch gewesen wäre, wenn sie ihn zurück angeschrien hätte.
      "Ach so, du bist also nur der Flucht halber bis nach Kuluar gekommen und nicht, weil du mich gesucht hast?"
      Für einen Moment starrte Zoras nur, während er die Ereignisse in seinem Kopf überschlug, während er selbst daran zweifelte, was ihn die letzten Jahre ausgemacht hatte. Von seiner Flucht, von seiner Versklavung bis hin zu Amartius flogen die Bilder nur so dahin, bis schließlich:
      "Ich war ein Sklave, Kassandra! Natürlich habe ich nach dir gesucht, so viel, wie man das als Sklave eben konnte! Aber wo sollte ich denn anfangen? Niemand hatte von dir gehört, jemals! Ich hatte keine Ahnung, wo du sein könntest!"
      Und da war sie auch schon wieder, diese eine, verteufelte Frage, die ihn bis an sein Lebensende zu verfolgen schien. Wo ist Kassandra? Wie ein Geist spukte sie in seinem Kopf herum, suchte ihn heim, wenn er sie am wenigsten erwartete, und stets war es die Stimme des Mannes, der an diesem Tag zu ihnen allen gesprochen hatte. Wo ist Kassandra? Hier, hier war sie und jetzt sollte er Zoras in Ruhe lassen, jetzt sollte er ihn endlich freigeben von seinen Albträumen und von den Wunden, die er an Zoras hinterlassen hatte. Es sollte endlich vorbei sein.
      "Wie soll ich auch nur ansatzweise deinen Horror nachvollziehen können, wenn ich keinerlei Informationen habe? Ich wusste, dass er es war, aber ich wollte das Wissen von ihm, welches du mir verwehrst."
      "Das sollst du auch nicht! Du sollst ihn nicht nachvollziehen und du sollst auch nichts von ihm wissen, weil er Vergangenheit ist."
      "Ich konnte ja nicht ahnen, dass die Furcht dich trieb und nicht die Suche."
      Das machte Zoras sprachlos. Für einen Augenblick war er so überwältigt, dass er Kassandra nur anstarren konnte, die ihrerseits den Blick abgewandt hatte. Ihr Kiefer malte und ihre Stimme hatte wieder einen Ton bekommen, aber einen ganz furchtbaren.
      "Ist es etwa gar nichts wert, dass ich nach Asvoß gekommen bin? Mit drei Söldnern an meiner Seite und unserem Sohn, bereit dazu, eine abgeschottete Festung mit angeblich einem halben Dutzend Champions zu stürmen? Ist das nichts mehr wert? Ich hatte nichts bei mir, Kassandra, nichts! Alles, was ich hatte, konnte ich in einen Sack packen und ihn auf Kassadra verstauen! Ich hatte auch kein unzerstörbares Schwert bei mir, ich hatte meinen Sohn in Fleisch und Blut, den ich nicht in die Nähe der Festung gelassen hätte, der sich aber Tage zuvor freiwillig in den Tod gestürzt hat! Und du willst dich darauf festsetzen, dass ich dich nicht gesucht habe? Dass ich nicht jeden Menschen, dem ich begegnet bin, gefragt habe, ob er jemals etwas von einer Phönixin Kassandra gehört habe? Dass ich nicht in allen Tavernen der Stadt auf die Gerüchte gelauscht habe, ob jemals irgendwo irgendjemand etwas von einem Phönix erzählte? Das alles willst du nicht sehen - weil du es nicht weißt? Weil du nicht weißt, was damals im Kerker vorgefallen ist?"
      Er holte die wenige Distanz zu ihr auf, aber auf die Phönixin herab zu sehen bewirkte kein bisschen, dass er sich besser fühlte.
      "Ich habe in einem Loch ohne Sonnenlicht gelebt, das ist vorgefallen! Ich habe in einer Zelle aus 42 Steinen gelebt, die ich nur dadurch gezählt habe, weil ich mir mit den Fingern einen Weg herauszugraben versucht habe, wenn ich noch genügend Kraft hatte! Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich dort unten war, ich dachte, es wären Jahre gewesen! Ich habe mir eine Zelle mit meinen Fäkalien geteilt und wenn ich herausgelassen wurde, dann durfte ich nur ihn sehen, dann war sein Gesicht das einzige, was mir vor die Nase gekommen ist, jedes Mal! Er hat mich auf einen Stuhl geschnallt oder auf einen Tisch und wenn ich mich gewehrt habe, dann habe ich Prügel von den Wachen bezogen! Aber sie haben mich niemals bewusstlos geschlagen, nicht ein einziges Mal! Ich war immer bei vollstem Bewusstsein, wenn er seine Instrumente ausgepackt hat, wenn er sich vor mir hingestellt hat und mich dann mit dieser grausamen Stimme gefragt hat, wo du bist!"
      Zoras schnappte nach Luft. Sein Ärger machte einer gähnenden Leere Platz, die sich plötzlich in ihm ausbreitete und ihn erschaudern ließ. Er schlang die Arme um seinen Oberkörper.
      "Das war das einzige, was er jemals zu mir gesagt hat. Wo ist Kassandra? Und wenn ich ihm dann gesagt habe, dass ich es nicht weiß, dass ich es wirklich nicht weiß, dass ich deine Essenz nicht mehr habe, dass ich keine Möglichkeit habe zu wissen, wohin Telandir dich gebracht hat, dann hat er immer gesagt "Oh, Zoras", in diesem enttäuschten, leidenden Tonfall. Und ich habe... ich habe ihn angeschrien. Ich habe ihn verflucht, ich habe ihn verdammt, ich habe ihn angespuckt, ich habe versucht ihn zu beißen. Ich habe ihn angefleht. Ich habe ihn angebettelt. Aber er hat mich nur mit diesem versifften... stinkenden Lappen geknebelt, weil ich nur eine Chance hatte, ihm eine Antwort zu geben, bis er die Frage wieder stellen würde. Dann hat er angefangen und irgendwann hat er die Frage noch einmal gestellt. Aber ich wusste es nicht. Nur..."
      Er verzog das Gesicht, traute sich nicht auszusprechen, was er aussprechen würde, musste sich mit dem ganzen Körper dazu durchringen.
      "... Ich hätte es ihm gesagt. Er hätte keine zwei Wochen gebraucht, geschweige denn vier Monate. Ich hätte es ihm gesagt."
    • Kassandra sollte seinen Horror nicht nachvollziehen können und nichts von ihm wissen? Weil er Vergangenheit war? Dieser Aussage konnte sie lediglich mit einem kurzen Kopfschütteln begegnen. Wenn sie in dem Jahr, seit sie mit Zoras wieder vereint war, eines gelernt hatte, dann, dass dieser Horror sein ständiger Begleiter war. Er hatte sich an seine Fersen geheftet, war wie ein Schatten, der ständig da war. Es gab diesen Menschen nicht ohne diesen Schatten und so sehr er es leugnen wollte, solange er das Thema verdrängte, würde er diesen Schatten niemals loswerden.
      „Ist das nichts mehr wert? Ich hatte nichts bei mir, Kassandra, nichts!“
      „Das weiß ich, Zoras.“
      „Ich hatte auch kein unzerstörbares Schwert bei mir, ich hatte meinen Sohn in Fleisch und Blut, den ich nicht in die Nähe der Festung gelassen hätte, der sich aber Tage zuvor freiwillig in den Tod gestürzt hat! Und du willst dich darauf festsetzen, dass ich dich nicht gesucht habe?“
      Kassandra fiel ihm ins Wort, noch während er sich weiter in Rage redete: „Ich habe nie verlangt , dass du nach mir suchst! Ich hätte es dir sogar gewünscht, wenn du meinen Fesseln entkommen wärst, meinetwegen auch mit Amartius zusammen! Ich hätte es überlebt, das tue ich immer, aber deine Existenz wird durch mich in den Abgrund gestoßen!“ Ihre Finger drückten sich in ihre Arme und sie konnte ja nicht ahnen, wie recht sie mit dieser Aussage gehabt hatte.
      Zoras schloss zu ihr auf, war gerade eine Armlänge von seiner Göttin entfernt. Mit harter Kinnlinie hielt Kassandra den Blick ausweichend zur Seite gerichtet, um nicht der gleichen Rage Anheim zu fallen wie er. Und dann begann er zu erzählen, was in dem Kerker vorgefallen war.

      „Dreihundertneunundzwanzig.“
      „Deine Antwort?“
      „Ja.“
      „Falsch.“
      Kassandra schloss die Augen, als der Mann ihre Ketten an den Beinen zu sich zog und sie sie ausstrecken musste. Er fragte sie jeden Tag nach der Anzahl der Fingerknöchel, die man in die Wände des Loches eingelassen hatte, in dem Kassandra schon Monate festgehalten wurde. Jeden Tag nannte sie eine andere Zahl nachdem sie zunächst ernsthaft zu zählen versucht und dann festgestellt hatte, dass es dem Mann vermutlich egal wäre, wenn sie einmal richtig läge. Er machte sich einen Spaß daraus, den schweren Eisenhammer zu heben und sich daran zu ergötzen, wie schnell sich dieser Champion von Tag zu Tag regenerierte.
      Morgen wäre die Dreihundertdreißig an der Reihe. Danach die Dreihunderteinunddreißig. Und dann…
      Dann kam der Hammer und zertrümmerte ihr rechts Sprunggelenk und ihr Schrei war alles, was durch die Katakomben hallte.

      „Das war das Einzige, was er jemals zu mir gesagt hat. Wo ist Kassandra?
      Die Phönixin blinzelte, als sie sich aus ihrer Erinnerung löste und ihren Namen aus Zoras‘ Mund vernahm. Ihre Lippen wurden so dünn, dass sie beinahe nicht mehr zu erkennen waren. Darum war es also gegangen. Feris war davon ausgegangen, dass Zoras wusste, wohin Telandir sie entführt hatte und die Information vor ihm geheim hielt. Er war diese vier Monate nur deswegen in diesem Loch gewesen, weil er der Letzte gewesen war, der mit Kassandra in Zusammenhang gebracht werden konnte. Feris, der kleine Kindskönig, wollte nur sein Spielzeug zurückhaben. Das war alles gewesen, weshalb man einen einzigen Mann traumatisiert hatte. Nur wegen ihr.
      „Ich habe ihn angeschrien. Ich habe ihn verflucht. Ich habe ihn verdammt…“
      Die Aufzählung erinnerten Kassandra an die ersten Male, als ihr Vergleichbares angetan worden war. Das machte die Bilder, die sich vor ihrem Auge aufbauten, nur umso realer. Sie konnte sich mehr als nur bildlich vorstellen, wie Zoras auf einem Tisch lag und alles, wirklich alles unternahm, um Velius von sich abzubringen. Sie hatte die Wunden gesehen und wusste, wodurch die entstanden waren. Sie kannte den Gefolterten bis in die Tiefe seiner Seele. Sie war dem Kerkermeister begegnet, der ihm das angetan hatte. Kassandra hatte alles, um sich ganz genau mit den richtigen Personen vorzustellen, was geschehen war. Sie kannte die Hilflosigkeit, sie kannte den Wahn, sie kannte den Moment, in dem man dachte, gleich zerbreche man. All das war Zoras widerfahren, weil sie vor Ort gewesen war. Weil ein Wesen, das nicht auf die Erde gehörte, in seiner unmittelbaren Nähe gewesen war und Menschen gierig waren.
      Der Schmerz, der in Kassandras Brust wuchs, hatte vielerlei Gründe. Wut auf Feris, Wut auf sich selbst, die Vorstellung des physischen und psychischen Schmerzes, die Schuldgefühle, weil sie der Grund dafür gewesen war… Und schließlich das Wissen, dass Zoras nie, egal was hätte kommen können, aus dieser Hölle hätte entkommen können. Das, was Feris von ihm wollte, nämlich Kassandras Aufenthaltsort, lag außerhalb seines Einflusses. Und die Gewissheit, dass Zoras es nie aus eigenen Stücken hätte beenden können, machte es nur noch schlimmer.
      Kassandra schloss die Augen. Die Spannung wich aus ihrem Körper, sie fühlte sich taub an. Fühlte sich nicht mehr im Palast von Kuluar, eigentlich nicht mehr auf dieser Welt, als sie für sich ganz klar formulierte, dass sie gar nicht das Licht für Zoras im Kerker gewesen war. Sondern diejenige, die ihn erst aus der Sonne in das dunkle Loch vertrieben hatte.
      „… Ich hätte es ihm gesagt.“
      Ihre Augen öffneten sich.
      „Er hätte keine zwei Wochen gebraucht, geschweige denn vier Monate. Ich hätte es ihm gesagt.“
      Zoras‘ Worte verklangen und eine Stille machte sich breit. In Kassandras Ohren machte sie ein unangenehmes, hohes Piepen breit. Die Vorhänge der Fenster wuchsen vor ihren Augen, wurden undeutlich und die Umrisse begannen zu verschwimmen. Ihr Gesicht wurde heiß, die Augen begannen zu brennen und dann drehte sie dem Eviad ihr Gesicht zu. Ihre Lippen bebten nicht, aber die Tränen, die ihre Augen glasig machten und sich den Weg über ihre Wange bahnten, ließen sich nicht stoppen. Wortlos sah sie ihn an, wie sich seine Züge verändert hatten, die Qual auf seinem Gesicht geschrieben stand. Warum er ihr es nicht hatte erzählen wollen.
      Weil es sich wie Verrat anfühlte. Weil er damit die Aussage, dass sie sein Leben sei, null und nichtig machte.
      Kassandra hob abwehrend eine Hand und wandte sich von Zoras ab. Ihre Schritte wirkten schwerfällig, als sie zu den Fenstern und den langen Vorhängen ging, wo sie eine Hand in den Stoff krallte und den anderen Arm noch fester an sich drückte. Ihre Tränen fielen auf ihr Gewand, ihren Arm, den Boden und das leise Ploppen auf dem Boden wirkten für die Phönixin wie kleine Explosionen. Die Schuld und der Verrat waren eine Mischung an Gefühlen, die sie so noch nicht erlebt hatte. Und wenn sie sich entscheiden könnte, dann würde sie die Katakomben, jede einzelne Zelle diesem Cocktail an Gefühlen vorziehen.
      Sie musste mehrmals Luft holen und ihre Worte wiederholen, ehe sie ihnen endlich auch eine Stimme verleihen konnte. „Das ist menschlich, Zoras. Du wolltest überleben und raus aus dem Horror, aber du konntest es nicht.“
      Es hörte einfach nicht auf. Die Tränen wollten nicht stoppen und das Gefühl der Wut, das sie immer so herzlich begrüßt hatte, verlor seinen Kampf gegen Schuld, Trauer und Verrat. Seit langem hatte sie nicht mehr das Gefühl gehabt, nicht mehr atmen zu können. Sie hatte vergessen, wie sich diese eisernen Finger um ihre Brust schlossen und ihr die Luft zum Atmen raubten, obwohl sie sie als Göttin gar nicht brauchte. Das hier war gerade zu ihrem ganz persönlichen Alptraum geworden, aus dem sie, trotz ihrer unendlichen Möglichkeiten, keinen Weg hinaus sah.
    • Kassandra antwortete nicht direkt, aber sie reagierte. Schon während Zoras' Anfall, während seinen Wörtern, die ihm nur so herausgesprudelt waren, als er einmal damit begonnen hatte, hatte sie ihn an keiner Stelle mehr unterbrochen. Doch in ihren Augen konnte er ablesen, was sie an Worten ungesagt ließ.
      Und als sie ihm ihren Blick wieder zuwandte, waren sie wässrig vor Tränen. Die Phönixin weinte, stumm und nur wegen ihm. Sie vergoss ihre Tränen, die so kostbar waren, dass es wert war, für sie Menschenleben zu opfern. Ungehindert fielen sie auf den Boden und verdampften dort zu nichts.
      Zoras starrte sie an und versuchte, gegen die ungeheure Last, die sich auf seine Schultern legte und ihn niederzuzwängen versuchte, anzukämpfen. Es war schwierig genug gewesen, mit seinem Geständnis herauszurücken, als würde er all seine Schalen und Mauern um sich herum ablegen und sein verletzliches Innerstes präsentieren, das mit dem nächsten Dolchstoß keine zweite Haut nachziehen, sondern verbluten würde. Als würde er es Kassandra präsentieren und ihr zudem noch das Messer in die Hand drücken.
      Aber jetzt weinte Kassandra. Sie weinte wegen ihm und all die Verletzlichkeit, die Zoras in diesem Augenblick spürte, wich dem tiefsten Mitleid, das er für diese weinende Phönixin empfand. Er hatte das hervorgerufen. Kassandra weinte nicht, sie vergoss keine Tränen, wie es die Menschen taten, nur um ihres eigenen Willens. Sie war eine Phönixin und doch vergoss sie die Tränen für ihn.
      Als hätte sie seine Gedanken erraten, hob sie eine Hand, dann zog sie wortlos an ihm vorbei. Ihrem Gang fehlte die natürliche Grazie, die sie sonst immer an den Tag legte, als sie zu den Fenstern schritt. Zoras verblieb seltsam alleine gelassen, jetzt sowohl körperlich, als auch geistig. Ihm war kalt und er verschränkte die Arme, um sich selbst den Halt zu geben, den er von nirgends sonst bekam.
      "Das ist menschlich, Zoras. Du wolltest überleben und raus aus dem Horror, aber du konntest es nicht."
      "Menschlichkeit verzeiht nichts", gab er zurück und seine leise Stimme kam ihm seltsam laut vor nach ihrer Auseinandersetzung.
      Kassandra sah ihn nicht wieder an.
      "Anfangs dachte ich noch, dass kaum etwas schlimmer werden könnte als Telandirs Narbe. Sie haben sie behandelt, aber es hat sich so angefühlt, als hätte er mich bis auf den Knochen hinab verbrannt. Mein ganzer Brustkorb hat geschmerzt, mein Herz mit dazu. Er hat mich anfangs kaum... kaum behandelt, weil sie nicht wussten, ob ich es noch überleben würde. Anfangs hat er also nur seine Frage gestellt und mir klar gemacht, dass wir nichts zu bereden hätten, niemals, außer wenn es um diese Frage und ihre Antwort ging. Anfangs hat er mich also hungern lassen, hat mir die lindernden Salben verwehrt und mir in Aussicht gestellt, dass ich immer ohne Sonnenlicht bleiben würde, wenn ich ihm keine Antwort liefern würde. Ich dachte, das würde ich aushalten. Für dich würde ich es aushalten, komme was wolle. Aber... aber dann hat er angefangen und ich - ich habe es immernoch durchgehalten. Ich wusste wirklich nicht, wo du warst, aber ich hätte es ihm auch nicht gesagt. Vorher hätte ich mir die Zunge abgebissen, wenn er es zugelassen hätte.
      Aber es wurde nicht besser und irgendwann..."
      Er presste die Lippen aufeinander.
      "Ich wollte raus. Ich wollte so sehr raus. Ich konnte nicht mehr richtig denken, ich konnte gar nichts mehr richtig. Ich habe mir gewünscht, dass du... dass du kommen würdest, dass du den Palast aufsprengen würdest, dass du jeden Mann, jede Frau und jedes Kind verbrennen würdest, dass du ganz Theriss in Schutt und Asche legen und mich da rausholen würdest. Ich habe..."
      Er stockte.
      "Ich habe zu dir gebetet, irgendwann. Nachdem ich... den Verstand verloren habe, glaube ich. Ich habe zu dir gebetet, weil ich dachte, dass die Götter sicher auch auf Erden irgendwie... dass es euch erreichen würde und dass du mich hören würdest. Ich wusste, dass du nicht kommen durftest, weil sie sicher an deine Essenz kommen wollten, aber ich habe es trotzdem getan. Ich wollte es nicht, aber ich habe es getan. Ich wusste nicht mehr, was ich da tat, ich hatte nur immer die Dunkelheit bis sie gekommen sind, bis sie mich mitgenommen haben und bis ich nur noch ihn gesehen hab. Ich habe den Verstand verloren, dort unten. Und irgendwann...
      Ich habe mir eingebildet, dass du kommen würdest. Ich habe dich gesehen, in meiner Zelle bei mir, du bist zu mir gekommen, du hast mir aufgeholfen und wir sind nach draußen gegangen, wieder und wieder und wieder, jede Nacht, jeden Tag, jede Stunde, und trotzdem habe ich irgendwann die Augen aufgeschlagen und war wieder in der Dunkelheit, war wieder in der Zelle und von dir war keine Spur. Natürlich nicht. Es hat mich... ich war nicht mehr ich. Das war ich nie wieder. Zoras Luor ist in dieser Zelle gestorben und jeden Tag, an dem ich meine Augen öffne, beneide ich ihn darum. Für ihn ist es vorbei. Er muss nicht..."
      Er holte tief Luft.
      "Er muss nicht darum fürchten, dass er eines Tages die Augen aufschlägt, zurück in seiner Zelle ist und herausfindet, dass alles nur eine große, böse Halluzination für ihn war. Dass das alles hier nur eine Einbildung war, ein langes Leben außerhalb dieser Zelle, das nie geführt wurde. Du hast mir gesagt, du könntest mir meine Narben nehmen und ich war... ich war erleichtert, aber - wenn sie weg sind, wenn sie alle weg sind, dann wache ich eines Tages auf und bin doch wieder Zoras Luor und bin doch noch nicht in dieser Zelle gestorben. Dann geht alles dort weiter, wo es aufgehört hat und - ich ertrage es nicht mehr. Ich kann das nicht noch einmal. Und jetzt wo du hier bist, wo ich weiß, wo du bist..."
      Er schüttelte den Kopf, schluckte.
      "Ich kann das nicht. Ich kann das nicht noch einmal. Nichts davon."
    • Der dunkle Stoff der Vorhänge wirkte ein bisschen wie ein Balsam. Solange sie nicht Zoras ins Gesicht sehen musste, konnte sie weinen, konnte die Kontrolle über Fassung schweifen lassen und einfach nur zuhören. Er wollte keine Worte von ihr, sie hatte auch gar keine für ihn übrig, also ließ sie ihn das beenden, was er begonnen hatte.
      Es gab viele Dinge, die schlimmer waren als die Narbe, die Telandir Zoras verpasst hatte. Die Stelle, die auf ewig genau über seinem Herzen prangte, war gleichzeitig Mahnmal und Ehrung zugleich. Er hatte als Mensch den Zorn eines Gottes abbekommen und war lebend herausgekommen. Dass Kassandra dafür den Preis gezahlt hatte, um diesen Menschen am Leben zu halten, kam niemanden in den Sinn. Genauso wenig würde niemand wissen, welche Vorwürfe sie sich genau dafür machte. Damals, auf dem Schlachtfeld, hatte Zoras sterben wollen und nur durch Kassandras Egoismus konnte er es nicht und war stattdessen in seiner ganz persönlichen Hölle gelandet. Sie hatte sein Leben erkauft und dadurch seine Seele irreparabel beschädigt. Das war es, was ihr immer wieder aufgefallen war, wenn sie ihn des Nachts betrachtet hatte und immer wieder diese kleinen Unstimmigkeiten in ihm entdeckt hatte.
      FÜR DICH WÜRDE ICH ES AUSHALTEN.
      Sie wollte es nicht hören, hätte sich zu gern die Hände über die Ohren zusammengeschlagen, aber ihr Körper reagierte nicht. Ab dem Zeitpunkt, wo er den Kerker das erste Mal gesehen hatte, war es bereits um ihn geschehen. Als Edelmann kannte er nicht die Tiefen, zu denen Menschen fähig waren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht nachvollziehen können, wie sich Sklaverei und Gefangenschaft auch für Kassandra angefühlt hatte.
      ICH WOLLTE RAUS. ICH WOLLTE SO SEHR RAUS.
      Eine Gänsehaut lief Kassandras Rücken hinab. Zoras, der Zoras, wie sie ihn kannte, hätte Familien, Frauen und Kinder geopfert, nur um aus dem Moloch zu entkommen. Er war so verzweifelt gewesen, dass er all den Tod in Kauf genommen hätte, wenn es ihm die Freiheit eingebracht hätte. Diese Opfer hätte er gebracht, und das war nur die erste Phase von dem, was noch kam.
      ICH HABE ZU DIR GEBETET.
      Ein Stich ging durch ihre Brust. Deshalb stand sie immer am Fenster in Asvoß. Deswegen hatte sie den Eindruck gehabt, dass es dort am Horizont etwas gab, was nach ihr rief. Es war nicht einfach nur der Wunsch gewesen, aus Asvoß zu entkommen und Telandir endgültig den Rücken zu kehren. Es war der stumme Teil ihrer Göttlichkeit, der auf die Gebete reagiert hatte. Der Teil, der erhört und gehandelt hätte. Aber gebunden durch den Pakt und den Verlust ihrer Essenz war die Phönixin taub geworden und konnte den Teil in ihrem Inneren nicht hören. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre sie seinen Gebeten gefolgt und hätte die Dunkelheit über die gesamte Stadt gebracht. Nur waren ihr die Hände gebunden. Er hatte seine ganze Existenz in die Erbittung um Hilfe gelegt, nur um sie niemals gewährt zu bekommen.
      ICH HABE MIR EINGEBILDET, DASS DU KOMMEN WÜRDEST.
      Doch Kassandra kam nie. Unwissend war sie in Asvoß festgehalten worden, tatenlos. Was zum Teufel hatte sie dort eigentlich getan? Wieso war sie nicht mehr auf die Barrikaden gegangen? Wieso hatte sie nicht deutlicher klar gemacht, dass sie so nicht mit sich spielen ließ und sie gehen musste?... Weil sie angenommen hatte, dass Zoras tatsächlich gestorben war. Dass er Telandirs Angriff nicht überlebt hatte oder wenn doch noch auf dem Feld von Soldaten getötet worden war. So, wie er es geplant hatte. Sie war am Boden zerstört gewesen, in tiefer Trauer, die ihr den Willen zum Aufbegehren genommen hatte.
      DU HAST GESAGT, DU KÖNNTEST MIR MEINE NARBEN NEHMEN UND ICH WAR…
      Deswegen hatte er seine Arme und Beine so angesehen, als sie seinen Körper geheilt hatte. Schon beim ersten Mal war ihr klar gewesen, dass er die Zeichen, die Beweise seiner Vergangenheit brauchte, um sich davon abzugrenzen. Aber wie ging das im Einklang damit, dass er seine Vergangenheit ausblenden wollte? Wenn er sie doch tagtäglich auf seiner Haut sah?
      „Ich kann das nicht. Ich kann das nicht noch einmal. Nichts davon.“
      Langsam stellten sich die Tränen ein. Ihre Haut fühlte sich roh und krustig an, als sie sich mit dem Handrücken über die Wangen fuhr. Würde es helfen, wenn sie ihm versicherte, dass so etwas nie wieder passieren würde? Dass sie jetzt da war? Dass alles anders werden würde?
      Sie beantwortete sich die Frage selbst: Nein, würde es nicht. Denn dann wäre der Anschlag nicht passiert. Dann wären seine Narben noch alle da und Tysion noch am Leben. Sie alle wären noch am Leben.
      „Es ist kein Traum, Zoras.“ Ihre Stimme hatte sämtliche Geschmeidigkeit verloren und wirkte roh und rau. „Du wirst in diesen Alptraum nicht zurückkehren, denn du bist ihm entkommen. Ich würde dir gerne versichern, dass es nie wieder dazu kommen wird, weil ich jetzt da bin, aber…“ Sie musste eine kurze Pause machen. „Wie wir gesehen haben, ist das keine Garantie.“
      Sie konnte ihn nicht ansehen. Noch nicht, nicht wenn sie wusste, dass ihr komplettes Gesicht ein einziges Schlachtfeld war.
      „Wäre ich frei gewesen, hättest du höchstens eine Stunde dort in den Kerkern verbracht. Ich hätte alles in meinem Weg niedergebrannt, um dich herauszuholen. Aber ich konnte es nicht, ich war gebunden und im Glauben, du seist gestorben. Ich stand stundenlang an den großen Fenstern, weil ich das Gefühl hatte, dass dort draußen etwas am Horizont wartet. Jetzt weiß ich, dass es deine Gebete waren. Wir Götter reagieren darauf, insbesondere, wenn wir nicht viele Menschen haben, die uns anbeten.“
      Ein bitteres Lächeln tauchte auf ihren Lippen auf. Sie konnte sich nicht einmal selbst zuhören.
      „Nichts von all dem kann ich ungeschehen machen. Das Einzige, was ich sehe, ist Chaos, dass allein dadurch entstanden ist, dass ich vor Ort war. Du wärst gar nicht erst in die Kerker gekommen, weil du ohne mich auf dem Schlachtfeld in Theriss gestorben wärst. Und wenn nicht, dann gäbe es keine Fragen, die Feris hätte an dich stellen können. Ich hätte Amartius nicht erst das Leben geschenkt und dann indirekt durch Telandir wieder verlieren lassen. Der Anschlag hier wäre nicht passiert, Tysion hätte sein Leben nicht lassen müssen. Das sind alles Umstände, die nur eingetreten, weil ICH dabei war. Wärst du mir nie begegnet, hättest du all das nicht erleben und jetzt fürchten müssen, dass es noch einmal passiert. Weißt du, wie sich das anfühlt?“
      Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte sich Kassandra langsam um. Ihre Augen waren gerötet, die Spuren der Tränen noch immer sichtbar auf ihren Wangen.
      „Es gibt keinen einzigen Gott, der dein Leiden so gut nachvollziehen kann wie ich, Zoras. Was du dort unten durchgemacht hast, reicht für mehr als ein Menschenleben. Ich habe das dutzende Male ertragen, weil man damit gespielt hat, dass ich nahezu unsterblich bin. Ich würde dir gerne versichern, dass das nie wieder passieren wird, aber denk nur an die paar Wochen zurück und wir müssen eingestehen, dass es nichts bringt, dass ich meine Macht zurückhabe. Ich kann dich schützen, aber nicht alle um dich herum.“
      Oder mich selbst, fügte sie gedanklich hinzu.
      „Aber deine Geister kann ich nicht besiegen. Das musst du selbst tun. So wie ich damit leben muss, nicht gekommen zu sein, als du mich wirklich brauchtest. Was für ein Gott kann seinem Schwurpartner nicht zur Seite stehen?“ Sie lachte beißend auf. „Nach allem hättest du das Recht gehabt, meine Essenz zu nehmen und sie an den schlimmsten Menschen zu verschenken, den du hättest ausfindig machen können.“
    • "Es ist kein Traum, Zoras. Du wirst in diesen Alptraum nicht zurückkehren, denn du bist ihm entkommen. Ich würde dir gerne versichern, dass es nie wieder dazu kommen wird, weil ich jetzt da bin, aber…
      Wie wir gesehen haben, ist das keine Garantie."
      Kassandras Stimme hörte sich rau an, allzu menschlich. Es war fast so, als würde sie sich überwinden müssen, die Worte auszusprechen.
      Und Zoras wusste das. Er wusste, dass sie niemals garantieren könnte, dass es nicht wieder vorkam. Zwar würde es wohl kaum wie beim ersten Mal sein... aber es konnte passieren. Und wer garantierte ihm schon, dass er nicht sofort zusammenbrach, wenn er sich wieder im Kerker einfand? Wenn er wieder in einer Zelle eingesperrt war, dazu verdammt, auf die nächste Folterstunde zu warten? Wer garantierte ihm, dass er nicht vollständig brechen würde? Niemand. Nicht einmal Kassandra konnte das.
      Sie drehte sich immer noch nicht zu ihm um, aber es war fast, als würde sie die nächsten Worte direkt in sein Gesicht sagen.
      "Das sind alles Umstände, die nur eingetreten, weil ICH dabei war. Wärst du mir nie begegnet, hättest du all das nicht erleben und jetzt fürchten müssen, dass es noch einmal passiert. Weißt du, wie sich das anfühlt?"
      Zoras presste die Lippen aufeinander. Er war drauf und dran gewesen, ihr entgegen zu halten, ihr zu sagen, dass sie sich irrte und dass es nichts gegeben hätte, was sie hätte tun können - aber das war alles nur Wunschdenken, eine Vorstellung von ihm, um die dunklen Gedanken zu vertreiben. Sie hätte alles tun können und alles, was sie sagte, entsprach vollkommen der Wahrheit. Aber in einem Punkt irrte sie sich doch.
      Dann endlich, nachdem er dachte, dass sie ihm nur noch den kalten Rücken präsentieren würde, drehte sie sich zu ihm um. Ihr Gesicht kennzeichneten die Spuren ihrer Trauer und es war ein so herzzerreißender Anblick, dass Zoras den ungebändigten Wunsch verspürte, das Quell ihres Leids unwiderruflich zu vernichten, um seine Phönixin nicht mehr so traurig zu sehen. Es war ein Anblick, den er niemals in seinen Lebtagen vergessen würde, die zierliche, traurige Kassandra, die am dunklen Fenster stand, den geröteten Blick auf ihn gerichtet. Es war ein Anblick, den er sich nie selbst verzeihen würde.
      "Wäre ich dir nie begegnet, dann wäre ich jetzt tot, das ist richtig. Aber ich hätte nie geliebt, Kassandra. Ich hätte dich niemals geliebt. Ich hätte niemals um deine Hand angehalten, ich hätte niemals das Glück erfahren, dich in den Armen zu halten. Ich hätte niemals die Liebe zu meinem Sohn erfahren, auch wenn es nur wenige Monate waren und wenn es mich mehr schmerzt zu wissen, dass ich nicht von Anfang an an seiner Seite gewesen war. Ich habe großes Unglück erfahren, weil... weil die Moiren es so wollten, aber unter all dem Unglück warst du es, die mir in der Zelle Gesellschaft geleistet hat, auch wenn ich mich dich nur eingebildet habe. Du warst es, die mich in den Arm genommen hat, wenn ich wieder zurück in die Zelle geworfen wurde, wenn ich dachte, dass ich an meinen Wunden endlich verenden würde. Es waren deine Lieder, die ich gesungen habe, wenn ich keine Tränen zum Vergießen mehr übrig hatte. Es war dein Gesicht, an das ich gedacht habe, wenn ich nicht schlafen konnte."
      Er machte einen ganz kleinen, vorsichtigen Schritt vorwärts.
      "Wie oft habe ich schon an jenen Sommer zurückgedacht, als ich dich auf meinen Sitz in Luor gebracht habe, als du so frei und losgelöst warst, wie du es ohne deine Essenz nur sein konntest. Wie oft ich dich schon vor mir gesehen habe, anmutig und so wunderschön, wie du auf dem Weidenzaun saßt und die Sonne deine Haut erleuchtet hat. Ich habe dich vergöttert und ich habe dich geliebt und das tue ich immernoch, auch wenn... auch wenn ich Fehler begangen hätte, die nicht zu verzeihen gewesen wären."
      Noch ein Schritt, mehr zögernd als alles andere.
      "Ich habe nie aufgehört dich zu lieben, nicht als ich den Kerker verlassen habe, nicht als ich wie ein Werkzeug herumgereicht wurde, nicht als ich in diesem Land gestrandet bin bei einem Mann, den ich längst beerdigt habe. Erinnerst du dich an das, was ich dir gesagt habe, als wir uns in Asvoß wieder gefunden haben? Dass ich dir ans Ende der Welt gefolgt wäre, wenn es nötig gewesen wäre? Dass ich dich noch einmal gesucht hätte, dass ich es wieder getan hätte?"
      Er blieb stehen, schluckte. Seine Augen zuckten.
      "Ich... ich hätte es wieder getan. Ich hätte Telandir h...herausgefordert, ich wäre wieder in den... in den..."
      Er musste sich zwingen zu atmen, denn sein Körper tat es nicht von alleine.
      "... ich hätte es nicht ausgehalten, aber ich hätte es wieder getan. Für di-dich. Ich wäre wieder nach Asvoß einmarschiert. Vielleicht hätte ich meinen Sohn nicht g... geopfert."
      Das geplante Lächeln misslang ihm völlig. Er versuchte, sich zu straffen.
      "Ich würde alles für dich tun. Aber das hier? Das kann ich nicht. Ich werde daran zugrunde gehen und du brauchst keinen Schwurpartner, der nicht einmal seinen Thron halten kann. Ich kann es nicht. Es ist ein Kampf, der sich nicht zu kämpfen lohnt. Ich will ihn aufgeben."
    • Zoras machte einen kleinen, vorsichtigen Schritt vorwärts.
      Kaum merklich schüttelte Kassandra den Kopf. Es war zu spät. Alles, was sie verhindern wollte, war nun eingetreten. Er war ihr verfallen, sie war zu seinem persönlichen Geist geworden, dem er folgte, lauschte und glaubte. Auf dessen Dasein er sein eigenes Selbst errichtet hatte und ohne den er in die Verdammnis stürzen würde. Nie hatte sie sich gewünscht, dass ein Mensch mit freiem Verstand und Willen ihr dermaßen verfiel. Nie sollte ein Mensch sein Leben nach einer Göttin richten, die außerhalb dessen Reichweite war.
      „Klingt das nicht in deinen Ohren wie ein Phantom, das dich jagt?“, fragte sie mit einem bitteren Lächeln. „Du hättest deine Familie sehen sollen, egal wen, und nicht mich. Du magst mich lieben gelernt haben, aber wie kannst du diejenige ständig sehen und als Erlösung suchen, die mit Grund dafür war, wo du geendet bist?“
      Kassandra wusste ganz genau, welche Szene Zoras ihr gerade beschrieb. Es war ein flüchtiger Moment gewesen, relativ nah zu Beginn ihrer Bekanntschaft. Aber dass dieser Moment solch eine Tragweite für ihn hatte, ahnte sie nicht. Für sie war es ein Moment wie jeder andere gewesen, vielleicht ein bisschen intimer, aber ansonsten fühlte es sich für sie nicht anders an. Hatte er einen vergleichbaren Moment erlebt, nachdem sie ihre Essenz zurückerlangt hatte? Oder war für ihn der Zauber dadurch verflogen?
      „Was für Fehler, Zoras? Du hättest ihnen dann eben meinen Aufenthaltsort verraten, na und? Was hätte der Kindskönig schon ausrichten können gegen die Zarin hoch oben im Norden? Das wäre es nicht wert gewesen, selbst für ihn nicht.“
      Er trat einen weiteren Schritt vor und ihr fiel auf, dass er es zögernd tat. Warum zögerte er? Sie war ihm weder mit Zorn noch mit Vergeltung entgegengekommen, wieso zögerte er seine Schritte hinaus? Seit wann schloss er nicht mehr zu ihr auf, wenn er sich nach ihrer Berührung sehnte? Wieso… behandelte er sie gerade jetzt wie etwas, das entweder zerbrach oder sich in Wut und Feuer auflösen konnte?
      „Erinnerst du dich an das, was ich dir gesagt habe, als wir uns in Asvoß wieder gefunden haben?“
      Sie nickte abgehackt.
      Schon wieder blieb er stehen und er begann, mit sich zu kämpfen. Die Anzeichen waren nicht zu übersehen und es graute ihr davor, welch schreckliche Worte er nun einsetzen würden. Denn das waren die Waffen, die Zoras mitunter am besten beherrschte, und die Kassandra auf eine ungeahnte Art und Weise zu treffen vermochten.
      „.. ich hätte es wieder getan. Ich hätte Telandir h…herausgefordert, ich wäre wieder in den… in den…“
      Kassandra biss sich auf die Lippe und richtete den Blick zur Decke. War Zoras völlig wahnsinnig? Er stotterte wieder, wie sonst nur selten, aber dass er allein nur aussprach, dass er ALLES noch einmal getan hätte, löschte auch die letzten Funken an Wut in ihr aus. Ihr Blick schnappte zurück zu dem Mann, der ein Lächeln versuchte, allerdings nur eine Grimasse schaffte.
      „Ich würde alles für dich tun. Aber das hier? Das kann ich nicht. Ich werde daran zugrunde gehen und du brauchst keinen Schwurpartner, der nicht einmal seinen Thron halten kann. Ich kann es nicht. Es ist ein Kampf, der sich nicht zu kämpfen lohnt. Ich will ihn aufgeben.“
      Irgendetwas in Kassandra riss in diesem Augenblick. Das Leid war immer noch in ihrem Gesicht abzulesen, aber es färbte sich um mit Ernsthaftigkeit. Ihre Brauen zogen sich zusammen, als sie unverwandt auf Zoras zumarschierte. Sie packte ihn nicht an den nackten Händen, aus Sorge, dass sein ohnehin überreiztes Nervensystem dann vollends dicht machte, sondern legte ihm die Arme um den Oberkörper und zog ihn an sich. Dazu stellte sie sich ein wenig auf die Fußballen, damit sie ihre Wange an seine legen konnte.
      „Du könntest ein Bettler in den Straßen der Welt sein und ich hätte dich dennoch als meinen Schwurpartner auserkoren. Es geht nicht darum, ob du einen Thron halten kannst oder nicht. Das sind weltliche Bindungen, die mich nicht interessieren. Ich habe dich auserwählt, Zoras, wegen dem, wer du bist und nicht wegen dem, was du hast oder sein kannst. Ich habe dich als gütigen, vorausplanenden und entschlossenen Mann kennengelernt, der noch immer da in dir ist. Was auch immer du im Kerker zurückgelassen hast, ist eine alte Version von dir. Du lernst, dein neues Ich zu akzeptieren und du bist hier, weil es genau das ist, wohin du gehörst. Du hast so viel Schlimmeres durchlebt, bist mehrere Male dem Tode nur knapp von der Schippe gesprungen, hast Folter überstanden, hast einen GOTT überstanden…“ Sie schnaubte, begleitet von einer leichten Belustigung. „Du bist zu stark, als dass du noch einmal fallen kannst. Du hast es einmal getan, ein zweites Mal wirst du dir selbst nicht eingestehen. Wenn du jetzt abbrichst, bist du weder der Mann, der im Kerker geblieben ist, noch der, der daraus lernt. Dann wirst du jemand sein, den ich nicht kenne. Du liebst mich, du wünschst dir eine Zukunft mit mir, solange du Zeit auf Erden hast. Dann müssen wir zusammenbleiben und dafür sorgen, dass die Götter von der Erde weichen und die Welt so bleibt, wie du sie kennst.“
      Kassandra gab Zoras frei und trat einen Schritt zurück. Der glasige Ausdruck aus ihren Augen war gewichen und das Feuer war zurückgekehrt.
    • Es war Kassandra, die die letzte Distanz zwischen ihnen zu überbrücken vermochte. Auf ihrem Gesicht spiegelten sich die Emotionen der vergangenen Sekunden wider, doch jetzt alles in eine Maske aus Ernsthaftigkeit gedrückt. Ihre Augen waren noch immer gerötet, aber als sie jetzt die Arme um ihn legte - vorsichtig, so vorsichtig - rührte der Blick in ihren Augen von einer anderen Intensität. Zoras zögerte nicht davor, die eigenen Arme um den bekannten Leib zu legen, ungeachtet des Wutanfalls vor wenigen Minuten noch, ungeachtet des Schattens, der durch die Erzählung über ihnen beiden lauerte. Für einen langen Moment hatte er die abgrundtiefe Sorge verspürt, Kassandra könnte sich von ihm abwenden, als sie sich selbst als Phantom bezeichnet hatte. Sie könnte ihre Verbindung zueinander trennen und sich absetzen, in dem Glauben, sich selbst als Quell seines Übels aus seinem Leben zu entfernen. Er wusste nicht, was er dann getan hätte. Schlimm genug war es gewesen, mit dem Geständnis herauszurücken und die Tränen zu sehen, die das Gesicht der Phönixin dabei geziert hatten, da wusste er nicht, ob er einen Verlust ausgehalten hätte. Es hätte vermutlich alles nur sehr viel schlimmer gemacht.
      Aber sie wandte sich nicht von ihm ab, sie hatte ihn selbst auserwählt, so wie sie ihm jetzt fast zärtlich eröffnete, und das aufgrund seines Wesens, nicht aufgrund seiner Taten. Sie hätte es ausgehalten, wenn er ihren Standort eröffnet hätte, auch wenn der sie in Gefahr gebracht hätte. Sie hätte ihn auch als Bettler erwählt, denn weltliche Dinge waren wahrhaftig nichts, was einen Gott interessieren könnte. Und was noch viel wichtiger war: Sie wählte ihn auch immer noch, trotz allem, was geschehen war. Zoras hatte es zwar nicht gewusst, aber das war wichtiger gewesen zu hören, als ihre Vergebung oder ihr Verständnis. Ihm war es wichtiger gewesen. Und es fühlte sich an, als würde sich seit Wochen der erste Brocken aus der Last um seinen Schultern lösen und ihn in Ruhe lassen. Zoras vergrub das Gesicht in Kassandras Haarpracht und atmete ein, atmete all die freie, klare Luft ein, die unmöglich hier drinnen sein konnte, und ließ sich von der Tröstlichkeit dieses Moments gänzlich auffangen. Er ließ sich gänzlich davon stützen, dass Kassandra noch immer bei ihm war, dass sie auch bei ihm geblieben wäre, wäre es anders gekommen. Dass er keinen Fehler begangen hatte.
      Sie lösten sich wieder voneinander und das Feuer, das jetzt in Kassandras Augen stand, war mit bekannter Intensität zurückgekehrt, ohne Zoras dabei zu verbrennen. Kassandra war bereit zu kämpfen.
      "Er hat eine unvorstellbare Macht über mich. Er ist der einzige Mensch, der..."
      Er atmete durch, aber als er sich diesmal straffte, ging es schon etwas leichter.
      "Er hat mich schon einmal gebrochen und ich zweifle nicht daran, dass er es ein zweites Mal schaffen könnte. Nur er ist so mächtig in diesem Sinn und jetzt, wo er hier ist, kommt es mir vor, als würden mir alle diese... Errungenschaften durch die Finger laufen, als müsste er nur mit den Fingern schnippen und ich wäre wieder dort, wo ich angefangen habe. Mächtiger als Loki, mächtiger als die Moiren. Ich weiß nicht, ob..."
      Er sah auf Kassandras Hand hinab und wieder hinauf in ihr Gesicht.
      "Ich weiß nicht, ob ich das alleine schaffe. Bitte hilf mir, Kassandra. Ich brauche dich jetzt mehr als je zuvor."
      Nach allem, was Zoras jetzt schon von sich offenbart hatte, was er freigelegt hatte, war es keine große Überwindung mehr, seine Schwäche zu offenbaren. Zumindest nicht in diesem Moment, in dem von Kassandra geschützten Raum, wo kein anderer diese Worte jemals zu hören bekommen könnte. Hier konnte er es sich erlauben und diese Tatsache bekräftigte ihn dabei, als er in altbekannter Geste Kassandras Hand ergriff und ihr für viele, lange Sekunden einen Kuss auf den Rücken drückte. Sie gewährte es ihm und irgendwie war es tröstlich, dass sie es ihm auch ohne Eviad, ohne Thron, ohne Kerker, ohne Herzog und letzten Endes natürlich auch ohne Essenz gewährte. Es war ein Trost, den er von nirgendwo sonst hätte bekommen können.

      Nach diesem Gespräch war Zoras so ausgezehrt und erschöpft, dass er sich regelrecht nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Er fiel ins Bett und all die Aufregung der vergangenen Stunden holte fast schlagartig zu ihm auf. Mit großem Aufwand und noch größerer Frustration gelang es ihm, seine Gewänder abzuschälen, bis er sich nur noch im Unterhemd bekleidet hinlegte. Kassandras ausstrahlende Wärme tat den Rest; er war fast augenblicklich eingeschlafen. Dafür schlummerte aber selbst im Schlaf noch immer eine Unruhe unter der Oberfläche, die sich nur aufgrund der göttlichen Einwirkung nicht weiter manifestierte. Zoras schlief, aber seine Gedanken waren dabei unruhig und seine Muskeln zuckten, wo eigentlich keine Gefahr war.
    • „Wie soll er dich ein zweites Mal brechen? Das kann er nur, wenn du dich ihm nicht widersetzen kannst und ich sehe keinen einzigen Umstand, in dem du jemals wieder machtlos sein wirst.“
      Das war ein Punkt, der ungeschrieben ein neues Grundgesetz für Zoras war. Er mochte vergessen haben, wessen Zeichen auf seinen Schultern prangte, aber in Momenten der Not würde er sich daran erinnern. An das Feuer, das nun auch in seinen Andern regierte.
      „Du brauchst mich nicht jetzt mehr als zuvor. Du hast mich jetzt an deiner Seite, mein Mal auf deinem Rücken und das deines Sohnes an deiner Hand. Du wirst nie mehr allein sein.“
      Damals in der dunklen Zelle war er wahrlich allein gewesen. Es gab kein Entrinnen, es gab kein Licht, er war einfach nur ein Gefangener unter Tage, dessen Fehlen niemanden aufgefallen wäre. Aber jetzt war er nicht mehr allein, nicht mehr nur ein Mensch. Er hatte die Gunst einer Göttin erlangt und allein dies verlieh ihm Mächte, die er nur noch nicht entdeckt hatte.
      Als Bestätigung gab sie ihm ihre Hand und die Geste, die für sie beide eher schon ein Ritual geworden war, besiegelte diesen Moment. Kassandra hatte sich für diesen Menschen in dieser Epoche entschieden, und war ihr Urteil einmal gefällt, nahm sie es nie wieder zurück. Sie würde ihn auch als sein Phantom bis an sein Ende begleiten, nur um sicherzugehen, dass sein Ende ihm würdig war. Das war alles, was sich die Phönixin für diesen Sterblichen am Ende seines Lebens wünschte.

      Kassandra hatte Zoras geholfen, sich aus den tausend Schichten Gewandung zu schälen, damit er in sein Bett fallen und binnen Minuten einschlafen konnte. Sie saß an seinem Bett, auf der Kante, bis er vollends weggetreten war und sie ihre Magie über ihn legte wie eine warme Decke, um ihn vor Alpträumen zu bewahren. Nur an sein Unterbewusstsein reichte sie nicht heran und musste akzeptieren, dass er zuckte und nicht so ruhig war, wie sie es sich gern gewünscht hätte.
      Doch das reichte Kassandra. Nun hatte sie ein Zeitfenster, das groß genug war, um ein ganzes Land in Chaos stürzen zu können. Der Anfang dafür befand sich etliche Meter unter ihren Füßen, in dunklen, lichtleeren Kammern, bewacht von Soldaten und einer Fanatikerin. Sie hatte Zoras nicht belogen, als sie sagte, sie sei noch nicht mit ihm fertig. Das würde sie jetzt nachholen.

      Die Menschen aus den unterirdischen Gängen flüchteten, ohne so recht zu wissen, wieso. Auf mehreren Metern Entfernung schob Kassandra ihre Präsenz vor sich her, flutete die Gänge und machte unmissverständlich klar, dass sie hier unten niemanden sehen wollte. Unter den Flüchtenden war erstaunlicherweise auch Zavion, der scheinbar nebst Alsyr Wache bezogen hatte, nachdem Zoras mit Kassandra in bester Betreuung gewesen war. Er sah die Phönixin nicht einmal an, als er Hals über Kopf floh. Das kam ihr nur recht, während sie ihre Magie eine Kuppel gleich um das kleine Areal der Zelle spannte, wo Alsyr Velius bewachte. Hier würde für die nächste Zeit niemand mehr näherkommen und falls doch, würde ihm seine Haut zu Asche verbrennen, wenn er die magische Grenze auch nur berührte.
      Alsyr verneigte sich tief vor Kassandra, als sie um die Ecke bog. Vor der Zelle, die vorderseitig aus Gitterstäben bestand und die restlichen drei Wände gemauert waren, blieb sie stehen und warf einen Blick hinein. Velius kniete auf dem Boden, man hatte ihm seine Fesseln nicht abgenommen. Ihr Mal stach sattschwarz unter den Kleidern hervor.
      Ohne ein Wort der Anweisung öffnete Alsyr die Tür zur Zelle und machte ihrer Herrin Platz. Langsam, quälend langsam, erschien Kassandra in der offenen Tür und schritt auf Velius zu. Er sah sie mit großen Augen an, offensichtlich in guter Erinnerung an ihr letztes Aufeinandertreffen. Vor ihm ging die Phönixin in die Hocke, ebenso langsam und völlig entspannt, bis sie auf Augenhöhe mit dem Kerkermeister war.
      „Nun, mein guter Velius“, begann sie und ließ die schwarzen Blitze durch ihre Augen zuckten, als sich ihr Blick in seinen brannte, „fangen wir noch einmal von vorne an. Du wirst mir alles zu Zoras‘ Folterung erzählen. Angefangen bei der Erklärung, wie ihr ihn gefunden habt und seine Verletzungen nicht behandelt habt bis hin zu dem Grund, was Feris dir aufgetragen hat zu fragen und was die Motivation dahinter war. Ich will jedes Detail, jedes bisschen, an das du dich erinnern kannst. Ich erinnere dich nicht daran, dass ich Lügen bemerke. Wenn du jemals wieder Chance darauf haben willst, deine Familie zu sehen“, sie machte eine Pause über mehrere Sekunden, „lebend sehen willst, dann bietest du mir jetzt alles an, was du weißt. Verstanden?“
    • Der ehemalige Kerkermeister von Theriss hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, sich aus seinen Fesseln befreien zu wollen oder etwa die Freiheit zu verlangen. Unlängst hatte er verstanden, in welcher Situation er sich hier befand und dass es für ihn kein so schnelles Entkommen geben würde. Ob ihn das in dieser sonst leeren Zelle erleichterte, die rund um die Uhr bewacht wurde? Vermutlich nicht. Er musste sich einfach mit seinem Schicksal abfinden - so wie all die Seelen, die er mit seinem Beruf auf dem Gewissen hatte, es auch irgendwie getan haben mussten. Vielleicht hatte Velius Folter und Gefangenschaft noch nie am eigenen Leib erfahren, aber er war lange genug in dessen Präsenz gewesen, um sich ausmalen zu können, was ihn erwartete.
      Als Kassandra dann auftauchte - Kassandra, die Phönixin, die ein Jahr lang in Theriss als Champion gedient hatte - zuckte er aber trotzdem zurück. Die ungefilterte Präsenz ihrer unermesslichen Göttlichkeit, die sich durch das Verlies ausbreitete, schlug direkt auf seinen Instinkt an, da konnte er noch so viel mit seiner Situation klar kommen. Er zuckte und sah dann mit angsterfülltem Blick zu der Göttin auf.
      Er überlegte nicht, als er zur Antwort ansetzte. Sicherlich hatte er in den letzten Stunden Zeit genug zum Überlegen gehabt.
      "Ich will Euch erzählen, was ich weiß und was für Euch von Belang sein dürfte. Doch das meiste kann ich Euch nur durch Gerüchte berichten, denn ich war die meiste Zeit in den Kerkern zugange."
      Und Velius begann zu erzählen.


      Die Schlacht, die den Aufstand entscheiden sollte, war in Theriss wegen einer einzigen, sehr offensichtlichen Sache berühmt geworden: Der rote Phönix, der aus dem Himmel geflogen kam und die Front geteilt hatte. Als das Chaos deswegen ausgebrochen war, hatten kaum genug Menschen genügend Aufmerksamkeit übrig gehabt, um das Geschehnis wirklich mitzuverfolgen. Die einen behaupteten, der Phönix habe Kassandra in die Knie gezwungen, die anderen behaupteten, es wäre Kassandra gewesen, die ihren Speer erhoben und den Phönix in die Knie gezwungen habe.
      Die dritten behaupteten, es wäre Zoras gewesen, der sein Schwert gezogen und todesmutig zwischen die beiden Phönixe geschritten wäre. Besonders das letzte Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, weil jeder den Schrei gehört hatte, mit dem Zoras in dem Chaos verbrannt worden war. Etwas musste geschehen sein, an dem Zoras in irgendeiner Weise beteiligt gewesen war. Das war eine unumstrittene Tatsache in ganz Theriss.
      Das Schlachtfeld war gespalten und unkontrolliert zurückgelassen worden, als die beiden Phönixe in den Himmel verschwunden waren. Kassandra war weg und damit auch der göttliche Kampf vorbei, der sich dort zugetragen hatte. Alles wäre wieder beim Alten und doch war es zu diesem Zeitpunkt so zerrüttet wie noch nie zuvor gewesen.
      Von den beiden Anführern war nun nur noch Feris Nashek IV übrig geblieben, der mit seinem Gefolge heran geritten gekommen war, zweifellos um ein Urteil zu sprechen, um den Kampf weiterlaufen zu lassen - aber dann, als er das Ausmaß der Verwüstung erst begriffen hatte, um Zoras nach Gesetz den Kopf abzuschlagen und damit den Aufstand ein für allemal zu beenden. Zoras lag auf dem Boden, verwundet aber noch am Leben, umringt von seiner treuen Garde. Verwirrt über die Situation, über die Geschehnisse, flankierten sie seinen Körper, auch wenn der Kampf in den Augen des Gesetzes entschieden worden war. Der Aufstandsanführer war kampfunfähig und damit war es vorbei. Er musste als Sinnbild seines gescheiterten Aufstands sterben.
      Doch als sich Feris mit erhobenem Schwert näherte, rückte die Front wieder heran und die Rebellen formierten sich erneut, schützten Zoras’ Körper und verlangten, dass man ihm das Leben gewährte. Denn: Der Kampf war aufgrund göttlicher Fügung unterbrochen worden. Es waren die Götter, die sich eingemischt hatten, und in den Augen vieler war es der Phönix selbst gewesen, der extra aus dem Himmel gekommen war, um sich in dieses Kampfgeschehen einzumischen. Der Phönix hatte ihren Aufstand unterbrochen und der Phönix hatte auch Zoras verletzt - aber er hatte ihn am Leben gelassen. Er hatte sein Leben verschont und damit hatten die Götter selbst ein Urteil ausgesprochen.
      Und die Götter mussten doch höher stehen als das Gesetz und der König - nicht wahr? Aber Feris tat das, was jeder therissische Herrscher getan hätte: Er hielt sich genau an die Kriegsführungsregeln, denn dafür waren sie geschaffen worden.
      Nur hatte Theriss noch niemals einen Champion besessen oder war mit Göttern umgegangen. Die Kriegsführungsregeln waren nicht auf göttliches Einmischen ausgelegt.
      So spaltete sich das Schlachtfeld doch wieder in zwei Teile, die einen, die davon überzeugt waren, dass man das Urteil der Götter nicht anzweifeln durfte und die anderen, die davon überzeugt waren, dass die Kriegsführungsregeln die einzige wahre Ordnung boten und nur deshalb funktioniert, weil sie unter allen Umständen eingehalten werden mussten.
      Der Krieg ging weiter. Die Schlacht entbrandete erneut und plötzlich versuchten beide Seiten, an den leblosen Körper des Aufstandsanführers zu gelangen. Sie hätten ihn in ihrer Mitte vermutlich zerrissen, wenn er nicht gar an seiner Verletzung gestorben wäre. Doch wenn Feris ihn nicht köpfte, beendete er keinen Aufstand und wenn er starb, zogen sie den Zorn der Götter auf sich. In jedem Fall wäre der Krieg nicht zu Ende gewesen, sondern nur in den nächsten Aufstand gerutscht - oder noch schlimmeres.
      Es war eine Walküre unter den Kriegern, die ihre Maske lichtete und sich Gehör verschaffte. Sie sprach mit der Autorität eines göttlichen Wesens, wobei sie selbst nicht als solche durchgegangen wäre. Die Walküre sprach, man solle die Entscheidung der Schlacht in göttliche Hände zurückgeben, von wo sie bereits genommen worden war. Nachdem es die Götter waren, die den Kampf unterbrochen hatten, konnten es nur die Götter sein, die entschieden, ob der Aufstand damit beendet sei oder nicht.
      Man schenkte der Walküre Gehör und man einigte sich darauf. Zoras sollte leben und man sollte auf die Rückkehr der Götter warten.
      Genauer gesagt auf die Rückkehr von Kassandra.
      Da Zoras trotz allem gegen Gesetze verstoßen und Hochverrat begangen hatte, wurde er in den Kerker verfrachtet. Dort hegte man ein ganz simples Ziel: Kassandras Aufenthaltsort herauszufinden. Schließlich konnte nur sie - oder wahlweise der unbekannte Phönix, sollte er aufgetrieben werden - dem ganzen ein Ende setzen. Es lag jetzt nicht mehr an Zoras’ Leben, das bis dahin geschont werden sollte.

      Die nächste Aussage kam nun nicht mehr von den vielen Gerüchten, die über die Schlacht rankten, sondern von Velius’ Erfahrung alleine. Er war schon lange Kerkermeister, geschult in der Kunst, den menschlichen Körper an seine Grenzen zu bringen, und hatte daher schon viele Seelen in den Albtraum der Folter eingeführt. Er hatte ein Gespür dafür, wenn die Menschen kurz davor waren zu brechen und wenn sie zu viel gebrochen wurden, sodass sie keine nützlichen Aussagen mehr treffen konnten. Velius war ein Meister auf seinem Gebiet.
      Und als solcher Meister wusste er, dass Zoras hart werden würde zu knacken, wenn er nur erführe, was dort draußen auf ihn wartete. Also schottete er ihn davon ab und begann mit seiner Behandlung, so wie er es mit jedem tun würde. Zoras zeigte den anfänglichen Widerstand, den jeder zeigte, aber ohne menschliche Kontakte, ohne Sonnenlicht, mit viel Schmerzen, wenig Ruhe und keiner Freude, konnte man selbst einen widerstandsfähigen Verstand mit der Zeit knacken.
      In Zoras’ Fall war dieser Zeitpunkt nach etwa fünf Tagen gekommen und nach acht Tagen war er gebrochen gewesen, hatte geweint und geschrien und sich selbst völlig vergessen.
      Nach acht Tagen konnte Velius mit Gewissheit sagen, dass Zoras wahrhaftig keinerlei Informationen über Kassandras Aufenthalt hatte. Er hatte nicht einmal eine Idee, wo sie sein könnte, er war selbst darüber vollkommen im Dunkeln.
      Diese Erkenntnis berichtete er nach acht Tagen Seiner Majestät und dessen Rat, die ihm alle mit einer gewissen Ratlosigkeit lauschten. Es war klar, dass die einzige Lösung des Zwiespalts darin bestand, Kassandra zu finden - oder eben den Phönix. Aber wenn von Kassandra keine Spur war, so auch nicht von dem Phönix. Einige munkelten, dass es sich um einen Telandir handelte, aber niemand hatte etwas von einem Telandir gehört und wusste erst recht nicht, wo er sich aufhalten konnte. Sie waren in einer Patt-Situation angelangt, denn das Land war noch immer zwiegespalten und würde es ohne göttliches Urteil auch niemals zurück zur Ordnung schaffen, da konnte Zoras noch so lange leben und noch so lange gefoltert werden. Man wusste nicht weiter.
      Velius wurde danach entlassen und überließ Zoras einen Tag lang seiner Dunkelheit und seiner Zelle, bevor man ihn wieder für eine Audienz vorrief. Dort erläuterte man ihm, dass man eine neue Taktik versuchen wollte: Wenn Zoras schon nicht Kassandras Aufenthaltsort kannte, so war doch vielleicht darauf zu hoffen, dass sie eines Tages zurückkommen würde. Mehr noch, man hoffte darauf, dass noch eine gewisse Verbindung mit ihrem ehemaligen Träger bestand, sodass sie seinen Schmerz und sein Leid vielleicht spüren könnte. Vielleicht würde sie auch nur hören, dass er im Kerker saß, und würde sich zu seiner Rettung aufmachen. In jedem Fall wollte man versuchen, wie bisher fortzufahren. Was hatte man denn auch zu verlieren?
      Velius widmete sich ab diesem Zeitpunkt einer gar trostlosen Aufgabe, so wie er es beschrieb. Immerhin hatten Foltern immer ein Ende in Aussicht, aber bei so etwas wie Zoras’ Fall war ein Ende nicht abzusehen. Velius tat das, was nötig war, aber nicht mehr; er verstümmelte ihn nicht, er verletzte ihn nicht dort, wo es ihm am meisten zusetzen würde, er hielt ihn körperlich so gesund, wie es eine Folter eben zuließ. Das war aber nicht viel. Alle zwei Tage besuchte er ihn, behandelte ihn so schnell, wie es ihm möglich war, und dann entließ er ihn wieder in seine Dunkelheit. Nach Velius’ eigener Aussage verlor Zoras den Verstand und das war wohl auch verständlich gewesen. Velius versuchte, den Schaden auf einem Minimum zu halten.

      Ein Monat verging und von Kassandra war nicht die leiseste Spur. Man munkelte, dass die Nachbarländer sie auch nicht gesehen hatten und das war ein viel zu schlechtes Zeichen. Man munkelte, dass Feris alle seine Vertragspartner darum bat, nach einer Phönixin Ausschau zu halten, aber erfolglos. Kassandra kam nicht. Die Kämpfe gingen weiter.
      Drei weitere Monate vergingen, dann erreichte Velius erst eine neue Anordnung. Spione berichteten, dass Zoras’ Stellvertreter, sein Bruder Ryoran Luor, ein Kommando dazu aufstellte, um seinen Bruder aus dem Kerker zu befreien. Da bisher keinerlei Erfolge erzielt werden konnten und man nicht daran glaubte, dass es jemals so schnell gehen würde, hatte Seine Majestät und sein Rat sich dazu entschlossen, die Befreiung unter verdeckter Hand zuzulassen. So riskierte man nicht, dass Zoras durch die Einsamkeit nicht doch eines Tages auch den letzten Rest seines Verstandes verlor und man könnte vielleicht erzwingen, dass Zoras sich doch noch einem menschlichen Urteil stellte, anstatt auf das göttliche zu warten. Wenn Zoras wieder gesund würde und seine Rebellen bekehren konnte, konnte man den ganzen Krieg vielleicht doch noch aufhalten.
      Velius wurde daher angewiesen, an einem bestimmten Abend den Kerker zu räumen und nur das nötigste an Wachen zurück zu lassen. Ihnen wurden aufgetragen, dass sie zwar kämpfen, aber sich dann ergeben sollten. Man würde den Rebellen Widerstand leisten, damit sie keinen Verdacht schöpften, aber man wollte keine unnötigen Menschenleben opfern. Zoras, und damit auch die Last, die er unweigerlich mitbrachte, sollten entkommen.

      Danach wusste Velius es nur wieder vom Hörensagen, denn er war schließlich nicht an der Rettung beteiligt gewesen. Man habe wohl Zoras befreien können und hätte dann die Grenze angepeilt, so wie die Spione des Königs berichteten. Eigentlich hätte der König sicher angeordnet, dass man die Flüchtlinge auch fliehen lassen sollte und so wären sie wohl auf dem direkten Weg bis nach Luor gekommen - doch natürlich wussten sie das nicht. So überquerten sie die Grenze und überschritten damit den Herrschaftsbereich von Theriss.
      Wochen vergingen, danach Monate. Zoras’ Flucht hatte sich mittlerweile im ganzen Land herumgesprochen und nun wartete man gebannt darauf, dass er an seinem Herrschersitz in Luor auftauchen würde. Die einen erwarteten ihn als den von den Göttern zum leben auserwählten, die anderen als den Aufstandsanführer, der endlich geköpft werden sollte. Monate vergingen, aber Zoras kam nicht.
      Sein Bruder Ryoran verweigerte die Anschuldigung, etwas mit seiner Flucht zu tun zu haben. Natürlich war sich der König darüber längst im Bilde, aber das wusste sonst keiner. Der Haushalt von Luor versuchte lediglich, die eigene Haut zu retten, während sie die Beihilfe verweigerten.
      So spitzte sich die Lage auf ein neues Hoch zu. Nun gab es kein göttliches Urteil und auch keinen Aufstandsanführer, den man für irgendwas verantwortlich machen konnte. Die Kriegsführungsregeln waren für viele Fälle vorbereitet, aber nicht für diesen speziellen Fall. Die Regierung wusste nicht mehr weiter.
      In einem länger werdenden, zermürbenden Krieg, erlitt Theriss viele Schicksalsschläge. Da war der Tod von Emjir Tiumus, einem der Herzöge, und die damit einhergehende Verwaisung seines Herzogtums. Da war der Einfall von Hesivien, die den Aufstand schamlos ausnutzten, um einen großen Teil vom Herzogtum Luor zu erobern. Da war die Flucht des Hausstabs Luor und seiner engsten Verbündeten. Die Rebellen splitteten sich in einzelne Gruppen auf, die alle für sich genommen kämpften. Da war die hinterlistige Ermordung von Offizieren in ihren Betten, in der Gasse oder bei ihren Familien. Da war ein ganzer göttlicher Wahn, der ausgebrochen war, nur darauf berufen, dass die Götter sich in Theriss’ Geschehen eingemischt hatten. Da war vieles, was das Land stark zusetzte.
      Feris leitete mit der Hilfe seiner verbliebenen, treuen Herzöge und gemeinsam eröffneten sie nach einem Jahr einen Vertrag, der Theriss vor dem sicheren Untergang bewahren sollte: Es war ein Vertrag mit sich selbst, die eine Hälfte von Theriss mit der anderen Hälfte. Man handelte Konditionen aus und vereinbarte einen Waffenstillstand, bis eine der folgenden Punkte eintrafen: Man spürte Zoras Luor auf, brachte ihn entweder zurück oder versicherte sich, dass er tot war. Man spürte Kassandra auf, erlangte ein Urteil von ihr oder versicherte sich, dass sie tot war. Man spürte den Phönix auf, erlangte ein Urteil von ihm oder versicherte sich, dass er tot war. Und falls keine der drei Punkte in den nächsten zehn Jahren zutrafen, so wollte man einen anderen Champion erwählen, der es würdig war, das geforderte Urteil zu sprechen. Sollten diese zehn Jahre verstreichen, so musste man nämlich davon ausgehen, dass alle drei Parteien gestorben waren.
      Mit diesem Vertrag ließ sich retten, was noch zu retten war. Theriss hatte schlimme Schäden davongetragen und die Grenzen waren geschrumpft, die Infrastruktur beschädigt und das Militär war ein zerrütteter Haufen aus Rebellen, Herzogtümern und der Krone treu ergebenen. Doch der Vertrag schützte sie erst einmal vor weiteren inneren Kriegen und die bereits bestehenden Verträge schützten sie vor dem endgültigen Untergang. Feris gelang es noch in einem Jahr, einen wesentlichen Bestandteil von Theriss wieder aufzubauen und die Grenzen zumindest insofern zu verstärken, um weitere Einfälle verhindern zu können. Wie es sich herausstellte, waren es die Verträge, die sie stärkten und stützten, so wie das schon immer der Fall gewesen war.
      Aber vorbei war es in Theriss noch lange nicht, auch nicht nach fünf Jahren. Sechs Jahre hatten sie noch Zeit, dann würden sie einen Champion finden müssen, der eines solchen Urteils fähig werde. Und nur dann würde sich Theriss wahrhaftig wieder vereinen können, nicht nur auf einem Papier niedergeschrieben.
    • Während der gesamten Ausführung des ehemaligen Kerkermeisters bewegte sich Kassandra nicht einen einzigen Millimeter. Sie verharrte in der lauernden Position vor dem Mann, der ihr endlich einen Einblick darüber gab, was in Theriss vorgefallen war, nachdem Telandir sie entführt hatte.
      Tief in ihr hatte sie den Wunsch gehegt, dass nach ihrem Verschwinden und der Gefangennahme Zoras‘ sich die Kämpfe und das Chaos gelegt hatten. Dass der Kindskönig sie überrascht und es tatsächlich geschafft hatte, das Land angemessen zu führen. Jetzt jedoch erzählt zu bekommen, wie es eigentlich abgelaufen war, ließ es nur noch tragischer erscheinen. Das Auftreten von Telandir war nicht einfach nur ein unvorhergesehener Zwischenfall gewesen, nein, die Therisser hatten es als Zeichen gewertet. Sie hatten nicht gesehen, wie sich Kassandra gegen ihn zur Wehr gesetzt hatte und dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan hatte, damit der Phönix Zoras nicht auf der Stelle tötete. Das war es, was die Menschen falsch gedeutet hatten und nun so auslegten, dass es auch ein Gott sein musste, der diese Auseinandersetzungen zum Ende führte.
      Kassandra begriff, weshalb Zoras nicht die typischen Zeichen der Folter an sich trug, jedenfalls nicht die, die für besonders hartnäckige Fälle standen. Wieso er seine Finger und Zehen noch hatte, wieso er nicht beschnitten oder ihm Knochen gebrochen wurden. Vielleicht rührte es auch daher, dass tief in Feris Mitleid verwurzelt war, das er nicht hatte herausreißen können.
      Außerdem wurde nun deutlich, dass Zoras praktisch nichts von dem wusste, was in Theriss seit seiner Gefangennahme abgelaufen war. Er wusste nicht, dass es einen mehrere Jahre langen Vertrag gab und dass auf die Rückkehr von einem von ihnen gewartet wurde. Er wusste nicht, wie zerrüttet das Land durch diesen Aufstand geworden war oder dass seine Familie zu Abtrünnigen geworden waren. Wenn er jetzt noch erfuhr, dass seine Familie einfach ausradiert worden war, dann wäre dies ein weiterer, herber Rückschlag.
      Zoras war nicht befreit worden. Er war lediglich gehen gelassen, weil sich der Disput nicht legen würde, solange er in den Kerkern vor sich in siechte. Nein, Zoras war freie Hand gelassen worden und das zu einem Grad, den selbst Kassandra irritierte. Ohne Umschweife hätte er zurück nach Hause kehren können… aber da sie selbst gesehen hatte, was aus dem ehemaligen Herzog geworden war, hätte es nie eine Realität gegeben, in der er wahrlich zurück nach Hause gegangen wäre. Nicht so, wenn er sein altes Ich in dem Kerker zum Sterben zurückgelassen hatte.
      Am Ende der Ausführung war Kassandra noch etwas klar geworden: Sie könnte nach Theriss zurückkehren und das Urteil sprechen, auf das sie alle warteten. Sie könnte klären, was geschehen war und wie es weitergehen würde. Sie war in der Lage, das Land wieder in die rechte Bahn zu bringen, jedoch…
      Wollte Kassandra dies gar nicht. Sie wollte keinen Frieden bringen oder ein Land wieder in seiner Stabilität bekräftigen.
      Die Hälfte der Frist war bereits verstrichen. Vergangen, ohne dass einer von ihnen davon auch nur etwas hätte ahnen können. Doch jetzt, mit diesem Mann vor Kassandras Füßen, tauchte eine neue Route auf, die sie bestreiten konnten. Dionysus hatte mit diesem Schachzug vorgehabt, Zoras völlig zu zerbrechen. Was er nicht hatte ahnen können war der Fakt, dass er ihnen geradewegs in die Karten gespielt hatte. Dummer, dummer Weingott.
      „Welch ein Schock es für dich sein muss, festzustellen, dass sowohl Zoras als auch ich noch auf der Erde wandeln, hm?“, schnurrte Kassandra regelrecht und das spitze Lächeln, das sie zeigte, war versteckt mit Gift benetzt. „Aber wenn das so ist, brauchst du das hier ja nicht mehr.“
      Sie streckte ihre Hand nach Velius aus und packte ihn am Handgelenk. Wieder leuchtete es hell auf, als Kassandra das schwarze Mal auf seiner Haut verwischte und rosafarbene Haut darunter zum Vorschein kam.
      Seit Asvoß hatten Zoras und Kassandra darüber beratschlagt, wie sie den Plan in die Tat umsetzen konnten, die Götter von der Erde zu tilgen. Als absolute Ausnahme wären sie wie Tyrannen über die Ländereien hereingebrochen und hätten Tod und Verdammnis gebracht. Durch die lächerliche Prophezeiung aus Kuluar hatte sich ein neuer Weg aufgetan und während sie noch dabei waren, ihren Sitz zu etablieren, bahnte sich bereits das nächste Herrschaftsgebiet an. Dank Telandirs Erscheinen war Theriss, das nie Bindungen zu Göttern hatte, in seinen Grundfesten erschüttert worden und war nun empfänglich für eben jene. Kassandra würde Zoras wieder nach Theriss führen, in sein Heimatland, wo er dieses Mal ohne Aufstände die Gunst der Leute für sich hatte als derjenige, der von den Göttern verschont worden war. Dem konnte sich nicht einmal Feris widersetzen, wenn das Land wählte. Und wenn sie Zoras wählten, dann besaßen sie schon zwei Stützpunkte, von denen aus sie agieren konnten.
      Als Kassandra die Zelle verließ und ihre Magieblase fallen ließ, war die Wut vorerst verflogen. Es änderte nicht daran, was dieser Mensch Zoras angetan hatte, aber seine Worte entsprachen der Wahrheit. Er hatte es nicht für sich oder aus Überzeugung getan, sondern weil er es gemusst hatte. Das rettete Velius davor, Kassandras Flammen zum Opfer zu fallen.
      Alsyr blieb als Wache zurück, während die Phönixin in einem neuen Hoch die Treppenstufe hoch in den Palast nahm. Sie würde sich bei Zoras einquartieren bis er erwachen würde, um ihm die Neuigkeiten zu erzählen. Dass er in seine Heimat zurückgehen konnte und dort den zweiten Stützpunkt errichten können würde. Dass er mit Sicherheit auch seinen Bruder, seine Schwägerin und seinen Neffen wiedersehen würde. Dass sich endlich der Kreis wieder schließen würde und sie damit beginnen konnten, ihren Plan in Angriff zu nehmen.
      Damit war das Bisschen Ärger hier in Kuluar plötzlich viel weniger schwer. Jetzt war auch Kassandra zuversichtlich, dass sie es zu ihren Gunsten wandeln könnten.
    • Beim Erwachen wurde Zoras bereits von Kassandra erwartet. Er hatte tief geschlafen, trotzdem fühlte er sich noch immer ausgelaugt und nicht ganz eins mit sich selbst, als würden die Schatten selbst auf ihn lauern. Er wusste, dass das Gefühl nur daher rührte, dass ein gewisser Therisser in den Katakomben dieses Palastes saß, aber das machte es nicht besser.
      Dann erzählte Kassandra Zoras, was sie von eben jenem erfahren hatte, und für viele Sekunden fühlte Zoras gar nichts, während er versuchte, die gewaltigen Neuigkeiten zu verarbeiten. Der Aufstand hatte noch immer nicht aufgehört, war aber auch lange kein bloßer Aufstand mehr. Feris war noch immer an der Macht, aber wenn man bedachte, was für einen Ruf seine Verträge in den letzten Jahren bekommen hatten, schien er das Land unter Kontrolle zu haben - so gut es in dieser Situation eben ging. Nun brauchten sie nur zurückgehen und beenden, was sie damals begonnen hatten, ohne weiteres Blutvergießen. Zoras würde letzten Endes doch noch König von Theriss werden - verspätet und über etliche Umwege, aber er würde die Herrschaft angehen. Ob er das wollte?
      Zoras rieb sich mit unversehrten Händen über die Augen und starrte dann auf seine freigelegten Arme hinab. Gestern war er noch bereit gewesen, den Titel in Kuluar hinzuwerfen und auch jetzt war er noch nicht zu seiner anfänglichen Stärke zurückgekehrt. Es grauste ihm bereits davor, die nächsten Sticheleien von Dionysus zu ertragen und weiter auf dem Thema herum zu reiten, ob er das nun wollte oder nicht. Er fühlte sich nicht bereit dazu. Er war müde und erschöpft und wollte in diesem Kampf nicht mehr weitermachen.
      Aber wenn er zurück nachhause ging...
      Theriss besaß nichts von Wert, wenn er es sich richtig vorstellte. Theriss war ein zerrüttetes Land, das von einem zweijährigen Aufstand und einem Einfall von außen zerlegt worden war, nur um sich durch die Hilfe seiner Verträge wieder einigermaßen aufzurichten. Wenn er zurück nach Theriss ging, wenn er Kuluar endgültig hinter sich ließe, dann hätte er dort kaum genug Macht, um irgendetwas zu planen. Benachbarte Länder würden ihn auslachen, wenn er versuchen würde, sie zu einem Kampf gegen Champions zu überreden, oder ihnen sogar ihre jetzigen Champions abknüpfen zu wollen. Und solange er nicht wusste, wie es um Theriss wirtschaftlich stand, konnte er auch nicht davon ausgehen, dass es in den nächsten Jahren besser werden würde.
      Und dann? Wie lange wollte Zoras noch warten? Wie lange konnte er noch warten? Zoras war ein Mann Anfang 40, der nicht erwarten durfte, allzu lange durchzuhalten, wenn es um einen Kampf gegen Champions ging. Kassandra bewahrte ihn zwar vor Krankheiten und lebensbedrohlichen Verletzungen, aber Altersschwäche konnte sie auch nicht aufhalten. Konnte Zoras es sich also leisten, die nächsten Jahre mit dem Versuch zu verbringen, sein altes Heimatland wieder aufzubauen, was sich nicht garantieren ließ?
      Die Antwort war fast schon so offensichtlich, dass er seufzte.
      "Theriss also. Wir werden Theriss erobern."
      Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
      "Weil es ja sonst hier so langweilig zugeht."

      Bevor sie sich aber an den Plan setzen konnten, wie sie zeitgleich Theriss erobern und ihre Stellung in Kuluar halten konnten, musste noch eine andere Sache erledigt werden: Der Schatten, der zwar körperlich weit entfernt herumlungerte, aber geistig mitten in Zoras' Verstand hauste. Velius, der den Tag im Kerker fristete, darauf wartend, dass sich irgendetwas tun würde.
      Zoras ließ ihn auch den ganzen Tag warten, denn er hatte einen viel zu strikten Zeitplan und traute es sich nicht selbst zu, sich "mal eben" darum kümmern zu können und danach wieder einsatzfähig zu sein. Es brauchte eine sehr große Überwindung, sich mit der bevorstehenden Konfrontation auseinanderzusetzen, auch nur daran zu denken, dass er dort hinab gehen und mit dem Mann sprechen würde, der ihn besser hätte umbringen sollen. Zwar half es, dabei wenigstens über Theriss im Bilde zu sein, aber den ganzen Rest, den musste Zoras schon auch so schaffen.
      Deswegen griff er an diesem Abend zu einem Weinkelch und das nicht wenig, während er sich auf das bevorstehende Gespräch vorzubereiten versuchte. Kassandra war bei ihm, sie würde auch bei ihm bleiben; er hielt es für unausweichlich, dass die Phönixin mit in den Kerker kam. Andernfalls würde er sich nicht einmal in seine Nähe begeben, so erbärmlich das auch sein mochte.
      "Was würdest du an meiner Stelle tun, wenn er einer von deinen..."
      Er suchte nach den richtigen Worten. Kassandra musste in ihrem langen Leben auf der Erde mehr Kerkermeister begegnet sein, als er sich vorstellen konnte. Und nicht nur das, sicher musste sie nicht erst im Kerker gelandet sein, um ähnliche Erlebnisse zu haben wie seins.
      "... Wenn du an meiner Stelle wärst? Was soll ich mit ihm tun?"
    • Kassandra brauchte Zoras‘ Aura nicht nähernd zu untersuchen um zu wissen, dass er nicht so enthusiastisch gegenüber der Idee eingestellt war, nach Theriss zurückzukehren. Sicher, es bedeutete, noch mehr Trümmer aufzuheben und zu versuchen, sie wieder in ihre ursprüngliche Gestalt zurückzubringen. Aber es war immerhin sein Ursprung, seine Wurzeln. Kassandra würde ihm nicht dazu raten, dort seinen dauerhaften Sitz einzurichten, aber er musste zumindest einmal zurückkehren, um die Scherben aufzusammeln, die er dort hinterlassen hatte, als er brach.
      Den Tag über war die Phönixin nicht von Zoras‘ Seite gewichen. Sie hatte ihn durch die Gänge begleitet, ihn bei Ausarbeitungen von Schriften beraten und den Rat auf Abstand gehalten. Bis sie am Abend wieder kurzzeitig in seinem Gemach eingekehrt waren, um ungestört zu reden. Vor der Tür hatten sich zwei Gardisten und Zavion postiert, der eingesehen hatte, dass Alsyr unten an der Zelle als Wache ausreichte.
      Bei den ersten beiden Weinkelchen sagte Kassandra noch nichts, als Zoras jedoch sich den dritten genehmigen wollte, bedeutete sie ihm mit einem Handzeichen, es doch zu unterlassen.
      „Zunächst einmal würde ich eher versuchen, einen klaren Kopf zu behalten und mich nicht mit Wein zu benebeln“, meinte sie und streckte sich, um dem Eviad den Weinkelch aus den Händen zu winden und ihn beiseite stellen zu können. „Es ist schwierig zu vergleichen, wie du als Sterblicher und ich als Göttin mit Peinigern umzugehen haben. Ich für meinen Teil wusste immer, dass die Zeit mir in die Karten spielt. Meistens habe ich mich schlicht daran erinnert, dass diese Menschen schneller ihr Leben verlieren, als ein Windstoß die Samen von Löwenzahnblumen verstreuen.“
      Deshalb wog das Vergehen, welches Telandir an ihr verübt hatte, so schwer. Es war ein anderer Gott, der ihr Schaden zugefügt hatte, der sie missbraucht und verstört hatte. Seine Nachwirkungen waren sichtbar auf Zoras‘ Brust und wanderten im himmlischen Reich als eine hübsche, junge Phönixin umher. Dass Telandir damals ein Abbild Zoras‘ genutzt hatte, um sie einbrechen zu lassen, hatte sie ihm bis heute nicht verziehen. Da half es nicht, dass sie ihn am Ende eigenhändig getötet hatte.
      „An deiner Stelle würde ich ihn nicht exekutieren lassen. Ich denke nicht, dass es dir die gewünschte Erlösung gibt, und so sehr du oder ich uns nach Vergeltung sehnen, es würde die Schatten in dir nicht vertreiben, wenn er stirbt. Im Saal war sehr deutlich erkennbar, dass der Mann eine Menschlichkeit in deinen Augen gewann, als er weinte und um seine Familie sehnte. Du hast ihn als ein Monster in deiner Erinnerung charakterisiert und das ist nicht verwerflich. Jetzt hast du den Hintergrund zu seinen Taten und meinen Beweis, dass er in der Tat versucht hat, möglichst wenig Schaden anzurichten. Sieh deinen eigenen Körper an. Hast du dich nie gewundert, warum dir keine Glieder fehlen? Das ist untypisch. Selbst mir wurden zum Beispiel täglich die Knöchel zertrümmert, weil sie bis zum nächsten Tag wieder verheilt waren.“
      Sie zuckte mit den Schultern. Sie erachtete es für klüger, Zoras nichts zu sagen, dass sie viele der Peiniger im Laufe der Zeit getötet hatte, wobei sie nur Gleiches mit Gleichem vergolten hatte. Menschen hielten eben nicht dem stand, was man ihr angetan hatte.
      „Ihn einfach gehen zu lassen, ohne vorher mit ihm gesprochen zu haben, wäre wie das Phantom deiner Vergangenheit ziehen zu lassen. Es wäre immer noch irgendwo da draußen und könnte an der nächsten Ecke auf dich warten. Deswegen musst du zu ihm gehen und ihn konfrontieren, selbst wenn es dir Schmerz zufügt. Du bist frei und hast alle Macht, die es nur geben kann. Du kannst ihn alles fragen, du könntest ihm sogar alles antun, was er mit dir getan hat. Aber ich denke, dass das nicht viel bewirken wird. Du bist nicht so rachsüchtig, wenn es um diese Belange geht.“
    • Nur sehr widerwillig ließ Zoras sich Dionysus' Wein entnehmen, denn es war das einzige, was ihn gerade an Kuluar festhalten ließ. Alles, was ihm ohne übrig blieb, war ein Gefühl dunkler Vorahnung und das Pochen von Telandirs Narbe, als müsse er sich auf bevorstehenden Schmerz vorbereiten. Er kam sich schwach vor, ein alter, schwacher Mann, der in seine letzte Schlacht ritt, die alles andere als glorreich werden würde. Dabei wäre es ihm lieber gewesen, wirklich ein Schwert schwingen zu müssen, anstatt das hier zu tun.
      Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
      „Es ist schwierig zu vergleichen, wie du als Sterblicher und ich als Göttin mit Peinigern umzugehen haben. Ich für meinen Teil wusste immer, dass die Zeit mir in die Karten spielt. Meistens habe ich mich schlicht daran erinnert, dass diese Menschen schneller ihr Leben verlieren, als ein Windstoß die Samen von Löwenzahnblumen verstreuen.“
      Das war eine höchst eigensinnige Sichtweise auf Menschenleben, aber für die Göttin vermutlich nachvollziehbar. Auch Zoras könnte darauf warten, dass die Zeit ihr übrigstes tat und Velius in seiner Zelle verrotten ließ, aber das schien ihm nicht angemessen. Es würde sich anfühlen, als hätte der Mann sich irgendwie doch noch herausgewunden.
      "An deiner Stelle würde ich ihn nicht exekutieren lassen. Ich denke nicht, dass es dir die gewünschte Erlösung gibt, und so sehr du oder ich uns nach Vergeltung sehnen, es würde die Schatten in dir nicht vertreiben, wenn er stirbt."
      Zoras mochte gar nicht zugeben, dass das die einzige Idee gewesen war, wie er mit Velius fertigwerden sollte. Was sonst sollte genug Vergeltung bringen, um ihn von seinen Albträumen zu erlösen? Was sonst, wenn nicht Velius' Lebenslicht in seinen Augen erlischen zu sehen?
      "Sieh deinen eigenen Körper an. Hast du dich nie gewundert, warum dir keine Glieder fehlen? Das ist untypisch. Selbst mir wurden zum Beispiel täglich die Knöchel zertrümmert, weil sie bis zum nächsten Tag wieder verheilt waren."
      Das war etwas neues. Zoras stutzte und betrachtete Kassandra dann mit einer gewissen Besorgnis. Man hatte ihr die Knöchel zertrümmert, weil sie bis zum nächsten Tag wieder verheilt waren? War das alles gewesen, der ganze Grund? Er hatte zwar schon gewusst, dass Kassandra durch viele unliebsame Träger gewandert war, aber doch hatte er immer versucht, es nicht ganz so schlimm zu sehen. Das wurde hiermit aufgehoben, als er sich vorstellen musste, wie ihre Knöchel wieder und wieder zerstört wurden. Unweigerlich sprang sein Blick zu ihnen hinab, als könnte er jetzt noch Anzeichen davon erkennen.
      "Deswegen musst du zu ihm gehen und ihn konfrontieren, selbst wenn es dir Schmerz zufügt. Du bist frei und hast alle Macht, die es nur geben kann. Du kannst ihn alles fragen, du könntest ihm sogar alles antun, was er mit dir getan hat. Aber ich denke, dass das nicht viel bewirken wird. Du bist nicht so rachsüchtig, wenn es um diese Belange geht."
      Noch einmal rieb sich Zoras über das Gesicht und versuchte, sich irgendwie positiv damit auseinanderzusetzen. Er hatte jetzt die Gelegenheit, sich bei Velius zu rächen, ja. Er sollte ihn aber nicht umbringen. Er sollte nur... nur reden.
      Das tiefsitzende, mulmige Gefühl von Hilflosigkeit stieg wieder in ihm auf und am liebsten hätte er alles abgebrochen und den Mann einfach noch ein paar Tage länger im Kerker versauern lassen. Vielleicht hatte er ja Glück und er würde sterben wie schon Lyadir. Aber auf derselben Seite wusste er, dass ihn das auf Dauer nur viel mehr zermürben würde als das einzelne Gespräch und er musste ein bisschen seiner Kraft auch für den Rat aufsparen.
      Deswegen holte er tief Luft und nickte schließlich.
      "Konfrontieren, okay. Lass uns ihn konfrontieren."
      Am liebsten hätte er noch einmal einen Schluck getrunken, aber Kassandra ließ ihn nicht. Da stand er auch so auf, strich seine Gewänder glatt und setzte sich in Bewegung.

      Kassandra und Zavion begleiteten ihn, zusätzlich einige Wachen mehr als üblich. Zoras wollte es teilweise für das Schutzgefühl und teilweise für das kindliche Verlangen, Velius zu zeigen, wie weit er es bisher geschafft hatte, trotz seines Einwirkens. Sieh nur, wer ich geworden bin - der, der damals auf deinem Stuhl geweint und geschrien hat. Dabei war ihm selbst bewusst, wie ungesund diese Fixierung war und wie er sich nur selbst weiter damit auffraß. Er konnte es nur einfach nicht verhindern.
      Zoras war noch nie im Kerker von Kuluar gewesen, wusste aber gleich, dass ein Kerker sich nicht viel mehr vom anderen unterscheiden konnte. Auch hier ging es nach unten, auch hier wurde es steinig und kühl und die Geräusche von gequälten und gefangenen Seelen drangen bereits zu ihnen durch. Altertümliche Fackeln erleuchteten ihnen den Weg und vor jeder Tür gab es ein Wachenpaar, das vor dem Eviad und der Phönixin streng salutierte und ungefragt die Türen öffnete. Mit jedem weiteren Meter, den sie hinter sich legten, fühlte sich Zoras unbehaglicher, so als könnte er sich umdrehen und feststellen, dass alle Türen mit einem Mal verschlossen waren. Es machte ihn nervös und er versuchte sich, so viel in Kassandras Wärme zu hüllen, wie ihm nur möglich war.
      Dann kamen sie bei den Zellen an und er sah ihn.
      Velius war die Fesseln losgeworden und schritt gerade in seiner Zelle auf und ab, als sie sich von weitem näherten. Er starrte dabei den Boden vor sich an, setzte einen Fuß sehr präzise direkt vor den anderen und murmelte dabei vor sich hin. Nach einem Moment nur ging Zoras auf, dass der Mann seine Schritte zählte.
      Als er die vereinigten Schritte hörte, blieb er aber stehen und sah auf. Sein Blick wanderte über die anmarschierende Mannschaft, dann blieb er auf Zoras hängen.
      Blaue Augen, die sich über ihn beugten. Blaue Augen, begleitet von einer Stimme: Wo ist Kassandra?
      Obwohl Zoras jetzt wusste, welchen Zweck das alles erfüllt hatte, konnte er doch nicht verhindern, wie kalt es ihm bei diesen Augen über den Rücken lief oder dass er unmittelbar das Gefühl bekam, er selbst sei in der Zelle und nicht Velius. Der Mann war nur stehengeblieben und schaute nur, aber irgendwie kam es Zoras doch so vor, als wäre seine Präsenz stark genug, um ihn einzuschüchtern. Ihn, der in seine hoheitlichen Gewänder gekleidet war, der sauber, rasiert und gewaschen war, ihn, gegenüber dem Mann, der in seinen Lumpen dort stand und dem noch immer der Dreck im Gesicht klebte, der nach Urin stank und der sich leicht duckte, als würde er sich vor der Ankunft der Truppe fürchten. Das war ohne Zweifel die Macht, die Velius über Zoras ausübte und die er nicht so schnell loswerden konnte. Die ausschlaggebend dafür war, was er von dieser Konfrontation fühlte.
      Zoras wäre am liebsten sofort wieder umgedreht und wäre gegangen. Allein schon, um herauszufinden, ob er diesen Kerker wirklich noch verlassen konnte.
      Stattdessen blieben sie alle vor der Zelle stehen. Die Geräusche ihrer Ankunft verstummten und Velius betrachtete sie für einen Moment unentschlossen, dann verneigte er sich.
      "Eure Hoheit. Kassandra."
      Zoras presste die Lippen ein Stück aufeinander. So hatte er sich das erste Gespräch nicht vorgestellt.
      "Hör auf damit. Bist du einer von jenen, die mich als den von den Göttern Auserwählten betrachten, oder bist du auf der Seite der Krone?"
      Velius richtete sich auf und sah ihn direkt an. Für einen kurzen Moment durchzuckte Zoras ein Stich der Angst; ob der Mann wusste, welche Macht er über ihn hatte? Ob er erkennen konnte, dass Zoras ihn nicht gerne ansah - oder sich nicht gerne von ihm ansehen lassen wollte?
      Velius antwortete aber neutral.
      "Ich bin dem Palast dienlich und wem auch immer darin herrschen mag."
      "Das beantwortet nicht meine Frage. Götter? Oder Krone?"
      Der andere schwieg für einen Augenblick, betrachtete Zoras. Vermutlich versuchte er abzuwägen, welche Antwort ihn länger am Leben erhalten würde.
      Dann, mit einem kurzen Blick auf Kassandra:
      "Der Phönix hat gesprochen und ich zweifle sein Urteil nicht an. Das ist alles, was ich dazu sagen kann."
      Zoras sah jetzt auch zu Kassandra.
      "Spricht er die Wahrheit?"
      Und das tat er, auch wenn Zoras mit großer Schadenfreude darauf gehofft hätte, dass er es nicht tat, dass er nur irgendetwas tat, was Zoras die Ausrede geben könnte, ihn aus seiner Zelle zu schleifen und ihm anzutun, was er Zoras angetan hatte. Kassandra hatte zwar recht damit gehabt, dass Zoras kein rachsüchtiger Mann in dieser Hinsicht war, aber der ganze Kerker, der düstere Gang, die Geräusche und die Gerüche taten etwas mit ihm. Es war wirklich, als wäre er selbst wieder dort unten und damals hätte er sich wohl in voller Länge an Velius gerächt.
      Finster sah er wieder zu Velius.
      "Du hast mir unaussprechliche Dinge angetan, die ich nicht vergessen und vergeben kann. Du hast mir das Leben zur Hölle gemacht. Alles wäre besser gewesen als du. Ich habe dein Gesicht im Schlaf gesehen, noch Monate, nachdem ich gegangen bin. Ich habe dich noch auf meiner Haut gespürt."
      Ausnahmsweise konnte er frei reden; die Anwesenden sprachen kein therissisch und Velius war ein toter Mann. Was auch immer Zoras hier sagte, würde den Kerker nicht verlassen.
      "Bereust du, was du getan hast?"
      Velius betrachtete ihn, nicht ohne eine gewisse Unsicherheit, wie Zoras herauszulesen hoffte. Dann straffte er sich für das, was er gleich sagen würde.
      "Nein. Ich habe in dieser Sache und auch in allen anderen keine eigenen Entscheidungen getroffen. Ich habe Befehle ausgeübt und das werde ich nicht bereuen. Mein Beruf bringt mit einher, dass viele Unglückliche, die mir begegnen, diese Begegnung nicht vergessen können. Das ist normal und nichts verwerfliches. Doch ich würde niemals bereuen, Befehle ausgeführt zu haben."
      Zoras starrte ihn an; und wurde mit einem Mal von einer solch grenzenlosen Wut erfasst, dass er davon erzitterte. Befehle ausführen; Befehle ausführen?! War etwa Feris, der kleine, dumme Feris, heruntergekommen, hatte Velius beiseite gezogen und ihm gesagt, welche Instrumente er heute zu benutzen hatte? Welche Schnitte er zu vollziehen hatte? Welche Wunden er Zoras zufügen sollte? Wie lange er ihn zu behandeln hatte? Von wegen Befehle - Velius hatte einen einzigen bekommen und es nicht für nötig empfunden, ihn auf andere Weise auszuführen. Auf eine Weise, bei der Zoras nicht den Verstand verlieren musste.
      Mit einem Knurren machte Zoras eine ruppige Handbewegung. "Sperrt die Tür auf." Und sofort war eine der Wachen zugegen, um den Schlüssel ins Schloss zu schieben. Velius wich einen Schritt zurück, als die Tür aufsprang, so als könnte er ahnen, was gleich geschehen würde. Dabei lag er auch sehr richtig, denn Zoras kam sofort herein gerauscht und hielt ohne Umschweife auf den Mann zu. Er musste gar nicht erst Schwung holen, er erachtete seine Kraft als ausreichend genug, als er Velius die geballte Faust mitten ins Gesicht donnerte. Und es fühlte sich gut an, das ferne Brechen der Nase, der scharfe Schmerz in seinen Knöcheln, der sich kurz darauf zu seinem Handgelenk ausbreitete. Das war ein guter Schmerz und er genoss ihn in vollsten Zügen, als Velius das Gleichgewicht verlor und nach hinten fiel.
    • Im Gegensatz zu Zoras beschritt Kassandra den Weg zum Kerker beinahe in gewohnter Manier. Sie brauchte niemanden, der ihr den Weg zeigte, sondern führte Zoras und den Trupp der Wachen in völliger Ruhe die Treppen nach unten, wo das Licht nur noch spärlich und meist von Fackeln stammte. Die Temperatur fiel um ein paar Grad und sorgte dafür, dass sich einige Leute hier unten wohler fühlten als draußen in der prallen kuluarischen Sonne. Die Geräusche im dunklen Teil des Traktes stammten von allerlei Insassen, die die Phönixin jedoch unberührt ließen. Mit jedem Meter schien sich Zoras noch näher an Kassandra zu halten, die ihn unwissentlich in ihre Aura tauchte und seinen Anker bildete.
      Alsyr stand wie immer neben der Tür zu Velius‘ Zelle. Sie hatte sich an die steinerne Wand gelehnt, die Arme verschränkt, und beide Seiten des Ganges im Blick. Als sie ihre Göttin erspähte, neigte sie ehrfurchtsvoll den Kopf und ließ die Arme lang hängen. Sie schwieg, weil sich heute der Eviad in der Gegenwart ihrer Göttin befand und Kassandra ihr befohlen hatte, nur auf Ansprache ihrerseits zu reagieren, wenn Zoras sie begleitete.
      Bei ihrem Eintreffen ging Velius immer in einer gleichbleibenden Linie in seiner Zelle umher. Auf Kassandras Geheiß hin hatte man ihm die Fesseln abgenommen; in ihren Augen bestand keine Gefahr von dem Mann, der nur seinen Job erledigt hatte und nicht einmal wusste, zu welchem Zweck er entführt worden war. Eine Prise Mitleid regte sich in der Göttin bei dem Anblick des Kerkermeisters. Er suchte sich eine Beschäftigung, um nicht durchzudrehen.
      Kassandra stand leicht versetzt hinter Zoras. Der Sinn dahinter war, dass er nicht auf dem Absatz kehrt machte und doch noch die Flucht ergriff. Außerdem ging es hier nicht um sie – sie war lediglich sein Fels in der Brandung. Trotzdem hielt Velius inne und richtete seinen Blick als Erstes auf sie anstelle des Eviads. Er machte jedoch nicht den Fehler, sie auch als Erstes anzusprechen. Stattdessen erwiderte Zoras die förmliche Ansprache mit einem ungewohnt scharfen Unterton. Ihn so auf therissisch mit einem Landsmann zu hören, lag schon Ewigkeiten zurück. Ohne eines Blickes nötig spürte Kassandra Zoras‘ Unsicherheit, seine Angst. Die Sorge, dass der Gefangene vor ihm wie Kassandra sein Innerstes lesen konnte. Einfach nur, weil der Mann Abgründe aufgedeckt hatte, die sonst keiner kannte. So gern Kassandra Zoras auch versichert hätte, dass Velius dessen nicht mächtig war; Der Mann war viel zu gut in seinem Job, als dass er nicht die Spannung in der Stimme gehört und die Härte im Gesicht bemerkt hätte. Auch ohne Aurensicht wusste Velius, wie sich seine Opfer fühlten und das galt selbst für befreite Opfer.
      „Ich bin dem Palast dienlich und wem auch immer darin herrschen mag.“
      „Das beantwortet nicht meine Frage. Götter? Oder Krone?“
      Kassandras Miene blieb ausdruckslos. Das war eine Frage, die wenig brachte, außer vielleicht etwas Seelenheil für den Eviad. Es war leicht, den Dienst der Krone zu verunglimpflichen, wenn es um das eigene Leben ging und man sich einer Göttin und einem Herrscher gegenübersah. Üblicherweise gab es auch keinen Weg, diese Aussage zu überprüfen, aber als Velius Blick zu Kassandra glitt, war ihnen beiden bewusst, dass es von ihr abhing, wie sich diese Fragerei entwickelte. Als er antwortete, überlegte Kassandra einen Augenblick, Zoras nicht zu bestätigen, dass es die Wahrheit war, die er sprach. Sie wusste, dass er auf eine Lüge hoffte, um seiner Rachsucht doch nachzukommen. Und allein deswegen, weil sie eben nicht dafür plädierte, dass er der Rache frönte, bestätigte sie die Worte als Wahrheit. „Ja, er spricht die Wahrheit. Wie zu jedem anderen Zeitpunkt in diesem Augenblick.“
      Sie verfiel wieder in Schweigen, als Zoras nahtlos fortfuhr und sich offensichtlich in der Tatsache beschützt sah, dass außer drei Personen hier niemand therissisch verstand. Sollte er sich ruhig in dem Glauben retten, dass eine andere Sprache ihn schützte. Die Modulation verriet auch so seine Gefühlslage, die Zavion zweifellos richtig einschätzte, als er die Augenbrauen zusammenzog.
      „Bereust du, was du getan hast?“
      Ungesehen von Zoras schloss Kassandra kurz die Augen. Das war eine Frage, die natürlich gestellt werden musste, doch genauso klar war die Antwort auf die Frage. In dieser Hinsicht teilte Kassandra Velius‘ Einstellung. In seiner Lage waren es Aufträge gewesen, die er von der Krone her zu erfüllen hatte. Er war kein sonderlicher Sadist – das hatte Kassandra sogleich erspüren können. Aber jemand musste die Arbeit verrichten und in dieser Hinsicht war Velius sogar ein kompetenter Kerkermeister gewesen, so ungern Kassandra dies auch zugeben mochte. Natürlich würde er seine Taten nicht bereuen. Er hatte sie sich schließlich nicht so ausgesucht. Genau diese Antwort kam dann auch und Kassandra spürte, wie eine Stichflamme in Zoras‘ Aura aufloderte. Das, was sie am liebsten hätte unterbinden wollen, trat nun in Kraft.
      „Sperrt die Tür auf.“
      Kassandra stand wie ein Fels in der Brandung, als die Wachen gehorchten, Velius weichte und Zoras rauschte. Es dauerte nur Sekunden, da hatte der Eviad dem Gefangenen seine Faust ins Gesicht gedonnert und ihn zu Boden geschickt. Der Schmerz, der in beiden Parteien aufflammte, war für Kassandra nicht zu übersehen. Zoras‘ Faust stach und kribbelte, aber es begleitete ihn von einer urtümlichen Selbstzufriedenheit. Velius hingegen litt echten Schmerz, als das Blut aus seiner Nase spritzte und er sich auf den Bauch rollte, um sich nicht am Blut zu verschlucken. Der Phönixin fiel auf, dass Velius etwas wie Frust verspürte. Er fühlte sich ungerecht behandelt, eine Bestätigung dafür, dass er wirklich nur Befehle ausgeübt hatte und es nicht als fair ansah, jetzt so bestraft zu werden.
      „Sagte ich nicht, du seist nicht so rachsüchtig?“, strafte Kassandra den Eviad mit ruhigen Worten, als ihre Aura sich an ihm vorbei zu Velius schlängelte und ihn einhüllte. Sie stoppte seine Blutung, nahm ihm den Schmerz und ließ die Knochen wieder ihre angestammte Position einnehmen. Zoras jedoch ließ sie unberührt. Er hatte deutlich gemacht, dass er den Schmerz wollte und den würde sie ihn nun nicht nehmen. Er wollte seinen niederen Begierden nachgeben? Dann bekam er auch das volle Programm.
      „Solltest du auf die abstruse Idee kommen, dass ich ihn immer wieder heile, damit du ihm neuen Schmerz zufügen kannst, muss ich dich leider enttäuschen.“ Sie nahm ihm direkt den Wind aus den Segeln, bevor er auf aberwitzige Ideen kam. Abwehrend verschränkte sie die Arme vor der Brust und musterte Zoras. „Konfrontieren bedeutet nicht, ihn deinen Schmerz spüren zu lassen, Zoras. Das weißt du besser.“
    • Zoras wurde von einem einfachen, gar primitiven Triumphgefühl gepackt, als er den schmächtigen Leib zu Boden fallen sah und die unterdrückten Schmerzenslaute hörte, die Velius zu verbergen versuchte. Es brannte wie Glut in seinen Adern und befeuerte den Rausch, der ihn bereits mit dem Aufprall seiner Faust in dessen Gesicht gepackt hatte. Das hier war richtig und das hier war gut und Velius hatte es verdient, dass Zoras ihn so schlug, sogar fest genug, dass er dabei das Gleichgewicht verlor. Er hatte jeden einzelnen Tropfen Blut verdient, der ihm aus der Nase quoll und den er auf den Boden spuckte, als er sich jetzt herum drehte, damit das Blut nicht in seinen Hals lief. Er hatte den Schmerz verdient, den er mit seinen leisen Geräuschen kund tat. Er hatte all das und noch viel mehr verdient.
      „Sagte ich nicht, du seist nicht so rachsüchtig?“, kam es da hinter ihm von der Phönixin, unendlich ruhig und in diesem Moment mindestens genauso sehr provozierend. Es war wie ein weitere Tropfen im bereits überlaufenden Fass für ihn; sein Zorn glühte jetzt auch in Kassandras Richtung, allein dafür, dass sie es wagte, ihn zu unterbrechen. Das, was er hier tat, war hundertmal - tausendmal! - leichter als alles, was Velius an nur einem Tag ihm angetan hatte. Und er war vier Monate bei ihm gewesen! Wenn es nach Zoras ginge, war das erst der Anfang ihrer Begegnung.
      Dann bemerkte er, wie sich an Velius etwas veränderte. Er erstarrte in seinen Bewegungen, in dem Winden und Zucken, das er dort vor Zoras' Füßen auf dem Boden veranstaltet hatte und seine Augen wurden groß. Dann holte er mit einem Mal schniefend Luft und nahm einige unregelmäßige Atemzüge, bevor er die vor das Gesicht gehaltenen Hände wegnahm. Seine Nase war wieder gerichtet, genauso gerade wie vorher, nur noch mit Blut besprenkelt. Er konnte auch scheins wieder atmen, was er auch schnell tat.
      Und Zoras ergriff für einen Augenblick der Gedanke, die Idee, der Lichtblitz, dass er hier eine ungeahnte Quelle aus Möglichkeiten angezapft hatte, eine unvorhergesehene Macht, die er über Velius ausüben konnte. Der Kerkermeister war damals in seinem Tun limitiert gewesen, eingeschränkt von Zoras' Körper und dessen Überlebensfähigkeit, aber Zoras war es nicht - er hatte Kassandra. Er könnte ihr auftragen, dass sie Velius gleich wieder heilte, dass sie seinen Körper gleich wieder instand brachte, während er sich das eigentlich Verletzliche an dem Mann vornahm: Seinen Verstand. Denn wie lange würde es wohl dauern, wie viele Stunden um Stunden um Stunden, in denen ihm der Frieden verwehrt waren, in denen er Schmerzen nach Schmerzen aushalten musste, weil sein Körper niemals nachgeben würde; wie viele von solchen Stunden würde es benötigen, bis Velius da war, wo Zoras nach Monaten gewesen war? Wie lange benötigte er, bis Velius vollkommen gebrochen wäre?
      Als hätte sie seine Gedanken gelesen, setzte Kassandra keine Sekunde darauf hinzu:
      „Solltest du auf die abstruse Idee kommen, dass ich ihn immer wieder heile, damit du ihm neuen Schmerz zufügen kannst, muss ich dich leider enttäuschen. Konfrontieren bedeutet nicht, ihn deinen Schmerz spüren zu lassen, Zoras. Das weißt du besser.“
      Und da war er doch wieder, der Zorn, der alles andere vertrieb, der sich gegen Velius richtete, gegen Kassandra und dann auch gegen Zoras, weil er mittendrin steckte, weil ihn die eine Hälfte seines Selbst dazu trieb, Velius auf jede erdenkliche Weise zu zerstören, und die andere Hälfte Kassandra uneingeschränkt gehorsam leistete, weil sie eine Göttin war und zudem auch noch seine Göttin, die in die Abgründe seines Selbst blicken und ihm sagen konnte, dass ihn dort nichts gutes erwartete. Gleichzeitig wollte er sich aber auch nichts von ihr sagen lassen, nicht in dieser Situation, die sein ganzes Leben prägte, und gleichzeitig glaubte er wirklich nicht, dass Velius' Schmerz ihn erlösen könnte. Aber was dann? Wenn es nicht Rache war, was war es dann?
      Zoras knirschte mit den Zähnen. Sein Kiefer malmte, während er auf den Mann hinab blickte, dem der Schock aufs Gesicht geschrieben stand. Obwohl er wieder atmen konnte, versuchte er nicht wieder aufzustehen, gab sich aber auch nicht die Mühe, vor Zoras wegzukriechen. Er lag einfach nur auf dem Boden und starrte die Steine an, ohne Zoras anzusehen, ohne Kassandra anzusehen. Zoras hielt es immernoch für unerträglich, dass dieser Mann wirklich einfach nur das sein sollte: Ein Mann, kein Ungeheuer, das ihn jede Nacht zu plagen drohte. Wie einfacher doch alles gewesen wäre, wenn er zugegeben hätte, Zoras aus reiner Selbstzufriedenheit gefoltert zu haben. Wie einfach es wäre, wenn er ihm vor die Füße spucken würde, wenn er nach ihm ausschlagen würde, wenn er ihn verfluchen würde, wenn er Zoras irgendeinen Grund dazu geben würde, dass er ihn verprügelte oder auspeitschte oder ihn von Kassandras Flammen verzehren lassen würde. Aber er tat nichts davon, er war einfach nur apathisch, wie er dort auf dem Boden lag, den Blick niedergeschlagen. Er machte sich nicht einmal die Mühe, noch einmal nach seiner Nase zu tasten.
      Zoras straffte sich. Er konnte das mittlerweile ganz gut, all den Ärger, all den Frust und die Emotionen vergraben und sich stattdessen in den Mantel des Eviads hüllen. Als Eviad konnte er das alles irgendwie an sich vorbeiziehen lassen.
      "Ich bin durstig. Jemand soll mir einen Kelch bringen."
      Eine Wache setzte sich sofort in Bewegung, aber auch Zoras blieb nicht. Er wandte sich von Velius ab, erblickte Kassandra hinter den Gitterstäben der Zelle - Kassandra, wie sie ihn in seiner Zelle besuchte, wie sie sich in vollkommener Finsternis zu ihm hinab beugte, ihr schönes Gesicht, strahlend trotz der Dunkelheit - und hielt auf sie zu. Er fürchtete, dass er eine Pause brauchte, und die würde er nicht im Kerker verbringen.

      Sie verzogen sich in einen Saal darüber, der edel ausgestattet und nicht in Benutzung war. Man brachte sowohl Kassandra als auch Zoras einen Kelch und goss ihnen Wasser ein. Zoras hätte viel lieber Dionysus’ Wein gehabt, aber er musste sich wohl damit abfinden, dass er an diesem Tag nicht annähernd alles bekommen konnte, was er wollte. Der Ärger saß ihm immernoch irgendwo tief in seinem Inneren, die Gereiztheit, die mit seiner Konfrontation einherging. Nur wegen Kassandra hatte er Velius nicht weiter verprügelt und nur wegen ihr drehte er ihm nicht auf der Stelle den Hals um oder versuchte sich selbst als Kerkermeister. Aber wenn überhaupt, trug dieser Umstand nur dazu bei, seinen Zorn noch weiter zu schüren. Erst war es Velius gewesen, der ihm all seiner Macht beraubte, und dann waren es die Grenzen, die ihm vorschrieben, wie weit er zu gehen hatte. Es fühlte sich an, als hätte er keine Macht mehr über sein Leben.
      Aber welches Leben eigentlich? Das des Herzogs, der im Kerker gestorben war, oder das des Eviads, der sich noch gar nicht richtig etabliert hatte - weder in Kuluar, noch in Zoras? Über welches Leben wollte er hier seine Macht ausüben?
      Finster nippte er an seinem Wasser und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die Wachen waren an der Tür zurückgeblieben, Kassandra war sogleich hoheitsvoll zu einem der Stühle marschiert und hatte sich gesetzt. Jetzt lag ihr roter Blick auf Zoras, aber sie machte sich keine Mühe, das Schweigen zu brechen, noch ihn mit seinem inneren Aufruhr zu besänftigen. Sie beobachtete nur, aber sie ließ ihn nicht alleine, sie setzte ihn nicht sich selbst aus. Er konnte ihre warme Präsenz noch immer in seinem gesamten Körper spüren, egal wie weit weg er von ihr weg war. Es kribbelte leicht und angenehm in seinen Knochen.
      Er hielt ihrem Blick eine lange Zeit stand, weil ihre Anwesenheit ihn nun doch zu ankern begann. Ihre unergründlichen Augen strotzten vor Göttlichkeit und Weisheit, ihre Haltung war gänzlich entspannt, als hätten sie sich zu einem gewöhnlichen Abendessen eingefunden. Das helle Licht des Saals flutete ihre Gesichtszüge auf eine ganz andere Weise, wie es die Fackeln des Kerkers zu tun vermocht hatten. Ihre Präsenz erfüllte auf ganz natürliche Weise den Raum, als hätte man die Wände eigens dafür hochgezogen, damit Kassandra eines Tages dort drin sitzen konnte. Ihre Wärme pulsierte leicht in Zoras’ Körper.
      Schließlich stieß er ein Seufzen aus, bei dem sich seine verkrampften Muskeln etwas lockerten, und ging dann zu ihr, um sich neben ihr niederzulassen. Den beinahe unberührten Kelch ließ er auf der Armlehne ruhen.
      Dann lauschte er der vollkommenen Stille des Saals, die sie zu verschlucken schien. Die Wachen gaben keinen Mucks von sich, rührten sich nicht einmal, und Kassandra war sowieso gänzlich geräuschlos. Wenn Zoras sich darauf konzentrierte, konnte er fast seinen eigenen Atem hören.
      Eine Weile lang saßen sie so in dieser vollkommenen Stille, dann hob er an:
      Ich fühle mich gänzlich machtlos. Wenn ich ihn sehe, dann… ist es so, als würde ich in die Vergangenheit blicken. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, das weiß ich, aber ich möchte sie nicht noch einmal erleben. Nur fühlt es sich dann so an, als würde sich alles wiederholen und ich könnte nichts anderes tun, als nur zuzusehen und es auszuhalten.
      Wie auf Kommando begannen seine Narben dabei zu jucken und zu pochen, als lägen seine Gewänder mit einem Schlag zu eng. Selbst seine Arme und Beine, die gänzlich von allen Narben geheilt waren, kribbelten unangenehm. Er zog einen Ärmel leicht zurück und starrte auf die geheilte, gesunde Haut darunter. Seine Haare wuchsen langsam wieder nach, aber sehr spärlich. Der Arm, auf den er starrte, hing zwar an seinem Körper, aber es war nicht sein eigener. Sein eigener Arm war von Narben überzogen und existierte nicht mehr.
      Schweigend starrte er auf die blanke Haut, dann drehte er die Hand und begutachtete Amartius’ Mal, ein Abbild, das sich schon längst in sein Gehirn gebrannt hatte, von den vielen Malen, die er es angestarrt hatte. Auch das sah er einige Sekunden lang an, während er an das Schwingenpaar dachte, das auf seinem Rücken prangte. Das Mal seines Schwurs.
      Dann sah er zu Kassandra auf.
      Würdest du mich verbrennen? Schenkst du mir eine Brandnarbe, die ich selbst wähle, die ich sehen kann? Eine Narbe, die in meiner eigenen Macht liegt?
    • Interessanterweise war es Alsyr, die scheinbar auf etwas an Kassandra reagierte, was niemandem sonst auffiel. Sie warf der Göttin immer wieder verstohlene Blicke zu, die Lider halb niedergeschlagen, und darauf bedacht, ihr nicht sonderlich nahe zu stehen. Denn niemand, außer vielleicht Zoras in unberührtem Zustand, achtete so sehr auf die kleinsten Nuancen der Phönixin wie ihre neue Anhängerin.
      Augenscheinlich unberührt stand Kassandra vor den Gittern der Zelle und war nicht einmal in die Tür getreten. Sie wirkte gelassen, wenn auch ein bisschen kühl, aber mitnichten geladen. Allerdings stieg ihr der Zorn, der ihr seitens Zoras entgegenwehte, nicht besonders gut auf. Es war ein Zorn, der gezielt auch gegen sie gerichtet war, weil sie die Muße besaß, ihn einschränken und lenken zu wollen. Rot glühend mit grauen Striemen dazwischen schlug seine Aura nach ihr aus, erreichte sie jedoch nie. Sie verpuffte noch bevor sie Kassandras Aura erreichen konnte, aber die Absicht dahinter genügte ihr bereits.
      Auf der anderen Seite sammelte sich ein blaugrünes Schimmern am Boden der Zelle. Wie Wasser lief es aus Velius heraus und bildete einen immensen Kontrast zu Zoras‘ Zorn. Der Mann bewegte sich nicht mehr, nicht, seitdem sie ihn auf schier magische Art und Weise geheilt hatte. Wie sollte er es auch begreifen, wenn sich sein Kontakt mit dem Göttlichen bislang noch nicht ergeben hatte? Er verstand diese Wunderheilung nicht, das warf sie ihm auch sicherlich nicht vor. Aber etwas in ihr hatte damit gerechnet, dass sich Velius zumindest wieder aufsetzen würde. Dass er ein Stück Stolz und Ehre zur Schau stellt und nicht, dass er einfach flach am Boden blieb und… abwartete. Einfach nur abwartete, dass der Moment vorüber war.
      „Ich bin durstig. Jemand soll mir einen Kelch bringen.“
      Jetzt zeigten sich Spannungen in Kassandras schönem Gesicht. Nicht, weil Zoras den Moment lösen und Abstand wollte, sondern eher den Tonfall, wie er es tat. Er verließ die Zelle und kam direkt auf sie zu, doch bevor er sie erreicht hatte, drehte sie sich von ihm weg und gab den Weg zurück zu den Treppen vor. Gegen eine Pause konnte man schließlich nichts einwenden.

      Im Saal angekommen hatte man sowohl den Eviad als auch seine Göttin mit einem Kelch und Wasser ausgestattet. Kassandra allerdings nur, weil man sie nicht übergehen und nur den Eviad mit einem Kelch ausstatten wollte. Kaum waren sie allein im Saal, hielt sie auf den nächstbesten Stuhl zu und setzte sich, die Beine überschlagen und den Blick auf Zoras ruhend. Was auch immer Zoras gerade fühlen mochte, die Göttin war sein Ruhepol in diesem Augenblick. Allerdings war sie sich zeitgleich absolut sicher, dass diese Konfrontation noch nicht vorüber war. Zu viel Emotion kochte da in dem Mann noch vor sich hin, als dass dieser kleine Abstecher gereicht haben konnte, um sein Trauma endlich zu setzen.
      Schließlich seufzte er, kam zu ihr herüber und setzte sich neben ihr. Noch immer hielt Kassandra die Stille aufrecht, damit sie den Fluss seiner Gedanken nicht störte. Irgendwann war er es, der die Stille als ausreichend betrachtete und die Stimme erhob.
      „Velius ist dein Schatten“, sagte sie. „Er ist ein Teil von dir, unabdingbar mit dir verbunden. Du siehst dich um, siehst ihn an deinen Füßen kleben und weißt, dass du ihn niemals völlig abtreten können wirst. Velius ist eine Erinnerung, ein Stück, der dich zu der Person macht, die du aktuell bist. Das lässt sich nicht einfach abstreiten, aber irgendwann akzeptieren.“
      Zoras wurde unruhiger und zog sich seinen Ärmel zurück. Die Haut, die einst von Narben übersäht war, war nun makellos und spärlicher Haarwuchs hatte eingesetzt.
      „Aber als Teil ist es etwas, was passiert ist. Es wird sich nicht wiederholen, nicht mit diesem Mann und sollte es in der Zukunft in ähnliche Richtungen gehen hast du dieses Mal eine völlig andere Ausgangslage. Du wirst nicht mehr zulassen, dass es so weit kommt, nicht wahr?“
      Sie lächelte ihm knapp zu. Ihr Blick fiel auf Zoras‘ Hand, die er umgedreht und damit Amartius‘ Mal präsentiert hatte. Es war nicht sonderlich viel Zeit vergangen, seitdem sie ihren Sohn das letzte Mal gesehen hatte, aber zu ihrer Bestürzung begann sein Bild bereits zu verblassen. Das passierte mit Göttern und Halbgöttern, die sich in Reliquien und Artefakte verwandelt hatten. Man vergaß sie, langsam und unfehlbar, selbst für die Erinnerung eines Gottes. Bevor sie gedanklich weiter abdriften konnte, hob Zoras den Blick und fing den ihren ein.
      „Würdest du mich verbrennen?“
      „Bitte?“ Sie verstand nicht ganz, worauf er hinaus wollte.
      „Schenkst du mir eine Brandnarbe, die ich selbst wähle, die ich sehen kann? Eine Narbe, die in meiner eigenen Macht liegt?“
      „Ich habe dir bereits gesagt, dass ich mein Feuer bei dir nicht zum Schadenszweck nutzen will. Es soll nicht… diesen Zweck haben. Muss es unbedingt das Feuer sein?“ Ihre Augenbrauen zogen sich nachdenklich zusammen, offensichtlich unwohl mit seiner Idee. „Wenn es darum geht, dass du das Feuer mit mir verbindest – ich bin ein Phönix, ein Geschöpf des Himmels. Wir haben Schnäbel, wir haben Krallen.“ Sie hob demonstrativ ihre rechte Hand mit doch sehr markanten Fingernägeln. „Wenn du es wünschst, gebe ich dir ein Zeichen von mir. Aber neben dem Feuer gibt es noch andere Wege. Ich muss dir nicht sagen, wie schmerzhaft Brandnarben sind. Und dir sollte gewiss sein, dass ich die Schmerzen während der Zufügung nicht lindern werde… Sonst verfehlt sie ihren Zweck.“
    • Zoras zog die Augenbrauen zusammen, wodurch er unterbewusst Kassandras Mimik spiegelte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, als sie gesagt hatte, dass ihr Feuer kein reines zerstörerisches Feuer war, das man mit Schmerzen verband. Er konnte sich auch erinnern, dass sie aus einem ganz ähnlichen Grund die Brandnarben auf seinem Körper entfernt hatte, kaum als sie sie zum ersten Mal erblickt hatte. Aber das hier war etwas anderes.
      Sein Blick wanderte zu ihrer Hand, die sie ihm demonstrierte; keine Ablenkung, aber eine Alternative zu seinem Wunsch. Neben ihrem Feuer hatte sie noch die Krallen und den Schnabel eines Phönix. Er hatte die genannten Krallen und den genannten Schnabel bereits gesehen und wahrhaftig, es wäre wohl ein würdiger Ersatz. Doch es gab einen Grund, weshalb Zoras zuerst an das Feuer gedacht hatte.
      "Die Krallen und der Schnabel sind nichts, woran ich zuerst denke, wenn du mir vor Augen trittst."
      Seine Stimme wurde eine Spur weicher, sein Blick eine Spur sanfter. In all dem Chaos der Gefühle, das herrschen mochte, gab es trotz allem immer einen Platz für die Liebe zu seiner Göttin, die ihn auch jetzt erfüllte, während er sie betrachtete.
      Er streckte die Hand zu ihr aus und ließ sie die demonstrierende Hand auf seiner auflegen.
      "Es ist das Feuer, das ich täglich in deinen Augen sehe. Nicht das Rot deiner Iris, sondern das Feuer, das dahinter liegt - dein Feuer. Kassandras Feuer, das in all seiner Pracht dort in deinen Augen flackert und das mich doch nie verbrennt, ganz gleich wie zornig es werden könnte. Mit dem du andere Menschen - und selbst die Götter - niederstarrst, als würdest du ihre Seelen direkt verbrennen wollen. Aber mich verbrennst du nicht. Wenn du mich ansiehst, dann sehe ich das Feuer schrumpfen und an Hitze verlieren, wie um mich zu umhüllen und mich zu wärmen, anstatt zu verbrennen. Ich kann es auch spüren, auch wenn ich mich mittlerweile daran gewöhnt habe und es nicht mehr gleich auffällt. Wenn du bei mir bist, fließt dein Feuer durch meinen Körper und wärmt mich von innen heraus. In deiner Nähe ist mir niemals kalt, auf keine Weise."
      Er drückte ihre Finger ganz leicht.
      "Dieses Feuer ist es, das ich sehe, wenn ich an dich denke. Und dieses Feuer würde mich niemals verletzen; es würde schmerzen, sicher, aber ich habe schon viele Schmerzen empfunden und deiner ist es, den ich ertragen will. An dich soll sich meine Haut erinnern, wenn ich sie dort berühre, und an nichts anderes. Das ist, was ich möchte."
    • Dunkle Schatten flimmerten im Rot von Kassandras Augen, als Zoras ihr offenbarte, an was er als Erstes dachte, wenn er sie sah. Es war das Feuer, ausgerechnet das Element, was ihr anfangs untersagt worden war und im Nachhinein viel zu oft für katastrophale Zwecke missbraucht wurde. Das Feuer, das ihr Kern war, das in ihrer Essenz getanzt hatte und das erste Übermenschliche war, was Zoras von Kassandra erlebt hatte. Er hatte nicht ihre glorreiche, wunderschöne Gestalt des Himmelsvogels gesehen, obzwar die pechschwarz wie die Nacht war. Die Kehrseite der Medaille, der Schatten aller anderen Phönixe. Ein Omen, ein Zeichen, aber Zoras wählte das Feuer und nicht ihr wahres Ich.
      „Du hattest wortwörtlich mein Herz in Händen und darin lag nun mal mein Feuer“, seufzte Kassandra geschlagen und legte ihre Hand auf seine, als er sie nach ihr ausstreckte. Die Art, wie das Schroffe aus seiner Stimme abfiel, bewies ihr, dass er sich aus seinem Moloch von vor einigen Minuten befreit hatte. „Nach allem hast du meine Gunst. Nicht nur, dass wir durch den Schwur verbunden sind und Teile von mir bei dir einfließen. Ich habe dich auserwählt für diese Zeitperiode, für die Dauer deines Lebens. Es sollte mir Gedanken machen, wenn meine Wärme dir Unbehagen bereiten würde.“
      Kassandra schmunzelte. Selten hatte ein Sterblicher ihr berichtet, wie sie sich auf ihn auswirkte, und das im positiven Sinne. Sicher, sie konnte Auren lesen, aber es über Worte eigenmächtig vermittelt zu bekommen verlieh dem eine andere Tragweite. Er beschrieb aber genau das, zu was sie ihm gemacht hatte: einen verlängerten Arm von ihr selbst.
      „Wie gesagt, ich würde eine andere Art bevorzugen, aber wenn du so sehr darauf bestehst. Wo soll sie sein?“, fragte sie schließlich und ließ sich die Stelle zeigen, wo Zoras die Narbe wünschte. Er drehte seinen dominanten Arm, sodass die weiche Unterseite nach oben zeigte. Derselbe Arm, wo auch Amartius sein Mal auf dessen Handrücken hinterlassen hatte.
      Augen, die die Farbe von Granaten annahmen und ein unwirkliches Glühen zeigten, richteten sich auf den Eviad, als die Phönixin ihre Hand grazil um sein Handgelenk schloss. Es lag keine Krafteinwirkung darin, es war einfach nur ein Punkt, an dem sich ihre Körper berührten. Doch mit diesem Blick auf den Menschen vor ihr gerichtet, übte sie das erste Mal überhaupt direkten Einfluss auf ihn aus. Ohne ein Wort zu sprechen band sie ihn mittels ihres Blickes an Ort und Stelle, untersagte ihm auch nur ein Zucken oder gar die Flucht. An ihren Worten würde sie festhalten und die Narbe, die er sich von ihr wünschte, nicht schmerzfrei erteilen. Denn sonst wäre es nur wie eine Malerei auf seiner Haut. Etwas, das nicht ewig oder gar real erschien.
      Und dann brandete das Feuer unter ihren Fingern auf.
      Es wurde heiß in dem gesamten Saal, wenn auch nicht so schlagartig wie bei den Malen zuvor. Langsam stieg die Temperatur, passend zu den seltsam starr wirkenden Flammen, die sich zwischen ihren Fingern emporstreckten. Als würde sie erst erwachen, wuchsen die Flammen, streckten sich und richtete sich anschließend neu aus. Als sie über Kassandras Finger krochen geschah noch nichts, doch das änderte sich, als sie in Kontakt mit Zoras‘ Haut kamen. Kassandra spürte, wie sich alles in ihm anspannte, als der Schmerz wie ein Stich durch seinen Körper zuckte. Die Flammen schlängelten sich regelrecht über die helle Haut, lebendiges Rot auf einer blassen Leinwand. Sie kringelten sich, schlugen aus und nahmen seinen gesamten Unterarm in Beschlag, wo sie ein delikates Muster zogen, die Balance zwischen etwas Künstlerischem und einer kräftigen Stichflamme haltend. Es sollte nicht so banal wirken wie die hässlichen Kreise und Striemen, die man ihm damals aufgebürdet hatte. Zeitgleich sollte es nicht als Zierde wirken und das Rohe behalten. Deswegen fraß sich das Feuer nun in die Haut, ließ den Geruch von versengter Haut aufsteigen und selbst Kassandra die Nase rümpfen.
      „Atmen, Zoras. Das kannst du doch.“ Die Sprache hatte sie ihm nicht genommen.
      Es dauerte nur kurz, dann verpufften die Flammen im Nichts und offenbarten eine sich schälende und Blasen schlagende Haut. Es folgte eine weitere Welle ihrer Magie, als sie sie über seinen Arm schickte und die Haut in Sekunden abheilen ließ. Zurück blieb wulstiges und fleischfarbenes Gewebe, das sich nicht mehr entzünden würde, dafür aber auch seine Empfindung eingebüßt hatte.
      Nach getaner Arbeit entließ Kassandra Zoras aus ihrem Bann, ihre Augen nahmen wieder ihre gewöhnliche Färbung an und sie zog ihre Hand von ihm zurück. Sie betrachtete ihr Werk, am liebsten hätte sie ihm etwas wesentlich Künstlerisches gegeben, aber das hatte sie ja mit seinem Rücken schon bewerkstelligt. Das hier war etwas, das dem Zweck und seiner Rolle gerecht wurde.
      „Bitte mich nicht noch einmal, mein Feuer dafür einzusetzen“, wies sie gedämpft an, während er seinen Arm begutachtete.