Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Kassandra hatte den Mann bewusstlos zum Palast zurückgebracht, aber sehr lange blieb er so nicht. Bald wachte er auf und sah sich einer thronenden Phönixin gegenüber, neben ihr ein sehr gesunder, quietschlebender Eviad. Beide Lebewesen verkörperten das Schicksal, das ihn ereilen würde.
      Der Mann war unscheinbar, zumindest wenn man ihn als seinesgleichen betrachtete. Unter der Bevölkerung wäre er mit seinen breiten Schultern und der kräftigen Brust sicherlich aufgefallen, aber unter Gardisten wie er selbst, war er nur einer von vielen. Er hatte dünne, blonde Haare, die lang genug waren, ihm in die Stirn zu fallen. Er hatte außerdem einen Ausdruck im Gesicht, den man als versteinertes Entsetzen betrachten konnte. Je weiter der Mann aufwachte, desto mehr verwandelte sich dieser Ausdruck aber in eine eiserne Mauer, mit der er die offensichtlichen Gedanken zu verschleiern versuchte. Zoras war das aber egal; er hatte genug gesehen. Er schrieb dem ertappten Blick des Mannes sofort seine Schuld zu.
      So kam der Eviad, eine mindestens genauso breite und kräftige Persönlichkeit wie der Gefangene, in langen, aber langsamen Schritten auf ihn zu. Er trug seine Gewänder, die einem Heiligen zugeschrieben wären und nicht dafür gedacht waren, in dem staubigen Saal zu marschieren, in dem noch gearbeitet wurde und die ihn jetzt wirken ließen, als würde er eine Zeremonie vollziehen. Genauso gemächlich ging er vor dem Gefangenen aber auch in die Hocke.
      "Ich weiß, wer du bist und was du getan hast. Ich weiß auch, dass es noch mehr von euch gibt. Diesen Teil können wir also überspringen, ja?"
      Seine Stimme war ganz monoton, denn sonst fürchtete Zoras, könnte das Feuer in ihm herausbrechen, das sich in seinem Magen festgesetzt hatte, kaum als den Mann erblickt hatte. Er musste nur an Tysions zerquetschten, zerrissenen Körper denken, an den Mann, der unverhofft von seinem Söldner-Dasein befreit worden war, nur um es keine zwei Monate später durch einen Anschlag zu verlieren, damit das Feuer in ihm aufbrodelte. Kurzzeitig fragte er sich da auch, ob das Feuer, sollte es aus ihm herausbrechen, genauso schwarz wie Kassandras sein würde.
      Aber das würde er nicht an diesem Tag herausfinden, denn hinter der Enttarnung des Attentäters steckte nicht nur Tysions Rache, sondern auch die Beruhigung der Bevölkerung, die in wilden Aufruhr versetzt worden war. Das waren nunmal die offenen Nachteile eines Herrschers: Er musste stets das Volk an erste Stelle setzen. Egal, was war.
      "Siehst du, wo wir hier sind? Du wirst den Raum vielleicht wiedererkennen, oder? Er ist ein bisschen dreckig, aber das sollte in ein paar Wochen alles erledigt sein. Dann sollte auch das viele Blut weggeputzt sein, das deine Aktion hier hinterlassen hat. Nicht mein Blut - ich bin höchst lebendig, wie du siehst. Aber das Blut von ehrlichen Soldaten. Das Blut von ehrlichen Bürgern Kuluars. Das Blut von Vätern und Müttern, von Söhnen und Töchtern. Mich wolltest du treffen und stattdessen hast du alle anderen getroffen. Deswegen wirst du dich bei den Göttern wieder gut stellen müssen."
      Der Mann sah ihn nur aus bemüht gelassenen Augen an. Er trug einen Knebel, machte aber weder anstalten, sich befreien zu wollen, noch den Knebel zu entfernen. Er starrte Zoras nur an.
      "Du wirst mir also einen Namen verraten", fuhr Zoras daher genauso tonlos fort. "Einen einzigen Namen. Das ist alles, was du zu mir sagen wirst. Solltest du das nicht schaffen, dann wird dein größtes Problem sein, dass du noch lebendig bist. Verstanden?"
      Der Mann gab keine Antwort von sich und Zoras wartete auch nicht darauf. Er war nicht dumm genug, den Kerl selbst anzufassen, selbst mit Kassandra in seinem Rücken; er trat einen Schritt zurück und eine der Wachen kam vor, um Lyadir den Knebel runterzuziehen.
      Der blondhaarige starrte Zoras ein paar Sekunden lang schweigend an. Dann krächzte er:
      "Lang lebe der Eviad."
      Zoras hätte lügen müssen, hätte er behauptet, dass die Antwort ihn nicht mit ein bisschen Genugtuung erfüllt hätte. So konnte er zwar noch dem Willen des Volkes entsprechen, aber auch seine Rache sättigen.
      Er drehte sich seitlich um, wie um den Weg zu Kassandra freizugeben. Oder eher den Weg von Kassandra.
      "Kassandra, würdest du dem Mann zeigen, was Tysion zu seinen letzten Atemzügen dort unten gespürt haben musste? Aber seine Erlösung soll er nicht erhalten. Dafür fehlt uns noch ein Name."
    • Auf ihrem neu erkorenen Thron – denn zu etwas anderem konnte der Stuhl gar nicht unter ihr werden – beobachtete Kassandra Zoras‘ Rücken. Die Art, wie er langsam auf den Strippenzieher am Boden zuging, hatte etwas Lauerndes an sich, das durch die zeremoniellen Gewänder beinahe vertuscht wurde. Nur hatte sie in ihrem langen Leben mehrfach ähnliche Situationen erlebt und da gliederte sich der Eviad gerade perfekt hinein. Selbstredend hätte sie ihm nicht zugetraut, seinem Zorn anheim zu fallen, weshalb sie in aller Ruhe abwartete bis ihre Zeit gekommen war.
      Kassandra brauchte keinen Blick auf Lyadir zu bekommen um zu wissen, dass er seine gedanklichen Mauern hochfuhr. Wie auch Alsyr zuvor sperrte er sich gegen jedwede Auskunft, je mehr Bewusstsein er zurückerlangte. Die Drohung, die Zoras aussprach, schien den Mann nur halbherzig zu treffen. Kein Wunder, wenn alles, was in seinem Blickfeld gerade schwebte, das Ziel seines Unmuts war. Dahinter saß etwas wesentlich Gefährlicheres, was der Strippenzieher wohl bald merken dürfte.
      Es glich beinahe einer Erleuchtung, als Zoras nur eine winzige Drehbewegung machte, um den Blick auf Kassandra freizugeben. Als sich Lyadirs Blick auf Kassandra richtete, flammte es in ihrer Brust umgehend auf. Da brach endlich eine Regung in den Augen des Mannes durch, ein Funken Angst nur, versteckt unter einem manischen Glauben, den Kassandra zu ersticken gedachte, wie ein jämmerliches Flämmchen an einem zu kurzen Docht.
      „Deine letzte Chance, Mensch“, verkündete Kassandra, die lediglich die Beine wechselte, aber keine Anstalten machte, von ihrem Thron aufzustehen. Das hatte sie gar nicht nötig, einen niederen Menschen würde sie schließlich nicht anfassen.
      Lyadir regierte nicht. Kassandras Mundwinkel zuckten in Anmutung eines Lächelns. „Eine Explosion im Untergrund zu wählen ist eine wahrlich barbarische Methode. Weißt du, wieso?“
      Ihre Finger krümmten sich kaum merklich. Das war alles, was Kassandra tat, damit ihre Magie, unsichtbar für das menschliche Auge, zu dem Mann am Boden ausbreitete. In einem Kreis von etwa einem Meter Abstand brachen plötzlichen Flammen aus der Luft hervor, rote Flammen, wie der Zorn in Zoras aussehen musste. Der Mann saß in der Falle, noch immer gefesselt und umzingelt von gierig züngelnden Feuerzungen.
      „Wenn du nicht ganz vorn stehst, ist es nicht die Explosion an sich, die dich tötet. Du wirst als erstes von dem Feuer getroffen, dass sich entwickelt. So zum Beispiel.“ Das Feuer kam näher, fand Saum und Schuhwerk von Lyadir und begann sich, daran zu laben. Spätestens jetzt hielt den Mann nichts mehr, als er sich wandte und versuchte, mit seinen gefesselten Händen irgendwie das Feuer loszuwerden. Doch jeder hier wusste, dass es dafür kein Entrinnen gab. „Also? Ein Name wäre schön.“
      „Löscht das Feuer!“, schrie Lyadir, als sich allmählich unter den Geruch von verbrannter Kleidung noch andere Gerüche mischten. „Euer Feuer… aaargh… ist nicht besser als gewöhnliches!“
      Kassandra lächelte schließlich doch. „Wer sagt, dass mein Feuer besser sein soll?“ Denn wenn es das wäre, hätte der Mann nicht einmal mitbekommen, wie er brannte. Stattdessen durfte er sich im vollsten Bewusstsein gewahr werde, wie seine Haut verkohlte.
      „Wenn das Feuer dir nicht das Bewusstsein nimmt, dann kommt die nächste Stufe.“ Sie legte den Kopf leicht schief und bekam dadurch einen verschmitzt wirkenden Ausdruck. Ihre Magie hatte sich um Lyadirs Kopf angesammelt. Mittels einer kleinen Bewegung ihrer Hand entzog Kassandra in diesem Bereich allmählich den Sauerstoff. Man konnte dabei zusehen, wie sich die Augen des Mannes weiteten, als er immer mehr nach Luft schnappte und keine bekam. Er begann zu japsen, sein Zucken wurde noch heftiger.
      „Hmmm…“, machte Kassandra beiläufig. Es klang fast wie ein Summen, wie wenn man über etwas nachdachte. „Ich glaube, du möchtest immer noch nichts sagen, richtig? Oh, wenn ich es mir recht überlege, sollst du das auch gar nicht mehr. Ich denke, viel Zeit bleibt dir sowieso nicht mehr…“
      Dann verfiel Kassandra in ein Schweigen während sie dabei zusah, wie Lyadir mit den Flammen und der fehlenden Luft kämpfte. Es dauerte nur Sekunden, dann rollten seine Augen zurück, er fiel auf den Boden und zeitgleich erloschen die Flammen um ihn herum. Außer dem widerlichen Gestank und dem verkohlten Fleisch blieb nichts von dem Feuer übrig, das Kassandra auf ihn angesetzt hatte. Stattdessen seufzte sie nur enttäuscht.
      „Dabei hatte ich wirklich die Hoffnung, dass er länger aushält. Aber einen Namen hat er noch immer bei sich behalten… Vielleicht erzählt er uns ihn beim nächsten Mal, oder was denkst du, Zoras?“
    • Das Schauspiel, das sich ihnen allen dort im zertrümmerten Saal bot, war genug, um auch den besten Kerkermeister in den Schatten zu stellen. Kassandras Feuer hatte nichts natürliches an sich, so wie es sich an dem wehrlosen Körper des Mannes labte, und die Flammen waren auch nicht vorhersehbarer Natur, als sie sich um ihn schlängelten. Seine Schreie waren hoch und spitz, so wie sie nur echte Lebensangst hervorrufen konnte.
      Aber man musste ihm zuschreiben, dass er noch immer nicht sprach. Das ganze Spektakel dauerte nur wenige Sekunden, dann hatte der Sauerstoffmangel sein Hirn erreicht und ließ ihn ein weiteres Mal zusammensacken, ein weiteres Mal bewusstlos, aber dafür nicht weniger in Gefahr. Kassandras Flammen zogen sich ins Nichts zurück, aber sie würden wiederkommen und sie würden genau dort weitermachen, wo sie jetzt aufgehört hatten.
      Die Phönixin selbst hatte für die ganze Angelegenheit im wahrsten Sinne des Wortes nur einen Finger gerührt. Jetzt sah sie mit einem fast abschätzigen Ausdruck im Gesicht auf den bewusstlosen Mann hinab, als würde sie nichts als Unverständnis für seine Schwäche aufbringen.
      Zoras war dabei vermutlich der einzige, der diesen Ausdruck auf ihrem sonst reglosen Gesicht ablesen konnte.
      „Dabei hatte ich wirklich die Hoffnung, dass er länger aushält. Aber einen Namen hat er noch immer bei sich behalten… Vielleicht erzählt er uns ihn beim nächsten Mal, oder was denkst du, Zoras?“
      "Das wird er ganz sicher. Auf die eine oder andere Weise."
      Er hob die Stimme und wandte den Kopf, um viel weniger zu Kassandra alleine zu sprechen, sondern zu allen gerade im Raum versammelten Männer und Frauen.
      "Denn es sind die Götter, die ihr Urteil verrichten werden, und wir werden in ihrem Namen handeln. In dem aller Götter in allen Welten. Niemand kann sich diesem Urteil entziehen."
      Später sollte er noch herausfinden, dass er wirklich recht gehabt hatte mit dieser Aussage, aber auf eine verkehrte, falsche Weise.

      Der Verräter wurde in den Kerker verfrachtet, damit mit den Aufräumarbeiten weitergemacht werden konnte. Man gönnte ihm ein paar Stunden der Bewusstlosigkeit, in denen sein Körper sich zu regenerieren versuchte, und weckte ihn dann mit eiskaltem Wasser im Gesicht auf. Der Mann wachte prustend und zitternd und nach Luft schnappend auf, nur um direkt zurück in das Antlitz der Phönixin zu blicken. Das würde von nun an sein ganz eigenes Privileg sein, das man ihm gestattete, denn er sollte nicht für eine Sekunde den Albtraum vergessen, in dem er sich dort unten befand. Zoras wusste ganz genau, wie sich so etwas anfühlte. Wieder war der Mann ein paar Minuten bei Bewusstsein, wieder erleidete er Höllenqualen, um dann wieder in seine gesegnete Bewusstlosigkeit abzutauchen. Die Phönixin zog sich zurück und man kümmerte sich um sein verbranntes Fleisch.
      Mit dieser Taktik würde es keine drei Tage benötigen, bis der Mann sprechen würde. Kassandras Sicht auf sein Lebenslicht hinderte ihn recht effektiv daran zu sterben, aber natürlich wusste er das selbst nicht. Aus seiner Perspektive musste es ihm so vorkommen, als würde man seinen Körper zur allgemeinen Unterhaltung verbrauchen.
      Keine drei Tage sollte es dauern.
      Am zweiten Tag verstarb Lyadir Eskan in seiner Kerkerzelle.
      Für die Phönixin sah im ersten Moment alles normal aus, bis im nächsten Moment sein Lebenslicht unter den tausend anderen einfach verschwunden war, aufgelöst, als wäre es in sich zusammengeschrumpft und schließlich im Vakuum vergangen. Er war umringt von seinen Pflegern, die sich um seinen geschundenen Körper kümmerten, von denen nun noch viel mehr heran strömten, weil man wohl gemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte. Doch jetzt war er tot und keiner wollte sich so recht erklären können, wie das hatte zustande kommen können.
    • Denn es sind die Götter, die ihr Urteil verrichten werden...
      Niemand kann sich diesem Urteil entziehen...

      Kassandra lauschte Zoras, als er diese Worte verkündete, mit gemischten Gefühlen. Auf ihrem Gesicht stand noch immer diese Spur Hohnes, doch lungerte etwas Anderes noch tief darunter. Es war so leicht zu glauben, dass nichts und niemand sich dem Willen der Götter widersetzen konnte, nur war dem leider nicht so. Das hatte die Phönixin im Laufe ihrer Existenz mehrfach miterlebt.
      Nur sprach sie diese Gewissheit nicht laut aus, sondern ließ alle in dem Glauben, dass Zoras' Worte die unumstößliche Wahrheit enthielten.

      Der nächste Tag verfrachtete Kassandra direkt unter die Erde. In Kuluar hatte man sich darauf eingeschossen, die Kerker unter der Erdoberfläche zu errichten, weshalb sie sich umgehend an manch dunkle Zeiten ihrer Geschichte zurückerinnerte. Nur war sie dieses Mal auf der anderen, der schlimmeren Seite.
      Der arme, arme Mann wusste gar nicht, wie ihm geschah. Man weckte ihn unsanft mit Eiswasser und seine schweren Lider hoben sich, nur damit er die zierliche Frau gegenüber erblicken konnte, die auf den Schutz von Gitterstäben gänzlich verzichtete.
      Erneut stellte sie ihm eine einzige Frage, auf die er zu antworten hatte, es um Lebzeiten jedoch nicht tat. Erneut wurde er mit dem grausamen Feuer konfrontiert, das sich aus Kassandras Existenz speiste und erneut verließen nur Schmerz und Qual seine Lippen. Erneut rettete ihn die Ohnmacht aus seiner ganz persönlichen Hölle, die für ihn einen neuen Namen bekommen hatte.
      Kassandra wollte nicht zugeben, dass ihr diese kleinen Abstecher Genugtuung bescherten. Noch weniger gab sie Preis, dass es genau das war, was ihren Kern befeuerte. Die Angst, die Lyadir verspürte, kam einzig und allein durch den Anblick der Phönixin. Sie schürte dieses Gefühl, wurde ihr ganzer Kern und Ursprung, und das Gefühl der Macht, das es in ihr auslöste, schmeckte verboten süß auf ihrer Zunge. Genau deshalb freute sich Kassandra auf den nächsten Tag, wenn man sie zu Lyadir ließ.

      Der nächste Tag war anders, als erwartet. Es war wieder diese Beiläufigkeit, mit der das Lebenslicht Lyadirs einfach von jetzt auf gleich verschwand. Kassandra hatte gerade eine Tasse Tee genossen, als sie es aus dem Augenwinkel bemerkte. Schlagartig war das Licht verschwunden, wie ausgeblasen. Ihre Augen wurden schmaler, während sie die Tasse absetzte und den direkten Weg zu den Kerkern ansteuerte.
      Ein Haufen an Menschen umringten den Leichnam, für den jede Hilfe zu spät kam. Man machte ihr unaufgefordert Platz, sodass sie einen unverstellten Blick auf Lyadirs Körper bekam. Es brauchte keinen zweiten Blick, damit Kassandra feststellte, dass er durch keinerlei Gewalteinwirkung gestorben war. Sein Körper würde keine Wunden aufweisen, egal, wie sehr man ihn untersuchte. Sie musste sich nicht einmal vor ihm hinhocken, um zu sehen, dass etwas anderes Quell seines Todes gewesen war. Es half nicht sonderlich, dass bekannt gewesen war, dass man einen der Attentäter gefunden und in den Kerker gesteckt hatte. Es weitete lediglich das Feld der Verdächtigen aus. Aber dass man so leicht an Lyadir herankam und ihn hatte töten können, verstimmte Kassandra. Jemand hatte ihr die Spur auf den Kopf hinter dem Angriff effektiv genommen. Sie würde einen anderen Weg finden müssen.
    • Als Zoras von dem toten Lyadir erfuhr, wurde er von einem irrationalen Zorn erfasst. Mit einem Mal sah er in den Bediensteten des Palastes nichts als Taugenichtse und in den Wachen nichts als Komplizen, von denen er nun nie erfahren würde. Wie sollte er auch? Der einzige Mann, der irgendwie in Verbindung mit seinem Anschlag stand, war gestorben, ohne ein einziges Wort auf seinen Lippen. Tysion blieb ungerächt. Und Zoras? Was sollte er davon halten, dass er der Gefahr eines Anschlags ausgesetzt war, ohne dass der Täter dafür Buße machen müsste? Oh, wie wütend ihn das machte. Der Zorn schwelte in seiner Brust und glühte in seinem Bauch, ein Zorn auf alle Attentäter, die darin involviert gewesen waren, ein Zorn auf die Bediensteten des Palastes, die nicht aufgepasst hatten, ein Zorn auf die Ratsmitglieder, die die ganze Angelegenheit von der Sicherheit ihrer Unbeteiligung betrachteten. Nun war Zoras aber kein Mann, der wüten und toben und seinem Zorn allen Ausdruck verleihen würde. Zoras war ein Mann, der aus diesem Zorn eine neue Quelle der Kraft schöpfte und ihn schwelen ließ. Wie glühende Kohlen lag er in seinem Magen und befeuerte ihn, als Zoras eine Rede zum Volk abhielt, in der er es vor weiteren Anschlägen beruhigte. Es würde nicht noch einmal vorkommen - zumindest nicht auf diese Weise. Auf so etwas wären sie für den Rest der Zeit nun vorbereitet.
      So verstrich keine ganze Woche, in der der Alltag sich wieder aufzubauen versuchte und in der Zoras versuchte, sich von seinem Zorn nicht doch verbrennen zu lassen. Kassandra hatte die Suche zwar noch nicht aufgegeben, aber es war nahe dran, unnötig zu werden. Ohne eine Spur konnte selbst die schnellste Göttin auf Erden nichts besonderes ausrichten und die untote Anhängerin vermochte keine weiteren Namen zu nennen.
      Es sollte niemanden überraschen, dass Mirdole die einzige war, die ein Quäntchen Neugier für die ganze Sache erübrigen konnte - Mirdole, die sich beim Fest auch auf Kassandras Seite gestellt hatte und die einzige gewesen war, die ähnlich aufgebracht erschienen war. Mirdole, die aber auch die einzige Champion war, die für so etwas zu gebrauchen sein könnte.
      “Noch immer nichts?”, fragte sie mit ehrlicher Aufrichtigkeit, als die beiden Göttinnen sich im Gang begegneten. Es war weit weg von einer Zufallsbegegnung; die Gorgone hatte sich in Bewegung gesetzt und die Phönixin gezielt angestrebt.
      “Ich würde gerne behaupten, dass ich etwas beitragen kann, aber es ist deine Sache alleine. Wie es aussieht, wird niemand zur Rechenschaft gezogen.”
      Man könnte wohl nicht behaupten, dass die beiden Göttinnen sich plötzlich verstehen würden. Aber es war so ziemlich das normalste Gespräch, das Kassandra in diesem Palast je mit einem Ratsmitglied geführt hatte.
      Zumindest solange, bis es das nicht mehr war.
      “Dionysus möchte dich sprechen.”
      Dionysus’ Aura saß in einem der Palasträume und es war wohl nicht zu verdenken, dass Kassandra hinterfragte, wieso er dann nicht zu ihr käme.
      Mirdoles Blick verhärtete sich.
      “Glaube mir, ich lasse mich nicht gerne zu einem Boten degradieren und erst recht nicht von einem Gott, der für ein Getränk bekannt ist. Geh zu ihm. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe.”
      Damit zog sie wieder ab, eine stolze Haltung präsentierend, ihre Schlangen Kassandra im Weggehen leise anzischelnd.
      Nun konnte sie Dionysus natürlich ignorieren, aber der Gott würde sicher noch andere Wege finden, Kassandra auf die Nerven zu gehen. Also ging sie doch zu ihm.
      “Kassandra”, schnurrte er fast vergnügt, als sie in seinen Räumlichkeiten auftauchte. Er hing auf einem großen, Thron-ähnlichen Sessel, ein Bein über eine Armlehne, das andere ausgestreckt. Sein verschmitztes Grinsen hätte Lokir wohl alle Ehre gemacht.
      “Wie nett, dass du mich besuchen kommst. War die Jagd erfolgreich? Irgendwelche Fortschritte?”
      Bei Mirdole war es eine ernste Nachfrage gewesen, Dionysus machte sich nur über Kassandras Versagen lustig. Für ihn war das schließlich alles nicht viel mehr als eine sehr unterhaltsame Theateraufführung.
      “Es ist eine Schande, womit die Menschen heutzutage alles durchkommen, nicht wahr? Man sollte sie allesamt hängen und verbrennen lassen, dann kann man sich sicher sein, den richtigen auch erwischt zu haben. Hast du schonmal darüber nachgedacht? Ein bisschen Feuer verbreiten, ein paar Leben einholen? Schließlich stellt Kuluar nur einen Bruchteil der ganzen Weltbevölkerung dar, was sind da schon so ein paar Menschen weniger. Aufs Große und Ganze betrachtet ist es gar nichts. Kuluar können wir entbehren, meinst du nicht auch?”
      Er laberte wieder, so wie Dionysus immer vor sich hin plauderte. Doch mittlerweile war klar, dass bei diesem Gelaber meistens wirklich ein Sinn dahinter steckte. Dionysus redete nicht, um seine Stimme zu hören, sondern um sich von seiner Umgebung unterhalten zu lassen, und mittlerweile war auch bekannt, dass diese Unterhaltung oftmals radikale Auswüchse hatte.
      “Ah, aber es gibt so vieles, das wir ebenfalls entbehren können. Wieso bei den Menschen aufhören? Wieso bei Kuluar aufhören? Es hat bei Mynos angefangen, wieso irgendwo aufhören? Wieso nur Menschenleben einholen?”
      Die Art, wie er es aussprach, ließ einem wohl die Alarmglocken ertönen. Dionysus wusste das; er grinste noch breiter und richtete sich auf.
      “Ich hatte gedacht, dass es eine, eine einzige Sache geben könnte, die du nicht zu entbehren gewillt bist, Vogel. Nur eine einzige. Und ich rede nicht von deinem Eviad, denn er ist nur ein Mensch und Menschen sind, nun, austauschbar. Nein, ich rede nicht davon, was du als Schwurpartner entbehren könntest, sondern als Mutter, Kassandra. Nur eine einzige Sache. Aber… oh, ich habe mich wohl getäuscht, nicht wahr?”
      Da griff der Weingott hinter seinen pompösen Sessel und holte Amartius hervor.
      Das Schwert war vollkommen in die weinrote Aura des Gottes gehüllt, die dickflüssig wie Blut an der Scheide entlang glitt und sehr effektiv die eigentliche Aura unterdrückte. Sie war noch da, sicher, sonst würde das Schwert sicherlich nicht mehr existieren, aber sie war dünn geworden, so dünn und klein, dass auf den ersten Blick nichts mehr von ihr zu sehen war. Da war nur Dionysus’ weinrotes Tropfen, die Flüsse an immateriellem Wein, der an dem Schwert entlang lief und zu seiner eigenen, allgegenwärtigen Pfütze auf den Boden tropfte. Wenn eine Aura einen Geruch absondern könnte, wäre das ganze Schwert in einen furchtbar stechenden Gestank getaucht.
      Dionysus grinste wissend, als er sich Amartius fast schon behutsam über den Schoß legte.
      “Es war eigentlich ganz einfach, das hübsche Schwert davon zu überzeugen, mit mir zu kommen. Bringst du deinen Kindern nicht bei, dass sie nicht mit Fremden gehen sollen, Vogel? Wie nachlässig von dir als Mutter, von dir als Göttin. Wenn nur der Vater davon wüsste…”
      Gar liebevoll strich er mit seinen langen Fingern über die dunkle Klinge.
    • Wo Zoras die Wut über Lyadirs Tod anheim fiel, schien Kassandra in diesem Aspekt keine zu verspüren. Sie war in eine Stille verfallen, gleich einer nachdenklichen Stimmung, während es in ihrem Inneren brodelte. Sie musste einen anderen Weg finden, an die Strippenzieher zu gelangen, doch egal mit welcher Idee sie versuchte, dieses Problem zu lösen, kam sie nie zu einem Ergebnis. Mit Lyadir hatte man tatsächlich erfolgreich sämtliche Spuren verwischt und Kassandra stand nun wieder vor einer großen Düne aus Sand, die Fußspuren vom Wind verweht.
      Mehrfach ertappte sie sich dabei, wie sie in dem Saal innehielt, dessen Boden bereits wieder ausgebessert worden war. Wann immer sie hier tief einatmete, stieg ihr der Geruch von Schwarzpulver und Brand in die Nase. Zeugen von dem, was hier niemand mehr sah. Die Gräber all jener, die dem Anschlag zum Opfer gefallen waren, hatte Kassandra nicht besucht. Es hatte sich für sie schlichtweg nicht rechtens angefühlt, als Gott menschliche Empfindungen an den Gräbern zu heucheln, selbst wenn sie sie selbst als echt erachten mochte.
      Also stellte die Phönixin mit der Zeit ihre Ausflüge ein. Ohne Ziel und nun, wo ausnahmsweise keiner der Champions ihre Geduld zusätzlich strapazierte, gab es weniger Gründe, den Palast zu verlassen. Erst recht, wenn man bedachte, dass es noch immer genug Feinde unter den eigenen Reihen geben mochte. Wann immer Kassandra Bediensteten über den Weg lief untersuchte sie deren Auren auf Fremdartigkeiten oder Unstimmigkeiten. Nur, damit sie dieses Mal früh genug reagieren konnte.

      „Noch immer nichts?“
      Den meisten der Champions wich Kassandra nicht gezielt aus, aber sie vermied Reibungspunkte. Mirdole hingegen hatte sich seit dem Abend des Anschlages eine etwas bessere Position erarbeiten können, sodass Kassandra sogar gewillt war, innezuhalten und der Gorgone nicht nur ein Ohr, sondern auch ihre Worte zu schenken.
      „Nein, noch immer nichts. Es gibt keine Spur, der ich folgen kann, noch Namen, die ich erzwingen kann. Ich werde keine Namen nennen, aber der Schuldige hat ziemlich effektiv dafür gesorgt, dass die Nachsuche sich als schwierig gestaltet.“ Ihr Missfallen über diese Tatsache zeigte sie, indem sie ihre Arme vor der Brust verschränkte und nicht mehr ganz so gleichgültig wirkte.
      „Ich würde gerne behaupten, dass ich etwas beitragen kann, aber es ist deine Sache alleine. Wie es aussieht, wird niemand zur Rechenschaft gezogen.“
      Kassandra lachte trocken auf. „Wie willst du etwas beitragen? Es war nicht dein Mensch, der angegriffen worden war, noch bringt dir eben jener eine Gunst ein. Was die Suche angeht bin ich am besten ausgestattet, aber selbst das scheint nicht zu genügen.“
      Vielleicht hätte sie Dionysus einfach direkt das Licht auspusten sollen, als er ihr so bereitwillig die Gelegenheit dazu gegeben hatte. Vielleicht wäre das alles dann gänzlich anders gekommen.
      Mirdoles Stand veränderte sich, leicht, und für den gewöhnlichen Menschen vermutlich sogar ungesehen. Die Art, wie sich die Stirnpartie der Gorgone verzog, deutete darauf hin, dass das folgende, was sie sagen würde, ihr deutlich gegen den Strich ging. „Dionysus möchte dich sprechen.“
      Einen Augenblick herrschte Stille, dann erhob Kassandra die Stimme. „Und das kann er mittlerweile nicht mehr selbst sagen, sondern muss jemand Gleichgestelltes schicken?“
      Natürlich ließ Mirdole das nicht auf sich sitzen, rechtfertigte sich und zog mit steifer Haltung von Dannen. Zurück blieb eine seufzende Kassandra, die mit dem Gedanken spielte, den wollüstigen Gott einfach zu ignorieren. Er trieb sowieso nichts anderes als Unfug und Chaos, das konnte sie sogar auf diese Distanz hinweg spüren. Es bedurfte nur einen Schlag ihrer Lider, um die triefende und gallertartige Aura des Weingottes ausfindig zu machen. Ein weiteres, schweres Seufzen folgte dem ersten, dann korrigierte Kassandra ihren Kurs und näherte sich dem Quell des Übels.

      „Kassandra.“
      Wäre ihm nicht die nette Unterhaltung mit Mirdole zuvor gekommen, hätte Kassandra ernsthaft in Betracht gezogen, Dionysus die Zunge aus seinem Mund zu reißen.
      „Wie nett, dass du mich besuchen kommst. War die Jagd erfolgreich? Irgendwelche Fortschritte?“
      Dieses Mal blieb Kassandra nicht in Mitten des Raumes stehen, sondern schlenderte regelrecht zum nächsten Sessel, wo sie sich grazil setzte. „Bei so einer freundlichen Botin musste ich der Bitte doch nachkommen. Ja, Fortschritte gibt es, denn der Wind trägt mich in des Schicksals Richtung.“
      Über die Wochen hatte Kassandra davon abgesehen, die Gespräche mit Dionysus als ernsthaft zu betrachten. Sie war dazu übergegangen, seine Fragen mit kryptischen Antworten zu kreditieren und schien damit mehr Erfolg zu haben als andersherum.
      Es war allerdings das erste Mal, dass der Gott so offen abfällig über die Menschen und ihre Leben herzog. Aus Absicht, womöglich? Was auch immer es war sorgte dafür, dass Kassandra ihn mit schmalen Augen betrachtete. Wie üblich lungerte er auf seinem Stuhl herum, als gehöre jedes Bisschen hier ihm. Eine falsche Annahme, wie hier jeder wusste.
      „Ich verkörpere die Asche und das Feuer, das Ende und den Anbeginn. Was liege mir also ferner, als eben jenen Zyklus nicht zu wollen und meine Bestimmung in die Hände anderer zu legen?“, fragte sie dagegen. „Entbehre ein Land und entbehre das Zweite und Dritte mit dazu. Brenn das Herz aus und die Ränder werden schwelen verkohlen, nachdem deine Heimat vergangen ist. Bist du dir sicher, dass du in anderer Herzen Länder mit der gleichen Freiheit regierst?“
      Noch dachte sich Kassandra bei diesem Geplänkel nichts, doch dann zuckte durch Dionysus' Aura ein Blitz, wie eine Vorahnung. Grell und beißend hob es sich von dem Rest seiner Aura ab und Kassandra ahnte, dass er jetzt den Grund offenlegen würde, weshalb er sie zu sich zitiert hatte. Bei der Art, wie er Menschenleben betonte, stellte die Phönixin die gekünstelte Atmung ein und richtete ihre volle Aufmerksamkeit auf den Gott des Weines. Ihre brennenden Augen folgten der Bewegung seiner Hand, wie er hinter sich griff, etwas hervorzog und schwarzen Stahl offenbarte.
      Amartius.
      Die feine Aura ihres Jungen, die allein das Schwert auf Erden hielt, war bis zur Unkenntlichkeit komprimiert. Nein, nicht komprimiert... erstickt. Dionysus' eigene Aura lag zäh und schwer über allem und erdrückte es. Als Halbgott hatte Amartius selbst zu Lebzeiten keine Chance zur Gegenwehr gegen den namenhaften Gott. Es war eine Drohung, eine sehr offenkundige, direkte Drohung, bei der Kassandra keinen Spaß mehr verstand. Als Dionysus ihr seine Essenz präsentiert hatte, hätte sie sie direkt zerstören sollen. Dass sie es nicht getan hatte, war ein Fehler, der ihr nun kein zweites Mal unterlaufen würde.
      Im Gegensatz zu Kassandra hatte Dionysus nicht begriffen, wie stark sich ihrer beider Fähigkeiten unterschieden und wie viel Macht er als Champion tatsächlich einbüßen musste. Diesen Umstand klärte Kassandra nun endgültig auf. Es war einzig ihr Blick, der sich hob und in die Augen des anderen Gottes brannten, der darauf deutete, dass sie reagieren würde. Viel zu schnell, sogar zu schnell für etliche Götter, ließ Kassandra ihren Einfluss sich erheben. Ihre Aura hatte sich in winzigen Rinnsalen durch den Palast ergossen, schon seit Wochen, und hatte ihn zu ihrem Refugium gemacht. Ungesehen, unbemerkt und verheerend, wie es sich nun herausstellte, denn an der Stelle, wo sich Dionysus' Aura und Amartius berührten, flammte ein Inferno auf. Es explodierte ein Feuer, so schwarz wie die Nacht und fraß sämtliche Aura und Magie des Weingottes auf. In Kassandras Augen zuckten die schwarzen Blitze, als sie ihr Kinn reckte und Dionysus das Schwert auf den Boden fallen lassen musste und sich von den Flammen entfernte. Immerhin wusste er, dass ihre schwarzen Feuer selbst Götter zu verzehren vermochten.
      „Wage es ein weiteres Mal, das Relikt meines Sohnes zu berühren und es werden nicht nur Körperteile sein, die dir fehlen“, raunte Kassandra mit einer dunklen Stimme. Mit jeder scharfen Silbe ihrer Worte zuckten vereinzelt Spitzen schwarzer Flämmchen empor und reckten sich begierig nach dem Weingott. Langsam, wie ein Jäger auf der Jagd, überschlug sie ihre Beine, wobei sie den anderen Gott keine Sekunde aus ihrem Blickfeld ließ. „Drohe mir und du wirst am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie dein vorherbestimmtes Ende neu geschrieben wird.“
      Die Botschaft hinter dieser Aktion war angekommen. Dionysus hätte ebenso gut Amartius direkt zerstören können, doch er setzte lediglich ein Statement. Ein weiteres Mal würde es nicht geben, denn dann verlöre einer von ihnen vermutlich etwas sehr, sehr Wertvolles.
      „War es das also? Du willst mir drohen? Vor was, Dionysus? Etwa, dass ich deine Spielchen nicht mehr mitspiele oder was grämt dich, hm?“
    • Kassandra ließ keine weitere Sekunde verstreichen. Ihre Augen schnappten zu ihrem Sohn hinab und richteten sich dann mit tödlicher Präzision auf Dionysus. Man musste kein intelligentes Wesen sein, um einen solchen Blick zu verstehen. Die Phönixin war gewillt zu töten.
      Das verheerende schwarze Feuer explodierte genau in Dionysus’ Schoß, genau dort, wo seine Aura die von Amartius umschloss. Wie Säure verätzte es die weinrote Essenz, eine unverhältnismäßige Naturgewalt, der sich nichts in den Weg zu stellen vermochte - nicht einmal ein namhafter Gott, der an die Erde gebunden war. Womöglich hätte Dionysus im Olymp noch darüber lachen können, wenn ein Phönix - und mochte er noch so stark sein - ihn in seinen Flammen aufgehen ließ, aber auf der Erde hatte er nichts zu lachen. Seine Miene blieb ganz gleich und unverändert, doch das lag nur an seiner Göttlichkeit; seine Aura derweil schlug nach allen Richtungen aus.
      Nur war es nicht nur irgendeine Aura. Dionysus’ Aura prägte einen Teil der Welt und so war sie einzigartig in ihrer Macht, einzigartig in ihrer Ausführung, einzigartig in ihren Auswirkungen. Kassandra teilte ihre Aura mit anderen Phönixen, Mirdole teilte ihre Aura mit anderen Gorgonen, Oronia mit anderen Nymphen; aber Dionysus, dessen Aura war in allen Welten einzigartig. Sie war allein seine, sie war die einzige, die in dieser Form existierte.
      Dementsprechend war sie stark, sie war kräftig, sie war wie ein gespanntes Seil, das jeden Moment zuschnappen konnte. Dionysus sprang zwar auf, um sich vor der verbrennenden Aura zu schützen, aber im gleichen Moment schlug seine Aura zurück, hart wie ein Peitschenschlag, schnell wie ein Blitz am Himmel. Hätte sie Fangzähne gehabt, so hätte sie die jetzt tief in Kassandras Aura geschlagen.
      Aber der Weingott hatte seine Essenz aufgegeben und wo dieser einfache Gegenschlag an anderer Stelle noch die Phönixin ebenso verätzt hätte, wie sie ihn verätzte, richtete er jetzt nur wenig Schaden gegen die Göttin an, deren Aura aus sämtlichen Ritzen des Palastes hervor quoll. Der Kampf der Götter war bereits entschieden, bevor er überhaupt begonnen hatte.
      Noch immer war Dionysus’ Miene gänzlich unbewegt, aber seine Aura wallte mit den Gefühlen eines Gottes, die er nicht mit seiner menschlichen Hülle zum Ausdruck brachte. Natürlich hatte er nicht erwartet, dass die Phönixin sich so leicht ergeben würde; aber eine solche Schmach, und das auch noch gegen ihn? Gegen den Weingott höchstpersönlich? Das kratzte an einer Würde, die viel höher lag als die gesamte Welt der Sterblichen.
      „War es das also? Du willst mir drohen? Vor was, Dionysus? Etwa, dass ich deine Spielchen nicht mehr mitspiele oder was grämt dich, hm?“
      “Du vergisst dich, Vogel”, gab er zurück und seine Stimme war so völlig frei von Tönen, so emotionslos und ungewöhnlich, dass man denken mochte, er habe sämtliches Interesse an dieser Unterhaltung verloren. Doch der Gott verzichtete nur darauf, seine menschliche Hülle für ihn sprechen zu lassen. All das, was sonst in den Körpern der Menschen steckte, spiegelte sich nun in seiner aufwallenden, ausschlagenden Aura wider.
      “Bilde dir nicht ein, dass du in dieser Welt etwas zu sagen hättest, weil du ein paar tausend Jahre zu lange hier unten verbracht hast. Du bist nichts, eine niedere Kreatur, der die Menschen einen Verstand unterstellen, damit sie interessanter ist, wenn sie durch die Lüfte flattert. Aber deswegen bist du vom Olymp noch weit entfernt und hier unten? Hier unten bist du ein Nichts. Winde sind wichtiger und Steine sind interessanter als du. Ich würde die älteste, schwächste, verstümmeltste Kreatur unter allen hier unten finden und würde erkennen, dass die Welt mehr auf ihren Schultern lastet, als sie es jemals auf deinen sein wird. Die Welt kommt auch ohne euch Vögel aus.”
      Er kam auf sie zu, seine Schritte steif, sein Gesicht vollkommen ausdruckslos. Dionysus scherte sich nicht um sein körperliches Auftreten, wenn seine wallende Aura all die Emotionen übernahm.
      “Anfangs war es ja noch ganz amüsant gewesen, aber ich habe mich dazu entschieden, dass es genug ist. Zieh mit deinem Eviad wieder ab und mach ein anderes Land zum Narren, aber nicht mehr dieses hier. Solltest du das nicht tun, ist ein kaputtes Schwert noch das geringste deiner Sorgen. Ich werde dich zerstören, Kassandra. Das ist die Drohung, die du hiervon mitnehmen kannst. Ich werde dich vernichten.”
      Und obwohl sie sich direkt gegenüberstehende nicht ebenbürtig sein mochten, waren doch all die anderen Champions bei dem Spiel der Auren sofort aufmerksam geworden und sie alle, Mirdole eingeschlossen, streckten ihre eigenen Auren zu Dionysus’ Räumlichkeiten aus - aber nur, um einem der beiden Götter zu helfen. Und ihre Wahl war unumstritten.
    • Es war lange her, dass Kassandra eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem anderen Gott provoziert hatte. All die Zusammentreffen mit den Champions, die den Befehlen ihrer Träger erlegen waren, glichen nicht dem Moment, wenn zwei Götter ihre Ansichten vertraten. Folglich brauchte sie einen Augenblick, um sich darauf einzustellen, wie konträr Dionysus Auftreten und seine Aura zueinander regierten.
      Ich vergesse mich?“, wiederholte sie und betonte das erste Wort scharf. „Ich bin diejenige, die am besten von euch allen weiß, wo eure Grenzen liegen und wo nicht.“
      Üblicherweise hätte Kassandra mehr auf ihre Worte geachtet, wenn sie mit einem namenhaften Gott sprach. Doch solange ihm seine Essenz fehlte, wusste sie, wie weit sie gehen konnte und ab wann ihre Fähigkeiten nicht mehr ausreichen würden, um Dionysus in die Schranken zu weisen. Das war der Grund, warum sie sich jetzt so viel Selbstbestimmtheit herausnahm.
      Ein süffisantes Lächeln umspielte plötzlich die sinnlichen Lippen der Phönixin, als der Weingott vor ihr zum Halten kam und sie damit nötigte, den Kopf zu heben, um ihm ins Gesicht sehen zu können. „Kennst du eigentlich die Worte der Menschen und ihr Urteil darüber, wieso man gezielt eine andere Art oder Rasse herabwürdigt? Weil man in ihnen eine Art Gefahr sieht, treuester Gott der Freude. Du würdigst die Nymphe nicht dermaßen herab, obwohl sie noch weit unter meinen Kapazitäten liegt, und das weißt du.“
      Das Lächeln wuchs an, wurde deutlich und man könnte ihr beinahe eine Spur von Gehässigkeit unterstellen. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, legte den Kopf noch weiter in den Nacken, sodass sie den anderen Gott fast nicht mehr sah.
      „Ich habe den Sterblichen nicht hergeführt, das war seine eigene Entscheidung und Fügung der Moiren, die ich nicht infrage stellen werde. Möchtest du dich mit ihnen anlegen?“
      Kassandras Aura vibrierte, als sich eine dritte Partie in ihre Auseinandersetzung einmischte. Wie befürchtet reagierten die anderen anwesenden Champions und sandten ihre Auren in diesen Raum. Sie fütterten die widerwärtige klebrige Aura des Weingottes und verliehen ihr mehr Kraft, mehr Widerstand, mehr Eindruck. So viel, dass die Phönixin sich eingestehen musste, dass sie damals zu Zoras die Wahrheit gesprochen hatte. Die fünf Champions von Kuluar vereint stellten ein Problem dar, selbst für eine freie Phönixin.
      „Ich werde dich vernichten.“
      Die letzten Worte von Dionysus befeuerte jedoch auch Kassandra in ungeahntem Maße. Für Dionysus mochte es vielleicht etwas anderes sein, aber die meisten Götter berührten weder Menschen noch ihresgleichen, sofern sie nicht genötigt wurden. Es war ein Übergriff, der je nach Gottheit schwerwiegende Konsequenzen mit sich brachte. Phönixe spielten in dieser Gleichung in der Regel nicht mit, da sie sich prinzipiell aus den Machenschaften anderer heraushielten und weniger den Konflikt suchten. Nur war Kassandra kein gewöhnlicher Phönix, was Dionysus wohl entfallen war.
      Mit göttlicher Geschwindigkeit schoss Kassandra vorwärts, ihre Hand umfasste Dionysus‘ muskulösen Unterarm nur zur Hälfte. Doch das reichte, um die angespannte Situation zwischen ihnen beiden in eine neue Höhe steigen zu lassen. Kassandras Miene war ebenso ausdruckslos wie die seine, als sie der Drohung mit ihrer eigenen begegnete. Schwarzes Feuer schoss unter ihrer Hand hervor, versengte Aura und Haut des Weingottes in einer für sie typischen Form. Dionysus reagierte sofort, nutzte seine und die Auren der anderen, um Kassandra gewaltsam wieder von sich zu drücken, ohne auch nur eine Hand dabei zu benutzen. Eine Sehne trat an ihrem zarten Hals hervor, kaum war sie im Stuhl zurückgesunken, doch der Schaden war bereits angerichtet. Sowohl in Dionysus‘ Aura als auch auf seiner Haut prangte eine nachtschwarze Verbrennung in Form von angedeuteten Schwingen. Ein Mal, das sich weder kaschieren noch leicht entfernen ließ.
      „Versuch es, Dionysus. Versuch, mich zu zerstören und ich garantiere dir im Gegenzug einen unterhaltsamen Kampf. Ich werde dir Freude bereiten, wenn du mir die Federn ausreißt und meine Flammen erstickst, aber danach wird es kein Land mehr geben, das du als deine Residenz bezeichnen kannst. Das ist der Preis, liebster Gott der Unterhaltung.“
    • Kassandras nächster Übergriff kam sowohl für den Weingott, als auch für die vier Zuschauer dieses Spektakels gänzlich unvorhergesehen. Sie war schnell, schneller als die meisten Champions, schneller als Dionysus selbst, als sie nach vorne schoss und ihn berührte. Tiefschwarze Flammen trafen auf weinrote Essenz und die beiden Auren pressten mit einer Wucht gegeneinander, die in der materiellen Welt sicher Auswirkungen hätte haben können. Doch alles, was die sterbliche Welt von der Auseinandersetzung mitbekam, war ein Mann und eine Frau, die in eine Art Starre zu verfallen schienen. Ihre Mienen erschlafften und ihre Körper verloren die Spannung, als wären sie gar nicht mehr an diesem Gespräch beteiligt.
      In der geistigen Welt brandeten ihre Auren auf, türmten sich wie Berge und schlugen dann aufeinander ein, als Kassandra ihre Flammen erweckte und Dionysus sich zu schützen und zurückzuschlagen versuchte. Würden die Auren Geräusche von sich geben, so hätte man ein ohrenbetäubendes Krachen gehört, als sie gegeneinander andrückten. Doch nur die sechs beteiligten Götter konnten sehen und überhaupt erahnen, was dort in dem Raum vor sich ging.
      Der Geruch von verbranntem Fleisch erhob sich, eine kleine Rauchfahne, die unter Kassandras Hand hervorkam. Das ganze dauerte nicht mehr als eine Sekunde und doch geschah so viel, dass es auch eine ganze Stunde hätte sein können. Dionysus Aura wütete gegen sie, Kassandra drückte ihr Brandmal in ihn hinein, die anderen Champions erstarrten in ihren Tagesabläufen, als sie ihre Auren nach Dionysus ausstreckten - und dann war es auch schon wieder vorbei. Kassandra ließ ihn los und das Schwarz und das Weinrot sprangen auseinander.
      Dionysus reagierte kaum. Er stand wie angewurzelt da und hatte den Blick unverwandt auf Kassandra gerichtet. Seine Aura spielte wie verrückt, zog sich zusammen und breitete sich wieder aus, zuckte und wand sich, schlug aus und traf absichtlich nicht. Begleitet war sie von dem hellen Blau von Oronia, das noch am stärksten vertreten war, da die Nymphe gerade keinen Körper hatte, dicht gefolgt von dem roten Asterion und zum Schluss einen Klecks Grün und Braun. Ganz anscheinend wurden hier gerade Entscheidungen gefällt, denn die Auran wogen sich miteinander hin und her und zwei von den Champions setzten sich auch in Bewegung, um auf Dionysus' Raum zuzuhalten. Sie würden niemals rechtzeitig kommen, um den Weingott ernsthaft zu beschützen; aber konnte Kassandra ihn auch mit der Unterstützung der anderen Auren rechtzeitig überwältigen, bevor die anderen Champions da wären? Das war nicht sicher. Es würde ein Wettlauf um Zeit werden, der letzten Endes kein gutes Ende für niemanden finden würde.
      Das mussten auch die anderen Champions begreifen, denn schließlich stagnierten sie wieder. Dionysus' Aura richtete sich auf und wurde groß, aber sie schlug nicht wieder zu. Kassandra hatte recht - es gab einen Preis für diese Unterhaltung, die er von ihr bekommen würde, und dieser Preis war zu hoch, um ihn jetzt zu zahlen.
      Dionysus öffnete den schlaffen Mund nur, um zu sprechen.
      "Verlass dich darauf, Vogel. Du warst die längste Zeit auf der Erde unterwegs."
      Damit ging er von dannen, stocksteif und irgendwie unbeholfen. Dionysus kümmerte sich gerade nicht um seinen menschlichen Körper, nicht wenn seine Aura dabei so pulsierte und waberte, als könnte sie jeden Augenblick explodieren.
      Die anderen Auren zogen sich nach und nach, fast schon zögernd, wieder zurück.

      Von der schicksalhaften Begegnung der beiden Götter blieb schon einen Tag darauf nichts mehr übrig. Dionysus war so schnippisch wie sonst und behandelte Kassandra wie an jedem anderen beliebigen Tag. Das Brandmal auf seinem Unterarm versteckte er nicht; es war rot, angeschwollen und zeichnete sich sehr prominent auf seiner nackten Haut ab. In dieser Sache blieben ihm auch keine Optionen, denn hätte er versucht, es zu kaschieren, dann hätte er eingestehen müssen, dass die Markierung eine Schmach für ihn war. Und was sollte er da bloß wegen seiner Aura tun, wo das Brandmal für jedes göttliche Wesen deutlich sichtbar war? Nein, Dionysus trug sein Brandmal auf seinem Körper und ignorierte es vollständig. Auch die anderen Champions erwähnten die Konfrontation nicht und behandelten die Phönixin so wie immer. Die Menschen schienen über den Vorfall nicht im Bilde zu sein.
      Aber Dionysus hatte nicht vergessen. Und Dionysus hatte sicherlich auch nicht vor, seine Drohung einfach fallen zu lassen. Wochenlang geschah nichts, wochenlang verhielt sich der Weingott so wie sonst.
      Dann waren sechs Monate vergangen. Sechs Monate seit der Krönung. Und als der Rat eine seiner Audienzen beenden wollte, hielt Dionysus sie alle auf.
      “Wartet. Einen gibt es noch auf der Liste.”
      Es war Kalea, die ganz offensichtlich nicht darüber im Bilde war und theatralisch stöhnte.
      “Die Liste ist durch, Dionysus. Wir beenden für heute.”
      “Das ist ein Notfall.”
      “Ein Notfall.”
      “O ja. Wir wollen doch einer armen, in not geratenen Seele nicht unsere offenen Tore vor der Nase schließen, oder?”
      Dionysus hing wieder in seinem Stuhl und Dionysus grinste auch wieder sein typisches Grinsen, mit dem er sich unterhalten fühlte. Kalea rollte mit den Augen und setzte sich wieder.
      “Dann bringen wir es hinter uns.”
      Zoras und Kassandra nahmen auch wieder Platz. Die Wachen an der Tür gingen nach draußen und kamen ein paar Sekunden später mit dem Besucher wieder. Sie hielten ihn dabei an den Armen fest, denn der Besucher trug Ketten an den Händen.

      Der Mann zwischen ihnen war nicht gerade hoch gewachsen, ein wenig schmächtig, ein wenig bleich im Gesicht. Er war in Lumpen gekleidet, die einst einmal Farbe und Form besessen haben mochten, aber mittlerweile von zu vielem Tragen und von zu viel Schmutz abgewetzt und grau waren. An seiner Haut klebte noch hartnäckiger Schmutz, den man ihm offenbar erfolglos wegzureiben versucht hatte. Er ging ein wenig gebückt, seine Aura zitterte und bebte mit einer unerklärbaren Furcht. Er hielt den Blick auf den Boden gerichtet.
      Zoras sah den Mann und etwas in ihm drin, tief in ihm, regte sich, erwachte aus einem Tiefschlaf, erst ein Funken, dann ein Licht, dann eine gleißende Explosion. Er sah den Mann und er sah seinen kahl rasierten Schädel, seine dünnen Augenbrauen, die Andeutung der Wangenknochen, die man von der gebückten Haltung erhaschen konnte. Er sah die Hände, die schmutzigen, aber dennoch wohlgeformten Hände, die penibel zurecht gestutzten Fingernägel. Er sah seine Augen nicht, aber er konnte sie sich vorstellen, die blauen, zum verteufeln warmen Augen, dieser leidende Blick, dieses mitfühlende Etwas, das dort tief in ihnen lag, wenngleich er nichts davon hätte verspüren können. Die Lügen, die sie ihm erzählt hatten. Die Hoffnung.
      Oh, Zoras.
      Wäre er nicht gesessen, so hätte er den Boden unter den Füßen verloren. Zoras schnappte nach Luft, was allen Menschen, aber keinem Champion entging. Seine Muskeln verspannten sich, als er glaubte, aus der Realität gerissen zu werden. Das hier war keine Realität, das war ein Albtraum, ein böser, böser Albtraum, aus dem er nie erwachen würde. Er war hier gefangen. Er war noch immer… das war nicht…
      Der Mann wurde wie jeder andere auch zur Mitte des Raumes gebracht. Wilben gab einen abschätzigen Laut von sich.
      “Er macht den ganzen Boden noch dreckig.”
      “Was will er? Sprich und trage dein Belangen vor.”
      Der Mann reagierte nicht sofort. Er sah erst noch den Boden vor sich an und dann, als ein Moment der Stille herrschte, wagte er es, den Kopf vorsichtig zu heben.
      Sein verlorener Blick glitt orientierungslos, fragend über die 12 Anwesenden, die er im Halbkreis vor sich fand. Er streifte Zoras nur für einen Moment, aber der spürte doch, wie es ihm dabei eiskalt den Rücken herunterlief, wie sich sämtliche seiner Sinne gegen ihn stellten, wie ihn eine primitive Angst ergriff, die er seit… seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Ein einziger Blick, eine einzige Sekunde lagen diese blauen Augen auf Zoras’ und er wollte sogleich aufspringen, weglaufen, weinen, schreien, schimpfen - aufwachen. Er wollte aufwachen. O bitte, ihr Götter, bitte lasst mich aufwachen, ich erflehe es.
      Sein Atem versagte ihm. Ein paar Plätze weiter lag Dionysus’ süffisanter Blick nicht auf Zoras, sondern auf Kassandra.
      “... Sprechen soll er!”, verlangte Kalea und einer der Wachen verpasste dem Mann einen Schubs. Der war nicht annähernd darauf vorbereitet, stürzte zu Boden und kämpfte sich dann wieder auf die Beine. Schließlich sprach er auch.
      “Bitte, ich… ich weiß nicht, was Ihr wollt, ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe niemandem etwas getan. Bitte lasst mich gehen. Ich habe Frau und Kinder, bitte, ich flehe Euch an.”
      Diese Stimme… diese Stimme war… bei den Göttern…
      Wo ist Kassandra, Zoras?
      Neben ihm. Sie war neben ihm.
      Zoras hielt das nicht aus. Er würde das nicht aushalten. Ein Abgrund hatte sich unter ihm aufgetan und er fiel ungebremst hinein.
      “... Was? Was war das?”
      Feyra blickte verwirrt in die Runde und begegnete anderen menschlichen, verwirrten Blicken. Keiner konnte hier immerhin weder therrisisch sprechen, noch verstehen.
      Wo ist sie, Zoras?
      “Kassandra”, schnurrte Dionysus von seinem Platz aus. Oh, und wie er den Aufruhr genießen musste, den Zoras’ Aura gerade neben den ruhigen Schwingen der Phönixin ausmachte.
      “Sei doch so gut und übersetze für uns.”

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    • Wochen vergingen. Wochen, in denen aufregend wenig geschah und Kassandra langsam wieder in ein normales Level verfiel. Die ständige Anspannung schwand auf das stetige Level, dass sie auch zu Beginn in Kuluar ständig empfunden hatte. Es kam zu keiner weiteren Auseinandersetzung zwischen Kassandra und Dionysus, weshalb sich eine Art Waffenstillstand einzustellen schien.
      Bis zu einem schicksalshaften Tag, als der Weingott den Rat zurückhielt und verkündete, dass noch jemand vorstellig sein würde. Kassandra legte kein Veto ein und verblieb auf ihrem Platz neben Zoras. Schließlich konnte es nichts Schlimmes sein, jedenfalls dann nicht, wenn es nicht von Dionysus verkündet worden wäre. Also stellte sie sich auf schlimmere Ergebnisse ein, als es normal der Fall gewesen wäre.

      Herein kam ein Mann in Schellen. Kassandra betrachtete ihn mit unverhohlenem Interesse. Auf Kassandra wirkte dieser Mann wie jeder andere Bewohner aus Kuluar. Nur sehr... gebrochen, verunsichert. Er hielt den Blick stetig gesenkt, mied jedes Wort und war alles andere als glücklich in seiner Situation. Zeitgleich veränderte sich Zoras an ihrer Seite. Seine Aura schlug augenblicklich um, von gefasst und seriös zu aufgewühlt und instabil. Das fiel auch den anderen Champions auf, doch nur einer von ihnen war weniger fraglich, sondern sehr unterhalten. Das Gefühl, etwas ganz und gar offensichtliches zu übersehen beschlich Kassandra.
      Auch der Rat wirkte größtenteils irritiert. Wilben forderte den in Ketten gelegten Mann zum Sprechen auf, aber welcher Mensch, der in Ketten lag, hatte das Recht, hier vorzusprechen? Kassandra zermarterte sich das Hirn. Wie hätte ein Gefangener...
      Der Mann hob seinen Blick und Kassandra fand rein gar nichts außergewöhnliches in ihnen. Dafür war es allerdings Zoras, der plötzlich den Anschein machte, am liebsten wegzulaufen. Die stirn der Phönixin legte sich in Falten. Etwas Großes entging ihr gerade.
      „Sprechen soll er!“
      Der Mann wurde geschubst und als er dann seine Stimme erhob, lösten sich die Falten auf Kassandras Stirn. Der Mann sprach therissisch. Einwandfreies therissisch. Er stammte nicht von hier, er war ein potenzieller Kriegsgefangener aus Theriss. Zoras kannte ihn aus seiner Zeit vor Kuluar. Die Worte, die er sprach, waren begleitet von Wahrheit, nur in einem Punkt log er. Nur war dieser Punkt genau der, der bei jedem Menschen wohl eine Lüge gewesen wäre. Er HATTE jemanden verletzt, so wie Zoras und Kassandra und so viele andere auch.
      „... Was? Was war das?“
      Kassandras Kiefer spannten sich an. Das war eine Farce, eine reine Farce. Aufgezogen von Dionysus, der sich köstlich unterhielt und das Ganze auch noch zur Schau trug, indem er die Phönixin als Sprachrohr zu missbrauchen versuchte.
      „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr alle durchaus in der Lage seid, jegliche Sprachen zu verstehen so wie ich auch.“ Kassandras Tonfall war alles andere als erfreut. Sie schoss einen Blick zu Feyra herüber. „Frag doch deinen großartigen Champion. Du willst dich doch wohl nicht auf MICH verlassen, korrekt?“
      Indes streckte Kassandra ihre Aura nach Zoras aus. Sie ummantelte ihn wie ein edler Umhang und versuchte, sein aufgewühltes Selbst zu beruhigen. Dafür benutzte sie keine Blicke; die lagen auf dem Mann in Ketten.
      „Du stammst aus Theriss“, eröffnete Kassandra auf therissisch dem Mann am Boden. „Wie bist du hierher gelangt? Soweit ich weiß führt Kuluar keinen Krieg mit Theriss, wer bist du also?“
      Wer bist du also...
      Die Frage, die hier wirklich eine Rolle spielte. Dieser Mann löste bei Zoras eine unfassbar starke Reaktion aus, die aus allen möglichen Zusammenhängen hätte rühren können. Es gab exakt einen, den sie als Rückschluss ziehen könnte, aber das war... Selbst für den Gott des Weines zu viel Arbeit in sterblichem Territorium.
    • Feyras Blick ging wie automatisch zu Dionysus neben sich, aber irgendwie eher, um sich von ihm bestätigen zu lassen, dass sie sich tatsächlich nicht auf Kassandra verlassen wollte. Dionysus reagierte kaum darauf und lächelte die Phönixin nur charmant an.
      "Er hat gesagt, dass er gerne gehen will."
      Kalea schnaubte. "Dann soll er gehen. Ich habe keine Zeit für sowas."
      "Du stammst aus Theriss", begann Kassandra ungeachtet der Frau und es war für Zoras wie ein Schlag ins Gesicht sein Land zu hören, in diesem Zusammenhang, in dieser Sprache. Er spürte Kassandras Wärme, die vertraute, tröstliche Wärme und es war Segen und Fluch gleichzeitig, dass er sich ihrer gewahr war.
      Wo ist Kassandra?
      Hier. Hier war sie. Götter, nein.
      Der Mann am Boden riss sofort den Kopf zu Kassandra herum, als er das makellose therissisch hörte. Was auch immer er durchgemacht hatte, jetzt seine Heimatsprache zu hören, das machte etwas mit ihm, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen. Sofort schien er wie aufgelöst und wollte auf Kassandra zulaufen, wurde nur von den Wachen aufgehalten.
      "Bitte! Bitte - Ihr könnt mich verstehen - sagt Ihnen, dass es ein Missverständnis ist! Oder... oder, ich weiß es auch nicht! Ich bin nicht freiwillig hierhergekommen, ich wurde entführt!"
      Jetzt weinte er und Zoras - Zoras spürte einen Zorn in sich aufsteigen, der nicht von dieser Welt schien. Vom einen Augenblick in den anderen wurde er von einer solchen Wut ergriffen, dass er unter ihrer Wucht erzitterte. Wie sehr er es sich gewünscht hatte, dass dieser Mann einmal weinen würde, dass er einmal auf dem Boden kriechen und um Gnade winseln würde, aber - was spielten die Götter nur für ein Spiel mit ihm, dass sie ihm gerade jetzt diesen Wunsch gewährten, dass sie alte Wunden aufrissen und sich an seinem Inneren labten, nur um ihm dann einen einfachen Wunsch zu gewähren. Gerade jetzt?
      Gerade jetzt musste dieser Mann wirken wie ein einfacher Mann und nicht wie das Monstrum, das Zoras all die Jahre in seine Träume begleitet hatte? Gerade jetzt?
      Zoras' Kiefer malmten, bis ihm die Zähne schmerzten. Er konnte das nicht mit ansehen, er wollte hier raus. Er wollte noch immer aufwachen, wollte, dass die Götter ihre Scherze mit ihm einstellten.
      "Hör auf!", bellte er ihn an und der Therisser besaß die Frechheit, von seinen Worten zusammenzuzucken. Vor einer langen und gleichzeitig viel zu kurzen Zeit war es einmal gänzlich andersherum gewesen.
      Zoras versuchte zu atmen. Er versuchte, sich an Kassandras Wärme zu halten, denn sie war das einzige, was ihn daran hinderte, völlig den Verstand zu verlieren. Er spürte Blicke auf sich und er wusste, dass dieser Moment fragil genug war, seine Position zu gefährden. Ihn selbst zu gefährden.
      War der Stuhl unter ihm immer schon so hart gewesen? Waren die Armlehnen immer schon so kantig gewesen? Er ruckte mit den Armen und für einen langen, grausamen Moment rechnete er fest damit, dass er sie nicht bewegen können würde, dass irgendetwas sie festhalten würde.
      Ihm war zum Schreien zumute.
      "Beantworte ihre Fragen", presste er stattdessen knurrend hervor und der Mann unterwarf sich sogleich der Autorität in seiner Stimme. Es war unklar, ob er Zoras erkannt hatte.
      "Mein Name ist Velius Meran, ich wurde eines nachts aus meinem Zuhause entführt. Man schlich sich in mein Zimmer, forderte, dass ich mich für eine Reise fertig machte, und brachte mich wie einen Gefangenen aus der Stadt heraus. Und über die Grenze - o ihr Götter, bitte habt Erbarmen mit mir. Ich war so lange unterwegs und ich wusste nicht wohin. Man behandelte mich als Gefangenen und dabei bin ich ein Diener Seiner Majestät! Aber ich möchte Euch sagen, dass er Gnade walten wird, wenn Ihr mich gehen lasst. Ich brauche nur ein... ein Pferd und die ganze Sache wird vergessen sein. Alles vergessen! Aber bitte, so lasst mich gehen!"
    • In Kassandra wuchs weder Mitgefühl noch Reue noch Zorn. In ihr herrschte eine Leere, ein Ort, der nach Antworten dürstete und darauf wartete. Bei dem Klang ihrer Stimme und den Worten der Heimatsprache brach der Mann in Tränen aus. Keine einzige von ihnen berührte Kassandra auch nur ansatzweise.
      Er wurde von den Wachen niedergerissen, als er sich der Göttin zu Füßen werfen wollte. Jedes weitere Wort, welches ihm über die Lippen kam, war begleitet von der Wahrheit. Er wusste nicht, wieso er hier war. Seine Verwirrung war weder gespielt noch eingetrichtert worden. Kassandra nahm sich die Zeit, um den Blick von dem Mann zu nehmen und ihn gemächlich, aber in voller Intensität, auf Dionysus zu legen.
      „Entführt worden ist dieser Mann? Nein, wie barbarisch“, heuchelte sie Entsetzen, während ihre Augen nur Verachtung übrig hatten.
      Doch es war der plötzliche Zorn, der Kassandra von Dionysus ablenkte. Er war so stark ausgeprägt und entwickelt, dass sie für einen Moment stutzte, als ihr auffiel, dass er von Zoras stammte. Auf ihrer Aura fühlte sie sein Zorn an wie Säure, die sich langsam durch alles hindurch zu fressen vermochte. Zorn war etwas, was Kassandra nicht mit Zoras und dem Mann in Verbindung gebracht hätte. Aber langsam, ganz langsam, fügten sich Teile und das Bild bekam einen Rahmen.
      Der Mann, der sich als Velius vorstellte, beantwortete endlich Kassandras Fragen. Der Fakt, dass sie Lügen erkennen konnte, machte die folgenden Worte von ihm nicht leichter zu ertragen. Man hatte ihn ausfindig gemacht und hierher gekarrt, einzig und allein auf Dionysus' Befehl hin. Dessen war sie sich mittlerweile absolut sicher. Er sollte Zoras verstören – was er effektiv gerade auch schaffte – und etwas in ihm auslösen, was alt und vergraben war. Es gab nur eine einzige Sache, von der Kassandra nur schemenhaft wusste und die stark genug war, dies zu bewirken. Nur eine Sache, die Dionysus ebenso wissen konnte.
      „... bin ich ein Diener Seiner Majestät!“
      Jetzt schien auch für die Phönixin die Zeit stillzustehen. Velius war Feris unterstellt gewesen. Er war sein Mann gewesen und es gab in der Tat nur einen Menschen seit Kassandras Entführung und den Jahren, der von Schock bis Zorn dermaßen starke Emotionen bei Zoras auslösen konnte. Zoras verspürte den Zorn, als Velius zu weinen begonnen hatte. Denn in seinen Augen besaß der Mann kein Recht dazu, nicht jetzt oder irgendwann. Weil die Rollen einst vertauscht waren.
      Weil Velius Zoras' Foltermeister gewesen war.
      Die Erkenntnis ließ den warmen Aurenmantel von Zoras' Schultern gleiten. Stattdessen breitete er sich am Boden aus, wie ein Teppich, der alles und jeden am Boden erfasste. Die Skepsis in Kassandras Gesicht verschwand und wich der gleichgültigen Maske, die auch Dionysus vor Wochen getragen hatte. Das hier war der Mann, der auf Feris Geheiß hin Zoras misshandelt hatte. Der ihn traumatisiert hatte und ihn nun ohne Narben und Bart nicht mehr erkannte. Wenn dieser Mann auf freien Fuß käme und zurück nach Theriss reiste, würde Feris erfahren, wo Zoras und sie verblieben waren. Dass keiner von ihnen gestorben war und sie sich stattdessen wieder gefunden hatten. Wenn sie ihn nicht gehen ließ, dann bekäme Zoras seine Vergeltung, aber Kassandra hätte ein weiteres Leben gewaltsam genommen. Auch er hatte Familie, so wie Zoras sie einst hatte. Sie würde sich später darum kümmern und Dionysus zur Rede stellen. Jetzt aber gab es andere Dinge zu tun. Und Standpunkte klarzumachen.
      „Verlasst den Saal“, verkündete Kassandra für alle, „alle bis auf die Wachen und diesen Mann.“
      Sehr zu ihrem Missfallen rührten sich nur die Menschen ob ihres Befehls. Doch weder Rat noch Champions rührten sich. Da erhob sich Kassandra mit einer grazilen Tödlichkeit. Die umstehende Champions verdienten sich von ihr nur einen Blick aus den Augenwinkeln, als sie ihre Aura gleich des Feuers erhob, das sie war. Ihre Präsenz füllte den Raum und dieses eine Mal war die Botschaft für alle unmissverständlich: Wer ihren Befehl ignorierte, würde mit Konsequenzen vollsten Ausmaßes rechnen müssen. Das genügte, damit sich der Rat samt Champions zurückzog, wobei es Esho war, der der Aufforderung als Erstes folgte. Er verließ leichtfüßig mit Asterion den Saal, als kümmerte es ihn einfach nicht. Versetzt danach folgte der Rest, bis schließlich nur noch Kassandra, Zoras, Velius und etliche Soldaten im Saal zurückgeblieben waren.
      „Also“, begann sie erneut und setzte sich wieder, „Velius... ich nehme an, du hast eine sehr besondere Aufgabe von Feris bekommen. Was genau hast du getan? Warst du ganz zufällig vielleicht in den Kerkern beschäftigt? Hast du vielleicht sogar die Leute da unten beschäftigt? Hast sie nach Dingen gefragt, auf die sie keine Antworten hatten?“
      Die Neutralität in ihrer Stimme begann zu brechen und Abscheu machte sich in ihr breit. „Hast du Zoras Luor im Auftrag des Königs gefoltert?“ Allein bei der Erwähnung des Namens reagierte Velius kaum merklich, doch ihr war es nicht entgangen. „Was. Hast. Du. Ihn. Gefragt?“
      Denn darauf hatte Kassandra bis heute keine Antwort von Zoras bekommen.
    • Zoras hätte am liebsten gar nicht hingehört. Er wollte nicht hinhören, er wollte nicht den Namen des Mannes erfahren oder hören, wie er aus Theriss hierhergekommen war, dass er Familie hatte. Er wollte gar nichts von diesem Mann hören, nichts außer Wo ist Kassandra und Oh, Zoras, denn nur so kannte er ihn, nur so hatte er ihn kennengelernt und nur so sollte er Zoras im Gedächtnis bleiben. Denn wenn er sich als etwas anderes entpuppte als das Monster, das er in Zoras' Augen gewesen war...
      Dieser einzelne, schmächtige Mann besaß mehr Macht über Zoras als irgendein anderer Mensch oder Gott es je vermochte, mehr als er selbst über sich besaß. Die Narben saßen so tief in Zoras, dass sie ihn allein auf die Erinnerung hin piesakten. Wenn dieser Mann es wollte, könnte er Zoras allein mit der Macht seiner Stimme beeinflussen. Ein einziges Sag mir, wo Kassandra ist und Zoras würde all das verlieren, wozu er sich aufgerafft hatte, wozu er sein Leben in den letzten Jahren zusammengekratzt hatte. Er würde sich selbst verlieren.
      Und wenn dieser Mann ein normaler Mensch war, ein selbst denkender, gewöhnlicher Sterblicher wie jeder andere auch, wenn er kein Albtraum war, den er vergessen und verdrängen konnte...
      Das durfte nicht sein. Es würde Zoras auf eine Weise zerstören, die er sich niemals hatte ausmalen können.
      "Verlasst den Saal. Alle bis auf die Wachen und diesen Mann."
      Zoras löste den Blick nicht von dem Therisser. Das konnte er gar nicht, denn wenn er es tat, dann würde er blinzeln und dieses Gesicht würde genau vor ihm auftauchen, diese Augen würden ihn unendlich warmherzig betrachten und diese wohlgeformten, weichen Hände würden sich auf seine Arme legen, auf seine Hüfte, auf seine Beine, auf seine Brust, überall hin. Und das einzige, was er tun könnte, wäre zu weinen und den Schmerz zu erwarten.
      Der Saal leerte sich, dann waren sie gefühlt alleine. Velius sah den anderen nur unsicher hinterher, den deutlich erkennbar hohen Persönlichkeiten, die sich nach und nach erhoben und nach draußen stolzierten, nicht wenige mit abwertenden, unzufriedenen Ausdrücken im Gesicht. Sicherlich rechnete er mit dem schlimmsten. Neue Tränen stauten sich in seinen Augen und er schien darum zu kämpfen, sie zurückzuhalten.
      Dann sprach Kassandra weiter und während Velius' Augen größer wurden, schien etwas anderes in ihm zu klicken. Nun war er zwar ein Kerkermeister, aber durchaus in den Diensten Seiner Majestät und daher war auch er dazu gedrillt, keine Staatsgeheimnisse preiszugeben, nicht unter Folter, gar nicht. Auch dann nicht, wenn er eine monatelange Reise in ein unbekanntes Land hinter sich hatte, dessen Sprache er nicht sprach. Ganz besonders dann nicht, denn wenngleich er nicht wusste, weshalb er hier war und was man von ihm wollte, würde er doch keinesfalls etwas von sich geben.
      Daher schien er seine Tränen zum ersten Mal erfolgreich zurückhalten zu können, während er die inneren Mauern in sich hochzog.
      "Nein, ich war nie in den Kerkern beschäftigt. Ich diene Seiner Majestät höchstpersönlich. Ich bin nicht im Kerker beschäftigt und ich bin auch nicht in die Tagesgeschäfte Seiner Majestät eingegliedert. Ich bin bloß ein Diener, Herrin."
      Zoras hätte ihn am liebsten noch einmal angefahren, hätte viel lieber auch noch losgebrüllt und den Kerl höchstpersönlich dazu gebracht, die Wahrheit zu sagen. Vielleicht tat er das ja auch, vielleicht war er irgendwie nach den Jahren zum Diener degradiert worden, aber selbst wenn, hätte er ehrlich sein müssen. Schuldete er das nicht Zoras? Wäre das nicht eine winzige Buße für all den Schaden, den er an ihm angerichtet hatte? Für das Leben, das er ihm genommen hatte?
      Doch Kassandra sprach ungeachtet seiner Antworten weiter und bei dem gefallenen Namen zuckte ein Mann im Raum zusammen, aber es war nicht Velius. Zum ersten Mal sprang Zoras' Blick auf die Phönixin über, deren Gesicht überhaupt nicht zu der Säure passte, die in ihrer Stimme steckte. Kalte Panik machte sich in ihm breit.
      Sie würde nicht herausfinden, was Feris von Zoras hatte erfahren wollen. Das würde er schlichtweg nicht zulassen. Vielleicht verriet er sich mit einer derartigen Reaktion, aber dieses eine Geheimnis musste sie ihm gewähren. Sie würde es nicht herausfinden - wer hätte denn auch damit rechnen können, dass einer der wenigen Männer, der von diesem Geheimnis wusste, direkt in Kuluar auftauchen würde?
      Aber zu seinem Glück waren er und Velius zum ersten und einzigen Mal einer Meinung.
      "Ich muss Euch enttäuschen, der Name sagt mir nichts. Bitte - kann ich damit wieder gehen? Ich bin Euch nicht von Nutzen, ich weiß nichts, was für Euch von Belang sein dürfte."
      Das war diesmal wirklich nicht richtig und Zoras war sich dessen nur allzu stark bewusst. Ob Kassandra den Mann genauso behandeln würde wie Lyadir? Vielleicht. Ob Zoras das Risiko eingehen würde?
      "Das reicht", knurrte er, selbst seine Stimme zum Zerreißen gespannt. "Er soll mir aus den Augen gehen. Werft ihn in den Kerker, er wird heute keine Fragen mehr beantworten."
      Was eine Ansage hauptsächlich an Kassandra war.
    • Viel zu oft hatte Kassandra miterlebt, wie sich die inneren Mauern eines Menschen erhoben. Wie sie versuchten, sich mit aller Macht dagegen zu wehren, ihr das zu geben, was sie von ihnen forderte. Das war es nicht, was Kassandra dazu nötigte, ihre Finger in die Lehne ihres Sitzes zu graben. Nein, es waren die Lügen, die ihr wie ein fauler Wind entgegenschlugen und die dafür sorgten, dass die gleichgültige Miene Risse bekam. Ihr Blick wurde scharf, das Gesicht verfinsterte sich, während sie sich irgendwo tief in ihr drin darüber amüsierte, dass dieser Sterbliche glaubte, ihr mit Lügen begegnen zu können.
      „Weißt du, wer ich bin?“, fragte sie stattdessen und legte den Kopf leicht schief. Sie hatte aufgehört zu blinzeln und zu atmen, allein in dem Versuch, aus diesem Mann keine zweite Alsyr zu machen.
      Dennoch spürte sie, wie Zoras' Blick plötzlich zu ihr sprang. Das war nicht die Art, wie er es sonst tat, wenn sie dabei war, etwas Wichtiges für ihr Vorhaben zu gewinnen. In diesem kurzen Blick steckte eine Panik, die nicht direkt mit diesem Mann zusammenhing. Es ging eher darum, wie sie mit Velius sprach, oder vielmehr, worüber.
      Als sich Velius ein weiteres Mal mit Lügen versuchte aus der Affäre zu ziehen, lachte Kassandra kurz und bellend auf. Wie konnte dieser Sterbliche es wagen...
      „Das reicht.“
      Kassandra wurde steif, ihre Brust eng und ihre Augen weiteten sich.
      „Er soll mir aus den Augen gehen. Werft ihn in den Kerker, er wird heute keine Fragen mehr beantworten.“
      Rote Iriden richteten sich fassungslos auf den Eviad. Hatte sie das gerade richtig vernommen? Er wollte Velius in den Kerker stecken, so wie auch Lyadir Wochen zuvor? War er denn von allen guten Geistern verlassen?! Noch dazu kam der Punkt, dass er unterbinden wollte, was sie begonnen hatte. Sie sollte ihn nicht weiter befragen.
      „Du willst ihn jetzt, einfach so in den Kerker werfen lassen?“, fragte die Phönixin sicherheitshalber noch einmal nach und bekam von Zoras stumm die Bestätigung. Ein paar Herzschläge vergingen, dann zuckte ihr Kopf zurück zu Velius. Wer konnte schon wissen, wie lange er dort noch am Leben bleiben würde?
      Langsam erhob sich Kassandra aus ihrem Sitz. Dabei ließ sie Zoras nicht einen Blick zukommen. Dies war vermutlich das erste Mal, dass sie dem Eviad offen widersprach.
      „Ich bin noch nicht mit ihm fertig, Zoras“, stellte sie ein für alle Male klar, als sie erst einen Schritt nach vorn machte, dann einen zweiten. Sie stieg die Erhöhung hinab, die ihre Sitze von dem eigentlichen Level des Saales abhob und näherte sich dem in Ketten gelegten Mann. Hinter ihr hörte sie Zoras ein Geräusch machen, aber die Worte fehlten ihm. Dafür bekam Velius nun ihre ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit ab.
      „Ich fürchte, du vergisst da eine Kleinigkeit, Mensch“, sagte Kassandra, als sie sich regelrecht auf ihn zu pirschte und sah, wie der Mann vor ihr zurückweichen wollte. Doch sie hielt ihn mittels ihrer Aura davon ab. „Ich bin Kassandra. Die Kassandra. Phönixe sind in der Lage, Lügen zu detektieren, also versuch es gar nicht erst.“
      Sie hielt nur eine Armlänge entfernt vor Velius an und musste den Kopf etwas in den Nacken legen, um zu dem größeren Mann aufzusehen. Aber das störte sie nicht. Hatte es noch nie.
      „Wie findest du den Vorschlag, dass ich dir einmal zeige, wie sich Verbrennungen auf der Haut anfühlen? Solche, die du mit Brenneisen hervorgerufen hast?“, flüsterte sie ihm mit sinnlicher Stimme zu, die so gar nicht zu dem Ausdruck in ihren Augen passte.
      Velius schwieg, entweder aus Angst oder weil er sich noch immer an den Resten seiner Entschlossenheit festhielt. Seine Lippen bebten, das entging ihr nicht, aber er reagierte ihr nicht schnell genug.
      Ich habe gesagt, du sollst mir sagen, ob du Zoras Luor gefoltert hast, Sterblicher!“, fuhr sie ihn urplötzlich mit laut erhobener Stimme an, die getränkt von Zorn und Groll war. Ihre Göttlichkeit verlieh ihrer Stimme einen übernatürlichen Doppelton, als sie nicht mehr alle Teile von sich unterdrückte.
    • Die Wachen setzten sich bereits in Bewegung, um dem Befehl des Eviads nachzukommen, da stand Kassandra langsam auf. Zoras starrte sie an; zu seiner aufkeimenden Panik gesellte sich jetzt auch noch die Sorge, dass Kassandra ihm widersprechen könnte. Dass sie ihm widersprechen würde. Dass sich dieser ganze Albtraum noch weiter ziehen würde.
      "Ich bin noch nicht mit ihm fertig, Zoras."
      Zoras' Welt schien für einen Moment zu kippen, als er seinen therissischen Namen hörte. Er konnte es fast körperlich spüren, die Schwerelosigkeit, die sich auf ihn legte und seinen Magen zum Kippen brachte. Kassandra gehorchte ihm nicht. Dieses eine Mal, wenn sie es müsste, gehorchte sie ihm nicht.
      Dieses eine Mal, das einzige Mal, wünschte Zoras sich, ihre Essenz zu haben. Die Verzweiflung und die Hilflosigkeit dieser Situation stiegen ihm zu Kopf, waren zu viel für ihn. Er konnte nicht fliehen, er konnte nicht kämpfen, er konnte sich nicht verstecken. Er war vollkommen hilflos ausgeliefert. Er wünschte sich ihre Essenz herbei, denn einen anderen Ausweg kannte er nicht.
      In Velius' Aura spiegelte sich Verständnis, Erleuchtung wieder, auch wenn er es sich äußerlich nicht sehr anmerken ließ. Der Name des Aufstandsanführers war nun schon einmal gefallen und er hatte sicherlich schon das erste Mal Verdacht geschöpft, hatte es nicht als reinen Zufall abgetan, dass gerade in diesem Land, so weit fernab von Theriss, der Name gefallen war. Nun hörte er ihn erneut und die Verknüpfung war nicht zu verhindern.
      Sein blauer Blick legte sich auf Zoras. Er sah ihn nur einen Moment länger an, nur ein bisschen, während Kassandra neben ihm aufstand und auf ihn zukam. Er schien sich bestätigen zu wollen, was er eh schon zu wissen glaubte, und studierte die Züge des älteren Mannes, der dort hoch oben vor ihm saß, das harte Kinn, die dunklen Augen, die strengen Gesichtszüge. Er hatte wohl kaum eine Chance, den Zoras von damals wiederzuerkennen, denn sein Bart war dicht, voll und verfilzt gewesen, seine Haare lang und fettig und er hatte sicherlich keinen so harten Gesichtsausdruck zu Tage gelegt, er hatte viel eher geweint und geschrien und gebettelt. Vielleicht konnte er ihn an den Augen erkennen, an den kleineren, braunen Augen, die sich an ihm festgesetzt haben und ihn nicht mehr losließen.
      Ganz sicher hätte er ihn an seinem Körper erkennen können, an den Markenzeichen, die er selbst hinterlassen hatte. An seinen eigenen Zeichen. Und tatsächlich, sein Blick glitt für einen Augenblick an Zoras herab und blieb dann an seiner linken Hand hängen, die sich in die Lehne krallte.
      An Amartius' Zeichen, das auf deren Handrücken prangte.
      Und Zoras durchfuhr ein Zittern, das seinen ganzen Körper zu beschlagnahmen schien, während er die Hand wegriss und unter den Stoffen seiner Gewänder verhüllte. Aber der Mann hatte es gesehen, zweifellos, auch wenn er jetzt wieder Kassandra ansah, die direkt vor ihm zum Stehen gekommen war.
      "Ich fürchte, du vergisst da eine Kleinigkeit, Mensch. Ich bin Kassandra."
      Zoras schluckte. Seine Brust fühlte sich eng an, Telandirs Narbe pochte und schickte ihm scharfe Dolchstöße durch den Körper. All seine verbliebenen Narben schienen im Einklang damit zu pochen und sich gegen ihn zu stellen. Ihm war schwindelig, ihm war heiß. Er hätte sich übergeben können, sofort, auf der Stelle. Er hätte noch viel mehr tun können.
      "Die Kassandra. Phönixe sind in der Lage, Lügen zu detektieren, also versuch es gar nicht erst."
      Velius sah Kassandra an und er musste verstehen, er musste es begriffen haben, es gab keinen Weg daran vorbei. Er musste vieles begriffen haben, damit angefangen, dass Zoras nicht bei der Flucht gestorben war, wie man vermutlich angenommen hatte, weiter dahingehend, dass Zoras und Kassandra jetzt zusammen waren. Dass er es doch gewusst haben mochte, wo sich Kassandra befand. Dass er es irgendwie geschafft haben musste, sich gegen seine Folter zu behaupten, monatelang.
      Zoras stöhnte leise. Sein Mund war trocken. Wenn er Kassandras Essenz an sich gehabt hätte, hätte er sie so kräftig zurück gerissen, dass sie nicht einmal über das Gegenteil hätte nachdenken können.
      Sie sprach weiter auf ihn ein und Velius' Gesichtsfarbe wurde blässer und blässer. Er hatte schon erschrocken genug ausgesehen, einer Göttin gegenüber zu stehen, aber jetzt war er regelrecht entsetzt. Er mochte selbst ein Meister der Folterkunst sein, aber sie zu verabreichen und zu spüren, das waren zwei sehr starke Gegensätze.
      Dann fuhr Kassandra ihn plötzlich mit einer Stimme an, bei der sämtliche Menschen im Saal unmerklich zusammenzuckten, als die göttliche Aura von ihrer Stimme heraufbeschworen durch ihre Körper raste. Die Phönixin war nur selten so wütend, nur selten zeigte sie ihren Zorn auf eine derartige Weise. Ihre sonstige Neutralität war wie weggeblasen, dies hier war eine freie, ungebundene Göttin und in ihrem Zorn, in ihrer Wut, könnte sie noch den ganzen Palast in Schutt und Asche legen. Sie könnte Velius verbrennen, so wie sie es ihm drohte, und sie könnte bei allen anderen Wachen im Raum weitermachen. Wer würde sie schon aufhalten, wenn sie sich dazu entschloss, Feuer vom Himmel regnen zu lassen? Wer würde sich schon der tobenden Phönixin in den Weg stellen?
      "ES REICHT!"
      Zoras sprang auf. Seine ganze Autorität als Eviad kam zum Spiel, nur um sich schon davon abzuhalten, sofort den Raum zu verlassen. Aber was er stattdessen tat, war viel wagemutiger als das.
      Er deutete mit einem steifen Finger auf Kassandra.
      "Ich verbiete es dir! Du wirst ihm keine Fragen stellen, Kassandra!"
      In dem Schweigemoment, der darauf folgte, schien die Luft im Saal auf einmal so dick zu sein, dass sie mit den Händen zu greifen war. Hinter dem Rücken der Phönixin stand der Eviad, hochaufragend, leichenblass im Gesicht, sein Körper von einem Zittern erfasst, das unter den vielen Gewändern nicht zu sehen war. Und er wagte es, ihr einen direkten, unumstößlichen Befehl zu erteilen. Keine Bitte, keine Frage, keine Aufforderung. Er verlangte Unterlassung von der Göttin.
      In dem gleichen, winzigen Moment war es plötzlich der Kerkermeister, der wieder das Wort erhob. Seine Stimme war dünn, aber frei von Unsicherheit.
      "Ja. Ich habe Zoras Luor auf Geheiß gefoltert."
      Und weil dies keine Sache war, die die Wachen von Kuluar mitkriegen sollten und weil es nichts war, was sich Zoras vor dem Therisser erlaubt hätte, zwang er seinen rasenden Kopf, einen weiteren Gedanken hinterherzuschicken:
      Hör auf damit, bitte. Ich ertrage es nicht.
    • Man brauchte keine Aurensicht um zu verstehen, dass Velius‘ Widerstand in der Sekunde brach, als Kassandra ihn angefahren hatte. Ihr war es gleichgültig, ob man ihr später menschliches Verhalten nachsagen wollte, denn jetzt gerade war ihr ein Glücksfall unterlaufen. Wie lange hatte sie schon darauf gewartet, jenen Menschen in die Finger zu bekommen, der direkt Schuld an Zoras‘ Trauma trug?
      Ihr Kinn hob sich noch weiter, in Erwartung auf die Worte des Sterblichen. Doch wieder einmal kam Zoras ihr zuvor, indem er mit einer vergleichbaren Intensität Einhalt forderte. Inmitten ihrer Bewegung versteinerte Kassandra, drehte sich jedoch nicht um, sondern starrte weiterhin Velius nieder. Zoras war ins kuluarische abgedriftet, damit die Wachen verstanden, was er von seiner Göttin forderte. Nicht wünschte, nicht bat. Er forderte. Er gab ihr einen unmissverständlichen Befehl, den kein Mensch je einem Gott entgegenbringen durfte. Es war reinster Frevel.
      „Wie bitte?“, fragte Kassandra leise, doch es klang furchtbar laut in dem sonst vollkommen stillen Saal. Ihr Tonfall war so klar und scharf wie eine Glasscherbe.
      „Ich verbiete es dir! Du wirst ihm keine Fragen stellen, Kassandra!“
      Nur sichtbar für ein paar Wachen und Velius selbst hob Kassandra eine Augenbraue. Es wirkte ungläubig, so wie sie es tat, doch es kaschierte nur die Kaskade an Emotionen dahinter. Man mochte es vielleicht ein Phantomgefühl nennen, aber das Gefühl, fremdbestimmt zu werden, kam schlagartig über sie zurück. Hätte er nun noch ihr Amulett in den Händen gehalten, dann wäre dies der Moment gewesen, in dem er es benutzt hätte. In dem er die Fesseln in die eigenen Hände und sie damit zu Boden gezwungen hätte. Obwohl er ihr versprochen hatte, es nie wieder zu tun. Nicht mehr, nach diesem einem Male.
      Die Sekunden verstrichen, in denen sich niemand rührte und nur schwerer Atem zu hören war. Einer Statue gleich stand Kassandra zwischen den beiden Männern, während sie darüber nachdachte, wie fatal diese Situation gewesen wäre, wenn der Rat noch anwesend gewesen wäre. Es schien, als sei jeder zu Stein geworden, doch dann war es ausgerechnet Velius, der die Stille brach und es nur für Zoras und Kassandra tat.
      „Ja. Ich habe Zoras Luor auf Geheiß gefoltert.“
      Kassandras Brustkorb hob sich, als das Gefühl der Wahrheit zu ihr überschwappte. Eine Leichtigkeit, die sie am liebsten nun nicht gefühlt hätte, denn sie wurde sogleich von etwas viel Mächtigerem verschluckt. Kassandra war so nah dran. Sie war so nah dran an der Wahrheit, was in diesen Kerkern passiert war. Hier und jetzt hätte sie Zoras von einem Laster befreien können und stattdessen wollte dieser –
      Hör auf damit, bitte. Ich ertrage es nicht.
      Ihr kleiner Finger zuckte. Er ertrug es nicht? Was davon? Er vertrug alles hiervon nicht mehr. Nichts davon, was in die Zeit vor den fünf Jahren spielte, war für ihn noch tragbar. Das hatte sie am eigenen Leibe erfahren. Wie sollte er jemals in der Lage sein, anständig zu reagieren, wenn ihm plötzlich andere Therisser über den Weg liefen? Wenn seine verdammte Familie ihm jemals wieder über den Weg lief?
      „Ich bin grausam, Zoras“, sagte Kassandra schließlich gepresst auf therissisch und erinnerte ihn an die Worte, die sie vor Monaten zu ihm gesprochen hatte. Sie war göttlich und sie hatte sich geschworen, sich nach Erhalt ihrer Essenz nie wieder den Willen von Menschen zu beugen. Und Zoras war ein Mensch.
      Kassandra streckte ihre rechte Hand aus. Praktisch noch nie hatte sie in Anwesenheit Zoras‘ einen anderen Menschen berührt, denn sie waren schlichtweg nicht würdig. Doch dieser Mann hier vor ihr, dieser Kerkermeister, er hatte sich das Recht verdient. Er durfte mitansehen, wie sich ihre Finger um sein Handgelenk schlossen. Die Berührung war gerade erst zustande gekommen, da heulte der Mann wie am Spieß auf. Kassandras Griff war unnachgiebig und wie aus Stein, als Velius auf die Knie ging und versuchte, seine Hand aus ihrem Griff zu winden. Doch Kassandra stand nur da, hielt ihn fest und ließ seine Haut unter ihren Fingern verbrennen. Schwarze Linien züngelten über seine Haut, fanden sich und knüpften Muster.
      „Ich habe die Wunden der Brandeisen gesehen.“ Sie wechselte wieder auf therissisch, damit Velius verstand, was sie sagte. „Ich habe die Spuren der Nager erfühlt. Mir sind die Wülste der tiefen Schnittwunden nicht entgangen und ich habe die hellen Stellen gesehen, wo man ihm Stücke seiner Haut abgezogen hat. Da der neue Herrscher dieses Landes aber befiehlt, dass ich dich in Ruhe lassen soll, kann ich dir nur einen Ausblick bescheren, was vor deinem Tod hätte sein können. Denn wenn du einmal unten im Kerker landen solltest, wird das dein Todesurteil sein.“
      Als sich Kassandras Griff löste und ihre Finger Velius‘ Handgelenk freigaben, heulte der Mann noch immer auf. Jetzt aber trug er keine simplen Verbrennungen an seiner Hand, sondern eine Art Brandmal. Eine schwarze Schlange, die sich in den Schwanz biss. Ein Ouroboros.
      „Versuch, zu sterben, Velius“, sprach Kassandra und in ihrer Stimme spiegelte sich das schwarze Feuer ihrer Seele wider. „Versuch es und sei dir gewiss, dass du wiederkommen wirst. Solange, bis ich fertig mit dir bin.“
      Ihre Mimik wurde hart, als sie den wimmernden Mann so am Boden zurückließ und sich halb nach Zoras umdrehte. Sie schenkte ihm nicht ihr ganzes Gesicht, sondern lediglich ihr Profil und einen vernichtenden Blick.
      „Du willst mir Grenzen aufzeigen?“ Fließend wurde ins kuluarische gewechselt. „Ich denke, auch du vergisst, wer ich bin. Ich werde mich ganz bestimmt nicht mehr wie damals fremdbestimmen lassen. Nicht noch einmal und erst recht nicht von dir.“ Ihr Tonfall war vernichtend. „Wenn überhaupt, dann sind wir gleichgestellt, aber dein Titel gibt dir keine Macht, Göttern Befehle zu erteilen, verstanden?“
      Auch du nicht. Du erwartest aller Ernsthaftigkeit von mir, nicht sämtliches Wissen aus diesem Sterblichen zu gewinnen, so wie ich es bei Lyadir hätte tun sollen? Du willst ihn in die Kerker werfen, damit wer auch immer ihn meuchelt wie Lyadir? Oder noch schlimmer: ihn freilässt, damit er Feris Bericht erstatten kann? Nein Zoras, ich werde weder leichtfertig morden noch ihn gehen lassen, damit er das tut.
    • “Ich bin grausam, Zoras.”
      Das hatte Kassandra schon einmal gesagt und Zoras glaubte es ihr auch, hatte es selbst mit angesehen. Aber diese Situation war anders. Sie war grausam - aber auch ihm gegenüber? Ihrem Schwurpartner, dem Vater ihres verstorbenen Kindes, dem Mann, der ihr nachgereist war, als er von ihrer Gefangenschaft erfahren hatte? Selbst zu ihm war sie grausam?
      Zoras presste die Lippen aufeinander. Es gab nichts, was er dazu hätte sagen können, da streckte Kassandra schon die Hand aus und schloss sie um das Handgelenk des Mannes.
      Die nächsten Sekunden waren wahrhaftig grausam und Zoras sah sich nicht dazu in der Lage, ihnen beizuwohnen. Mit dem ersten Schrei des Mannes wandte er sich ab, denn - er hatte Mitleid, einen Funken nur. Einen Hauch von Mitgefühl für einen Landsmann, der nicht wusste, was er in einem fremden Land sollte und von einer Phönixin gequält wurde. Aber es war schließlich nicht nur irgendein Landsmann, es war sein Kerkermeister, der viel mehr mit ihm angestellt hatte als ein paar Flammen, der sich auch nie erweichen gelassen hatte, wenn Zoras geschrien und gebettelt hatte. Er verdiente kein Mitgefühl und kein Erbarmen und daher war es nur noch schlimmer, wie hoch seine Schreie klangen und wie menschlich sie waren. Das hier war ein Mensch. Zoras wollte nicht, dass es ein Mensch war.
      Zumindest hielt sich Kassandra an seinen Befehl und stellte nicht noch eine Frage. Allerdings wandte sie sich ihm kurz darauf halb zu und in dem Blick, den sie ihm verabreichte, lag vieles - aber kein Verständnis, keine Freundlichkeit, keine Nachsicht. So, wie Zoras in die Rolle des Eviads geschlüpft war, schlüpfte sie auch in die Rolle der Göttin und zwischen Göttin und Eviad gab es keine warmen Worte, keine vertrauten Gesten. Ihre Stimme war kühl und ihre Wörter zerschnitten die Luft.
      Und sie hatte auch recht, mit allem, was sie sagte. Aber es ging nicht darum, den Kerkermeister zu schonen oder vor dem Kerker zu bewahren. Es ging hier um… es ging hier um…
      Zoras neigte steif den Kopf.
      Ich habe verstanden.
      In der Stille, die auftrat, hörte man Velius leise wimmern.
      Ich empfinde es als… sinnvoll, diesem Mann keine weiteren Fragen zu stellen. Er sollte im Kerker auf die Entscheidung warten, was mit ihm geschehen soll.
      Zoras hielt Kassandras Blick weiter stand, dann brach er ihn ab. Es war nicht so, dass er nicht weiter gewillt war, dieser Angelegenheit beizuwohnen - er hatte schlichtweg keine Kraft mehr übrig, um sich davon abzuhalten, nicht die Flucht zu ergreifen. Es ging mit ihm durch, ein Instinkt, dem er schon seit Anfang an zu widerstehen versucht hatte und gegen den er nun verlor. Auf der Stelle drehte er um, umrundete seinen Platz und marschierte mit langen Schritten auf den Ausgang zu. Seine Eskorte reagierte nur einen Augenblick später und schloss sich ihm an.
      Er blickte nicht zurück, er widmete der ganzen Situation keinen letzten Blick. Zoras eilte aus dem Audienzsaal und weiter den Gang hinab, schnell genug, dass sich seine Gewänder hinter ihm aufbauschten. Je weiter weg er von diesem Albtraum kam, desto besser war es, desto sicherer war er. Er eilte die Gänge hinunter und aus dem Tor hinaus.
      Draußen war die Sonne gerade drauf und dran, unterzugehen. Rote Blutklekse waren mit dem blauen Himmel vermischt, Blut, das an Messern, Pinzetten, Röhren klebte.
      Zoras motzte einen Wachmann an, der nicht schnell genug beiseite trat, und eilte weiter.
      Der Stall musste geräumt werden, bis er ihn betreten durfte. In den wenigen Minuten, die er wartete, verlor Zoras alle seine verbliebenen Nerven. Er zitterte, ihm war schwindelig und er musste sich zusammenreißen, um nicht wahlweise loszubrüllen oder sich auf den dreckigen Boden fallen zu lassen. Beides ziemte sich nicht für einen Herrscher und diese Position hasste er jetzt so sehr, dass ihm schlecht davon wurde.
      Er wollte nicht mehr. Es war vorbei. Er hatte gekämpft und er hatte verloren, so war es nunmal manchmal im Leben. Er hatte es versucht, er war gescheitert, er hatte seine Chance getan. Fand er es schlimm? Eigentlich nicht.
      Zaumzeug und Sattel!”, bellte er, kaum als er eintreten durfte, und hörte geschäftiges Gewusel. Er ging zu Kassadras Box, riss die Tür auf - und dann spürte er das weiche, vertraute Pferdefell unter seiner Hand. Seine Stute schnaubte ihn an, peitschte mit dem Schweif und schnupperte dann an seinen Gewändern, um nach Essen zu suchen.
      Zoras spürte seine Augen brennen. Er legte die Hände um Kassadras Kopf und kraulte ihr über die Wangen.
      Hallo mein Mädchen. Mein braves -
      Seine Stimme brach. Er legte die Stirn an Kassadras und kontentrierte sich darauf, einfach nur zu atmen.
      Es war vorbei, er hatte verloren. Das Spiel war aus.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren () aus folgendem Grund: Zoras spricht therissisch zu Kassadra

    • In dieser völlig wirren Szene war Kassandra der Dreh- und Angelpunkt. Sie stand unbewegt einfach da, eine zierlich wirkende Frau, und doch mit solch einer Autorität und Macht versehen, dass sich alles um sie zu drehen schien. Einzig und allein das kurze Senken ihrer eigenen Lider verriet, dass sie selbst nicht gänzlich glücklich über den Ausgang dieser Situation war. Das lag nicht nur daran, wie Zoras reagiert hatte, sondern ebenfalls an dem Brandmal, welches Velius nun an seinem Handgelenk trug.
      Also schwieg die Phönixin bis der Eviad den Saal verlassen hatte und sämtliche Soldaten bis auf dreien den Raum verlassen hatten. Zwei von ihnen hatten Velius mit hereingebracht, der dritte stand weiter hinten und war, zu Kassandras Bestürzung, der Hauptmann der Garde.
      „Er ist ein Landsmann?“, fragte Zavion bedächtig und Kassandra wandte sich dem jungen Mann zu. Es waren mittlerweile Wochen vergangen, doch Zavion hatte immer noch nicht zu seinem alten Glanz zurückgefunden. Erst recht nicht in ihrer Anwesenheit.
      „Ja, sie entstamme demselben Land. Woher kam er überhaupt?“, wollte sie von ihm wissen, während Velius‘ Gewimmere langsam in Stöhnen abflachte.
      Zavion wich dem Blick aus. „Er… Die Soldaten des Rates haben ihn plötzlich überstellt. Sie waren gemischt, niemand von ihnen wollte Verantwortung übernehmen, woher der Mann kam. Es hieß, er wäre von Interesse für den Eviad, deswegen…“
      Kassandras Blick richtete sich auf Velius. „Ich glaube dir, dass du entführt worden und lediglich zum Spielball geworden bist. Aber das ändert nichts an dem Punkt, dass du Lügen gesprochen hast. Du bist in einem Land angekommen, wo du vermutlich umgebracht wirst, sobald der Schuldige an deiner Entführung den Spaß an dir verliert.“
      Sie sah, wie die Augen des Mannes größer wurden. Er mochte noch so sehr gedrillt worden sein, zu wissen, dass man elendig weit weg von Frau und Kind und Heimat war, war nicht leicht zu ertragen. Erst recht, wenn man die Sprache nicht sprach und nie wusste, was nun geschehen würde.
      Vor dem Mann ging Kassandra in die Hocke und Zavion gaffte sie sprachlos an. „Allerdings bin ich großzügig, Velius. Wer auch immer versuchen mag, dich zu töten, wird scheitern. Du wirst zurückkommen, wie ein Untoter aus den Legenden. Warum du das tun wirst?“ Sie nickte zu dem Mal an seinem Handgelenk. „Weil ich nun die Einzige bin, die deinen Zyklus der Wiedergeburt unterbrechen kann. Ich bin mit dir noch nicht fertig. Du wirst die Erfahrung machen, wie es ist, am anderen Ende des Werkzeuges zu stehen.“

      Kassandra hatte Zavion angewiesen, Velius in eine Zelle zu bringen, die nicht an der hintersten Ecke des Traktes angelegt worden war. Außerdem verfügte sie, dass Alsyr mit der Wache betraut werden würde und sie somit einen neuen Zweck erhielt und Kassandra sicher war, dass ihre Loyalität unumstößlich war.
      Am liebsten hätte sie den Mann auf der Stelle nach jeder einzelnen Information ausgepresst, die sie aus ihm hätte ziehen können. Angesichts des Umstandes, dass Zoras regelrecht die Flucht ergriffen hatte, riss sie sich zusammen und stellte das Verlangen zurück. Schließlich hatte sie dieses Mal Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, die notwendig waren, ihr aber nicht sonderlich mundeten.
      Sie war Zoras nicht gefolgt. Er war in die Ställe geflüchtet zu ihrer Namensvetterin, um sich dort wieder zu erden. Da er annehmen würde, dass sie Velius ausgepresst hatte, wäre ihr Anblick vermutlich nichts, was ihn beruhigen würde. Also ließ sie ihm die Zeit, die er brauchte, um sich wieder zu fangen.
      Die Dachterrasse war nun der Ort, den sie aufsuchte, um Zeit zu vertreiben. Der Himmel hatte sich bereits verdunkelt und das Firmament leuchtete schwach. Mit tiefen Atemzügen ließ Kassandra die Wut verpuffen, den Zorn und die Anspannung, während sie ihre Aura und Magieströme berührte, um ständig darüber informiert zu bleiben, welche Personen sich wo im Palast aufhielten. Daher zuckte sie auch nicht zusammen, als die Tür zur Terrasse geöffnet wurde und Esho erschien.
      „Wie’s ausschaut muss ich mich wirklich von meinem Lieblingsplatz verabschieden.“
      „Wer behauptet, dass ich ihn dir streitig mache?“ Sie hatte noch immer den Kopf in den Nacken gelegt und den Blick zum Himmel gerichtet.
      Esho schob die Tür zu und musterte die Göttin bevor er an ihr vorbei ging und aus seiner Tasche die Pfeife kramte, um sie auf das steinerne Geländer zu legen. „Niemand, aber in der Regel sorgt ein Rückzugsort für Abgeschiedenheit. Euer Eviad wählt die Ställe, ich diese Terrasse. Wo sonst soll ich ungestört rauchen?“ Er zog einen Beutel mit getrockneten Kräutern hervor, die er sorgsam in seine Pfeife stopfte.
      Kassandras Augenbrauen hoben sich. „Ist es das, was ich denke?“
      „Soll ich etwa göttlichen Tipps nicht hörig sein?“, stellte er die Gegenfrage und ein Grinsen lag in seiner Stimme. „Wobei ich gestehen muss, dass Tyuram-Rinde unverschämt teuer ist. Aber es stimmt, die Wirkung ist besser.“
      Er zündete sich seine Pfeife an und steckte sie in den Mund. Er bedachte sie mit keinem Blick und da Kassandra wusste, was Eshos Motivation war, wirkte es auf sie befremdlich. Doch darauf ging sie nicht ein. „Wieso folgst du Zoras‘ Befehlen vergleichsweise schnell?“ Das hatte sie schon länger interessiert, und wenn Esho nun nicht auswich würde sie eine ehrliche Antwort bekommen.
      „Sehen wir so aus, als wären wir ein Herz und eine Seele? Nein, unser Zusammenschluss ist eigentlich nur eine Farce. Wir sind alle auf die ein oder andere Weise an Champions gelangt und haben festgestellt, dass wir die Macht fünfteln können und jeder ein Stück vom Kuchen bekommt. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir gut miteinander auskommen. Sie halten mich davon ab, Krieg mit den Nachbarländern anzuzetteln, obwohl das eigentlich das ist, was ich will. Ich will kämpfen, aber die anderen haben alle nur Stöcke im Arsch.“ Er stieß eine gelbe Rauchwolke aus.
      „Welch Wortwahl“, bemerkte Kassandra nüchtern, senkte aber den Kopf und musterte den Krieger. Das passte zu dem Eindruck, den sie von Esho bisher gewinnen konnte. Auch er sah seinen Sinn in einem speziellen Bereich, wurde aber von den Ketten anderer davon abgehalten. „Deswegen gehst du den Befehlen nach? Um die restlichen Ratsmitglieder einfach aus der Fassung zu bringen?“
      „Sozusagen.“ Er kratzte sich am Nacken und Kassandra fielen etliche weiße Striemen an seinen Fingern auf, die zweifellos Narben waren. „Krieg und Kämpfe sind chaotisch und unruhig. Wenn ich das Schlachtfeld nicht betreten kann, dann schaff ich mir eben eines. Ganz einfach.“
      Kassandra schwieg. Das konnte sie nachvollziehen. Tief in ihr war da auch dieser Teil, der sich genau danach sehnte. Der nicht mehr Diplomatie anwenden wollte, sondern in roher Gewalt über das Land fegen wollte. Vielleicht hatte sie sich von dem arroganten Auftreten des Kriegers blenden lassen. Vielleicht teilten sie mehr, als sie ursprünglich gedacht hatte.
      Und vielleicht hätte sie sich länger überlegen sollten, ob sie zu ihm an den Rand der Brüstung trat und mit ihm darüber sinnierte, welche Faszination der Kampf auf sie beide ausübte.

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      Ourusboros
      Das Zeichen des Ourusboros steht für die Unendlichkeit. Jeder Phönix kann exakt ein Mal zur gleichen Zeit aussprechen und damit sowohl Menschen, als auch andere Sterbliche damit kennzeichnen. Sie unterbrechen damit den Zyklus der Wiedergeburt und nehmen demjenigen damit effektiv die Möglichkeit, zu sterben und dessen Seele zu verlieren. Das macht denjenigen nicht immun gegen Schmerz, Wahnsinn oder dergleichen, er kann lediglich nicht sterben. Dazu wird der Gezeichnete AKTIV mit der Magie des Phönix versorgt, weshalb Phönixe das Mal nur ungern aussprechen. Sie verlieren konstant nicht geringe Mengen ihrer Magie, weshalb dieses Mal nicht für die Ewigkeit angedacht ist. Der Gezeichnetekann sich nur einen begrenzten Raum aus eigenem Willen vom Phönix entfernen und hält demnach unwissentlich eine gewisse Nähe zum Phönix. Sie bleiben dabei im vollen Besitz ihres Verstandes.

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    • Zoras wurden Sattel und Zaumzeug gebracht, mehr nicht, denn die Dienerschaft hatte schon gelernt, dass er seine Stute selbst verpflegte, wenn er vor Ort war. Zu seiner wachsenden Bestürzung machte sich seine Garde aber auch eilends daran, Pferde zu besatteln.
      Er würde nicht einfach davonreiten können, hinaus und in die Wildnis, wo er Kassadra die Sporen geben und über die Landschaft rasen konnte. Wenn er diesen Stall verließ, würde er von einer Traube aus Wachen umringt sein, mehr als sonst, denn außerhalb des Palastes benötigte er keinen Pseudoschutz, er benötigte wirklichen Schutz. Sie würden alle beritten sein und sie würden ihm alle in seinem Tempo folgen, sicherlich. Aber würde er es überhaupt aus der Stadt schaffen? Der Palast lag im Herzen einer Großstadt, es dauerte eine Stunde, bis man die äußeren Tore erreicht hätte, vorausgesetzt, man hatte einen Wagen, dem die Leute Platz machten. Würden sie Zoras, ungeschützt auf seiner Stute, Platz machen, oder würden sie viel eher noch näher herandrängen? Würden sie sich versammeln, um ihn vorbeireiten zu sehen, würden sie die Hände nach ihm ausstrecken und die komische Kombination aus Zoras und Zeus rufen, die sich immer herauszukristallisieren schien? Würden sie ihm folgen? Würden die Bauern außerhalb der Stadt auf ihre eigenen Reittiere steigen, um im großen Abstand nachzureiten, groß genug, dass die Wachen sie nicht zurückscheuchen würden, nicht groß genug, um aus Sichtweite zu sein?
      Es gab schon einen Grund, weshalb der Rat stets mit Kutschen reiste und das war nicht nur reine Bequemlichkeit. Es war derselbe Grund, weshalb Zoras jetzt auf das Sattelzeug starrte und sich trotzdem nicht rührte.
      Und dann gab es noch ein Grund, der ihm just in diesem Moment einfiel: Amartius. Amartius hing noch in seinem Zimmer und ohne seinen Sohn würde er die Stadt nicht verlassen. Vielleicht würde Kassandra ihn mitnehmen, aber das war nicht richtig. Zoras hatte sich geschworen, nach dem Vorfall mit Dionysus das Artefakt seines Sohnes nicht unbeaufsichtigt zu lassen, und was tat er jetzt? Jetzt war er drauf und dran, eine übereilte Flucht anzugehen, während Amartius noch in seinen Gemächern lag.
      Hoffnungslosigkeit erfüllte ihn und er schloss für einige Sekunden die Augen. Bei dem ganzen Chaos, das in seinem Inneren wütete, versuchte er, sich von außen stützen zu lassen: Von dem Geruch nach Pferd und Heu, von dem weichen Fell unter seinen Händen, von dem geschäftigen Knarzen von Leder und dem Schnauben der Pferde außerhalb der Box. Von der Einbildung von Freiheit. Er versuchte, sich den Stall wie Zuhause in Luor vorzustellen, nur für einen ganz kleinen Moment. Für einen ganz kleinen Moment gelang ihm das auch.
      Als er sich wieder aufrichtete, war seine Wange feucht. Er wischte sich fahrig mit dem türkisen Ärmel darüber und trat wieder nach draußen, wo ein Dutzend Wachen von doppelt so vielen Helfern begleitet gerade dabei waren, ihre Pferde reittüchtig zu machen.
      "Bringt das Zeug wieder weg! Und verschwindet aus dem Stall! Zavion, du kannst drinnen warten."
      Es verging ein Herzschlag, dann kam die vergleichsweise ruhige Antwort:
      "Zavion ist nicht hier, Herr."
      Zoras stutzte. Zavion - nicht hier? Der Mann war sonst immer an seiner Seite, so eifrig wie auch sonst in seinem Bestreben, seiner Position gerecht zu werden. Aber nicht jetzt? Irgendwie fühlte es sich wie Verrat an, dass er gerade jetzt nicht hier war. Gerade jetzt.
      "Raus! RAUS!"
      Die versammelten Menschen gehorchten, die Pferde wurden angebunden und gesattelt zurückgelassen. Zoras wartete gar nicht erst darauf, dass er wirklich alleine war; er ging zurück in die Box, schob die Tür zu und ließ sich auf das trockene Heu fallen. Kassadra kam neugierig heran, beschnupperte seine Schuhe und versuchte, seine Haare zu essen.

      Zoras' erstes, wahrhaft eigenes Pferd war Roran gewesen, den er bei dessen Geburt bekommen hatte. Der Fuchs hatte einen Bruder und eine Schwester gehabt, aber von allen dreien hatte er sich am besten entwickelt. Zoras war am Tag der Geburt dabei gewesen und war dem Fohlen als erster Mensch begegnet. Sein Vater hatte ihm seine Pflege und seine Betreuung anvertraut und Zoras hatte Wochen damit zugebracht, im Stall zu schlafen und jede freie Minute damit zu verbringen, den Hengst zu trainieren, auf jede erdenkliche Weise. Er hatte ihn geliebt und er war stolz auf das gewesen, was er mit diesem Fohlen geschafft hatte. Mit Roran war er eine Freundschaft eingegangen, die er nur selten mit bereits ausgewachsenen Tieren herstellen konnte.
      Jetzt fühlte es sich ganz ähnlich an, so als wäre er wieder jung und würde bei seinem Pferd im Stall bleiben, jeden Moment darauf gefasst, dass seine Mutter hereinkommen und ihn schimpfen würde, weil er sich dort draußen noch den Tod holte. Er hätte es fast schon hören können, ihre gleichmäßigen, leichten Schritte auf dem Holz, ihr entsetztes "Zoras!", wenn sie ihn in der Box fand, obwohl es schon viele Male so gelaufen war. Er konnte sich geradezu bildlich vorstellen, wie Roran die Ohren anlegte, als würde er sich darüber beschweren, dass die Nachtruhe nicht eingehalten wurde. Kassadra würde sicherlich auch die Ohren anlegen und wenn sie sie kennengelernt hätte, hätte sie sicher auch nach seiner Mutter geschnappt.
      Aber niemand kam, nicht einmal Kassandra, und so saß Zoras alleine in dem dunkel werdenden Stall, kraulte Kassadra die Ohren und den Kopf und erzählte ihr von Roran, was für ein hübscher Hengst er gewesen war, wie stolz er auf ihn gewesen war. Es war unsinnig und er plapperte eigentlich nur leise vor sich hin, aber es half ihm erstaunlich gut dabei, die Geschehnisse im Palast in den Hintergrund zu drängen und für den Augenblick zu vergessen. Wenn er einfach nicht darüber nachdachte, wenn er einfach seine Gedanken in eine andere Richtung lenkte, dann konnte er schon fast völlig verdrängen, dass der ehemalige Kerkermeister von Theriss nur wenige hundert Meter entfernt von ihm war und er ihn jederzeit zu Gesicht bekommen könnte. Dass er jederzeit zu ihm sprechen könnte. Dass er jederzeit kommen und sagen würde: "Oh, Zoras."

      Aber natürlich war nichts von Dauer und Zoras konnte auch nicht ernsthaft im Stall übernachten. Das würde nur die Gerüchte über ihn noch weiter anfeuern, die mit seinem raschen Abgang sicher schon längst aufgeflammt waren. Also machte er sich nach einiger Zeit wieder an einen langsamen Rückweg.
      Eine erdrückende Anspannung legte sich auf ihn, kaum als er die Tore des Palastes wieder durchschritten hatte. Er war hier irgendwo; vermutlich - nein, hoffentlich - im Kerker, aber das war nicht allzu weit von Zoras entfernt. Automatisch stellte er sich vor, wie Velius wie eine Kreatur aus einem Albtraum aus der Wand springen und ihn anfallen könnte, wie er selbst die Augen aufschlug und zurück im Kerker war, alles nur ein riesiger, böser Traum, den er sich hier zusammen gestrickt hatte. Alles nur eine große, einzige Vision. Zoras spürte seine Hände kalt werden und beschleunigte seine Schritte.
      Kassandra war nicht mehr oben. Sie saß in ihren gemeinsamen Gemächern, das konnte Zoras gleich spüren, als er sich darauf konzentrierte. Kurzzeitig hatte er gehofft, dass sie oben - oder auch ganz unten - sein könnte und er ihr damit aus dem Weg gehen könnte. Aber sie konnte sehen, dass er kam, und sie rührte sich wohl nicht vom Fleck.
      Er trat an seine eigene Zimmertür, hielt inne. Er war drauf und dran, doch wieder umzukehren. Aber wohin? Wohin sollte er gehen? Was blieb ihm denn noch, außer die Ställe, wo er nicht alleine sein konnte, der Palast, wo das menschliche Grauen aus Theriss auf ihn lauerte und seine Gemächer, wo Kassandra saß, Kassandra, die er selbst vorhin angeschrien hatte, die jetzt unlängst herausgefunden haben musste, was ihn so lange in den Kerkern gehalten hatte? Was blieb ihm da noch? Welches der drei Übel war das geringste?
      Ein paar Sekunden lang atmete Zoras einfach nur, dann trat er ein.
      Er hatte die bekannte Silhouette vor dem Fenster erwartet, aber die Vorhänge waren zugezogen und Kassandra saß stattdessen im Sessel beim Kamin, die Beine auf ihre typische Art überschlagen, einen Weinkelch in der Hand. Die Phönixin trank nie, wenn sie nicht von Formalitäten dazu gezwungen war. Zoras blinzelte sie an und ließ die Tür hinter sich zufallen.
      "Es ist vorbei."
      Sie starrten sich gegenseitig an, Zoras die Phönixin, die dort würdevoll auf dem Sessel saß, der dadurch eher wie ein Thron wirkte; Kassandra den Eviad, der letzte Spuren von Heu an seinem Gewand trug und zum ersten Mal diese selben Gewänder nicht mit Stolz und Hochachtung trug. Er war nur ein Mann, kein Herrscher, und ein gebrochener noch dazu.
      "Ich kann es nicht. Sie haben gewonnen, der Rat hat seinen Sieg bekommen. Ich kann es nicht mehr."
      Er kam mehr in den Raum hinein und versuchte, sich ohne Hilfe aus seinen Stofflagen zu befreien. Erfolglos.
      "Sie haben von Anfang an alles versucht und ich habe dem standgehalten. Ich habe es ausgehalten. Ich habe mich duelliert gegen einen Mann mit der Kraft eines Zentauren. Ich habe Spott über mich ergehen lassen, Beleidigungen, Witze, habe es zugelassen, dass man mich bloßstellt, dass man mich demütigt, mich der Unfähigkeit bezichtigt, dass man ganz Kuluar aufzeigt, dass ihr Herrscher kein alt-kuluarisch lesen kann und nichts von der Geschichte weiß. Ich habe mir Sprüche gefallen lassen und zugelassen, dass man mit Fremdwörtern um sich haut, nur damit ich nichts verstehe. Ich habe zugelassen, dass man meinen Sohn", er deutete knapp auf Amartius auf seinem Ständer, "gewissermaßen entführt. Ich habe einen Anschlag hingenommen, dessen Verursacher wir noch immer nicht kennen. Ich habe einen sehr guten Freund beerdigt, einen Freund, der es überhaupt erst möglich gemacht hat, dass ich hierher gekommen bin. Aber... aber das hier?"
      Er deutete vage auf den Raum, auf alles um sie herum. Dann konnte er nicht mehr weiter stehen und ließ sich auf die Bettkante sinken.
      "Das kann ich nicht mehr. Es geht nicht. Es war ein Fehler und das tut mir leid. Aber ich kann es nicht mehr."
      Er vergrub das Gesicht in seinen Händen, wollte Kassandra nicht einmal mehr ansehen.
      "Hat er dir wenigstens alle Fragen beantwortet, die du wissen musstest?"
    • Wein war ein Genussmittel, das bei Göttern keinerlei Anklang fand. Eine berauschende Wirkung stellte sich nur durch Dionysus‘ Wein ein und der der Menschen konnte sie nicht berauschen. Aber Kassandra trank ihn nicht wegen des Rausches, sondern weil er bitter auf ihrer Zunge schmeckte. Das Gespräch mit Esho hatte sie nicht wirklich aus der Bahn gebracht, nicht so sehr, wie sie es gehofft hatte. Kaum war das Ratsmitglied verschwunden, waren ihre Gedanken wieder um denselben Punkt gekreist, der nun dutzende Meter unter ihr in einer Zelle hockte und nicht einmal wusste, wieso.
      Ungerecht, schallte es durch ihren Verstand.
      Verdient, versuchte sie es zu rechtfertigen und nahm einen weiteren Schluck Wein ehe sie bemerkte, dass sich Zoras endlich aus den Ställen loseisen hatte können.
      Sie folgte seiner Aura, wie er durch die Gänge ging und das auch noch allein. Zavion war verschwunden – niemand wusste so recht, wohin – und seine Garde hatte Zoras scheinbar fortgeschickt. Vor der Tür hielt er an, klopfte nicht, stieß die Tür nicht einfach auf. Kassandra fühlte sein Zögern, wie ihm ein nicht nachfühlbarer Druck wieder zu Kopf stieg und für einen Moment lang glaubte sie, er würde einfach wieder gehen.
      Doch er trat ein und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Ihre Blicke begegneten sich. Schweigen war alles, was von der Phönixin kam. Sie scherte sich nicht darum, dass er Stroh und Heu an seinen Gewändern trug, oder dass er den bekannten Geruch des Stalles mit sich trug. Das war eine Facette des alten Zoras gewesen, des Herzoges, den er versucht hatte, abzulegen.
      „Es ist vorbei.“
      „Findest du?“ Zwei knappe Wörter, deren Rest sie mit Wein ertränkte und Zoras weiterreden ließ.
      Dass eine ganze Tirade von Worten dem folgte, hatte sie nicht so recht erwartet. Ihre Miene hielt sie mehr oder weniger entspannt, als er all das aufzählte, was er in seiner Zeit hier bereits erlebt hatte. Mehr, als der durchschnittliche Herrscher wohl jemals hätte dulden können. Nur war Zoras sich nicht im Klaren, dass er sich mit diesen Aufzählungen eigentlich gerade selbst lobte. Er hatte all das ertragen und war noch immer dort, wo er ihre Pläne angesetzt hatte. Als er zu Amartius zeigte, zuckte ihr Augenwinkel allerdings doch. Das war ein Seitenhieb gewesen, den Zoras nicht beabsichtigt hatte. Es gehörten zwei zu dieser Gleichung und Dionysus hatte ihn nur angefasst, weil er keinen anderen Weg gesehen hatte, um an die Phönixin heranzukommen.
      Zoras ließ sich auf die Bettkannte sinken und vergrub schließlich das Gesicht in seinen Händen. Etliche Herzschläge lang starrte Kassandra ihn nur an, dann gab es ein hohes Klirren und der Kelch, den sie in ihrer Hand gehalten hatte, war unter ihrem Griff geplatzt. Wein spritzte in sämtliche Richtungen, ein dunkles Violett, das sich in Sprenkeln auf ihrem makellosen Gesicht mit dem Rot ihrer Augen duellierte.
      „Deinen Sohn? Was man dir entwendet hat, ist eine Waffe und ein Relikt von deinem Sohn“, sagte Kassandra kalt und ahnte, dass sich eine Diskussion anbahnte, die schon längst geführt hätte werden sollte. „Dein Sohn ist an dem Tag gestorben, als er dich geschützt hat. Mein Erstgeborener hat sich für dich geopfert und er wurde dir nicht einfach entwendet, sondern als Druckmittel gegen mich eingesetzt.“
      Abfällig ließ sie die Teile des Kelches aus ihrer Hand auf den Boden fallen und schüttelte ihre Hand aus. Ihr überschlagenes Bein stellte sie wieder nebeneinander und lehnte sich nach vorn, in dem Versuch, noch sitzen zu bleiben. „Du sagst, du kannst das nicht mehr? Weil sie dir deinen verdammten Kerkermeister vorgesetzt haben? Bei den Pforten zum Himmel, Zoras, hast du dir überhaupt einmal zugehört, was du gerade alles aufgezählt hast? Was du alles bis jetzt ertragen hast und dann reicht der jämmerliche Schatten deiner Vergangenheit aus, um alles zunichte zu machen?“
      Nun hielt es sie doch nicht mehr auf ihrem Platz und sie stand ruckartig auf. Weder verschränkte sie Arme vor der Brust, noch stemmte sie sie in die Hüften. Kassandra stand einfach nur da, die Arme seitlich an ihrem Körper herabhängend und nur das Kinn ein wenig in die Höhe gereckt.
      „Du verheimlichst mir etwas und bis jetzt war ich gewillt, es schleifen zu lassen. Aus Rücksicht dir gegenüber habe ich nie nachgefragt, was genau damals in der Zelle passiert ist, warum es dich so sehr traumatisiert hat. Warum ich dich verdammt noch mal nicht berühren konnte.“ Bitterkeit mischte sich in ihre Stimme und die sonst oftmals gleichgültig klingende Stimme war menschlicher als je zuvor. „Ich habe die Panik gespürt, die du hattest, als ich ihn als deinen Kerkermeister erkannt habe. Eine einzige Frage hatte gereicht, damit du völlig aufgelöst warst. Ob er mir also meine Fragen beantwortet hat?“
      Sie schnaubte und schüttelte langsam den Kopf.
      „Das hat er nicht, weil ich ihn in den Kerker habe bringen lassen. Obwohl es mir widerstrebte. Du hast mich vor den Wachen angeschrien, Zoras. Nicht irgendeine Frau oder deine Königin, nein, eine Göttin hast du angeschrien. Und weshalb? Ich weiß es nicht einmal!“ Ihre Hände gingen in die Luft und fielen wieder herab, als sie auf dem Absatz kehrt machte und zu dem Sessel ging, um ihre Finger in dessen Lehne zu schlagen.