Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Kassandras Aura wallte durch den ganzen Palast in einer Wucht, die sämtliche Champions erzittern ließ. Sogar Dionysus, der sich nicht die Mühe gemacht hatte aufzustehen und das ganze Schauspiel aus sicherer Entfernung beobachtete, erschauderte und ließ seinen Kelch fallen. Der Wein spritzte über den ganzen Boden, im selben Moment, als auch die restlichen Angreifer in schwarzen Flammen aufgingen und unter Todesqualen verbrannten.
      Zwei von ihnen befanden sich auch in dem Raum, in dem der Rat nun untergebracht war. Es war nicht der Sicherheitsraum. Sie hatten den Rat umgelenkt, nicht aber den Eviad.
      Mirdole schloss zu den anderen wieder auf. Ihre Miene war finster, besonders nachdem es zum zweiten Mal im Palast gebebt hatte. Sie alle wussten, was es hervorgerufen hatte, und deswegen wagte sich auch niemand auch nur in die Nähe des Ortes. Die Chance, von den wütenden Flammen der schwarzen Phönixin ergriffen zu werden, sollte so gering wie möglich bleiben.
      Sie hielt auf Dionysus direkt zu. Ihre Schlangen zischten vor sich hin und jetzt mehr denn bevor, wirkten sie wütend genug, um auch zuzuschnappen.
      "Ist das dein Werk?"
      Dionysus sah ihr nur entgegen mit seinem amüsierten Lächeln im Gesicht. Dann beugte er sich hinab und hob seinen Kelch auf.
      "Ich würde es nicht wagen, Mirdole."
      Die Gorgone kam direkt vor ihm zu stehen und beugte sich ruckartig zu ihm hinab. Sie war wütend und eine ihrer Schlangen schnappte nach dem Weingott.
      "Wenn du etwas damit zu tun hast, dann hüte dich", zischte die Göttin genauso gefährlich wie ihre Schlangen. "Es hätte auch Kalea treffen können. Oder irgendeinen anderen der Träger."
      "Aber Mirdole, was denkst du von mir? Einen so geschmacklosen Anschlag auf unseren Herrscher zu verüben?"
      Die Gorgone stieg nicht auf Dionysus' offensichtliches Geschwätz ein.
      "Wir sind nicht alle so frei wie du. Wenn Kalea stirbt, dann nimmt ein anderer meine Essenz. Oder noch viel schlimmer: Kassandra selbst. Also mach keine Dummheiten!"
      "Ich verspreche dir, o tüchtige Mirdole, dass ich keine Dummheiten mache. Ich doch nicht."
      Mirdole starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an, richtete sich dann ruckartig auf und marschierte in Richtung ihrer Trägerin. Dort waren immerhin gerade zwei Soldaten in schwarzen Flammen aufgegangen und sie wollte sicherstellen, dass dort kein Chaos ausbrechen würde.

      Als Zoras langsam wieder erwachte, hatte er wieder eine von seinen Visionen. Es war schon merkwürdig, weil die letzte Vision so lange her war, aber er stellte es nicht in Frage. Seine Einbildungen kamen und gingen, wie es ihnen beliebte.
      Er hatte kein Gefühl in seinem Körper, als das erste Bewusstsein zurückkam. Es war fast so, als wäre sein Körper noch im Schlaf und würde erst sehr, sehr langsam erwachen. Seine Knochen waren alle viel zu schwer und er glaubte nicht, dass er jemals einen Muskel würde rühren können, um sie zu bewegen.
      Über ihm war Kassandra. Er erkannte sie auch, ohne richtig hinzublicken, denn welches andere Wesen hatte schon seine gewaltigen, schwarzen Flügel ausgebreitet, um sie beide damit abzuschirmen? Trotzdem bemühte er sich, dass sich seine Augen fokussierten, weil es schließlich nicht oft vorkam, dass seine Phönixin ihn in seiner Zelle besuchte. Und sei es nur eine Einbildung.
      "Kassandra...?"
      Seine Stimme kam in einem Flüstern raus. Selbst seinen Stimmbändern fehlte die Kraft, als wäre er sämtlicher Energie beraubt worden. Eigentlich wollte er die Hand nach ihr ausstrecken, um sich zu vergewissern, dass Kassandra wirklich nicht da war, aber sein Körper rührte sich nicht. Sein Untergrund war unglaublich weich, er hätte hier auch einfach gleich wieder einschlafen können.
      Irgendwo an seinem Körper spürte er dumpfen Schmerz, aber das war ja nichts ungewöhnliches.
      Es gab so viel, was er seiner Phönixin hätte sagen können, aber sein Gehirn klärte sich nur sehr langsam. Stattdessen presste er also heraus, was wirklich von Belang war:
      "Hilf mir..."
    • Die Senke, in der Kassandra nun hauste und über den Eviad Kuluars wachte, glich dem Eingang zur Hölle höchstpersönlich. Wer es schaffte bis an den Rand des Loches zu treten und einen Blick hinab zu riskieren, der sah ein gähnendes Loch voller schwarz züngelnder Flammen. Dort unten lauerte eine formlose Göttin, die nicht danach aussah, als wäre sie dem Himmel entstiegen. Sie lauerte dort unten auf die Törichten, die sich näherten. Die eine Gefahr darstellten. Konstant hatte Kassandra unten die Auren sämtlicher Lebewesen im Blick und rechnete damit, dass sich jede Sekunde einer der Champions in Bewegung setzte und zu ihr kam.
      „Kassandra…?“
      Die konzentrierte Stille wurde gestört, als die Phönixin ihren Blick auf den Mann zu ihren Füßen senkte. Wie lange sie hier schon gesessen und gewacht hatte, wusste sie nicht. Nur, dass es lange gedauert hatte, ehe Zoras sein Bewusstsein halbwegs wiederfand. Noch immer besaß sie keine rechte Form, Emotionen hatten die Kontrolle über ihren Körper erlangt. Wortlos betrachtete sie den Eviad, dessen Aura noch immer flackerte wie ein Flämmchen im Wind. Der Schmerz, den er fühlte, war durch Alkohol und Schock abgestumpft, das spürte sie in dem Augenblick, als ihre Aura seine berührte. Vermutlich hörte er nicht recht und was der Druck der Explosion in seinem Körper angerichtet hatte, brauchte sie gar nicht erst zu untersuchen. Unter wimpernlosen Lidern hinweg sah er zu ihr auf, holte mehrfach flach Luft bis er zwei weitere Worte zustande brachte, die deutlicher nicht hätten sein können.
      Ein Teil der schwarzen Flammen löste sich aus den angedeuteten Schwingen an ihrem Rücken, flossen darüber hinweg, hinunter zu ihrem Arm. Währenddessen hellte es sich auf, wurde rot, dann gelb und schließlich fast weiß, als es von ihrer Hand auf Zoras‘ Brust übersprang, wo sie ihn hauchzart nur berührte. Wie eine zweite Haut legte sich das gleißende Feuer um den menschlichen Körper, hüllte ihn ein und machte sich ans Werk. Prellungen, Ergüsse, Quetschungen und Risse heilten vor dem bloßen Auge, da wo seine Haut verbrannt war, schälte sie sich ab und wich neuer, unverletzter Haut. Die Narben und Wülste aus seinem Gesicht lösten sich im Nichts auf, nur die noch immer teilweise verdeckten Stellen an Rücken und Brust waren nicht so schwer verwundet, als dass sie einer Heilung bedurften. Gerade die Narbe von Telandir schien dem Feuer einfach getrotzt zu haben. Was sie nicht plötzlich wieder nachwachsen ließ war seine Körperbehaarung: er musste erstmal ohne Gesichtsbehaarung und einem Teil seiner Haare im vorderen Bereich leben müssen. Unter ihrem wachsamen Blick stabilisierte sich seine Aura, das Flackern stellte sich ein, der Schmerz verklang.
      „Oh Götter….“
      Kassandras Kopf fuhr herum. Ganz hinten, am Ende des Ganges, knapp vor den letzten Trümmern des eingefallenen Ganges erklang eine Stimme. Leise, stöhnend und jung. Kassandra horchte noch einmal auf und sandte ihre Magie dort hinten hin, wo sie auf einen weiteren, lebenden Menschen stieß.
      Oh, nein, nein, nein, neeeein!“, erklang es panisch, als Zavion das schwarze Feuer auf sich zu rasen sah und nun wirklich um sein Leben fürchtete. Einer. Einer ohne ihren Schutz hatte das hier überstanden.
      Das Feuer löste den Stein auf, der aus der Decke gefallen und den jungen Hauptmann halb unter sich begraben hatte. Vom Feuer war sein ganzer Rücken versengt worden, was bedeutete, dass er weg und nicht hin zur Explosion gelaufen war. Ob er das getan hatte, weil ihn die Angst dazu trieb, stellte Kassandra nicht in Frage. Hier griff die Frage nach Ehre nicht.
      Leise stöhnte er, als sich das Feuer hell verfärbte und auch über seinen Körper hinwegfegte, um Brüche und Quetschungen zu heilen. Die Brandwunden ließ sie vorab bestehen – er hatte nicht die Top-Priorität hier.
      „Ich räuchere sie alle aus wie die Ratten, die sie sind“, grollte Kassandra in einer Stimmlage, die wie damals nicht nur hörbar, sondern auch im Kopf nachhallte. Die Götterstimme, die kein Champion einzusetzen vermochte. Ihre Hand legte sich nun flach auf Zoras‘ Brust, um den Puls darunter zu fühlen.
      „Verdammte Scheiße“, kam es von Zavion, der sich vom anderen Ende herüber geschleppt hatte und im gebührenden Abstand zu Kassandra und Zoras an der Wand gelehnt stehen blieb. Seine gesamte Rückseite war verbrannt, sodass er auch nur noch in Fetzen vor ihnen stand und sich den Arm hielt, der soeben noch zertrümmert war. Sein Blick ging nach oben, dann wieder nach unten. Scheinbar war auch er schlagartig wieder nüchtern geworden. „Kein Wunder, dass Eshos Trupp plötzlich verschwunden ist.“
      „Wie, verschwunden?“, wiederholte Kassandra und ließ den jungen Zavion bei dem Klang ihrer Stimme zusammenfahren, wie noch nie zuvor in seinem Leben.
      „Ah… er.. seine.. eh…“
      Fass dich in Worte, Mensch!
      „Sein Trupp war hinter uns und hier unten auf einmal nicht mehr!“, brabbelte Zavion panisch drauf los. „Dann waren nur noch wir hier und sonst keiner und dann kam da diese Frau von vorne, ein Waschweib glaub ich, und dann ging sie auf uns los und ich bin einfach weggelaufen vor der Irren! Ich war betrunken! Es tut mir leid! Sie hat irgendwas mit Eviad geschrien und dann hat es geknallt und dann brach hier alles ein und das Feuer…“ Er schüttelte sich und sackte auf den Boden. „Das Feuer….“
    • Eigentlich hatte Zoras darum beten wollen, dass Kassandra ihn aus dem Kerker befreite. Daher kam es äußerst unerwartet, als die Gestalt, die Kassandra war - wenngleich er das nur intuitiv wusste und nicht ernsthaft erkennen konnte in dieser wirren Vision - seine Haut streifte. Zoras spürte nur eine ganz feine Berührung, aber sie war ganz eindeutig da. Wann waren seine Einbildungen so weit fortgeschritten, dass er sich auch noch Körperkontakt vormachen konnte?
      Seine sich formenden Gedanken, die mit dieser neuen Information zu kämpfen versuchten, verpufften ins Nichts, als die flüchtige Berührung von einem Gefühl untermalt wurde, als würde er in warmes Wasser getaucht. Tröstliche Wärme, eine, die ihm selbst in seinem Delirium noch vertraut war, durchflutete jede einzelne seiner Zellen und spülte all seinen Schmerz einfach so aus ihm heraus. Seine Haut kribbelte, seine Muskeln wurden weich wie Butter und Zoras seufzte den letzten Atem aus seiner Lunge heraus. Jetzt wollte er wahrlich nur noch schlafen. Die Welt würde sich auch morgen noch drehen, er wollte nur noch die Augen schließen und in der Finsternis versinken.

      Seine Augen schlossen sich und öffneten sich dann wieder. Er war eingedöst, aber beim Erwachen schien er immernoch zu halluzinieren, was sicher besorgniserregend sein sollte. Jetzt war es aber nicht nur Kassandra, die bei ihm war, sondern eine andere Figur auch noch. Sein Hauptmann vielleicht? Wieso dachte er gerade an seinen Hauptmann? Aber der Gedanke schien nicht richtig, so wie er nach und nach einen kupfernen Haarschopf ausmachte. So jemand kannte er ja gar nicht.
      Dann, mit einem Schlag, dröhnte etwas in seinem Kopf, das all seine anderen Gedanken augenblicklich zur Seite schob. Es war wie ein Befehl, der mit einer Urgewalt ausgesprochen wurde, der man sich nicht entziehen konnte. Es regte etwas primitives in ihm, den Wunsch, dieser Stimme augenblicklich und ausnahmslos zu gehorchen, zeitgleich sich aber auch vor ihr zu verstecken, damit die pure Macht in ihr ihn nicht finden konnte. Nur war Zoras viel zu schwach, um irgendwas davon zu tun.
      Eigentlich wollte er sich aufrichten und davonlaufen. Er hatte genug von seiner Halluzination, die ihm jetzt mehr denn je wie ein Albtraum vorkam. Wo war nur... wo war die richtige Kassandra? Die Phönixin mit dem wallenden schwarzen Haar und den Augen voller Feuer? Sie würde ihm helfen. Nicht dieses... Wesen, das sich als Kassandra ausgab.
      In seiner Vorstellung schrie er das Wesen vor sich an, dass es ihn in Ruhe lassen und aus seinem Kopf verschwinden sollte, aber in der Realität brachte er nur ein Wimmern hervor. Er drehte den Kopf auf die andere Seite - das war ein Akt, der ihn beinahe sämtliche seiner Kraftreserven benötigte - und starrte in das Licht hinein. Licht hatte er eigentlich nie in seiner Zelle. Was war das nur für ein Albtraum, in dem er gelandet war?
      "Kassandra..."
      Wo war sie - die richtige Kassandra? Die richtige Einbildung? Hatte sie ihn jetzt etwa auch in seinen Träumen verlassen?
    • Allein die Vorstellung, wie sich der Trupp eines der Ratsmitglieder genau hinter Zoras befand und sich erst im letzten Moment absetzte, ließ Kassandra beinahe rasend werden. Immer wieder brachen Flammen aus ihrem ohnehin schon formlosen Körper hervor, ein pures Sinnbild des Zorns, der in ihr loderte. Wie konnte es sein, dass sie sich alle abgesetzt hatten, nur der König selbst nicht? Wieso wussten alle Bescheid, außer ihm?
      Weil ein Champion es geahnt hatte, es vielleicht sogar unterstützt hatte.
      Kassandras Kopf wandte sich in jene Richtung, wo sich die restlichen Ratsmitglieder und ihre Champions gesammelt hatten. Davon ausgehend, dass Mirdole vorhin noch mit hinausgestürzt und sich den Attentätern annehmen wollte, nahm die Phönixin sie für diesen Angriff schon raus. Allerdings lenkte dies nur noch weiter das Licht auf den Gott des Weines, der der Unterhaltung.
      Unter ihrer Hand bewegte sich Zoras, doch Kassandra reagierte nicht darauf. Sie war gerade damit beschäftigt, all die Wut in sich zu behalten, um nicht doch wie die Naturgewalt, die sie war, über die gesamte Stadt hereinzubrechen. Hätte sie doch vor Wochen den Moment genutzt und Dionysus samt Feyra zu Asche versammelt. Hätte sie lieber direkt die Diplomatie als unangebracht betitelt und die Champions einen nach den anderen zurück ins Nichts befördert, dann wäre das hier nicht passiert. Dann wäre Zoras nicht ein weiteres Mal traumatisiert und so viele Menschen einen sinnlosen Tod gestorben.
      „Kassandra…“
      Sie riss die Hand von Zoras zurück und der Strom ihrer Magie in seinen Körper brach abrupt ab. Ihr Blick richtete sich auf den Menschen vor ihr, in dessen Aura sich plötzlich Verwirrung und Angst breitmachte. Diese Angst war es jedoch nicht, die ihre Natur fütterte. Das war jene von Zavion, der sie mit geweiteten Augen wortlos anstarrte, nachdem er seinen Bericht abgegeben hatte. Er wagte es schlichtweg nicht, sich weiterhin zu bewegen. Der Eviad vor Kassandras Knien hingegen wagte es sehr wohl. Er gab Geräusche von sich, die sich nach erbärmlichen Wimmern anhörten.
      Er musste raus aus diesem Dämmerzustand.
      Dieses Mal legte Kassandra ihm ihre Hand auf die Stirn. Notgedrungen presste sie das Feuer in Form ihrer Hand und auch die restlichen Flammen wieder in einen eher an einen Menschen erinnernden Körper hinein. Dabei ging sie gegen einen alten Instinkt an, der ihr genau das Gegenteil aufdrängte. Es fühlte sich nicht richtig an, sich selbst ein Limit zu setzen. Sich bewusst einzugrenzen, nur damit sie weniger bedrohlich wirkte. Wer das nicht sehen wollte, der sah auch nicht das komplette Bild von ihr. Aber für ihn, für Zoras, tat sie es, und zwängte sich in eine Hülle, die nur einen Bruchteil von dem zeigte, was sie eigentlich war.
      Dass ihr jedoch immer wieder noch schwarze Flammen aus ihrer Aura hervorbrachen, konnte sie nicht abstellen. Dafür war die Wut zu allumfassend, um sie einfach abstellen zu können. Stattdessen schickte sie einen Schwall ihrer Magie durch Zoras‘ Körper, angefangen von seiner Stirn, über seinen Kopf und Hals hinab in seine Brust, wo sie sich ausdehnte und an Kraft gewann. Explosionsartig verstreute sie sich in seine Gliedmaßen in dem Versuch, die Qualen, welcher Natur auch immer sie waren, zu lindern.
      „W… Was tut Ihr dem Eviad an?“, kam es leise von der Seite. Zavion hatte seine Stimme wiedergefunden.
      "Ihn heilen. Bewusstlos bringt dir dein Herrscher wenig“, antwortete Kassandra mit weniger göttlich klingender Stimme als zuvor. Doch noch immer hätte ein einziges Wort von ihr Stahl schneiden können. „Oder siehst du etwas anderes?“
      „Ihr… quält ihn…“
      „Ich tue was?“
      „Warum sollte er sonst solche Geräusche von sich geben?“ Nun wagte der Hauptmann es sogar, mit seinem Finger auf den am Boden liegenden Mann zu zeigen. „Oder tut er das häufig in Eurer Gegenwart?“
      Der Gedanke, den Zavion unwissentlich in Kassandra damit auslöste, war mindestens so gefährlich wie die Explosion im Tunnelgewölbe. Zavion hatte recht. Immer, wenn Zoras litt, wimmerte, weinte, dann hatte es etwas mit ihr zu tun. Das waren niederschmetternde Erlebnisse, die Zoras immer und immer wieder durchlebte, und das nur, weil er sich in ihrer Gegenwart befand. Hätte er sie nicht getroffen, wäre er nie zum Ziel von Telandir geworden und hätte nicht diese Narbe als Zeugnis auf seiner Brust. Er hätte nicht in einem Kerker gefoltert werden können, denn da wäre er schon längst tot gewesen. Ohne sie hätte es keinen Sohn geben können, den er nun beweinen musste. Und ohne sie hätte er keine Freunde in fremden Landen finden müssen, weil er nach seiner Phönixin suchte, und von denen nun nur noch Fetzen übrig waren.
      Kassandra zog langsam wieder ihre Hand zurück. Sie hatte ihre Beziehung missinterpretiert. Sie hatte gedacht, dass ihre Anwesenheit das wenige Glück in seinem Leben darstellte. Dieses Glück war nur die Spitze des Eisberges gewesen, dessen verdeckter Teil unter der Oberfläche dank Zavion nun erst sichtbar geworden war. Kassandra war der Grund für Zoras‘ Leiden und dass es konstant anhielt. Sie zog Macht auch aus ihm, ohne es jemals so betrachtet zu haben. Einfach, weil er sie nicht damit in Verbindung brachte.
      Bedächtig faltete Kassandra ihre Hände in ihrem Schoß und betrachtete Zoras eingehend. Selbst wenn dem so war, dann hatte er seine Wahl eigenmächtig getroffen. Er hatte es sich so ausgesucht und niemand drängte ihn zu anderen Taten. Selbst, wenn sie ein ganzes Heer an Menschen ausradieren würde, stünde er noch immer in ihrem Schatten und bewunderte das Wesen, das sich in seiner Nähe so nahbar gab. Daran würde sich nichts ändern, das hatte er ihr mehrfach beteuert.
      Also schenkte sie seinen Worten ihren Glauben.
      „Bin ich die erste Göttin, mit der du in Kontakt kommst, Zavion?“, fragte sie den jungen Hauptmann unvermittelt, während sie ihre Hände löste und sie unter Zoras‘ Knie und Rücken schob.
      „Ich habe schon mal… welche gesehen. Champions, meine ich.“
      „Aha. Mehr nicht?“
      „Mehr nicht…“
      Kassandra erhob sich mit dem größeren Mann in ihren Armen, als wöge er Federn. Dann verdichtete sich ihre Magie an ihrem Rücken, bildete noch stärker ihre Flügel aus, und dann sprang sie in die Luft. Mit einem weiten Schlag der immateriellen Flügel entkam sie dem Loch, das einst ein Tunnelgang gewesen war. Licht aus den großen Fenstern des Saales erreichte sie, tränkte Zoras‘ mit Ruß bedecktes Gesicht und flirrte um Kassandras Gestalt. Mit einem sanften Tappen landete sie auf den prächtigen Fliesen des Saales, während unter ihnen Zavion wie am Spieß schrie. Er wurde von Flammen nach oben katapultiert, wo er zwar sanft, aber wesentlich weniger galant mit dem Bauch auf dem Boden des Saales aufklatschte. Allerdings schien er heilfroh über den Boden zu sein, denn er blieb einen Moment einfach nur liegen und schien den Stein unter seinem Gesicht zu huldigen. Erst danach kämpfte er sich auf die Beine.
      Kassandra indes gab ein unwirkliches Bild mit dem Eviad in ihren Armen ab. Ihr Gesicht war nicht mehr hart wie ein Schild und trotzdem wirkte ihre gesamte Erscheinung wie eine einzige Bastion. Es brauchte nicht immer starke Worte oder böse Blicke, um einen Anspruch zu erheben. Das zeigte die Phönixin in diesem Augenblick sehr deutlich.
      „Zoras, es ist vorbei“, flüsterte sie nur für ihn und küsste seine in Falten gelegte Stirn.

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    • Das Wesen starrte ihn an. Zoras ahnte es mehr, alsdass er es wirklich sehen konnte, denn seine Sicht war noch verschwommen und das Wesen veränderte stetig seine Gestalt. Er konnte so viel sehen, dass er das schwarze Feuer erkannte, das aus dessen unförmigem Leib trat und in alle Richtungen leckte. Ob es auch ihn irgendwann erreichen würde? Eine primitive Angst nagte an dem wachen Teil seines Verstandes und drängte ihn zu einer Flucht, die ihm unmöglich war. Er konnte keinen Finger rühren, nur auf dem Boden liegen und seine ganzen Bemühungen in einem Wimmern ausdrücken.
      Die Vision veränderte sich. Vor seinen Augen nahm das Wesen eine andersartige Gestalt an und dann - ganz plötzlich, als hätte man ein Portrait vorgeschoben - war dort Kassandra. Zoras wusste gleich, dass sie es war, denn in ihrer Nähe fühlte er die Wärme ihrer Flammen und das war die richtige Wärme, nicht das, was dieses Wesen zu produzieren versucht hatte. Das war seine Kassandra. Mit einem Schlag war er aus dem Albtraum gerissen worden und zurück in seiner Vision.
      Warmes, ruhiges Wasser durchflutete ihn ein zweites Mal. Es löste die Spannung in seinen Muskeln und seinem Verstand und bettete ihn auf einem himmelsweichen Untergrund, dem er sich nun nicht mehr entziehen konnte. Er sank darin ein, tiefer und tiefer, immer weiter hinab, wo eine tröstende Dunkelheit auf ihn wartete. Zoras schlief ein.

      Und wachte wieder auf. Der Boden war unter ihm verschwunden und er schwebte. Nein, er schwebte nicht - Kassandra war noch immer bei ihm. Noch...? Nein, sie war bei ihm, sie berührte ihn, sie hob ihn vom Boden. Das war nun keine Einbildung mehr, das Gefühl von Schwerelosigkeit, das ihn erfasste, während er gleichzeitig ihre dünnen Arme unter sich spürte. Ihre Hände lagen auf Narben, die ihn einst um den Verstand gebracht haben mochten, aber von ihr war die Berührung ganz sanft. Tröstend. Beruhigend. Von Kassandras Händen gab es keine Schmerzen, nur Zärtlichkeit.
      Zoras' Kopf rollte auf ihre Schulter und der unverkennbare Duft von weiten, unberührten Welten erfasste ihn, trug ihn hinaus und mit sich. Hätte er lächeln können, hätte er es getan. Es war Kassandra, daran bestand kein Zweifel. Kassandra war gekommen, um ihn zu retten.
      Um ihn herum senkte sich der Kerker hinab - hinab? - als die Phönixin ihn hinaus flog - flog? Der düstere, eingestürzte, rauchige, schwelende Kerker sank tiefer und tiefer, während das warme, aber helle Licht von Fackeln sie nach und nach ergriff; der Palast vielleicht, der Palast von Theriss. Zoras wusste es aber nicht und es war ihm auch egal, denn Kassandra hatte seine Gebete erhört und war gekommen. Sie flog ihn nach draußen und unter ihrer Berührung fiel das Unheil des Kerkers von ihm ab wie Asche.
      Sie blieben oben im Palast stehen und wenn Zoras die Kraft dazu gehabt hätte, hätte er sich umgedreht. Aber sein verwaschener Blick lag auf Kassandras zierlicher Gestalt, als sie ihn sanft auf die Stirn küsste.
      "Zoras, es ist vorbei."
      "Ich weiß."
      Er brauchte viele Atemzüge, bevor er weiterreden konnte.
      "Ich wusste, dass du kommen würdest."

      Zoras schlief wieder ein und wachte wieder auf. Er hatte von den weiten Ebenen seines Zuhauses geträumt, von den Hügeln aus Wiesen, die sich bis an den Horizont zu erstrecken schienen und die jetzt immernoch irgendwie anwesend waren. Ihr Geruch lag in seiner Nase, als er die Augen einen Spalt weit aufzwang. Über ihm war Kassandra, ihr schönes - wenn auch irgendwie hartes - Gesicht von dunklen Locken umrahmt, als sie ihn auf einem Bett ablegte. Das hier war keine Vision, es war Wirklichkeit, auch wenn Zoras trotzdem nicht wusste, wo er war. Vielleicht Zuhause. Ja, sicher hatte sie ihn nachhause gebracht.
      Er versuchte sich an einem Lächeln, für das zumindest seine Mundwinkel zuckten. Als sie ihn zudeckte, legte sich das Gewicht der Decke auf seinen Körper und wenn seine Muskeln vorher schon den Dienst versagt hatten, so kamen sie jetzt definitiv nicht gegen die Tonnenschwere an, die diese Decke innehatte. Er versuchte es, aber es gelang ihm nicht.
      Dann musste er sich eben anders helfen.
      "Meine Hübsche..."
      Er blinzelte und für einen Moment drohte die Welt vor seinen Augen zu kippen, als die vertraute Wärme ihn und seinen Körper erfasste. Er konnte sich nicht dagegen wehren, seine Augenlider waren noch schwerer als die Decke. Sie fielen ihm zu und Zoras träumte, wie Kassandra sich über ihn beugte, ihn hochhob und aus einer Zelle trug, die keine Decke besaß und in die weiten Felder seiner Heimat übergingen. Er schlief gut, vielleicht sogar besser als jemals zuvor.
      In der Zelle ließen sie beide dabei einen einsamen, vergessenen Fuß zurück.
    • „Ich wusste, dass du kommen würdest.“
      Kassandra war mit ihm längst in den intakten Flurgängen des Palastes unterwegs, als Zoras seine Stimme ein weiteres Mal wiederfand. Wie ein wertvolles Gut trug sie ihn auf ihren Armen, während sie Zavion im eingestürzten Saal zurückgelassen hatte. Der junge Hauptmann war nicht mehr in der Lage gewesen, aufzustehen. Zoras auf der anderen Seite musste nichts tun, als sich weiter von einer Göttin durch die Gänge tragen zu lassen, die so gespenstisch leer waren wie der zusammengestürzte Gang. Mittels eines schweren Vorhanges aus Magie nötigte Kassandra sämtliche Lebewesen im Palast dazu, das Weite zu suchen, wenn sie auch nur annähernd in ihre Richtung gelangten. Denn ein weiteres Zusammentreffen mit der Phönixin, die sowie auf Messers Schneide stand, würde tödlich für den denjenigen enden.
      Niemand kam ihnen in die Quere, als sie nicht einmal einen Finger krümmen musste, um die Tür zu Zoras‘ Hauptgemach zu öffnen. Bereitwillig schwang die Tür für sie beide auf, hieß sie willkommen und schloss sie hinter sich ein, nachdem Kassandra eingetreten war. Sie hielt auf das Bett zu, legte Zoras ab und bettete ihn unter der Decke, nachdem sie ihm wie durch Geisterhand seine eh schon verbrannten Kleider gänzlich vom Körper zauberte. Er brauchte den Stoff sowieso nicht mehr.
      „Meine Hübsche…“
      Das war alles, zu dem er fähig war. Ein kurzes Zucken seiner Mundwinkel, das Flattern seiner Lider und dann war er schon wieder weggedriftet, als sein Körper versuchte, die Wunderheilung zu begreifen. Wie ein Mahnmal schwebte Kassandra über ihm, betrachtete ihn, schien etwas nachzuhängen.
      Er wusste, dass sie kommen würde. Wusste er in dem Moment, als sich die Attentäterin gezeigt hat, dass Kassandra nicht weit sei? Dass sie in jeder Sekunde eintreffen und alles richten würde? Wie würde er reagieren, sobald er erfuhr, dass sie eben nicht rechtzeitig da gewesen war? Dass alle bis auf ihn und Zavion den Angriff nicht überlebt hatten? Wie sollte sie ihm nur den Tod von Tysion beibringen?
      Unweigerlich ballte Kassandra die Hände zu Fäusten, eine allzu menschliche Geste. Hätte sie ihm nicht ihren Schutz auferlegt, dann hätte er nicht einmal mehr mitbekommen, dass sie überhaupt gekommen wäre. Dann wäre alles umsonst gewesen und die Tragödie von vor über tausend Jahren wiederholte sich. Es war reines Glück und paranoide Vorsicht gewesen, die Zoras noch am Leben hielten und dieses Geschenk würde sie nicht vergeuden. Immerhin hatte sie eine Geisel genommen, die geradewegs und als einzige Seele die Gänge zu diesem Gemach entlang schritt. Selbstredend würde Kassandra diesen Raum vorerst nicht verlassen. Das musste sie auch nicht, denn ihre Zielperson kam geradewegs von selbst zu ihr, so als folge sie einer unsichtbaren Fessel.
      Und diese Fessel nannte sich Verzauberung.
      Es klopfte, doch Kassandra richtete sich lediglich auf. Sie musste kein akustisches Signal geben, damit ihre neue Fanatikerin von selbst eintrat und hinter sich die Türe schloss. Sie hatte die Wachen auf ihrem Wege hierher niedergerungen, nur um dem ach so drängenden Zwang nachzukommen, ihrer neuen und einzigen Göttin zu dienen. Keine der Wachen hatte dabei ihr Leben gelassen, aber allein die Tatsache, dass die Frau dermaßen bewandert und verzweifelt war, um sich derart durchzuschlagen, war schon eindrucksvoll.
      Mit einem Blick, der sonst sämtliche Menschen direkt in die Flucht geschlagen hätte, drehte sich Kassandra ihrer Fanatikerin zu. Sie betrachtete ihre Göttin mit einem Funkeln in den Augen, so als würde sie gerade ihrem Messias gegenüberstehen. Kassandra kannte diesen Ausdruck und hasste ihn immer wieder. Doch nun, ja, nun kam ihr dieser Blick gerade gelegen.
      „Nenn mir deinen Namen, deine Gesinnung und wer dein Eviad ist. Wer hat dich ausgebildet und dich und dein Pack organsiert, um hier einzudringen? Wie habt ihr diese Täuschung erstellt?“, stellte die Phönixin scharf und knapp ihr Fragen, solange Zoras noch im Land der Träume verankert war. Einen weiteren sinnlosen Tod würde er nicht auch noch beiwohnen müssen. Erst recht keinem, der durch die Magie seiner Göttin zustande kam.
    • Die Attentäterin kam hereinmarschiert, das Festkleid, das an diesem früheren Abend sicher noch festlich und schmuckvoll hergerichtet war, hing ihr in Fetzen vom Körper, der dünne, wertvolle Stoff durch die vielen Auseinandersetzungen gerissen. Es kümmerte die Frau aber kaum; ihr Blick setzte sich übergangslos auf der Phönixin fest und verließ sie nicht mehr. Diese Frau himmelte sie an, das war ganz deutlich zu sehen. Für sie gab es in ihrem Leben nichts wichtigeres mehr als ihre eigene Göttin vor ihr.
      Sie ließ keinen Atemzug verstreichen, um der Forderung ihrer Göttin nachzukommen.
      "Mein Name lautet Alsyr Verai, ich leugne die Existenz einer Prophezeiung und habe keinen Eviad. Es gibt keinen Eviad. Meine Ausbildung habe ich von den Alten Soldaten erfahren, ich und meine Kumpanen. Organisiert wurden wir von einem Mann, der die gleichen Ziele verfolgt wie wir: Den vermeintlichen Eviad zu stürzen. Er suchte uns auf, als die Krönung des Lügners bevorstand und weihte uns in seine Pläne ein. Wir waren nicht die einzigen, doch von den anderen wissen wir nichts. Er brauchte uns nur für die Ablenkung."
      Die Alten Soldaten waren Zoras erst vor wenigen Wochen in einer seiner Geschichtsstunden beigebracht worden: Eine militärische Organisation, die noch vor der Machtergreifung der Champions vor über 200 Jahren als die landesweite Armee fungiert hatte und dann nach und nach durch die Stärke der Champions außer Kraft gesetzt wurde. Es war überall bekannt, dass das Militär von Kuluar viel zu Wünschen übrig ließ, aber ganz anscheinend gab es noch irgendwo einen winzigen Teil, der an sehr alten Traditionen festhielt und sich damit wohl einen Kampfstil erhalten ließ, der von keinerlei überweltlichen Mächten gestützt wurde.
      Die Frau erzählte in einem rein sachlichen Tonfall weiter.
      "Wir bekamen von einem Mittelmann einen Trunk geliefert. Er hatte keine Informationen darüber, wer ihn erschaffen hatte oder wie, nur, dass er die Macht besitzt, die menschliche Aura für das göttliche Auge zu täuschen. Wir sollten ihn zwei Stunden vor Einlass zu uns nehmen und drinnen nichts vom Wein nehmen, keinen Tropfen. Dann würde es uns nicht verraten, wenn wir mit den ersten Morden beginnen."
    • „Wie viele von den Alten Soldaten gibt es deines Wissens nach und wo haben sie ihr Lager aufgeschlagen?"
      Früher wäre Kassandra direkt nach Kundgabe des Aufenthaltsorts dort eingefallen und hätte sie allesamt wie Ratten ausgebrannt. Jede einzelne Seele hätte sie mit Genugtuung dabei beobachtet, wie sie immer schwächer und schwächer geworden wäre und sich am Ende aufgelöst hätte. Das letzte Licht verloschen wäre. Aber diesen Luxus konnte sich Kassandra jetzt nicht gönnen, sie würde auf den richtigen Moment warten müssen.
      „Was für ein Mann hat dich aufgesucht? Name? Aussehen? Herkunft? Sag mir alles, was du von ihm weißt“, forderte Kassandra erbarmungslos weiter und hegte keinerlei Mitleid für die arme Frau, die ihres freien Willens völlig beraubt worden war. Nur ein kleiner Teil in der Phönixin rüttelte gegen die Gitterstäbe, hinter die sie diesen Teil verbannt hatte.
      „Wieso brauchte er euch nur für die Ablenkung? Zählte die Sprengerin unten in dem Gang nicht zu euch? Was gedenkt er zu tun, wenn ihr euren Auftrag entsprechend erfüllt?“
      Ein Kopf hinter der ganzen Sache war besser als mehrere. Bedenklich war lediglich der Fakt, dass es eben nur einen einzigen Kopf dafür brauchte. Er musste ein wahrlich guter Redner sein und überzeugende Fähigkeiten besitzen, oder noch schlimmer, ein eigenständiger Gott in Verhüllung sein. Jedenfalls musste er in Kontakt mit dem Göttlichen stehen, wenn er in der Lage war, ein Gebräu wie jenes anzufertigen, das auch Kassandra beinahe getäuscht hatte. Darüber hinaus kannte er sich mit den Champions des Rates aus, wobei das allerdings kein sonderliches Meisterwerk war. Nur ihr Name schien ihm ebenfalls bekannt zu sein, oder jedenfalls so weit, wie sich ihre Geschichte mit der des neuen Eviads verband.
      „Wie sind die weiteren Pläne, wenn dieser hier misslingt? Oder seid ihr etwa nur mit diesem lächerlichen Plan hier einmarschiert und habt nicht weiter darüber nachgedacht? Erzähl mir alles, was du mir von den Alten Soldaten berichten kannst.“
      Diese Gruppe verleugnete den Eviad und musste eine Randgruppierung sein. Kassandra hatte von ihrer Existenz noch nicht gehört, was ihre Größe wohl auf wenige hundert, wenn nicht tausend Menschen beschränken müsste. Ihr Verdacht, dass Dionysus seine Finger im Spiel hatte, waren noch immer nicht vollends ausgeschlagen, denn diese Randgruppierung würde wohl keine Hilfe von einem Champion annehmen. Dieser seltsame Führer allerdings…. Der war eine andere Geschichte. Wenn er ein kluger Mann war, dann würde er erst das größere Übel stürzen, nämlich den falschen Eviad, und sich anschließend um den Rest kümmern. Aber warum traten die Alten erst jetzt in Erscheinung und nicht früher? Wieso erst mit dem Auftreten des Eviads? Womöglich, weil sie jetzt erst die richtigen Mittel bekamen, um etwas durchzusetzen?
    • "Jeder kennt die Alten Soldaten, es können nicht mehr als ein paar Tausend sein. Diejenigen, die in der Stadt bleiben, leben schon seit Generationen in den ehemaligen Baracken, die zu Wohnhäusern umfunktioniert wurden. Sie stehen überall in der Stadt verteilt."
      Wenn es die Frau störte, dass sie zu einer Informantin herab degradiert worden war, dann ließ sie sich das nicht anmerken. In ihrer Miene glänzte der Stolz, ihrer Göttin zu Diensten zu sein.
      "Der Mann ist Lyadir Eskan, er ist Teil der freiwilligen Garde. Größer als ich, kräftig, gesund, blonde Haare. Er kommt von hier und hat sich dem Dienst des Rates verschrieben so wie viele andere auch. Die freiwillige Garde wird nicht oft als tatsächliche Garde eingesetzt, aber manchmal werden Favoriten unter ihnen ausgewählt. Lyadir war schon ein paar Mal im Palast um Schichten zu übernehmen. Die freiwillige Garde kommt aber nie direkt mit dem Rat in Berührung, sondern übernimmt Patrouillen oder Raumwachen. Er ist ein vertrauenswürdiger Mann, weil seine Pflicht für ihn sein Leben ist. Wenn es jemand schaffen würde, den Eviad zu stürzen, dann sicher er.
      Lyadir hat uns als Teil einer Truppe angeheuert. Er meinte, dass er Spione bräuchte, die sich im Palast positionieren, dass er Attentäter bräuchte und etwas zur Ablenkung für Euch. Er hat aber nicht gesagt, wo er die anderen hergenommen hat. Ich weiß von keiner Sprengerin; unser Auftrag war es, Euch so lange mit unseren Morden aufzuhalten, wie es möglich war. Wir wussten alle, dass wir diesen Palast nicht lebend verlassen würden. Es ging uns nicht um unser Leben, sondern um Kuluars Zukunft. Deswegen hat er uns alle schon längst ausgezahlt. Unsere Familien haben unlängst die Stadt verlassen, um sich nahe der Grenzen niederzulassen. Sollte hier ein Aufstand ausbrechen, wegen all der Dummköpfe, die ihrem Eviad nachweinen, werden sie das Land verlassen und zu einem späteren Zeitpunkt wiederkommen. So funktioniert das in Kuluar, die Grenzen sind nicht für die Ewigkeit gedacht.
      Es gibt keine weiteren Pläne wie diesen hier. Die Alten Soldaten sind daran interessiert, die Struktur wieder herzustellen. Solange Eviad lebt, ist das Land auf den Kopf gestellt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis uns das in den Hintern beißt. Aber das können sie nicht, denn der Eviad verbarrikadiert sich hinter sicheren Wänden und Ihr, meine Göttin, weicht nicht von seiner Seite. Es wurde darüber diskutiert, ob Ihr aus Kuluar heraus gelockt werden könntet, aber soweit ich weiß, ist es noch nicht zu einem Ergebnis gekommen. Und für Attentate wie dieses sind die Alten Soldaten zu feige; nur ein Bruchteil von uns ist mutig genug, unsere Ziele auch wirklich durchzusetzen. Ohne Lyadir hätten wir so etwas nie zustande gebracht."
      Sie straffte sich ein wenig und blickte der Phönixin aufmerksam entgegen.
      "Lyadir ist aber nicht alleine. Die Aufmachung war zu groß, um sie alleine organisieren zu können. Er wollte es uns nicht sagen, aber wir wissen, dass er nicht derjenige ist, der die Spione und Attentäter angeheuert hat, sondern jemand anderes. Das bedeutet, dass Lyadir wiederum von jemand anderem delegiert worden ist, um uns aufzusuchen. Und es würde uns nicht wundern, wenn dieser andere wieder von jemand anderem beauftragt worden ist. Wenn es um einen Königsmord geht, kann man mit dem Verwischen seiner Spuren nicht vorsichtig genug sein."
    • Und so schnell hatte Kassandra einen neuen Namen, der sich in ihr Gedächtnis brannte und nach dem sie fahnden würde. Lyadir Eskan würde des Lebens nicht mehr froh werden bis sie ihn ausfindig machen konnte. Bis dahin würde er in Angst leben. In der Gewissheit, dass eine Göttin ihn jagte.
      „Du wirst jetzt zurück in den eingestürzten Gang klettern und dort jeden einzelnen Leichenteil bergen und oben im Saal ausbreiten. Ich will genau wissen, wer dort unten gestorben ist und wie. Du wirst sie mit Ehrfurcht behandeln und dafür sorgen, dass niemand diese Teile anfasst“, trug Kassandra Alsyr auf und entließ sie aus dem Zimmer, woraufhin Göttin und Eviad wieder allein waren.
      Alsyr direkt in den Tod zu schicken wäre durchaus nach Kassandras Geschmack gewesen, doch lebendig war sie nützlicher. Nicht nur, dass sie freiwillig alle Informationen der Alten Soldaten preisgab, sie würde auch die Wachen entsprechend schulen können. So wie die Frau kämpfte schien es den Wachen völlig fremd gewesen zu sein. Zu sehr verließen sie sich auf ihre Speere und Schwerter. Und da anscheinend eh damit gerechnet wurde, dass sie alle hier im Angriff ihr Leben ließen, würde es nicht auffallen, wenn Kassandra sie zu einer ihrer Fanatiker gemacht hatte.
      Mit einem Seufzen setzte sie sich an den Rand der Matratze des Bettes. Zoras‘ Aura hatte sich schon wieder stabilisiert, sodass sie nicht mehr fürchten musste, dass der Anschlag weitere Konsequenzen mit sich trug. Die Arme, die sie ihm oberhalb der Bettdecke abgelegt hatte, sahen wieder aus wie damals, als sie ihn in Theriss kennengelernt hatte. Die zahlreichen Narben waren verschwunden, aber die Stelle an der Amartius‘ Mal auf seinem Handrücken prangte, war unversehrt geblieben. Dort hatte kein Feuer ihn auch nur versengen können. Behutsam streichelte Kassandra das Mal mit ihren Fingern. Ob das alles hier wohl auch so gekommen wäre, wenn ihr Sohn noch am Leben gewesen wäre? Wenn er sich nicht in das Schwert verwandelt hätte, das dort hinten an der Wand in seiner Scheide steckte und nichts gegen diesen Angriff hatte ausrichten können?
      Es waren zu viele Fragen, die man sich nun stellen konnte und die einen nur tiefer in den Morast der Zweifel waten ließ. Kassandra hatte einen Namen, sie hatte eine Organisation und den Verdacht, dass Dionysus seine Finger im Spiel hatte. Vielleicht würde sie in einem ruhigen Moment, so möge dieser kommen, noch einmal das Gespräch mit Mirdole suchen. Seit dem Attentat beschlich die Phönixin das Gefühl, dass die Gorgone doch etwas zugänglicher geworden war als ursprünglich angenommen.
    • Die Frau verschwendete keinen weiteren Augenblick, der Phönixin zu gehorchen. Direkt ging sie wieder nach draußen, schloss die Tür hinter sich und marschierte gezielt den Gang entlang hinab.
      Niemand hielt sie auf, niemand stellte sich ihr in den Weg. Die Champions hielten alle Abstand von ihr und der dunklen Aura, die von ihrem Körper troff und Kassandras Aura vollständig widerspiegelte. Es war wohl nicht zu erwarten, dass die Götter eine einfache Wiedergeborene fürchteten, aber eine Phönixin, die mit ihren schwarzen Feuern gerade gewillt war, jeden in Asche zu verwandeln, der ihrem Raum zu nahe kam? Doch, vor dieser Macht hatten sie durchaus einen gewissen Respekt. Es würde daher keine Verzögerung geben mit dem Bergen der Leichen.
      Dennoch dauerte es an; lange genug, dass Zoras irgendwann an die Oberfläche seines Bewusstseins zurücktrieb. Er war sich der vertrauten Wärme bewusst, die ihn vollständig umhüllte und spielend leicht zurück in die Tiefe gezogen hätte - aber irgendetwas nagte auch an ihm, so wie eine quälende Frage, die ihn brennend interessierte und auf deren Antwort er doch nicht kam. Für einige Sekunden lang trieb er auf der Schwelle zwischen Schlafen und Wach-Sein, dann zwang er die Augen auf.
      Kassandra war bei ihm - wie hätte es auch anders sein können. Aber sie saß an seinem Bettrand, was ein äußerst merkwürdiger Anblick war. Normalerweise stand sie an den Fenstern und blickte nach draußen, gleichermaßen wenn er zu Bett ging, wie wenn er aufwachte.
      Sie ihn so bei sich zu sehen, brachte nur wieder seinen Drang auf, der sich wie eine unbeantwortete Frage anfühlte.
      Sein Körper fühlte sich schwer an und sein Hals war trocken, als er den Mund öffnete. Sein "Hey" war mehr ein Gekrächze als alles anderes. Das erschreckte ihn für einen Augenblick, bis ihm schlagartig einfiel, dass er nicht etwa geträumt hatte, erst zu einer Feier und dann hinunter in einen Gang zu gehen. Das war wirklich passiert und jetzt lag er in seinem Bett.
      Er versuchte sich aufzurichten, was damit anfangen sollte, sich auf seinen Armen abzustützen, aber als er sie bewegte und sie dabei von seinem Blick gestreift wurden, fror er in seiner Bewegung fest.
      Denn das waren Arme, ja. Aber es waren nicht seine Arme. Für einen absolut grauenhaften Augenblick glaubte er, dass das nicht sein Körper war.
      "Kassandra -"
      Er musste die Trockenheit in seinem Hals wegräuspern. Sein Herzschlag steigerte sich zu einem unruhigen Tempo.
      "- Was ist los? Was - Was ist passiert?"
    • Kassandras Ausdruck im Gesicht war nicht ihre übliche Maske. Es war auch nicht mehr der des Zorns und der Wut, den sie bis in dieses Gemach zur Schau gestellt hatte und der von niemanden gesehen worden war. Jetzt trug sie eine Art Bestürzung im Gesicht, die Zoras bei seiner Göttin nicht allzu oft im Leben erfahren hatte.
      Der Moment, in dem er wieder zu sich kam, deutete sich früh genug an. So früh, dass sie ihren Gesichtsausdruck hätte ändern können, es aber nicht tat. Das, was nun folgen würde, wäre kein Kinderspiel und nichts, was sich mittels eines Schulterzuckens abtun lassen würde. Das begann damit, als er sich aufrichtete und dabei unweigerlich seine nackten Arme sah. Umgehend fror er in seiner Bewegung ein und versetzte damit Kassandra ungewollt einen Stich. Ja, das war natürlich das erste, was ihm auffallen würde. Aber sie hatte keine Wahl gehabt. Entweder so, er wäre Wochen mit schwersten Verbrennungen zugange gewesen und hätte am Ende entweder überhaupt nichts mehr gefühlt oder es sah so aus wie jetzt.
      „Es ist alles gut. Dir wird jetzt nichts mehr passieren und der Rest wird gerade geklärt. Hier bei mir bist du sicher“, versuchte sie ihm als Erstes den Wind aus den Segeln zu nehmen, doch sein Herzschlag war wie ein Sperrfeuer. „Du kannst nicht dich mehr erinnern? Oder nur teilweise?“
      Ganz kurz umriss sie den Abend bis sie dachte, ihn wieder aufgefangen zu haben.
      „Du solltest mit dem Rat in einen Panikraum gebracht werden, aber man brachte dich in die unterirdischen Gänge, ohne das Gefolge des Rates. Du wurdest von einer Attentäterin angegriffen, davor sind schon andere Angriffe von statten gegangen. Sie hat eine Explosion verursacht, die eine Feuerwalze durch den Gang geschickt und die Decke kollabieren ließ. Es war mein Schild, der dich davor bewahrt hat, erschlagen zu werden. Die Feuerwalze jedoch..“
      Sie senkte ihre wunderschönen, grausamen roten Augen auf seine Arme, die frei von Narben und Verbrennungen waren.
      „Hat einen Großteil deines Körpers erfasst, sodass ich mich gezwungen sah, dich zu heilen. Ich barg dich aus den Trümmern und brachte dich hierher. Mir wird so ein Fehler nicht ein weiteres Mal passieren. Die Wachen nützen nichts, die Menschen nützen nichts.“
      Absichtlich erwähnte sie nicht das Gefolge, mit dem Zoras untertage geführt worden war. Absichtlich erwähnte sie nicht, was mit Tysion und ihnen allen geschehen war. Absichtlich hielt sie den Haufen an Informationen zurück, die sie gesammelt und als passend erachtet hatte. Und sie erzählte ihm noch nicht von Alysr, die mittlerweile schon eine beachtliche Menge an Teilen ans Licht gefördert haben musste.
      „Man wollte dich nicht nur stürzen, man wollte dich töten. Die Prophezeiung als nichtig erklären. Die Gefahr geht also nicht nur vom Rat, sondern auch von außen aus. Aber keine Sorge“, ihre Miene wurde weicher, versöhnlicher, „ich werde sie ausfindig machen und mich darum kümmern, dass sie es nie wieder versuchen können.“
    • Womöglich hätte ein Funken von Normalität Zoras etwas mehr Halt geben können bei der steigenden Verwirrung, die er in diesem Augenblick verspürte. Er war in seinem Bett aufgewacht, aber er hatte gleich gewusst, dass etwas nicht stimmte, und war schlagartig darauf gekommen, dass sogar sehr viel nicht stimmen konnte, wenn er seiner Erinnerung glauben schenken durfte.
      Aber bei den ganzen Umständen, die ihn an der Situation zweifeln ließen, war es doch Kassandras Miene, die sonst nichts als Gleichgültigkeit versprühte, die ihn völlig aus dem Gleichgewicht brachte.
      Die Phönixin sah bestürzt aus. Sie beobachtete ihn mit einem Ausdruck, der reine Sorge und Betroffenheit vermittelte und das war in all den Jahren ihrer Bekanntschaft nun nichts, was Zoras irgendwie leichtfertig aufgenommen hätte. Seine Phönixin war von irgendetwas bestürzt, seine Phönixin war im Griff einer menschlichen Emotion.
      Zoras konnte wohl mit recht behaupten, dass sämtliche seiner Alarmglocken gerade anliefen, auch wenn sie das nur sehr träge taten. Immerhin fühlte er sich noch nicht gänzlich fit oder gar ausgeschlafen.
      Kassandra verschwendete daher keinen weiteren Augenblick, ihn von der Nacht zu berichten. Mit ihren Worten drang auch ein Teil seiner Erinnerung wieder empor, das Gefühl an einen dämmrigen Gang, durch den sie hetzten, während Zoras zu benebelt gewesen war, um wirklich seine Umgebung zu registrieren. Aber an Eshos Fehlen konnte er sich gut erinnern, weil er sich davor kurz, aber intensiv mit dem Gedanken beschäftigt hatte, dass der junge Krieger zu ihm aufholen und ein Gespräch anfangen könnte. Das hatte er nicht getan und jetzt vermutete Zoras auch genau zu wissen, warum nicht.
      Nur das Schild ließ ihn stutzen. Allerdings mündete seine Verwirrung gleich in die nächste Bestürzung, als sie mit ihrem Bericht fortfuhr.
      Es war also tatsächlich ein Anschlag gewesen, nicht einmal nur ein reines Attentat. Man hatte sicherstellen wollen, dass er auch wirklich sterben würde, aber alles, was man erreicht hatte, war ein eingestürzter Gang und nicht einmal eine Wunde, die Zoras davontragen würde. Auch keine Narbe. Gar keine Narbe.
      Von der einen Nachricht ebenso wie von der anderen geschockt, hob er mit einiger Mühe seine Hände vor sein Gesicht. Amartius' Mal war noch vorhanden und das war eine große Erleichterung, aber sonst... sonst waren das nicht seine Hände. Das waren nicht seine Hände. Die Nägel waren ganz ordentlich und nicht schief gewachsen, die Narbenwulsten auf seiner Haut waren allesamt verschwunden und sämtliche andere Hornhaut, die sich noch dort befunden hatte. Die kreisrunde Narbe, die ihm eine Ratte in einem Schlauch zugefügt hatte und die er Amartius' gezeigt hatte, war weg. An ihrer statt war haarlose, unversehrte Haut.
      Zoras fühlte sich hilflos dabei, wie sehr sein Puls in die Höhe raste. Das war doch schließlich noch die geringste Sorge dieser ganzen Sache, dass er jetzt seine Narben abgelegt hatte. Aber es fühlte sich anders an und egal was es war, es machte ihm eine fast panische Angst.
      Er zwang seine Angst herunter, schluckte sie wie einen viel zu dicken Kloß. Fuhr sich übers Gesicht, damit er sich wenigstens etwas erden konnte - und spürte keinen Haaransatz. Nichts. Es waren nicht seine Hände, mit denen er sich über das Gesicht fuhr, und es war auch nicht sein Gesicht, das er da berührte.
      Die Angst schlug über, sodass er sich ruckartig aufsetzte. Von dem plötzlichen Kraftakt schwindelte ihm und er geriet ins Schwitzen, aber er kämpfte sich durch diese Lappalien hindurch. Sein Blut schien zu kochen. Wenn das hier so noch weitergehen würde, würde er noch vollständig in Panik geraten.
      "Kassandra, was ist mit meinem Gesicht? Du verschweigst mir doch viel mehr, als du mir erzählst. Was ist heute Nacht genau passiert? Sag mir alles, nicht nur Teile davon!"
    • Schweigend ließ Kassandra Zoras nicht nur die Lage, sondern auch sich selbst richtig begreifen. Auch ohne Worte spürte sie, wie Panik in ihm aufflammte und dass ihre Worte scheinbar wenig genützt hatten. Offensichtlich völlig verwirrt fuhr er sich mit seinen Händen über sein Gesicht, stockte und setzte sich dann richtig auf. Das sorgte dafür, dass die den Platz an seiner Seite aufgab und sich vom Bett erhob. Die Betroffenheit in ihrem Gesicht schrumpfte, bis sie nur noch ein Fernes Echo auf ihrem Gesicht war.
      „Was mit deinem Gesicht ist? Zoras, da unten hat eine Verpuffungsreaktion stattgefunden und eine Feuerwalze ist über dich hinweg gerollt. Sie war so heiß, dass sie binnen Millisekunden dein Haar, welches sie erreichen konnte, weggebrannt hat. Deswegen fehlt dir deine Gesichtsbehaarung“, erklärte sie ihm und haderte, ob sie ihm wirklich alles erzählen sollte. Seine Augen sprangen wild umher, sein Pulsschlag war abnormal und dem Hyperventilieren war er auch nicht mehr fern. Unweigerlich dachte Kassandra an den Moment, als Amartius gestorben war. Hatte er auch so reagiert? War er ähnlich aufgelöst oder noch ganz anders gewesen?
      „Es sind Wachen getötet worden. Dem sind Mirdole und ich auf den Grund gegangen. Wir haben eine Attentäterin gestellt, die nur spärlich mit der Sprache rausgerückt war und dann kam es bereits zur Explosion im unterirdischen Gang. Wie genau es abgelaufen ist, weiß ich nicht. Ich war nicht… dabei“, fügte sie hinzu und hatte sichtlich Mühe, den letzten Teil ihrer Worte auszusprechen.
      Doch alles, was sie ihm berichtete, schien nur träge wie durch ein sehr feinmaschiges Sieb zu ihm durch zu rinnen. Kassandras Mundpartie wurde hart, als sie auf ihre Magie zurückgriff. Hinter ihr versprühte sich ein feiner Nebel ihrer Magie und brachte dort die Luft zum Flimmern. Farben änderten sich, die Konturen am Rand der Illusion verzogen sich. Es entstand ein riesiges Bild, ein ganzer Film, aus der Sicht von Kassandra, wie das Wackeln und das teilweise plötzliche Springen der Bilder hindeuten ließ. Es zeigte den Moment, als Kassandra Zoras in seinem Kokon unter den Trümmern ausfindig machte, ihn öffnete und sich auf die Knie vor ihm sinken ließ. Ihr Blick streifte seine Beine und Arme, die nurmehr schwarz verkohlt waren, bis hoch zu seinem Gesicht, das rußig und komplett haarlos war. Der Moment, in dem sie Tysions Leichnam und seinen Fuß entdeckte, ließ sie außen vor. Noch.
      „So habe ich dich gefunden, so sieht es da unten aus. Alles ist eingestürzt, so massiv war die Explosion. Es wird sich schon darum gekümmert, die Verschütteten zu bergen, aber ich kann für nichts garantieren. Eine der Attentäterinnen befindet sich in meiner Gewalt und besitze wenigstens ein wenig Informationen, was genau geschehen ist. Aber ich konnte dich nicht so dort unten lassen. Du warst schwer verbrannt und ich musste handeln.“
      Ganz bestimmt nicht würde sie es bereuen, ihn geheilt zu haben. So selektiv war ihre Magie nun leider nicht, dass sie bei solch einer Verletzung all seine Narben hätte behalten können. Aber sein Torso, ja, den hatte sie nicht berühren müssen. Dort waren die Kleidungsschichten so dick gewesen, dass das Feuer die Haut nicht hatte erreichen können. Trotzdem war es nicht optimal gewesen, das war ihr klar, nur hätte er in einem anderen Fall auch direkt tot sein können. Da nahm sie dankend diesen Ausgang an, der ihn wenigstens am Leben hielt.
    • Zoras starrte Kassandra für einige Sekunden unbewegt an, denn kaum, als sie es ausgesprochen hatte, kam auch die Erinnerung langsam wieder hoch, die Erinnerung an eine gleißende Explosion, die ihn von den Füßen gerissen hatte und heiß genug gewesen war, dass sie sich sogar durch seinen betrunkenen Zustand gefressen hatte. So betrachtet war es eine ganz triviale Begründung, was mit seiner Behaarung geschehen war, aber das minderte trotzdem nicht die Panik, die in Schüben in ihm aufwallte. Während des Vorfalls war er zu betrunken gewesen, um sich wirklich seiner Lage bewusst zu werden, und dafür schien er es jetzt rückblickend doppelt zu fühlen. Er war in eine Explosion geraten. Fehlende Haare und geheilte Wunden waren noch das geringste, an was er einen Gedanken verschwenden sollte.
      Noch einmal fuhr er sich übers Gesicht und lehnte sich zurück ans Kopfende des Bettes, damit der aufkeimende Schwindel nachließ. Kassandras weitere Erzählung war nun durchaus etwas, was auch sein müder Verstand langsam zu einem vollständigen Bild zusammensetzen konnte. Man hatte die Wachen sicher getötet, um die Champions von dem eigentlichen Überfall abzulenken. Oder um ihn in den richtigen Gang zu locken - wie sonst hätte er das Fest verlassen? Er sollte aus diesem Vorfall wohl irgendeine Lehre ziehen, aber noch war sie ihm fremd.
      Nur, als Kassandra ganz hörbar darüber stockte, nicht dabei gewesen zu sein, da konnte er doch zumindest eine Lehre ziehen: Es war nicht die Schuld der Phönixin.
      "Es war... ich glaube, es war eine Waschfrau. Ich erinnere mich, sie hat ausgesehen wie eine, aber sie war niemand, die ich kannte. Sie hat sich selbst in die Luft gesprengt, anders wäre sie wohl nie nahe genug heran gekommen. Das hättest selbst du nicht verhindern können, Kassandra."
      Er sprach aber nicht aus, was sie sich nicht beide schon darunter dachten: Dass die Phönixin durchaus in der Lage gewesen wäre, das Feuer zumindest einzudämmen. Ja, vermutlich hätte sie die Frau auch umbringen können, ohne dabei ihre Säckchen explodieren zu lassen. Aber wem nützte es schon, in dem was wäre wenn zurückzubleiben.
      Zoras jedenfalls wollte sich bemühen, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen. Er hatte soeben zum ersten Mal einen Anschlag erlebt und es gab Sicherheitsvorkehrungen, die es zu treffen galt.
      Vorerst starrte er aber mit wachsender Faszination auf die Magie, die hinter Kassandra sichtbar wurde und nach und nach ein Bild von sich gab, als würde ein Portrait gezeichnet werden von dem Moment, als sie in den Gang gekommen war. Er sah die Wände des Palastes, den Boden, über den er vor einigen Stunden noch selbst gehetzt war, und die vielen Trümmer, die überall verstreut lagen, große Brocken aus gemustertem Stein, der zweifellos von der Decke kam.
      Er sah sich selbst, zunächst gehüllt in etwas, das wie schwarze Flügel anmutete, dann davon freigelegt. Zoras atmete hörbar ein, als er seinen eigenen Körper dort liegen sah, wie ein Leichnam, die Haut von Ruß bedeckt, die Arme und Beine vollständig verbrannt. Ein anderer Gedanke streifte ihn bei dem Anblick, dessen Ursprung ihm unerklärlich vorkam: Zum Glück hat sie mich nicht aus dem Kerker befreit. Denn so, wie Zoras dort auf dem Boden lag, hatte er sicher auch in seiner Zelle gelegen, zusammengerollt, abgemagert, von blutigen Wunden übersäht. Zum Glück hatte sie ihn nicht gefunden.
      Er wusste nicht, warum ihm dieser Gedanke überhaupt gekommen war.
      Erst, als das Bild sich selbst wieder auflöste, konnte er sich von dem Anblick losreißen und den Blick wieder auf Kassandra richten. Ihre Miene war wieder so ausdruckslos wie immer, aber er kannte sie genug, um zu wissen, dass die ganze Situation sie nicht kalt gelassen hatte. Sie war nicht da gewesen, das hatte sie selbst erwähnt, und dann hatte sie ihn in einem Zustand gefunden, der seinen Tod bedeutet hätte, wenn der Kokon nicht gewesen wäre, der ihn wohl in letzter Sekunde noch geschützt hatte. Er konnte nicht anders, als doch über das was wäre wenn nachzudenken, aber in diesem Fall, was geschehen wäre, wenn er es nicht überlebt hätte. Was mit Kassandra geschehen wäre. Immerhin hatte sie ihm schon früher von Santras' Tod erzählt und davon, dass es sie mehr getroffen hatte, als es eine Göttin treffen sollte. Wenn er nun auch gestorben wäre...?
      Zoras versuchte den Gedanken auszublenden, der unweigerlich an die Oberfläche kam, die Vorstellung von einer schwarzen Phönixin, die das ganze Land in Schutt und Asche legte. Aber genauso war es eine Phönixin, die dabei weinte.
      Er streckte eine Hand nach ihr aus. Der Anblick seines narbenlosen Arms war ihm gänzlich befremdlich, aber versuchte es zu ignorieren.
      "Komm her."
      Sie legte ihre Hand in seine, in die Hand mit Amartius' Mal, und er zog sie nahe genug, dass sie sich wieder setzen musste. Das tat sie auch, aber sie war dabei ganz steif wie eine Göttin und nicht losgelöst, so wie Kassandra es in seiner Gegenwart sonst war.
      "Ich verdanke dir mein Leben - ein weiteres mal. Ich hätte es nicht geschafft, wenn du nicht gewesen wärst."
      Er ließ sie los und streckte dafür die Hand aus, um mit den Fingern über ihre Wange zu streichen.
      "Du hast getan, was möglich war, und ich bin noch am Leben, das ist alles, was zählt. Jetzt müssen wir herausfinden, wer dahinter steckt, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es einfach gewesen war, in den Palast zu dringen."
      Er nahm die Hand herunter und blickte Kassandra ernst an.
      "Denkst du, es könnte vom Rat gekommen sein?"
    • Dass Zoras die Worte von Zavion bestätigte, ließ Kassandra mehrmals leicht nicken. Also sah auch er seine Person, die er definitiv nicht vorher im Kreise seiner Bediensteten gekannt hatte. Es waren Fremde, passend zu der Erzählung von Alsyr. Nur lag er mit der Annahme falsch, dass sie nichts hätte ausrichten können. Sie hätte früh genug die Feindseligkeit spüren können, schneller als das Licht zu ihr springen und mit den Händen das Herz herausreißen können. Kassandra hätte nicht auf ihr Feuer zurückgreifen müssen, dafür gab es viel zu viele andere Wege, einen Menschen zu töten. Aber nichts änderte den Fakt, dass sie schlichtweg im entscheidenden Moment nicht vor Ort gewesen war.
      Also sagte die Phönixin nichts dazu und versuchte, ihren Gesichtsausdruck wieder zu glätten. Dafür verschränkte sie nun provokant die Arme vor der Brust. „Man hat diese Explosion durch das gesamte Gebäude gespürt. Aber nur ich habe gesehen, wie sie sich entfaltet und einfach genau da losgegangen ist, wo du warst. Ich habe erst zu dem Zeitpunkt gesehen, dass du dort unten warst und niemand sonst des Rates. Hätte ich dir permanent überwacht und wäre nicht von den Attentätern abgelenkt worden, wäre es mir viel früher aufgefallen.“ Sie machte eine Pause, was gesetzt erscheinen sollte, doch sie diente vielmehr dazu, Kraft für die nächsten Worte anzusammeln. „Dabei war ich es, die dich losgeschickt hat mit den Worten, dass dir nichts passieren könne.“
      Der Moment hallte noch genau in ihren Ohren nach, wie sie ihn einfach fortgeschickt hatte. Wie sie für einen trügerischen Moment angenommen hatte, dass die Menschen wirklich alles im Griff hatten und man ihre göttlichen Fähigkeiten nicht bedurfte. Wie sollte es nun weitergehen, nachdem sie den Beweis geliefert bekommen hatte, dass dem nicht so war? Erst recht, nachdem Alsyr ihr mitteilte, dass man nur darauf wartete, dass sie und Zoras sich trennten?
      „Komm her.“
      Von ihrem Standpunkt aus beäugte Kassandra die Hand, die Zoras nach ihr ausstreckte. Hatte das Bild ihrer Erinnerungen ausgereicht, damit er nicht mehr endgültig in Panik verfiel? Sie verstand, wieso er von seinen eigenen Armen so zurückgeschreckt war. Sie selbst betrachtete diese Hand wie eine fremde Hand. Fast schon zögerlich legte sie ihre in seine, woraufhin er sie zu sich zog, bis sie mit den Beinen an das Bettgestell stieß. Schweren Herzens folgte sie der stummen Aufforderung und setzte sich, doch die weichen Bewegungen, die so typisch für sie waren, blieben aus. Hier setzte sich eine Göttin auf ein Objekt, gemacht von Menschenhand. Als träfen zwei Welten aufeinander, die niemals zusammengehören sollten. Ihre Augen wurden noch immer hier und da von schwarzen Blitzen durchzuckt – die sichtbaren Überbleibsel von dem, was in ihrem Kern vor sich ging. Auch wenn es danach aussah, als wäre sie gefasst; Kassandra wartete lediglich auf den Moment, in dem sie keine unsichtbaren Fesseln mehr an ihren Händen trug. Vergeltung war etwas, was sie nie laut ausgesprochen hatte, und die trotzdem über die Jahrtausende in ihr herangereift war. Sich von ihr lossagen konnte sie nun nicht mehr.
      Viele Worte prasselten in Kassandras Gedanken herab, als sich Zoras bei ihr bedankte. Von Danksagungen über Anklagen war alles dabei. Am Ende entschied sie sich für einen einzigen Gedankengang, ohne ihn weiter auszuführen, als sie vielleicht gemusst hätte. „Es war reine Vorsorge. Nur die hat dich am Leben gehalten, sonst nichts.“
      Vorsorge, die keinen seiner Begleiter betroffen hatte. Ohne Kassandra wäre Zoras erst gar nicht hier gewesen. Ohne diese Prophezeiung wäre nichts hiervon passiert. Trotzdem weichten ihre Züge minimal auf, als er ihre Wange berührte. Mit Fingern, die gar nicht mehr rau und schwielig wirkten.
      „Ich weiß, dass es die Attentäter zu den Alten Soldaten gehören und deswegen entsprechend ausgebildet sind. Sie wurden allerdings nur als Ablenkung angeheuert und wer genau der Kopf der Sache ist, ist unklar. Ich kenne den Namen eines Mittelsmannes, nur befürchte ich, dass er uns nicht sonderlich viel von Nutzen sein wird, selbst wenn ich ihn finde. Allerdings weiß ich, dass das Mittel, was man ihnen vorab verabreicht hatte, zur Täuschung ausgelegt worden war und ihnen gesagt wurde, nichts vom Wein zu trinken. Ich kann mir vorstellen, dass Dionysus involviert ist. Mirdole und ihren Träger hingegen würde ich ausschließen. Sie hat ähnlich wie ich auf die Attentäter reagiert und ich denke, sie schätzt ihren aktuellen Träger zu sehr, um solche Aktionen gut zu heißen. Was nicht unbedingt für den Gott des Weines gilt. Du erinnerst dich an meine Begegnung mit ihm, wo er einfach seine Essenz in die Hände bekommen hat?“
      So viele unausgesprochen Worten und Tatsachen…
      So viele Dinge, die sie ihm vorenthielt, weil der Zeitpunkt nicht stimmte…
      So viel Ballast, der jetzt einfach zu schwer für Zoras‘ Schultern war. Er musste sich erst einmal wieder stabilisieren, bevor sie mit den nächsten Hiobsbotschaften um die Ecke kam. Nicht jetzt, nachdem er knapp dem Tod und einer Panikattacke entkommen war.
      „Ich habe eine der Attentäterinnen mir zu Untertan gemacht. Alle anderen habe ich getötet. Daher habe ich all diese Informationen und wir können noch mehr aus ihr gewinnen. Du musst ihr nur die richtigen Fragen stellen, aber urteile nicht über ihren Zustand, in Ordnung? Fanatiker sind immer etwas… spezieller Natur.“
      Ob er sich noch daran erinnerte, wie es damals mit dem Soldaten ausgesehen hatte, den sie konvertiert hatte? Er war vermutlich nicht mehr am Leben, nachdem sie entführt worden und die Hölle in Theriss ausgebrochen war. Andernfalls hätte er sie ausfindig gemacht und wäre ihr sogar bis ans Ende der Welt gefolgt. Und genau das machte diese Fanatiker in ihren Augen so unglaublich traurig. Ein Wesen ohne freien Willen würde niemals frei sein.
      Kassandra stieß einen langen Atemzug aus ehe sie nach Zoras‘ Hand griff und mit ihrem Daumen über die glatte Handoberseite strich. „Ich nehme an, dass du gleich das Zimmer verlassen und Vorkehrungen treffen willst, sobald es dir wieder besser geht. Dann muss dir klar sein, dass bei der Explosion nicht nur du zu Schaden gekommen bist. Ich weiß nicht, wie damit umgegangen wird, aber du warst in dem Tunnelgang nicht allein. Du hattest ein kleines Gefolge dabei und deine Garde.“ Ihre roten Augen fixierten seine dunkelbraunen Augen. „Wegen meines Schildes hast nur du überlebt. Alle anderen haben den Anschlag nicht überlebt. Bis auf Zavion, der wie ein Wunder zu weit weg war. Alsyr bergt gerade die Leichen.“
    • Es brauchte viel mehr, um zu begreifen, was Göttlichkeit ausmachen mochte. Vollständig verstehen würde es sowieso kein Sterblicher, niemals.
      Aber in diesem einen Moment, als Kassandra mit einem Ausdruck erzwungener Unnahbarkeit erwähnte, dass sie es gewesen sei, die Zoras mit gutem Gewissen fortgeschickt hatte, glaubte er doch, einen ganz flüchtigen Blick auf das erhaschen zu können, was Göttlichkeit ausmachte. Es war nur ein kleiner, sehr feiner Funken, den er dort aufschnappte und der im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden war, aber Zoras hatte ihn trotzdem gespürt. Und mit ihm war es eine Art Verbindung mit Kassandra gewesen, die er nie wieder auf die gleiche Weise nachempfinden würde können.
      Sie setzte sich wieder zu ihm und aus der Nähe, begünstigt durch seinen etwas wacheren Verstand, konnte er nun auch die letzten Reste ihres schwarzen Feuers erkennen, derer sie sich unweigerlich bedient hatte. Warum er das wusste, dass sie ihre Flammen benutzt hatte, das war ihm nicht besonders klar, aber er zweifelte nicht an dieser Tatsache. Der Anblick der Phönixin alleine, aus deren Augen schwarze Blitze schossen, hätten leicht jeden Sterblichen in die Flucht geschlagen. Zoras legte ihr stattdessen den Finger an die Wange.
      „Es war reine Vorsorge. Nur die hat dich am Leben gehalten, sonst nichts.“
      "Es braucht genauso wenig, um am Leben zu bleiben, wie um zu sterben. Die Schicksalsgöttinnen werden sich ihren Teil dabei gedacht haben, als sie unseren Weg gewebt haben."
      Da trat ein etwas sanfterer Ausdruck in ihr Gesicht und ihre Augen erweichten sich ein wenig in der typischen Weise, deren Privileg nur Zoras zukam. Er versuchte dabei selbst zuversichtlich zu sein, damit seine Worte nicht nur Worte blieben, sondern auch in seiner Aura abzulesen waren. Es war aber schwierig, wenn im Hinterkopf das Gewissen hämmerte, dass er soeben einem Anschlag entkommen war, und dass ein großer Teil seiner Narben verschwunden waren. Wäre er nicht alleine gewesen, hätte ihn das sicher in das nächste Loch gestürzt, aus dem er sich dann zu graben hätte versuchen müssen, aber solange seine Phönixin bei ihm war, konnte er sich auch noch halbwegs klar auf andere Sachen konzentrieren.
      Zum Beispiel die Auswirkungen, die dieser Anschlag nun gehabt hatte.
      Kassandra erstattete weiter ihren Bericht und Zoras hörte ihr schweigend zu, während er sich so gut es ging ein Bild davon machte. Natürlich war das alles keine einfache Sache und würde nicht mal eben so erledigt sein. Viel zu viel Aufwand und Risiko hatte dahinter gesteckt, dass die Attentäter in den Palast gekommen waren, um nur ein böser Streich gewesen zu sein. Es konnte gar nicht einfach zu klären sein, Zoras hatte daher auch nicht damit gerechnet, dass Kassandra schon so weit gewesen wäre, ihm die Lösung zu präsentieren.
      Wenigstens hatten sie eine der Attentäterin in ihrer Gewalt. Wenn Kassandra von Untertan sprach, dachte Zoras gleich an den Soldaten in Theriss, den sie umgebracht und wieder zum Leben erweckt hatte. Trotz dieser düsteren Szenerie, war ihm das momentan ein angenehmerer Gedanke, als sich vorstellen zu müssen, dass das Verlies des kuluarischen Palastes seinen Nutzen finden würde.
      Zoras wusste noch gar nicht, was für ein Herrscher er sein sollte. Er würde jemanden für diesen Anschlag bestrafen müssen und um an diesen jemanden heranzukommen, würde er viele andere befragen müssen. Sicher, Kassandra könnte das für ihn tun, aber die Methode würde wohl dieselbe sein. Und ob er das wollte? Ob er das zulassen könnte?
      Zu viele Fragen häuften sich zu schnell, um sie selbst mit einem funktionierenden Verstand verarbeiten zu können, geschweige denn mit einem, der noch nicht richtig wach war. Zoras musste sich dazu zwingen, sie alle in den Hintergrund zu schieben, damit sie ihn nicht unnötig kaputt machten. So ungern er es auch tat, musste er sich erst erholen, bis er sich um irgendetwas davon kümmern konnte.
      Also noch etwas, was auf die lange Liste an Dingen kam, die sein tägliches Leben ausmachten. Zoras wusste ganz genau, weshalb er niemals dazu bestrebt gewesen war, König zu werden.
      "Ich weiß. Wir werden vielleicht eine neue Garde brauchen. Vielleicht brauchen wir ganz neues Personal - aber wenn neues hereinkommt, wer sagt uns dann, dass sie nicht auch Spione und Attentäter sind?"
      Das war nun wirklich zu viel für den Moment. Zoras war müde und die Gedanken, die sich nur weiter aufstapelten, brachten ihm nur Kopfschmerzen ein.
      Er würde ausführlich mit Tysion darüber reden müssen, wenn er wieder auf den Beinen war.
      "Ich muss mich wieder hinlegen. Bleibst du bei mir?"
      Er drückte ihre Hand und lächelte sanft.
      "Ich genieße es immer, deine Nähe zu spüren."
      Natürlich blieb sie bei ihm; wenn schon nicht aus dem Sehnen nach seiner Nähe, dann doch sicher aus ihrem Pflichtgefühl heraus. Soviel hatte Zoras in diesem kurzen Gespräch definitiv erfahren können.

      Nach dem ersten Aufwachen schlief er 11 Stunden lang, trank einen ganzen Krug Wasser leer und schlief noch einmal sechs Stunden. Von den Strapazen, dem Tod gerade noch entgangen zu sein, erholte sich sein Körper gut, aber dafür stellten sich andere Beschwerden ein, wie steife Gelenke vom zu vielen Liegen und Muskelkater. Als Zoras endlich aus dem Bett kam, glaubte er, vor Hunger doch noch sterben zu müssen.
      Alsyr hatte derweil die Leichen geborgen - oder zumindest das, was von ihnen allen übrig gewesen war - und sie in dem Saal ein Stockwerk über dem Gang aufgereiht. Andere hatten mit der Räumung des Ganges begonnen und bald würde man auch damit anfangen, die Decke wieder zu richten, damit beide Stockwerke an der Stelle wieder benutzbar waren.
      Die Champions waren an der ganzen Aufräumaktion allerdings wenig beteiligt. Der Rat hielt noch immer seine Sitzungen ab, in denen wohl einstimmig beschlossen wurde, dass man Kassandra aus dem Weg gehen sollte. Vielleicht wäre ja sonst jemand den Eviad besuchen gekommen.
      Zavion kam jedenfalls. Der arme Mann hatte den letzten Tag, den Zoras mit Schlafen zugebracht hatte, damit verbracht, mit seinem Gewissen zu kämpfen, das ihm schwer zusetzte. Zoras verstand das Problem gleich, als er die dunklen Augenringe des Mannes sah; er brauchte seinen Posten zurück und er musste außerdem die Gelegenheit bekommen zu beweisen, dass er seiner Aufgabe gewachsen war. Zoras würde sich darum bemühen.
      Thosho und Lasyon kamen und überbrachten ihr Mitgefühl. Zoras missverstand sie und beteuerte, dass es ihm schon viel besser gehe und er schon bald wieder auf den Beinen sein würde.
      Tysion kam nicht. Und Zoras begriff viel zu lange nicht, warum Kassandra seine Erwähnung des ehemaligen Söldners unkommentiert ließ oder warum andere die Blicke abwandten, wenn das Gespräch drohte, auch nur in die Richtung seines Beraters zu gehen. Zoras verstand eine lange Zeit nicht.
      Dann stand er vor einem Leichnam, der kaum wiederzuerkennen war, weil das Feuer ihn zuerst und die Gesteinsbrocken ihn zuletzt ergriffen hatten. Ein Bein war unterhalb des Knies weggerissen worden und an seiner Seite prangte ein riesiges Loch, wo Gesteinsbrocken ihn zerfetzt hatten. Der Kopf saß noch auf den Schultern, aber viel mehr als zerschlagenes Fleisch und rosige Gehirnmasse war nicht mehr übrig. Der Leichnam war fast bis zur Unkenntlichkeit zerstümmelt.
      Aber Zoras hatte lange genug an seiner Seite gegessen, geschlafen und gekämpft, um die Arme wiederzuerkennen und die Schultern, die zwar schon etwas eingefallen waren, aber doch deutlich Tysions Signatur trugen. Er erkannte ihn wieder und das war wohl schrecklicher, als von Kassandra bestätigt zu bekommen, dass es wirklich er war.
      An diesem Abend hatte er keinen Hunger mehr und empfing auch keine Leute mehr. Er ließ sich in seinem Gemach ein Bad ein, das heiß genug war, ihn zu verbrennen, und saß mit Kassandra im Wasser, etwa eine Armlänge von ihr entfernt. Das war ein geringfügiger Fehler, denn so konnte er gar nicht anders als auf zwei Beine zu starren, die nicht seine waren und die doch muskulös genug waren, dass sie von einem Kavalleristen stammten. Von einem Kavalleristen ja, aber nicht von ihm.
      An diesem Abend konnte er sich unvermittelt doch ein paar der Fragen beantworten, die nach seinem Aufwachen über ihn gekommen waren. Eine Frage davon war, was für ein Herrscher er sein wollte und Zoras wusste jetzt, dass er den Attentätern kein Erbarmen gewähren würde. Er würde sie finden, er würde sie fassen und er würde sie spüren lassen, was Tysion in den Tod geschickt hatte.
      Und wenn er das langsam tun konnte, dann würde er es wohl langsam tun.
    • Es dauerte nicht sonderlich lange, da verfiel Zoras wieder in einen Schlaf, der etliche Stunden anhalten würde. In der Zwischenzeit rang Kassandra mit sich selbst, ob sie es gestattet konnte, Zoras nun allein zu lassen oder nicht. Am Ende hatte sie so viel Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, dass sie den Raum verließ nachdem sie einen Bannkreis um ihn gezogen hatte. Sämtliche Eingänge und sogar die kleinsten Ritzen im Gestein waren nun von schwarzen Flammen durchzogen, ihr unverkennbares Feuer. Wer auch immer es wagte, diesen Raum auch nur zu betreten würde direkt in Flammen aufgehen, die nicht beim Körper Halt machen würden.
      Ihr Ziel war der Saal gewesen, durch dessen Boden sie in die Tiefe in den zusammengestürzten Tunnelgang gesprungen war. Auf dem Weg dorthin mieden die Menschen sowie Götter sie weiterhin konsequent, sodass sie nur Alsyr vorfand, die wie beauftragt Körper und deren Teile nach oben auf die zersprungenen, bunten Saalfliesen brachte. Gut zehn Schritte vor dem Loch hielt Kassandra inne und ließ den Blick über alles schweifen, was ihre Fanatikerin ans Licht gefördert hatte. Das Bild, was sich abzeichnete, glich manchen Schlachtfeldern mit seinen versprengten Körpern. Oder den ganz kleinen Dörfern, die einfach überfallen und gebrandschatzt wurden. Auch das hatte die Phönixin mehrere Male erleben dürfen, aber hier wog ihr Herz so schwer wie die Wolken aus Staub in der Luft. Für eine geraume Weile sah sich Kassandra einfach nur um, während Leichenteil um Teil heraufgeholt wurde und teilweise nicht mehr zugeordnet werden konnte. Irgendwann übernahm sie diesen Part und begann Alsyr anzuweisen, welche Teile zu welcher Person gehörten. Sie sprach ihre Namen nicht laut aus, doch jeder von ihnen hallte durch ihren Geist, als sie sich von den Männern und Frauen verabschiedete, die viel zu früh aus dem Leben gerissen worden waren. Schließlich legte Alsyr die sterblichen Reste von Tysion ab und Kassandra schloss die Augen. Ihn wollte sie nicht mit dem schwarzen Feuer ansehen, was in ihren Iriden tanzte. Das hatte der Mann, der so viel für Zoras getan hatte, nicht verdient. Erst, als sich Kassandra abwandte und den Saal verließ, trauten sich die Bediensteten aus ihren Verstecken und begannen mit den Aufräumarbeiten. Vorher hatte niemand auch nur gewagt, einen Fuß hierher zu setzen. Denn niemand wollte enden, wie die Leichen auf den prächtig bemalten Fliesen.

      Kassandra erwischte Zavion mehrmals dabei, wie er vor der Tür zu Zoras‘ Gemach stand und scheinbar überlegte, ob er versuchen sollte, die Klinke zu berühren oder nicht. Er traute sich am Ende nicht, zu sehr eingeschüchtert von dem Feuer, das die Explosion wie eine Walze über ihn hatte hinwegfegen lassen. Wann immer er jedoch Kassandra erblickte, zuckte er zusammen, wich ein beträchtliches Stück zur Seite und stellte sich dann auf. So sehr der junge Mann auch das fürchten gelernt hatte, sein Pflichtgefühl war dadurch nicht geschrumpft und hielt ihn so nah es ihm möglich war an der Seite seines Eviads. Kassandra sprach ihn nicht an, sondern lotste ihn eines Tages einfach nur herein, damit er wenigstens seinen Zoll zahlen konnte.
      Am Ende kam der Moment, wo sich alle Menschen seines Gefolges, die noch lebten, bei Zoras vorgestellt hatten. Nicht wenig erstaunte es Kassandra, dass Zoras so lange gebraucht hatte, bis sich ein Funken Erkenntnis in ihm eingenistet hatte, der schlussendlich dafür gesorgt hatte, dass Kassandra ihn an den Ort des Geschehens zurückbrachte. Die Arbeiter hielten ein, den Boden weiter zu schließen und zogen sich wieder zurück, vermutlich auch wegen Kassandra, die wie ein unheimlicher, todbringender Schatten hinter dem Eviad lauerte. Jedoch musste sie ihn gar nicht erst zu dem Körper führen, der zu Tysion gehörte. Wie durch Geisterhand geführt fand Zoras eigenständig seinen ehemals besten Freund, den der Angriff nur als unerkennbare Masse zurückgelassen hatte. Aber irgendetwas lenkte Zoras und Kassandra wusste, dass das eine der Sachen war, die rein menschlich waren und die sie niemals nachvollziehen können würde.

      Später saßen sie gemeinsam in einer Wanne mit genug heißem Wasser, dass es Zoras‘ größtenteils makellose Haut krebsrot färbte. Nur aus Anstand hatte Kassandra ihn begleitet, weshalb sie in gebührendem Abstand zu ihm in der Wanne ausharrte und sich in Schweigen hüllte. Es gab Momente, in denen keines ihrer Worte ihm helfen könnten. Also ließ sie ihn seine Beine anstarren, die er nicht als seine erachtete. Oder seine Arme. Sogar seine Hände. Kassandra verstand sein Verhalten in diesem Punkt nur halbherzig. Er war am Leben, er hatte weniger Blessuren als vorher. Und doch jammerte er dem nach, was sich auf seiner Haut abgezeichnet hatte. Er brauchte doch keine Narben, wenn er die Erinnerungen hatte. Kassandras Gedächtnis war so unermesslich, dass sie genug Erinnerungen für tausende Menschen hätte und keine davon bedurfte einen physischen Beweis. Ihre Gestalt war makellos, so wie seine Haut an Armen und Beinen. Vielleicht war der Augenblick nicht mehr so weit entfernt, dass er alles makellose in seinem Blickfeld als falsch erachten würde.
    • Die nachfolgenden Tage wurden nicht besser, wenn sogar gar schlechter. Zoras fühlte sich in einen dumpfen Nebel aus Lethargie gehüllt, der ihm zum verwechseln ähnlich wie die Zeit unmittelbar nach seiner Sklavenschaft vorkam, in der er in einem fremden Land unterwegs gewesen war, dessen Sprache er nicht beherrschte - außer "Pferd", "Futter" und "reiten". Mit der gleichen Teilnahmslosigkeit, mit der er damals die Tage zu überstehen versucht hatte, wachte er auch jetzt auf, suchte nach Kassandra und ließ sich erst durch ihre Anwesenheit beruhigen. Er war unlängst abhängig von ihrer Präsenz, das war ihm deutlich bewusst. Sie war nicht nur Teil seines Lebens, sondern regelrecht der einzige Stützpfeiler, der es noch aufrecht erhielt. Zu oft suchte er Trost darin, indem er die von Decken geschützten Arme um sie schlang und sein Gesicht in ihren unmöglich duftenden Haaren vergrub. Er wusste, dass es ungesund war. Er wusste, dass er es nicht ändern konnte. Seit fast zwei Jahren hatte er schon keine Albträume gelitten und das war allein der Phönixin zu verdanken. Wäre er andernfalls überhaupt noch hier, im Kampf um den Erhalt seiner jetzigen Position? Nein. Er hätte längst aufgegeben. Der Anschlag hätte ihn töten sollen, so wie ein ehemaliger Aufstand es hätte tun müssen, und Zoras hatte beide Male überlebt. Und beide Male hatte er einen Preis gezahlt, der ihm viel zu hoch war für das Leben, das ihm dadurch noch geschenkt wurde.

      Der Alltag lief wieder an und wo Zoras sich darum abmühte, auch wieder in den alltäglichen Trott zu gelangen, verbrachte die Phönixin ihre Zeit damit, einen gewissen Lyadir Eskan aufzuspüren, der schon längst über alle Berge hinweg schien. Es war unmöglich den Mann aufzuspüren - unmöglich für einen Menschen. Aber sobald die Phönixin sich sicher war, dass Zoras in ihrer Abwesenheit nichts geschehen würde, verschwand sie und er konnte spüren, dass sie jedes Mal das Palastgelände verließ.
      Ihre Jagd munterte ihn auf - nicht genug, dass er sich ihr angeschlossen hätte, aber genug, dass er nicht in das Loch fiel, an dessen Rand er schon wieder balanciert war. Es gab etwas zu tun, ein Ziel zu verfolgen, und das war gut. Ein Schritt nach dem anderen, erst kam der eine Tag und dann erst der nächste. Und dann der übernächste. Ganz langsam sollte es wieder anlaufen.
      Nach über zwei Monaten im Palast erinnerte er sich dann eines Tages schlagartig an Kassadra, die er bei seiner Krönung in der Stadt zurückgelassen hatte und die seitdem dort irgendwo untergebracht worden war. Dabei war das Stichwort irgendwo, denn Zoras hatte keine Ahnung, wo sie sich genau befand und Zoras war als ehemaliger Kavallerist auch kein Mensch, der die Bindung zu einem Pferd einfach beiseite werfen würde. Er setzte sofort alles daran, Kassadra ausfindig zu machen und in den königlichen Ställen unterzubringen.
      Der Stute ging es gut, auch wenn sie ihn mit halb angelegten Ohren begrüßte, als wolle sie ihn dafür schelten, dass er sie irgendwo zurückgelassen hatte. Bei ihrem Anblick wärmte sich etwas in Zoras auf und er machte es sich von dort an zur Routine, jeden Tag eine halbe Stunde im Stall vorbeizuschauen. Weil er seine vielen Gewänder trug und sich nicht die Zeit nehmen konnte, jedes Mal auch noch sein Outfit zu wechseln, konnte er sie zwar nicht pflegen oder ihre Box reinigen, aber er ging trotzdem täglich zu ihr, kämmte ihr das Haar, kraulte ihr die Nüstern und flüsterte ihr zu, was für ein braves Mädchen sie doch war.
      Der Geruch tendierte dazu, in seinen Gewändern hängen zu bleiben. Bald war er wieder da, ganz fahl und unscheinbar, aber doch unverkennlich: Der Geruch nach Pferd, der sich in ganz leichten Wellen von Zoras absetzte, wie eine eigene, längst vergessene Aura. Er merkte es selbst nicht, aber er erkannte, dass er gerne bei Kassadra war. Noch viel lieber wäre er mit ihr ausgeritten, aber noch war das ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn er etwas mehr Zeit hätte, könnte er sich womöglich dazu absetzen.
      Dann kam der Tag, den wohl alle erhofft hatten: Kassandra hatte Lyadir ausfindig gemacht. Und er war noch lebendig.
    • Schnell bemerkte Kassandra, dass sie Zoras in ihrer aktuellen Lage nicht helfen konnte. Was auch immer sich in seinem Kopf abspielte, es waren Geister, die nur er sah. Ihre Anwesenheit vertrieb die Geister nicht, sondern scheuchte sie lediglich aus seinem Blickfeld, doch sobald sie nicht mehr da war, kehrten die Geister zurück und terrorisierten Zoras abermals. Deswegen entschied sich Kassandra, dem Hauptproblem nachzugehen: Der Auftraggeber hinter der Explosion. Durch Alsyr hatte Kassandra eine einzige Münze bekommen, die durch die Hände des besagten Lyadir Eskan gegangen war und nur deshalb winzige Fragmente seiner Aura beinhalteten. Das war alles, was Kassandra benötigt hatte, um auf die Jagd zu gehen.
      Trotz ihrer Aurensicht benötigte Kassandra mehr als nur einen Abend, um sich ihrem Ziel anzunähern. Jedes Mal, wenn sie den Palast und somit auch Zoras verließ, stellte sie mehrfache Sicherheitsysteme auf. Eine Art Frühwarnsystem, das sie warnen würde, wenn man ihn noch einmal auch nur schief angucken würde. Ein Schutzsystem, das anstelle ihrer ihn und sein Gefolge schützte. Ein Markierungssystem für den Fall, dass sie noch einmal jemanden jagen müsste. All dies war makellos und funktionierte tadellos, aber es sorgte nicht dafür, dass Kassandra entspannt oder nicht abgelenkt aus dem Palast verschwand. Sie war nur mehr eine tickende Zeitbombe, die mit dem kleinsten Auslöser eine landesweite Katastrophe auslösen würde. Denn wenn man ihr Zoras gewaltsam nahm, dann sollte das Gleichgewicht zwischen den Ebenen ruhig brechen. Sollten die Götter doch fallen und die Menschen unter dem Chaos ertrinken. Es wäre nicht mehr in ihrem Interesse.

      Schließlich fand Kassandra ihr Ziel.
      Lyadir war weit gekommen. Er hatte sich beinahe bis an die Landesgrenze von Kuluar absetzen können und wäre zweifellos jeder Gottheit entkommen, die sich weder mit Auren noch generell mit der Einzigartigkeit von Menschen beschäftigte. Doch die Phönixin war das Unheil von oben, das jedes Lebewesen unter sich auf eine ganz bestimmte Signatur überprüfte, während sie in der Nacht am Himmel ihre Bahnen zog und schließlich fündig wurde.
      Es ging so schnell für die armen Menschen, dass sie nicht einmal recht prozessieren konnten, was mit ihnen geschah. Wie ein Komet leuchtete Kassandra auf und machte die Nacht zum Tag, als sie aus dem Himmel auf die kleine Karawane fiel, an deren Spitze der blonde Mann ritt. Sie schlug ein wie ein Blitz, so grell, dass die Pferde auf der Stelle benommen zusammenbrachen und Kassandra mit ihrer Kralle den Mann vom Pferd pflückte und mit ihm wieder in den dunklen Nachthimmel aufstieg. Zurück blieben nur bewusstlose Reiter und ihre Pferde mitsamt ihren Wagen, denn dieses Mal hatte Kassandra nicht alles verwüstet zurückgelassen. Sie flog mit dem bewusstlosen Mann zurück in die Hauptstadt, wo sie auf der Dachterrasse landete und Alysr zu sich rief, damit sie den Mann sicher erkannte und ihn fesselte, knebelte und schließlich hinter sich herzog, als sie gemeinsam vom Dach hinunter in das Gebäude stiegen.
      Dieses Mal begegneten ihnen Bedienstete, nachdem ein gewisser Alltag eingekehrt war und die erstickende Aura um Kassandra augenscheinlich verschwunden war. Trotzdem wich man ihr aus, als sie vor Alsyr und dem Mann die Gänge beschritt und die fragenden Blicke ignorierte. Sie brachte Lyadir nicht in eines der Privatgemächer oder in den Kerker oder sonst wo hin. Nein, sie brachte ihn an den Ort, wo das Unglück passiert war, oder besser gesagt ein paar Meter darüber. Sie ließ nach Zoras rufen, damit er mit in den Saal käme und dort allein auf dem Boden liegend Lyadir vorfinden würde. Denn jetzt musste Kassandra die Aufgabe abgeben, denn wenn sie es nicht tat, würde dieser Mann Schlimmeres durchleben als Alsyr sich ihr neues Schicksal nicht ausgesucht hatte. Sie hätte ihn mit ihren Flammen ausgebrannt, bis nichts mehr von seiner Aura da gewesen wäre und ihm einen grausamen Tod beschert, damit er ihren Namen mit in das Nichts nahm, in das er rauschen würde.
      Mit größtmöglicher Ruhe umkreiste Kassandra den blonden Mann am Boden, um zu den neu herein gebrachten Stuhl- und Tischreihen zu gehen. Nonchalant zog sie einen Stuhl hervor, wirbelte ihn an der Rückenlehne herum und nahm Platz. Dabei überschlug sie wie immer ihre Beine, faltete die Hände auf den Oberschenkeln und lehnte sich zurück, das Kinn erhaben gereckt. Es war ein herrisches Bild, welches sie gerade abgab, aber mehr entschärfen als das konnte Kassandra in diesem Augenblick nicht.