Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Irgendwann im Verlaufe des Abends war Amartius schließlich verschwunden.
      Zoras hatte gelegentlich zu dem Trio hinübergesehen, allerdings ohne das Bedürfnis, sich in das Gespräch oder gar ihre Angelegenheit einzumischen. Er hatte kein Interesse daran, sich an Faias und Omnars unzähligen Themen zu beteiligen, die sowieso zu nichts führten und sich nicht wenig häufig wiederholten und er hatte auch kein Interesse daran, sich erneut Amartius' Befragung zu stellen. Es war gut, dass der Junge Fragen stellte, es war sogar wichtig und Zoras wollte ihm die Antworten auch nicht vorenthalten, aber manche Dinge gingen eben zu weit. Der Junge hatte noch kein einziges Gefühl dafür entwickelt, was man aus Anstand nicht aussprechen und erst recht, worüber man nicht reden sollte. Entsprechend unverblühmt waren manche seine Fragen und trieben Zoras fast schon in die Nervosität.
      Irgendwann war der Junge aber verschwunden und er sah sich ein paar Mal nach ihm um, hauptsächlich, weil er Sorge bekam, er könnte ihnen weglaufen und dann müssten sie Kassandra allein suchen. Sicher hatten sie jetzt einen Anhaltspunkt, sie würden auch ohne Amartius' Hilfe herausbekommen wo Asvoß lag, aber der Junge wusste alleine, wo die Eisfestung sich befand und außerdem war er der einzige von ihnen, der die Sprache sprechen und verstehen konnte. Er war eigentlich nichts anderes als ihr sehr junger Fremdenführer und Zoras hatte ebenso kein Bedürfnis danach, sich mit diesen Kleinigkeiten herumschlagen zu müssen, wenn es um die potentielle Sicherheit von Kassandra ging.
      Aber er vertraute auf den ungewöhnlich scharfsinnigen Verstand des Jungen, dass er genauso wenig weglaufen wollte. Wohin sollte er schließlich, wenn nicht zurück nachhause und das auch noch mit Begleitung, die sich in der ihm fremden Welt auskannte? Also lehnte er sich zurück und rauchte mit Tysion, weil er es ihm anbot, eine Zigarre, während sie sich beide in einvernehmliches Schweigen hüllten.
      Bevor der Abend weiter hätte voranschreiten können, tauchte Amartius dann auch schon wieder auf und ignorierte Faias Angebot, sich wieder zu ihr zu setzen, um stattdessen zurück zu Zoras zu kommen. Das fiel dem Mann nun doch auf, der vorher nur nicht darauf geachtet hatte: Amartius hätte alles recht, sich zu jedem beliebigen in der Gruppe setzen zu können, allen voran Faia, die sich ja wohl recht ordentlich um ihn zu kümmern schien, aber er schien Zoras mit einer Überzeugung auszuwählen, die ihn selbst etwas stutzig machte. Es konnte nicht daran liegen, dass er kuluarisch nicht verstand, denn mittlerweile machte er auch darin rasante Fortschritte. Vielleicht lag es an Zoras' indirekter Verbundenheit zu Kassandra? Der Junge musste suchen, was seiner Heimat am nächsten kam und das war wohl, auf verkehrte Art und Weise, der zurückhaltende Veteran.
      Zoras warf einen Blick auf die bandagierte Hand, bevor er nickte. Es schien Amartius noch immer recht nahe zu gehen, dass er nicht die gleiche Macht besaß wie seine Mutter, so wie er zu lächeln versuchte.
      "Das ist gut. Behalte den Verband trotzdem noch drauf und wir tun zwei Mal am Tag so, als würde ich ihn dir wechseln, verstanden? Lass es niemand anderen sehen, auch nicht Faia."
      Es war wohl unnötig, ihn noch einmal darauf hinzuweisen, bloß nichts von sich zu verraten, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Zoras schon wusste, was mit Göttern auf der Erde passierte, war es von gravierender Wichtigkeit, Amartius so lange verdeckt zu halten, wie es nur irgendwie möglich war. Schließlich konnte auch Zoras nicht wissen, was die anderen denken oder gar tun würden, wenn sie von seiner wahren Natur wüssten.
      Und dann musste sich Zoras wohl oder übel wieder einer Befragung stellen, die zwar nicht persönlich, aber dennoch höchst pikant war. Sein Blick huschte augenblicklich zu Omnar, der mit Faia in ein weiteres Gespräch vertieft war und gar nicht mitbekam, wie Zoras ihn verwünschte. Dieser Mann würde ihn noch auf die Spitze treiben.
      "... Uff. Okay."
      Er richtete sich ein Stück auf, bevor er selbst noch einmal darüber nachdenken musste. War Amartius schon alt genug dafür, ein derartiges Gespräch zu führen? Brauchte er als Gott überhaupt so ein Gespräch? Aber Kassandra hatte ja schließlich auch Sex, wieso dann nicht auch er? Konnten Götter mit sechs Monaten schon Sex haben oder vielleicht sogar vorher? Was waren Amartius' drei Monate überhaupt in Götterjahren, 10 Jahre, so wie er aussah? Würde Amartius dann überhaupt alt werden? Was hieß eigentlich alt? Und was sollte Zoras jetzt auf diese verdammte Frage antworten?
      "Also."
      Er rieb sich zwei Mal über das Gesicht. Seine Schwägerin wäre die perfekte Kandidatin für so etwas gewesen, aber Zoras war darauf nicht vorbereitet.
      "Wenn zwei Menschen sich sehr, sehr gerne haben..."
      Nein halt, Amartius war etwa 10 in Kindesjahren und keine 6. Dafür hatte er aber auch kein Weltverständnis.
      "Wenn sie sich lieben, dann haben sie meistens, also ziemlich sicher, Sex miteinander. Das ist wenn man... Himmel. Wenn man die Geschlechtsteile miteinander vereint. Das fühlt sich sehr gut an und zum Schluss werden davon Kinder erzeugt, auch wenn das nochmal ein bisschen komplizierter ist. Und außerdem bin ich mir nichtmal sicher, ob das auf Götter zutrifft, weil es da vielleicht andere... Vorgehensweisen... gibt, aber das weiß deine Mutter und nicht ich. Am besten fragst du sie das, sie wird dich immerhin auch mit jemand anderem erzeugt haben."
      Er runzelte die Stirn.
      "... Wenn das bei Phönixen so funktioniert. Und was das Hochkriegen betrifft, so nennt man einen... Teil vom Sex, der den Mann betrifft. Das werde ich dir aber nicht genauer erklären, weil dafür bist du noch zu jung, verstanden? Und außerdem wirst du solche Fragen niemals an jemand anderen als an uns vier stellen, okay? Das könnten manche Leute... falsch auffassen. Verstehst du mich?"
    • „Hä?“
      Mehr als die Stirn runzeln bekam Amartius nicht zustande. Er verstand darüber hinaus noch weniger, warum Zoras so am herumdruchsen war. Erneut. Als wäre es etwas furchtbar Schlimmes, das er gerade versuchte zu erklären. So schlimm konnte es ja eigentlich nicht sein, immerhin hatte er das ja auch mit Kassandra gemacht. Zumindest glaubte Amartius das, da seine Mutter ihm damals erklärt hatte, dass sie einander geliebt hatten. Also musste das Gefühl der Liebe ein unmenschlich starkes Band flechten können, dem man sich nur schwer entziehen konnte.
      „Was vereint man? Und das macht man, weil es sich gut anfühlt? Machst du das dann auch mit Tysion und Faia? Hoffentlich nicht mit Omnar, den kann ich nicht ausstehen...“, murrte er gegen Ende und grinste plötzlich in sich hinein. Also gab es drei Komponenten, die zu seiner Existenz geführt hatten. Kassandra als seine Mutter, Zoras als seinen Vater und die notwendige Liebe. Konnte man dann jeden Menschen lieben, egal wer derjenige war? Natürlich unterschied Amartius zwischen männlich und weiblich, aber wie die eigentliche Biologie dahinter tickte hatte ihn bisher nicht wirklich interessiert.
      „Und was soll hier heißen, zu jung? Ich bin nicht zu jung, ich bin alt genug, klar?“ Er plusterte sich ein bisschen auf, um nicht mehr so schmächtig zu wirken. Sein Blick driftete zu Faia herüber, die wieder mit Omnar in ein Gespräch vertieft war. „Faia!“, rief er verhältnismäßig laut zu ihr herüber und wartete bis sie sich verwundert zu ihm drehte. „Sag Ischyll, ich bin alt genug! Er erklärt nicht, was hochkriegen heißt!“
      Die Anweisung war klar und deutlich gewesen. Nicht fremde Personen mit derartigen Fragen belästigen. Zoras hatte klipp und klar die restlichen drei Personen ihrer Truppe eingeschlossen, die er befragen durfte. Dieses Recht machte er sich jetzt eiskalt zu nutze und bekam zu seinem eigenen Erstaunen, nach einer erneuten Diskussion, die Erklärung von Faia geliefert. Wenn auch flapsig, aber es reichte aus, um seine Augenbrauen in die Höhe schnellen zu lassen. Kurz blickte er an sich herunter, dann dankte er Faia und starrte Zoras an. „Ich wusste nicht, dass man das auch dafür benutzen kann.“ Wieder eine ernüchterte Stimmlage, aber seine Augen funkelten nicht nur durch den Feuerschein hindurch.
      Im Laufe des Abends huschte Amartius immer wieder zu Faia herüber, die ihm etwas von ihrem Proviant zusteckte. Mit seiner Beute kehrte er immer zu Zoras zurück bis er sich irgendwann zufrieden gab und die Beine lang ausstreckte. Zufrieden schaute er in die Flammen, die ihm als einziges hier draußen das Gefühl von Heimat gaben. Es fühlte sich an wie ein alter Freund und am liebsten hätte er sich direkt in das Feuer gesetzt. Doch die Devise lautete: kein Aufsehen erregen.
      „Und wie ist das, wenn man sich nicht liebt? Dann kann man keinen Sex haben? Ist das wir eine Voraussetzung?“, fragte er lapidar weiter und bekam eine eher verstörende Antwort seitens Zoras zu hören. Irgendwie schien alles in dieser Welt auch zu funktionieren, wenn es gegen den Willen einer Person ging. Es wurde nur erträglich oder schön, wenn man die Meinung teilte oder zustimmte. „Achso... Na, dann ist ja gut, dass Mama und du euch geliebt habt. Dann hat es ihr bestimmt gefallen. Anders als mit Telandir. Er kam zwischendurch an und hat sie in die Arme genommen. Sie sah dann aus, als täte ihr etwas weh, glaube ich. Und dann hat er ganz selten versucht, sein Gesicht in ihre Nähe zu bringen und dann hat sie ihn geschlagen und ermahnt. Meist hab ich dann einen seltsamen Blick von ihm abgekriegt bevor er gegangen ist. Und dann ist sie immer zu mir gekommen und hat mich in den Arm genommen. Ganz lange...“, erzählte Amartius und wickelte seine eigenen Arme um seinen Körper als Verdeutlichung. „Hat gesagt, dass sie mich immer liebhaben wird, egal was passiert. Und dass ich ein bisschen aussehe wie mein Vater.“ Er kicherte kurz. „Ich mein, woher soll sie denn wissen, wie er in Jung aussah? Sie hat ja nicht mal damit gerechnet, dass sie von einem Menschen schwanger -“, Amartius brach ab, seine Augen zu gewaltigen Kreisen geweitet und die Hand vor den Mund geschlagen. Er hatte zu viel geplappert, sich vom Feuer einlullen lassen und nicht mehr darauf geachtet, was er da von sich gab. Inständig hoffte er, dass Zoras ihn wieder missverstand oder nicht genau drauf geachtet hatte, was er da eigentlich für Unsinn sponn. Er fühlte sich grässlich. Ihm liefen eiskalte Schauer den Rücken ab und er fühlte sich, als wären seine Glieder trotz des Feuers zu Eis gefroren.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Genau solche Fragen meinte Zoras stets, wenn er sich darüber Gedanken machte, mit welcher Naivität Amartius von den Dingen sprach. Er wollte sich ganz sicher nicht vorstellen, mit Tysion ins Bett zu gehen, nicht einmal mit Faia, auch wenn das vielleicht näherliegender gewesen wäre. Es wäre auch nicht so, dass er nicht darüber nachgedacht hätte, aber was hatte er schon vom Sex als eine kurze Befriedigung? Und wenn er sowas schon haben wollte, konnte er genauso gut mit Tysion rauchen, dabei musste er sich nicht anstrengen und ganz besonders nicht an eine spezielle dunkelhaarige Frau denken, deren endlos wallendes Haar ein strahlendes Gesicht umrahmte, das in der Sonne aufleuchtete, als wäre es der Mittelpunkt der Erde selbst. Für Zoras war sie zum Schluss auch der Mittelpunkt gewesen, seine Kassandra, seine atemberaubende, liebreizende, wunderschöne Phönixin.
      Er horchte in sich selbst und wartete auf das unliebsame Stechen in seiner Brust, das ihn all die Jahre begleitet hatte und das auch Monate der Folter nicht hatten übertönen können. Stattdessen spürte er jetzt nur das dumpfe Pochen seiner Brustnarbe, bei dem er unwohl das Hemd ein wenig zurechtzog, damit es nicht allzu eng auf der Haut lag. Das war die einzige Narbe, die noch immer deutlich schmerzen konnte.
      "Nein, mit Tysion und mit Faia mache ich das nicht und auch nicht mit Omnar. Die liebe ich schließlich auch nicht, schon vergessen?"
      Er beobachtete mit wieder wachsender Belustigung, wie Amartius sich erst aufbegehrte und dann tatsächlich zu Faia umdrehte, um die ihm enthaltene Information von ihr zu bekommen. Die Frau wirkte von dem plötzlichen Überfall gänzlich verdattert, während Omnar neben ihr in schallendes Gelächter ausbrach. Diesmal musste auch Zoras ein wenig schmunzeln, wenngleich es nur ein Zucken seiner Mundwinkel war, bevor sein Gesicht sich wieder entspannt hatte. Amartius' Naivität hatte jetzt doch einen gewissen Unterhaltungsfaktor, dem er sich nicht entziehen würde.
      Zu ihrer aller Überraschung ließ sich Faia nach einigem weiteren Herumgedruckse dazu ab, tatsächlich mit sehr vagen Aussagen zu beschreiben, was "einen hochkriegen" bedeutete, sehr zur wachsenden Erheiterung von Omnar und Zoras' eigenem Vergnügen, der abwechselnd Amaritus' weit aufgerissene Augen und die leichte Röte betrachtete, die in Faias Wangen stieg. Die Erklärung dauerte nicht lange, aber als der Junge sich ihm wieder zuwandte, schien seine Welt zum Teil auf den Kopf gestellt. Zoras gab ein belustigtes Schnauben von sich.
      "Das wirst du noch herausfinden. Deswegen bist du noch zu jung dafür, das meinte ich damit."
      Für den größten Teil des Abends senkte sich die Stimmung dann wieder und Zoras machte es sich auf seinem Platz etwas mehr gemütlich. Er lehnte sich gegen den Beutel mit seiner wenigen Kleidung, kreuzte die Arme auf seiner Brust und ließ sich die wenigen Vorteile dieses jetzigen Lebens gefallen: Die ungestörte Landschaft, die sommerliche, wärmende Luft, die teilweise Abwesenheit von direkten Gefahren. Es war sogar recht angenehm hier neben dem Weizenfeld, mit den letzten zwitschernden Vögeln in den Bäumen und dem sanften Rauschen der Weizen direkt hinter ihnen. Zoras hätte fast einschlafen können. Wäre Amartius nicht gewesen, hätte er es auch getan.
      "Hmm."
      Er öffnete wieder die Augen und richtete den Blick auf den Jungen neben sich. Wenn er doch nur nicht so scharfsinnig wäre, wie viel würde Zoras da wohl erspart bleiben?
      "Doch, man kann Sex haben. Es gibt keine Voraussetzung für Sex; sobald du die Geschlechtsteile des anderen erreicht hast, auf welche Weise auch immer, kannst du Sex haben. Fraglich ist dann nur, ob der andere genauso viel Spaß dabei haben wird wie du."
      Wenn die anderen nur wüssten, was die beiden gerade redeten, sie hätten Ischyll vermutlich schon längst den Mund verboten. Zumindest Faia ganz sicherlich, Omnar hätte sich wohl noch mehr darüber amüsiert, dass der sexlose Ischyll dem ausländischen Jungen etwas derartiges beibringen wollte. Tysion wäre es womöglich egal gewesen.
      Er wollte wieder die Augen schließen, aber dann redete Amartius schon weiter und Zoras sah sich doch wieder dazu genötigt, ihn anzusehen, nur um ihn davon abzuhalten, wieder ein prekäres Thema anzuschlagen. Und tatsächlich erhielt er einige weitere, unschöne Details darüber, wie Kassandra wohl ihre Zeit in Asvoß verbringen mochte, was Telandir wohl von ihr wollte und wie sie sich ihm - noch - verweigerte. Seine Brust schmerzte und dieses Mal ließ er das Gefühl zu, er ließ zu, dass der Schmerz sich mit der aufquellenden Wut vermischte, die ihm durch den Magen nach oben stieg. Sie war nicht sehr stark und auch nicht intensiv, nachdem er schon vor langer Zeit sämtliche Emotionen, die mit Kassandra in Verbindung standen, herausgelassen hatte. Sie war auch gänzlich nicht mehr so stark wie frühere Gefühle, von denen er sich leicht hatte beeinflussen lassen. Heutzutage war die Wut nur manchmal da, ein stummer Begleiter, der in seinem Schatten folgte und ihn in Ruhe ließ, wann auch immer er seinen Kopf auf etwas anderes lenken konnte. So kümmerte er sich auch nicht darum, dieses Gefühl noch zu verstärken, indem er etwa weiter nachgefragt hätte.
      Doch dann sagte Amartius noch etwas, das ihm zwar für einen Moment ganz harmlos schien, in der nächsten Sekunde allerdings einen stärkeren Schauer durch seinen Rücken jagte, als der Junge sich jäh unterbrach und die Hände vor den Mund schlug. Selbst Götterkindern war deutlich anzusehen, wenn sie bei etwas ertappt waren, was sie besser nicht hätten machen sollen und in Amartius' Fall hatte er wohl etwas gesagt, was er nicht hätte sagen dürfen.
      Aber warum nicht? Und worum ging es überhaupt? Dass Kassandra von einem Menschen geschwängert worden war? Von einem Menschen?
      Jetzt war Zoras wach und er richtete sich auf, vielleicht etwas zu plötzlich, nachdem Amartius schier zusammenzuzucken schien. Etwas in seinem Gehirn zog Verbindungen, eine ferne Vermutung, eine Ahnung vielleicht, die noch allzu abstrakt war, um sie wirklich mit den Händen zu greifen. Er starrte den Jungen an, jetzt konzentriert, nachdem er sich sicher war, dass er darauf kommen sollte, dass das eine wichtige Information war, dass das viel wichtiger sein sollte als die Tatsache, ob Telandir sich an Kassandra heranmachte oder auch nicht. Aber er kam nicht drauf und er wusste nur, dass Amartius etwas offenbart hatte, was lieber hätte geheim bleiben sollen.
      "Amartius."
      Er sprach ein Stück leiser und diesmal war die vorherige Belustigung über die Situation aus seiner Stimme gewichen. Er fixierte den Jungen mit seinem Blick an Ort und Stelle.
      "Was hast du da gerade gesagt?"
      Das Kind lief kreidebleich an. Ein Teil von Zoras ermahnte ihn, dass er etwas Rücksicht nehmen sollte, dass das keine Art war mit einem zehnjährigen - dreimonatigen - Jungen umzugehen, aber er konnte sich nicht davon abbringen. Er hatte das absolut überwältigende Bedürfnis, den letzten noch so kleinen Tropfen aus Amartius über dieses Thema herauszupressen, was nur möglich war.
      "Was meinst du damit, sie wurde von einem Menschen geschwängert? Wann ist das passiert? Wieso hat das niemand gewusst? Oder haben es doch alle gewusst - hast du es gewusst? Denkst du nicht, das wäre vielleicht eine recht relevante Information gewesen?"
      Er beugte sich zu Amartius vor, unfähig dazu, jetzt noch zurückzurudern.
      "Wer war es? Wer war es wenn nicht Telandir, Amartius? Ist es auf der Feste geschehen? Auf dem Weg dahin? Ist dein Vater ein Mensch, Amartius? Ist er ein Mensch?"
    • In seinem Augenwinkel fuhr Zoras in die Höhe und ließ Amartius zusammenzucken. Das war so ziemlich der Worst Case gewesen, den er sich bisher hatte ausmalen können. Bisher war doch alles so wunderbar gelaufen, wieso musste er sich ausgerechnet jetzt verplappern? War es das überhaupt, verplappern? Nichts läge ihm ferner als Zoras nicht zu erklären, dass sein Sohn gerade neben ihm saß. Er wollte wissen, wie es sich anfühlte, eine echte Vaterfigur zu besitzen. Jemanden, der einen neben der Mutter liebte, die einen aus ihrem eigenen Fleisch geboren hatte.
      Aber nicht so. Nicht nach so kurzer Zeit inmitten der Wildnis und der Unsicherheiten.
      Amartius.“ Zoras Stimme war so dunkel wie die Nacht, die ihnen bevorstand und trug tausend Töne mit sich. Langsam, aber bestimmt, schüttelte der Junge den Kopf. Nichts sagen, nichts zeigen, nichts verraten. Er starrte wie zur Salzsäule geworden in die Flammen und rührte sich nicht.
      Was hast du da gerade gesagt?
      Noch mehr Farbe als eigentlich möglich sein sollte fiel ihm aus dem Gesicht. Wenn er jetzt kleine logische Erklärung fand, die von ihm ablenkte, dann war er geliefert. Dann hätte er seinem Vater genauso gut direkt ins Gesicht sagen können, dass sein Blut vor ihm stand. Amartius' Finger drückten sich dermaßen stark in sein Gesicht, dass das umliegende Gewebe bereits weißlich verfärbt erschien.
      Ein regelrechter Schwall an Fragen ergoß sich über den Jungen, der mit jedem Wort nicht weiter schrumpfte, sondern eher steifer wurde. Er war sich sicher, dass sein Herz gerade schon in seinem Halse stecken musste, so deutlich fühlbar war der Kloß in seinem Hals. Auf fast alle dieser Fragen besaß Amartius erschreckender weise eine Antwort, die er nicht gewillt war zu geben. Ihm war klar, dass es geschehen sein musste, bevor Kassandra in die Eisfeste verschleppt worden war. Es war logisch, dass es kurz vor der Schlacht in Theriss passiert sein musste, von der ihm seine Mutter noch erzählt hatte. Selbst Kassandra hatte es nicht gewusst bis sie unterbewusst den einzigen Weg gewählt hatte, wie sie ein Kind von Telandir hatte verhindern können. Natürlich hatte er von Anfang an gewusst, dass besagter Phönix nicht sein Vater sein konnte. Es fehlte das Band, das Amartius bei Zoras dafür umso stärker verspürte. Er fühlte sich an Kassandra erinnert, an die Wärme, die von ihr ausging und die Vertrautheit, die unumstößlich wirkte. Das war auch der Grund gewesen, warum er sich direkt so zu Zoras zugehörig gefühlt hatte. Das Blut war in den Reihen mächtiger, als man dachte. Ob es eine relevante Information war? Ja, verdammt! Sie war mehr als nur relevant. Sie machte einen gigantischen Anteil von Amartius' Selbst aus. Er wollte nur den rechten Zeitpunkt abwarten, um es zu offenbaren. Und der war jetzt eigentlich noch nicht gekommen.
      Zoras lehnte sich zu Amartius herüber, der instinktiv von ihm abrückte. Jetzt endlich nahm er den Blick vom Feuer und sah zu Zoras herüber, der noch nie so wild entschlossen ausgesehen hatte. So sehr auf Antworten erpicht, dass er sich vermutlich nicht davon abbringen lassen würde. Er setzte noch Fragen hinterher, Fragen, denen er nicht mehr so leicht ausweichen konnte. „Es ist doch egal, wer es war“, presste er unsicher hervor und sah, dass seine Worte nur auf Granit trafen. Er sah, dass Zoras auf Antworten bestehen würde. Für all seine Fragen. Und da ging endgültig wieder richtig Bewegung durch den Körper des Jungen. Er konnte nicht mehr sagen, ohne es zu verraten. Durfte keine weiteren Worte verlieren, sonst würde Zoras das Bild zusammensetzen können und selbst Antworten finden.
      Seine Iren zuckten zwischen Zoras' hin und her. Dann wandte er sich urplötzlich um, grub die Hände und Füße in den Boden und stieß sich von der Erde weg. Die ersten paar Schritte, die er flüchtete, waren mehr stolpern als laufen ehe er seine eigenen Beine beisammen hatte. Hinter ihm hörte er Zoras rufen, zurück bekam er lediglich ein heiseres „Nein!“. Und dann rannte er einfach blind los, so schnell ihn seine Füße trugen. Egal waren ihm die Blicke Faias, Omnars und Tysions, die sicherlich verdutzt waren, warum der Junge plötzlich die Flucht ergriffen hatte. Er hörte nur seinen eigenen, stoßartigen Atem, das Knacken von Ästen unter seinen Füßen und das Rascheln der Gräser. Kurz darauf hörte er schon weitere Schritte hinter sich, schwere Schritte, die zu jemanden gehören mussten, der deutlich mehr wog als der Junge. Doch Amartius sah sich nicht um. Er traute sich nicht, er konnte es nicht, er durfte es nicht. Zu viel Angst hatte er davor, dass Zoras ihn verfolgte und auf Antworten bestand.
      Oh, wie recht Amartius behalten sollte. Hätte er sich einmal umgedreht, hätte er gesehen, wie Zoras ihm direkt hinterher gesprintet war und nur sein kleiner Frühstart hatte dafür gesorgt, dass ihm Meter gelangen. Sie waren weit genug weg vom Lager mitten in den angrenzenden Wald gerannt, wo Amartius darauf gehofft hatte, einfach in den Schatten verschwinden zu können. Doch der ehemalige Herzog hatte seine Beute fest im Blick behalten, war mit weiten Schritten zu ihm aufgeschlossen und erwischte ihn schließlich am Oberarm.
      „LASS MICH LOS!“, schrie Amartius verzweifelt und klang dabei eher wie ein verletztes Tier als alles andere. Er verschluckte sich in seiner Hast am eigenen Speichel, hustete rigoros und wurde durch Zoras' eisernen Griff ausgebremst, aus dem er sich schließlich befreite, als er stolperte und vor dem Mann zu Boden ging. Fast augenblicklich war er auf allen Vieren und erkor zuerst den Boden als neuen Feind aus.
      „NATÜRLICH hab ich es gewusst!“
      Er hustete erneut, drehte sich auf den Hosenboden und starrte hoch zu Zoras. Dieser ragte wie seine persönliche Nemesis im Dunkel vor ihm auf. Sein Gesicht war durch die Schatten nicht zu erkennen und schürte nur noch mehr Panik in dem Jungen. „Was denkst du wohl, warum ich keine Magie nutzen kann?! Völliger Schwachsinn mit der Verbindung zum Olymp, wir werden sonst mit ihr geboren!“
      Sein Brustkorb fühlte sich an, als würde er jede Sekunde bersten. Es tat weh, anders als der Schmerz in seiner Hand, der nur noch wie ein Echo eine kalte Erinnerung in seinen Gedanken war. Bis jetzt hatte Zoras geschwiegen, doch nun streckte er seine Hand nach ihm aus. Vermutlich, weil er ihm nur aufhelfen wollte, aber Amartius verarbeitete den Anblick nicht recht. Er war verunsichert, verwirrt und aufgelöst. Je näher die Hand kam, umso größer wurde die Panik bis sie schließlich Überhand nahm. Er schlug die Hand mit solch einer Inbrunst fort, dass die Dunkelheit um sie herum plötzlich rötlich erleuchtet wurde. Um Amartius hatten sich kleine Flämmchen gebildet, die ihn wie einen Kranz umgaben und Zoras endlich wieder ein Gesicht schenkten. Und dort sah Amartius keine einzige böse Absicht.
      Erneut brannte seine Brust auf, Schmerz ließ sie eng werden. Er selbst hasste es, unwissend zu sein. Nicht das ganze Bild zu erfassen und in genau dem gleichen Nebel war auch Zoras dank ihm versunken. Amartius' Augen wurden groß und gläsern als er zittrig Luft holte.
      „Er ist ein Mensch“, hauchte er und kämpfte um jedes Wort. „Es ist vor der Feste passiert. Man dachte, nachdem man Kassandra einmal gebrochen hatte, dass sie Telandirs Kind austrägt. Sie dachte es selbst. Und dann bin ich gekommen und bin nur zur Hälfte Phönix.“
      Wie trocken konnte ein Mund noch werden? Wie dünn die Stimme werden?
      „Mama hat mir viel von ihm erzählt. Deswegen kann ich Therissisch sprechen. Daher weiß ich, wie er heißt. Daher weiß ich, nach wem ich suchen musste.... Deswegen... freut es mich... dass ihr euch geliebt habt.“ Denn sonst hätte Amartius nie den Weg auf die Erde gefunden.
      Jetzt rann die erste Träne, ein Gemisch aus Angst, Schmerz und Sehnsucht unter dem seichten Flammenschein über seine Wange hinab während er unablässig Zoras ansah.

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    • Zoras war sich bewusst, dass er mit jeder weiteren Frage Amartius Nerven weiter anspann, so weit sogar, dass sie kurz vor dem Bersten waren, das konnte er deutlich sehen an dem todesweißen Gesicht, das der Junge zur Schau stellte. Und trotzdem ließ er sich nicht davon abbringen, denn es war ein eindeutiges Indiz dafür, dass er etwas getroffen hatte, dass es irgendetwas gab, was der Junge ihm verheimlichte und Zoras sollte verdammt sein, wenn er auch nur die kleinste Information in Zusammenhang mit Kassandra einfach außer Acht lassen würde. Wie lange hatte er schon vergeblich nach ihr gesucht, wie viele Tränen hatte er für sie vergossen, für sie alleine, wie viel Leid hatte er über sich ergehen lassen, nur für das Wissen, dass Kassandra irgendwo dort draußen wäre? Ja, er hatte sich eines Tages mit dem Gedanken abgefunden, dass er sie nie wieder sehen würde, dass er die Ehre gehabt hatte, ein Jahr mit ihr verbringen zu dürfen und diese Ehre bis an sein Lebensende mit sich herumzutragen, aber die Götter selbst könnten ihn nicht davon abhalten, jetzt doch wieder alles über den Haufen zu werfen, weil er jetzt wusste, wo sie sich befand. Und dafür spielte Amartius alles andere als eine geringe Rolle.
      Deswegen ließ er nicht ab, deswegen hätte er den Jungen im Zweifel gegriffen und solange geschüttelt, bis er mit der Antwort herausgerückt hätte.
      "Es ist nicht egal, wer es war, Amartius. Es ist alles andere egal", grollte er, die eigenen Nerven auf ein Minimum reduziert. Wie konnte er einem zehnjährigen - und dreimonatigen - alten Jungen weis machen, dass es sehr wohl wichtig war, wer es gewesen war? Dass es einen deutlichen Unterschied ausmachte, ob Kassandra sich einem Phönix oder einem Menschen hingegeben hatte, wobei dieser Mensch nicht einmal die Zarin selbst sein konnte? Ganz abgesehen davon, dass Kassandra ihm offenbart hatte, dass Phönixinnen ihre Schwangerschaft bewusst wählten und er jeden Stein der Welt umgedreht hätte, um den Mann zu finden, dem sie freiwillig ein Kind gebar - nach tausenden von Jahren und nachdem sie weder ihm, noch Shukran eins geschenkt hatte. Vielleicht war es Eifersucht, die dort hineinspielte, vielleicht war es aber auch der Drang eines alt gewordenen Mannes, die einzige wahrhaftige Liebe seines Lebens wiederzufinden und vielleicht sogar in ihren Armen zu sterben. Auf all die Tode, die ihn hätten ereilen sollen und die er überstanden hatte, sollte das sein letzter sein, sein wahrhaft letzter. Das Ende seiner Reise, endlich.
      Aber das Amartius zu erläutern war unmöglich - nicht nur vom Inhalt, wie sich einen Moment später herausstellte. Der Junge sah noch immer so aus, als hätte er einen Geist gesehen, aber dann sprang er plötzlich auf, flink genug, dass Zoras' Verstand erst einen Moment später realisierte, was soeben vor sich ging. Er warf sich gleich instinktiv nach vorne und griff nach dem schmächtigen Körper, aber da hatte Amartius sich bereits mit einem gewaltigen Sprung aus seiner Reichweite befördert und rannte jetzt, als wäre er von allen guten Geistern verlassen. Tysion hob ruckartig den Kopf und warf sogleich einen Blick in alle Richtungen, Faia sprang alarmiert auf und Omnar sah dem Jungen nur mit einem gewissen Interesse hinterher. Zoras stieß einen Fluch aus und kam selbst auf die Beine, viel langsamer, als er es gerne gehabt hätte.
      "Amartius!"
      "Nein!"
      Oh, Charon möge den Jungen holen!
      Zoras setzte sich in Bewegung, gleichzeitig mit Faia, der er einen scharfen Blick zuwarf.
      "Du bleibst hier!"
      "Aber -"
      "Hier!"
      Er vergewisserte sich nicht noch einmal, ob die Frau seinem Befehl Folge leisten würde, sondern wandte seine Aufmerksamkeit wieder nach vorne, um den Phönix nicht zu verlieren.
      Amartius mochte klein sein, aber er hatte die natürliche Kraft eines Gottes und außerdem wie es schien noch einen eisernen Willen, der ihn so weit weg wie nur möglich bringen sollte. Zoras sprintete ihm mit voller Kraft hinterher, aber er holte nur langsam auf. Sie verließen das Lager und schnell auch die Grenze des Bauernhofs, der in einem Wald mündete. Vereinzelte Zweige und Blätter peitschten Zoras ins Gesicht, die Amartius verschonten, aber das störte ihn genauso wenig wie es ihn gestört hätte, wenn ein Soldat das Schwert gegen ihn erhoben hätte. Er ignorierte das dumpfe Kratzen im Gesicht und am Oberkörper und schaffte es so, mit wesentlich größerer Geschwindigkeit endlich zu dem Jungen aufzuholen. Er erwischte ihn am Oberarm und mit einem Ruck hatte er ihn zum Stehenbleiben gebracht.
      "Hör auf wegzulaufen!", fauchte er auf dessen Schrei hin zurück, der ängstlich genug war, um ihm durch Mark und Bein zu gehen. Kurzzeitig sah er sich in dem dunklen Wald um, das Licht größtenteils ausgeschlossen von den Blättern, das Dickicht schwarz und ungreifbar. Das hier waren friedliche Lande, größtenteils, aber der dunkle Wald erinnerte ihn stark an seine Flucht mit Kassadra, bei der er auch schnell gelernt hatte, dass Dunkelheit nichts war, was einen entschlossenen Soldaten davon abhalten würde, einen Vorteil aus ihr zu ziehen. Sein Bedürfnis nach Sicherheit sprang an und er ließ den Jungen doch noch los, aber nur, um beide Hände frei zu haben. Amartius hustete einige Male, dann stolperte er zu Boden und Zoras rückte gleich auf, seine Aufmerksamkeit doch wieder vollständig auf dem Jungen. Er konnte kaum wissen, dass er mit seiner Aussage nur Zoras' Zorn entfachte, aber das tat er dennoch.
      "Keine Lügen mehr, Junge! Keine Lügen und keine Geheimnisse, nicht wenn es um Kassandra geht! Haben wir uns verstanden?!"
      Für einen kurzen Augenblick starrten die beiden Männer die jeweilige Dunkelheit des anderen an, dann sah Zoras sich endlich in der Lage, die Situation mit einem etwas kühleren Kopf zu betrachten. Amartius hatte ihm etwas zu verschweigen, sie waren in einen nahen Wald gelaufen und jetzt hatte er den Jungen soweit gebracht, dass er am Boden kauerte und vor Anstrengung hechelte. Komm schon Zoras, alter Junge, wo hast du deine Manieren gelassen? Etwa vor der Grenze von Theriss? Er nahm einige tiefe, ruhige Atemzüge, dann sah er sich dazu imstande, Amartius mit etwas mehr Respekt zu behandeln. Er beugte sich zu ihm hinab und hielt ihm in einer fast versöhnlichen Geste die Hand hin, da stieß der andere sie mit einer solchen Kraft weg, dass er tatsächlich zurückzuckte. Und keinen Augenblick später tauchte ein Licht auf, ein allzu bekanntes Phänomen, dutzende kleine, winzige Flämmchen, die sich um Amartius' Gestalt tummelten und die in ihrer Gesamtheit so vertraut waren, dass er sich wieder vollständig aufrichtete, um Abstand dazu zu bekommen. Kassandra hatte diese kleinen, wenn auch ein wenig anderen Flämmchen auch stets erscheinen lassen, um ihre Umgebung zu erhellen. Hätte es noch irgendwelche Zweifel gegeben, dass Amartius ihr Sohn war, wären sie damit wohl aus der Welt geschafft.
      Zoras' Herz gab einen langsamen, aber spürbaren Schlag von sich, während er aufgerichtet reglos verharrte. Wusste Amartius, dass Menschen nicht feuerfest waren? Dass er Zoras in einem Kampf vermutlich haushoch überlegen war, wenn er es nur nicht so weit kommen ließ, dass der andere ihn erneut erreichte? Zoras betete, dass er es wusste, denn wenn nicht, könnte er in seiner Naivität noch Fehler begehen, die nicht unumkehrbar waren.
      "Amartius..."
      Seine Stimme hatte etwas von ihrer Schärfe verloren, wenngleich sie noch immer recht kühl war. Er musste es ihm sagen. Er musste ihm sagen, dass es hier im Wald alles andere als ratsam war, mit Feuer zu spielen.
      Aber der Junge schien sich wohl von der veränderten Stimmung, oder weil er sich in die Sicherheit seiner Flammen wiegen konnte, nicht von dem Thema abbringen lassen zu wollen und so fing er erneut an zu reden, leiser diesmal, irgendwie verletzlicher. Zoras vergaß wieder um die Gefahr und saugte jedes Wort des Kindes auf, das es ihm mitteilte.
      Es war vor der Feste passiert.
      Man hatte Kassandra gebrochen.
      Kassandra hatte Amartius von dem Menschen erzählt.
      ... Deswegen konnte er terissisch.
      Deswegen kannte er Zoras' Namen.
      Deswegen hatte er gleich die Verbindung zu Kassandra gezogen.
      Deswegen war Amartius hier.
      Zoras starrte den Jungen erst mit steigendem Unglauben und dann mit reinem Entsetzen an, den jungen Phönix - Halbphönix - mit dem braunen Haar, mit den tiefen, dunklen Augen, mit dem kantigen Gesicht, dem dünnen Körper; dünn, aber nicht schwach. Er hatte das Potenzial zu einem Kämpfer, zu einem ordentlichen Kavalleristen, er hatte gesunde, stramme Beine, die soeben schon gezeigt hatten, was sie konnten. Der Junge, der ihn ein bisschen an Ryoran erinnerte, aber nur ein ganz klein wenig, schließlich konnte er nicht dessen Sohn sein, auch wenn er gewisse Züge mit ihm teilten. Es waren aber eben nicht Ryorans Züge, sondern indirekt die Züge eines Mannes namens Ischgyll, der sich vor etwa zwanzig Jahren in einer Schlacht für den Sieg geopfert hatte und ganz direkt war es nicht einmal er, sondern sein kuluarischer Namensvetter. Derselbe Mann, der den Jungen soeben in den Wald gescheucht und schließlich soweit verängstigt hatte, dass er seine Magie anwandte, der sich in diesen letzten 24 Stunden nicht ein einziges Mal gefragt hatte, weshalb Kassandra ihrem einzigen Sohn gerade von ihm erzählt hatte, weshalb sie sich die Mühe gemacht hatte, ihm therissisch beizubringen und ihm von Theriss zu erzählen, ein Land, das nicht einmal wichtig genug war, dass man seine Sprache in weiteren Kreisen sprechen konnte. Nicht ein einziges Mal hatte Zoras es hinterfragt und jetzt, als ihn die Erkenntnis mit einem Schlag traf, der die Kraft hatte, seine sämtlichen Eingeweide aus seinem Körper zu drücken, kam ihm alles plötzlich logisch vor. Wie hatte er es nicht sehen können? Wie hatte er auf die Idee einer Olympverbindung kommen können, ohne jemals in Betracht zu ziehen, dass Kassandra womöglich sein Kind ausgetragen hatte und dass dieses Kind schlichtweg nicht die Kapazität dazu hatte, großartig Magie zu wirken - weil die Hälfte seines Blutes menschlich war? Wie hatte er es übersehen können? Wie hatte er seinem jüngeren, wenngleich etwas abgewandelten Selbst in die Augen schauen und es nicht sehen können?
      Es dauerte viel zu lange, während er Amartius fassungslos anstarrte, bis er begriff, dass der Junge angefangen hatte zu weinen. Nein, nicht der Junge, sein Sohn, bei allen noch existierenden Göttern. Sein Sohn!
      Er fiel vor ihm auf die Knie. Eigentlich hatte er sich lediglich zu ihm hocken wollen, aber seinen Beinen fehlten jetzt die Koordinierung. Er starrte den Jungen noch immer an, ungläubig, fassungslos, aber mit jeder weiteren Sekunde drängte sich ein neues Gefühl in ihm empor, eine unbeschreibliche, rohe Emotion, die ihn mit ihrer Intensität völlig überwältigte. Er hatte einen Sohn. Er hatte Kassandras Aufenthaltsort entdeckt und er hatte einen Sohn.
      "Amartius... Ich... Ich hatte keine Ahnung..."
      Ein zweites Mal, fast schon wie in Trance, streckte er die Hand nach Amartius aus und dieses Mal schlug der andere sie nicht weg. Er ließ es zu, dass Zoras ihm erst eine Träne wegwischte und dann die Hand an seine Wange legte, die raue Haut an seine kindliche Weichheit, die eine Wärme ausstrahlte, die ihm genauso wenig unbekannt war, die zwar kaum so stark wie Kassandras war, aber die ihn trotzdem an die Phönixin erinnerte, ein letzter, alles vernichtender Schlag gegen seine Mauern, der sie damit zum Einsturz brachte. Er beugte sich vor und zog den Jungen zu sich und in seine Arme, ungeachtet der Flämmchen, ungeachtet dessen, dass er sich womöglich daran hätte verbrennen können. Was waren schon körperliche Schmerzen in diesem Augenblick, er hätte sich am ganzen Leib verbrennen lassen, während er nur Amartius in einer festen, unnachgiebigen Umarmung an sich drückte. Nichts spielte mehr eine Rolle, die ganze Welt war mit einem Schlag verschwunden, zurück blieb nur der Junge, Kassandras Sohn, sein Sohn, sein Fleisch und Blut, seine Familie. Zoras blinzelte, blinzelte häufig, während er nach den richtigen Worten suchte.
      "Ich habe es nicht gewusst, ich hatte keine A...Ahnung, wie hätte ich es w...wissen sollen?"
      Er nahm einige weitere tiefe Atemzüge, während beide sich aneinander zu klammern schienen, als wäre es das letzte, was sie vor dem Untergang bewahren könnte. Er versuchte mit der Welle an Emotionen umzugehen, die ihn mit sich riss und davonschwappte, die ersten wesentlichen Gefühle seit Urzeiten, seit er die Dunkelheit des Kerkers hinter sich gelassen und das Sonnenlicht auf der Haut gespürt hatte. Seit er Kassandras Entführung miterlebt hatte. Er hielt die Arme um den Jungen geschlungen, unwillens, sie jemals wieder von ihm zu lösen.
      "Verzeih mir, A...", er schluckte einmal und verzichtete dann auf den Namen, "Ich habe dich nicht erkannt, ich hätte dich erkennen müssen, ich hätte wissen müssen, wer du b...bist. Ich weiß es jetzt, ich weiß es ganz sicher."
      Er löste sich von ihm, aber nur soweit, dass beide sich etwas aufrichten und Zoras in dem schwachen Schein der wenigen Flämmchen auf das tränenverschmierte, junge Gesicht blicken konnte. Seine eigenen Augen glitzerten, aber anstatt eines Gefühlsausbruchs, begann er zu lächeln. Und es war ein echtes Lächeln, das erste aufrichtige Lächeln, das er in all der Zeit jemand anderem als Kassandra geschenkt hatte, das sich auch kein anderes Wesen auf der Erde mehr verdient hätte als sein Sohn, sein leibhaftiger Sohn. Mit dem Daumen wischte er ihm etwas von der Nässe im Gesicht fort.
      "Die Schicksalsgötter müssen gewollt haben, dass du hier gelandet bist, hier bei mir. Wir werden deine Mutter finden, hörst du? Wir werden sie finden und dort rausholen, gemeinsam."
      Und mit der Endgültigkeit seiner Aussage zog er den Jungen wieder in seine Umarmung, in die er all die Monate steckte, in denen er keine Ahnung gehabt hatte, in denen er wahrlich nicht hätte vorhersehen können, was sich an diesem Tag ereignen würde. In der all seine Liebe steckte, die er für seine eigenen Kinder aufbewahrt und niemals ausgegeben hatte, die jetzt für Amartius allein bestimmt war. Für ihn und nichts anderem mehr auf der Welt.
    • Im Nachhinein hatte sich Amartius dafür verflucht, die kleinen Flämmchen zu beschwören, die das Dunkel des Waldes sanft um sie herum erhellten. So konnte er genau sehen, wie sich der Ausdruck in Zoras' Gesicht änderte, von Unglaube hin zu purem Entsetzen. Und dieses Entsetzen war genau das gewesen, vor dem sich Amartius so fürchterlich gefürchtet. Entsetzen darüber, dass er kein vollwertiger Gott war. Entsetzen darüber, dass ein fremdes Kind einfach aus dem Nichts auftauchte und verkündete, blutsverwandt zu sein. Blutsbande ansprach, die es sogar noch belegen konnte und eine Möglichkeit einräumte, die so furchtbar plötzlich war, dass kein Mensch damit schnell umgehen konnte. Aus Entsetzen folgte in der Regel Ablehnung, man stieß das ab, was man nicht begreifen konnte. Und so fühlte Amartius einen unwirklichen Kälteschauer in seinem Umkreis, so als würde die Dunkelheit immer näher kriechen und nach und nach seine Flämmchen ersticken. Also wartete er darauf, dass Zoras ihn abwies. Sich darüber lächerlich machte, wie ein dahergelaufenes Kind solche wirren Geschichten erfinden konnte. Die Worte waren so präsent in seinem Kopf, dass er die Tränen nicht mehr unter Kontrolle hatte. Er wäre wieder allein. Vollkommen allein in einer Welt von der er keine Ahnung hatte.
      Und dann fiel Zoras vor ihm plötzlich auf die Knie und Amartius erstarrte. Stumm rannen die Tränen weiter über seine Wangen während er sich am liebsten alles von der Brust gerissen hätte, damit dieser schreckliche Schmerz endlich aufhörte. Der Junge konnte zusehen, wie das Entsetzen in Zoras' Gesicht sich abermals wandelte, aber diesen Ausdruck konnte er nicht so einfach beschreiben.
      Amartius... Ich... Ich hatte keine Ahnung...“
      Wie hätte er es auch? Amartius war wie ein Tornado in sein Leben geplatzt und hatte alles umgerissen, was sich ihm in den Weg gestellt hatte. Nicht nur war er das fehlende Glied zu der Liebe seines Lebens sondern stellte selbst sogar das Produkt eben jener Liebe dar. Etwas, dass sich Zoras Luor nie gewagt hätte zu träumen und nun in Fleisch und Blut ihm gegenüber saß. Ein zweites Mal streckte der Mann –sein Vater– die Hand nach seinem Sohn aus und nun konnte er sich nicht mehr erwehren. Seine Barrikaden waren gefallen und verschwanden ins Nichts, als man ihm eine Träne fort wischte und schließlich die Hand an die Wange legte. Er fand noch immer keine Worte, sein Mund stand leicht geöffnet und seine Unterlippe bebte. Es war genau so wie damals im Stall. Wie er ihn damals bereits in die Arme genommen und gewogen hatte, ohne zu wissen, dass es sein eigener Sohn war. Jetzt die ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen mit dem Wissen, wer er eigentlich war, ließ die Wärme in dieser kleinen Geste fast unerträglich deutlich für den Halbphönix werden. Kassandra sagte einst, dass manche Personen strahlen können wie die Sonne selbst. Diesen Umstand verstand der Junge jetzt schlagartig.
      Ganz langsam überbrückte Zoras die Distanz zu Amartius. Schwere Arme legten sich um die schmächtigen Schultern und dann fand er sich in den Armen seines Vaters wieder. Nicht eine einzige der Geisterflammen, die Zoras auf seinem Weg zu Amartius hatte durchschreiten müssen, brannte. Sie waren genau das, was ihr Name besagte: geisterhafte Erscheinungen, die nur das verbrannten, was ihr Urheber zu verbrennen gedachte. Und nie hätte er seinen Vater mit solch einer Absicht betrachten können. Nur einen Herzschlag später hatte Amartius seine Finger in Zoras' Rücken gekrallt und hielt sich einfach nur fest. Er heulte nicht erneut wie ein Schlosshund auf, er schluchzte auch nicht lauter als zuvor. Stattdessen drückte er seine Stirn einfach nur kräftig gegen die Schulter seines Vaters und schloss die Augen.
      „Ich wusste, dass du mich nicht erkennst“, schüttelte er die Worte seines Vaters gedämpft ab, „Mama hat es mir gesagt. Sie sagte, dass ich das bin, was du nie erwarten würdest. Ich war ein Umstand, den keiner von euch berechnet hat. Das ist schon okay...“
      Dafür war jetzt alles so gekommen, wie er es sich gewünscht hatte. Zoras hatte nicht mit Ablehnung reagiert, nein, er hatte ihn sogar mit offenen Armen in Empfang genommen. Glaubte ihm jedes einzelne Wort, das er sprach und würde an seiner Seite bleiben. Solange, wie es ihnen nun noch vergönnt war. Es ruckte, als Zoras seine Umarmung löste und sie sich soweit auf Abstand begaben, dass sie einander ansehen konnten. Während Amartius Gesicht unter den Tränen leicht aufgequollen war, trug Zoras nur ein einziges, unendlich aufrichtiges Lächeln auf den Lippen. Bei seinen Worten hin nickte Amartius nur und fühlte sich plötzlich so mächtig wie noch nie zuvor. Bestärkung und Zuversicht, die er bislang in seinem Leben weder kennengelernt hatte noch haben musste. Die erneute Umarmung verdoppelte dieses Gefühl nur noch und endlich versiegten auch die letzten Tränen bei ihm.
      „Weißt du, ich hatte Angst. Angst, dass du mich ablehnst wenn ich es dir sage. Du hast eben so entsetzt geguckt, dass ich dachte, es ist soweit. Ich bin “, er wurde einmal kurz fester gedrückt, „irgendein dahergelaufener Junge, der doch nicht einfach behaupten kann, dein Kind zu sein. Mama hat gesagt, dass ich ihr erstes Kind bin. Wie hättest du denn nur damit rechnen sollen? Ich hab dich in der Sekunde erkannt, als ich dich gesehen habe. Für mich strahlst du eine Wärme aus wie Mama auch. Unverkennbar...“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras lachte leise, eine Reaktion, die eine ungeahnte Wärme in seiner Brust heraufbeschwor. Er musste sich noch einmal vor Augen halten, dass er hier seinen Sohn in den Armen hielt, seinen leibhaftigen Sohn, den auch noch Kassandra hervorgebracht hatte. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte er sich sicherlich gefragt, ob er in einem von Morpheus' besonders abgedrehten Traum gelandet war, bei dem zum Schluss alles im Chaos endete, damit er in Schweiß gebadet erwachte, aber selbst Morpheus hatte nicht die Macht, eine solche realistische Kreation hervorzubringen. Amartius war nicht das, wie er sich einen Sohn vorgestellt hätte, aber er war gleichzeitig aber auch besser als alles, was die Welt hätte hervorbringen können. Wie könnte er sich da nicht freuen?
      "Du bist wirklich nicht das, was ich jemals erwartet hätte, aber dafür bist du umso besser. Mein Junge. Bei den Göttern!"
      Er lachte noch einmal, während er Amartius weiterhin an sich gepresst hatte. Die Welt schien einen anderen Farbton bekommen zu haben. Die Dunkelheit strahlte Wärme aus und der erdige Waldboden war so weich wie zehn Schichten Heu. Sogar all ihre Probleme, die Suche nach Kassandra und ihre Rettung, wirkten um ein Vielfaches einfacher. Zoras hätte mit dieser ungeahnten Wärme, die ihn durchspühlte, ganze Bäume herausreißen können.
      "Oh Amartius, ich habe nicht wegen dir so entsetzt gesehen. Du bist ein ganz scharfsinniger Junge, weißt du das eigentlich? Nein, ich habe so dreingeschaut, weil es eine ganz schlechte Idee ist, in einem Wald mit Feuer zu hantieren. Aber das weißt du bestimmt schon, nicht wahr? Du hattest schließlich eine ganz ausgezeichnete Lehrerin."
      Lehrerin und Mutter - in indirekter Weise vielleicht Zoras' Frau! Hätte sie in Theriss ein Kind zur Welt gebracht, hätte er darauf bestanden sie zu heiraten, auch wenn das Ritual für die alte Phönixin mehr als nichtig war. Er hätte sie zur Frau genommen und er hätte ihr die Welt zu Füßen gelegt - zumindest die kleine Welt, die er anzubieten hatte. Er hätte sie verwöhnt und umsorgt und alle ihre Wünsche von ihren Lippen abgelesen, er hätte ihr ihr Freibad erbaut - nein, er hätte ihr sogar zehn bauen lassen, er hätte ihr das ganze Land zur Verfügung gestellt um sich dort auszutoben, er hätte ihr ein eigenes Haus gebaut wenn sie nur wollte, er hätte ihr ein Dorf, nein eine ganze Stadt gewidmet. Er hätte sie auf Händen getragen und wenn sie das nicht gewollt hätte, weil sie nie sonderlich viel von all den Verehrungen gehalten hatte, hätte er es nicht getan, denn jeder ihrer Wünsche wäre ihm ein Befehl gewesen. Er hätte sie sich wie die wunderschöne Göttin fühlen lassen, die sie schließlich war, tagein und tagaus. Er hätte für sie Kriege entfacht.
      Und in gewisser Weise war er noch immer davon überzeugt, in gewisser Weise wollte er sie noch immer verwöhnen, auch wenn sie das Kind längst ausgetragen hatte, auch wenn es nicht so geschehen war, wie er es sich vielleicht vorgestellt hätte. Er wollte Kassandra finden, um ihr seine Welt zu Füßen zu legen, um sie zu seiner Frau zu machen, aufdass das Trio vollständig wäre. Zwei Eltern und ein Kind, Zoras konnte sein Glück kaum fassen.
      Er löste sich wieder ein Stück weit von Amartius, aber nur, um den Jungen wieder anzusehen. Die dunklen Augen waren sanft und neugierig und jetzt konnte er wahrlich nichts anderes mehr als Kassandra darin sehen - Kassandra und sich selbst.
      "Du bist weit von einem "dahergelaufenen Jungen" entfernt, Amartius. Und es hätte mir auffallen müssen, auch wenn ich wohl nicht dieselben Instinkte habe wie eine Mutter. In deinem Alter - ich meine in deiner... Entwicklungsstufe - hatte ich dieselben lockigen Haare. Und die Beine wirst du wohl auch von mir geerbt haben, das hast du gerade sehr gut unter Beweis gestellt, hm?"
      Er zwinkerte ihm zu, danach wurde er wieder ein bisschen ernster.
      "Aber keine Geheimnisse mehr von jetzt an, okay? Ich muss alles wissen, auch wenn es dir noch so nichtig vorkommen mag oder wenn du dich nicht traust, es mir zu erzählen. Es ist wirklich wichtig, damit wir deine Mutter dort herausholen, verstehst du? Gibt es also noch irgendetwas, das du mir verschweigst? Ich werde dir nicht böse sein, aber ich muss es wissen, daran führt kein Weg vorbei."
    • „Ich bin total scharfsinnig. So scharfsinnig, dass ich kein echtes Feuer in einem Wald entfache. Das sind Geisterflammen. Die brennen nur, wenn ich das will“, nuschelte Amartius undeutlich an Zoras' Schulter, an der er noch immer sein Gesicht vergraben hatte. Er besaß wie seine Mutter die Verbundenheit zum Leben in seinem Umkreis. Zwar nicht in dem Ausmaß wie sie, die ständig alles Leben sah und hörte wenn sie es wünschte, aber er besaß ein ausreichendes Feingefühl. Und dies riet ihm davon ab, willkürlich mit seiner spärlichen Feuermagie zu hantieren.
      Als er den Zug an sich bemerkte, gab der Junge den Rücken seines Vaters wieder frei und rückte ein wenig von ihm ab. Die Tränen waren versiegt, die Atmung normalisiert und die Dunkelheit um sie herum noch immer von seinen geisterhaften Flämmchen ferngehalten.
      „Ich... hm... verschweige ja nicht unbedingt etwas. Ich weiß eben nicht sonderlich viel weil ich nicht genug Zeit hatte zu lernen. Das Meiste habe ich dir schon erzählt... Ich habe in der Festung kaum andere Menschen gesehen, geschweige denn Götter außer Telandir und Mama. Ich war nie außerhalb der Feste, ich weiß aber, dass sie etwas abseits einer Stadt liegt und halb aus einem Berg geschlagen ist. So wie es aussieht, hat Mama nur ganz wenig Kraft, aber ich verstehe die Sache mit den Essenzen nicht ganz. Ich glaube, ich kann gar keine abgeben weil ich kein vollwertiger Gott bin. Und weil ich so jung bin weiß ich nicht, was ich noch alles kann....“
      Er kratzte sich seitlich am Kopf während er nachdachte. Dann zuckte er zusammen und stellte sich wieder auf die Füße. Seine Knie waren dunkle vom Waldboden verfärbt, an seinem Hinterteil klebten Reste von Blättern und Nadeln. Das Grinsen war in sein Gesicht zurückgekehrt, wenn auch das leicht gequollene Gesicht etwas anderes vermuten ließ. Er reichte seinem Vater – und er dachte das erste Mal bewusst daran – die Hand, damit er ebenfalls auf die Füße kam.
      „Demataya versteht sich sehr gut mit Telandir. Sie arbeiten irgendwie zusammen, würde ich mal schätzen. Auf jeden Fall wird er vermutlich alles tun, damit du Kassandra nicht zu sehen bekommst. Er hat nie die Feste verlassen, soweit ich mich erinnern kann...“
      Sein Blick wanderte zum Blätterdach über ihren Köpfen. Telandir gehörte zur Einrichtung der Feste wie jedes Möbel oder jeder Eiszapfen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er ihn einmal nicht gespürt hatte, wenn er nach ihm Ausschau hielt.
      „Oh“, machte er Junge als ihm etwas anderes einfiel. „Ähm... Wie machen wir das denn jetzt mit Faia und den anderen Beiden? Wenn du plötzlich so vertraut mit mir bist, sieht das komisch aus. Sie werden Fragen stellen... Aber Faia wird auch fragen, wenn wir ihr sagen, dass ich dein Sohn bin. Dann kommt die Frage, wie ich überhaupt hierher gekommen bin und warum ich es nicht eher gesagt hab.... Puh....“
      Anstelle alte Probleme zu lösen brachte diese Situation nur neue Probleme mit sich. Vermutlich würden die anderen Drei sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen, selbst wenn sie ihnen mitteilten, dass sie beide Vater und Sohn waren. Aber es würde Fragen aufwerfen. Fragen, die Amartius nicht beantworten könnte ohne in gefährliches Territorium abzudriften. Das würde sich als schwierig erweisen.


      Währenddessen in Asvoß

      Kassandras Miene war unergründlich als sie wie jeden Tag an den großen Fenstern stand, durch die man einen Ausblick auf den Vorplatz und die angrenzenden Wohngebäude in der Ferne erhaschen konnte. Sie hatte sich halb an den Steinbogen gelehnt, aus dem das Fenster geschlagen war und dieses Mal nicht die Hand auf das eisig kalte Glas gelegt, um die Frostblumen nicht zu zerstören. Zwar hatten ihre Augen ihr Feuer noch immer nicht verloren, aber sie wirkten kühler als zuvor.
      „Du machst das tatsächlich jeden Tag, oder? Es dürfte sogar die gleiche Uhrzeit sein.“
      Die männliche Stimme im Raum war samtig und voll. Attraktiv, wie viele Frauen es wohl beschreiben würden, doch die Phönixin reagierte nicht darauf. Sie hatte mit dem Mann, der die langen, in Leder gekleideten Beine über die Recamiere ausgestreckt und sich dort hingelümmelt hatte, erstmals Kontakt gehabt nachdem Telandir Amartius verschleppt hatte. Er war so plötzlich aufgetaucht, dass Kassandra selbst erschrak als sie seine Präsenz wahrnahm. Er hatte absolut keinen Hehl draus gemacht, dass er ein echterGott war und dadurch einfach seine Aura hatte vor ihr verschleiern können. Sofort hatte sie sich gefragt, wie lange er wohl in dieser Feste gewesen sein musste, ohne dass sie von ihm gewusst hatte. Seitdem tauchte er immer dann auf, wenn Telandir verschwunden war und niemand ihre Zweisamkeit stören konnte. Wie ein Hirngespinst, das sich im Laufe der Zeit eingestellt hatte.
      „Ist es mir nicht mehr vergönnt, einen Blick aus meinem Käfig aus Eis zu werfen?“, gab Kassandra nüchtern zurück und hielt es nicht für nötig den Blick abzuwenden.
      Der Mann auf dem Möbel lachte nicht. Seine smaragdgrünen Augen waren nicht auf die Frau am Fenster fixiert sondern waren gen Decke gerichtet. Er wippte mit den Füßen leicht hin und her während er seine recht schmächtig wirkenden Arme auf der Lehne ausgebreitet hatte. Seine Haare schienen bei jedem Treffen eine leicht andere Farbe zu haben, waren allerdings tendenziell eher den dunkleren Nuancen zuzuschreiben.
      „Doch, doch. Schau so lange aus den Fenstern wie du möchtest. Eigentlich habe ich heute auch nur gute Kunde für dich, aber du scheinst ein wenig... abwesend zu sein.“
      Erneut keine Regung von Kassandra. Dieses Mal nicht mal ein Wort.
      „Telandir hat sein Wort gehalten und deinen Sohn nicht umgebracht“, setzte er schließlich hinterher und richtete nun doch seine Augen auf Kassandra. „Dein Sohn lebt. Zu dieser Stunde, irgendwo auf der Welt.“
      Erst da drehte sich Kassandra langsam um. Die Ausdruckslosigkeit in ihrem gesicht war verschwunden und einer schneidenden Kälte gewichen. So als warnte sie den Mann davor, über Dinge zu sprechen, die er lieber unausgesprochen ließ. „Ist das so?“
      „Du wärst begeistert zu erfahren, was er bisher alles erlebt hat. Das ist die beste Unterhaltung seit langem.“ Er grinste, selbst als sich Kassandras Blicke wie Speere in seine Augen zu bohren schienen.
      „Es ist mir egal, was du sagt. Niemand weiß, wann du lügst und wann nicht. Also gehe ich prinzipiell aus, dass du lügst. Such dir jemand anderen, dem du auf die Nerven gehen kannst.“
      Eine beißende Stille entwickelte sich zwischen ihnen ehe der Mann den Kopf leicht zur Tür drehte und einen gedehnten Seufzer ausstieß. „Du solltest deinem Verehrer mal ausrichten, dass er gerne länger wegbleiben kann. Ich würde mich gerne mal länger als ein paar Minuten mit dir unterhalten.“
      „Dann bleib doch. Du bist herzlich eingeladen.“ Ihre Worte waren wie Gift, ätzend und tödlich.
      Doch er zuckte nur mit den Schultern während seine Kontur zu verschwimmen begann. „Er schätzt mich leider genauso wenig wie du. Ich brauche keine zwei schreienden Vögel in meiner Nähe. Mir reicht der Gesang eines vollkommen aus“, meinte er lediglich und Kassandra sah dabei zu, wie er sich wortwörtlich in Luft auflöste.
      Schon eine Sekunde später schwang die Tür auf und Telandir betrat federnden Schrittes den Raum. Ohne Umschweife kam er direkt auf Kassandra zu, die nichts anderes tun konnte als die Arme vor der Brust zu verschränken und dem Phönix mit Ablehnung zu begegnen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Feste lag abseits einer Stadt und war aus einem Berg gehauen. Zoras würde mit dieser Information sicher mehr anfangen können, wenn es darum ging, sie überhaupt zu infiltrieren. Die Nachricht über Kassandra war allerdings sehr hilfreich, denn auch, wenn er seiner Frau nur das beste gewünscht hätte, bedeutete doch das Fehlen ihrer Kräfte, dass sie sich mit der Zarin alles andere als angefreundet hatte. Entsprechend schwierig hätte sich womöglich ihr Befreiungsversuch ergeben, wenn sie gar nicht von dort verschwinden wollte.
      "Das ist schonmal sehr wichtig. Wenn dir mehr Sachen einfallen sollten, sagst du sie mir, okay? Ganz egal, worum es sich handelt, ganz egal, was wir gerade tun. Einverstanden?"
      Er schenkte Amartius ein aufmunterndes Lächeln, das nicht wenig von seiner eigenen noch immer steten Begeisterung darüber kam, einen Sohn zu haben. Mit was hatte er das nur verdient?
      "Und was deine Kräfte angeht, werden wir schon noch herausfinden, was du alles kannst. Damit du deine Mama beeindrucken kannst, wenn du zurückkommst, hm?"
      Er ließ sich von dem Jungen aufhelfen, aber nur, weil er ihm so vorbildlich die Hand reichte. Stolz schwellte in seiner Brust auf, als er sich aufrichtete und noch einmal einen gründlichen Blick auf das Kind werfen konnte, das nach seiner Abstimmung kam. Wahrlich, er hätte sich nicht in den schönsten Träumen einen besseren Jungen vorstellen können. Natürlich hätten die Umstände wesentlich besser sein können.
      Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder auf das Problem, das sich jetzt dadurch hervorhob, dass wohl Telandir mit der Zarin sehr eng stand. Das war wiederum ein großer Nachteil, denn Telandir würde seit der letzten Begegnung kaum schwächer geworden sein und das war schon ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Sie bräuchten schnellstens einen Plan, wie sie Kassandra aus der Festung schmuggeln konnten.
      "Ich habe auch nicht vor, mich Telandir - oder irgendjemand anderem gegenüber - erkenntlich zu zeigen. Ich denke nicht, dass mir noch viel Freiheiten bleiben würden, wenn bekannt würde, wer ich bin, deshalb werden wir das einfach verhindern. Und deine Herkunft auch, wenn das irgendwie möglich ist."
      Wobei er letzteres stark bezweifelte. Phönixe konnten die Aura ihres Gegenübers erkennen und selbst Telandir, der nicht Amartius' Vater war, würde doch den Halbphönix erkennen können.
      Er lächelte wieder ein bisschen mehr, aber auch nur, weil er den Jungen nicht beunruhigen wollte.
      "Aber das werden wir alles noch klären. Und was die anderen betrifft, mach dir mal keine Sorgen. Wir werden niemandem etwas davon sagen, dass du mein Sohn bist und niemand wird zu viele Fragen stellen. Das ist einer der wenigen Vorteile davon, ein Söldner zu sein."
      Er berechnete damit nicht ein, dass Faia irgendwann tatsächlich misstrauisch werden und die Sache hinterfragen könnte, aber es gab besonders für einen Außenstehenden kein Indiz, ihre Verwandtschaft zu erkennen. Außer vielleicht über ihr Aussehen.
      "Komm jetzt, wir gehen besser zurück, bevor sie wirklich noch Fragen stellt. Und wisch dir deine Kleidung ein bisschen ab, du siehst aus, als hätte ich dich verprügelt."
      Sie setzten sich wieder in Bewegung, wobei Zoras Amartius' Haare etwas glättete, während der Junge seinen Hosenboden reinigte. Noch immer von einem gewissen Glücksgefühl erfasst, marschierte er jetzt neben ihm her, seinen Sohn ganz dicht neben ihm laufend.

      Überraschenderweise benötigte es einiges an Überwindungskraft, nicht vor Freude strahlend zurück zum Lager zu kommen. Zoras war in den letzten Jahren kein besonders heiterer Mensch gewesen, ganz zu schweigen davon, dass ihm seine Lachfalten als bloße Geister im Gesicht zurückgeblieben waren. Er hätte auch nicht gedacht, dass er jemals wieder so vergnügt und sorglos sein konnte wie noch in seiner Heimat, aber auf der anderen Seite hatte er auch nicht mit einem so drastischem Einschnitt in sein Leben gerechnet. Entsprechend war er etwas unbeholfen darin, eine neutrale Miene zur Schau zu stellen, als sie zurück ans Feuer traten.
      Faia sprang dennoch sofort auf und hechtete redlich auf Amartius zu, wahrscheinlich, um ihn von dem bösen Mann wegzuziehen, der dafür gesorgt hatte, dass der Junge sich erst verletzt und dann noch getürmt war. Jetzt hatte Zoras auch einen merklichen Einwand dagegen, wie die Frau Amartius den Arm um die Schultern legte und ihn an sich zog, auch wenn er genauso wenig Lust dazu hatte wie schon beim letzten Mal. Ihre vielen Fragen verliefen im Nichts, wobei sie eine Reaktion trotzdem bekam:
      "Lass ihn los, wenn er nicht will."
      Dann ging Zoras auch schon scheins unbehelligt zurück zu seinem Platz, während Faia auf Amartius einredete, bevor sie ihn schließlich widerwillig freigab. Der Junge kam, setzte sich zu seinem Vater - innerlich strahlte Zoras - und die Frau musste sich damit zufrieden geben, sich bei Omnar darüber aufzuregen. Tysion beobachtete die Situation teilnahmslos und ließ es unkommentiert.
      Amartius schlief mit Zoras in einem Zelt, was zwar recht eng zu zweit, aber immernoch ausreichend war. Am nächsten Tag bestand der Mann darauf, dass der Junge zwei Scheiben Brot, etwas Käse und Gebäck vom Proviant aß. In dem Tempo würden sie zwar wesentlich schneller nichts mehr haben, aber Zoras würde weder dulden, dass Amartius hungerte, noch dass er in seinem Wachstum beeinträchtigt würde. An diesem Tag schienen sich die Gemüte auch wieder etwas beruhigt zu haben, denn Faia fragte nicht noch einmal über den Abend und schließlich zogen sie auch recht unbehelligt weiter.
      Das Spiel wiederholte sich am Abend, als sie an einem Weiher ihr Lager aufschlugen, Zoras und Tysion sich ihrem Übungskampf hingaben und sie dann ihr Essen zu sich nahmen. Diesmal war es wieder Faia, die Amartius durchzufüttern versuchte, wahrscheinlich um ihn dazu zu bringen, bei ihr zu bleiben, was natürlich wieder fehlschlug. Der Junge kam zurück zu Zoras und irgendwann war es Faia, die aufstand und in die Mitte ihres kleinen Lagers trat.
      "Wir sind zwar erst zwei Tage unterwegs, aber ich finde, wir sollten uns trotzdem schon langsam Gedanken über einen Plan machen. Ich meine, einen konkreten Plan. Wir gehen zur Küste, wir setzen mit einer Fähre rüber und dann gehen wir zu der Feste. Abgesehen davon brauchen wir noch eine Karte, um überhaupt dorthin zu kommen, aber die werden wir wohl in Asvoß bekommen, oder?"
      Ihr Blick ruhte auf Amartius.
      "Und was ist dann? Können wir einfach in die Feste gehen und deine Frau dort rausholen, Ischyll? Ist sie gefangen, wird sie bewacht? Oder kann sie einfach mit uns gehen?"
      Zoras leitete die Frage weiter an Amartius, indem er zu seinem Sohn blickte. Selbst nach einem Tag war seine Euphorie über die Verwandtschaft noch immer nicht abgeklungen.
      "Hast du verstanden, was sie gefragt hat? Wie können wir uns die Feste vorstellen? Wie groß ist sie, wie gut ist sie bewacht, wo ist Kassandra genau? Gibt es Bedienstete? Gibt es Hintertüren, Geheimgänge? Eine Mauer? Sag uns alles, was du uns darüber sagen kannst."
    • Eindringlich musterte Amartius seinen Vater. Selbstverständlich hatte er keine Vorstellung davon, wie Zoras früher ausgesehen haben mochte. Allerdings wusste er dafür sehr wohl, dass Aussehen allein nicht ausreichen würde, um einen Gott von seiner Spur abzubringen.
      „Telandir und Kassandra werden dich aus einiger Entfernung schon erahnen können. Wir sehen Lebenslichter und Auren, die einzigartig sind. Wenn du Telandir einmal gegenüber getreten bist, wird er sich an deine Aura erinnern“, merkte Amartius an. Es war einer jener Punkte, die für ihn vollkommen selbstverständlich gewesen waren und wo er sich stets daran erinnern musste, dass das nicht für Menschen galt.
      Den Schimmer an Betrübtheit konnte Zoras mit seiner Mimik überspielen, jedoch nicht mit der eben genannten Aura. Sein Sohn zog die Stirn leicht in Falten während er noch immer seinen Vater beobachtete. Er war besorgt angesichts der Tatsache, dass man sich wohl doch nicht so einfach an die Feste und Kassandra anschleichen können würde. Möglicherweise waren sie doch auf ein überirdisches Wunder angewiesen, um einen Weg zu Frau und Mutter zu finden. Seine Falten wurden sogar noch tiefer als der Rest der Gruppe angesprochen wurde.
      „Glaubst du ernsthaft, dass Faia nicht auf die Idee kommt, unsere Beziehung zu hinterfragen? Ansonsten darfst du mich nicht mehr so drücken wie gerade eben.“ Unmut schwang in seiner Stimme mit als er das frisch gewonnene Recht so schnell wieder abgeben musste. „Und ich will nicht ständig darauf achten müssen, wie ich dich angucke oder so.“
      Er seufzte und beschäftigte sich damit, seine Sachen abzuklopfen. Die feuchten Stellen an seiner Hose erhitzte er kurzweilig mit dem bisschen an Magie, das ihm zur Verfügung stand, wobei seine Augen ähnlich wie die seiner Mutter leicht glühten. So als würde sich das spärliche Licht im Walde einzig und allein in seinen Augen brechen und zu neuem Glanz erwachsen. Der so entstandene Staub ließ sich deutlich leichter von den Kleidern schlagen während er mit Zoras zurück zum Lager spazierte.
      Dass ihnen dabei ein aufmerksames, stechendes Augenpaar folgte, bemerkten die Beiden allerdings nicht.

      Mehr als nur einmal musste sich Amartius buchstäblich auf die Lippen beißen. Das erste Mal war, als sie das Lager wieder betraten und Zoras neben ihm vor Freude regelrecht brummte und summte. Ein Glück, dass Menschen dieses Feingefühl nicht besaßen und so bekam nur sein Sohn diese Gemütsspannung mit, die die Euphorie in seinem eigenen Inneren schürte. Allerdings war der Junge schon einen Schritt weiter und hatte schleichend die Distanz zu dem Söldner vergrößert, der ihn eben noch wie der Leibhaftige verfolgt hatte. Und so kamen sie mit fast drei Meter Abstand am Feuer an, was dafür sorgte, dass Faia bei ihrem Anblick sofort auf die Füße sprang. Er ächzte leise als er von einem erstaunlich kräftigen Arm an eine weiche Brust gezogen wurde, von der es scheinbar kein entrinnen gab. Wie er sich auch wand, er kam von Faias Brust nicht los und musste sich am Ende halb aus ihrem Arm schlängeln, damit er halbwegs Luft bekam.
      Ist okay! Wirklich! Ich laufe nicht mehr weg! Ich habe verstanden, lass los...“, versuchte Amartius mehrmals sich von Faia zu lösen, die viel zu schnell brabbelte als dass er ihren Worten ordentlich hätte folgen können. Irgendetwas muss er jedoch getan haben, denn endlich ließ sie ihn vollends los und er konnte schnell zu seinem Vater türmen.
      Die sich anschließenden Stunden verflogen für Amartius ohne wirklich darüber gewahr zu sein. In einem Moment lag er in einem kleinen Zelt und konnte dabei zusehen, wie sein Vater einschlief, im nächsten Moment waren sie wieder am ziehen und dann schon wieder am rasten, als sich die Sonne ihren Weg zur Erde suchte. Noch nie war ihm aufgefallen, wie schnell die Zeit vergehen konnte. Denn bisher hatte sie für ihn auch keine Bewandtnis gehabt.
      Amartius hatte sich wieder bei Zoras niedergelassen, als Faia scheinbar mit ihrer kommentarlosen Reise nicht mehr gänzlich zufrieden war. Zu seinem eigenen Erstaunen verstand der junge Halbphönix fast jegliches Wort, das Faia an ihn und Zoras richtete und hob darüber die Augenbrauen. Sein Körper schien zu stagnieren – das galt scheinbar nicht für seinen Verstand. Folglich nickte er auf die Frage seines Vaters hin und suchte einen Augenblick nach den passenden Worten. Er klopfte dabei auf den Boden zu seiner Seite, damit sich Faia zu ihnen setzte. Stehend gefiel sie ihm nun wirklich nicht.
      Ich kann leiten. Karte ist hilfreich, aber nicht notwendig. Wüste aus Eis in Asvoß, wenn man Meer, ah, Küsteverlässt.Vor Feste Stadt mit Menschen, glaube ich. Aber gutes Stück bis dahin.“
      Dass es Führer an den Küstenhäfen gab, die Reisende durch die Eiswüste um die Hauptstadt führten, wusste Amartius natürlich nicht. Alles, was er kannte war das, was er mit bloßem Auge von den Zinnen der Feste und den Fenstern hatte erspähen können. Und das eine endlose Eiswüste, die sich ringsherum hinter der Stadt erstreckte.
      Kassandra nicht bewacht. Aber gebunden an Demataya. Ein... Mann behält Kassandra für sich und weiß immer, wo sie hin ist. Sie war oft im oberen Teil von Feste, nie im Keller. Ich war auch nie im Keller. Habe nie Wachen gesehen, auch wenig Bedienstete. Alles im Hintergrund passiert. Ich weiß nichts von Geheimtüren... Aber es gibt keine Mauern. Keine Gräben. Nur Eis überall und schwerer Stein.“
      Damit schloss Amartius seine Ausführung und versuchte sich noch an etwas zu erinnern. Tatsächlich hatte er nie Wachen gesehen und nur selten Bedienstete, die sich scheinbar absichtlich aus ihrem Sichtfeld fernhielten. Es musste allerdings welche geben wenn man bedachte, dass die Zarin wohl kaum die Tafel eigenständig decken würde. Und dann war da ja noch eine Sache...
      „Die Zarin besitzt andere Götter, aber ich habe nie einen gesehen. Ich weiß aber, dass sie ein und aus gehen. Manchmal spürte ich sie, wenn sie sich nicht ständig tarnen. Aber alles in allem wirkte es sehr... einsam und kalt. Trostlos“, meinte er zu seinem Vater gewandt.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Faia setzte sich trotz Aufforderung nicht zu Amartius. Das war wieder einer der Momente, in denen die Frau Kommandant spielen wollte, wie Zoras es insgeheim nannte. Dann versuchte sie immer über allen anderen zu stehen und setzte durchaus auch ein autoritäres Benehmen an den Tag, nur mit dem Unterschied, dass es hier keine Armee zu befehligen gab, sondern einen Idioten und zwei Ex-Soldaten, die beide sicherlich gute Gründe dafür hatten, nicht mehr in die Armee einzutreten. Daher erzielte sie womöglich auch nicht den gewünschten Effekt, außer sie hätte sich tatsächlich vor eine Armee begeben. Zoras hatte sich schon häufiger gefragt, weshalb sie sich nicht rekrutieren ließ, hatte sie aber nie darauf angesprochen - genauso wenig wie sie ihn auf seine Angelegenheiten ansprach.
      Ein Funke an Überraschung schoss merklich über Faias Gesicht, während Amartius mit noch viel besserem kuluarisch zu erklären begann. Darauf hätte Zoras ihn besser auch ansprechen sollen, fiel ihm auf, denn selbst jemandem ohne Kinder musste auffallen, wie wahnsinnig schnell Amartius lernte. Vor zwei Tagen noch hatte er kaum ein paar Wörter gesprochen, jetzt verständigte er sich tadellos. Viel besser als Zoras' eigener Akzent, den er einfach nicht wegbekam, egal wie sehr er sich um die Sprache bemühte. Seine Zunge war einfach nicht gemacht für die weichen Silben und das konnte man heraushören.
      Amartius' Nachrichten sorgten aber wohl dafür, dass sich keiner großartig um seine Aussprache Gedanken machte. Er berichtete von der Feste, von der Stadt, von Kassandra und den Menschen. Gedanklich sponn Zoras ein Bild von der Umgebung und musste sich dann aktiv davon abhalten, den Raum mit Soldatentruppen zu füllen. Sie waren jetzt zu fünft und nicht zu 5000 und zwei von ihnen könnten nicht einmal in die Feste gelangen, ohne erkannt zu werden. Da wären keine Truppen, die sie unterstützen würden, nur jeder für sich.
      "Also kommen wir in die Feste rein, aber heraus wird wieder schwierig. Außerdem will ich die Schatzkammer plündern, vergesst das nicht! Deswegen sind wir schließlich dabei."
      "Wir werden etwas zum mitnehmen finden", bestätigte Zoras, der sich schon darüber bewusst war, dass sie das nicht aus Nächstenliebe tun würden. Immerhin waren sie alle noch immer Söldner.
      "Und Cassahta ist nicht eingesperrt? Sie könnte also mit uns rausspazieren?"
      "Sie ist in etwa an ihre Herrin gebunden. Wir brauchen eine Art Schlüssel, um sie freizubekommen. Den Schlüssel trägt Demataya bei sich."
      "Dann muss sie ihn auch irgendwann ablegen!"
      Zoras sah knapp zu Amartius.
      "... Vielleicht. Eher nicht."
      "Wir könnten uns also einschleichen, ihren Schlüssel stehlen, die Schatzkammer plündern und mit Cassahta abhauen. Wenn die Feste nicht groß ist, kriegen wir das in zwei Stunden hin!"
      Zoras dachte an die ominösen anderen Götter und an Telandir und schüttelte den Kopf.
      "Nein."
      "Nein?"
      "Wir brauchen den Schlüssel. Sobald wir den Schlüssel haben, sind wir aufgeflogen, aber vielleicht könnten wir dann auch fliehen."
      "Und wie bekommen wir den Schlüssel?"
      Zoras kratzte sich das Kinn und sah wieder zu Amartius. Er dachte an Telandir und an andere Götter, die dort herumgeisterten. Er dachte an Kassandras Essenz und an die Macht, die dahinter steckte. Er dachte an eine schlecht bewachte Festung.
      "Wir brauchen mehr Informationen. Wenn es wenig Wachmänner gibt, kommt die Verteidigung von wo anders." Von den Göttern. "Wir brauchen den Schlüssel für Kassandra, aber die Zarin ist gut bewacht." Von ihren eigenen Essenzen. "Wir müssen ihr nahe kommen und schnell sein."
      Er kratzte sich wieder am Kinn und Stille legte sich auf das Lager, während er nachdachte. Eigentlich hatte Faia diese Diskussion wohl leiten wollen, aber sie starrte jetzt in ähnlicher Erwartung auf Zoras wie auch Tysion.
      "Wir brauchen Kassandra. Wir versuchen sie zwar zu befreien, aber sie ist auch eine perfekt platzierte…" Ihm fiel das Wort nicht ein und für einige Sekunden zog er die Stirn in Falten auf der Suche danach. "... Spionin. Sie kann uns alles über Demataya und ihre Gö… Schlüssel berichten. Wir müssen zu ihr Kontakt aufnehmen."
      "Und wie?"
      "Einer von euch schleicht sich als Bediensteter ein. Festungen haben immer…" Jetzt ärgerte er sich über seinen limitierten Wortschatz und er schnalzte ungeduldig mit der Zunge. "... Versorgungsketten. Demataya muss essen und das Essen muss von einer Stadt kommen. Wir werden die Stadt aufsuchen und dort umhören. Ich schlage vor, dass du dich als Dienerin ausgibst, Faia."
      "Ich? Wieso ich? Du solltest es machen, du weißt wie Cassahta aussieht!"
      "Mich werden sie erkennen. Amartius auch. Du gehst rein, du bist die jüngste von uns und zuverlässig."
      Faia runzelte jetzt selbst die Stirn.
      "Mir gefällt das aber nicht."
      "Wir werden in der Stadt mehr herausfinden. Bis dahin sollten wir Asvoß lernen."
      Er sah wieder zu seinem Jungen.
      "Du musst uns die Sprache beibringen, andernfalls werden wir nicht weiterkommen. Bekommst du das hin? Ich werde mir noch überlegen, was wichtig zu wissen ist, besonders für Faia. Sie sollte sich verständigen können, aber nicht gut genug, dass man sie für eine Einheimische hält. Dann werden vielleicht weniger Fragen gestellt."
      Er dachte einen weiteren Moment nach, dann senkte er die Stimme etwas, obwohl sie sowieso keiner verstehen konnte.
      "Sag mir, Amartius: Hat dir deine Mutter mal erklärt, wie sich eine Essenz zerstören lässt? Und ob… jeder Träger werden kann?"
    • Amartius hatte zu selten mit Demataya Kontakt gehabt, um wirklich bestimmen zu können, wie ihr Tagesablauf war. Er wusste ja nicht einmal, wo sich ihre Kammer befand. Woher sollte er dann wissen, ob sie die Essenzen jemals ablegte? Vermutlich tat sie es – immerhin konnte man schlecht ständig mit so viel Schmuck behangen herumlaufen. Genauso wenig wusste er, ob es nationale Schätze oder gar eine Schatzkammer gab. Das alles waren materielle Dinge, in denen kein Wert lag, wenn man nach seiner Meinung fragen würde.
      „Es ist also nicht normal, dass so wenig Menschen in einem Gebäude sind?“, fragte Amartius Zoras, der selbstverständlich nicht gelehrt bekommen hatte, dass ranghohe Amtsträger in der Regel auf eine Garde und entsprechender militärischer Stärke zurückgriffen. „Ich dachte, das sei normal. Immerhin waren viele Menschen, die wir hier getroffen haben, auch ohne Wachen unterwegs. Ihr habt doch auch keine Wachen, warum sollten die also in der Feste sein? Die ist Dematayas Zuhause, da wird ihr niemand etwas Böses wollen.“
      Ja, Amartius war jung und gutgläubig. Er kannte nicht das Potenzial an Gewalt, das Mensch und Gott an den Tag legen konnte. Am eigenen Leib hatte er von Telandir erfahren wie es war, gegen seinen Willen verschleppt und beraubt zu werden. Die Räuber hatten ihm seine Freiheit genommen und das eigentliche Gemetzel hatte er auf dem Boden liegend und gefesselt nicht mitansehen können. Physischen Schmerz hatte er erst vor wenigen Tagen erfahren. Wie reagierte eine Einheit, die Boshaftigkeit und Mordlust nicht kannte?
      Wenn Kassandra bei uns, dann weniger gefährlich. Vertrau mir“, forderte der Junge von Faia, die sich geweigert hatte neben ihm Platz zu nehmen und lieber von oben herab zu ihnen sprach. „Kassandra findest du schnell. Lange, schwarze Haare bis hier“, er zeigte eine imaginäre Linie unterhalb seiner Schulterblätter an,„ und in Wellen. Augen wie rote Steine.“ Er kannte das Wort für Rubin noch nicht. „Kleiner als du.“
      Wenn er es sich so recht überlegte, dann hatte Amartius kaum andere Frauen neben seiner Mutter und der Zarin in der Feste gesehen. Auch hier tippte er darauf, dass die Bediensteten einfach im Hintergrund agierten oder es ihm schlichtweg nie aufgefallen war. Die Idee, dass Faia als Dienerin in die Feste einsteigen sollte, gefiel dem Halbphönix allerdings mehr als gut. Das war eine Möglichkeit, wie sie an Kassandra herankamen ohne zu viel Aufsehen zu erregen. Die Frage war nur, wann sie Faia darin einweihen sollten, dass die Feste voll von Göttern waren und Phönixe waren wohl nicht die Einzigen, die Lügen enttarnen oder Gedanken lesen konnten.
      „Das klingt richtig gut!“, rief Amartius aufgeregt aus und plusterte sich wieder weiter auf. „Asvoßisch ist nicht schwer! Klingt noch härter als Therissisch, aber das ist kein Problem! Ich glaube auch, dass Faia es gar nicht so gut sprechen können muss. Was ich bisher gesehen habe ist, dass Menschen je nach Land anders aussehen. Du siehst nicht aus wie die Menschen, die ich bisher hier gesehen haben. Und Faia sieht ganz bestimmt nicht aus wie Demataya. Die ist blond, groß und hart harte Züge, wie die Sprache, die sie sprechen.“ Er strahlte Faia an, weiße Zähne zeigten sich dabei sogar unter seinen Lippen. „Ich bringe dir Asvoßisch bei. Gar kein Problem! Haben noch genug Zeit!“
      Sie hatten einen ernsthaften Plan an der Hand. Es gab vielleicht doch einen Weg, an seine Mutter zu kommen und sie aus der Feste zu holen. Dann müsste er nicht mehr mitansehen, wie sie suchend ihren Blick aus den Fenstern richtete auf etwas, das sich seinem Verständnis entzog. Dann hätte er das, was einer echten Familie am nächsten kam. Und während er sich mit der Vorstellung bereits anfreundete, zog etwas in seiner Brust, leise und warnend. Er hatte vergessen, dass es sein konnte, dass er dieses Bild niemals in der Realität erleben würde. Dass seine Zeit nicht ausreichte und er vielleicht nicht einmal erleben würde, wie seine Mutter wieder unter freiem Himmel wandern durfte. Jäh schreckte er aus seinen Gedanken auf, als sein Vater ihn mit gesenkter Stimme ansprach und Amartius einen Moment lang darüber nachdachte.
      „Ich weiß viel über Essenzen, ja. Sie wollte verhindern, dass ich meine unwissentlich veräußere obwohl wir nicht mal wissen, ob ich eine habe. Dabei sagte sie, ich brauche mich nur vor Menschen in Acht nehmen. Nur ihnen kann man seine Essenz veräußern, so war der Handel in Uhrzeiten geschlagen worden, wie sie mir sagte. Das heißt, dass kein Gott über einen anderen verfügen kann. Deswegen hat Telandir sie damals nur entführen können und war darauf angewiesen, dass Demataya sie bei ihm hält.“ Er dachte hart nach während er zusammenkratzte, was Kassandra ihm zum zerstören von Essenzen gesagt hatte. „Andere Götter können Essenzen mit Leichtigkeit zerstören. Normalerweise verliert der Gott dann die Eigenschaft, die er mittels seiner Essenz als Schwur abgibt. Da Kassandra ihr Herz in ihre Essenz gelegt hat, verschwindet sie, wenn ihre Essenz zerstört wird. Auch Menschen können sie zerstören, wenn genug Kraft eingesetzt wird. Wenn man sie zum Beispiel zerschlägt oder einschmilzt. Deswegen ist sie so darauf bedacht, ihrem Träger nicht mehr als möglich zu widersprechen. Sie läuft sonst Gefahr, dass man ihre Existenz beendet“, schloss er seine Ausführungen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "So kann man das nicht sagen", murmelte Zoras zurück, der sich sogleich in einem Zwiespalt darüber befand, Amartius angemessen aufzuklären und zu verhindern, dass sie allzu offensichtlich miteinander tuschelten. Vermutlich machte sich Faia sowieso keine Gedanken darüber, aber er wollte sie auch nicht dazu provozieren.
      "Je größer oder... wichtiger ein Gebäude oder die Person darin ist, desto mehr Wachen gibt es dort, denn mit größerer Bekanntheit gibt es umso mehr Leute, die einem etwas antun wollen. Demataya ist eine Herrscherin und deswegen besteht die ständige Gefahr, dass sich jemand ihren Herrschaftstitel aneignen möchte. Das muss mit allen Mitteln verhindert werden und die effektivste Art ist Gewalt."
      Er stahl sich erst einen Blick auf Faia, dann sah er zu Amartius, als er sich recht sicher war, dass Faia die beiden nicht mehr beachtete als sonst. Vater und Sohn saßen mittlerweile näher zusammen, so als hätte ihre Verwandtschaft sie aneinander gebunden. Amartius sah mit wissbegierigen, leuchtenden Augen zu ihm auf.
      "Deswegen ist es ein schlechtes Zeichen, dass so wenig Wachen in der Feste sind, denn das bedeutet, dass sie ihren Schutz woanders hernimmt. Ich gehe davon aus, dass es ihre Champions sein werden."
      Das war sowieso noch ein Punkt, der ihnen definitiv ein Hindernis sein würde, aber Amartius wusste nicht sehr viel mehr über die anderen Götter und daher musste auch das darauf warten, dass ihnen Kassandra verlässlichere Informationen zukommen ließ. Bei dem Gedanken daran, tatsächlich wieder Kontakt zu der Phönixin aufzunehmen, regte sich ein Gefühl in seinen Eingeweiden, das sich am besten als Nervosität beschreiben ließ.
      Amartius beschrieb Kassandras Aussehen und stimmte auch zu, ihnen asvoßisch beizubringen, alles zu einem gewissen Grad von Faias Beunruhigung, die dem Jungen zwar folgte, aber nicht sehr überzeugt davon aussah. Zoras wusste zwar nicht, was Faia sich unter einer derartigen Festung vorstellte - er selbst dachte an therissische Bauten mit hohen Steinmauern, Verteidigungstürmen und festem Personal - aber es schien doch intensiv genug zu sein, dass sie etwas daran verunsicherte. Vielleicht war es auch die Aussicht darauf, ein fremdes Land zu infiltrieren.
      Mehr schlecht denn recht willigte sie schließlich ein, wobei Zoras Amartius dabei korrigierte, nur Faia die Sprache beizubringen.
      "Wir müssen es alle sprechen können. Nicht gut, aber gut genug, um etwas zu verstehen."
      Schließlich konnte Amartius aber zumindest wiedergeben, was mit einer Essenz angestellt werden konnte und während er erklärte, formte sich langsam ein unscharfes Bild davon, wie sie vorgehen könnten, in Zoras' Gehirn. Wenn er denn zumindest schon die Gegend kannte, wenn er mit der Gesellschaft vertraut wäre und damit, wie sie der Zarin gegenüber stand, hätte er dieses Bild sicherlich konkretisieren können, aber so musste es für einen Anfang reichen. Essenzen konnten zerstört werden und kein Gott konnte einen anderen Gott befehligen, das war gut, das war ein Anhaltspunkt. Längst eingestaubte Windungen in seinem Gehirn schienen wieder zum Leben erweckt zu werden, ein unterschwelliger Drang zu strategisieren und zu planen. Fast fühlte es sich wie eine bevorstehende Schlacht an. Fast hätte es das werden können, wenn sie die Absicht hätten, ernsthaft zu kämpfen.
      Aber das würden sie vermeiden müssen und das würde Zoras auch noch vermitteln müssen. Er konnte verheimlichen, dass Kassandra in Wahrheit eine Phönixin war, er konnte aber nicht die Gefahr verheimlichen, die in der Festung auf sie warten würde.
      "Es gibt noch eine wichtige Sache zu wissen."
      Er sah Faia mit ernstem Ausdruck an und Faia erwiderte den Blick auf ihre Art. Dann beichtete er ihnen, dass es Champions in der Feste gäbe, die Demataya unterstanden und die dort womöglich für Schutz sorgten. Und für sonstige Bedürfnisse, die aufkommen mochten.
      Natürlich nahm Faia die Neuigkeit nicht leicht auf, erboste sich lautstark darüber nicht eher davon erfahren zu haben und weshalb sie lebensmüde genug seien, es mit Champions aufnehmen zu wollen, aber Zoras blieb standhaft und ruhig. Es machte gar keinen Unterschied, ob es sich bei ihrer Bewachung um Soldaten oder um Götter handelte, denn letzten Endes waren sie immer noch zu fünft und hatten keine Truppen dabei, die sie hätten unterstützen können. Es war nur wichtig zu wissen, dass Demataya unter besonderem Schutz stand und dass dieser Schutz übernatürlich war.
      Der Rest des Abends war damit mit der Frage, wie man eine Festung voller Götter infiltrieren wollte, gelaufen. Faia schien sich in den Kopf zu setzen, dass man unmöglich an Champions vorbeikäme und Zoras beteuerte mehrmals, dass es keinen Unterschied machte. Sie müssten aufpassen und sie dürften sich nicht erwischen lassen, aber das hätten sie so oder so gemusst. Tysion war wie immer recht unbeteiligt und Omnar hatte zum ersten Mal eine recht interessierte Mimik aufgesetzt. Schließlich endete die Diskussion darin, dass Faia verlangte, solche relevanten Informationen früher zu erhalten und Zoras widerstandslos einwilligte, wohl bewusst darum, sie noch immer nicht darin eingeweiht zu haben, wer seine Frau tatsächlich war. Vielleicht würde sie es auch nie rausfinden. Ein kleiner, egoistischer Teil von ihm wünschte sich, dass er mit Kassandra und Amartius flüchten und sich an irgendeinem verborgenen Ort auf der Erde verstecken konnte, bis man sie vergessen hätte. Und um dann die restliche Zeit seines Lebens als kleine, feste Familie zu verbringen.

      Sie schliefen und am Morgen zogen sie weiter. Zoras drängte Amartius dazu, bereits mit dem Unterricht in asvoßisch anzufangen und ihnen beizubringen, wie man sich begrüßte, verabschiedete und seinen Namen nannte, während sie auf der ewig währenden Reise einherritten. Gegen Mittag kamen sie an einem Dorf vorbei und Faia regte an, dass sie sich leichte Arbeit suchen sollten, um damit ihren Proviant aufzustocken und nicht unnötig Geld zu verschwenden. Die Truppe stimmte zu und nach ein wenig Herumgefrage, willigten Zoras und Tysion ein, sich um ein nahes Wolfsrudel zu kümmern, das die Hühner schlachtete, während Omnar beim Dorfmarkt umräumen helfen würde und Faia sich auf den Weg zum nächsten Bauern machte, um vielleicht auf dem Feld zu helfen oder Kühe zu melken. Die Arbeit als Söldner war definitiv nicht immer so glorreich, wie man es sich hätte vorstellen können, und erst recht nicht so ertragreich.
      Zoras fühlte sich jedenfalls kaum wie ein geachteter Teil der Gesellschaft, als er sich seine Ausrüstung umschnallte, um Wölfe jagen zu gehen. Amartius war wie immer an seiner Seite.
      "Du wirst hier bleiben und Faia mit dem helfen, was auch immer sie findet, verstanden?"
      Er musterte ihn kritisch und schnallte seine Sachen von Kassadra ab. Er würde die Stute hier lassen, immerhin wollte er keine Verletzung riskieren.
      "Mach, was auch immer sie dir sagt. Sei ein braver Junge."
    • Ehrlich gesagt war Amartius darüber erstaunt, dass Zoras doch entschied den restlichen Mitgliedern seiner Truppe zu offenbaren, dass die Feste in Asvoß voll war mit Göttern. Alles andere war jedoch nicht fair gewesen, zog man in Betracht, dass sie alle vorhatten die Feste zu kapern. Kassandra herauszuholen war das eigentliche Ziel, aber die Interessen der Einzelnen waren nicht außen vor zu lassen. Zu wissen, dass es keine einfachen Soldaten waren, die die Feste bewachten, ließ das Gefahrenlevel in abartige Höhen schnellen. Selbstverständlich sollte man denjenigen die Wahl lassen, ihren Hals aus der Schlinge ziehen zu können und dem Plan doch nicht mehr beiwohnen zu wollen. Doch niemand tat es. Sie alle hörten der Ausführung sogar noch aufmerksamer zu als zuvor und verfielen dann in ihre eigenen Gedanken, angefeuert durch das neue Wissen. Dies alles waren Gedanken, die Amartius nicht wirklich nachvollziehen konnte. Ihm fehlten die Lehren des Lebens, die er nun langsam zu spüren bekam. Nur war er noch lange nicht soweit, als dass er sich in die Gespräche von alten Veteranen einmischen oder gar dazu beitragen konnte. Demnach stieg er zu Zoras ins Zelt und ließ sich ins Reich der Träume entführen, die er bis heute noch nicht gesehen hatte. Wie seine Mutter kannte der Junge keine Träume.

      Am nächsten Morgen war die Gruppe relativ früh aufgebrochen. Amartius hatte hinter Zoras auf Kassadra Platz genommen und wirkte noch nicht ganz wach als sein Vater ihn darauf hinwies, dass er schon mit seinen Lehrstunden beginnen mochte. Träge fand sich der Junge in seiner neuen Rolle ein und begann damit, die deutlichsten Unterschiede in den Silben der Sprachen aufzuzeigen. Erst dann erzählte er ein bisschen über die Art, wie man miteinander sprach.
      Asvoßisch ist nicht sehr blumig. Eher direkt und schroff. Ich denke, die Landschaft hatte großen Einfluss“, erklärte er auf kuluarisch, das sortenrein klang. „Steht man höherrangigen Personen gegenüber, wendet man nicht den Blick ab. Das heißt sonst, man erachte den Anderen nicht würdig seiner Aufmerksamkeit.“
      Gemächlich trottete der Trupp seines Weges und Amartius hätte sich von dem gleichmäßigen Gewackele auch wieder einlullen lassen können. Aber er nahm seine Aufgabe durchaus ernst und erläuterte in der heutigen Stunde, wie man grüßte und sich vorstellte. Dabei wirkte Amartius' Asvoßisch tatsächlich eher dem Therissischen angehörig wenn auch die Wörter komplett unterschiedlich waren und keinen gemeinsamen Wortstamm besaßen. Hierbei merkte er erst richtig, dass die anderen hörbare Schwierigkeiten hatten, mit einer fremden Sprache klarzukommen. Ihm kam die Erkenntnis, dass sein schnelles Lernen definitiv absurd wirkte und ihm wurde gewahr, dass er noch mehr aufpassen musste als er angenommen hatte.
      Gegen Mittag erreichten sie ein Dorf und Amartius Wille wurde direkt aktiviert. Mehrfach drängte er Zoras darauf, auch etwas tun zu können, um Geld zu verdienen. Als es dann hieß, dass sie ein Wolfsruder ausradieren sollten, war der Junge Feuer und Flamme. Doch scheinbar gefiel es seinem Vater nicht, den Gedanken daran zu richten, auch noch seinen Sohn auf die Jagd mitzunehmen. Also ließ er jeden Versuch gegen die Wand fahren bis Amartius irgendwann bockig die Arme vor der schmächtigen Brust verschränkte und schmollte.
      „Hä? Warum soll ich denn mit ihr mitgehen?... Ach, ist schon gut“, murrte er als es hieß, er solle Faia begleiten. Es ging nicht darum, dass er der einzigen Frau folgen sollte. Sondern eher, dass er seinen Vater aus den Augen verlor. Mit Trotz in den Augen starrte er zu Zoras auf ehe er mit den Augen rollte und sich abwandte. „Keine Angst. Ich bin nicht immer so fahrlässig wie vor ein paar Tagen im Wald.“
      Über Nacht hatte er ein wenig seiner Naivität verloren. Wie jedes Mal, wenn er nach einer Nacht aufwachte und sich ein wenig verändert fühlte. Nur, dass sein Körper sich diesem Wandel nicht mehr anschloss und noch immer stagnierte. Seufzend schlenderte er zu Faia herüber, die Arme immer noch verschränkt.
      Dein kleiner Helfer meldet sich zum Dienst. Die großen Männer wollen kein Kind dabei haben.“
      Missmut schwang überdeutlich in seiner Stimme mit. Mit genau dem gleichen Gefühl sah er Zoras und Tysion hinterher, wie sie sich aufmachten um die lästigen Wölfe zu dezimieren. Er schloss sich also Faia an, die direkt einen großen Bauernhof ansteuerte und scheinbar genau wusste, wohin sie gehen musste für das nötige bisschen Kleingeld. Für Amartius war es allerdings eine Lehrstunde par excellance. Schweigsam hielt er sich aus der Unterhaltung zwischen Faia und dem Bauer heraus, während sie einen Geldbetrag und die notwendige Arbeit ausmachten. Dabei entging den Halbphönix nicht, wie der ältere Mann immer wieder seinen Blick auf ihn richtete. Flüchtig, beinahe fahrig. Amartius Miene blieb eisern, als Faia aufs Feld zum Aushelfen gebeten wurde und dann das Wort zu Amartius fiel. Der Bauer fragte, ob Amartius Kühe melken konnte. Daraufhin warf sie ihm einen fragenden Blick zu und er trat einen Schritt nach vorn.
      Ich habe noch nie gemolken, aber zeig es mir und ich mache es. Ich lerne schnell“, trug Amartius absolut fehlerfrei vor wobei er das Wort für Kühe ausließ, denn das hatte er nicht richtig verstanden. Daraufhin glitt ein Schatten über das Gesicht des Bauern, doch er willigte ein Amartius zu lehren. Dieser lächelte, wenn auch nicht so strahlend wie üblich, und war zufrieden damit, endlich etwas tun zu können.
      So trennte er sich von Faia, die ihn gegen Abend am Haupthaus wieder abholen würde. Zusammen mit dem Bauern ging er zu dem Stall, wo etliche Kühe bereits darauf warteten, von ihrer Last befreit zu werden. Immer wieder warf der Bauer Amartius Blicke zu, die er nicht wirklich deuten konnte. Doch er fragte nicht nach und ließ sich lieber einweisen, wie man Kühe zu melken hatte. Es kam einem Segen gleich, dass die Tiere in seiner Gegenwart nicht nervös wie bei Kassandra reagierten und er nach ein paar Versuchen den Dreh schon raus hatte. Und so verging die Zeit wie im Fluge, in der sich der Junge durch die Kühe arbeitete und hin und wieder vom Bauern einen Besuch abgestattet bekam.
      Schließlich war Amartius mit seiner Arbeit soweit fertig. Er hatte überall Stroh in seinen Sachen, Spuren von Erde im Gesicht und seine Hände waren ein wenig faltiger geworden. Er klopfte sich gerade seine Hose ab als der Bauer zu ihm zurückkam, um seine Arbeit zu begutachten und abzunehmen.
      „Gute Arbeit Junge. Deine Freundin ist noch auf dem Feld zugange und wird wohl noch einen Moment brauchen. Deine Arbeit ist eigentlich getan, aber wenn du noch etwas mehr verdienen möchtest gibt es da noch etwas, das du melken könntest“, raunte ihm der Mann zu, dessen Pulsschlag plötzlich rapide anstieg.
      Amartius blickte ihn fragend an. Er hatte alle Kühe kontrolliert, dessen war er sich sicher gewesen. Und wieso bat er ihm jetzt noch mehr Geld an? Hatte er eine besondere Kuh versteckt oder wie erklärte er sich den Anstieg in seinem Puls? Wenn er richtig hinsah, dann schien auch mehr Farbe in das Gesicht des Mannes gekommen zu sein.
      Äh... Ich dachte, da sind alle Kühe?
      „Sind es. Es ist auch keine Kuh, die ich damit meine....“ Er begann an seinem Gürtel zu nesteln und Amartius Unverständnis wuchs nur noch weiter an.
      Ich... eh... Ich weiß nicht, was ich da machen soll.“
      Mit einem Klicken öffnete er die Gürtelschnalle. „Ich sag dir, was du tun musst. Also? Ich gebe dir fünfzig Kupermünzen für die Arbeit und Stillschweigen.“ Er sah über seine Schulter zurück, vergewisserte sich, dass die Scheunentür geschlossen war.
      Amartius Augen wurden groß. Das war fast so viel, wie seine Arbeit an den Kühen einbrachte. Mit einem Mal richtete er sich auf und nickte. Immerhin wusste er jetzt, wie melken funktionierte. Und den nötigen Argwohn, den er eigentlich haben sollte, wenn ein Mann seinen Gürtel löste, war ihm noch nicht angelernt worden. Und so ließ der Bauer seine Hose runter und Amartius ging ans Werk.

      Als es sich den Abend zuneigte wartete Amartius am Haupthaus auf Faia. In seiner Tasche hatte er die zusätzlichen fünfzig Münzen, die er mit keinem Wort erwähnen würde. Zu stolz war er darauf, seine erstes eigenes Geld verdient zu haben. Außerdem schien er sich sicher zu sein, dass seine Tat dem Bauern wahrlich geholfen hatte. Er wirkte dermaßen befreit nach getaner Arbeit, dass es Amartius regelrecht stutzig machte. Die Geräusche, die dem Mann entflohen waren, waren so fremdartig wie nichts anderes zuvor in seinen Ohren. Das Keuchen, das Stöhnen schien anfangs eher nach Schmerz zu klingen und erst im Nachhinein stellte Amartius fest, dass es Vergnügen gewesen war. Danach hatte er lange seine Hände angestarrt und sich gewundert, wie das alles überhaupt zustande gekommen war. Aber am Ende zählte nur, dass alle glücklich waren und er Geld in den Taschen hatte.
      Faia kam beerdet vom Feld zu Amartius, der ihr lächelnd zuwinkte und das Geld für das Melken hochhielt. „Sagte ja, ich werde nützlich“, brüstete er sich mit seinem Verdienst. Und sei er noch so mickrig ausgefallen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Sie kamen gegen Abend wieder zusammen und während die Männer recht griesgrämig gegenüber ihrer verrichteten Arbeit wirkten, schien Amartius umso strahlender und Faia ähnlich ausgeglichen. Sie grinste den Jungen an und redete auf ihn ein, von wegen dass er so einen tollen Job gemacht hätte und dass der Bauer sicher froh war, ihn für den heutigen Tag da gehabt zu haben. Zoras und Tysion setzten sich zu ihnen in das kleine Gasthaus, das nicht mehr war als eine winzige Taverne mit einer ähnlich kleinen Küche hintendran. Zoras hatte die Wolfsköpfe ausnahmslos gegen Essen eingetauscht, aber jetzt hatte ihn die Jagd zu Fuß zusätzlich hungrig gemacht. Deswegen ging er nicht jagen, wenn er es nicht mit Kassadra tun konnte und das stimmte ihn ein wenig gereizt.
      Zumindest solange, bis er Amartius erblickte. Der Junge schien vor Stolz fast zu platzen und als sie sich setzten, rückte Faia auch schon gleich mit dem Geheimnis raus.
      "Amartius hat ganz eigenes Geld verdient, stellt euch das mal vor!"
      "Wow", brummte Omnar sarkastisch. "Übernimm dich mal nicht, Junge."
      Zoras warf ihm einen stechenden Blick zu und nachdem das nicht zu ziehen schien - Omnar hatte schon früh gelernt, seine Blicke zu übersehen - lehnte er sich nach vorne, damit der Mann ihn schließlich doch ansehen musste.
      "Was hast du in seinem Alter geleistet? Hm? Er hat gearbeitet und wurde bezahlt, etwas anderes tust du auch nicht."
      Omnar schien verdutzt über den so gereizten Tonfall, ließ sich davon aber nicht einschüchtern.
      "Er sollte was verdienen, um zu Essen zu bekommen, so einfach ist das. Das ist keine Wissenschaft, es ist ja nicht so, als hätte er einen Gott eingefangen und trotzdem springen hier alle um ihn herum, als hätte er ein Weltwunder verbracht."
      "Jungs! Lasst uns doch einfach freuen, gutes Geld verdient zu haben. Wie viel habt ihr bekommen?"
      Sie trugen ihren Verdienst zusammen, alles kam auf die Mitte des Tisches, dann wurde durch vier geteilt. An Amartius gerichtet lächelte Faia.
      "Dein Geld kannst du behalten, das hast du dir ganz allein verdient."
      Sie rechneten ab und dann war das Thema auch schon wieder gegessen. Omnar sah griesgrämig drein und Zoras warf ihm alle paar Sekunden mal einen gereizten Blick zu. Tysion lehnte sich zurück und zückte eine Zigarre.
      "Vielleicht finden wir auch in der Stadt was für dich zu tun, nicht wahr, Amartius?"
      Faia strahlte schon selbst schon.
      "Da gibt es zwar keine Kühe, aber irgendwas kleines werden wir wohl auftreiben können, oder? Würde dir das gefallen? Dann kannst du dein eigenes Taschengeld verdienen."
    • Amartius stolzierte an Faias Seite regelrecht in das Gasthaus, wo sie sich zum Treffen verabredet hatten. Er konnte sein strahlendes Gesicht nicht einmal abschwächen als er fühlte, wie gereizt Zoras eigentlich war. Soweit er es beurteilen konnte war die Jagd erfolgreich gewesen. Allerdings schien ihn etwas zu betrüben, das der Junge nicht gänzlich nachvollziehen konnte. Sicher, sein eigener Bauch brummte auch, aber das bescherte ihm noch lange keine miese Laune.
      Pfft, du hast dich bestimmt in meinem Alter noch irgendwo im Dreck gewühlt“, feuerte Amartius Omnar einfach entgegen, endlich ein bisschen wortgewandter nach den paar Tagen. Sollte der Kerl doch noch mal versuchen, sich in einer anderen Sprache über ihn lustig zu machen. Das würde ihm nicht mehr so schnell gelingen. Er musste allerdings anerkennen, dass er auch nicht verstand, warum sich Faia so aufopferungsvoll um ihn kümmerte. Zoras, ja, aber Faia? „Tysion springt nicht herum. Der raucht nur. Für den bin ich gar nicht da.“
      Er deutete auf den alten Söldner, der sich wie immer aus allem herauszuhalten schien. Außer, als sie das verdiente Geld zusammenwarfen und teilten. Bis auf seinen eigenen Verdienst, der schon eine ganze Silbermünze überstieg. Vielleicht konnte er sich ja dann bald auch ein eigenes Pferd leisten. Wie viel kostete eigentlich ein Tier?
      In der Stadt gibt es bestimmt noch viel mehr zu tun. Eine Stadt ist größer als ein Dorf. Lebendiger. Da passiert bestimmt viel viel mehr“, freute sich Amartius und wippte glücklich von links nach rechts und wieder zurück. Dann sah er zu Zoras herüber. „Ich hab unfassbar viele Kühe gemolken. Wie macht der Mann das denn, wenn ihm keiner hilft? Da ist er ja den ganzen Tag mit beschäftigt. Unglaublich.“
      Taschengeld wäre ein Anfang. Aber Amartius wollte mehr. Er wollte sich sein Essen selbst leisten und nützlich für Zoras sein. Seinen Teil dazu beitragen, Kassandra aus der Eisfeste zu holen und vielleicht Telandir seine eigene bittere Medizin schmecken zu lassen. Er würde lernen so viel wie er nur konnte, um bis zum letzten Augenblick eine Hilfe und keine Last zu sein.
      Ich kann ja in ein Gasthaus gehen und fragen. Da gibt es bestimmt Leute, denen ich helfen kann“, schlug Amartius vor. Wo mehr Menschen waren war die Chance auch höher, dass er angesprochen wurde. So wie auf dem Bauernhof, wo es nur ein Zufall gewesen war. Bis dato hatte der Junge nicht gewusst, dass solche Dienste ebenfalls Geld einbrachten. Bisher hatte er immer nur andere Tätigkeiten erklärt bekommen und sofort fragte er sich, ob die anderen der Gruppe wohl auch ähnliche arbeiten verrichten.
      „Wieso bist du gereizt? Das spürt man bis hier rüber... Hat dich ein Wolf gebissen oder so?“, harkte er bei Zoras nach, der gerade noch das Geld sortierte und wegsteckte. „Wenn das so weitergeht, dann musst du bald nichts mehr für mein Essen bezahlen!“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras - und auch alle anderen am Tisch - waren gänzlich überrascht von Amartius' Schlagfertigkeit. Natürlich lag da auch etwas Verblüffung mit darin darüber, dass Amartius schon wieder besser zu sprechen schien. Mittlerweile musste es den anderen aufgefallen sein, Zoras war sich sicher darin. Aber keiner sprach es an und er würde auch nicht der erste sein, der darauf aufmerksam machte.
      Omnar schien jetzt zumindest doppelt so genervt, von Zoras und auch noch Amartius eine Reaktion bekommen zu haben. Er starrte in seiner griesgrämigen Art auf den Tisch und Zoras' Laune lockerte sich merklich ein bisschen davon, dass der Junge so schnell lernte. Sein Junge. Himmel, er hatte sich immer noch nicht ganz daran gewöhnt.
      Er beobachtete Amartius dabei, wie er auf seiner Bank vor Freude fast zu hüpfen schien.
      "Normalerweise hat er Hilfe für sowas, mindestens seine Familie oder Angestellte. Kühe müssen zweimal täglich gemolken werden, da lohnt es sich, jemanden dafür einzustellen. Trotzdem ist das eine Menge Arbeit."
      Eine, die auch Zoras schon mehrfach verrichtet hatte. Das einzige, was er aber davon mitgenommen hatte, waren zwei steife Arme, ein schmerzender Rücken und gerade genug Geld, um sich das Abendessen zu leisten. Wie hatte er nur so weit sinken können? Er hatte mal Kriege ausgefochten, Armeen befehligt, Ländereien verwaltet. Jetzt musste er sich entscheiden, ob er Bier trinken konnte oder Kassadra nicht lieber noch etwas Spezialfutter kaufen sollte.
      Er kniff sich in den Nasenrücken, während Faia sich Amartius' Aufregung bereits fröhlich anschloss.
      "In Gasthäusern findest du ganz sicher immer Arbeit. Du könntest Geschirr spülen oder die Zimmer putzen. Oh, oder du kümmerst dich um die Pferde! Das kann dir Ischyll sicher beibringen, nicht wahr?"
      Zoras machte ein unverbindliches Geräusch in ihre Richtung, dann hob er doch wieder den Kopf, als Amartius ihn direkt ansprach. Der Enthusiasmus des Jungen war tatsächlich amüsierend zu beobachten.
      "Ich bin... müde. Ungeduldig. Deine Mutter ist auf uns angewiesen, wir sollten schnell weiter."
      "Ischyll, hört doch endlich auf euch auf therissisch zu verständigen, wenn er jetzt so gut kuluarisch spricht. Das verbiete ich ab sofort, kein therissisch mehr am Tisch!"
      Damit war Zoras einigermaßen einverstanden. Besser zustimmen, als sich mit Faia anlegen.
      "Okay."
      "Was habt ihr also geredet?"
      "Ich bin müde."
      "Das war's?"
      "Mh."
      Faia schnaubte.
      "Dann geh doch schlafen, ich halte dich nicht davon ab."
      Zoras stand ohne einen weiteren Kommentar auf und warf einen Blick zu Amartius, ob er ihm folgen wollte. Dann ging er nach draußen, nachdem er im Zelt schlafen würde und kein Zimmer bezahlen wollte. Als Amartius hinzustieß, hatte er sich bereits wieder in Gedanken darüber verloren, dass sie Kassandra tatsächlich befreien mussten und drehte sich zu ihm um.
      "Ab morgen werde ich dir wieder Kampftraining beibringen, Amartius. Das ist wichtig, da führt kein Weg daran vorbei. Du kannst dir aussuchen, welche Waffe du dafür verwenden willst, einverstanden?"
    • Ich bin... müde. Ungeduldig. Deine Mutter ist auf uns angewiesen, wir sollten schnell weiter.“
      Bei diesem Satz hielt Amartius ein. Es kostete ihn ein wenig mehr Energie und Aufmerksamkeit, Zoras intensiver zu mustern als es jeder andere hier im Raum jemals hätte tun können. Ohne es zu wissen schienen die Ränder seiner Iren sanft zu glühen während er feststellen musste, dass er definitiv müde war. Erschöpft, vielleicht etwas ausgelaugt. Und als er noch tiefergehender horchte, hörte er tatsächlich die Unruhe im Kern des Mannes randalieren. Wie ein Tier warf es sich gegen die Gitterstäbe seines Gefängnisses und forderte seine Freiheit. Doch Zoras gab nicht nach und floh solange vor dem Biest, wie er nur konnte.
      Vielleicht solltest du einfach ein bisschen therissisch lernen anstatt es immer zu verfluchen...“, murmelte der Junge leise und schaffte es nicht sich in die Auseinandersetzung von Faia und Zoras einzuklinken. Er musste sich damit zufrieden geben, zwischen den Beiden hin und her zu sehen und schließlich überrascht feststellen, wie sein Vater wirklich unangekündigt seinen Platz strich und das Gasthaus ohne Kommentar verließ. Verdattert sah der Halbphönix ihm nach und wandte sich dann Faia zu. Wenn man es nicht besser wusste, würde man seinen Blick nun als strafend bezeichnen.
      Lass ihn doch einfach in Ruhe. Er gibt dir so viele Forderungen nach und du nimmst ihm eines der wenigen Dinge, die ihn noch mit seiner Heimat verbinden. Das ist nicht gerecht, Faia.“
      Dann stand auch er auf und folgte seinem Vater nach draußen.

      Er fand Zoras in geringer Entfernung zur Taverne. Seine Aufmerksamkeit lag nicht bei seinem Jungen sondern eher dem Zelt, das er unlängst hervor geholt hatte und bereits dabei war, es zu präparieren. Kaum hörte er seinen herannahenden Sohn, wandte er sich ihm zu und kehrte dem Zelt den Rücken.
      „Ich weiß. Du willst nicht, dass ich mich nicht wehren kann. Verstehe ich“, erwiderte Amartius und vergrub die Hände in den Taschen seines Mantels, der immer noch völlig fehl am Platze wirkte. „Weißt du, wenn ich mich doll genug drauf konzentriere, dann kann ich ein bisschen davon fühlen, was in dir vorgeht. Ich hab eine unglaublich starke Unruhe in dir gefühlt. Das war vorher noch nicht so gewesen. Ich weiß, dass du Mama wiedersehen willst und ich kann dir garantieren, dass das gleiche für sie gilt. Aber wir können nicht schneller sein als unsere Füße uns tragen.“
      Er kniff die Augen leicht zusammen als er selbst seine eigenen Worte hörte. Seit wann klang der Junge wie ein Mann mittleren Alters, der einen Ratschlag verteilte? Dabei war er nicht einmal hundertprozentig sicher, ob sie Kassandra wirklich befreien konnte. Alles, was er wusste, war seine Bestimmung, seine Eltern wieder zusammenzuführen. Das war der Grund gewesen, warum man ihn wohl auf die Erde geschickt hatte und nichts weiter. Deswegen wurde ihm ein Limit gesetzt, in dem er es schaffen musste, seine Aufgabe zu erfüllen. Langsam stiefelte er an seinem Vater vorbei und ging neben dem platten Zelt in die Hocke, um die Ecken ordentlich auszubreiten und dann die Erdanker zu suchen.
      „Ist es jetzt noch unverschämt, wenn ich nochmal frage, woher die Narben kommen? Die runden, die ganz bestimmt nicht von Schwertern kommen?“ Seine Stimme war ruhig und konzentriert während er dabei half, das Zelt aufzustellen. „Mama hat mir ein bisschen von dir erzählt. Dass du ein Herzog gewesen warst. Der Herzog der Pferde. Dass dir mehr als nur eine Feste und eine Stadt gehörte. Dass sie dir gehörte. Aber eigentlich weiß ich gar nichts über dich.“ Seine Händen stockten einen Moment in ihrer Bewegung, dann suchten sie nach dem nächsten Seil. „Ich bin mehr als froh darüber, endlich meinen Vater gefunden zu haben. Wirklich. Aber ich hatte es mir anders vorgestellt. Nicht in einem fremden Land nachdem man mich ausgesetzt hat. Nicht, damit ich dich zu Mama führe, damit du sie befreien kannst. Ich wollte....“ Erneut stockte er, dieses Mal brachen selbst seine Worte ab ehe er sich ruckartig erhob und auf die andere Seite ging, um dort den Erdhaken vorzubereiten. „Ich kenne das Konzept einer Familie nicht. Ich weiß, dass ich neben einer Mutter auch einen Vater habe. Aber in all den Erzählungen klang Familie nach etwas warmen und geborgenen. Etwas, das zusammengehört. Was hab ich getan, dass ich immer nur die Hälfte habe?“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"

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    • Auch jetzt hatte Amartius etwas gänzlich anderes an sich, anders noch als vor drei Tagen, als sie sich zuerst begegnet waren. Zoras hatte auch damals schon gedacht, dass der Junge nicht ganz so unschuldig sein konnte, so wie er furchtlos in die Welt blickte, aber jetzt hörte er sich schon wieder erwachsener an. Nach nur zwei Tagen. In diesem Tempo würde er in einigen Wochen das Teenageralter erreicht haben.
      Zoras starrte ihn für einen Moment an, dann schüttelte er den Kopf. Der Junge - sein Sohn - hatte ihm gerade einen Ratschlag gegeben, der ihm auch selbst hätte einfallen müssen. Was sagte das nur über seinen eigenen Zustand aus?
      "Das ist schwierig zu erklären. Sehr schwierig. Ich bin schon müde, das ist richtig, vielleicht bin ich nur nicht... körperlich müde."
      Er warf seinem hochintelligenten Jungen einen weiteren Blick zu, dann wandte er sich wieder dem Zelt zu und auch Amartius kniete sich jetzt hin, um seine Hilfe zu leisten. Es entstand eine Pause zwischen ihnen und gemessen an der Frage, die der Junge danach stellte, hätte Zoras sich gewünscht, dass die Pause ewig so weiterging. Aber er lächelte trotzdem, ein ganz kurzes, flüchtiges Lächeln. Ja, er war einst der Pferdeherzog gewesen und Kassandra hatte ihm gehört. Das Leben schien ihm in große Ferne gerückt, unerreichbar jetzt, aber es war einmal da gewesen.
      Er zog die Seile mit einem Ruck fest und richtete sich dann auf, nachdem Amartius die letzten Anker reindrückte.
      "Komm her. Setz dich zu mir."
      Er umrundete das Zelt, bis sie an der zum Dorf abgewandten Seite waren und ließ sich ins Gras fallen. Seinen Beutel zog er mit sich und bot Amartius Brot und Käse an.
      "Du hast nichts falsch gemacht. Okay? Fangen wir erstmal damit an. Deine Mutter und ich, wir haben uns sehr geliebt und daraus ist ein wunderbarer, hochintelligenter Junge entstanden. Hm? Du kannst nichts dafür, dass die Dinge so sind wie sie sind und deine Mutter kann genauso wenig etwas dafür. Wenn hier jemand zur Rechenschaft gezogen werden sollte, dann ist es Telandir. Oder Demataya oder beide, aber nicht du und auch nicht deine Mutter. Mach dir also keine Gedanken darum."
      Sein Tonfall änderte sich, verlor das Grollen, das er Omnar noch entgegen gebracht hatte und wurde dafür weicher. Er legte die Hand auf Amartius' Kopf und strich ihm über das Haar.
      "Wir sind noch immer eine Familie, auch wenn deine Mutter hinter dem Ozean ist und du unfreiwillig hier gelandet bist. Das ist nicht abhängig von Entfernungen, das ist eher ein... Konzept. Eine Familie ist ein Rückzugsort, jeder Teil davon, dafür muss sie nicht zusammen sein, auch wenn es sicher schöner ist. Und für den Augenblick musst du dich eben nur mit deinem alten Vater begnügen."
      Jetzt grinste er, so schnell konnte es gehen. Ein Gedanke an die Familie, die Zoras jetzt unverhofft hatte, und seine trüben Gedanken waren wie weggeblasen.
      "Außerdem hast du dich wirklich gut bis hierher geschlagen. Deine Mama wird so stolz auf dich sein, das verspreche ich dir."
      Er nahm seine Hand wieder weg, um damit jetzt seinen Ärmel hochzukrempeln, wie er es vor zwei Tagen bereits getan hatte. Nur dieses Mal würde er Amartius mehr davon erzählen, er hatte es verdient, etwas von der Geschichte zu erfahren.
      "Hier in Kuluar wird ein hoher Stand dadurch bestimmt, ob man einen Champion besitzt. Wenn du hier eine Essenz bekommst, giltst du als adelig, aber da wo ich herkomme, aus Theriss, ist das anders. Dort wird der Adelsstand vererbt, entsprechend bekommst du einen Titel verliehen und die jeweiligen Aufgaben zugetragen. Ich war Herzog, das ist der nächste Stand unter dem des Königs und man nannte mich den Pferdeherzog, weil meine Pferde die besten im ganzen Land waren. Und vermutlich auch, weil ich nirgends ohne Pferd aufgetaucht bin."
      Sein Grinsen schwand zunehmends, bis nur noch ein Lächeln übrig war.
      "Deine Mutter war der erste Champion für Theriss und entsprechend war die Aufregung über ihre Entdeckung... groß. Vielleicht groß genug, dass sich ein ganzes Land dafür auf den Kopf gestellt hat. Vielleicht hätte es das aber auch so getan.
      Ich habe mit deiner Mutter einige... schwerwiegende Verbrechen begannen, die gegen die Gesetze unseres Landes verstoßen. Ich habe ihre Macht genutzt, um einen Plan zu verfolgen, mit dem ich unsere Regierung stärken wollte, aber erst nachdem ich sie angegriffen habe. Das ist schwierig zu erklären, für den Augenblick musst du dich also ohne Erklärung zufrieden geben, okay? Ich habe mit deiner Mutter also ein paar Gesetze gebrochen, habe das Land aufgerührt und wollte es zum Schluss beenden, ein für allemal. Nur kennst du diesen Part sicher schon, denn dann ist Telandir aufgetaucht, hat mir Kassandras Essenz genommen und ist mit ihr weggeflogen. Sie hat mir mein Leben gerettet, das hat sie dir vielleicht auch erzählt. Wichtig daran ist jetzt nur, dass ich mein Ziel nicht erreicht habe und dass sich danach nichts gebessert hat. Ich weiß nicht genau, was passiert ist, aber der Aufstand - so nennt man die ganzen... Unruhen - hat sich nicht gelegt. Wenn überhaupt, waren alle jetzt erschüttert davon, den einzigen Champion des Landes verloren zu haben. Ich denke, man wollte Kassandra wieder zurückholen, auch wenn niemand wusste, wohin sie genau verschwunden ist. Aber man dachte, dass ich es wüsste, weil ich ihre Essenz getragen habe. Vielleicht dachte man auch, dass ich ihre Essenz irgendwo versteckt hielt, ganz genau weiß ich es nicht."
      Jetzt war auch das Lächeln verschwunden.
      "Man hat mich... intensiv danach gefragt und mir nicht geglaubt, dass ich es nicht wüsste."
      Dunkel erinnerte er sich an Feris auf dem hohen Thron, an seine eigene Verwirrung, aber viel deutlicher erinnerte er sich an eine Ewigkeit in Finsternis, an die einzige Abwechslung, die die Folter bot. Er sollte glücklich sein, die frische Luft an der Haut zu spüren, die Gerüche der Natur wahrzunehmen. Vielleicht war er auch irgendwann glücklich darüber gewesen, aber die rapide wechselnden Ereignisse hatten das wohl irgendwie überschattet.
      "Menschen können grausam sein, Amartius. Vielleicht hat dir auch das deine Mutter beigebracht. Sie können grausam sein und deswegen musst du lernen, wie du dich richtig verteidigen kannst."
      Jetzt hob er den Arm und präsentierte die Narben, zeigte den runden Kreis, der den Jungen so sehr zu interessieren schien. Seine Stimme wurde eine Nuance dunkler.
      "Man wollte Antworten von mir und dafür wurden alle Mittel eingesetzt. Das hier war ein..." Sollte er es ihm wirklich sagen? Sollte er ihm wirklich diese Seite der Menschheit präsentieren?
      Aber eigentlich hatte Amartius doch schon eigene Erfahrungen mit der Menschheit machen können. Es war wichtig für ihn und für das, was ihnen wohl bevorstehen könnte.
      "... ein Schlauch. Man bindet die eine Seite fest und in die andere Öffnung wird eine Maus reingelassen. Vielleicht auch eine Ratte, in meinem Fall war der Schlauch dafür zu klein. Dann wird die offene Seite so lange erhitzt, bis der Schlauch sich aufwärmt und die Maus Panik bekommt. Weil sie nicht in Richtung des Feuers fliehen will, versucht sie auf der anderen Seite zu entkommen und in dem Fall war dort mein Arm. Eine Ratte hätte sich sicher bis zur anderen Seite durchgegraben, aber eine Maus hat kleinere Klauen... da dauert das länger."
      Er beobachtete Amartius' Gesichtsausdruck, weil er sich jetzt doch nicht mehr so sicher war, ob der Junge das wissen musste. Eigentlich war es nicht relevant, er sollte ihm keine unnötige Angst mit irgendwelchen Foltermethoden machen.
      Er zog allerdings seinen Arm nicht zurück, falls er wie auch vor ein paar Tagen die Narbe berühren wollte. Manchmal tat sie weh, so wie alle Narben an seinem Körper, niemals aber so sehr, wie die Narbe von Telandir. Darin würde er Amartius allerdings nicht einweihen.
      "Du siehst also, dass es eine schlechte Idee ist, sich von Menschen übertrumphen zu lassen. Deswegen darfst du niemals, wirklich niemals deine Essenz weggeben und du musst lernen, wie du dich verteidigst. Deswegen müssen wir deine Mutter holen, denn es kann überall schlechte Menschen geben, auch in ihrer Festung."
    • „Ich weiß, dass ich nichts dafür kann wie sich alles entwickelt hat. Niemand sucht sich sein Leben oder den Ort aus, wo man geboren wird. Ich bin dankbar dafür, dass ihr meine Eltern seid. Aber ob ich dankbar dafür bin, auf dieser Seite der Welt geboren worden zu sein, kann ich nicht sagen.“
      Amartius hatte sich neben Zoras ins Gras und nahm sich ein bisschen von dem Proviant. Er konnte in der Anwesenheit von Faia, Omnar und Tysion noch immer den naiven Jungen spielen. Doch sobald sich eine Zweisamkeit mit seinem Vater einstellte, bröckelte dieses Bild, das vor Tagen noch eine akkurate Bestandsaufnahme gewesen war. Bereitwillig ließ er sich sein Haar von Zoras' Hand platt streichen während er seinen Blick über die Landschaft gleiten ließ. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Zoras zu grinsen begonnen hatte und als er seine Aura, die er nicht als solche erkannte, etwas ausstreckte, fühlte er den abfallenden Stresslevel regelrecht.
      „Ich hoffe, dass sie stolz auf mich ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie nicht einmal weiß, ob ich noch lebe. Wahrscheinlich sagt Telandir ihr gar nicht, dass er mich verschont hat“, war seine Einschätzung dazu und lag erstaunlich nah an der Wahrheit, ohne es zu wissen. Während er hier mit seinem Vater saß und Pläne schmiedete, frustete Kassandra in der Eisfeste ihr Dasein im Ungewissen, ob auch nur einer ihrer Geliebten noch unter dem Sonnenlicht wandelte. In all der Zeit über hatte Amartius seine Mutter in einer eher melancholischen und manchmal gereizten Stimmung erlebt. Und natürlich liebevoll, wenn sie allein mit ihm war. Doch nicht ein einziges Mal war er in den Genuss einer wutentbrannten Kassandra gekommen. Jene Urgewalt, die die Eisfeste mit Leichtigkeit niedergebrannt hätte, wenn man ihr die Gelegenheit dazu gab.
      Ein weiteres Mal krempelte Zoras seine Ärmel hoch, ein weiteres Mal zog er mit dieser Enthüllung Amartius' Blick magisch an. Wie beim letzten Mal begutachtete er die Narben, die sich in all ihrer Schrecklichkeit über seine Arme erstreckten. Noch immer war das Konzept von Folter nur ein vager Begriff für ihn, doch ein Teil davon sollte sich gleich ändern.
      „Was bedeutet Adel?“, fragte Amartius, der von den Ständen und Rängen keine Ahnung hatte. Für ihn waren alle Menschen im Grunde gleich, egal wie sie aussahen oder welcher Arbeit sie nachgingen. Sie alle führten ihr Leben unter einem Licht, das ungeachtet der Geburtsnamen für jedermann galt. „Mama hat mir erzählt, was Champions sind. Ich wusste nicht, dass man sich durch den Besitz einer Essenz auch.. adelig? Werden kann.“
      Der Junge dachte an Kassadra. Das erklärte, warum Zoras so anders mit seinem Pferd umging als der Rest der Truppe. Er hatte von Anfang an eine andere Beziehung zu dem Tier, was sich allein schon dadurch ausgezeichnet hatte, dass die Stute fast wie seine große Liebe hieß. Er hatte schon früh bemerkt, dass Zoras anders auf dem Pferd saß, anders ihm Kommandos gab und eine andere Feinfühligkeit demonstrierte.
      Allerdings verschwand auch auf seinem Gesicht der selige Ausdruck als Zoras seine Sicht der Geschichte zu berichten begann. Durch Kassandra hatte der Halbphönix Teile der Vergangenheit erfahren, aber sein Vater brachte ihm neue Schwerpunkte und einfach anderes Wissen bei. Wie zum Beispiel, dass Theriss noch keinen Champion zuvor gehabt hatte. Kassandra hatte so ein Detail nie erwähnt. Bei der Formulierung es zum Schluss beenden runzelte er hingegen die Stirn. Bewusst hatte Kassandra ihrem Sohn nie erzählt, dass sich Zoras am Ende selbst hatte opfern wollen. Das hätte ein Bild zerstört, das sich nicht einmal richtig aufgebaut hatte. Folglich war er dem Konzept des Freitodes vollkommen fern und stützte sich einzig und allein auf das, was ihm seine Natur vorgab. Dass das frühzeitige Beenden eines Lebens als größtes Tabu galt. Seine Miene wurde noch düsterer, als es um die intensive Befragung ging. Unbewusst atmete er flacher als seine Aura sich anfühlte, als ströme eiskaltes Wasser an ihr vorbei. Er wusste, dass es von seinem Vater aus kam, benennen konnte er dieses Gefühl jedoch nicht.
      „Grausam hat sie nie gesagt...“, murmelte Amartius während sich sein Blick abermals auf den runden Narbenfleck festsaugte. „Sie sagte nur, ich soll nicht jedem trauen. Dass man von mir Dinge verlangen könnte, die ich nicht machen sollte und es nicht merken würde.“
      Dann begann er sich an seinen Worten langsam aber sicher zu verschlucken. Wie jedes Kind besaß auch er eine lebhafte Fantasie und mit jedem Wort, das über Zoras' Lippen kam, wurde das Bild konkreter, lebendiger. Seine Augen weiteten sich, aber es war kein Terror darin zu sehen. Es war vielmehr ein Starren ohne eine markante Emotion. Amartius wusste nicht, wie er darüber fühlen sollte. Ob er es als grausam empfinden sollte. Er konnte ja nicht einmal nachvollziehen, welchen Schmerz das ausgelöst haben mochte. Stattdessen fühlte er sich beinahe emotional beschnitten, als fehle ihm die Möglichkeit, das volle Spektrum der Gefühle nachzuempfinden. Ohne ein Wort zu sagen legte er die Finger seiner rechten Hand auf die Narbe, den Blick noch immer völlig unverändert.
      „Wie viel von ihren Fähigkeiten hat Mama dir erklärt?“, fragte er plötzlich ohne Kontext. Er war sich sicher, dass Kassandra zwar Lebenslichter sah, Lügen entdecken und Schmerz wahrnehmen konnte. Aber er selbst, unwissend, was Schmerzen überhaupt waren, hatte bei seinem ersten Kontakt mit seinem Vater etwas anderes gefühlt. Wie vorhin, wo er seine Unruhe wahrgenommen hatte. Oder diese seltsame Kälte, die seine Aura gestreift hatte. „Sie hat mir nie gesagt, dass sie etwas anderes als Leid fühlen konnte. Und auch das nur wegen ihrer Verbindung. Aber ich habe eben deine Unruhe gefühlt. Und wenn ich dich hier anfasse“, er drückte sachte auf die Narbe und verzog das Gesicht, „sticht es. Bei dir, nicht bei mir. Ich kann das fühlen.“ Und er fühlte, dass etwas anderes dem ehemaligen Herzog noch mehr Schmerz zufügte als diese Narbe.
      Amartius zog die Hand wieder zurück und stopfte sich ein Stück Käse in den Mund. Seine Mimik hatte sich wieder gefangen, war einem nachdenklichen Ausdruck gewichen. „Wir glauben, dass ich als halber Gott gar keine Essenz habe, die ich abgeben kann. Aber du hast recht, vermutlich sollte ich lernen, wie ich mich verteidige. Ich will nicht nochmal wie ein Sack über ein Pferd geworfen werden. Das war echt nicht schön....“

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