Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Es dauerte einen Augenblick, in dem Zoras selbst vor Ungeduld beinahe zu zerreißen drohte, bis Amartius endlich Asvoß auf der Karte gefunden hatte. Dabei war es kaum verwunderlich, dass es sich dabei um das schneebedeckte Land im Norden handelte.
      Allerdings stieß Faia bei dessen Entdeckung einen überraschten Ausruf aus, bevor sie einmal laut und energisch lachte. Sowohl Zoras, als auch der Junge sahen gleichzeitig zu ihr auf.
      "Akvor! Akvor meint er!"
      "Akvor?"
      "Ja, das Eisland! Die Händler kommen hier durch Kuluar durch, weil wir die direkteste Anbindung zum Meer haben."
      Zoras nickte. Er hätte sich ja denken können, dass der Name anders ausgesprochen wurde.
      "Also ist es nicht weit von hier?"
      "Kommt darauf an, was du als weit empfindest. Bis zum nächsten Hafen sind es nur ein paar Monate, aber dann nochmal Wochen, wenn nicht weitere Monate über See. Wenn du dort hinüber willst, solltest du lieber Vorfahren haben, die Seemänner sind, weil die kalten Stürme wirklich gefährlich sind."
      Nun, das war keine sehr schöne Aussicht. Zoras hatte tatsächlich noch nie ein Schiff betreten und musste sich jetzt damit konfrontiert sehen, tatsächlich darauf zu hoffen, Seemannsvorfahren zu haben.
      Nicht, dass ihn das in irgendeiner Weise aufgehalten hätte. Er hatte einen Anhaltspunkt, wo Kassandra zu finden war, und er würde die Welt umqueren, wenn das bedeutete, dass er eine Chance darauf bekam, sie wiederzusehen.
      "Okay. Und wo genau ist sie?"
      Asvoß war schließlich groß und Zoras stellte es sich mehr als unangenehm vor, durch eine Eiswüste zu marschieren, um eine unbekannte Stadt zu finden, um dann dort möglichst unauffällig danach zu fragen, ob Kassandra dort war.
      Nicht, dass ihn auch das aufgehalten hätte. Eigentlich hatte er schon in der Sekunde entschieden, dorthin zu gehen, als der Name des Landes bereits gefallen war - es war nur noch eine Frage der Zeit und der Vorbereitung.
      Dann strahlte das Gesicht des Jungen wieder ein wenig auf und er wiederholte genau das, was Zoras ihm nicht hätte beibringen wollen, nur, dass er diesmal - ob bewusst oder unbewusst - Telandir verfluchte. Fast hätte er selbst gegrinst, fast hätte er ihn sogar noch ermutigt. Ja, zum Teufel mit Telandir, das würde zu seinem neuen Trinkspruch werden.
      Irgendwie schaffte er es dann aber doch noch, ein mürrisches Gesicht in Amartius' Richtung zu setzen, während Faia nur verstehen wollte, worum es überhaupt gehen mochte.
      Der Junge duckte sich ein wenig, so als würde er darauf warten, dass man ihn schlagen würde, aber dann kam das Essen und er war fast genauso schnell wieder höchst interessiert und neugierig. Ein bisschen erinnerte er Zoras an den Wissensdurst von Teal, nur dass Teal stets ein recht ernster Junge gewesen war und kaum so viel gestrahlt hatte wie Amartius. Das kam wohl davon, wenn die eine Hälfte des Elternhauses göttlichen Ursprungs war.
      Das Gesprächsthema kam deutlich schneller wieder auf Kassandra zurück, als Zoras lieb gewesen wäre, nachdem die Neuigkeit, die der Junge jetzt zu verbreiten hatte, kaum eine gute war. Erst war es die Nachricht über die neue Trägerin, über Telandir und dann darüber, dass sie nicht glücklich zu sein schien, bis dahin, dass sie nun auch zu wenig Essen zu sich nahm. Vielleicht beabsichtigt? Vielleicht wollte man sie aushungern? Wenn Zoras etwas derartiges zu Ohren käme, oder auch nur die Andeutung davon, dass ihr etwas zugestoßen war, dann würden Köpfe rollen, das wusste er. Er würde diese Demataya höchstpersönlich aufschlitzen, auch wenn er Kassandras Essenz schon längst entfernt hätte. Ach was, er würde das ganze Land in Flammen aufgehen lassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Er würde das, was man ihr angetan hätte, tausendfach zurückgeben.
      So war zumindest die Idee, während er Amartius weiterhin fixierte, um jedes bisschen Information heischend, die er herausbekommen konnte. Derweil hatte der Junge die Nüsse entdeckt und während seine Augen geradezu aufleuchteten, als er sie sich hineinschob, spürte Zoras bei dem Anblick ein wenig warm ums Herz werden. Vielleicht waren es die Augen des Jungen gewesen, die ihn in irgendeiner Weise so sehr an Kassandra erinnerten, dass er sich schlagartig daran erinnerte, dass sie schließlich auch Nüsse gemocht hatte. Nüsse aus dem Süden Isythumas', auch das wusste er noch. Sein Mundwinkel zuckte erneut, diesmal war es aber nicht genug, um ein Lächeln hervorzurufen.
      Der Junge erzählte weiter und Zoras nickte langsam, darauf bedacht, sich nicht allzusehr auf das hineinzusteigern, was sich in seinem Kopf mehr und mehr heraus kristallisierte. Demataya wollte, dass Kassandra Telandir "mochte". Die Champions sollten sich also untereinander verstehen - oder steckte da mehr dahinter und die Übersetzung des Jungen war nur nicht ausreichend? Aber weshalb sollte die Landesherrscherin etwas derartiges wollen? Und was hatte überhaupt Amartius mit der ganzen Sache zu tun?
      Etwas überwältigt von der neuen Vorstellung, die ihm da in den Kopf gesetzt worden war, brauchte er einen Moment länger, um zu antworten.
      "Soll man auch nicht. Wenn du jemanden nicht magst, dann schlag so lange, bis du ihn nicht mehr schlagen musst. So einfach ist das."
      Das war zwar kein Ratschlag, den Zoras so ohne weiteres an ein Kind weitergegeben hätte, aber wenn er weiter so an Telandir dachte, war er fast überzeugt, dass das ein ganz wunderbarer Rat war. Einfach immer weiterschlagen, bis der andere keine Probleme machte. Meistens hatte das schon geholfen.
      Dann folgte auch schon die nächste Offenbarung und so langsam glaubte Zoras, dass er genug für heute haben würde. Er hatte genug davon, zu erfahren, wie schlecht es Kassandra ging und wie wenig sie von ihm mitbekommen hatte, nachdem sie vermutlich Asvoß nicht verlassen hatte, denn mit jedem bisschen mehr drängte es ihn noch deutlicher, jetzt sofort aufzubrechen und nach Asvoß zu ziehen. Was würde ihn schließlich aufhalten? Nun, die nötige Ausrüstung und das Geld, wie ihm auffiel. Außerdem ein ordentlicher Plan - was erhoffte er sich schließlich? Demataya gegenüberzutreten und die Herausgabe von Kassandras Essenz verlangen? Womöglich Telandir wiederbegegnen und das Risiko eingehen, dass der Phönix ihn erkannte? Zoras wusste, dass er lediglich wegen Kassandras Wunsch noch am Leben war und die Narbe auf seiner Brust war der beste Beweis dafür, dass er eine zweite Begegnung nicht überleben würde. Wie, bei allen Göttern, sollte er sie also herausholen?
      Er fuhr sich über das Gesicht. Er versuchte sich abzulenken. Alles, nur nicht allzu sehr darüber nachdenken, wie hilflos er in dieser Sache war.
      "Ich mag Kassandra, ja."
      Ich liebe sie. Ich vergöttere sie. Du hast ja keine Ahnung, Junge.
      "Wir haben knapp ein Jahr miteinander verbracht. Ich habe ihre Anwesenheit stets sehr genossen. Kassandra ist eine ganz wundervolle Phönixin, da wirst du mir wohl zustimmen, hm?"
      Er hob wieder den Blick, um Amartius zu betrachten. An seiner Seite wurde Faia wieder unruhig, weil sie kein bisschen von dem verstand, was die beiden redeten.
      "Was meinst du überhaupt, dass sie wegen dir streiten? Was hast du mit der ganzen Sache zu tun? Du kommst also aus der Festung, oder? Bist dort aufgewachsen, hast Kassandra kennengelernt - und dann? Wollte Telandir dich von den Türmen werfen und Kassandra hat es verhindert?"
      Die nächste Frage in einer Reihe aus neuen Fragen: Welches Interesse hatte Kassandra an einem einfachen Menschenjungen, dass sie sich für ihn in Telandirs Weg stellte? War Amartius etwa der Sohn dieser Demataya? Aber wieso hatte das dann etwas mit den Phönixen zu tun?
      Er betrachtete den Jungen wieder etwas eindringlicher, um auch nichts von seinen Worten zu verpassen, egal wie trivial sie auch sein mochten. Er brauchte alles erdenkliche an Informationen, wenn er sich ein anständiges Bild von der Lage vor Ort machen wollte.
    • "Ich mag Kassandra, ja."
      Amartius fühlte sich bestätigt. Zoras kannte Kassandra und mochte sie. Damit konnte er arbeiten. Vielleicht würde er ihm ja helfen wieder zurück nach Asvoß zu kommen. Er mampfte eine weitere Hand Nüsse während er den Mann zu seiner Seite aus dem Augenwinkel beobachtete. Er wirkte nicht mehr ganz so gefasst wie zuvor, vielleicht ein wenig fahrig, wenn sich der Junge dieses Urteil erlauben durfte. Unruhig traf es vielleicht noch eher. Wobei die Information, dass Zoras und seine Mutter nur ein Jahr miteinander verbracht hatten in seinen Augen unwirklich erschien. Er selbst hatte erst seit drei Monaten einen Fuß auf der Erde, ein echtes Bewusstsein. In dieser Zeit war er viel schneller gewachsen als es für Menschen möglich war und somit hatte sich auch sein Zeitgefühl falsch ausgebildet. Eines der Laster der Göttlichkeit.
      "Kassandra ist fabelhaft", bestätigte er und schlug sich die Hand vor den Mund, als er Nusskrümel verlor. Sorgfältig beförderte er die Krümel wieder dort hin zurück, wo sie hingehörten ehe er weitersprach. "Weiß viel und ist gütig."
      Der Mann mit dem weißen Bart, Tysion, wirkte eher so als hätte man ihn einfach als Zierde platziert. Er schien sich wenig dafür zu interessieren, was auf therissisch gesprochen wurde. Das galt jedoch nicht für Faia, die immer wieder zwischen Zoras und Amartius hin und her sah und hoffte, aus den Worten irgendetwas an Gehalt ziehen zu können. So gern der Junge ihr ein wenig offengelegt hätte - er kannte die ausreichenden Wörter dafür nicht. Also lächelte er sie nur kurz an bevor er sich wieder auf Zoras konzentrierte.
      "Telandir mag mich nicht, Kassandra schon. Das gefällt ihm nicht, denke ich", erwiderte er nachdem er kurz abgewägt hatte, wie viel Wahrheit er in seine Worte stecken sollte. Sein Blick ging und wieder in die Runde, so als fürchtete er, dass doch jemand Fremdes diese Sprache mit ihnen teilte. "Ich bin in der Festung geboren und aufgewachsen, ja. Ich bin jetzt das erste Mal draußen wegen Telandir. Er mag nicht, dass Kassandra mich auch mag. Ich bin ihr einziger...ah... nicht Freund sondern... eh... fast Familie?" Er schwamm weil er das richtige Wort suchte. Schlussendlich zeigte er sowohl auf Zoras als auch auf Faia und Tysion. "So! Das sind wir." Er hatte Angst zu offenbahren, dass er göttliches Blut inne hatte. So oft hatte seine Mutter ihn davor gewarnt, es zu verkünden. Zoras hatte in ihren Erzählungen nie eine Ausnahme gebildet, obwohl sie es genauso betrachtet hätte. Diese Selbstverständlichkeit entging ihrem Sohn jedoch komplett, der einfach zu wenig von Menschen und Denkweisen wusste.
      "Kassandra lehnt den Tod ab...", fügte er anschließend leiser hinzu. Diese Formulierung hatte er einst eins zu eins von ihr gehört und konnte diesen Satz perfekt so wiedergeben. Für einen Moment blickte er nur auf den Tisch, besah sich die Rauheit des Holzes und fragte sich, wie es seiner Mutter eigentlich ging. In den vergangenen Tagen hatte er so selten an sie gedacht, dass ihn das schlechte Gewissen nun mit all seiner Macht ins Gesicht schlug. Er war nur ein Kind, er hätte nichts ausrichten können. Aber wie erging es ihr nun wohl, wenn selbst ihr letzter Verbündeter die Festung verlassen hatte? Was hielt sie bei Verstand und bei Laune, um weiterzumachen? Im Gegensatz zu ihm hatte sie nicht einmal das Wissen, dass ihr geliebter Zoras noch am Leben war. Er musste mit Zoras zurück, so schnell es ging. Das fühlte er mit jeder Faser seines kleinen Körpers.
      "Ich sollte nicht sterben. Sie machte einen Handel mit Telandir, der funktioniert hat. Jetzt ist sie wieder allein. Ich mache mir Sorgen um sie. Es ist kalt dort, weißt du?"
      Kalt in mehreren Aspekten, aber erneut fehlten ihm die Wörter. Angesäuert durch seine eigenen Inkompetenz ballte er die Fäuste auf dem Tisch und hatte sogar vergessen, dass er eigentlich die Nüsse am liebsten eingeatmet hätte. Er hatte eine Aufgabe in dieser weiten Welt, die er jetzt zu erkennen gedachte. Er musste seine Mutter aus dem Eispalast befreien innerhalb der Zeit, die ihm blieb. Ohne ihn würde niemand wissen, dass Kassandra dort eingeschlossen worden war und immerhin hatte das Schicksal ihn zu Zoras an die Seite geführt. Alles, was er nun tun musste, war ihn lenken.
      "Demataya hat noch mehr Götter, sagt Kassandra. Ich habe aber keine gesehen. Vielleicht verstecken sie? In der Festung waren wenig Menschen. Wirkte sehr verlassen. Vielleicht auch versteckt?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es war schon beinahe herzerwärmend zu hören, mit welchen Worten Amartius Kassandra beschrieb. Es musste an seinem begrenzten Wissen liegen, dass er "fabelhaft" und "traumhaft" verwendete, auch wenn es für den Sprachgebrauch nicht gerade üblich war. In diesem Zusammenhang konnte Zoras ihm allerdings nur zustimmen: Kassandra war tatsächlich fabelhaft. Traumhaft noch dazu und ganz und gar einzigartig.
      Er beobachtete mit zunehmender Erheiterung, wie der Junge die Nüsse geradezu zu inhalieren schien. Wären sie nicht durch solche Umstände aufeinandergestoßen, hätten sie vielleicht ein anderes Thema gehabt, über das sie hätten reden können, hätte Zoras sich darüber amüsiert, wie sehr der Junge einem Eichhörnchen oder einem Hamster ähnelte, so wie er sich über die Schüssel hermachte. Er hatte das Fleisch kaum angerührt, die Nüsse waren aber schon zum größten Teil verschwunden.
      Der Gedanke hielt zumindest so lange, bis Amartius etwas mehr darüber eröffnete, woher er kam. Zoras vermutete, dass er ein Dienstjunge war und, zumindest teilweise, Kassandra unterstellt worden war, um sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Das erklärte zumindest, weshalb er so oft mit ihr gesprochen hatte und weshalb sie sich für ihn eingesetzt hatte - es erklärte nicht, weshalb Telandir den Jungen dann umbringen wollte und außerdem fand Zoras, dass er viel zu gesund und wohlgenährt für einen Dienstjungen aussah. Aber auf der anderen Seite kannte er die Kultur von Asvoß nicht, nichtmal ansatzweise, und konnte sich ebenfalls nicht vorstellen, dass jemand hochrangiges wie Kassandra einen ungepflegten Diener zugestellt bekäme. Aber weshalb überhaupt ein Junge, auch eine Sache der Kultur? Oder war er nur für bestimmte Aufgaben zuständig?
      Er beschloss, dass Thema zunächst in dieser Weise abzuhaken und nickte.
      "Freunde wäre schon richtig, ja. Kassandra ist deine Freundin und du bist ihr Freund."
      Er warf einen kurzen Blick in Faias Richtung, die ihn natürlich nicht verstanden hatte und immernoch hibbelig darauf wartete, dass er sie in das Gespräch einweihte. Wenn sie zu hören bekäme, dass er sie als Freunde bezeichnet hätte, würde sie vermutlich im Viereck springen. Das einzige bisschen an Zuneigung, dass er irgendjemandem entgegenbrachte, war seinen Rücken zu decken, eine Wunde zu versorgen oder die Pflege des Pferdes zu übernehmen. Sonst war für andere das Wort "Freund" aus Zoras' Mund wie fremd.
      Er richtete seinen Blick wieder auf den Jungen, der etwas leiser weitersprach. Auch diese Information war ihm nicht fremd, aber es überraschte Zoras dennoch erneut, wie viel Kassandra für den Jungen getan hatte. Wie verzweifelt musste sie in ihrer Festung sein, dass sie einen Zehnjährigen begünstigte? Ging es ihr tatsächlich so schlecht, dass er ihr einziger wirklicher Freund war? Dass sie sich für ihn sogar gegen Telandir stellte?
      Wenn bisher noch Zweifel existiert hätten, dass er sie holen würde, wären sie spätestens jetzt völlig verschwunden. Er würde sie von Asvoß wegholen und wenn es das letzte war, was er tun würde.
      Amartius' Gesichtsausdruck wurde zunehmend betrübter, während er die Tischplatte fixierte. Zum ersten Mal fing er an, Zoras ernsthaft leid zu tun. Hier saßen sie nun und redeten über die Phönixin Kassandra, weil es das einzige und letzte war, was ihm selbst in seinem Leben noch geblieben war, während der Junge seine Eltern und sein Zuhause verloren hatte, in ein fremdes Land gebracht worden war und jetzt auch noch Rede und Antwort über die Phönixin stehen musste. Dabei schlug er sich in Angesicht der vielen Fremden so tapfer, wie Zoras selbst es nicht hätte sein können. Fast war er ein bisschen stolz auf ihn, auch wenn er ihn kaum kannte.
      "Ich bin mir sicher, dass es Kassandra gut gehen wird. Immerhin ist sie eine Phönixin, sie wird die Kälte einfach mit ihrem Feuer vertreiben, hm?"
      Er neigte den Kopf ein wenig, damit Faia es nicht sehen konnte, und zwinkerte Amartius dann zu. Fast hätte er sich damit auch selbst ein besseres Gewissen einreden können, aber nur bis zu dem Moment, an dem der Junge verkündete, dass es noch mehr Götter in der Festung gäbe.
      "Noch mehr als Kassandra und Telandir?"
      Das war natürlich problematisch. Nein, problematisch war nicht das richtige Wort - es war eher merkwürdig. Was fing eine Frau aus dem Norden mit zwei Phönixen und anderen Göttern an, wenn sie nicht zu planen schien, auf Eroberungsfeldzug zu gehen? Was brachte ihr eine Festung, wenn niemand sie ernsthaft bewohnte? Er fühlte sich mittlerweile noch ratloser als noch zu Anfang.
      Er nickte zu dem Teller Schweinefleisch.
      "Iss auch von dem Fleisch, das ist gesund."
      "Ischyyyyll...."
      Faia quengelte wieder, nur Tysion war die Ruhe in Person. Seiner Anwesenheit war es größtenteils zu verdanken, dass Zoras sich noch nicht von Faia auf die Spitze hatte treiben lassen.
      "Später."
      Er wandte sich wieder Amartius zu.
      "Danke dir für deine Auskunft, das hilft mir weiter. Wie steht es um deine Eltern, sind sie auch in der Festung? Deine Mutter wird festgehalten, hast du gesagt? In der Festung? Hat sie etwas verbrochen? Und wo ist dein Vater, was macht er?"
    • Vehement begann Amartius den Kopf zu schütteln. "Kassandra hat kaum Magie. Es ist nicht nur so kalt", er rieb sich symbolisch die Arme, um danach die flache Hand an sein Herz zu legen. "Ist auch hier kalt."
      Wenn er sich recht entsann, dann hatte der Junge nicht ein einziges Mal gesehen, dass seine Mutter Magie genutzt hatte. Telandir, ja, aber nicht Kassandra. Man hielt sie an der kurzen Leine, damit sie darauf angewiesen war von den Lebensmitteln zu leben, um ihre Hülle nicht völlig zu vernachlässigen. Man hatte mit zunehmenden Alters Amartius' ihr weniger zu essen gegeben, das fiel ihm erst jetzt wahrlich auf.
      "Ja, mehr. Demataya trägt viel Glitzer. Kassandra hat gesagt, das meiste davon sind Essenzen." Im Endeffekt plapperte er nur das nach, was er von seiner Mutter einst erzählt bekommen hatte. Jede Unterhaltung, jedes Wort hatte sich in seinen Verstand und seine Erinnerungen gebrannt. Genauso wie jeder schmerzverzerrte Ausdruck und jedes Seufzen, das sie ausstieß während sie aus den Fenstern sah. Jetzt verstand der Junge, dass sie dort nicht hingehörte. Dass es ein goldener Käfig war, aus dem sie ihn befreit hatte zu einem Preis, den niemand zahlen sollte.
      "Iss auch von dem Fleisch, das ist gesund."
      "Mh." Ein bisschen widerwillig schob Amartius die Schale mit den Nüssen beiseite und widmete sich dem Schweinefleisch. Das er ohne Zweifel auch genüßlich verspeiste, hier wurde mit deutlich anderen Gewürzen gewürzt als in Asvoß. Ziemlich herb und kräftig, wenn er das so beurteilen wollte, wohingegen die asvoßische Küche eher durch ihre Kräuter bestach. Das lag vielleicht auch einfach an dem Umstand, dass man Kräuter besser getrocknet transportieren konnte. Er sah Faia zappeln und schob, man sah es an der eingerollten Unterlippe, mit schwerem Herzen die Schale mit den Nüssen zu ihr herüber.
      Bei Zoras' nächsten Fragen stopfte sich Amartius langsamer Fleisch in den Rachen während er überlegte. Seine Vermutung war bestärkt, dass Zoras so oder so nach Asvoß reisen und Kassandra befreien würde. Wenn er jetzt noch versuchte zu erklären, dass sein Vater gerade direkt vor ihm säße, würde dieser vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. "Meine Mutter ist in der Festung gefangen, ja. Man schaut sie gerne an und .... äh... sie... sie singt ganz toll!" War das zu viel? Zu wenig? Er wusste nicht, warum man sonst Menschen in Gebäuden gefangen hielt. Er hatte keine Ahnung von Gesetzen, von Rechten und Verbrechen. Wie sollte er sich da auf die Kürze eine Idee zusammenspinnen? "Kenne keine Gesetze. Ich weiß nicht, ob sie.... was verbrochen hat?" Wieder ein neues Wort in seinem Wortschatz. "Dient seitdem dort und darf nicht mehr gehen. Ich kenne meinen Vater nicht, meine Mutter nannte mir nur Namen. Ist aber auch nicht wichtig, denke ich. Die Welt ist so groß", sagte er und machte eine ausladende Handbewegung, wobei seine Finger mit Fett vom Fleisch geträufelt war. "Er kann überall sein. Mutter sagte mir, ich sehe ihm ähnlich."
      Amartius brüstete sich damit ein bisschen, stolz darüber, dass sein Vater offensichtlich kein Waschlappen wie Telandir war. Sicher, der Phönix wirkte edel, aber das war nie etwas gewesen, was sich der Junge als Vaterfigur vorgestellt hatte. Da war der Mann in den Erzählungen Kassandras mit Abstand eher das, was er bewundern würde. Und so himmelte er regelrecht Zoras an während ihm ein Stückchen Fleisch aus dem Mundwinkel hing.
      "Ich kenne nicht viel von Welt, ich bin ja nicht besonders alt. Wenig gesehen, nur viel erzählt bekommen. Mutter sagte, ich bin weit für paar Monate. Wie alt ist Faia, Tysion und du?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zum ersten Mal hätte Zoras sich gewünscht, dass Amartius' Wortschatz sich so weit begrenzte, dass er nicht vermitteln konnte, was er mit Kälte tatsächlich gemeint hatte. Es war eine Sache sich Kassandra in einer Eiswüste vorzustellen, wo sie täglich mit nichts mehr als einer geringen körperlichen Beschwerde zu kämpfen hatte, die sie durch ihre Natur schon gleich verbannte; es war eine ganz andere Sache, mit eigener Fantasie hereinzuinterpretieren, was der Junge mit seiner nachfolgenden Geste meinte. Kassandra war allein, sie war bei einem Phönix, der sich ihr aufzudrängen schien und den sie vehement ablehnte und bei einer Trägerin, die noch mehr Champions bei sich hatte und einen ominösen Plan verfolgte, den Zoras noch nicht einmal versuchen konnte zu erraten. Was fing eine einzelne Frau mit mehreren Champions an? Weltherrschaft? Aber hätte sie dann nicht schon längst in irgendeiner Weise damit begonnen?
      Er rieb sich wieder das Kinn, die winzigen Stoppeln, die er am Morgen wieder rasieren würde, auch wenn sie kaum zu sehen waren und er sich damit nur die Haut aufkratzte. Die Sache war kompliziert und er konnte nicht anfangen zu planen, ehe er sich ein Bild vor Ort gemacht hatte. Vielleicht könnte er sich einschleichen? Zuerst musste er aber überhaupt über die Grenze kommen.
      Amartius griff nun doch nach dem Fleisch, auch wenn ihm anzusehen war, dass er die Nüsse am liebsten erst noch heruntergeschlungen hätte. Er nagte langsam daran, während er ein paar mehr dürftige Informationen über seine Eltern preisgab.
      "Sie singt ganz toll, mhm."
      Eine Sklavin vielleicht? Eine Lustsklavin? Eine... Bedienstete, die man gerne ansah und die einem etwas vorsang? Schon möglich, dass etwas derartiges in Asvoß existieren mochte, aber das beantwortete immer noch nicht, weshalb sie eingesperrt war - und vor allem nicht, weshalb Telandir ein solches Interesse an ihrem Sohn zeigen und Kassandra ihn verteidigen sollte. Zoras war sich ziemlich sicher, dass da noch mehr dahinter stecken musste, eine unbekannte Variable, die der Junge nur noch nicht begriffen hatte, weil er noch zu jung dafür war, aber auf diese Weise würde er es nicht herausfinden. Vielleicht ja, wenn er präzisere Fragen stellte - was er aber auch nicht konnte, wenn er nicht die nötigen Hintergrundinformationen hatte.
      "Schon in Ordnung. Du wirst deinen Vater sicher noch finden."
      Er betrachtete die braunen Strähnen des Jungen, die dunklen Augen, die hohe Stirn. Er versuchte ihn sich zehn Jahre älter vorzustellen, größer und mit festeren Gesichtsmuskeln, mit einem breiteren Kinn und festeren Wangen. Irgendwie erinnerte er ihn ein bisschen an Ryoran, wenn er so darüber nachdachte, ganz abgesehen von den braunen und nicht roten Haaren. Vielleicht war er ja dessen Sohn? Das wäre schon überaus merkwürdig und wahrscheinlich unmöglich, wie er sich sicher war.
      Bei der nächsten Frage des Jungen konnte Zoras nicht verhindern, die Augenbrauen skeptisch zu heben. Er war "weit für ein paar Monate"? Was sollte das nun heißen - ein Ausdruck aus Asvoß, den er nicht kannte oder den Amartius schlichtweg falsch übersetzte?
      Immerhin sprach er die Namen, wie schon vorhin, fehlerfrei aus.
      "Faia ist 32, Tysion ist 58 und ich bin 40. Der Mann von vorhin, Omnar, ist 35."
      Jetzt kam er sich viel älter vor, als er sein sollte. Es fühlte sich noch wie letzten Monat an, als er in die große Schlacht gezogen war, wobei sie schon fast 20 Jahre her war. Wie konnte die Zeit so schnell vergehen? Wie konnte er im einen Moment den Tod der Königin betrauern, im nächsten Moment die Zeit mit Kassandra genossen und jetzt schon so alt geworden sein? Nur ein wenig älter und die ersten grauen Haare würden ihm wachsen.
      "Und du? Du bist sicher schon ein großer Junge, hm?"
      Neben ihm machte Faia ein Geräusch, entweder weil sie vor Ungeduld endlich platzte, oder weil sie sich von den Nüssen bediente, die Amartius ihr hingeschoben hatte. Zoras ignorierte sie nach bestem Willen.
      "Erklär mir das noch einmal mit Telandir. Wieso mag er dich nicht, weil Kassandra dich mag? Gibt es nicht mehr Leute in der Festung, die sie... mag? Und er nicht?"
    • "Singt ganz fantastisch, sagt man. Ich habe sie aber nie gehört. Außer, wenn sie Schlaflieder singt", meinte der Junge geistesabwesend während er sich die letzten Stücke Fleisch zwischen die Kiemen haute. Er driftete ein wenig in seiner Erinnerung ab, wo er noch jünger gewesen war. Kassandra hatte sich nur um ihn gekümmert und niemanden an ihn heran gelassen. Jede Nacht hatte sie ihm Lieder vorgesungen in verschiedenen Sprachen und ihn dabei in ihren Armen gehalten. Das waren die Momente, in denen Amartius keine Kälte mehr kannte. "Ich denke auch, dass ich Vater irgendwann finden werde. Ich bin raus aus Festung, dann kann ich schauen gehen."
      Oh, wie wäre der Ausdruck auf dem so stoischen Gesicht dieses Mannes wenn er erführe, dass sein Blut vor ihm saß? Dass aus der Liebe zu der Phönixin etwas entstanden war, das so schnell wieder verpuffen konnte dank der Einmischung eines einzigen Phönix? Stattdessen fühlte er sich von Zoras beobachtet und achtete darauf, die letzten Spuren des Fleisches mit den Ärmeln aus seinem Gesicht zu wischen. Dann gaffte er zu Faia herüber in der Hoffnung auf Nüsse, von denen leider nur noch Krümel übrig geblieben waren.
      Bei den Altersangaben wurden seine Augen jedoch sofort wieder groß. "32 Monate?! Und dann ist sie noch so groß?!" Amartius musterte Faia, die auf seinen Ausruf hin nur noch eindringlicher zu Zoras blickte und nicht verstand, warum der Junge sie so angaffte. "Faia alt, aber schön!", setzte er auf kuluarisch hinterher und hoffte auf eine entsprechend angenehme Überraschung. Allerdings schien er einen falschen Nerv getroffen zu haben, oder zumindest deutete er so die Art, wie sie die Miene verzog auf seinen Kommentar hin. Um schnell das Ufer zu wechseln starrte er nun Tysion an. 58 Monate war verdammt alt. Amartius konnte nicht anders als den alten Mann beeindruckt zu mustern. Das waren ja nur noch ein paar Monate, und dann wäre Amartius auch groß und vermutlich genauso weiß. So schnell dieser Gedanke gekommen war, so schnell wurde er von einem dezenten Schatten fortgewischt. Stimmte gar nicht. So alt würde er vielleicht gar nicht mehr werden, je nachdem wie groß Telandirs Einfluss gewesen war. Vielleicht hatte er ja nur Tage? Wenn ja, dann musste er doch mit der Sprache rausrücken und nicht weiter den Geheimniskrämer mimen. Das war eine Zwickmühle, die er so gar nicht bedacht hatte. Er verfiel in einen grübelnden Gesichtsausdruck während er so darüber nachdachte. Unabhängig davon, was Zoras gerade sagte, hielt der Junge sich die Hände unverwandt vor und betrachtete sie. Sein eigenes Lebenslicht konnte er nicht sehen, egal wie er es drehte und wendete. Er war dem Lauf der Natur ausgesetzt, den Telandir künstlich verkürzt hatte. Aber wie weit?
      Amartius machte ein gequältes Geräusch. Dann sah er sich plötzlich im Raum um und versuchte abzuschätzen, ob die anderen Gäste ihn vielleicht verstanden. Aber so, wie die Chancen aktuell standen, würde niemand es wenn er auf therissisch sprach. Es war ein Wagnis, das er eingehen musste wenn er sich sicher sein wollte, dass er alle Informationen an Zoras weitergegeben hatte, die er besaß. Als er wieder aufblickte richtete er einen ungewöhnlich klaren Blick ausschließlich auf ihn, die Augen wirkten nicht mehr wie die eines zehnjährigen Jungen. "Rettest du Kassandra egal was passiert?"
      Er musste die Worte hören. Er sah mit klarem Blick, wenn Zoras lügen sollte. Es war ein Gefühl, eine Eingebung aus dem tiefsten seiner Seele die ihm sagte, ob er die Wahrheit sprach oder nicht. Es gäbe keinen Zweifel, nicht jetzt, wenn er die Antwort sprach und seinem Blick so begegnete. Als er seine Antwort sprach hielt die Pause einen Augenblick länger, dann fasste sich der Junge ein Herz. Er wedelte Zoras zu sich hinab, bedeutete ihm, dass er ihm etwas zuflüstern wollte. Nur für den Fall, dass doch jemand ihnen zuhörte und sie verstand. Erst als sich der Mann zu ihm gebeugt hatte, brachte Amartius seine Lippen in die Nähe seines Ohres und setzte zu den verhängnisvollen Worten an: "Es gibt niemanden, den Kassandra mag. Außer mir. Telandir mag mich deswegen nicht. Weil sie meine Mutter ist."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Da war es schon wieder und damit wurde es auffällig: Die Monatsangabe. Was hatte der Junge nur so sehr mit Monaten am Hut, dass er die Zeit damit berechnete? Dachte er etwa, Faia sei 32 Monate alt?
      Natürlich verstand die Söldnerin den Zusammenhang keineswegs, stattdessen nahm sie sich nur den Satzfetzen heraus, den Amartius an sie richtete. Fast hätte Zoras sich darüber lustig gemacht, wenn er nicht weiterhin darüber nachgedacht hätte, was es nur mit den Monaten auf sich hatte.
      "Alt?! Zu wem sagst du hier alt du Maliakh!"
      Das Wort kannte noch nicht einmal Zoras und konnte daher nur schätzen, was es bedeuten mochte. Er machte eine beschwichtigende Geste in ihre Richtung, ehe auch Amartius den Fehler begehen konnte, weiterzureden. Zum Glück wandte der sich schon Tysion zu, der den Blick des Jungen ruhig und entspannt erwiderte. Er musste jetzt auch begriffen haben, worum das Gespräch handelte, ließ sich aber von der Neugier des Jungen nicht so aufbringen wie Faia.
      "Sowas sagt man nicht, Amartius."
      Entweder schien ihn der Junge nicht gehört zu haben, oder etwas anderes erfasste seine Aufmerksamkeit völlig, als er erst auf seine Hände starrte und dann ein missgünstiges Geräusch von sich gab. Als er wieder weitersprach, hatte seine Stimme einen ernsten Unterton, der vielmehr an einen Erwachsenen als an einen Jungen erinnerte.
      Ob Zoras Kassandra retten würde, egal was passierte? Hätten sie sich länger gekannt, hätte Zoras dem Jungen diese Frage übel genommen.
      "Ich werde sie aus Asvoß holen und wenn es das letzte ist, was ich tue; ja."
      Er erwiderte den ernsten Blick des Jungen mit gleicher Ernsthaftigkeit. Er wusste nicht einmal, woher der andere diese Seriosität nahm oder warum ihn das so sehr interessierte, aber es änderte nichts an der Wahrheit hinter seinen Worten.
      Jetzt doch ein wenig neugierig darüber geworden, ob es endlich etwas relevantes geben würde, mit dem sich ein Plan zusammenstricken ließe, wie er Kassandra dort herausholte, lehnte er sich über den Tisch nach vorne zu Amartius und hielt ihm geduldig das Ohr hin. Der Junge kam ihm entgegen und dann wisperte er ihm Worte entgegen, die zunächst nur die Wiederholung von dem zu sein schienen, was er ihm bereits vermittelt hatte. Bis er zum Schluss seiner Ausführung kam.
      Die Geräuschkulisse im Wirtshaus fiel mit einem Schlag auf ein gedämpftes Hintergrund-Gemurmel herab, die zappelnde Faia neben Zoras verschwand auf seiner blinden Seite komplett. Er hob ruckartig den Kopf um Amartius anzusehen, um in diese dunklen, tiefen Augen zu blicken, die eine Spur heller waren, die auch eine Spur größer waren, die aber mit dieser Information zweifellos zwei Augen waren, die ihm bekannt waren - so schmerzlich bekannt, dass er sich für einen Augenblick tatsächlich einbilden mochte, dass Kassandra vor ihm säße. Er sah ihr Gesicht regelrecht mit dem von Amartius verschmelzen, dieselben Augen, dieselbe Nase, vielleicht derselbe Mund, vielleicht dieselben Wangen. Jetzt, wo er es wusste, konnte er es nicht mehr ungesehen machen.
      Er sprang auf, so plötzlich, dass Faia sofort alarmiert anstalten machte, genauso aufzustehen. Er scheuchte sie mit einer groben Handbewegung weg, bevor er den Tisch umrundete, sich umsah und Amartius befahl, mitzukommen. Der Junge gehorchte ihm und Zoras war sich nicht sicher, was er getan hätte, wenn er nicht gehorcht hätte. Er musste im Laufschritt mit Zoras' langen Schritten mithalten, mit denen er den Schankraum durchquerte.
      Sie verließen das Wirtshaus und Zoras peilte den Stall an. Er wusste nicht, wieso ihn sein erster Instinkt dorthin trieb, aber er gab sich dem hin, während Amartius neben ihm lief. Der Stalljunge war im Stall zugegen, aber er beachtete sie nicht, als Zoras zielgerichtet Kassadras Box anstrebte und Amartius reinschob. Nachdem er die Tür hinter ihnen zugeschoben hatte, beugte er sich zu dem Jungen herab.
      "Hast du es jemandem gesagt? Hast du irgendjemandem erzählt, dass Kassandra deine Mutter ist?"
      Er bemühte sich um einen entspannten Tonfall, aber unter diesen Umständen war ihm das nicht möglich.
      "Du hast deine Essenz noch, oder? Du hast sie niemandem gegeben? Niemand hat sie dir genommen?"
      Erst, als Amartius das verneinte, konnte er halbwegs ausatmen. Sein Blick entspannte sich etwas und er rieb sich über das Gesicht.
      "Okay. Gut, das ist gut. Gib sie niemandem, hörst du? Und erzähl niemandem, wer deine Mutter ist. Nicht einmal Faia, nicht Tysion, niemandem. Hast du mich verstanden? Das ist sehr wichtig, Amartius."
      Er starrte den Jungen weiterhin an, eindringlich, weil das tatsächlich von höchster Wichtigkeit war, und dann konnte er sich endlich entspannen. Dann konnte er die angespannten Muskeln lockern und sich endlich, zum ersten Mal, wahrhaftig darauf konzentrieren, dass er Kassandras Sohn vor sich hatte. Kassandras Sohn! Er konnte sich nicht entsinnen, sie jemals gefragt zu haben, ob sie Familie auf der Erde hatte. Von ihren Artgenossen wusste sie nichts, das hatte er behalten, aber schließlich stünde ihr nichts im Weg, Nachkommen auf die Erde zu setzen. Sofern das bei göttlichen Wesen möglich war.
      Aber hier stand er trotzdem, Kassandras Nachkomme, ein Junge mit braunen, leicht gelockten Haaren, der am meisten die Augen seiner Mutter übernommen hatte. Und die Haare seines Vaters? Hatte Telandir braune Haare?
      "Telandir ist aber nicht dein Vater, nicht wahr?", vergewisserte er sich, jetzt tatsächlich ruhiger. Nein, Telandir war nicht Amartius' Vater, das war gut. Etwas anderes wäre wohl merkwürdig gewesen.
      Kassadra streckte von der Seite jetzt ihren Kopf vor, um erst ihren Herrn zu begrüßen und sich dann dem viel interessanteren Neuankömmling zu widmen. Ihr Kopf erschien riesig neben dem schmächtigen Jungen und sie schnupperte durch seine Haare.
      "Deswegen wollte Telandir dich loswerden? Weil du nicht… sein Sohn bist? Lass das sein, Kassadra."
      Er schob ihren Kopf beiseite und Kassadra schnaubte empört.
    • Zoras Kopf ruckte so plötzlich zurück, dass Amartius schon fast damit gerechnet hatte, man würde ihm nicht glauben. Oder dafür verurteilen, dass er ein Abkömmling eines Gottes auf Erden war. Ihm blieb nichts anderes übrig als dem bohrenden Blick standzuhalten, der unerwartet direkt die Gesichtszüge des Jungen musterte. Als fiele ihm erst jetzt wirklich die Ähnlichkeit zu Kassandra auf. Und dann war Zoras so schnell auf die Beine gesprungen, dass der Junge ein erschrockenes Quietschen nicht verhindern konnte und plump auf seinem Stuhl zurückfiel. Seine Zähne waren so fest aufeinander gepresst, dass er kein einziges Wort über Lippen brachte, auch dann nicht, als Zoras mit stampfenden Schritten den Tisch umrundete und ihn anherrschte, ihm zu folgen. Mehr als ein Nicken bekam er nicht heraus, so eingeschüchtert war er. Hast sprang Amartius auf seine eigenen Füße und musste regelrecht hinter Zoras herlaufen, damit er ihn nicht quer durch den Schankraum abschüttelte. "W-Warte!", kümmerte er ihm hinterher, doch der größere Mann reagierte nicht. "Ich hab.... Das war nicht..."
      Die Luft draußen war unerwartet warm. Das lag vielleicht auch einfach daran, dass Amartius deutliche Minusgrade gewohnt war und somit selbst ein kühles Lüftchen in Kuluar wie die reinste Sommerbrise auf ihn wirkte. Außerdem war er noch immer dermaßen verunsichert, dass ihm heiß und kalt zugleich war. Solch starke Stimmungsschwankungen hatte er noch nie erlebt. Nur kurz blieb sein Blick bei dem Stallburschen hängen, dann standen sie schon vor der Box von Zoras' Pferd. Die Hand an seinem Rücken war überraschend grob als er unwirsch in die Box geschoben wurde und die Tür sich schloss. Instinktiv war Amartius bis nach hinten zurückgewichen bis er das Holz in seinem Rücken spürte und mit großen Augen zu Zoras hinaufstarrte. Er hatte gesehen, wie sie durch die Bandidten gemäht waren. Nur weil Telandir dank Kassandra nie handgreiflich ihm gegenüber geworden war bedeutete das noch lange keine Sicherheit vor ihm eigentlich fremden Personen. Und so verfiel er nur in eine Schockstarre als sich Zoras zu ihm beugte und ihm eindringlich Fragen stellte.
      "Hast du es jemandem gesagt? Hast du irgendjemandem erzählt, dass Kassandra deine Mutter ist?"
      Amartius schüttelte kaum merklich den Kopf. "Nein". Seine Stimme war nur mehr ein Hauch seiner Selbst.
      "Du hast deine Essenz noch, oder? Du hast sie niemandem gegeben? Niemand hat sie dir genommen?"
      Erneut schüttelte er den Kopf. Das war der Punkt, den seine Mutter ihm immer wieder eingebläut hatte. Dabei wusste niemand von ihnen, ob Amartius als Halbgott überhaupt eine Essenz besaß, die er abgeben konnte. Dieses Wissen würde dem ehemaligen Herzog ebenfalls fehlen und so war die Frage nur verständlich. Trotzdem war er über die Stufe der Einschüchterung schon längst hinaus. Man sah es durch seine Kleidung nicht, aber seine Beine zitterten. Hatte er Angst? War das Angst? Er wusst es nicht. Genauso wenig wusste er, warum seine Augen plötzlich heiß wurden und brannten und ihm die Sicht nahmen.
      "Okay. Gut, das ist gut. Gib sie niemandem, hörst du? Und erzähl niemandem, wer deine Mutter ist. Nicht einmal Faia, nicht Tysion, niemandem. Hast du mich verstanden? Das ist sehr wichtig, Amartius."
      Noch hielt er mit großen Augen dem musternden Blick stand. Die Worte kamen schnell, aber dank Kassandra verstand er besser als dass er sprach. Amartius war mit seinen drei Monaten Lebenszeit einfach zu jung um zu verstehen, dass er gerade in dieser Situation hoffnungslo überfordert war. Er konnte das Erlebte nicht verarbeiten und das zeigte sich jetzt in all seiner Glorie. Immer wieder kam Zoras auf Telandir zu sprechen, doch Amartius folgte gar nicht mehr richtig. Als dann Kassadra ihren Kopf noch zu ihm streckte und sein Haar anschnaufte, brachen bei ihm sämtliche Dämme. Er fing bitterlich an zu weinen, das erste Mal in seinem Leben, und weinte sich dadurch nur noch mehr in einen Rauschzustand. Er schlug die Hände vor die Augen, versuchte zu stoppen, was unaufhaltbar war während er hicksend versuchte, Antworten zu liefern.
      "Telandir hat rote Haare... kann nicht mein Vater sein... Irgendwann hat er gemerkt und wollte mich vom... vom Turm werfen. Kassandra hielt ihn auf... Er hat mich schon hängen lassen!" Ein herzzerreißendes Aufheulen, das er nur mit seiner eigenen Hand abwürgen konnte. "Demataya will, dass Telandir und Mama Familie werden. Aber Mama will nicht, sie spricht nicht einmal darüber." Kaum war der Damm gebrochen, nannte er auch nicht mehr ihren Namen sondern sprach Kassandra als das an, was sie für den Jungen nun einmal war. Noch immer kullerten Tränen über seine Wangen und zwischen seinen Fingern hindurch. "Sie sagt, sie kann Zoras nicht vergessen. Ich hab gehört wie sagte, dass sie sich schmutzig fühlt. Und jetzt ist sie ganz allein da!"
      Ein erneutes Heulen, dann ging er in die Hocke und wandte das Gesicht dem Boden zu. Er war unter Fremden, hatte vielleicht seinen Vater vor sich, der es nicht wusste, ließ seine Mutter vollkommen allein und wusste nicht einmal mehr, wie er wieder nach Hause kommen sollte. Ob Asvoß überhaupt das war, was er Zuhause nennen wollte. Am Ende des Tages war Amartius nichts anderes als ein verloren gegangener Junge.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras sah es bereits kommen, bevor Amartius es vermutlich selbst merkte. Er sah den Blick in seinen aufgerissenen Augen, die riesigen Pupillen, der angespannte Mund, der sich von Sekunde zu Sekunde etwas mehr lockerte, nur um schlussendlich zu zittern anzufangen. Tränen bildeten sich in seinen Augen und dann plötzlich, als Kassadra den Jungen anschnaubte, zerbrach er. Es war zu viel gewesen.
      Eigentlich hätte es schon viel früher dazu kommen sollen, wie Zoras auffiel, der mit einem Schlag sämtliche seiner Fragen über Bord warf. Schon bei den Gesetzlosen hätte der Junge völlig außer sich sein müssen oder spätestens dann, als er mit vier bewaffneten Fremden in einen Raum gekommen war, von denen nur einer eine Sprache sprach, die er selbst nur halb beherrschte. Aber das war er nicht gewesen, er hatte sich in einem fremden Land vollkommen selbständig zurechtgefunden, hatte sogar eine Verbindung zu seiner Mutter gefunden. Nur, damit Zoras ihn zum Schluss doch noch zum Weinen brachte.
      Die Fragen waren ihm egal geworden. Wen kümmerte es schon, wessen Sohn Amartius wirklich war? Es machte ja noch nicht einmal einen Unterschied, dass er Kassandras Sohn war, am Ende des Tages war er einfach nur ein Junge in einem fremden Land ohne seine Eltern.
      Mit wesentlich größerer Behutsamkeit legte er Amartius die Hände auf die Schultern.
      "Hey, Kleiner, ist schon in Ordnung. Alles in Ordnung, hörst du? Komm her."
      Er versuchte den Jungen zu sich zu bewegen, nur dass der so erbittert aufheulte, dass er sich sogar in sich selbst zusammenrollte. Zoras folgte ihm zum Boden hinab, etwas anderes blieb ihm gar nicht übrig, und kniete sich zu ihm, bevor er ihn ganz bestimmt in die Arme nahm und zu sich zog. Amartius weinte noch immer ganz kläglich, er konnte kaum richtige Worte fassen und so nötigte er ihn dazu, die Arme um Zoras zu legen, bis er ihn in eine ordentliche Umarmung gezogen hatte.
      "Ist schon in Ordnung. Hmm? Deiner Mama geht es gut, sie ist eine ganz starke, kluge Phönixin, sie hat alles im Griff. Ihr geht's gut."
      Er versuchte, sich selbst gleichermaßen zu überzeugen wie Amartius. Welche Information hatte er schließlich, dass es Kassandra wirklich gut ging? Er musste einfach darauf hoffen.
      "Hey, ganz ruhig… schhh…"
      Er drückte ihn fest an sich, drehte sich ein wenig und ließ sich schließlich zur Seite fallen, um sich gegen die Wand lehnen zu können. Als er sie beide einigermaßen ausgerichtet hatte, konnte er Amartius etwas in seinem Schoß wiegen.
      "Hey…"
      Er streichelte ihm sanft über den Kopf, durch die Haare.
      "Ganz ruhig… du wirst deine Mama bestimmt bald wiedersehen…"
      Mit jedem Schniefen brach sein Herz ein Stück mehr und er bemühte sich nach Leibeskräften, den Tränenfluss einzudämmen.
      "Du bist so ein starker Junge, sieh nur wie weit du gekommen bist. Hmm? Deine Mama wird so stolz auf dich sein, das weiß ich mit Sicherheit… sie wird ganz begeistert davon sein, was ihr kleiner Amartius alles geschafft hat. Du wirst sie so stolz machen. Schh…"
    • Die Hände, die schwer auf Amartius' Schultern lasteten, folgten ihm als er in die Hocke gegangen war. Überwältigt von dem Zusammenbruch, der der erste dieser Art für den Jungen war, wusste er gar nicht, wie er dem Einhalt gebieten sollte. In Asvoß war die Lage oftmals angespannt, gar unterkühlt. Es gab nur dann Freifraum für Emotionen wenn er mit Kassandra allein gewesen war und das war nur selten der Fall. Also versuchte er sich irgendwie selbst wieder in den Griff zu kriegen und scheiterte nur maßlos daran. "Es hört nicht auf", schluchzte er erneut, Frust mischte sich in die Stimme weil er seinen Ausbruch nicht stoppen konnte. Seine Augen brannten fürchterlich, die Wangen juckten und sein Kopf fühlte sich heiß an. Unangenehm, dachte er und schmeckte das Salz der eigenen Tränen.
      Dann packten ihn kräftige Arme, bestimmt, aber sanft, und holten ihn aus seiner gekrümmten Haltung. Es war das erste Mal, dass er so in Berührung mit einer anderen Person außer Kassandra kam. Während Kassandra eine urnatürliche Wärme ausstrahlte, die er überall erkennen würde, hatte Zoras etwas anderes als sich. Amartius schaltete zuerst nicht schnell genug, dass er gegen den Körper seines Vaters gezogen worden war und blieb steif wie ein Stein bis sich Hände unter seine Arme schoben und sie nach oben drängten. Sie legten sich um Zoras' unteren Rücken und erst da realisierte der Junge so richtig, wie sich eine Umarmung mit jemanden anfühlte, der nicht seine Mutter war. Entgegen der Vermutung fing er nicht erneut an, loszuheulen sondern bekam seine Anfälle langsam unter Kontrolle. Mit allem was er hatte presste er seine dürren Arme um den Mann, der nun seine einzige Stütze in diesem fremden Land war. Sein Gesicht vergrub sich im Stoff von Zoras' Oberteil sodass die Tränen Flecken hinterließen. Aber das war egal, keinen von Beiden interessierte es. Sie befanden sich in ihrer eigenen, kleinen Zeitblase, die nur aus ihnen und vielleicht noch Kassadra bestand. Es tauchte eine Hand auf Amartius' Schopf auf und für einen kurzen Moment schreckte er abermals zurück. Dann jedoch wurden seine Lider schwer, sein Atem erschöpft und auch die Tränen versiegten. Langsam gab er sich der sanften Berührung auf seinem Kopf hin, die ihn wirklich wieder erdete. Nicht die Worte, die mehr Trubel als Trost auslösten. Das konnte Zoras schließlich nicht wissen. Bald würde der Sohn seine Mutter bestimmt nicht wiedersehen, es war sogar fraglich, ob es überhaupt gelänge. Wenn er es nicht mehr schaffen sollte, so wünschte er sich von Herzen, dass dieser Mann Kassandra finden und aus der Eisfeste holen würde. Ihr die Freiheit gab, die sie durch das Fenster mit den Eisblumen sehnsüchtig in der Ferne nachblickte.
      "Sie weiß doch nicht, ob ich noch lebe", schniefte er irgendwann als sich langsam wieder eine Ruhe einstellte und er wieder ordentliche Worte formulieren konnte. Er hatte sich allerdings noch immer nicht aus der Umarmung gelöst und hielt weiter an Zoras fest als sei es das Letzte, was er tun würde. "Sie weiß nicht, dass du noch lebst. Wie soll sie Hoffnung haben? Telandir kann alles sagen. Ich weiß nicht mal, warum er mich leben lasst.... ne... gelassen hat." Er schluckte, erstarrte und hob dann die Stimme eine Nuance höher an. Panik schwang in seiner Stimme mit. "Sie hat nicht gesagt, sie schlägt ihn nicht mehr. Sie hat gesagt, wehrt sich nicht mehr! Wehrt sich nicht gegen Telandir! Ich will nicht, dass Telandir Mama anfasst! Kann fühlen, dass sie es hasst!"
      Genauso sehr wie er fühlen konnte, dass Zoras mit seinen Worten ebenso versucht hatte, sich zu versichern. Dass es der Phönixin, die sie beide liebte, in Ordnung wäre. Dass ihr nichts geschehe, dass ihr Wille eisern blieb. Wie sollte auch nur einer von ihnen wissen, dass ihr Wille längst wie morsches Holz zu brechen begonnen hatte? Man nahm ihr Zoras, die Liebe, die sie sich verwehren wollte. Ließ sie über seinen Verbleib im Unklaren, setzte ihr ihr gemeinsames Kind vor, nur um es zu misshandeln und später hoffentlich nur auszusetzen. In kurzer Zeit hatte sie so viel gewonnen, dass der Verlust von all dem sie schließlich doch in die Knie zwang.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es dauerte einen Moment, in dem Zoras mit Amartius in den Armen lediglich auf dem Boden sitzend verharrte, dann wurde sein unkontrolliertes Schluchzen weniger und schließlich kehrte so etwas wie Ruhe ein. Der Junge schniefte noch immer, er hatte sich auch noch immer in Zoras' Hemd verkrallt, als müsse er sich in an ihm festhalten um nicht zu fallen, aber zumindest konnte er ein paar halbwegs beruhigte Atemzüge nehmen. Zoras wiegte ihn noch immer leicht hin und her, so wie Elive es immer getan hatte, so wie er es bei der Königin beobachtet hatte, und streichelte ihm auch die Haare aus dem Gesicht. Der Moment war merkwürdig, ein ungewohnter Augenblick, in dem das Gefühl seiner Sklavenschaft aufkam, bei der er sich abendlich zu Kassadra in die Box gelegt hatte, damit sie sich an ihn gewöhnte, gepaart mit dem Hier und Jetzt, in dem er Kassandras Sohn in den Armen hielt und zu beruhigen versuchte. Deswegen war er wohl hergekommen, schätzte er: Der vertraute Geruch nach Heu und Pferd und die anwesende vierbeinige Namensvetterin von Amartius' Mutter, die im Hintergrund stand und das Paar misstrauisch beäugte. Sie unternahm keinen zweiten Versuch, dem Jungen das Haar vom Kopf zu fressen, vermutlich weil sie selbst nicht ganz sicher war, was sie von der Situation halten sollte.
      Zoras hoffte, dass Amartius sich von der Atmosphäre ähnlich beruhigen ließ, so wie er es tat.
      "Ich denke, deine Mutter weiß ganz genau, dass du noch lebst. Mütter haben dafür ein spezielles Gefühl, weißt du? Einen siebten Sinn, etwas in der Art."
      Zuerst schien es auch den Anschein zu haben, dass er wirklich etwas entspannen konnte, aber dann brachte ihn etwas erneut aus der Fassung, sodass Zoras ihn noch ein Stück enger umarmte.
      Kassandra würde sich nicht mehr wehren. Nicht mehr wehren. Das war tatsächlich eine andere Aussage, eine ganz andere Bedeutung, als dass sie Telandir nicht mehr schlagen würde. Wann hätte Kassandra jemals aufgehört, sich gegen etwas zu wehren? Wann wäre es in ihrem langen, ewigen Leben schon vorgekommen, dass sie einmal aufgegeben hätte?
      Gar nicht, lautete die Antwort. Kassandra war keine Phönixin, die einfach so aufgegeben hätte, selbst dann nicht, wenn alles andere bereits verloren schien - das wenige, was sie Zoras über ihr Leben erzählt hatte, war Beweis genug dafür. Also entweder lag Amartius im Unrecht und sie sträubte sich noch immer gegen Telandir und gegen das, was die Trägerin durchzusetzen versuchte, oder aber sie wehrte sich wirklich nicht mehr, sie ließ geschehen, was auch immer geschehen mochte. Und Zoras betete zu allen Göttern - selbst zum verfluchten Morpheus - dass Amartius falsch liegen mochte.
      Gegenüber dem Jungen drückte er diesen Gedanken allerdings nicht aus. Ihn würde es kaum interessieren, was denn nun der Wahrheit entsprach; das einzige was wichtig war, war dass sie Kassandra retteten und dass er seine Mutter wiedersehen würde. Das war für den Jungen von Relevanz.
      "Hey, ganz ruhig, Kleiner. Ich bin mir ganz sicher, deine Mama hat alles unter Kontrolle."
      So würde das nichts werden. Er hatte ja selbst keine Ahnung, inwieweit er recht haben könnte und Amartius war schlau genug, das zu merken - er hatte ja schon die Lücke entdeckt, dass Kassandra gar nicht wissen konnte, ob er überhaupt noch lebte. Wusste sie davon? Auch darum betete er zu allen Göttern, die ihn erhören mochten.
      Er setzte sich ein bisschen bequemer mit dem Jungen hin, ohne ihn loszulassen.
      "Weißt du eigentlich, wie alt deine Mutter ist? Hat sie dir das einmal verraten? Deine Mama ist nämlich schon sehr, sehr alt, auch wenn sie nicht so aussehen mag, und sie ist als erste Phönixin überhaupt auf die Erde heruntergekommen. Denn eigentlich wohnen die Phönixe im Himmel, das hat sie dir sicherlich gesagt, oder? Und weil sie so alt ist, weil sie schon ganz viele Jahrtausende, Jahrhunderte - das ist länger, als Kuluar oder vermutlich auch Asvoß überhaupt existiert - auf der Erde verbracht hat, hat sie schon soo viele Sachen erlebt, mehr als du überhaupt jemals zählen kannst. Mehr als irgendein Mensch, oder vielleicht auch Gott zählen kann. Und als ich sie vor einiger Zeit kennenlernen durfte, als ich ihr zum ersten Mal begegnet bin, da war sie trotz allem, trotz ihren vielen, vielen Erlebnissen, das schönste und klügste und stärkste Wesen, das auf der ganzen Welt nur existieren kann."
      Er streichelte jetzt rhythmisch über Amartius' Kopf, den er vehement an Zoras' Schulter presste.
      "Und diese Begegnung ist gar nicht so lange her, in ihrer Zeitauffassung. Für sie wird das wohl kaum mehr als ein Wimpernschlag gewesen sein. Und was kann sich schließlich in einem Wimpernschlag schon alles ändern, hm? Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass es deiner Mutter gut geht und dass sie nur darauf wartet, dass du wieder zu ihr zurückfindest. Dass du ihr beweist, dass du genauso klug und stark und vor allem mutig bist, so wie sie es ist. Das musst du jetzt für deine Mutter sein, Amartius. Ein kluger, starker und mutiger Phönix. Ohne deine Essenz abzugeben, wir erinnern uns, nicht wahr?"
      Langsam und ganz vorsichtig löste er sich von dem Jungen, nur damit der seinen Kopf etwas anhob und Zoras ihm die noch feuchten Tränen von den Wangen wischen konnte. Dann sah er ihn mit einer fürsorglichen Ernsthaftigkeit an, die nichts mehr von seinem vorherigen groben Selbst an sich hatte.
      "Deine Mutter kann auf sich selbst aufpassen, aber sie ist in ihren Handlungen eingeschränkt, während noch ein anderer ihre Essenz trägt. Deswegen kann sie nicht selbstständig die Festung verlassen oder Telandir zurücklassen, auch wenn sie das vielleicht gerne möchte - deswegen müssen wir ihr dabei helfen. Okay? Das heißt aber noch lange nicht, dass es ihr schlecht geht, sie ist einfach nur... auf andere Hilfe angewiesen. Du musst dir aber trotzdem keine Sorgen um sie machen. Wir werden dich zurück nach Hause bringen und dann können wir zusammen mit deiner Mama an einen Ort gehen, wo es kein Eis und keinen Telandir gibt. Einverstanden, Amartius? Hört sich das nach einem Plan an?"
      Jetzt lächelte er selbst, nur um das von Tränen verquollene Gesicht etwas aufzuheitern, das dort so verloren zu ihm hoch starrte. Die dunklen Augen versetzten ihn selbst in eine Art von Trauer, bei der er sich vorstellen musste, wie Kassandra versuchte, auch jetzt noch Telandir aufzuhalten, nachdem sie ihren Sohn verloren hatte. Wenn er nicht schon zu der festen Überzeugung gelangt wäre sie zu retten, hätte er sich spätestens jetzt dazu verpflichtet gefühlt, die getrennte Familie wieder zusammenzuführen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Codren ()

    • Zeit war ein gefährliches Konstrukt. Allerdings nur dann, wenn man eben auch Gefahr lief, etwas zu verlieren. Das war mitunter der Grund, warum Mensch sich so sehr vor diesem Konstrukt fürchteten. Es raubte ihnen das, was sie für ihr Leben als wichtig erachteten. Geliebte Menschen, die Schönheit, die Jugend und schlussendlich das Leben höchstpersönlich. Für Götterwesen wie Kassandra spielte daher die Zeit keine Bewandnis. Sie existierten unabhängig voneinander und zu einem gewissen Grad galt dies eben auch für ihren Sohn. Nur spürte er verräterisch etwas in seinem Nacken sitzend, lauernd für den richtigen Augenblick. Er war in Monaten Jahre gealtert und kannte nur so unglaublich wenig von der Welt, dass das Wort Zeit für ihn aus einem anderen Grund an Bewandnis verlor. Er konnte rein gar nichts mit der Information anfangen, dass seine Mutter schon so lange auf der Erde wandeln mochte. Er hatte ja nicht einmal ein Gefühl dafür, wie kurz die menschliche Lebensspanne war. Noch hatte dieses Wesen in Zoras' Armen keinen dauerhaften Verlust erfahren. Weder kannte er diesen noch den Tod.
      Widerwillig ließ sich Amartius von Zoras trennen. Er gab ihn spürbar ungern frei, löste sich gerade nur soweit, dass der Mann ihm ins Gesicht sehen konnte. Raue Hände wischten ihm die Tränen von den Wangen, die mittlerweile so rot waren wie seine Augen. Große, glitzernde Auge richteten sich auf Zoras, während er ein weiteres Mal schniefte. Stimmte, da war ja noch die Sache mit der Essenz. Kassandra hatte ihn zwar darüber aufgeklärt, was es war, aber niemand wusste, ob er denn überhaupt eine besaß. Er war ein Sonderfall, der Erste seiner Art und es gab keine Information dazu, wie viel Göttlichkeit nun wirklich in ihm steckte. Bisher war er einfach nur ein Junge mit einer gewissen Affinität zu Feuer und Flammen. Keine Flügel, keine Trugbilder, keine andere Gestalt.
      Egal wie verquollen das kleine Gesicht wirken mochte, die Aufmerksamkeit in den Pupillen war unverkennbar. Er prägte sich unabwegig weitere Wörter ein, die er nutzen würde, um sich besser auszudrücken. Was niemand wusste war der Fakt, dass der Junge bereits am nächsten Tag einen deutlichen besseren Sprachgebrauch aufzeigen würde, als geahnt. "Mama ist stark, ich weiß. Aber Telandir auch. Demataya auch. Sie sieht böse aus, alle hören auf sie. Außer Kassandra, sie hat sich immer widersetzt." Das Wort hatte sie benutzt um ihm zu erklären, was sie dort eigentlich getan hatte. "Ich weiß, dass sie etwas von ihr haben wollen. Sie gibt es nur nicht. Vielleicht stand ich im Weg?"
      Amartius' letzte Silben verliefen in der Stimme als wäre kein weiteres Wort von Nöten. Er musterte einfach nur seinen potenziellen Vater, zog ab und an die Nase hoch und wusste nicht, ob er sich nun freuen sollte oder nicht. Immerhin hatte er geschafft, was seine Mutter scheinbar insgeheim gehofft hatte. Nicht nur hatte er seinen Vater gefunden, sondern auch einen Weg um sie alle aus dem Eispalast freizusetzen. Nur wie würde sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Am Ende nickte der Junge und gab Zoras endlich frei. Seine Finger fühlten sich verkrampft an, als er sie wieder zu sich zog und sie knetete.
      "Okay.... wir retten sie", beschloss er nun mit etwas mehr Kraft in der Stimme, als auch der letzte emotionale Ausbruch vollkommen abgeklungen war. Langsam legten sich seine Augen wieder trocken und enthüllten die wunderbare Farbe, die aus der Kombination von Kassandras Rot und Zoras Braun enstanden war. "Was ist mit Freunden? Bleiben sie? Nicht zu lange warten..."

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    • Ganz anscheinend ließ Amartius sich zumindest soweit von Zoras beruhigen, dass seine Tränen schlussendlich versiegten und seine Stimme wieder etwas an Kraft zulegte. Wenn er nicht gerade von seinem Schicksal geradezu überwältigt wurde, was für einen Jungen in seinem Alter allzu verständlich war, war er ein recht gesundes und lebendiges Kind. Ein bisschen Training und er würde sich zu einem ganz herausragenden Kämpfer entwickeln können.
      Auch darüber lächelte Zoras ein bisschen, auch wenn es höchst unwahrscheinlich war, dass er Kassandras Sohn etwas beibringen konnte. Außer vielleicht ein bisschen reiten? Was die Phönixin wohl davon halten würde, wenn ihr Sohn als halber Kavallerist zurückkäme?
      "Wir retten sie", bestätigte auch Zoras noch einmal, bevor er Amartius musterte.
      "Aber ich denke, wir werden es alleine tun müssen. Meine... Freunde sind gewissermaßen an Kuluar gebunden, das ist anders als bei dir und mir. Aber das schaffen wir auch so, hm? Ich bin mir sicher, dass wir das hinkriegen."
      Zumindest diese Lüge ging ihm recht leicht über die Lippen.

      Er kam mit Amartius wieder aus dem Stall heraus und als sie ins Wirtshaus zurückkamen, hatte Omnar sich zu den anderen dazugesellt. Sie warfen dem Duo skeptische Blicke zu, während Zoras den Jungen ganz gezielt zur Treppe führte und zu den Zimmern hinauf brachte. Es war gar keine Frage, dass der Junge bei ihm schlafen würde, denn wenn er noch ein Zimmer mieten würde, hätte er kein Geld mehr für Essen übrig. Letzten Endes war das aber auch nicht so schlimm, weil es schließlich einen Teppich auf dem Boden gab. Zoras hatte schon auf weniger geschlafen.
      Er nötigte Amartius, sich auf das Bett zu setzen.
      "Du bleibst hier, legst dich hin und ruhst dich aus, okay? Ich werde nach unten gehen, den anderen sagen, dass wir morgen weiterziehen, und dann werde ich hochkommen. Und wenn die Sonne morgen aufgeht, machen wir uns auf den Weg. Okay? Alles in Ordnung, Kleiner?"
      Er strich ihm noch einmal über die Haare, dann vergewisserte er sich, dass Amartius alles hatte, was er benötigte, bevor er wieder nach unten ging. Die anderen erwarteten ihn bereits und er versuchte so detailliert wie nur möglich von den Neuigkeiten zu berichten.
      "Meine Frau wird in Asvoß gefangen gehalten. Sie ist eine wichtige Persönlichkeit, deswegen darf sie nicht gehen. Ihre..."
      Er suchte nach dem Wort und schließlich endete es in einer kleinen Runde Scharade, bevor er es durch Faias Hilfe erraten hatte. "Gefängniswärterin ist eine mächtige Person. Ich werde hingehen und sie rausholen. Sie darf nicht... sie ist nicht... die Gefangenschaft ist schlecht für sie."
      Der freundliche Ton von vorhin im Umgang mit Amartius war wieder verschwunden und zurück war die alte Kälte, mit der Zoras verbarg, was er sonst eigentlich gern gesagt oder gedacht hätte. Sein damaliger Sklavenhändler hatte ihm nach seiner acht monatigen Einarbeitungszeit recht unmissverständlich gelehrt, dass Gefühle ein Schwachpunkt war, der in der Öffentlichkeit auszumerzen war. Früher hätte sich Zoras viele Gefühlsausbrüche erlaubt, heute beschränkte er den Ausdruck seiner Emotionen auf ein Schnauben - wenn überhaupt. In diesem Fall sorgte es wohl dafür, dass - nach den Gesichtern zu urteilen - noch immer niemand wirklich glauben mochte, dass er sowas wie eine Frau hatte.
      "... Okay."
      Faia starrte ihn mit fast riesigen Augen an. Omnar wirkte noch immer skeptisch und Tysion brachte etwa genauso viel Gefühl zum Ausdruck wie Zoras.
      "Und das weißt du durch Amartius?", setzte Faia nach. Zoras nickte nur.
      "Woher willst du wissen, dass sie wirklich dort ist?"
      Weil Amartius ein Phönix ist.
      "Weiß ich nicht. Ich werde trotzdem hingehen. Ich muss sie holen."
      Omnar schnaubte.
      "Ganz schön weiter Weg für eine einzelne Frau. Such dir doch eine neue."
      "Omnar!"
      "Was denn?"
      "Das ist höchst romantisch und loyal! Hättest du nicht auch gerne eine Frau, die für dich Ozeane überquert?"
      "Ich hätte gerne eine Frau, die bei mir ist und nicht am anderen Ende der Welt sitzt."
      "Ahvoh ist ja nicht am anderen Ende der Welt."
      "Aber ziemlich nah dran. Und kalt ist es da übrigens auch."
      "Hier ist es im Winter auch kalt!"
      "Ja - im Winter. Jetzt haben wir Sommer."
      "Eben, und bald wird es Winter sein, also wird es bald genauso kalt sein."
      "Dort ist es aber jetzt schon kalt. Eigentlich die ganze Zeit."
      "Es ist trotzdem sehr romantisch. Du machst das richtige, Ischyll."
      "Ich werde mitkommen."
      Tysion hatte so unvermittelt gesprochen, dass keiner im Tisch zunächst begriffen hatte, was er da eben gesagt hatte. Schließlich verstummte die Diskussion aber und alle starrten den alten Mann an, der seinen Blick auf Zoras gerichtet hatte.
      "... Deswegen erzählst du es uns doch, oder? Weil du Hilfe brauchst."
      "Nein. Ich brauche keine Hilfe."
      "Du willst allein in ein fremdes Land einmarschieren und deine Frau aus einem Herrschersitz befreien?"
      "Ja."
      Tysion beobachtete Zoras, lehnte sich zurück und zog eine Zigarre aus seiner Jackentasche. Er entzündete sie und rauchte, während die anderen drei langsam begriffen, dass damit wohl die wichtigsten Worte gesprochen worden waren. Plötzlich wurde auch Faia lebendig.
      "Ich komme auch mit! Vielleicht können wir ja an einem Bürgerkrieg teilnehmen oder so etwas. Das gibt Schätze und Ansehen!"
      "Nicht dein Ernst", brummte Omnar.
      "Doch! Was, willst du etwa davon reich werden, dass wir ein paar Gesetzlose jagen? Da bekommen wir gerademal genug Lohn für Bier! Wenn ich gewusst hätte, dass es hier so schlecht läuft, hätte ich schon viel eher die Grenze passiert."
      "Und in einem Eisland willst du reich werden?"
      "Ja!"
      "Kurrokoh."
      Auch das Wort kannte Zoras nicht, aber der Mann bekam dafür einen Schlag gegen den Hinterkopf. Faia wandte sich danach gleich wieder Zoras zu.
      "Wir werden mitkommen. Außerdem interessiert es mich, wie deine Frau aussieht."
      "Ich glaube sie ist hässlich."
      "Omnar!"
      "Alle wichtigen Frauen sind hässlich, das ist so."
      "Ischylls Frau nicht. Wie lange habt ihr euch nicht mehr gesehen?"
      Zoras zögerte. Eigentlich wollte er noch immer nichts von sich preisgeben - eigentlich hatte er noch nicht recht verarbeitet, dass diese Gruppe sich ihm anschließen würde. Schließlich antwortete er doch.
      "Vier Jahre."
      "Vier! Das ist lang."
      "So lang auch wieder nicht."
      "Sei still, Omnar. Wann hattest du überhaupt eine letzte Frau, die du mehr als ein Mal gesehen hast?"
      "Ich hatte schon ganz viele."
      "Achja? Zum Beispiel?"
      Die beiden verstrickten sich wieder ineinander und schließlich wurde es ein Abend wie immer, als Faia und Omnar stritten, Tysion rauchte und beobachtete und Zoras unbewegt dabeisaß. Als er aber irgendwann aufstand, um nach oben zu gehen, streiften sich die Blicke der beiden Veteranen.
      "Was wir nicht alles für die Frauen tun, nicht?"
      Tysion sprach nicht weiter und Zoras drängte ihn auch nicht dazu, auch wenn er jetzt doch neugierig darauf geworden war, was den alten Mann dazu bewegt hatte, in diesem Alter einem Söldner-Dasein zu fristen. Aber schließlich nickte er nur.
      "Richtig."
      Er ging nach oben, ohne ein weiteres Wort zu sagen und niemand kümmerte sich darum.

      Amartius war schon eingeschlafen, dessen vergewisserte er sich, als er ins Zimmer schlich und die Decke auf dem Bett etwas richtete. Danach legte er sich auf den Boden, nahm sich ein paar Kleider als Kissen und legte den Kopf darauf, bevor er gedanklich das Lied vom Morgen sang und schließlich einschlief.
    • Amartius hatte Zoras bei seiner Lüge einfach nur stumm angesehen. Sicherlich hatte Kassandra ihm erzählt, dass Phönixe in der Lage waren, Lügen zu enttarnen. Er bildete hierbei keine Ausnahme, aber wusste Zoras das auch und erzählte trotzdem Lügen? Bestimmt hatte der Mann seine Gründe dafür. Demnach nahm Amartius es einfach so hin und folgte seinem Vater als dieser den Stall verließ und sie wieder gemiensam in die Gaststätte einkehrten. Der Junge verrenkte sich beinahe den Hals als er zu der Dreiertruppe äugte, die nun um ein Mitglied gewachsen war. Alle drei spähten mehr als verdrießlich zu ihnen hinüber und Armatius wurde das Gefühl nicht los, dass ihnen die plötzliche Vertrautheit zu Zoras missfiel. Entgegen seiner Vermutung führte man ihn jedoch direkt zur Treppe und nicht zurück an den Tisch, sodass sich das Ziel seiner Blicke alsbald verlor.
      "Warum trennen?", fragte der Junge nach, doch er bekam keine Antwort. Daraufhin verfiel auch er in Schweigen bis sie Zoras' Zimmer betraten und er ihn dazu drängte, sich auf das Bett zu setzen. Das tat er, freilich, und sah den Mann mit großen Augen an. Er wollte ihn loswerden, ganz sicher. Dinge mit seinen Freunden besprechen, die nichts für seine jungen Ohren waren. Vielleicht ging es ja darum, wie man ihn am Besten versetzte? Nein... Er zweifelte nicht an, dass Zoras ihm helfen würde, zurück zu Kassandra zu gelangen und ihre Freiheit zu gewähren. Dann bekam er die Bestätigung, dass man ihn hier allein lassen wollte, jedoch mit der Zusage, morgen weiterzuziehen. Amartius nickte, ließ sich durch die Haare wuscheln und sah dem ehemalige Herzog nach. Ob er es leugnen mochte oder nicht, die Art, wie er trotz allem mit durchgestrecktem Rücken und geraden Gang seinen Weg beschritt, war für den jungen unverkennbar. Als wäre Zoras von einem Trugbild seines frühen Selbst begleitet, das verschwand, als sich die Tür schloss und der Junge wieder allein mit sich war.
      Augenblicklich fielen seine Schultern ab. Erstaunt lauschte er in seinen eigenen Körper und die in ihm liegende Anspannung, die so anders war wie jene aus Asvoß. Dort war er auf der Hut gewesen, achtsam sollte er sein um einem möglichen Schlag früh genug beizukommen. Das jetzt war pure Erschöpfung, die er so erst das zweite Mal wirklich zu spüren bekam. Nicht nur war er mental ausgelaugt, sondern auch sein Körper schaffte einfach nicht mehr das ständige hin und her. Dringend brauchte er etwas Ruhe und besah sich das Bett. Es war nichts im Vergleich zu den Aufbauten, die man im Eispalast gehabt hatte, aber besser als die Pritschen aus dem Bauerndorf. Seine Hand glitt über den Stoff während er nachdachte und irgendwie gehofft hatte, dass er ein Zeichen von seiner Mutter bekommen hätte. Aber ihre Kräfte waren limitiert und würden ihn nicht erreichen. Leise seufzte Amartius bevor er sich doch noch einmal auf die Beine begab und zum Fenster herüber ging. Er stemmte es auf, eher schlecht als recht, und ließ sich ein wenig der Luft um die Nase wehen. Man hörte nur Grillen zirpen und geschäftiges Treiben aus dem unteren Stockwerk. Sein Blick schweifte über die Landschaft ehe er bei dem Baum ihm gegenüber hängen blieb. Er runzelte die Stirn als er versuchte zu erkennen, ob da etwas im Baum saß. Und wenn er sich ganz stark anstrengte, dann sah er ein glänzendes Augenpaar eines Greifvogels, das ihn aus dem Laubbaum ihm gegenüber entgegen funkelte. Etliche Sekunden hielt der Blickkontakt, der eigentlich keiner war. Dann waren die Augen verschwunden so als hätte es sie nie gegeben.
      "Hm", machte Amartius nur, schloss das Fenster und trollte sich, unter die Bettdecke zu schlüpfen. Er ließ sämtliche Kleider bis auf den schweren Mantel und die Schuhe an als er unter die Decke krabbelte und sich einrollte. Morgen wäre die Welt ein neues Blatt und ein weiteres Stück, das ihn näher zu seiner Mutter zurückbrachte.

      Amartius wurde mitten in der Nacht wach. Er hatte nicht mitbekommen, wie Zoras zu ihm ins Zimmer gekommen war, so tief war er weggesackt gewesen. Er brauchte nicht einmal ein paar Sekunden, um Zoras auf dem Boden liegend zu entdecken, trotz der Dunkelheit. Einen Augenblick lang musste sich der Junge sammeln ehe sein Verstand aufgeholt hatte und dem Mann seine rechte Rolle zugespielt hatte. Er fühlte sich schlecht, dass er im Bett und sein Vater auf dem Boden schlief. Viel lieber hätte er nun auf die Macht seiner Mutter zurückgegriffen oder einfach die schier endlose Magie, die ihm als Gott zuteil werden würde. Aber das war er leider nicht - ein reiner Gott - sondern nur eine Mixtur aus zwei Rassen, die nicht Hand in Hand gingen. Demnach sprach Amartius nichts, legte sich wieder hin und drehte sich auf die andere Seite. Er würde Zoras irgendwann stecken müssen, dass sie Vater und Sohn waren. Er musste ihm diesen Antrieb geben, der ihm den letzten Schwung versichern würde.

      Der nächste Morgen brach an und Amartius wurde von Geräuschen wach. Zoras war bereits auf den Beinen und packte sowohl Sachen als auch andere Utensilien zusammen. Natürlich verstand der Junge nichts von Rasuren oder dergleichen aber er war erst einmal auch damit beschäftigt, richtig wach zu werden und sich aufzuraffen.
      "Wie lange bist du schon wach?", fragte er mit einer erschreckend auffallenden Verbesserung seines therissischen Sprachgebrauchs. Seine Augen waren klein als er sich diese rieb und die Decke vom Leib strampelte. Einen Blick später, den er über seinen Körper warf, bestätigte ihm seine längst aufkommende Vermutung. Das war schlecht...
      "Was ist mit deinen Freunden? Kommen mit?" Er runzelte die Stirn. Das ging besser. "... Begleiten sie uns?" Besseres Wort gefunden.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Als Zoras am Morgen aufwachte, schmerzten ihm die Gelenke.
      Er mochte sich daran gewöhnt haben, auch in extremen Umweltbedingungen etwas Schlaf zu finden, aber er war lange nicht mehr so jung wie damals und sein Körper steckte solche Bedingungen lange nicht mehr so einfach weg. Die Zeiten, in denen er stets schlecht geschlafen hatte, schienen ihm wie Luxus in einer Welt, in der er froh sein konnte, überhaupt ein Bett zu bekommen. Das bedeutete nicht, dass er besser schlief, aber irgendwann hatten sich seine Muskeln an die Strapazen gewöhnt.
      Trotzdem hatte er Rückenschmerzen und seine Brust pochte wieder, als er an diesem Morgen aufstand. Es war ein aushaltbarer Schmerz, zumindest der im Rücken, aber der in der Brust war so unangenehm wie am ersten Tag. Es gab keine guten Erinnerungen, die er in irgendeiner Weise mit diesem Schmerz hätte verbinden können.
      Er rasierte sich als erstes, die einzige Routine, die er in den letzten Monaten begonnen und aufrecht erhalten hatte, komme was wolle. Größenteils überreizte er seine Haut mit viel zu scharfen Rasiermessern, mit denen er kaum vorhandene Bartstoppeln abrasierte, aber er konnte und wollte einfach nicht riskieren, dass sie zu lang wurden. Teilweise wollte er verhindern, doch von irgendwem erkannt zu werden, auch wenn die Chance dafür fast 0 war, aber größtenteils fühlte er sich wie ein Verräter, wenn er mit einem Bart herumlief, der in seinem Heimatland den Führungskräften vorbehalten war. Er war kein Herzog mehr, schon lange nicht mehr. So einfach war das.
      Hinterher fing er an, seine wenigen Sachen zu packen und das schien wohl auch Amartius zu wecken, denn der Junge regte sich und streckte dann einen verschlafenen Kopf unter den Decken hervor. Zoras war gerade dabei, seinem Schwert eine höchst oberflächliche Politur zu geben, nachdem er nie genug Politurmittel hatte, um es gründlicherer zu reinigen. Auch das jetzige war kurz davor auszugehen und er hatte schlichtweg kein Geld, um sich neues zu kaufen.
      Auch diese Sachen hatte er früher einmal selbstverständlich gehalten. Heute hatte sich seine Blickweise auf die Dinge verändert.
      Als Amartius zu ihm sprach, stoppte er seine Beschäftigung verwundert und sah zu dem Jungen hinüber. Der starke Dialekt vom gestrigen Tag hatte sich stark gedämpft und war einer viel deutlicheren Aussprache gewichen. War das eine Fähigkeit von Göttern? Es würde schon Sinn machen, wenn man bedachte, dass Kassandra ebenso kaum Schwierigkeiten mit Sprachen haben sollte.
      "Nicht lange. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, lass dir Zeit."
      Er wartete ab, ob der Junge noch etwas sagen würde und tatsächlich erhob er erneut das Wort, diesmal sogar mit einer eigenständigen Verbesserung. Zoras musste zugeben, dass er nicht schlecht beeindruckt war. Kaum zehn Jahre und Amartius war schon ein Sprachgenie.
      "Ja, sie werden mitkommen. Ist das okay für dich? Es sind ganz nette Menschen, das verspreche ich dir."
      Er musterte Amartius für einen Moment kritisch, dann fügte er hinzu:
      "Weißt du, das R ist noch ein bisschen härter. In Kuluar ist es eher weich, aber in therissisch ist es hart. Wie in Therrriss, verstanden?"
      Wenn er schon über Nacht solche Fortschritte erzielte, konnte Zoras ihm durchaus noch die ein oder andere Feinheit beibringen. Nicht, dass der Gott viel davon hätte, therissisch zu sprechen.
      Sie packten zusammen und gingen dann nach draußen, wo sie die ersten waren. Zoras war der einzige in der Gruppe, dessen innere Uhr exakt genug funktionierte, um ihn pünktlich zum Sonnenaufgang aus dem Schlaf zu schmeißen. Entsprechend früh war er stets soweit.
      Am Tresen kaufte er Amartius ein Stück Brot, nachdem er die Schlüssel übergeben hatte. Er selbst frühstückte nicht, dem Jungen gab er sein Frühstück aber in die Hand.
      "Hier. Belag gibt's nicht, das wirst du ohne essen müssen."
      Hinterher ging er mit ihm nach draußen und zum Stall, wo er Kassadra herholen ließ und anfing, sein Gepäck an ihren Sattel zu hängen. Auch den müsste er mal wieder polieren und auch dafür fehlte ihm das Geld.
      "Bist du überhaupt schonmal auf einem Pferd geritten, Amartius? Anständig geritten, meine ich, nicht nur als Gepäckstück?"
    • Amartius' findige Augen fielen direkt auf Zoras' Schwert. Er verstand nichts von Waffen oder deren Gebrauch, aber er wusste, dass dieser Flugrost eigentlich nicht da sein sollte. Dass die Klinge allgemein in einem besseren Zustand hätte sein können und mit ihren kleinen Kerben sicherlich auch mal eine ordentliche Aufarbeitung vertragen könnte. Des Weiteren verstand er ebenso wenig von der Monetarisierung der Welt. Den Wechsel von Metallmünzen hatte er nun schon einige Male beobachten dürfen, doch für ihn besaßen materielle Dinge allesamt den gleichen Wert. Dass seine Waffe so aussah wie sie es tat ließ darauf schließen, dass es dem Mann an Metallmünzen mangelte. Wo bekam man sie überhaupt her?
      "Das ist gut. Sie dürfen mitkommen. Niemand war böse zu mir und du passt auf, richtig?" Amartius lächelte Zoras schmallippig an. Er war eine zusätzliche Belastung, das sah er mehr als deutlich. Bald würde der Moment kommen in dem Zoras Missfallen empfinden würde angesichts der Tatsache, dass er nun ein Kind bei Fuß hatte, dass ihm zusätzlich zum Pferd die Haare vom Kopf fraß. Er musste mehr sein als nur ein Wegweiser zu Kassandra. Sein Lächeln wurde fahl als er sich an etwas zu erinnern schien. "Ja... Kassandra spricht es auch so. Ist mir vorher nie aufgefallen, sie spricht nur therissisch wenn niemand hört. ZUhört. Manchmal spricht sie mit Telandir in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Ganz seltsam."
      Dass sie in ihrer Ursprache geredet hatten, hatte Kassandra ihrem Sohn später mitgeteilt. Er hätte es eigentlich direkt verstehen müssen, doch das menschliche Blut in seinen Adern schnitt ihn von dieser Natur vollkommen ab. Die Makel wuchsen im Laufe der Zeit und machten deutlich, dass er eine Existenz wider der Natur war. Etwas, das nicht hätte sein sollen.
      Amartius schulterte seinen kleinen Rucksack, er ohnehin nicht mehr sonderlich viel fasste. Seine Vorräte waren aufgebraucht, die dünne Decke hatte man ihm wenigstens gelassen. Die Mitbringsel waren jedoch irgendwo im Chaos untergegangen, allerdings hielt er sich da nicht besonders dran auf. Entgegen seiner Bemühungen gab Zoras ihm nichts, was er tragen konnte und so stapfte er mit leeren Händen hinter dem Mann die Treppe in den Gastraum hinunter. Sehr zu seiner Verwunderung war noch keiner der restlichen Truppe hier unten anwesend und so ließ er nur den Blick über die wenigen Gesichter wandern, die gerade ihr Frühstück zu sich nahmen.
      "Hier. Belag gibt's nicht, das wirst du ohne essen müssen."
      Amartius zuckte zusammen. Er hatte gar nicht mitbekommen wie sich Zoras abgesetzt und ihm ein Brot gekauft hatte, dass ihm nun regelrecht in die Hand gelegt wurde. Mit großen Augen blickte er seinen Vater an, der ohne Verpflegung die Gaststätte verließ, mit dem Jungen im Schlepptau.
      "Du isst nichts?", fragte er und biss von dem Brotlaib ab. Dass es kein Belag gab, scherte ihn nicht sonderlich. Sicher, das einfache Brot war nichts gegen den Schmauß aus Asvoß, aber das hier waren gänzlich andere Verhältnisse. Und das Gefühl, eher eine last als alles andere zu sein ließ sich einfach nicht abschütteln. "Du tauschst Münzen gegen Dinge, richtig? Woher kommen diese Münzen? Kann ich auch welche bekommen?"
      Geduldig passte Amartius auf ihre Sachen auf während Zoras Kassadra aufzäumte. Er befestigte das Gepäck am Sattel mit solch einer Routine, als hätte er nie etwas anderes getan. Das entlockte dem Jungen ein Schmunzeln, der direkt an die Erzählungen des Pferdeherzogs erinnert wurde. Genauso, wie er mit seinem Pferd umging hatte Kassandra ihn beschrieben. Der Punkt, dass die Tiere in Amartius Anwesenheit nicht nervös reagierten war ein weiterer Beweis dafür, wie wenig Gott eigentlich in ihm steckte. Kassandra hatte berichtet, dass Tiere ihr nie über den Weg trauten. Bei Amartius verzogen sie nicht einmal die Nüstern oder Ohren.
      "Neeeeein, ich kann nicht reiten", winkte er sofort ab. Wie sollte er auch? Er war schließlich nie aus dem Palast gekommen. "Ich bin ja gar nicht alt genug. So viel habe ich noch nicht erlebt, ich war ständig nur in der Festung. Wie auch Kassandra. Nur Telandir dufte kommen und gehen. Ah, ich kann aber nicht fliegen. Ich kenne meine Form nicht." Er plapperte einfach munter weiter um die Dinge, die er über sich wusste. "Also - nach Asvoß müssen wir nach da." Dafür konnte er sich einwandfrei orientieren nachdem er einmal wusste, wo er sich befand. Da reichte auch eine einfache Karte aus, um Richtungen bestimmen zu können. Das Magnetfeld der Erde gab ihm ohne es zu wissen die Himmelsrichtungen vor.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Ich brauche nichts zu essen."
      Die Tatsache, dass der Junge überhaupt danach fragte, war Zoras gänzlich unwohl. Gleichzeitig gefiel es ihm, etwas von der offensichtlich scharfen Auffassungsgabe von Kassandra auch in Amartius wiederzuerkennen, aber er konnte auch gut darauf verzichten, dass der Junge Sachen bemerkte oder gar ausplauderte, die lieber verborgen geblieben wären. Darüber würde er sowieso noch mit ihm reden müssen.
      "Und nein, du bekommst keine Münzen. Wie Geld funktioniert, erkläre ich dir ein andermal."
      Es verwunderte ihn nicht wenig, dass der Junge keine Ahnung von Wirtschaft hatte, wo er doch in einer Festung aufgewachsen war, in der vermutlich kein Geld offen über den Tisch gereicht wurde. Das eine oder andere hätte man ihm aber durchaus beibringen können, darüber ärgerte Zoras sich jetzt, als er mit dem Jungen im Schlepptau nach draußen ging. Es war verständlich, wenn er keine Ahnung von der normalen Welt hatte, wenn er in einer Eiswüste aufgewachsen war, aber auch dort musste es Geld geben. Die Zofen schienen keine gute Arbeit darin geleistet zu haben, dem jungen Gott die Welt beizubringen. Dass Kassandra das nicht getan hatte und ihn stattdessen über seine Herkunft aufgeklärt hatte, war immerhin verständlich.
      Beim Stall und Kassadra lockerte seine Laune sich dann wieder und er nahm Amartius' Absage mit Gelassenheit auf - eigentlich hatte er sowieso nicht damit gerechnet. Dann würde der Junge eben nicht darum herumkommen, ein paar anfängliche Details zu lernen. Der Umgang mit Pferden hatte bisher noch keinem Gott geschadet.
      Als der Junge dann aber einfach weitersprach, musste Zoras doch stutzen. Wie, nach Asvoß mussten sie nach da? Hatte der Junge gerade ernsthaft in eine Richtung gezeigt, um ein meilenweit entferntes Land zu zeigen?
      Zoras betrachtete ihn stirnrunzelnd, dann wandte er sich vollständig von Kassadra ab und ging vor Amartius ein wenig in die Hocke, um auf Augenhöhe mit dem Kind zu sein.
      "Okay - also zu allererst einmal ist es nicht schlimm, wenn du nicht reiten kannst, ich bringe es dir schon bei. Dann müssen wir aber festlegen... nein, wir machen einen Deal. Einverstanden? Wenn man dich etwas fragt, dann wirst du nur Antworten geben, die auch ganz konkret die Sache betreffen. Reiten und fliegen haben zum Beispiel nichts miteinander zu tun, erkennst du das? Und manchmal darfst du sogar gar keine Antwort liefern, oder keine wahrheitsgetreue, zum Beispiel wenn dich jemand nach deiner Mutter fragt. Aber das haben wir ja schon besprochen, nicht wahr? Verstanden? Dann schlag ein."
      Er reichte ihm die Hand und beobachtete mit noch viel größerer Ungläubigkeit, wie der Junge seine Hand verständnislos anstarrte.
      "... Gib mir deine Hand. Nein, die andere. Jetzt leg sie in meine. Nein also... dass die Handflächen sich berühren. Ja, so ungefähr. Und jetzt schließt du die Hand, so wie ich das mache und schüttelst sie."
      Es war eher Zoras, der den Handschlag durchführte, während Amartius mehr der Beisteher war. Bei allen Göttern, die noch existieren mochten, war der Junge jemals in Kontakt mit normalen Leuten gekommen?
      "... Das üben wir noch, alles gut."
      Er richtete sich wieder auf und rieb sich über den Nasenrücken. Das konnte ja noch was werden.
      "Jetzt erklär mir nochmal genau, was du mit "nach Asvoß müssen wir nach da" meintest."

      Für den restlichen Morgen - oder zumindest die Zeit, bis die anderen auch endlich aufstanden - brachte er Amartius dann bei, was es bei der Pferdehaltung zu beachten gab. Er gab ihm zuerst das theoretische Wissen darüber, wie man ein Pferd aufzäumte, wie der Sattel einzustellen war, wie man sich an die Bewegungen des Pferdes anzupassen hatte, bevor er dem Jungen unter die Achseln griff und ihn mit Schwung in Kassadras Sattel hob. Die Stute zuckte mit den Ohren und tänzelte dann ein Stück zur Seite, was ihren Reiter schier durchschüttelte, der sich notgedrungen am Sattel festkrallte. Zoras gab ihm genaue Instruktionen dazu, sich ein Gefühl für den Rücken des Pferdes zu machen und für die Bewegungen die durchgingen, wenn Kassadra nach links oder nach rechts tänzelte, während er die Stute an Ort und Stelle hielt. Das Pferd war für einen Jungen zu groß, genauso wie der Sattel, und die Steigbügel waren zu lang, alsdass Amartius schon ernsthaft hätte reiten können, aber für das erste Mal allein im Sattel, war es wohl nicht ganz so schlecht.
      "Bedank dich bei Kassadra, Pferde haben schließlich auch Gefühle. Kommst du alleine runter oder soll ich dir helfen?"
    • Es schlich sich ein wenig Erwartungshaltung in Amartius' Körpersprache als Zoras sich zu ihm wandte und vor ihm in die Hocke ging. Ein gewisses Funkeln war seinen Augen nicht abzusprechen als er gespannt darauf wartete, was ihm dieser Mann nun noch Neues offenbahren würde. Er musste jedoch die Stirn gerunzelt haben, als von einem Deal die Rede war. Nur aus dem Kontext heraus konnte er sich erschließen, dass damit eine Art Handel gemeint war. Dass dabei reiten und fliegen nur entfernt etwas gemein hatten, war ihm durchaus bewusst. Demnach nur auf Konkretes mit Konkretem zu antworten, ergab selbst für ihn Sinn. Immerhin sollte er nicht jedem auf die Nase binden, dass er ein Halbgott war. Nicht einmal sein Vater vor ihm wusste das. Geheimnisse bewahren sollte also ein Kinderspiel für den jungen Halbphönix sein. Dann streckte Zoras ihm die Hand hin. Verständnislos starrte Amartius die Hand an, da er die Geste des Einschlagens nicht kannte. Geduldig erklärte Zoras es ihm, wobei man findiger Zuhörer ohne Zweifel feststellen würde, dass so mancher Glaube ihn gerade zu verlassen schien. Zufrieden mit der Tatsache, wieder etwas Neues gelernt zu haben, führte er trocken die soeben gelernte Aktion ein paar Mal aus und grinste Zoras schließlich an.
      "Ist doch ganz klar. Asvoß liegt in dieser Richtung. Hat man doch auf der Karte gesehen!", verkündete er stolz darüber, dass er Zoras Auftrag, konkret zu bleiben, direkt beherzigen konnte.

      Der restliche Morgen entpuppte sich eher als eine tierische Lehrstunde als pure Warterei. Amartius' Augen glichen dabei Schwämmen, die jeden Handgriff und jede Bewegung penibel aufsogen und sie fast identisch wiedergeben konnten. Seiner unheimlichen Auffassungsgabe sei Dank reichte jeweils eine einzige Erklärung aus, um ihm den Sachverhalt näher zu bringen. Ihm fiel dabei auf, dass sein Kraftverhältnis scheinbar ebenfalls abnormal war. Während Zoras recht ordentlich am Bauchgurt des Sattels ziehen musste, brauchte sich der Junge nicht einmal ansatzweise so sehr anzustrengen. Er nötigte das Pferd sogar zu einem Seitenschritt als er Zoras' Aufwand nachzuahmen versuchte, nur um sich dann schnellstens zu korrigieren. Dies war ebenfalls eine neue Erkenntnis. Er entschied sich bewusst dagegen, darauf weiter einzugehen und bekam auch keine weitere Chancen, denn da schoben sich bereits zwei Hände unter seine Achseln und hoben ihn vom Boden. Im nächsten Moment saß er schon im Sattel und hatte sichtlich Schwierigkeiten, sich mit dem Gleichgewicht einzupendeln. Er quietsche auf, krallte sich an den Sattel und machte sich ganz klein wann immer Kassadra zu tänzeln begann. Seine Füßen baumelten haltlos in der Luft, die Steigbügel waren noch immer auf Zoras' längere Beine eingestellt. Irgendwann bewegte sich Kassadra nicht mehr argwöhnisch, sodass sich Amartius es traute, sich aufzurichten.
      "Hier draußen habe ich das erste Mal Pferde gesehen. Schöne Tiere. Mama sagt, sie haben Angst vor ihr, aber ich glaube, ich bin weniger gefährlich", sagte er und tätschelte der Stute sogar den Hals. "Ich schaffe das alleine."
      Er vergewisserte sich, dass Zoras das Pferd noch immer im Griff hatte und schwang ein Bein herüber, sodass er im Damensitz war. Dann ließ er sich vom Sattel gleiten, verkalkulierte sich in der Höhe und ging zu Boden. Er gab unverständliche Worte von sich, als er sich hastig wieder auf die Füße stellte und sich den Dreck von den Klamotten klopfte. Galant war etwas anderes.
      "Danke, KassA-dra", richtete er sich an die Stute und betonte ihren Namen mit Absicht sonderbar. Erneut tätschelte er ihren Hals, dann sah er zu Zoras hinauf. "Wie stark bist du eigentlich? Kassandra hat gesagt, du hast dich gegen Telandir gestellt. Stimmt das?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Amartius entpuppte sich als der nahezu perfekte Schüler. Er konnte die Sachen, die Zoras ihm zeigte, genauestens wiedergeben, nach nur einem Mal beobachten, und schien dem älteren Mann zuzuhören, als könne sein Leben davon abhängen. Er ließ sich die langweiligsten Dinge erzählen, als wären sie alles, was er im Leben bräuchte, und führte Zoras' Bewegungen mit höchster Genauigkeit aus. Dabei kam auch schon deutlich seine Herkunft hervor, denn als er den Bauchgurt festzurrte, schnaubte Kassadra empört und tänzelte zur Seite. Zoras musste sie stark festhalten, damit sie sich nicht dazu entschied, doch keine Lust mehr auf die Vorbereitung zu haben, und irgendwann ließ sie sich auch von seinem nichtssagenden Geschwätz wieder beruhigen. Derweil musste er erkennen, dass Amartius eine ähnlich übermenschliche Kraft hatte wie seine Mutter.
      Natürlich war das keine großartige Neuigkeit, schließlich hatte Zoras nicht ernsthaft erwartet, dass der Apfel weit vom Stamm fallen würde, aber es überraschte ihn doch, dass der Junge mit seinen wenigen Jahren schon eine solche Kraft zeigte. Würde man ihm ein Schwert geben, könnte er jetzt schon eine ernsthafte Gefahr für seine Gegner darstellen.
      Auch das war eine merkwürdige Erkenntnis für Zoras, nachdem er solche Lernfortschritte machte. Wenn er ihm den Schwertkampf beigebracht hätte - nicht, dass er das ernsthaft geplant hätte, schließlich mühten sich Götter nicht mit weltlichen Werkzeugen ab - wäre er in wenigen Tagen vermutlich schon weit genug gewesen, um in die Armee einzutreten. Das wäre etwa tausendfach schneller als ein gewöhnlicher Mensch.
      Der Gedanke war trotz allem höchst interessant und Zoras dachte auch weiter daran, während er den Jungen auf Kassadra setzte und ihn sich an den Sattel gewöhnen ließ. Sein Kommentar ließ ihn dennoch lächeln.
      "Pferde spüren, dass sie etwas anderes ist, das hat nichts damit zu tun, dass deine Mutter gefährlich ist. Außerdem sagt man so etwas nicht, Amartius. Kassandra ist mächtig und nicht gefährlich, da ist ein großer Unterschied."
      Das brachte ihn darauf, dass die Stute eigentlich auch bei Amartius nervös werden sollte, nachdem er schließlich auch ein Phönix war. Aber Kassadra war höchst zutraulich mit dem Jungen, worauf Zoras dann doch keine Antwort wusste. Vielleicht kam das ja erst noch, sobald er etwas erwachsener würde.
      Amartius saß für einen Moment im Sattel, dann sprang er wieder hinab, oder fiel mehr als dass er sprang, und kam unsanft auf dem Boden auf. Er ließ eine Reihe Wörter los, von denen Zoras sich ziemlich sicher war, dass sie Flüche waren, und kam dann vor ihm zum Stehen. Der Veteran verkniff sich einen Kommentar; die Erziehung des Jungen sollten dann doch eher die Eltern übernehmen.
      Amartius bedankte sich bei der Stute und Kassadra warf den Kopf herum, als wolle sie dem jungen Phönix sagen, dass sie mehr als würdig dazu war, sich von ihm bedanken zu lassen.
      Die nächste Frage des Kindes war dann wieder eine kompliziertere Sache für Zoras. Amartius konnte nichts dafür, er war lediglich neugierig und naiv darin, was er alles einfach aussprechen durfte und was nicht, aber die Erinnerung kam schnell zurück und sorgte nicht minder für einen deutlichen Stimmungsabfall. Ja, Zoras hatte sich Telandir gestellt und das war wohl die letzte dumme Tat gewesen, die er in seinem Leben angestellt hatte - gleich hinter der Tatsache, dass er Kassandra nicht ihre Essenz zurückgegeben hatte. Die Phönixin allein war dafür verantwortlich, dass er noch am Leben war, andernfalls hätte er noch nicht einmal mitbekommen, wie es mit ihm zu Ende ging.
      Aber wie sollte er das in eine Antwort für Amartius verpacken?
      "... Ich habe mich gegen Telandir gestellt, aber das war sehr, sehr dumm. Ein Mensch und ein Gott haben unterschiedliche... Kräfte zur Verfügung."
      Er beugte sich wieder zu Amartius hinab und rollte sich den Ärmel seines vernarbten Armes hoch. Irgendwann in all den Jahren war ihm aufgefallen, dass Narben verschwunden waren, die ihn eigentlich sein Leben lang begleitet hatten - viele Narben aus der großen Schlacht waren einfach weg, aber auch die Narbe von Kassandras Heilung. Jetzt waren sie durch neue ersetzt worden und auch wenn Zoras nie eine Erklärung dafür gefunden hatte, was mit den alten passiert war, wusste er doch gut, wovon die neuen stammten. Und er hasste jede einzelne davon.
      Er präsentierte Amartius die stählernen Muskeln an seinem Arm, die sich selbst in seiner Entspannung noch deutlich abzeichneten. Auch das hatte sich geändert, früher war er zwar auch stark gewesen, aber er war zu viel geritten und hatte sich weniger um seinen Oberkörper geschert. Jetzt hatten zwar seine Reitmuskeln nicht abgenommen, aber auch sein Oberkörper hatte sich den Strapazen angepasst, die er ihm in den Jahren ausgesetzt hatte.
      "Das ist alles, was mir an Kraft zur Verfügung steht, was auch immer unter meiner Haut liegt."
      Er klopfte sich auf den Oberarm, dann griff er nach Amartius' Arm, der so dünn war, dass er die Hand vollständig darum schließen konnte.
      "Aber deine Kraft, die du auch gerade für Kassadras Sattel benutzt hast, kommt von woanders. Sie ist nicht darauf limitiert, was unter deiner Haut liegt und sie zeichnet sich auch nicht dadurch aus. Du bist ein Gott, deswegen kommt deine Kraft vom Olymp selbst."
      Er rollte sich den Ärmel wieder runter und richtete sich auf.
      "Bei Telandir und deiner Mutter ist es nicht anders, nur dass die beiden noch eine Menge mehr Kampferfahrung haben - als du, als ich und als jeder andere Mensch auf der Welt. Ich habe mein Schwert gegen Telandir erhoben, aber genauso gut hätte ich es gleich wegwerfen und mich ergeben können, das hätte keinen Unterschied gemacht. Deiner Mutter allein ist es zu verdanken, dass er mich nicht umgebracht hat, weil sie es sich im letzten Moment gewünscht hat. Allein hätte ich keine Chance gehabt."
      Er sah über die Schulter zurück, als vom Stalleingang Schritte ertönten und der Rest der Truppe auftauchte. Das war es dann also wieder mit dem ungestörten Morgen.
      "Und deswegen werden wir es auch vermeiden, uns mit Telandir anzulegen. Komm her, nimm dir Kassadras Zügel und dann gehen wir nach draußen."
      Er übergab Amartius die Zügel und leitete ihn dann an, wie man das Pferd nach draußen führte.

      Sie ritten im gemächlichen Tempo los, Amartius hinter Zoras auf Kassadra und die anderen um sie herum. Nachdem Kassadra jetzt ein zusätzliches Gewicht zu tragen hatte, waren sie nicht schnell unterwegs, aber ein eigenes Pferd für Amartius käme auch nicht in Frage - die Kosten dafür waren zu hoch. Also mussten sie sich damit zufrieden stellen und das taten sie.
      Faia hatte ein blühendes Interesse daran, den Jungen entweder zu unterhalten oder ihn über seine Herkunft auszufragen. Sie ließ ihren ganzen Schwall an Konversation auf ihn einprasseln und fing dabei tatsächlich an, dem Jungen die ein oder andere Sache auf kuluarisch beizubringen. Tatsächlich war er ein Meister darin, die Dinge schnell zu lernen und konnte bald schon eine recht dürftige Konversation halten, wobei Zoras stets darauf achtete, dass er keine Dinge ausplapperte, die er besser nicht hätte sagen sollen - so wie seine Herkunft oder Zoras' richtigen Namen. Aber alles in allem war er doch recht zufrieden damit, dass der Phönix seinen ersten richtigen Kontakt mit der Außenwelt bekam.
    • „Ah, mächtig, nicht gefährlich. Gut.“
      Ein feiner Unterschied, der Amartius in beiden Belängen direkt betraf. Weder war er mit seinem Alter und seiner Herkunft eine sonderliche Gefahr noch besaß er auch nur ansatzweise die Macht wie die echten Götter. Er war nicht mehr als ein Schatten von dem, was hätte sein können. Dass sich seine Kraft jedoch jetzt schon von der eines gewöhnlichen Menschen unterschied, hatte er vorhin eindrucksvoll unter Beweis stellen können. So verwunderte es ihn auch nicht sonderlich, dass Zoras diesen Punkt noch einmal betonte. Zwar hatte er bisher nur die Auseinandersetzungen in wörtlichen Formen von Kassandra und Telandir erlebt und keine echte Gewalt, aber er bekam ein grobes Gefühl für den Unterschied. Als die Söldner ihn vor den Banditen gerettet hatten, lag er abgewandt vom Geschehen und hatte nicht gesehen, wie sie abgeschlachtet wurden. Nur die Geräusche hatten sich eingebrannt. Diese hatten ausgereicht, dass er nicht einmal daran dachte, sich auf seine Natur zu konzentrieren.
      Als sich Zoras nun erneut zu Amartius hinab beugte und begann, seinen Ärmel aufzurollen, verstand der Junge diese Geste nicht. Er schwieg jedoch, wie jedes Mal wenn man ihm etwas Neues lehrte, und beobachtete. Ruhig und aufmerksam. Wie ein Kartograf registrierten seine dunklen Augen jede Unebenheit, jede Narbe und jeden Wulst auf der Haut, die unter dem Stoff zum Vorschein kam. Instinktiv verglich er das, was er nun sah, mit sich selbst und Kassandra und stellte fest, dass hier ein gigantischer Unterschied auftauchte. Noch nie hatte Amartius in seinem Leben Narben zuvor gesehen. Ihm selbst wurden keine zugefügt, Kassandra trug keine und bei Telandir hatte er ebenfalls nie welche gesehen. Und die Zarin war nie ohne ihre Mäntel anzutreffen gewesen. Er wollte sie berühren, wollte wissen, wie sich so etwas unter seinen Fingern anfühlen würde. Doch er traute sich nicht und so fuhr Zoras fort und erklärte ihm das physische Limit der Menschen. Amartius registrierte die Muskeln, die Stränge, die sich unter der Haut abzeichneten. Und trotz allem was bisher geschehen war zuckte er ein winziges Bisschen zurück als sich die grobe Hand um seinen Oberarm schloss. In der Tat – seine schmächtigen Ärmchen dürften nicht in der Lage sein solche Kraft aufbringen zu können. Das würde ihn zweifellos verraten, wenn jemand nur etwas Grips besaß. Unbewusst kaute er ein bisschen auf seiner Unterlippe herum in Gedanken darüber, dass er hier auch nicht grob fahrlässig handeln durfte. Bei seiner weiteren Ausführung stutzte Amartius jedoch.
      „Telandir hätte dich umgebracht? Das ergibt keinen Sinn... Phönixe töten nicht freiwillig... dachte ich...“, murmelte er leise als er hörte, wie sich vor dem Stall Bewegung tat und Schritte zu hören waren. Sie mussten wohl oder übel das Thema verschieben, aber sobald sie wieder unterwegs waren konnte er problemlos weiter auf therissisch reden mit weniger Gefahr, belauscht zu werden. Folglich nickte er nur, nahm die Zügel und animierte Kassadra, ihm zu folgen.

      Es half alles nichts. Egal wie sehr Amartius es auch versuchte, er stellte keine geringere Last für Kassadra dar, egal wo er saß. Ihm tat das Tier leid, das nun zwei Menschen statt einem tragen musste, und schwor sich, irgendwie wenigstens an ein eigenes Pferd zu kommen. Denn selbst wenn er Flügel bekäme, so würde er diese nicht nutzen können ohne jedem ins Gesicht zu schreien, dass er kein Mensch war. Vielleicht trafen sie ja Pferde in den Weiten und er konnte sich mit einem anfreunden, so wie Zoras es ihm mit Kassadra gezeigt hatte.
      Leider bekam Amartius nicht die gewünschte Zeit, um sich weiter mit Zoras über Dinge zu unterhalten, die vermutlich nicht ganz unwichtig gewesen wären. Stattdessen hatte Faia ihn in Beschlag genommen und textete ihn ununterbrochen zu. Was auf der einen Seite als nervig aufzufassen war, war auf der anderen Seite eine perfekte Lehrstunde für den Jungen. Er lernte diverse Worte auf kuluarisch dazu und verstand dann auch endlich Bröckchen, wenn der Rest der Gruppe sich unterhielt. Ihm entging nicht, dass sie ein reges Interesse an seiner Herkunft hatte und er beschränkte sich darauf, die Festung sowie die Umgebung zu beschreiben, die er dort sah. Von Telandir verschwieg er alles, berichtete ein wenig von Demataya und zeichnete lediglich ein sehr grobes Bild seiner Mutter.
      Dabei driftete seine Aufmerksamkeit immer wieder von Faia weg hinüber zu den beiden anderen Männern der Gruppe. Der Alte beteiligte sich praktisch gar nicht am Geschehen und achtete nicht einmal auf ihn. Der andere hingegen, Omnar, wenn er sich richtig entsann, schien noch immer nicht wirklich begeistert zu sein mit dem Plan. Und ob er es wollte oder nicht, er bekam mehr als nur häufig Blicke von Amartius ab. Denn bei ihm sah der Halbphönix das erste Mal, wie kränklich ein Lebenslicht aussehen konnte. Früh hatte Kassandra ihm erklärt, was diese Farben zu bedeuten hatten und wie er sie zu deuten hatte. Niemand von ihnen wusste, wie viel Heilfähigkeit wirklich in ihm steckte und sie bezweifelten ernsthaft, dass er in der Lage wäre, Lebenszeit zu transferieren oder gar zu absorbieren. Doch das Licht von Omnar wich meilenweit von denen der anderen Reisemitgliedern ab. Es konnte unmöglich das Alter sein – das sah er an Tysions Licht. Also musste Omnar krank sein.
      Faia mag Tysion und Omnar und Ishyll?“, fragte er Faia mit gebrochenem kuluarisch, um direkt in der Aussprache korrigiert zu werden. „Heimat von Faia, Tysion, Omnar?

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