Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    • Die Vertreterin von Niligad sprach zuerst und der Botschafter wandte sich ihr zu, als hätte er schon immer damit gerechnet. Seine lächelnde Maske bröckelte kein bisschen, er sah sogar beinahe noch würdevoller aus als der König selbst.
      Allerdings sagte er kein Wort, sondern überließ es mit allem Anstand dem angesprochenen König, sich selbst zu erklären.
      "Unsere Verträge sind Handelsabkommen", begann Seine Majestät, das Kinn ein wenig erhoben, als wollte er sagen: Denk nicht, dass du meine Autorität untergraben kannst, Mädchen.
      "Da wir es davor nie gebraucht haben, aber es jetzt relevant sein wird, haben wir die Klauseln um eine sogenannte "Champion-Klausel" erweitert. Sie besagt, dass die Dienste eines Champions von dem jeweiligen anderen Land in Gebrauch genommen werden können, vorausgesetzt einer angemessenen Gegenleistung. Ich habe Morpheus eingeladen und im Gegenzug darf Restaris sich an Kassandra bedienen, sobald sie zurück ist."
      Als wäre es abgesprochen, sprang der Botschafter mit seinem Lächeln ein.
      "Kassandra ist eine Bedrohung, selbst für Morpheus. Aber geistig kommt selbst sie nicht gegen ihn an - sollte es daher zu einer Schlacht kommen, was wir selbstverständlich zu vermeiden versuchen, wird die Krone den Aufständischen weitaus überlegen sein. Ein unausgeschlafener Soldat ist unaufmerksam und erschöpft, es besteht gar keine Zweifel, dass der Aufstand niedergeschlagen und die Essenz zurückgeholt werden kann. Selbstverständlich zu Händen Seiner Majestät."
      Der König bestätigte das mit einem Nicken. Es stand nie außer Frage, dass Kassandras Essenz nicht zurück in seine Hände gelangen würde.
      Selbst bei Niligads folgender Anmerkung, ließ er sich noch immer nicht erschüttern.
      "Der Jäger war unfähig. Er hat -"
      Ein Geräusch von Morpheus selbst unterbrach ihn. Der Champion nahm einen geradezu theatralischen Atemzug in sich auf, der sich anhörte, als müsste er jeden Moment um Luft ringen, und machte dann eine Handbewegung durch die Luft, die merkwürdig präzise und gleichzeitig merkwürdig schlapp aussah. Sein Blick fiel von der Decke ab und richtete sich auf einen unbekannten Punkt im Raum, noch immer ohne jemandem dabei in die Augen zu sehen. Dann fiel seine Gestalt etwas mehr in sich zusammen und wenn man es nicht besser wüsste, hätte man sagen können, dass dem Gott langweilig war.
      Der König starrte noch einen Moment, ließ sich dann von Dyndalls bekräftigendem Nicken unterstützen und fuhr wieder fort.
      "Er hat nur das getan, was er tun wollte. Wir haben unsere Konditionen vertraglich festgelegt. Jeder, der sie braucht, bekommt eine Abschrift davon."
      Der Vertreter von Kerellin, der alte Mann, räusperte sich knapp und setzte sich etwas auf.
      "Ich bin Fräulein Niligads Meinung in der Hinsicht, dass wir zunächst inländische Maßnahmen ergreifen sollten, bevor wir uns auf die Hilfe anderer Länder verlassen. Nichts für ungut, Botschafter."
      Der Mann nickte ihm nur lächelnd zu, er reagierte gar nicht darauf. Nur der König wandte seinen Blick und musterte Kerellin mit zusammengekniffenen Augen.
      "Und was, wenn das schief geht? Was, wenn Kassandra sich dazu entscheidet, auf ihrem Rückweg ins Herzogtum Luor hier vorbeizukommen und den Palast niederzubrennen? Wer wird sie dann aufhalten, Herr Kerellin? Ihr und Eure Garde? Oder vielleicht Niligad und Ihre Soldaten?"
      Die Unterhaltung reizte ihn. In Gedanken war er vermutlich schon dabei sich zu fragen, ob Kerellin sich vielleicht mit Niligad verbündet hatte - auch wenn er Kerellin seit dem Vorfall deutlich bevorzugte und wertschätzte.
      "Wir können froh sein, dass Morpheus so schnell hier sein konnte. Herakles hätte länger gebraucht, nicht wahr?"
      Der Botschafter nickte.
      "O ja, Herakles ist zur Zeit unpässlich. Wir haben eigenen Nutzen an dem Champion und der eigene Nutzen steht, vertraglich geregelt, über dem Fremdnutzen."
      "Und wozu werdet ihr Kassandra brauchen? Wenn sie wieder hier ist? Wenn ihr doch Herakles habt?"
      Erijer Veren sah zwischen Dyndall und dem König hin und her. Der Botschafter lächelte auch ihn an.
      "Man kann eine kämpfende Phönixin immer zu etwas gebrauchen, Herr... Veren. Zumal Phönixe noch immer eine außerordentliche Seltenheit auf unserer Erde sind. Es gibt einiges, wozu sie zum Einsatz kommen könnte."
      Er ging nicht weiter auf die Einzelheiten ein und Veren fragte auch nicht weiter nach. Er beobachtete den Botschafter nachdenklich und sah dann zu Morpheus, der von nichts etwas mitzubekommen schien.


      Grenze zu Niligad, ca. eine Woche später...

      Das luorische Trio näherte sich dem aufgestellten Wachposten, der den Übergang von Veren zu Niligad kontrollierte.
      Die letzten Tage waren tatsächlich zunehmend unangenehm geworden. Der Soldatentrupp, der sie bereits von der Hauptstadt aus verfolgt hatte, war noch immer nicht verschwunden und auch wenn er nicht näher kam und keine Gefahr darstellte, verschwand doch das Gefühl, beobachtet zu werden, niemals gänzlich. Städte und Dörfer, denen sie begegneten, mussten bereits vorgewarnt worden sein, denn die Bewohner reagierten abweisend, verschlossen Türen vor ihnen oder verweigerten schlichtweg den Handel. Selbst von der Phönixin ließen sie sich nicht einschüchtern, auch wenn sie die Frau genauestens beobachteten und sich wenn möglich von ihr fernhielten. Soldaten zogen bei ihrem Anblick keine Waffen, reagierten aber barsch und erinnerten sie daran, dass sie hier nicht willkommen waren. Es war gänzlich unangenehm, denn es fühlte sich, wenn auch nicht vordergründig, wie eine richtige Flucht an. Zoras war unruhig, misstrauisch und wünschte sich nichts mehr, als bald die heimische Grenze wieder überqueren zu können.
      Aber vorerst mussten sie noch zu Niligad und da erwartete er keine bessere Behandlung.
      Als die Grenze näher kam, wurde bereits aus der Ferne Bewegung sichtbar und dann stellten sich die Bogenschützen der Wachtürme auf und spannten ihre Pfeile. Zoras ritt neben Kassandra, so wie er es immer tat, die eine Hand auf seinem Oberschenkel abgelegt, mit der anderen Hand die Zügel und den Sattelknauf umgriffen. Auch Kassandra machte ihn mit ihrer abweisenden Art nervös, so wie sie zwar die Nächte bislang stets zusammen verbracht hatten, sie ihm aber sämtliche Küsse strikt verweigerte. Es verwirrte ihn. Er wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte und letzten Endes versuchte er sich verbissen an das zu halten, was sie ihm geraten hatte: Sich auf die Reise und den Aufstand konzentrieren. Das war wichtiger als die Beziehung mit der Phönixin, so gern er sie auch intensiviert hätte.
      "Keine Tote, wenn möglich. So wie in Veren auch", erinnerte er sie leise, als sie näherkamen. Zuerst rührte sich nichts, sie wurden nur von feindlichen Wachen angestarrt, dann öffnete sich langsam das Tor von ihnen und gewährte Durchgang. Niemand sprach mit ihnen und niemand bewegte sich. Zoras fragte sich zum ersten Mal, ob Kassandra auch einen Pfeil abhalten konnte, der aus solch kurzer Distanz auf seinen Kopf abgeschossen wurde. Er beschloss, gar nicht erst darüber nachzudenken und sich lieber auf ihre Jahrhunderte alte Expertise zu verlassen.
      Das Land dahinter war karg und unbewohnt. Sie verbrachten einen Tag zwischen den Grenzen mit abnehmendem Proviant und Nerven, ehe sie sich der niligadschen Grenze näherten. Auch hier wurden Waffen gezogen. Als sie sich unbeeindruckt näherten, erschien ein Soldatentrupp von 50 Mann, allesamt beritten.
      "Herzog Luor?", erklang es, als die drei ankamen. Zoras gab sich auch hier entspannt, auch wenn es ihn eigentlich vor Anspannung zerriss, auch wenn er die Zügel seines Fuches fest gepackt hatte, um ihn herumzuwenden, sollten die Niligad ihn gar nicht erst durchlassen und eher vertreiben wollen. Er hatte sich schon überlegt, was er machen würde, sollten sie ihm den Zutritt verweigern und er war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würden, ohne Tote dabei zu hinterlassen. Umso wichtiger war es daher, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen.
      "Der bin ich."
      Er trug seine Reisekleidung, die Uniform sparte er sich für Niligad selbst auf, aber die Wappen auf der Kutsche und die Farben hatten sie nicht wieder versteckt. Die Soldaten mussten nach einem Moment die Autorität erkennen, die Zoras selbst in dieser Alltagskleidung ausstrahlte, denn sie lenkten ihre Pferde um und bildeten eine Gasse um das Tor.
      "Tretet ein. Herzog Niligad erwartet Euch bereits."
      "Sehr freundlich. Wir kommen in Frieden, wir wünschen keine kämpferischen Auseinandersetzungen."
      Der Truppführer nickte nur. Er hatte das Visier heruntergeklappt, er und seine Männer waren in stramme, dicke Rüstungen gekleidet, die Pferde strotzten geradezu vor Energie. Ein Elitetrupp, dachte sich Zoras, als sie zwischen ihnen hindurchritten. Entweder, um ihm zu schmeicheln, ihn einzuschüchtern oder schlichtweg, weil es die Situation forderte. Er kam, während er ritt, auf keine Antwort.
      Die Soldaten verschwanden nicht, sie reihten sich um das Trio auf und begleiteten sie durch das Tor hindurch und auch weiterhin. Sie blieben auf Abstand, aber Zoras war dennoch nervös genug, sich dicht an Kassandra zu halten. Der ihnen am nächsten reitende war der Truppführer selbst.
      "Hübsche Pferde. Vollblüter?"
      Er erhielt keine Antwort. Die Soldaten ritten stur geradeaus. Selbst wenn er wollte, hätte er keinen anderen Weg wählen können als den, den sie vorgaben.

      Sie reisten den ganzen Weg über mit ihnen und lagerten nachts in der Nähe. Zoras unternahm mehrere Versuche, sich mit dem Truppführer zu verständigen, wenn schon nicht auf freundschaftliche Art, dann wenigstens auf geschäftliche, aber der Mann war genauso unredsam mit ihm wie alle anderen. Nach dem zweiten Tag gab er es also auf und gab sich geschlagen damit, in vorherrschender Schweigsamkeit zu reiten. Für eine Unterhaltung mit Kassandra waren sie zu dicht dran, also sprach er auch mit ihr wenig. Nur abends in Zoras' Zelt flüsterten sie miteinander und er holte sich seine allabendliche Verweigerung eines Kusses ab. Er schlief schlecht. Die Sorge nagte an ihm und auch wenn er höchstwahrscheinlich ungeschoren aus dieser Sache herauskommen würde, wollte er doch alles versuchen, um Niligad auf seiner Seite zu haben. Wenn schon nicht Veren, dann wenigstens der Handwerks-Herzog.

      Sie erreichten den Sitz des Herzogs noch immer in Begleitung der selben Soldaten. Schweigend wurden sie gebeten abzusteigen und ihre Tiere dem Stall zu überlassen. Zoras hatte an diesem Morgen bereits seine Uniform angezogen und stand zwischen den Reihen ihrer Eskorte wie der Hauptmann persönlich. Mit einem Handzeichen wurden sie reingebeten.
      "Herzog Niligad erwartet Euch bereits."
    • Man hatte sich denken können, dass der restliche Weg nach dem Aufeinandertreffen im Hause Veren nicht sonderlich rosig ausfallen würde. Das machten ihnen auch sämtliche Personen oder ganze Siedlungen deutlich, an denen sie vorbeikamen und selbst mit noch so freundlicher Miene keine Gastfreundschaft abringen konnten. Kassandra verübelte es ihnen nicht einmal, selbst dann nicht, als man mit ihr versuchte über Einschüchterung etwas zu erreichen.
      Übertroffen wurde es schließlich an der Grenze. Bereits etliche hundert Meter im Voraus sah die Phönixin wie Bewegung in die Wachen auf den Türmen kam, kaum war ihr kleiner Trupp mittels Fernglas zu erkennen. Solair trottete neben Roran, beide Tiere bemerkten zwar die Anspannung, waren aber nicht dermaßen beunruhigt als dass sie eine Szene machten. Kassandras Blick ging hoch zu den Schützen auf den Türmen, dann hinunter zu den Fußsoldaten am direkten Grenzübergang. Bereits jetzt rechnete sie damit, dass man ihnen die Weiterreise untersagen und sie abführen würde. Dann würden sie vermutlich ohne Gewalt nicht weiter vorankommen können.
      "Keine Tote, wenn möglich. So wie in Veren auch".
      "Etwas anderes war nicht meine Absicht. Wir behalten diese Politik bei", bekräftigte sie ihn ebenso leise und rückte dann wieder merklich in den Hintergrund als die Wachen in Hörweite kamen.
      Zu ihrem Erstaunen öffnete sich das Tor nach einem Moment der Unbeweglichkeit. Fast wäre ihr ein amüsiertes Schnauben entwichen, aber sie riss sich zusammen und ritt mit Zoras und dem Wagen unter aufmerksamen Blicken durch das Tor hinweg hinein in karges Land. Einen Tag später erreichten sie die niligadsche Grenze, an der man sich ähnlich verhielt wie an dem Übergang zuvor. Allerdings erwartete sie hier ein Aufgebot von rund fünfzig berittenen Soldaten. Sofort wurde Kassandras Miene härter. Unter fünfzig zeitgleichen Angriffen einen Mann sicher zu halten war schon etwas schwieriger aber durchaus machbar. Sie dürfte sich nur nicht ablenken lassen. Folglich mischte sie sich kein Mal in die Unterhaltung ein und wurde wieder zu der ansehnlichen und unscheinbaren Frau an Zoras' Seite. Dass etliche der Männer, deren Gesichter mit Visieren verdeckt waren, sie mehr als eindringlich im Auge behielten, war absehbar gewesen. Dass sie allerdings eine ganze Eskorte bekamen, um zru Hauptstadt Niligads geleitet zu werden, war auch für die Phönixin neu.
      Zusammen mit Zoras, der versuchte sich mit dem Truppführer gut zu stellen, ritt sie durch die entstehende Gasse und musterte beiläufig die Männer. Sie hatte Zoras danach gefragt, wie das niligadsche Reich aufgebaut war, was ihre Markenzeichen waren. Und wer findigen Blickes war, der erkannte, dass diese Rüstungen nicht einfach nur genietet waren. Diese Rüstungen aus Stahl waren besonders gebogen, handwerklich genauer bearbeitet worden und ließen keinen Zweifel zu, dass hier die jeweils bessere Handwerkskunst angebracht worden waren. Gleiches galt für den Zaum der Pferde.

      In den kommenden Tagen versuchte Zoras weiterhin seine Beziehung zum Truppführer aufzubauen. Als dies nicht gelang wurde die Reise zu einem Fest des Schweigens auserkoren, das Kassandra und Zoras nur des Nachts in seinem Zelt brachen. Noch immer war sie konsequent in ihrer psychologischen Kriegsführung: Der Herzog durfte sie in den Arm nehmen, ihre Wärme spüren, aber nicht einmal einen Kuss bekam er. Kassandra steckte die Grenze der sehr genau, erst recht, nachdem so viel Feindschaft um sie herum lagerte.
      Es war allerdings die zweite Nacht, in der sie das erste Mal inmitten des Schlafes aufschreckte und sich wie paranoid umschaute. Für einen kurzen Moment lang war der schwarze Umhang des Schlafes gewichen und hatte ihr eine Szene gezeigt. Eine Szene, wie des Nachts die feindlichen Soldaten ihr Zelt betraten während sie beide schliefen und die Waffen zückten. Es waren nur Sekunden, doch diese Sekunden reichten aus, dass Kassandra regelrecht der Schweiß ausbrach. Götterwesen wie sie träumten nicht. Also war es eine Vorhersehung, etwas, das in Zukunft geschehen würde. Seit diesem Zeitpunkt schlief sie keine einzige Sekunde mehr. Sie tat bei Zoras' Erwachen so, als hätte sie wie er einfach schlecht geschlafen anstatt eisern auf den Eingang des Zeltes zu starren. Die Ringe unter ihren Augen begannen langsam wieder hervor zu treten, doch das taten sie unlängst auch bei dem Herzog. Die Reise hinterließ bei beiden Spuren, das war nicht mehr zu bestreiten.

      Der Sitz des Herzoges Niligad entpuppte sich als ein kunstvoll erbautes mehrstöckiges Gebäude aus dunkelgrauem Stein. Weiße Ornamente lagen in dem grauen Stein, eingeschlagen und mit Gips ausgelegt. Sie wurden gebeten, ihre Pferde abzugeben und sich dem Trupp an Soldaten anzuschließen, der sie bis zum Eingang des doch recht beschaulichen Gebäudes zu führen.
      "Herzog Niligad erwartet Euch bereits."
      Kassandra hielt sich nah an Zoras, nahm ihm aber nicht seine führende Position ab. Eine Traube an Soldaten schloss sich um sie, ein einziger ging vorweg und führte sie durch die Gänge bis sie vor einer doppeltürigen Halle standen. Man öffnete ihnen die Türen und ließ sie in eine Halle ein, die einen kreisrunden Tisch in der Mitte des Raumes hatte. Gleichmäßig waren Stühle darum angeordnet - keiner wies auf einen besonderen Stand hin. Die Trupp an Soldaten blieb erstaunlicherweise vor den Flügeltüren zurück und verschwanden mit dem Schließen eben jener. Lediglich die paar Wachen an den Eingängen im Saal hatten ein Auge auf sie gerichtet, aber es waren maximal acht Mann.
      Ihnen gegenüber am Tisch saß ein Mann um die fünfzig. Sein langer weißer Bart war in Perfektion geschnitten, ebenso wie sein schütteres graues Haar. Sein Gesicht sah zermürbter aus als es hätte sein müssen und ein schwerer Mantel aus Leder und Pelz lag um seine Schultern. Vor ihm stand ein einziger Krug, an jedem weiteren Tisch stand ebenfalls einer. So als wäre man sich nicht sicher gewesen, wo der Luorhaushalt Platz nehmen mochte oder mit wievielen sie anreisten. An seinen Stuhl gelehnt stand ein Gehstock - der Grund, warum er seine Tochter in den Palast geschickt hatte.
      Firion Niligad erhob sich nicht. Allerdings sah seine Miene nicht so angespannt aus wie jene Estjas gewesen war. Er deutete auf die Plätze vor sich um ihnen zu signalisieren, Platz zu nehmen. "Zoras, willkommen. Wie ich sehe, hast du den Weg halbwegs unbeschadet überstanden. Ich nehme an, das liegt auch an deiner Begleitung?"
      Seine Augen schweiften nur kurz zu Kassandra ab, die neben Zoras Platz nahm und den Mann musterte. Neben seinem Becher lag ein Brief, dessen Siegel gebrochen war und scheinbar vor nicht allzu langer Zeit eingetroffen war.
      "Wie ich gehört habe, war der Empfang in Veren nicht sonderlich bester Natur. Was hat Estja versucht? Meucheln? Sie sollte es doch eigentlich besser wissen, dass man mit einem Champion nicht spaßen sollte." Er nickte Kassandra zu, die einen Moment zögerte und es kaum wahrnehmbar erwiderte. "Ich bin mir nicht sicher, wie die anderen Herzoge es handhaben aber ich will aus deinem Mund persönlich hören, was du dir dabei gedacht hast, den Aufstand öffentlich zu machen. Ich habe dir von dem Putsch abgeraten im Namen deines Vaters aber ich hätte nicht gedacht, dass du deinen Plan derart hartnäckig beibehältst. Würdest du dich also erklären bevor du um Beistand ersuchst?"
      Firion gehörte zu denjenigen, die Zoras' Vater noch kennenlernen durften. Zusammen waren sie vor fünfzehn Jahren in die Schlacht geritten, in der Firion auf seiner Seite am Ende sein rechtes Bein verloren hatte. Man hatte es ihm zur Hälfte abgetrennt und er ließ es sich später komplett amputieren, um seitdem mit einer Gehhilfe sein Dasein zu fristen. Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, sein Amt auszuüben. Er verließ sich allerdings nur etwas mehr auf seine Töchter und Söhne. Wie zum Beispiel Revelia.
      Firion tippte auf den Brief vor sich und nahm ihn schließlich in die Hand. Revelia war noch nicht zurück, aber die Tauben waren schneller als man dachte.
      "Revelia ist aktuell im Palast in Theriss. Es sei nur ein Vertreter Verens sowie Kerellins anwesend. Bedeutet also, dass sowohl Riev als auch Tiumus dir bereits die Unterstützung zugesichert haben? Du weißt, dass ich weniger Streitkraft als alle anderen zur Verfügung habe?"
      Er ließ vorerst bewusst außen vor, was seine Tochter ebenfalls niedergeschrieben hatte. Die Information, dass Restaris sich eingeworfen hatte, war heikel. Und solange Niligads Position nicht eindeutig geklärt war hielt er solche Brocken lieber vorerst bedeckt.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • So wie der Sitz des Pferdeherzogs genau auf seine Spezialität zugeschnitten zu sein schien, war auch der Sitz von Niligad durchaus seinen Ländereien entsprechend. Das Gebäude war hochaufragend und prachtvoll, ein Meisterwerk jahrhundertelanger Tradition, wie Zoras von den Erzählungen des Herzogs selbst noch wusste. Und es war durchaus ein eindrucksvolles Bauwerk. Er beneidete ihn nicht darum - er hätte wohl niemanden beneidet, der nicht genügend Platz hatte um Pferde zu halten - aber es war sehr ansehnlich.
      Sie wurden in die Empfangshalle geführt, in der der Herzog seine üblichen Gäste empfing und auch jetzt schon auf die Ankömmlinge wartete. Die Eskorte verschwand schon bald und zurück blieben nur noch die statuenhaften Wachen an den Ausgängen.
      Auf dem Weg zu dem kreisrunden Tisch in der Mitte, wobei Zoras' und Kassandras Schritte einen dumpfen Hall hinterließen, musterte Zoras den Herzog mit offener Neugier. Zuletzt hatten sie sich vor etwa zwei Monaten gesehen zu den tagelangen, fruchtlosen Besprechungen im Palast, aber auf dem Herzogssitz selbst war er zuletzt mit seinem Vater gewesen. Hier herrschte ein anderes Licht, das den älteren Mann souverän und eindrucksvoll wirken ließ. Sein Bart hätte dem eines Arluras gerecht werden können, nur sein Gesicht zeigte in ungefähr das an, wie Zoras sich fühlte. Würde er eines Tages, wenn er älter war, ebenso wenig in der Lage sein können, seine Erschöpfung zu verbergen? Oder sah er vielleicht auch schon jetzt so mitgenommen aus und der andere Herzog dachte sich etwas ähnliches über ihn, wie andersherum? Als der Mann allerdings zu sprechen begann und seine raue Stimme sich kaum von dem Herzog unterschied, mit dem Zoras sich auch im Palast ungezwungen unterhalten hatte, löste sich eine gewisse Anspannung aus seinen Schultern und er setzte ein dünnes Lächeln auf, das zwar nicht sehr fröhlich war, aber freundlich genug um zu signalisieren, dass er sich der vorherrschenden, vertrauensvollen Atmosphäre anschließen würde.
      "Grüß dich, Firion. Ja, wir sind gut durchgekommen, das liegt ganz sicher an meiner Begleitung. Wäre sie nicht da, hätte ich mich sicher mit ein paar unangenehmen Konfrontationen auseinandersetzen müssen. Wie geht es dem Bein?"
      Er setzte sich auf einen Stuhl nahe genug an Firion dran, um nicht allzu laut mit ihm reden zu müssen, aber weit genug entfernt, dass der Mann es nicht als Bedrohung hätte missverstehen können. Kassandra setzte sich neben ihn, aber auf den Stuhl weiter vom Herzog entfernt. Sie war wieder schweigsam und ganz der Schatten, den sie auch in Veren dargestellt hatte.
      Zoras lehnte sich ein wenig zurück und legte beide Hände offen auf der Tischplatte ab. Die Halle war groß und schien ihm hellhörig, so als könnte das ganze Gebäude sie in dem Moment belauschen, aber vermutlich erinnerte sie ihn einfach nur zu sehr an die Räume im Palast. Er zwang sich dazu, sich eher auf den anderen Herzog zu konzentrieren.
      "Estja hatte sich wohl schon entschieden, bevor ich gekommen bin, und ihr Glück damit versucht, die ganze Sache zu beenden bevor sie startet. Sie wollte es mit Gift und Militärskraft tun. Beides ist, bei diesem besonderen Champion, höchst ineffektiv."
      Es war merkwürdig Kassandra als das zu beschreiben, was sie ja eigentlich war, nachdem sie Nacht um Nacht beieinander schliefen und kaum jemals das Gefühl von Träger und Champion zwischen ihnen aufgetauchte. Aber bis auf den Kutschführer wusste wohl niemand, dass sie ihr Zelt teilten und Zoras hatte auch nicht vor, diese Nachricht allzu schnell in Umlauf zu bringen. Das könnte letzten Endes ein falsches Bild vermitteln.
      Firions Erwähnung seines Vaters stieß ihm ein wenig bitter auf, was er sofort wieder herunterzuschlucken versuchte. Es war nicht böswillig gemeint, dessen war er sich sicher, aber auch wenn sein Vater tot war, wollte er sich doch nicht von jemand anderem einreden lassen, dass er gegen dessen Willen handelte. Zoras hatte schon immer das getan, was sein Vater von ihm erwartet hatte und er würde es auch weiterhin tun. Der Putsch und der Aufstand waren da keine Ausnahme.
      "Natürlich, lass uns reden, deswegen bin ich hier."
      Er lehnte sich ein wenig nach vorne und verschränkte die Hände ineinander.
      "Ich weiß, dass du mir von meinem Plan abgeraten hast und das nicht nur bei einer Gelegenheit. Ich möchte dir auch versichern, dass ich mir dein Wort zu Herzen genommen habe - im Namen meines Vaters, wie du schon sagst, nicht wahr?"
      Das Lächeln, das jetzt über sein Gesicht huschte, war ehrlich gemeint.
      "Ich weiß aber auch, dass du alle Möglichkeit gehabt hättest, dich mir trotzdem anzuschließen, nur um - wie Kerellin - dich im letzten Moment gegen mich zu wenden und den Putsch zu verhindern. Ich möchte nicht erfahren, wieso du es nicht getan hast, ich denke, wir wissen es beide zu gewissen Maßen.
      Ich bin nicht hier, um dich zu einer Antwort zu zwingen, denk das bloß nicht. Es geht mir nicht um deine Kampfkraft, nicht nur, sondern es geht mir um das Land. Das Volk ist unzufrieden, weil die Blutlinie der Krone zu versiegen droht und der jetzige Vertreter kaum genug Erfahrung hat, um mit den momentanen Herausforderungen fertig zu werden - das musst doch auch du sehen können. Erinnerst du dich an die Krönung damals, als Seine Majestät sich noch kaum von der Trauer um seine Mutter erholt hatte und schon zur Zeremonie gezwungen worden war, als das ganze Land in Schreckensstarre verfallen war, weil er nicht hatte aufhören können zu weinen und sie es als schlechtes Omen gesehen haben? Du musst doch auch mitbekommen haben, wie sie über ihn geredet haben, wie der ganze Palast sich die Mäuler darüber zerrissen hat. Das war doch nur der Anfang davon gewesen, er hatte in seinem folgenden Regierungsjahr nichts unternommen, um das Bild, das die Leute von ihm hatten, zu verbessern. Im Gegenteil, er hat sich seinen Beratern widersetzt - er hat sich mir widersetzt, auch das will ich offen zugeben, weil jetzt keine Mutter mehr dabei war, die ihn hätte zurechtweisen können. Ich garantiere dir, dass ich nicht der einzige war, der sich gegen die Krone gewandt hat. Der einzige Unterschied zwischen mir und den ganzen anderen potentiellen Attentätern, die dort draußen herumlungern und darauf warten, dass sich ihnen eine Lücke bietet um den König von seiner Krone zu befreien, ist die Tatsache, dass ich es durchgezogen habe."
      Er betrachtete Firion mit einem eindringlichen Blick von dem er hoffte, dass er Ähnlichkeiten mit der Zielstrebigkeit seines Vaters zeigte.
      "Wir - du und ich, Emjir und Eiklar, Meriah und Estja - wir sind die Repräsentaten unseres Volkes, wir sind ein Teil der Einheit, die Theriss ausmacht. Wenn wir nicht auf das hören, was unser Volk verlangt, wird es sich andere, inoffizielle Repräsentaten suchen, die dann mit anderen, vielleicht inoffiziellen Methoden seinen Unmut ausdrückt. Wir sind rechtmäßige Amtsträger, in den Augen des Königs und des Landes, wir haben die Ressourcen und die Erfahrung einen Aufstand zu führen und ihn richtig zu führen, ohne ein Blutbad zu veranstalten und ohne dabei das Land so zu hinterlassen, wie es vor fünfhundert Jahren einmal gewesen war. Das ist mein Ziel und das ist, was ich dir zu vermitteln versuche: Ich verspreche einen effektiven, durchgeplanten Aufstand, bei dem sich alle Parteien an die Kriegsregeln halten und der schnell und wirkungsvoll vollzogen wird. Die gewinnende Partei muss vom Kriegsrecht anerkannt werden, das muss auch das Volk einsehen. Und das wird die Krone stärken, ein für allemal."
      Er lehnte sich wieder zurück. Mehrmals hatte er darüber nachgedacht an Firion persönlich zu appellieren, als Vater vieler Kinder oder als Heerführer, als Freund Zoras' Vaters oder vielleicht einfach nur als Vertrauter. Letzten Endes hoffte er, dass er den Mann auf die eine oder andere Weise zu einer Entscheidung helfen konnte.
      "Riev und Tiumus begünstigen den Aufstand, zu welchen Konditionen werde ich nicht preisgeben und auch nicht aus welchem Entscheidungsgrund. Ich habe mich bereits damals gegenüber der Strafen für Hochverrat offen geäußert und ihnen mein Wort darauf gegeben, die offizielle Führung des Aufstands zu übernehmen. Ich war es, der Seine Majestät angegriffen habe und ich war es auch, der ihn als Geißel genommen hat. Sollte dieser Aufstand untergehen, können alle meine Verbündete mit der Prämisse begnadigt werden, dass sie lediglich Beihilfe geleistet haben. In deinem Fall dürftest du auch gerne sagen, dass ich dich mit Kassandra erpresst habe, das ist mir auch recht. Ich möchte nicht die Herrscher des ganzen Landes in den Tod ziehen, ich möchte einen Aufstand gewinnen und das möglichst ohne große Verluste. Und je mehr sich dabei anschließen werden, desto mehr kann das Blutbad letzten Endes verhindert werden."
    • "Das gute Bein reagiert die Tage ein wenig zu gut auf Wetterumschwünge, würde ich fürchten. Das Alter macht es leider nicht besser."
      Dieser Kommentar sorgte dafür, dass Kassandra ein wenig ihrer Aura einsetzte und kurz darauf feststellte, dass dem alten Mann eines seiner Beine fehlte. Was er als Wetterfühligkeit beschrieb war ein Phantomschmerz, den er wohl nie verlieren würde.
      Firion lehnte sich vor und griff nach dem Krug neben seinem Becher, um sich eine klare Flüssigkeit einzugießen. Kassandras Blick wurde undurchsichtig als sie dabei zusah, wie er sein Gefäß auffüllte und den Krug dann zu Zoras herüberschob. All das geschah noch bevor das Stichwort Gift gefallen war und scheinbar erwischte es den anderen Herzog auf dem falschen Fuß. Zoras eröffnete ihm diesen Umstand nämlich in genau dem Moment, indem Firion von seinem Becher trank .Bedacht stellte er sein Gefäß wieder ab und musterte erst Zoras, dann Kassandra.
      "Sie hat versucht dich zu vergiften? Estja? Zugegeben, Gifte sind die Waffen der Frauen aber das ist höchst plakativ. Selbst wir haben Nachforschungen angestellt nachdem wir erfahren haben, dass du dem König seinen Champion entwendet hast. Reine Vorsichtsmaßnahme, deswegen hast du von mir auch keinen solchen Hinterhalt zu erwarten", erklärte Firion sein Handeln und prostete Zoras und Kassandra zu.
      Kassandra streckte sich dieses Mal nach em Krug bevor Zoras sich etwas einschenken konnte. Die klare Flüssigkeit trug keinen Geruch mit sich und war absolut unscheinbar. Als sie daran nippte stellte sie fest, dass es einfach nur reines Wasser war. Ein winziges Zucken ihrer Augenbrauen deutete Verwirrung an, die womöglich aber nur ihr Träger bemerkte, zu dem sie den Krug herüber schob und es als sicher befand.
      Entgegen Zoras lächelte Firion nicht. Der alte Mann hatte die Wahl für sein Reich zu treffen ob er sich gegen die Krone wand oder weiter in die Zukunft blicken sollte. Angesichts des Briefes, der in seinen Händen lag, war die Entscheidung schwieriger zu treffen als er es sich ursprünglich ausgemalt hatte. Glücklicherweise war Revelia bereits auf dem Rückweg - andernfalls hätte er so oder so das Leben seiner ältesten Tochter riskiert. Wenn Firion als Mann für etwas bekannt war, dann dass er seine Familienbande sogar fast gleichauf mit der Krone setzen würde. Manche munkelten sogar darüber.
      "Sicher, du besitzt mit der Phönixin an deiner Seite ein gewisses Druckmittel. Da du aber in Veren keinerlei Opfer gefordert hast und dieses Vorhaben bis hierher fortgeführt hast gehe ich davon aus, dass du sie nicht als Druckmittel einsetzen magst. Zumal ich dir in sofern vertraue als dass ich nicht den kompletten Saal mit Wachen ausfüllen lasse."
      Zumal er wusste, dass es fraglich war, ob sie ihren Zweck generell erfüllen könnten. Man hatte ihm zu Ohren getragen, mit welcher Leichtigkeit diese zierliche Frau an Seiten Zoras' sich durch Wachen metzeln konnte. Zur Hölle, sie hatte ein ganzes Batallion unbeschadet aus den Palastmauern gebracht in nur einer einzigen Nacht.
      Firion besaß die besten Handwerker des Landes. Handwerker, die sich wie gewöhnliches Volk unter die Massen mischten und an Informationen kamen, die manch Spionen verborgen blieben. So war ihm zu Ohren gekommen, dass Zoras etwas mit Feris Mutter, der Königin, gehabt hatte. Es gab nie handfeste Beweise dafür - wäre da nicht die eine Stelle in Zoras' Ausführung gewesen, die ohne sein Zutun diese Vermutung untermauerten. Die Zweifel, dass Zoras sich vielleicht selbst auf den Thron hatte schwingen wollen, stiegen jäh an.
      "Ein jeder von uns hat gesehen, dass der Junge nicht fähig war, das Amt zu übernehmen. Man hätte einen Vormund einsetzen müssen, der den Verlust seiner Majestät vorübergehend mildern kann. Niemand wird das aufgeweichte Gesicht des Jungen vergessen, der mit einer Krone ausgestattet wurde, die viel zu schwer für sein Haupt ist", bestätigte Firion und gab damit preis, dass er Feris nicht als guten König erachtete.
      Allerdings lehnte sich der alte Mann in seinem Stuhl zurück, ächzte ein wenig als er sein Bein oberhalb des Knies knetete und somit versuchte, den falschen Schmerz auszublenden. Er musste dringend abstecken, wie viel Wahrheit in den Worten steckte, die seine zahlreichen Informanten ihm hatten zukommen lassen.
      "Sag mir eines, Zoras. Du nennst dich den einzigen, der seinen Plan durchgezogen hat. Dein Putschversuch sollte beinhalten, Feris zu köpfen. Ich weiß, dass es heißt, dass sich Kassandra zwischen euch gestellt hat und doch hast du ihre Essenz an dich genommen und den Jungen am Leben gelassen. Ein sauberer Schnitt wäre angebrachter gewesen, denn jetzt hast du einen Aufstand im Lande ausgelöst, der mehr Tote fordern wird als wenn du nur einen einzigen Jungen geköpft hättest. Und nun sage mir nicht, dass du im entscheidenden Moment schwach geworden bist. Sag mir nicht, dass du den Jungen nicht enthaupten konntest aufgrund persönlicher Bindungen."
      Es ging keinerlei Regung durch Kassandras Miene, allerdings war sie aufrichtig überrascht. Dieser alte Mann besaß Informationen, an die sie erst durch schlaue Rückschlüsse gelangt war und es auch nur konnte, weil Feris sich verraten hatte. Weil man ihre Nachfragen beantwortet hatte. Binnen Sekunden verstand Kassandra, dass Firion diese Frage stellte um zu klären, ob Zoras nicht eigenmächtig Ansprüche auf die Krone erheben würde. Man unterstellte ihm ein falsches Vorhaben.
      "Also willst du einen durchgeplanten Aufstand anzetteln, der so durchgeplant war wie dein Putsch?"
      Firion trat wortwörtlich noch einmal nach. Seine Stimme war weder zornig noch anklagend - sie war ruhig und sachlich, was einzig und allein seinem Alter und seiner Einstellung geschuldet war. Es entstand ein Augenblick der Pause, in der sich alle Beteiligten intensiv musterten bevor Firion erneut seine Stimme hob.
      "Wenn der Aufstand misslingt, dann werden alle Teilhabenden zur Rechenschaft gezogen. Du wirst als Anführer der Aufständigen als Erstes den Kopf lassen, dann wird man sich uns widmen. Wenn Feris im Amt bleibt nachdem dein Kopf den Boden berührt hat, wird er sich nicht für das Recht interessieren. Du kennst das Kind besser als wir alle aber ein jeder von uns kennt seinen naiven Jähzorn. Er wird niemanden trauen, der sich dir angeschlossen hat und andere Wege finden uns aus dem Weg zu räumen. Revelia hat mir berichtet, wie es derzeit im Palast zugeht." Er deutete auf den Brief vor sich. "Der Junge ist paranoid geworden. Umgibt sich mit dutzenden Wachen und traut niemanden mehr über den Weg. Das wird er nicht ablegen wenn der Aufstand versagt. Kerellin besitzt die größte Streitmacht, gepaart mit der des Königs und Veren sind die Verhältnisse bereits gestört. Ich bin nicht erpicht darauf, meine Linie aufs Spiel zu setzen für den Versuch eine Krone zu stärken, die du unlängst hättest korrigieren können. Was mich wieder zu der Frage bringt, warum du nicht ein Leben gegen Tausende gesetzt hast."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras hätte sich etwas stärkeres zu trinken erhofft - vielleicht Bier oder auch Wein, das wäre ihm in diesem Moment auch recht gewesen. Das Wasser schmeckte fad und lustlos und machte ihm erst bewusst wie müde er war, und das nicht nur körperlich. Aber er hatte wohl kein Recht darauf nach etwas anderem zu fragen und Wasser war, im Hinblick auf Gift, wohl am sichersten. Ob Firion sich dessen bewusst gewesen war? Ob er womöglich absichtlich den Ahnungslosen spielte, nur um Zoras zu präsentieren, dass er keine mörderischen Absichten hegte? Der Gedanke kam von ganz allein und Zoras musste sich aktiv bewusst machen, dass ihm mit Kassandra an seiner Seite keinerlei Gefahr drohte. Selbst nach Wochen der Reise hatte er sich an diesen Umstand noch nicht gänzlich gewöhnt.
      "Kassandra ersetzt meine Garde, mehr ist es nicht. Ich habe sie mitgebracht, weil ich mit ihr größtenteils unerkannt reisen kann und weil ich sonst ein ganzes Bataillon an Soldaten benötigen würde, wie mein Aufenthalt in Veren gezeigt hat. Und dann hätte ich es ohne Kausalitäten nicht herausgeschafft. Ich möchte mit euch Herzogen persönlich sprechen und Kassandra hat es mir möglich gemacht, einen anderen Grund gibt es für ihre Anwesenheit nicht."
      Zumindest die folgende Aussage von Firion über den König ließ hoffen. Der Handwerksherzog teilte ein übereinstimmendes Bild über den König mit Zoras, auch wenn seins vermutlich nicht durch jahrelange Auseinandersetzungen mit dem Jungen getrübt war, bei dem er gehofft hatte, sich mit dem damaligen Prinzen anzufreunden. Natürlich war das Bild auch nicht davon getrübt, dass eine engere Beziehung zur Mutter bestanden hatte und Zoras damit den Jungen schlichtweg in einem anderen Licht gesehen hatte. Natürlich war das nicht der Fall, man konnte trotzdem hoffen.
      Das Thema über das Attentat selbst stieß ihm jetzt aber etwas säuerlich auf. Er würde wohl nicht darum herumkommen die Szene zu rekapitulieren, um den Herzog zufrieden zu stellen - Firion war nun einmal zu erfahren, um solche Sachen nicht nicht hinterfragen zu wollen - aber er wünschte sich dennoch, dass er irgendwie darum herumgekommen wäre. Das war jetzt seine Chance, die Zweifel des Mannes an ihm auszumerzen, aber er wünschte sich, dass die Chance etwas größer gewesen wäre.
      Er versuchte zu ignorieren, dass der Herzog den Knackpunkt unabsichtlich so genau getroffen hatte, dass Zoras beinahe gezuckt hätte. Kassandra hatte er von dem Konflikt über Feris erzählt, ansonsten würde er dieses Geheimnis ins Grab mitnehmen. Was zum Teufel hatte der Herzog gehört, um solche Rückschlüsse ziehen zu können?
      "Es lässt sich einfacher darstellen, als es eigentlich gewesen war, Firion."
      Seine Stimme war etwas bitter, er zwang sich zur Ruhe.
      "Lass mich damit anfangen dich daran zu erinnern, dass wir den Putsch in den eigenen Gemächern des Königs ausgeführt haben, unter hunderten Gardisten, während wir selbst nur eine handvoll zur Verfügung hatten. Gemessen an den Umständen, die uns umgeben hatten, ist es daher gut gelaufen. Das einzige, was außer unsere Kontrolle geraten ist, war der Zufallsfaktor. Ich gebe zu, dass Kerellin meine Schuld gewesen war - ich hätte mich ihrer Loyalität versichern müssen, mehr, als ich es bereits getan hatte, denn ich habe bis zum letzten Moment nicht begriffen, dass sie ein doppeltes Spiel geführt hatte, für wie lange es auch war. Damit hat es angefangen, denn anstatt den König in seinen Gemächern anzutreffen, hatte Meriah ihn schon gewarnt und weggebracht. Es hat die Zeit bis zum eintreffenden Alarm wesentlich verkürzt.
      Was gänzlich außerhalb unserer Kontrolle lag, war Kassandra und der Jäger, Caphalor. Kassandra hat lediglich ihren Träger geschützt, daran lag schlussendlich auch unser Scheitern, das will ich bezeugen, aber Caphalor hat Söldner gespielt. Man hätte meinen können, dass er auf Seiten des Köngis stand, bevor er sich dazu entschlossen hatte, seine eigene Seite zu wählen. Als er damit ungewollt Kassandra ablenkte und ich zum König hindurchkommen konnte, war der Alarm schon längst ausgelöst und die Soldaten hatten sich vor unserer Tür versammelt. Kannst du dir vorstellen was geschehen wäre, wenn ich vor sämtlichen Wachen des Palastes den König enthauptet hätte? Ich hätte mir die Krone mit roher Gewalt aneignen müssen, was wohl kein Problem gewesen wäre, nachdem ich Kassandra übernommen hatte, aber ich hätte die Soldaten vor die einfache Wahl stellen müssen, ihren neuen König anzuerkennen oder zu sterben, denn entweder sie halten sich an das Gesetz und verlangen nach meinem Kopf für Hochverrat, oder sie erkennen mich an. Leben oder sterben, das sind die einzigen Optionen für sie. Ich hätte meine Regentschaft entweder als Tyrann begonnen oder mit einem regelrechten Massaker, durchgeführt von einer übermenschlichen Kraft - was wohl auch Tyrannei geendet wäre. In welchem Land wäre ein solcher Umschwung zielfördernd? In welchem Land wäre damit der Unmut des Volkes erstickt worden? Sicherlich nicht in unserem, Firion. Ich habe das beste aus der Tatsache gemacht, dass es plötzlich einen Champion in diesem Land gibt und ich werde das Beste auch weiterhin verfolgen. Zum Wohle des Landes."
      Er kniff die Augen ein wenig zusammen ob Firions provozierender Aussage.
      "Gemessen an diesen Faktoren also, von denen nur Kerellin geplant und gescheitert ist, habe ich sehr wohl beabsichtigt, meinen Aufstand so durchgeplant durchzuführen wie den Putsch. Aus Kerellin habe ich gelernt, ich habe außerdem einen Champion an meiner Seite. Vielleicht kann eine Schlacht sogar verhindert werden."
      Zwar nicht so, wie Zoras es geplant hatte, aber das musste Firion schließlich nicht wissen. Der Mann musste nicht in jedes Detail eingeweiht werden.
      Die Nachricht über Feris' Gemütszustand traf ihn etwas unvorbereitet, aber auf der anderen Seite hätte er wohl genau damit rechnen müssen. Er war die letzten Wochen schlichtweg zu beschäftigt gewesen um sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie es dem Jungen wohl gehen mochte. Gemessen an den Umständen war es sogar äußerst verständlich, wie das Kind reagierte.
      "Feris ist schlau, er lässt sich nur gerne von Emotionen leiten, das ist sein Problem. Wer könnte es ihm auch verübeln? Er hat seinen Vater niemals kennengelernt, seine Mutter ist quasi vom einen auf den anderen Tag gestorben und er wurde, kaum aus dem Kindsalter heraus, in den höchsten Stand des Landes eingeführt, mit abertausenden Menschen, die in seiner Verantwortung liegen. Wenn ich damals das Amt gleich übernommen hätte, als mein Vater gestorben ist, wäre ich auch reichlich überfordert gewesen und ich war damals 21, er war 16 als er gekrönt wurde. 16 Jahre, Firion! Hab Nachsicht mit einem Jungen, der gerade mal in den Stimmbruch gekommen ist."
      Er nahm einen tiefen Atemzug, um sich nicht plötzlich in Rage zu reden. Das war der falsche Zeitpunkt, das falsche Thema. Zurück zum Kern des Gesprächs.
      "Wir haben alle Familie, jeder von uns. Du hast gleich mehrere Kinder, Estja hat einen Sohn, Meriah hat eine Nichte, Eiklar hat Brüder mit Kindern und Emjir hat Cousins. Wir stammen alle noch aus der Blutslinie der Gründerväter und sie wird auch weiter geführt werden, ob wir leben oder nicht. Wenn Feris seiner... Paranoia nachgeben wollen würde, müsste er unsere sämtlichen Familien auslöschen, damit unsere Erben nicht den Anspruch auf unsere Ämter erheben - zu rechtens, möchte ich erwähnen. Er müsste jahrhundertealte Tradition brechen und selbst Feris ist zu schlau dafür, um so etwas zu wagen, besonders nach einem Aufstand. Es würde nur einen weiteren Aufstand mit sich ziehen."
      Er sah Firion eindringlich an.
      "Aber das wäre auch nur der Fall, wenn wir verlieren. Ich habe nicht vor zu verlieren, ich habe vor das Land zu einen, schnell und hart und effektiv. Wir werden den unzufriedenen Menschen geben, nach was sie verlangen, und wir werden die Zweifel der zufriedenen ausmerzen. Was ist die Alternative, möchtest du dich gegen mich stellen und den Aufstand weiter hinauszögern, weil wir erst darum kämpfen müssen, wer die größere Macht hat, wer mehr Land besitzt, wem mehr Soldaten unterstehen? Ist es das, was du für deine Kinder willst, dass wir die nächsten Jahre mit einem Aufstand verschwenden? Oder dass sie sich immer fragen werden, ob nicht jemand anderes sich eines Tages erheben wird, der den Aufstand anführt und dann auch gegen die Herzöge vorgeht? Wir können etwas verändern, Firion, für das Land, für unsere Nachkommen - für den König. Möchtest du etwa die Paranoia des Jungen unterstützen, indem du den Aufstand länger anhalten lässt, als nötig wäre, anstatt ihn kurz und sauber zu halten und den Konflikt zu beenden? Ja, es wäre sauberer gewesen, wenn ich seine Kehle damals durchgeschnitten hätte. Ich habe es nicht getan und jetzt muss ich meine Soldatenkraft aufbringen und das Land in Chaos stürzen, um diesen Fehler wieder gutzumachen. Ich trage dafür die volle Verantwortung, es war mein Vergehen, ich werde es ausbaden. Ich möchte dafür aber nicht das Leben unschuldiger gefährden. Wenn ich sterbe, wird mein Bruder Ryoran das Amt übernehmen und wenn er und seine Frau sterben, wird es sein Junge übernehmen - mein Neffe ist 14 Jahre alt, du kannst dir vorstellen, dass ich ihn nicht demselben Schicksal aussetzen will wie Feris einst ausgesetzt wurde. Lass es uns deswegen schnell und präzise machen, eine sprichwörtliche Enthauptung, wenn du so willst. Wir werden dem ganzen Land die Qual von jahrelangen Kämpfen ersparen und es einmal wirkungsvoll starten und beenden - mit deiner Hilfe, Firion, nicht weil du die Soldaten hast, sondern weil du Teil dieses Landes bist. Sorge nicht dafür, dass deine Tochter plötzlich deinen Platz einnehmen muss. Ich denke, sowas haben wir in Theriss schon oft genug erlebt."
    • Firion schaubte anhand einer einzigen Bemerkung.
      "Feris ist schlau? Der Junge hat nur Stroh in seinem Kopf. Du kannst mir nicht erzählen, dass er nicht einen einzigen Moment hatte, in dem er nicht ruhigen Gemütes war. Fragen wir doch einfach eine Begleitung", sagte er und richtete seine Aufmerksamkeit auf Kassandra, die seinem Blick problemlos standhielt. "Du warst an seiner Seite bevor der Putsch fehlschlug. Bevor sich die Ereignisse überschlagen haben. Hat er sich ausnahmslos von seinen Gefühlen lenken lassen?"
      Es vergingen ein paar Sekunden ehe Kassandra antwortete.
      "Nein, das hat er nicht. Es stimmt, dass er zerfressen ist von Vorurteilen und naiven Einstellungen. Allerdings hat er mich in ruhigen Stunden gefragt, wie ich gehandelt hätte. Allerdings machte er den Fehler nicht auf seine Berater zu hören."
      Sie würde nicht sagen, dass Feris eine besondere Abneigung gegenüber Zoras entwickelt hatte. Das würde nur die Theorie des Handwerksherzoges bekräftigen und das war das letzte, was sie erreichen wollte. Problematisch war nur, dass der Mann scheinbar auch so siene eigenen Rückschlüsse zog und wie viel davon die Wahrheit trafen lag nur in seinem Ermessen.
      Da fiel ihr erst auf, dass Firion sie eingehender musterte als er es bei Zoras getan hatte. Ihre Augen verschmälerten sich kaum merklich und sie konnte schwören, etwas wie Erkenntnis in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Welche Rückschlüsse hatte dieser alte Mann jetzt wieder gezogen?
      Dann brach Firion den Blickkontakt ab und seufzte einmal gedehnt. "Zoras, du merkst, dass du Partei für einen Jungen ergreifst und nicht die deines Königs? Böse Zungen würden nun behaupten, du sähest in ihm dein eigen Blut. Gut, dass ich nicht zu dieser Riege zähle."
      Er nahm beiläufig einen Schluck aus seinem Becher, um eine Pause zu erzeugen. Der Mann wusste definitiv zu viel.
      "In einem Punkt gebe ich dir jedoch recht. Feris wird nicht unsere komplette Blutlinie ausrotten. Er wird nur diejenigen hängen lassen, die in direktem Kontakt zu dir standen. Das sind die Herzöge, die sich mit dir verbünden. So weit reicht sein Misstrauen nicht als dass er meine Kinder oder die der anderen ebenfalls hinrichten lassen würde. Das ist auch nicht einmal das Problem, aber wie gedenkst du, soll der Junge aus diesem Aufstand heraustreten? Du willst mit deinem Aufstand Erfolg haben und Feris stürzen damit nicht das Massaker ausbricht, das du bereits einmal verhindert hast. Feris wird sich nicht kampflos geschlagen geben, es wird zu einer Schlacht kommen. Das weißt du genauso gut wie ich und falls nicht - deine Begleitung wird ähnliche Vorgehen bereits etliche Male miterlebt haben."
      Sein Blick ging flüchtig zu Kassandra, die langsam nickte. Menschen neigten nicht dazu kampflos aufzugeben erst recht wenn dies bedeutete, seinen Rang und Namen oder gar sein Leben dadurch zu verlieren. So wie sie Feris einschätzte würde er nicht kampflos abtreten. Es würde zu der Schlacht kommen, die Opfer fordern würde. Nur plante Zoras gar nicht erst zu gewinnen. Wie wollte er dann diesen alten Herzog täuschen, der scheinbar viel zu viel wusste?
      Firions raue genarbte dicke Finger strichen über den Brief vor ihm als sei es etwas Bedeutsames. Etwas, das Sorgfalt bedurfte und das man nur mit Samthandschuhen berühren durfte. Er begegnete Zoras' eindringlichem Blick mit einer schier unendlichen Ruhe in den Augen. Doch Kassandra sah, dass er abwägte. Dass er die gerade gehörten Informationen mit etwas abglich, das er bereits in Erfahrung gebracht hatte.
      "Du weißt, dass ich mit deinem Vater sympathisiert hatte. Wir beide waren nie sonderlich darauf erpicht mehr Blut zu vergießen als unbedingt nötig. Sein Handeln ehrt ihn - ich hätte mich damals nicht geopfert wie er es getan hat. Deshalb sitze ich immer noch auf meinem Platz. Ich muss abwägen, wie wir mit dieser Angelegenheit fortfahren. Ich wurde angehalten den König zu informieren sobald du meinen Sitz betreten hast. Ich werde also gleich in Ruhe ein Schreiben aufsetzen und es morgen mit der Taube losschicken. Bis dahin seid meine Gäste. Entgegen dem Hause Veren tendiere ich nicht dazu, Ehrenmänner des gleichen Amtes unflätig zu behandeln - seien sie Verräter oder nicht."
      Kassandra warf einen Blick zu Zoras herüber. Das waren erst einmal gute Nachrichten. Sie spürte nicht, dass seine Worte die Täuschung trugen und hier drin wäre es sicherlich sicherer als draußen in den Ländereien zu campieren.
      "Ich lasse euch Zimmer herrichten. Findet wenigstens für diese Nacht etwas Ruhe. Ihr seht Beide aus als könntet ihr sie mehr als dringend gebrauchen."
      "Verzeiht, aber ich möchte anmerken, dass ein Gemach reicht. Ich unterstelle Euch keine Missgunst aber seht mir nach, dass ich in unsicherem Gebiet meinen Träger ungern aus den Augen lasse", warf Kassandra dazwischen und tauschte einen Blick mit Firion aus, der plötzlich lächelte.
      Das Lächeln eines älteren, gutmütigen Mannes. "Ich habe nicht anderes von Euch erwartet, Kassandra."

      Es war schon Abend als Kassandra und Zoras in ihr Gemach einkehrten. Man hatte eines der breiten Sofas mit Kissen und Decken hergerichtet, dass wer auch immer von ihnen beiden dort nächtigen konnte. Das Zimmer an sich war recht üppig geschnitten: Das Bett hatte keinen Baldachin, war aber breit genug für mindestens drei Personen. Die Stoffe waren höchster Qualität, genauso wie der großräumige Teppich, der mit herausragender Sorgfalt geknüpft worden war. Vor den großen Fenstern hingen schwere Vorhänge, die man als Sichtschutz zu ziehen konnte.
      Es war ihnen extra ein ausladendes Mahl gebracht worden welches sich Kassandra und Zoras dankbar einverleibten. Nichts von den Speisen war vergiftet worden oder dergleichen und ließ Kassandra schätzen, dass sie hier wirklich wenig Probleme zu erwarten hatten. Gerade noch waren sie sich in ihrem Raum am umsehen, da klopfte es und die Tür wurde leicht geöffnet. Es schob sich der Kopf eines Bediensteten durch den Spalt.
      "Ich darf Euch mitteilen, dass die Bäder bereit sind sofern der Wunsch besteht."
      Damit verschwand der Bedienstete wieder und ließ Träger und Champion allein.
      "Wie es aussieht scheint Niligad Gastfreundschaft hoch anzusehen", bemerkte Kassandra und betrachtete Zoras, der sich wieder mit den zahllosen Knöpfen seiner Uniform duellierte. "Ich bin mir nicht sicher, aber Firion scheint unglaublich viel zu wissen oder zu ahnen. Nutzt er ein Netzwerk? Es klang zwischenzeitlich so als wüsste er um deine Verhältnisse zu gewissen Personen."
      Sie sprach halb verdeckt weil sie sich nicht sicher war, ob man sie vielleicht doch abhörte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Zoras. Er schien immerhin nicht mehr ganz so angespannt zu sein wie bei ihrer Ankunft.
      "Denkst du, seine Bedenkzeit wird sich positiv auf dein Vorhaben auswirken?

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Selbst inmitten eines Aufstandes, als Hochverräter und versuchter Königsmörder gebrandmarkt, war es Zoras noch immer nicht recht, schlecht über den König zu reden. Er konnte sich damit mehr schlecht denn recht davon zurückhalten, Firion mit einem säuerlichen Blick zu taxieren. Es war schließlich auch sein König, wollte er ihm fast sagen, aber das ging mehr als zu weit. Er musste sich ein bisschen besser zusammenreißen, die Erschöpfung der Reise und der unoffiziellen Flucht forderten Tribute von ihm, die er nicht gewillt war zu geben. Ruhig bleiben und konzentrieren, später könnte er sich immernoch ausruhen.
      Ihm entging der Blick nicht, den der Herzog auf Kassandra richtete und der ihn ein wenig an seinen eigenen Vater erinnerte, wenn er besonders stark über etwas nachdachte. Fast hätte Zoras sein Gehirn rattern gehört.
      Dann war es wieder vorbei und Firion konfrontierte ihn mit dem, wo er sich vor ein paar Sekunden fast selbst hineingeritten hätte. Jetzt aber blieb seine Miene eisern und er legte nur ein wenig den Kopf zurück.
      "Ich habe Feris das Reiten beigebracht und das keinem König, sondern einem Jungen - natürlich sehe ich ihn manchmal als das, was er eigentlich ist. Wenn ich eigenes Blut wollte, hätte ich welches und würde keinen König an die Stelle setzen, so einfach ist das."
      So einfach wäre es, wenn es der Wahrheit entspräche, aber bisher hatte er allerhöchstens Kassandra indirekt vermittelt, wie gerne er selbst Kinder hätte. Vielleicht konnte es auch Ryoran erkennen, wie sehr Zoras manchmal um Teal herumsprang, als wäre er der eigentliche König, aber der Rest der Welt wusste davon nichts und ganz besonders nicht Firion, der ihn, wenn überhaupt, im Palast antraf. Dementsprechend konnte er wohl getrost ein bisschen lügen.
      Bei Firions weiterer Fortsetzung nickte er schlicht.
      "Es wird zu einem Aufeinandertreffen kommen, daran führt wohl kein Weg vorbei. Feris - Seine Majestät wird aber noch die Möglichkeit haben, eine Schlacht abzuwenden, wenn er sich an sein Kriegsrecht hält. Im besten Fall wird er es tun und sich ergeben, im schlimmsten Fall werden wir gegen unsere eigenen Landsleute antreten. Dieser letzte Fall würde aber eintreffen egal für welche Seite du dich entscheidest. Enthalten kannst du dich nicht, nicht wenn Seine Majestät seine Pflicht als König erfüllen und seine Herzöge in den Krieg führen muss. Dann wirst du auf einer Seite stehen, nur wo obliegt ganz deiner Entscheidung."
      Nicht, dass die erste Variante realistisch war - Zoras würde schlichtweg verhindern, dass Feris starb, solange es mit dem Kriegsrecht übereinstimmte. Aber auch das musste Firion nicht wissen, auch wenn Zoras langsam das unangenehme Gefühl beschlich, dass der Mann so schon mehr wusste, als gut war. Vielleicht sogar zu viel? Er sollte womöglich aufhören, seine Antworten so ausschweifend zu gestalten.
      Die Runde kam zu einem langsamen Ende, dem Zoras voller Erleichterung entgegen sah. Er nickte dem Herzog geduldig zu und überhörte dabei absichtlich, wie er ihn einen Verräter nannte. Das war er schließlich auch.
      "Tu, was du tun musst, ich werde deine Abläufe nicht aufhalten."
      Er stand auf.
      "Und danke für die außerordentliche Gastfreundschaft."

      In ihrem gemeinsamen Zimmer, das sie anstandslos zugewiesen bekommen hatten, ließ Zoras endlich die Schultern fallen und bemühte sich, aus seiner engen Kleidung zu kommen. Sie durften essen und sie durften auch ein Bad nehmen, der ganze Komfort eines Herzogsitzes, der ihnen in Veren größtenteils verwehrt geblieben war. Zoras seufzte; wann hatte er denn das letzte Mal ein entspanntes Bad genommen? Vermutlich noch bevor er wieder zum Palast gereist war. Die Aussicht darauf war schon ungemein befreiend.
      Mit einer Schicht weniger, nachdem er sich zumindest von seiner Jacke befreit hatte, wandte er sich Kassandra zu, die mindestens genauso müde aussah wie er. Auch sie hatte die vergangenen Nächte schlecht geschlafen und sie sehnten sich vermutlich beide gleichermaßen nach einem bequemen Bett. Selbstverständlich zusammen, es war gar keine Frage, dass keiner von ihnen das hergerichtete Sofa wählen würde.
      Zoras strich sich durch den Bart und machte sich an die nächste Schicht Klamotten.
      "Er hat seine Handwerker im ganzen Land verteilt, es würde mich wundern, wenn er mit ihnen kein Netzwerk aufgebaut hätte. Der Schneider, bei mir Zuhause, wird vermutlich selbst Teil davon sein. Wenn Pferde sprechen könnten, hätte ich mir eine ähnliche Macht aufgebaut."
      Sie wurden ganz sicher belauscht, dessen war er beinahe schon überzeugt, aber er hatte nicht vor, irgendeine Geheimniskrämerei vorzugeben. Er würde frei heraus über den Herzog reden, solange er damit in keinen pikanten Gebieten landete.
      "Ich denke, dass er seinen Vogel durchaus auch heute hätte verschicken können. Die Tatsache, dass er es morgen machen will, bedeutet entweder, dass er wirklich noch überlegt, oder dass er abwarten will - vielleicht was wir machen, wie wir uns verhalten. Es würde mich auch nicht wundern, wenn er noch auf Berichte seiner Handwerker wartet. Aber das heißt auch, dass er nicht so sehr von Seiner Majestät überzeugt ist, um ihm gedankenlos zu folgen. Er will vermutlich auch jemand anderen an seiner Stelle auf dem Thron sehen, die Frage ist nur, ob er sich dafür meiner Sache anschließen wird. Es [b]geht viel weniger um das Warum und vielmehr um das Ob und davon müssen wir ihn überzeugen.[/b]"
      Er befreite sich endlich, ging zu Kassandra und strich ihr für einen Moment gedankenverloren die Haare zurecht. Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, der Phönixin so nahe sein zu dürfen und kostete es mit allen Mitteln aus.
      "Firion ist ein Mann, der erst alle Informationen um sich sammelt, sie auswertet und erst mit seiner Entscheidung hervorkommt, wenn sie schon längst gefallen ist. Wir können ihn darin beeinflussen und ihm helfen, aber wir können nie erfahren, inwieweit er schon eine Entscheidung getroffen hat, oder ob er noch Informationen sammelt. Es obliegt ihm allein damit auf uns zuzukommen. So war er schon immer, mein Vater betonte immer, wie schwierig er einzuschätzen ist. Das kann ich wohl bestätigen."
      Er legte ihr die Hand an die Wange, als wolle er sie gleich küssen, bewegte sich dann aber nicht, sondern sah ihr nur kurz in die dunklen Augen. Sie waren so ruhig und weich, es hätte nur ein Schnippen benötigt und er hätte sich in ihnen verloren.
      Schließlich strich er mit dem Daumen über ihre Wange und nahm die Hand wieder weg.
      "Komm, lass uns mal sehen, wo der Herzog seine niligadschen Bäder versteckt hat. Ich muss gestehen, dass ich diesen Teil seines Sitzes auch noch nicht besichtigt habe."
    • Es lag etwas zufriedenes in Kassandras Blick während sie dabei zusah, wie sich Zoras aus seiner Jacke schälte und die Schultern sichtbar hängen ließ. Sie selbst war auch nicht mehr höchst alarmiert aber noch weit entfernt von der Entspannung, die sie auf dem Sitz der Luors verspürt hatte. Ehrlich gesagt schmerzten ihr die Glieder, wenn sie einen Gedanken daran verschwendete und sie musste ebenso fertig aussehen wie der Mann ihr gegenüber.
      "Ich stelle es mir schwierig vor, so engen Kontakt zu einfachen Handwerkern im ganzen Reich zu halten. Wobei... vermutlich sind Zünfte eingerichtet worden? Das würde den Austausch der Informationen erheblich beschleunigen."
      Sie selbst trug immer noch den Überwurf über ihre Kleider. Sie war allgemein luftiger und weniger festlich gekleidet als er und musste sich daher nicht aus tausenden an Schichten schälen. Sie nahm ihm sogar das nächste Unterhemd ab bevor er es einfach zur Seite legen konnte und faltete es sorgfältig, um es zur Jacke zu legen.
      "Vielleicht ist es ja auch von allem ein bisschen. Es klang danach als hätte er seine Seite noch nicht endgültig gewählt. Nachdem er sich deine Worte angehört hat wird er die Waage vielleicht neu bestücken. Abwarten ist da die deutlich klügere Entscheidung, allerdings bezweifle ich, dass er über seine Zünfte eine neue Erkenntnis gewinnen dürfte. Außer, es geht etwas im Palast vor, von dem wir nichts wissen."
      Kassandra fühlte sich einen Augenblick lang überrumpelt als Zoras selbstverständlich zu ihr kam um ihr einige der klitschigen Strähnen aus dem Gesicht zu wischen. Ihre schwarzen Haare vertuschten die meiste Zeit über, dass sie bereits längere Zeit sich nicht ordentlich hatten waschen können, aber die kleinen Ausreißer fanden doch noch ihren Weg in ihr Gesicht. Was sie für ein paar Sekunden überraschte verwandelte sich alsbald in Akzeptanz während er weitersprach und sie ihn einfach nur ansah.
      Die Hand an ihrer Wange weckte altbekannte Erinnerungen. Fast schon rechnete sie damit, dass er sich in einem erneuten Versuch zu ihr beugen würde, nur dass sie ihn dieses Mal vermutlich nicht abgewiesen hätte. Doch er gab sich damit zufrieden sich in ihren Augen zu verlieren und das war ihr ebenfalls recht. Sie waren beide müde, auf mehreren Ebenen, und da war dieses bisschen Zärtlichkeit ein Luxus, den sie sich gegenseitig verwehrt hatten.
      Auf seinen letzten Satz hin musste Kassandra dann doch schmunzeln.
      "Wusstest du, dass ich eine Schwäche für schöne Bäder habe?"

      Die niligadschen Bäder befanden sich erstaunlicherweise im Untergrund.
      Zu ihrer beiden Erstaunen führten die Zofen Zoras und Kassandra über in Stein geschlagene Treppen abwärts und es dauerte einen Moment ehe sie realisierten, dass das Gebäude gar keine Baute per se war sondern auch einem Felsmassiv geschlagen worden war. Sie gruben sich mit jeder Stufe praktisch tiefer ins Erdreich hinein bis etliche Fackeln ihren Weg erhellten. Der Gang war allerdings nur recht schmaler Natur - es gingen lediglich drei Türen von ihm ab und damit war die Ausbaute untertage scheinbar begrenzt.
      "Wieso wurde das Bad unterirdisch errichtet? Ich dachte, man richtete oberirdisch extra Räume dafür her?", fragte Kassandra die Zofe, die ihre Handtücher unter die Arme geklemmt hatte und der Phönixin ein strahlendes Lächeln zuwarf.
      "Ihr erinnert Euch doch sicherlich daran, welch ein Aufwand es ist, das Wasser ständig zu erhitzen. Als sich damals die ersten Niligads hier niedergelassen und damit begonnen haben, den Sitz aus dem Massiv hier zu schlagen sind sie auf Wasseradern gestoßen. Wasser, das schon heiß aus dem Erdinneren aufstieg. Man machte sich diese Gegebenheit zu Nutze und schlug den Stein weiter aus. Außerdem ist man während eines Bades immer verletzlich - etliche Meter Stein um einen herum stimmen da schon etwas zuversichtlicher, findet ihr nicht?"
      Die Zofe verhielt sich völlig uneingeschüchtert und schien gar nicht zu wissen, dass Kassandra eine Phönixin und Zoras der hochverräterische Luorherzog war. Sie machte einfach zufrieden ihren Dienst und hielt schließlich vor der letzten Tür, aus der schon leichter Dampf waberte.
      "Das hier ist die Tür zum eigentlichen Badbereich. Die Tür daneben ist der Wartebereich. Ihr könnt Euch demnach abwechseln damit ein jeder von Euch seine wohlverdiente Ruhe hat. Ihr dürftet alles im Innenbereich vorfinden, was Ihr benötigen solltet. Falls nicht ruft einfach in den Gang, oben an den Treppen wartet eine Wache", schloss die Zofe ihre Erklärung während Kassandra ihr die Handtücher abnahm.
      Damit verschwand die Dame über die Treppe wieder nach oben und ließ Champion und Träger allein. Einen Augenblick lang sah Kassandra der Frau hinterher, dann schürzte sie die Lippen.
      "Sehr zuvorkommend. Ich fürchte, sie hat nicht damit gerechnet, dass wir noch immer in unsicherem Terretorium sind... Wie auch immer. Nach dir", sagte Kassandra, deutete auf die Tür und wartete bis Zoras eingetreten war, um ihm zu folgen und hinter sich die Tür wieder zu schließen.
      In Niligad gab es exakt ein einziges Thermalbad und dies war nur im Sitz der Familie zugängig. An den Wänden brannten Fackeln aus Talg in Schalen, das unberührt von der allgemeinhohen Feuchtigkeit in diesem Raum blieb. Der komplette Raum war aus dem dunklen Stein geschlagen und in tagelanger Arbeit auf Hochglanz poliert worden. Steinbänke waren an den Seiten zu finden auf denen man seine Habseligkeiten ablegen konnte. Die Decke war halbrund ausgeschlagen worden mit einer Art Schornstein in der Mitte, der gepaart mit einem Gegenstück für Frischluft sorgte. Vor ihnen war der Boden mit einem Teppich ausgelegt damit man nicht mit nackten Füßen über den Stein gehen musste, der durch die Thermalkraft leicht aufgeheizt war wie bei einer Fußbodenheizung. Das eigentliche Becken maß gut vier mal sechs Meter und schien im hinteren Drittel noch einmal tiefer ausgehoben worden zu sein. Der vordere Bereich war so konzipiert, dass man sich ausstrecken konnte und den Kopf auf Tüchern, die man wie Kopfkissen am Rand des Beckens aufgerollt hatte, ablegen konnte. Der ganze Raum war nicht nur feucht sondern auch mindestens fünfundzwanzig Grad warm, wenn nicht noch mehr. Eine dezente Note von Kräutern lag in der Luft und in einer Ecke des Beckens standen am Rand Schalen, die mit unter mit Salz gefüllt waren.
      "Ich bin schwer beeindruckt", gestand Kassandra, deren Augenbrauen anerkennend gehoben waren während sie den Blick schweifen ließ und sich gar nicht daran störte, dass es kein Tageslicht gab. Sie schälte sich augenblicklich aus ihrem Schuhwerk und trat mit den nackten Füßen auf den Stein nebst des Teppichs. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen als sie die Wärme des Erdkerns darin erkannte. Gemächlich steuerte sie eine der Steinbänke an, wo ebenfalls aufgerollte Tücher lagen, und nahm Platz. Sie überschlug die Beine während sie die mitgebrachten Tücher neben sich ablegte und ein verschmitztes Lächeln zu Zoras warf.
      "Keine Sorge. Ich schaue auch weg, wenn du dich schämst. Aber wie die Zofe schon sagte: Beim Bad ist man fast so verwundbar wie während des Schlafes."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Niligad hatte sich bei der Errichtung seiner Bäder keineswegs zurückgehalten. Der Raum hätte ein Tempel sein können, so elegant wie er in den Stein gehauen war, so geheimnisvoll wie seine dunklen Wände gehalten wurden. Das Fackellicht wirkte schon beinahe rituell, so wie die Schalen im perfekten Abstand zueinander an die Wand gebaut worden waren, um den ganzen Raum in ein dämmriges, aber ausreichend helles Licht zu tauchen. Das Wasser lag vollkommen still in seinem Becken, gänzlich ungestört und irgendwie friedlich. Vorne konnte man noch sehr schwach den Boden erkennen, hinten war es schon zu tief dafür.
      Zoras hatte sich knapp bei der Zofe bedankt; jetzt, wo sie alleine waren, wandte er sich mit vor Überraschung hochgezogenen Augenbrauen an Kassandra.
      "Du bist beeindruckt? Schwer beeindruckt?"
      Zugegeben, der Raum war ganz hübsch. Ein bisschen zu wenig Tageslicht für Zoras' Geschmack. Aber Kassandra war schwer davon beeindruckt?
      "Bei den Göttern, hoffentlich kommt das nicht Firion zu Ohren. Zum Schluss wird er sich damit rühmen, dass eine jahrhunderttausend alte Phönixin seine Bäder schön findet."
      Er zögerte einen Moment, dann stemmte er in gespielter Theatralik seine Hände in die Hüfte.
      "Wieso hast du dich da nicht von meinen Pferden schwer beeindrucken lassen? Ich merke schon ganz deutlich, wen von uns beiden du bevorzugst. Das werde ich mir zu Herzen nehmen."
      Aber er grinste, während er das sagte, und zwinkerte ihr schließlich zu.
      Während die Phönixin sich zu einer der Bänke aufmachte, ging er zum Wasser, beugte sich hinab und tauchte eine Hand hinein. Das Wasser war angenehm warm, fast schon zu warm für seinen Geschmack. Wenn er sich nur ein wenig zu sehr bewegte, würde er hier drinnen anfangen zu schwitzen, das konnte er jetzt schon spüren. Aber wahrscheinlich war das genau der Zweck dahinter.
      Er sah sich nach Kassandra um, die sich geziemt auf einer der Bänke niedergelassen hatte, und richtete sich auf. Das Grinsen war wieder da.
      "Wenn ich mich schäme? Ich muss den Anblick nicht ertragen, du riskierst hier etwas, wenn du weiter zusiehst."
      Tatsächlich besaß Zoras kein Schamgefühl mehr, nicht wenn man in der Armee kämpfte. Ein Körper war ein Körper und seiner wurde schon häufiger angesehen, als er zu zählen wagte.
      Auch wenn keine der Augen jemals einer Phönixin namens Kassandra gehört hatten.
      Er ließ einen neugierigen Blick auf sie gerichtet, um zu sehen, was für ein Schamgefühl Phönixe besaßen, bevor er sich das Hemd mit einer Armbewegung über den Kopf zog. Glücklicherweise hatte er sich schon vorhin mit der Uniform auseinandergesetzt und sie abgelegt.
      Zum Vorschein kam das Gegenstück zu Firions verlorenem Bein: Das gepeinigte Fleisch 20 Jahrer Kampferfahrung. Zoras' Muskeln waren prägnant und definiert, stählerne Erhebungen unter der Haut, die tägliche, körperliche Last auszeichneten. Seine Haut selbst wies an vielen Stellen die typischen, länglichen Einschnitte scharfkantiger Waffen auf, die sich viel weniger auf seiner Brust und eher auf seinen Armen wiederfanden. Seine Haut hatte unlängst die jugendliche Unversehrtheit abgelegt und Hornhaut gebildet, wo sonst keine anzutreffen gewesen wäre. An manchen Stellen vernarbter Haut wuchsen keine Haare mehr.
      Er entledigte sich auch seiner restlichen Kleidung, präsentierte dabei die noch viel stärker ausgeprägten Beinmuskeln eines Kavalleristen und stieg schließlich ins Wasser hinab. Es war sogar recht angenehm jetzt, wo es langsam seine Hüfte empor kroch, je tiefer er hinein watete. Kleine Wellen stoben von ihm weg, an den Rändern plätscherte es ein wenig und hallte in dem hohen Raum wieder. Er könnte sich schon fast daran gewöhnen.
      "Vielleicht bin ich auch ein wenig beeindruckt", gestand er in den Raum hinein, bevor er sich umsah und eine der Unterwasser-Erhebungen anstrebte, um sich darauf zu setzen, sich an den Rand zu lehnen und die Arme darauf abzulegen. Eigentlich war das sogar ziemlich gemütlich. Er legte den Kopf zurück auf einem der Tücher ab und schloss die Augen.
      "Ich sollte häufiger einen Aufstand anzetteln, wenn mich sowas erwartet, was?"
      Aber nur mit Kassandra an seiner Seite. Sie war schließlich der eigentliche Grund, weshalb er sich hier so sorglos zurücklehnen konnte und sogar soweit gegangen wäre, einfach einzuschlafen. Ganz unabhängig davon, was sie in Veren erlebt hatten, er würde Firion niemals genug Vertrauen zukommen lassen, um sich in seinen Gemächern gänzlich zu entspannen. In seinem Gästezimmer vielleicht, aber nicht hier, irgendwo unter der Erde, beschränkt auf einen einzigen sichtbaren Ausgang. Nein, hier war er nur wegen Kassandra so sorglos.
      Und was war mit ihr? Hatte sie in diesem dämmrigen Raum genauso wenig Sorgen, ihren Träger am Leben zu erhalten, so wie sie es die letzten Wochen haben musste? Er hatte sich schließlich darauf verlassen, mit ihr einen vollwertigen, ganztägigen Schutz zu haben, aber letzten Endes lief es darauf hinaus, dass sie sich darum kümmern musste, ihm diesen Schutz zu bieten. Seine Garde konnte sich abwechseln und Pause machen, Kassandra war sozusagen immer an der Arbeit.
      Er öffnete die Augen wieder, hob den Kopf und suchte Blickkontakt zur Phönixin.
      "Kassandra."
      Sie saß noch immer auf der Bank, sah zumindest etwas entspannt aus. Etwas zu wenig für seinen Geschmack.
      "Komm herein, es ist wirklich warm."
      Er setzte sich auf, wandte den Kopf ein bisschen.
      "Ich habe die Tür im Blick, du musst nicht darauf achten. Entspann dich und lass deine Gardisten-Funktion einmal vor der Tür liegen, uns wird hier niemand behelligen. Darauf werde ich schon aufpassen."
    • "Natürlich bin ich beeindruckt von so viel handwerklichem Können. Was denkst du, wie lange die Arbeiter hier geschürft haben bis man eine dermaßen ebene Fläche in den Stein bekommt? Das sind Wochen der Arbeit."
      Kassandras Mimik strauchelte ein wenig als sie sah, wie Zoras die Hände in die Hüften stemmte. So eine Geste hatte sie in ihrer gesamten Bekanntschaft nicht einmal gesehen und irgendwie machte ihn das gleich etliche Jahre jünger. Sie ließ zu, dass sich das Lächeln auf ihren Lippen etwas verbreiterte. Es hielt jedoch nur ein paar zerbrechliche Augenblicke lang an. Bis zu exakt dem Moment in dem Zoras auf ihre Spielerei einging.
      Sie hatte sich an den Stein zurückgelegt, den Hinterkopf an der Wand angelehnt, während sie dem neugierigen Blick des Herzoges begegnete. Fast schon wie hypnotisiert folgten ihre Augen dem Hemd, das er sich mit einem Arm vom Leibe zog. Doch sobald es seinen Körper verlassen hatte, lag ihr Blick wieder auf seinem Oberkörper. In ihrem Ausdruck lag nicht der Hauch von Scham, Abscheu oder Begehren. Vielmehr war es eine Form der Bewunderung, angefangen von den deutlich gezeichneten Armen bis hin zur definierten Brust. Sollte er ruhig denken, dass sie ihn anstarrte - schließlich tat sie es auch. Aber für sie waren solch komplexe Körper das reinste Wunder der Natur. Ein Spektakel, das durch seine Narben und kahlen Stellen eher an Reiz gewonn als verlor. Ihr Blick wanderte an seinen Beinen abwärts und hielt sich dabei an keiner nennenswerten Stelle besonders lange auf. Es war allerdings das erste Mal, dass sie so deutlich beschauen durfte, wie sich Reitervolk von Fußvolk unterschied. Sie hatte eine Schwäche für gut definierte Rücken - allerdings hatte sie noch nie zuvor solch markante Oberschenkel gesehen. Natürlich wusste sie um die Defizite des weiblichen Körperbaus aber im Gegensatz zu ihm glichen ihre Beine ja regelrecht Streichhölzern.
      Kassandra behielt ihre Gedanken jedoch für sich und beobachtete schweigsam, wie sich Zoras ins Becken begab. Dann veränderte sie ihren Fokus, richtete den Blick seitlich auf die Tür. Zwar würde sie spüren falls sich jemand vor der Tür befand aber es gab hier unten keine Fluchtmöglichkeiten außer jenen nach vorn. Obacht war gefragt während sich ihr Träger in eine womöglich trügerischen Sicherheit befand.
      "Vielleicht solltest du es einfach als Inspiration nehmen und veranlassen, dass man eure Bäder auch etwas umgestaltet. Verlegt es doch nach draußen, halb unter freiem Himmel oder so. Das würde sich besser in euren Sitz einspeisen lassen als diese Grotte", meinte die Phönixin und klang ein wenig desinteressiert. Ihre Gedanken kreisten um andere Dinge.
      Firion wusste viel. Wie viel, das stand völlig in den Sternen. Er war klug genug, als dass er nicht offenkundig versuchen würde, Zoras aus dem Leben zu schaffen, sollte er sich gegen ihn stellen. Der alte Mann würde auf andere Mittel zurückgreifen und das bedeutete, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht einen Augenblick lang verlieren durfte. Unabhängig davon, ob sie müde war. Unabhängig davon in welchem Land sie sich befanden. Je nachdem war es ihr nicht einmal möglich, ohne Gewalt Zoras zu schützen. Sie müsste sich andere Wege überlegen, um -
      "Kassandra."
      Fast schon schuldbewusst zuckte die zierliche Frau auf der Steinbank zusammen als ihr Name viel. Etliche Mal blinzelte sie bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf Zoras legte. Es stand in seinem Blick geschrieben, dass man ihr die Gedanken vermutlich ansehen konnte. Entspannung sah vermutlich anders aus. Ihre Mundwinkel zuckten leicht. Scheinbar reichte es nicht, denn er empfand es als notwendig sich aufzusetzen und seiner Einladung noch Nachdruck zu verleihen.
      "Du sitzt buchstäblich mit dem Rücken zu Tür. Wenn du Augen im Rücken hättest, hätte ich sie unlängst entdeckt."
      Eigentlich war der Grund, warum sie hier saß, ein anderer. Es war ein Sicherheitsabstand. Sie hatte ihm das Zelt als Grenze genannt und diese Grenze war mit einem Mal verschwunden. Das war ihr bereits klar geworden als er ihr vorhin im Zimmer völlig belanglos die Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte. Ihr Argument trug kein Gewicht mehr und wenn sie sich nun in seine Nähe begab würde er es ihr ein weiteres Mal beweisen.
      Sie beide starrten sich weitere Sekunden wortlos an, dann schloss Kassandra geschlagen die Augen und seufzte.
      "Dann solltest du deinen Blick auch nicht von der Tür abwenden", meinte sie ehe sie sich erhob und daran machte, ihre Reisekleidung abzulegen.
      Die Phönixin hatte Zoras dabei den Rücken zugewandt. Nur für den Fall. Natürlich grämte sie sich nicht für ihren Körper aber sie konnte nicht einschätzen, wie der wartende Mann im Wasser auf den Anblick reagieren würde. Folglich wickelte sie sich in eines der zahlreichen Tücher bevor sie ihre Kleidung sorgsam gefaltet auf die steinerne Bank legte und hinüber zu Zoras schlenderte.
      Sie setzte sich an den Rand des Beckens, wahrte gerade so den annehmbaren Abstand zwischen zu nah und zu fern zu Zoras. Ohne zu zögern ließ sie ihre Beine in das warme Wasser gleiten, das ihr so bis zu den Knien schlug. Mit einer Hand hielt sie weiter den Saum ihres Tuches beisammen, mit der anderen stützte sie sich ab.
      "Du weißt nicht, ob uns doch plötzlich jemand behelligt. Du hast im Saal Verens schon nicht schnell genug reagiert also muss ich diejenige sein, die Obacht gibt. Du trägst nicht einmal eine Schicht Kleidung, die dich schützt. Nimm mir also nicht meine Aufgabe, dich sicher bis zu deiner Schlacht zu geleiten."
      Sie verfiel in ein Schweigen während sie die Wasserringe beobachtete, die von ihren Beinen ausgingen. Oder besser gesagt die Wellen, die an ihre Beine schwappten als sich Zoras etwas näher an sie heran schob und ihre Wade unterwasser kurz berührte. Sein Blick war nicht direkt vorwurfsvoll aber... bedeutungsschwanger. Man sah ihm überdeutlich an, dass er wirklich darauf bestand, dass sie aufhörte ihn auch hier ununterbrochen zu überwachen. Sie hielt diesem Blick gerade einmal ein paar Sekunden stand, dann rollte sie mit den Augen.
      "Schön. Wie du willst."
      Es klang ein wenig harscher als geplant, doch Zoras hatte sein Ziel erreicht. Kassandra stopfte den Saum etwas weiter unter ihr Tuch damit sie es loslassen konnte und samt Stoff ins Wasser gleiten konnte. Wie gern sie Zoras nun einen beleidigten Blick zugeworfen hätte. Es wäre ein Frevel zu leugnen, dass das warme Wasser Balsam für ihre geschundenen Leiber war. Es schüttelte sie einmal kurz als ein wohliger Schauer sie überrollte bevor sie sich am Beckenrand anlehnte und sich seitlich zu Zoras drehte.
      "Verzeih. Ich kann nicht so einfach loslassen wenn ich weiß, dass sich deine Sicherheit allein auf meine Anwesenheit fußt. Die letzten Wochen waren anstrengend, gerade wenn man im Alleingang jemanden vor allen Eventualitäten schützen muss. Ich... versuche es für die Zeit hier zu vergessen, ja?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras lächelte warm, er hätte kaum damit gerechnet, dass Kassandra sich freiwillig seinem Wunsch fügte, aber sie waren schon lange genug gemeinsam unterwegs, dass er ihre Reaktion als äußerst typisch für sie wahrnahm. Aus irgendeinem Grund erheiterte ihn das.
      "Die Augen in meinem Kopf können nach hinten sehen, wenn ich ihn drehe. Und meine Ohren können nach hinten hören, dafür muss ich noch nicht einmal den Kopf drehen, stell dir das mal vor."
      Es folgte ein Moment des Schweigens, in dem beide ihre Worte sacken ließen und ihre Meinung mit den Augen austrugen, sehr zu Zoras' ansteigender Belustigung, der praktisch sehen konnte, wie die Phönixin mit sich rang. Die Frage war nur weshalb, etwa weil sie sich wirklich so sehr um seine Sicherheit sorgte? Oder weil sie sich davor ziemte, sich vor ihm auszuziehen? So offen, wie sie ihn gerade noch angestarrt hatte, konnte das wohl kaum der Fall sein.
      Schließlich gab sie sich geschlagen und Zoras verstand den Wink, woraufhin er sich von der Bank gleiten ließ, zur Tür ausrichtete und dabei den Moment nutzte, um seinen Kopf unter Wasser zu tunken und seine Haare zu durchnässen. Sein Bart war längst auch mal wieder überfällig, die Reise erleichterte die Bartrasur nicht gerade und er wollte sich nicht vorstellen, was Firion sich bei seinem Anblick gedacht haben musste. Bei ihrem nächsten Zusammentreffen würde er seine Gesichtsbehaarung der Eleganz seines Gastgebers anpassen und das fing erstmal damit an, dass er ihn gründlich putzte und entknotete. Das Becken war dafür ein guter Anfang.
      Als er sich wieder aufrichtete und die Haare ordnete, kam Kassandra gerade heran und ließ sich auf den Beckenrand hinab. Just in dem Moment wandte er sich von der mittlerweile höchst langweiligen Tür ab und spürte einen kleinen Stich der Enttäuschung, als er das Tuch sah, das seine Augen von Kassandras nacktem Körper fernhielt. Es war nicht sein hauptsächliches Augenmerk gewesen, als er Kassandra ins Wasser beordert hatte, aber jetzt fiel ihm auf, dass es durchaus ein schöner Zusatz gewesen wäre. Aber so war es auch in Ordnung. Er blieb an Ort und Stelle und wartete darauf, dass die Phönixin endlich ganz hereinkam. Noch blieb sie dort sitzen.
      "Bei Veren saßen uns die Soldaten quasi im Nacken. Du kannst mir nicht vorwerfen schnell genug gewesen zu sein, wenn deine Auffassung von "schnell genug" sich auf übermenschliche Fähigkeiten stützt. Ich fand mich eigentlich angemessen schnell. Oder vielleicht ausreichend schnell? Das würde ich auch noch zählen lassen."
      Er blickte zu ihr auf, lächelte, nahm den Ausdruck in ihrem Gesicht zur Kenntnis. Nach einem Moment setzte er nach:
      "Wenn hier eine Wache hereinkommt, wird sie mit ihrem Geklapper schon von 100 Metern Entfernung zu hören sein. Und wenn sie hereinschleichen sollte ohne eine Rüstung zu tragen, dann schützt sie auch nichts davor, dass ich sie mit meinen eigenen Händen erwürge. Oder vielleicht ertränke. In jedem Fall hast du genügend Zeit, deine Kleidung davor zu schützen nass zu werden."
      Er rückte zu ihr auf, noch immer lächelnd, noch immer den Blick auf ihr Gesicht gerichtet. Seine Hand streifte ihre Wade, gab ihr wie einen kleinen Schubs.
      "Hmm?"
      Sie gab nach, der zweite Triumph an diesem Tag. So langsam glaubte Zoras, dass er heute einen Glückstreffer gelandet hatte. Irgendwie waren ihm die Schicksalsgöttinnen besonders wohl gesonnen.
      Er ignorierte ihre harsche Erwiderung in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich ja doch aus freiwilligen Stücken fügte, und trat wieder einen Schritt zurück, um ihr genügend Platz dabei zu geben, ins Wasser zu gleiten. Das Wasser schwappte ihr ein wenig um den Bauch und bewegte das Tuch sanft, konnte es aber nichtmal ansatzweise von ihrem Körper entfernen. Zoras starrte für den Bruchteil einer Sekunde, dann sah er wieder weg und hob den Blick zu ihrem Gesicht. Sie hatte sich an den Rand angelehnt, eine sichtbare Gänsehaut an den Armen, und er nahm auch wieder seine Ausgangsposition ein, beide Arme auf dem Rand abgelegt.
      "Ich gebe zu, dass ich nicht bedacht habe, dass du zwar eine Phönixin bist, du dafür aber noch lange nicht den Job von einem halben Dutzend Soldaten ausführen kannst, nicht rund um die Uhr. Ich hatte mir vorgestellt, dass es angenehmer ist ohne viel Gefolgschaft zu reisen, aber so weit habe ich nicht gedacht. Verzeih du mir, das hier sollte für dich nicht anstrengender werden als ein sehr langer Spaziergang."
      Er beugte sich in ihre Richtung, streckte einen Arm aus und forderte in altbekannter Manier ihre Hand ein. Nachdem sie seinen Kuss entgegen genommen hatte, ließ er sie auch wieder los.
      "Firion ist schlau genug, sich nicht mit einem Champion anlegen zu wollen, besonders nachdem er weiß, dass wir immer zusammen sind - ganz egal, wie erschöpft du sein magst. Vertrau seiner Intelligenz und entspann dich. Ich übernehme die Wache für heute Abend, okay?"
      Er lächelte, dann richtete er sich wieder auf, überbrückte die Distanz zwischen ihnen und stellte sich neben sie an den Rand. Das Wasser schwappte um ihre beiden Körper.
      "Und als Wache gebe ich dir den dringenden Rat, dich einmal umzudrehen. ... Ich mache schon nichts, dreh dich zum Rand und leg die Arme darüber. Du kannst deinen Kopf auf einer dieser Rollen ablegen, die sind wirklich bequem."
      Er wartete mit aller Geduld, bis Kassandra sich seiner Aufforderung zögernd gefügt hatte und stellte sich hinter ihr auf, nahe genug um sie zu erreichen, weit genug entfernt, dass ihre Körper nicht aneinander stießen. Dann legte er die Hände auf ihre Schultern und fing an, ihre Muskeln mit trägen Bewegungen zu kneten. Zwischendrin schöpfte er immer mal wieder Wasser und ließ es über ihre Schultern fließen, bevor er damit weitermachte, niemals tiefer als die Schultern, niemals härter als nötig. Mit Faszination sah er dabei zu, wie die Enden ihrer unendlich langen Haare auf der Wasseroberfläche schwammen. Unvermittelt kam ihm da ein Gedanke.
      "Kann ich dir die Haare waschen?"
    • "Ich weiß ja nicht, was du bisher alles benutzt hast, um Menschen zu töten. Aber sei dir gewiss, dass Erwürgen oder Ertränken höchst persönlich ist. Es ist einfach, jemanden mit einem Schwert niederzustrecken. Eine gänzliche andere Sache, ihm das Leben aus dem Leib mit den eigenen Händen zu pressen."
      Vielleicht wusste Kassandra es auch einfach nur besser. Im Laufe ihrer Zeit war sie nicht immer in der Lage gewesen, mit ihren Waffen sich den Weg zu erkämpfen. Es hatte eine geraume Zeit gedauert ehe sie sich an den Geruch von verbranntem Fleisch gewöhnt hatte, wenn sie nur auf ihre Magie zurückgreifen konnte. Und sie erinnerte sich sogar an die wenigen Male, in denen sie eigenhändig jemanden erwürgen musste. Es unter Anweisung tat und wie in Trance zusehen musste, wie das Licht aus den Augen ihres Opfers verschwand.
      Ruhig musterte sie Zoras, wie er sich wieder in seine Ausgangposition begab nachdem sie zu ihm ins Becken gekommen war. Ihr war sein Blick nicht entgangen, sei er auch noch so kurz gewesen. Verübeln konnte sie es ihm nicht. Er war ein Mann, ein überaus menschlicher dazu, und dass er ihre Gestalt bewundern wollte war nachvollziehbar.
      Theoretisch gesehen könnte Kassandra dieses Unterfangen wie einen Spaziergang begehen. Dann wäre bei Veren vielleicht die ein oder andere Stichwunde an seinem Körper hinzugekommen. Sie wäre deutlich entspannter, schließlich musste sie nicht ständig das feine Magienetz um sie weben, um früh genug alarmiert werden zu können. Nur entsprach das nicht dem, was sich in ihrem Dickkopf als Entschluss gebildet hatte. Noch während dieser Überlegung reichte sie ihm, einem Automatismus gleich, die Hand, damit er ihr gemeinsames unverkennbares Zeichen setzen konnte. Wieder rechnete sie damit, dass er ihre Hand nicht freigeben würde. Wieder wurde ihre Erwartung nicht erfüllt.
      Trotzdem konnte sie den Hinweis nicht gänzlich akzeptieren, dass es der Wahrheit entsprach, dass Firion vermutlich heute niemanden auf sie ansetzen würde. Ihr logischer Teil des Verstandes bestätigte diese Annahme, schätzte den anderen Herzog ebenso ein. Doch ihr Widerwille ließ diesen Gedanken nur schmählich zu. Wieder lächelte Zoras ihr zu und langsam begann sich Kassandra zu fragen ob er nicht einfach versuchte, sie aufzuheitern. Seine eigene Anspannung und Gedanken in den Hintergrund schob weil sie ihre Anspannung und Müdigkeit deutlicher zur Schau trug als er. Wirkte sie in seinen Augen jetzt sogar zu müde um eine ordentliche Wache für ihn zu sein?
      Langsam kam er zu ihr herübergeschwappt. Er brachte gerade den ersten Teil seines Satzes zuende, da wirbelte ihr Kopf bereits herum so als erwartete sie, auf seinen Hinweis etwas übersehen zu haben. Eine Sekunde später ging sein Satz jedoch weiter und sie verzog angewidert von sich selbst das Gesicht. Seit wann ließ sie sich denn so schnell verunsichern?
      "Ich glaube, ich muss meine Aussage von vor einigen Tagen korrigieren. Du bist nicht egoistisch, du bist gierig", sagte sie leise nachdem sie davon ausging, dass ihre Anwesenheit im gleichen Becken ihm eigentlich schon ausreichen sollte. Stattdessen sollte sie ihm sogar noch den Rücken zukehren... "Du machst schon nichts... Du solltest dein eigenes Gesicht mal sehen während du diesen Satz aussprichst."
      Nichtsdestotrotz wandte sich Kassandra seufzend von ihm ab. Kaum sah er nicht mehr ihr Gesicht, trat ein geschafftes Lächeln auf ihr Gesicht. Wieso gab sie sich eigentlich jetzt so bockig? Das war bisher nie wirklich ein Thema gewesen. Sie tat immerhin trotzdem das, worum er sie bat. Sie wusste doch, dass er nichts tat weil er eine Gegenleistung dafür erwartete. Er suchte einfach... den Kontakt zu ihr und sie machte es ihm unnötig schwer.
      So schwer wie ihre Arme, die sie auf den Rand des Beckens legte nachdem sie sich eine Tuchrolle hinzu gezogen hatte, um den Kopf darauf abzulegen. Sie spürte wie das Wasser in Bewegung geriet als Zoras näher heran watete und ihr schließlich die Hände auf die Schultern legte. Es war seine erste Bewegung der Hände, die ihr sehr deutlich machten, dass sie die Spannung der Tage mehr als deutlich in ihren Gliedern trug. Ihre Schultern waren dermaßen hart, dass sie sich selbst ermahnen musste, locker zu lassen und ihn einfach machen zu lassen. Sie hatte ihr Tuch relativ weit oben angesetzt wodurch seine Finger immer wieder den Rand eben jenes berührten. Irgendwann verschwand einer ihrer Arme vom Beckenrand, um ungesehen den festen Sitz des Tuches etwas zu lockern, sodass es bis unter ihre Schulterblätter fiel. Dann gab sie sich ihrem Schicksal geschlagen und schloss die Augen. Das sollte ausreichend Genugtuung für den Herzog hinter ihr sein.
      "Kann ich dir die Haare waschen?"
      Kassandra schaubte. In Wahrheit war es ein ersticktes Kichern. "Diese Frage habe ich das letzte Mal vor einigen hundert Jahren gehört. Damals wurde ich als heilig betrachtet und nur Mädchen unter zwölf Jahren war es gestattet, mich zu berühren. Sie haben sich regelmäßig darum bemüht, mir meinen Körper oder die Haare waschen zu dürfen. Seltsames Volk. Aber wenn du möchtest... Warte."
      Langsam drückte sie sich von dem Beckenrand ab nachdem Zoras seine Hände zurückgenommen hatte. Vorhin hatte sie bereits die Schalen entdeckt, die nicht nur Körpersalz sondern festes Waschmittel beinhalteten. Mit einer Hand hielt sie noch immer ihr Handtuch vorne zusammen, das mittlerweile nicht mehr ganz so fest saß, als sie zur Schalte schwappte und mit einer von ihnen zurückkehrte. Sie kam vor Zoras zum Stehen nachdem sie die Schale an der Seite abgestellt hatte und blieb mit ihrem Blick an seinen Armen hängen. Wenn er wüsste, dass sie sämtliche seiner Narben einfach verschwinden lassen konnte, würde er es tun? Wohl kaum. Dafür scherte er sich vermutlich zu wenig um seine Erscheinung. Ihr Körper hingegen sah nur äußerlich so aus als sei er ungescholten. Was darunter lag hatte er noch immer nicht entdecken dürfen.
      Ihre Augen zogen eine Spur von seinen Armen hinauf über seine Schulter, seinen Hals, seine Kieferlinie bis hin zu seinen Augen. Eine Stille war wieder zwischen ihnen eingekehrt, nur unterbrochen von dem Plätschern des Wassers, wenn es über den Rand des Beckens schwappte. Sie war gerade mal eine Armlänge von ihm entfernt. Sie müsste nur ihre Hand nach ihm ausstrecken und sie wusste, dass er sich ihr direkt ergeben würde. Er würde sie in die Arme schließen, sie darum bitten das Handtuch loszuwerden und ihr einen Kuss auf die Lippen bringen, der jenen im Zelt in Nichts nachstehen würde.
      Viel zu spät merkte Kassandra, dass ihre Hand sich an ihrem Tuch fester geschlossen und sie ihre Lippen leicht gepresst hatte. Sie wollte es, fürchtete aber zeitgleich die entstehenden Konsequenzen. Mühsam riss sie ihre Augen von seinen los und drehte sich seitlich zu ihm, um ihm ihre gesammelte Haarpracht zu präsentieren. Sie wollte etwas schnippisches erwidern, diese Spannung in der Luft lösen. Worte waren allerdings das Einzige, das sie nicht finden konnte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandras unvermittelte Reaktion auf seine Bitte hin brachte Zoras zum Lachen, leise und knapp. So lustig war es nicht einmal, eigentlich war es sogar eher traurig wie schnell die Phönixin höchstalarmiert war, aber er wollte sie nicht auf die falschen Gedanken bringen. Dies hier war sein Werk, fiel ihm auf, als sie seiner Aufforderung nachkam und er die Daumen in die verspannten Muskeln ihrer Schultern drückte. Er war für das hier verantwortlich. Oder vielleicht war es auch die jahrhundertelange Existenz auf der Erde? So viele schlechte Erfahrungen, dass man sie kaum hätte zählen können? Oder lag vielleicht noch etwas ganz anderes hinter Kassandras Wachsamkeit, etwas das Zoras' bescheidenes Verständnis überragte?
      Er dachte zeitweilig darüber nach, während er ihr die Schultern massierte und ihre schwimmenden Haare beobachtete, die dunklen Strähnen, die sich an ihrem Tuch sammelten. Eines Tages würde er sie danach fragen, aber heute war nicht dieser Tag. Ihr Tuch rutschte unvermittelt ein wenig, die Haut, die darunter zum Vorschein kam, glitzerte vom Wasser leicht. Zoras beobachtete auch sie und stellte sich vor, dass sie genauso weich war wie Kassandras Hände.
      Seine Frage dann schien Kassandra unvorbereitet getroffen zu haben, so wie sie mit ihrem kurzen Geräusch ausdrückte. Er lächelte wieder, besonders als er hörte, was sie da von sich gab.
      "Von einem zwölfjährigen Mädchen bin ich wohl so weit entfernt wie nur irgendwie möglich, aber das mit dem heilig sein können wir wohl irgendwie arrangieren. Nur, damit ich deine Haare waschen darf, natürlich."
      Auch hier gab sie sich damit geschlagen - was für ein Tag. Woran mochte es wohl liegen, dass sie so freimütig geworden war? Dass er sie von ihrer Aufgabe ablenkte? Dass sie die Tage der gemeinsamen Nächte im Zelt hinter sich gelassen hatten? Oder war es noch etwas anderes?
      Er beobachtete sie, wie sie sich durchs Wasser schob und kurz darauf mit einer der Schalen zurückkam. Als sie wieder bei ihm war, blieb ihr Blick an seinen Armen hängen und für einen Moment, der sich anfühlte wie eine viel längere Zeit, wanderten ihre Augen über seinen Brustkorb hinweg, die Miene unergründlich, der Blick so unleserlich wie eh und je. Was mochte sich eine Phönixin beim Anblick eines Mannes denken, wohl kaum wie sehr ihr seine Statur gefiel? Dass sie seine Muskeln bewunderte? Dass die Narben seine Haut verunstalteten?
      Die Königin hatte sich einmal scherzhaft darüber empört, dass alle Männer des Krieges Narben mit sich trugen. Sie hatte es nicht ernst gemeint, aber Zoras hatte sich dennoch dazu berufen gefühlt ihr zu erklären, dass Narben nicht automatisch kamen, wenn man Krieg führte. Sie kamen, wenn eine Wunde nicht rechtzeitig behandelt wurde, und mitten im Gefecht, aus dem man teilweise für Stunden nicht herauskommen konnte, wurden Wunden eben vernachlässigt. Sie hatte nicht verstanden, wie wichtig es ihm gewesen war und lachend gesagt, dass man Kriege dann eben abschaffen müsste, damit es keine stundenlange Gefechte mehr gäbe.
      Fast erwartete er, dass Kassandra eine ähnliche Bemerkung von sich geben würde.
      Aber nichts dergleichen kam von ihr. Ihre Blicke trafen sich und jetzt drückte ihre Miene Verschlossenheit aus. Mit irgendetwas schien er sie abgestoßen zu haben.
      "Du musst nicht...", setzte er an, als sie sich allerdings schon drehte und ihre Haare an der Seite sammelte. Er verstummte wieder, wartete noch einen Moment um ihr die Möglichkeit zu geben ihre Meinung zu ändern und trat dann heran, um ihre Haare in den Händen zu sammeln. Nass waren sie sogar noch weicher als im trockenen Zustand.
      Er leitete schweigsam ihren Kopf, um ihre Haare einmal zu durchnässen, dann griff er beherzt in die Schale, schäumte die Lösung in den Händen auf und massierte sie in ihre Kopfhaut ein. Kassandra sagte nichts, sie hielt ihr Handtuch fest und ließ die Behandlung über sich ergehen, vielleicht weil sie es genoss, vielleicht weil sie sich ihrem Schicksal ergeben hatte. Zoras fragte nicht danach. Er schob die Finger zwischen ihren Haarsträhnen hindurch, entzweigte sie auf dem Weg nach unten und startete dann wieder von oben, um das Waschmittel weiter einzuarbeiten. Für lange Zeit war es still zwischen ihnen, abgesehen von dem leisen Plätschern, das durch den Raum hallte. Zoras dachte an die Königin und er dachte an Kassandra, wie sie regelrecht zusammengezuckt war und zur Tür geschaut hatte. Als könnte Unachtsamkeit ihr selbst tödlich werden.
      "Kassandra?"
      Er hörte nicht auf, ihr die Haare zu entnesten. Manchmal schüttete er ein wenig Wasser nach.
      "Hattest du mal einen Träger, den du nicht beschützen konntest?"
    • Ja, es waren ein paar Jahrhunderte her, seitdem man der Phönixin in solch einer lieblichen Geste die Haare gewaschen hatte. Damals waren es die zarten Hände von kleinen Mädchen gewesen, die ihr Haar entworren und die Kopfhaut massiert hatten. Damals war es eine rituelle Geste gewesen, doch das hier war fernab dessen. Das Gefühl, was sie nun hatte, reichte noch viel länger zurück als ein paar Jahrhunderte.
      Kassandra schwieg und hatte die Augen geschlossen während Zoras sich seine Wege durch ihre schwarze Mähne bahnte. Es hatte wirklich nichts rituelles an sich, aber gepaart mit der Stille, die nur vom gelegentlichen Plätschern des Wassers unterbrochen wurde, wirkte es unheimlich entspannend. So sehr, dass man dabei zusehen konnte, wie ihre noch immer hochgezogenen Schultern sekündlich weiter absackten. Nach bestem Willen versuchte sie sich einzureden, dass es in Ordnung war, wenigstens für die Zeit hier im Bad die Sirenen in ihrem Kopf leise zu stellen.
      "Kassandra?"
      "Mhm?"
      "Hattest du mal einen Träger, den du nicht beschützen konntest?"
      Nun reagierte sie nicht direkt. Sie war nicht einmal sonderlich froh darüber, dass ihr Gesicht von ihm abgewandt war als sich ihre Lider langsam aber stetig zu heben begannen. Das war ein empfindliches Thema, denn es stellte nicht nur heraus, dass sie fehlbar war sondern kratzte auch an dem Stolz, der charakteristisch für sie war.
      "Mehrere sogar", antwortete sie schließlich ohne hörbare Trauer in der Stimme. Ihre Augen fixierten eine willkürliche Stelle ihr gegenüber in der Steinwand. "Bei manchen war es Absicht gewesen. Ich sah die Gefahr, habe aber absichtlich nicht eingriffen und dadurch erwirkt, dass derjenige starb. Und dann gab es diejenige, und die meinst du vermutlich, wo ich es nicht verhindern konnte, ja. Bei Shukran konnte ich es damals nicht - ich war schlichtweg nicht in der Nähe als man ihn getötet hat. Bei Garrand wurde der Umstand ausgenutzt, dass man ihm meine Essenz abgenommen und mir untersagt hatte, ihn zu retten. Kum'Chatekh wurde von Surd getötet gegen den ich ihn nicht verteidigen konnte. Und Helia hat sich selbst das Leben genommen ohne dass ich etwas erwidern durfte."
      Das waren lediglich vier von etlichen Trägern, die sie nicht hatte schützen können. Die Gründe hierfür war verschiedenster Natur aber sie alle führten zu dem gleichen Rückschluss. Bei jedem mangelte es ihr an einer bestimmten Fähigkeit, die sie sich nicht immer einfach erarbeiten konnte. Wie einzelne Mahnmale erinnerte sich die Phönixin an die Namen jedes Einzelnen, der auf diese Weise der Welt verloren gegangen war. Selbst wenn die Zeit ihre Erinnerungen korrodierte, die Bilder der Personen aus ihrem Gedächtnis löschen würde, so würden ihre Namen und ihr Leben bei ihr Bestand haben.
      Nun drehte sich Kassandra Zoras doch wieder halb zu. Sie begegnete seinem Blick nicht frontal sondern eher etwas seitlich, so als wäre sie schüchtern. Was sie ganz bestimmt nicht war - doch sie wollte verhindern, dass er den Schmerz zur Gänze sah, der sich unweigerlich in ihrem Gesicht finden lassen würde.
      "Wenn ich mir gestatte zu sagen, dass du auch fünf Minuten ohne meine Anwesenheit klar kommst, können es die fünf Minuten sein, die dich deinen Kopf kosten. Wenn ich nicht früh genug bemerke, dass sich ein Gott in der Schlacht befindet, in die du reitest, und gegen den ich nichts ausrichten kann, dann stirbst du. Wenn ich in entscheidenen Momenten nicht darauf achte, dass du mein Amulett bei dir behältst, dann stirbst du." Wieder zuckten ihre Lippen, dieses Mal jedoch in der Andeutung, noch weitere Worte zu sprechen. Doch die Phönixin beschnitt sich selbst, tauschte die Worte durch andere aus um nicht gedankenlos die Wahrheit zu sprechen. "Ich erkenne es an, wenn mein Träger eigenmächtig über seinen Werdegang entscheidet. Aber ich ertrage es nicht, wenn meine Unfähigkeit zu seinem - zu deinem - Tod führt."
      Wenn ich mit dir sympathisiere kann ich das nicht zulassen. Wenn ich mich dem hingebe, was sich mein Innerstes wünscht, dann setze ich alles ein.
      Kassandra drehte sich ein Stückchen weiter. Der Schmerz vorhin war abgeflaut, doch die Spuren der Verletzlichkeit lungerten noch immer in ihren Augen wie nur noch schwach glimmende Kohle. Ihre freie Hand wanderte unterwasser zu seiner. Ihre Finger glitten über seinen Handrücken, den Arm hinauf und durchbrachen schließlich die Wasseroberfläche. Dort endete ihr Weg jedoch nicht sondern führten sie weiter über jede Narbe und jede raue Stelle hinauf.
      "Mir gefällt das Sprichwort Narben erzählen eigene Geschichten. Hinter jeder steckt etwas anderes, mal schlimmer, mal weniger. Unsere Narben sind nur die Zeugen von Versuchen uns zu bannen, nur die Sprache unterscheidet sich. Ich erinnere mich gut an die Taten mit denen man mir die Fesseln auferlegt hatte. Aber deine Berührungen sind anders."
      Ihre Hand hatte an seiner Schulter gestoppt bevor sie augenscheinlich kraftlos ins Wasser zurückfiel. Dort jedoch fischte sie nach Zoras' Hand, fand sie und umfing seine Finger. Langsam hob sie seine Hand aus dem Wasser und hob sie auf Augenhöhe während sie weitersprach: "Ich danke dir, dass du versuchst mir meine Anspannung zu nehmen. Ich weiß das zu schätzen."
      Ohne ihn zu irgendeinem Zeitpunkt anzusehen führte sie seine Hand zu ihren Lippen und hauchte ihm einen Kuss auf den Handrücken. Noch immer gab sie seine Hand nicht frei als sie ihren Kopf leicht neigt und seine Hand an ihre Stirn legte. Sie wusste, dass er diese Gestik nicht deuten können würde. Sie würde sie ihm ein andermal erklären. Jetzt jedoch harrte sie ein paar Herzschläge lang aus bevor sie sich wieder aufrichtete und endlich seine Hand freigab.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras fuhr damit fort, den Schaum durch die schwarzen Strähnen zu leiten, während er Kassandra zuhörte. Was sie ihm erzählte, hörte sich schon beinahe eher wie ein schlechter Traum an. Kassandra hatte die Fähigkeit, jeden Menschen vor körperlichem Leiden zu schützen und letzten Endes war es genau das, was ihnen dennoch zum Verhängnis geworden war. Vielleicht wäre es erträglicher gewesen, wenn sie sie vor anderen Sachen nicht hatte schützen können, vor Alter oder vor Krankheiten, die nicht in ihrer Kontrolle lagen. Der Selbstmord fiel wohl in eine solche Kategorie, auch wenn das natürlich die Tatsache nicht besser machte.
      Kassandra drehte den Kopf ein wenig unter ihm und er pausierte seine Bewegungen, um ihrem Blick zu begegnen. Sie wirkte, als wolle sie ihm nicht vollständig in die Augen sehen - weil sie sich schämte? Weil es ihr peinlich war? Das wären wohl gänzlich untypische Eigenschaften. Er glaubte nicht, dass es eins davon war. Ihre Bemerkung hörte sich dafür aber schon eher typisch an.
      "Du hörst dich an wie eine echte Gardistin, weißt du das?"
      Er lächelte automatisch, um seine Worte mit der nötigen Leichtfertigkeit zu unterstreichen, bevor er wieder ernster wurde.
      "Du bist nicht hier um den Tod aufzuhalten, sondern um ihn herauszuzögern. Ich möchte mir nicht anmaßen, irgendwelche Vermutungen über deine vergangenen Träger zu stellen; selbst wenn ich die Umstände einigermaßen kannte, würde ich doch die Lage nicht gänzlich begreifen. Ich bin überzeugt, dass du bei jedem von ihnen dein bestes getan hast und dein bestes war auch in allen Fällen genug. Möchtest du wissen, wann ich vielleicht gestorben wäre, wenn du nicht gewesen wärst? Noch im Palast vor knapp drei Monaten, auf unserer Flucht. Ich möchte behaupten, dass ich es auch ohne dich geschafft hätte herauszukommen, meine Gardisten waren vollzählig, sie haben die Wachen hinter den Toren gehalten, ich [b]bin geflohen. Aber ich wäre vielleicht an etwas gänzlich dummen gestorben - vielleicht hätte mich ein verirrter Pfeil gestreift, hätte meine Uniform zerschossen und mir einen Kratzer zugefügt. Vielleicht wäre dann das Eisen des Pfeils unrein gewesen, vielleicht hätte anderes Blut daran geklebt, vielleicht hätte der Schaft einen unsichtbaren Holzsplitter zurückgelassen - in jedem Fall wäre ich vielleicht eine Woche später mit Fieber im Bett gelegen und drei Tage später wäre ich mit der Erkenntnis gestorben, dass es mehr benötigt hätte als reines Desinfektionsmittel. Das wäre äußerst dumm gewesen, aber die Menschen sterben ständig an dummen Sachen, überall. Im Vergleich dazu erhalten nur sehr wenige das Privileg, durch eine Waffe zu sterben. Und noch viel weniger erhalten das Privileg, dass dieser Tod nicht der erste hätte sein sollen, weil sie eine Phönixin auf ihrer Seite haben.[/b]"
      Kassandra drehte sich weiter zu ihm um und ob seine Worte eine Wirkung erzielt hatten, konnte er lediglich in dem schwachen Ausdruck in ihren Augen erkennen, der sich kaum mit etwas positivem beschreiben ließ. Seine Sorge stieg. Es schien ihm falsch, dass die Phönixin so sehr in das Leben eines Menschen investiert war. Es schien ihm deshalb falsch, weil es hunderttausende Menschen gab und jedes dieser Leben in Kassandra einen Teil hinterlassen würde, der sie von innen heraus auffraß. Nicht umsonst hatten wohl die Götter kein Mitgefühl, aus dem schlichten Grund, dass es ihnen zum Verhängnis werden würde.
      Ihre Hand fand seine unter Wasser und wanderte an seinem Arm herauf, zärtliche Fingerspitzen, die vorsichtig über seine Haut strichen. An manchen Stellen war seine Haut so schroff, dass er sie gar nicht fühlen konnte. Sein Blick blieb unentwegt auf ihr Gesicht gerichtet, aber ihre eigenen Augen begegneten seinen nur sehr selten. Schließlich umschloss sie wieder seine Hand und hob sie aus dem Wasser heraus.
      Zoras war nicht vorbereitet auf den Kuss, auch wenn er sich schon ankündigte in der Art, wie sie seine Hand zu ihrem Gesicht hob. Sie hielt den Blick gesenkt, womöglich in einer andächtigen Weise, aber ihre Lippen waren dennoch heiß und brennend auf seinem Handrücken und er spürte sein Herz aussetzen was sich anfühlte wie viele, atemlose Sekunden. Er starrte voller Faszination auf Kassandra herab, die diese Geste nun schon zum zweiten Mal ausführte, die es bereits zum zweiten Mal schaffte, dass sich ein regelrechter Tornado in seinem Innersten entfachte. Voller noch viel größerer Bewunderung rief er sich ins Gedächtnis, dass er sie nicht dazu gezwungen hatte, dass sie sich aus freien Stücken dazu entschied. Der Raum war mit einem Schlag überwältigend heiß und dennoch konnte er das Feuer ihrer Lippen spüren, wie es einen Schauer durch seinen ganzen Körper jagte, wie seine Haut dabei prickelte, als wüssten seine Muskeln nicht, was sie mit all der plötzlichen Energie anfangen sollten. Zoras starrte und Kassandra küsste. Schließlich legte sie seine Hand an ihre Stirn, was wirkte wie eine rituelle Geste. Er unterbrach sie nicht, er beobachtete sie noch immer und schwieg, während sie ein paar Sekunden in dieser Position ausharrten. Irgendwann ließ sie ihn frei. Sein Herz hatte sich noch nicht gänzlich erholt und hämmerte so laut, dass es in seinen Ohren pulsierte.
      "Kassandra..."
      Anstatt die Hand zurück zu nehmen, legte er sie an ihre Halsbeuge und schob sie ein wenig hoch, um die Phönixin dazu zu bringen ihn anzusehen. Er wollte ihre Augen sehen. Er wollte Kassandra sehen.
      Er schluckte in seiner trockenen Kehle hinab und suchte in ihrer Miene nach allem, was sie ihm zu zeigen gewillt war. Nach einem Moment sprach er wieder.
      "... Hör auf, eine Phönixin zu sein, für einen Tag nur. Du bist nicht für mein Leben verantwortlich und auch sonst für nichts auf dieser Welt. Du musst kein Mensch sein, aber... sei eine Frau. Nur für einen Tag, mir wird schon nichts passieren - dir wird schon nichts passieren. Denk nicht daran was du musst und was du sollst und weshalb du hier bist. Ein Mal nur abschalten, kannst du das? Meinst du, du kannst das?"
      Er kam näher. Sie berührten sich noch nicht, aber sie waren so knapp davor. Er legte die freie Hand sanft auf ihrer Schulter ab.
      "Nur für einen Tag, hm? Ich verspreche es dir."
      Dann beugte er sich zu ihr hinab und während die Hand an ihrer Halsbeuge ihren Kopf vorsichtig an Ort und Stelle hielt, rutschte die andere Hand über ihre Schulter hinweg auf ihren Rücken, um sie in der gleichen Bewegung heranzuziehen. Ihre Körper stießen aneinander und er suchte darum, ihre Lippen nach Tagen der Trennung wieder aneinander zu führen.
    • Als Zoras ihren Namen aussprach hob sich Kassandras Blick merklich und traf nach einer gefühlten Ewigkeit auf den seinen. Wobei, das war nicht ganz richtig: Zoras' Hand an ihrer Halsbeuge hatte ihr Kinn etwas angehoben. Seine Hand war nie wirklich aus ihrem direkten Radius gewichen, wie sie jetzt feststellte. Es stand wieder diese bestimmte Stille, die zeitgleich so laut war, dass sie Beide ihre Ohren am liebsten zuhalten würden. Schnell hatte sie erkannt, dass er etwas in ihrem Blick suchte und sich nicht sicher war, was er vorfand. Zur Hölle, die Phönixin wusste selbst nicht einmal, was man gerade aus ihren Seelenspiegeln hätte ablesen können. Ihr Blick zuckte zu seiner Kehle, als er schluckte. Langsam driftete die Stimmung im Bad in eben jene ab, die sie eigentlich zu verhindern gesucht hatte.
      Die folgenden Worte trafen bei Kassandra einen empfindlichen Nerv. Er bat sie gerade darum, sich von dem Teil zu lösen, der ihre einzige und wahre Existenz ausmachte. In seinen Augen stand sie noch immer auf einer anderen Stufe als er und anhand dieser einen Aussage glaubte sie, dass er eine menschliche Frau an seiner Seite wollte. Und sie, als mythisches Wesen, diesen Platz nicht einnehmen können würde. Dass das der Grund war, wieso sie ihn nicht von seinem Selbstmordkommando abhalten konnte.
      Weil Kassandra nun mal kein Mensch war.
      Das Wasser schwappte als sich Zoras ihr annäherte und genug hatte von der Distanz zwischen ihnen. Sie selbst war hingegen zu einer Säule erstarrt, gefangen im ewigen Disput zwischen Wut, Frust und Enttäuschung. So ließ es geschehen, dass er seine Hand auf ihrer Schulter ablegte, die sich plötzlich anfühlte, als läge ein Findling auf ihr.
      "Nur für einen Tag, hm? Ich verspreche es dir."
      Es gab so, so viel zu interpretieren aus diesen zwei einfachen Sätzen. Kassandra hörte die Sehnsucht, die dahinter versteckt lag am deutlichsten heraus. Die Hoffnung, dass seine Worte nicht auf taube Ohren stießen. Der Wunsch, dass sie ihn nicht abweisen würde, dass er sich das nehmen durfte, wonach es ihn verzehrte. All diese Gedanken rasten durch ihren Geist während die Zeit grausam weiterlief und seine Hand über ihre Schulter hinweg an ihren Rücken glitt. Abgelenkt wie sie war ließ sie sich einfach an seinen Körper ziehen und erst diese Berührung schien sie aus ihrer Trance zu reißen. Mit großen Augen sah sie dabei zu, wie er sich zu ihr hinabbeugte - und dann war endlich ihr Verstand wieder federführend.
      Als ihre Gesichter noch zwei Handflächen breit voneinander entfernt waren legte Kassandra ihm bestimmt eine Hand quer über den Mund und hielt ihn auf Abstand. Ihr eigener Puls raste obzwar der Worte, die sie gleich sprechen würde, und ein entschlossener Ausdruck trat in ihr Gesicht. Doch ihre Miene war nicht so hart wie üblich oder glich gar der kontrollierten Maske, die sie sonst zur Schau trug. Das hier war eine Grenze, die sie ihm aufzeigte und zur Frage stellte, ob man gewillt war sie zu übertreten.
      "Du denkst, ich achte so sehr auf dich weil ich versuche dem Schmerz zu entgehen, den der Tod meines Trägers mit sich bringt. Erinnere dich an die Zeit bei Feris zurück: Sah es dort jemals so aus als täte ich mein Bestmöglichstes, um den Jungen sicher zu halten? Sicher, sein Tod wäre ebenso schmerzhaft gewesen aber ich war gewillt, ihn zu ertragen. Er nimmt in meiner Existenz nicht einen Funken Platz ein. Und jetzt überdenke noch einmal deine Situation, Zoras."
      Kassandra pausierte, um ihm Zeit zu geben ihre Worte zu verarbeiten. Noch immer verharrten sie in dieser Haltung während sekündlich immer mehr Teile ihrer Entschlossenheit sich in Luft aufzulösen schienen. Sie machten einem Ausdruck der Platz, der etwas erschreckend gequältes hatte. Sie stand zwischen den Fronten, stand mit einem Bein bereits über der sprichwörtlichen Grenze und wurde rigoros von ihrem Trieb zur Selbsterhaltung am Arm zurückgerissen. Das spiegelte sich auch in ihrer Stimme wider.
      "Wenn ich nur eine Frau wäre, dann würde mich der Gedanke in den Wahnsinn treiben, dass ich nichts für dich tun kann. Aber ich bin mehr als das. Ich habe die Fähigkeiten mehr zu bewirken als jeder einzelne Mensch auf dieser Welt. Ich suche mir diejenigen aus für die ich bereit bin, diese Fähigkeiten einzusetzen. Wenn du also jetzt zu mir sagt, ich soll abschalten, dann forderst du von mir meine eigenen Grenzen zu ignorieren. Und wenn ich das einmal getan habe, wer kann dann schon behaupten, dass ich sie je wieder achte?"
      Langsam, wie in Zeitlupe, gab ihre Hand Zoras' verdeckten Mund wieder frei und legte sich stattdessen an seine Wange. Noch immer hatte er einen ähnlichen Ausdruck in seinen Augen, doch sein Hirn arbeitete. Versuchte die Worte zu verarbeiten, mit denen sie ihn gerade gefüttert hatte. Ihre Grenze war mittlerweile so dünn geworden, dass sie selbst nicht mehr wusste, wo sie begann und endete.
      Also reckte sie sich das bisschen nach oben, verringerte die Distanz ihrer Gesichter zueinander bis sie spüren konnte, wie ihre Atem zu einem wurden. Sie hatte die Augen geschlossen aus Sorge, den Moment sonst zu verpassen, als sie wieder sprach und ihre Lippen bereits an seinen tanzten. Ihr Stimme war so unglaublich zart geworden, dass eine zu kräfte Welle am Beckenrand ihre Worte zu schlucken drohte.
      "Wenn ich mir keine Gedanken darüber machen würde, dann wären meine Lippen unlängst auf deinen. Dann würden meine Hände jede einzelne Narbe auf deinem Körper ausfindig machen und dafür sorgen, dass das warme Wasser sich für dich wie Eis anfühlt."
      Wieder eine Pause. Ihre Lippen bebten, ihr Atem stockte.
      "Ich kann versuchen, abzuschalten. Unter einer Bedingung. Die Anstregung endet, sobald du heute einschläfst."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras spürte es bereits, als er sich zu ihr hinabbeugte, aber ein Schimmer Hoffnung bestand noch immer, als er in Kassandras riesige, fast schon ängstlich geweitete Augen sah. Abbrechen, schoss es ihm durch den Kopf, bevor noch etwas gänzlich schief gehen würde, und er brach auch ab, kurz bevor Kassandra ihre Hand selbst auf seinen Mund legte. Obwohl er sich in dieser einen Sekunde schon damit abgefunden hatte, obwohl er sein Schicksal begriffen und akzeptiert hatte, machte sich doch ein ernüchternd enttäuschtes Gefühl in ihm breit, als Kassandra ihn in beinahe schon gewohnter Manier von ihr abhielt. Er wusste schon gar nicht mehr, das wievielte Mal das nun schon gewesen war und er wollte auch gar nicht darüber nachdenken, wie viele weitere Male ihm noch bevor stehen würden, bis sie die Nacht im Zelt wiederholen konnten. Das allein lag schon so weit zurück, dass er langsam zu glauben anfangen könnte, es nur geträumt zu haben. Letzten Endes würde das viel erklären, auch warum Kassandra ihn jetzt wieder abhielt.
      Aber es lag etwas in ihrem Blick, das seine Hoffnung noch nicht gänzlich vernichtete. Es war auch etwas völlig anderes, was sie ihm vermittelte, und was er nur langsam verarbeiten konnte. Sollte das heißen, er hatte schon einen Platz in ihrem Herzen eingenommen? Dass er mit seinen Avancen Erfolg gehabt hatte? Aber wieso hielt sie ihn dann noch weiter ab? Welche dieser beiden Informationen, die sie ihm nun vermittelte, waren falsch? Wo sollte er ansetzen? Sich zurückziehen und ihr Freiraum geben? Weitermachen wie bisher? Er wusste es nicht. Er war gänzlich verwirrt.
      Sie standen noch immer aneinander, hatten sich keinen Millimeter gerührt, Zoras' Hände lagen sanft an ihrem Hals und ihrem Rücken an, aber jetzt gab sie seinen Mund langsam wieder frei. Und dann kam sie von selbst seinem Gesicht näher. Sein Herz raste vor Verwirrung, lieber weg, nicht weg? Mehr Zeit, jetzt sofort? Weitermachen, aufhören? Sein Herz schrie nach ihren Lippen, die sich ihm auf Zentimeter näherten, sein Kopf schrie ihn an, dass er die Situation regeln sollte. Zoras selbst starrte nur auf Kassandras geschlossene Augen, unfähig zu einer Entscheidung zu gelangen. Sein Körper stellte sich quer und dabei war ihre Nähe nicht hilfreich. Ihre Lippen geisterten gegen seine, ihr Atem hauchte selbst durch seinen Bart hindurch. Er konnte an ihrem Körper, den er leicht an sich gepresst hielt, spüren, wie ihr Atem stockte. Seine Fassung geriet gefährlich ins Wanken. Er müsste sich nur einen Zentimeter nach vorne schieben, nur die Lippen ein wenig spitzen, sein Bart kitzelte schon ihr Kinn, nur noch ganz ganz wenig...
      "Nein."
      Irgendetwas in ihm riss auseinander, das konnte er fast spüren. Sein Verstand und sein Kopf zerfleischten sich fast gegenseitig. Er fühlte sich, von zwei Polen angezogen, gänzlich in zwei Hälften getrennt und jetzt gerade gewann die rationale Hälfte. Wann würde die andere Seite wieder die Oberhand gewinnen?
      Er richtete sich wieder ein Stück auf, um sein Gehirn zurück zum Laufen zu bringen, wobei er nicht so weit ging, Kassandra aus der Umarmung zu lassen. Das konnte er schlichtweg nicht, so viel Kontrolle hatte er noch nicht über sich erlangt.
      "Ich verstehe doch selbst, dass dahinter mehr steckt als bloße..."
      Er rang um Worte. Seine zwei Hälften prügelten sich und dazwischen kam nicht viel Gedankenkraft hindurch.
      "... Ich will dir nichts aufzwingen, was du nicht selber willst. Ich will... bei den Göttern Kassandra, ich will dich, ich will alles, was dich ausmacht. Du bist eine Phönixin und das sollst du auch bleiben, du sollst keine... keine Grenzen für mich überqueren, die existieren, weil du du bist. Ich bin nicht sicher, ob ich richtig verstehe, was du mir sagen willst, aber wenn ich es richtig verstehe, dann möchte ich, dass du diesen Weg wählst, ganz unabhängig von mir. Ich will dich in jeglicher Hinsicht und du würdest mich zum glücklichsten Mann der Welt machen, wenn ich die nächsten zwei Jahre auch nur in deiner Nähe aufwachen darf, und sei es am anderen Ende des Hauses, aber ich will dich damit nicht beeinflussen. Was ist es, was du willst? Was auch immer es ist, ich kann es dir besorgen, sofern es in meiner Macht steht, aber ich muss wissen, was es ist. Du musst es mir sagen. Was willst du? Was soll ich tun? Was möchtest du bekommen? Was fehlt noch oder was ist zu viel?"
    • Man neigte dazu die Macht von Worten zu vergessen. Eines der mächtigesten Worte, über das der Mensch verfügte, war Nein. Jenes Nein, das an Kassandras Lippen rumpelte als es Zoras' Kehle verließ und sie ernsthaft stocken ließ. Sie riss ihre Augen so schnell auf, dass es schmerzte und sie gerade noch sehen konnte, wie er sich ein Stück weit wieder aufrichtete. Sich von ihr entfernte. Etwas undefinierbares schien in ihrem Inneren zerschmettert zu werden. Jedenfalls fühlte sie mehr als deutlich den begleitenden Rumms als sie Zoras mit geweiteten Augen ansah. Eine Mischung aus Schock und Überraschung lag in ihrem Blick und mehr als nur einen Augenblick lang fürchtete sie, er würde sie sogar aus der Umarmung freigeben. Das war das Indiz, auf das sie gewartet hatte.
      Wie lange war es her, dass jemand sie nach ihrem Willen gefragt hatte.
      Ihre Augen sprangen zwischen denen von Zoras hin und her in der Hoffnung etwas aus ihnen ablesen zu können. Ihre Hand war noch immer an seiner Wange, hatte sich geweigert ihre Platz dort aufzugeben. Er würde spüren, dass ihre Finger leicht zitterten. Das durfte er, er war genau das was sie sich immer gewünscht hatte seitdem man ihr aufgezeigt hatte, wie naiv sie überhaupt hatte sein können um ihr Herz wegzugeben. Ihr Herz... Natürlich, sie konnte von ihm jetzt fordern, ihr Herz zurückzubekommen! Die Frage war nur, welche Reaktion sie sich dabei erhoffte. Sollte er sich weigern und ihr damit symbolisieren, dass er ihr nicht traute? Oder sollte er es ihr widerstandslos geben und riskieren, dass die überwältigende Macht sie aus dem Stand des Menschseins enthob?
      Am Ende war Kassandra zu feige, um diese Frage zu stellen und eine Antwort zu bekommen. Stattdessen hob sie ihre andere Hand aus dem Wasser, legte sie an seinen Oberarm und drückte ihn. Wovor sie wirklich Sorge hatte, was sie wirklich hinter den Grenzen versteckt hielt war die Angst vor Veränderung. Die Angst, dass ihr dieser zerbrechliche Mann zu sehr ans Herz wachsen würde als dass sie seinen Tod so einfach hinnehmen könnte. Es hatte Ewigkeiten gedauert bis sie nicht mehr täglich um Shukran getrauert hatte. Wie lange hielt selbst ein übermenschliches Herz dieser Belastung stand?
      "Nimm mich in den Arm. Zoras."
      Ihre Stimme war leise aber gefestigt. Es dauerte nicht lange, da kam er ihrer Forderung nach und drückte sie noch näher an sich als es möglich erschien. Niemand von ihnen scherte sich darum, dass sie ihr Handtuch nicht mehr festhielt. Es wurde einzig und allein durch ihre Körper an Ort und Stelle gehalten. Kassandra indes schloss die Augen, ließ sich einmal kurz sacken und erkannte die Sachlage als solche an. Er hatte sich nicht von ihr entfernt - er verstand nur nicht ihr Problem und war gewillt, es für sie zu lösen.
      "Ich mag nicht akzeptieren, was ich mir eigentlich wünsche. Die Sorge, dass die Veränderung uns beide zu stark trifft, ist einfach so groß. Es ist, als würden zwei Teile in mir miteinander kämpfen. Der Teil, der sich über die Jahrhunderte unter dem Einfluss der Menschen gebildet hat und dem Teil, der meine Existenz als Phönixin ausmacht."
      Sie konnte es nicht sagen. Sie konnte ihren Stolz nicht herunterschlucken und zugeben, dass sie Angst hatte. Angst davor, nochmals jemanden zu verlieren, der ihr ans Herz gewachsen war.
      "Lass mich los", sagte sie nach einer Weile und tippte sanft seinen Oberarm an.
      Er gab sie allerdings gerade so weit frei, dass sie zu ihm aufsehen konnte. Seit wann bestand eigentliche diese Anziehung zwischen ihnen? War das tatsächlich erst seit dem Moment in dem sich Zoras dazu entschieden hatte, ihr den Hof zu machen? Jäh erinnerte sie sich an das Zelt zurück, wie sie schwer atmend unter ihm gelegen hatte und er sie mit den gleichen unsteten Augen musterte wie umgekehrt.
      Nun wanderten beide ihrer Hände über seine Arme an Zoras Körper hinauf, sanft an seinem Hals entlang bis sie sein Gesicht mit ihren Händen einrahmen konnte. Tief sah sie ihm in die Augen, von der einstigen Maske war keine Spur mehr zu sehen. Wenn sie in dieser Welt weiter Bestand haben wollte, dann musste Kassandra wachsen. Und das konnte man nur, wenn man sich dazu entschied Dinge zu akzeptieren.
      "Ich habe dir in all den Nächten meine Nähe verwehrt weil ich dachte, dass es deine Entscheidung beeinflussen könnte. Ich wollte nicht, dass deine Beziehung zu mir deine Entscheidung ändert. Meine Anwesenheit sollte keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge haben. Aber es hat mich jede einzelne Nacht zerrissen. Jedes Mal habe ich die Enttäuschung in deinen Augen gesehen. Es fiel mir so schwer."
      Ihre Augen drifteten zu seinen Lippen ab.
      "Wenn es danach geht, was ich will, dann wirst du an meiner Seite alt. Du wirst grau, faltig und stirbst am Ende in meinem Schoß. Damit kann ich leben, das ist der Lauf der Dinge. Aber von Weitem zusehen wie du stirbst während ich in der Lage bin etwas zu unternehen.... Gott, Zoras, ich würde alles in Asche verwandeln, ob du es willst oder nicht."
      Kassandra tat einen tiefen Atemzug. Sie hatte die Grenze, die sagenumwobene Grenze, gerade mit Füßen getreten. Vor ihr tat sich ein neues Land auf, das nur darauf wartete von ihr erobert zu werden. Und das tat sie nun mit großen Schritten.
      "Was ich jetzt will sind deine Lippen", sagte sie plötzlich unverwandt direkt und wartete nicht länger.
      Sie führte sein Gesicht hinab zu ihrem und verschmolz endlich ihre brennenden Lippen zu einem Gemeinsam. Sofort fühlte sie sich erleichter, zeitgleich angespornt und ekstatisch. Sie drückte sich noch enger an ihn, spürte seine Hitze die des Wassers überstrahlen und selbst durch das dünne Tuch wirken. Kurz löste sie ihre Lippen, holte Luft und setzte nach. Es reichte nicht. Nichts davon reichte. Die ganze angestaute Energie schien sich in einem Moment zu entladen als sich ihre Hände von seinem Gesicht lösten und sich stattdessen um seinen Nacken schlangen. Er sollte nicht gehen, er durfte nicht gehen. Von dem Anfangs zarten Kuss war nicht mehr viel übrig als sie ungewohnt drängend seine Zunge forderte und tatsächlich vergaß, wer sie eigentlich waren oder wo sie sich befanden.
      Es vergingen gefühlt Minuten bevor Kassandra Zoras schwer atmend freigab und auf ihre Fersen zurücksank, von denen sie sich die ganze Zeit über abgehoben hatte. Ihr Lungen brannten mindetens so sehr wie ihre Augen als sie Zoras ansah.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Intensität, die sich in Zoras' Innerem abspielte und seine Gedanken umnebelte, kam in ähnlicher Weise auch auf Kassandras Gesicht hervor. Das war wieder etwas, was seiner Verwirrung nur zuspielte und ihn tiefer in seinen inneren Streit hineinstürzte. Sie schien ernsthaft betroffen von seiner Aussage, er konnte es ja sogar schon an ihren Fingern an seiner Wange spüren und das passte nicht in das Bild, das er versuchte von ihr zu machen. Mittlerweile glaubte er aber auch nicht, dass irgendetwas zu dem Bild passte.
      Dann, nach einer schieren Unendlichkeit, kam endlich eine Antwort und Zoras hätte vor Erleichterung beinahe laut geseufzt. Sie beantwortete seine Frage und sie ließ ihn sie berühren, das war doch ein Anfang, nicht wahr? Das ging in die richtige Richtung, wenn es denn sowas überhaupt noch gab.
      "Okay."
      Er zögerte keine Sekunde, gab sich der Bitte hin, als wäre es ein ganz persönlicher Befehl und schlang beide Arme um die zierliche Phönixin. Das Wasser plätscherte ein wenig, als er sie noch enger an sich zog, sodass nicht einmal mehr das Tuch eine echte Grenze zwischen ihnen darstellte. Sein Herz fand einen Rhythmus, in dem es sich Kassandras Nähe vollständig hingeben konnte. In seinen breiten Armen verschwand sie fast, aber vielleicht war das auch nur dem Umstand geschuldet, dass er ihren ganzen Körper durch das Wasser nicht sehen konnte. Er sog den Anblick in sich auf, als bräuchte er es um zu überleben.
      Als sie weitersprach, glaubte er ein wenig mehr von dem zu verstehen, was in ihr vorgehen mochte - sofern man es als Außenstehender ohne die nötige Erfahrung verstehen konnte. Sie konnte nicht haben, was sie wollte; wenn sie es tat, dann würde sie vermutlich ihre Grenze überschreiten. Er nickte, als hätte er verstanden. Was war es jetzt aber nun, das sie haben wollte?
      Sie forderte wieder losgelassen zu werden und das war nun kein so einfacher Befehl, dem er sich ohne weiteres fügen konnte. Er ließ locker, ja. War das schon loslassen? Nein. Sollte er sie ganz loslassen? Bitte nicht. Sie schob sich ein wenig von ihm weg und Zoras presste die Lippen aufeinander, um sich selbst davon abzuhalten, sie dazu zu bitten, wieder heranzukommen. Aber dann verharrte sie von selbst, seine Arme noch immer lose um ihren Oberkörper. Das war okay, damit konnte er sich zufrieden geben.
      Für einen Moment sahen sie sich unbeweglich in die Augen, dann wanderten Kassandras Hände wieder an ihm empor, während er selbst nichts anderes tun konnte als den Blick zu erwidern, der auf ihm lag. Sie erklärte, weshalb sie ihn in den vergangenen Tagen immer abgewiesen hatte und er dachte, dass er gar nicht darüber nachdenken wollte. Sie hatte gesehen, wie sehr es ihn mitgenommen hatte. War das gut oder schlecht? Ein Fortschritt oder ein Rückfall? Er hielt sich noch immer mit dieser Frage auf, als ihr Blick sich absenkte und auf seinen Lippen landete, als sie mit ihren nächsten Worten den Hauch eines Lächelns auf sein Gesicht zurückbrachte. Er wusste nicht einmal, wieso er lächelte; weil ihm die Vorstellung gefiel, an ihrer Seite alt zu werden? Weil es sich so absurd anhörte, dass sie für ihn die ganze Welt brennen lassen würde? Weil er mit seiner Vermutung doch richtig gelegen hatte, dass er ihr etwas bedeutete? Letzten Endes war es wohl eine Kombination aus allem drei. Letzten Endes war es wohl auch nicht mehr wichtig, denn sie verlangte nach seinen Lippen.

      Als hätte sein Körper bereits gelernt auf ein unsichtbares Zeichen zu reagieren, beugte er sich schon freiwillig hinab, als er nur den leichten Zug ihrer Hände an seinem Gesicht spürte. Sein Atem setzte aus. Er wartete auf die unweigerliche Zurückweisung, die folgen würde, und dann drückten sich ihre doch Lippen an seine.
      Er schmolz dahin. Sie fühlte sich noch viel himmlischer an, als er es in Erinnerung hatte, noch viel sanfter, noch viel weicher, noch viel göttlicher. Er hatte das Gefühl ihrer Lippen nicht vergessen, aber im Gegensatz zur Wirklichkeit schien die Erinnerung wie eine lausige Kopie. Er versank in jedem Sinneseindruck von ihr. Ihre bewegenden Lippen schickten Schauer um Schauer durch seinen Körper und als sie sich wieder an ihn drängte, reagierte sein Körper auch ohne sein Zutun und drückte sie so fest an sich, als solle sie ihn vor dem Ertrinken retten. Sein Gehirn nahm seine Denkfähigkeit nicht wieder auf, es verabschiedete sich in den Feierabend. Zurück blieb nur noch Kassandra, ihre Lippen, ihr Geschmack, ihr Körper. Ihr stockender Atem, der über seine Wange fuhr. Ihr Zunge, die unverwandt um Einlass verlangte und die er mit einem Seufzen empfing. Es war zu viel und doch nicht genug, bei weitem nicht genug. Er schlang einen Arm um ihre Hüfte, die andere Hand wanderte zu ihrem Hinterkopf empor, verhakte sich dort unter ihren Haaren, um sie nicht loszulassen. Niemals wieder loslassen, das war in dem Moment die Devise. Niemals diesen Raum verlassen, damit konnte er sich zufrieden geben. Für alle Zeit in diesem Wasser stehen und Kassandra schmecken.
      Als sich ihre Lippen das nächste Mal unverwandt von ihm lösten, merkte er erst, wie wenig seine Lungen gearbeitet hatten und schnappte unvermittelt nach Luft. Auch Kassandra war außer Atem, ihre Wangen waren rot, ihre Brust hob und senkte sich unter dem Tuch, das so aussah, als könne es sich jeden Moment von ihr lösen und verabschieden. Es war nicht genug. Zoras war süchtig nach ihr und dieser winzige Moment der Freiheit fühlte sich an wie Entzug.
      "Berühren?", fragte er heiser, atemlos. Oh, berühren, was für eine Glanzleistung. Wieso konnte er bei Kassandra nicht die gleichen Reden schwingen, die er seiner Armee präsentierte? Er machte sich ja noch lächerlich.
      Bevor einer von ihnen beiden auf die Idee kam, diesen Eindruck überhaupt aufzugreifen, beugte er sich tiefer hinab, fischte nach Kassandras Beinen, ergriff hart ihre Oberschenkel und hob sie mit einem Ruck aus dem Wasser heraus. Wie automatisch schlang sie die Beine um seine Hüfte und er hielt sie weiter fest, reckte sich diesmal nach oben, verlangte wortlos nach ihrem Mund. Mit ihr an sich geklammert, ihre Lippen wieder miteinander verschmolzen, wanderte er rückwärts tiefer ins Wasser, so weit, bis er sie loslassen konnte, bis sie sich selbst an ihm festhalten und er dafür die Arme um ihren Körper schlingen konnte. Selbst in der Wärme des Wassers konnte er ihre Hitze deutlich spüren, er konnte alles von ihr spüren, ihre weiche Haut, die Kurven ihrer Hüfte, besonders ihre Brust. Er presste sie an sich, reckte den Kopf um sie zu küssen, fuhr mit der Zungenspitze über ihre Lippen. Kassandra schmeckte nach Freiheit, sie schmeckte nach Unsterblichkeit, nach Macht und nach Liebe. Kassandra schmeckte nach allem, was ein Mensch sich je hätte erträumen können und Zoras labte sich daran, als wäre es sein letztes Abendmahl.
      Als sie ihren Kuss wieder brachen, um beidermaßen Luft zu holen, nahm er den einen Augenblick, um ihren Anblick in sich aufzusaugen. Ihr Tuch war verschwunden, trieb irgendwo an der Wasseroberfläche. Er hätte lügen müssen wenn er behauptet hätte, dass ihm das Küssen jetzt noch ausreichte.
      "Berühren...? Aber nicht weiter...?"
      Sein Blick fiel auf ihren Hals, auf die helle makellose Haut, die weiter in ihre Schultern und ihr Schlüsselbein ging. Er zog sie wieder fester an sich, lehnte sich vor und drückte die Lippen in ihre Halsbeuge, saugte daran, leckte über die Stelle. Dann wollte er die Prozedur weiter oben wiederholen, unterhalb ihres Kiefers. Er wollte noch viel mehr als das. Die rationale Hälfte in ihm verabschiedete sich immer weiter.
    • "Berühren?"
      Es war nur ein einziges, rauchiges Wort, das über Zoras' Lippen kam und Kassandras Beine gefährlich weich werden ließ. Ihre großen Augen fanden seine, die vor Begierde überzulaufen schienen. Hierbei ging es nicht nur darum, dass er einer Frau - irgendeiner Frau - näher kam sondern es ging einzig und allein um sie. Wenn sie ihn nun nicht in die Schranken wies wusste der Allvater höchst selbst wie es enden würde. Hier gab es keinen lauschenden Kutschfahrer oder dünne Zeltwände mehr. Aber wie begrenzt war die Frage nach der Berührung? Das taten sie unlängst oder hielt er sich immer noch an ihren Worten aus dem Zelt auf? Konnte er nicht mal richtige Sätze for-
      Die Phönixin stutzte in ihrer Gedankenführung als sich plötzlich Hände bestimmt an ihre Oberschenkel legten, sich regelrecht in ihr Beinfleisch schlugen und sich somit den nötigen Halt erkämpften, um die zierliche Frau von den Füßen zu heben. Einen überraschten Laut entkam ihr als sich ihre Beine sowie Arme reflexartig um den deutlich kräftigeren Körper schlangen. Gut, sie hatte ja sehen können, dass er einen gestählten Körper besaß, aber die Leichtigkeit mit der er sie einfach aus dem Wasser hob kam dennoch überraschend. Es musste diese Bewegung gewesen sein, die dem Tuch um Kassandras Leib den Todesstoß versetzt hatte. Doch niemand von ihnen scherte es. Stattdessen neigte sie ihren Kopf als sich Zoras nach ihr streckte, um etwaige Bekundungen angesichts des abhanden gekommenen Tuches zu eliminieren. Schlussendlich verlor sie sich in den Küssen, die sie mit ihm teilte, jeder einzelne brachte eine neue Facette mit sich, die es eigentlich gar nicht geben sollte. So abgelenkt merkte sie nicht einmal, dass er sie in tiefere Wasser trug bis ihr die Wärme bis auf Brusthöhe anstieg.
      Sie behielt ihre Beine um seine Hüfte geschlungen als er ihre Oberschenkel freigab, um umzugreifen. Indes wanderten Kassandras Hände seinen Rücken hinab, folgten dem Muskelstrang des Schultergürtels, ließen sich von den Konturen der Schulterblätter führen und von seinem Rückgrat den Weg weisen. Gott, war allein der Rücken dieses Mannes schon kräftig ausgebildet. Dann hatte sie sich im Zelt nicht getäuscht, als sie seine Brust aufwärts gewandert war und nur blind erfühlen konnte, was darunter liegen mochte. Nun drückte er sie noch enger an sich, spürbar presste er ihre Oberweite an seine Brust und sorgte dafür, dass sie den Herzschlag des jeweils Anderen fühlen konnten. Und sie war sich nicht sicher, wessen Puls gerade gewann. Die Sinneseindrücke schienen sie zu fluten und das obwohl sie sich praktisch nur gehalten hatten bis jetzt. Dann strich seine Zunge über ihre Lippen, hinterließ eine irrwitzig kitzelnde Spur, die irgendetwas in ihr berührte. So sehr berührte, dass sie die Finger in seine Schultern schlug.
      Als sie Beide notgedrungen sich voneinander trennten, einzig und allein aus der Sorge sonst ersticken zu müssen, blickten sie sich atemlos an. Seine Hände lagen an ihrem unteren Rücken und schienen ihre Abdrücke in ihre Haut brennen zu wollen. Das Wasser verlor gefühlt an Temperatur obwohl sie besser wusste, dass es einfach ihre eigene Körpertemperatur war, die anstieg. Nüchtern betrachtet gab es nicht viel, was sie Beide voneinander nun trennte. Aber wenn einfach Küsse und das bloße Tragen von A nach B schon ausreichten, um sie in diesen Zustand zu versetzen wollte sie nicht wissen wie es war, wenn er sie tiefgründig berührte.
      Doch. Genau das wollte sie wissen.
      "Berühren...? Aber nicht weiter...?"
      Kassandras Augen folgten Zoras' Blick, wie er sie auf diese kurze Distanz hin ihren Anblick in sich aufsog. Wie er jede Facette ihres Körper zu verinnerlichen schien und sich womöglich in den Kopf setzte, jeden Zentimeter mindestens einmal angefasst zu haben. Wie sein Blick schließlich an ihrer Halsbeuge haften blieb und er kurzen Prozess mit seinen Gedanken machte. Er drückte sie wieder fester an sich, sie erwiderte die Geste mit gleicher Intensität, während er Spuren an ihrer Haut hinterließ. Sich wiederholte, als er als neuen Ort die empfindliche Stelle unter ihrem Kiefer auserkor. Eine Gänsehaut erschien auf ihrem Körper, schwappte über jedes Fitzelchen Haut hinweg. Fast augenblicklich kippte ihr Kopf zur Seite, gab ihm mehr Spielfläche während sie die Augen schloss und sich ein spitzbübisches Lächeln auf ihre Lippen stahl.
      "Berühren ist ein dehnbarer Begriff. Ich habe nie gesagt, wo du mich nicht anfassen darfst oder mit was. Schon damals nicht im Zelt", sagte sie, offensichtlich noch eher in der Lage richtige Sätze bilden zu können.
      Sie spürte, wie ihre Stimme bis an seine Lippen vibrierte, wie er kurz innehalten musste um ihre Worte zu verarbeiten. Das Lächeln wurde kaum merklich breiter nachdem er seine Handlungen wieder aufgenommen hatte. Tapfer hielt sie sich weiter an ihm, denn wenn er sie nicht mehr gefangen hielt würde er ihr viel zu viel Spielraum geben und dann würde sie ihn wieder bis aufs Blut reizen.
      "Du darfst alles berühren, was du möchtest. Du darfst mich ansehen, solange du möchtest. Wobei ich gestehen muss, dass das Wasser die Sicht ein wenig stört...."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"