[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • Wie konnte ihn ein Mann - ein einzelner Mann! - so sehr zur Weißglut bringen?!
      Vincent drückte seine Fäuste gegen die Tischplatte und lehnte sich etwas vor. Das Monster in seinem Inneren - hungrig, wütend, einen Jäger sehend - knurrte und bereitete sich darauf vor, über den Tisch zu springen und diesem Menschlein die Kehle rauszureißen, wie dieser es gerade offen von ihm verlangt hatte.
      "Ich will dich nicht loswerden, Thomas. Aber wenn du nicht bald etwas tust, dann werden wir uns verlieren. Verstehst du das?! Du kannst so oft behaupten, dass du kein Jäger mehr bist, wie du willst, aber wir beide wissen es besser. Du kannst das Monster im Inneren nicht ignorieren, Thomas. Also ja. Pack deine Sachen, fahr nach Plymouth. Nach Oxford. London. Mir egal. Was du nicht tun wirst, ist hier in deinem Büro zu sitzen und dich mit diesem verdammten Schädel zu unterhalten, als wärst du Hamlet! Trainier mit Simon, wenn du der Meinung bist, dass du außer Form bist! Der hilft dir sicher gern."
      Vincent schloss die Augen und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Ihm stieg Thomas' altbekannter Duft nach Zimt in die Nase, aber anstatt ihn noch hungriger zu machen, zuckte das Biest zurück. Es hatte gelernt, dass dieser Geruch zu einem furchtbaren Mahl führte. Vincent richtete sich auf und sah auf Thomas hinab.
      "Du bist nur noch ein Schatten deiner Selbst, seit du versuchst, diesen Teil von dir zu töten. Es funktioniert nicht. Und ich bin nicht bereit, dich zu verlieren. Wenn du nicht selbst gehst, dann schleife ich dich eben irgendwo hin. Ich provoziere einen Kampf mit einem meiner Nachbarn, wenn es das ist, was du brauchst. Mir ist das vollkommen egal. Aber mir ist nicht egal, wie du hier versauerst. Du gehst ein wie eine Pflanze und... ich weiß, dass das mein Fehler ist. Ich weiß, dass das," er deutete auf Thomas' klägliche Erscheinung, "nur passiert ist, weil ich dich dazu gezwungen habe, dich zwischen mir und deinem Leben als Jäger zu entscheiden. Dafür entschuldige ich mich."
      Er nahm eine der Zeitungen und klatschte sie vor Thomas auf den Tisch.
      "Geh jagen. Nimm Simon mit, bring's ihm bei, lass ihn dir helfen. Um deine Instinkte musst du dir keine Sorgen machen; ich werde mich wieder von Schweineblut ernähren."
      Vincent machte auf den Hacken kehrt und ließ Thomas allein mit seinem neuen besten Freund. Er hielt es in diesem Raum nicht länger aus. Er hielt es in diesem Haus nicht länger aus. Thomas war nicht der Einzige, den es gerade nach einer Jagd verlangte. Die Herzschläge seiner Belegschaft brüllten in seinem Schädel.
      Vincent stürmte hinaus in den Garten und ließ sich von der Nacht einhüllen. Die Luft war kühl, der Himmel klar. Der Mond und die Sterne waren genug, um ihm die Welt seines Gartens zu enthüllen. Er hörte die Insekten und die Kleintiere, wie sie ihrem nächtlichen Leben nachgingen. Aber Vincent war hungrig, ein Hase würde nicht ausreichen. Er brauchte etwas größeres. Er wusste, dass es ihm auf den Magen schlagen würde, aber das war ihm egal. Er brauchte etwas, das er töten konnte, bevor all die Frustration der vergangenen Tage und Wochen aus ihm herausbrach und er die Kontrolle verlor.
      Vincent war einen Blick über die Schulter zu dem Büro, in dem sich Thomas schon so lange verschanzt hatte. Es war ihm egal, ob Thomas ihn sah, beschloss er in diesem Augenblick und seine Augen verloren alle Farbe. Thomas wollte nicht jagen? Ihm egal. Er wollte jagen.
      Die sanften Schritte eines Rehs irgendwo im Wald des Grundstücks erregten die Aufmerksamkeit des Vampirs. Er war nicht froh über die Wahl der Beute, aber der Vampir wusste, dass er nichts anderes bekommen würde. Also rannte er los, verschwand in der Dunkelheit der Nacht. Heute Nacht würde er etwas töten.


    • In einer gar drohenden Geste lehnte Vincent sich über den Tisch nach vorne, die blanken Fäuste gegen das Holz gedrückt. Sein Gesicht war nicht verzerrt, aber der Zorn tanzte in seinen Augen, ließ das strahlende Blau flackern wie ein Feuer, das Thomas jeden Moment verbrennen könnte. Sein Kiefer war ganz starr und von den sonstigen Lachfältchen war keine Spur zu sehen, als hätte es sie nie gegeben, als hätte dieser Mann Thomas niemals mit einem warmen Lächeln angesehen. Und wirklich, dieser Ausdruck jetzt war ihm bekannter, diesen hatte er in letzter Zeit häufiger zu sehen bekommen.
      Dafür wollte er nicht wissen, wie er selbst zurückstarrte, wie sich seine Lippen streng aufeinanderpressten und wie sein Blick Vincents Augen wie Dornen zu durchstechen versuchten. So weich und warmherzig er seinen Freund einmal betrachtet haben musste, so hart und kühl war seine Miene jetzt.
      Er hatte keine Worte, die er Vincent hätte zurückschleudern können. Der Mann kämpfte sichtlich mit sich, mit allem hier, mit dem letzten bisschen Rest, womit sie es hier noch zu tun hatten. Das war mehr, als Thomas von sich behaupten konnte. Ja, er versauerte hier, aber er war auch kein Jäger mehr, er konnte keine halben Sachen machen. Er hatte sich dagegen entschieden und mit der Entscheidung musste er leben. Tat er es nicht, riskierte er den Tod. Jetzt hatte er keinen Großvater mehr, der ihn in die Jagd eingeführt hätte, keinen Vater, der ihn auf die Jagd mitgenommen hätte, keine Mutter, die sicherstellte, dass er auch wieder nachhause kam. Er war alleine mit all seinen Entscheidungen und die würden am Ende des Tages über sein Leben bestimmen.
      Mürrisch starrte er auf die Zeitung hinab, die Vincent ihm hinklatschte, bevor er sich endgültig aufrichtete. Die letzten Worte fielen wie Steine, dann war der Mann so stürmisch wieder aus dem Zimmer verschwunden, wie er gekommen war. Nur Thomas blieb zurück, missmutig in seinen Stuhl eingesunken und mit einem Haufen Zeitungen konfrontiert, die er gar nicht lesen wollte. Das meiste waren doch sowieso falsche Fährten! Aber konnte er es bei einer großen Stadt wirklich wissen? Wie hoch war denn die Chance, dass dort ein Vampir sein Revier hatte, so wie auch Vincent hier seins aufgebaut hatte?
      Sein Blick fiel auf Vlad, der ihn aus dunklen, leeren Augenhöhlen heraus anstarrte, ihn, seinen Bezwinger, der jetzt gar nichts mehr tat, außer tagein tagaus aus einem Fenster zu starren und sich vor dem Mann zu verstecken, wegen dem der Schädel überhaupt zu einem geworden war. Vielleicht verhöhnte er ihn ja, Thomas van Helsing, der gegen einen Vampirmeister bestand, nur um gleich im Anschluss seine Fähigkeiten verkümmern zu lassen.
      Thomas starrte zurück, gab ein abschätziges Geräusch von sich und drehte den Schädel vom Fenster weg. Dann drehte er sich im Stuhl um, reine Gewohnheit, und starrte wieder dumpf aus dem Fenster.
      Unten bewegte sich etwas. Eine Silhouette tauchte auf, ganz eindeutig Vincent, so selbstverständlich, wie sie in die Nacht hinaus marschierte. Der Mann drehte den Kopf und für eine winzige, gleichzeitig ewige Sekunde mussten sich ihre Blicke treffen, irgendwo da draußen, irgendwo im Dunkeln, das Thomas nicht ganz greifen konnte. Dann gab der Mann eine Bewegung von sich und war plötzlich, mit einem Blinzeln, vollkommen verschwunden.
      Thomas' Herz machte einen Satz.

      Er ging wie die Tage alleine ins Bett. Er hatte darauf gewartet, dass die Nacht wieder etwas hervorbringen würde, aber Vincent beehrte ihn nicht noch einmal mit seiner vampirischen Gestalt. Das stimmte ihn wütend; nur wegen ihm hatte er die Zeitungen noch einmal durchgelesen, aufmerksamer diesmal. Nur wegen ihm hatte er die Kraft, die Motivation aufgenommen, einen solchen Versuch zu wagen. Immerhin hatte er recht, es konnte nicht so weitergehen. Thomas kam sich selbst vor, als würde jeden Tag ein weiterer Teil von ihm sterben, den er nicht wiederbringen konnte.
      Aber dann war der andere in die Nacht verschwunden, hatte ihn alleine gelassen mit dieser Aufgabe und daher ging er wütend ins Bett. Sollte er doch sehen, was aus dieser grandiosen Jagd-Idee werden würde. Wenn er schonmal draußen war, konnte er sich ja gleich einen Platz für ein Grab aussuchen.
      Auf dem Nachttisch auf Vincents Seite hinterließ er eine herzlos gekritzelte Nachricht:

      LONDON.
      Du kommst mit.

      Immerhin war es seine Schnapsidee gewesen.
      Aus einer kindischen Sturheit heraus beharrte Thomas darauf, tagsüber zu fahren. Er sollte jagen gehen? Er würde jagen gehen. Zu seinen eigenen Konditionen.
    • Der Vampir stürzte sich mit vollem Gewicht aus dem Baum, landete so hart auf dem Reh, dass dem Tier die Beine brachen. Einen Moment später gruben sich lange, spitze Zähne tief in das muskulöse Fleisch am Hals des Tieres. Der Vampir inhalierte das Blut geradezu. Er trank so schnell in so großen Zügen, dass er den Geschmack kaum wahrnahm. Denn darum ging es auch gar nicht.
      Die Versuche des Rehs, sich aus seinem Griff zu befreien, wurden schwächer und schwächer. Der Vampir konnte spüren, wie das kleine Herz flatterte, bevor es langsamer und langsamer wurde. Noch langsamer. Dann: Stille. Er nahm einen letzten, tiefen Zug aus der zerfetzten Kehle des Rehs, dann hob er den Kopf und starrte den Himmel an. Den Mond. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er den Mond angebetet. Einen brutalen, unersättlichen Mond.
      Vincent schob da Reh von sich und stand auf, ging zurück zu seinem Haus. Er schaffte es fast bis zur Küchentür, bevor sich sein ganzer Körper verkrampfte. Er fiel auf die Knie und einen Moment später übergab er sich so heftig, dass er glaubte, seine Organe gleich mit hochzuwürgen. Doch er begrüßte den Schmerz. Körperlicher Schmerz war leicht zu ertragen und er übertünchte das, was tiefer schlummerte.
      Nora rannte nach draußen, strich ihm sanft über den Rücken, während er den Boden mit Blut bedeckte, das nicht seines war und niemals seines sein würde. Es kam einer Reinigung gleich. Die letzten Reste dessen, was ihn mit Thomas verband, wurden genauso herausgepresst wie das Blut des Rehs. Er würgte noch ein paarmal trocken, bevor sein Körper sich endlich beruhigte und ihn zitternd, hungrig und geschwächt wie schon lange nicht mehr zurückließ.
      Vincent brauchte Noras Hilfe, um wieder auf die Füße zu kommen. Sie half ihm ins Haus und setzte ihn an den Esstisch. Sie stellte keine Fragen. Sie eilte einfach davon, um ihm ein neues, nicht vollgeblutetes Hemd zu besorgen. Vincent ging an diesem Morgen nichts ins Bett. Stattdessen stieg er auf wackligen Beinen die Stufen in den Keller hinab und verkroch sich in dem kleinen Arbeitszimmer, in dem er auch schon seiner Silbervergiftung gefrönt hatte. Er rollte sich auf dem alten, durchgesessenen Sofa zusammen und hieß die Bewusstlosigkeit des Tages mit offenen Armen willkommen. Er versuchte, nicht an Thomas zu denken. Auszuhungern würde auch ohne den Mann schwer genug werden.

      Nora servierte Thomas kein Frühstück. Stattdessen stürmte sie am Morgen ins Schlafzimmer und riss die Vorhänge auf. Sie schnappte sich Vincents Morgenrobe und begann, ein paar bequemere Hemden und Hosen für ihn zusammenzusuchen. Dabei erblickte sie die kleine Notiz auf dem Nachttisch. Sie zerknüllte sie und warf sie Thomas gegen die Brust.
      "Sie werden keine Forderungen an Vincent stellen," informierte sie den Mann, den sie mit voller Absicht wieder siezte. "Ich habe Sie gewarnt. Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie auf sein Herz aufpassen sollen. Stattdessen haben Sie die Entscheidung getroffen, es ihm aus der Brust zu reißen. Erneut. Es gab einmal eine Zeit, in der Sie sich Sorgen darum gemacht haben, wie ich Sie sehe. Welche Meinung ich von Ihnen habe. Hier ist meine Antwort: Ich mag Sie nicht. Nicht mehr. Ich dachte, Sie befreien Vincent von seinen Dämonen. Stattdessen sind Sie zu einem weiteren geworden. Herzlichen Glückwunsch. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden: Ich habe mich um einen verhungernden Vampir zu kümmern. Und nein, er wird Sie nicht nach London begleiten. Zur Sicherheit aller."
      Mit diesen Worten verschwand Nora aus dem Schlafzimmer und überließ Thomas sich selbst. Sie richtete alles für Vincent im Keller her, während dieser schlief - die einzig sichere Zeit in seiner Gegenwart. Sie stellte eine kleine Servierglocke mit einem sanften Mahl auf den Schreibtisch, legte die Klamotten über einen Stuhl. Dann ließ sie auch diesen Mann allein, ging aber sicher, die Tür hinter sich abzuschließen und mit Runen zu versehen, die den Vampir auch wirklich einsperren würden. Danach ging sie zum Bedienstetenhaus, wo sie den Rest der Belegschaft darüber informierte, sich vom Keller fernzuhalten. Esther und Simon wies sie an, eine Reise nach London vorzubereiten, sie würden Thomas begleiten. Esther machte sich gleich daran, alles in die Wege zu leiten - von der Unterbringung bis hin zum Packen. Sie stellte keine Fragen. Simon auch nicht, egal wie sehr sie ihm unter den Fingernägeln brannten.

      Vincent erwachte bei Sonnenuntergang selbst ohne ein einziges Fenster in der Nähe zu haben. Seine Adern brannten - ein bekanntes Gefühl, dem er sich eine kleine Weile hingab, bevor er aufstand. Er sah sich in dem kleinen Kellerraum um. Das hier würde in den nächsten Tagen sein Zuhause sein. Er würde seine Zeit hier allein verbringen, hungern bis er beinahe den Verstand verlor. Wie lange würde es dauern? Was hatte Dominik dazu gesagt? Vincent erinnerte sich nicht mehr. Er vertraute darauf, dass Nora auf ihn aufpasste. Nora, nicht Thomas.
      Bei dem Gedanken an Thomas seufzte Vincent. Er war wütend gewesen, als er ihn gestern einfach so überfallen hatte. Er bereute es, wie er dieses Gespräch, falls man es denn so nennen konnte, geführt hatte. Seine Worte aber bereute Vincent nicht. Er hatte jedes davon auch genauso gemeint.
      "Ich schätze wir werden beide zum Davor zurückkehren müssen," murmelte er in die Dunkelheit des kleinen Raumes und setzte sich an den Schreibtisch. "Du bist wieder Jäger, ich ernähre mich wieder von Tieren. Vielleicht schaffen wir es dann ja auch zu unserem gemeinsamen Davor zurück..."
      Vincent hoffte es. Er wünschte es sich mehr als alles andere. So unterkühlt ihre Beziehung zueinander auch geworden war - er liebte Thomas noch immer. Und genau deswegen musste er das hier tun. Genau deswegen würde er das hier durchstehen, wie er auch alles andere durchgestanden hatte. Für Thomas.


    • Thomas wurde am Morgen aufgeweckt, aber nicht etwa von einem Vampir, der in ihr gemeinsames Bett gekrochen kam, sondern von Nora, die wie ein Wirbelsturm hereinfegte und ihn mit ihrer Geschäftigkeit aus dem Schlaf riss. Dabei wurde er gänzlich überrumpelt; die Vorwürfe schossen wie eine Salve auf ihn ab und Thomas konnte sich kaum davor schützen. Er war noch gar nicht richtig wach, aber diese Ausrede brachte wenig, denn auch wenn er sich eine Woche auf diesen Moment hätte vorbereiten können, wäre Nora doch immernoch über ihn hinweg gefegt. Sein eigener Zettel traf ihn an der Brust und dann war die Haushälterin auch schon wieder verschwunden, auf ihrem Weg sonst wohin. Erst, als die Tür hinter ihr bereits zugeknallt war, rief Thomas ihr nach:
      "Es war seine Idee gewesen!"
      Aber das Argument hörte sich lächerlich an, wenn er es so in den leeren Raum hinein warf. Leer, da er mit einem Seitenblick auf Vincent entdeckte, dass der Mann gar nicht ins Bett gekommen war. Dabei musste die Sonne längst aufgegangen sein.
      Sollte er doch schlafen, wo auch immer er wollte, das Haus war groß genug dafür. Es war sowieso fragwürdig, wieso sie noch so lange in einem Bett geschlafen hatten, wenn sie doch gar nichts mehr von ihrer Nähe hatten.
      Aufgewühlt verkroch Thomas sich wieder unter der Bettdecke und versuchte sich jetzt, im Nachhinein, zu überlegen, was er Nora hätte erwidern sollen. Nicht, dass er jemals die Gelegenheit dafür bekommen würde. Aber er hatte keine Lust auf London, keine Lust auf eine Jagd und überhaupt, keine Lust das Bett zu verlassen. Sollten sie sich doch alle zum Teufel scheren, das war ihm ganz gleich.

      Simon und Esther erwarteten ihn ohne jegliche Kommentare. Er hätte auch keinerlei Fragen beantwortet, hatte sich geschworen, dass er schweigen und sich in seinem eigenen Leid suhlen würde. Mit gepackten Taschen kam er herab und fühlte sich, als stünde ein weiterer Umzug bevor. Nora war nicht da, um ihn zu verabschieden, und Vincent natürlich auch nicht. Mit mürrischer Miene stapfte er nach draußen und bezog eine der Kutschen.
      Sie fuhren ab und er sah sich nicht noch einmal um.


      London war eine Großstadt, wie sie im Buche stand, aber Thomas war kein Großstadtmensch. Die Luft war hier verpestet von zu viel Fabrik-Rauch, die Häuser standen zu eng beieinander und die Straßen waren zu breit, die Menschenmassen waren zu groß und zu überwältigend und wohin auch immer man blickte, man sah die typische englische Eitelkeit, die vornehmen Anzüge und schicken Kleider, die auffallenden Läden an den Straßenseiten und die protzigen Kutschen. Das eigene Emblem von Harker Heights stand an anderen Orten zwar hervor, aber hier, im Herzen des Landes, verschwand es unter dem Prunk so vieler Symbole und Wappen, dass es fast schon unauffällig wirkte.
      Thomas mochte das nicht. Er war aber auch nicht in der Stimmung dafür, irgendwas zu mögen.
      Sie bezogen eine bescheidene Unterkunft, in der er seine Waffen ausbreiten konnte, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen. Simon schien aufgeregt, seine erste richtige Jagd beschreiten zu können, aber Thomas war nervös. Es hatte mehrere Gründe dafür gegeben, dass er Vincent hatte mitnehmen wollen: Zum einen wollte er ihm beweisen, was für eine idiotische Idee diese ganze Sache war, einen quasi in den Ruhestand gegangenen Jäger wieder aufleben zu lassen, zum anderen wollte er sich aber auch mit ihm absichern, sich von ihm beschützen lassen. Seine letzte Bastion, bei der er einkehren konnte, wenn es ihm zu viel würde. Nun würde Esther die Aufgabe übernehmen, die beiden Männer zu erwarten, um im Fall der Fälle Wunden zu verpflegen, aber es war nicht das gleiche. Es wären keine sanften Worte, die ihn erwarteten, kein gemeinsames Bad, so wie es schon zur Tradition gewesen war, keine Sicherheit, wenn er endlich wieder in Vincent Armen liegen würde. Thomas mochte Simon und Esther bei sich haben, aber er war gänzlich auf sich alleine gestellt. Vincent war nicht hier, um ihn mit seiner Liebe gesund zu pflegen.
      Grimmig fing er mit seinen Vorbereitungen an. Wenn er schon das eine nicht haben konnte, konnte er doch wenigstens beweisen, dass die ganze Unternehmung ein Fehler war.
      Simon versuchte er von seiner Laune zu verschonen, der Junge war der letzte, der es verdient hätte, zwischen die Fronten zu geraten.

      London schien eine Brutstätte für vampirische Aktivitäten, was kaum verwunderlich war. Thomas mochte darauf wetten, dass es hier gleich mehrere fest ansässige Vampire gab, die gewisse Stadtviertel für sich beanspruchten und dort ihrer vampirischen Politik nachgingen - doch in diesem Sommer würden sie Bekanntschaft mit einem van Helsing machen. Für eine der beiden Parteien würde dieses Aufeinandertreffen das erste und letzte Mal sein.
      Es war viel einfacher, in dieser Großstadt einen Vampir zu finden, als irgendwo anders. Thomas wusste durch Cambridge bereits genau, wonach er Ausschau halten musste, und wurde schnell fündig. Mit Simon wartete er seinem Opfer auf, die Waffen unter seiner Weste versteckt. Die Nächte waren zu warm für einen ganzen Mantel, aber Messer und Spritzen würden es schon tun. Sie begegneten dem Wesen, einer alten, unscheinbar wirkenden Frau, und kesselten sie ein. Die Frau lachte sie und ihre Silbermesser aus und verschwand innerhalb eines Wimpernschlags in der Dunkelheit. Nun mochte Thomas seit Monaten schon keine Jagd mehr betrieben haben, aber Monate konnten doch lebenslange Erfahrung nicht völlig auslöschen. Sein Instinkt sprang an, warf sich auf dieses gefundene Fressen, als wäre es das einzige, das ihn am Leben erhalten konnte, und jagte seinen Puls in die Höhe. Seine Sinne waren so scharf wie schon seit Monaten nicht mehr und sein ganzer Körper prickelte in dem Verlangen, ein unmenschliches Herz zu durchstoßen. Seine Müdigkeit, seine Unlust waren wie ausgelöscht; es gab nichts mehr als die Jagd und den Jäger. Zwar waren seine Reflexe tatsächlich verkümmert, ein bisschen zu langsam, ein bisschen zu träge, aber dafür hatte er Simon. Der Junge machte sich gut, so schnell, wie er sich bewegte und so gezielt, wie er zustieß. Es machte Thomas stolz zu sehen, was der andere gelernt hatte und das in dieser kurzen Zeit. Er freute sich bereits darauf, Vincent davon zu erzählen.
      Zumindest ganz kurz. So lange, bis die Realität den Gedanken überschattet hatte.
      Der Kampf dauerte acht Minuten, doch als er vorbei war, war der Jäger gerade mal wach geworden. Er riss das Messer aus dem leblosen Körper und wies Simon mit einer scharfen Geste an, mitzukommen.
      "Wir sehen uns gleich den nächsten Fall an. Die Nacht ist noch jung und ich möchte wetten, dass irgendjemand diesen Kampf mitbekommen hat."
      Also zogen sie weiter.

      Esther hatte bereits angefangen sich Sorgen zu machen, doch die beiden Männer kamen im Morgengrauen wieder. Während Simon völlig erschöpft in sein Bett fiel und gleich eingeschlafen war, setzte sich der Jäger an den kleinen Tisch im Zimmer und breitete eine Londoner Karte aus. Er verzeichnete die Orte, an denen sie auf Vampire getroffen waren, und zeichnete sich gleich die nächsten Verdachtsorte ein, die er in der folgenden Nacht aufsuchen wollte. Noch war kein Muster zu erkennen, noch war es aber auch noch viel zu früh. Um zehn Uhr legte er sich erst schlafen, ruhte sich acht Stunden aus, ging mit Simon Abendessen und zog danach gleich weiter. Der Junge hatte noch Muskelkater vom vergangenen Abend und hielt nicht mehr die ganze Nacht durch, der Jäger kam dafür erst richtig in Fahrt. Noch nie zuvor hatte er sich so sehr auf seine Jagd konzentrieren können und noch nie zuvor hatte sie ihn so sehr belebt wie an diesem Abend. Drei Vampire fielen seiner Klinge zum Opfer, dafür zog er sich einen Muskelriss in der Schulter zu, eine Prellung im Bauch und im Rücken und etliche blaue Flecke, die ihn permanent plagten. Doch das hielt ihn nicht auf, die nächste Nacht dasselbe zu tun. Und die Nacht darauf. Londons vampirische Unterwelt war kaum gefasst auf den Tornado mit dem Namen van Helsing, der durch sie hindurch pflügte. Erst am fünften Tag, als sein Schlafrhythmus sich bereits vollständig darauf eingestellt hatte, nachts wach zu sein und tagsüber zu schlafen, kehrte so etwas wie ein Realitätssinn zurück. Er humpelte, nachdem ihm ein Vampir etwas zu hart auf den Fuß getreten war, und sah ein, dass er einen Gang zurückschalten musste. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er über zehn Londoner Vampire auf dem Gewissen.
      Als er mit Simon an diesem Abend beim Essen saß, war er sogar soweit heruntergekommen, um sich erst über die Situation klar zu werden.
      "Was mache ich hier überhaupt?"
      Das Hoch seiner intensiven Jagden verflog langsam und zurück blieb nichts als Sehnsucht. Er konnte klarer sehen, ihm wurde erst jetzt die verschwendeten Monate bewusst, was er doch riskiert hatte, nur für seine dumme Sturheit. Wie gut er es mit Vincent gehabt hatte, bis dahin. Wie sehr er ihn geliebt hatte - wie sehr er ihn immernoch liebte. Wie sehr es drohte, ihm aus den Fingern zu gleiten.
      "Ich sollte gar nicht hier sein! Was mache ich hier?"
      Er rieb sich über das Gesicht, raufte sich die Haare. An diesem Abend hatte er wenig Hunger; er wusste, dass er etwas essen sollte, bevor er jagen ging, aber jetzt beschäftigte ihn etwas anderes. Etwas, womit er sich schon längst hätte auseinandersetzen müssen.
      "Es hat doch funktioniert, zwischen ihm und mir! Oder nicht? Nein, wie komme ich... wie komme ich überhaupt auf die Idee, dass das funktionieren könnte! Er ist doch... und ich bin... wie soll das gehen! Soll ich ihn etwa jagen? Oder nicht jagen? Aber seine Zähne... ich kann nicht... ich lasse ihn von mir trinken! Wer bin ich denn, irgendein Schlachttier? Das ist doch absurd! Aber er kann ja auch nicht... und er muss, ich weiß das, ich sehe ihn doch, er ist doch so viel gesünder, so viel stärker seit er trinkt, aber es geht doch nicht. Oder schon? Was tue ich nur? Gott im Himmel!"
      Wieder raufte er sich die Haare und starrte Simon dann fast flehend an, als ob der Mann ihm jetzt alle Antworten auf seinen wirren Monolog liefern könnte.
      "Ich möchte, dass es funktioniert. Ich will nicht ohne ihn sein, nie wieder, ich liebe ihn. Wie soll das nur funktionieren?"
    • Ich muss mich entschuldigen. Mein Auftreten war alles andere als angebracht. Bereue ich, dich so überfallen zu haben? Nein. Ich meinte jedes einzelne meiner Worte. Du bist ein Raubtier, Thomas. Genauso wie ich eines bin. Ich brauche nur die Beute, aber du… du brauchst die Jagd. Das ist mir klar geworden, als du dich so zurückgezogen hast. Aber ich entschuldige mich aufrichtig bei dir für mein Verhalten. Anstatt ein offenes Gespräch zu suchen, habe ich dich lieber vor vollendete Tatsachen gestellt. Wir haben uns auseinander gelebt, nicht du, nicht ich, wir. Ich trage genauso Schuld and unserer Situation wie du. Und deswegen trage ich meinen Teil dazu bei, sie wieder zu berichtigen.
      Das hier soll keine Rechtfertigung werden, keines Wegs. Um ehrlich zu sein weiß ich gar nicht, was das hier werden soll. Normalerweise entschuldige ich mich nicht in Briefen - das mache ich lieber in Person. Aber du bist nicht da und ich… naja, ich kann die Ablenkung gut gebrauchen. Du wirst diesen Brief erst zu Gesicht bekommen, wenn du aus London zurück bist. Ich habe nicht den Mut, sie dir tatsächlich schicken zu lassen. Ich will nicht, dass du dich sorgst. Du sollst dich voll und ganz auf deine Jagd konzentrieren können. Ich will dich nämlich so gut es geht in einem Stück zurückhaben.
      Ich schreibe diesen Brief in der ersten Nacht nach deiner Abreise. Demnach habe ich seit vier Nächten kein menschliches Blut mehr zu mir genommen. Ich gestehe, ich habe ein Reh erlegt, nachdem ich aus deinem Arbeitszimmer gestürmt bin. Ich schätze, ich brauchte auch eine Jagd. Heute ist also Nacht Nummer eins ohne Blut. Soweit geht es mir gut. Ich bin ein bisschen gelangweilt, weil ich nicht daran gedacht habe, mir ein paar Bücher mit in mein kleines Kellerverlies zu nehmen. Ich werde Nora eine Notiz hinterlassen, damit sie mir am Vormittag welche bringen kann. Wie zu erwarten habe ich Hunger, aber aktuell ertrage ich lieber die trockene Kehle als einen weiteren Brechanfall ausgelöst durch Tierblut. Das war wirklich kein Spaß gestern. Ich werde hier eine Weile bleiben müssen, vielleicht sehen wir uns also selbst dann nicht, wenn du schon zurückgekehrt bist. Solltest du heimkehren, bevor ich in der Lage bin, wieder nur von Tierblut zu leben, so muss ich dich bitten, mich nicht des Nachts aufzusuchen. Ich weiß nicht, was ich tun würde, solltest du dich in die Höhle des Löwen begeben. Ausgehungerte Vampire sind immer gefährlich und ich habe von deinem Blut gekostet… ich will dich nicht verletzen. Genauso wenig will ich dich dazu zwingen, mich zu verletzen.

      Nacht zwei. So weit, so gut. Nora hat mit ein paar Bücher da gelassen, das hilft auf jeden Fall dabei, meine Stunden totzuschlagen. Ich werde nicht lügen: ich habe Hunger. Es ist sehr viel mehr als nur eine trockene Kehle. Da ist dieses Gefühl in meinem Magen. Es ist nicht direkt das typische Magenknurren, das Menschen bekommen. Es geht tiefer, als ziehe es sich durch all meine Organe. Es tut nicht weh, es ist nur äußerst unangenehm. Noch. Ich mache mir keine großen Hoffnungen. Ich weiß, was kommt. Ich weiß, dass die kommenden Tage weit mehr als unangenehm werden. Der schlimmste Teil bislang ist aber bloß das Jucken in meinem Zahnfleisch. Nora ist auch hier einmal mehr meine Retterin: sie hat mir nicht nur ein paar Bücher, sondern auch ein paar Äpfel dagelassen.
      Aus einer Laune heraus habe ich angefangen, Musik zu schreiben. Ich weiß, das ist nicht wirklich ein Feld der Expertise für dich, aber ich lege die Notenblätter trotzdem dazu. Es ist nichts Besonderes, aber ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr selbst komponiert. Normalerweise höre ich bloß zu, wenn jemand etwas spielt und kopiere das dann. Das letzte Mal, dass ich selbst Musik gemacht habe, ist so lange her, da hatte ich noch einen richtigen Puls. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dieses Lied so unbedingt mit dir teilen will: Ich habe nie Musik für Vlad gemacht. Aber dieses Lied… ich weiß noch nicht, ob es für dich ist. Aber dieses Lied ist entstanden, nachdem Vlad aus meinem Leben verschwunden, und du in mein Leben getreten bist. Die Poesie darin kann ich nicht leugnen.
      Ich hoffe, es geht dir gut, wo auch immer du bist. Ich hoffe, du nimmst Simon nicht zu hart ran. Er mag dich wirklich, weißt du? Ich war nie ein Vater für ihn, bloß ein Gönner. Aber du… ich weiß nicht. Ich glaube, er sieht in dir ein bisschen mehr als bloß einen Mentor. Vielleicht nicht gleich einen Vater, aber auf jeden Fall einen älteren Bruder, oder einen Onkel. Ich muss sagen, dieser Gedanke gefällt mir. Sehr viel besser als der Gedanke daran, wie ihm von einem hungrigen Jungvampir die Kehle herausgerissen wird. Aber das lässt du nicht zu, oder? Selbst wenn du Simon noch nie zuvor gesehen hättest, du würdest auf ihn aufpassen. Dein Herz ist zu rein, um eine solche Untat zuzulassen. Du hast ein gutes Herz, Thomas. Rede dir ja nichts anderes ein, hörst du?

      Gibt es einen Begriff dafür, wütend zu werden, wenn man hungrig ist? Wenn ja, dann bin ich das gerade. Naja, nicht gerade, ich habe schon wieder beruhigt, aber… Ich habe die Wand geschlagen. Keine Sorge, der Wand geht es gut - mein Keller ist stabil genug gebaut. Meine Hand allerdings… ich habe mir keine Knochen gebrochen, das wäre ja noch schöner in meinem aktuellen Zustand, aber ich fürchte einer meiner Knöchel hat doch ein bisschen geblutet. Ich würde lügen, schriebe ich, dass ich nicht davon fasziniert war. Von meinem eigenen Blut…
      Heute ist die dritte Nacht ohne Blut und ich… es wird schwieriger, klar zu denken. Ich bin unruhig. Der Raum ist nicht besonders groß und doch bin ich so viel hin und her gelaufen, dass mir die Füße schmerzen. Die Tür… ihre bloße Existenz fühlt sich wie eine Beleidigung an. Manchmal glaube ich, sie verhöhnt mich…
      Meine Kehle schmerzt. Ich versuche, so wenig wie möglich zu schlucken. Die Äpfel helfen nur bedingt gegen mein juckendes Zahnfleisch. Jeden Biss wäge ich ab. Ist es den Schmerz in meiner Kehle wert, einen Augenblick Frieden zu haben?
      Ich habe weiter an dem Lied gearbeitet. Die Version, die ich dir gestern gegeben habe, ist schon lange überholt. Solange ich mich auf die Noten konzentrieren kann, geht es einigermaßen. Noch halte ich an meinem Verstand fest! Sobald das hier vorüber ist, werde ich dir das Lied vorspielen, versprochen. Natürlich nur, wenn du möchtest. Ah! Da ist er wieder! Dieser verdammte Zweifel an allem. Heute Nacht scheine ich einfach an allem zu zweifeln. Daran, dass ich das hier durchstehen kann. Daran, dass ich den nächsten Bissen schlucken kann. Daran, dass du zu mir zurückkommst.
      Entschuldige. Meine Gedanken sind nicht mehr so geordnet wie sonst. Meine Handschrift lässt auch langsam zu wünschen übrig. Meine Hände zittern ein wenig, weißt du? Ein feiner Pianist bin ich… Vielleicht hätte ich meine Violine mitnehmen sollen? Naja, dafür ist es jetzt zu spät. Ich glaube nicht, dass ich morgen Nacht noch die Feinmotorik besitze, die Saiten zu treffen.

      Meine Gedanken entgleiten mir. Das hier ist der dritte Versuch, diesen Brief zu schreiben und ich weiß nicht, ob ich ihn dieses Mal fertig stellen werde, oder ob ich dazu verdammt bin, den gleichen Satz immer und immer und immer wieder zu schreiben. Ich weiß eigentlich gar nichts mehr. Ich sehe die Noten unseres Liedes vor mir, aber ich kann sie nicht entziffern. Ich weiß nicht, wie es klingen soll, wie es enden soll. Ich weiß ja nicht einmal, wie dieses verdammte Lied anfängt!
      Ich habe Hunger. Es gibt keine andere Beschreibung für dieses Gefühl. Hunger… Nora hat in weiser Voraussicht dafür gesorgt, dass ich hier unten nichts hören kann. Allein der Gedanke an all die schlagenden Herzen über mir…
      Ich muss mich für den Tropfen Blut auf dem Papier entschuldigen. Ich habe mir eben in die Zunge gebissen. Ich weiß nicht, ob ich es getan habe, um mich abzulenken oder weil sich das Monster so sehr nach etwas zu essen sehnt, dass es jetzt schon auf Autokannibalismus zurückgreifen muss. Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt etwas bringen würde. Mein eigenes Blut trinken… Streng genommen ist es ja gar nicht meines. Vampire stehen ihr Blut von anderen Lebewesen. Demnach ist mein Blut eigentlich dein Blut. Und das eines armen Rehs. Viel kann davon aber gar nicht mehr übrig sein. Vier Nächte hungere ich schon hier unten in diesem Loch von einem Keller…
      Ich sehne mich nach dir, mein Herz. Ich frage mich immer und immer wieder, wo du wohl gerade bist. Du könntest auf der anderen Seite dieser verfluchten Tür stehen und ich wüsste es nicht. Bist du da? Kannst du hören, wie mein Stift über das Papier kratzt, während ich diese Worte schreibe? Ich sehne mich nach deiner Berührung. Nach deiner Wärme. Mir ist so kalt, weißt du? Ohne einen Kreislauf ist es schwer, warm zu bleiben. Das mir kalt ist hilft auch nicht unbedingt mit dem Zittern meiner Hände. Ich kann diesen Brief selbst kaum lesen.
      Wo bist du, mein Herz?


      Simon beobachtete seinen Mentor, während der offensichtlich irgendeine Art von Zusammenbruch hatte. Simon wollte helfen, aber er wusste nicht wie, also sah er nur hilfesuchend zu Esther. Normalerweise wusste sie, was zu tun war, wenn er nicht weiter wusste. Sie war immer die clevere gewesen. Aber irgendwie entging Simon der Punkt, an dem eine Tasse Tee die Lösung für sowas war. Die stellte sie nämlich gerade bestimmt vor dem Doktor ab.
      "Trinken Sie," forderte sie den Mann auf, dann setzte auch sie sich an den kleinen Esstisch. "Der wird Ihnen helfen, sich zu beruhigen. Und dann denken Sie einfach über eigenen Worte nach. Ihre Fragen sind nämlich eigentlich gar nicht so schwer zu beantworten, wenn Sie mich fragen."
      Simon dachte darüber nach. Esther hatte Recht: Was machte der Doktor hier? Er jagte Vampire in London. Sollte er Lord Vincent jagen? Nö, da hätte Nora sicher was gegen. Ein Schlachttier war keiner von beiden, das war auch eine einfache Antwort. Aber wie das funktionieren sollte...
      "Ich lehn mich mal kurz aus dem Fenster, aber... wenn du Lord Vincent liebst, warum machst du dir dann so einen Kopf um alles? Geh doch einfach zu ihm und sag ihm, wie es ist."
      Simon zuckte mit den Schultern.
      "Wenn man nicht drüber redet, dann kann das ja auch gar nichts werden. Du und Lord Vincent haben seit dem letzten Ball funktioniert. Ich weiß nicht, was schiefgelaufen ist, aber warum könnt ihr beide nicht einfach wie vorher sein? Vielleicht ohne den Kerl mit den seltsamen Augen und den Typen, der dein Haus abgefackelt hat, aber ansonsten..."
      Wieder zuckte Simon mit den Schultern, dann schob er sich ein ordentliches Stück Würstchen in den Mund. Er war für so komplizierte Sachen einfach nicht gemacht. Messerwerfen war einfacher, als sowas zu lösen.


      Wie lange bin ich jetzt schon hier unten? Wie viele Briefe habe ich dir schon geschrieben? Ich kann mich nicht erinnern. Du bist in London, richtig? Warum bist du noch gleich dorthin gegangen? Ach ja, richtig. Du bist jagen gegangen. Pass auf dich auf, ja? Ich will dich nämlich so gut es geht in einem Stück zurückhaben… aber das habe ich dir schon gesagt, oder? Ich kann mich nicht erinnern.
      Das Denken fällt mir schwer. Da sind so viele Gedanken in meinem Kopf, aber ich kann sie nicht hören, weißt du? Das Monster versteckt sie vor mir, nimmt sie mir weg, bevor ich sie erreiche. Es ist schneller als ich. Schnell genug, um mir meine eigenen Gedanken wegzuschnappen. Aber es lässt den Schmerz da. Warum? Warum tut mir alles weh? Warum darf ich nur den Schmerz behalten? Ich habe versucht, den Schmerz herauszuschneiden, so wie du es einmal getan hast. Aber das hat nicht funktioniert. Es tut immer noch weh..
      Habe ich dir je von meiner Mutter erzählt? Sie hat mir immer Geschichten erzählt. Sie konnte nur schlecht lesen, das habe ich von meinen Lehrern gelernt, die mein Vater angestellt hat, aber meine Liebe für Geschichten, die habe ich von ihr. Ich musste gerade an sie denken. Das Monster hat mir den Gedanken gelassen. Ich glaube, es mag meine Mutter nicht besonders. Ich vermisse sie… Ich vermisse dich, mein Herz…


      Ich brauche deine Hilfe, Thomas. Bitte. Du musst mich hier rausholen. Ich verhungere. Ich bin mir sicher, dass da keine Reste mehr von deinem Blut sind. Ich kann mich wieder von Tieren ernähren, ganz bestimmt. Du musst mich nur rauslassen, dann wird alles wieder gut. Ich spiele dir auch vor. Auf dem Klavier. Auf der Violine. Ich schreibe dir so viele Lieder, wie du willst. Nur bitte, lass mich hier raus. Lass mich etwas essen. Ich bitte dich. Ich brauche dich. Thomas… bitte… mach dass es aufhört, ja? Du kannst den Schmerz vertreiben, oder? Bitte, Thomas, es tut weh. Hilf mir…


    • Es war die sonst so zurückhaltende Esther, nicht Simon, die eine Lösung parat hielt. Dabei war Thomas gar nicht in der Stimmung für Tee, so wie er düster in die Tasse hinab blickte, als wolle er sie für all seine Probleme verantwortlich machen. Tee, wirklich? Das letzte Mal, dass er Tee getrunken hatte...
      Aber nachdem er selbst schon keine Antworten auf seine eigenen Fragen hatte, nahm er sie eben, um zumindest erst einmal nachzudenken. Und danach würde er ja vielleicht selbst darauf kommen. Immerhin war er hier derjenige, der Vincent - zumindest in dieser Hinsicht - am besten kannte.
      Er hob die Tasse an die Lippen. Er trank.
      Und fühlte sich gleich zurückbefördert zu einem warmen Frühlingsabend, zu einer Bibliothek im sanften Licht der Lampen, in der Vincent und er auf dem geräumigen Sofa saßen, die Beine ineinander verschlungen, jeder ein Buch im Schoß, jeder in seine eigene Welt vertieft und doch untrennbar miteinander verbunden. Vor seinem inneren Auge sah er Vincents lange, schlanke Beine über seinem Knie und wieder unter sein anderes Bein hindurch, er sah den dicken, klobigen Wälzer in Vincents Armen, er sah den Ausdruck von friedlicher Glückseligkeit in dessen Gesicht. So einen Ausdruck bekamen nicht viele Leute zu Gesicht, Nora mit eingeschlossen, die nicht oft genug da war um mitzuerleben, wie sich Vincents Züge entspannten, wie seine Glieder erweichten, wie er in einer Welt eintauchte, die für ihn eine viel größere Bedeutung hatte als für alle anderen. Sie sah nicht den weichen Ausdruck in seinen Augen oder dieses verträumte Lächeln, das er Thomas schenkte, wenn er seinen Blick auf sich spürte. Wahrlich, Thomas war der einzige, für den sich Vincents Blick so erweichte, wenn er die Hand nach ihm ausstreckte, um einen stummen Kuss zu fordern. Er war der einzige, in dessen Gegenwart ein Ausdruck in seinem Gesicht auflebte, als hätte er gerade einen sehr kostbaren Schatz gefunden. Oder ein einzigartiges Buch. Nur Thomas sah dieses Glitzern, wenn sich diese blauen Augen auf ihn legten, freundlich, warmherzig, einladend. Nur für ihn existierte dieser Blick.
      Das alles sah er vor seinem inneren Auge, als der Geschmack des Tees sich in seinem Mund entfaltete. Ein schöner, ruhiger Abend im Frühling, sie beide in der Bibliothek, Vincent lächelnd vor Glück. Wie lange mochte das her sein? Viel zu lange.
      Thomas sah wieder zu Simon, der eine gar lächerlich einfache Lösung für sein Problem präsentierte. Dabei konnte es gar nicht so wie früher werden.
      "Wir haben nicht immer funktioniert", murmelte er in seine Tasse hinein, darüber bewusst, dass es gleich mehr Baustellen gegeben hatte. Vincents Offenbarung seiner wahren Gestalt, Thomas' Zweifel an seiner vampirischen Moral. Sämtliche Probleme mit Stephen.
      Aber selbst, wenn die Probleme sie auseinander getrieben oder ihnen zugesetzt hatten, sie hatten immer wieder zueinander gefunden, wie ein Kompass, der stets, egal wie weit weg man sein sollte, immer nur in eine Richtung zeigte. Wenn es jetzt anders sein sollte, dann nur, weil Thomas eigenhändig vor ihm geflüchtet war. Jetzt saß er in London, sein geliebter Freund in Harker Heights und eine Kutschfahrt war das einzige, das sie voneinander trennte. Nur eine Kutschfahrt, um darüber zu reden, anstatt sich aus dem Weg zu gehen, sich zu ignorieren oder letzten Endes sogar anzuschreien. Es könnte wirklich so einfach sein.
      Thomas trank den restlichen Tee, ohne ihn sonderlich zu genießen, und stand auf.
      "Wir fahren morgen früh zurück. Sie können schonmal packen, Esther, und sich dann hinlegen. Ich werde meine Jagden beenden."
      Simon war ganz hibbelig darauf, wieder mitzukommen, nachdem er sich die Nacht zuvor noch einmal ausgeruht hatte, und so nahm Thomas ihn auch wieder mit. Er würde ohnehin eine ungemeine Hilfe darstellen, nachdem Thomas' Fuß ihm zusetzte und dazu noch der Drang, bald wieder zu Vincent zurückzukommen. Was würde der Mann von seinem Ausflug halten, würde er ihn mit offenen Armen empfangen? Oder ihm vorwerfen, ihn ohne sein Blut zurückgelassen zu haben?
      In dieser Nacht, als er zwei weitere Vampire verfolgte, einkesselte und zur Strecke brachte, nahm er sich vor, sich nicht beeinflussen zu lassen. Egal, wie wütend Vincent bei seiner Rückkehr sein würde, sie würden es ausdiskutieren. Sie würden wieder zusammenfinden, so wie sie es immer getan hatten.

      Harker Heights lag in dem milchigen Tageslicht des Nachmittags, als die Kutschen einen Tag später zurück auf den Vorplatz fuhren und Thomas verschlafen heraus kletterte. Er hatte die Fahrt über die Vorhänge verschlossen, sodass es innen stockfinster war, und so gut geschlafen, wie es bei dem Ruckeln nur ging. Sein Körper hatte sich noch nicht darauf eingestellt, tagsüber wach zu sein, und so blinzelte er grimmig gegen das Licht, als sie nachhause kamen.
      Nora kam ihnen auf der Türschwelle entgegen, die Miene streng und verkniffen, so wie immer, wenn sie über irgendetwas brütete. Das war wohl auch kein Wunder, nachdem sie und Thomas sich nicht gerade im Guten getrennt hatten. Sie sagte ihm schroff, dass "sie" auf seinem Tisch lägen, was auch immer "sie" sein mochte, und machte sich dann gleich daran, das Gepäck wegzuräumen. Thomas verschwendete keinen weiteren Gedanken daran, eilte nach oben und öffnete die Tür zum Schlafzimmer.
      Die Vorhänge standen weit offen. Das Tageslicht flutete den Raum bis zur hinteren Ecke und verpackte das sonst dunkle Zimmer in eine völlig andere Atmosphäre. Das Zimmer war aufgeräumt, das Bett frisch gemacht, die Fenster geputzt, der Boden strahlend rein. Die Tür zum Badezimmer stand weit offen.
      Keine Spur von Vincent. Nicht einmal annähernd. In dem hellen Licht hätte der Mann auch gar nicht leben können.
      Thomas stand perplex im Türrahmen und starrte in das zwar geputzte, aber verwahrloste Zimmer hinein. Kein Vincent. Dabei hatte er fest damit gerechnet, seinen Freund im Bett vorzufinden und nach einem alten, schon lange vernachlässigten Ritual sich zu ihm zu legen. Dabei war er nicht hier und schien es auch in der Nacht nicht gewesen zu sein.
      Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, das ihm gar nicht behagte, ging er wieder in den Gang hinaus und warf einen Blick in Vincents ebenfalls verwahrlostes Studierzimmer, bevor er auch in sein Büro hineinsah. Keine Spur von Vincent. Das mulmige Gefühl breitete sich zu wahrer Sorge aus, als er wieder hinab eilte, um Nora zu konfrontieren.
      Er hatte sich eigentlich von Vincent nicht beeinflussen lassen wollen, wenn er zurückkam, aber das schloss Nora nicht ein, die er jetzt zornig dafür anmachte, dass Vincent im Keller eingesperrt war. Eingesperrt! Dabei war ihm ganz egal, dass der Mann es selbst gewählt hatte, der Gedanke daran, dass sein Freund im Käfig saß wie ein wildes Tier, ließ ihn völlig rasend werden.
      Nora wies ihn, ärgerlich ruhig und gefasst, darauf hin, ob er denn in seinem Büro gewesen sei und dass er "sie" lesen sollte, bevor er hier herumging und die Schuld dort suchte, wo sie gar nicht war. Sie verweigerte ihm den Wunsch, Vincent zu sehen, und verwies auf die Briefe. Briefe? Thomas musste sich dem Willen der Haushälterin geschlagen geben und hastete wieder die Treppe hinauf.
      Auf seinem Tisch, auf der ganzen Unordnung, den vielen Zeitungen, Büchern und Notizen, die dort kreuz und quer lagen, lagen sieben Briefe. Nein, sechs Briefe und ein beschriebenes Notenblatt. Thomas setzte sich und begann, nervös wie er war, schnell zu lesen.

      Der erste Brief war sauber gefaltet und in Vincents sorgfältiger, ordentlicher Handschrift verfasst. Er hatte ihn in der ersten Nacht verfasst, das musste gewesen sein, als Thomas sich wie in einem Blutrausch in seine Jagd gestürzt hatte. Während er also mit Simon durch die Gassen Londons gestrichen war, um seinem ersten Mord gleich einen weiteren hinterher zu schieben, hatte Vincent sich bereits in seinem Gefängnis eingerichtet. Er schrieb von einem Reh, das er getötet hatte, während Thomas wütend, weil er nicht zurückgekommen war, ins Bett gegangen war. Daher war er am nächsten Morgen alleine erwacht: Vincent hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits in den Keller zurückgezogen gehabt.
      Thomas' Sorge um seinen Freund stieg weiter und weiter.
      Der zweite Brief erklärte das dabei liegende Notenblatt: Vincents eigene Komposition, nur für Thomas, aus dem Moment heraus, als Vlad endlich verschwunden war und sie beide von dort an ungestört zusammenleben konnten. Thomas' Blick fiel dabei auf den Schädel und mit einem abschätzigen Schnauben stand er auf, setzte den Schädel zurück unter seine Glasglocke und setzte sich wieder.
      Er versuchte sich daran, die Noten zu lesen, dieselben sauberen Noten, die auch zu der sauberen Handschrift passten, verzeichnete aber keinen sehr guten Erfolg. Er würde die Töne am Klavier ausprobieren müssen, um einen Eindruck der Melodie zu bekommen. Mit einem deutlich schwereren Gefühl in der Brust widmete er sich dem Abschnitt, in dem Vincent, so selbstlos, wie er war, seine Sorge über Simon zum Ausdruck brachte. Ich habe Simon genauso gern, würde er ihm gerne sagen, genauso wie er ihm erzählen wollte, was für einen Fortschritt der junge Mann in seinem Training erzielt hatte, aber dieser Brief ließ keine Antwort zu. Ungeduldig griff er sich den dritten.
      Die Handschrift war an manchen Stellen ein bisschen krakelig, die einzelnen Buchstaben abgehackt, manchmal nicht ganz auf einer Linie. Mit jetzt steigender Angst darum, was in den vergangenen Nächten noch passiert sein mochte, las er von der sinkenden Kontrolle, von den Ausbrüchen, von all den Warnzeichen, die ein langsam aushungernder Vampir von sich gab. Wahrlich, es war ein Segen, dass die Wand standgehalten hatte und Vincents Hand gleich mit dazu. Wann würde er wieder bereit für Tierblut sein? Mittlerweile hatte er doch sicher schon getrunken, nicht? Es waren fünf Nächte vergangen! Er konnte doch nicht immer noch hungern?
      Thomas riss den vierten Brief an sich.
      Von der vormals so sorgfältigen Handschrift war nur noch ein Hauch übrig. Die Wörter lagen schief auf dem Papier, das an einigen Stellen sichtbare Knicke abbekommen hatte, und unterstrichen nur noch ihren eigenen Sinn. Ein dunkler, getrockneter Blutklecks färbte das Blatt in seiner Mitte, wie ein Omen dessen, was noch kommen würde. Das war die vierte Nacht! An einigen Stellen ließen die Wörter sich kaum noch entziffern, die Schrift viel zu krakelig und unkoordiniert, um sie zu entschlüsseln. Er hatte Hunger, das ließ sich am deutlichsten herauslesen. Er hatte Hunger und war einsam, verlassen in einem Gefängnis, das er selbst gewählt und niemals verlassen hatte. Thomas musste sich einige Sekunden lang willentlich dazu zwingen, sitzen zu bleiben und auch die restlichen Briefe zu lesen, anstatt sofort nach unten zu stürmen. Nora würde ihn jetzt nicht mehr aufhalten können. Wenn nötig, würde er die verdammte Tür eintreten.
      Das vorletzte Blatt war zerknüllt, eingerissen, voll von Tintenflecken, genauso voll von fast unzusammenhängenden Sätzen. Er schrieb von seinem Monster, von Schmerz, von seiner Mutter. Von seiner Mutter? Thomas versuchte, den Zusammenhang zu greifen, aber viele Wörter waren durchgestrichen und neu hingekritzelt worden und er verstand nur die Hälfte davon. Doch das war auch schon genug, um sich ein vollständiges Bild zu machen.
      Der letzte Brief dann, ein einziger Absatz, ein einziger Hilferuf. Doch während Thomas ihn noch las, packte das Grauen ihn mit eiskalten Fingern. Ein Hilferuf von Vincent? Oder eine List des Monsters, um heraus zu kommen? Wer war es in diesem Augenblick, der Thomas diese Nachricht verfasst hatte?
      Es war unmöglich, sich noch länger untätig auf dem Stuhl zu halten. Thomas sprang auf und rannte wieder die Treppe hinab, passte Nora ab, die ihm verweigern wollte, die Tür aufzuschließen. Aber das würde er nicht akzeptieren, nicht jetzt, nicht in hundert Jahren. In seiner zornigen Hilflosigkeit wies er darauf hin, dass sie genau eine Wahl hatte: Entweder, sie würde ihm den Keller aufsperren und ihn zu Vincent lassen, oder er würde eigenhändig die Tür aufbrechen und dann würden sie beide gezwungen sein, Vincent an seinen Stein anzubinden, damit er am Abend das Haus nicht unsicher machen würde. Nora sah wohl die Verzweiflung, den Horror, aber auch die Sturheit in Thomas' Blick und gab sich letztlich geschlagen. Sie wollte wohl nicht riskieren, dass Thomas es ernst meinte.
      Sie stiegen in den Keller hinab. Sie holte die Schlüssel hervor. Sie sperrte ihm auf und Thomas trat mit rasendem Herzen ein.

      Das Zimmer war stockfinster. Auf einer Seite stand der Schreibtisch, gefüllt mit zerknülltem und zerrissenem Papier, halb angefangenen und wieder weggeworfenen Briefen, vollgekritzelten Notenblättern. Der Stuhl stand ein Stück zur Seite, so als hätte Vincent ihn extra weit zurückgeschoben beim Aufstehen. Oder als hätte er ihn mit ungebändigter Kraft bewegt.
      Auf der anderen Seite glimmten die letzten Reste eines kleinen Feuers im Kamin und dort, zwischen Schreibtisch und Kamin, auf dem Sofa, das eigentlich viel zu klein für einen erwachsenen Mann war, lag das dunkle Bündel seines Freundes, zusammengerollt bei dem wenigen Platz und mit einer zerknautschten, unordentlichen Decke auf dem Oberkörper. Er schlief, das konnte man zwar schlecht sehen bei dem düsteren Licht, das jetzt durch die Tür hereinkam, aber es war doch erkennbar an der Tatsache, dass er nicht aufsprang, um sich mit ausgefahrenen Zähnen einem - Thomas oder Nora - an den Hals zu werfen. Er lag ruhig und unbewegt, fast wie ein Toter.
      Sämtliche von Noras Warnungen missachtend, humpelte Thomas hinein und sank vor dem Sofa auf die Knie. Ganz vorsichtig, weil ihm Vincent nach den vielen Briefen wie zerbrechlich vorkam, streckte er die Hand aus und strich ihm sacht über die Wange.
      In London hatte er noch an Vincent als den lächelnden, glücklichen Mann gedacht, der er in der Bibliothek gewesen war, doch davon war jetzt nicht einmal mehr ein Schatten übrig. Tiefe, dunkle Augenringe prangten auf dem ausgemergelten Gesicht des Mannes, rissige, trockene Lippen, vermutlich gleichermaßen von spitzen Zähnen aufgerissen, als auch vom Hunger in Mitleid genommen. Er wirkte dünn, so wie seine Wangenknochen hervorstanden, wie ihm das strähnige Haar auf der Stirn klebte. Das war nicht der glückliche Vincent von damals. Das war der Vincent, der an einer Silberwunde verging und auf die Rettung desjenigen hoffte, den er angelogen hatte.
      "Vincent, mein Liebster..."
      Zärtlich strich er ihm die Haare aus der leicht schwitzigen Stirn. Vincent zuckte, aber nicht mehr als das. Als Thomas sich allerdings nach vorne beugte, ihn ein wenig zu sich ziehen wollte und dabei seine kalte Schläfe küsste, da regte der Vampir sich, viel zu intensiv, als es Thomas lieb war. Es war offensichtlich, dass er aufwachen würde, selbst jetzt, mitten am Tag, alleine von Thomas' schlagendem Herz, das ihm fast in den Ohren dröhnen musste. Hier zu sein war wirklich ein Fehler, wie Nora es ihm gesagt hatte, aber er hatte nicht darauf gehört, wollte unbedingt seinen Freund sehen. Jetzt musste er sich mit schmerzhafter Eile zurückziehen, bevor der Vampir wirklich noch aufwachen würde. ... ich will dich nicht verletzen. Genauso wenig will ich dich dazu zwingen, mich zu verletzen. Das wollte er genauso wenig. Doch eine Sache musste er tun, als er schon auf dem halben Weg zurück zur Tür gehumpelt war. Eilig drehte er um, kam zurück und nahm sich in alter Gewohnheit die Decke, breitete sie ordentlich über seinem Freund aus, faltete sie unter seinen Füßen, zog sie ihm bis über die Schultern und machte sie dort fest, damit sie nicht so schnell wieder verrutschen würde. Wie lange hatte er das schon nicht mehr getan? Viel zu lange. Danach ging er endlich, denn Vincent durfte wahrlich nicht aufwachen. Nora schloss hinter ihm gleich die Tür und sperrte zu.

      Auf dem Weg nach oben quetschte er sie über Vincents Gesundheit aus. Wie ging es ihm, hatte er sich in den letzten Nächten gerührt, hatte er schon versucht zu trinken? Hatte er schon einmal so lange aushalten müssen? Wann würde er sich wohl wieder auf Tierblut einstellen können? Nora lieferte ihm zwar Antworten, aber es war nichts zufriedenstellendes, nichts, womit Thomas das elendige Bild seines Freundes verarbeiten könnte, wie er dort unten einsam auf seinem kleinen Sofa schlief. Er wollte nichts lieber als zu ihrem Alltag zurückkehren und eine Lösung für ein Problem finden, das jetzt weit in den Hintergrund gerückt war, aber stattdessen hatte er ihn so aufgefunden. Er konnte doch nicht tatenlos dabei zusehen, wie er verhungerte!
      Wieder in seinem Büro oben, riss er ein leeres Blatt an sich und begann zu schreiben. Seine Handschrift war von Haus aus kaum so sauber wie Vincents, aber er bemühte sich. Wenn er einen Fehler machte, strich er grob durch und schrieb die Korrektur daneben.

      Ich bin hier.
      Bitte trink etwas, mein Liebling. Ich kann das nicht mit ansehen. Ich muss dich sehen, aber ich kann es nicht verantworten, dich herauszulassen. Wenn du wieder trinken würdest - bitte versuche es. Ich möchte dich wieder in die Arme nehmen können.

      Er setzte ab, überlegte, setzte wieder an.

      Ich hinterlasse dir Handschellen. Wenn du denkst, du könntest es versuchen, zieh sie dir an und schieb deine Antwort unter der Tür heraus. Ich werde dir etwas Schweineblut bringen. Ich werde nicht hereinkommen, solange du die Handschellen nicht trägst und ich werde dich auch nicht vor die Tür lassen.
      Wir können das schaffen, gemeinsam. Ich bin für dich da. Ich liebe dich. Ich vermisse dich. Ich mache mir große Sorgen.

      Halbwegs zufrieden mit seinem Brief stieg er wieder hinab, ließ sich von Nora aufsperren und hinterließ das Blatt, sowie Noras von Runen verstärkten Handschellen auf seinem Schreibtisch. Er ging, ohne einen weiteren Blick auf seinen schlafenden Freund zu werfen, aus Angst, ihn könnte das Verlangen nach ihm doch wieder übermannen, und flüchtete sich nach oben. Aber der Tag war zäh und Thomas merkte schnell, dass er keinen ruhigen Gedanken fassen konnte. Also nahm er sich zuletzt einen Stuhl, ging wieder hinab in den Keller, stellte ihn vor die Tür und setzte sich, um zu warten. Sowohl auf eine Antwort, als auch auf Geräusche, die mit dem Sonnenuntergang irgendwann zu ihm heraus dringen mochten. So hoffte er zumindest.
    • Süße Nichtigkeiten holten Vincent aus seinem tiefen Schlaf. Der Geruch von Zimt lag in der Luft. Der Duft zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht, lange bevor er dir Kraft fand, die Augen zu öffnen. Thomas war zu ihm zurückgekehrt, so wie er es jeden Abend tat. Nach nur wenigen Stunden der Bewusstlosigkeit vermisste Vincent ihn schon. Nur ihm zu Liebe zwang sich Vincent dazu, die Augen aufzuschlagen.
      ”Guten Abend, Steaua mea.”
      Vlad stand über ihn gebäugt, ein breites Grinsen im Gesicht, das seine Fangzähne offenbarte.
      ”Schöne Träume gehabt?”
      Mit einem Grummeln setzte sich Vincent auf. Die kleine Welt seines selbstgewählten Verlieses drehte sich für einen langen Augenblick. Sich an dem kleinen, zerkratzten Tisch vor ihm festzuhalten half auch nur bedingt dabei, seinen Verstand zu richten.
      Vincent machte den Fehler, zu schlucken. Das passierte ihm jeden Abend. Der Schmerz brannte sich durch seinen Körper, brannte von innen und von außen auf seiner Haut, in seinen Adern. Er hatte schon vor einer Ewigkeit die Kontrolle über seine eigenen Fangzähne verloren, und jetzt biss er sich damit in die Unterlippe, um den Schmerz zu bündeln. Auf diese Weise war es leichter, damit umzugehen.
      “Was stellen wir heute an, hm?” fragte Vlad von seinem Platz am Kamin.
      Er lehnte dort an der Wand, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. Vincent wusste, dass er nicht real war. Er hatte ihn ja schließlich mit seinen eigenen Händen nicht unweit von hier getötet.
      ”Kannst du dich einmal nützlich machen? Wenn mir kalt ist, dann ist dir doch auch kalt,” schoss Vincent zurück und deutete auf den Stapel Feuerholz, den Nora wie immer brav aufgefüllt hatte.
      Vlad warf einen Blick auf das Holz, dann zuckte er mit den Schultern.
      ”Ich bin tot. Mir kann ruhig kalt sein.”
      Mit einem entnervten Seufzen zwang Vincent seine müden Muskeln dazu, sich zu bewegen. Mühsam kam er auf die Füße und schlurfte hinüber zu dem Stapel. Jeder einzelne Scheit wog genug, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er musste sich mit einer Hand an der Wand abstützen, um nicht auf dem Boden zu landen. Sollte das geschehen, war sich Vincent nicht sicher, ob er noch die Kraft hatte, ein zweites Mal aufzustehen.
      Drei Schreite warf er achtlos in den Kamin, bevor er beschloss, dass es genug war. Die Streichhölzer gehorchten ihm erst beim fünften Anlauf. Schlussendlich schaffte er es aber, ein Feuer zu entzünden und auch am Leben zu erhalten. Das sanfte Knistern der brennenden Scheite füllte den Raum kurz darauf.
      ”Spannend,” kommentierte Vlad. “Und jetzt? Schneiden wir weiter an dir herum? Wir könnten dieses Mal versuchen, eine Niere rauszuholen.”
      ”Halt den Mund.”
      Vincent war, jetzt im Nachhinein zumindest, nicht besonders stolz auf seinen kleinen Zusammenbruch. Er sah an sich hinab. Sein Hemd war einmal weiß gewesen, jetzt aber war es mehr rot und braun von seinem eingetrockneten Blut. Er hatte sich den Brieföffner geschnappt und einfach auf sich selbst eingestochen und an sich selbst herumgeschnitten. Seine Flanke sah schlimmer aus als zu dem Zeitpunkt, als das Silber sich durch ihn hindurchgefressen hatte. Als er dort nicht fündig wurde, hatte er den Brieföffner gegen seinen linken Oberarm gerichtet. Was er sich davon erhofft hatte, das wusste Vincent nicht mehr. Als er wieder zu sich gefunden hatte - in einer überraschend kleinen Lache seines eigenen Blutes liegend - hatte er den Brieföffner mit solcher Kraft von sich geworfen, dass er jetzt in der Steinwand des Kellerraumes steckte.
      Vlad schnickte mit einem Finger dagegen.
      Vincent ignorierte ihn und zog die Decke vom Sofa, wickelte sie sich um die Schultern. Er schlurfte zu seinem Schreibtisch hinüber, um die wenigen Momente der Klarheit zu nutzen und einen weiteren Brief an Thomas aufzusetzen. Er wusste nicht, wie lange er noch Zeit dafür hatte. Zeit… Was für ein Konzept. Selbst mit dem Sonnenaufgang und dem Effekt, den dieses Ereignis auf ihn hatte, hatte Vincent schon lange den Überblick verloren. Tage, Wochen, Monate, er hatte keine Ahnung, wie lang er schon hier unten versauerte.
      Er ließ sich mehr auf den Stuhl fallen, als dass er sich wirklich hinsetzte, nachdem er es irgendwie geschafft hatte, den Stuhl wieder an den Tisch zu zerren. Dieser Kraftakt allein reichte schon aus, um ihm den Atem zu rauben. Bevor er sich auf die Suche nach einem noch einigermaßen intaktem Blatt Papier machen konnte, erblickte er eine Notiz in einer furchtbaren Handschrift. Er hatte das nicht geschrieben, das erkannte er sofort. Einen Moment später entzifferte er auch die Worte, die darauf standen. Ich bin hier.
      ”Sieh mal einer an. Dein kleines Hündchen ist doch wieder nach Hause gerannt.”
      ”Lass es.”
      Vlad lehnte sich über Vincents Schulter, las die Worte, die Thomas ihm am Tag hinterlassen hatte. Vincent konnte den heißen Atem an seiner Wange spüren, roch den Hauch von Bösartigkeit.
      ”Naja, wenn man sie gut füttert kommen sie ja eigentlich immer zurück. Und du hast ihn wirklich sehr gut gefüttert, das wissen wir beide.”
      ”Halt. Den. Mund.”
      ”Der Mann kann gar nicht mehr ohne dich. Und selbst wenn: wer würde denn all den Luxus, den du ihm so freizügig gibst, von der Bettkante stoßen? Dafür würde ich dich auch durchnehmen. Habe ich ja sogar. Ha! Dein kleiner Lover Boy nutzt dich genauso aus, wie ich!”
      ”ICH SAGTE SEI STILL!!!”
      Vincent sprang auf und stürzte sich auf Vlad. Doch der war nur eine Halluzination, also prallte Vincent mit der blanken Faust ungebremst gegen die nächste Wand. Schmerz schoss durch seine Knöchel, sein Handgelenk. Er roch Blut. Sein Blut. Für einen viel zu langen Augenblick war er vollkommen fasziniert von dem kleinen Fleck da an der Wand. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich ab, stapfte in kleinen Kreisen um den Sofatisch herum, raufte sich die Haare. Der Hunger drohte, ihn zu übermannen. In einem Versuch, den Hunger zu bekämpfen, warf Vincent den Sofatisch mit einem lauten, animalischen Brüllen durch den Raum. Der Tisch prallte gegen die Tür und zerbrach in einen Haufen Teile. Die Tür hielt stand.
      Von jetzt auf gleich verließ alle Kraft Vincents Körper und er sackte in sich zusammen. Er war so hungrig…
      Vlad war verschwunden, zumindest für den Moment. Irgendwann kroch Vincent zu seinem Schreibtisch zurück und griff sich einen Fetzen Papier. Der Weg zurück zur Tür war der längste, den er je hatte zurücklegen müssen. Er schob seine Notiz unter der Tür hindurch, dann griff er sich die Handschellen, legte sich damit auf das Sofa zurück und legte sie an. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, aber Thomas - sein Thomas - passte noch immer auf ihn auf, und das musste für etwas gut sein. Also stellte er sicher, dass Thomas nichts passieren würde, sollte er noch einmal in diesen Raum zurückkehren.

      10 Nächte


    • Eine Uhr hatte Thomas nicht dabei, so hatte er keine Ahnung, wie lange er ausharren musste und wie lange es dauerte, bis Vincent letztendlich wach war. Allerdings hatte er ein paar Tage intensivster Jagd hinter sich und konnte sich problemlos darauf einstellen, für ein paar Stunden an einem Ort zu sitzen und einfach nur zu warten, seine Sinne spielen zu lassen und auf das Zuschnappen seiner Falle zu hoffen. Nur gab es jetzt keine Falle, es gab nur seinen Freund, der sich wohl irgendwann regen würde.
      Thomas spielte gerade mit seinem Messer, ließ es in der Handfläche kreisen und rollte es über die Finger, als er unvorbereitet das erste Geräusch vernahm - aber nicht etwa ein Knarzen, ein Rascheln oder vielleicht ein Husten, sondern Vincents Stimme, heiser vom Schlaf, rau aber von etwas anderem. Es hörte sich nach einem wunden Hals an, aber das war es nicht, weswegen Thomas sich letztlich kerzengerade aufsetzte.
      "... Wenn mir kalt ist, dann ist dir doch auch kalt."
      Redete er mit sich selbst? Es konnte wohl kaum jemand drinnen sein, der Vampir hätte jegliches lebendiges Leben längst ausradiert, ganz abgesehen davon, dass Thomas bis vor kurzem noch selbst drin gewesen war. Aber Selbstgespräche zu führen war ganz und gar nicht typisch für Vincent.
      Aufmerksam, viel zu angespannt für seinen Geschmack, lauschte er nach weiteren Geräuschen. Die Tür war zum Großteil aus Eisen und viel zu dick, sodass ihm Schritte aufgefallen wären - aber ein sehr leichtes, dumpfes Poltern, und dann noch zwei weitere dieser Art ließen darauf schließen, dass Vincent den Kamin entfacht hatte. Dann konnte er also aufstehen, das war gut. Ein gutes Zeichen. Thomas hoffte auf mehr Zeichen dieser Art.
      Sekunden verstrichen, vielleicht auch Minuten, in denen nichts weiter ertönte als ein gelegentliches Flüstern, das entweder zu weit entfernt oder zu leise war, um von Thomas richtig verstanden zu werden. Selbstgespräche, zweifelsohne. Aber dann plötzlich:
      ”ICH SAGTE SEI STILL!!!”
      Vincents Stimme war laut, kraftvoll - aber sie war auch verzweifelt. Heiser, womöglich vom Schreien, gar nicht vom Schlaf. Womöglich hatte er nicht das erste Mal geschrien und womöglich würde es auch nicht das letzte Mal sein. Stille folgte, viele, lange Sekunden, in denen Thomas seinen eigenen Herzschlag in der Brust spürte, rasend vor Sorge. Wer war es, mit dem Vincent sich dort streiten mochte? Jemand aus seinem viel zu langen Leben - oder jemand, der noch am Leben war? Nora vielleicht? Oder gar Thomas? Das wollte er sich nicht vorstellen. Solange sie keine Möglichkeit hatten, ihren Disput ein für allemal zu beseitigen, wollte er sich nicht als den Dämon vorstellen, der seinem Freund das Leben in seinem kleinen Gefängnis nur noch schwieriger bereitete.
      Ein weiteres Geräusch, ein Kratzen auf Stein, ließ ihn seine Aufmerksamkeit wieder auf die dunkle Tür vor sich richten und dann drang mit einem Mal aus dem Inneren der Schrei eines höchst provozierten, unkontrollierten Vampirs hervor und etwas schepperte gegen die Tür, so hart, dass der ganze Rahmen vibrierte. Es krachte, ein Geräusch, das sich bis in den Gang hinaus bahnte und Thomas, der kaum einen Meter von der Tür entfernt stand, sofort in Jagdmodus versetzte. Sein Herzschlag sank rapide herab, seine Muskeln spannten sich allesamt an, bereit für ein Angriff- oder Ausweichmanöver, seine Messerhand richtete sich von selbst auf die Tür aus, oder genauer gesagt auf die Brust eines dahinter verborgenen Vampirs, dessen Größe und Statur Thomas bis ins kleinste Detail auswendig kannte. Natürlich würde er hinter der Tür nicht hervorkommen, aber Rationalität spielte bei der Jagd keine Rolle. Es waren die Instinkte, die Thomas am Leben erhielten.
      Entsprechend war er auch dann noch in Alarmbereitschaft, als es totenstill wurde und wenige Sekunden später ein Fetzen Papier unter der Tür herausflog, kein ganzes Blatt, nur ein unordentlich gekritzelter Ausriss. Auf leisen Sohlen trat Thomas näher, wohlwissend, dass Vincent ihn sowieso nicht hören konnte, und schnappte sich die winzige Antwort.
      10 Nächte
      Das war alles und gleichzeitig gar nichts. 10 Nächte - 10 Nächte, die er jetzt noch zu überwinden hatte? 10 Nächte allgemein? Dann wären es noch fünf - oder sechs? Bis auf die Tatsache, dass Thomas ihn damit jetzt nicht sehen können würde, brachte ihm die Antwort gar nichts. Sie war enttäuschend und gleichzeitig besorgniserregend.
      Eine weitere unbekannte Zeit lang verharrte er unbewegt vor der Tür, um noch etwas aufzuschnappen, und sei es auch das geringste Geräusch, aber nachdem es still blieb, zog er bald von dannen. Den Zettel in der Hand humpelte er eilig nach oben in sein Büro, räumte sich eine kleine Fläche auf seinem überfüllten Schreibtisch zurecht und verfasste eine Antwort. Viel gab es nicht zu sagen, gleichzeitig wünschte er sich, dass er viel mehr hätte schreiben können.

      10 Nächte insgesamt? 10 Nächte ab heute?
      Ich werde hier sein, du bist nicht alleine. Lass es mich wissen, wenn du etwas brauchst, irgendwas. Halte durch.

      Seine Worte waren nicht halb so poetisch, so gut gewählt, wie Vincent geschrieben hatte, aber ihren Zweck erfüllten sie. Wenn er sie nur persönlich hätte überbringen können, das wäre etwas anderes gewesen. So sah er sich gezwungen, die Antwort genauso wieder unter der Tür durchzuschieben.
      Und sich dann wieder auf seinen Stuhl zu setzen und es sich für die nächsten Stunden bequem zu machen. Die Jahreszeit und die kurzen Nächte brachten nun etwas gutes mit sich, nur etwa acht Stunden Finsternis, aber nervenaufreibend war es trotzdem, die Untätigkeit, die Hilflosigkeit, während direkt nebenan, keine fünf Meter entfernt, sein Freund saß und litt. Da würde er sich nicht beschweren, nur auf seinem Stuhl zu sitzen. Er wünschte nur, er hätte etwas anderes tun können.
      Einige Male sah er nach oben ins Foyer, nur um den Sonnenaufgang zu erwischen. Kaum war es soweit, gab er sich selbst noch etwa eine halbe Stunde, genug Zeit, dass der Vampir selbst mit dem größten Widerstand auch eingeschlafen wäre, nahm sich Noras Schlüssel und sperrte auf. Der erste Eindruck, der ihm entgegen schwappte, war der Geruch nach getrocknetem Blut.

      Das Feuer im Kamin brannte noch und verströmte sein warmes, fast gemütliches Licht in dem kleinen Raum, der einzige Grund, weshalb Thomas mit einem Mal Dinge sah, die ihm am Tag in der Düsternis entgangen waren. Etwa der Brieföffner, der in der Wand steckte, der kleine, dunkle Blutfleck nicht weit daneben oder der viel größere Blutfleck am Boden, der zwar weggewischt worden war, aber doch seine Spuren hinterlassen hatte. Blut. Etwa von Vincent? In dieser Menge?
      Vincent lag wieder auf dem Sofa, eingerollt bei dem wenigen Platz, halb unter einer zerknautschten und - wie Thomas jetzt auch sah - an einigen Stellen blutigen Decke begraben. Diesmal stand kein kleiner Tisch mehr im Weg, die Überreste dessen lagen direkt hinter der Tür und kratzten unangenehm laut über den Steinboden, als er sie weiter aufschob, um hereinzukommen.
      Diesmal breitete er die Decke nicht über ihm aus. Diesmal zog er die Decke ganz weg.
      Vincent war in eines seiner weißen Hemden gekleidet oder zumindest in das, was jetzt noch davon übrig war. Große rote und braune Flecken prangten auf seiner Vorderseite und färbten einen gesamten Ärmel. Der Stoff selbst war unversehrt, was auch immer geschehen sein mochte, es hatte das Hemd verschont. Thomas schob es beiseite und sog scharf die Luft ein.
      Vincent Oberkörper glich einem Schlachtfeld. Getrocknetes Blut, gepaart mit ganz frischem Blut und Schnitten, die sich kreuz und quer über seinen Oberkörper zogen, prägten seine Haut. Auf den ersten Blick schienen sie oberflächlich, aber als Thomas ganz vorsichtig seine Haut straff zog und Vincent sogleich zuckte, konnte er sehen, dass einige von ihnen auch tiefer gegangen waren. Die Entdeckung war erschütternd; wieso hatte er ihm nichts davon geschrieben? Hatte er es Nora gesagt, hatte sie es gewusst? Hatte irgendjemand schon etwas dagegen unternommen?
      "Oh, Liebling... was hast du nur getan?"
      Vincent rührte sich natürlich nicht. Sein Kopf ruhte auf seinen gefesselten Händen, die aber auch von altem Blut verklebt waren. Ein bisschen davon war auch auf seiner Wange verschmiert, offensichtlich ein Resultat von seinem Wutausbruch am früheren Abend. Dann musste der Rest seiner Verletzungen ähnliche Ursachen gehabt haben.
      Thomas beugte sich zu ihm herab und küsste seine saubere Wange. Er war müde, wollte mit der Sonne eigentlich auch ins Bett gehen, aber das hier konnte er nicht sich selbst belassen. Warum hatte Vincent ihm nur nichts gesagt! Er hätte ihm gleich helfen sollen, gleich gestern, er hätte ihn nicht noch eine ganze Nacht in diesem Zustand zurücklassen sollen.
      Wieder begann der Vampir sich zu regen, kaum als Thomas zu nahe kam, aber er war schon verschwunden, bevor es zu weit gehen würde. Mit langen Schritten jagte er die Treppe hinauf.
      "Nora!"
      Sie kam und obwohl Thomas sauer auf sie sein wollte, weil sie nicht verhindert hatte, was auch immer geschehen war, konnte er es doch nicht, ohne auch sauer auf sich selbst zu sein. Immerhin war er nicht hier gewesen, er hatte Vincent noch nicht einmal geschrieben. Das alles hätte verhindert werden können - sicherlich. Irgendwie hätte man es abwenden können.
      Sie brachte ihm nach Aufforderung einen Eimer mit Waschzeug und Thomas schnappte sich seinen Arztkoffer, bevor er frisch ausgerüstet wieder in den Keller herunterkam. Nora kam nicht mit, zwei Herzschläge hätten den Vampir sicher unnötig gereizt. Stattdessen setzte Thomas sich alleine vor Vincent auf den Boden, schloss ihm die Handschellen auf und begann, ihn mühsam aus seinem Hemd zu schälen. Die nächste Arbeit ging frustrierend zäh und langsam voran. Er versuchte, seinen Freund so gut es ging zu waschen, ohne dabei seine vielen Wunden allzu sehr zu reizen oder den zuckenden Vampir zum Aufwachen zu bringen. Mehrmals musste er den Raum verlassen, einige Minuten warten, wieder zurückkommen und weitermachen. Vincent schwitzte beim Schlafen, entweder durch aufsteigendes Fieber oder durch Albträume. Vielleicht beides, vielleicht etwas ganz anderes. Auch das versuchte er zu ergründen, während er an ihm zu schaffen war.
      Zwei Stunden lang verbrachte er allein mit dem Waschen, bevor er selbst müde genug war, um sich zurückziehen zu müssen. Vorher brachte er Vincent ein frisches Hemd, deckte ihn erst damit zu und zog dann wieder die Decke über ihn. Das sollte für den Augenblick reichen, bis er in ein paar Stunden wieder herunter kommen würde. Er selbst zog sich ins Schlafzimmer zurück, schloss die Vorhänge und verfiel in einen unruhigen Schlaf, geprägt von sich dauernd wiederholenden Träumen von sich selbst, auf dem Weg nach unten, nur um zu entdecken, dass Vincent verblutet war. Er schlief nicht lange, gerade mal vier Stunden, bis ihn das Adrenalin aus den Federn zwang. Wieder unten machte er sich in weiterer übertrieben vorsichtiger Arbeit daran, die Wunden zu verarzten, ohne den Vampir zu wecken. Bis zum Nachmittag saß er daran, kam aber nur so weit, die Wunden zu reinigen, zu desinfizieren - das alleine war stets mit mehreren Minuten verbunden, die er warten musste, bis der Vampir sicherlich wieder tief schlief - und zumindest die Hände zu verbinden. Dann übernahm die Müdigkeit wieder die Oberhand und er zog sich zurück; allerdings holte er sich dieses Mal eine Sonnenliege aus dem Garten herab, stellte sie direkt neben seinen Stuhl in den engen Gang und bedeckte sie mit Kopfkissen und Decke. Es war keineswegs bequem, es war eng und zudem auch noch ein wenig kühl im Keller, aber er schlief besser mit dem Wissen, dass Vincent nur wenige Meter entfernt ruhte. Es mochte merkwürdig sein, dass er all die Wochen zuvor noch ohne Vincent hatte schlafen können und jetzt kaum ein Auge zu bekam, aber das mochten die Nerven sein. Die Nerven und die unendliche Sorge darum, dass er seinen Freund endgültig verlieren würde.
      Er schlief weitere vier Stunden und wachte zum Sonnenuntergang auf. Das war schlecht; eilig kam er ins Zimmer, barg seinen Arztkoffer und schleuderte die Überreste des Holztisches in den Gang hinaus. Nur eine Sache noch: Den Brieföffner riss er aus der Wand und nahm ihn ebenfalls mit nach draußen. Mehr konnte er nicht tun, er hatte das Zimmer nicht nach weiteren Gegenständen durchsuchen können, mit dem Vincent sich etwas hätte antun können. Morgen würde er den Rest tun.
      Er schrieb einen kleinen Brief an ihn in dem er ihn bat, sich zu schonen. Er ging außerdem zu Nora hoch, um zu Abend zu essen, war dann aber gleich wieder unten auf seinem Posten. So sollten seine nächsten Tage aussehen: Vincent indirekt Gesellschaft leisten, auf Geräusche hören oder auf Briefe warten, am Morgen hereinkommen, Vincent ein wenig waschen, seine Wunden zu verarzten versuchen, das Zimmer aufräumen und sicher für ihn machen, auf seiner Liege bis zum Abend schlafen. Ihm Briefe schreiben, in denen nichts von Wert stand, nur Fragen über seine Verfassung und Erzählungen darüber, was es zum Abendessen gegeben hatte, was er oder die Bediensteten den Tag über getan hatten, was Vincent und er tun würden, wenn es ihm wieder besser ging. Es war nicht viel, aber etwas. Er zählte die Tage mit, bis er abends mit einem Glas Schweineblut hereinkommen können würde.
    • Vincent war wie gerädert, als ihn sein Bewusstsein wieder erreichte. Es fühlte sich an, als hätte er überhaupt nicht geschlafen. Doch das war irrelevant, zumindest für den Augenblick. Stattdessen lächelte er schwach, als er die Bandagen an seiner Hand erblickte. Thomas kümmerte sich wirklich um ihn. Er war tatsächlich hier. Er hatte sich diesen Brief nicht nur vorgestellt.
      ”Ich will gar nicht wissen, was der noch so alles mit dir angestellt hat,” kommentierte Vlad, der vor dem Sofa hockte. “Wer weiß, wo dieses Schwammbad hingeführt hat.”
      ”Du kannst gern versuchen, mir das schlecht zu reden, aber das wird nicht funktionieren,” entgegnete Vincent.
      Mit einigen Schwierigkeiten setzte er sich auf und schlüpfte in das neue Hemd, das Thomas ihm dagelassen hatte. Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile fühlte sich Vincent wieder ein bisschen wie er selbst. Das wollte er genießen. Sollte Vlad doch rummeckern. Er wusste nicht, wie es sich anfühlte, so vollkommen geliebt zu werden.
      ”Ganz schön gefasst für jemanden, der noch eine Weile im Exil verbringen muss. Weißt du, wie lange noch?”
      Das Grinsen auf Vlads Gesicht versprach nichts Gutes. Vincent versuchte fieberhaft, sich daran zu erinnern, wie lange er hier schon eingepfercht war. Aber ihm war alles Gefühl für Zeit entglitten. Alles, was er wusste, war, dass es Nacht sein musste, denn er war ja wach. Und er konnte unmöglich während des Tages wach sein.
      ”Wie lange noch?” hörte er sich fragen.
      Die Angst in seiner Stimme war nicht zu überhören.
      ”Acht volle Nächte,” erklärte ihm Vlad mit gespieltem Mitleid.
      Er musste sich nicht einmal Mühe geben, um zu lügen. Vincent konnte nicht sagen, ob er die Wahrheit sprach oder nicht. Er hätte ihm genauso gut erzählen können, dass der Himmel grün war; Vincent würde ihm glauben.
      ”Acht?! Aber ich bin doch schon eine Ewigkeit hier unten?!”
      Vlad zuckte mit den Schultern und stand auf, ließ den Nacken in beide Richtungen knacken.
      ”Tja. Hättest du dich mal nicht hier unten für deine kleine Entzugskur eingesperrt. All das hier,” er deutete mit einer Hand auf den kleinen, zerpfückten Raum, in dem Vincent erst seit zwei Nächten hauste, “hättest du vermeiden können. Aber nein, wir wehren uns ja weiterhin lieber gegen unsere Natur.”
      ”Du verstehst das nicht. Ich muss es tun!”
      Vlad lachte, schüttelte den Kopf.
      ”Wann wirst du endlich begreifen, dass du ein Raubtier bist, Vincent?! Diese Zähne in deinem Mund sind dafür da, sich in das warme Fleisch von Menschen zu bohren! Deine Sinne, deine Kraft, deine Geschwindigkeit, alles, was ich dir geschenkt habe, dient nur einem einzigen Zweck: Menschen zu jagen und zu töten. Wo ist der Unterschied zwischen Menschen und einer Kuh, hm? Das eine hält dich am Leben, das andere verwandelt sich in ein leckeres Steak! Beide sind dazu gedacht, für dich zu sterben.”
      Vincent schüttelte den Kopf.
      ”Nein. Du hast Unrecht!”
      Plötzlich war Vlad direkt über ihm, beugte sich so dicht zu ihm, dass er Vincent beinahe berührte. Seine Fangzähne waren voll ausgefahren, so lang wie die Finger eines kleinen Kindes. Seine Augen glühten geradezu in der Dunkelheit, die Pupillen waren zu schmalen Schlitzen verengt.
      ”Habe ich das?!” zischte er. “Sieh mich an und sage mir, dass ich kein Raubtier bin. Na los.”
      Vincent starrte seinen alten Meister an, suchte nach einem kleinen Funken Menschlichkeit. Doch er fand keine. Da war nur Hunger.
      Das dachte ich mir. Also stellt sich doch die Frage: wirst du endlich aufhören so zu tun, als ob du kein Monster bist? Oder wirst du dieser Farce eindlich ein Ende setzen?”
      Vincents Blick glitt zu der Wand, wo er den Brieföffner zuletzt gesehen hatte. Doch da war nur ein kleines Lock in der Wand, keine improvisierte Waffe mehr. Auch die Trümmer seines Tisches waren nirgendwo mehr zu finden. Thomas und Nora mussten aufgeräumt haben.
      ”Na komm. Du brauchst doch keine Waffe dafür. Du kannst es selbst tun. Oder du bringst den Jäger da draußen dazu, es zu tun. Wäre doch poetisch. Die zwei Liebenden, die ihrer Natur einfach nicht entkommen können und deswegen dazu verdammt sind, sich gegenseitig zu töten. Du erinnerst dich doch noch an den Geschmack von seinem Blut, oder?”
      Allein die Erwähnung von Thomas’ Blut sorgte dafür, dass Vincent sich die trockenen, eingerissenen Lippen leckte. Ja, er erinnerte sich. Er erinnerte sich sehr gut.
      ”Jetzt stell dir mal vor, wie mächtig du sein könntest, wenn du dir mehr als nur ein paar Schlucke nimmst. Du bist ein zweihundert Jahre alter Vampir mit reinem Blut. Stell dir vor, du nimmst dir mehr. Stell dir vor, du nimmst alles. Mein Blut, um dich zu erschaffen. Das Blut eines Jägers, um dich endlich zu taufen. Hol ihn dir, Steaua mea.”
      Vincent starrte die Tür an. Ein paar Zentimeter Holz und Stahl trennten ihn von dem Jäger. Und Magie… Diese Magie würde er nicht überwinden können. Also musste er sich einen Plan überlegen. Und er wusste genau, wo er damit anfangen musste.

      Dominik sagte, ich muss zehn Tage auf jedes Blut verzichten. Ich weiß nicht, wie viel Zeit bereits vergangen ist, ich… mein Kopf tut weh. Alles tut weh. Ich kann mich nicht mehr richtig bewegen… Ich bin auf dem Weg zum Kamin gestolpert und die Scheite konnte ich auch nicht richtig halten. Mir ist so kalt… Zehn Tage… wie lange bin ich schon hier unten?

      Vincent machte sich nicht die Mühe, seinen kleinen Brief unter der Tür hindurch zu schieben. Stattdessen ließ er ihn einfach offen auf dem Schreibtisch liegen, nachdem er es endlich geschafft hatte, ihn einigermaßen leserlich zu verfassen. Er wickelte sich in die Decke, zerrte das Kissen vom Sofa mit sich, und rollte sich vor dem Kamin zusammen. Er hatte nicht gelogen, als er schrieb, dass ihm kalt war. Dass er sich nicht mehr richtig bewegen konnte. Er konnte deutlich spüren, unter all den Schichten an Schmerz, wie sein Körper langsam aber sicher den Dienst einstellte. Er ließ es passieren. Er ließ die Nacht passieren. Er ließ den darauffolgenden Tag passieren. Er antwortete auf Thomas’ Briefe, so gut er konnte, aber viel war da nicht zu sagen. Vincent’s Nächte waren sogar noch langweiliger als Thomas’ Tage. Vlad belagerte ihn Nacht für Nacht, aber damit hatte Vincent gerechnet. Genauso wie er damit gerechnet hatte, dass sich der Alte nicht im Geringsten nützlich machen würde. Aber das war ihm egal. Er brauchte Vlads Hilfe nicht. Er würde das hier allein überleben.
      Vlad hatte gelogen. Das wusste Vincent, als er an diesem Abend erwachte. Er wusste es einfach. Heute würde anders sein. Jeden Morgen hatte er sich die Handschellen angelegt und jeden Abend war er ohne sie wieder aufgewacht. Aber kein Thomas. Heute Nacht aber hatte er die Handschellen noch an, als er die Augen aufschlug. So fühlten sich also zehn Nächte ohne Blut an. Nicht unbedingt eine Erfahrung, die Vincent so schnell wiederholen wollte. Also würde er sich zusammenreißen und dafür sorgen müssen, dass er es auch nie wieder tun musste.
      Vlad stand neben dem Kamin, sah auf ihn hinab, wie er da vor dem Kamin lag, und lächelte. Er nickte zur Tür in dem Augenblick, indem Vincent hörte, wie sie entriegelt wurde.
      Vincent kniff die Augen zusammen, als das Licht aus dem Flur in den Raum strönte. Seine Nase füllte sich sofort mit dem vertrauten Geruch nach Zimt. Ihm eintglitt ein leises Knurren, doch das bemerkte er gar nicht. Da war aber noch mehr. Da war nicht nur der verführerische Duft von Thomas, da war auch noch…
      Vincent kroch in Richtung der Wand und stemmte sich mit dem letzten bisschen Kraft, das er noch hatte, auf die Ellenbogen, bis er schließlich saß. Er konnte nicht verbergen, was in ihm hauste. Seine Augen waren so hell, dass man kaum mehr als seine Pupillen erkennen konnte. Seine Eckzähne waren nicht nur spitz, sie waren auch doppelt so lang, wie sie sein sollten. Er war noch immer einen weiten Weg von Vlad Fratze entfernt, aber jetzt gerade spiegelte sein Äußeres eher das Monster wider als den Mann.
      ”Bist du wirklich hier?” fragte er, seine Stimme ein kratziges, tiefes Flüstern. “Oder bist du einfach nur ein neues Hirngespinst, hier um mich zu foltern?”
      Sein Blick richtete sich auf das Glas in Thomas’ Hand. Er richtete sich weiter auf, bis er ohne Hilfe der Wand saß.
      ”Aber wenn du nur eine Halluzination bist, warum riechst du dann so gut?”
      Er leckte sich über die Lippen, schnitt sich die Zunge an seinen Zähnen auf, schien das aber gar nicht zu bemerken. Der Schnitt blutete kaum.
      ”Warum riecht das da in deiner Hand so gut? Was ist das? Gib es mir!”
      Vincent konnte seine Hände nicht heben; sie waren einfach zu schwer, gerade mit den Handschellen. Aber er konnte seine Finger bettelnd ausstrecken und genau das tat er. Er wollte, was auch immer Thomas da in der Hand hielt. Es roch einfach zu gut, um es nicht zu wollen. Er musste es einfach haben!


    • Diesmal war Vincent nicht nur wach, als Thomas die Tür aufsperrte und hereinkam, er knurrte ihn auch noch an. Das erste Mal, dass sie sich seit fast zwei Wochen begegneten und die erste Reaktion, die sein Freund von sich gab, war ein animalisches Grollen, ein komm nicht näher, vielleicht aber auch ein komm ruhig näher. Es hatte nichts menschliches an sich.
      Thomas wusste, dass es schwierig werden würde. Er hatte es all die Nächte schon gewusst, als er Vincent hinter der Tür Selbstgespräche führen gehört hatte, als er seinen Rufen gelauscht hatte, als er sogar gar nichts mehr von ihm vernommen hatte. All die Zeit über hatte er sich darauf vorbereiten können und doch brach es ihm das Herz, genau mit seiner schlimmsten Vorstellung konfrontiert zu werden.
      Aber er versuchte es zu überspielen, verdrängte die schweren Steine in seinem Magen und regulierte seinen Herzschlag. Vincent war jetzt wichtiger als alles andere.
      "Hey..."
      Langsam zog er die Tür hinter sich wieder zu. Dann waren sie vom Rest der Welt abgeschnitten und nichts konnte ihn mehr von dem Mann vor ihm ablenken.
      Vincent saß in dem warmen Licht des Kamins, der Oberkörper gegen die Wand hinter ihm gelehnt, die Hände kraftlos in seinem Schoß liegend, gefesselt. Mit offenen Augen und ohne die entspannten Gesichtszüge, die er im Schlaf aufwies, konnte man ihm den Hunger viel deutlicher ablesen: Seine Wangen waren eingefallen, seine Augenringe tief und dunkel, viel zu auffällig für die hellen, weißen, vampirischen Augen. Seine Haut war schon immer blass gewesen, typisch engländisch, aber auch durch striktes Nachtleben verstärkt, jetzt war sie aber regelrecht leichenblass. An seinen Fingern zeichneten sich die Knochen deutlich ab. Er hatte drastisch abgenommen.
      Thomas hätte nichts lieber getan, als ihn aus diesem furchtbaren Gefängnis zu holen und gesund zu pflegen, auf alle möglichen Arten. Jetzt gab es kein Silber, das er ihm hätte herausbrennen müssen, jetzt musste er ihm nur bei der Genesung helfen.
      Aber so einfach war es nie, nicht wahr?
      Mit einem gequälten Gesichtsausdruck kam er näher, langsam, damit keine ungewollten Instinkte ausgelöst wurden, und ging vor seinem Freund in die Hocke. Das Glas hielt er in einer Hand halb hinter seinem Körper, die andere hatte er frei, bereit, eines der Messer unter seinem Gürtel hervorzuziehen. Er hasste es, dass er solche Sicherheitsvorkehrungen treffen musste, aber sie waren allesamt notwendig. Er konnte nicht einschätzen, wieviel ein zweihundert Jahre alter Vampir selbst nach Tagen des Hungerns noch leisten konnte.
      Selbst seine Stimme war nur ein Schatten seiner selbst. Thomas musste schwer schlucken, bevor er sprach.
      "Ich bin hier, ganz wirklich. Ich werde dich nicht foltern."
      Dabei konnte er es nicht einmal versprechen, doch was hätte er sonst sagen sollen? Sein Freund schien die Worte nicht einmal wirklich zu registrieren, ruckte nur mit dem Kopf herum, als der Geruch des Blutes ihm in die Nase steigen musste. Seine Hände regten sich ein bisschen, als er mit steigendem Eifer danach verlangte, die Handschellen klapperten ganz leicht. Er hob sie aber nicht, auch wenn die Anstrengung sich deutlich darauf abzeichnete.
      "Ganz ruhig."
      Beschwichtigend legte er die Hand über Vincents. Seine Haut war eiskalt; mitfühlend umfasste er beide Hände ein bisschen stärker.
      "Das ist Blut, Schweineblut. Du darfst wieder trinken, aber ich bin mir nicht sicher, ob du es schon verträgst. Das weißt du wohl auch nicht, oder?"
      Damit hatte er in keinem Fall gerechnet: Vincent war bereits so weggetreten, dass er kaum mehr klar denken konnte. Es blieb an Thomas, ihn daran zu hindern, dass er sich gleich ins nächste Elend stürzen würde. In seinem Zustand war er sich nicht einmal sicher, ob sein Körper die Energie aufbringen würde, das Blut wieder auszustoßen.
      Er musste vorsichtig sein. Er würde Vincent doch etwas foltern müssen.
      "Du darfst trinken, aber ich halte das Glas fest. Du darfst es austrinken, aber sobald dir davon schlecht wird, wirst du aufhören. Wenn du danach noch durstig bist, bekommst du vielleicht ein zweites. Okay, Liebling?"
      Wie gern er ihm über die Wange streichen würde, wie gern er sich zu ihm setzen und ihn halten würde. Es verzehrte ihn regelrecht danach, Vincent wieder so nahe zu kommen wie vor Monaten, aber er wusste, dass der Vampir kaum klar genug dachte, um ihm nicht einfach die Zähne in die Haut zu stoßen. Er hatte sogar darüber nachgedacht, ihn für diese Aktion auf den Stein zu binden, aber das erfüllte ihn mit solchem Grauen, dass er es mit allen Mitteln auf diese Weise versuchen wollte.
      Sein Freund musste dafür nur kooperativ sein.
      "Okay?"
      Beschwichtigend strich er ihm mit dem Daumen über seinen Handrücken.
      "Ich halte das Glas, du trinkst. Nicht mehr als das."
      Einen Augenblick verweilte er noch, beobachtete seine Züge und seine Regungen mit geschulter Aufmerksamkeit, dann hob er das Glas vorsichtig an seine Lippen.
    • Vlad lachte leise. Er stand hinter Thomas an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt.
      “Schweineblut also? Ist es das, was du willst? Schwach sein? Das Schoßhündchen für diesen Menschen spielen? Du bist besser als das, Steaua mea.”
      Vincents Blick huschte von dem Blut zu ihm und dann gleich wieder zurück zu dem Blut, auch wenn er das Glas nicht richtig sehen konnte. Er musste es auch gar nicht sehen; er konnte es deutlich genug riechen. Und er wollte es haben, vollkommen egal, was Vlad versuchte, ihm einzuflüstern.
      Er nickte so heftig auf die Frage Thomas’ hin, dass ihm kurz schwindelig wurde. Er kniff die Augen zusammen, sammelte sich. Das Blut! Ach ja, richtig…
      Er starrte auf die Hand, die seine liebkoste. Warum machte der Mensch das? Seine Hand brannte geradezu auf Vincents ausgekühlter Haut. Blut! Ja, das würde damit helfen. Ihm wäre weniger kalt, wenn er nur etwas Blut…
      “Ich könnte das Glas sowieso nicht festhalten,” gestand Vincent erschöpft und ließ sich zurück gegen die Wand sinken.
      Vincent konnte sich nicht dagegen wehren, den Duft des Blutes geradezu einzusaugen, als Thomas endlich das Glas präsentierte. Es war so klein… aber das war Vincent egal. Er wollte es haben, egal was er dafür tun musste. Und Thomas hatte ihm ein zweites versprochen! Das war doch was…
      Der Geschmack war… er war vollkommen egal. Vincent verfluchte Thomas dafür, dass er das Glas so flach hielt, dass er kaum trinken konnte. Das Blut floss viel zu langsam über den Rand! Also lehnte er sich nach vorn, dem Glas entgegen. Ein bisschen zu enthusiastisch und ein Teil des Blutes schwappte über, floss sein Kinn hinab anstatt seiner Kehle. Doch auch das interessierte Vincent nicht, denn er bekam endlich, wonach er sich so lange gesehnt hatte: einen vollen Schluck des Leben spendenden Blutes, das Thomas so lange vor ihm verborgen gehalten hatte.
      “Schwächling,” tadelte Vlad mit einem Kopfschütteln, doch auch er starrte die rote Flüssigkeit hungrig an.
      Thomas entfernte das Glas viel zu früh von seinen Lippen. Da waren doch noch Reste drin!
      “Mehr…” keuchte Vincent. “Ich will mehr…”
      Eine plötzliche Welle der Wärme traf ihn mit solcher Wucht, dass er erneut zurück gegen die Wand sackte. Sein Körper schien von jetzt auf gleich von innen heraus zu brennen. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in seinen Gliedmaßen aus. Er wurde sich des Geschmackes auf seiner Zunge bewusst - und hasste ihn sofort. Aber zeitgleich wollte er noch immer mehr davon haben. Lachend hob er eine Hand an seine Stirn - nur um zu bemerken, dass er noch immer gefesselt war und gleich beide Hände im Gesicht hatte, was sein Lachen nur noch verstärkte. Er brauchte einen langen Moment, um sich wieder einigermaßen zu fangen.
      Mit einer Hand strich sich Vincent durch die Haare, löste ein paar der Knoten darin. Dann sah er sich in dem kleinen Raum um, als sei er zum ersten Mal seit einer Weile hier unten. Schließlich landete sein Blick auf Thomas, den er auch erst jetzt zu erkennen schien.
      “Thomas… du bist hier…” Vincent lächelte. “Du siehst müde aus. Ist alles in Ordnung?”


    • Thomas hatte mit Widerstand gerechnet und mit allgemeiner Euphorie darüber, dass der Vampir die vermisste Flüssigkeit wieder in sich aufnehmen konnte. Trotzdem traf ihn der Anblick des dunklen Blutes, das dem anderen über das Kinn rann, während er sichtlich die Beherrschung über sich verlor, auf andere Weise. So sollte es nicht sein, nichts davon; wie hatten sie es nur soweit kommen lassen, dass er jetzt hier unten vor seinem entkräfteten Freund saß, der nahe am Verhungern war, und dabei zusah, wie er sich mit dem Eifer eines Raubtiers über das Blut hermachte? Es war alles so verkehrt, alles war falsch. Er wollte nicht hier sein, genauso sehr wie er Vincent unbedingt helfen wollte. Es war alles nicht richtig.
      Er setzte ab, langsam nur, damit er den anderen nicht provozierte; zu langsam, wie er feststellte, als noch ein kleiner Schluck übrig blieb. Das war schon in Ordnung, oben gab es mehr, er musste vorher nur feststellen, ob der Mann das Blut gut aufnahm.
      Vincents Augen waren jetzt größer, heller, aufmerksamer geworden. Sein ganzer Körper unterlag nacheinander einer Bewegung, ein Zucken in den Beinen, eine Welle im Oberkörper. Ein bisschen wirkte es, als würde der Vampir erst erwachen.
      Er lachte auch, aber Thomas war nicht zum Lachen zumute, nicht, bevor es vorbei war. War es das? Würde er ihn wieder mit nach oben nehmen können?
      Trotz allem konnte er aber nun seinem Drang nicht mehr länger entgegenhalten. Er stellte das Glas ab, befühlte Vincents Stirn und strich ihm dann vorsichtig über die Wange. Der leichte Bart, der seine Haut jetzt bedeckte, war ihm geradezu befremdlich.
      Ich mache mir Sorgen um dich”, gestand er frei, weil das gleichzeitig die später kommende Frage beantworten würde, weshalb er nicht in ihrem Bett, sondern genauso im Keller schlief, nur um Vincent näher sein zu können.
      Ich hätte nicht nach London gehen sollen. Nein, so stimmt das nicht… ich hätte es früher merken müssen. Wir hätten nicht zu überstürzt handeln sollen, mit allem.
      Es gab noch mehr zu sagen, natürlich, aber das war kaum der richtige Moment dafür. Jetzt gerade zählte nur, dass sie wieder richten würden, was sie kaputt gemacht hatten.
      Wie fühlst du dich? Ist dir schlecht, schwindelig? Hast du Schmerzen? Ich möchte erst alles abklären, bevor ich dir ein zweites Glas bringe.
    • Die warme Hand an seiner Wange fühlte sich seltsam an. Sie war warm, ja, aber dort, wo sie seine Haut berührte, da Kribbelte Vincents Haut auf eine Art, die er nicht richtig zuordnen konnte. Genauso wenig konnte er sagen, warum das so war. Es war nicht unangenehm, es war nur... fremd.
      "Das wäre die Gelegenheit," raunte Vlad ihm zu, der neben ihm in die Hocke ging und Thomas Arm ansah als sei dieser ein saftiges Steak. "Du musst nur den Kopf ein bisschen drehen und zubeißen."
      "London... das hatte ich ganz vergessen."
      Vincent schloss die Augen und lehnte sich gegen die Hand, deren Berührung nun weniger irritierend war. Er erinnerte sich daran, wie er sich nach ihrer Berührung gesehnt hatte.
      "Er ist dir so nahe, Steaua mea. Wenn dir der Arm nicht gut genug ist, dann lehn dich halt vor und nimm dir seine Kehle!"
      Er stich sich müde über die Augen, presste den Daumen gegen den eine Stelle, in der ein Kopfschmerz wild pochte. Er versuchte, sich daran zu erinnern, was passiert war. Was war in London geschehen? Gar nichts. Er war gar nicht da gewesen. Thomas war gegangen, hatte ihn allein gelassen.
      "Räche dich," flüsterte Vlad ihm ins Ohr.
      Vincent sah Thomas an. Da waren tiefe, dunkle Ringe unter seinen Augen. Seine Haare waren zerzaust, sein Bart dichter und länger als sonst. Er war blass und die Falte auf seiner Stirn - die sich nur dann bildete, wenn er sich sorgte - wirkte tiefer als sonst. Vincent wollte nicht, dass er sich sorgte.
      "Ich äh... ich weiß nicht," gestand er offen auf Thomas' Frage hin. "Mein Kopf ist... Kopfschmerzen. Halsschmerzen. Alles kribbelt irgendwie. Ist wie Nadelstiche. Ich weiß nicht, ob mir warm oder kalt ist..."
      Er verlor den Faden. Wovon hatte er gerade gesprochen?
      "Du wolltest den Menschen da töten, Steaua mea. Du weißt doch: danach geht es dir besser."
      "Ich habe Hunger," schloss Vincent.
      Ja, richtig. So fühlte sich Hunger an. Großer Hunger.
      "Wann habe ich mich zuletzt genährt?"
      Er wusste es nicht mehr.


    • Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Kribbeln, Temperaturschwankung. Fahriger Blick, ausgeprägte Stoßzähne, verzögerte Reaktion. Thomas war erleichtert darum, keine neuartigen Symptome zu entdecken, mit denen er nicht schon gerechnet hätte, aber gleichermaßen klingelten die Alarmglocken weiter. Mit einem Glas war es noch längst nicht getan.
      "Okay, das ist alles nichts lebensbedrohliches."
      War es schon, wenn es weiter anhielt. Und wie lange litt er schon darunter? So lange, wie er auch schon Selbstgespräche führte? Aber Thomas verschleierte die Lüge mit der professionellsten Arztstimme, die er zustande brachte.
      "Das deutet sehr stark auf hohes Fieber hin, wenn du faktisch nichts isst und trinkst. Das sind ganz gewöhnliche Mangelerscheinungen, alles nichts zur Beunruhigung. Das kriegen wir schon wieder hin."
      Aber Thomas hätte den Arzt nicht ausgepackt, wenn er sich seiner Worte sicher gewesen wäre, denn ehrlicherweise war er es nicht. Es könnte normales Fieber sein und eine bloße Mangelerscheinung von zu wenig Ernährung darstellen, es könnte aber auch das Tierblut sein. Es könnte das Menschenblut sein, das vielleicht noch irgendwo in Vincents System floss und sich nicht mit der neuen Diät vertrug. Es könnte die unbewegten vielen Nächte in diesem kleinen Raum gewesen sein. Es könnte unsichtbare Verletzungen sein, die er sich mit einem seiner Wutausbrüche zugefügt hatte und Thomas nur nicht gefunden hatte. Es könnte etwas ganz anderes sein.
      Die beste Wahl wäre es, auf Nummer sicher zu gehen, aber was war Nummer sicher? Wieder Menschenblut und riskieren, dass Vincent nicht Herr seiner Sinne wurde und sich gleich auf den nächstbesten Mensch stürzte? Tierblut und riskieren, dass sein Körper es abstieß? Konnte er sich in diesem Stadium überhaupt noch übergeben? Thomas fürchtete, dass sein Körper nicht einmal das mehr zustande brachte, dass er daran ersticken würde. Dass noch etwas viel schlimmeres geschehen könnte.
      Er war hilflos. Er hatte keine Ahnung, ob er das richtige tat, denn Vincent war kein richtiger Mensch und über Vampire wusste er noch immer mehr, um sie zu bekämpfen, anstatt zu heilen. Sein Wissen versagte hier und wenn er das Falsche tat, würde er seinen eigenen Freund noch umbringen.
      Er hatte Angst. Große Angst sogar.
      "Vor zehn Tagen hast du zuletzt ein Reh getrunken, aber danach gleich wieder erbrochen. Das letzte richtige Mal war also vor... dreizehn Tagen."
      Für einen normalen Menschen wurde es nach zwei Wochen kritisch. Für einen Vampir womöglich auch und Vincent war schon immer recht schlank gewesen...
      Thomas bemühte sich um ein freundliches Lächeln und nahm die Hand von Vincent zurück.
      "Wir gehen jetzt erst zurück auf das Sofa, damit du nicht weiter auf dem harten Boden sitzen musst. Dann werde ich dich in alle Decken einwickeln, die dieses Haus zu bieten hat, damit du dein Fieber ausschwitzt. Und dann kannst du dich noch an einem zweiten Glas versuchen, einverstanden? Dann tu mir den Gefallen und halt deine Hände im Schoß und die Luft an. Kannst du das für mich machen?"
      Es war töricht so weit zu gehen, aber Thomas war verzweifelt und die Verzweiflung brachte Menschen bekanntlich auf abwegige Pfade. Er näherte sich Vincent weiter, schob die Arme unter seinen dünnen Körper und hob ihn hoch. Das Gewicht in seinen Armen hätte vertraut sein müssen, aber das war es nicht. Er hätte genauso gut einen Fremden tragen können.
      Bis zum Sofa waren es zum Glück nur zwei Schritte, die Thomas auch überlebte, als er seinen Freund dort absetzte. Zuerst klaubte er die Decke auf, um sie über Vincent auszubreiten, dann ging er nach draußen und holte auch sein eigenes Bettzeug herein, um den Mann in der dickeren Decke einzuwickeln und ihn mit dem Kissen weiter auszustopfen. Ja, Verzweiflung brachte die Menschen wirklich auf abwegige Pfade.
      Schließlich kam er dann mit dem versprochenen zweiten Glas wieder.
    • "Dreizehn Tage..?"
      Kein Wunder, dass er so hungrig war. Zwei Wochen hatte er nichts zu sich genommen? Wirklich? Wie hatte er das überhaupt überlebt?
      Vincent zuckte leicht, als Thomas die Hand von seiner Wange nahm und die kühle Luft des Kellers wieder auf seine Wange traf und einen kleinen Schock durch seinen ganzen Körper sandte. Er wollte die Wärme zurück, sofort. Thomas' Plan klang also ziemlich gut in seinen Ohren.
      Vincent nickte und faltete brav seine gefesselten Hände in seinem Schoß. Er wusste nicht, ob er genug Kraft hatte, um aufzustehen, selbst wenn Thomas ihm half. Aber er musste auch gar nicht aufstehen, wie er sogleich feststellte. Thomas hob ihn einfach hoch und trug ihn den kurzen Weg zum Sofa. Doch selbst mit angehaltenem Atem drang Vincent der wundervolle Duft des Mannes in die Nase; es gab kein Entkommen. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen.
      Und dann war es vorbei.
      "Braves Schoßhündchen. Es spricht nichts dagegen, ihn ein bisschen in Sicherheit zu wiegen. Stress ruiniert den Geschmack, da stimme ich dir zu," meinte Vlad, der sich mit den Armen auf die Rückenlehne des Sofas stützte und Thomas dabei beobachtete, wie dieser noch mehr Decken einsammelte.
      Thomas wickelte Vincent ein und der ließ es geschehen. Dabei versuchte er, Thomas nicht anzusehen. Er hielt seinen Blick auf einen Fleck am Kaminsims gerichtet, nur um nicht die Venen zu sehen, die in Thomas' Hals und Handgelenken pulsierten. Vincent erinnerte sich daran, wie es sich anfühlte, wenn er seine Fangzähne genau dort hineindrückte. Wie es schmeckte, wenn die ersten Tropfen Blut seine Zunge benetzten.
      Er lehnte sich ein bisschen vor, was Thomas nicht bemerkte, weil dieser ihm gerade ein Kissen in den Rücken stopfte. Aber Vincent stoppte sich, bevor er etwas Dummes anstellte, und konzentrierte sich wieder auf den Fleck.
      "Wie sieht dein Plan aus?" fragte Vlad, kaum war Thomas verschwunden.
      Er setzte sich neben Vincent und inspizierte seine Fingernägel.
      "Ich habe keinen Plan," antwortete Vincent.
      "Du solltest aber einen haben. Der Mann ist Jäger, da braucht man immer einen Plan. Der merkt doch, wenn du ihn jagst. Also musst du ihn überraschen. Dafür brauchst du einen Plan."
      Vlad wandte sich ihm zu, einen Arm entspannt auf die Rückenlehne gelegt. Als wären sie beide Freunde.
      "Lass mich dir helfen, Steaua mea. Ich weiß, dass du gerade nicht auf der Höhe bist. Lass mich das machen. Dann geht es dir schon bald wieder besser."
      "Mir geht es gut."
      "Das kannst du dem Jäger gern sagen, aber wir beide wissen, dass das gelogen ist."
      "Lass mich in Ruhe."
      "Na schön. Aber allein wirst du irgendwann die Kontrolle verlieren, das weißt du genauso gut wie ich. Du brauchst mich, Steaua mea."
      Vincent sah auf, als sich die Tür erneut öffnete. Wieder stach das Licht aus dem Flur in seinen Augen, wieder zuckte er ein wenig davor zurück. Wieder traf ihn der Geruch des Schweineblutes wie aus dem Nichts. Er wollte es haben, alles davon. Aber er wusste, dass Thomas es ihm nur dann gab, wenn er sich benahm.
      "Wie war deine Reise nach London?" fragte er, um sich selbst abzulenken.
      Der Fleck am Kamin war nicht genug, um seine Gedanken von frischem Blut abzulenken.


    • Beim zweiten Mal hereinkommen war es besser; Vincent in einem Kokon aus Decken sitzen zu sehen, genau dort, wo Thomas ihn zurückgelassen hatte, und nicht etwa als zusammengesunkener Körper auf dem Boden, das war besser. Es war nicht gut, noch lange nicht, aber es war ein Anfang. Es brachte Hoffnung mit sich, nicht? Hoffnung, dass schon irgendwie alles gut ausgehen würde.
      Diesmal setzte er sich zu ihm auf die Couch, so weit konnte er wohl gehen, nachdem Vincents gefesselte Hände jetzt auch noch unter Decken lagen. Das änderte natürlich nichts daran, wie sehr er es hasste, über diese Sicherheitsmaßnahmen nachdenken zu müssen.
      "Sie war... interessant."
      Er führte das Glas ohne Umschweife an Vincents Lippen, nachdem er bereits das Zucken in den Augen und das Aufblähen seiner Nasenflügel gesehen hatte. Aber wieder ließ er ihn nicht so schnell trinken, wie er vermutlich gewollt hätte.
      "London selbst ist eine große, stinkende, überfüllte Stadt, aber das macht die Vampire unvorsichtig. Sie wissen, dass sie schon in der Masse unterkommen können, wenn sie doch einmal entdeckt würden. In Cambridge müssen sie eher auf der Hut sein, vor der Polizei und vor mir. Sowas kennen die Londoner wohl nicht."
      Er setzte ab, als wieder ein Tropfen daneben ging und Vincents bereits dunkles Kinn herab rollte. Mit dem Daumen strich er behelfsmäßig das Blut weg, nur dass es ihm jetzt an der Haut klebte und trotzdem noch in Vincents Bart hing.
      "Ich habe 13 Kämpfe ausgetragen, bei fünfen davon war mir Simon eine große Hilfe. Der Junge macht sich wirklich ganz ausgezeichnet, er könnte nur an seiner Geduld ein bisschen arbeiten. Meistens wollte er sie viel zu schnell konfrontieren."
      Er ließ Vincent wieder trinken, diesmal bis alles leer war. Danach betrachtete er ihn aufmerksam; sein Blick zuckte mit der geübten Sorgfältigkeit des lebenslangen Jägers, dem kaum ein Muskelzucken entgehen konnte. Nur, dass er jetzt nach anderen Anzeichen Ausschau hielt.
      "Wie geht es dir? Wie fühlst du dich?"
    • Diese Handschellen waren nun wirklich im Weg. Vincent wollte nach dem Glas greifen, als Thomas es ihm hinhielt, doch dann erinnerte er sich an die Regeln, die der Mann aufgestellt hatte. Also ließ er die Hände wieder in seinen Schoß sinken. Mit großen, gierigen Schlucken verleibte sich Vincent das Schweineblut ein. Es schmeckte scheußlich, aber das war ihm egal. Er wollte es einfach nur haben. Er wollte den verlorenen Tropfen haben, der da an Thomas' Finger klebte...
      "Simon? Ach ja, der ist ja mitgegangen. Esther auch..."
      Es war alles immer noch so verschwommen, aber Vincent konnte spüren, wie sich sein Verstand langsam klärte. Sehr langsam, aber immerhin verzog sich dieser verdammte Nebel endlich aus seinen Gedanken und gab ihm den Raum, sie auch endlich zu denken.
      Thomas war so nett, ihm dieses Mal nichts vorzuenthalten, nachdem er ihm das Glas ein zweites Mal hinhielt. Vincent leerte es, so schnell er mit seiner wunden Kehle schlucken konnte. Er wusste, dass das Glas leer war, als Thomas es beiseite stellte, und doch sah er dem kleinen Ding sehnsüchtig nach, als könnte es ihm mehr geben, wenn ihm nur Aufmerksamkeit schenkte.
      "Wie geht es dir? Wie fühlst du dich?"
      "Hm?"
      Er sah auf, zu Thomas. Er hatte ganz vergessen, dass der Mann neben ihm saß. Wie es ihm ging? Ja, wie fühlte er sich denn?
      Vincent ließ sich gegen die Lehne des Sofas sinken und nahm sich einen Moment, um zu sich zu finden. Wie fühlte er sich? Die letzten Nächte war er dieser Frage aus dem Weg gegangen, um sich nicht mit all den Wehwehchen seiner Existenz auseinandersetzen zu müssen. Jetzt kamen sie alle zurück. Er hob eine Hand in den Nacken und massierte den verspannten Muskel dort.
      "Ich schätze, mir geht es so wie dir nach dreizehn Jagden in einer Großstadt," meinte er schließlich. "Denken ist anstrengend. Es ist alles so... langsam? Ich kann es nicht wirklich beschreiben. Ich weiß nur, dass ich es nicht mag."
      Mit einem Seufzen ließ er den Kopf nun auch gegen die Lehne sinken. Er war müde. Sein Körper wachte langsam auf, aber er war so unendlich müde...
      "Aber wie geht es dir? Du musst doch völlig erschöpft sein. Bist du verletzt? Tut mir leid, falls du mir das schon gesagt hast; ich kann mich nicht erinnern..."
      Vincent griff mit seinen gefesselten Händen nach Thomas'. Er wollte die Wärme von dessen Fingern noch einmal spüren.


    • Langsam, ganz, ganz langsam schien etwas von Vincents normalem Selbst hervorzudringen, ein Hauch von Klarheit, der sich an Stelle dieser wirren Momente schob. Es war erfrischend und zur gleichen Zeit beruhigend zu hören, wie er mit etwas mehr Sicherheit sprach und auch ganze Sätze formen konnte, ohne sich dazwischen zu verirren. Das war ein gutes Zeichen, ja, das war es, aber zum Aufatmen reichte es noch immer nicht aus. Thomas studierte ihn weiterhin, als wolle er die finalen Momente eines Patienten auf dem Sterbebett nicht verpassen.
      "Mir geht es gut, mach dir keine Sorgen."
      Er nahm die eiskalten, klammen Hände entgegen und schloss seine Finger darum, als würde das bisschen Körperkontakt den Mann aufwärmen können. Eigentlich wollte er es bei dieser Aussage belassen - warum Vincent in diesem Zustand unnötig beunruhigen? - aber es war das erste Mal, dass sie seit Wochen - nein, seit Monaten wieder so ungezwungen miteinander sprachen, ohne sich dabei gegenseitig ausweichen zu wollen, und er musste sich eingestehen, dass er es vermisst hatte. Er wollte mit Vincent reden und wenn sie nicht in eine derartige Lage geraten wären, hätte er sich auch von ihm pflegen lassen wollen, ganz so, wie sie es immer getan hatten, mit einem Bad und vielleicht auch mit einem Drink. Was hätte schon dagegen gesprochen? Aber so, wie die Dinge nunmal standen, würden sie die Nacht wohl noch im Keller verbringen und da konnte er auch genauso gut ehrlich sein, so ehrlich, wie er es konnte.
      "... Mein Fuß tut ziemlich weh, er hat einen zu starken Tritt abbekommen. Vielleicht schiene ich ihn die Tage mal, wenn es nicht besser wird. Ich habe ein paar unangenehme Prellungen an der Hüfte und an der Brust und auf meinem Oberschenkel ist ein blauer Fleck in der Größe einer Weltkarte."
      Er versuchte sich an einem Lächeln.
      "Vor zwei Tagen noch hatte ich einen Muskelkater in allen meinen Muskeln, die ich nur so besitze, da hätte ich dich nicht so einfach hochheben können. Aber es wird alles schon besser. Ich lebe und das zählt."
      Er drückte seine Hände und streichelte ihn dann mit dem Daumen, ein paar Sekunden nur, während er versuchte, die bisherige Entwicklung richtig einzuordnen. Eigentlich hätte er gehen und Vincent das dritte Glas bringen müssen, solange er sich davon nicht übergeben würde, aber in diesem kleinen Moment, in dem er die Hände seines Freundes fest in seinen eigenen hielt, konnte er sich nicht dazu bewegen, einfach wegzugehen. Er sah auf ihre beiden Hände hinab, während etwas anderes stattdessen in seiner Brust herauf brodelte.
      "... Ich kann nicht damit aufhören."
      Er hatte schon lange keine Schüchternheit bei Vincent mehr verspürt, besonders dann nicht, wenn sie beide alleine waren, aber jetzt konnte er sich plötzlich nicht dazu durchringen, ihn wieder anzusehen. Sein Blick blieb auf ihren gemeinsamen Händen kleben, als suche er in ihnen Sicherheit.
      "Ich kann es nicht. Es ist ein Teil von mir, den ich nicht loswerde, weil er ich ist, genauso wie es mein Doktor ist. Ich werde niemals aufhören Kranke zu pflegen und ich werde auch niemals aufhören Vampire zu jagen. Ich kann das nicht."
      Er wollte Vincent eigentlich gar nicht ansehen. Vielleicht würde er dort etwas sehen, was noch viel schlimmer war als die vielen Monate des Ignorierens zuvor, was vielleicht noch schlimmer war als alles, was er bisher bei ihm gesehen hatte. Lieber starrte er ihre miteinander verwobenen Hände an, die wie der letzte Hoffnungsschimmer waren. Solange sie sich gegenseitig hielten, würde schon alles wieder gut werden, nicht wahr? An diesen Gedanken klammerte er sich.
      "Ich kann es nicht und ich werde es nicht..."
    • "Er ist geschwächt. Und verletzt. Das ist doch die Gelegenheit! Warte, bis er aufsteht und geht, dann kannst du ihn töten und die Tür ist auch gleich offen. Dann musst du nicht einmal bis zum nächsten Sonnenuntergang warten, um hier raus zu kommen, sondern kannst gleich gehen."
      Vlad lehnte sich vor, und roch an Thomas' Haar, als wolle er die Qualität eines Weines feststellen.
      Vincent sah hinab auf ihrer beider Hände, ineinander verschränkt, als Thomas ihm sanft mit dem Daumen über den Handrücken strich. Wie sehr er sich doch nach derartigen Berührungen gesehnt hatte. Nicht erst seit er hier unten war, wie er sich jetzt erinnerte. Sie hatten sich auch vorher schon auf eine Art auseinandergelebt, die Vincent nicht gefiel.
      Er hob Thomas' Hand an seine Lippen, langsam nur, weil er Thomas nicht beunruhigen wollte, aber auch weil er gar nicht viel schneller konnte. Auch seine Muskeln schmerzten, wenn auch nicht davon, sie zu viel genutzt zu haben. Er bemühte sich, nicht einzuatmen, als er einen sanften Kuss auf Thomas' warme Haut platzierte.
      "Das weiß ich doch. Warum glaubst du habe ich dich mit all diesen Zeitungen beworfen und dazu aufgefordert, jagen zu gehen?"
      Was hatte er damals zu Thomas gesagt? Irgendetwas über einmal Jäger, immer Jäger...
      "Du bist ein Raubtier. Genau wie ich," seufzte er.
      "Und Löwen töten Jaguare. Also warum lässt du ihn weiter hier sitzen und labern, anstatt dir zu nehmen, was dir zusteht?!"
      Vincent schloss die Augen. Es gab so viele Pläne zu machen, aber er konnte sich einfach nicht dazu bewegen, sie auch zu planen. Sein Kopf war zu voll, nein, zu leer... Er konnte nicht klar denken und das war so ziemlich der einzige klare Gedanke, den er denken konnte.
      "Wie spät ist es?" fragte er, weil ihm irgendetwas sagte, dass er eigentlich noch gar nicht so müde sein sollte, wie er sich fühlte.
      "Du würdest dich besser fühlen, wenn du endlich etwas ordentliches essen würdest, Steaua mea. Das weißt du. Ein halber Meter, na komm."
      Vlad stand hinter ihm, das wusste er. Aber er wollte sich nicht nach ihm umsehen. Er sollte endlich verschwinden und ihn in Ruhe lassen. Sollte Thomas in Ruhe lassen. Egal, wie verlockend seine Ideen auch sein mochten.


    • Thomas hob den Blick marginal, nur um ihren gemeinsamen Händen zu folgen, die Vincent an seine Lippen hob. Einem Teil von ihm gefiel das nicht, er hätte sie lieber wieder weggezogen; aber wenn er einmal mit sowas anfing, würde er nicht aufhören können, das wusste er genau. Dann würde ihm Vincents Blick plötzlich auch nicht mehr gefallen und die geringe Distanz zwischen ihnen. Einmal nur musste er Vertrauen in den Mann legen, dass er sie beide davor bewahren würde. Und das tat er auch, die scharfen Zähne blieben hinter verschlossenen Lippen, die sich dafür sanft auf seine Haut drückten.
      Aber hier gibt es keine Vampire”, entgegnete er schwach. Ein gar lächerliches Argument, das dafür aber umso wichtiger war.
      Das hier ist dein Revier, kaum einer wird sich hierher verirren. Ich kann doch nicht ständig dafür nach London rausfahren.
      Er konnte und wollte nicht, wollte nicht den Aufwand betreiben, nicht die Risiken in Kauf nehmen, nicht durch Londons stinkende Straßen ziehen. Aber es gab hier wahrlich keinen Vampir - niemand außer Vincent.
      Schweigend sah er wieder die Hände in Vincents Schoß an, löste dann eine davon und begann, ein wenig an der Decke herumzuzupfen und sie an Stellen glattzustreichen. Sie waren beide Raubtiere, ja. Und sie beide waren auch gleichzeitig ihre gegenseitige Beute.
      Einige Sekunden lang saßen sie schweigend beieinander, bevor Vincent wieder sprach.
      Es ist jetzt… kurz vor Mitternacht. Du hast noch etwa sechs Stunden vor dir.
      Prüfend hob er den Kopf und betrachtete Vincents Gesicht. Das Feuer im Kamin zeichnete unschöne Schatten auf seine Haut.
      Ich würde gerne bleiben, wenn es dir nichts ausmacht. Du wirst dich wieder an Herzschläge gewöhnen müssen, bevor du nach oben gehst.
      Wieder ein paar Sekunden Schweigen, dann ließ Thomas seinen Blick auf die von der Decke verborgene Brust fallen.
      ... Willst du mir erzählen, warum du dich selbst aufgeschnitten hast, Vincent?
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