[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • Der erste Tritt war ihm vollkommen egal. Stattdessen verstärkte er seinen Griff. Seine Beute wehrte sich aber weiter und schon bald lagen sie auf dem Boden. Er passte seinen Griff an, wollte seine Beute nicht entkommen lassen, da erschütterte ein Knall, lauter als alles andere, seine Welt. Kurz danach traf ihn etwas am Kopf, gefolgt von einem Tritt, der ihn sonst wohin beförderte.
      Vincent schüttelte wild den Kopf, versuchte, das Klingeln in seinen Ohren loszuwerden, doch es half nichts. Das Sonnenlicht beraubte ihn seiner Augen, der Rauch des brennenden Hauses seiner Nase, und nun hatte er auch noch seine Ohren verloren. Das Monster tobte. Doch es wusste, wann es sich geschlagen geben musste. Die Beute wehrte sich zu sehr, er brauchte mehr Zeit. Heute Nacht... heute Nacht würde er fressen.
      Vincent kroch zurück in den Schatten, zerrte den Mantel über sich, als er zufällig mit der Hand dagegen stieß. Am Fuße des Baumes rollte er sich zusammen. Er war so müde... Er schüttelte den Kopf, um wach zu bleiben. Die Gefahr war noch nicht vorüber, er musste wachbleiben. Nur weil er nicht richtig sehen konnte, hieß das nicht, dass er sich nicht wehren konnte. Er würde warten, bis die Gefahr vorüber war, dann würde er sich ein sicheres Versteck suchen, bis die Sonne unterging. Und dann würde er jagen.


    • Vincent kroch gleich von Stephen davon, was wohl ein gutes Zeichen war, denn viel besorgniserregender wäre es gewesen, wenn er einfach dort liegengeblieben wäre. So schien er sich zurück in die Schatten verkriechen zu wollen, die auch nicht unbedingt Schatten waren. Es war aber besser als gar nichts.
      Stephen rührte sich unter Thomas' Waffe, wollte vielleicht zu seiner nächsten greifen oder Vincent noch erwischen, aber Thomas verstärkte den Druck des Stahls auf ihn, wandte sich ihm vollständig auf ihn zu und trat mit dem Stiefel gegen seine Brust. Stephen fiel nach hinten auf den Rücken, aber bevor er sich wieder aufgesetzt hätte, nagelte Thomas ihn mit einem Fuß auf der Brust fest. Die Waffe zeigte noch immer auf Stephens Kopf und da schien es ihm wohl eine bessere Idee, sich nicht noch einmal gegen Thomas zu stemmen.
      "Hände nach oben, wo ich sie sehen kann."
      Der Mann gehorchte, auch wenn es einen Moment dauerte, auch wenn es äußerst widerwillig geschah. Er hob die Hände, bis sie seitlich neben seinem Kopf lagen und starrte Thomas dann mit giftigem Blick an. Der beugte sich ein Stück zu ihm hinab und brachte dabei auch die Pistole näher an seine Stirn.
      "Ich werde dir etwas sagen und zwar nur ein einziges Mal, Stephen Brooks. Also hör genau zu, denn ich beabsichtige nicht, jemals wieder auch nur ein Wort an dich zu richten."
      Seine Stimme war leise und gefährlich, als er seinen ehemalig besten Freund mit feurigem Blick niederstarrte. Stephen war anzusehen, dass ihm die Situation ganz und gar nicht gefiel, aber er war wohl auch schlau um zu begreifen, dass ihm hier keine Wahl mehr gelassen wurde.
      "Ich werde nicht zulassen, dass du Vincent - oder irgendjemandem aus seinem Haushalt, wenn wir schon dabei sind - etwas antun wirst. Und das ist schon lange keine leere Drohung mehr. Ich meine damit, dass ich dich umbringen werde, wenn du Vincents Revier auch nur zu nahe kommst."
      Er beugte sich noch tiefer zu ihm hinab.
      "Denn ich bin Jäger und ich jage, was auch immer eine Gefahr für die Menschheit darstellt. Das ist nicht der Mann, den du gerade in seinem Bett versucht hast zu verbrennen. Das bist du, der ein Feuer in einem fremden Haus gelegt hat, ohne überhaupt zu wissen, ob noch mehr Leute außer mir und ihm da sind und der einen Mann dafür abgestochen hat, dass er - was? Weil du denkst, er mordet Leute, auch wenn ich dir gesagt habe, dass er es nicht tut? Weil du ihn für schwul hältst? Wie klein muss dein Ego sein, wenn du dich davon verletzt fühlst, Stephen? Dass du denkst, dich gegen einen Mann wehren zu müssen, der immer nett zu dir gewesen ist, egal, was für ein Arschloch du zu ihm warst? Ich werde das nicht dulden, Stephen. Entweder, ich werde dich erschießen, wenn du ihm zu nahe kommst, oder ich werde meine Jagd auf dich eröffnen. Ich werde höchstpersönlich nach Manchester kommen und dich wie einen verifizierten Vampir behandeln. Ich werde keine Fragen stellen und keine Nachforschungen betreiben, ich werde dir dort auflauern, wo du dich sicher fühlst, und ich werde dich erstechen. Wie hast du gerade gesagt, "ordentlich aufspießen"? Das werde ich mit dir tun, Stephen. Denke nicht, dass ich Scherze mache. Ich habe in meinem Leben 156 Vampire gerissen, mehr als dreimal so viel wie du. Ein Mensch mehr, der ein Monster ist, macht mir nichts aus. Ich werde nicht mit der Wimper zucken."
      Stephen starrte ihn so gehässig an, wie man es in seiner Körperlage wohl gerade tun konnte. Wäre er ein Tier, hätte er ihn angeknurrt, aber sonst rührte er sich unter der Pistole nicht.
      "Ich hätte allen Grund, es schon jetzt zu tun, Stephen. Du hast Vincent schon zweimal versucht umzubringen und langsam wird es Zeit, dass ich diesen Gefallen erwidere. Aber weißt du, warum ich es nicht tue? Kannst du dir das denken?"
      Er kniff die Augen zusammen, starrte Stephen nieder.
      "Weil ich diesen "erbärmlichen" Mann dort hinten liebe und weil dein Blut ihm nicht weiterhelfen wird. Das ist der einzige Grund, der dich hier, jetzt am Leben lässt. Ich muss Vincent helfen und so sehr ich es auch möchte, ist das wichtiger als meiner Rache an dir."
      Damit richtete er sich abrupt auf und stieß Stephen noch einmal gegen die Brust, der unterdrückt ächzte. Der Mann schien aber verstanden zu haben, denn er blieb regungslos liegen, während Thomas einen Schritt rückwärts ging, in Vincents Richtung.
      "Wir werden jetzt fahren und du wirst hierbleiben, bis wir weg sind. Dreh dich auf den Bauch."
      Stephen rührte sich nicht. Er starrte nur giftig und da zielte Thomas kurzerhand neben seinen Kopf und drückte ab. Die Kugel knallte in den Rasen neben dem Mann.
      "Auf den Bauch, Brooks!"
      Er zuckte ganzkörperlich zusammen, dann wälzte er sich langsam herum, bis er auf dem Bauch lag.
      "Hände auf den Kopf."
      Widerwillig gehorchte er.
      "Und jetzt wirst du dich nicht rühren, bis wir weg sind. Versuch es erst gar nicht, ich werde es wissen. Ich werde schneller sein, das weißt du ganz genau."
      "Leck mich, Thomas."
      "Hättest du wohl gern."
      Er ging weiter rückwärts auf Vincent zu, aber Stephen rührte sich tatsächlich nicht. Sein Körper war steif und angespannt, aber er regte sich nicht, auch dann nicht, als Thomas Vincent erreicht hatte, sich zu ihm umdrehte und vor ihn kniete. Der Vampir schien gegen das Licht anblinzeln zu wollen, aber es war zu grell und außerdem war er viel zu entblößt ohne sämtlichen Schutz, nur durch das Erbarmen des Mantels. Vorsichtig streckte Thomas die Hand zu ihm aus.
      "Vincent... hörst du mich?"
      Er berührte ihn an der überdeckten Schulter, dann vergrößerte er den Druck etwas, bis Vincent sich sicher sein konnte, dass er da war. Dann rutschte er näher, steckte nach einem Blick auf Stephen die Pistole unter seinen Gürtel und begann damit, die Arme unter Vincents zusammengekauerten Leib zu schieben. Er musste den Vampir gefährlich nahe an seinen Hals lassen, aber er zweifelte nicht daran, ihn im schlimmsten Fall unter Kontrolle zu bekommen. Er war so geschwächt, dass es kaum einen großen Unterschied ausmachen dürfte.
      "Wir haben es gleich geschafft. Ich hebe dich jetzt hoch, okay?"
      Er zog seinen Freund an seine Brust und stand dann mit ihm in den Armen auf. Stephen rührte sich nicht. Thomas ging an ihm vorbei, Vincent fest an sich gepresst, als er in der Einfahrt schon Simon stehen sah. Ungemein erleichtert beschleunigte er seine Schritte, lief zu ihm und der Mann öffnete ihm die verdunkelte Kutschte, in die er Vincent hob. Er kletterte ihm gleich nach.
      "Beeilung!"
      Simon schlug die Tür zu und schwang sich schon auf, während Thomas Vincent an sich zog und ihm beruhigend zuflüsterte.
    • Vincent presste sich an die Wärme, die ihn so plötzlich umgab. Sie war weitaus angenehmer als die Hitze, die aus der einen Richtung kam, und dem Brennen, das sich von oben auf ihn stürzte. Er bekam nicht viel mehr von seiner Außenwelt mit als das. Alles wackelte. Ihm wäre davon beinahe schlecht geworden.
      Und dann war plötzlich alles dunkel. Der Geruch nach Feuer verschwand, die Hitze verschwand, das Wackeln verschwand. Zurück blieb nur die angenehme Wärme und die sanfte Dunkelheit. Vincent gab sich geschlagen, ließ sich von der Wärme und der Dunkelheit einhüllen. Er fühlte sich sicher. Sicher genug, um sich zu entspannen und sich der Bewusstlosigkeit hinzugeben.

      Nora war sofort zur Stelle, kaum dass Simon mit der Kutsche die Einfahrt hochgerast kam. Der Junge war wirklich kein guter Kutscher, aber er gab sich Mühe.
      "Rein mit Ihnen," scheuchte sie.
      Sie folgte Thomas nach oben ins Vincents Schlafzimmer, wo die Vorhänge bereits fest zugezogen waren. Sie bedeutete Thomas, ihren Arbeitgeber vorsichtig auf dem Bett abzulegen. Dann begann sie damit, sich die Verletzungen des Mannes anzusehen. Sie wusste, was Tageslicht mit Vincent anstellte, aber selbst sie hatte es noch nie so schlimm erlebst. Normalerweise bereitete sich Vincent ausgiebig darauf vor, im Tageslicht zu wandeln, aber das hier... das hier war die schlimmstmögliche Variante. Vincents Haut war knallrot, schälte sich an einigen Stellen ab und an anderen hatte er Brandblasen. An einem Ohr klebte Blut, und auch wenn Nora nicht wusste, woher es stammte, so wusste sie doch, was das bedeutete. Vincents Augen waren auch stark gerötet und sie ging davon aus, dass seine Augäpfel auch nicht besser aussahen.
      "Das wird dauern," schloss Nora kopfschüttelnd, als sie sich wieder erhob und Thomas' Mantel über ihren Unterarm faltete.
      Sie hielt Vincent das Handgelenk an die Stirn und wurde in einer weiteren Annahme bestätigt.
      "Er wird hungrig sein, wenn er aufwacht. Sehr hungrig. Die Verbrennungen durch die Sonne werden ihre Zeit brauchen, um abzuheilen. Sie sind weniger tödlich als eine Silbervergiftung, aber dafür schmerzhafter. dazu die vielen Schnitte... er wird unausstehlich sein."
      Sie seufzte und wandte sich Thomas zu, betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. Ihr Blick blieb an seinen Händen hängen.
      "Gehen Sie sich waschen, ich hole etwas für Ihre Schrammen."
      Und damit ließ sie die beiden Männer allein und verschwand sie aus dem Schlafzimmer.

      Nora kümmerte sich um Thomas' Schrammen, bevor sie sich um alles andere kümmerte. Ein Haus war halb niedergebrannt, das erregte Aufmerksamkeit. Sie handhabte sowohl die Fragen der Feuerwehr, als auch die der Polizei im Alleingang. Sie scheuchte Thomas sogar zurück in die Tiefen des Hauses, als der sich erdreistete, helfen zu wollen.
      "Sie können mir am besten helfen, indem sie den sterbenden Schwan spielen. Hinter den Kulissen," hatte sie gesagt.
      Sie vertröstete alle Außenstehenden damit, dass ihr Arbeitgeber und sein guter Freund Doktor Van Helsing sich erst noch von dem Schock erholen mussten, dass sie selbst verletzt worden waren und ein außenstehender Arzt ihnen beiden Bettruhe verordnet habe. Simon holte den besagten Arzt ab und unterhielt den alten Mann über einer Tasse Tee, damit das Alibi auch stimmte. Außerdem kümmerte sich Doktor Hearne um Esther, die tatsächlich ein bisschen unter Schock stand. Am Abend, kurz vor Sonnenuntergang, füllte sie dann ganz pflichtbewusst zwei Gläser mit Schweineblut, stellte sie auf ein Tablett und brachte es nach oben. Nach einem kurzen Klopfen trat sie ein. Das Tablett landete auf dem Nachttisch neben Vincent, der mittlerweile das von ihr erwartete Fieber entwickelt hatte.
      "Er wird sich weigern," informierte sie Thomas. "Die letzten Nächte fiel es ihm schwer, das Schweineblut drin zu behalten. Mit seinen jetzigen Verletzungen wird er es nicht trinken wollen. Es ist nicht das, wonach es seinen Körper verlangt. Aber wenn er nicht trinkt, wird er auch nicht heilen."
      Liebevoll strich sie Vincent eine Strähne aus der verschwitzten Stirn. Dann wandte sie sich um und ließ die beiden Männer einmal mehr allein. Sie hasste es, Vincent so zu sehen. So schwach und gebrochen.

      Wollte diese Hitze denn kein Ende nehmen?! Vincent rollte sich mit einem Ächzen auf die Seite, vergrub das Gesicht in einem weichen Kissen. Sein ganzer Körper schmerzte. Ein Brennen loderte direkt unter seiner Haut, in seinen Augen. Ihm war so unendlich warm! Was war denn nur los?
      Bilder zuckten durch seinen Verstand, als er langsam wacher wurde. Da war Feuer und Rauch, Thomas, Glasscherben, eine Waffe. Stephen.
      Mit einem Knurren öffnete Vincent die Augen, nur um sie gleich mit einem Zischen wieder zu schließen und sich die Hände gegen die Augen zu pressen.
      "Ich werde ihn töten," grollte das Monster.


    • Die ganze Zeit über ließ Thomas seine wertvolle Fracht nicht eine Sekunde aus den Augen, während er sie und sich selbst in Noras erfahrene Obhut übergab. Die Dunkelheit des Wagens hatte Vincent irgendwann eingeschläfert, aber der Mann war eher kraftlos zusammengesackt, als dass er wirklich ordentlich eingeschlafen wäre. Idiotischerweise hatte Thomas nach seinem Puls zu fühlen versucht und sich schließlich damit zufrieden gegeben, nur seine Stirn und seine Wangen zu befühlen. Es gefiel ihm nicht, wie lange Vincent draußen gewesen war, ganz und gar nicht. Menschenblut hin oder her, selbst der gesündeste Vampir der Welt hatte seine Grenzen.
      Nora machte sich derweil daran, sich sowohl um Vincent zu kümmern, als auch um Thomas' unendlich wachsende Sorge. Der Rücken des Vampirs begann sich bereits abzuschälen und die Augen mussten auch mehr abgekriegt haben, als er vertragen konnte. Er hatte sich noch nicht einmal gegen Stephen behaupten können, so schlimm war es dann schon gewesen - und dann erst noch die Fahrt zurück. Thomas war nervös, während er sich Noras Meinung anhörte.
      "Ich habe Brandsalbe in meiner Praxis, Simon kann sie holen gehen. Es ist zwar keine ordnungsgemäße Verbrennung, aber schaden wird es nicht."
      Mehr durfte er dazu nicht beitragen, denn Nora schickte ihn gleich selbst weg. Bevor er aber ging, um sich den Schmutz des Ereignisses vom Körper zu waschen, drehte er sich noch einmal um.
      "Vielleicht hat er sich auch was gebrochen. Wir sind aus dem Fenster gesprungen, im ersten Stock, aber er hat mich abgefangen. Mir ist nichts aufgefallen, aber das muss nichts heißen."
      Dann ging er, eilig, damit er schnell wieder bei Vincent sein konnte.
      Die nächsten Stunden waren ein reines Chaos in Vincents Anwesen. Die Polizei suchte nach Thomas, der sich wiederum von Nora verstecken lassen musste, Simon machte einen Spagat dabei, ein passendes Alibi aufzustellen und die Brandsalbe zu besorgen, Thomas versuchte gleichermaßen für Esther ein paar beschwichtigende Worte zu finden und sich um Vincents Verletzungen zu kümmern. Der Vampir schlief jetzt, so wie es sein sollte, aber seine Haut wurde keinen Deut besser und er blutete auch - vielleicht von der Kugel, vielleicht von etwas anderem. Obwohl sie längst aus dem brennenden Haus und dem Tageslicht heraus waren, war er noch immer ganz heiß am Körper und schwitzte, auch wenn die Decke größtenteils weg blieb. Dafür brauchte Thomas auch nicht Noras Expertise, er konnte selbst sehen, dass Vincent ein Fieber entwickelte. Also ließ er sich seine Arzneien für Fieber zusammentragen und blieb an seiner Seite, um ihm regelmäßig mit einem feuchten Tuch die Stirn zu kühlen. Vor Sonnenuntergang kam Nora dann mit den beiden Gläsern hoch. Überraschend war, dass es ihm seit Vlad wohl schwer gefallen war, Schweineblut zu trinken. Oder eher, seit er Thomas' Blut gekostet hatte.
      "Ich kann ihn sicher irgendwie überreden", murmelte Thomas, auch wenn ihm klar war, dass es nur eine einzige, aber sehr offensichtliche Alternative für Schweineblut gäbe. Aber es schien ihm nicht richtig, Vincent jetzt trinken zu lassen. So geschwächt wie er war, war er kaum Herr seiner Sinne und Thomas musste es daher für sie beide bleiben - das konnte er nicht, wenn er an Blutverlust litt.
      "Danke Ihnen, Nora. Wirklich."
      Die Frau tätschelte Vincent gar liebevoll, dann ging sie wieder nach draußen und ließ beide alleine. Geplagt von Zweifeln und Sorge setzte Thomas sich ans Kopfende des Bettes und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, während er darauf wartete, dass Vincent aufwachen würde. Er tupfte mit dem Tuch seine Stirn nach und strich über seine Wange, als der Mann erste Regungen von sich gab und schließlich mit einer erschreckend bösartigen Stimme grollte. Thomas beugte sich über ihm und strich ihm durch die Haare.
      "Vincent..."
      Auf seine Drohung wollte er gar nicht eingehen. Es würde ihm nicht gefallen, dass Stephen am Leben und dazu noch unbehelligt war. Da musste er ihn damit nicht noch provozieren.
      "Hey... Kannst du mich ansehen? Vincent?"
      Der Vampir drückte sich die Hände auf die Augen, aber dann, nach einigem guten Zureden, blinzelte er zu Thomas hoch. Seine Augen waren blutunterlaufen, die Pupillen geweitet, die Ränder ganz rot. Thomas sah ihn sich an, so gut es ging, um seine Diagnose zu stellen.
      "Wie fühlst du dich?"
    • Vincent konnte kaum etwas erkennen, als er Thomas wie gefordert ansah. Alles war verschwommen und seine Augen fühlten sich so trocken an, wie seine Kehle.
      "Wie fühlst du dich?"
      Ja, wie fühlte er sich?
      "Als sei ich am helllichten Tag aus dem ersten Stock eines brennenden Gebäudes gesprungen, nur um mich dann von einem Möchtegernjäger verprügeln zu lassen," antwortete Vincent mit kratziger Stimme.
      Er war nicht in der Stimmung, irgendetwas schönzureden oder den Romantiker heraushängen zu lassen. Es war genau das eingetreten, was er befürchtet hatte: Stephen hatte erneut versucht, ihn zu töten. Und jetzt war er es, der den Preis dafür bezahlen musste. Er war fast blind, er konnte sich nicht bewegen, ohne Schmerzen zu haben, und so, wie Thomas' Stimme eben geklungen hatte, war er auf einem Ohr auch noch taub von dem Pistolenschuss, der gleich neben seinem Kopf losgegangen war. Vincent stimmte ausnahmsweise mit dem Monster überein: Er wollte Stephen wehtun.
      Vincent setzte sich auf - wobei er einige Flüche auf französisch zischte. Als er sich an das Kopfteil lehnen wollte, erinnerte ihn seine schmerzende Haut daran, was für eine furchtbare Idee das war. Mit einem Knurren ließ er sich einfach wieder in die Kissen sinken - langsam, vorsichtig.
      "Wenn ich Stephen in die Finger bekomme, schäle ich ihn wie einen Apfel. Dann weiß er, wie sich das anfühlt..." grummelte er. Und dann: "Können wir ein Fenster aufmachen? Mir ist warm..."


    • Thomas schnaubte. Selbst im Angesicht des Todes war Vincents Humor das letzte, was versagte.
      "Berechtigte Antwort, schätze ich."
      Der andere regte sich noch mehr und begann schließlich, sich aufsetzen zu wollen. Dass das eine gänzlich schlechte Idee war, hätte Thomas ihm auch sagen können, bevor er sein Französisch herauspresste, als der Verband, der die Salbe an seinem Rücken hielt, sich von der ein oder anderen Stelle rot färbte.
      "Bleib liegen, Vincent", forderte er, war aber nicht schnell genug, bis der andere sich fast ganz aufgesetzt hatte. Er begriff wohl selbst, dass das nicht funktionieren könnte und so wehrte er sich auch nicht, als Thomas ihn sanft aber bestimmt wieder ins Bett hinab dirigierte. Es schmerzte ihn selbst, Vincent bei solchen Schmerzen zu beobachten, aber umso mehr bemühte er sich, sie so gering wie möglich zu halten.
      Wieder antwortete er auf Stephen nichts, brummte aber knapp, bevor er aufstand und die Vorhänge aufzog, bevor er das Fenster kippte. Nicht mehr, denn wenngleich der Vampir mit dem Fieber geradezu glühte, hieß das nicht, dass er sich nicht auch noch erkälten könnte. Er war sowieso viel zu lang ohne anständige Kleidung in der Kälte gewesen.
      Zurück auf Vincents Bettkante befühlte er wieder seine Stirn.
      "Du hast Fieber entwickelt in den letzten Stunden. Es ist nicht gar so hoch, aber so schnell wie es gekommen ist, müssen wir das ernst nehmen. Deine Rückseite hat sich sehr verbrannt und du hast am einen Ohr eine Wunde. Deine Netzhaut ist beschädigt, an beiden Augen. Ich suche dich gleich nach Brüchen und Prellungen ab, sobald du getrunken hast. Hast du irgendwelche Beschwerden?"
      Während er auf die Antwort wartete, ergriff er schon eins der Gläser vom Nachttisch und hielt es Vincent auffordernd hin.
      "Möchtest du liegen oder sitzen zum trinken?"
    • Thomas ließ das alles so einfach klingen. Als hätte er nichts weiter als ein Papierschnitt erlitten.
      "Ich sehe nichts, ich höre nur die Hälfte, meine Haut ist zu eng und alles steht in Flammen," antwortete Vincent wenig begeistert. "Ansonsten geht's mir blendend."
      Hoffnungsvoll blickte er auf das Glas in Thomas' Hand. Doch dann roch er, was darin war, verzog angeekelt das Gesicht und schob es von sich. Viel lieber vergrub er sein Gesicht wieder in einem der Kissen. Die Folter schien nie enden zu wollen. Erst das Feuer, dann Stephen, jetzt wollte Thomas ihn mit diesem Schund füttern...
      "Nur für's Protokoll: Ich will nicht so gemein zu dir sein," nuschelte er durch den Stoff. "Und normalerweise bin ich auch nicht so erpicht auf Gewalt. Aber jetzt gerade hätte ich gern einen Schädel, den ich zerquetschen kann."
      Alles tat weh. Beim Atmen spannte sich die Haut auf seinem Rücken. Beim Reden schabte die Luft durch seine Kehle wie Schmirgelpapier. Er hatte Kopfschmerzen von seiner schlechten Sicht. Nicht einmal Thomas' Anwesenheit konnte ihm da helfen.


    • Thomas nickte, als wäre das etwas ganz normales, was er von seinen Patienten zu hören bekam, wenn sie von der Sonne verbrannt und aus Häusern gesprungen waren. Klar, er hatte nur Augenlicht verloren, war verbrannt, halb taub, aber mit dem richtigen Blut würde morgen nichts mehr davon übrig bleiben. Wirklich ganz normal.
      Dafür hielt ihm Thomas aber auch das falsche Blut hin.
      "Zum Schädel zerquetschen brauchst du aber Kraft und die bekommst du nur hiervon."
      Er ließ das Blut etwas im Glas schwappen, machte sich aber keine sonderliche Hoffnung, den Mann damit locken zu können. Er hatte sich schon zurück in seine Kissen verkrochen.
      "Vincent..."
      Er tätschelte seine Hüfte vorsichtig durch die niedrige Decke hindurch.
      "Je schneller du trinkst, desto schneller ist es vorbei. Hm?"
      Sanft streichelte er seinen Kopf, während Vincent sich immernoch verkroch.
      "Wenn du nicht gesund wirst - von Schweineblut gesund - kann ich dich auch nicht von mir trinken lassen."
    • "Thomas..."
      Vincent schüttelte leicht den Kopf. Dann rollte er sich herum - seine Bewegungen wieder langsam und vorsichtig, um nichts schlimmer zu machen, als es so wie so schon war - um Thomas ansehen zu können. Zwar sah er eher nur dessen grobe Form, aber das war immerhin etwas.
      "Biete es mir nicht an. Nicht jetzt, nicht für irgendwann. Nicht, wenn ich so... kaputt bin. Führe das Monster nicht noch mehr in Versuchung."
      Er seufzte und ließ seinen verschwommenen Blick auf das Glas sinken. Mit einem leisen Ächzen stemmte er sich auf einen Ellenbogen und nahm Thomas das Glas ab. Der Geruch allein ließ ihn schon beinahe würgen. Er wappnete sich, dann kippte er das Glas herunter, so schnell er konnte. Er hatte kaum genug Zeit, Thomas das Glas wieder in die Hand zu drücken, bevor sein Magen rebellierte. Er vergrub die Finger im Rand der Matratze, versuchte mit aller Macht, sich nicht zu erbrechen. Schmerz explodierte über seinem gesamten Rücken wegen der Anstrengung.
      Schlussendlich beruhigten sich seine Eingeweide wieder und er ließ sich zurück in die Kissen sinken, verschwitzter als vorher.
      "Nicht besonders attraktiv von mir, was?" scherzte er müde.


    • "Es hätte ja vielleicht ein Lichtblick sein können", lächelte Thomas schmal. Zumindest hatte es ja dafür gesorgt, dass Vincent sich endlich mühselig zu ihm herumdrehte.
      Von dort an war es nur noch ein geringerer Schritt, zumindest das Glas an sich zu nehmen. Selbst ohne den Ausdruck purer Abscheu hätte Thomas an dem bleichen Gesicht auch so erkennen können, wie sehr der Mann sich davor drückte, das Blut zu trinken. Nie zuvor war es ein solches Problem gewesen, aber jetzt schien es ein Hindernis darzustellen, für das er kaum stark genug war, um es zu überqueren. Wenn Thomas ihm hätte helfen können, hätte er es getan, aber so konnte er nur das Glas loslassen und dann mitfühlend Vincents Schulter streicheln, während der wohl damit kämpfte, den Inhalt in sich zu behalten. Verschiedenste Ausdrücke seines Schmerzes und inneren Kampfes glitten über sein Gesicht, dann erschlaffte er schließlich. Behutsam tupfte Thomas seine nasse Stirn ab.
      "Also", er stellte das leere Glas ab und nahm gleich das zweite an sich, "ich finde dich ganz sexy, wenn du so verschwitzt bist. Der Look steht dir."
      Er lächelte etwas mehr.
      "Atmen, Vincent. Tief ein und aus, nur aus dem Mund, wenn das hilft. Ganz langsam, wir müssen hier nichts überstürzen. Ein Glas hast du aber noch vor dir."
      Er wusste, dass der Widerstand kommen würde, aber Thomas blieb rigoros.
      "Nur das hier noch, versprochen. Wenn du dich fit genug fühlst, mache ich dir danach einen Drink, wie wäre das?"
    • "Du bist immer noch ein furchtbarer Lügner."
      Lächelnd boxte Vincent Thomas in die Schulter, eine harmlose Geste ohne jede Kraft dahinter. Dann fiel sein Blick auf das zweite Glas. Ein Teil von ihm wollte es nicht. Ein Teil von ihm wollte es hinauszögern. Ein Teil von ihm wollte es einfach nur hinter sich bringen. Wieder seufzte er. Aber jetzt übernahm Vincents Sturheit und so setzte er sich auf - vollständig - und nahm Thomas auch das zweite Glas Schweineblut ab.
      "Ein Drink? Auf leeren Magen? Das klingt aber nicht besonders gesund, Herr Doktor."
      Vincent schwenkte das Glas ein wenig hin und her, dann griff er nach Thomas' Hand, suchte halt in dessen Augen, bevor er auch das zweite Glas herunterkippte. Die Übelkeit rollte sofort über ihn hinweg, ließ seine Muskeln verkrampfen, ließ ihn würgen. Doch Vincent weigerte sich, klein beizugeben und nach einigen Minuten schaffte er es endlich, sich wieder in den Griff zu bekommen.
      "Als ich das gemacht habe, um dein Haus während der Teezeit zu überleben, hat sich das nicht so unangenehm angefühlt," ächzte er und lehnte seine Stirn gegen die von Thomas.
      Mit dem letzten bisschen Konzentration, das er noch aufbringen konnte, befahl er seinem Körper, zu heilen. Wirklich steuern konnte er es nicht, aber konzentrierte sich auf seine Augen in der Hoffnung, dass das irgendetwas brachte. Und er wollte Thomas sehen, klar und deutlich. Er brauchte ihn einfach.


    • "Das richtige Maß an Alkohol kann beruhigend und einschläfernd wirken. Du musst ja nicht so lange trinken, bis du wieder im Bett liegst."
      Vincent brauchte diesmal länger, bis er sich dazu durchgerungen hatte, auch dieses Glas entgegen zu nehmen und Thomas ließ ihre beiden Hände miteinander verschränken, während er rhythmisch mit dem Daumen über Vincents Hand strich. Die rot umlaufenen Augen zuckten, während sie Thomas zu ergreifen versuchten, bevor Vincent auch dieses Glas herunterwürgte. Nachdem er die Übelkeit bekämpft hatte, wobei Thomas ihm wieder beschwichtigend zuredete, öffnete er den freien Arm, um den Mann bei sich zu empfangen, wohlbedacht, seinen Rücken nicht zu berühren. Er küsste seine salzige, verschwitzte Stirn und kraulte ihm durch die Haare.
      "Das mit dem Tee tut mir auch nachträglich leid. Das muss die reine Folter für dich gewesen sein. Ich hätte es mir niemals angemaßt, wenn ich schon von dir gewusst hätte. ... Naja, dann wäre sowieso alles anders geworden."
      Er neigte den Kopf und hob Vincents Kinn etwas an, um ihm in die roten Augen zu sehen.
      "Ich werde nicht zulassen, dass Stephen - oder irgendein anderer Jäger - dir jemals wehtun wird. Stephen lebt noch, aber ich habe ihm recht unmissverständlich gesagt, dass ich ihn umbringen werde, wenn er deinem Revier auch nur zu nahe kommt."
      Traurig strich er über seine Wange.
      "Aber das heute ist meiner Nachlässigkeit geschuldet. Ich bin mit Esther in die Stadt gefahren und habe dich alleine gelassen, das hätte nicht passieren dürfen. Wenn Stephen hinein gelangt wäre, wäre das alles auch anders ausgegangen. Das tut mir wirklich leid, Vincent. Es hätte nicht passieren dürfen und es wird nie wieder passieren."
    • "Ich wollte ihn töten, weißt du?" gab Vincent nur zurück. "Ich hatte ihn. Ich hätte nur zubeißen müssen. Aber ich konnte nicht. Ich weiß nicht, warum, aber ich konnte es nicht."
      Er stand auf, hinderte sich selbst daran, sich zu strecken, wie er es eigentlich wollte, und schlurfte hinüber zum Sessel, um sich seine Robe überzuziehen. Die Bewegungen seiner Arme waren vorsichtig angesichts der Verbrennungen auf seinem Rücken, die ihn bei jeder Gelegenheit an ihre eigene Existenz erinnerten. Seine Sicht war gut genug, um ihm den Weg dorthin zu ermöglichen, den Fuß stieß er sich aber trotzdem an. Und sein Gleichgewicht zu finden war auch schwieriger, mit nur einem funktionierenden Ohr. Er rieb sich besagtes Ohr, als würde das irgendetwas nützen.
      "Sehen wir die ganze Sache positiv: Jetzt kannst du dir in Echtzeit die Heilungskräfte eines Vampirs angucken. Und jetzt hilfst du mir dabei, in meinen Salon zu kommen, ohne dass ich die Treppe runterfalle. Da kannst du mir dann den Drink servieren, den du mir eben noch so großzügig versprochen hast. Es sei denn, du willst mir weiter dabei zuhören, wie ich mich über meinen Zustand beschwere."


    • "Ich weiß", murmelte Thomas nur zur Antwort, denn das wusste er wirklich. Er hatte die hellen Augen von Vincent gesehen, die ausgeprägten Zähne, die nur darauf warteten, sich in menschliches Fleisch zu graben, ja selbst die instinktiven Bewegungen, als er sich am Baum zusammengekauert hatte. Es hätte eigentlich gar nicht möglich sein dürfen, dass er sich in einem solchen Zustand zurückhalten konnte, aber er hatte es doch getan. Er hatte bewiesen, was er Thomas ständig zu beweisen versuchte.
      "Deswegen vertraue ich dir auch."
      Er rückte ein Stück ab, damit der Mann genug Platz zum Aufstehen hatte und war dann zur Stelle, um seinem taumelnden Freund beim Ankleiden behilflich zu sein.
      "Der Verband bleibt genau da, wo er ist. Du bist kein Versuchsobjekt, das ich mir anschauen möchte. Heil dich gut, damit dein Fieber nicht schlimmer wird, sonst muss ich dir Bettruhe verschreiben."
      Die Robe saß ganz locker, damit sie nicht so eng am Rücken anlag, und kurzerhand packte Thomas sich die Decke noch über die Schulter. Er bot Vincent seinen Arm an, der sich bei ihm unterhakte und ganz brav die Treppe herunterführen ließ. Weil der Mann trotz allem noch recht unsicher auf den Beinen waren, steuerten sie gleich den Salon an und Vincent ließ sich auf das Sofa sinken, während Thomas bereits die Decke über seinem Schoß ausbreitete. Er ging zur kleinen Anrichte, bot ihm mehrere Optionen an und mixte ihm dann einen Drink, von dem er wusste, dass er ihn nicht gleich umbringen würde. Damit bewaffnet kam er wieder und ließ sich zu Vincent auf das Sofa sinken.
      "Ich werde morgen zur Polizei gehen müssen, sie waren heute hier. Die Schüsse wird man auch gehört haben, Stephen hat einmal abgeschossen und ich einmal. Ich hatte gehofft, das ganze Chaos würde vorbei sein, aber das ist es ja doch nie."
    • Vincent hasste es, sich so umsorgen lassen zu müssen. Er war derjenige, der das normalerweise veranlasste! Aber welche Wahl hatte er schon, halb blind, halb taub wie er war?
      "Du gehst nirgendwo hin, Thomas. Hast du vergessen, was das letzte Mal passiert ist, als die Polizei Kontakt mit uns hatte?"
      Vincent grinste verschlagen und nippte an seinem Drink, der erheblich weniger Umdrehungen hatte, als er es sich gewünscht hätte. Es richtete beinahe gar nichts gegen den furchtbaren Nachgeschmack von Schweineblut aus.
      "Und dieses Mal ist Lord Harker selbst betroffen, nicht nur sein guter Freund. Nein, die Polizei kommt schön hier her und kriecht zu Kreuze dafür, dass sie die eskalierende Gewalt in dieser Stadt immer noch nicht in den Griff bekommen haben."
      Er schwenkte seinen Drink im Glas ein wenig hin und her.
      "Ich werde Stephen beschuldigen," sagte er dann mit weit weniger Spaß in der Stimme. "Ich weiß ihr ward Freunde, aber Thomas... Stephen ist gefährlich. Nicht nur ist er bereit, bei der kleinsten Vermutung Leute als Vampire abzustempeln. Er ist auch bereit, zivile Opfer hinzunehmen, ohne mit der Wimper zu zucken. Du hast ihm damit gedroht, ihn umzubringen, wenn er mir noch einmal zu nahe kommt. Ich werde ihn umbringen, wenn ich ihn noch einmal zu Gesicht bekomme. Aber wie viele Menschen werden sterben, wenn er sich von uns fernhält?"
      Vincent schüttelte den Kopf.
      "Ich werde ihn wegen meiner Verletzungen anzeigen. Es obliegt dir, ihn wegen der Brandstiftung zu belangen."
      Er seufzte und leerte seinen Drink in einem schnellen Zug.
      "Darüber hinaus habe ich Dominic eingeladen. Der dürfte hier auch irgendwann in den kommenden Nächten auftauchen. Nur als kleine Vorwarnung. Wie du bereits sagtest: das Chaos ist nie vorbei."


    • Thomas konnte sich ein Seufzen nicht verkneifen bei der Aussicht, dass die Polizei hier ein weiteres Mal aufkreuzen würde. Der arme Henry, diesmal zurecht. Beim letzten Mal war es Thomas' eigenes Versäumnis gewesen, das ihn in die Schusslinie der Polizisten gebracht hatte, dieses Mal hätte er keine Probleme, einfach die Wahrheit zu sagen.
      Nunja, nicht die ganze Wahrheit. Als Vincent nämlich davon sprach, Stephen anzuzeigen, wurde er auf unangenehme Weise hellhörig.
      "Das halte ich für eine wirklich schlechte Idee, Vincent. Stephen hat das Geld und den Einfluss, um sich genug Anwälte zu besorgen, um gegen deine Anzeige vorzugehen. Wenn ein Richter ihn befragt, weshalb er überhaupt hier war, kann er ganz wahrheitsgemäß sagen, dass er Darcy abgeholt hat. Den Beweis hat er in ihrem Brief, den sie ihm zukommen gelassen hat. Und weshalb holt er sie hier ab? Weil sie entführt wurde - in dein Anwesen. Das mag den versuchten Mord nicht aushebeln, aber es bringt die ganze Angelegenheit mit Vlad an die Öffentlichkeit. Wer wird uns denn glauben, dass ein Vampir hinter all dem steckt, der jetzt auch noch tot ist, wenn Aussage gegen Aussage steht? Zu wem wird Darcy wohl eher halten, zu ihrem Bruder oder ihrem Ex-Freund, der sie betrogen hat?"
      Er wich Vincents Blick aus.
      "... Außerdem habe ich vielleicht zu viel gesagt. Ich habe ihm gesagt, dass ich dich liebe. Wenn er mit seinem Einfluss damit an die Presse geht, bin ich ruiniert. Niemand will sich von einem schwulen Arzt behandeln lassen."
    • Vincent ergriff Thomas' Hand.
      "Lord Harker, schon vergessen?" sagte er schlicht. "Wenn ich mein gesamtes Gewicht in den Ring werfe, dann hat Stephen keine Chance, egal wie viel Geld er meint zu haben."
      Er seufzte.
      "Aber wenn dir dieses Risiko zu groß ist, dann habe ich nichts gesehen. Ich kann mich so wie so nur an Fetzen erinnern. Vielleicht stand ich einfach nur unter Schock von meinen Verbrennungen, und mein verstand war vernebelt von dem vielen Rauch. Die Leute kennen mich als Langschläfer, niemand wird sich wundern, dass ich noch im Bett war, als du beschlossen hast, in die Stadt zu fahren. Ich bin bei dir geblieben, weil ich dir und deinem frisch gebrochenem Herzen als Freund Gesellschaftleisten wollte, und dann habe ich - auch ganz meinem Ruf entsprechend - vielleicht ein bisschen zu tief ins Glas geguckt."
      Er zuckte mit den Schultern, worüber sich sein Rücken selbstverständlich sofort beschwerte. Er lehnte seinen Kopf gegen Thomas' Schulter - and der Rückenlehne konnte er sich ja schlecht ausruhen - und verschränkte ihrer beider Finger miteinander.
      "Wir schaffen das schon. Tun wir doch immer," versicherte er seinem Liebsten.
      Kurz darauf öffneten sich die Schiebetüren zum Salon und Nora brachte ein Abendessen auf einem Tablett vorbei. Sie ließ es sich kaum ansehen, aber sie war erleichtert, Vincent bei Verstand zu sehen. Auf dem Tablett war aber nicht nur das Abendessen für zwei, sondern auch alles, was Thomas so brauchte, um Vincents Brandwunden zu versorgen.
      "Kümmern Sie sich um unseren Fackelläufer," meinte Nora als sie wieder ging, was Vincent zum kichern brachte.


    • Selbst wenn Vincent den Prozess gewinnen würde, woran Thomas gar nicht erst versuchte zu zweifeln, würde das alles an die Öffentlichkeit kommen. Und auch wenn es Vincent nicht interessieren mochte, würde es doch unweigerlich auch seinen Ruf beschmutzen. Er hielt ihn zwar nicht unbedingt aufrecht mit seinem wenigen Auftreten, aber es musste doch auch nicht bekannt werden, dass Vincent an einer Entführung teilgenommen hatte. Das wäre fast noch schwieriger zu verkraften, als dass die Öffentlichkeit lernte, welche sexuelle Vorliebe Thomas hatte.
      Daher war er auch ein wenig erleichtert, als Vincent doch noch nachgab.
      "Ich danke dir. Es ist besser, nichts zu tun. Wir lassen die Brooks in Manchester und werden die Stadt einfach meiden."
      Nicht, dass er sowieso oft hinüber gefahren wäre.
      Ein wenig entspannter verschränkte er die Finger mit Vincents und küsste seinen Handrücken.
      "Tun wir immer."
      Darauf kam Nora herein mit Thomas' Abendessen - er hätte es selbst gänzlich vergessen - und mehr Salben für Vincent. Thomas nahm die Aufforderung entgegen und wies Vincent gleich an, nach vorne zu rutschten, damit er ihm den Verband entfernen könnte. Danach würde er sich hinlegen und sich von Thomas pflegen lassen, bis er es als genug für die Nacht befand.

      Irgendwann gingen sie zurück ins Bett, aber Thomas schlief kaum und obwohl er sich schlafend stellte, musste Vincent das wohl wissen. Der Mann schlief bei Sonnenaufgang selbst wieder ein und so stand Thomas ein bisschen später auf, ging hinab und verabschiedete sich bei Nora, nachdem er sich den Schaden ansehen wollte. Sie bot ihm an, dass Simon mitkommen könnte, aber Thomas missverstand das Angebot dazu, dass der jüngere Mann ihm Sicherheit bieten könnte. Er konnte gut auf sich selbst aufpassen. Daher lehnte er ab und fuhr hinüber.
      Nachdem die Feuerwehr das Feuer gelöscht hatte, war noch ein Haufen übrig - aber Gebäude ließ der Schutt sich nicht mehr nennen. Das Feuer hatte das gesamte Erdgeschoss ergriffen, angefangen beim stützenden Treppenhaus, dessen Kern irgendwann zusammengefallen war und die Mitte des Hauses mit sich gerissen hatte. Die rechte Wand war unter dem zusätzlichen Druck weggebrochen und nur die linke stand noch, aber dort war das Dach eingebrochen und füllte den Raum, der noch vor zwei Tagen mal ein Wohnzimmer gewesen war. Alles in allem war das Haus nichts weiter als eine Ruine.
      Der Bereich war zwar abgesperrt, aber so früh am Morgen war noch keiner da, als Thomas die Absperrung durchquerte und sich mit einigem Abstand der Tür näherte. Der Flur dahinter war unter dem eingebrochenen Fußboden des Obergeschoss verschwunden und versperrte gänzlich den Eingang. Die Küche im hinteren Teil hatte überhaupt keine Wände mehr und lag frei. Alles weitere hatte wohl einen ähnlichen Schaden.
      Während Thomas sich die Ruine so besah, begriff er irgendwann erst, was das wirklich bedeutete. Sein Haus war fort, es war nicht mehr zu retten. Was auch immer er drinnen gehabt hatte, war entweder dem Feuer oder dem Schutt zum Opfer gefallen. Es bestand eine rege Hoffnung, dass der Keller instand geblieben war, wenn das Geröll nicht durch die Tür gebrochen war.
      Er war jetzt obdachlos, vom einen auf den anderen Moment. Erst hatte er noch alles, was er sich hätte wünschen können, dann war nichts mehr übrig. Eine Kutsche blieb ihm und die Kleidung, die er am Leib trug. Nicht einmal seinen Arztkoffer hatte er gerettet, der dort drinnen irgendwo vergraben sein musste.
      Das fühlte sich merkwürdig leer an. Erst hatte er Beth verloren, den letzten Bezug zu seiner Familie, und jetzt auch noch das Haus. Von den van Helsings war für Thomas jetzt nichts mehr da.
      Er starrte noch eine ganze Weile lang auf die Verwüstung, dann ging er zum ehemaligen Wohnzimmer hinüber, lehnte sich durchs Fenster - und entdeckte einen Fetzen knallgelben Stoffes. Er war eingeklemmt unter den Bruchstücken des Daches und die untere Hälfte des Vorhangs war dem Feuer zum Opfer gefallen, aber der Einsturz musste den oberen Teil davor bewahrt haben, auch noch Feuer zu fangen. Er war ein bisschen rußig, aber noch im ganzen Stück.
      Was Thomas tat, war vermutlich eine riesengroße Dummheit, aber er kletterte auf das Fensterbrett des Fensters, hielt sich an ein paar Wandbröcken fest und streckte sich, um den Fetzen von seiner Halterung zu reißen. Er bekam ihn zu fassen, zog ihn zu sich, trennte den verbrannten Teil des Vorhangs noch vom unverbrannten und stieg dann wieder vom Fensterbrett hinunter. In seiner Hand hielt er einen etwa handgroßen, gelben Teil des Vorhangs.
      Er sah ihn einen langen Moment an, dann faltete er ihn ordentlich und steckte ihn in seine Tasche. Damit zog er ab, als wäre es das letzte Stück gewesen, das er noch gebraucht hätte.

      "Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich ein paar Tage bleibe? Bis ich weiß, was ich tun soll."
      Thomas stand so unbeholfen in Noras Küche, als wäre es das erste Mal, das er überhaupt Vincents Anwesen betreten hatte. Jetzt war es aber auch irgendwie das erste Mal, denn im Vergleich zu vorher hatte er jetzt kein Zuhause mehr, in das er einfach hätte gehen können, wenn er hier nicht mehr erwünscht wäre. Er war vollständig auf Noras und Vincents Güte angewiesen.
      "Ich mache Ihnen sicher keine Umstände."
    • Vincent würde es niemals zugeben, aber er war froh, als Thomas damit fertig war, ihn in eine Mumie zu verwandeln, und er sich einfach wieder hinlegen konnte. Jetzt noch ein gutes Buch under Abend wäre beinahe perfekt. Nur, dass man dafür funktionierende Augen brauchte!
      Vincents Laune besserte sich nicht unbedingt im Laufe der Nacht. Er konnte sich kaum bewegen und seiner liebsten Beschäftigung konnte er auch nicht nachgehen. Stattdessen war er in seinem eigenen Körper gefangen. Das konnte auch noch so gut aussehende Gesellschaft nicht wieder gut machen. Er sehnte sich den Sonnenaufgang praktisch herbei, nur um nicht aktiv irgendwo herumliegen zu müssen, sondern das ganze passiv tun zu können.

      Nora stemmte die Hände in die Hüften, einen Lappen in der einen.
      "Wo ist nur Ihr Rückgrat geblieben, Mann?"
      Sie schüttelte den Kopf und wandte sich gleich wieder ihrer Arbeit zu: Rußflecken aus einem Kleid waschen; wahrscheinlich Esthers von letzter Nacht. Sie hatte der jungen Frau frei gegeben, nachdem Doktor Hearne ihr Ruhe verordnet hatte.
      "Sie machen mir die ganze Zeit Umstände, genauso wie Vincent es tut," fuhr Nora fort. "Habe ich mich je darüber beschwert? Nein. Sie werden hier bleiben und Leibarzt für Vincent spielen. Sie werden Ihre Angelegenheiten vor Ort regeln. Und dann werden Sie mit uns zurück nach Harker Heights kommen. Vincent wird Ihnen das anbieten oder einfach davon ausgehen, dass Sie es tun. Und wir beide wissen, dass Sie Ja sagen werden, ohne auch nur groß darüber nachzudenken. Denn Sie, Herr Doktor, würden Vincent bis ans Ende der Welt folgen."
      Sie hielt das nasse Kleid in die Höhe und betrachtete ihre Arbeit. Als sie keine weiteren Rußflecken mehr feststellen konnte, nickte sie zufrieden und wrang den Stoff aus, bevor sie ihn in einen Korb warf, um das Kleidungsstück gleich zum Trocknen aufzuhängen. Sie wandte sich Thomas erneut zu, die Augenbrauen erhoben.
      "Liege ich falsch mit meinen Aussagen?" fragte sie geradezu herausfordernd.


    • Thomas konnte sich gegen blutrünstige Monster behaupten, ohne mit der Wimper zu zucken. Er konnte einem anderen Jäger die Pistole ins Gesicht drücken und ihm sehr eindringlich vermitteln, wie er ihn umzubringen gedachte, ohne daran zu vergehen.
      Was Thomas aber nicht schaffte, egal wie sehr er es auch versuchte, war Nora gegenüberzutreten. Die Frau hatte einfach etwas einschüchterndes an sich, gegen das er nicht ankam. In ihrer Gegenwart fühlte er sich stets, als wäre er ein Kind, das Rüge von seiner Mutter bekam. Da half es auch nicht, dass sie zu seinen Gunsten war.
      Nein, Nora. Natürlich haben Sie recht.
      Ein bisschen schmollte er darüber, wie schnell sie ihn wieder zurechtgerückt hatte. Aber als er sich wieder von ihr verabschiedete, war er auch erleichtert. Immerhin musste er für die nächsten Tage nicht darüber nachdenken, ob er für die Zeit woanders unterkommen musste.

      Er untersuchte Vincents Verbrennungen, während der Mann noch schlief, um ihn zu schonen, wechselte seinen Verband und verabreichte ihm Augentropfen. Der Mann regte sich zwar leicht, als Thomas ihm behutsam die Augenlider aufhielt, aber er schlief gleich weiter, als er ihm beruhigend über den Kopf strich. Er untersuchte auch seine Ohren, nur um sicher zu gehen.
      Am Nachmittag versuchte es die Polizei noch einmal und wurde wieder abgewiesen. Sie würden sich wohl nicht ewig warten lassen, aber zumindest bis es Vincent besser ging.
      Am Abend übernahm Thomas dann die Aufgabe, ihn wieder zu wecken, als hätte er das die letzten Wochen nicht schon getan. Er kam mit zwei Gläsern Schweineblut und beugte sich über Vincent, um ihn ins Wachsein zu locken.
      Liebling, Abendessen.
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