[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Vincent griff instinktiv nach dem Buch. Weniger, weil es von Thomas kam - Thomas, der ihm so nahe war, dass der Duft von Zimt und Desinfektionsmittel beinahe überwältigend stark war - sondern weil es ein Buch auf seinem Schreibtisch war. Ein Buch unter vielen, aber vielleicht barg es ja die Antworten auf seine Fragen?
      Als Vincents Verstand begriff, was er da eigentlich in der Hand hatte, war er überraschenderweise enttäuscht. Nicht unbedingt, weil dieses Buch eben nicht die Antworten hatte, die er suchte, sondern weil Thomas ihm etwas zurückgab, was eigentlich ein Geschenk gewesen war. Damit waren dann wohl alle Verbindungen gekappt...
      "Fremdkörper..?" murmelte Vincent, seine Augen huschten über die Seite, die Diagramme.
      Medizin war nie eines der Themen gewesen, für die er sich wirklich interessiert hatte. Sein eigener Körper heilte in Windeseile - normalerweise - und sein Blut reichte aus, um alle anderen Probleme zu lösen, die seine Belegschaft haben konnte, die über das Wissen der gegenwärtigen Ärzte hinausging.
      "Silber... entfernen?"
      Seine Gedanken waren zu langsam für Thomas' Erklärung. Vincent musste sich durch einen dichten Nebel an Unverständnis kämpfen, bevor die Worte wirkliche Bedeutung erhielten.
      Er drehte sich auf seinem unbequemen Holzhocker um, das Buch in seinen Händen, und starrte Thomas an.
      "Kommt ein Arzt in den Keller eines Vampirs und sagt, er kann ihn heilen," flüsterte er.
      Thomas sah furchtbar aus, vollkommen übermüdet und keineswegs wie ein zuverlässiger Arzt, dem man sein Leben anvertrauen würde. Und doch war da dieses warme Gefühl in Vincent, ein Gefühl der Vertrautheit. Ein Gefühl des Vertrauens.
      "Deine Absichten sind wie immer nobel, Thomas," es fühlte sich seltsam an, diesen Namen auszusprechen, "Aber ich glaube, ich bin jenseits aller Heilung."
      Er drehte sich ein bisschen weiter, wandte sich nun vollständig Thomas zu. Sein Hemd war offen und er musste es nur ein bisschen zur Seite bewegen, um das wahre Ausmaß seiner Vergiftung zu offenbaren: dunkle Linien hatten sich um die ursprüngliche Einstichstelle gebildet. Sie zogen sich dicht unter Vincents Haut entlang, spannten sich bis zum Bund seiner Hose und bis hinauf zu seiner Schulter, krochen langsam aber sicher über seine Brust in Richtung des zu langsam schlagenden Herzens. Die Adern waren eine visuelle Darstellung von dem Zerfall, der Vincent heimsuchte.
      "Es steht dir natürlich frei, mich in Scheiben zu schneiden und für die Wissenschaft zu benutzen. Dann habe ich wenigstens etwas geleistet," lächelte Vincent, auch wenn an dieser Situation absolut nichts lustig war.
      Er würde sterben. Damit hatte er sich vor einer Ewigkeit in seinem Salon abgefunden. An dem gleichen Tag hatte er sich damit abgefunden, allein zu sterben. Er wollte nicht einmal Nora in seinen letzten Moment bei sich wissen. Vielleicht schloss er sich selbst deswegen hier unten weg.
      Vincent arrangierte sein Hemd neu, verbarg seine Verletzung wieder und wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. Thomas anzusehen war Balsam für seine unmenschliche Seele, aber zeitgleich brannte es schlimmer als jedes Silber. Dass der Mann ihn retten wollte war noch nicht ganz in seinem Kopf angekommen.


    • Schließlich war es soweit und es geschah das unausweichliche, dass Vincent sich zu ihm umdrehte.
      Thomas' Herz wusste nicht, wie es zu schlagen hatte. Hier hatte er den Mann vor sich, mit dem er die letzten Wochen seine liebste Zeit verbracht hatte, den er kannte, dessen Körper er kennengelernt hatte, den er liebte. Den er geküsst hatte, mit dem er geschlafen hatte, mit dem er sein Leben geteilt hatte. Und hier war gleichzeitig ein völlig fremder Mann, eine unberechenbare Naturgewalt, die ihm und allen seinen Mitmenschen eine tödliche Gefahr war. Er wollte fliehen und er wollte kämpfen und letzten Endes schmerzte es ihn am meisten, gleichzeitig gar nichts zu wollen.
      Er starrte den Mann an, von dem er für einen Moment glaubte, dass er einen Einblick in seine Seele erhascht hatte. Vincent kann Gedanken lesen, erinnerte er sich und verspürte für einen Moment das Bedürfnis dazu, den Witz aufrecht zu erhalten. Letzten Endes blieb er aber doch stumm und sah dabei zu, wie Vincent sich weiter zu ihm drehte.
      Dunkle Linien zogen sich über den ihm bekannten Oberkörper hindurch, über den straffen Bauch, den Brustkörper, hinauf zu den schmalen Schultern und hinunter zu den langen Beinen. Der Jäger in ihm freute sich, der Arzt war fasziniert von dem Anblick, Thomas selbst wollte Vincent in den Arm nehmen und seinen Körper so wiederherstellen, wie er immer gewesen war: Stark und weich und ein Ort, an den er sich schmiegen konnte.
      Er schluckte seine trockene Kehle hinunter.
      Vincent lächelte, dann wandte er sich wieder ab und überließ Thomas die Aussicht auf seinen zerknitterten Rücken und die Erinnerung an schwarze Linien. Er starrte viele Sekunden lang, dann kam er zurück zu Vincent, stellte sich wieder neben ihn, griff in die Rückseite seines Hosenbunds. Er zog sein Jagdmesser hervor, das er immer bei sich trug, das einen eleganten, ledernen Griff hatte und eine leicht geschwungene, silberne Klinge. Er legte es vor Vincents Nase auf eines seiner Bücher, dann ging er zurück zu seiner Tasche, öffnete seinen Arztkoffer, kramte damit herum und kam mit einer handvoll Instrumente wieder, die er ebenfalls auf den Tisch legte - allesamt aus reinem Silber. Er griff sich in die Hosentasche, holte das silberne Kruzifix hervor, legte es auf den Haufen. Er griff in die andere Hosentasche, zog sein Portemonnaie hervor, schüttelte sämtliche Silbermünzen auf seine Handfläche und legte sie ab. Dann löste er die silbernen Manschettenknöpfe seines Anzugs und ließ sie ebenfalls auf den Haufen fallen. Es klimperte leise, als das Silber aneinanderstieß.
      "Das ist alles Silber, was ich bei mir trage."
      Er deutete auf eines der ärztlichen Instrumente, die im Zweifel durchaus ebenso als Waffe zu benutzen waren.
      "Wenn ich wollte, dass du an Silber stirbst, hätte ich keine Bücher gelesen. Vincent."
      Er ging wieder zurück, stellte die vorherige Distanz zwischen ihnen wieder her, nachdem er nicht glaubte, dass die Nähe ihnen beiden gut tun würde.
      "Ich sage nicht, dass es funktioniert, es ist eine Möglichkeit. Was das Silber betrifft, wirst du allerdings keinen besseren Experten finden als mich. Es wird dich nicht umbringen, solange es nicht dein Herz erreicht und solange es das nicht hat, kann man die Zellgeneration unterbinden. Wenn ich mir dieser Sache nicht sicher wäre, hätte ich eins dieser Sachen auf deinem Tisch verwendet und dir keinen Vortrag darüber gehalten, was Zellen können und was sie nicht können."
    • Vincent starrte den Haufen an Silber an, der sich da vor ihm aufgetürmt hatte. Er konnte ihn nicht einmal von seiner Arbeitsfläche wischen, ohne sich zu verbrennen als fasse er in einen brennenden Kamin. Er konnte nichts tun, als hier zu sitzen und das Silber anzustarren.
      "Du meinst das wirklich ernst, oder?" wisperte er.
      Wieder wandte er sich zu Thomas um, nahm sich diesmal wirklich Zeit, ihn anzusehen. Schlaflose Nächte zeichneten sich im Gesicht des Mannes ab, seine verspannten Muskeln deuteten auf eine lange, ungemütliche Reise hin, die angespannte Haltung verriet ihm die Anwesenheit des Jägers, der besorgte Blick die des Arztes. Aber all das verriet ihm noch etwas ganz anderes: Dieser Mann meinte seine Worte ernst und es waren weder die Worte des Arztes, der einen Patienten heilen wollte, noch die Worte des Jägers, der einen Vampir langsam umbringen wollte. Das waren die Worte eines Mannes, der seinem Freund helfen wollte. Die Worte eines Mannes, der seine...
      "In Ordnung."
      Vincent nickte, mehr um sich selbst von seiner Antwort zu überzeugen als Thomas.
      "Dann machen wir das wohl."
      Mit einem Seufzen stand er auf, auch wenn er dieser Tage nicht besonders gut zu Fuß war.
      "Was brauchst du, um das durchzuziehen?"


    • Vincent drehte sich wieder zu ihm um und was wirkte wie ein Moment, in denen sie beide erst begriffen, worauf diese ganze Situation hinaus lief, hing für einen Augenblick schwer zwischen ihnen. Thomas ließ sich betrachten und musterte im Gegenzug Vincents bekannte Gestalt, das Gesicht, das er so gerne lächeln sah, die Lippen, die er so gerne küsste. Als der Mann aufstand, wirkte selbst sein Gang wackelig, als würde er jeden Moment den Willen dazu aufgeben, weiterzulaufen. Diesmal wusste Thomas' Herz, wie es schlagen sollte, und das war aus Mitleid.
      "Ich brauche ein Messer und ein Feuer. Und einen Assistenten."

      Sie trafen sich mit Nora, nachdem Thomas darauf beharrte, die Sache nicht allein durchzuziehen. "Zu deinem eigenen Wohl", betonte er, aber letzten Endes war es auch zu seinem eigenen, denn im Zweifel könnte er vielleicht Nora damit beauftragen, die Sache zu Ende zu bringen. Er wusste zwar nicht, wann er sich dafür entschieden hatte, in diesem Haus keinen Vampir umzubringen, aber anscheinend war das nun zu seinem festen Leitsatz geworden.
      Sie versammelten sich wie zur Kriegsbesprechung, während Thomas sich größte Mühe gab, die Situation für Laien zu erklären.
      "Das Messer hat die Verbindung des Gewebes zerstört, es hat es aber nicht entfernt. Die vollständige Oberfläche des Silbers kam mit dem umliegenden Gewebe in Berührung und eben diese Zellen haben sich dann regeneriert, um die Wunde zu schließen, und damit den Silber-Fremdkörper weitergetragen. Damit konnte er sich verbreiten und mit der Zeit auch gesunde Zellen angreifen, da wir ja schließlich alle wissen, dass ein vampirischer Körper keine gesunden Abwehrmechanismen gegen Silber besitzt.
      Ich gebe zu, dass es eine schlechte Aussicht ist, wie sehr es sich schon ausgebreitet hat, aber sobald der Ursprung eliminiert ist, wird sich auch der Rest weniger schnell verbreiten und das kann man dann durch lösende Mittel nach und nach vertreiben. Einfach gesagt, plane ich das betroffene Gewebe zu entfernen."
      Er ließ die Worte für einen Moment sacken, damit keinem im Raum die Wichtigkeit seiner folgenden Worte entgehen würde.
      "Da es keine oberflächliche Infektion ist, kann ich es auch nicht herausschneiden, nicht, ohne dabei lebensgefährliche Risiken einzugehen. Der Schnitt liegt sowieso schon nah am Magen und ich kann an der Stelle nur betonen, was für ein Glück es war, dass keine Organe getroffen wurden. Dann würde ich jetzt nicht hier sitzen, sondern einen Totenschein schreiben.
      Ich plane daher, die Wunde gemäß dem ersten Einstich zu öffnen und auszubrennen. Das tötet die Zellen ab und wird im Anschluss vom Körper abgestoßen. Das sieht in etwa so aus, dass ich im ersten Schritt die Wunde durch ein Messer öffne, wie schon beim ursprünglichen Angriff, und dann ein glühendes Messer einführe."
      Er sah zwischen beiden hin und her, letztlich fiel sein Blick auf Vincent.
      "Einem Menschen wäre das lebensgefährlich, einem Vampir nicht - in deinem Zustand aber vielleicht schon. Du musst vorher genug Blut trinken, ich empfehle sogar mehr als normal. Außerdem... außerdem weiß ich nicht, ob dein Körper Betäubungsmittel verträgt. Im schlimmsten Fall wirst du es spüren. Alles davon."
      Ein Blick huschte zu Nora, dann strich er sich über das Jackett.
      "Wir bräuchten dafür einen Tisch, möglichst robust, möglichst einen, der Blut verträgt, und ein Bett in der Nähe, damit du dich dann hinlegen kannst. Ich brauche am besten vier gleich große Messer, mindestens brauche ich allerdings zwei. Eins benutze ich für den Einstich, die anderen sollen derweil im Kamin erhitzen. Außerdem brauche ich Ketten, um dich an den Tisch zu binden. Falls du es wirklich spüren wirst, wird keiner von uns deinen Körper aufhalten können, wenn er ausbrechen will. Der erste Stich sollte noch machbar sein, aber ich muss die Wunde lange genug ausbrennen um sicherzustellen, dass auch alle infizierten Zellen absterben. 30 Sekunden schätze ich. Vielleicht auch eine ganze Minute. Danach lässt sich das verbrannte Fleisch lösen und entfernen, dann ist es vorbei."
    • Den Rest seines Hauses zu sehen, fühlte sich beinahe genauso seltsam an, wie nach einer halben Ewigkeit wieder zu sprechen. Vincent hatte völlig vergessen, wie groß sein Haus war, bis er aus dem Keller trat.
      Sie fanden Nora in der Küche und setzten sich mit ihr in den Frühstücksraum, um ihr Vorgehen zu erklären. Oder besser, wo Vincent und Nora Thomas dabei zuhörten, wie er plante, Vincents das Leben zu retten.
      Es klang brutal. Brutal genug, um Nora dazu zu veranlassen, Vincents kalte Hand zu ergreifen und sich an ihm festzuhalten. Vincent schloss seine Finger um ihre, um sie zu beruhigen. Auch er hatte selten etwas so brutales durchgemacht - aber leider war das nicht seiner Tanz mit solchen Ereignissen. Allerdings war es das erste Mal, dass er so etwas zum Wohle seiner Gesundheit anstellte. Normalerweise war das Gegenteil der Fall, wenn man ihn an einen Tisch gekettet hatte.
      Er nickte, als Thomas seinen kleinen Vortrag beendet hatte.
      "Das wird in deinen Ohren jetzt vielleicht seltsam klingen, aber: Das haben wir alles da und bereit. Frag bitte nicht, warum. Wenn ich das hier überstehe, verrate ich es dir. Wenn nicht... dann ist es sowie so überflüssig."
      Vincent drückte sich mit Hilfe des Tisches hoch, als er aufstand. Er fühlte jedes einzelne seiner fast vierhundert Jahre in diesem Moment.
      "Betäubungsmittel werden nicht wirken," sagte er, als Nora aufstand, um ihm das Blut zu holen, das Thomas ihm empfohlen hatte. "Mein Metabolismus ist zu langsam, um es korrekt zu verarbeiten. Es tagsüber zu machen ist auch keine Option, damit würdest du nur dafür sorgen, dass ich keine Kontrolle über das habe, was ich tun werde. Mich bei Bewusstsein zu halten dürfte unsere beste Option sein."
      Er seufzte. Die Aussicht auf eine weitere Runde in diesem speziellen Raum in seinem Keller, gefiel ihm gar nicht. Aber es musste sein, wenn er seinen Plan umsetzen wollte. Und vielleicht, ganz vielleicht, konnte er Thomas doch für sich und seine Pläne gewinnen.
      Als Nora mit einem ganzen Krug voller Schweineblut hereinkam, verzog Vincent das Gesicht. Ein Glas immer mal wieder war ja schon ein Angriff auf seine Geschmacknerven, aber ein ganzer Liter...
      "Ich schätze, wir werden herausfinden, ob ein Vampir sich überfressen und erbrechen kann..." kommentierte er, als er das erste Glas in die Hand nahm.
      Er betrachtete die rote Flüssigkeit kurz, dann kippte er sie in einem Zug hinunter. Nora füllte ihm sofort nach. Vor anderen zu trinken war eine Erfahrung, die Vincent nur ungern machte. Er hatte kein Problem damit, wenn Nora ihm zusah, aber Thomas... obwohl der Mann jetzt um seine wahre Natur wusste, wollte Vincent die damit verbundenen Eigenheiten noch immer vor ihm verbergen, so gut es ging.
      Nach dem ersten halben Liter musste er eine kurze Pause einlegen und sich sammeln. Der Geschmack war nicht das einzige Problem bei dieser Sache. Er hatte Jahre gebraucht, um seinen Konsum auf ein Glas am Tag zu reduzieren. Ja, er hatte in letzter Zeit mehr getrunken als sonst, aber es gab einen Unterschied zwischen einem halben Liter über den Tag verteilt, zu einem Liter auf einmal. Das Monster in seinem inneren bleckte gierig die Zähne und es wusste, es würde bekommen, was es wollte - zumindest einen Teil davon.

      Glas für Glas zwang Vincent seine Kehle hinunter, bis die Karaffe leer war. Ihm war schwindlig von all der Kraft, die durch seine Venen floss. Er wollte etwas zerbrechen. Eine Mamorsäule vielleicht.
      Er sammelte sich erneut, dann nickte er Thomas zu und gemeinsam mit Nora machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Keller. Diesmal bogen sie nicht zu dem kleinen Arbeitszimmer ab, sondern gingen geradeaus. Sie ignorierten jede der Türen zu den Abstellräumen, bis sie am Ende des Ganges angekommen waren. Vincent zückte einen Schlüssel und öffnete die Tür.
      Der Raum dahinter lag in absoluter Dunkelheit, bis Nora eine Fackel an der Wand anzündete. Damit schlenderte sie durch den Raum, um auch alle anderen Fackeln anzuzünden. Der Raum war weder klein, noch besonders groß. Die Wände waren praktisch unbearbeitet geblieben, nachdem man sie vor einer Ewigkeit aus dem bloßen Gestein gehauen hatte. In der Mitte des Raumes hatte man dabei einen großen, rechteckigen Block stehen lassen, an dessen Seiten jeweils zwei schwere Ketten angebracht waren. Hier unten gab es außerdem alte Regale gefüllt mit allerhand Waffen und waschechten Folterinstrumenten. Am hinteren Ende lag ein schmaler, dunkler Gang, den Vincent aber nicht weiter beachtete. Stattdessen ging er zu dem Block hinüber, fuhr mit einer Hand über das kalte Gestein. Erinnerungen drängten sich an die Oberfläche. Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit.
      "Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal hier landen würde..." murmelte er.
      Dann zerrte er sich sein Hemd von den Schultern und warf es achtlos beiseite, bevor er sich auf den Steinblock setzte. Er beobachtete Nora, die in einem kleinen Ofen in der Ecke ein Feuer machte. Dieser Ofen war noch nie dafür da gewesen, den Raum zu heizen.
      "Die Messer, die am ehesten passen sind dort drüben. Such dir einfach welche aus," meinte Vincent und verwies den Doktor auf einen der alten Schränke.
      Einige Messer darin waren mit Juwelen besetzt, andere aus kostbarem Material, wieder andere stammten aus fernen Ländern und fernen Zeiten.
      "Da müsste auch der Schlüssel für die Ketten drin sein. In einer der Schubladen, glaube ich."
      Vincent hob eine der Ketten an, spielte mit dem Verschluss. Er konnte die Reste von uraltem Blut daran noch immer riechen. Sein Blut.
      "Die Ketten halten. Dafür wurden sie gemacht," erklärte er und deutete auf kleine Einkerbungen an den Fesseln und den Kettengliedern.
      Alte Runen waren überall auf dem Metall zu finden. Alle vier der Ketten waren so ausgelegt. Ursprünglich waren diese Runen nicht da gewesen. Ursprünglich waren diese Ketten ja auch nicht für einen Vampir gedacht gewesen.
      "Allein werde ich da also nicht mehr rauskommen."
      Vincent atmete tief durch, dann legte er sich auf den Steinblock. Er hatte schon lange keine Angst, wirkliche Angst, mehr verspürt, doch in diesem Moment, noch bevor sich die Ketten um seine Handgelenke und Fußknöchel schlossen, da spürte er Angst. Nicht, dass er das hier vielleicht nicht überleben würde. Er spürte eine Angst aus der Vergangenheit. Er spürte die Angst, die er empfunden hatte, als man ihn das erste Mal hier unten angekettet hatte. Das erste Mal seit seinem ersten Tod schlug sein Herz so schnell wie das eines Menschen. Erst, als er Noras warme Hand auf seinem Unterarm spürte, beruhigte er sich, fand er zurück in die Gegenwart. Nicht einmal sie wusste, was damals passiert war. Nicht die Details. Sie glaubte, Vincent habe diesen Raum gebaut, als Teil seines Plans. Sie kannte die Geschichte dieses Ortes nicht.
      Mit sanften Fingern schloss sie die Ketten um Vincents Handgelenke, dann um seine Füße.
      "Sei ihm nicht böse, wenn ich sterbe, ja?" bat Vincent mit einem Lächeln auf den Lippen. "Er versucht es ja immerhin."
      Nora nickte und drückte Vincent einen liebevollen Kuss auf die Stirn. Dann nickte Vincent dem Arzt zu. Dem Mann, den er liebte. Dem Jäger.
      "Es könnte sein, dass ich ein paar hässliche Dinge sage, wenn ich die Kontrolle über das Monster verliere. Dafür entschuldige ich mich im Voraus. Es ist kein besonders nettes Monster."


    • Thomas verstand Vincents Aussage nicht, bis er den Keller eigens zu Gesicht bekam.
      Sie hatten noch die nötigen Vorbereitungen getroffen, die beinhalteten, dass Vincent einen ganzen Liter Schweineblut trank - Thomas hatte es angewidert; nicht etwa die Tat oder das Blut, sondern die Tatsache, dass er das Gefühl hatte, dass Vincent dazu gezwungen wurde - und dann waren sie hinunter gegangen.
      Sein erster Gedanke war, dass dieser Raum verblüffend stark einer Folterkammer ähnelte mit den Kettenringen und dem Ofen, mit den Schränken an der Wand und keinem einzigen Fenster an den Wänden. Sein zweiter und weitaus merkwürdigerer Gedanke war, dass der Raum seinem eigenen Keller ähnelte - nicht in der Größe, nicht mit dem Block in der Mitte, aber in dem offensichtlichen Zweck dahinter.
      "Ich glaube, ich möchte nicht erfahren, wofür dieser Raum hier gebaut wurde. Du wirst es mir nicht sagen und ich werde dir dafür nicht erzählen, wie mein Keller aussieht."
      Sein Versuch für eine geringe Aufmunterung war nicht gerade gelungen, als die drei sich im Raum vorbereiteten, begleitet von einem fast bedrückendem Schweigen. Thomas hatte den beiden angesehen - besonders Nora - was sie von seiner Idee hielten und er selbst konnte sich auch nicht vorstellen, ob es eine schlimmere Art gäbe, Schmerzen zu empfinden. Vielleicht noch, wenn man lebendig gehäutet würde.
      Er stellte seine Taschen ab, holte sein Werkzeug hervor, bediente sich an dem angegebenen Messerschrank. Die Auswahl war beängstigend groß und beängstigend schön, mit handgefertigten, exotischen Messern, die gleichermaßen den Jäger, den Arzt und Thomas faszinierten. Er nahm sich ein paar von ihnen, betrachtete ihre Klingen, ihre kunstvollen Griffe und widmete sich dann erst der Auswahl der eigentlichen Instrumente. Er wusste, wie groß Stephens Messer gewesen war und suchte sich daher die vier passenden Gegenstücke.
      Zwei von ihnen platzierte er in der dafür vorgesehenen Halterung im Ofen, den Nora bereits entzündet hatte, und das dritte legte er daneben.
      Als er sich umdrehte und mit dem vierten zurückkam, hatte Nora Vincent bereits auf den Steinblock gekettet. Es war ein merkwürdiger Anblick, wie der Mann ausgestreckt vor ihm lag, als solle er die Hauptrolle in einer spirituellen Opfergabe spielen. Er trat heran, ließ seinen Blick über Vincents Oberkörper streifen, über die vielen Linien, über die blasse, sanfte Haut und legte schließlich das Messer auf einer freien Stelle ab.
      Die Erwähnung des Monsters, das in ihm sitzen sollte, war Thomas neu und ließ ihn über diese Metapher nachdenken.
      "Schon in Ordnung, entspann dich einfach nur. Ich werde so schnell sein, wie es nur möglich ist. Ist der Stein zu kalt? Wir können eine Decke unterlegen."
      Er prüfte die Ketten, prüfte die Verschlüsse und sorgte sich darum, ob Vincent bequem lag, bevor er sich Nora zuwandte und ihr sein Stethoskop überließ mit einer genauen Anleitung, welche Lebensfunktionen sie während des Vorgangs zu überprüfen hatte und wie das Stethoskop dabei funktionierte. Es tat ihm leid, dass die arme Frau in die ganze Sache nun hineingezogen worden war, aber sie war höchst tapfer und wirkte entschlossen dabei, die ganze Behandlung ebenso schnell über die Bühne zu bringen wie Thomas selbst. Er glaubte, dass er sich auf sie verlassen konnte.
      Er wandte sich wieder Vincent zu, zog sich Handschuhe an, desinfizierte das Messer und desinfizierte die Stelle. Die Linien boten ihm eine perfekte Umrandung des Einschnitts, wodurch er nicht lange überlegen müsste, wo das Messer genau gewesen war.
      Als er es in die Hand nahm, sah er wieder zu Vincent auf. Die Fackeln erhellten sein Gesicht und wenn Thomas es nicht besser wüsste, hätte er gesagt, dass dort Angst in seinen Augen glimmte.
      Er zögerte, dann legte er die Hand auf Vincents Handrücken. Er kannte das Gefühl seiner Hand, seine weiche Haut, die langen Finger, und es erforderte ihn einiges an Willenskraft, sie nicht vollständig zu ergreifen. Der Jäger in ihm fletschte bereits die Zähne.
      "Ich werde schnell sein. Fünf Minuten, dann ist es vorbei. Aber wenn ich einmal angefangen habe, dann werde ich nicht aufhören können. Ich werde nicht aufhören, bis es vorbei ist, sonst ist alles umsonst."
      Jetzt sah er zwischen beiden hin und her um sich zu vergewissern, dass sie gleichermaßen verstanden hatten: Egal, wie hässlich es werden würde, er würde es zu Ende bringen.
      Schließlich griff er nach dem Messer.
      "Möchtest du was zum draufbeißen?"
      Er bedeutete Nora, sich darum zu kümmern, dann nahmen sie beide ihren Platz auf jeweils einer Seite von Vincent ein. Thomas umfasste das Messer mit ruhigen Händen, die sich selbst seiner Gefühle zum Trotz vollkommen regungslos hielten. Er hatte schon häufig Komplimente dafür erhalten, die Hände eines Chirurgen zu besitzen, und das zeigte sich auch jetzt, als er es in Stellung brachte, beinahe schon so, als wäre es in der Luft erstarrt. Ein letzter Blick ging zu Vincent.
      "Tief einatmen, nicht das Atmen vergessen. Aus der Brust heraus. Einatmen und ausatmen. Nochmal tief einatmen, soweit wie es nur möglich ist, und halten... halten... auf mein Kommando wirst du ausatmen und ich werde stechen, verstanden? Halten... denk an was schönes... und ausatmen."
      Er führte die Klinge mit einem präzisen Stoß hinein, bis zum Ansatz des Griffes, so weit, wie auch Stephen mit seiner Klinge gestochen war. Blut ergoss sich über seine Hand und dann saß der Dolch tief genug, um die Blutung selbst zu stoppen, auch wenn bei Vincents Gezucke ständig ein kleines Blutrinnsal auftauchte.
      "Tief einatmen Vincent, schon geschafft, ist schon wieder vorbei, atme nur immer weiter, aus der Brust heraus. Halte deinen Bauch ganz ruhig, ganz still, so ist es gut, schön atmen. Was sagt sein Herz, Nora?"
      Sie gab ihm grünes Licht und da ging er zum Ofen, nahm sich eines der Messer, dessen Klinge bereits rot glühte und kam damit zurück. Es war erstaunlich, dass der Griff noch vollkommen kalt war und gefahrlos berührt werden konnte und es war auch furchteinflößend, dass der Ofen wahrscheinlich genau zu diesem Zweck gebaut worden war. Er versuchte nicht weiter daran zu denken, als er zum Stein zurückkam.
      "Tief durchatmen Vincent, das machst du gut. Ich werde jetzt das Messer entfernen und dann werde ich es ausbrennen, verstanden? Hol nochmal tief Luft für mich, atme aus der Brust heraus, halte den Bauch ganz still. Bereit? Tief Luft holen."
      Er umfasste das Messer in Vincents Körper, zog es mit einem präzisen Strich nach draußen, ohne dabei noch mehr Schaden anzurichten, und wich dann dem Blutstrom aus, der sich über den Stein ergoss. Die eine Hand legte er flach auf Vincents Bauch, um ihn daran zu hindern noch weiter zu zucken und mit der anderen umfasste er den glühenden Dolch fest.
      "Immer weiteratmen Vincent, nicht aufhören damit. Herz, Nora?"
      Er ließ sich ihre Auskunft geben, dann winkelte er das Messer an. Und in einem ähnlich präzisen und schnellen Stoß führte er die gleißende Klinge direkt in die Fleischwunde.
    • Zu wissen, was genau auf ihn zu kam, half keineswegs. Aber aus eigener Erfahrung wusste Vincent das, also ignorierte er Thomas' Worte und konzentrierte sich auf all etwas vollkommen anderes. Sein Blick richtete sich eisern an die Decke, die Welt um sich herum blendete er so gut er konnte aus.
      Der Stich brannte wie das Feuer der Sonne selbst. Vincent biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, konzentrierte sich weiter auf die Decke und auf die Ecke in seinem Verstand, in die er sich zurückgezogen hatte. Das Monster warf sich gegen die eisernen Gitterstäbe seines Willens. Doch mehr als ein dumpfes Grunzen entrang sich Vincents Kehle nicht. Er wehrte sich auch nicht gegen die Ketten an seinen Extremitäten, allerdings konnte er nicht verhindern, dass zumindest seine Muskeln sich krümmten.
      Er nahm ein paar kontrollierte, tiefe Atemzüge - so tief wie es das Messer in seinem Rumpf eben zuließ. Ein durch die Nase, aus durch den Mund.
      Als das Messer seinen Körper wieder verließ, war es fast schon angenehm. Das Brennen ließ sofort nach. Doch Vincent wusste durchaus, dass der Blutfluss ihm schnell das Bewusstsein rauben könnte, wenn Thomas nichts dagegen unternahm. Mit dem Liter, den er sich hinunter gezwungen hatte, würde das zwar ein bisschen länger dauern als das letzte Mal, aber früher oder später würde es ihn dennoch erwischen. Mehr als ein leises Zischen entkam ihm als Reaktion nicht.
      Und dann stand er in Flammen. Wenn er vorher noch geglaubt hatte, jemand habe ihn mit der Sonne selbst abgestochen, dann waren das hier alle neun Kreise der Hölle zusammengenommen und in direkt seine Venen injiziert. Dieses Mal konnte er sich nicht gegen den Schrei wehren, der sich aus seiner Kehle befreite. Dieses Mal konnte er sich nicht dagegen wehren, an den Ketten zu zerren. Vincent bäumte sich auf, nutzte das bisschen Spielraum, das ihm die Ketten gaben, um sich zu bewegen. Er wollte nach dem glühenden Messer in seiner Flanke greifen, es herausreißen und dem Mann, der ihm das antat, in den Schädel rammen. Er wollte den Mann zerfetzen. Er wollte die Frau auf der anderen Seite in Stücke reißen. Und er würde es tun. Er würde sie beide pulverisieren, sobald er sich von diesen Ketten befreien konnte!
      Nein, das würde er nicht tun! Die Ketten würden halten und selbst wenn nicht, dann würde er die Finger von den beiden lassen!
      Vincent warf den Kopf so heftig zurück, dass der Stein darunter einen Riss bekam. Es war ihm egal, dass er sich dabei den Schäfel ebenso aufschlug. Er ballte die Hände zu Fäusten, bis sich seine Finger in seine Handfläche bohrten. Und er zwang sich dazu, absolut stillzuhalten.
      Jede einzelne Sekunde fühlte sich an wie einhundert Jahre. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, schneller als je zuvor - seine Lebzeiten mit eingeschlossen. Seine Lungen brannten mit jedem Atemzug, beinahe genauso sehr wie das Messer in seinem Fleisch. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen, seine Umgebung verschwamm. Und dann verlor er das Bewusstsein.

      Ein Brüllen hallte durch den Kellerraum und Vincent warf sich mit voller Kraft gegen die Ketten. Doch dieses Mal war es keine spontane Reaktion seiner Muskeln. Dieses Mal wollte er sich befreien. Und dann würde er jeden töten, der sich ihm in den Weg stellte. Angefangen mit dem Jäger, der ihn gerade zerschnitt wie einen Braten!
      "Ich werde dich zerfetzen!" fauchte das Monster, das Vincent wie einen guten Anzug trug. "Ich werde dir die Kehle rausreißen und mich an dir satt trinken! Und dann mache ich mit dir weiter!"
      Er brüllte das Weibsstück genauso an wie diesen Bastard von Jäger. Sie würden beide bluten! Ausbluten würden sie! Er bleckte die Zähne, seine Eckzähne lang und spitz und scharf. Seine Augen Iriden waren beinahe weiß.
      Das Brennen breitete sich weiter in seinem Körper aus, als verwandle sich das Silber in seinem Körper in flüssiges Gestein, das langsam durch ihn hindurchspülte. Noch einmal zerrte das Monster an den Ketten, aber sie wollten einfach nicht brechen!
      "Ich werde euch alle fressen! Und danach ist das kleine Dorf dran!"
      Eine neue Welle des Schmerzes rollte über das Monster hinweg, ließ ihn eine ganze Reihe an Flüchen in verschiedenen Sprachen ausstoßen. Er kämpfte, aber nicht gegen seine Fesseln, oder gegen das Messer in seinem Rumpf.
      Schließlich hörte er auf, bewegte sich kaum noch. Das Monster war verschwunden. Als Vincent sich dazu zwang, die Augen wieder zu öffnen, waren sie blau wie immer. Er nickte Thomas kurz zu, ein Beweis dafür, dass er wieder er selbst war und eine stumme Aufforderung an den Mann, weiterzumachen. Zu viel mehr war er aber nicht in der Lage. Worte wollten sich nicht formen, Gedanken verpufften schneller, als sie sich formen konnten. Das hier musste funktionieren. Entweder das, oder es musste ihn umbringen. Die Alternative hatten sie alle eben erlebt und das war einfach keine Option.


    • Wie schon bei Stephens Angriff brachte Vincent nicht mehr als ein leises Stöhnen heraus, als das Messer an der gleichen Stelle einstach. Als Thomas die Wunde dann allerdings ausbrannte, war es um Vincents Fassung geschehen.
      Der Mann schrie auf und Thomas hob sofort den Blick um zu sehen, ob er sich verkrampfen würde, ob er sich in seinem Kontrollverlust nicht vielleicht die Zunge abbeißen würde. Ein bisschen ärgerte er sich darüber nicht durchsetzungsfähiger gewesen zu sein um ihm etwas zwischen die Zähne zu klemmen, aber das war nun sowieso zu spät. Zu seinem eigenen Grauen beobachtete er, wie Vincent den Kopf zurückwarf und sich vermutlich fast selbst den Schädel eingeschlagen hätte.
      Damit hatte er definitiv auch nicht gerechnet. Die Ketten rasselten bereits in ihren Verankerungen, strafften sich bis sie völlig erstarrt schienen, während Vincent sich mit all seiner Macht gegen seine Gefangenschaft wehrte. Jetzt musste Thomas auch nicht mehr auf ihn einreden, unter dem Geschrei hätte er ihn sowieso nicht gehört. Er konzentrierte sich auf das Messer und darauf, den Mann so gut wie möglich zurück auf den Stein zu drücken.
      Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg auf und waberte durch die Luft. Zehn Sekunden und die Haut und das Fleisch warfen Blasen, aber das war noch lange nicht genug. Zwanzig Sekunden und es war schon deutlich geschwollen und verfärbt. Das Messer und vielleicht auch das Fleisch zischte, ein dünner Rauchfaden stieg auf. Dreißig Sekunden und Vincent erschlaffte für eine einzelne Sekunde, bevor er sich mit noch viel mehr Kraft gegen die Ketten warf.
      Thomas sah erneut auf und dieses Mal wurde er ganz offensichtlich mit einem echten Vampir konfrontiert, ohne Kontrolle dahinter, ohne einen Verstand, der dem Mann sagte, wie er sich in die Zivilisation hätte einbringen müssen. Es war die rohe Natur des Vampirismus, die ihm da entgegenstarrte und die ihre Fangzähne bleckte, um sie in sein - oder auch Noras - Fleisch zu schlagen. Er starrte den Vampir nieder, während ihn ein Moment des Zweifels überkam. Er hatte das Messer schon in der Hand, der andere konnte sich nicht wehren, er müsste nur an der richtigen Stelle zustechen - die einfachste Tötung überhaupt. Wer würde ihn schon aufhalten, Nora? Die Frau wäre nicht schnell genug, ehe er den Vampir erlegt hätte.
      Er starrte ihm weiter in die fast weißen Augen, dann wandte er sich wieder der Wunde zu.
      "Bringen Sie mir das andere Messer vom Ofen, Nora."
      Er musste sich über das Gebrüll des Vampirs hinweg wiederholen und auch, weil Nora ebenso unschlüssig über die Situation schien, aber dann setzte sie sich endlich in Bewegung und brachte ihm das zweite Messer. Er zog das erste heraus und dann führte er das zweite ein, dessen Klinge noch heiß vom Ofen war. Es zischte, der Gestank vergrößerte sich. Der Vampir hatte in Sprachen gewechselt, die Thomas nicht verstehen konnte, bei denen er allerdings davon ausging, dass sie den englischen Flüchen in nichts nachhingen, als er plötzlich wieder erschlaffte. Alarmiert sah Thomas auf und begegnete jetzt den tiefblauen Augen von Vincent selbst, die sich auf ihn gelegt hatten. Die Pupillen waren groß, die Augen glasig, der Blick vernebelt. Er schien gegen seine herabfallenden Lider ankämpfen zu müssen und Thomas scheuchte Nora herum, um sein Herz zu kontrollieren.
      "Ganz ruhig, Vincent. Fast geschafft, das machst du super."
      Seine Stimme hatte an professioneller Kälte verloren und war weich geworden, während er die freie Hand auf Vincents Arm legte. Er wandte sich wieder dem Messer zu und beobachtete den dunklen Schnitt, ebenso wie die Verbrennung, die sich auf der Haut in der unmittelbaren Umgebung abzeichnete. 50 Sekunden. Er zog das Messer heraus und griff stattdessen nach einem seiner Instrumente, das er bereitgelegt hatte.
      "Ruhig atmen, Vincent. Halten Sie ihn wach, Nora, ich muss sicher gehen, dass alles vollständig ausgebrannt ist."
      Er schob ein zangenartiges Gerät in die Fleischwunde, versuchte dabei Vincents gedämpftes Stöhnen zu ignorieren und zog den Spalt ein bisschen auseinander. Das Fleisch im Inneren war rundum verbrannt und geschwollen, die Blutung hatte schon dann aufgehört, als er das Messer eingeführt hatte. Er fuhr mit einem Finger hinein und drückte an das verbrannte Fleisch. Vincent zuckte.
      "Entschuldige. Das sieht gut aus, kein Blut mehr, alles verbrannt. Wenn es jetzt heilt, werden sich lediglich gesunde Zellen reproduzieren."
      Er richtete sich auf und entfernte das Instrument, dann beugte er sich ein Stück über Vincent.
      "Bist du noch bei uns? Bringen Sie ihm was zu trinken, Nora."
      Er tätschelte ihm die Schulter.
      "Schon geschafft, alles fertig. Die Wunde muss offen bleiben, aber sobald ich sehe, dass sich das Fleisch abschält, werde ich verbinden. Ich werde dir ein bisschen den Bauch gegen die Verbrennung eincremen, okay?"
      Er holte die Wundbrandsalbe hervor und tüpfelte sie mit größter Vorsicht auf die umliegende rötlich verfärbte Haut. Dann kam er zum Kopfende und stellte sich hinter Vincent auf.
      "Lass mich deinen Kopf ansehen."
      Er legte ihm die Hände an die Schläfen, dann drehte er ihn sanft, um den Hinterkopf zu betrachten. Der Stein hatte hier Risse bekommen, Thomas konnte seinen Augen kaum trauen. Er ließ ihn wieder los und kam zurück in sein Gesichtsfeld.
      "Ich denke das ist nicht lebensgefährlich, solange du trinkst. Ich würde dich trotzdem noch gerne einen Moment angekettet lassen, nur für unsere Sicherheit. Dann können wir dich irgendwo hin bringen, wo du bequemer liegst. Möchtest du ein Kissen haben? Eine Decke? Ist dir kalt, warm - wie fühlst du dich?"
    • Vincents gesamter Körper schmerzte auf eine Art und Weise, die er selbst noch nie zuvor erlebt hatte. Allerdings hatte er auch noch nie Silber aus seinem Körper brennen müssen. Was auch immer Thomas machte, nachdem er das Messer wieder entfernt hatte, wusste Vincent nicht. Er reagierte nur auf einen seltsamen Druck, den er vor Schmerz nicht genau verorten konnte. Er bemerkte nicht einmal das instinktive Zucken seiner Muskeln. Er lag einfach nur da, schwebend in seinem überreizten Körper. Er spürte nicht einmal den Schmerz noch so wirklich, so sehr waren seine Nerven ausgebrannt. Ausgebrannt wie die Wunde und das Silber, wenn er Thomas' Worte richtig deuten konnte.
      Thomas... War sein Gesicht schon immer so hübsch gewesen? So engelsgleich?
      Die Ketten klirrten, als Vincent versuchte, dieses Kunstwerk zu berühren. Er registrierte das gar nicht, bemerkte nur, dass er nichts zu fassen bekam. Wie könnte er auch? Man berührte doch keine Engel!
      Der Engel berührte ihn stattdessen, drehte sein Kopf, zwang ihn wegzusehen. Natürlich tat er das. Man sah doch keine Engel an!
      Aber dann war er wieder da, redete sogar mit ihm. Vincent verstand die Worte nicht, wie könnte er auch? Doch das war in Ordnung, solange er nur weiter diese Personifizierung der Schönheit betrachten durfte. Vincent versuchte verzweifelt, wach zu bleiben, aber seine Augen waren so schwer und er war so müde. Und hungrig. Er wusste nicht, woher er das wusste; er wusste es einfach. Er wusste, dass er sich besser fühlen würde, wenn er den Engel nur kosten könnte. Nur ein bisschen. Vincent wusste nicht einmal genau, was er eigentlich wollte. Aber der Engel hatte es. Der Engel könnte es ihm geben. Warum wollte der Engel ihm nicht helfen? Konnte er denn nicht sehen, wie ausgehungert Vincent war? Würde der Engel ihn wirklich einfach verhungern lassen?
      "Tho...mas..."
      Er war so müde... So unendlich müde...


    • Anstatt einer richtigen Antwort, blickte Vincent mit vernebelten Augen zu Thomas auf. Es lag etwas in seinem Blick, das Thomas nicht so recht deuten konnte, das ihm aber ein mulmiges Gefühl bereitete. Wem genau wusste er dabei nicht, dem Arzt der sich Sorgen machte, dem Jäger der sich Sorgen machte oder Thomas... der sich wohl auch Sorgen machte. In der Herangehensweise, wie er diese Sorge ausmerzen sollte, unterschieden sich seine Instinkte dann allerdings wieder.
      Vincent flüsterte etwas und Thomas musste sich nach vorne beugen um zu verstehen, dass es sein Name war. Nora war mittlerweile verschwunden um das Blut zu holen, und so konnte er sich nicht einmal an sie für Hilfe wenden.
      "Ich bin hier, Vincent."
      Die Ketten rasselten leicht, aber längst nicht mehr mit der Intensität von vorhin. Thomas glaubte noch nicht einmal, dass es ein Versuch war sich zu befreien, Vincent bewegte sich einfach nur ein bisschen. Nach einem Blick zur Tür legte er ihm die Hand auf den Kopf und strich vorsichtig durch seine Haare, eine Bewegung, die er so gut kannte, die ihm so natürlich kam, als hätte sich nichts in ihrer beiden Leben geändert. Und das wollte er auch glauben, aber er wusste, dass das so nicht funktionierte. Sicher, Vincent war schon immer ein Vampir gewesen, aber jetzt wusste Thomas davon. Jetzt musste er ihn umbringen, weil er ein Jäger war.
      Vincent blinzelte träge zu ihm auf und ein Stich fuhr durch sein Herz. Die Stirn des Mannes glitzerte von Schweiß und sein Blick schien sich nicht gut fokussieren zu können. Aber Thomas konnte nicht mehr tun als auf das Blut warten und dabei zu versuchen, seine Fürsorge nicht die Überhand gewinnen zu lassen. Es gelang ihm nicht.
      "Entspann dich, wir sind gleich fertig. Nur noch ein bisschen."
      Er legte ihm die Hand an die Wange und strich knapp mit dem Daumen darüber, sehr zum Protest des Jägers, der sämtliche Glieder in seinem Körper anspannte und für die sofortige Flucht stählte. Bevor aber noch etwas wahrhaftig schief gehen könnte, ging die Tür auf und Thomas trat schuldbewusst zurück, während Nora hereingeeilt kam. Er wandte sich ab, als sie Vincents Kopf anhob und das Glas an seine Lippen kippte, und beschäftigte sich lieber damit, die Messer zu reinigen. Vincent trank nur langsam und es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis das Glas einigermaßen geleert war, ehe Nora es abstellte. Thomas bedankte sich für ihre Hilfe und packte die Instrumente weg.
      "Ich glaube, wir können ihn losmachen."
      Das musste er der Haushälterin nicht zwei Mal sagen, die sofort mit dem Schlüssel zur Stelle war, um Vincents Gelenke zu befreien. Thomas bemerkte, dass die Fesseln einen leichten Abdruck hinterlassen hatten, wo der Vampir zu fest daran gezogen hatte. Es stand wirklich schlecht um Vincents Gesundheit, wenn sein Körper noch nicht einmal das binnen Sekunden heilen konnte.
      Er kam auf die unverletzte Seite von Vincent und griff nach seinen Armen, die er über dessen Brust zog, um sie dort zu kreuzen. Vincent ließ es geschehen, er rührte sich noch nicht einmal aus eigenem Antrieb.
      "Ich werde dich rüberbringen, in Ordnung? Ganz locker lassen."
      Er schob den einen Arm unter Vincents Kniekehlen, den anderen unter seinen Rücken und zog ihn an sich, bevor er ihn vorsichtig hochhob.
      Das Gewicht war ihm vertraut. Der Körper war ihm vertraut. Die Wärme war ihm vertraut. Seine Hände erkannten die Muskeln wieder, die er bei so vielen anderen Gelegenheiten erkunden gedurft hatte, seine Schulter erkannte den Kopf wieder, der sich an ihn schmiegte. Für einen furchtbar langen Moment war er gewillt, Vincent stattdessen wieder auf dem Stein abzulassen, damit er ihn in die Arme schließen und vor dem Leid beschützen konnte, das ihm widerfahren war. Für einen furchtbar langen Moment schien es die beste Idee zu sein, seinen Kopf in Vincents Halsbeuge zu vergraben, den Geruch von alten Büchern und noch viel älteren Häusern aufzusaugen und ihn zu küssen.
      Der Moment dauerte so lange, dass Nora ihn bereits ansah, als er sich mit Vincent langsam in Bewegung setzte.
      Er ging hinaus in den Gang und zurück in das kleine Kellerzimmer, das Vincent zu seiner neuen Heimat gemacht zu haben schien. Dort ließ er ihn so vorsichtig auf dem Sofa ab, wie es nur irgendwie möglich war, und zog die Decke unter ihm hervor, um ihn darin einzuwickeln, höchst darauf bedacht, die Wunde dabei offen zu lassen. Der Drang, Vincent zu beschützen, war noch immer hoch genug, dass er den tobenden Jäger in sich überschattete, der entweder dieses Haus verlassen wollte, oder eins der vielen Gegenstände in dem Silberhaufen auf dem Schreibtisch an sich nehmen wollte, um den Vampir dorthin zurückzuschicken, woher er gekommen war.
      Stattdessen wandte Thomas sich Nora zu.
      "Ich werde auf ihn aufpassen. Vielleicht bringen Sie noch ein Glas, damit er etwas hat, wenn er wieder einigermaßen zu Kräften kommt."
      Sie willigte ein und nachdem sie sich entfernt hatte, machte Thomas sich daran, die silbernen Gegenstände wieder einzusammeln und wegzustecken. Er sah noch einmal auf Vincent herab, auf seine lockeren Gesichtszüge, die er so gut kannte, die er so sehr lieben gelernt hatte und die im Licht des Kaminfeuers warm und einladend wirkten, dann ging er zu dem Schreibtisch, setzte sich auf den Stuhl und nachdem er eine Weile lang abwechselnd Vincent und das Feuer beobachtet hatte, nickte er schließlich selbst ein.
    • Als der Engel ihn berührte, verflog der Schmerz. Für einen kurzen Augenblick schmerzte sein Kopf nicht mehr, brannte seine Haut nicht mehr. Vincent lächelte schwach, ob dieses geschenkten Friedens.
      Doch der verflog so schnell, wie er gekommen war. Dafür überrollte etwas gänzlich anderes Vincents Sinne. Da war dieser Duft von etwas, das er nicht zuordnen konnte. Ein wundervoller, berauschender Duft. Noch ein Engel?
      Jemand trat an ihn heran - eine Frau. Sie trug den wundervoll duftenden Engel in ihrer Hand. Er musste sehr klein sein, wenn sie das einfach so machen konnte. Und sie musste eine Heilige sein, wenn sie einfach so einen Engel tragen durfte. Sie griff nach seinem Kopf, richtete ihn ein bisschen auf und dann führte sie den kleinen Engel an Vincents Lippen.
      Der Engel schmeckte bei weitem nicht so gut, wie er roch. Vincent war enttäuscht, er hatte mehr erwartet, sehr viel mehr. Wenn er genaue darüber nachdachte, schmeckte der Engel sogar furchtbar. Doch die Heilige ließ nicht locker, sie zwang ihn dazu, den ganzen Engel zu fressen. Sie hatte recht. Vincent fühlte sich besser, nachdem sie ihn wieder losließ. Nicht viel, aber ein bisschen.
      Vincent wurde schwindelig, bei den ganzen Leuten, die ihm ihn herumschwebten. Da waren Thomas und Nora, die beiden Engel, und die Heilige. Er war sich gar nicht mehr sicher, wer hier eigentlich wer war. Als ihn also jemand vorsichtig hochhob, nachdem diese unsagbaren Gewichte von seinen Gliedmaßen genommen wurden, wusste er gar nicht, wer das war.
      Er beschwerte sich kurz, ob der plötzlichen Bewegung, als ein stechender Schmerz in seiner Flanke explodierte. Doch dann lehnte er sich in die angenehme Wärme, die man ihm geschenkt hatte. Das musste das Angenehmste sein, was ihm in der letzten Ewigkeit passiert war. Die Wärme glich dem Lied einer Sirene. Sie lullte ihn ein in einen Schleier der Sicherheit und der Bequemlichkeit, bis er es schließlich aufgab, den Engel noch einmal wiederzusehen. Er erlaubte der Dunkelheit, ihn mit sich zu ziehen, bis ihm die Augen zufielen und der Schmerz verschwand.

      Vincent schlug die Augen auf und fand sich in absoluter Dunkelheit wieder. Seine Augen gewöhnten sich sofort daran und enthüllten ihm sein kleines Kellerbüro. Wie war er hier her gekommen? Und was war-
      Mit einem dumpfen Grunzen krümmte sich Vincent auf dem Sofa. Sein Hunger war mit einer Gewalt zurückgekommen, die er nur ein einziges Mal in seinem Leben gespürt hatte. Er konnte praktisch fühlen, wie seine Innereien verschrumpelten und zu Staub zerfielen. Zeitgleich war sein Kopf gefüllt mit dem verräterischen Hämmern eines menschlichen Herzens. Er musste sich aktiv davon abhalten, nicht sofort aufzuspringen und sich auf seine Beute zu stürzen. Er war so hungrig...


    • Thomas schlief nicht lange und er schlief auch nicht gut. Sein Nacken schmerzte und sein Rücken verspannte sich in dieser Position und wenn sein Kopf zu weit nach unten sackte, glitt er irgendwann ein wenig zur Seite. Nachdem Vincent sich aber noch eine ganze Weile lang nicht rührte, selbst, als er noch einmal zu ihm ging, die Wunde überprüfte und die Decke um ihn herum ein wenig richtete, rollte er mit dem Stuhl an den Schreibtisch heran, verschränkte seine Arme auf dem wenigen Fleck Tisch, der zwischen den ganzen Büchern hervorlugte, und legte seinen Kopf darauf. Das war angenehmer und er war sich sogar sicher, in dieser Lage ein bisschen tiefer schlafen zu können.
      Ein Geräusch vom Sofa ließ ihn trotzdem auffahren und erkennen, dass das Feuer im Kamin fast ganz ausgebrannt war, nur noch eine kleine Flamme warf ein dämmriges Licht auf die Möbel und die Umgebung. Thomas wollte schon wieder weiterschlafen, da ertönte ein Rascheln vom Sofa und erinnerte den Jäger in ihm, dass er weit davon entfernt war, alleine zu sein. Damit war der Schlaf binnen einer Sekunde spurlos verschwunden.
      Er richtete sich auf, drehte sich um und sah, wie Vincents Gestalt sich unter der Decke krümmte. Er war aufgewacht, schoss es ihm durch den Kopf und versetzte den Jäger in Alarmbereitschaft. Der Arzt nahm es als gutes Zeichen auf.
      "Vincent?"
      Er stand auf und kam zu ihm. In dem wenigen Licht konnte er gerade noch genug erkennen, um Umrisse auszumachen. Vincent war definitiv wach.
      "Wie geht's dir? Lass mich mal sehen."
      Er beugte sich über ihn und legte die Hand auf seine Schulter.
    • Vincent packte die Hand, die geradezu überraschend berührte, erinnerte sich aber schnell genug daran, dass Thomas noch da war. Der Herzschlag, der beinahe alles andere übertönte, kam von ihm.
      "Thomas," krächzte er, dann räusperte er sich.
      Feuer schoss seine ausgetrocknete Kehle hinab.
      "Hat es funktioniert?"
      Er ließ Thomas los, setzte sich ein bisschen auf, auch wenn sich sein gesamter Körper beschwerte. Er schlug die Decke zurück und warf einen Blick auf das Schlachtfeld seines Torsos. Die Brandwunde sah übel aus und es gingen noch immer die dunklen Linien der Silbervergiftung davon aus. Aber Solche Verletzungen heilten nicht immer von außen nach innen, insbesondere nicht, wenn man ein Vampir war und die eigene Heilung kontrollieren konnte. Vincent konzentrierte sich und stellte erleichtert fest, dass sein Körper tatsächlich gegen das Silber arbeiten konnte, das noch in seinem Organismus lauerte. Thomas hatte es tatsächlich geschafft.
      Mit einem heiseren Lachen ließ er den Kopf nach hinten gegen die Armlehne des kurzen Sofas fallen. Der Aufschlag sandte einen größeren Schmerz durch seinen Schädel, als es sollte, und er erinnerte sich an das charakteristische Knacken von Stein.
      "Autsch," lachte er.
      Sein Blick fiel auf Thomas. Oder vielmehr auf Thomas' Hals und die große Vene, die dort in aller Ruhe vor sich hin pulsierte, immer im Takt mit dem Hämmern eines Herzens. Er war so hungrig...
      "Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du mich nicht töten wirst. Nicht nach all der Arbeit, die du dir mit mir gemacht hast."
      Vincent hob den Kopf und warf noch einen Blick auf die neue Einstichstelle.
      "Das zu heilen wird ewig dauern. Aber immerhin habe ich jetzt eine Ewigkeit."
      Schon diese paar Sekunden waren zu anstrengend und Vincent ließ den Kopf wieder zurücksinken und schloss die Augen.
      "Danke," murmelte er. "Du bist die erste Person, die sich je die Mühe gemacht hat, mein Leben zu retten. Danke."
      Der Hunger flammte erneut auf, und mit ihm das Monster. Vincent krümmte sich erneut, wandte sich von Thomas ab, um nicht in Versuchung zu kommen.
      "Du solltest gehen," presste Vincent zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Bevor ich dir wehtue..."


    • Der Griff, der sich blitzschnell um Thomas' Handgelenk schloss, war kalt und knochig, kaum etwas wie die weiche Berührung, die er sonst von Vincents Händen gewöhnt war. Er versteifte sich, darauf gefasst, dass der Vampir ihn herunterziehen würde, dass er sich zu seiner Hand recken würde, dass er vielleicht sogar aufspringen und die gefährlich kurze Distanz zwischen ihnen nützen könnte, um Thomas zu Fall zu bringen. Er wäre darauf vorbereitet, er hatte die Hand genau auf Vincents Muskeln, hätte jede Bewegung darin spüren können; aber er wäre vermutlich nicht darauf vorbereitet, den Mann, den er so gut kennengelernt hatte, für den er Gefühle wie für kein anderes Lebewesen entwickelt hatte, zu überwältigen und auf den Boden zu werfen. Ihm Schmerzen zuzufügen, um sich selbst damit zu retten. Nein, darauf wäre er nicht vorbereitet.
      Aber es kam nichts außer Vincents heisere Stimme, mit der er endlich bewies, etwas anwesender zu sein als noch vor wenigen Stunden. Thomas musste sich dennoch zusammenreißen, nicht den Abstand zu ihm zu suchen.
      "Das weiß ich noch nicht. In deinem Zustand wird es vermutlich eine Weile dauern, bis man erste Besserungen erkennen kann - oder Verschlechterungen. Lass es mich einmal ansehen."
      Vincent gehorchte, vermutlich weil er selbst sehen wollte, was Thomas genau da angestellt hatte, nachdem er sich ein bisschen aufsetzte. Thomas beugte sich über ihn und legte die Hand unter den Schnitt, um die Haut ein bisschen nach unten zu ziehen. Es gab noch keine Anzeichen von Heilung, aber das Fleisch hatte sich auch nicht entzündet oder war geschwollen, wobei davon auszugehen wäre, dass der Körper es zwar als Fremdkörper sah, aber nichts dagegen unternehmen konnte. Thomas stufte das als gutes Zeichen ein, nachdem Vincent schon eine Weile lang auf dem Sofa geschlafen hatte.
      Der Vampir schien es wohl auch so zu sehen, denn er lachte rau auf und ließ sich wieder nach hinten fallen. Thomas ergriff die Decke und schob sie wieder über dessen entblößte Brust, darauf bedacht, die Wunde freizulassen, bevor er sich wieder aufrichtete. Als er Vincent wieder ansah, begegneten sich ihrer beide Blicke.
      "Diese Aufgabe soll der nächste Jäger übernehmen, den du auf dein Fest einlädst", murmelte er, wobei er nicht wusste, woher diese Bedrücktheit nun wieder herkam. Eigentlich müsste er glücklich darüber sein, einen Erfolg erzielt zu haben und wenigstens etwas in den letzten Tagen geschafft zu haben, aber er fühlte sich weder glücklich, noch erleichtert oder sogar traurig. Eigentlich war er nur noch müde, die letzten Tage waren schon fast ausschließlich von Müdigkeit geprägt gewesen.
      Vincent schloss wieder die Augen und als er sich bedankte, kam ein Funken dessen auf, was wohl hinter Thomas' Müdigkeit lauern und darauf warten mochte, eines Tages herausgelassen zu werden. Er rührte sich nicht, stattdessen betrachtete er Vincents halbwegs entspanntes Gesicht, das in keinster Weise mit der absoluten Ruhe zu vergleichen war, die es ausstrahlte, wenn er schlief. Thomas erinnerte sich nur allzu gut an den Silvestertag, bevor alles schief gegangen war, als der Mann auf seiner Brust geschlafen hatte - wie glücklich er sich damals gefühlt hatte, wie vollkommen friedlich. Er war wahrhaftig zufrieden gewesen, es hätte nichts geben können, was er sich in dieser Situation gewünscht hätte. Nur er und Vincent, verborgen von der Welt, zusammen auf dem Sofa, abgeschnitten von sämtlichen Verpflichtungen. Das war schön gewesen.
      Er blinzelte, um in die Realität zurückzufinden, in der derselbe Mann ein Vampir war und sich mit einer offenen Wunde auf dem kleinen Sofa krümmte, in der Thomas noch nicht wusste, was er genau er eigentlich wollte und in der er Beth verloren hatte. Das war keine Realität, in der er glücklich war - das war keine, in der er überhaupt irgendetwas war. Er war einfach nur müde.
      Er registrierte Vincents Aufforderung und wandte sich wortlos von ihm ab, um das Zimmer zu verlassen. Der Jäger atmete erleichtert auf und er ging mit nicht allzu schnellem Schritt den dunklen Gang entlang und die Treppe hinauf. Das Haus war dunkel, aber Nora musste sicherlich noch irgendwo sein, er glaubte nicht, dass sie ihn so schnell so unbekümmert mit Vincent alleine lassen würde. Er fand sie trotzdem nicht, als er sich auf den Weg machte.

      Fünf Minuten später kam er wieder herunter, schloss die Zimmertür hinter sich und reichte Vincent ebenso wortlos ein Glas Schweineblut, das er ihm so lange hinhielt, bis der Mann es an sich nahm. Dann ging er hinüber zum Kamin und schürte das Feuer neu an, auch wenn der Raum warm genug war. Er wollte das Licht haben, das damit ausgestrahlt wurde.
      "In ein paar Stunden wird die Sonne aufgehen. Wenn du nicht den ganzen Tag auf diesem kleinen Sofa verbringen möchtest, würde ich dir empfehlen, jetzt nach oben zu gehen, so weit kann ich dich nämlich nicht tragen. Abgesehen davon müffelt es hier drinnen ziemlich, auch wenn dir das vermutlich nicht auffällt. Das ist kein geeignetes Krankenzimmer."
      Er kam wieder zu ihm und streckte ihm die Hand entgegen, was als einfaches Angebot zur Stütze gedacht war, von dem er sich aber jetzt, da er so vor Vincent stand, nicht mehr ganz so sicher war, ob nicht auch noch etwas anderes dahinter steckte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, so vor dem Vampir zu stehen und ihm die Hand hinzuhalten, die Handfläche nach oben zeigend, die Hauptschlagader so wehrlos entblößt. Er würde ihn stützen, natürlich war das der hauptsächliche Gesichtspunkt, aber er bot auch an, ihm zu vertrauen, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, indem er sich nahe genug an den Vampir heran begab, um keine Chance mehr gegen ihn zu haben. Und im Umkehrschluss sprach der Vampir damit sein Vertrauen aus, dass Thomas ihm nicht plötzlich sein Silber in den Bauch jagen würde, was einem Todesurteil gleich kommen würde. Es war mehr wie ein Friedensangebot, wie Thomas bewusst wurde, während er Vincent die Hand hinhielt.
    • Sobald Thomas den Raum verlassen hatte, ließ Vincent ein bisschen seiner Kontrolle fahren. Gerade genug, um wieder Herr seines Körpers zu werden, aber nicht so viel, dass er sich sofort auf die Jagd nach frischem Blut machte. Sein Zahnfleisch pochte, als sich die Fänge des Monsters bildeten, seine Sicht in der Dunkelheit wurde noch schärfer, während die Farbe aus seinen Iriden wich. Ein Anblick, den Vincent so gut es ging vermied, auch wenn er selbst ihn nie wirklich sehen musste. Es ging ihm mehr darum, das Monster im Inneren zu belassen und nicht nach außen hin zu tragen. Für viele Vampire war das menschliche Erscheinungsbild eine Maske, die das Raubtier aufsetze, um Beute anzulocken. Für Vincent war es eher anders herum: Er klammerte sich an so sehr an seine Menschlichkeit, dass das Monster zu einer Maske geworden war, die er so gut es ging wegsperrte.
      Wieder weitestgehend Herr seiner Sinne warf Vincent nochmals einen Blick auf das Loch in seinem Rumpf. Thomas hatte außerordentliche Arbeit geleistet. Die Verletzung sah genauso aus wie beim ersten Mal, wenn man von den Spuren drum herum einmal absah. Vincent hatte zwar nicht die Energie dazu, die Wunde auf der Stelle vollständig zu heilen - ein Unterfangen, das sich mit Schweineblut einfach nicht machen ließ, zumal ihm gerade selbst das fehlte - aber er testete trotzdem aus, ob es auch wirklich funktioniert hatte. Er konzentrierte sich auf die Wunde, konzentrierte sich darauf, sie zumindest ein bisschen zu heilen. Und er grinste, als er spürte, wie sein Körper auf den Befehl reagierte. Wie in den letzten Wochen auch, versuchte sein Fleisch sich zu regenerieren. Zwar schaffte es das nicht wirklich, aber Vincent spürte deutlich, dass es nicht an der Art der Verletzung lag, sondern einfach an der fehlenden Energie dazu. Thomas - dieser verrückte Wissenschaftler - hatte es tatsächlich geschafft. Ein Grund mehr, diesen Mann zu lieben.
      Vincent stutzte ob seines Gedankenganges. Er erinnerte sich daran, dass er diesen Mann nicht mehr ließen durfte. Dass er jedes Recht dazu vollständig verwirkt hatte. Er seufzte.

      Vincent sah zur Tür, bevor Thomas überhaupt die Hand auf die Klinke gelegt hatte. Der Duft von abgestandenem Blut wehte zu ihm herüber, stark genug, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Vincent zwang das Monster nieder mit dem Argument, dass es gleich etwas zu essen geben würde. Seine Augen nahmen ihre normale Farbe an, aber die Fangzähne blieben. Kleine Erfolge..., dachte Vincent.
      Er nahm Thomas das Glas wortlos ab, immer darauf bedacht, nicht zu enthusiastisch zu wirken. Das Schweineblut schmeckte schlimmer denn je, aber das war Vincent egal. Solange er nicht von dem hungrigen Monster überrascht wurde, das sich erst über ihn hermachte, nur um sich dann über Thomas herzumachen als sei er ein drei Gänge Menü, war ihm der Geschmack nur recht.
      "Glaube mir, ich rieche das durchaus. Der Geruch von verbranntem Fleisch ist sehr eigen."
      Vincent nahm die dargebotene Hand gern an, vertraute er doch keineswegs darauf, dass ihm seine Muskeln gehorchten. Er lehnte sich schwer gegen Thomas, während er darauf wartete, dass der Schmerz in seiner Flanke soweit nachließ, dass er sich bewegen konnte. So nah an dem Mann zu sein weckte einige andere Instinkte. Ein Teil von ihm wollte die Fänge in Thomas' Hals schlagen, hatte sie eben schon in den dargebotenen Arm versenken wollen. Ein anderer Teil von ihm wollte die weichen Lippen kosten, wollte die Hände in die dunklen Locken schieben und Thomas auf eine andere Art zu seinem machen. Nichts davon setzte Vincent in die Tat um.

      Auf dem Weg nach oben - der ein gefühltes Jahrhundert in Anspruch nahm, weil Vincent nach jeder einzelnen Stufe einen Moment brauchte, um sich zu sammeln - fielen ihm einige Dinge an Thomas auf, die ihm vor der Behandlung ins Auge gestochen waren. Oder vielmehr in die Nase. Der Mann, der ihm gerade mehr half als je ein anderer zuvor, war ein wandelndes Durcheinander. So hatte er Thomas noch nie erlebt. Der Mann war nicht nur müde, da war noch etwas anderes. Diese Erschöpfung ging tiefer. So viel tiefer. Und dann war da noch dieser verräterische Duft...
      Vorsichtig setzte sich Vincent auf den Rand seines Bettes. Das dumpfe Pochen, das seinen Körper heimsuchte, würde wohl noch einige Tage lang anhalten. Mit der gleichen Vorsicht legte er sich hin, immer darauf bedacht, nicht zu viele der Muskeln in der verletzten Flanke anzuspannen. Auf seinem Trip die Stufen hinauf hatte Vincent das schnell gelernt.
      Er richtete seinen Blick wieder auf Thomas und bevor sich der Mann aus seiner Reichweite entfernen konnte, tat er etwas Dummes: Er griff nach Thomas' Handgelenk. Als er die Aufmerksamkeit des Mannes damit hatte, ließ er seinen Griff sinken, bis er Thomas' Hand hielt.
      "Ich weiß, dass ich kein Recht mehr darauf habe, derjenige zu sein, dem du dein Herz öffnest. Aber ich sehe deine Trauer. Ich sehe, was es mit dir macht. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber wenn du darüber reden willst... nun ja, ich gehe so schnell nirgendwohin. Es ist das mindeste, was ich tun kann, nachdem du mir das Leben gerettet hast. Zweimal."


    • Vincent ergriff die Hand und Thomas zog ihn nach oben und an sich. Er zog sich seinen Arm über die Schulter und schlang den eigenen Arm um seine Brust, bevor sie sich mehr schlecht den recht auf den Weg machten. Der Vampir stützte sich dabei mit der Hälfte seines Körpergewichts auf Thomas, um seine Seite nicht allzu sehr zu belasten, und entsprechend lange dauerte es, bis sie erst die Treppen des Kellers und dann die Treppen zum 1. Stockwerk erklommen hatten. Thomas schnaufte und Vincent biss die Zähne zusammen, auch wenn er dem Arzt nicht verschleiern konnte, Schmerzen zu haben. Es würde vorbeigehen, vorerst mussten sie nur sein Schlafzimmer erreichen.
      An ihrem Ziel setzte Vincent sich langsam ab, bevor er sich rückwärts hinlegte und Thomas derweil die Decke zurechtzog. Er musterte den Schnitt, entschied sich dann aber dazu, mit dem Verband noch zu warten.
      "Gute Nacht, Vincent. Oder eher guten Morgen. Ich werde im Gästezimmer sein, wenn du mich brauchst."
      Er wandte sich zum Gehen um, dann legten sich die kühlen Finger um sein Handgelenk.
      Sein Puls sprang schlagartig in die Höhe und der Jäger entschloss sich dazu, die Gefahr jetzt und nicht erst nachher zu eliminieren, ob nun durch eigene Sicherheit oder durch Übergriff. Ein Schauer jagte durch seinen Körper und er zuckte, auf dem direkten Weg dazu, sich loszureißen und dann Abstand zu nehmen.
      Dann übernahm aber wieder sein Gehirn und er starrte stattdessen verblüfft auf Vincent hinab, der erst noch sein Handgelenk umfasste und dann hinabglitt und seine Hand ergriff. Da war sie, die weiche Berührung, an die Thomas vorhin noch gedacht hatte und die er in gewisser Weise so vermisst hatte. Vincents Hand lag perfekt in seiner eigenen und es erforderte ihn einiges an Willenskraft, sich nicht auf dieses vertraute Gefühl einzulassen und sich nicht zurückzuholen, was ihm vor wenigen Wochen noch gehört hatte. Es könnte so einfach sein, die Zeit einfach zurückzudrehen und wieder auf dem Sofa aufzuwachen, mit Vincent in den Armen und dem sanften Tageslicht hinter den Fenstern. Es könnte so einfach sein.
      Stattdessen erlaubte Thomas es sich, zumindest ein bisschen, einzuknicken. Ein ganz klein wenig. Was würde ihm das schon schaden? Nur ein kleines bisschen nachgeben.
      Er starrte Vincent für einen Moment lang an, dann ließ er sich langsam auf der Bettkante nieder. Er hätte seine Hand loslassen können, er hätte sie freilassen können, er hätte aber auch die weiche, vertraute Haut an seiner genießen können. Er entschied sich für letzteres.
      "Beth ist gestorben. Ich habe sie in der Küche gefunden, als ich zurückgekommen bin. Sie muss um Silvester gestorben sein, als wir... als ich hier war."
      Er starrte für einen Moment auf Vincent hinab, der noch immer keine Anstalten gemacht hatte, seine Hand loszulassen. Er hatte eigentlich damit gerechnet, dass es irgendwas auslösen würde, wenn er es aussprach, aber er fühlte sich genauso stumpf wie schon die letzten Tage. Nicht einmal der Erfolg mit Vincents Behandlung hatte daran etwas geändert.
      "Es war ein Vampir, vielleicht auch mehrere. Es gibt vermutlich tatsächlich ein Nest in Cambridge und ich habe es nicht mitbekommen. Das habe ich jetzt davon."
      Er wich seinem Blick aus.
      "Sie bleibt - sie blieb seit ein paar Jahren, seit ihr Mann gestorben ist, über die Feiertage bei mir, weil sie sonst nirgends hingehen möchte oder kann. Und ich arbeite immer über die Feiertage. ... Der Angriff galt vermutlich mir und ich war nicht Zuhause, sondern hier. Es wäre anders ausgegangen, wenn ich Zuhause geblieben wäre. Es hätte alles anders kommen können."
      Nicht nur Beths Tod, aber das sprach er nicht aus, sondern starrte für einen Moment ins Nichts, bevor er den Blick leicht zu Vincent hob.
      "Vielleicht wird die Polizei herkommen, ich habe ihr gesagt, dass ich hier war. Andernfalls wäre ich Hauptverdächtiger und würde im Gefängnis landen, da können mir auch sämtliche von Darcys Bekannten nicht helfen. Das ist schließlich etwas anderes als ein Mord auf offener Straße."
      Er starrte auf Vincents Hand in seiner eigenen hinab, auf dieses vertraute, sowieso fremde Bild, das sich ihm dadurch bot. Als er weitersprach, war seine Stimme noch leiser, aber Vincent würde ihn auch so hören können.
      "... Ich wollte ihr von uns erzählen, weißt du das? Ich glaube, sie hätte es verstanden, vielleicht sogar unterstützt. Sie wollte immer hauptsächlich, dass ich glücklich bin und das hat sie gesehen, wenn du da warst. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es akzeptiert hätte; aber jetzt ist es zu spät. Ich hatte meine Chance und ich habe mich nicht getraut, nicht ohne dich."
      Er starrte leer auf ihre Hände.
    • Thomas so zu sehen, seine apathische Stimme zu hören, wie er diese Geschichte erzählte, die ihn mindestens genauso schmerzte wie das Silber Vincent, drohte sein Herz zu zerdrücken. Vincent konnte sich nicht gegen den Drang wehren - wollte es auch gar nicht - Thomas an sich zuziehen. Er schlang seine Arme um den Mann, ignorierte seine eigene Verletzung, und achtete strengstens darauf, seinen eigenen Kopf nicht in die Nähe von Thomas Armen oder Hals zu bringen, damit sich der Mann nicht noch mehr verkrampfte.
      "Ich kannte sie nicht gut. Ich kannte sie eigentlich gar nicht. Aber das Bisschen, das ich von ihr kennenlernen durfte, war eine wundervolle Frau gewesen. Ich glaube, sie hat es gewusst. Sie hat mir immer diese Blicke zugeworfen, diese wissenden Blicke. Aber selbst wenn sie es nicht wusste: es gibt nichts, was du bereuen musst, hörst du? Sie hat dich glücklich gesehen und wie du sagtest, das ist alles, was sie sich für dich gewünscht hat. Du bist nicht an ihrem Tod Schuld. Das waren die Jungvampire, die sich an ihr vergriffen haben. Wenn du da gewesen wärst, dann wärst du jetzt auch tot. Ein Umstand, der verhindert hätte, dass wir dieses Nest ausheben können."
      Er schob Thomas gerade weit genug von sich, dass er den Mann ansehen, und ihm eine Hand an die Wange legen konnte.
      "Ein Nest, das gezielt einen Jäger angreift, ist eine Gefahr für jeden. Ich bin ein großer Verfechter von ausgleichender Gerechtigkeit und ich schulde dir mein Leben. Lass es mich dir vergelten indem ich dir helfe, Beth's Mörder zu finden und zu vernichten."
      Sollte er es Thomas verraten? Jetzt? Eine dumme Idee, aber Vincent war gerade in der Stimmung dazu, unkluge Entscheidungen zu treffen.
      "Und wenn dir das noch nicht genug ist, dann könntest du dein Glück an einem der brutalsten und ältesten Vampire der Welt versuchen. Egal, wie du dich entscheidest: wenn du mich lässt, werde ich dir helfen."
      Vincent würde es auch tun, wenn Thomas ihm nicht das Leben gerettet hätte. Wenn er ihn nicht schon ein zweites Mal verschont hätte. Himmel, er würde dieses Nest in seinem jetzigen Zustand im Alleingang ausheben, wenn Thomas ihn nur darum bat!
      Für einen langen Moment sah er Thomas einfach nur an. Und dann, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, sich selbst aufzuhalten, lehnte er sich nach vorn und küsste den Mann. Er musste es einfach tun. Er wusste nicht, warum, aber er musste.
      "Es tut mir so leid," murmelte er, als er seine Stirn an Thomas' presste, die Augen geschlossen. "Alles, was passiert ist, tut mir so leid. Ich hätte uns nie soweit kommen lassen sollen und doch ist es passiert. Ich hätte dir früher sagen sollen, was ich bin. Ich hätte so vieles anders machen sollen. Aber das habe ich nicht. Und dafür entschuldige mich. Dafür werde ich mich dein Leben lang entschuldigen. Ich wollte dir nie wehtun. Niemals. Nicht einmal als du damals einfach in mein Haus marschiert bist mit der Mission mich zu töten."
      Er ließ Thomas los, ließ ihm die Möglichkeit, Abstand zu suchen, hielt ihn nicht einmal mit einem Blick fest, wie er es sonst so gern tat.
      "Ich kann verstehen, wenn du mich nie wieder sehen willst. Aber lass mich dir wenigstens ein paar Information über dieses Nest besorgen, ja? Ich will nicht, dass dir etwas passiert, weil du nicht auf sie vorbereitet bist."


    • Thomas wurde so unvermittelt in Vincents Umarmung gezogen, für einen Moment war er sich sicher, dass es damit wirklich vorbei sein würde. Seine Glieder verkrampften sich und seine Hände schossen zu Vincents Schultern, um sich dort in die Muskeln zu krallen. Würde er aus dieser Lage wieder rauskommen? Nein, niemals. Sein Herz schlug panische Sprünge, die ihm schmerzhaft in der Brust hämmerten.
      Aber anstatt eines Angriffs, legte Vincent nur die Arme um ihn und hielt ihn an sich. Thomas spürte seine warme Haut, wurde von dem Duft von alten Büchern eingehüllt und von der Vertrautheit der Geste, die er nur allzugern erwidert hätte, wen ein Teil seines Gedächtnisses ihn nicht mit panischem Aufruhr angeschrien hätte, sofort Vincents Hals zu packen, ihn nach hinten zu drücken und zumindest einen Arm außer Gefecht zu setzen - vielleicht sogar wenigstens seinen Kiefer zu brechen. Aber Thomas war, nicht wenig auch wegen seiner mitfühlenden Worte, wie paralysiert. Er ließ den Moment mit einer gewissen Apathie über sich ergehen, aber zur gleichen Zeit spürte er etwas in sich brökeln, von dem er nicht gewusst hatte, dass es jemals Risse bekommen könnte.
      Vincent entließ ihn und Thomas zuckte erneut, als er die Hand an seine Wange legte. Seine Worte hörten sich an wie aus einem Traum, den Thomas sich selbst gestrickt hätte, um die Lage besser verkraften zu können. Aber es war kein Traum. Vincent sprach in vollem Ernst zu ihm, während er seine himmlisch blauen Augen und Thomas gerichtet ließ. Der Jäger schrie, er wollte nach seinem Messer greifen und Thomas schob ihn mit sämtlicher Willenskraft hinab, die er dafür aufbringen konnte.
      Und dann küsste Vincent ihn.
      Es war in dem feinen Augenblick, in dem sich seine Lippen auf Thomas' legten und in dem er einen Bruchteil davor war, Vincent zu packen und tatsächlich von sich zu befördern, als ihn ein anderes Gefühl erreichte, mit dem die Sehnsucht der vergangenen Tage auf einen Schlag beseitigt wurde. Es fühlte sich nach Heimat an, nach Liebe, als er die Lippen spürte, die er so sehr vermisst hatte und gegen die ein Teil seines Selbst ankämpfen musste, um sich nicht davon loszureißen. Es war in diesem Moment, dass dieses namenlose Etwas in ihm zusammenfiel und mit ihm, was auch immer sich die letzten Tage aufgebaut hatte.
      Er schloss die Augen als er merkte, dass es hochkam, als er wusste, dass er es nicht mehr aufhalten konnte, als er auch gar nichts anderes mehr wollte als sich dem Gefühl der Geborgenheit hinzugeben, das Vincent ihm vermittelte. Es war alles wie damals, fast wie damals, aber doch war es anders. Er wollte nicht darüber nachdenken. Nur ein Mal nachgeben, was würde ihm das schon schaden?
      Vincent entließ ihn aus der Umarmung mit seiner Entschuldigung und Thomas öffnete seine jetzt von Tränen verhangenen Augen, während er nach Worten suchte, die ihm nicht zur Verfügung standen. Stattdessen kämpfte er den aufbrausenden Teil in sich nieder, schlang die Arme um Vincents Schultern und zog ihn wieder in seine krampfartige Umarmung, bei der er sich dieses Mal selbst an ihm festhielt, als könnte er sonst umfallen. Er schob eine Hand in Vincents Haare und drückte ihn an seine Schulter, weil er nicht glaubte, ihn zu nah an seinen Hals lassen zu können, ohne dabei durchzudrehen. Das Gesicht vergrub er aber an dessen Schulter und während Vincents bekannte Wärme ihn einhüllte und einlullte, ließ er die Tränen los, die ihm über die Wangen rollten. Er schluchzte nicht und er gab auch sonst kein nennenswertes Geräusch von sich, aber er klammerte sich an Vincent, als würde er ihn vor dem Ertrinken retten und Vincent hielt ihn anstandslos fest.
      Als der Tränenfluss nach einigen Momenten versiegt war, richtete er sich auf und wischte sich über die Augen, bevor er schuldbewusst auch Vincents Schulter abwischte.
      "... Entschuldige."
      Er nahm einen zittrigen Atemzug.
      "... Kann ich darüber nachdenken? Über... alles."
      Er stand auf, glättete sich unsichtbare Falten auf seinem Hemd und wischte sich verstohlen noch einmal über die Augen, bevor er zu Vincent hinab blickte. Er wünschte sich nichts anderes, als sich zurück zu ihm zu setzen und sich in seine Arme schließen zu lassen, aber er wusste, dass er eine derartige Strapaze seiner Instinkte nicht so lange durchhalten konnte.
      "Informationen wären aber nett. Glaube ich."
      Einen weiteren Moment starrte er noch, dann wandte er sich abrupt ab, um nicht doch noch in Versuchung zu gelangen. Das war falsch, er sollte sich weit von dem Vampir entfernen und sich nicht von ihm trösten lassen.
      An der Tür konnte er trotzdem nicht widerstehen, sich nochmal zu ihm umzudrehen.
      "Gute Nacht, Vincent."
      Dann flüchtete er sich ins Gästezimmer, wo er rauslassen konnte, was auch immer noch von diesem eingestürzten Rest übrig war.
    • Vincent nickte bloß auf Thomas' Bitte hin. Dem Mann Raum zu lassen ließ ihn mit einer Art Kälte zurück, die anders war als alles, was er je gespürt hatte, aber er wusste, dass er nichts dagegen tun durfte. Thomas brauchte diesen Raum, also würde er ihm diesen geben.
      "Ich sehe zu, dass ich dir etwas Ordentliches finden kann. Etwas, womit du arbeiten kannst," bestätigte Vincent, als Thomas aufstand.
      Und als Thomas ging, wünschte er ihm ebenfalls eine gute Nacht, auch wenn die Sonne gerade erst aufging.

      Nora, der die Nacht mehr an die Nieren gegangen war als sie zugeben wollte, zwang sich nach Sonnenaufgang dazu, ihren normalen Pflichten nachzugehen. Sie hatte die letzten Tage den Schein bewahrt, sie würde es auch weiterhin tun.
      Genau deswegen stand sie an diesem Vormittag in der Küche und bereitete ein Frühstück vor, das eigentlich ein Mittagessen war. Nur eins, denn jetzt musste Vincent sich nicht mehr verstellen. Zumal er den Schlaf sicher eher gebrauchen konnte, als ein paar Eier auf Toast.
      Nora lud alles - den Teller mit dem herzhaften Frühstück, ein Glas Saft, eine Tasse Kaffee - auf ein Tablett und trug es nach oben. Sie konnte sich nicht davon abhalten, bei Vincent vorbeizusehen. Er wirkte so friedlich, dabei lag er genauso da wie sonst auch immer. Er sah furchtbar aus. Er sah besser aus.
      Sie strich ihm eine verirrte Strähne aus dem Gesicht und richtete seine Bettdecke, auch wenn das gar nicht nötig war, dann ließ sie ihn wieder in Ruhe, um dem Van Helsing ein Frühstück zu servieren. Sie klopfte kurz an, zählte innerlich bis zehn, dann betrat sie das Gästezimmer. Sie bemühte sich nicht mit den Vorhängen oder irgendwelchen Versuchen, den Mann aufzuwecken. Sie stellte lediglich das Tablett auf den Schreibtisch und wandte sich wieder zum Gehen. Doch im Türrahmen stockte sie. Sie wusste nicht, ob der Doktor wach war oder nicht, sie hatte nicht Vincents Augen, konnte in der Dunkelheit nichts erkennen. Dennoch fühlte sie sich verpflichtet, etwas zu sagen.
      "Danke. Dass Sie ihm das Leben gerettet haben. Und meines."
      Sie beeilte sich, den Raum hinter sich zu lassen, sich mit Arbeit abzulenken. Sie war noch nie gut darin gewesen, sich für etwas mit Worten zu bedanken. Und so sehr sie diesen Mann auch hassen dafür hassen wollte, Vincents Herz gebrochen zu haben, sie konnte ihn nicht dafür hassen, ihm das Leben gerettet zu haben. Warum mussten Interaktionen mit anderen nur immer so verdammt kompliziert sein?!

      Vincent erwachte mit dem Untergang der Sonne und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er nicht den Schmerz einer Silbervergiftung in seinen Adern. Sicher, jeder einzelne Zentimeter seines Körpers und seiner Seele schmerzte, aber es war nicht das Silber und es war nicht die Hoffnungslosigkeit, die ihm an diesem Abend Probleme bereiteten.
      Er griff sich das Glas, das bereits auf seinem Nachttisch wartete und kippte es in gierigen Zügen hinunter. Es schmeckte nicht einmal ansatzweise so furchtbar wie gestern noch. Aber es war nicht genug, er wollte mehr.
      Mit einem Seufzen zwang er sich dazu, sich ordentlich hinzusetzen. Wirklich sicher war er in seinen Bewegungen immer noch nicht, aber er zwang sich trotzdem dazu, aufzustehen und sich zumindest eine seiner Morgenroben überzuwerfen, damit man nicht gleich das Schlachtfeld sah, das sein Rumpf darstellte. Viel weiter schaffte er es aber nicht, also ließ er sich einfach in einen der Sessel sinken. Er fragte sich, was Thomas gerade machte. Ob er seine Koffer packte oder ob er blieb, um sein Werk zu bewundern, niederzuschreiben, welch großen Durchbruch er in Sachen Vampir-Medizin gemacht hatte. Oder ob er ein spätes Abendessen genoss, das Nora ihm sicher mit einiger Dankbarkeit zubereitet hatte, auch wenn sie es niemals zeigen würde. Sie war eine harte Nuss, die man nur mit Zeit und Vertrauen knacken konnte. Selbst Vincent hatte eine ganze Weile gebraucht, um ihren Kern sehen zu dürfen.
      "Ich hoffe sehr, du nimmst es ihr nicht allzu übel...", murmelte Vincent in die Dunkelheit hinein.


    • Thomas schlief lange und unruhig. Das Bett schien ihm zu hart, das Kissen zu weich, die Bettdecke zu warm, das Zimmer zu kalt. Er träumte wirres Zeug und drei Mal davon, wie Vincent ihn küsste, ohne jedes Mal dasselbe dabei zu empfinden. Dann wachte er auf, starrte in die Dunkelheit und fühlte sich dazu genötigt, das Messer unter seinem Kopfkissen zu ergreifen, als wenn nach all den Begegnungen Vincent sich jetzt doch dazu entschlossen hätte, sich in das Zimmer zu schleichen und Thomas umzubringen. Er wusste, dass es Unsinn war, schlief aber trotzdem mit einer Hand unter dem Kissen.
      Irgendwann - er hatte vergessen, die Gardinen wenigstens aufzuziehen - weckte ihn ein Klopfen und er verharrte regungslos im Bett, in der Hoffnung, der Besucher würde sich davon abweisen lassen, dass er wohl noch schlief. Das Gegenteil war der Fall und die Tür öffnete sich beinahe geräuschlos, bevor ganz vorsichtige Schritte durch das Zimmer wanderten. Ein Tablett wurde abgestellt, dann wanderten die Schritte zurück zur Tür, wo sie verharrten, bevor Nora in den Raum hinein flüsterte. Thomas rührte sich noch immer nicht, auch wenn sie wohl zu wissen schien, dass er wach war, und da ging sie auch schon nach draußen und schloss die Tür hinter sich.
      Der Vorfall ließ ihn noch lange unbewegt wach liegen und seinen Gedanken nachhängen. Er dachte an Vincent - wann hatte er das die letzten Wochen auch nicht getan - und an Nora und diese merkwürdige Situation, an seine Behandlung und an Beth und die bevorstehende Jagd. Irgendwann stand er auf und zog die Gardinen so weit auf, wie es nur möglich war, bevor er das Tablett inspizierte, das Nora ihm hingestellt hatte. Dankbar dafür, dass er dafür nicht hinunter gehen musste, setzte er sich an den Tisch und aß in Schweigsamkeit, bevor er sich hinterher wieder ins Bett legte. Er überlegte lange, kurz nach Vincent zu sehen, entschied sich dann aber dazu, seine Nerven nicht übermäßig mit dem Anblick des schlafenden Mannes zu strapazieren. Stattdessen döste er im Tageslicht und träumte von Vincent, der seine Hand sanft an seine Wange legte und ihn für einen Kuss zu sich führte, während er seine Fangzähne präsentierte.
      Am Abend suchte er seine Sachen zusammen und wartete dann noch eine Weile, bis es wirklich dunkel und er sich sicher war, dass Vincent schon getrunken hatte, bevor er an seine Tür ging und klopfte. Das war unsinnig, wie ihm nur einen Moment später einfiel, weil der Vampir ihn schließlich hören konnte, aber er tat es trotzdem, einfach um ihm die Gelegenheit zu bieten, ihn nicht hereinzulassen.
      Aber Vincent rief ihn herein und Thomas kam mit seinem Arztkoffer zu einem recht bleich wirkendem Mann in seiner typischen Morgenrobe auf einem der Sessel. Nach dem Vorfall von gestern war er sogar ein wenig verlegen, als er hereinkam, aber die Tür hinter sich offen ließ. So viel Vertrauen setzte er noch nicht in diese Lage, weder in seine Instinkte, noch in Vincent.
      "Guten Abend. ... Bist du alleine aufgestanden? Geht es schon besser?"
      Er stellte seinen Koffer neben dem Bett ab und überspielte dann die Unruhe, die er spürte, indem er sich seinem ärztlichen Dienst hingab.
      "Dann werde ich jetzt wieder zurück ins Bett verbannen, damit ich mir das ansehen kann. Brauchst du Hilfe?"
      Vincent befolgte seine Anweisung und legte sich wieder hin, bevor Thomas sich über ihn beugte. Zu einer gewissen Befriedigung konnte er sehen, dass die dunklen Linien unter Vincents Haut an manchen Stellen schwächer geworden waren. Er drückte trotzdem ein wenig an dem Schnitt herum, holte dann eine Pinzette heraus, mit der er in Vincents Fleisch herumstocherte, bevor er seine Diagnose als beendet erklärte.
      "Ich denke, es kann gefahrlos verbunden werden. Wenn es wieder schlechter werden sollte, dann sag es sofort und vielleicht wird es reichen, die Wunde nur ein bisschen aufzuschneiden."
      Er packte das Instrument ein und Verband und Desinfektionsmittel dafür aus. Das Fläschchen schraubte er auf und setzte es an.
      "Das kennst du schon, das wird ziemlich weh tun. Auf drei? 1..."
      Er sprühte und während Vincent davor wegzuckte, griff er sich den Verband und hatte den Mann in drei schnellen, präzisen Zügen eingewickelt. Den Rest packte er weg, dann warf er einen Blick auf Vincents verbundenen Oberkörper, der bis auf die sonderbaren Linien wieder recht normal wirkte. Bevor er sich dann allerdings mit Scham an den nächtlichen Vorfall in dem Zimmer erinnern konnte, stand er schon auf und betrachtete Vincent für einen Moment. Er musste sich davon abhalten, ihn nicht umsorgen zu wollen.
      "... Ich habe nachgedacht und ich würde deine Hilfe bei meiner Jagd zu schätzen wissen. Ich habe keinerlei Anhaltspunkte, nur eine Leiche und die Information, dass Beth denjenigen hereingelassen hat. Aber das könnte jeder sein. Wie kannst du... ich meine, wie sähen deine Informationen aus?"
    • Benutzer online 1

      1 Besucher