[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • "Ich wusste es, bevor du mir deinen Namen genannt hast," antwortete Vincent wahrheitsgetreu.
      Er hatte Thomas niemals völlig angelogen und er würde jetzt nicht damit anfangen. Der Mann verdiente Antworten, richtige Antworten, und Vincent wollte sie ihm geben, solange er dazu noch in der Lage war.
      "Ich habe dich gesehen. Als du aus der Kutsche gestiegen bis. Damals... bei dem Ball. Ich habe dich gesehen und dich sofort erkannt. Du siehst deinem Großvater sehr ähnlich..."
      Er krallte seine Hand in seine Seite, als würde der Druck irgendetwas gegen das Feuer tun, dass sich von dort aus durch seine Venen, seine Nerven, seine Muskeln fraß.
      "Ich wusste, warum du gekommen warst... Und ich habe mich trotzdem dazu entschlossen... dich kennenlernen zu wollen..."


    • "Mein Groß-"
      Thomas' Gedanken gerieten außer Kontrolle. Wieso waren es die kleinen Wörter heute, die ihn so erschütterten? Wieso konnten es nicht überwältigende Wörter sein, Dinge, die so offensichtlich bahnbrechend waren, dass sie eine ganz bestimmte Emotion hervorriefen? Wieso mussten es die kleinen Wörter sein, die so klein waren, dass sie sich deshalb direkt durch seine Abwehrmaßnahmen hindurch schleichen und ihn dort treffen konnten, wo es am meisten weh tat?
      Er wandte sich von dem Mann ab, was den Jäger über alle Maßen aufbrachte, und durchquerte den Salon, auf der Suche nach einem Ort, wo er die Mauern um sein Herz hochziehen konnte. Aber er war hier auf freiem Feld, solche Mauern gab es nicht - und wenn, dann wurden sie von so kleinen Dingen eingerissen wie Großvater oder ein vermaledeites k.
      Er drehte sich wieder zu ihm um.
      "Mein Großvater. Ich sehe meinem Großvater ähnlich."
      Das machte schon Sinn. In dem ganzen Gewühl seiner Gedanken machte das einen gruseligen Sinn, den er nicht weiter verfolgen wollte.
      Die richtige Antwort war es aber nicht gewesen. Das Gerüst war nicht wieder aufgebaut und der Mann trampelte, wenn überhaupt, noch darauf herum.
      "Du hast es gewusst. Die ganze beschissene Zeit. Ich habe dich getestet, das wusstest du auch, nicht wahr? Du hast dich unterhalten mit mir, du hast dir meine kleinen, dummen Fragen über dich ergehen lassen, über Gott und die Welt, und oh, wie kam ein junger Mann wie du eigentlich an so ein Anwesen? Und was ist mit diesem berüchtigten Bordell, in dem du deine Angestellten auffrisst, ha-ha. Du hast mir deine Räume gezeigt, das weiß ich noch ganz genau, ich weiß jede einzelne Sekunde davon, ich weiß wie du mich darüber aufgeklärt hast, dass deine Gänge so dunkel sind, wie du mir deine Einrichtung gezeigt hast, ich weiß es ganz genau, weil du-"
      Er brach ab und raufte sich stattdessen die Haare. Seine Stimme wurde gefährlich bröckelnd, denn mit jeder Sekunde floss seine Professionalität dahin. Wo war der Arzt, wenn er ihn mal brauchte, wenn es nicht um Krankheiten ging?
      "Du wusstest es, ich habe dir Silber in die Hand gedrückt, ich habe dein Gehör getestet, du hast dich für mich in die Sonne gesetzt - was rede ich, wir waren ja heute draußen, vor... vor zwölf Stunden! Bei hellichtem Tag! Du wusstest es und du erzählst mir einen Scheiß von irgendeinem französischen Arzt, der ratlos über ein zu langsam schlagendes Herz ist! Macht dir das Spaß?! Hast du dir gedacht: "Hm, mal sehen wie ich Thomas heute hinters Licht führen kann - oh ja, ich mache ihm ein schlechtes Gewissen, dass er einen Verdacht bekommen hat"?! Wolltest du sehen, wie lange du überleben kannst, wenn du deinen Erzfeind im Haus unterhältst?! Zwei Monate hast du es geschafft, bis Stephen dich anscheinend doch überwältigt hat! Ist das ein neuer Rekord?! Weißt du eigentlich, wie sehr ich mit ihm gestritten habe, wie sehr ich ihn davon überzeugen wollte, dass du kein Vampir bist, dass du gar keiner sein kannst, dass das unmöglich ist, weil wir schließlich... weil du und ich...!"
      Er gestikulierte und schließlich brach er wieder ab, konnte nichtmal mehr Worte formen bei den Erinnerungen, die auf ihn einprasselten. Stephen hatte immer recht gehabt. Vincent mit seiner Unverträglichkeit gegen Silber. Er konnte kein Vampir sein, weil sie Sex hatten, weil er alle Möglichkeiten hatte, ihn schutzlos zu verschlingen - so viele Möglichkeiten! Er konnte keiner sein, weil er ihn verschonte, weil er sich zwei Monate lang mit ihm unterhielt, weil er sich von Thomas erklären ließ, was es mit Vampirismus auf sich hatte und oh, er hatte ja nicht so viel Erfahrung damit, er solle ihm doch mehr erzählen. Er war kein Vampir weil er blutete und weil die Stichwunde nicht verheilte und weil er sterben könnte und Thomas hatte ihm alles geglaubt, er hatte sich ihm regelrecht um den Hals geworfen und ihn umsorgt, sich um ihn gekümmert und er hatte ihn geliebt, keine zwei Monate hatte er dafür gebraucht und jetzt waren sie hier gelandet!
      Er wandte sich wieder von dem Mann ab, erinnerte sich, dass er ja seinen Herzschlag hören konnte, bemühte sich darum ihn zu bremsen, herabzufahren und seine Gedanken nicht zu verraten, aber es gelang ihm nicht, kein bisschen. Stattdessen starrte er mit angestrengtem Blick in eine Zimmerecke und kämpfte um seine Verfassung, die ihm auseinanderzubrechen drohte. So viele Erinnerungen kamen hoch von offensichtlichen Anzeichen, dass Stephen immer recht gehabt hatte und Thomas war noch nicht einmal damit fertig zu akzeptieren, dass das k einfach verschwunden war. Seine Augen waren feucht.
    • "Ich habe dich nicht angelogen Thomas. Nie. Ich habe nie behauptet, kein Vampir zu sein. All die Geschichten, die ich dir erzählt habe, sind wahr. Alle. Nur sind sie nicht in den letzten drei Dekaden passiert. Aber auch das habe ich nie behauptet."
      Vincent krümmte sich, als ihn der Schmerz erneut durchzuckte. Er wollte zu gern aufstehen, Thomas' Hand ergreifen, den Mann in seine Arme ziehen, ihn festhalten während er so offensichtlich zerfiel. So hatte sich Vincent das nicht vorgestellt, das alles hatte er nicht gewollt. Stephen hatte ihm diese Entscheidung genommen. Stephen würde dafür büßen!
      Nein, würde er nicht. Der Mann hatte ihm vielleicht ein Messer aus Silber in die Seite gerammt, aber diese Situation, so wie sie war, war allein Vincents Schuld.
      "Ich habe dir nicht die volle Wahrheit gesagt, weil ich wusste, dass du mich würdest umbringen wollen. Das war reiner Selbstschutz. Ich habe nicht geplant, eine Beziehung zu dir aufzubauen. Nicht so eine. Ich hatte nie vor, mich in dich zu verlieben, ich wollte nur herausfinden, ob ich auf deine Hilfe zählen kann, wenn ich-"
      Der Schmerz erwischte ihn erneut unerwartet. Er trieb ihm die Luft aus den Lungen, die Gedanken aus dem Hirn, bis nur noch eine Sache zählte: Fressen.
      Vincent schloss die Augen, biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer schmerzte - nichts im Vergleich zum Rest seines Körpers.
      "Ich wollte dir nie wehtun...," flüsterte er, weniger zu Thomas und mehr zu sich, ein Mantra, an das er sich klammerte.


    • In den letzten drei Dekaden. Thomas glaubte, dass ihm gleich schlecht werden würde.
      Der Mann hatte recht, wenn er es sich recht überlegte, er hatte ihn nie angelogen - er hatte nur die wesentlichen Knackpunkte verschwiegen. Was war das nochmal mit seinem Großvater, er hatte ihn gekannt? Thomas verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Kopf schwirrte. Die Zimmerecke verschwamm in einem undeutlichen Schleier und er blinzelte ein paar Mal was-auch-immer-es-wirklich-war weg.
      Ja, er hätte Vincent umgebracht, dafür war er schließlich hergekommen. Hätte er ihn auch nach dem ersten Wochenende noch umgebracht? Vielleicht nicht ganz so überzeugt, vielleicht wäre es auch verwirrend gewesen, aber nicht so wie das hier. Er würde ihn auch jetzt noch umbringen, aber jetzt brachte er seine Gefühle mit ihm um, das hätte er nicht gewollt. Hätte es sich so angefühlt, wenn er seinen Pakt einhielt und Stephen umbringen würde?
      Er schnaubte, aber als der Mann hinter ihm seinen eigenen Satz abbrach, weckte das den Arzt in ihm. Er sah über die Schulter zu ihm zurück, lange genug um sehen zu können, wie er sich krümmte. Eine verwirrende Schicht Professionalität begann sich in den Vordergrund zu schieben und er zog die Stirn in Falten. Sie war kühl und sie war beruhigend, aber er wusste auch, dass sie das unvermeidliche nur ein wenig weiter hinauszögerte.
      "Geh und trink endlich, ich bin noch nicht fertig mit dir. Trink und überleg dir, wie viele Menschen du auf dem Gewissen hast, denn ich will eine Zahl hören. Du lügst mich nicht an? Dann beweise es mir und sprich die Wahrheit. Aber geh und trink, das ist ja nicht mit anzusehen."
    • Vincent schnaubte und hieve sich in eine aufrechte Position, zwang seine steifen Gliedmaßen dazu, sich zu bewegen, bis er schließlich, wenn auch wacklig, auf den Beinen stand.
      "Ich habe noch nie jemanden getötet," knurrte er. "Und ich werde jetzt nicht damit anfangen. Ich habe seit zweihundert Jahren keinen einzigen Tropfen menschlichen Blutes mehr zu mir genommen. Und ich werde. Jetzt. Nicht. Damit. Anfangen."
      Schwarze Punkte tanzten wild durch sein Sichtfeld, als er den ersten Schritt nach vorn machte, dann noch einen und noch einen. Woher er die Kraft dazu nahm, wusste er nicht genau. Schließlich stand er vor Thomas, der sich selbst so sehr in die Ecke gedrängt hatte, dass er Vincent jetzt nicht mehr entkommen konnte.
      "Ich werde eher sterben, als jemandem wehzutun," fauchte Vincent. "Und nur weil du glaubst, du hättest ein Recht auf Antworten, heißt das noch lange nicht, dass ich sie dir geben muss. Trotzdem gebe ich sie dir. Sie mir in die Augen. Sage mir, dass ich lüge. Ich habe noch nie einen Menschen getötet."


    • Der Mann stand mehr schlecht denn recht auf und dann - zu Thomas äußerstem Entsetzen - wankte er auf ihn zu. Zu seinem noch viel größeren Entsetzen war er viel weniger davon betroffen, dass der Vampir auf ihn zukam, als dass er aussah, als würde er gleich umfallen. Der Arzt protestierte. Der Jäger protestierte. Irgendwo anders weinte Thomas um das Gerüst, das gefallen war, und weigerte sich, hervorzukommen.
      Er wich vor der wankenden Gestalt zurück um sich selbst zu schützen, um auch den Mann zu schützen vor einer unvorhersehbaren Zukunft, bis ihm die Wand im Rücken zum Verhängnis wurde. Der Arzt wollte vorwärts, der Jäger wollte seitwärts. Irgendwo weinte Thomas. Vielleicht weinte er auch um das verlorene k, wer wusste das schon?
      Er blinzelte sich den Schleier auf seinen Augen hinfort. Diese Blöße würde er sich nicht geben, dieser Mann hatte kein Anrecht darauf, um das selbe Gerüst zu trauern.
      Er starrte ihm in die Augen, die ihm so vertraut und gleichzeitig so fremd vorkamen und hielt den Blick. Er sah zwischen ihnen hin und her und was er sah, glaubte er ihm sogar. Dieser Mann war kein Mörder. Was sagte ihm das jetzt? Was fing er jetzt mit einer solchen Antwort an?
      "Ich will es von Nora hören. Ich möchte mit Nora sprechen. Wissen es die anderen in deiner Belegschaft auch? Wer - was du bist?"
      Teilweise war es ein Fluchtversuch, ein kümmerlicher noch dazu. Er wollte nicht mehr in diese Augen sehen. Irgendwo versteckte sich Thomas und wartete darauf, dass dieser ganze Spuk vorbei war.
      "... Willst du Leben? Oder sterben?"
      Er hörte seine eigene Stimme schon kaum mehr.
      "Ich will keine Antwort, aber da hast du deine Antwort. Von mir aus trink dein... was ist es, Schweineblut? Hast du mich das deswegen gefragt, was ich tun würde, wenn ein Vampir Schweineblut trinkt?"
      Irgendwo heulte Thomas auf. Das Gerüst, das schöne Gerüst. Auch der echte Thomas musste wieder blinzeln und hoffte darauf, von einem Wunder endlich erlöst zu werden.
    • Vincent betrachtete den Mann vor sich, betrachtete Thomas. Der Kampf, den er in seinem Inneren austrug, war deutlich sichtbar. Er prägte sich jeden Zentimeter ein, jede Falte, jeden noch so keinen Leberfleck. Er prägte sich die dunklen Augen ein, die vollen Lippen, die wilden Haare. Er nahm alles in sich auf, um es nicht zu vergessen, egal wohin in sein Weg führen würde.
      "Ich will dich," antwortete er auf die Frage des Mannes.
      Seine Beine gaben nach, alle Spannung wich mit einem Mal aus seinem Körper und er sackte zu Boden wie ein nasser Sack. Er hatte nicht die Kraft, sich zu bewegen, hatte kaum die Kraft zu atmen, zu blinzeln. Er lag einfach nur da, war kurz davor, sich seinem Schicksal zu ergeben. Er würde sich an seine Kontrolle klammern, bis es vorbei war. Er würde nicht kleinbei geben und das Monster auf den letzten paar Metern gewinnen lassen. Er würde mit reinem Gewissen sterben, das war alles, was er jetzt noch tun konnte.


    • Die letzten Worte, die aus dem Mund des Mannes kamen, bevor er kollabierte, hinterließen einen merkwürdigen Effekt in Thomas' Herzen. Er sah wortlos dabei zu, wie dessen Beine nachgaben und er auf den Boden fiel. Er wollte dem Schwall seiner Gefühle freien Lauf lassen, aber letzten Endes sorgten sie nur dafür, dass er wie versteinert dastand. Stille kehrte ein. Sie war laut und erdrückend und Thomas wünschte sich lieber, dass der Mann wieder sprechen würde.
      Nach einer ungenauen Zeit, die er nur dastand und starrte, beugte er sich schließlich hinab, kniete sich hin und drehte den Mann auf den Rücken. Er wehrte sich noch nicht einmal, seine Glieder waren schlaff und gaben kaum Widerstand. Thomas blinzelte.
      "Du bist unmöglich", zischte er, zog den Mann ein wenig aufrecht, packte seinen Arm, zog ihn sich um die Schultern und umfasste seine Hüfte, bevor er ihn hochzog.
      "Eine falsche Bewegung und das Silber wird deine geringste Sorge sein."
      Er manövrierte sie beide zu der Couch zurück, wo er ihn mit einer gewissen Sanftheit niederließ, bis er auf der Seite lag und Thomas seine Beine ebenfalls hochlegen konnte. Dann starrte er wieder hinab auf den bekannten und gleich fremden Mann, auf das Häufchen Elend, das sich dort auf der Couch krümmte. Sein Herz blutete. Die Worte hallten noch immer in seinem Kopf nach.
      "Bleib liegen, ich geh schon."
      Er wandte sich ab, ging mit gleichmäßigen Schritten nach draußen, schloss die Tür hinter sich und dann, als er alleine war, als er glaubte eine dicke, riesige Mauer zwischen sich und sein Problem gebracht zu haben, beugte er sich hinab, stützte sich auf den Knien ab und kämpfte um das bisschen Fassung, das ihm noch geblieben war und das jetzt drohte, in sämtliche Einzelteile zu zerspringen. Er nahm einige lange, tiefe Atemzüge, rief sich ins Gedächtnis, dass der Mann drinnen ihn hören können würde, dass eine Tür alleine nicht reichte, um seinen Herzschlag zu verbergen, aber das sorgte nur dafür, dass der Schleier vor seinen Augen sich verdickte. Es dauerte einige unendliche, qualvolle Sekunden bis er sich aufrichten konnte, bis er die Falten seines Hemdes wegstrich, bis er sich durch die Haare fuhr, über die Augen rieb, bis er sich umdrehte und sich mit gemäßigten Schritten den Flur auf den Weg zur Küche machte. Nora, er würde jetzt Nora finden und das vermaledeite Blut besorgen und wenn er noch die Kraft dazu hatte, dann würde er mit ihr reden und dann würde er wissen wollen, wie lange sie schon wusste, dass sie einen Vampir beherbergte.
    • Vincent hatte nicht einmal mehr die Kraft, seinen Schmerzen Luft zu machen, geschweige denn sich gegen Thomas zu wehren. Und doch entschied sich der Mann dazu, ihn zum Sofa zu schleppen, anstatt ihn einfach zu töten. Aber das hatte Vincent wohl verdient. Thomas würde ihm keinen schnellen, schmerzlosen Tod gönnen, nicht nach all dem. Nein, Thomas schleifte ihn zurück zum Sofa und ließ ihn dort liegen, hungrig, sterbend. Allein.

      Nora verfluchte ihre zittrigen Hände. Nora verfluchte die Tränen, die ihr die Sicht verschleierten. Sie brauchte viel zu lange um das große Glas mit den letzten Resten Schweineblut, die sie vom Schlachter unten im Dorf hatten, zu füllen. Einen Teil hatte sie sogar schon in der Spüle verschüttet, so unachtsam war sie gewesen.
      Sie hatte es endlich geschafft, wollte gerade los zu Vincent, da erschreckte Dr. Van Helsing sie, indem er einfach auftauchte.
      "Wenn Sie ihn getötet haben, dann töte ich sie," fauchte sie.
      Es konnte keinen anderen Grund geben, warum der Mann auf einmal hier war und nicht drüben bei Vincent. Aber sie wollte ihn nicht wahrhaben. Vincent lebte, das konnte sie in ihren Adern spüren. Er war noch da, er musste einfach noch da sein.


    • Die Feindseligkeit von Nora kam unerwartet und Thomas blieb überrascht stehen. Die Frau war völlig aufgelöst, das konnte man auch erkennen, ohne dass das blutrote Glas in ihren Händen so gezittert hätte. Ihre Hände waren blutig. Irgendwie sah sie aus wie eine Mörderin, aber Thomas hatte keine Lust dazu, Detektiv zu spielen.
      Nach einem Moment setzte er sich in Bewegung und kam auf sie zu.
      "Nora, wenn er Sie irgendwie hintergangen hat, wenn er Sie erpresst oder... ich weiß auch nicht, wenn er Sie hier festhält, dann sagen Sie es mir. Er kann uns hier nicht hören, Sie können frei heraus reden."
      Er hoffte nur, dass das auch stimmte. Er hoffte auch, dass der Albtraum bald vorbei war.
      "Ich kann Ihnen helfen. Nur sagen Sie mir, ob er wirklich noch niemanden umgebracht hat. Sie können ganz ehrlich zu mir sein, wirklich."
      Er kam vor ihr zum Stehen und streckte die Hand fordernd aus.
      "Geben Sie mir das Glas, bevor Sie es noch fallen lassen. Und beruhigen Sie sich, tief Luft holen, ganz lang."
      Plötzlich war er froh um den Gefühlsausbruch der Haushälterin, der den Arzt in ihm hervorholte. Alles, nur nicht allzu schnell zurück in das Zimmer gehen.
    • Nora stellte das Glas bestimmt auf dem Küchentresen ab, anstatt es dem Mann vor ihr zu geben - einem Jäger, der sicherlich nicht zum Wohle von Vincent arbeitete.
      "Sie können sich Ihr Mitleid dahin stecken, wo der Mond nicht hinscheint," gab sie zurück und machte einen Schritt nach vorn, fiel in die persönliche Blase des Doktors ein und piekste ihm ihren Zeigefinger fest in die Brust.
      "Vincent ist ein weitaus besserer Mann als es ein Mensch je sein könnte! Sie wollen wissen, ob er mich hier festhält? Am Leben hält er mich! Seit fünfzig Jahren schon. Und nicht einmal wollte er etwas im Gegenzug. Er tut das für mich, was Ihre Medizin nicht kann. Ich weiß nicht, ob Vincent in der Vergangenheit getötet hat, aber wenn er sagt, er hat es nicht getan, dann glaube ich ihm das sofort und ohne jeden Zweifel. Er hat jeden einzelnen Bewohner dieses Anwesens gerettet. Nicht nur vor einer Gesellschaft, die uns nicht versteht. Er hat uns allen das Leben gerettet. Ziehen Sie ruhig Ihre Runden, verhören Sie wen auch immer sie wollen, aber Sie werden niemanden finden, der Vincent etwas Böses wünscht. Sie werden niemanden finden, der ihm nicht mit dem Leben vertraut."
      Nora straffte die Schultern und griff sich das Glas voller Schweineblut.
      "Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich muss meinem Freund helfen."
      Und damit verschwand sie aus der Küche und eilte zurück in den Salon, um genau das zu tun.

      Vincent blickte nicht auf, als Nora in den Raum geeilt kam. Er konnte nicht. Nicht einmal, als er den süßen Duft von Blut wahrnahm und ihm das Wasser im Mund zusammenlief.
      Sie musste ihm helfen, den Kopf zu heben. Sie musste ihm das Glas an die Lippen führen. Sie musste ihm sogar gutzureden, damit er es schaffte, unterzuschlucken. Das Blut schmeckte scheußlich. Er wollte es am Liebsten gleich wieder ausspucken. Sein Körper rebellierte gegen diese Falschheit, sehnte sich nach der wahren Quelle seiner Macht, doch Vincent blieb standhaft. Er zwang das Tierblut hinunter, zwang seinen Körper, damit zu arbeiten. Es war nicht genug, das wussten sowohl er, als auch Nora. Er war immer noch hungrig, ihm tat immer noch alles weh und auch wenn er sich wieder bewegen konnte, so wollte er es doch nicht. Und in nur ein paar Stunden würde er wieder genauso schwächlich aussehen, würde er wieder genauso laut an die Tür zum Tod klopfen.
      Nora stellte das Glas weg, blieb aber bei ihm. Sie strich ihm ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sie hielt seine Hand. Sie ließ ihn nicht allein.
      "Sie sind ein miserabler Freund, wissen Sie das?" fragte sie in Thomas Richtung, ohne den Blick von Vincent abzulassen. "Ich sehe doch, wie sie ihn ansehen. Und trotzdem stehen Sie da und tun so, als wollten Sie, dass er stirbt. Sie elender Heuchler. Haben Sie wenigstens den Schneid, ihm nicht auch noch das Herz zu brechen, bevor er stirbt. Ein paar Stunden werden sie ihn ja wohl anlügen können, oder?"


    • Das nächste Geheimnis, von dem Thomas bis dahin noch nicht einmal geahnt hatte, lüftete sich ungeahnt in der Küche, in dieser absurden Situation mit einem Blutglas auf dem Tresen und einem sterbenden Vampir ein paar Räume weiter. Thomas hätte beinahe lachen können, wenn er die Kraft dazu gehabt hätte; das ganze fühlte sich an, wie ein furchtbarer, schlechter Scherz. Stirbt ein Vampir im Salon nebenan, steht in der Küche ein Glas Blut, sagt die Frau...
      Aber es war kein Scherz und er lachte auch nicht, besonders nicht in Aussicht auf das, was Nora ihm erzählte. Sollten die Leute ihm nicht eigentlich dankbar sein, wenn er sie vor einem Vampir bewahrte? Sollten sie nicht aufgelöst sein und schockiert dreinblicken und sagen: "Sie haben mich gerettet, ich bin ja so froh!" Stattdessen wurden ihm plötzlich Vorwürfe gemacht, besagten Vampir töten zu wollen. Wollte er ihn überhaupt töten? Ja, das wollte er, daran bestand doch gar kein Zweifel (war er sich da sicher?). Er wollte aber auch, dass er zuerst das Blut trank (das machte dann aber doch keinen Sinn mehr). Es musste eben nicht immer alles schwarz und weiß sein (war es auch nicht).
      Er rührte sich nicht vom Fleck, als Nora sich von ihm trennte, entschieden das Glas schnappte und damit entschlossen aus der Küche marschierte. Nach einer Weile drehte er sich um und folgte ihr, weil er schließlich sichergehen musste, dass sie sich in keiner Gefahr befand (sicher).
      Er blieb im Türrahmen stehen, während er die gruselige Szenerie verfolgte, in der der Mann - Vincent, vielleicht sollte er den Namen nochmal aussprechen; V-i-n-c-e-n-t - das Blut trank. Thomas hätte fragen können, ob es wirklich Schweineblut war, ob sich alle Anwesenden sicher waren, dass es nicht doch Menschenblut war, aber er fragte nicht danach. Wenn er schon das nicht hinterfragte, wieso dann alles andere? Er wusste es nicht. Er stand im Türrahmen, verschränkte die Arme und starrte auf den Ma- auf Vincent.
      "Er ist ein Vampir", entgegnete er Nora, als wäre das die Antwort auf sämtliche Weltfragen. In gewisser Weise war es das für ihn, im Moment war das die Antwort seiner Welt. Seiner Welt, in der Vincent existiert hatte.
      Er verharrte noch immer unbeweglich an Ort und Stelle, dann trat er ein paar zögerliche Schritte in den Raum hinein. Vincent rührte sich nicht. Er sah absolut grausam aus. Sein Blick war benebelt und durch das Glas hatte er ein wenig Farbe zurück bekommen, aber es war noch gänzlich nicht genug, das konnte Thomas selbst dann noch sehen, wenn er nicht daran dachte, dass er ein Vampir war.
      Er blieb auf ausreichend Abstand stehen.
      "... Wieso trinkst du kein Menschenblut? Es wäre doch einfach, einfacher als... das hier. Und es würde dir helfen, vermute ich."
      Kommt ein Jäger in den Salon und fragt: Willst du ein bisschen Blut? Sagt der Vampir...
      Ihm war zum weinen zumute, aber dieses Mal befeuchteten sich seine Augen noch nicht einmal. Er fühlte sich merkwürdig leer.
    • "Einfach und richtig gehen nur selten Hand in Hand," krächzte Vincent.
      Er schaffte es sogar, sich ein Lächeln abzuringen.
      "Ich trinke kein Menschenblut, weil ich das Monster nicht mag, zu dem man mich gemacht hat. Ist es einfach? Nein. Schmeckt Schweineblut besser? Nicht einmal ansatzweise. Würde es mir die Kraft geben, die ich brauche, um diese verdammte Verletzung endlich zu heilen und mein Leben zu retten? Selbstverständlich."
      Vincent zuckte etwas umständlich mit den Schultern, versuchte seine sonst vorherrschende Gelassenheit wiederzuerlangen.
      "Mittlerweile müsstest du doch wissen, dass ich ziemlich stur bin, was meine Prinzipien angeht."
      Mit der wiedergewonnenen Kraft durch das Schweineblut richtete sich Vincent ein wenig auf. Er hatte nur wenig Lust dazu, hier rumzuhängen wie ein Invalider. Noch war er nicht tot, und solange ihm sein Körper noch gehorchte, würde er davon auch Gebrauch machen.
      Er legte eine Hand auf Noras und lächelte sie freundlich an.
      "Ich denke, du solltest gehen," sagte er sanft. "Was auch immer hier geschehen wird, ich will nicht, dass du es auf ewig mit dir herumschleppst."
      "Ich lasse dich nicht mit einem Jäger allein," gab sie zurück.
      "Das hast du in den letzten zwei Monaten sehr oft gesagt. Und du hast nur einmal richtig gelegen."
      "Und sieh, wohin dich das geführt hat."
      Vincent zog Nora an sich heran und küsste sie sanft auf ihren Scheitel. Ein Abschiedskuss.
      "Geh. Egal was passiert, du und die anderen seid versorgt. Mach dir keine Sorgen um mich. Ich bin zu stur zum Sterben, das weißt du doch."
      Vincent ignorierte die Tränen, die sich in Noras Augenwinkeln ansammelten, und lächelte. Täte er es nicht, würde er zeigen wie kaputt er bereits war, dann würde sie nicht gehen.
      Nora warf Thomas noch einen giftigen Blick zu; eine Warnung, dass er sich mit allen anlegte, die Vincent hier angestellt hatte, sollte er dem Hausherren wehtun. Dann verschwand sie. Kaum war die Tür zugefallen, ließ sich Vincent erschöpft gegen die Lehne sinken.
      "Und? Hast du schon entschieden, wie du mich umbringen wirst?" fragte er, aber da lag keine Bitterkeit in seiner Stimme, keine Wut.
      Er hatte sein Schicksal akzeptiert. Er konnte sich schlimmere Wege vorstellen zu sterben, als durch die Hand des Mannes, den er liebte.


    • ... Sagt der Vampir: Nein danke, ich mag das Monster nicht, das ich bin.
      Thomas schnaubte und wandte sich ab, als alles doch wieder emporzukommen drohte. Er tat so, als würde es ihn für einen Moment unglaublich interessieren, was auf dem Fußboden zu sehen war. Hübscher Teppich, der dort lag. War das ein Staubfusel? Kaum möglich, Nora putzte hier sicherlich regelmäßig, es wohnte schließlich ein Vampir im Haus.
      Als er sich wieder umdrehte, hatte Vincent sich ein wenig aufgerichtet und sah schon besser aus. Immernoch schlecht, immernoch scheiße, wenn er das so direkt sagen konnte, aber immerhin besser. Lebendiger, irgendwie. Waren Vampire überhaupt lebendig? Immerhin waren sie irgendwie tot.
      Er wurde Zeuge der nächsten komischen Situation, in der der Vampir seine Beute verabschiedete und die Beute mit brüchiger Stimme betonte, das Raubtier nicht mit einem Jäger allein lassen zu wollen. Vielleicht der nächste Scherz? Aber Thomas war nicht mehr dazu aufgelegt.
      Vincent war tatsächlich stur genug, noch immer auf das Menschenblut zu verzichten und noch immer das Wohl anderer an erster Stelle zu legen. Thomas fiel das Bild vom Vormittag ein, als der Mann die Mutter mit ihrem Kind begrüßt hatte, so herzlich, dass Thomas' erster Gedanke gewesen war, dass er vielleicht selbst Kinder wollte. Jetzt stand er dem selben Mann gegenüber und plante dessen Mord - Mord? Nein, Jagd. Er war ein Vampir, Thomas sollte das nicht vergessen.
      Als Nora gegangen war - nicht ohne eine wortlose Warnung an Thomas, die er in seinem inneren Aufruhr nicht sehr ernst nehmen konnte - kehrte ein kurzer Moment der Stille ein. Vincent fragte ihn, wie er plante ihn umzubringen und Thomas dachte sich, dass kein Lebewesen dieser Welt mit einer solchen Gleichgültigkeit über seinen eigenen Tod sprechen sollte.
      "Mein Messer liegt oben, mehr habe ich nicht dabei", erwiderte er klanglos. Auch er hatte Vincent niemals angelogen, auch er hatte nicht vor, das jetzt zu tun. Aber er rührte sich nicht. Es waren ja doch nur leere Worte, wie ihm auffiel.
      "... Was war das alles für dich? Sex? Mal schauen, ob der Vampir den Jäger verführen kann? Hört sich an wie ein schlechter Witz, wenn du mich fragst. Ich hätte gut auf die Pointe verzichten können."
      Er starrte auf den Mann hinab, rührte sich nicht vom Fleck. Sein Messer lag oben, es war lang genug. Vielleicht müsste er sich danach mit Nora herumschlagen, aber damit würde er schon fertig werden. Was hatte sie überhaupt damit gemeint, dass er sie am Leben erhielt? Er behielt sich die Frage allerdings für später auf, so wichtig war sie dann doch nicht, dass er nicht noch darauf warten könnte.
      Vincent wartete darauf, dass er sein Messer holen ging und Thomas bewegte sich nicht. Nach einem Moment des Blickkontakts, der äußerst unbefriedigend und kaum so intensiv war, wie man von der Situation hätte erwarten können, schnaubte er erneut.
      "Ich werde niemanden umbringen, nicht an Neujahr, das bringt Unglück. Ich glaube, ich möchte nachhause fahren. Ich werde mir am Morgen eine Kutsche besorgen."
      Er winkte knapp ab.
      "Bemüh dich nicht, ich werde im Bootshaus schlafen. Ich werde morgen früh nachhause fahren und meine Ausrüstung besorgen. Ich mag es nicht mit Messern zu töten, das ist so... blutig."
      Eine billige Ausrede, das wusste er selbst. Warum eine Ausrede? Weil er wirklich weg wollte. Weil er zum ersten Mal in seinem Leben die Flucht dem Kampf bevorzugte. Weil er nicht dazu bereit war, diesen Mann zu töten, nicht jetzt, nicht in dieser Nacht. Weil er erst nachdenken musste. Weil er erst nachdenken und sich beruhigen musste.
      "... Und trink noch was. Du siehst fürchterlich aus."
    • Vincent lachte, seine Kehle brannte, aber er lachte.
      "Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du ein jämmerlicher Lügner bist, hm?"
      Er hievte sich von der Couch, hob abwehrend die Hände als er Thomas zucken sah, und schlurfte hinüber zur Minibar, wo er sich einen neuen Drink einschenkte. Dass er dabei mit dem Rücken zu Thomas stand sollte ihn vielleicht nervös machen, aber das tat es nicht. Vincent wusste mit voller Sicherheit, dass Thomas ihm nichts tun würde.
      "Jemanden an Neujahr zu töten bringt Unglück. Mit Messern töten ist dir zu blutig."
      Er seufzte und drehte sich zu Thomas um.
      "Ich habe dich einen Jungvampir mit einem Buttermesser umbringen sehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Mitten in der Stadt, wo dich jeder mit blutbesudeltem Anzug hätte sehen können. Was? Bist du wirklich überrascht, dass ich deine Auseinandersetzung mit Charles beobachtet habe? Als wir draußen eine rauchen waren, habe ich ihm gesagt, die Finger von den Anwesenden zu lassen. Ich habe ihm gesagt, dass er Cambridge verlassen soll, weil es mein Jagdgebiet ist. Was es nicht ist, also guck nicht so angegriffen. Wenn du erst noch ein paar Zielübungen mit deinen Silberkugeln - sobald du dir die gekauft oder von Stephen hast schicken lassen - machen willst, dann kann ich dir deinen eigenen Vorgarten nur empfehlen. Cambridge wird gerade von Jungvampiren überrannt und du siehst es nicht. Wenn du Adressen willst, sag Bescheid, ich besorge sie dir. Niemand kann ein Rudel dieser kleinen Scheißer gebrauchen, wenn sie nicht von jemandem kontrolliert werden."
      Vincent kippte seinen Drink in einem Schwung hinunter und stellte das Glas beiseite. Im nächsten Augenblick stand er direkt vor Thomas, nur wenige Zentimeter von ihm entfernt. Der Geruch von Zimt füllte seine Nase, so verführerisch, so verlockend. Ein Teil von Vincent wollte zubeißen. Ein Teil von Vincent wollte diese sanften Lippen küssen.
      "Für mich war es nie nur Sex. Für mich war es nie nur ein Spiel."
      Er hielt den Augenkontakt mit Thomas, ignorierte dessen rasenden Puls, der ihn praktisch ansprang.
      "Das hier, das zwischen uns, war nie ein Witz für mich. Ich habe selten etwas so ernst gemeint wie uns. Selbst jetzt kann ich nur darüber nachdenken, dich zu küssen. Dich in meinen Armen zu halten. Aber das kann ich nicht, weil es dich zerbrechen würde. Und ich kann dich nicht zerbrechen, denn das würde mich zerstören. Als ich gesagt habe, dass ich mich in dich verliebt habe, war das nichts als die Wahrheit. Ich liebe dich, Thomas. Und wenn mich diese Liebe umbringen sollte, dann sterbe ich mit einem Lächeln auf den Lippen."
      Einen Moment noch stand er da, sagte kein Wort. Dann trat er zurück und gab Thomas den Raum, den der Mann so sehr haben wollte.
      "Nora hat dein Gepäck eben an der Tür abgestellt. Sie wird dir morgen ein Frühstück bereitstellen und eine Kutsche ordern. Wenn du nichts aus diesem Haushalt essen willst: unten im Dorf gibt es einen Bäckerladen, der recht beliebt ist."
      Vincent ließ den Jäger stehen, verließ seinen Salon und kämpfte sich die Stufen zu seinem Schlafzimmer hinauf, wo er sich erschöpft in sein Bett fallen ließ, auch wenn die Nacht gerade erst begonnen hatte. Selbst wenn sein Körper sich spontan dazu entscheiden sollte, zu kooperieren, er war emotional ausgelaugt. Er verfluchte sich dafür, dieses Thema nicht eleganter angeschnitten zu haben. Er verfluchte Stephen dafür, ihm diese Entscheidung zum Teil genommen zu haben. Er verfluchte seinen Erschaffer dafür, all das hier überhaupt erst möglich gemacht zu haben.
      Vincent rollte sich auf die Seite, griff sich ein Kissen und schlang die Arme darum, klammerte sich daran wie ein Ertrinkender an einen Rettungsreifen. Er hatte nichts von all dem gewollt, angefangen an dem Punkt, an dem sein professionelles Interesse zu persönlichem Interesse geworden war. Es tat weh. All das hier tat weh. Vincent hatte Schmerzen, von denen er lange Zeit gedacht hatte, er sei immun dagegen. Dafür, dass er so ein Monster sein sollte, fühlte er sich gerade ziemlich menschlich.


    • Thomas verzog das Gesicht, unschlüssig darüber, wann sie denn nun in einen so offensichtlichen Plauschton verfallen waren. Man hätte meinen können, dass es hier um Nichtigkeiten wie einen vergangenen Streit über Liebesbeziehungen ging oder vielleicht über nichtgezahlte Miete, aber es ging schließlich darum, dass Thomas den Vampir töten würde. Oder etwa doch nicht töten würde? Er presste die Lippen aufeinander und verkniff sich einen Kommentar, dass er durchaus kein schlechter Lügner war, weil er überhaupt nicht lügen musste, weil er ihn tatsächlich nicht heute umbringen wollte und auch nicht mit einem Messer - das wäre immerhin wirklich blutig, nicht wahr? - und so wie es aussah auch nicht morgen, denn dann würde er nachhause fahren und seine Ausrüstung besorgen. Aber dann würde er wiederkommen und sein Leben beenden.
      Oder?
      Er zuckte zusammen, als Vincent sich doch wieder erhob, halb alarmiert durch seine Unvorsichtigkeit, halb alarmiert, dass Vincent ja doch wieder genügend Kraft bekommen zu haben schien, um aufzustehen. Er machte sich einen weiteren Drink an der Minibar und für den Bruchteil einer Sekunde fragte Thomas sich, ob Vampire betrunken werden konnten. Die Frage konnte ja aber kaum wichtig genug sein, um das Geschehen ringsherum zu übertönen.
      Als Vincent weiter von der Auseinandersetzung mit Charles berichtete, spürte Thomas seine eigenen Augen groß werden. Er wusste nicht nur davon, er hatte ihn beobachtet? Wie er sich mit dem Vampir im Dreck gewälzt hatte, wie er sich an die Wand hatte pressen lassen, wie er ihm das Messer in den Rücken gestochen hatte? Mit der Erinnerung kamen gleichzeitig mehrere Unklarheiten ans Licht, die merkwürdige Faszination von Charles für Vincent, wie er ihn beobachtet hatte, wie Vincent später den Schmerz aus Thomas' Körper massiert hatte, von dem er ganz anscheinend genau wusste, wo er sich befunden hatte. Es machte alles einen perversen, einleuchtenden Sinn und Thomas erkannte, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, wie blind er doch gewesen war. Wie viele Zeichen er doch einfach übersehen hatte! Vincents Symptome bei Silber, Herrgott! Er konnte dem Mann so lange vorwerfen, ihn hinters Licht geführt zu haben, letzten Endes lag es an Thomas, dass er sich hinters Licht führen gelassen hatte. Die Zeichen waren dagewesen, allesamt, von Anfang an. Stephen hatte immer Recht gehabt. Es war Thomas, der - was gewesen war?
      Der zu verliebt gewesen war. Der nichts davon gesehen hatte, weil Vincents Welt aus hübschen blauen Augen, charmanten Lächeln und verführerischen Liebkosungen bestanden hatte. Er hatte Vincent gesehen, wie er sich an ihn schmiegte, wie er ihn ansah, wie er ihn anlachte und alles andere war egal gewesen. Die Welt hätte um sie herum untergehen können und Thomas hätte nur Augen für Vincent gehabt.
      In gewisser Weise war die Welt jetzt sogar untergegangen.
      Er zuckte erneut, als Vincent plötzlich zu ihm kam; anscheinend hatte er beschlossen, seine übermenschlichen Attribute nicht länger im Zaum zu halten. Ein Frösteln überkam Thomas, als ihm bewusst wurde, wie nah er diesem Vampir immer gewesen war, Vincent hin oder her. Er hätte Thomas überwältigen können, jederzeit. Er hätte zubeißen können, immer. Er hätte ihn erwürgen können, mit nur einem Griff und Thomas hätte nichts davon begriffen, ehe es zu spät gewesen wäre. Er hatte nie Silber zu Vincent mitgebracht. Er war ihm, zu jeder Zeit, vollkommen ausgeliefert gewesen.
      Was sagte es darüber aus, dass er dennoch noch lebte? Dass Vincent sich nicht nur zurückgehalten hatte, dass er ihn sogar geküsst hatte, dass er ihn berührt hatte, sanft genug, als wäre Thomas etwas unheimlich kostbares gewesen?
      Er wich Vincents Blick aus, er wollte jetzt nicht mehr darüber nachdenken, er wollte kein einziges Wort mehr davon hören. Zu seiner nicht geringen Erleichterung beließ auch der Vampir es dabei und trat wieder einen Schritt zurück, was sein Herz ungemein aufatmen ließ. Er rührte sich nicht und hob auch den Blick nicht, als Vincent nach draußen ging. Er blieb für eine lange Zeit dort stehen und als er sich sicher war, absolut sicher, dass der Vampir im oberen Geschoss verschwunden und nicht so schnell zwischen ihm und dem Ausgang stehen könnte, schlich er nach draußen, warf sich seinen Mantel über und schnappte sich sein Gepäck.
      Nora war nicht dort, um ihm zu helfen.
      Vincent war verschwunden.

      In der Nacht fand er keinen Schlaf und das lag nicht daran, dass der kleine Raum im Bootshaus eine halbe Stunde brauchte, um auf eine angenehme Temperatur aufzuheizen, oder dass die Bretter im Wind manchmal so knarzten, als wären es Schritte. Er hatte sich eine Unterlage auf dem Boden gebaut, nachdem er nicht auf dem selben Sofa liegen wollte, mit dem er am Mittag schon mit Vincent gesessen hatte, und drehte sich dort zwischen einem Haufen Kissen und Decken unablässig herum. Er war müde, verwirrt, aufgebracht, entsetzt, erschüttert, traurig. Er vermisste Vincent und er wollte ihn töten. Er wollte ihn nicht töten, aber er musste ihn töten. Er musste ihn nicht töten, aber er wollte ihn töten müssen. Er wollte, dass er lebte und starb, aber er wollte nicht, dass er starb und er wollte auch nicht, dass er lebte. Er wusste nicht, was er wollte. Er starrte in die Dunkelheit des Raumes hinein und dann hinaus auf einen von Schnee bedeckten See und dachte sich, dass ihm dafür, dass der Raum schon recht warm war, entsetzlich kalt war.

      Am Morgen waren von den vielen Gefühlen kaum welche übrig geblieben als seine gesteigerte Müdigkeit und jetzt eine große Schicht an Resignation, in die er sich wie in einen Schal hüllte. Er umrundete das Anwesen, immer einen Blick auf die verhangenen Fenster des ersten Stockes geworfen - selbst das hatte er irgendwann als Eigenart von Vincent abgetan, dabei lag alles so offensichtlich vor seinen Augen! - und fand die versprochene Kutsche in der Auffahrt. Vor dem Eingang standen ein paar eingepackte Brote, Nora hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass Thomas hereinkommen würde und das tat er auch nicht. Was, wenn Vincent wach wäre? ... Aber er würde nicht wach sein, er würde bewusstlos sein. Er hatte immer schon wie ein Toter geschlafen, auch das hatte Thomas als Eigenart abgetan.
      Er seufzte, nahm sich das eingepackte Frühstück und stieg in die Kutsche. Der Kutschführer, ein älterer Mann mit Bart, bei dem man nicht erkennen konnte, wo der Bart aufhörte und der Schal anfing, begrüßte ihn mit einem herzlichen "Frohes Neues, der Herr!", das Thomas mit dem resignierten Äquivalent dazu erwiderte. Er schlug die Tür zu, dann konzentrierte er sich auf sein Frühstück, bis die Einfahrt von Vincents Anwesen vollständig verschwunden war. Erst dann beobachtete er die vorbeiziehende Landschaft vor dem Fenster und fragte sich, ob das Jahr noch "froher" werden konnte.

      Als er wegen dem Schneegestöber am Nachmittag erst in Cambridge ankam, war er hauptsächlich nur noch müde als alles andere. Er konnte nicht nicht über Vincent nachdenken, aber bisher waren alle seine Gedankengänge alles andere als von Erfolg gekrönt. Er war noch auf kein Ergebnis gekommen, wie er die Lage handhaben wollte und überlegte sich daher, die letzten Tage seines Urlaubs einfach nur damit zu verbringen: Mit Urlaub. Er könnte sich ins Wohnzimmer setzen und ein bisschen lesen, er hatte schließlich das neue Buch über -
      Ach nein, das hatte er ja von Vincent geschenkt bekommen. Dann würde er eben etwas anderes lesen. ... Oder vielleicht auch gar nichts lesen, nachdem er sich sicher war, dass Bücher nach Vincent riechen würden. Er könnte in ein Konzert gehen? Aber eigentlich wollte er das Haus nicht verlassen. Den ganzen Tag herumgammeln, im besten Fall noch in bequemen Klamotten und gar nichts tun.
      ... So wie er es bei Vincent immer getan hatte.
      Vielleicht würde er auch einfach früher wieder mit der Arbeit anfangen. Das war doch keine so schlechte Idee, wenn er es sich recht überlegte.
      Er stieg vor seinem Haus aus und bezahlte den Fahrer, dann ging er zur Tür und schloss auf. Sie war nicht verschlossen. Er drückte die Klinke herunter und trat ein.

      Kaum als er einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, drang ein Geruch an seine Nase, der ihn augenblicklich an Ort und Stelle fesselte. Er war süßlich-beißend, äußerst prägnant und erinnerte Thomas schlagartig an verschiedenste Etappen seiner beruflichen Laufbahn, nicht zuletzt an ein Leichenhaus und an seine kurze Zeit als Feldarzt. Seine Nackenhaare stellten sich zu Berge. Sein natürlicher Instinkt war es, wieder nach draußen zu gehen, sein Jägerinstinkt zog ihn weiter in das Haus hinein. Vergessen war seine Müdigkeit und die Gedanken um Vincent, die ihn bis vor einer Minute noch beherrscht hatten.
      Er ging vollständig hinein und schloss die Tür hinter sich. Das Haus war still, die Vorhänge waren zugezogen. Er starrte in die seichte Dunkelheit und tastete nach seinem Messer.
      "Hallo?"
      Seine Stimme verhallte im Flur. Das ungewohnte Echo machte ihn nervös, aber dann erinnerte er sich, dass schließlich der Teppich verschwunden war, auf dem Vincent abgestochen worden war.
      "Beth?"
      Keine Antwort. Er drehte das Messer in der Hand, packte fest zu und dann wartete er. Niemand kannte dieses Haus so gut wie er und wenn sich auch nur eine Mücke bewegt hätte, war er fest überzeugt, es zu hören.
      Er wartete lange, wie lange wusste er nicht. Als er sich schließlich doch irgendwann in Bewegung setzte, kamen seine eigenen Schritte ihm dröhend laut vor.
      Er ging ins Wohnzimmer und sah hinein. Er ging ins Esszimmer und sah hinein. Dann ging er zur Küche und blieb dort wie angewurzelt stehen.

      Sie lag auf dem Rücken, die Augen halb geöffnet, ein Arm neben ihrem Kopf, der andere über ihre verdrehte Hüfte. Ihr Kleid war mit Blut besprenkelt, die größte Pfütze lag in schleimigen Klumpen unter ihr. Ihr Mund war aufgefallen, der Kiefer ausgerenkt, sie sah aus, als würde sie gleich schreien wollen. Vielleicht hatte sie auch geschrien. Ein paar Fliegen schwirrten über ihr herum, kletterten in die dunkle Höhle ihres Mundes, über ihre Augäpfel hinweg. Er starrte sie unbewegt an.
      "... Beth?"
      Seine Stimme schien ihm unheimlich laut und riss in gleichzeitig von dem Anblick los und in die Realität zurück. Er warf einen Blick in die Küche, in alle Ecken, dann wandte er sich ab und durchsuchte auch den Rest des Hauses. Er ging ins Obergeschoss, machte alle Türen auf, sah in alle Schränke, unter die Betten, in die Abstellkammer, riss sämtliche Gardinen auf. Er durchsuchte auch den Keller und wiederholte die ganze Routine ein zweites Mal, weil er nicht zurück in die Küche gehen wollte. Erst, als er sich absolut sicher war, dass nicht ein Lebewesen in diesem Haus war, ging er zurück.
      Sie lag immer noch so da, so wie er sie gefunden hatte. Irgendwie hätte er sich erhofft, dass sie sich bewegt hätte, dass sie irgendein Anzeichen von sich gegeben hätte, nicht wie eine Statue zu sein. Der Geruch war hier noch viel unerträglicher, auch wenn er bereits das ganze Haus verpestet hatte. Thomas tränten davon die Augen.
      Er steckte das Messer weg, stieg vorsichtig über sie hinweg, schnappte sich sämtliche Geschirrtücher und fing damit an, Blut aufzuwischen. Als er das meiste vom Boden beseitigt und sich zu ihr knien konnte, fiel ihm auf, dass er Handschuhe brauchte. Er stand wieder auf. Er ging nach draußen. Er ging ins Bad. Er wusch sich die Hände. Er zog sich Handschuhe an. Er ging zurück. Er kniete sich wieder neben sie. Als er sich weiter mit dem Blut beschäftigte, fielen ihm erst die Bissspuren auf, an ihrem Hals, an ihren Armen, sogar an ihren Beinen. Ihre Nägel waren blutig und eingerissen. Ihr Kleid war an manchen Stellen zerrissen. Lose Haarbüschel lagen auf dem Boden. Blutige Fußspuren. Er würde mehr Blut finden, wenn er einmal den Kopf hob und sich in der Küche umsah, dessen war er sich sicher - aber das tat er nicht. Er ließ sich vollständig auf den Boden sinken, legte die blutigen Geschirrtüchter beiseite und starrte Beths Leiche an.
      Jetzt fühlte er gar nichts mehr.
    • Vincent konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so viel von sich in eine Beziehung hineingegeben hatte. Wann er das letzte Mal so offen mit seinem Wesen gewesen war. Wann es das letzte Mal so wehgetan hatte, wenn jemand nicht mehr auftauchte.
      Nora kümmerte sich rührend um ihn in jener Nacht. Sie machte ihm keine Vorwürfe, versuchte nicht, ihn aufzubauen. Tatsächlich sagte sie überhaupt nichts. Sie stellte einfach nur sicher, dass er noch da war, noch am Leben war, und ließ ihn ansonsten in Ruhe. Sie saß im Sessel, er lag im Bett, die Stille beherrschte den Raum. Als der Sonnenaufgang kam, wehrte sich Vincent nicht gegen den Willen seines Körpers, wohlwissend dass er keinen Grund mehr dazu hatte.

      Die folgende Nacht war nicht viel besser, auch wenn sich Vincent aus seinem Bett und in einen Anzug zwang. Er beendete die Arbeit in seiner Bibliothek, die er unterbrochen hatte als Thomas vorbeigekommen war. Zwei Tage und es fühlte sich länger an als die letzten zwei Jahrhunderte.
      Ein paar Bücher zu sortieren war aber nicht Ablenkung genug, also wühlte er sich noch einmal durch seine Regale, stapelte Ausgabe um Ausgabe auf den Sofas. Nebenher arbeitete er an einer Liste mit weiteren Titeln. Sobald er herausfand, dass er ein bestimmtes Buch nicht hatte, landete der Titel auf der dem halb zerknüllten Blatt Papier, seine Handschrift wüst und gehetzt, als sei er in Eile. Er wusste nicht einmal, warum er diese Liste überhaupt machte. Warum er sich die Mühe mit all diesen Büchern überhaupt machte. Warum arbeitete er immer noch an diesem Projekt, diesem Gefallen den er Thomas machen wollte? Ein paar ausländische Bücher über Vampire würden den Mann wohl kaum zurückholen.
      "Wie fühlst du dich?" fragte Nora, als sie ihn nach einigen Stunden in seiner Bibliothek fand.
      Er saß auf dem Sofa, umringt von Büchern. In seiner Hand hielt er die Liste. Diese verdammte Liste. Er hatte die Faust um das Blatt Papier geschlossen, als könnte er es dazu zwingen, ihm Thomas zurückzugeben.
      "Überraschend gut, bedenkt man, dass ich an einer Silbervergiftung sterbe. Ich spüre es nicht einmal," antwortete Vincent.
      Das war die Wahrheit. Vincent hatte die ganze Nacht noch keine Probleme gehabt. Da war kein Schmerz in seiner Flanke, die Müdigkeit hielt sich im Zaum und seine Haut war ihm nicht mehr zu eng. Stattdessen war da dieser tiefsitzende, pulsierende Schmerz in seiner Brust. Ein Schmerz, der ihm nicht unbekannt war, aber den er lange vergessen hatte.
      Vincent ließ den Kopf auf die Armlehne sinken und starrte in das Feuer des Kamins.
      "Ich vermisse ihn," murmelte er. "Er ist keinen ganzen Tag weg und ich vermisse ihn."

      Vincent hatte nicht so lange überlebt, indem er einfach so aufgab. Er erlaubte sich eine einzige Nacht, um in Selbstmitleid zu baden und sein gebrochenes Herz wieder zusammenzusetzen. In den Nächten danach machte er sich wieder an die Arbeit und das motivierter als jemals zuvor. Er verschwand für Stunden in seinem Keller, manchmal in seinem Arbeitszimmer, seltener noch in seiner Bibliothek. Nora bekam ihn kaum zu Gesicht, ganz zu schweigen vom Rest seiner Belegschaft. Vincent hatte Pläne und jetzt, wo seine Tage gezählt waren, musste er dafür sorgen, dass diese Pläne auch in Erfüllung gingen. Er konnte es sich nicht mehr leisten, auf das Beste zu hoffen. Aber einfach loslegen konnte er auch nicht.
      Vincent arbeitete sich durch alles an Wissen, was er gesammelt hatte, nachdem er in Harker Heights eingezogen war. Dabei fokussierte er sich aber nicht auf die großen Wissenschaftler dieser Zeit, nein. Er hatte ein anderes Ziel, ein wichtigeres Ziel. Ein Ziel, das Noras Einkaufsliste immer seltsamer aussehen ließ und nach und nach einige Lieferungen aus anderen Städten erforderte. Aber Vincent war das egal, er brauchte alles, was er kriegen konnte, in seinem Arsenal, um diese eine Sache zu tun, um diesen einen Plan in die Tat um zusetzen, um dieses eine lose Ende zu beheben, bevor er es nicht mehr konnte. Ein netter Nebeneffekt war es, dass er keine Zeit mehr hatte, um über einen gewissen Mann nachzudenken. Er hatte keine Zeit, sich vorzustellen, wie sich die Haut des Mannes unter seinen Fingern angefühlt hatte. Er hatte keine Zeit sich daran zu erinnern, wie die Lippen des Mannes geschmeckt hatten. Vincent konnte sich keine einzige Minute Zeit nehmen, denn wenn er das tat, dann überfielen ihn seine eigenen Gedanken und Erinnerungen mich solcher Gewalt, dass er vergaß, warum er all das hier überhaupt tat.

      Ihm ging es nicht wirklich besser. Ihm ging es aber auch nicht viel schlechter. Zumindest nicht aus seiner Sicht. Sicher, er hatte mittlerweile beinahe immer ein Glas Schweineblut neben sich stehen, aber das war schon in Ordnung. Als er an diesem Morgen müde wurde, machte er sich nicht einmal mehr die Mühe, in sein Schlafzimmer zu schlurfen. Er hatte die letzten paar Tage hier unten in seinem Keller geschlafen, das würde er auch heute tun.
      Vincent leerte sein Glas Schweineblut in einem schnellen Zug, dann schlug er das schwere, alte Buch zu, das er gerade am Lesen war. Er stand auf, machte die wenigen Schritte hinüber zu dem alten, zerschlissenen Sofa und war schon eingeschlafen, bevor sein Kopf das Kissen berührte. Eine Stunde später kam Nora herunter, deckte ihn mit der dünnen Decke zu und nahm das Glas mit in die Küche. Dieser Tage war die Sorgenfalte auf ihrer Stirn fester Bestandteil ihrer Miene.
      Einmal. Einmal hätte sie es fast geschafft, Vincent menschliches Blut unterzujubeln. Sie hatte sich geschnitten, als sie Abendessen gemacht hatte. Das Glas Schweineblut hatte schon bereit gestanden. Ohne groß darüber nachzudenken hatte sie ein paar Topfen aus ihrem Finger in das Glas fallen lassen, hoffend, dass es genug sei um Vincent irgendwie zu helfen. Aber er hatte es gerochen, hatte ihr gesagt dass er es nicht tun würde. Sie hatte nichts erwidert und ihm einfach ein neues Glas gemacht. Welche andere Wahl hatte sie schon?
      "Ich hoffe, du findest Frieden in dem, was du tust," murmelte sie an diesem Morgen, bevor sie Vincent allein ließ.


    • Er riss die Gardinen vom Wohnzimmer runter und wickelte sie darin ein.
      Nach der ersten Schockstarre, derer er sich diagnostiziert hatte - Vorsicht, Selbstdiagnosen sind gefährlich - hatte sein Gehirn endlich wieder angefangen zu arbeiten.
      Todeszeitpunkt etwa vor 16 Stunden. Es war ein Vampir gewesen, vielleicht auch mehrere, und sie hatte sich gewehrt. Thomas hatte ihr Selbstverteidigung beigebracht, das brachte er jedem Angestellten bei, denn sein Job war lebensgefährlich und konnte auf Bekannte übergreifen, und die hatte sie ganz offensichtlich eingesetzt, womöglich sogar einen von ihnen verletzt. Es gab ausschließlich Silber im Haus, schon möglich, dass sie es geschafft hatte. Andererseits war die gute Elizabeth schon über 60 und Thomas wusste um ihr Rückenleiden zu gut Bescheid.
      War gewesen. Elizabeth war über 60 gewesen. Er stockte, raufte sich die Haare und machte dann weiter.
      Es war unwahrscheinlich, dass sie in der Nacht von Silvester vor die Tür gegangen wäre, daher musste der Vampir reingekommen sein. Hier wurde es gefährlich, denn Vampire waren keine Einbrecher, sie mussten sogar hereingebeten werden. Welchen Grund könnte Beth, die alleine zu Hause war, gehabt haben, jemanden hereinzubeten?
      Sie hatte ihn gekannt. Er hatte sich als jemanden ausgegeben, den sie gekannt hatte. Er hatte sie um Hilfe gebeten und sie hatte Mitleid mit ihm gehabt. Er hatte sie überredet. Vielleicht erpresst? Bedroht? Welchen Grund könnte ein Vampir haben, um sich Einlass bei einer älteren Frau zu erzwingen und sie dann umzubringen?
      Außer, dass das gar nicht der Plan gewesen war. Schließlich wohnte auch nicht Beth hier, sondern Thomas. Das war das Anwesen von van Helsing und Thomas war bekanntlich niemals übers Neujahr weg. Überhaupt, wann war er jemals außerhalb von Cambridge, bis auf die wenigen Besuche bei Vincent?
      Er stockte wieder in seinen Bewegungen, dann machte er weiter. Ihren Kopf wickelte er als erstes ein, damit die Fliegen aufhörten in ihre Körperöffnungen zu kriechen und dann verband er den Rest ihres Körpers einer Mumie gleich. Er hätte Zuhause sein müssen und er war nicht Zuhause gewesen. Wo war er? Bei Vincent. Bei einem Vampir.
      Wieder ein Stocken, dann machte er weiter. Es stand absolut nicht in Frage, ob Vincent etwas damit zu tun gehabt hatte. Welchen Grund hätte er dafür, welches Motiv? Thomas schüttelte den Kopf. Sein Gehirn versuchte jetzt, das vorher erlebte Trauma mit dem neuen zu verknüpfen und das gefiel ihm gar nicht. Er dachte an Vincent und starrte derweil auf die Bissspuren an Beths Beinen, während er sie einwickelte. Er dachte darüber nach, was der Vampir ihm erzählt hatte, von wegen dass er keinen einzigen Mord begannen hatte und auch nicht plante, jemals Menschenblut zu trinken. Er dachte über vieles nach. Die Arbeit war so eintönig, schon fast so vertraut, dass er dabei ganz vergaß, Beth zu betrauern.
      Er konnte sie nirgends vergraben, denn abgesehen von dem ganzen Schnee, durch den er sich hätte graben müssen, war der Boden sicherlich zugefroren. Er bräuchte Tage, um ein großes Loch auszuheben und wo sollte er dabei die Leiche aufbewahren, etwa im Haus? Im Garten? Nein, das war unmöglich - also musste er den offiziellen Weg gehen und ihren Tod melden.
      Als er sie allerdings verbunden und das Blut einigermaßen gereinigt hatte, fing es bereits an zu dämmern und erinnerte ihn schlagartig daran, dass es bald dunkel sein würde. Er würde hier nicht bleiben, nicht mit Beth im Haus, nicht mit dem Gestank, nicht mit irgendeinem Vampir dort draußen, der jeden Moment aufwachte und sich auf die Suche nach dem nächsten Opfer machte - vielleicht sogar zurückkam. Hatte Vincent nicht etwas von einem Nest gesagt? Vermutlich gab es eins. Vermutlich war Thomas die letzten Wochen so in den Mann vernarrt gewesen, dass er seine Jagd vernachlässigt hatte.
      Er ging durch das Haus und riss in einem spontanen Geistesblitz sämtliche Gardinen von den Fenstern herunter, bevor er sie in den Keller verfrachtete. Wieso gab es die hohen Fenster überhaupt, wenn man die Vorhänge zuziehen konnte? Lieber offen lassen und keine Möglichkeit bieten, dass ein Vampir auch am Tag hier überleben konnte.
      Nicht einmal Vincent.
      Er schüttelte den Kopf, dann packte er sein ungeöffnetes Gepäck und ging nach draußen.

      Er kam bei Hughes Purrles in der Innenstadt unter, der ganz erfreut über sein plötzliches Auftreten war und ihn überschwänglich hereinbat.
      "Thomas, wie schön! Aber natürlich kannst du für eine Nacht bleiben, nicht wahr, Anne?"
      "Ich weiß nicht!", kam es aus der Küche. "Haben wir auf dem Sofa noch Platz?"
      "Bestimmt. Komm rein, Thomas - frohes Neues!"
      "Frohes Neues."
      Er lächelte kalt, während er eintrat.
      "Möchtest du ein Bier? Ich hoffe, es ist doch nichts schlimmes passiert."
      "Nur ein Vorfall."
      "Ach, na sowas hat man nicht gern. Komm nur rein, du kennst doch den Weg. Wo ist denn dein Freund abgeblieben?"
      Er blinzelte.
      "Freund?"
      Hughes zwinkerte ihm zu.
      "Na Vincent. Vincent Harker? Sag mir nicht, du hast vergessen, mit was für einer Berühmtheit du befreundet bist!"
      Thomas zuckte zusammen, aber Hughes hatte sich gerade von ihm abgewandt und sah es nicht.
      "Doch. Er ist... Zuhause. Denke ich."
      "Dann sag ihm doch, dass er wieder vorbeikommen soll, wenn er mal in Cambridge ist. Ich habe diesen Keller nicht umsonst eingerichtet, weißt du?"
      "Werde ich."
      Ihm war mit einem Mal der Hunger vergangen.
      Sie tranken und Thomas ließ sich von Hughes bequatschen, während seine Frau das Sofa herrichtete. Er erzählte, was für ein Fest sie zu Silvester hatten, aber dass er nicht so lange bleiben konnte, weil er schließlich am Montag wieder arbeiten müsse. Er fragte, was Thomas denn gemacht hätte und der lächelte nur schwach.
      "Nichts besonderes. Nur gegessen, ein bisschen" gestritten "... gelesen. Ich bin früh ins Bett."
      "Ja ja, man hat eben auch als Arzt nicht frei, was?"
      "Keineswegs."
      Er legte sich später auf das Sofa und lauschte dem fernen Ticken einer Uhr, während hinter den Vorhängen sanftes Laternenlicht von der Straße hereinfiel. Er dachte an Vincent und an Beth, aber letzten Endes hatte sein Emotionsausbruch bei Vincent wohl sämtliche Kraft für eben solche Emotionen hinweggespült. Er fühlte sich apathisch. Schließlich dachte er an gar nichts mehr und als er einschlief, war er sich für lange Zeit nicht sicher, wie es jetzt weitergehen sollte.

      Er meldete Beths Tod an. Die Polizei kam zu seinem Haus und untersuchten den Tatort und ihre Leiche. Er kannte die meisten von ihnen durch seine Bekanntschaften über Darcy und besonders den Detective Inspector, aber an diesem Tag halfen ihm seine Verbindungen tatsächlich nicht viel weiter.
      "Das sieht wirklich schlecht für dich aus, Thomas."
      Harry hieß er und war ein schlanker, hochgewachsener Mann, der zwar weiche Gesichtszüge hatte, die er aber binnen eines Herzschlags in scharfe Kanten verwandeln konnte, wenn er denn wollte. Im Moment sah er höchstens betroffen aus, als er von seinem kleinen Büchlein, in das er schrieb, aufsah und Thomas musterte.
      "Eine tote Haushälterin, allein zu Hause. Ihr beide habt die einzigen Schlüssel. Sonst war keiner da. Keine Zeugen, keine Nachbarn, keine anderen Angestellten."
      "Ich weiß."
      "Und du behauptest, nicht Zuhause gewesen zu sein."
      "Mhm."
      "Was ist mit Darcy?"
      "Ist bei ihrem Bruder."
      Harry sah zurück auf seine Notizen, dann seufzte er.
      "Das sieht wirklich schlecht aus. Wir werden dich mit auf die Wache nehmen müssen, Thomas. Wenn du nicht beweisen kannst, dass du-"
      "Doch." Er wusste gar nicht, was er sagte. "Doch, kann ich."
      "Du hast mich doch gar nicht ausreden lassen."
      "Ich kann beweisen, dass ich nicht Zuhause gewesen war. Das wolltest du doch sagen, oder nicht?"
      Harry musterte ihn, dann nickte er.
      "Ich war bei Vincent Harker über Silvester. Er kann es bezeugen."
      Harry nickte und schrieb.
      "Vincent Harker...?"
      "Von Harker Heights."
      Da hörte der Mann auf zu schreiben und sah auf.
      "... Der Vincent Harker? Lord Harker?"
      Irgendwie glaubte Thomas, dass sein Herz bald anfangen würde zu schmerzen, wenn er den Namen noch weiter hörte.
      "Ja. Der."
      "Macht er jetzt auch Silvesterpartys? Ich dachte das wäre nur Hollow's Eve."
      "Tut er auch nicht. Wir sind befreundet."
      Harry starrte ihn für einen Moment fast glubschäugig an und Thomas dachte sich, dass er noch nie so große Augen an dem Mann gesehen hatte. Irgendwie war das ganz süß.
      ... Was dachte er sich eigentlich?
      "Das ist ja mal was neues. Ich glaube dir das sogar. Ich meine, ich glaube dir nicht, dass du wirklich mit dem Vincent Harker" Aua.
      "befreundet bist, aber das wäre viel zu weit hergeholt für eine richtige Lüge. Ich nehme das zur Akte. Bring ihn doch mal vorbei, wenn er irgendwie in der Nähe ist. Und Darcy auch, meine Frau will ihr unbedingt ihren neuen Mantel zeigen. Der ist aus Bärenfell."
      "Mach ich."
      "Mein aufrichtiges Beileid, wirklich. Und frohes neues Jahr. Du wirst schon eine andere Haushälterin finden."
      "Danke."
      Darum ging es nicht einmal.
      Er sah dabei zu, wie sie Beth abtransportierten und wie dann der Tatort gereinigt wurde. Fünf Stunden dauerte es, dann waren sämtliche Spuren beseitigt und der Mord zu Protokoll genommen.

      Er schlief wieder bei Hughes. Am Tag ging er nachhause um sich für die Jagd vorzubereiten, aber er war müde und außerdem glaubte er nicht, dass er schon soweit war. Vier Mal durchsuchte er sein Anwesen noch auf weitere Spuren des Vampirs und ließ dabei sämtliche Türen offen. Er öffnete alle Fenster, um den Leichengeruch loszuwerden. Irgendwann musste er selbst im Keller mit Mantel sitzen, weil er die Heizung nicht anmachte und die Fenster nicht schloss.
      Er ließ seine Praxis geschlossen und verlängerte krankheitsbedingt seinen Urlaub. Eine Erkältung, teilte er den Kollegen mit und als er einem von ihnen zufällig auf der Straße begegnete, kam ein: "Oh, Thomas! Du siehst ja wirklich furchtbar aus. Geh doch nachhause, um Gottes Willen!"
      Ja, er sah nicht gut aus. Er schlief nicht gut und das einzige Essen am Tag, was er zu sich nahm, war das Abendessen bei den Purrles. Er hatte Augenringe. Irgendwie war er bleich im Gesicht, als hätte er sich seit dem Fund der Leiche nicht mehr erholt.
      Eigentlich stimme das auch, er hatte sich nicht mehr erholt. In keinster Weise.
      Als er sich an einem dieser Tage, die alle furchtbar monoton und gleichzeitig furchtbar erschöpfend waren, wieder an die Jagd machen wollte, gab er es endlich auf. Er konnte nicht jagen, nicht so. Er war müde, er war paranoid, er war erschöpft. Er konnte gar nichts machen.
      Aber das stimmte auch nicht, etwas konnte er machen. Also packte er an diesem Mittag wieder seine Sachen, verschloss das Haus ordentlich, verabschiedete sich auf dem Weg durch die Stadt von Hughes und fuhr aufs Land hinaus.

      Er kam noch vor der Dämmerung an, aber er sagte dem Kutscher, ihn im Dorf herauszulassen, wo er dann auch ausstieg. Er hätte auch bei Tageslicht hingehen können, aber etwas in ihm weigerte sich dagegen. Stattdessen spazierte er für eine halbe Stunde durch das kleine Dorf, sah sich die friedliche Landschaft an und stand eine Weile vor dem Blumenladen, bei dem er noch vor wenigen Tagen die Blumen für Vincent besorgt hatte. Diesmal hatte er feste Wintersachen dabei. Aus manchen Fehlern konnte man eben lernen.
      Es war zu Fuß ein beachtlicher Weg zum Anwesen, aber die Bewegung tat ihm gut, wie er glaubte. Es war bereits dunkel, als er die Tür erreicht hatte und als ihm zum ersten Mal der Gedanke kam, was er tun würde, wenn Nora ihn einfach nicht hereinlassen würde - oder gar Vincent. Aber dann würde er wohl einfach umdrehen und zurückgehen, in dem kleinen Gasthaus schlafen, das er gesehen hatte, und dann am Morgen nachhause fahren. Einfach, oder nicht?
      Er trat an die Tür, dann klopfte er.
    • Vincent starrte lange Zeit an die Decke seiner Höhle, die er sich im Keller zurechtgemacht hatte. Trotz der Eigenart seines Körpers, immer genau zu wissen, wann die Sonne auf- und wieder unterging, hatte er sämtliches Zeitgefühl verloren. Er wusste nicht, wie viele Tage er jetzt schon hier unten saß, sich durch seine Bücher fraß und so viele Notizen machte, dass er damit eine ganz neue Bibliothek hätte füllen können.
      Seine Nächte - auch wenn er nicht sagen konnte, wie viele davon - begannen neuerdings immer mit diesen kleinen Ewigkeiten, in denen er an die Decke starrte und sich verzweifelt davon abzuhalten versuchte, an einen Mann zu denken, indem er an einen anderen dachte. Aber sein Hass, sein inniger Wunsch, diesen Mann zu vernichten, war nicht stark genug, also versank Vincent über kurz oder lang doch in den Gedanken und Erinnerungen an den anderen Mann. So auch heute.
      Vincents Brust schmerzte beinahe mehr als seine Flanke. Wo der eine Schmerz begann und der andere aufhörte, vermochte er nicht mehr festzustellen. Der Schmerz war der einzige Hinweis darauf, dass er noch nicht tot war. Nicht vollständig jedenfalls.
      Mit seinem tiefen Seufzen schob er die Bilder von Thomas, wie er in seinen Armen friedlich schlief, beiseite und stand auf. Der mittlerweile sehr vertraute Schmerz seiner Silbervergiftung schoss ihm in den rechten Arm und das rechte Bein, arbeitete sich hoch bis in seine Schläfe. Vincent wartete ab, bis das scharfe Stechen sich zu einem dumpfen Pochen beruhigte, dann erst setzte er sich in Bewegung. Auf seinem Schreibtisch, zwischen all seinen losen Notizen und den aufgeschlagenen Büchern, wartete bereits ein Glas Schweineblut auf ihn. Das erste von vielen, die er in den nächsten Stunden konsumieren würde. Ein bisschen mehr Zeit, mehr brauchte er nicht. Er konnte es schaffen, wenn er nur ein bisschen mehr Zeit hatte.
      Er kippte das Glas runter; der Geschmack war ihm schon lange egal. Er betrachtete die Bücher, die Notizen, die er vor Sonnenaufgang noch schnell niedergeschrieben hatte. Sein Ansatz war gut gewesen, doch jetzt erkannte er, dass sich das alles schneller im Sand verlaufen würde, als er gedacht hatte. Also seufzte er erneut und machte sich wieder an die Arbeit. Irgendwo musste es doch einen Weg geben...

      Nora öffnete die große Eingangstür. Dieser Tage rechnete sie jeden Augenblick damit, dass jemand auftauchte und eine der vielen Bestellungen erfüllte, die Vincent machte. Ihr war nicht ganz klar, was er plante. Sie kannte das Ziel, sie kannte das Motiv, aber alles dazwischen war ihr ein Rätsel.
      Als sie das Gesicht eines ausgezehrten Van Helsings sah, schoss ihr nur ein Gedanke durch den Kopf: Wenigstens leidet er genauso wie Vincent.
      Sie machte sich nicht die Mühe, ein professionell freundliches Lächeln aufzusetzen, machte sich nicht die Mühe einer standesgemäßen Begrüßung. Dieser Mann hatte sämtliches Recht auf Höflichkeit verwirkt und wenn er wirklich gekommen war, um seiner Arbeit nachzugehen, anstelle seines Herzens, dann hatte Nora nichts als Hass für ihn übrig. Allerdings wusste sie auch, dass sie sich weder dem Van Helsing in den Weg stellen konnte, noch dass sie Vincent verheimlichen konnte, dass der Mann hier war.
      Also trat sie still zu Seite und ließ den Van Helsing herein, bevor sie die Tür hinter ihm schloss.
      "Er ist im Keller," sagte sie flach und führte den Mann zu einer versteckten Tür unter der großen Haupttreppe, die eigentlich in die oberen Stockwerke führte.
      Hinter der Tür lag ein weiterer Treppenabsatz, die dazugehörigen Stufen waren allerdings weit weniger pompös gestaltet: bloß ein paar alte, halb ausgetretene Steinstufen, die in die Dunkelheit führten.
      Nora zögerte nicht eine Sekunde und lief genau in diese Dunkelheit hinein. Am Fuße der Treppe erstreckten sich drei Gänge: einer nach rechts, einer nach links, und einer geradeaus. Links öffnete sich der Gang schnell in einen großen Weinkeller. Geradeaus gab es einige Türen, hinter denen sich kleine Lagerräume verborgen - abgesehen von der Tür ganz am Ende. Doch diesen Gang ignorierte Nora, die stattdessen nach rechts abbog und vor einer weiteren, einsamen Tür stehen blieb. Sie konnte sich einen giftigen Blick in Richtung Thomas nicht verkneifen, bevor sie die Tür öffnete und sehr spärlich beleuchteten Gang mit ein bisschen mehr Licht füllte, das von dem Kamin stammte, der hier unten beinahe durchgehend brannte jetzt, wo Vincent zu schwach war, um sich selbst ordentlich warmzuhalten.
      Kurz betrachtete Nora den Rücken ihres Freundes, wie er dasaß in seinem zerknitterten Hemd, das er schon seit Tagen nicht mehr gewechselt hatte. Er saß an seinem Schreibtisch - wie immer - beugte sich über ein altes Buch, das vielleicht, vielleicht auch nicht das Wissen enthielt, nachdem er suchte. Neben dem Knistern des Feuers war nur das konstante Kratzen seines Stiftes auf Papier zu hören.
      Nora trat ein, stellte sicher, dass der Kamin auch ordentlich brannte, dann ging sie rüber zu Vincent, um das leere Glas zu holen. Sie musste ihm nicht sagen, dass der Van Helsing da war, das hatte Vincent schon selbst bemerkt, das wusste sie.
      Mit dem leeren Glas in der Hand ließ Nora die beiden Männer allein. Ein Teil von ihr hoffte, dass Vincent sein Versprechen in Notwehr brechen würde. Den Van Helsing opferte Nora gern, wenn sie dafür ihren Freund behalten durfte.

      Vincent rieb sich über die Augen, kaum das Nora sich auf den Weg zur Tür machte. Er hatte vergessen zu blinzeln und jetzt brannten seine Augen.
      Er hörte wie die Tür ins Schloss fiel, wie Nora ihn allein ließ mit dem Mann, an den er nicht denken wollte. Er ignorierte Thomas. Thomas... Er musste diesen Absatz fertig lesen, auch wenn er in diesem Buch nicht gefunden hatte, wonach er suchte.
      Ignorier ihn, sagte ihm sein Verstand.
      Küss ihn, sagte ihm sein Herz.
      Friss ihn, sagte ihm sein Monster.
      Vincent beendete seine Notizen, schob sie in das Buch und klappte es zu, bevor er sich ein neues von einem Stapel griff und den Prozess von neuem startete. Doch die Stille war zu laut, er konnte sich nicht richtig konzentrieren. Also handelte gegen all seine Instinkte, auch wenn er es nicht über sich brachte, sich umzudrehen und den Mann, an den er nicht denken wollte, anzusehen.
      "Tu mir einen Gefallen und mach es schnell, ja? Silbervergiftungen sind anstrengend."
      Es fühlte sich seltsam an, zu sprechen. Wie lange hatte er jetzt schon nichts mehr gesagt? Tage? Wochen? Jahre? Er wusste es nicht. Aber Worte mir seiner Zunge, seinen Lippen zu formen, Laute von sich zu geben, fühlte sich fremdartig an. Als wäre er nicht dafür gemacht. Seine Stimme war rauer, als er gedacht hatte. Kam das von der Vergiftung? Oder davon, dass er eine Weile nichts mehr gesagt hatte? Er wusste es nicht.
      "Wenn du schnell genug bist, kannst du es erledigt haben, bevor Nora zurückkommt. Vielleicht schaffst du es sogar ungesehen aus dem Haus."


    • Thomas hätte mit viel gerechnet, als die Tür sich öffnete. An erster Stelle stand, dass sie ihm von - wer auch immer sie öffnete - gleich wieder vor der Nase zugeschlagen würde. An letzter Stelle stand das, was sich tatsächlich zutrug, nämlich dass er wortlos eingelassen wurde.
      Nora widmete ihm einen Blick, der nicht von Hass erfüllt war, der aber auch alles andere als freundlich war, als sie zur Seite trat und Thomas die Schwelle überquerte. In beinahe ritueller Schweigsamkeit zog er den Mantel aus und folgte ihr dann zur Treppe ins Untergeschoss.
      Sie begrüßte ihn nicht. Sie half ihm nicht, den Mantel abzulegen. Sie erkundigte sich nicht nach seiner Fahrt. Sie teilte ihm lediglich mit, wo Vincent zu finden war und Thomas verspürte das unangenehme Gefühl etwas sagen zu müssen, obwohl er nicht wusste, was genau. So folgte er ihr in ähnlicher Apathie die Stufen hinab.
      Das Untergeschoss war größer, als Thomas es in Erinnerung hatte und er hatte Mühe, den selbstverständlichen Schritten der Haushälterin in die Dunkelheit zu folgen. Mehrere Gedanken schossen ihm durch den Kopf, von denen nicht einer dauerhaft genug war, um seine Aufmerksamkeit zu beherrschen. Er übergab sein Schicksal in die Hände einer Frau, die ihn zu einem Mann führte, der weder direkter Feind, noch Freund war und von dem Thomas selbst noch nicht wusste, was er überhaupt denken sollte.
      Sie führte ihn in ein aufgeheiztes, kleineres, fensterloses Zimmer, in dem ein Geruch vorherrschte, der bezeugte, dass jemand hier mehr Stunden zubrachte, als es für den kleinen Raum gut wäre. Jetzt kam doch der Hass in Noras Blick hervor und Thomas blieb kurz stehen auf der Suche nach den Worten, die ihm nicht einfallen wollten. Sie gab ihm keine Gelegenheit, diese Suche jemals zu beenden; sie ging hinein und Thomas musste sich wohl oder übel dem anderen Lebewesen widmen, das hier unten saß.

      Vincent saß mit dem Rücken zu ihm, den Körper über den Schreibtisch gebeugt, einen Stift in der Hand, ein Haufen Bücher vor ihm und um ihn herum. Das flackernde Feuer im Kamin ließen seine Schultern schmal erscheinen, kraftlos, so als hätten sie den Willen dazu aufgegeben, mehr Spannung aufzubringen, als unbedingt nötig war. Sein Hemd saß nicht richtig, der Kragen war ein wenig verrutscht und die Falten, die sich selbst durch den Zug seiner gebeugten Haltung nicht entfernen ließen, saßen an Stellen, die vermuten ließen, dass er in dem Hemd auch geschlafen hatte. Das kleine Sofa beim Kamin, auf dem eine achtlos zusammengeknüllte Decke lag, war für diese Vermutung Beweis genug.
      Während sich beide Männer nicht rührten, legte Nora im Kamin ein paar Holzscheite nach, nahm das leere Glas vom Tisch und ging damit an Thomas vorbei nach draußen. Er konnte dem Drang nicht widerstehen auf das Glas zu sehen und das Licht reichte aus, um die rötlichen Spuren darin zu erkennen. Dann war Nora und das Glas verschwunden und unangenehme Stille kehrte ein.
      Thomas bewegte sich nicht. Er starrte auf den ihm bekannten Rücken, auf den dunkelblonden Haarschopf, auf die kleinen, gelockten Strähnen, die auf und ab wippten, wenn Vincent eine neue Zeile begann und sich damit minimalst mehr bewegte. Ein Teil von ihm hoffte, dass der Mann sich umdrehen würde, damit er ihn sehen konnte. Ein Teil von ihm hoffte, dass er sich niemals nach ihm umdrehen würde, damit sie ewig in der einvernehmlichen Unsicherheit des Moments verbleiben konnten.
      Vincent klappte mit einem dumpfen Schlag sein Buch zu und dann, als Thomas sich sicher war noch nicht bereit dafür zu sein, dass er sich zu ihm umdrehte, nahm er sich das nächste von seinem chaotischen Haufen. Allerdings erhob er auch das Wort, mit dem er Thomas aus seiner Starre erlöste. Seine Stimme war ungewohnt rau und Thomas ertappte sich dabei, wie er hoffte, dass der Mann genauso schlecht schlief wie er. Was hätte er denn davon? Abgesehen davon konnten Vampire nicht schlecht schlafen, weil sie gewissermaßen eher bewusstlos waren.
      Er antwortete nicht, sondern durchquerte stattdessen das Zimmer, um sein Gepäck auf einem kleinen Tisch neben dem Sofa abzustellen. Er starrte für einen Moment in den Kamin, dann öffnete er seine Tasche, griff hinein, angelte sich, nach was er gesucht hatte und kam damit bewaffnet auf Vincent zu. Ein Teil von ihm wollte näher, ein Teil von ihm wollte das Zimmer verlassen. Er blieb auf Armlänge entfernt neben ihm stehen und legte ihm das Buch auf den Tisch, das Vincent ihm geschenkt hatte. Ein Teil von ihm wollte ihn berühren, jetzt, wo er so nah war, ein Teil von ihm wollte sein Messer zücken, nur für den Fall. Stattdessen wandte er sich von ihm ab und ging zurück zu seiner Tasche, wo er sich wieder Vincent zuwandte, als der sich nicht rührte.
      "... Mach es auf. Da, wo das Lesezeichen ist."
      Er verschränkte die Arme vor der Brust, während er darauf wartete, dass Vincent es aufschlug. Es offenbarte die Zeichnung einer Hand, ein paar Diagramme und ein Unterkapitel mit der Überschrift "ZELLSTRUKTUR".
      "Doktor Quentin, der Autor dieses Berichts, hat sich mit der Frage beschäftigt, weshalb Fleischwunden verheilen können, aber keine Glieder, beispielsweise Finger, nachwachsen können. Er unterstellt den Zellen unseres Gewebes eine gewisse Intelligenz, mit der sie zwar erkennen können, wo sich mehr von ihnen bilden müssen, aber nicht wie. Sie wissen, dass etwas fehlt, aber nicht was fehlt. Sie können die Wunde einer Amputation verschließen, aber nicht das fehlende Stück rekonstruieren. Sie können sich vermehren, sie können sich aber nicht neu schaffen.
      Wenn eine Wunde also auftritt, besitzen sie kein Verständnis darüber, ob etwas nicht in Ordnung ist, sie vervielfachen sich lediglich und schließen die Lücke. Deswegen müssen Fremdkörper von vornherein ferngehalten werden, damit sie nicht im Körper eingeschlossen werden und sich vermehren können."
      Er schwieg einen Moment, um Vincent die Gelegenheit zu geben, selbst darauf zu kommen, was er ihm zu vermitteln versuchte. Vielleicht wollte er auch einfach nur, dass der Mann wieder etwas zu ihm sagen würde.
      "Bei Vampiren verläuft die Wundheilung schneller vonstatten und dementsprechend muss man andere Mittel verwenden, um Fremdkörper zu vermeiden. Ich habe zu früh vernäht, wenn ich die Wunde eigentlich hätte offen halten müssen. Ich hätte die Rückstände von Silber entfernen müssen, die den überlebenden Zellen anhaften. Es gibt Mittel für sowas."
      Er schwieg wieder, um sich die richtigen Worte für seinen nächsten Satz zurechtzulegen. Aber eigentlich gab es sowas wie die richtigen Worte nicht.
      "Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, den Vorgang rückgängig zu machen, ohne dabei auf... Menschenblut zurückzugreifen. Vielleicht solltest du Nora herholen, damit sie mir keinen Mord vorwirft, wenn es doch nicht funktioniert."
    • Benutzer online 6

      6 Besucher