[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • "Heißt das, du würdest auch einen Mörder töten, wenn du die Gelegenheit hättest? Deiner Logik nach müsstest du ja alle Menschen töten, nur weil sie das Potenzial haben, jemanden umzubringen. Würdest du eine Wolfsmutter töten, nur weil sie ihre Welpen beschützt und dabei jemanden getötet hat?"
      Vincent musste sich zurückhalten, musste sich aktiv davon abhalten, nicht seiner irrationalen Wut anheimzufallen. Seine Zündschnur war gefährlich kurz während den Stunden des Tages und der anhaltende Schmerz in seiner Flanke half auch nicht unbedingt.
      Er seufzte und schloss die Augen, ließ sich lieber von seiner Müdigkeit umspülen, als von der Bestie in seinem Inneren.
      "Weiß ich doch auch nicht, es war ja nur ein Vorschlag. Du bist der Experte in Sachen Vampirjagd. Abgesehen von meiner persönlichen Verbindung zum Hause Van Helsing habe ich damit nicht wirklich etwas am Hut. Weißt du denn, was du Neues lernen willst? Gibt es etwas, was dich besonders an Vampiren interessiert?"


    • Mit einer solchen Reaktion hätte Thomas nicht gerechnet, nicht von Vincent, der sonst immer eher mit einer gewissen Neugier und Faszination an solche Dinge heranging. Jetzt hörte es sich fast so an, als wolle er ihn für seine Jagd verurteilen und Thomas presste die Lippen aufeinander. Das war das letzte, wofür er sich hätte rechtfertigen wollen.
      "Gegen einen menschlichen Mörder kann man sich noch verteidigen, es gibt eine realistische Chance. Gegen einen übermenschlichen Mörder, der schneller und stärker ist, der besser hören und sehen und riechen kann und einen in der Dunkelheit überfällt, im besten Fall auch noch ohne dabei gehört zu werden, hat man keine realistische Chance. Ich töte nicht alles, was dem Menschen gefährlich ist, ich spezialisiere mich auf Vampire aus genau diesem Grund, so einfach ist das."
      Er hörte auf, Vincent zu streicheln. Wenn er ehrlich war, fühlte er sich ein wenig von dem Mann gekränkt - nicht, weil er das Thema überhaupt anschnitt, sondern weil er gedacht hatte, er könnte mehr Verständnis dafür aufbringen und nicht in die Moralfragen abschweifen. Sicher, auch Thomas hatte diese Fragen gestellt, als er noch jung gewesen war und besonders keine Lust auf immer dieselben Übungen gehabt hatte. Dann hatte er gefragt, wieso es gerade Vampire sein mussten, wieso er nicht etwas einfacheres jagen konnte, wieso man Vampire nicht einfach bitten konnte keine Menschen zu fressen, wieso man sie nicht unschädlich machen konnte, ohne sich dabei so verausgaben zu müssen. Er hatte alle Fragen schon hinter sich und sein Vater, an manchen Tagen mit mehr Geduld, an anderen mit weniger, hatte ihm volle Vorträge darüber gehalten, weshalb es wichtig war, dass sie genau das taten. Dann hatte er auch immer das Argument aufgeführt, dass Menschen sich gegen Vampire nicht verteidigen konnten und wenn der junge Thomas dann angeführt hatte, dass man sich gegen Wölfe auch nicht verteidigen könne, hatte sein Vater immer auf Hunde verwiesen. "Zähm mir einen Vampir und wir werden weiterreden" war immer sein Schlusssatz gewesen. Thomas hatte es sich sogar fest vorgenommen, bis er den ersten Vampir-Mord zu Gesicht bekommen hatte. Ab dann hatte er keine Fragen mehr gestellt.
      Entsprechend konnte er Vincents Drang zur Aufklärung verstehen, aber er hatte geglaubt, dass sie über dieses Stadium bereits hinaus waren. Er hatte die Notizen seines Großvaters, er müsste doch genau verstanden haben, wie gefährlich Vampire waren.
      Vincent seufzte und Thomas starrte aus dem Fenster. Die Wärme des Ofens kroch langsam zu ihnen hinüber, aber war noch nicht gänzlich stark genug, um bis unter ihre Decken zu reichen.
      Schließlich wurde ein etwas angenehmeres Thema angeschnitten.
      "Ich will wissen, was den vampirischen Körper vom menschlichen so unterscheidet. Ich bin Arzt, es interessiert mich, wie ein Vampir allein auf der Grundlage von Blut überleben kann. Ich will auch wissen, wieso seine Haut eine solch heftige Reaktion auf Sonnenlicht und Silber abgibt. All das wirkt wie Symptome und ich möchte herausfinden, was dahinter steckt - eine Krankheit oder eine Mutation oder etwas in der Richtung. Sollte ich das jemals herausfinden, kann ich mich der Frage widmen, wie sowas zu behandeln wäre - deshalb würden mich ausländische Texte so sehr interessieren, vielleicht hat jemand schon interessante Funde gemacht. Vielleicht laufe ich aber auch einfach nur in eine Sackgasse. Letzten Endes ist das alles wohl nur der Wissensdurst eines Arztes, der genug von kurzfristigen Lösungen für dieses Problem hat und es ein für allemal aus der Welt schaffen will. Ich habe es satt Vampirleichen zu sehen, weißt du das? Hast du schonmal eine gesehen? Sie sehen aus wie Puppen, am ganzen Körper weiß und eingefallen. Wenn es keine weiteren Verletzungen als den Biss am Hals gibt, könnte man sich vorstellen, dass sie sich nur kurz schlafen gelegt haben und gleich wieder aufstehen werden. Bleiche, menschliche Puppen, die sich dann auf wacklige Beine aufstellen und die Straße entlang torkeln, als müssten sie noch unbedingt zum Schneider oder beim Markt frisches Gemüse holen. Als Kind hatte ich immer Albträume von sowas, als ich die erste Leiche gesehen habe. Das hat mich bis zum Studium begleitet, jetzt bin ich dafür abgehärtet. Mittlerweile habe ich schon schlimmeres gesehen."
      Er legte die Hand wieder auf Vincents Schulter, streichelte ihn aber nicht mehr. Nach einem Moment beugte er sich nach unten und zog leicht an seiner Schulter, damit Vincent sich ihm zuwandte.
      "Das ist ein unliebsames Thema. Lass uns nicht darüber reden, wenn es dir nicht gefällt."
      Er beugte sich noch ein Stück weiter hinab, um ihn zu küssen.
    • Vincent hob den Kopf ein wenig, um sich in den Kuss hineinlehnen zu können. Thomas' sanfte Lippen waren wie Balsam auf seinem von der Sonne geschundenen Körper.
      "Es klingt eher so, als würdest du nicht darüber reden wollen," gab er zurück und strich über Thomas' Wange, verlor sich für einen Augenblick in diesen freundlichen, dunklen Augen, bevor er ihm ein sanftes Lächeln schenkte.
      "Dann lass uns über etwas anderes reden," lenkte Vincent dann aber ein und machte es sich wieder in Thomas' Schoß bequem. "Ich kann dir aber nicht halb so interessante Dinge über meine Bücher erklären. Wie Bücher selbst ist der Handel mit ihnen und ihre Instandhaltung relativ staubig und langweilig. Und ich glaube nicht, dass Übersetzungsfehler dein Humor sind."


    • Mit einem einzigen Kuss war alles wieder zurecht gerückt. Oder eher mit einem Kuss und einer Berührung. Thomas durfte in Vincents Augen sehen und danach war alles wieder ein Stück besser. Vergeben und vergessen, so einfach konnte es gehen.
      "Ich möchte dich nicht mit den dunklen Seiten des Lebens konfrontieren", gab er zurück, bevor er seine Hand abfing, ehe sie verschwinden konnte, und ihr einen Kuss auf den Rücken hauchte. Vincent machte es sich wieder bequem auf seinem Schoß und Thomas zog wieder die Decke über dem Mann zurecht.
      "Dieses Interesse werde ich vermutlich wirklich nicht mit dir teilen. Was ist denn dann so interessant daran, dass du dir eine eigene Bibliothek hältst? Man könnte meinen, ein Mann in deinem Alter hätte mehr Spaß an deinen großen Festen oder... vielleicht an der Jagd, hier draußen auf dem Land."
      Er kniff die Augen zusammen.
      "... Wie alt bist du eigentlich?"
    • Vincent lachte laut auf.
      "Aber aber, Herr Doktor. Man fragt eine Lady doch nicht einfach so nach ihrem Alter!" kicherte er, bevor er sich wieder in den Griff bekam. "Ich bin zweiunddreißig. Noch bin März. Und dass ich große Veranstaltungen nicht mag, habe ich dir doch schon mehrfach gesagt. Ich vergnüge mich lieber damit, gewaltige Orgien in meinem Bordell zu veranstalten, ganz so wie es der ach so heidnische Gott Dionysos gernhat. Das ist Aufregung genug, wenn du mich fragst. Und körperlich sehr anstrengend, wer braucht da noch eine Jagd?"
      Wieder kicherte Vincent.
      "Alles, was sich dazu entscheidet, auf meinem Grundstück zu leben, steht unter meinem Schutz. Da gehe ich nicht einfach los und fange an, mit einem Gewehr um mich zu schießen. Ich muss gestehen, ich bin gar kein guter Schütze. Noch nie gewesen. Schusswaffen sind mir einfach zu... ich weiß auch nicht. Sie sind laut und stinken."
      Er schüttelte den Kopf ein wenig. Mit menschlichen Sinnen mochten Schusswaffen vielleicht erträglich sein, aber der Geruch von Schwarzpulver kratzte auf eine sehr unangenehme Art und Weise in Vincents Hals, wann immer er das Unglück hatte, damit konfrontiert zu werden. Und der Lärm dieser Dinger war genug, um seinen Schädel zu spalten. Die moderne Welt war ja schön und gut, aber wie die letzten beiden Jahrhunderte auch, hatte sie ihre schlechten Seiten.
      "Ich bevorzuge meine Bücher, weil sie leise sind und dabei so viel mehr zu sagen haben, als alle Männer mit Pistolen zusammengenommen. Sie zu sammeln und instand zu halten heißt, die Geschichte der Welt zu sammeln und instand zu halten. Ich bewahre lieber die Lektionen der Vergangenheit für die Zukunft, anstatt ihre Fehler zu wiederholen. Und ja, all diese Weisheiten, die ich eben ausgespuckt habe, beziehen sich auch auf die Werke der Fiktion. Sie geben einen interessanten Einblick in die Gesellschaften in denen sie geschrieben wurden, weißt du? Man muss nur wissen, wie man sie zu lesen hat. Und bevor du sagst, dass ich mehr rauskommen muss: Ich reise sehr viel mehr, als du vielleicht annimmst, Herr Doktor. Ich will ja wissen, was ich mir da anschaffe, wenn ich ein antikes Buch finde."
      Vincent hielt Thomas Hand fest, verschränkte ihrer beider Finger. Er machte sich keine großen Gedanken darum, dass die Hand des erfahrenen Arztes auf seiner Brust lag, wo ihn sein zu langsamer Herzschlag vielleicht verraten könnte. Tatsächlich machte er sich gerade recht wenige Gedanken, dafür war er einfach zu müde. Er verwendete all seine Energie darauf, wach zu bleiben und diese Konversation weiterzuführen. Da übersah man die Details schonmal.


    • Mit einer gewissen Befriedigung konnte Thomas sich vermerken, dass er sein Alter genau richtig eingeschätzt hatte. Das ersparte eine womöglich unangenehme Überraschung.
      "Ich bin auch 32, aber bis April. Du bist ein alter Mann, Vincent, pass auf, dass ich dich nicht bald beim Gehen stützen muss."
      Er schloss sich Vincents gelockerter Stimmung mit einem feinen Lächeln an, mit dem er beobachtete, wie sich die Lachfalten auf dem Gesicht des Mannes bildeten. Sein Herz wurde warm. Wer konnte diesem Mann beim Lachen zusehen und dabei nicht völlig entzückt sein?
      "Ach, Dionysos verehrst du also auch? Sonst noch irgendwelche Götter, von denen ich wissen müsste, bevor ich hier auf deinem Anwesen in ihre Tempel stolpere?"
      Er strich ihm ein paar Haarsträhnen zurecht.
      "Es war ja auch nur eine Idee mit Jagen. Du könntest auch... Gärtnern? Das ist ganz sicherlich genauso leise und körperlich anstrengend. Dann muss ich dich nicht mehr mit einem Bordell teilen."
      Er ließ seine Hand von Vincent abfangen, um sie in einer mittlerweile vertrauten Geste miteinander zu verschränken. Für einen Moment war er einfach nur gänzlich zufrieden damit, mit dem Mann in seinem Schoß dazusitzen und darauf zu warten, dass der Raum warm genug wurde, um die Decke loszuwerden.
      "Du hast ein sehr vorbildliches Hobby. Ein besseres als meins, möchte ich anmerken, langlebiger und sicherer. Hast du mal darüber nachgedacht..."
      Er verlor den Faden seines Gedankens, als etwas anderes seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er wusste nicht was, konnte es für viele Sekunden nicht deuten, während sich sein Jagdinstinkt jäh einschaltete und seinen Herzschlag in die Höhe jagte. Er erstarrte, darauf gefasst jeden Moment ein verräterisches Geräusch von der Treppe zu hören oder etwas anderes, was erklärt hätte, weshalb er so plötzlich alarmiert war. Es war schon beinahe wie damals im Bett mit Vincent, als er nur eine falsche Bewegung gemacht hatte und Thomas' Instinkt eine Fehlwarnung ausgesandt hatte. Jetzt war es ähnlich, sie waren wieder alleine, er konnte wieder nichts erkennen, außer der langsame, schwache Herzschlag von Vincent unter seiner Hand und...
      Er starrte auf den Mann hinab und presste seine Hand ein bisschen stärker auf seine Brust, um seinen Herzschlag zu erfühlen.
      "... Vincent...?"
    • Vincent, schon wieder halb auf dem Weg ins Land der Träume, brauchte einen Moment um zu realisieren, dass Thomas den Faden verloren hatte. Oder hatte er bloß die zweite Hälfte von Thomas' Frage überhört? War er wirklich schon wieder so weit eingeschlafen?
      "Hm?" brummte er, was sich gleich darauf in ein Gähnen verwandelte.
      "Entschuldige. Du bist einfach zu bequem. Du wolltest mich was fragen, oder? Worüber soll ich schon einmal nachgedacht haben?"
      Vincent setzte sich auf, um nicht sofort wieder einzunicken. Und um den Grund für Thomas' plötzliche Anspannung zu finden. Der schnellere Herzschlag weckte etwas tief in Vincent, was er lieber weiter schlafen ließ.
      Mit besorgter Miene legte er Thomas eine Hand and die Wange.
      "Was ist los?" fragte er.
      Er kannte diesen Gesichtsausdruck, kannte diese Reaktion in all ihren Details. Irgendwie musste er sich schon wieder verraten haben, genug von dem Monster gezeigt haben um den Jäger in Thomas zu wecken. Der Mann war wirklich mehr Raubtier als Vincent, so sensibel waren seine Sinne und Instinkte. Vincent hatte Thomas' Vater nie wirklich kennengelernt, aber er hatte einen vorbildlichen Jäger großgezogen, so viel stand fest.


    • Thomas beobachtete Vincent weiterhin eindringlich, als der Mann sich aufsetzte. Seine Hand verrutschte, jetzt blieb ihm sein Herzschlag verborgen, trotzdem schrien ihn sämtliche Fasern in seinem Körper an die Flucht zu ergreifen.
      Ihm fehlte der Zusammenhang, dass war der eigentliche - der einzige - Grund, weshalb er seinem Instinkt noch nicht nachgegeben hatte. Er starrte in Vincents saphirblaue Augen, um die sich leichte Sorgenfalten bildeten. Der Zusammenhang war nicht da, die Verbindung fehlte und Thomas glaubte, dass ihm irgendetwas, irgendetwas furchtbar wichtiges, irgendetwas unverzichtbares direkt entgangen war. Er konnte seine beiden Gehirnhälften geradezu arbeiten spüren, wie sie versuchten, die losen Faden miteinander zu verknüpfen und das Endresultat zu präsentieren. Nur noch ein kleines bisschen. Irgendeine Sache, eine winzige, prägnante Sache, direkt vor seinen Augen und er hätte es.
      Er griff nach Vincents Hand an seiner Wange, umfasste allerdings sein Handgelenk und presste Zeige- und Mittelfinger auf seine Hauptschlagader. Die andere Hand wanderte synchron zurück zu seiner Brust, sein Blick blieb dabei auf Vincents haften. Er war so kurz davor, den Zusammenhang zu erkennen, es fehlten höchstens Millimeter.
      Er fühlte keinen Puls. Ein schwacher, einsamer, dunkler Herzschlag drang durch seine andere Hand zu ihm hindurch und er drückte sie stärker auf Vincents Brust, um ihn wirklich zu erspüren. Er war so, so knapp davor.
      "Vincent...?!"
    • Mist! Mist! Mist!
      Natürlich musste er ausgerechnet jetzt einen Fehler machen, jetzt wo alles so unendlich friedlich, so unendlich richtig zwischen ihnen beiden war. Wie hatte Vincent nur so unvorsichtig sein können?!
      Er grinste, fing sogar an zu lachen, als er sich nach vorn beugte und Thomas flüchtig küsste, während er seine freie Hand auf die legte, die verzweifelt versuchte seinen unmenschlichen Herzschlag in seiner Brust zu finden.
      "Ich habe dir doch schon gesagt, dass mein Herz langsam schlägt, du Dussel. Weißt du noch? Als ich in deiner Eingangshalle am Verbluten war?"
      Er presste Thomas' Hand etwas fester gegen seine Brust und zwang sein eigenes Herz dazu, noch einmal zu schlagen. Ein kleiner Trick, für den es äußerste Kontrolle über das wenige, gestohlene Blut bedurfte, das ein Vampir in seinem Körper zirkulieren ließ. Mit anderen Worten: ein anstrengendes Kunststück der älteren Vampire.
      "Das hatte ich irgendwie schon immer. Als Kind war ich immer so schläfrig und mir wurde so schnell kalt, da hat mein Vater seinen Leibarzt drauf angesetzt. Der hatte den gleichen geschockten Gesichtsausdruck wie du gerade, als er vergeblich auf meinen Herzschlag gewartet hat. Was glaubst du denn, warum ich so schwer wach zu bekommen bin und so leicht einschlafe? Deswegen war ich auch noch nie besonders sportlich, auch wenn man mir das vielleicht gar nicht ansieht."
      Er zuckte mit den Schultern, als sei das alles unwichtig. Er musste wirklich vorsichtiger sein, wenn er mit Thomas tagsüber umging. Sein schläfriger Verstand könnte ihn sonst noch alles kosten.
      Vincent stand auf und streckte sich, wobei ihm seine Decke von den Schultern rutschte. Mittlerweile hatte sich der kleine Raum aber gut genug aufgeheizt, deswegen bückte er sich, um die Decke aufzuheben und zusammenzufalten, bevor er sie auf den Stapel zu den anderen zurücklegte. Dann, trotz der Tatsache, dass er praktisch nichts sehen konnte wegen dem brennenden Licht der Sonne, trat er an das Fenster heran und blickte hinaus, als genieße er die Aussicht. In Wahrheit sah er nur gleißendes Weiß, hier und da durchbrochen von den vagen, dunklen Silhouetten von Baumstämmen. Aber die Aussicht war ihm egal. Ihm war nur wichtig, ein Bild zu präsentieren, dass keinesfalls zu einem Vampir passen konnte, und was gab es da besseres, als in der Sonne eines späten Vormittags zu stehen?


    • Thomas starrte nur, starrte lange, während Vincent seine Hand ein bisschen fester drückte. Er zählte geistig und der Herzschlag kam. Er zählte wieder und da zog Vincent seine Hand schon weg und stand auf. Er beobachtete, wie der Mann ein wenig zusammenräumte und dann zum Fenster ging.
      Sein Gehirn arbeitete noch immer auf Hochtouren. Seine Muskeln fühlten sich steif an und das war ein schlechtes Zeichen, es war ein Ausblick darauf, dass er sich bald nicht mehr damit zufrieden geben würde zu sitzen, dass er sich bald bewegen müsste und sich entscheiden müsste, was er tun sollte. Es kam ihm falsch vor, fliehen zu wollen. Fliehen vor was? Es kam ihm auch falsch vor zu kämpfen, kämpfen gegen was? Dennoch dachte er angestrengt darüber nach, ob er etwas Silber in der Tasche hatte, ob es hier im Raum irgendetwas geben könnte, mit dem er sich verteidigen konnte. Der Eisenstab vom Kamin, der würde es tun. Zur Not würde er ausreichen.
      Schließlich stand er selbst auf, langsam, um seinen Puls nicht anzuheizen. Vincent stand im fahlen Licht des Tages, den Blick nach draußen gerichtet, den Rücken ihm zugewandt. Er versuchte noch immer die Verbindung herzustellen, zu verstehen, aber es gelang ihm nicht. Das Bild, das sich ihm bot, war wie eine Scheibe, die sich zwischen die losen Fäden seines Verständnisses stellte und es gab keinen Weg, sie zu umgehen.
      Er zwang seinen Herzschlag hinab, zwei, drei Sekunden, bis er ihm in langsamen Schlägen in der Brust hämmerte. Normalerweise tat er das nur, um einen Vampir nicht zu alarmieren, um ihn nicht an seinen Gedanken teilhaben zu lassen - jetzt schien es ihm auch so als eine gute Idee. Sein Puls beruhigte sich, obwohl er selbst alles andere als ruhig war, und sorgte ein wenig dafür, dass sich seine Gedanken klärten.
      "Das habe ich vergessen", stellte er flüchtig fest, ehe er näher kam. Er wollte es noch einmal überprüfen, er wollte danach suchen - nach was suchen? Nach der Verbindung.
      "Du hast mir aber nur sehr kurz davon erzählt. Erklär es mir ein bisschen besser, wie lange hast du das schon? Seit du geboren bist? Gab es da keine Defizite in deinem Wachstum? Muskelschwund? Gefäßerkrankungen? Was passiert, wenn du Sport treibst, wird dir schwindelig, übel? Wenn du dich aufregst? Du kannst deinen... deinen Höhepunkt erreichen, ohne irgendwelche Nebenwirkungen, oder etwa nicht? Aber das müsste sich auf die Durchblutung auswirken. Du bist auch nicht ohnmächtig geworden, als Stephen dich... verletzt hat. Wie funktioniert das? Was hat der Arzt damals gesagt, welche Diagnose hat er aufgestellt? Hat er dir Blut abgenommen? Nimmst du Medikamente? Lass mich das nochmal sehen."
      Er streckte die Hand nach ihm aus.
    • Vincent drehte sich mit einem Seufzen zu dem Doktor um und fing dessen Hand ab, bevor sie ihn berühren konnte.
      "Stehe ich etwa vor Gericht?" fragte er, ein wenig angesäuert. "Du vergisst, dass ich die Notizen deines Großvaters gelesen habe, Thomas. Sag mir jetzt bloß nicht, dass du mich genauso umbringen willst, wie dein ach so guter Freund vor ein paar Wochen, nur weil du die Vermutung hast, ich sei ein Monster."
      Er legte Thomas' Hand an seinen Hals, zwang sein Herz dazu, zu schlagen, hielt aber einen viel zu langsamen Rhythmus bei.
      "Ich war noch sehr jung, als der Arzt mich begutachtet hat, ich habe keine Ahnung, was er festgestellt hat. Ich war ein knorriges, kleines Kind für die erste Dekade meines Lebens und dann hatte ich einen ordentlichen Wachstumsschub, kaum war ich in Frankreich. Wir haben es dem Essen zugeschoben. Den Arzt dort habe ich nicht verstanden, also kann ich dir auch nicht verraten, was der festgestellt hat. Ich treibe keinen Sport - wie eben bereits erwähnt, du müsstest nur zuhören, wenn ich mit dir rede. Ich rege mich nicht gern und nicht oft auf, danach bin ich aber oft außer Atem. Natürlich wird mir schwindelig, wenn ich mein Vergnügen finde - sei es nun in dir oder auf dir - allerdings schreibe ich das eher weniger meinem Herzschlag zu, aus hoffentlich verständlichen Gründen. Und nein, ich bin nicht ohnmächtig geworden, als mich dein Freund abgestochen hat wie ein Schwein beim Schlachter, weil du mir gesagt hast, dass ich es nicht tun soll. Ich werde mir merken, beim nächsten Mal nicht auf dich zu hören, wenn ich ausblute."
      Er schlug Thomas' Hand weg von seinem Nacken, verhinderte jede weitere Berührung.
      "Noch irgendwelche anderen Fragen, Herr Jäger? Soll ich dir vielleicht erzählen, dass ich hier gerade in der Sonne stehe und lichterloh brenne? Siehst du denn die Flammen nicht? Soll ich dich anfallen wie ein tollwütiger Hund und dir die Kehle rausreißen? Ist es das, was du willst?"
      Vincent schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Fenster und der Aussicht zu, verschränkte die Hände vor der Brust und zeigte dem anderen Mann im wahrsten Sinne des Wortes die kalte Schulter. Er musste sich zusammenreißen, um seine letzte Drohung nicht in die Tat umzusetzen.


    • Die Antwort kam in einer überraschend heftigen Reaktion und genauso überraschend zuckte Thomas zurück. Er wusste nicht, was genau ihm so zusetzte, es schien alles auf einmal zu sein: Der Blick in Vincents Gesicht, der sich verhärtete, seine Anschuldigung, die gefährlich nahe an seinem Vorhaben dran war, mit dem er überhaupt zu Hollow's Eve gekommen war und letztlich auch der Knackpunkt seiner Fragerei, der ihm auch jetzt erst bewusst wurde. Ja, sein Instinkt hatte angeschlagen, weil er glaubte, ein Vampirherz zu spüren. Ja, er wollte sich dessen vergewissern. Ja, er war einst mit der Vermutung angekommen, dass Vincent ein Vampir war. Ja, ja, ja.
      Es jetzt zu hören, laut ausgesprochen und auch noch aus dem Mund seines Freundes heraus, schmerzte Thomas. Sein Puls schoss in die Höhe und mit ihm ein Chaos von Gefühlen, das gleichfalls nach oben schoss. Er starrte auf Vincents Gesicht, bemühte sich darum, einen klaren Gedanken zu fassen. Wann war dieses Gespräch so außer Kontrolle geraten? Was sollte er darauf nur antworten?
      "Ich sorge mich um dich", zischte er schließlich, was viel härter hervorkam als geplant. Der Ursprung dahinter lag eigentlich in seiner Furcht, dass Vincent tatsächlich begriffen haben könnte, dass er ihn - einst - für einen Vampir gehalten hatte. Aber er konnte sich nicht stoppen, seine Gedanken rasten und er versuchte alles gleichzeitig zu vermitteln.
      "Ich bin Arzt, natürlich interessiert es mich, weshalb du" - einem Vampir ähnelst - "... einen langsamen Herzschlag hast. Das ist wichtig, Himmelherrgott! Was ist, wenn du mir ausgeblutet wärst, damals?" Er wollte nicht die Worte wiederholen, die Vincent dafür gewählt hatte, es fühlte sich zu sehr wie eine Beschuldigung an. "Sowas musst du mir sagen, ich hätte niemals..." Er verlor den Faden, ein anderer Gedanke schob sich in dem Wirbel in den Vordergrund. "Abgesehen davon habe ich niemals behauptet, dass du ein Vampir bist - das sind allein deine Worte. Meinst du etwa, ich denke nur an das eine, dass ich nur darauf warte, dass mir ein Vampir über den Weg laufen wird? Ich mache mir Sorgen um dich, willst du das etwa damit vergleichen, dass ich die Menschen beschütze? Das ist beides gleichermaßen wichtig. Zeig es mir noch einmal, ich will es nur verstehen, ich will dich nicht... umbringen, um Himmels Willen!"
      Er legte ihm die Hand auf die Schulter, wollte ihn dazu drängen, sich wieder zu ihm umzudrehen.
    • "Ich bin Musiker, Thomas. Ich habe sehr gute Ohren. Wenn du dich um mich sorgst, ist deine Stimme sanft, deine Worte voller Neugierde. Das eben, dieser Schwall an Fragen, das war etwas anderes. Etwas ganz anderes."
      Vincent seufzte erneut. Er konnte Thomas nicht böse sein. Nicht, wenn er Recht hatte und nur ein Teil dieser Wut echt war. Also drehte er sich wieder zu dem anderen Mann um, konnte ihm nicht widerstehen.
      "Wenn ich mit meiner Gesundheit Probleme hätte, dann ich es dir gesagt."
      Lügner, knurrte das Monster in seinem Inneren. Vincent war überrascht, dass es schon so dicht unter der Oberfläche ausharrte. Lang würde er nicht mehr in der Sonne aushalten, ohne sich ernsthafte Sorgen machen zu müssen.
      "Wenn ich mit meiner Gesundheit Probleme hätte, dann hättest du als erfahrener Arzt das sicherlich schon bemerkt."
      Er machte einen Schritt nach von, auf Thomas zu, und legte ihm eine Hand an die Wange. Er sah ihm tief in die Augen, ignorierte den Schmerz, der seinen gesamten Körper plagte, und verlor sich lieber in diesem Anblick. Er wollte Thomas nicht wehtun, hatte das nie gewollt. Vielleicht am Anfang, als er sich noch nicht sicher gewesen war, ob dieser Jäger ihn entlarven konnte, ihn töten wollen würde. Aber das lag Ewigkeiten zurück.
      "Wenn du dich besser fühlst, wenn du mich einmal von Kopf bis Fuß untersuchen dürftest," sagte Vincent, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, "Dann will ich dir deinen Wunsch erfüllen. Aber benimm dich nie wieder so, als seist du mein Richter und ich der Angeklagte."
      Er lehnte sich vor, küsste Thomas' Stirn, dann löste er sich von ihm und ging hinüber zum Ofen, wo er sich die Hände kurz wärmte, bevor er das Feuer löschte und sich seinen Mantel überwarf.
      "Na komm," sagte er und nickte in Richtung Tür. "Ich habe einen Arzttermin einzuhalten."

      Vincent schwieg auf dem Weg zurück zum Haupthaus. Er kürzte die Strecke ein wenig ab, indem er in Richtung einer der Hintertüren schlenderte, anstatt den ganzen Weg bis nach vorn zu nehmen. Er trat ein paar mal gegen die einsame, steinerne Stufe vor der schmalen Hintertür, um den Schnee von seinen Stiefeln zu bekommen, bevor er eintrat. Die Tür lag in der Nähe der Küche, weswegen Nora sie sofort bemerkte. Sie eilte herbei, winkte Esther heran und die beiden nahmen den Männern die schweren Mäntel ab. Vincent nickte Nora zu, eine kaum merkliche Bewegung, aber sie verstand, was er von ihr wollte. Im Gegensatz zu dem, was er Thomas gesagt hatte, ging es ihm nicht gut. Die Zusätzliche Anstrengung, seine Blut fließen zu lassen, hatte ihm mehr abverlangt, als er gedacht hatte. Seine Beine fühlten sich wackelig an, seine Haut war ihm zu eng und brannte auf seinen Muskeln, seine Flanke schmerzte wie in dem Moment, in dem das Messer in ihn eingedrungen war.
      "Du weißt ja, wo das Gästezimmer ist. Ich warte in meinem Studienzimmer," wandte er sich an Thomas, bevor er den Raum verließ und genau dorthin ging.

      Nora, die Meisterin der alten Bedienstetenflure, die sich hinter den meisten Wänden verbargen, wartete bereits auf ihn in seinem Studierzimmer. Sie hatte nicht einmal genug Zeit, sich wie sonst umzudrehen, da hatte Vincent den Kopf schon in den Nacken geworfen und das Glas in einem schnellen Zug geleert. Sie betrachtete ihn mit besorgtem Gesichtsausdruck.
      "Nein, mir geht es nicht gut," lenkte Vincent ein. "Aber ich muss noch ein kleines bisschen so tun als ob."
      "Ich mache dir noch ein Glas," sagte Nora, bevor sie verschwand und Vincent allein ließ, als sei sie nie hier gewesen.
      Vincent seufzte schwer, nahm sich einen Augenblick um sich zu sammeln, und setzte dann sein wie sonst so selbstsicheres Gesicht auf, bevor er sich aus seinem Jackett schälte. Keinen Augenblick zu früh, wie er bemerkte, als er Thomas Schritte vor der Tür wahrnahm.
      Er schenkte ihnen beiden ein Glas Wasser aus einer bereitgestellten Karaffe ein, auch wenn ihm gerade eher nach einem ordentlichen Drink war. Und vielleicht auch ein bisschen mehr, aber diesen Durst wusste er zu beherrschen.
      "Also, Herr Doktor. Womit fangen wir an?" fragte Vincent, als e sich mit dem Glas in der Hand gegen seinen Schreibtisch lehnte.


    • Hätte Vincent sich nicht zu Thomas umgedreht, hätte sich wahrscheinlich zu all der Furcht auch noch Panik in ihm breit gemacht. Er wusste nicht, was genau er empfinden sollte, unter all seinen Gefühlen schwang noch immer sein Jagdinstinkt mit, der ihn nicht in Ruhe ließ und eher noch in den Wahnsinn trieb, der ihn schon einmal in einer gemeinsamen Zeit mit Vincent unterbrochen hatte und dem er schon einmal nicht gänzlich getraut hatte - und jetzt wieder. Er war kein Vampir, so einfach war es zu beantworten. Er war keiner.
      Er war keiner.
      Aber sein Herz..?
      Er war keiner.
      Thomas konnte förmlich spüren, wie sein Jäger-Ich und sein Arzt-Ich sich gegenseitig duellierten - oder war es vielleicht sein normales Ich, das auf Vincents Seite stand? ...Seit wann gab es überhaupt Seiten? Das alles war ihm viel zu schnell aus dem Ruder gelaufen.
      Zumindest schien Vincent einen Teil seiner Vorwürfe abgelegt zu haben, denn er kam sogar auf Thomas zu und legte ihm die Hand an die Wange. Sie war noch immer recht kalt und jetzt balgte sich ein Teil seines Gehirns mit der Feststellung, dass manche Lebewesen von Haus aus zu kälterer Haut neigten, mit einem anderen Teil seines Gehirns, das vermerkte, dass Vincent nur ein Mensch war, dass es mitten im Winter war und sie vor ein paar Minuten erst den Ofen angemacht hatten. Es war kein angenehmes Gefühl. Es verhinderte beinahe, dass er seine nachfolgenden Worte vernommen hätte.
      "Das würde ich", bestätigte er und verzog dann das Gesicht. "Und ich wollte dich niemals verurteilen. Für irgendetwas."
      Seine Stimme hatte an Schärfe verloren, aber sie war noch nicht gänzlich entspannt, hatte noch nicht zu der Wärme zurückgefunden, die sie sonst für Vincent ausstrahlte. Es lag an seinem erhöhten Puls, an seinen noch immer angespannten Muskeln, an seinem animalischen Instinkt, der sich in diesem Raum so gänzlich ohne Waffe völlig ausgesetzt fühlte. Er konnte es ihm nicht verübeln, er wollte es auch nicht, sein Instinkt war es, der ihn in anderen Momenten am Leben erhielt. Aber jetzt beunruhigte er ihn.

      Sie gingen wortlos zurück zum Anwesen. Thomas' Herz lief noch immer auf Hochtouren, zwar etwas entspannter durch die freie Fläche und die Fluchtmöglichkeiten, aber noch immer weit davon entfernt, sich gänzlich zu entspannen. Er ertappte sich mehrmals dabei, wie er Vincent verstohlene Blicke zuwarf und ganz besonders auf sein Gesicht achtete, auf die Haut, die von dem gräulichen Tageslicht bestrahlt wurde, auf die Augen, auf die Art, wie er blinzelte oder wie oft, vielleicht sogar auf seine Pupillen. Er musste sich davon abhalten, bevor es zu offensichtlich wurde, aber er konnte nicht gänzlich. Sein Instinkt blieb am Laufen und erinnerte ihn sekündlich daran, dass er sich in vermeintlicher Gefahr befand.
      Ihre Wege trennten sich am Hintereingang und Thomas war einigermaßen glücklich darüber verbergen zu können, wie erleichtert er darum war, einen Moment für sich zu haben. Er ging ins Gästezimmer, packte seine Instrumente aus - sie gehörten zu seinem Standard-Gepäck bei jeder Reise - und suchte außerdem nach etwas Silber in seinen Sachen. Er hatte ein Messer dabei, für alle Fälle, nachdem er schließlich wusste, dass Vincent kein Silber hatte. Der Gedanke erschütterte ihn plötzlich; er hatte es nicht wegen ihm mitgenommen, nein, das hatte er ganz sicher nicht. Er hatte es einfach so dabei. Schließlich war er auch mit der Kutsche lange unterwegs, man konnte ja nie wissen. Thomas war lieber vorsichtig, als es später noch zu bereuen.
      Schließlich gab er sich einigermaßen zufrieden, verließ das Gästezimmer, durchquerte den bereits einigermaßen vertrauten Gang und trat dann ins Studierzimmer ein.
      Sofort überkam ihn die Erinnerung an Halloween, an seine erste wirkliche Begegnung mit Vincent in diesem Zimmer, als er ihm mit wenigen Worten - oder eher Gesten - klar gemacht hatte, was er wollte; was er wirklich wollte. Es sah alles noch so aus wie damals und ihn überkam eine merkwürdige Nostalgie angesichts der Tatsache, dass sie nicht für solche Zwecke wieder hierhergekommen waren.
      Vincent war bereits da und lehnte gegen seinen Schreibtisch - fast schon wie damals. Thomas schürzte die Lippen, ging zum Sofa und stellte seine Tasche darauf ab. Dann ging er zu dem Mann hinüber, zögerte kurz, bevor er an ihn herantrat - nicht ohne sich zu vergewissern, dass die Tür geschlossen war - und legte ihm die Hand an die Halsbeuge.
      "Bitte verzeih mir, ich wollte dich nicht kränken. Ich mache mir wirklich Sorgen um dich, ich bin nur... das ist schwierig zu erklären. Ich bin ständig auf der Hut, verstehst du? Wenn ich es nicht wäre, wenn ich nur einmal unaufmerksam wäre, würde ich das Schicksal meiner Vorfahren teilen. Da steckt viel... Vorbereitung dahinter, das lässt sich nicht einfach so abschalten."
      Er lehnte sich zu ihm vor, zögerte ein wenig, küsste ihn flüchtig, fast schon vorsichtig auf die Lippen. Seine Finger machten den instinktiven Fehler, auf der Halsschlagader nach dem Puls zu fühlen und als er keinen erspürte, schoss sein Adrenalin in die Höhe, als hätte er sich eigens an Vincent verletzt. Das war Unsinn, er hatte einfach nur sehr flüchtig danach getastet.
      Er war keiner.
      Er ließ Vincent dennoch los und trat sogar einen Schritt von ihm zurück.
      "... Wie wäre es mit dem Herz, darf ich das zuerst untersuchen? Bist du damit einverstanden?"
    • Vincent wollte sich so sehr in den Kuss lehnen, wollte dem Mann so sehr sagen, dass er Recht hatte, nur um es hinter sich bringen zu können. Aber das konnte er nicht. Jetzt gerade musste er den leicht enttäuschten, leicht wütenden Freund zum Besten geben. Also erwiderte er den Kuss nur leicht, bevor Thomas sich von ihm zurückzog.
      Vincent leerte sein Glas in einem langen Zug - das Wasser brannte wie Säure in seiner Kehle, die sich nach etwas ganz anderem verzehrte - und stellte es neben sich auf de, Tisch ab.
      "Du bist der Experte. Wenn du damit anfangen willst, dann tun wir das auch."
      Den frechen, etwas anstößigen Kommentar verkniff er sich an dieser Stelle. Er konnte jetzt nicht daran denken, Thomas zu verführen. Nicht, wenn er all seine Konzentration brauchen würde, um den Arzt und Jäger vor sich davon zu überzeugen, dass er kein Monster war. Eins von beidem war ja schon schwer, aber beide gleichzeitig? Er konnte sich nicht den kleinsten Fehler erlauben. Also zwang Vincent sein altes Herz dazu, zumindest ungefähr so zu schlagen, dass ein Mensch damit überleben könnte - immer noch langsam, aber nicht unmöglich.


    • Thomas wies Vincent dazu an, sich auf das Sofa zu setzen und mit einem peinlichen Schweigen, das mit einem Mal den Raum erfüllte, packte er sein Stethoskop aus, bevor er sich zu ihm setzte.
      "... Dein Hemd."
      Vincent zog es aus und Thomas schluckte. Plötzlich hatte er Angst. Was wenn...?
      Aber er war keiner.
      Er vermied Augenkontakt, legte das Bruststück an, suchte, fand und lauschte. Der Herzschlag erfüllte seine Ohren, auch wenn er viel zu leise war - Thomas bekam ihn einfach nicht lauter. Er lauschte und zählte. Zwischendrin warf er einen flüchtigen Blick auf Vincent, begegnete seinem Blick, sah wieder hinab. Lauschen und zählen. Er rechnete jeden Moment damit, dass sein Herzschlag weiter absacken würde, dass er ins Unmögliche abdrifte, so wie er es bereits im Bootshaus gefühlt hatte, aber das tat er nicht. Er war langsam, ja, viel zu langsam sogar, aber nicht langsam genug. Das war ein gutes Zeichen, versuchte er sich einzureden, auch wenn es seinen Verstand nicht entspannte.
      Er war keiner.
      Er tastete nach Vincents Puls, an beiden Handgelenken und am Hals. Mit so einem schwachen Herzschlag konnte er ihn natürlich nicht spüren, das war kein Wunder.
      Vincents Augen lagen auf ihm und er fühlte sich unwohl unter dem Blick.
      "Hattest du jemals Herzbeschwerden? Schmerzen, in der Brust, im Arm, im Kopf? Anhaltende Schmerzen? Druckgefühle? Atemprobleme? Bekommst du genug Luft? Atme einmal so weit ein, bis du nicht mehr kannst und halte dann die Luft."
      Vincent folgte seiner Anweisung und er glitt mit dem Stethoskop über seine Brust hinweg. Auf seinem Rücken wiederholte er die Prozedur.
      "Merkwürdige Gerüche, die nicht existieren? Merkwürdige Geschmäcker im Mund? Hast du jemals Medikamente genommen, die dir nicht gut bekommen sind? Beschwerden in den Gelenken? Hast du chronische Symptome, abgesehen von deiner Müdigkeit? Konzentrationsprobleme? Heißhunger, ungewöhnlicher Harndrang? Verdauungsprobleme? Bewegungseinschränkungen? Hebe mal deinen Arm, so, und atme dann ein."
      Vincent tat anstandslos, was er von ihm verlangte, und ließ sich dabei untersuchen.
      "Rückenschmerzen? Sehschwäche? Hörschwäche? Kannst du noch atmen, wenn du einen Nasenflügel zuhältst? Mach den Mund auf, ganz auf und atme durch den Mund ein. ... Und jetzt wieder aus. Schau auf meinen Finger, folge meinem Finger mit deinen Augen. Gib mir deine Hand, mach mit den Fingern so, mit jedem einzeln. Jetzt lass locker und sag mir, ob du das spüren kannst. Spürst du das? Tut das weh? Die andere Hand auch. Steh auf und berühre mit deinen Fingern deine Zehnspitzen. ... Schau nicht so, das meine ich ernst. Kannst du balancieren? Rückwärtsgehen? Ab wann werden die Bewegungen zu viel?"
      Er taxierte ihn noch weiter mit solchen Fragen, leierte sein ganzes Repertoire an ärztlichen Anweisungen herunter, so lange bis ihm nichts mehr einfiel, bis er sich fragen musste, wie ein solcher Mann ein normales Leben führen konnte, wie er nur minimal durch seine Symptome darin gehindert wurde
      Wie so ein Mann kein Vampir sein konnte.
      Aber er war keiner!
      Langsam wurde er dieser Zweifel selbst überdrüssig, er seufzte.
      "Ich muss gestehen, dass ich genauso wenig Ahnung habe, was dahinter stecken könnte, wie dein französischer Arzt. Wir könnten ein paar Medikamente ausprobieren, die mir in den Sinn kämen, aber ehrlicherweise ist mir das Risiko zu hoch, dass eventuelle Nebeneffekte gefährlich werden. Vielleicht muss man es eben dabei belassen und abwarten, wie es sich entwickelt."
    • Vincent ließ sich Zeit mit seinen Bewegungen. Nicht auf die anstößige Weise, aber er hatte es auch nicht eilig. Man könnte seine Bewegungen bedacht nennen.
      Er faltete sein Hemd über die Armlehne des Sofas und ließ dann alle Fragen und Anweisungen von Thomas über sich ergehen.
      "Ich bin schnell außer Atem, wenn ich den ganzen Tag Bücher durch die Gegen schleppe oder sortiere. Manchmal übertreibe ich es dabei auch - nur noch das eine Regal, du weißt schon - und dann wird mir auch schonmal schwindelig, aber so schlimm ist das eigentlich nicht. Es fängt sich nach ein paar Minuten wieder."
      Er zuckte mit den Schultern, dann hielt er wie verlangt die Luft an.
      "Medikamente wegen meinem Herzen habe ich noch nie genommen, nein. Hier und da mal was, wenn ich mir was eingefangen habe, aber das ging selten über ein überteuertes Hausmittelchen hinaus. Im Winter habe ich mir als Kind gern eine Erkältung eingefangen, aber Arabelle - mein Kindermädchen in Frankreich - hatte da immer eine wundervolle Suppe zur Hand. Drei Tage später war ich wieder auf den Beinen, draußen, und habe mir die nächste Erkältung geholt."
      Vincent hob seinen Arm, atmete. Er zählte seine eigenen Herzschläge mit, schlicht weil sie so sehr in seinen Ohren dröhnten.
      "Ich würde es nicht Sehschwäche nennen, aber schnelle Wechsel in der Helligkeit bereiten mir Probleme, wenn ich müde bin. Bedenkt man, wie oft ich müde bin... Wenn du, wie heute morgen, die Vorhänge einfach aufreißt, dann erwischt mich das schon. Das funktioniert andersherum sogar noch besser. Wenn du einfach das Licht ausmachst, bin ich blind wie ein Maulwurf. Manchmal sogar für ein paar Minuten. Sehr nervig, wenn man sein Bett sucht und da ein Nachttisch im Weg steht."
      Vincent atmete noch ein bisschen, dann schielte er für Thomas, schließlich stand er auf, eine Augenbraue skeptisch erhoben. Er tat wie befohlen und beugte sich vor, um seine Zehen zu erreichen. Er brauchte einen Moment, bis seine müden Muskeln kooperierten. Als er sich wieder aufrichtete schwankte er ein bisschen, ein Umstand, den er noch ein wenig bekräftigte, um Kreislaufprobleme vorzutäuschen. Er fing sich schnell wieder, um weitere Zirkustricks zu vollführen. Erst balancierte er auf einem Bein, dann auf dem anderen, bevor er eine Runde rückwärts um das Sofa drehte.
      Vincent tat all das und noch mehr, beantwortete Fragen mit kleinen Anekdoten, vollführte noch mehr kleine Tricks. Er mochte Thomas ja wirklich sehr gern, aber was der sich gerade an den Haaren herbeizog... Vincent wahr ehrlich gesagt gelangweilt.
      "Ich will auch gar keine Medikamente nehmen, Thomas. Mir geht es gut, das habe ich dir doch schon gesagt. Und solange das so bleibt, habe ich auch nicht vor, etwas an meinem Lebenswandel zu ändern. Ich mag mein Leben, wie es ist. Willst du mich sonst noch irgendwie untersuchen, oder darf ich mir mein Hemd wieder anziehen? Wir haben ja schon festgestellt, dass ich schnell auskühle."
      Vincent wartete nicht wirklich auf eine Antwort und schnappte sich sein Hemd, schlüpfte hinein, knöpfte es aber nicht zu. Am Ende fiel Thomas ja doch noch etwas ein.
      "Was stand noch auf der Checkliste deines Großvaters?" fragte er, während er sein Wasserglas auffüllte. "Sonnenlicht - den Test sollte ich ja wohl bestanden haben nach meinem Konzert in deinem Haus mit den gigantischen Fenstern und unserem Spaziergang heute. Schnelle Heilung - du hast das Loch in meinem Torso gesehen. Und Nora wird dir bestätigen, dass ich sehr anstrengend war, wann immer sie den Verband wechseln musste in den Wochen danach. Kein Puls - du hast dir eben ordentlich Zeit genommen um zu dem Schluss zu kommen, dass ich - entgegen jeder Vermutung - einen habe. Hm... Ah! Silber. 'Die Haut eines Vampirs wirft Blasen wie bei einer Verbrennung'. Ich gebe zu, aus irgendeinem Grund reagiert meine Haut auf Silber, aber ich würde einen juckenden Ausschlag jetzt nicht mit Brandblasen vergleichen. Allerdings - und ich werde nicht müde, das zu betonen - bin ich hier nicht der Experte."
      In seinen Worten schwang kein bisschen der Wut aus dem Bootshaus mit. Im Gegenteil: Vincent ließ seine Worte so ernst klingen wie er sie meinte. Er musste den Jäger in Thomas genauso besänftigen wie den Arzt. Warum also nicht den einen gegen den anderen ausspielen?
      Er ging um den Schreibtisch herum und öffnete eine Schublade auf der linken Seite. Er musste ein paar Papiere beiseite schieben, doch dann fand er, wonach er gesucht hatte: einem silbernen Brieföffner. Der Griff war in schwarzes Leder gewickelt, das Stück so designed, dass es wie ein kleines Schwert aussah.
      "Silber," erklärte Vincent, als er den Brieföffner in die Höhe hielt.
      Dann warf er ihn so in die Luft, dass er sich drehte und er den Teil aus Silber wieder auffing. Das Silber in der Hand haltend, schlenderte er zu Thomas zurück. Dabei sorgte er dafür, dass sein Körper den Schaden, den das Silber verursachte, gleich heilte, sodass nichts weiter zu sehen wäre, als ein sanfter Rotschimmer auf seiner Haut - vergleichbar mit dem Aufflammen eines Ausschlages.
      Als Thomas ihm den Brieföffner abnehmen wollte, hielt Vincent ihn davon ab.
      "Wie sollst du dir denn sonst sicher sein, hm? Ich weißt nicht mehr, ob du mir das gesagt hast, oder ob ich das in den Notizen gelesen habe, aber hieß es nicht, dass man durch alle Tests durchfallen muss, damit man unumstößlich als Vampir gilt? Ich habe drei der vier Tests bereits bestanden. Also lass mich auch den letzten bestehen, um dir den unumstößlichen Beweis zu liefern, ja?"
      Er küsste Thomas Wange flüchtig.
      Nach ein paar Minuten legte Vincent den Brieföffner beiseite und präsentierte Thomas seine beinahe unveränderte Hand.
      "Noch einmal mache ich das aber nicht, hörst du. Das juckt jetzt schon. Warum noch gleich habe ich das auf der Handinnenfläche gemacht?"


    • Thomas wurde der Fragen beinahe selbst schon überdrüssig. Es war ja fast so, als würde er der Diagnose eines anderen Arztes nicht vertrauen - aber da lag auch noch etwas anderes dahinter und das wussten sie beide, das wusste Vincent vermutlich mehr als er. Nein, es ging nicht um die Diagnose eines anderen Arztes. Ja, es ging um Vincents Gesundheit, aber auf eine abstraktere Art. Würde er einen Vampir als gesund bezeichnen? Vielleicht, sobald er ihm das Messer in die Brust gerammt hätte, das war die Abstraktion dahinter.
      Und Vincent fügte sich dieser Untersuchung mit der Geduld eines Engels, während Thomas mit jeder verstreichenden Sekunde mehr zweifelte, an seiner Absicht, an seinen Befürchtungen, an seinem vermaledeiten Instinkt. Das war schon das zweite Mal, dass er ihn falsch alarmiert hatte - was kam als nächstes, dass er nicht einmal neue Bekanntschaften schließen konnte, ohne sich dabei zu verkrampfen, wenn der andere sich nicht an seinen Geburtsort erinnern konnte? Oder wenn er einen Kommentar darüber fallen ließ, dass er ein Nachtmensch war? Und was war dann die nächste Stufe, dass er Unschuldige mordete, weil sie vermeintlich durch seine Tests fielen? So weit würde er es nie kommen lassen. Ja, er hatte schon unschuldige Opfer verursacht und ja, er hatte aus seinen Fehlern gelernt. Vincent war kein solcher Fehler. Vincent war ein Geschenk, in Herrgotts Namen, und er trampelte darauf herum und warf es aus dem Fenster. Saubere Arbeit, Thomas, wirklich saubere Arbeit. Wem durfte er das zuschreiben, seinem Jagdinstinkt, oder seinem Arztinstinkt oder vielleicht auch seinem normalen Selbst, der keinen der beiden unter Kontrolle zu haben schien?
      Er wollte seine Diagnose schon ziehen und die ganze Sache abblasen, als Vincent von selbst auf die Checkliste seines Großvaters zu sprechen kam und Thomas das Gesicht verzog. Das war nun wirklich nicht das, worauf er hinaus gewollt hatte.
      "Das ist nicht..."
      Er stand auf, als Vincent zu seinem Schreibtisch ging.
      "Grundgütiger, Vincent, das ist doch wirklich nicht nötig. Wir sind nicht hier für... ich dachte doch nicht, dass..."
      Thomas war noch nie ein guter Lügner gewesen, vermutlich war es besser, wenn er es gar nicht erst versuchte.
      Er klappte den Mund zu und beobachtete mit einer Mischung aus Furcht und abartiger Faszination, wie der Mann seinen Brieföffner in die Hand nahm und das Silberstück auf seine Haut drückte. Das einzige, woran er für einen Moment denken konnte, war die Tatsache, dass der Brieföffner eine geeignete Waffe darstellen würde. Er musste den Gedanken aktiv herunterschlucken und in den hintersten Ecken seines Gehirns vergraben, um ihm nicht den Erfolg zu gönnen, seine Gedanken zu beherrschen.
      Als Vincent bei ihm war, streckte er automatisch die Hand danach aus.
      "Das ist doch wirklich nicht nötig, Vincent, hör auf mit dem Unsinn und gib mir das."
      Er gab es ihm nicht und Thomas sah in den ernsten Ausdruck seiner Augen empor, während der andere ihn musterte. Sein Instinkt hatte noch immer nicht locker gelassen. Er hätte ihm gerne eine ordentliche Ohrfeige verpasst und ihn weggesperrt - nicht unwiderbringlich, aber zumindest für die nächsten Tage. Solange er hier bei Vincent war.
      Er nickte hilflos auf Vincents Fragen hin, ließ sich einen Kuss auf die Wange geben, starrte zurück auf das Silber in dessen Hand. Als er es wegnahm und seine Haut beinahe unverändert vorzeigte, atmete ein Teil von ihm auf und merkte an, dass das als Triumph zu bezeichnen war. Ein anderer Teil von ihm erwähnte, dass Vincents Haut nicht ganz makellos geblieben war. Thomas verfluchte diesen einen Teil von sich.
      "Jetzt leg schon dieses Ding weg um Himmels willen, das ist ja nicht mit anzusehen."
      Er schnappte sich den Brieföffner und legte ihn beiseite, bevor er Vincents Hand griff und seine Handfläche begutachtete. Das hatte noch nicht einmal den Zweck, seinen Ausschlag zu überprüfen, sondern ihn schlicht zu untersuchen. Und mehr als das war es wirklich nicht, nur ein kleiner Ausschlag.
      Er sah zu ihm auf.
      "Vincent, denk nicht, dass ich dich beschuldige... Ich weiß doch, dass du keiner bist, das hast du mir schon sehr viel früher gezeigt. Welcher Vampir würde denn so nahe kommen und mich trotzdem nicht beißen? Gelegenheit dazu hättest du schließlich schon oft genug gehabt, schon damals im Oktober. Du bist keiner, das weiß ich doch. Ich bin nur vorsichtig, nimm mir das nicht übel."
      Er drehte Vincents Hand und küsste seinen Handrücken, dann legte er die eigene Hand an seine Wange.
      "Es tut mir leid, wirklich. Mein Jagd...trieb ist instinktgesteuert, das muss er sein, andernfalls wäre ich viel zu langsam für irgendwas, aber der lässt sich nicht einfach so an- und ausschalten. Zumindest musst du dir keine Sorgen machen, dass dir in meiner Nähe etwas geschieht, das würde ich nicht zulassen."
      Er dachte an Stephen und verzog das Gesicht.
      "Etwas vampirisches, meine ich. Für Menschen habe ich noch keinen Instinkt entwickelt."
      Er beugte sich zögerlich vor und küsste Vincent vorsichtig, als könnte eine zu schnelle Bewegung den Mann vergraulen. So langsam siegte das schlechte Gewissen über ihn und prügelte sämtliche Teile in ihm zurück in sein Unterbewusstsein hinab. Keine Spielchen mehr, es ging nur noch darum, den Mann jetzt nicht zu verlieren.
      "Verzeihst du mir?"
    • Nun legte Vincent seinerseits eine Hand an die Wange des Mannes, der da vor ihm saß.
      "Das nächste Mal, wenn sich dein Instinkt meldet, dann frag mich einfach, in Ordnung? Keine seltsamen Fragen, keine versteckten Tests und Experimente. Vielleicht kann ich dir die Frage, ob ich ein Werwolf oder ein... was weiß ich, Kelpie bin nicht direkt beantworten, aber wenn du irgendwelche Untersuchungen brauchst, um dich sicher zu fühlen, dann frag mich einfach. Solange du mich dabei nicht in Scheiben schneiden musst, bin ich bereit, mich deinen Untersuchungen zu stellen. Ich sehe doch, wie angespannt du wirst, wie deine Augen nervös durch den Raum huschen."
      Er legte seine Hände auf Thomas' Schultern und massierte die verspannten Muskeln dort ein wenig.
      "Ich will nicht, dass du dich so unwohl, so bedroht fühlst, wenn du bei mir bist. Und wenn ein paar Zirkustricks dabei helfen können, dass du dich entspannst, dann bin ich gern dein kleines Äffchen."
      Vincent zog den Doktor an sich, küsste ihn liebevoll. Er lehnte seine Stirn gegen Thomas' und lächelte den Mann freundlich an.
      "Also ja: Ich verzeihe dir. Aber nur diesen kleinen Tanz hier. Die Aktion von heute Morgen nehme ich dir immer noch übel."
      Grinsend küsste er Thomas' Nasenspitze, bevor er sich von ihm löste und ein bisschen streckte.
      "Bitte sag mir, du hast noch etwas von dieser Salbe, die du mir das letzte Mal gegeben hast. Meine Hand treibt mich gerade in den Wahnsinn," kommentierte er, während er den breiten roten Streifen auf seiner Handfläche betrachtete.


    • Thomas konnte nur nicken, bevor er sich bereitwillig an Vincent und in den Kuss hineinlehnte. Jetzt mehr denn je war er froh darum, die Nähe des Mannes genießen zu können.
      "Jetzt weiß ich es ja", murmelte er, bevor sie sich lösten und er zu seiner Tasche ging. Natürlich hatte er die Salbe dabei, er führte einen halben Apothekerschrank mit sich. Er setzte sich und bedeutete Vincent, sich zu ihm zu setzen.
      "Außerdem nenn das nicht Zirkustricks, das ist eine ernste Angelegenheit. Du solltest dich halbjährlich von einem Arzt untersuchen lassen, machst du das auch?"
      Er schraubte die Tube auf, drückte ein klein bisschen der Masse auf Vincents Hand und fing damit an, sie mit zwei Daumen einzureiben. Es vergingen mehrere Sekunden des schweigsamen einmassierens, ehe er etwas kleinlaut wieder das Wort erhob.
      "Du würdest mir sowas sagen, oder?"
      Er sah auf, um Vincent in die Augen zu sehen. Dessen Blick lag ruhig und gütig auf ihm, fast schon ein bisschen amüsiert. Fast.
      "Wenn du ein... Kelpie wärst. Ich jage zwar keine Kelpies, aber das würdest du mir sagen. Oder?"
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