[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • Vincent sah den letzten beiden Gästen seiner kleinen Feier hinterher. Sobald sie außer Sicht waren, rollte er die Schultern, als wäre eine Last von ihm abgefallen. Es war eine Sache, sich zwischen Menschen zu bewegen. Ein vollkommen andere Angelegenheit war es, sich vor einem Jäger als Mensch auszugeben. Warum mussten die Van Helsings nur alle so attraktiv sein?!
      Als Eric, George und Esther aus dem Keller zurückkehrten, wies er die kleine Gruppe an, sein Foyer zu säubern, bevor sie sich für den Rest der Nacht zurückziehen konnten. Vincent selbst kehrte in sein Studierzimmer zurück. Draußen tobte noch immer der Sturm und ein kleiner Teil fragte sich, ob dieses Wetter vielleicht doch nicht so natürlich entstanden war, wie er zuerst angenommen hatte.
      "Was für ein Quatsch. Das ist viel zu kompliziert," murmelte er vor sich hin und wandte sich von den Fenstern ab.
      Er hatte noch ein paar wenige Stunden, bevor die Sonne aufging. Wie die meisten seiner Gäste würde er den Vormittag verschlafen. Es würde ihm auch niemand übelnehmen, wenn er das Mittagessen verschlief, konnten doch die meisten bezeugen, dass er sich erst später zur Ruhe gebettet hatte. Aber er würde nicht umher kommen, zum Nachmittagstee aufzutreten. Es gab einen Grund, warum er die Festlichkeiten auf den großen Salon und den Ballsaal im Erdgeschoss beschränkte. Natürlich stand es seinen Gästen frei, das Gelände zu erkunden - sofern man sich mit einem dichten Wald auseinandersetzen wollte, der recht schnell in ein kleines Moor überging. Wie jedes Jahr würde Vincent sich als verkatert geben. Kein allzu schweres Schauspiel, fühlte er sich doch oft wie von einem Pferd zertrampelt, wenn er am Tag erscheinen musste.
      Als sich Vincent auf eines der Sofas fallen ließ, musste er an den Blick des guten Doktors denken, daran, wie schnell dessen Herz geschlagen hatte, als er ihn an die Wand gedrückt hatte. Er brauchte einen Augenblick, um zu realisieren, dass diese Gedanken von einem Geruch und einem Gefühl getragen wurden. Beides kannte er nur zu gut; Harker Height hatte schon immer einen Drang dazu gehabt, seine Bewohner an der Lust anderer teilhaben zu lassen. Nur, dass dieses Mal anders war. Es fühlte sich geradezu falsch an. Nicht vulgär, einfach nur... falsch.
      "Oh Thomas... Wem willst du hier was beweisen?" fragte er in die Stille des Sturms hinein.

      Nora war es als einzige erlaubt, die Privatgemächer Vincents zu betreten. Wie jedes Jahr stahl sie sich durch die dunklen Flure von Harker Heights zu ihrem Arbeitgeber und betrat das große Zimmer ohne anzuklopfen. Vincent hätte es sowie so nicht gehört.
      Nora ging sicher, dass die Vorhänge an den Fenstern auch wirklich geschlossen waren, bevor sie die am Bett öffnete und in die Halterungen an den Bettpfosten klemmte.
      "Vincent," sagte sie sanft, als wolle sie ein Kind wecken.
      Doch mittlerweile wusste sie genug über ihren Arbeitgeber, um es nicht weiter auf die sanfte Art zu versuchen. Also packte sie ihn an der nackten Schulter und rüttelte ihn so lange durch, bis Vincent müde die Augen aufschlug und zu ihr hinauf blinzelte.
      "Ist es wirklich schon Mittag?" grummelte er.
      "Ja. Und Ihre Gäste fragen schon vermehrt nach Ihnen."
      Seufzend richtete sich Vincent auf und sortierte die Instinkte seines unnatürlichen Körpers. Alles in ihm schrie danach, zu schlafen, in der Sicherheit der Finsternis zu bleiben bis sich die Sonne verzogen hatte. Aber das konnte er nicht. Nicht heute. Nicht mit einem Jäger im Haus.
      Also raffte er sich auf, ließ die Träume, die er nicht haben sollte hinter sich, und schlüpfte in die Kleidungsstücke, die Nora ihm reichte. Sie richtete außerdem seine wilde Mähne, sodass er zwar immer noch mitgenommen aussah, aber eher auf die Art, die man von einem reichen Junggesellen nach einer langen Nacht erwartete. Zum Schluss drückte sie ihm noch ein großes Glas in die Hand. Wie immer drehte sie sich um, als Vincent das Glas an die Lippen setze und das Schweineblut in großen, hastigen Schlucken hinunterwürgte.
      "Dann mal auf ins Getümmel," murmelte Vincent und machte sich auf den Weg in seinen eigenen Salon.

      Köpfe drehten sich in Richtung der Tür, als Lord Harker den Salon betrat. Viele seiner Gäste waren noch vergleichsweise entspannt gekleidet, aber niemand hatte es gewagt, in einer Morgenrobe hier aufzuschlagen - geschweige denn in einer nur halb geschlossenen und dann auch noch barfuß!
      Vincent schlenderte hinüber zu einem seiner Bediensteten, die mit kleinen Häppchen auf Tabletts durch die Gegend liefen, und griff sich zwei, nachdem er sich eins in den Mund geschoben hatte. Dann fragte er wenig diskret nach einen Drink, damit diejenigen, die die längsten Ohren machten, ein gutes Bild von dem noch immer betrunkenen Mann bekamen, als den er sich hier ausgab.
      Der Bedienstete nickte und eilte davon, während Vincent seinen Weg in die gleiche Ecke fand, in die er letzte Nacht Dr. Van Helsing entführt hatte. Lustlos ließ er sich auf einen der Sessel fallen, von Haltung keine Spur. Er sehnte sich danach, die Augen zu schließen und sich der süßen Ohnmacht des Tages hinzugeben, aber das konnte er nicht. Stattdessen suchte er sich eine hübsche Aussicht. Thomas Van Helsing zu finden war ihm ein Leichtes.


    • Ein unangenehmer Traum plagte Thomas in der Nacht, ein Albtraum, wenn man es so haben wollte, aber von der subtileren Art. Er sah das Haus vor sich, Harker Heights in all seiner majestätischen Pracht und seinem Glanz, und während sein schwebendes Selbst hineinging, gleichzeitig überall und nirgendwo zu sein schien und erst in vier Räumen gleichzeitig, und dann in keinem war, sah er den dunklen Gang vor sich, die tiefe Schwärze, die sich überall um ihn herum ausbreitete und ihn selbst zu verschlucken schien. Ihn beschlich das Gefühl, dass sie etwas vor ihm versteckte, etwas in ihrer Undurchsichtigkeit vor ihm verheimlichte, was ihm sonst eigentlich hätte auffallen müssen, wenn er nur seine Augen anstrengen würde. Aber er sah so schlecht, konnte ja nichtmal die Buchstaben lesen, die vor ihm aus der Schwärze glitten, die Buchstaben eines Buches, das war es ganz bestimmt, ein Buch aus dem Zimmer - welches dieser unendlichen Räume war es noch gleich? - und dieses Zimmer versuchte er zu finden, denn es schien ihm wichtig, unheimlich wichtig, aber wie konnte er es in der Schwärze finden, wie konnte er durch die Finsternis schwimmen und dabei nach einem Zimmer Ausschau halten, wenn er doch nichtmal die Buchstaben lesen konnte.
      Er erwachte zu einem Geräusch, das Darcy im Schlaf von sich gab, und fühlte sich besser als am Vorabend, ruhiger. Er musste den Rausch ausgeschlafen haben, den er zweifellos am gestrigen Tag erlebt hatte, das war es sicherlich.

      Das Paar tauchte rechtzeitig zum Frühstück in den frühen Morgenstunden auf, wo sie eine ganze Gruppe neugieriger Gäste in Empfang nahm, um auch ja alle Details von dem gestrigen Abend zu erfahren, ob es der Lady Norwich gut ginge, dass es hieß, dass sie verstorben sei, ob man ihre Leiche schon begraben hätte. Thomas setzte ein mechanisches Lächeln auf, die Art von Mienenschauspiel, mit dem er all seine Patienten vertraut machte, und gab ein paar vage Auskünfte über den Vorfall. Sein Blick ließ sich kaum auf einem Gesicht nieder, bevor er bereits zum nächsten wanderte, und als er die Hälfte der morgendlichen Gäste einmal abgesucht hatte, wusste er, wonach er tatsächlich Ausschau hielt. Da schüttelte er den Kopf, rückte Darcy einen Stuhl zurecht und setzte sich mit ihr zum Essen hin.
      Den Vormittag über befand er sich in der aufdringlichen, wenn nicht unbedingt unangenehmen Gesellschaft eines älteren Herren mit einem vorzüglich gepflegten Schnurrbart, der sich ihm als Norbert vorstellte und ausschweifend darüber berichtete, dass er Lady Norwich gut gekannt habe und die Alte sicherlich noch zehn Jahre auf dem Buckel gehabt hätte, wenn sie nicht so plötzlich einfach umgekippt wäre. Norbert trug zwar auch einen Anzug, allerdings keinen so penibel gepflegten wie Thomas und außerdem passten seine Schuhe nicht dazu. Er war bei der Eisenbahn-Gewerkschaft tätig und schwärmte recht schnell davon, wie modern und innovativ diese neuartige Form der Transportation sei und wie stolz er darauf war, Teil dieser weltenbewegenden Erfindung zu sein. Thomas nickte nur und lächelte. Er nickte und lächelte und sah manchmal, nur manchmal, erwartungsvoll zur Tür, wenn jemand neues hereinkam.

      Die Mittagszeit verbrachten Darcy und er mit der ausgiebigen Erkundung der öffentlich zugängigen Räume und der daraus resultierenden Recherche.
      Es gab Silberbesteck, auch wenn Thomas sich nicht sicher war, ob es aus reinem Silber bestand. Normalerweise hätte das gegen den Verdacht gesprochen, aber in einem Anwesen wie diesem durfte man erwarten, dass das Gedeck von hochwertiger Qualität war, und daher konnte er diesen Fund nicht ganz so einfach bei Seite schieben. Außerdem war der Gang in der ersten Etage noch immer stockdunkel, selbst bei Tageslicht, was Thomas nun deutlich als verdächtig empfand, wenngleich das Erdgeschoss verhältmäßig hell gehalten war.
      Aber das waren alles nur Verdachte, Theorien über spontane Entdeckungen, nichts, was ihn vollständig von seiner These überzeugt hätte. Er konnte keinen Unschuldigen damit beschuldigen, ein übernatürliches Wesen zu sein, und genauso wenig konnte er es riskieren, den Vampir - wenn er denn einer war - mit einem direkten Vorstoß in die Offensive zu treiben. Zu viele Leute waren um sie herum, zu viele Leben, die er damit aufs Spiel setzte. Er musste sich seiner Sache sicher sein, wirklich sicher sein, um sich dann überlegen zu können, ob er erfolglos wieder nachhause ging, oder wie er den Mord eines Vampirs vor mehreren dutzend Augen geheim hielt. Und wenn es eins nicht gab, was der Hausherr bei ihm auslöste, dann war es ein sicheres Gefühl.

      Als eben jener Mann sich endlich dazu entschied, seinen Gästen auch an diesem Tag ein guter Gastgeber zu sein, war Thomas wieder von Norbert eingebunden, der ihn - wie auch immer er es geschafft hatte - nach Stunden seiner Sucherei abgepasst und dann mit Erzählungen überschwemmt hatte. Thomas lächelte gezwungen, nickte manchmal, gab eine Antwort, wenn der Alte eine erwartete und bereits ungeduldig nachhakte. Darcy hatte sich auf einer Bank am Rand des Saales niedergelassen und ein paar Frauen um sich versammelt, die sie sicherlich über den gestrigen Abend befragten und ihre Bestürzung mit großem Mienenspiel zur schau stellten. Sie war ihm also keine Hilfe, als Thomas den Trubel bemerkte, der sich beim Eingang breit machte, und dann den Lord selbst erblickte. Er sah unheimlich verkatert aus; unheimlich verkatert und unheimlich - nein! Nein. Gar nicht erst zu Ende denken. Er ist nur ein Mann. Männer konnten hübsch sein, sicher, aber am Ende des Tages war es nur ein Mann. Gar kein Grund, die nackte Haut näher zu betrachten, die unter dem Morgenmantel hervorlugte. ... Vielleicht nur ein kleiner Blick? Nur ein einziger konnte nicht schaden. Der Mann war eh viel zu verkatert, um es mitzubekommen.
      Aus einem Blick wurde ein sehr langer, als Thomas beobachtete, wie der Hausherr erst bei einem seiner Bediensteten Halt machte und dann zu den Sesseln ging, die ihm nun zweifellos freigehalten wurden. Thomas wandte sich wieder Norbert zu, der seinen Redefluss gerade unterbrochen hatte und ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterte.
      "Ah, ja, verzeihen Sie mir, lassen Sie mich doch lieber später einen Blick darauf werfen. Wenn Sie mich für einen Moment entschuldigen würden..."
      "Bitte, bitte, nur zu, ich halte Sie doch nicht auf, von Hällsing! Ich würde ja auch so rennen, wenn ich nur könnte, aber da kann man ja nichts machen, nicht wahr, ich bin wirklich untröstlich, dass das gerade in dieser Zeit passieren muss, in der..."
      Thomas kehrte ihm den Rücken zu, bevor er in die nächste Geschichte darüber abschweifen würde, wie er einen Bären bezwingen musste, während seine Kollegen das Schienennetzwerk legten, in strömendem Regen wohlgemerkt und auch noch ohne die richtigen Werkzeuge. Er eilte vor ihm davon und strebte den Hausherrn an, der so entspannt in seinem Sessel hing, dass es so aussah, als würde er jeden Moment darin versinken.
      "Lord Harker? Darf ich?"
      Er setzte sich ihm gegenüber, selbstsicherer als noch am Vortag, wahrscheinlich durch den Schlaf, oder auch den Sex mit Darcy - oder den Traum? Mittlerweile hatte er ihn schon fast wieder vergessen.
      "Ich muss mich entschuldigen für meine gestrige Laune, ich vertrage wohl den Alkohol nicht ganz so gut, wie ich gedacht hatte. Sie scheinen wohl Ihren eigenen Rausch nicht besonders ergiebig ausgeschlafen zu haben? Ich empfehle viel Wasser, etwas gutes zu Essen und Bewegung. Das schlimmste, das Sie tun können, ist den ganzen Tag herumzusitzen."
      Er verschränkte die Finger in seinem Schoß miteinander und war unheimlich stolz auf sich, der entblößten Brust seines Gegenübers keinen einzigen, gravierenden Gedanken zu schenken. Nur ein paar kleine, einflusslose Nebengedanken.
      "Haben Sie schon jemanden losgeschickt? ... Sie werden es doch nicht vergessen haben? Die Lady Norwich, in Ihrem Keller?"
    • Vincent folgte dem Doktor mit Blicken, wie ein Raubtier seine Beute beobachten würde. Auf seine Frage hin, ob er sich setzen dürfe, antwortete er lediglich mit einer einfach Handbewegung.
      "Ginge es nach mir, läge ich noch immer schön eingepackt in meinem Bett. Aber meine Dienstälteste Nora hätte etwas dagegen, solange ich Gäste im Haus habe."
      Er schob sich in einer einzigen Geste das letzte seiner Häppchen komplett in den Mund, ohne den Blickkontakt mit dem Van Helsing zu unterbrechen. Sozusagen ein kleines, rebellisches 'Ja doch, Herr Doktor, ich esse ja schon'.
      "Wie soll ich denn bitte vergessen, dass eine Frau in meinem Ballsaal gestorben ist?"
      Er stoppte sich, atmete einmal tief durch und gab sich Mühe, seine gespielte Genervtheit zu unterdrücken.
      "Entschuldigung," meinte er knapp. "Nora hat mir nicht verraten, ob dieser Junge - Reginald? Rigby? Egal - ob der schon wieder klar im Kopf ist. Der wird hoffentlich wissen, wem genau wir Bescheid geben müssen. Was den..." Vincent stoppte und schien zu überlegen, ob sein Magen es mitmachte, über einen leblosen Körper in seinem Keller zu sprechen. "Was Lady Norwich angeht... Nora ist eine von den Guten. Sie weiß, was sie tut und sie tut es sehr gut. Ich gehe einfach davon aus, dass sie schon jemanden hat holen lassen."
      Mit einem müden Lächeln wandte sich Vincent von dem Doktor ab und seinem soeben angekommenen Drink zu. Allerdings hielt er sich erstmal nur daran fest, als sei es ihm unangenehm, vor einem Arzt gegen dessen Rat zu handeln. Er spielte den Mann, der sich seiner Laster nur zu gut bewusst war. So gesehen war es gar kein Schauspiel, nur eine Veränderung der Details in dieser Geschichte.
      Schließlich stellte er seinen Drink auf dem Tisch ab und lehnte sich wieder in dem Sessel zurück. Er machte sich nicht wirklich die Mühe, seine Robe richten, die ihm dabei halb von einer Schulter rutschte.
      "Falls Sie eine Entschuldigung von mir erwarten wegen gestern: Sie werden keine Kriegen," sagte er dann und plötzlich war sein Blick sehr viel schärfer und aufgeweckter. "Ich entschuldige mich nämlich ausschließlich für Dinge, die ich bereue."
      In seinem Dämmerzustand fiel es Vincent zunehmend schwerer, den Duft von Zimt zu ignorieren. Es hatte nur einen Tag gebraucht, um den Geruch nach klinischer Reinheit loszuwerden und jetzt flutete dieser viel zu attraktive Van Helsing Erbe seine müden Sinne. Ein Gedanke von gestern Nacht zuckte durch Vincents Verstand. Das Gefühl von körperlicher Intimität. Er verfluchte das Haus im Stillen für seine vielen Echos.
      "Und? Haben Sie gestern noch irgendwelche interessanten Geister kennengelernt? Oder sind Sie gleich ins Bett gehuscht?" fragte er, um sich selbst von seinen Gedanken abzulenken.
      Zurück war der verschlafene Blick des verkaterten reichen Mannes, der sich nicht darum kümmerte, was die anderen Anwesenden gerade über ihn denken mochten.


    • Lord Harker war wirklich unsäglich verkatert, kaum mehr in der Lage, eine vernünftige Unterhaltung aufrecht zu erhalten, die Thomas anstrebte. Er gab seine Laune frei heraus zu erkennen, bevor er sich zu fassen schien und sich der erwarteten Sitte wieder fügte. Thomas nahm die Beobachtung mit einer gehobenen Augenbraue auf, die kaum mehr Aufschluss über seine Gedanken bot, als dass er sich fragte, ob sein Gegenüber wirklich noch so mitgenommen war, oder ob er schlicht keine Lust mehr hatte, seine Manieren einzuhalten.
      Aber letzten Endes war wohl auch das dem Alkohol zu verschulden, denn er konnte sich ja noch nichtmal an Richards Namen erinnern, dabei war dieser arme junge Mann ja noch direkt von dem Vorfall betroffen gewesen. Thomas hätte ihm jedoch keinen Vorwurf darüber gemacht, er konnte sich vorstellen, wie traumatisch ein solches Erlebnis sein konnte.
      "Das ist gut. Sie haben fähiges Personal, Lord Harker, das trifft man nicht oft die Tage."
      In der kurzen Pause, die zwischen ihnen entstand, während Lord Harker sich wohl zu sammeln versuchte und gute Miene zum bösen Spiel machte, drängte Thomas seine Gedanken in die Richtung seiner Recherche, dachte über das nicht-so-ganz-silberne Silberbesteck nach und über den dunklen Gang, beschäftigte das Zahnrad in seinem Kopf, damit er sich nicht von der makellosen, glatten Haut ablenken ließ, die sich unter dem Morgenmantel seines Gegenübers abzeichnete, wie ein einladendes - ah! Da war es doch schon wieder, diese Ablenkung, als hätte er im Leben noch nie einen nackten Mann gesehen, ha-ha. In seinem Berufszweig war es quasi unmöglich, keine nackten Männer zu sehen, und außerdem auch keine nackten Frauen, Frauen wie Darcy, mit der er ja schließlich gerne... nunja. Er musste sich ja nun auch nicht zwingen, über den Sex mit ihr nachzudenken. Manchmal war es auch einfach gut, gar nicht zu denken.
      Er hielt es in etwa so lange aus, bis Lord Harker sich nach vorne beugte, sein Glas abstellte, sich wieder in den Sessel fallen ließ und ihm dabei der Morgenmantel von der Schulter rutschte. Da fand Thomas es mit einem Mal unheimlich wichtig, das Glas auf dem Tisch zu studieren, oder seine Finger oder die Masse der anderen Gäste, hauptsache, er musste den Anblick nicht ertragen. Die veränderte Stimme des anderen Mannes veranlasste ihn dann allerdings doch dazu, den Blickkontakt wieder herzustellen und diesmal einen deutlich wacheren Lord Harker zu betrachten. Wenn ihn seine Aussage nicht so schlagartig wieder verunsichert hätte, wenn sie nicht das Gefühl zurückgeholt hätte, das ihn am gestrigen Abend noch so im Griff gehabt hatte, hätte er sich wohl deutlicher gewundert, wie dieser verkaterte Mann es schaffte, eine solche Eindringlichkeit in seine Augen zu legen, als wäre er hellwach und bei vollsten Sinnen. So war er allerdings mit der Gesamtsituation gänzlich überfordert, dem gleichzeitigen Verdrängen der Erinnerung, der Konzentration auf etwas wesentlicheres und dem verzweifelten Fixieren auf die Augen seines Gegenübers, um sich bloß nicht von der heruntergerutschten Robe ablenken zu lassen, um dieser Tatsache einen weiteren Gedanken zu schenken. Es war doch nur eine Schulter, Herrgott! Was war nur mit ihm los, war er etwa immer noch betrunken? Das war ja beinahe unmöglich.
      "Was geschehen ist ist geschehen und es bringt nun nichts mehr, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Wir wollen doch schließlich alle nur ein wunderbares Fest genießen."
      Das Gespräch wandte sich wieder in neutralere Gefilde und damit auch Lord Harkers Stimmung, die zunehmends wieder in seine Schlafenheit abtauchte. Thomas merkte, wie sich eine unsichtbare Last von seiner Brust hob, die er bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte.
      "O nein. Alle Ihre spukenden Geister haben uns in Ruhe gelassen, oder aber wir haben zu fest geschlafen, um sie mitzubekommen. Es ist fast eine Schande, das wäre doch ein interessantes Erlebnis gewesen."
      Er erinnerte sich wieder an den Traum, an die vagen Fetzen davon, an die er sich noch erinnern konnte, und an seinen kurzzeitigen Drang, dem Traum nachzugehen. Nun war wahrscheinlich die beste Zeit dafür.
      "Ich möchte Sie nun auch nicht weiter stören, Sie möchten sicherlich ein bisschen Ruhe genießen. Denken Sie daran, bloß genug trinken."
      Er ließ ihm ein professionelles Lächeln zukommen, während er sich aus dem Sessel erhob, die Falten seines Anzugs glatt strich und sich sogleich auf dem Weg in die Menge machte, ohne sich noch einmal durch einen Blick zurück aufhalten zu lassen.

      Sein Ziel war Darcy, die er erreichte, nachdem er einen sanften Schlenker durch die Gruppen machte und an ihre Bank herantrat, an der sich die fünf Frauen tummelten. Sie wurden in ihren Gesprächen leiser, als er herantrat, und warfen ihm alle freundliche Blicke zu, mit Ausnahme von Darcy, die neugierig dreinsah.
      "Verzeiht, die Damen, ich werde Fräulein Brooks einmal entführen müssen. Ich verspreche, sie zeitig wieder zurückzubringen."
      Die Frauen kicherten unter vorgehaltener Hand über seine eigentlich überhaupt nicht lustige Formulierung und er streckte Darcy die Hand entgegen, die sie ergriff und sich von ihm hochziehen ließ. An diesem Tag sah sie nicht mehr ganz so lächerlich aus wie am Vortag. Das stimmte ihn wieder etwas gütiger.
      Er führte sie ein Stück beiseite, vergewisserte sich, dass niemand in ihrer Umgebung lauschte, und senkte die Stimme.
      "Jetzt wo er hier ist, möchte ich mich in seinen Privaträumen umsehen. Du musst ihn für mich im Auge behalten und ihn aufhalten, wenn er nach oben gehen sollte. Gib' mir vielleicht... 10 Minuten, einverstanden? Wirst du das hinkriegen?"
      Darcy wollte an ihm vorbei schon zu Lord Harker sehen, als Thomas sie hastig anfuhr:
      "Schau nicht zu ihm, bist du wahnsinnig! Behalte ihn einfach ein bisschen im Auge. Er ist grade erst gekommen, so schnell wird er ja wohl nicht wieder gehen."
      "Und wonach suchst du?"
      "Wonach wohl? Nach Blutgefäßen, die er regelmäßig leer trinkt. Herrje Darcy, schalte doch für einen Moment dein Hirn ein, wir haben kaum Anhaltspunkte, bis auf das billige Silberbesteck und den dunklen Gang oben. Vielleicht hat er ja... ach, ich weiß auch nicht. Irgendwas muss ihn doch verraten und wir müssen es nur finden. In den Keller werde ich auch einmal müssen, aber erst kommt das Obergeschoss dran. Behalte ihn im Auge, okay? Ich verlasse mich auf dich."
      "Ja doch."
      "Gut."
      Er gab ihr einen flüchtigen, hastigen Kuss, dann trennten sich beide wieder und er ging gezwungen ziellos auf den Ausgang des Salons zu, hielt dort einmal Ausschau nach Bediensteten und machte sich dann auf in den ersten Stock.

      Das Studierzimmer sah bei Tageslicht gänzlich anders aus, weniger mysteriös und mehr wie ein normales, alltägliches Büro. Die Unterlagen und Bücher lagen alle noch so, wie Thomas sie glaubte vom Vorabend in Erinnerung zu haben, und er ging mit raschen Schritten zu den Regalen an den Wänden, überflog die Buchtitel, sah sich manche lose Blätter an, ging zum Schreibtisch über, durchsuchte die Unterlagen. Er hielt nach nichts bestimmtem Ausschau, aber wenn es etwas gab, was den Vampir verraten würde, würde er es auf den ersten Blick finden, so war er sich sicher.
    • "Trinken werde ich, machen Sie sich da mal keine Sorgen," murmelte Vincent und sah dem scheidenden Doktor hinterher.
      Er beobachtete aufmerksam, wie sich Thomas mit seiner Freundin unterhielt. Sie waren allerdings zu weit weg, als dass er sich auf ihre Unterhaltung hätte konzentrieren können. Als sich der Van Helsing Erbe dann aber absetzte, konnte sich Vincent schon denken, was der Mann vorhatte. Er lehnte sich entspannt mit seinem Drink in der Hand zurück und ließ es geschehen. Für gewöhnlich ließ er nicht einfach Beweise für seine Art der Existenz herumliegen - insbesondere nicht, wenn er Gäste erwartete - und er war gespannt, ob ein Van Helsing mehr sehen konnte, als ein neugieriger junger Adeliger, der seinen Freunden etwas beweisen wollte.
      Nach ein paar Minuten richtete er seine Robe, leerte seinen Drink und erhob sich aus seiner Ecke. Er schlenderte durch den Raum, schüttelte Hände, beantwortete Fragen zum gestrigen Abend und Lady Norwich. Er gab sich Mühe, dabei einen Mann darzustellen, der gerade erst aus seinem Kater herausfand.
      Er gab dem Van Helsing eine Viertel Stunde, bevor er sich auf den Weg zu seinem Schlafzimmer machte, um sich etwas ordentliches anzuziehen. Da trat ihm Ms. Brooks schon in den Weg.
      "Ms. Brooks! Ich hoffe doch, sie hatten eine angenehme Nacht. Rest der Nacht," grüßte er die Dame und legte sich in einer fließenden Bewegung ihre Hand auf den Unterarm.
      Er nahm sie einfach mit aus dem Saal und die Treppen hinauf mit einem Selbstbewusstsein, das kaum eine andere Möglichkeit zuließ.
      "Aber ja doch, Lord Harker. Sie haben die Schlafzimmer im Haupthaus als furchtbar dargestellt, aber da muss ich widersprechen. Ich habe sehr gut geschlafen."
      "Das freut mich zu hören. Allerdings muss ich diese Unterhaltung leider kurz halten. Den ganzen Tag in einer lockeren Morgenrobe herumzuwandern ist nun wirklich nicht schicklich. Sie verzeihen?"
      Sie wollte protestieren, das konnte er ihr ansehen, aber er drehte sich einfach um, ließ sie vor dem Schlafzimmer stehen, das er ihr und Thomas gestern zugewiesen hatte, und bog ab in Richtung seines eigenen Schlafzimmers. Er ging ohne zu zögern durch den dunklen Raum hinüber zu seinem Kleiderschrank. In der Nähe stand ein kleiner Tisch mit Kerzenleuchter. Eine Lichtquelle, die er zwar nicht brauchte, aber er entzündete trotzdem die fünf Kerzen. Während die Flammen langsam anwuchsen atmete Vincent tief ein, immer auf der Suche nach dem verräterischen Duft von Zimt, bevor er sich seinem Kleiderschrank zuwandte und sich der Frage stellte, was er heute anziehen wollte. Er ließ die Robe von seinen Schultern rutschen und warf sie rüber zum Bett. Während er sich zwischen schlicht und auffällig zu entscheiden versuchte, streckte er sich ausgiebig, um etwas leben in seine toten Glieder zu bekommen. Einer der Nachteile seines so langsamen Kreislaufs war es, dass sein Körper nach einem verschlafenen Tag eine halbe Ewigkeit brauchte, um wieder in Gang zu kommen.


    • Zumindest die Aussage, dass Lord Harker eine Leseratte war, sah Thomas bestätigt, bei der schieren Anzahl und Diversität seiner Bücher, die er in seinem Studierzimmer verwahrte. Er wurde es bald überdrüssig, die verschiedenen Titel zu lesen, die keine Verbindung irgendeiner Art zuließen, und wandte sich ausschließlich den von Hand geschriebenen Blättern zu, las sich flüchtig durch Korrespondenzen, Notizen und Geschäftsunterlagen, wobei ihm in den Sinn kam, dass er noch gar nicht erfahren hatte, was der Mann eigentlich arbeitete. Jetzt, wo er ja augenscheinlich kein Bordell in seinen eigenen vier Wänden betrieb, musste er ja seine Bediensteten anderweitig bezahlen - seinen Strom, die Post, ja seine ganze Feier. Es war tatsächlich schwierig ihm Details zu entlocken, das hatte auch Thomas mittlerweile erkannt, aber über solch eine grundlegende Information musste er einfach irgendeinen Anhaltspunkt von sich geben, und wenn er nur der unverhoffte Erbe eines riesigen Vermächtnisses geworden war. Das würde dann natürlich wieder die Frage aufwerfen, weshalb es keinerlei Anzeichen - keine Bilder, keine Briefe, kein Testament - von verstorbenen Verwandten gab.
      Aber erst einmal würde er sich noch im Schlafzimmer umsehen. Er hinterließ die Blätter, so gut es ging, wie er sie vorgefunden hatte und eilte dann schon zur Tür hinaus, wo er überraschenderweise mit Darcy zusammenstieß.
      "Darcy!", zischte er und warf sogleich einen Blick in beide Richtungen des finsteren Gangs. "Was tust du denn hier?!"
      Die Kerze, die sie bei sich hatte, beleuchtete ihre nervöse Miene, die sie sichtlich herunterzuspielen versuchte.
      "Er ist hier", flüsterte sie zurück und deutete auf das Zimmer gegenüber des Studierzimmers, dem Schlafzimmer. Thomas fasste sich ins Gesicht.
      "Herrgott Darcy, wieso hast du ihn denn nicht aufgehalten?"
      "Ich hab's versucht!", zischte sie jetzt ärgerlich zurück und legte sich den freien Arm um die Brust. "Es ist sein Haus, was soll ich denn machen?"
      Thomas fielen gleich ein paar dutzend Dinge ein, die sie hätte machen können, aber er presste nur die Lippen aufeinander und verzichtete darauf, das Gespräch in einen Streit ausatmen zu lassen. Stattdessen ergriff sie am Oberarm und schob sie vor sich her.
      "Geh' schon, wir haben genug gesehen."
      "Ah. Haben wir das?"
      Nein. Sie hatten nicht annähernd genug gesehen.

      Wieder im Foyer dachte Thomas griesgrämig über seine zum Scheitern verurteilte Untersuchung nach, als ihm der alte Norbert auffiel, der sich in eine Gruppe gezwängt hatte und dort unweigerlich für langwierige, uninteressante Unterhaltungen sorgte. Ihm kam ein blitzartiger Gedanke, er warf einen Blick zur Treppe zurück und beugte sich verschwörerisch zu Darcy hinab.
      "Ich werde ihn ablenken, ich weiß wie. Du wirst hinaufgehen und in sein Schlafzimmer schauen - und sieh außerdem noch nach, ob es oben noch mehr Räume gibt, die er mir gestern nicht gezeigt hat."
      Darcy wirkte schockiert.
      "Ich soll hinaufgehen? Er ist doch ein Mann, sieh' du dir sein Schlafzimmer an!"
      "Hast du etwa Angst vor ein bisschen Unterwäsche? Stell dich nicht so an, du musst dich ja nur ein bisschen umsehen. Ich habe nichts gefunden in seinem Studierzimmer."
      "Ach. Und da soll ich was im Schlafzimmer finden?"
      "Vielleicht."
      Sie plusterte ihre Wangen ein wenig auf und sah missmutig drein.
      "Na schön. Ich mach es ja."
      Er tätschelte ihr die Schulter und hielt dann auf Norbert zu, wo er sich zwischen den alten Mann und eine jüngere Frau einfädelte, deren Begleitung schon jetzt ein Glas Champagner in der Hand hielt.
      "Norbert, dürfte ich mir wohl jetzt Ihr Knie ansehen, bevor wir es noch vergessen? Nicht, dass Sie es noch verunstalten, wenn Sie weiterhin den ganzen Tag damit herumlaufen."
      Der alte Mann sah zu ihm auf.
      "Oh, Doktor von Hällsing, ja sicher, sicher doch! Tun wir es gleich, das ist eine fabelhafte Idee, ich werde ja sonst den Rest des Tages damit herumlaufen, das stimmt schon, sicherlich. Wie schön, dass Sie hier sind, ich hätte sonst ewig auf einen Termin warten müssen, es gibt ja so wenige fähige Ärzte die Tage, aber Sie, die Sie ja schon Lady Norwich - oh, Sie verzeihen, es ist ja eine Tragödie, so eine Tragödie, ich wollte nicht unhöflich sein, es muss sicherlich schwierig sein, so ein Unglück..."
      Thomas legte ihm den Arm um die Schultern und führte ihn langsam, aber bestimmt von der Gruppe weg, wieder hinaus ins Foyer, wo er sich bei der Treppe positionierte, um Lord Harker sogleich abzupassen. Norbert war in den wenigen Sekunden, die sie für diesen Weg gebraucht hatten, schon wieder auf irgendeine Geschichte seiner Arbeit zurückgefallen und Thomas blendete ihn vollständig aus, während er auf den Hausherren wartete.
      Als er herab kam, lächelte Thomas ihm professionell entgegen.
      "Lord Harker, Sie erlauben doch: Vielleicht könnten Sie mir und dem lieben Norbert ein Zimmer in diesem Haus zeigen, in dem ich mir einmal sein Knie ansehen kann? Es wäre ja unhöflich, ihn der Blicke aller anderen Gäste auszusetzen und nachdem er mich heute morgen so freundlich danach fragte, möchte ich ihm diese Bitte nicht ausschlagen."
      Norbert nickte bekräftigend und grinste ein lückenvolles Grinsen.
      "Sie haben Ihre Gäste fein ausgesucht, Mr. Harker, Ihr Doktor ist wirklich ein fähiger Mann, ein fähiger Mann in der Tat, das hat man nicht alle Tage, das ist so schwierig, heutzutage noch fähige Männer zu finden, das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Habe ich Ihnen eigentlich schon jemals von der Geschichte erzählt, bei der unsere Gleise bei der Abernathy-Farm im Norden zusammengestoßen sind, wo doch die eine Strecke nach Süden und die andere in den Osten verlaufen sollte? Das war vielleicht merkwürdig und hatte auch viel mit Heu zu tun, o ja, denn sehen Sie, es ist ja so, dass die meisten Eisenbahnen dieser Tage ihre Fracht nicht auf direktem Weg transportieren, das wäre viel zu kostenaufwendig und außerdem müsste man da ständig neue Gleise ziehen und dann gäbe es ja zum Schluss gar keinen Platz für normale Straßen, und daher ist es so..."
      Als ob es so geplant wäre, als ob sich Thomas vohrer mit ihm abgesprochen hätte, hatte Norbert den Lord binnen Sekunden in eine Geschichte über seine Eisenbahn-Netzwerke eingebunden, redete und redete und würde auch noch weiterreden, so lange, wie er es nur schaffte, den Hausherren weiter in sein Gespräch zu verwickeln - und dafür würde Thomas schon sorgen, bis Darcy mit dem ersten Stock fertig sein würde.
    • Vincent war fast schon ein bisschen enttäuscht, sein Schlafzimmer leer vorzufinden, ohne einen Van Helsing unter seinem Bett oder versteckt in seinem Schlafzimmer.
      Mit wenig Elan schlüpfte er in einen teuren Anzug, der genau richtig für die heutigen Festlichkeiten war: nicht zu auffällig, aber er würde trotzdem unter all den Menschen in seinem Heim herausstechen. Natürlich würde er damit nicht zum Maskenball gehen, dafür hatte er ein gänzlich anderes Kostüm vorbereitet.
      Als er die Treppe wieder herunterkam, stieg ihm zuerst Thomas' vertrauter Geruch in die Nase, gemischt mit dem Duft nach Kohle. Es überraschte ihn nicht halb so sehr, wie es seine Miene vermuten ließ, den guten Doktor mit dem gesprächigen Eisenbahner am Fuße der Treppe vorzufinden.
      "Doktor. Mr. Krueger," grüßte er die beiden, doch es gab kein Entkommen.
      "Sicher doch, folgen Sie mir."
      Er nahm die beiden Männer mit durch einen Flur, der mit Absicht etwas versteckter angelegt worden war, als man das Haus errichtet hatte. Der Flur war nicht besonders lang. Sie erreichten schon bald eine Tür, in die eine Szene aus dem Garten Eden geschnitzt war. Dahinter lag ein kleiner Frühstückssalon. Die Vorhänger waren noch zugezogen, da dieser Raum heute keine Benutzung gefunden hatte. Vincent nutzte die Gelegenheit und ging in eine Ecke des Raumes, um diese Vorhänge beiseite zu ziehen, wohlwissend, dass die Sonne noch am Himmel stand. Ein wenig Licht fiel in den Raum, genug um es als Tageslicht benennen zu können. Allerdings lag diese Seite des Hauses um diese Uhrzeit im Schatten und die Fenster enthüllten eine dichte Baumlinie nicht weit vom Haus entfernt. Die Sonne mochte vielleicht scheinen, aber sie schien am späten Nachmittag nur indirekt in den Frühstückssaal, nicht stark genug, um Vincent mehr als ein paar Kopfschmerzen zu verpassen. Das Licht blendete ihn enorm, doch er ließ sich davon nur wenig anmerken - nichts, was man nicht auf einen Kater zurückführen könnte.
      Er kehrte zu dem fein gearbeiteten Frühstückstisch zurück und zog einen Stuhl für Norbert zurecht.
      "Zögern Sie bitte niemals, nach einem Stuhl zu fragen, Mr. Krueger, wenn Ihr Knie Probleme bereitet. Wir sind hier, um uns zu amüsieren, nicht um Schmerzen zu haben."
      Vincent ließ sich demonstrativ auf dem Stuhl am Kopfende des Tisches nieder - direkt im 'Sonnenlicht'.
      "Ich muss gestehen, ich bin ein großer Freund der Eisenbahn. Weniger des Transportes von Gütern wegen, natürlich. Aber als Reisemittel ist die Bahn doch ganz vorzüglich. Ich bin immer wieder davon überrascht, wie bequem die Betten in den Schlafwagen sind. Am Essen kann man allerdings noch bisschen feilen. Aber da spricht nur mein verwöhnter Gaumen."
      Er hatte absolut kein Problem damit, sich mit dem alten Mann zu unterhalten, der es eindeutig genoss, dass man ihm endlich mal zuhörte. Vincent kannte ihn nicht, der Eisenbahner war noch nie hier gewesen. Aber als jemand, der einfach nicht Nein zu einer guten Geschichte sagen konnte, lauschte Vincent aufmerksam, während er den guten Doktor ganz genau im Auge behielt. Mr. Krueger redete zwar viel, aber er sah dabei niemanden wirklich an, als würde er vor seinen Augen genau sehen, was in seiner Geschichte passierte. Das gab Vincent die Möglichkeit, dem Van Helsing bei seiner Arbeit zuzusehen und sich zu fragen, was der Mann so alles mit diesen schlanken Fingern anstellen konnte. Hier und da stellte er die richtigen Fragen an Mr. Krueger, damit dieser seine Erzählungen weiter ausführte. Es waren ernstgemeinte Fragen, der Mann hatte durchaus Vincents Interesse geweckt. Aber eben nur an den Hintergründen seiner Arbeit, nicht an sich selbst. Dieser Posten war vergeben und würde es wohl auch noch eine Weile bleiben. Vincent wäre verdammt, wenn er den Van Helsing gehen ließe, ohne ihn auf die ein oder andere Weise probiert zu haben.


    • Lord Harker führte sie einen etwas abseits gelegenen Gang entlang zu einem kleineren Salon, dessen Tür selbst für Thomas' Geschmack schon kitschig war. Allerdings verwunderte ihn doch sehr, dass ein Mann wie Harker, der ihm ja noch ganz direkt gesagt hatte, dass er nichts von Religion halte, ein solches Bild auf seine Tür fabrizieren ließ. Oder vielleicht kam es vom Vorgänger des Hauses? Aber wieso nicht drübermalen? Nun, irgendeinen Grund wird es schon haben.

      Der Hausherr ging an die Wand, um die Vorhänge vor den Fenstern aufzuziehen, und Thomas hätte vor Enttäuschung beinahe die Schultern hängen gelassen. So wie es aussah, waren die Wolken vom Himmel abgezogen und die nachmittägliche Sonne brachte Licht in den ganzen Raum, wenn auch kein sehr starkes. Thomas richtete seine Aufmerksamkeit unmittelbar auf den Lord, aber bis auf die leicht verkniffene Miene, die er schon die ganze Zeit zur Schau stellte und zweifellos von dem Kater kam, reagierte er kein bisschen auf das Licht. Mehr noch: Als er Norbert den Stuhl zurechtgerückt hatte, setzte er sich selbst an die Fenster, wo das Licht noch stärker war. Auch hier gab er keine Reaktion von sich, bis auf die ständige Müdigkeit, die ihn umgeisterte, und Thomas entschied sich ganz offiziell dazu, diesen Punkt von seiner imaginären Liste zu streichen. Natürlich musste er das Experiment noch vollständig abschließen, indem er den Lord in direktes Sonnenlicht brachte und nicht nur dem aussetzte, was hier hereinschien, aber bisher stand es in etwa 4:2 gegen die Existenz eines Vampirs und die zwei Punkte, die dafür sprachen, waren auch nicht gerade stichhaltig. Es war wirklich äußerst enttäuschend - natürlich war es etwas gutes, wenn der Hausherr ein normaler Mann und keine bluttrinkende, mordende Ausgeburt der Hölle war, aber wenn diese Fährte auch wieder ins Leere führte, würde Thomas wieder von vorne anfangen müssen und wenn er Pech hatte, würde es Jahre dauern, bis er eine neue Spur gefunden hatte. Zu lange, um sich dann womöglich noch damit auseinanderzusetzen; Herrgott, in ein paar Jahren hatte er vermutlich schon Kinder, wie sollte er da weiterhin Vampirjagd betreiben? Es wäre einfach so perfekt gewesen, wenn er nach all dieser Zeit den Dämon endlich gefunden hätte.

      Vielleicht brachte ja Darcy noch etwas in Erfahrung. Das war das letzte bisschen Hoffnung, an das er sich festhielt, während er sich selbst einen Stuhl heranzog, sich vor Norbert setzte, ihm das Hosenbein hochkrempelte und ein paar Übungen mit ihm vollzog. Seine Untersuchung führte er mechanisch durch, nachdem er sich ziemlich sicher war, dass Norbert einfach nur - wie alle Alten - spröde Gelenke hatte. Nichts, was eine akute Behandlung erforderte und nichts, womit er ihm auf die Schnelle hätte helfen können, einfach eine Krankheit der alten Bevölkerung, gegen die sich nur wenig machen ließ, außer sich zu schonen.
      Dafür spürte er beständig den Blick des Hausherren auf sich selbst und fing langsam an zu bereuen, dass er es sich so sehr mit ihm verscherzte, wo er doch wahrscheinlich gar nicht der war, für den er ihn hielt. Vielleicht hatte er ja in seiner Trunkenheit am gestrigen Abend nur nett sein wollen und nun verdankte Thomas es ihm, indem er in seinen Unterlagen schnüffelte und seine Gastfreundschaft ausnutzte.
      Er riskierte einen Blick zu dem Hausherren hinüber und hielt dessem Blick vielleicht zwei Sekunden stand, länger hielt er es nicht aus. Hatte er, mit dem hellen Licht im Rücken, die ganze Zeit schon so charmant ausgesehen?
      Herrgott.
      Er dachte an Darcy, richtete sich auf und streifte dem alten Mann sein Hosenbein wieder hinab.
      "Es gibt nichts zur Beunruhigung. Ich habe zwar meine Instrumente nicht dabei, um Ihnen genau zu sagen, wo der Fehler liegt, aber solange Sie sich ein bisschen schonen, wird es sicherlich wieder besser werden. Wahrscheinlich sprechen Sie nur auf das Wetter an."
      Norbert sah zu ihm auf.
      "Daran wird es liegen, o ja ganz sicher, haben Sie das Unwetter gestern gesehen, der viele Regen? Das ganze Haus hat's erschüttert, da bin ich mir ganz sicher, laut war es und furchtbar kalt und nun sehen Sie nur, die Sonne scheint, als wäre nie etwas gewesen! Ein wirkliches Teufelswetter ist das, das können Sie mir glauben, das war damals in meiner Jugend noch nicht so schlimm."
      Thomas stand bereits auf, schob seinen Stuhl dorthin zurück, wo er vorhin gestanden hatte, und tat dann dasselbe auch mit Norberts Stuhl, nachdem er aufgestanden war. Er legte dem unentwegt plapperndem Norbert eine Hand auf die Schulter.
      "Denken Sie daran, keine Treppen zu laufen - und wenn Sie spazieren gehen, dann nur auf flachem Gelände. Ansonsten entlasse ich Sie hiermit, gehen Sie doch schonmal vor, wir kommen gleich nach."
      Der Alte bedankte sich, wiederholte sich drei Mal und redete von irgendwelchen Frauen, die ihn in seiner Abwesenheit vermissen würden, während er bereits zur Tür und von dort in den Gang hinaus stelzte. Thomas drehte sich zum Lord um.
      "Ich danke Ihnen für die Mühen, Lord Harker. Geht es Ihnen schon besser? Wo wir schon einmal hier sind, kann ich auch Ihnen meine Dienste anbieten - als Dank für Ihre Gastfreundschaft, sozusagen."
    • Er sah dem alten Mann hinterher, bis dieser die Tür hinter sich zugezogen hatte. Dann zuckte sein Blick sofort zurück zu dem Van Helsing.
      "Ich dachte, Sie hätten mir Ihren ärztlichen Rat bereits gegeben? Viel trinken, etwas essen..." Er stand auf und mit zwei langen Schritten war er wieder im Orbit des Doktors, genauso wie letzte Nacht. "Bewegung..."
      Der Geruch des Mannes überwältigte seine schläfrigen Sinne beinahe, jetzt wo er so dicht vor dem Doktor stand. Sein Blick senkte sich auf dessen Lippen mit dem Gedanken daran, ihn einfach hier und jetzt zu küssen. Einen Gedanken, den Vincent zwar nicht beiseite schob, dem er aber auch nicht nachging. Noch nicht.
      "Vorsicht, Doktor," raunte er. "Ihr Blutdruck."
      Er legte Thomas sanft eine Hand an den Hals, genau dort, wo dessen rasender Herzschlag überdeutlich zu sehen war. Dieser Mann führte ihn wirklich in Versuchung und das ohne irgendwelches Zutun. Verdammte Van Helsings...
      Mit dem Daumen strich Vincent erst über Thomas' Kinn, dann dessen Unterlippe. Er bemerkte nicht einmal, wie er sich selbst über die Lippen leckte allein bei dem Gedanken an das, was er mit diesem Mann tun wollte.
      "Wollen Sie wissen, was ich denke?" fragte er, seine Stimme kaum mehr als ein tiefes Raunen. "Soll ich es Ihnen sagen? Oder doch lieber zeigen?"
      Ein halber Schritt nach vorn und er drängte den Doktor gegen den Frühstückstisch. Durchaus ein Möbelstück, dass in seinen Gedanken vorkam.
      "Ich versichere dir, dass ich nichts tun werde, was du nicht auch willst, Thomas. Stell dir vor, was du gestern mit deiner Freundin gemacht hast. Und jetzt stell dir vor, du hättest das mit mir gemacht. Ein verlockender Gedanke, nicht wahr?"
      Vincent war den Lippen des Mannes jetzt so nahe, er konnte sie praktisch schon schmecken. Er wollte sie schmecken. So sehr. Aber er stoppte sich. Nicht ohne Einverständnis, das war seine Regel. Niemals ohne Einverständnis, egal was.


    • War Thomas selbst dafür verantwortlich, was er soeben heraufbeschworen hatte? Ja. Hatte er es willentlich getan? Das mochte nur der Allmächtige wissen - und vielleicht sein Unterbewusstsein.
      Der Lord war in Windeseile wieder bei ihm, so nah wie schon am gestrigen Tag, viel zu nah, um noch den Anstand zu wahren. Thomas zuckte unmerklich; es war nicht die Überraschung, die ihn traf - wenn er ganz, ganz ehrlich zu sich war, und das wollte er in der Regel vermeiden, hatte er doch schon ein bisschen darauf gehofft - sondern seine Fassung, die sich von ihm verabschiedete, um ihn mit seinem Schicksal allein zu lassen. Er starrte den Lord vor sich an, unfähig sich zu rühren, eine lebendige Statue aus verkrampften Muskeln, unter denen sich ein Herz verbarg, das einen neuen Rekord darin setzte, wie schnell und heftig es ihm das Blut durch die Adern pumpen konnte. Harker wich doch tatsächlich seinem Blick aus, sah hinab auf seine Lippen und Thomas hätte gar nicht in Worte fassen können, wie unglaublich heiß ihm dabei wurde, ein Gefühl, das er weder bei Darcy, noch bei irgendeiner anderen Frau dieser Welt verspürt hatte, mit der er je zusammengewesen war. Und dieser Mann schaffte es, das Gefühl allein durch den Blick seiner Augen hervorzurufen, durch das Glitzern, das Thomas bereits am Vorabend bemerkt hatte, dieses merkwürdige glitzern, das ihm - er konnte es nicht leugnen - unheimlich gefiel. Dieses Mal wehrte er sich nicht, als der andere ihn berührte, dieses Mal versuchte er nicht die Flucht zu ergreifen, auch wenn es ihm nun problemlos gelungen wäre, dieses Mal ließ er sich auf die Versuchung ein, nur für einen winzigen Moment; das war doch noch keine Sünde, niemand würde sie hier finden, niemand würde sie beobachten, niemand würde sie hören. Dieses eine Mal nur ließ er den Sturm zu, den die raunende Stimme seines Gegenübers in seinem Kopf verursachte, die Worte, die dem dunklen Etwas in seinen Eingeweiden wie Futter waren. Er spürte, wie das Blut seinen Kopf im Stich ließ und sich stattdessen an anderen Stellen sammelte, er spürte vieles, nicht eins davon so annähernd trüb und langweilig, wie er es schon sein Leben lang gekannt hatte.
      Harker drängte ihn zurück an den Tisch und Thomas war froh um diesen Ausfall, hielt sich an der Tischkante fest, als könne sie ihm irgendeine Stütze für diesen Moment sein. Seine Worte machten ihn wahnsinnig, sie waren wie ein Funken in einem Fass Öl, das seine Gedanken darstellte, und der Funken ließ ein wahres Feuerinferno aufgehen, das sich rasend schnell durch seinen Kopf ausbreitete. Es war überraschend einfach sich an den Sex zu erinnern und Darcy mit dem Mann vor sich zu ersetzen, mit dem strammen Oberkörper, den er bereits unter dem Hemd zu erkennen geglaubt hatte, in dem gewaltigen Bett unter sich, den Rücken durchgedrückt wie eine Katze, den glitzernden Blick auf Thomas gerichtet. Besaß ein Mann überhaupt eine solche Beweglichkeit, wie Darcy sie an den Tag legte? Der Berufsarzt tief in Thomas' Innerem merkte an, dass die Anatomie der beiden Geschlechter sich nur in wenigen Grundsätzen unterschied - was eine Frau konnte, konnte auch ein Mann.
      Jetzt war er es, der seinen Blick senkte und die dünnen Lippen betrachtete, die nur ein paar Zentimeter von seinen eigenen entfernt waren. Nur einen einzigen Moment sich auf die Versuchung einlassen, nur ein einziges Mal, der Allmächtige würde es ihm verzeihen, Darcy brauchte es ja gar nicht zu wissen, niemand brauchte es zu wissen außer dem Mann vor sich, diesem unglaublich attraktiven, hübschen, charmanten Mann, den Thomas sich bereits in seinen Gedanken vorstellte, wie er sich unter ihm wand und räkelte, eine Perfektion aus zusammenspielenden Muskeln, die sich unter der nackten Haut deutlich sichtbar abzeichneten, nur Zentimeter von ihm entfernt.

      Er musste sich nur ein kleines Stück nach vorne neigen, ehe sich seine Lippen auf die des anderen legten, sie mit willentlichem Nachdruck zur Tat aufforderten, das Inferno in seinen Gedanken darauf überspielten. Er fühlte sich nur noch in seiner Tat bestärkt, als er den Geruch des Hauses in sich aufnahm, der vom anderen ausging, den Atem an seiner Wange kitzeln fühlte, sein berstendes Herz um einen Satz wilder werden spürte. Nun war er wirklich froh um den Tisch, darum, dass er sich dagegen lehnen konnte, dass er mit einer Hand loslassen und den Arm um Harkers Hüfte schlingen, ihn damit zu sich ziehen und an sich pressen konnte. Alles in ihm brannte darauf, mehr zu bekommen, mehr aus diesem Moment herauszuholen und auch wenn er sich nicht sicher war, ob er schon bereit für dieses mehr war, genoss er den Kuss dafür nur umso mehr, genoss es, den Körper des anderen Mannes an sich zu spüren, die geschmeidigen Muskeln, die sich unter dessen Anzug abzeichneten. Er genoss es mit jeder Faser seines eigenen Körpers, mehr, als er jemals etwas in seinem Leben genossen hatte, als er jemals wieder etwas genießen würde. Es war wie eine Droge, eine unheimlich süße und verführerische Droge und Thomas war dazu geneigt, sich so viel davon einzuflößen, um an einer Überdosis zu vergehen.
    • Endlich, dachte Vincent, bevor er sich in den Kuss hineinlehnte und sich dem hingab, was der Van Helsing willens war, zu geben.
      Er ließ seine Hand von dessen Hals fallen, strich ihm über Schulter und Brust. Die Hitze des anderen Körpers schien ihn zu verbrennen und Vincent wollte nichts lieber tun, als es geschehen zu lassen. Er spürte sehr deutlich, dass es dem anderen Mann genauso erging.
      Vincent löste den Kuss, schenkte Thomas ein kurzes Lächeln, dann lehnte er sich vor und bedeckte dessen Hals mit weiteren, langsamen Küssen, immer darauf bedacht, keine verräterischen Spuren zu hinterlassen. Mit einer Hand öffnete er die Knöpfe am Hemd des Doktors, machte den Weg frei, um die Spur von Küssen vom Hals über das Schlüsselbein bis hin zu der Stelle zu ziehen, an der das Herz des Mannes schlug. Den schnellen Puls unter seinen Lippen zu spüren, jagte einen vorfreudigen Schauer durch Vincents Körper.
      Und dann ging er einen Schritt weiter. Er hob den Kopf und presste seine Lippen wieder auf die des Doktors, fing dessen überraschtes Keuchen ein, als er seine Hand in dessen Schritt legte.
      "Wie fühlt sich das an, Thomas?" fragte er, seine Stimme kaum mehr als ein Hauchen auf der erhitzten Haut von Thomas' Hals. "Fühlt es sich so an, wenn deine Freundin dich berührt? Besser?"
      Vielleicht ging er zu weit, als er den Mann in den Nacken biss. Bei weitem nicht so, wie es ein Teil von ihm wollte, bei weitem nicht so, wie er könnte. Ein harmloser Biss, der keinerlei Spuren hinterlassen würde. Aber er konnte es sich nicht nehmen lassen, den Mann ein bisschen zu reizen.
      Mit flinken Fingern öffnete er die Knöpfe an der Thomas' Hose. Und dann, ohne zu zögern, schob er seine Hand unter den Stoff, schloss sie um das, was er dort fand. Mit der anderen Hand packte er den dichten, dunklen Haarschopf des Mannes und zerrte dessen Kopf in den Nacken.
      "Sag es mir, Thomas? Wie fühlt es sich an?" forderte er, bevor er weitere Küsse auf dem Hals, dem warmen, weichen Hals des Mannes presste.


    • Ihr Kuss endete, aber nur für einen Augenblick, nicht lang genug, damit sich Thomas' Gedanken hätten ordnen können. Sie wurden sogleich in das zweite Chaos gestürzt, als Harker damit fortfuhr seinen Hals mit seinen Lippen zu bearbeiten, zarte, forschende Berührungen, so wie er empfand, denen er sich bereitwillig unterwarf, ja sogar entgegen drückte. Nun war er wirklich froh um den Tisch, denn alleine hätte er nicht mehr aufrecht stehen können, geschweige denn sich dem Mann überhaupt so entgegen recken können, wie er es in diesem Moment tat. Sein Arm war noch immer um dessen Hüfte geschlungen, seine Hand suchte sich ihren Weg unter sein Hemd, strich über die glatte Haut, folgte den Bewegungen, die sich darunter abspielten. Vincent, Harker, Lord Harker kam wieder hoch zu ihm, drückte ihm wieder einen Kuss auf, legte die Hand zwischen seine Beine, wo er sich, besonders in diesem einen Moment, so unheimlich empfindlich vorkam, als würden seine Nervenenden die Berührung um ein tausendfach zurückgeben. Der Kuss erstickte sein Stocken, verschluckte es im Mund des anderen und trieb Thomas ein weiteres Stück in den Wahnsinn hinein - alles, was dieser Mann tat, schien dem einzigen Ziel ausgelegt, ihn um den Verstand zu bringen, und er hätte es nicht aufhalten können, nicht einmal, wenn er es gewollt hätte. Harkers Stimme war wie eine süße Melodie in seinen Ohren, die Worte eine Ergänzung zu dem weichen Atem an seiner Haut. Er wollte sich hineinlegen und nie wieder von diesem Gefühl erwachen.
      "Besser", bestätigte er, unfähig seine Stimme lauter werden zu lassen als das Raunen, das aus ihm herausdrang. "Sehr viel besser."
      Und wie es besser war, es war sogar weitaus mehr als das, es war richtig, eine Erkenntnis, die sich aus dem Nichts bildete, worüber er noch nie in seinem Leben nachgedacht hatte. Das war richtig und alles andere war falsch, obwohl er keine Ahnung hatte, was das überhaupt bedeutete und weshalb er sich dessen so sicher war. Alles, was er wusste, war, dass Harker sich mit einem Mal Zugang zu seiner Hose verschaffte und seine Hand um sein empfindliches Fleisch schloss, eine Berührung, die auch Thomas' letzten Willen brach. Er lehnte sich schwer auf den Tisch, keuchte auf, als Harker ihm den Kopf in den Nacken zog, seinen Hals erneut küsste. Alles an ihm schien empfindlich zu sein, sämtliche seiner Nerven unter Strom, die jede Berührung zurückgaben, als wären es hunderte davon, die sich über seine Haut schlichen. Er hatte nie etwas vergleichbares erlebt, niemals in seinem Leben, nichtmal ansatzweise, es war, als wüsste Harker genau, welchen Schalter er in ihm umzulegen hatte. Er schloss die Augen, er genoss es zu sehr, um sich von seinem Sehsinn ablenken zu lassen, und vor seinem inneren Auge spielte sich erneut die Szene ab, an die er bereits vor ein paar Sekunden gedacht hatte: Harker unter sich in dem riesigen Bett, das Glitzern in den Augen, das feine Lächeln auf dem Schwung seiner Lippen. Thomas gab ein weiteres, stockendes Keuchen von sich, er konnte gar nicht anders, es war aus ihrem herausgedrungen, bevor er es wieder zurückdrängen konnte, und er suchte mit seiner Hand auf der Hüfte des anderen nach Halt.
      "Was tust du mit mir?", brachte er schließlich hervor, keine Antwort auf die Frage von Harker, aber eine Frage seinerseits, deren Antwort er wirklich gerne erfahren hätte, die sich ihm aber durch den Schleier seiner Gedanken nicht erschloss. Er wollte noch immer mehr, aber er durfte nicht mehr haben, langsam wurde es gefährlich, langsam wurde er sicher, dass er nicht mehr von dem Ort zurückkehren würde, an den er sich gerade begeben würde. Aber bekanntlich arbeiteten das Herz und der Verstand getrennt voneinander.
      "Hör nicht auf", krächzte er nach einer Pause, musste erneut stocken, zwang ein weiteres, aufkommendes Keuchen nieder. "Was immer du tust, hör nicht auf."
    • Ein leises Knurren entwich Vincents Kehle, als er das Flehen des anderen Mannes vernahm.
      "Ich hatte nicht vor, aufzuhören", raunte er dicht an Thomas' Ohr, bevor er sanft hineinbiss.
      Dann drückte er den Mann mit einer Hand nach hinten auf den Tisch, die andere noch immer zwischen dessen Beinen beschäftigt. Er nahm sich Zeit, bedeckte erst den Hals, dann die Brust, dann sogar den Bauch des Mannes mit hauchzarten Küssen. Schließlich ließ er sich auf die Knie sinken und befreite Thomas gerade so weit von dessen Hosen, dass er endlich zu Gesicht bekam, womit er die ganze Zeit schon spielte. Ein weiterer Kuss landete auf der Innenseite von Thomas' Oberschenkel. Dann noch einer, weiter oben.
      "Ich werde dir Wünsche erfüllen, von denen gut gar nicht ahntest, dass du sie hast," hauchte Vincent gegen den Schritt des Doktors, bevor er erst sanft die Spitze küsste und ihn dann in den Mund nahm.
      Ihm entrang sich ein leises, genussvolles Stöhnen, als er den Van Helsing endlich kosten konnte - wirklich kosten konnte. Die Lippen des Mannes hatten ihm bereits den halben Verstand geraubt, jetzt war ihm auch noch die andere Hälfte abhanden gekommen. In diesem Augenblick wollte Vincent nichts mehr, als Thomas' vergessen zu lassen. Er wollte, dass sich der Mann ihm und ihm allein auf eine Art und Weise hingab, die niemand sonst jemals erfahren würde. Thomas Van Helsing war sein.
      Bei diesen Gedanken wurde Vincents eigene Hose schmerzhaft eng. Es half nicht, dass er sich vorstellte, wie der Mann auf dem Tisch ihm Erleichterung verschaffte. Aber es spornte ihn weiter an, Thomas' Lust ins Unermessliche zu steigern.
      Er packte den Mann an den Hüften, beugte sich ein bisschen weiter vor und umschloss Thomas' volle Länge mit seinem Mund. Vincent war sich ziemlich sicher, seine neue Lieblingsdroge gefunden zu haben. Dass es ausgerechnet ein Van Helsing sein musste...
      "Gefällt dir das?" fragte er, leckte der Länge nach über Thomas und ließ seine Zunge um dessen Spitze kreisen. "Gefällt dir, was ich mit dir anstelle?"


    • Vincent Harker, Herr von Harker Heights, mutmaßlicher Vampir und Junggeselle, würde Thomas' Ende sein, dessen war er sich ganz sicher.
      Es hielt seinen Körper aber nicht davon ab, unter den Küssen zu zerfließen, die ihm verabreicht wurden, jeder neue besser als der letzte, eine Empfindung, die so richtig war, und weil sie das war, auch so gut war.
      Harker arbeitete sich nach unten vor und zog ihm die Hose ein Stück herab, küsste ihn quälend nahe an seinem Schritt, sodass Thomas für einen Moment hörbar die Luft einsog. Das kleine Kruzifix aus seiner Tasche fiel ihm heraus, von beiden unbemerkt, ein kleines Holzkreuz an einem kleinen Silberkettchen. Es fiel unbemerkt auf den Teppich und blieb dort liegen.
      Thomas beobachtete Harker für einen Moment, krallte seine Hände in den Tisch, wusste nicht, was ihn mehr aufreizte: Die Bemerkung, die er von sich gab, die Stimme, der Anblick oder erst das Gefühl, als er seinen Mund um ihn schloss. Sie stöhnten gleichzeitig auf, beide verfangen in ihrem vom Verlangen getriebenem Delirium, Thomas ein Stück näher daran, seinen Verstand zu verlieren. Er legte den Kopf wieder auf die Tischplatte, konnte sich nicht entspannen, konnte es einfach nicht, die Lust schoss ihm durch jeden Muskel seines Körpers, ein unbeschreibliches Gefühl, das seine Haut in Flammen steckte. Jetzt war er es, der sich räkelte, dessen Gehirn noch nicht gänzlich so schnell begreifen konnte, wie er das all sein Leben lang hatte verpassen können, während sein Körper sich bereits danach sehnte, all das nachzuholen - mit Vincent Harker, der, so wie er sich jetzt entschieden hatte, sicherlich kein Vampir war. Er konnte einfach keiner sein; wie hätte ein Wesen der Unterwelt ein solch unbeschreibliches Gefühl in ihm auslösen können?
      Er stöhnte erneut, kam sich merkwürdig vor, dass sein Körper solche Laute zustande brachte.
      "Ja", keuchte er, zuckte unter der Liebkosung, glaubte gleich explodieren zu müssen. "Mach weiter, bitte. Ich bitte dich."
      Sein Glied bestand bereits nur noch aus pulsierendem Fleisch, so erregt war er noch nie in seinem Leben gewesen, so viel Lust hatte er noch nie verspürt. Er drückte sich Vincent entgegen, wollte sich halb aufrichten, ließ es dann doch wieder bleiben in Anbetracht der Tatsache, dass er sich vermutlich nicht lange hätte oben gehalten können. Er glaubte nicht, dass er es nur eine Sekunde noch aushielt, zu angespannt waren seine Glieder, zu sehr standen seine Nervenenden in Flammen. Er schloss bereits die Augen wieder und keuchte lustvoll auf.
    • Die Grenze zwischen Monster und Mann verschwamm zusehends. Ein Mensch, völlig wehrlos gegenüber seinen Berührungen. Ein Jäger, der sich ihm willentlich entgegen reckte. Ein Van Helsing, der ihn anbettelte, weiterzumachen.
      Mit einem Knurren senkte sich Vincent wieder über den Mann, spielte mit Zunge und Zähnen an dessen Schritt, gnadenlos. Die Geräusche, die er dabei Thomas entlockte, kamen einer Symphonie gleich. Er war sich ziemlich sicher, dass er gar nicht mehr aufhören konnte, wenn er es denn gewollt hätte. Aber nein, er wollte dass sich dieser Mann verlor, in ihm verlor und dem, was er mit ihm anzustellen vermochte. Vincent würde sichergehen, dass der Doktor lernte, dass das hier erst der Anfang war.
      "Komm für mich", raunte Vincent heiser gegen die empfindliche Stelle an der Wurzel von Thomas' Schritt.
      Mehr Pause gönnte er dem Mann nicht, bevor er ihn weiter heftig bearbeitete. Er wollte, was Thomas ihm geben konnte. Er wollte alles. Und Vincent Caley war niemand, dem man seinen Wunsch verwehrte.
      Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, als Thomas ihm endlich gab, wonach er verlangte. Im Gegenteil: Vincent genoss jeden noch so kleinen Tropfen von Thomas' Lust, verschwendete keinen einzigen. Sein Körper lechzte nach mehr.
      Er richtete sich auf, legte Thomas eine Hand in den Nacken und zog ihn in eine sitzende Position, um ihn zu küssen. Er schlang den anderen Arm um die Hüfte des Mannes, presste ihre Körper aneinander. Der Geruch von Zimt, gemischt mit Schweiß und Lust, Begehren und Ekstase stieg ihm in die Nase und es war alles, was Vincent jemals riechen wollte.
      "Wenn du mehr willst", wisperte er an Thomas' Lippen. "Dann komm heute Nacht zu mir. Nach dem Maskenball. Du weißt, wo du mich finden kannst."
      Damit löste er sich von dem Doktor. Er richtete sein Hemd, fuhr sich lächelnd mit einer Hand durch die Haare und dann verschwand er aus dem Frühstückszimmer, um sich um seine Gäste zu kümmern. Er war froh, heute doch früher aus dem Bett gerollt zu sein.

      Im Salon und im Ballsaal herrschte auch weiterhin reges Treiben. Vincent bemerkte die Abwesenheit einiger seiner Gäste, die sich wohl mit Spaziergängen auf dem Gelände beschäftigten oder seine Bibliothek aufgesucht hatten, die nicht weniger bekannt war als seine alljährliche Feier selbst.
      Er ging dazu über, sich wieder mit einigen Leuten zu unterhalten, wie man es von einem guten Gastgeber erwartete. Eine Stunde später wurde das Abendessen verkündet und die kleinen Grüppchen, die sich den Tag über gebildet hatten schwappten in Wellen zu den Esstischen im Ballsaal. Vincent vermied es, den guten Doktors Van Helsing auch nur zu suchen. Sollte er ruhig ein bisschen zappeln.
      Gegen Ende des Abendessens erhob sich der Hausherr und mit ein paar kurzen Worten erlangte er die Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
      "Ich weiß, wir sind alle betrübt ob des plötzlichen Ablebens von Lady Norwich. Sie war nun schon das dritte Jahr in Folge hier und ich weiß, dass sie den Maskenball um nichts in der Welt verpassen wollte. Daher habe ich mich dazu entschieden, diesen Ball auch weiterhin stattfinden zu lassen. Meine Damen, meine Herren: Ich bitte Sie alle nun also auf Ihre Zimmer zurückzukehren und sich auf den Ball vorzubereiten. Die Regeln sind die Folgenden: Niemand verlässt das eigene Quartier bis die große Hofglocke erschallt. Sobald sie dreimal geklingelt hat, fingen sich bitte alle Gäste hier im Ballsaal ein. Es ist niemandem gestattet, die Maske abzunehmen, solange man sich nicht in den Quartieren aufhält. Um Mitternacht dann werden wir Anstoßen auf die Nacht der Geister. Und wer weiß? Vielleicht werden ja einige mit uns tanzen?"
      Begleitet von tosendem Applaus verließ Vincent als erster den für das Abendessen hergerichteten Ballsaal, der sich in der kommenden Stunde vollkommen verwandeln würde. Mit jedem Schritt, mit jeder vergehenden Minute wuchs Vincents Nervosität. Es war unmöglich zu sagen, was heute Nacht geschehen würde.


    • Die animalischen Geräusche, die Harker von sich gab, gingen in Thomas' eigenen Lauten unter, die er zuletzt kein bisschen mehr unter Kontrolle hatte. Er krallte sich in den Tisch hinein, in seine einzige Rettung, die ihm vor dem Ertrinken bewahrte. Seine Glieder verkrampften sich alle gleichzeitig, sein Atem setzte aus und dann ergoss er sich in einer explosionsartigen Welle, die seine Muskeln erzittern ließ und ihm sämtliche Gedanken auf einmal aus dem Kopf wischte. Er fühlte sich unheimlich ausgelaugt, unheimlich leer und erschöpft vom Nichtstun, vom bloßen Kommen, aber in einer solchen Intensität, dass er sich fragte, wie er sein Leben jemals ohne ausgehalten hatte können. Er rang nach Luft, kam zu Atem, als sich eine feste Hand unter seinen Nacken schob und ihn nach oben zog, nach oben zu dem Mann, in den sich Thomas, just in diesem Moment, wahrscheinlich vernarrt hatte. Sie küssten sich, umschlangen sich für einen weiteren Moment, in dem er sich wünschte, ja sogar hoffte, dass es noch nicht vorbei war, dass er noch nicht zum Ende dieses was-auch-immer gerade stattgefunden hatte, gelangt war. Als er die Augen öffnete, lag der glitzernde Blick auf ihm und versetzte seinem erschöpften Herz einen weiteren Sprung.
      "Ich weiß es. Ich werde kommen", versprach er, bevor sein träges Gehirn überhaupt soweit war darüber nachzudenken, ob er ein solches Versprechen überhaupt abgeben sollte, ob er denn erst darüber nachdenken sollte. Harker löste sich von ihm, richtete sich die Kleidung, die Haare, setzte sein charmantes Lächeln auf und ließ Thomas allein mit sich selbst und seinen zurückkehrenden Gedanken, die sich nun noch wirrer anfühlten als zuvor. Hatte er jetzt doch ein Urteil über den Mann gefällt - und gleichzeitig vielleicht auch über ihn und Darcy? Oder was genau fühlte sich jetzt so gänzlich anders an ihm an, wie an dem Thomas vor noch einer halben Stunde? Er konnte nicht zurück, soviel wusste er, diese Linie hatte er überschritten. Aber zu was konnte er nicht zurück? Was war gerade mit ihm geschehen?
      Er rutschte vom Tisch, zog sich die Hose hoch, richtete auch seinen Anzug und seine Haare. Dann ließ er sich von den einfachen Fenstern ablenken, von den Bäumen draußen und dem schattigen Licht, bevor auch er sich auf den Weg machte, um zurück zur Realität zu gelangen.

      Er stieß auf Darcy, als er gerade dabei war, den Ballsaal zu betreten.
      "Thomas", rief sie sogleich, unnötigerweise - er war doch genau hier - und hakte sich ungefragt bei ihm unter. Er musterte sie eine lange Zeit, betrachtete die ihm bekannten Gesichtszüge, den schlanken Hals, der in einen weiten Ausschnitt überging. Nüchtern realisierte er, dass er ihren Anblick hasste.
      "... Ist alles gut? Du wirkst so blass."
      Sie legte ihm eine Hand auf die Stirn und blickte besorgt drein.
      "Und du glühst! Geht es dir nicht gut? Möchtest du dich ausruhen?"
      Ob es ihm nicht gut ging? Er dachte daran, dass es ihm vor fünf Minuten noch sehr gut gegangen war.
      "... Thomas?"
      "Nein, alles bestens. Es ist... warm hier drin."
      Sein Blick schweifte von ihr ab, durchsuchte die Menge, fand das Objekt seiner Begierde, sog den Anblick in sich auf. Wie schaffte es der Lord nur, sich so schnell wieder so gewöhnlich zu verhalten.
      "Hast du was gefunden?"
      "Nein, nichts. Sackgasse. Du etwa?"
      "Nein. ... Sackgasse."
      Er würde ihr versuchen beim Ball zu erklären, zu welchem Schluss er gelangt war - wenn er sich überhaupt erst einen Beweis dafür einfallen gelassen hatte. Bis dahin würde er wohl nur nachdenken, über alles, worüber nachgedacht werden musste.

      Das Abendessen fand in entspannter Runde statt, zu der sich ein paar von Darcys neuen Freundinnen und deren Männern gesellten. Einer davon war wohl Bankier und Thomas musste ein Gespräch über Aktien über sich ergehen lassen, während er eigentlich versuchte, mit dem Hausherren Blickkontakt aufzunehmen, der ihn glimpflich ignorierte. Nun, wahrscheinlich war es wohl besser so. Er wusste nicht, ob er so schnell wieder ein normales Gespräch mit ihm aufbauen konnte.
      Es folgte am Ende eine kleine Ansprache, die sich dem bevorstehenden Ball widmete, und damit waren alle Gäste zu ihren Zimmer entlassen. Darcy schnatterte noch immer aufgeregt mit ihren Freundinnen, als sich alle vom Tisch erhoben, und Thomas musste sie zwei Mal zum Gehen auffordern, ehe sie sich endlich lossagte und ihm mit einem breiten Grinsen folgte.
      In ihrem Zimmer zogen sie sich um, Darcy in ein knallrotes Kleid, begleitet von einer Vogelmaske, die einen langen Schnabel besaß und einen unglaublich ausfallenden Federschmuck hatte, und Thomas in einen dunkelbraunen Anzug mit einer goldbestickten Maske, deren Schnörkel an den Rändern an die alte barocksche Machart erinnerten.
      Als er sich seinen Anzug glatt strich und die Hände in die Taschen schob, durchfuhr ihn einen Stich der Panik.
      "Mein Kruzifix! Herrgott, ich muss es wahrscheinlich verloren haben im -"
      Er unterbrach sich bei dem Gedanken selbst, bevor er noch zu viel ausplauderte. Darcy stand vor dem Spiegel und war noch damit beschäftigt, ihre Haare zu richten.
      "Wo? Wo hast du es verloren?"
      "... Im Ballsaal, wahrscheinlich. Ich werde nachher danach suchen."
      "Kauf dir doch ein neues."
      Darcy hielt nichts von Glücksbringern. Sie würde nicht verstehen, wenn er versuchen würde ihr zu erklären, dass man einen Glücksbringer nicht einfach ersetzen konnte.
      "Ja. Vielleicht."
      Dann setzten sie sich und warteten, schwiegen sich gegenseitig an und lauschten auf die drei Glockentöne, die sie aus ihrer gemeinsamen Befangenheit befreien und den nächsten Abschnitt dieses sonderbaren Festes einleiten würden.
    • Einmal im Jahr ließ sich Lord Harker zu einer großen Show um seiner selbst hinreißen. Einmal im Jahr gestattete er es sich, ein bisschen anzugeben. Die Menschen bewunderten ihn sowie so schon wegen seiner Feiern, da konnte er den Moment auch nutzen und noch eine Schippe draufsetzen.
      Mit diesem Gedanken überlegte er, ob er seine Gäste im Ballsaal empfangen, oder dramatisch als letzter auftauchen sollte. Er entschied sich für Ersteres und so wanderte er durch sein von Gästen befreites Haus hinunter in den größten Raum, den Harker Heights zu bieten hatte. Seine Angestellten eilten noch immer geschäftlich hin und her, um die letzten Details zu richten. Was vor einer Stunde noch ein Speisesaal der gehobeneren Klasse gewesen war, war nun ein extravaganter Saal, der zum Tanzen, Trinken und anderen Aktivitäten einlud. Alles hatte genau den richtigen Hauch an Okkultismus, damit die Leute auch ja nicht vergaßen, was sie hier heute eigentlich feierten. Dabei war All Hallows' Eve nicht einmal ein richtiger Feiertag.
      Vincent ließ den Blick über alles schweifen wie ein König über sein Reich. Wenn alles gut ging, hätten seine Gäste heute eine nette Nacht, über die sie sich noch wochenlang unterhalten konnten. Wenn alles noch besser ging, würden es einige wohl nicht mehr nach Hause zu ihren Liebsten schaffen. Und wenn alles perfekt verlief, dann fanden all seine Gäste einen friedlichen Heimweg, hatten neuen Tratsch im Gepäck und Vincent hätte endlich erreicht, was er schon seit einer Dekade plante. So gesehen war die Anwesenheit eines Van Helsings vielleicht sogar ein kleiner Vorteil.
      "Es ist alles bereit, Vincent," informierte ihn Nora.
      "Dann zieht euch zurück," antwortete Vincent. "Auf eine friedliche Nacht."
      "Auf eine erfolgreiche macht, Sir."
      Vincent lächelte, Nora lächelte aufmunternd zurück, dann verschwand sie und mit ihr der Rest von Vincents Belegschaft. Unterdessen bezog Vincent Position auf der kleinen Bühne, auf der sich in wenigen Minuten maskierte Musiker aufstellen würden. In seinem tiefschwarzen Anzug mit den goldenen Nähten und Verzierungen in Form von französischen Blumenmustern und seiner schwarz-goldenen Maske geformt nach dem Ebenbild des ägyptischen Totengottes Anubis wirkte er wirklich wie der König dieses Ballsaals. Kurz darauf erschallte die große, alte Glocke aus seinem Hof, die auf dem gesamten Anwesen zu hören war.
      "Lasset die Jagd beginnen", murmelte Vincent.

      Die Gäste strömten in den Saal wie Wasser, das einen Damm verließ. Jeder einzelne seiner Gäste hatte sich in Schale geworfen - von dem gesprächigen Eisenbahner Norbert bis hin zu den Adeligen, die ihren Weg hier her gefunden hatten zu dieser Nacht der Geister.
      Dutzende Herzschläge füllten Vincents Kopf, lauter noch als die Schritte und das Getuschel. Als auch noch der letzte Gast den Raum betreten hatte, schlossen sich die Türen zum Ballsaal wie von Geisterhand, doch niemand schien sich wirklich dafür zu interessieren, zu normal war der Gedanke daran, dass das Haus vor Bediensteten nur so wimmelte, die im Hintergrund agierten.
      Vincent breitete die Arme aus und binnen weniger Sekunden kehrte Stille ein.
      "Auf eine friedliche Nacht der Geister," rief er aus. "Trinkt, tanzt, vergnügt euch! Genießt das Leben, denn eines Tages ist es vorüber!"
      Er klatschte laut in die Hände. Im gleichen Augenblick, in dem er das Tat, ging eine sanfte, kühle Brise durch die Menge, kaum spürbar. Und kurz darauf begannen die Musiker hinter Vincent zu spielen. Und die Menschen im Saal taten, was ihr Gastgeber ihnen geboten hatte. Zuerst nur ein paar - die mit schwachen Willen, die auf Vincents kleine Manipulation ansprangen - dann breitete sich die Feierlaune wie ein Lauffeuer durch den Raum aus.
      Vincent sprang von der Bühne und mischte sich unter die Leute.


    • Eine reine Parade aus bunten Ballkleidern, edlen Anzügen und funkelnden Masken ergoss sich in den Ballsaal hinein, der mit seiner Dekoration und der eingetretenen Nacht ein völlig anderes Bild erzeugte als noch am Tag. Es hatte wahrlich etwas magisches und übernatürliches an sich, wie die Atmosphäre jeden einzelnen Gast in sich aufnahm und zu einem Teil ihrer selbst machte, als wären die vielen Menschen auch nur Dekoration, um dem Saal den letzten Schliff zu verpassen. Nicht zuletzt sorgte natürlich auch der Gastgeber, dessen Aufzug an Eleganz mit der Konkurrenz spielend leicht ebenbürtig war, für einen dramatischen und passenden Empfang.

      Die Musik setzte ein, ausgehend von einem kleinen Kammerorchester, das sich die kleine Bühne zu eigen machte, und die ersten Pärchen strömten bereits auf den kleinen Bereich davor, an dem extra Platz gemacht wurde. Die Gespräche setzten fast zeitgleich ein, wie eine Welle, die sich durch die Menge schob und jeden mit sich riss. Es gab nun tatsächlich nur noch zwei Wahlmöglichkeiten: Entweder trinken und plaudern oder tanzen.
      Thomas, der seinen hässlichen roten Vogel an seinem Arm führte, versuchte ein letztes Mal einen Blick auf den Hausherren zu erhaschen, sah ihn aber schon unter den vielen extravaganten Kopfschmucken gar nicht mehr und schimpfte sich dafür, dass er überhaupt seinen naiven Gedanken so sehr nachhing. Er hatte Darcy an seiner Seite, die sich schon von der Musik und dem Licht und den tanzen Gästen in den Bann ziehen ließ, und das musste vorerst genug sein. Über das Ereignis heute konnte er sich noch nachher im Bett den Kopf zerbrechen.
      Er führte seine Frau auf den Rand zu, an dem bereits Tische mit Getränken bereit standen, als Darcy ihn am Arm zog und zur Bühne deutete.
      "Lass uns doch tanzen, bitte!"
      "Jetzt schon? Es hat doch gerade erst angefangen. Wenn wir jetzt schon tanzen, sind wir nachher müde."
      Er konnte sehen, wie ihre Lippen unter dem Schnabel schmollten.
      "Ach, komm schon! Nur ein Tanz."
      "Von mir aus. Ein Tanz, dann arbeiten wir."
      Das hieß, er würde Darcy die Arbeit überlassen, bei der sie sicherlich nicht vorankommen würde, und er würde sich etwas zu trinken genehmigen und sich zurücklehnen. Vielleicht, ja nur vielleicht, ein Wort mit dem Gastgeber wechseln.

      Sie strebten auch auf die freigehaltene Tanzfläche zu und Thomas ergriff Darcys Hand, die er neben sich hielt. Die Musik war noch mittelschnell, nicht allzu schnell um die Tänzer bereits zu ermüden und auch nicht so langsam, dass man hätte Walzer tanzen müssen. So hielten sich die Bewegungen der anderen tanzenden Pärchen noch im Rahmen und es war dem Neuzugang ein leichtes, sich darunterzumischen und sich dem steten Strom anzupassen.
      Thomas war ein passabler Tänzer, ein guter sogar, er musste ja einer sein, wo er sich doch in Kreisen bewegte, in denen der klassische Partnertanz einem Statussymbol gleichgestellt war. Und Darcy war - wie hätte es anders sein können - eine meisterliche Tänzerin. Sie nahmen die Grundhaltung ein und gingen in den Rhythmus der Musik über, ein paar gezügelte Bewegungen, um sich einzufinden. Dann, als sie bereits eine Runde um die Tanzfläche getanzt hatten, nahm Darcy Abstand von ihm und fing an sich im Einklang zu seinen Schritten zu drehen, ja wirbelte geradezu mit ihrem aufbauschendem Kleid einher, ergriff die Hand, die er ihr zur rechten Zeit hinhielt, und ließ sich von ihm in seine Arme leiten, nur um im nächsten Moment wieder zur Seite auszuschweifen. Darcy liebte tanzen - wie hätte es anders sein können - und hätte Thomas im Gegenzug sie geliebt - oder irgendeine andere Frau, mit der er tanzte - dann hätte er es wohl auch gemocht. So war es nur eine weitere Pflicht der Gesellschaft, der er sich beugte, und auch wenn er sich nicht schwer damit tat, hätte er sich wohl lieber zu einem der Zuschauerplätze begeben, um das Spektakel von außen betrachten zu können.
    • Anders als den ganzen letzten Tag und die letzte Nacht verbrachte Vincent keine einzige Minute damit, sich an irgendwelchen Schultern zu reiben, Hände zu schütteln oder gar Gespräche zu führen. Er mischte sich nur unter die Leute, um Thomas' Blicken entkommen zu können. Er wollte sehen, was der Mann tat, wie er sich verhielt. Vincent hatte noch nicht die Gelegenheit gehabt, den Mann zu beobachten, ohne dass sich dieser seines Beobachters bewusst war. Das holte er jetzt nach.
      Wie ein Tiger auf der Jagd pirschte sich Vincent durch die Menge, bis er den Rand der Tanzfläche erreicht hatte. Er sorgte dafür, dass immer eine kleine Schicht anderer Zuschauer zwischen ihm und dem eigentlichen Bereich wartete. Ein leichtes Unterfangen, wenn man den Willen anderer manipulieren konnte. Mit dem gleichen Trick hielt er sich auch Konversationen vom Leib. Er war praktisch unsichtbar für seine Gäste.
      Er beobachtete jede einzelne Bewegung des Doktors und auch die seiner Begleitung. Beide konnten tanzen, aber nur eine von beiden mochte es auch. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, den Van Helsing Erben zu retten, doch er tat es nicht. Stattdessen trat Vincent einen Schritt nach vorn, ließ Thomas sehen, dass er zuschaute. Und dann, als der Mann notgedrungen den Blick abwenden musste, verschwand der Herr des Hauses wieder hinter einer Wand aus Menschen.
      Er suchte sich seinen Weg zu einem der Sofas, die in unregelmäßigen Abständen am Rande des Saals platziert worden waren. Sie alle waren der Tanzfläche zugewandt, auch wenn man zu diesem Zeitpunkt, wo alles und jeder noch auf den Beinen war, nicht viel davon sehen konnte. Vincent ließ sich auf das Möbelstück fallen und ließ die Dinge um sich herum passieren. Es dauerte nicht lange, bis sich zu beiden Seiten von ihm ein paar junge Frauen einfanden, die genau wussten, dass er nicht an irgendwelchen Gesprächen interessiert war. Vincent konnte sich nicht sicher sein, woher sie kamen, aber er kannte diese Art von Mädchen - und das waren sie: kaum alt genug, um sich in solcher Gesellschaft aufzuhalten. Sie waren hier, um ihrer Familie einen großen Namen zu angeln. Sie schmiegten sich an ihn, nicht aus auf intelligente Unterhaltungen, sondern auf einen Mann. Sie waren Töchter aus gutem Hause, die vor ihren Nachbarn angeben wollten. Sie waren Sprösslinge des Mittelstandes, die sich einen Weg nach oben suchen wollten. Von den vier Mädchen und dem einen Jungen - von dem sich Vincent nicht sicher war, ob er etwas von Lord Harker wollte oder doch von einem der Mädchen - war nur eine ehrlich interessiert an ihm. Die anderen vier verströmten den Duft von Lust und Verschlagenheit. In den letzten neun Jahren hatte sich Vincent diesem Geruch hingegeben, hatte die ganze Nacht über gesündigt, sobald er die Zeit dafür fand. Doch nicht heute Nacht. Heute Nacht verlangte es ihn nach Zimt.


    • Darcy warf sich wieder an Thomas heran, hielt sich an seiner Schulter fest, ließ sich von ihm herumziehen, trennte sich wieder. Es war die eine Sache, bei der sie wohl gänzlich gute Teamarbeit leisteten, wobei natürlich Darcy diejenige war, die dem Tanz erst die nötige Würze verabreichte. Zugegeben, sie hatte eine ganz vorzügliche Körperhaltung, konnte sich so weit nach hinten biegen, dass man meinte, ihr Rückgrat müsse sich gleich verabschieden, aber das war eben alles nur nebensächlich, wenn im Kopf keine Frau, sondern ein Mann herumspukte, mit dem man noch nichtmal so einen Tanz vollführen konnte.
      Und als sich Thomas Darcy nachdrehte, sah er genau diesen Mann.
      Er stand am Rande der Tanzfläche, unbeweglich wie eine Statue, und sah ihn direkt an - er wusste, dass er ihn ansah, konnte den Blick auf seiner Haut brennen spüren wie schon bei der Auseinandersetzung mit ihm am Nachmittag. Ein Schauer ergriff ihn, von dem ihn Darcy sogleich wieder erlöste, als sie die Hand wechselte und ihn zum Seitschritt zwang. Er vollzog einen Halbkreis mit ihr, ließ sie für ihre Drehungen wieder los und sah sich sogleich wieder nach Harker um, der allerdings schon spurlos verschwunden war. Er hatte vielleicht zwei Sekunden weggesehen und schon war der Hausherr wieder wie ein Geist in der Masse der Menschen untergetaucht.
      Hatte er ihn erkannt? Hatte er ihn deshalb angesehen? Es war unmöglich. Darcy sah mit ihrem Vogelschnabel nicht aus wie Darcy und Thomas hatte einen gänzlich anderen Anzug an, andere Farben, seine eigene Maske. Er hätte ja nicht einmal Harker erkannt, wenn er nicht so offensichtlich die Gäste begrüßt hätte, so sehr verschwand die Gestalt unter dem Rest der Meute und so war es wohl auch für Thomas.
      Aber er war sich sicher, dass er ihn angesehen hatte. Er hatte es gespürt. Er war sich so sicher.
      Vorerst musste er sich sowieso weiter mit Darcy beschäftigen. Sie tanzten noch drei weitere Runden, ehe sie sich außer Atem von dem Strom lossagten und nun endlich den Gang zu den Getränken angingen. Darcy hatte sich wieder bei ihm untergehakt und hatte einen fröhlich, lockeren Schritt drauf, während Thomas nur die Umgebung absuchte. Der schwarze Anubis-Gott musste einfach herausstechen, etwas anderes war gar unmöglich. Allerdings gab es so einige Gäste, die schwarze Anzüge trugen, und auch wenn die Anubis-Maske einzigartig sein musste, musste sie doch erst gefunden werden.
      Er unterbrach seine Suche, um sich den Getränken zu widmen, als er sich dann doch zu dem nächsten schwarzen Anzug umdrehte - und tatsächlich Anubis erkannte. Sein Herz machte einen Sprung bei der Gestalt, die sich dort auf dem Sofa entspannte, von einer Traube aus jungen Frauen - und einem Mann? - umgeben, aber er riss sich einen Moment später zusammen. Was sollte er tun, was sollte er sagen? Hallo Vincent, würden Sie sich mit mir zurückziehen, um noch einmal das zu tun, was sie heute Nachmittag getan haben? Das war ja lächerlich, unmöglich sogar! Nein, er konnte nicht.
      ... Aber jemand anderes konnte.
      "Darcy, da ist er. Fordere ihn zum tanzen auf."
      Darcy strich sich eine Strähne ihrer Haare hinter die Ohren und sah mit ihrem Vogelgesicht in seine angedeutete Richtung.
      "Aber er hat schon einen Haufen Frauen um sich."
      "Na und? Versuch' es wenigstens. Mehr als Nein sagen kann er ja nicht."
      Und Thomas würde sich in der Zwischenzeit überlegen, wie er die Sache nur anständig angehen konnte.
      Nachdem es sich ums Tanzen handelte, dachte Darcy nicht zwei Mal darüber nach, hob sich den Saum ihres Kleides an und stolzierte zu dem einsamen Sofa hinüber, wo vier Frauen gleichzeitig versuchten, ihre Hände auf den schwarz gekleideten Mann zu bekommen.
      "Lord Harker", begrüßte sie ihn guter Laune und vollzog ihren kleinen Knicks, ehe sie ihm den Handrücken anbot. "Dürfte ich Sie wohl dazu auffordern, mich zum Tanz aufzufordern?"
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