[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • Eine Weile lang betrachtete Liz Ember und James recht neugierig. Menschliche Kontakte dieser Art machten es ihr wirklich schwer. Der eine, der nicht verstehen wollte und die andere, die verstehen könnte, aber sich nicht dazu ausersah.
      Ruhig erhob sie sich vom Tisch und strich unerklärlicherweise Krümel von ihrer Hose, während sie einen missbilligenden Blick zu Hawthorne warf.
      "Hm, ja, das ist mir wohl aufgefallen. Mr Hawthorne, Sie sollten vielleicht weniger trinken, wenn Sie zum Schutz abgestellt sind."
      Hawthorne grunzte und machte eine wegwerfende Handbewegung.
      "Wissen Sie...", begann er und seufzte. "Wenn Sie scih durch die Scheiße gequält haben, die ich durch habe, würden Sie auch trinken. Also sparen Sie sich Ihren Moralapostel, ja?"
      Liz zuckte die Achseln und stemmte die Hände in die Hüften, die sich erstaunlich prägnant hervor hoben, wenn sie den Pullover an ihren Körper drückte. Sorgsam sah sie sich in der Küche um und lauschte Embers Frage offenkundig halbherzig.
      "Nein, an sich spüre ich nichts", murmelte sie. "Ich bin nicht gut in magischer Detektion, muss ich dazu sagen. Mir liegen andere Sachen. Es wirkt alles recht normal, wenngleich abgewohnt und zerfallen. Gott wie lange hat Niemand mehr in diesem Haus gelebt?"
      Hawthorne schnaubte und erhob sich ebenfalls.
      "Den Unterlagen nach seit etwa den 1890ern. Seither liegt es still und der Besitzer ist unbekannt. Habe bei den Verwaltungsbehörden keine Info dazu erhalten, wer genau dieses Anwesen besitzt. Ich weiß nur, dass rund herum um das Gebäude Magie herrscht."
      "Das ist anzunehmen", flüsterte Liz und legte ihre schmale, beinahe grazile Hand an die Tapete und schloss die Augen.
      "Es ist erstaunlich..."
      "Was genau?"
      "Meine Spezialität ist das Erkennen von magischen Strukturen und deren Schaffung. Und wenn ich hier so berühre...", sagte sie und legte die Hand wieder an die Wand.
      Ein kribbelndes Gefühl nagte an ihrer Handfläche und schoss in die Finger. Ihre Hand wurde in der Sekunde taub.
      "Egal, wer hier lebte...Er oder sie war sehr mächtig. Die Wände strotzen noch immer von Magie als sei gerade erst eine Entladung geschehen...Es ist erstaunlich, dass diese Kraft sich so lange gehalten hat."
      Hawthorne vergrub die Hände in den Taschen.
      "Vielleicht sollten wir uns wirklich hier mal umschauen...Ich meine, das Haus ist groß und irgendwo müssen wir schlafen..."
      "Ich hab mein Feldbett dabei."
      "Pardon", grunzte James und schüttelte den Kopf. "Dann müssen nur Sallow und ich irgendwo schlafen."
      Just in diesem Augenblick öffnete sich erneut die Tür und eisige Luft schoss durch den Raum. Erneut flackerten die Kerzen und das Holz begann zu knacken und zu knarzen, als sich die Tür wieder schwerfällig ins Schloss schob.
      Liz, Ember und James tauschten einen kurzen Blick ehe zumindest Hawthorne mit der Hand an der Waffe um die Ecke lugte.
      "Wurde auch Zeit...", grunzte er.
      Im Foyer stand ein etwas zerfledderter August Foremar. Seine Hose war verschmutzt, sein Hemd regelrecht zerfetzt, sodass sein tätowierter Oberkörper mehr denn je hervor lugte. An der Brust und den Armen trug er Schnittverletzungen und Prellungen, die sich auch auf seinem Gesicht zeigten.
      Das Haar stach vor getrocknetem Blut und eine Wange war von einem Schnitt durchzogen. Generell stach der Zauberer vor Dreck, als wäre er eine Ewigkeit durch die Hölle geritten.
      Grinsend hob er die Hand zum Gruß und freute sich, dass Ember und Liz es geschafft hatten.
      "Entschuldigt, es hat lange gedauert. Man hat noch ein Einsatzteam nach mir gesandt, ich konnte es erst mit Aslaugh abschütteln."
      Zielstrebig wanderte er auf die wartenden zu und grinste Hawthorne an. Sachte berührte er Ember und Liz an der Schulter, wissend, dass er vor Schweiß stand und schüttelte Hawthornes Hand.
      "Ich hoffe, es gab keinen Ärger."
      "Nur den üblichen", grinste James.
      "Und dir?", fragte er zu Ember geneigt. "Wie geht es dir? Bist du verletzt? Was macht die Schulter?"

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    • Ember konnte sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen, als Hawthorne auf seinen Alkoholkonsum angesprochen wurde. Sie versteckte es so gut es ging in ihrer Schüssel Ravioli, die sie noch immer löffelte.
      Jedoch blitzten ihren Augen kurz auf. Liz bemerkte nichts, dafür aber sie selbst und auch James. Entweder war es wirklich nur Zufall oder ihre Theorie bestätigte sich gerade. Dass nur Menschen dieses seltsame Gefühl hier verspürten, Zauberer hingegen nicht. Seltsam...
      „Seit 1890? Das ist ja noch gar nicht so lange her“, murmelte Ember zwischen zwei Teigtaschen. Dann war es gar nicht so abwegig, dass ihr Urgroßvater diese Geschichten erzählt hatte. Wie wahrscheinlich war es, dass er vielleicht tatsächlich dieses Haus noch mit Einwohnern erlebt hatte? Wer von ihrer Familie war hier gewesen und wer nicht?
      Die Theorie von magischer Standzeit war Ember nur am Rande geläufig. Allerdings war auch ihr klar, dass über einhundert Jahre eine verdammt lange Zeit war, um Nachwirkungen zu erzielen. Der Anwender musste unlängst tot oder verschwunden sein. Genauso wenig abwegig war es, dass es ein Sallow gewesen war. Oder eben jemand, der mit ihnen bekannt war.
      Geräuschvoll stellte Ember die Schale ab. „James, Sie können gerne was suchen, wo Sie schlafen. Ich hab doch gesagt, dass ich warten werde. Geben Sie mir zur Not einfach Ihre Waffe, dann pass ich schon auf.“
      Gut, den empörten Blick von ihm brauchte sie kein zweites Mal. Öfter kam es wohl auch erst mal nicht dazu, denn da öffnete sich wieder die Tür und ein kalter Windstoß brachte erneut die Kerzenflammen zum zittern. Sofort war James wieder an der Biegung der Tür und lugte herum ehe seine Anspannung abfiel und seine Worte verkündeten, wer eingetroffen war.
      Ember hätte die Worte nicht gebraucht, denn ein prickelnder Schauer war ihr von Kopf bis Fuß über den Körper gefahren, kaum war die Tür geöffnet worden.
      Sie war die Einzige, die noch am Tisch saß als August um die Ecke trat und in die Runde blickte, um sie kurz zu grüßen. Wenn er schon vor Stunden in der Schwarzen Stadt komplett lädiert ausgesehen hatte, so hatte er nun dem Ganzen noch ein Krönchen aufgesetzt. Sein Haar war von der Kopfverletzung verkrustet, die damals noch frisch gewesen war. Sein Hemd war praktisch nicht mehr vorhanden und zeigte die Prellungen und Schnitte auf seiner Haut. Er sah aus, als hätte man ihn Hunden vorgeworfen, die ihn zerrissen und anschließend durch Morast geschleift hatten. Noch während er zuerst Liz und dann kurz Ember an der Schulter berührte, erhob sich Ember von ihrem Stuhl. Die Erleichterung, dass er es in einem Stück hergeschafft hatte, war unverkennbar in ihrem Gesicht niedergeschrieben. Nachdem er James die Hand geschüttelte hatte, wandte er sich Ember zu, die die Hände auf den rauen Tisch gelegt hatte und den Arkana betrachtete.
      „Alles gut“, beantwortete sie seine Frage, ungewohnt diplomatisch und ohne die schnippische Antwort, wie sie sie sonst gegeben hätte. „Die Schulter wird schon wieder... Kann ich dir irgendwas Gutes tun?“
      Irgendetwas stimmte nicht ganz. Das konnte nicht nur an dem Schnaps liegen, den James ihr angeboten hatte. Sicher, sie fühlte sich abgeschlagen und müde, das Pochen war noch immer da und die Erleichterung hätte ihr beinahe die Füße unter den Beinen weggerissen. Aber sie hatte das Gefühl, festgefroren zu sein. Unter den Blicken Hawthornes und Liz'traute sie sich einfach nicht recht, August so in die Arme zu schließen, wie sie es gerne getan hätte. Ein flüchtiger Blick in Liz' Richtung verwirrte Ember nur noch mehr. So selbstverständlich, wie seine Assistentin da stand, ihn mit Spitznamen betitelte und so tat als kannte sie ihn in und auswendig.... Es knirschte in Embers Innerem, weil sie dieser Bemerkung nichts entgegenzusetzen hatte. Dann sah sie wieder zu August, der sie unverholen anschaute und die vorher gegangenen Worte der Unterhaltung mit Hawthorne schossen ihr wieder in den Sinn.
      Ember sackte wieder auf ihrem Stuhl zusammen und fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht. „Entschuldige, ich bin... einfach nur müde.“
      Müde, geschafft, verwirrt und alkoholisiert.
    • August sah sie einen Moment lang verwirrt an. Und das war gut sichtbar auf seinem Gesicht erkennbar.
      Das verwuschelte Haar wippte einen Moment, ehe er mit einem Schmunzeln Embers Antwort entgegen nahm. War es verwunderlich, dass ihm nach einem Tag voller Kämpfe gerade das Schweinische in den Sinn kam?
      Mühsam nur unterdrückte er die Antwort, die ihm in den Sinn kam und lächelte sie nur schwach an.
      "Ich hatte irgendwie..:Wut erwartet", grinste er. "Nein, ich...Ich komme klar. Liz, hast du..."
      "Jep, Ersatzkleidung ist im Koffer", nickte sie.
      "Danke! Und habt ihr schon Zimmer bezogen?"
      James schüttelte den Kopf und reichte August die restliche Flasche des schlechten Alkohols. Der Zauberer schraubte diese auf und nahm einen gewaltigen Schluck davon, was Liz missbilligend zur Kenntnis nahm.
      "Gott, was ist das für ein Fusel, James?!"; keuchte August und wischte sich über den Mund. Es brannte höllisch, von der Kehle bis zum Darm schien alles von ihm in Brand zu stehen.
      Schwerfällig lehnte er sich an die Tür und seufzte.
      "Das ist guter alter Schnaps, Junge", knurrte Hawthorne. "Und nein, die Zimmer sind noch nicht bezogen. Es gab ein wenig...Vorbehalte..."
      August sah ihn fragend an und dann zu Ember, ehe er zu verstehen glaubte. Eigentlich verstand August nicht wirklich etwas. Das Haus war bestens gesichert, hier gab es doch nichts...
      Ehe er das Wort an Ember richten konnte, kam ihm Liz zuvor.
      "Gus, wir sollten reden", eröffnete sie ihm und kratzte sich spielerisch am Arm. "Ich habe einige Ansätze, die ich noch mit dir durchgehen will, bevor wir uns in die Arbeit stürzen. Und ich habe mit Hakim gesprochen, damit er herkommt und-"
      August hob nur müde den Arm und grinste.
      "Danke, Liz...Aber sei mir nicht böse, ich bin erschöpft. Und ich brauche ein wenig Ruhe. Oben ist ein Schlafzimmer, wie wäre es, wenn du es dir bequem machst und dich einrichtest. Wir...Wir kommen gleich nach."
      Schweigsam sah er zu, wie Liz einen Moment lang zögerte und schließlich nickte. Mit einer kurzen Berührung an Augusts Schulter (, die er mit seiner Hand kurz drückend erwiderte), verschwand die Assistentin nach draußen ins Foyer, um ihren schweren Koffer die Treppen hinauf zu schleifen.
      Eine ganze Weile lang war das "plonk" des Koffers vernehmbar, wenn er gegen die schweren Treppen stieß. Der Widerhall klang beinahe wie eine Trommel, die zur Ruhe gemahnte.
      Hawthorne indes fuhr sich durchs Gesicht und nickte.
      "Alles klar, ich trete auch mal in den Eimer", murmelte er. "Den Fusel nehm ich mit, damit ich diese Beziehungsgespräche aus dem Kopf bekomme. Und sucht euch endlich ein Zimmer! Ich hasse es, Augen und Ohren auf halten zu müssen."
      Grummelnd und murmelnd verschwand auch er aus der Küche.
      August fuhr sich über die Brust und entfernte die Kleidungsreste von seinem geschundenen Leib, ehe er Ember ansah.
      "Also...", begann er. "Willst du mir sagen, was hier vorgeht? Du bist glaube ich, die neugierigste Person, die ich kenne. Ich hatte erwartet, dass die Hälfte dieses Gebäudes schon durchgeschnüffelt ist, wenn ich ankomme. Ich habe beinahe überlegt, ein Räumungskommando zu bestellen, weil ich fürchtete, dass du die Wände aufreißt. Was ist los mit dir?"

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    • Ersatzkleidung. Die Alte hatte sogar Ersatzkleidung dabei.
      Fast hätte Ember laut aufgestöhnt. Stattdessen hielt sie ihr Gesicht lieber in den Händen vergraben und hielt die Situation aus bis sie vorüber war. Wenigstens teilte August ihre Meinung, dass der Schnaps, den James Gott wusste wo ausgegraben hatte, einfach nur fürchterlich war. Lag aber vielleicht auch einfach nur daran, dass süß besser gewesen wäre als brennend bitter.
      Als Liz August wieder mit diesem verteufelten Spitznamen ansprach, zuckte sie merklich zusammen und tauchte aus den Untiefen ihrer Hände auf. Selbstredend hätte sie es nicht gewollt, dass man an ihrem Gesicht ablesen konnte, was sie dachte, und dennoch starrte sie Liz mit solch einer Intensität an, dass man meinen konnte, ihre Augen brannten sich gleich hindurch. Es war einzig Augusts Einwand geschuldet, dass sich ihr Blick umgehend entschärfte und sie noch tiefer in den Stuhl zu sinken schien. Folglich entging ihr das Zögern der anderen Frau nicht. Oder die Berührung an der Schulter des Rogues, die so harmlos war und doch Unbehagen in Ember schürte.
      Dankbar schenkte sie jedoch Hawthorne ein Lächeln, als dieser auch die Segel strich und diesen gottverdammten Schnaps aus ihrer Reichweite entfernte. Sonst hätte sie ihren Becher vermutlich noch mal nachgefüllt, ob sie wollte oder nicht. So stand nun nur noch die leere Schale vor ihr und die abertausend Kerzen, die die einzige Lichtquelle waren.
      Und dann waren Ember und August endlich allein. Hörbar tief seufzte Ember und sah ihm dabei zu, wie er sich die letzten Fetzen seines Hemdes abfriemelte und leider genau zu dem Punkt sprang, über den sie eigentlich gar nicht reden wollte.
      „Ich hätte nicht gedacht, dass du ausgerechnet das Anwesen der Sallows ausfindig machst. Dann ist einfach der Richter im PD aufgelaufen, hat mich weg teleportiert und dann stand ich plötzlich inmitten des Nichts im Dunkeln vor diesem Anwesen und hatte schon so eine Ahnung. August, du hast die Warnung von dem Zaren gehört. Wenn er meine Familie meinte, dann übertrete ich Grenzen, wenn ich hier nur einen einzigen Raum untersuche.“
      Sie deutete mit einem Finger auf den Stuhl neben sich, damit sich der Arkana setzte. Er folgte ihrer Aufforderung, sodass sie einen seiner Arme greifen und auf den Tisch legen konnte. Mit kalten Fingerspitzen untersuchte sie die Schnitte und Prellungen. „Ich hab damals bei dem Sharokh schon nicht auf Warnungen gehört. Ich will das nicht wiederholen und dann endgültig verlieren, was mir lieb ist. Es kann nicht angehen, dass ich ständig mit meinem Dickkopf überall durch will.“
      Sie gab seinen Arm frei und sah ihm das erste Mal in diesem Haus wahrlich ins Gesicht. Da stand keine Wut in ihren Augen, die müder erschienen als üblich. „Liz also. Ich wusste gar nicht, dass du eine Assistentin hast. Die... dir fachlich auch helfen kann. James hat mir gesagt... Oder eher klargemacht... argh.“ Sie wollte sich am liebsten einfach irgendwo in eine Ecke legen und gar nichts mehr sagen. „Sorry, ich hab's nicht verstanden, warum du mich wirklich gefragt hattest, ob ich dir mit den Toren helfen will. Was ich ja gar nicht kann. Weil ich keine Ahnung von der Materie hab, wie LIZsie hat... Dieser Platzhirsch...“
      Sie fing an zu reden, sinnlos vielleicht sogar. Doch während der ganzen Zeit spielten ihre Finger mit seiner Hand. „Ich bin froh, dass du heil da raus gekommen bist.... Das wollte ich eigentlich nur sagen. James hat mich ein bisschen.... überfallen mit dem Schnaps.“
    • August war erschöpft.
      Das konnte man seinem Sein, seiner Art und seinem Körper sichtbar ansehen. Die Prellungen gingen tief und glichen beinahe tiefroten Seen unter der Haut. Die Schnitte waren feiner als ein Messer sie reißen könnte und es erschien doch merkwürdig vertraut, diese Szene, als er seine Arme auf den Tisch legte und sie von Ember untersuchen ließ. Hatte sie medizinische Kenntnisse? Er wusste es nicht.
      Grinsend lauschte er ihrem kleinen Monolog und stützte den Kopf erschöpft auf den aufgerichteten Unterarm.
      "Ja, er hat dich wohl wirklich überfallen", lachte er. "Habe dich selten so viel am Stück reden hören, wenn ich ehrlich bin."
      Ruhig zog er die Augenbrauen in die Höhe und fuhr sich durch das verkrustete Haar. Eine Dusche war bitter nötig, wenn er wieder wie ein Mensch aussehen wollte. Zumindest war er einmal seinem Monster-Image gleich gekommen. August wollte es nicht zugeben, aber der Kampf gegen Ruairi und den anderen Arkana war ihm nicht bekommen und hatte viel seiner Kraft verschlungen. Wie eine hungrige Bestie hatte sich der Kampf an seiner Aura gelabt und er musste darauf achten, sie wieder halbwegs herzustellen.
      "Ich hätte es auch nicht gedacht", sagte er schließlich. "Ich suche bereits seit einiger Zeit danach, doch es war Zufall, dass wir eine Spur erhielten, just bevor der Sitzung mit den Arkana. Und das mit dem Richter tut mir Leid. Ich dachte eigentlich, er würde das ganze ein wenig weniger medienwirksam tun, aber ich habe wohl nicht mit Kjetils Eitelkeit gerechnet. Ich bin nur froh, dass es nicht noch weitere Ausschreitungen gab."
      Hinsichtlich ihrer Befürchtungen musste er etwas kundtun. Er konnte es nicht schon wieder so stehen lassen.
      "Ember...", begann er. "Damals mit dem Sharokh war es ähnlich, ja. Aber ich sage es dir nochmals: Das alles hängt zusammen. Es gibt ein größeres Ganzes, das wir noch vollends verstehen müssen und dazu gehört auch dieses Haus hier. Du kannst dich gerne verkriechen wenn du das möchtest, aber reden wir einmal Klartext!"
      Er sah sie ernst und doch gleichsam liebevoll geduldig an. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
      "Sollte ich es nicht schaffen, meine eigene Zeit zu verlängern, werde ich gehen. Endgültig. Sollte das geschehen, bist du und die hier versammelt die Einzigen, die von dem ganzen Scheiß wissen und etwas dagegen tun können. Auch wenn es Angst macht, Ember, wir alle müssen die uns zugedachten Rollen einnehmen. Die Warnungen des Wesens sind ernst zu nehmen und ich wiederhole mein Angebot von neulich: Sag mir wo deine Familie und alle die du liebst sind und ich werde sie mit allen meinen Kräften zu schützen wissen..."
      Als das Thema auf Liz kam, musste er nochmals lachen.
      "Ich muss ehrlich sagen, dass ich es süß finde, wenn du ein wenig eifersüchtig zu sein scheinst", kicherte er. "Liz ist schon Jahre meine Assistentin und hilft mir bei Forschungen ja. Aber Platzhirsch? Das meinte James also mit Beziehungsgesprächen..."
      Erneut schüttelte ihn ein Lachen.
      "Ach, manchmal braucht man nicht immer fachliche Hilfe. Manchmal möchte ich auch einfach nur Zeit mit dir verbringen, wenn ich ehrlich bin. Und da du schwerer zu halten als ein Sack Flöhe bist, nehme ich was ich kriegen kann..."

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    • „Entschuldigung?! Du hast den Fusel da probiert, den James angeschleppt hat und ich hatte die Wahl zwischen widerlicher Pampe und widerlichem Schnaps. Ich hab den Alkohol gewählt.“
      Ember merkte selbst, dass ihr Mundwerk lose wurde, wenn sie trank. Vielleicht war das aber endlich einfach der notwendige Schlag gewesen, damit sie ehrlich aussprach, was sie dachte.
      „Ganz im Ernst, was hätte ich denn denken sollen, als plötzlich der Richter im PD auftaucht mit dieser Riesin im Schlepptau? Ich wusste nicht, dass er mich hierher bringen sollte.“ Sie gestikulierte flüchtig umher, so als wäre nicht offensichtlich, wo sie waren. „Als er reinmarschiert kam und verkündete, dass er mich verlange, hab ich kurz gedacht, er will doch das zu ende bringen, was er im Saal angefangen hat. Ich hab nicht mal Waffen an mir.“
      Sie breitete die Arme aus und offenbarte das verdreckte Outfit ohne ihre Ausrüstung. Man hatte ihr natürlich alles abgenommen, bevor man sie und Ruairi ins Verhörzimmer gesteckt hatte und so saß sie mit leerem Waffengurt in ihrem hochgeschlossenen Pullover und der praktisch angedachten Jeans vor August. Schlaff sackten ihre Arme einen Moment später wieder in ihren Schoß. Denn froh war sie ebenfalls, dass die Szene nicht noch pompöser ausgefallen war.
      Ihr fielen allerdings ein paar Wörter ihres Redeflusses aus, als sie Augusts Blick sah. Da war wieder diese Ernsthaftigkeit, die nahezu wie in sein Gesicht fest getackert erschien. Diesen Ausdruck kannte sie so gut, dass sie ihn schon als sein Standardausdruck deklariert hätte. Aber nun mischte sich mehr in diesen Ausdruck, weichte ihn auf, machte ihn wärmer. Doch die folgenden Worte bewirkten bei Ember das genaue Gegenteil. Er würde gehen, endgültig. Die Hoffnung, die sie vorhin bei James angesprochen hatte, würde wie Glasscherben ihr Herz verletzen und sie hätte es mit offenen Armen empfangen. Schon mit bloßem Auge sah man, wie sie merklich in sich zusammen sackte und auch die Liebkosungen an seinen Händen einstellte. Ihr Blick verlor sich und senkte sich leicht. Betreten.
      „Okay“, sagte sie kleinlaut. „Morgen. Ich sag dir morgen, wo sich wer aufhält.“ Sie durfte es annehmen. Es war okay, wenn sie das Angebot annahm. Sie hatte es nicht gefordert, nicht erzwungen und manchmal durfte man Hilfe annehmen. Selbst von ihm.
      Ein wenig Feuer kam in ihre Augen zurück, als August sie als eifersüchtig bezeichnete. Oder süß. So recht, wusste sie es nicht, aber es reichte, um seine Hand fester zu drücken. „Nein, der meinte eher was anderes mit den Gesprächen. Aber deine Assistentin kam hier reingeschneit und hat sich erst mal breit gemacht, ohne sich recht zu erkennen zu geben. Gut, vielleicht haben wir uns auch einfach ein bisschen über ihren Spatznamen für dich mukiert...“ Ihre Worte gingen in seinem Lachen unter, was sie hingegen nur noch weiter aus ihrem müden Moloch zerrte.
      „Und was soll das heißen, ich bin schwierig zu halten?“ Provokanter Tonfall, geschuldet den Nachwirkungen des Alkohols. „Frag mich nett, ob ich bleiben kann und dann lässt sich da was einrichten.“
      Sie ließ ihre Finger zwischen seine gleiten.
      „Oft versteh ich nicht ganz, was du über mich denkst. Oder wie du denkst. Manchmal beides. Deswegen musst du mit mir reden, August. James hat mir gesagt, dass ich vergesse zu leben. Mich nur noch in meiner Arbeit verstricke. Aber mit dir könnte das anders sein. In der kurzen Zeit, die wir miteinander verbracht haben, habe ich mich unglaublich weiterentwickelt. Ich will nicht, dass es schon vorbei ist. Nicht, wenn ich nicht einmal weiß, was deine Lieblingsfarbe oder dein Lieblingsbaum ist.“
      Sie sah den fragenden Ausdruck in seinem Blick.
      „Der Baum, oder? Frag nicht, James ist schuld.“ Sie lächelte zurückhaltend.
    • August brauchte einen Moment um die für ihn neue Ember ein wenig zu verarbeiten. Sicherlich lockerte der Alkohol so manche Zunge und machte sie schwer und unausstehlich. Aber diese Ember hier wirkte beinahe erstaunlich frisch und einfach in seinen Augen. Als würde sie sich ein wenig menschlicher zeigen als sie es bisher getan hatte.
      Ruhig nahm er ihre Finger zwischen seine und drückte sie leicht, während er sie anlächelte. Es waren seltene Momente wie dieser, wo sich selbst August mit all seinem Sein und dem langen Leben menschlich und angreifbar fühlte. Und es nicht als schlecht bezeichnete.
      "Das mit den Waffen können wir noch regeln", murmelte er langsam und streichelte mit seiner zweiten Hand über ihre. "Ich sorge dafür, dass man dich ordentlich bewaffnet, für den Fall der Fälle. Und ich kann verstehen, dass Kjetil dich erschreckt hat. Ich hatte nicht viel Zeit als ich den Plan geschmiedet habe. Ich wusste, dass man dich ins PD bringen würde und ich selbst konnte nicht folgen. Ich musste damit rechnen, dass sie mir diverse Teams hinterher senden. Dass es nur eines war, hat mich selbst überrascht, wenn ich ehrlich bin. NUr war selbst das stark genug..."
      Er kratzte sich über einen verschorften Schnitt und seufzte schwer. Natürlich entging ihm das betretene Gesicht der Ermittlerin nicht und er fühlte sich schlecht, es ausgesprochen zu haben. Doch was hätte er sagen können? Nichts, um die Situation auch nur ansatzweise besser zu machen.
      "Morgen", nickte er. "In Ordnung. Hör zu, ich weiß, der Plan klingt aberwitzig und dumm, aber...Aber ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen. Wir haben es bisher immer geschafft. Ich meine, ich bin noch hier! UNd gehe nicht freiwillig."
      Über ihre weiteren Auslassungen begann er lautlos zu lachen. Nur das Zucken seiner Schultern verriet das Amusement, das ihn ereilte. Erst nach einer Weile sah er auf und offenbarte sogar leichte Tränen in seinen Augenwinkeln.
      "Liz ist schon ein sehr...einnehmender Mensch?", begann er und wischte sich eine Träne weg, ohne die Verbindung ihrer Hände zu lösen. "Ich mag es wirklich, wenn du eifersüchtig bist. Und der Spitzname hat sich einfach so ergeben. Ich fand ihn eigentlich ganz lustig. Ich hatte noch nie einen Spitznamen außer Beleidigungen von James."
      Grinsend sah er Ember an und schüttelte den Kopf.
      "Was ich denke...", murmelte er und sah sie wieder offen an. In seinen Augen stand einfach nichts. Als wäre die Last der Kämpfe endlich von ihm abgefallen. "Oder wie ich denke...Ember, ich verstehe es selbst nicht ganz, wenn ich ehrlich bin. Ich weiß nur, dass ich gerne mit dir zusammen bin, auf die eine oder andere Weise. Ich weiß, dass ich deine Suche und irgendwie zu brauchen scheine. Ich mache mir selten Gedanken um Bezeichnungen und Labels. Ich weiß nur, dass es mich wütend machte, zu sehen, dass Ruairi offenbar ähnliche Gefühle für dich hat. Es brachte mich dazu, ihm ins Gesicht schlagen zu wollen..."
      Und nur die Himmel wussten, dass dieser Schlag mehr als nur einen Knochen gebrochen hätte.
      Bei ihrer letzten Anmerkung konnte er nur erstaunt schauen udn den Kopf lachend schief legen.
      "LIeblingsbaum?!", lachte er und schüttelte den Kopf. "Also...Meine Lieblingsfarbe ist Violett und mein Lieblingsbaum ist eine Weide. Das nur dem Protokoll nach. Und es würde mich freuen, wenn es mit mir anders wäre...Ich...Ich habe das damals mit dem verschissenen Berwick ernst gemeint und meine es nach wie vor so...Ich will nicht ewig kämpfen und Teil verschwörerischer VEreinigungen sein..."

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    • Ein klitzekleines Bisschen. Nur so wenig war es, das Ember etwas zuversichtlicher stimmte. Ja, August war noch hier, saß mit ihr an einem Tisch und streichelte gerade ihre Hände, sodass sie hoffte, er würde damit einfach nicht mehr aufhören. Es war leicht, sich nicht auszumalen, wie schwierig ihr Unterfangen eigentlich war. Nur war leicht nicht gleichbedeutend mit völlig vergessen.
      „Ich glaub, ich hab dich noch nie weinen sehen“, sagte Ember mit einer Trockenheit, die noch einmal betonte, wie kurz sie sich eigentlich kannten. So wie August in ihr gerade eine neue Version entdeckte, galt das auch andersherum für sie. „Außerdem möchte ich kurz klarstellen, dass ich nicht eifersüchtig bin, sondern empört über ihre Art, ja?“
      Nebenbei krümmte sie die Finger etwas, die noch immer zwischen seinen Händen gefangen waren, wobei ihre Nägel über seine Haut kraulten. „Dass du sauer warst hat man sehen können. Spätestens dann, als ihr euch fast die Köpfe eingeschlagen habt. Weißt du, er ist aufgetaucht, als du fort warst und ich dachte, du hättest mich nur benutzt. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass er sich für mich interessieren könnte und dann war er einfach immer da. Tagtäglich nebenan im Büro, und er hat ohne es zu wollen dafür gesorgt, dass ich durch diese Phase durchkam. Aber wie du selbst gemerkt hast...“ Ihre Augen glitten über Augusts Gestalt hinweg, die in dem schummrigen Licht noch mehr schwarze Schatten warf als üblich. „Fühlt er immer noch was für mich und es gefällt ihm nicht, dass wir beide zusammen hängen.“
      Träge zuckte sie mit den Schultern. Verständlich war es ja, immerhin war ihr ja auch der Gedanke gekommen, dass Liz und August etwas hatten...
      „Ja, ein Baum. Manchmal hat James auch ganz gute Ideen, jedenfalls wird Smalltalk mit ihm nicht langweilig. Also eine Weide. Das waren doch die Bäume, aus denen man Körbe flechten konnte, oder? So ein Korb aus Weidenästen mit einem lila Band daran...“, sie sponn schon wieder weiter und achtete einfach nicht darauf, ob sie Schwachsinn erzählte oder nicht. Was auch immer August gerade mit ihr anstellte sorgte dafür, dass sie einmal ihren Starrsinn losließ und sich nicht mehr darum scherte, ob ihre Sätze Sinn ergaben oder nicht.
      „Ich weiß. Das mit Berwick. Du hast da dieses Funkeln in deinen Augen, wenn du davon sprichst. Ob du willst oder nicht.“ Mit ihrer freien Hand zeigte sie mittels ihres Zeigefingers auf sein Gesicht und lächelte. „Ich bin natürlich nicht so alt wie du, aber ich kann mir schon vorstellen, dass man irgendwann des Kampfes einfach müde wird. Du hast einmal gesagt, du hättest gern so ein richtig kitschiges, langweiliges Date mit mir haben wollen. Allein daran hab ich schon gehört, dass du eigentlich in den Ruhestand gehörst. Sei dir mit deinen über einhundert Jahren auch gegönnt.“
      Schließlich entzog Ember August ihre Hand vollständig. Aber nur ein paar Sekunden blieb er ohne eine direkte Verbindung zu ihr. „Ist dir nicht kalt?“, fragte sie sanft und strich seinen Arm hinauf bis zur Schulter, wobei sie die schlimmen Verletzungen ausließ. „Meinst du nicht, wir sollten mal schauen, dass wir deine Verletzungen und allgemeinen Zustand in den Griff bekommen? Immerhin wollte LIZ ja noch mit dir was besprechen.... Miss Assistentin. Pah.
    • So you can throw me to the wolves
      Tomorrow I will come back, leader of the whole pack
      Beat me black and blue
      Every wound will shape me, every scar will build my throne

      [BMTH - Throne]

      Etwas war dort.
      Eine Finsternis, die selbst August in sich immer wieder fand und deren Grund es zu finden galt. Wie tief konnte ein Mensch sinken und aus wie vielen Trümmern ließ sich ein Thron errichten. August genoß das raue Kratzen ihrer Nägel auf seiner Haut, die mehr unter den Schmerzen schrie als alles andere. Sein Leib war geschunden und stand kurz vor dem Zusammenbruch, so viel ließ sich sagen.
      Nickend und grinsend sah er Ember an.
      "Empört, natürlich", flüsterte er. "Liz ist nicht gut mit menschlichen Kontakten und es braucht eine Weile, bis sie mit Jemandem warm wird. Also gib ihr eine Chance, okay? Sie kann von großem Nutzen sein. Und ich darf dich beruhigen..."
      Er kicherte.
      "Ich glaube, Ruairi hat mir nicht nur deinetwegen den Schädel versucht einzuschlagen. Ich glaube, er hat einfach seinen Job gemacht und darin ist er erschreckend gut. Vielleicht gibt es doch Hoffnung für einen Krieg gegen Siobhan...Und du brauchst dich nicht zu rechtfertigen, Ember. Es war eine schwere Zeit und du hast dich nach etwas gesehnt, was ich dir nicht geben konnte."
      Und vielleicht niemals geben kann, dachte August.
      Ruhig lehnte er sich zurück in dem Stuhl und wirkte für einen Moment der Welt entrückt. Eine Finsternis, die er lange nicht mehr gespürt hatte, griff nach seinem Inneren und ließ ihn frösteln.
      "Du hast mich übrigens auch nie weinen sehen, weil ich die Fähigkeit vor einigen Jahrzehnten verloren habe. An dem Tag als meine Familie und meine Freunde verschwanden habe ich geweint. Und danach nie wieder. Zumindest nicht, dass ich mich erinnern könnte. Und Berwick ist mein voller Ernst, wie gesagt! Da ist kein Leuchten, es ist Gewissheit. Ich wollte, bevor die Welt sich eingemischt hat, eigentlich meinen Posten bereits vor sieben Jahren abtreten und mich endlich zur Ruhe setzen. Ich wollte nur forschen und mein Leben leben. Und nicht mehr in Kriegen oder Schlachten kämpfen...Und nun weiß ich nicht wo es enden soll..."
      Ein trauriges, schmerzhaftes Grinsen huschte über sein Gesicht und er sah auf seine Hände, die noch immer die Risse und Prellungen des Abends enthielten. Wie lange wollte er schon nicht mehr? Eigentlich war es doch lange her, dass er sich dazu bereit erklärt hatte...
      Beinahe schmerzhaft kam ihm der Verlust ihrer Hand vor und in seinem Hinterkopf regte sich ein Jucken, das er ignorierte. Ein Gefühl, das er kannte. Oder kennen würde. Auch wenn das Gefühl ihrer Hand auf seinem Arm und seiner Schulter schön war und ihm eine kurze Gänsehaut über den Rücken schickte. Sanfte Berührungen nach Kämpfen waren eine merkwürdige Sache.
      "Ja, ich denke, du hast Recht", murmelte er grinsend und nickte. Sachte und schwerfällig erhob er sich und seufzte. "Also...Wie wäre es, wenn wir dir ein Zimmer suchen? Es ist keine Erforschung, wenn du einfach schläfst. Außerdem habe ich James gebeten, ein Zimmer so herzurichten, das man darin schlafen kann. Ich komme gleich nach, wenn ich mich ein wenig verarztet habe. Und das Gespräch mit Liz, ja...Ja, ich gehe schnell zu ihr. Geh schon vor. Ruh dich aus. Ich komme nach."

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      sallow_sleeping.jpg

      so sieht das Schlafzimmer aus. Nur etwas herunter gekommener. Aber das Bett ist relativ neu bezogen.

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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von NicolasDarkwood ()

    • Wie vielen Menschen sollte Ember denn noch Chancen geben? Eigentlich hatte ja jeder eine verdient, aber die paar Minuten mit Liz hatten gereicht, dass sie ihr eigenes Urteil diesbezüglich anzweifelte.
      „Ruairi ist großartig in dem, was er macht. Nur leider wird er mehr als Waffe als alles andere benutzt und das ist traurig“, sagte Ember und berührte dabei doch die ein oder andere Prellung und verzog dabei leicht das Gesicht. „Ich rechtfertige mich gar nicht, ich wollte nur sagen, dass... dass ich nicht über Monate gegrämt war.“
      Es waren keine Monate gewesen, dafür aber Wochen. Anstrengende Wochen, wie ihre Mitarbeiter es unterschreiben würden.
      Etwas betreten betrachtete sie August, der sich zurücklehnte und seltsam entfernt wirkte. Für einen Moment dachte sie, etwas falsches gesagt zu haben. Ihr fiel auf, dass er fröstelte und sie war sich sicher, dass es nicht nur der Kälte und der wenigen Kleidung an seinem Leib geschuldet war. Ihre Hand verselbstständigte sich bereits, da fing er wieder an zu sprechen und sie ließ sie ungesehen sinken.
      „Du hast die Fähigkeit nicht verloren. Da bin ich mir sicher. Da waren eben Tränchen in deinen Augen, ich hab's also live erlebt. Es kommt der Moment, da hängst du diesen überfälligen Titel mit deinem Sitz an den Haken. Und ziehst halt nach Berwick. Hol dir ein kleines Häuschen am Rande, setz dich dahin ab und dann machst du eben das, was du gerne möchtest.“
      Spinn die Illusion und lass sie in deinem Kopf leben. Halte daran fest, trüge dich selbst bis du irgendwann nicht mehr weißt, ob es die Wahrheit war oder Lüge.
      Zäh folgten Embers Augen der Bewegung des Rogues, als er sich schwerfällig erhob. Er entglitt ihrer Hand, ihrer Berührung, und ihre Finger zuckten in dem Versuch, nach ihm zu greifen. Schnell zog sie die Hand wieder in den Schoß und lächelte August schwach an. Dann schloss sie sich ihm an und begann damit, die Kerzen nacheinander auszublasen.
      „Okay, ich warte dann solange. Aber wenn ich mitkriege, dass sie dir beim verarzten hilft und das nicht so harmlos ausfällt, dann Gnade dir Gott.“ Nur, dass keiner von ihnen an eben jenen zu glauben schien.

      August sollte Recht behalten. Es gab exakt ein Zimmer, das ein säuberlich gemachtes Bett, oder eher Matratze, auf dem Boden enthielt. Leise hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, nachdem August zum nächsten Zimmer weitergegangen war und auch von James keine Spur mehr zu sehen war. Bereits in der Sekunde, in der die Tür knarrend ins Schloss gefallen war, legte sich eine eiserne Stille auf ihre Schultern. Die Tapeten und sogar die Decke waren mit einem furchtbaren Muster versehen, das früher wohl modern gewesen war. Möbel gab es praktisch keine mehr, außer einem kleinen Schränkchen mit zerschlissenen Schubladen. Dank der offenen Tür roch es nicht muffig, irgendwie beklemmt fühlte sie sich dennoch.
      Auf ihre Frage hin, ob August etwas besonderes spürte, hatte er verneint. Also war es tatsächlich so, dass das Haus scheinbar nur bei Menschen ein seltsames Gefühl auslöste. Und das, obwohl die Wände allesamt von Aura durchzogen waren. Nachdenklich warf Ember einen Blick aus dem versifften Fenster, sah sich jedoch nur der Dunkelheit gegenüber. Ihr Blick schweifte weiter – und blieb an der Tapete unterhalb der Fenster hängen. Ember runzelte die Stirn und beugte sich näher heran, doch im Dunkel konnte sie nicht viel erkennen. Nur, dass das Muster dort anders aussah. Ohne eine Lichtquelle, die nicht das fahle Licht der Sterne und des Mondes war, war das gesamte Zimmer in Dunkel getaucht. Und so resignierte Ember schließlich, ließ sich auf die Matratze fallen und trat sich ihre matschigen Schuhe von den Füßen. Sofort bemächtigte sich die Kälte ihrer Füße und eilig schob sie sie unter die Decke. Kurz darauf folgte schon ihr Körper. Sie machte sich nicht die Mühe, sich großartig auszuziehen. Jedenfalls nicht, solange sie allein war.
      Und dann wartete Ember im dunklen, kalten Zimmer darauf, dass August zurückkam. Eine Frau, die Dunkelheit und das immer deutlicher werdende Gefühl, unter Beobachtung zu stehen.
    • August Foremar schloss die Tür.
      Als er aus Liz's Zimmer herausgegangen war, fühlte sich seine Welt wie jedes Mal ein wenig irreal an. Als würden die Farben nicht richtig decken oder die Schrauben nur Flechtwerk sein. Es war schwer zu erklären, außer, dass ihm der Schädel brummte. Und mit einer bitteren Erkenntnis behaftet, machte er sich auf den Weg, den Flur hinunter.
      Eine Kerze brannte einsam auf einem schmalen Kerzenteller in seiner Hand und beleuchtete den Flur unregelmäßig, während er finsteren Blickes über den Flur schlurfte. Die Erkenntnis, dass sie falsch gelegen hatten! Und wie sollte er das allen beibringen? Wie hatte er sich auch nur anmaßen können, den Tod zu betrügen, nachdem er es bereits einmal geschafft hatte?! Das war doch Irrsinn. Es blieb also nichts weiter, als zu Plan A zu wechseln, der noch gefährlicher war...
      Sorgsam stieß er nach kurzem Blick den Flur hinauf und hinab, die Tür zu Embers Zimmer (er nannte es bereits Embers Zimmer) auf und ließ die warme Flamme der Kerze mit hinein.
      Der Raum wies eine merkwürdige Tapete auf, eine, die seinen Geschmack beinahe tötete. Hässliches Dunkelblau traf auf eine Art Tartanmuster und innerlich musste August beinahe lachen. DIe Sallows waren offenbar wirklich eigenartig, was den Geschmack an Möbeln und Einrichtung betrafen! Unglaublich, wie schlecht alles zusammen passte und trotzdem heimelig wirkte.
      August stolperte beinahe über Embers Schuhe und kicherte, während er zu ihr sah.
      "Du fühlst dich zumindest nicht mehr ganz so fremd, oder?", grinste er und trat wie Ember an das Fenster.
      Sanft hüllte der Kerzenschein sie beide ein, während er nach draußen sah und außer sich windenden Baumkronen nichts erkennen konnte. Langsam und bedächtig dehnte August seine Aura mehr und mehr aus. Einem Teppich gleich, legte sich das sirrende Gefühl von mächtiger Magie über das Haus und die Gartenanlage, die er systematisch mit seiner Aura absuchte. Doch nichts war zu erkennen. Mit einem weiteren Augenaufschlag war die Aura verschwunden und er drehte sich zu Ember in diesem Bett. Selbst auf einem Laken hätte sie großartig ausgesehen.
      "Du hast Eindruck gemacht bei Liz", grinste er und trat näher, um seine Schuhe auszuziehen. "Sie hat wie der Teufel geschimpft, wie unhöflich ihr wart und sie verhört habt. Ich hab sie daran erinnert, dass sie selbst meist ein recht einnehmendes Wesen hat. Es gibt leider zwei Neuigkeiten, die ich mit dir teilen will."
      Sorgsam setzte er sich neben sie auf das Bett und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er mochte diese Geste. Sie hatte etwas Intimes, wie er fand.
      "Ad 1: Ruairi ist verschwunden. Nachdem ihr heraus gekommen seid, hat es offenbar einen Streit zwischen ihm, Piper Williams und Solomon Knight gegeben. Er hat Knight geradewegs nochmal ins Krankenhaus befördert und selbst diese Piper angegriffen. Ein Einsatzteam ist ihm gefolgt, haben ihn aber auf der Höhe Tottenham Court Road verloren.
      Ad 2: Perley bringt morgen früh deine Waffen mit. Er hat sie aus dem PD gesammelt...Jetzt schau nicht so und frag nicht wie", lachte er. "Er bringt dir deine Bewaffnung. UNd wenn wir morgen die Adressen und Aufenthaltsorte deiner Familie haben, holen wir sie, wenn du willst, auch her. So lerne ich zumindest mal Eltern kennen..."
      Gar nicht eigennützig, August. Gar nicht...

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    • Die Tür knarrte grausam, als August sie öffnete und wie versprochen zu Ember zurückkehrte. Sie saß noch immer auf der Matratze, halb unter der Decke vergraben, als sie ihre Augen auf August richtete, der immerhin eine Kerze dabei hatte. Er stolperte über ihre Schuhe, ein amüsiertes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
      „Was soll ich sagen? Es gibt Wände, ein Dach und ein Bett. Es starrt mich ja jetzt auch niemand mehr so argwöhnisch an.“ Wie ein Spiegelbild nahm er ihre Position am Fenster ein, doch er sah nicht einfach nur hinaus. Er schickte seine Aura aus, die auf ihrem Körper leicht prickelte.
      „Hm, Eindruck kann positiver oder negativer Natur sein. Ich tippe mal auf letzteres, wenn sie so schimpfte. Aber sie hat es eben einfach gemacht....“, rechtfertigte sie ein wenig ihr Verhör, wobei James am Ende die Fragerei übernommen hatte. „Und wenn du leider von Neuigkeiten sprichst, dann sind sie nicht gut. Was hast du gehört?“
      Sie klopfte auf die Matratze neben sich und wartete bis August sich gesetzt und seine Schuhe abgestreift hatte. Sie betrachtete weiterhin sein geschundenes Gesicht, als er ihr eine Strähne aus dem Gesicht schob und mit Sicherheit bemerken würde, wie warm ihr Gesicht gerade war.
      Und dann berichtete August. Der erste Satz reichte schon aus, damit Ember alle Emotion aus dem Gesicht fiel. „Er ist weg?Warte, er hat Knight nochmal....? Aber es ergibt keinen Sinn, dass er sogar Piper angegriffen hat. Das kann nicht stimmen, das würde er nicht machen!“ Aufrichtiges Entsetzen zeichnete sich in ihren Zügen ab als sie versuchte sich vorzustellen, wie Ruairi auf Piper losgegangen sein sollte. Dass er eine Auseinandersetzung mit Knight hatte, konnte sie ja noch verstehen. Aber in diesem Verhörzimmer hatte er alles zugegeben. Gegen ihn waren weniger schlimme Verfahren angeordnet worden, aber wenn er flüchtete, dann... Ember schüttelte den Kopf. Sie musste ihn irgendwie finden.
      Die zweite Nachricht mit den Waffen hätte sie eigentlich mehr erheitern müssen als es gerade tat. Sicher, dann fühlte sie sich nicht mehr so nackt, aber der Schock der vorherigen Nachricht saß noch tief. Dafür konnte sie sich sehr gut vorstellen, wie Perley das PD infiltriert und ihre Sachen zurückgeholt hatte. Trotzdem war da dieser letzte Satz, der unglaubliche viele Gedankengänge auf einmal los trat.
      „Du willst meine Eltern kennenlernen? So ganz uneigennützig?“, fragte sie und öffnete die Decke, damit er zu ihr ins Warme kommen konnte. Die Kerze hatte er auf den Boden an die Seite gestellt, sodass der Schein seine Front nicht mehr erhellte. „Das wird wahrscheinlich nicht so schön, wie du denkst. Meine Mutter würde eine Panikattacke bekommen und mein Vater sucht sich den nächsten Schürhaken, um dich auszutreiben. Sie sind etwas... voreingenommen, was Zauberer betrifft.“
      Jedenfalls nach der Sache mit Emily waren die Vorurteile schwerwiegend ausgeprägt. Sie würde niemals darum bitten, dass man ihren Onkel hierher brachte, aber ihre Eltern hätte sie schon gerne sicher gewusst. Genauso wie Shawn, den sie wieder her karren müssten. Und was Tarah betraf, so konnte man sie schlecht aus London wegbringen, so fest wie sie in ihrem Umfeld etabliert war.
      „Das war nicht immer so. Sie sind es erst nach dem Vorfall, weshalb ich Ermittlerin geworden bin. Du bist nie mit in mein Schlafzimmer gekommen weil ich da Erinnerungen an... Emily aufbewahre. Die Geschichte wollte ich dir noch erzählen.“
      Dann berichtete Ember August von Emily, von ihrem Tod, von dem Unfall und dass sie nach dem Briefkiller die tote Gestalt des Mädchens gesehen und erwürgt hatte. Dass sie ein dunkles Kapitel ausmachte und der Grund war, warum Ember einst die Zauberer so abgelehnt hatte.
    • Nur allzu dankbar nahm er das konkludente Angebot der jungen Frau an, die ihm bereitwillig die Decke öffnete.
      Das gröbste an Blut hatte er bereits vor dem Besuch von Liz's Zimmer aus dem Haar und dem Gesicht gewaschen, sodass er zumindest das Bett, sei es nicht perfekt oder doch, nicht versauen würde.
      Wohlig stöhnend ließ er sich neben ihr auf der Matratze nieder und seufzte, als Ember die Decke über sie bereitete. Die Wärme, die die Ermittlerin ausstrahlte und die ihr Gesicht bereits ergriffen hatte, als er ihr das Haar aus der Sicht entfernte, umfing ihn wie ein Schleier und hüllte ihn ein. August musste aufpassen, nicht vom Schlag weg die Augen zu schließen und dem Schlaf anheim zu fallen, nach dem er sich ein wenig enger an sie drückte und einen Arm geschickt um ihre Schultern platzierte.
      "Liz wird sich beruhigen", murmelte er genüsslich an ihrem Scheitel und atmete ihren Duft ein. Ob gut ob schlecht war egal, es ging einfach um die Wärme und die Realität, die ihm nach dem ewigen Kämpfen mehr und mehr entglitt. Unwissend hatte er damit vielleicht mehr mit Ruairi gemeinsam, als er tatsächlich wissen konnte.
      "Es war auch für mich verwunderlich", murmelte er mit tiefer Stimme an ihrem Scheitel, auf den er in nächster Gelegenheit einen kleinen Kuss hauchte. Ob sie es bemerkte, war ihm beinahe egal, er wollte einfach eine Art...Markierung?...setzen. Auch wenn diese keiner sah. "Laut Liz hat man Ruairi zu befragen versucht und er hat diese Piper dazu überredet, seine Handschellen zu lösen. Dummerweise hatte er damit Erfolg und in dem Moment, wo die antimagischen Fesseln fort waren, mit einem Angriff begonnen. Williams ist nicht verletzt, nur etwas verwirrt. Knight hingegen..."
      August zuckte die Achseln und versuchte das Lächeln um seine Lippen zu ersticken. "Knight hat es ins Krankenhaus verschlagen, nachdem eine Faust aus Kacheln ihn voll erwischt hat. Wohin er verschwunden ist, kann ich leider nicht sagen. Meine Leute suchen nach ihm, keine Sorge."
      Meine Leute... Eine witzige Umschreibung für "mir treue Arkana und deren Leute". Nicht dass August eine Nummer 2 hätte.
      Hinsichtlich ihrer Eltern musste er lachen und zuckte die Achseln.
      "Ich habe doch nur uneigennützige Ziele, Ms Sallow", grinste er. Ruhig drückte er sie ein wenig mehr an sich, bis er sicher war, dass sein Herzschlag sich etwas normalisierte. Alleine ihre Nähe löste Schauer über seinen Körper aus, die er kaum kontrollieren konnte. Als würden alle Muskeln gleichzeitig kontrahieren. "Ich dachte einfach nur, völlig uneigennützig und romantisch, dass du sicherlich kaum zufrieden wärest, wenn ich Arkana dort hinschicke und sie schützen lasse. Vielleicht hättest du deine Familie lieber bei dir, wo du selbst auch etwas zu ihrer Verteidigung tun würdest und da kam mir die Idee...Und mit Vorurteilen kann ich umgehen und werde mich gerne mit deinem Vater duellieren."
      Na sicher, August. Und es geschieht auch nicht aus der Tatsache heraus, dass innerlich schon das Haus in Berwick planst und dir ausnahmsweise mal nicht ein Leben in Krieg und Frieden vorstellst, sondern mit adoptierten Teilen von Familie. Ganz klar!
      All diese Gedanken waren wie ein Buch auf seinem Gesicht sichtbar, ehe er der vermutlich grausigsten Geschichte lauschte, die er seit langem gehört hatte. Freilich hatte er sich gefragt, weshalb er nie in das Schlafzimmer schauen durfte. Aber eigentlich hatte er Embers Vorsicht als größten Grund gesehen.
      Schweigsam lauschte er ihrer Erzählung und starrte dabei betreten an die Decke. Er wusste natürlich, dass es auch Rogues und Zauberer gab, die über die Strenge schlugen. Unfall oder nicht. Aber zu hören, wie ein Kind bei einem derartigen Unfall umkam, trieb ihm die Betretenheit ins Gesicht und in die Stimme. Als er sich räusperte und zu sprechen begann, klang seine Stimme rauer als sonst und tiefer. Alt und müde, wie er dachte.
      "Es tut mir Leid", murmelte er beginnend. "So leid, dass ein derartiger Unfall passieren musste. Und ein Leben mit sich nahm, was gerade erst begonnen hat. Es muss schrecklich für euch gewesen sein. Vor allem für dich. Und ich verstehe, warum du gegen mich warst zu Beginn..."
      Seufzend drückte er sie nochmals an sich und sah in die Dunkelheit hinein.
      "Ich kann...Ich kann diese Dinge nicht rückgängig machen oder dir und deinen Eltern oder sonst wem den Schmerz nehmen. Ich kann noch nicht mal etwas Gutes sagen, um euch eine andere Zukunft auszumalen. Ich kann dir nur versprechen, dass Emilys Tod nicht umsonst sein wird..."

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    • Sekündlich schien August Ember immer näher an sich heran zu ziehen und sie war felsenfest der Überzeugung, dass sie eine Hitze ausstrahlen musste wie ein Brennofen. Anders ließ sich jedenfalls nicht erklären, warum sich sein Körper so kühl anfühlte. Vielleicht zuckte er deshalb hier und da, weil sie ihm schlichtweg zu warm war.
      „Hmm, also wenn du sagst, dass du einfach so Arkana schicken kannst, klingt das schon arg mächtig“, murmelte Ember und schob ihre Hand über das frische Hemd, das er sich von Lirz geholt haben musste, an seinem Bauch. „Wusste gar nicht, dass du so einfach Arkana für Schutzaufträge abstellen kannst. Hätten das vielleicht eher mal nutzen sollen.“
      Es würde eher einem Desaster gleichen, wenn August wirklich auch nur einen einzigen Arkana in ihre Heimat geschickt hätte. Wahrscheinlich wären sie nicht mit Mistgabeln und Fackeln auf denjenigen losgegangen, eine Massenpanik hätte es dennoch ausgelöst.
      „Natürlich wäre es mir lieber, wenn ich mich zwischen meine Familie und einem Angreifer werfen könnte, als Kilometer entfernt davon zu hören. Du kennst mich....“
      Mittlerweile hatte Ember ihr Gesicht halb an Augusts Armbeuge vergraben, sodass ihre Worte leicht gedämpft erklangen. Es stimmte, früher hätte sie sich mit Händen und Füßen davor gesträubt, August auch nur den Namen von Emily zu verraten. Doch jetzt war es und vieles andere anders. Es fühlte sich sogar gar nicht so seltsam an, als sie von dem Unfall berichtete. Jedenfalls nicht so, wie sie erwartet hätte.
      „Das galt ja nicht nur dir. Ich habe sämtliche Zauberer so betrachtet weil ich im Nachhinein ja auch erfuhr, dass der Rogue es einfach nicht besser gewusst hatte. Er hat damit nicht nur ein Leben genommen sondern auch seines wie es war zerstört. Er hat den Unfall überlebt, wurde aber aus der Gemeinde ausgestoßen. Seine Familie will nichts von ihm wissen, magisches Blut wollten sie nicht in ihrer Nähe wissen.“
      Lange genug hatte Ember ihren ehemaligen Nachbarn verfolgt. Immerhin hatte sie ihm den Prozess gemacht und ihn einsitzen lassen. Jahre später kam er dank guter Führung wieder frei, doch seitdem war er wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Weitere Jahre später hatte sie eine Benachrichtigung in ihrem Emailfach. Der Rogue hatte sich selbst in die Luft gesprengt.
      „Du sollst auch gar nichts tun“, sagte sie leise. „Emily ist weg und wirklich daran erinnern tun sich nur ihr Vater und ich. Meine Eltern und Shawn tun so, als sei es nie passiert und meiden die Erinnerungen. Natürlich war ihr Tod tragisch, aber er war es, der mich erst so weit gebracht hat. Wäre ich dem verkorksten Ideal nicht so hart gefolgt, wäre ich nie an den Fall mit den Bäumen gekommen. Und schlussendlich dich.“
      Sie löste sich aus seinen Armen, um sich auf den Unterarmen aufzurichten, damit sie ihm ins Gesicht sehen konnte. Der Kerzenschein tauchte nur eine Gesichtshälfte in Licht, die andere blieb dunkel, verborgen im Schatten. In seinem Gesicht duellierten sich gerade verschiedene Gefühle und Gedanken, wie es schien.
      „Wie du sagtest. Jeder hat seine Rolle zu erfüllen und das war dann eben ihre.“
      Das machte es leichter. Auch wenn Ember nicht wirklich daran glaubte und es für töricht hielt, versuchte sie daran zu glauben. So viele Menschen glaubten an einen Gott, den es womöglich gar nicht gab, allein schon, weil es ihnen psychisch half. Warum sollte Ember dann nicht an törichte Worte glauben sollen?
      Langsam lehnte sie sich zu Augusts Gesicht hinab und hauchte ihm einen feinen Kuss auf die Lippen. „Du denkst, ich bin eigensinnig. Dann warte mal, bis du meinen Vater kennenlernst...“
    • August musste bei der Vorstellung, er könnte einfach so Arkana durch die Lande schicken, lachen. Gut, vielleicht war das etwas vereinfacht dargestellt, wie es tatsächlich war. Aber trotz der Hitze, die Ember in seinen Körper pumpte, genoß er die Nähe und das Gefühl ihrer Hand auf seiner Brust, während er kicherte.
      "Na, so einfach ist es auch nicht", wisperte er. "Es ist vielmehr so, als dass einige der Zauberer mir noch etwas schuldig sind. Dazu kommt, dass ich ihnen meist Dinge erzähle, die auf eine akute Gefahr für ihr Gebiet hindeuten und sie kommen meist selbst darauf, aktiv zu werden. Es ist das schöne mit Mächtigen...Sie wollen ihre Macht halten. Mit allen Mitteln. Und wenn damit gedient ist, dass du deine Familie schützen kannst, ist es mir das zumindest wert."
      Wer weiß, wie viele Anfragen ich noch stellen kann, dachte er sich und seufzte wohlig.
      "Manche Rogues können es nicht kontrollieren", begann er. "In Zeiten, wo es noch keine staatliche Ausbildung gab, war es sogar noch schlimmer. Die Zauberer versuchten alle, sich selbst der Magie nahe zu bringen und am Ende war es mehr ein Desaster als alles andere. DIe meisten Versuche der Rogues enden in einem Scheitern. Daher habe ich mir in den Zwanzigern ein paar Rogues gesucht, die andere unterwiesen, die wieder andere unterwiesen. Mit den Jahren brachten erfahrene Rogues Neulingen mehr und mehr Kniffe und FÄhigkeiten bei, jedoch konnten wir nie alle erreichen. es gab immer derartige...Unfälle..."
      Ruhig atmete er einmal durch und sah Ember schließlich von oben herab an.
      "Der Zauberer...", begann er erneut, wissend um das Heikle des Themas. "Hat er überlebt?"
      Auf ihre letzte Anmerkung konnte er nur nicken. Es gab nichts gutes dazu zu sagen, denn sie hatte Recht. So schrecklich dieser Unfall war, aber er hatte sie alle zusammen geführt. Eine sture Ermittlerin, einen manisch-depressiven Zauberer und schlussendlich auch eine ganze Horde merkwürdiger Gestalten.
      "Jeder hat seine Rolle...", wiederholte er und sah sie schließlich ebenso an.
      Sie sah wunderschön aus in diesem Gegenlicht. Beinahe so als hätte der Schatten nach ihr gegriffen und es nicht geschafft, dieses wundersame Territorium für sich zu erobern. Ruhig erwiderte er den hauchfeinen Kuss, der lediglich ein Prickeln auf den Lippen hinterließ und ihn kurz erschaudern ließ.
      "Ich bin schon sehr gespannt...", murmelte er grinsend. "Erzähl mir von ihnen. Was machen sie so? Was machen sie beruflich? Wie sind sie so?"

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    • „Ich kann es ja wirklich verstehen. Wenn es niemanden gibt, der einen lehren kann, dann muss man eben selbst die Grenzen des Machbaren ausloten. Wirklich, ich kann das nachvollziehen. In meinem Dorf ist es ja nichts anderes. Die Menschen haben Angst vor der Magie und schließen sie kategorisch aus. Wenn dann plötzlich jemand bemerkt, dass er doch mit Auren arbeiten kann... Was soll er denn machen, außer im Verborgenen ausprobieren?“
      Es hatte lange gedauert bis Ember diesen Gedankenweg folgen und akzeptieren konnte. Die Vorwürfe, egal in welcher Richtung sie auch ausgesprochen sein wollten, waren einfach zu schwer gewesen. Irgendwann war ihr aufgefallen, dass sie den Rogue absichtlich schlechter dargestellt hatte, als es die Faktenlage besagte, und das nur, damit sie das Bild eines schlechten Menschen hatte. Damit sie sich keine Vorwürfe machen musste, kein Gram spüren konnte.
      „Ob er den Unfall überlebt hatte? Ja“, beantwortete sie die Frage unverzüglich. „Er hatte nur etliche Verbrennungen, aber das war es schon. Ich habe ihm damals den Prozess machen und hinter Gitter bringen können. Er ist dank guter Führung eher entlassen worden.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sie die Erinnerung aus dem Kopf schob, wie sie die betreffende Email damals öffnete. „Er hat sich Jahre später selbst in die Luft gesprengt. Warum weiß niemand.“
      Nach ihrem Kuss machte es sich Ember wieder bequem an Augusts Seite und verschwand dabei fast vollständig unter der Decke. Sie mussten sich eng aneinander legen, damit die Decke sie beide voll umfing.
      „Rupert, mein Vater, ist Landschaftsgärtner. Ich bin durch ihn ans Angeln gekommen, das war so seine Passion irgendwann. Er hat sich einmal mit June, meiner Mutter, verkracht und ist dann mit mir im Schlepptau an den See gefahren. Da hab ich meinen ersten Karpfen gefangen. Wobei es genau genommen seine Angel war und nicht meine.“ Man konnte das Lächeln in ihrem Gesicht ihrer Stimme anhören. Es schlich sich eine ungeahnte Wärme in ihre Worte, sobald sie über ihre Familie sprach. Jeder hatte seine Dispute, sie war da keine Ausnahme, aber trotzdem liebte sie ihre Eltern. „June ist leidenschaftliche Hausfrau, gelernt hat sie aber Gastwirtschaft. Sie hatte zwar nie ein eigenes Etablissement, hat aber lange Zeit in dem einzigen Restaurant gearbeitet, das wir haben. Sie sind beide vor kurzem in Rente gegangen – mein Vater wegen seines Rückens und meine Mutter hat sich als Hausfrau wie gesagt entdeckt. Sie bringt den Mädchen und allen, die es interessiert, traditionelle Hausmannskost bei. Ich sag dir, sie kann wahnsinnig gut kochen.“
      Shawn und Ember waren immer sehr beliebt gewesen in der Kindheit. Einfach schon deswegen, weil June allen was zu essen gemacht hatte, wenn eines ihrer Kinder seine Freunde mit nach Hause brachte.
      „June ist unglaublich schreckhaft und eher reserviert. Sie hat sich nie von dem Schock erholt, als Rupert eine sechs Meter hohe Leiterin heruntergefallen war und sie von seinem Handy angerufen hatte, doch bitte einen Krankenwagen zu bestellen. Anstelle es selbst zu machen, schickte er seine Frau vor... Ich versteh's bis heute nicht.“ Leise lachte Ember als sie daran zurückdachte. „Rupert ist ihr Gegenstück. Dickköpfig, laut und meint, nur sein Wort zählt. Das klingt alles viel schlechter als es ist. Er ist eben sehr eingefahren in seiner Meinung, erst recht nach dem Vorfall mit Emily.“
      Forschend schickte Ember eine Hand unter der Decke Augusts Körper hinab bis sie auf der Oberseite seines Oberschenkels zur Ruhe kam und sie ihn sanft mit ihren Fingerspitzen kraulte.
      „Da fällt mir ein, was ist mit deiner Familie? Außer der potenziell untergetauchten Schwester und der brillanten Forscherin als Mutter? Ich hab kaum was von deiner Familie gehört...“
    • August genoss den Moment. Diesen kleinen, beinahe unscheinbaren Zeitpunkt nach dem geteilten Kuss, der die Wärme noch beherbergte und gleichsam bereits die Ruhe sich über den Leib legte. Während Ember wieder halb unter der Decke verschwand, grinste August und sah mit geschlossenen Augen an die Decke, um ihren Worten zu lauschen.
      "Genau das war damals das Problem", murmelte er. "Rogues waren wie Wilde, die sich auf unterschiedliche Weisen Magie beibrachten. Tote, Verwundete oder Verstümmelte waren dabei nichts seltenes. Es muss hart gewesen sein, zu dieser deiner Erkenntnis zu gelangen. Vor allem wen ein Rogue dir derartig Wichtiges genommen hat..."
      Er beschloss, es dabei zu belassen. Alte Wunden zu reanimieren war niemals gut. Und Emily war nicht zu retten, so viel musste gesagt werden. Auch der Rogue war nicht mehr zu retten und doch war es erschreckend, dass es noch immer derartige Fälle von wildem Training gab.
      Seufzend lauschte er der Erzählung über ihrer Familie und lachte zwischenzeitlich immer wieder kurz auf. Auch wenn er sie noch nicht kannte, bekam er mehr und mehr das Bild eines recht normalen Ehepaares. Erschreckend normal, wagte er beinahe festzustellen.
      "Warte, warte", begann er kurz, nachdem sie abgeschlossen hatte. "Du angelst?! Du angelst wahrhaftig?!"
      Neben dem kurzen Gekicher wurde sich August einer Sache recht schmerzlich bewusst. DIe liebevolle Art, wie sie über ihre Familie sprach, war recht neu für ihn. Eine emotionale, beinahe liebevolle Ember zu erleben, war ein Novum, das er nur aus kurzen Gesten kannte. Gut, wie hätte er es auch herausfinden können? Ihre kurzen Stelldichein waren eher lustvoller Natur gewesen und keines davon mochte er missen. Aber es fehlte zumeist diese Wärme, die er gerade regerlecht spüren konnte, während sie sprach.
      "Deine Eltern klingen beide sehr sympathisch. Jeder auf seine Weise", murmelte August lächelnd und streichelte ihr sachte über den Rücken. "Ich habe lange keine Hausmannskost mehr gegessen..."
      Lange war gut. Zählten 150 Jahre als "lange" in diesem Zusammenhang? Das Schreckhafte der guten June machte ihm etwas Sorge und er sollte zumindest James' Tobsuchtsanfälle unter Kontrolle kriegen, wenn man so darüber nachdachte. Jeglicher weiterer Gedanke jedoch wurde merklich erschwert, als er ihre Finger auf seinem Oberschenkel fühlte und erst dann bemerkte, dass der ganze Weg, den ihre Finger auf seinem Körper schritt, eine brennende Spur hinterlassen hatte. Ein Ziehen regte sich in seinem Unterleib und August musste grinsen.
      Sieh mal einer an, dachte er belustigt. Da kämpfte man gegen über 100 Zauberer an einem Tag, war nahe des Todes und zum Schluss auch noch gejagtes Vieh und trotz allem, dass ihm alles wehtat und er kaum Arme und Beine heben konnte, funktionierte dieser Teil seines Leibes offenbar bestens. War ja klar.
      "Meine?", murmelte er. "Puh...Du hast kaum etwas gehört, weil es in meinen Augen keinen Sinn machte. Eine Familie zu beschreiben, die es nicht mehr gibt. Aber gut..."
      August holte Luft und sah an die Decke, um sich den Gesichtern gewahr zu werden.
      "Ich bin ein Bastardsohn", begann er. "Mein Vater und meine Mutter waren nicht verheiratet. Ich kenne meinen Vater nicht gut, da er zu dieser Zeit verheiratet war und bereits eine Familie hatte. Ich war das Resultat einer Affäre. Ich weiß lediglich, dass mein Vater William hieß und in einer Bank gearbeitet hat. Meine Mutter hieß Dolores und war - wie du weißt - eine Rogue der noch wilden Tage. Sie lernte die Magie auf eigene Faust und begann mit der Zeit mehr und mehr in dieses Dunkel abzutauchen. Ja, sie war brillant, aber sie war auch leichtsinnig, wenn man es so sagen darf. Wir Kinder hatten immer viel Spaß, weil in unserem Haus damals allerlei lustige magische Konstrukte herum irrten oder ständig irgendwas stank, zischte oder explodierte."
      Kichernd schüttelte August den Kopf.
      "Außer mir hatte ich drei Geschwister. Zwei ältere Brüder, Leander und Abimael. Und meine Schwester, Charlotte. Sie war jünger als ich. Meine Brüder stammten von einem Vater, der aber vor meiner Geburt plötzlich im Krieg starb. Und Charlotte war die Tochter eines Mannes, der meiner Mutter immer assistierte. Er war jünger damals als sie und es war ein ausgewachsener Skandal in der Kleinstadt in der wir lebten. Meine Ma war leider kein Kind von Traurigkeit und wir Kinder mussten uns damit arrangieren, dass stets andere Männer in unserem Haus ein und ausgingen. Zumeist stellte sie sie mir und meinen Brüdern als Kollegen oder Forschungsgehilfen vor. Mit der ZEit wussten wir jedoch, dass sie andere Interessen verfolgte."

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    • „Ja, ich angle? Aber nur noch manchmal, meistens fehlt mir schlichtweg die Zeit dazu wegen der Arbeit. Meine ganze Ausrüstung steht im Keller. Das war mein Ausgleich, wenn mir auf der Arbeit alles über den Kopf wuchs oder mich die Sticheleien irgendwann zu sehr mitgenommen haben. Nichts ist entspannender als an einem abgelegenen Fleckchen Erde am Wasser zu sitzen und die Umgebung auf einen wirken zu lassen.“
      Eine geraume Zeit lang war Ember zusammen mit ihrem Vater rausgefahren zum angeln. Als es mit seinem Rücken schlimmer wurde, war das lange Sitzen nicht mehr ganz so erträglich und die gemeinsame Zeit am See kam zu einem Stillstand. Doch noch immer war es ihr Ruhepol, wann immer sie die Zeit dafür erübrigen konnte.
      „Sie sind halt das, was man als normal beschreiben würde“, stimmte sie August zu und reckte sich unter der Decke, als er ihren Rücken streichelte. Die Kälte, die sie hier auf Schritt und Tritt zu begleiten schien, verwand immer weiter aus ihrem Empfinden. „Solltest du die zwei wirklich hierher bekommen, kann ich June ja lieb fragen, ob sie mit den vorhandenen Mitteln was zaubern kann. Ich hab gehört, sie braucht nur ein Feuer und einen Topf, fast wie im Mittelalter. Irgendwelche Vorlieben?“
      Ember lachte leise bei der Vorstellung, wie ihre Mutter vor einem Dreibein aus Holz mit einem schwarzen Kessel über einem Lagerfeuer stand und mit einem Holzkeil im Inneren rührte.
      Das warmherzige Lachen verklang als August dann von seiner Kindheit erzählte. Unentwegt kraulten ihre Finger weiter sein Bein, eine stumme Zusicherung, dass sie noch bei ihm war. „Das heißt also, dein Vater war gar kein Zauberer? Hm, irgendwie hatte ich erwartet, dass beide deiner Elternteile magisch begabt waren und nicht nur einer. Was genau beherrschte deine Mutter eigentlich?“
      Eine Affäre also... Das klang so, als habe August nie das gehabt, was für Ember so normal und langweilig gewesen war. Keine intakte Familie, die einen geschlossenen Verbund signalisierte. Keine vier offenen Arme, die ihn empfingen und festhielten, wenn er es brauchte.
      „Von deiner Schwester wusste ich, aber nicht von zwei Brüdern. Waren sie alle ebenfalls magisch begabt? Dann kann ich mir vorstellen, dass ihr wirklich viel Spaß gehabt hattet. Deine Mutter war doch vermutlich nicht sonderlich alt, und da hatte sie schon vier Kinder? Erstaunlich....“ Oder fahrlässig. So wie August es beschrieb, war sie vielmehr auf das fokussiert, was sie interessierte und Spaß bereitete. Kinder oder eine Familie schien nicht unbedingt dazu zu zählen, auch wenn sie ihre Kinder scheinbar nie vernachlässigt hatte. „Ihr wurdet ja auch älter. Ist doch verständlich, dass es irgendwann klar ist, wenn der Durchgangsverkehr so hoch ist. Aber dann hattet ihr ja nie eine wirkliche Vaterfigur. Vermisst du das?“, fragte sie leise.
    • August lächelte versonnen über die Vorstellung einer schnaubenden Ember, die mal keinen Fisch fing. Irgendwie hatte es neben dem komödiantischen Effekt durchaus etwas amüsierendes und er beschloss, es bei einem kurzen Kichern zu belassen.
      "Glaube ich dir gerne", bestätigte er und seufzte. "Fürs Angeln hatten wir nie Geld. Angeln waren zu teuer zu meiner Zeit."
      Es war merkwürdig, so von seiner Vergangenheit zu sprechen und gleichsam zu wissen, dass dies schon über 100 Jahren her war. Man sprach von den Zwanzigern des 20. Jahrhunderts. Es erschien ihm so weit fern, dass es sich wie die Geschichte eines Anderen anhörte, wenn er so darüber sprach.
      "Normal ist etwas gutes, Ember", grinste er versonnen und doch stahl sich die Traurigkeit auf sein Gesicht zurück, als er nicht wachsam genug war. "Sogar etwas sehr gutes...Vorlieben, hm...Also nicht wirklich. Ich mag Cottage Pie sehr gerne, aber ich nehme, was ich kriegen kann. Überlebensinstinkt, denke ich. Und wenn sie nur einen Topf und Feuer braucht, soll sie beides haben. Ich denke, dann bringen wir auch James dazu, länger zu bleiben. Er kann wirklich nicht kochen..."
      August verzog das Gesicht in Ekel, während er danach wieder in eine ruhige Erzählweise verfiel. Für diesen Moment war er dankbar für die Hand auf seinem Bein, die ihn an die Realität erinnerte, die er zu schaffen begann. Sie alle waren ihrer Zukünfte Schmied, wenn man es genau betrachtete.
      "Nein, mein Vater war ein Mensch. Und ziemlich barsch mit Zauberern, wenn man es so betrachtete. Er mochte Mutters Magie nicht wirklich. Ich erinnere mich an Streitigkeiten, aber wenig von ihm. Eines Tages kam er einmal zu unserem Haus und verlangte nach meiner Mutter. Er interessierte sich nicht für mich oder meine Geschwister."
      August zuckte mit den Achseln.
      "Meine Mutter beherrschte die selbe Magie wie ich, war aber wesentlich begabter darin. Ich war das unbegabteste Kind der Familie mit der wenigsten Aura seit Jahrzehnten. Ich wurde oft verspottet, damals bei den Spielen. Meine Brüder waren beide magiebegabt. Mein ältester Bruder, Leander, übernahm die Fähigkeiten seines Vaters. Er war ein recht begabter Feuermagier. Mein anderer Bruder, Abimael, beherrschte die Flammen ebenfalls, war aber noch mächtiger als Leander. Er konnte seine Flammen blau werden lassen. Ich mochte das Farbenspiel als Kind sehr gerne. Charlottes Fähigkeiten haben wir nie wirklich ergründen können, vor der Katastrophe. Es schien, als könnte sie irgendwie alles und nichts."
      Hinsichtlich des Alters seiner Mutter musste er lachen.
      "Das kann man sehen wie man will", murmelte er. "Es waren andere Zeiten, Ember. Zeiten, in denen es nicht ungewöhnlich war, dass Rogues mit siebzehn oder achtzehn Jahren bereits Eltern waren. So auch meine Mutter. Sie war recht...umtriebig, möchte ich meinen. Einen Vater vermisst?"
      Eine kurze Weile überlegte der Zauberer und seufzte.
      "Manchmal, ja. Ich kenne es nicht, dass mich ein Vater maßregelt. Charlottes Vater war ein guter Mann, ich mochte ihn gerne. Er war recht lange bei uns, gemessen an dem...Durchgangsverkehr, wie du es nanntest. Aber ein Vater war er nicht. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die sich nicht für mich oder meine Interessen, mein Wachstum interessiert hat, sodass ich wie ein freigelassener Wirbelsturm war. Mir war es gleich, wer zu Schaden kam, ich wollte einfach besonders sein..."
      Und so wurde er besonders. Mithilfe des Tores, dachte August grimmig und seufzte.

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    • Tatsächlich stolperte Ember darüber, als sie unweigerlich an ihreKindheit dachte und nicht an die Zeitepoche, der August eigentlich entstammte. Die Irritation milderte sich merklich als sie noch einmal nachrechnete, bis wohin sie wirklich zurück gehen musste. Erst dann konnte sie kaum merklich nicken bei dem Kommentar, dass sie kein Geld gehabt haben konnten. Aber Forschen war drin gewesen.... Also doch verschobene Werte?
      „Nein, kochen kann er nicht. Er kann ja nicht einmal die richtigen Dosen kaufen und aufwärmen“, kicherte Ember, die sich wegen der ekelige Pampe in der Schale schüttelte. „Lass June einfach einen Zettel mit Zutaten schreiben. Ich fürchte, sonst traut sie sich nicht es dir zu sagen.“
      Also war sein Vater wirklich nicht das gewesen, was man sich gewünscht hätte. Nicht nur, dass er scheinbar nie da gewesen war, sondern auch, dass er keinerlei Interesse an seinem eigenen Sohn gehegt hatte. Wenn er doch so wenig auf die magischen Künste von Dolores gab, wieso hatte er sich dann überhaupt auf sie eingelassen? Weil sie ihn einfach gekonnt verführt hatte?
      „Es klang auf jeden Fall sehr bunt. Und wenigstens hattet ihr als Geschwister bis dahin ein gutes Verhältnis. Das macht schon viel aus. Wenn ich daran zurückdenke, wie Shawn mich behandelt hatte nach dem Unfall mit Emily... Furchtbar sowas. Dass die Eltern einen abschätzig behandeln passiert, aber wenn du mit deinem Geschwisterkind eigentlich richtig dick warst und er sich plötzlich weigert auch nur mit dir zu sprechen.... Nein, das muss ich nicht noch einmal haben.“ Sie drückte ihr Gesicht fester an seinen Körper. „Ich verspreche dir, dass ich herausfinde, wo Charlotte hin verschwunden ist.“
      Wenigstens das wäre etwas, dem sie hinterher jagen konnte, sollte der Plan scheitern. Wenn sie es doch nicht schaffen sollten, August in dieser Welt zu halten und sie sich eines Tages allein wiederfinden würde. Dann brauchte sie einen neuen Ansporn, etwas, was sie daran erinnerte, dass ihre Taten nicht sinnlos waren.
      „Jeder will irgendwie einen Abdruck in der Welt hinterlassen, oder etwa nicht?“ Ember tauchte aus der Versenkung wieder auf und richtete sich soweit, damit sie Augusts Gesichts im Profil ansehen konnte. „Sehen wir lieber das Gute, das wir jetzt haben. Wäre es anders gelaufen, hättest du andere Eltern gehabt und andere Interessen, keine Magie, dann wären wir uns nicht mehr über den Weg gelaufen. Dann wäre dein Einfluss auf die Menschen, die in dieser Zeitepoche leben, null und nichtig. Egal, was passiert, ich werde dich nicht vergessen.“
      Zärtlich strich Ember mit der Hand, die eben noch auf seinem Bein gekrault hatte, über Augusts Wange, die sich rau unter ihrer Haut anfühlte. Blessuren und Schnitte waren nicht ganz so schnell verschwunden, wie sie es sich gewünscht hätte. Aber vielleicht würde morgen das Bild anders aussehen. Wenn das Haus nicht mehr im Dunkel lag und sie das Gefühl hatte, in jeder Wand stecke ein Paar unsichtbarer Augen.
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