[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • Gab es sowas wie magische Transfusionen? Konnte man das, was in den schwarzen Adern steckte, einfach auswaschen und ersetzen? Lag das im Bereich des Möglichen? Was hätte Ember nicht alles dafür gegeben, auf diese Fragen Antworten zu haben. Mit absoluter Sicherheit sagen zu können, dass alles wieder gut werden würde. Dass sie noch Zeit hatten.
      Zeit...
      „Hör auf von deinem Herzen als schwarzen Klumpen zu sprechen“, zischte sie ihn leicht angegriffen an, das Resultat von der ständig anhaltenden Anspannung. Sie hatte keine magischen Fähigkeiten, das Voranschreiten aufzuhalten. Wusste nicht, ob es andere Wege gab, ihm Einhalt zu gebieten. Alles, was sie machen konnte, war die spärliche Zeit zu nutzen und ihn zu denjenigen zu bringen, die etwas wissen konnten. „Wenn du es noch mal so bezeichnest, scheuer ich dir eine. Und ich schwör dir, das tut weh.“
      Unangekündigt erwachte Augusts Körper wieder zum Leben. Ember rückte eilig von ihm ab als er sich plötzlich auf die Füße kämpfte. Mit vor Schreck geweiteten Augen sah sie, wie sich die Adern fortsetzten. So als hätten sie ein Eigenleben entwickelt. Und wenn sie ihn jetzt recht betrachtete, wirkte er weniger real. Weniger greifbar.
      Eine Sekunde später war auch Ember auf die Beine gekommen. Nun war es ihr nicht mehr möglich, den Ausdruck in ihrem Gesicht zu kaschieren. Ihre Augen sprangen zwischen seinen hin und her, doch sie war sich sicher, dass er sie nicht sah. Umso schwerer schien sein Arm auf ihr zu lasten während sie ihn immer noch nur schockiert ansehen konnte. Sie hatte ihn schon zerfleischt gesehen. Sie hatte ihn totvor sich gesehen. Aber diese Phase, der Leidensweg vor dem Tod war nicht nur neu, er war auch noch viel grausamer. So grausam, dass ihr Herz sich auf die Größe einer Walnuss zusammen zog. In der Tat, er sah nichts mehr.
      „Okay. Mach ich. Wenn wir bei ihm sind“, bestätigte sie ihm und nahm die blaue Kugel an sich, um sie in ihrer Tasche zu verstauen.
      Dann besah sie den mehr tot als lebendig wirkenden Zauberer. Einen Herzschlag lang, einen zweiten und dritten. Dann hielt sie es nicht mehr aus und drehte sich zu ihm ein. Eng legte sie ihre Arme um seinen Körper, drückte ihn an sich und hielt ihn einfach nur. Er mochte sie vielleicht sehen, aber spüren und hören konnte er sie noch. Ihre Augen waren zusammengepresst als sie mit erstaunlich fester Stimme sagte: „Ich hab dich. Ich bring dich zurück und dann halten wir es auf. Ich lass' dich nicht los, okay?“
      Sicherlich zehn Sekunden standen sie einfach nur so da ehe Ember sich mit einem sanften Streichen ihrer Hände über seinen Rücken von ihm löste und ihn an seinem noch intakten Arm zu führen begann. Kaum hatte sie sich von ihm abgewandt und den Blick dorthin gerichtet, wo sei hin musste, trat ein verbissener Ausdruck auf ihr Gesicht.
      Sie wollte immer die Chance haben, etwas zu tun. Nun hatte sie sie.

      Ember folgte rigoros dem Weg, den sie gekommen war. Als sie durch die Wand traten, rechnete sie fest damit, die Essenzen zu sehen. Doch gab es weit und breit keine Spur von ihnen. Eigentlich kam ihr das ganz recht, denn so konnte sie sich auf August konzentrieren und darauf achten, dass sie in angemessenem Tempo durch den Wald kamen. Sie warnte ihn vor Wurzeln, führte im Notfall seine Füße für den nächsten Tritt und ließ seinen Arm in keiner einzigen Sekunde los. Alles, was sie heute erfahren hatte, war in weite Ferne gerutscht. Fast hatte sie ihn soweit.
      Ihr fiel das Herz beinahe in die Schuhe als sie plötzlich und eigentlich zu früh auf Perley stieß. Dieser hatte seinen Begleiter, Marya, scheinbar verloren und war allein unterwegs. Vermutlich hatte sie sich wie die anderen Essenzen einfach verzogen und würde kein Hindernis mehr für sie darstellen. Embers Lippen bildeten nur mehr einen dünnen Strich als Perley sie entdeckte und dann erkannte, wen sie mit sie schleppte. Sein Gesicht glich einer in sich zusammen brechenden Maske, unfähig ein klares Gefühl auszudrücken. Die Detective schüttelte nur vehement den Kopf, um jegliche Nachfrage zu unterbinden. Kaum war sie bei ihm, wühlte sie das blaue Orb hervor und ließ es vor ihnen zu Boden fallen. Dann begann es sich um sie zu drehen, die Umrisse verschwammen und das Nichts verschluckte die Drei.
      Das Nächste, woran sich Ember erinnerte, war der ekelige Boden der Kammer vor dem trüben Spiegel. Neben ihr auf dem Boden lag August, daneben Perley, der wie sie selbst sich gerade orientierte. Dann kickte die Realität.
      „Perley, wir brauchen Hakim, sofort. Magiekorrumption sagt er“, erklärte Ember knapp und war in der nächsten Sekunde schon wieder bei August. Sie fasste direkt wieder seine Hand, dann fühlte sie sein Gesicht ab. Die Adern waren weiter gewachsen und seine Sicht immer noch trüb.
      „Wir sind wieder zurück, August. Wir holen Hakim und dann geht’s weiter, ja? Komm her...“ Sie fing erneut seinen Arm ein und drängte ihn dazu, auf die Beine zu kommen.
    • Das Explodieren der Kugel verbarg das Ächzen des Zauberers, der kurzerhand das Gleichgewicht verlor und sich gegen Ember stützen musste.
      Als sie in die Realität zurückfielen, schien sein Gesicht noch blasser zu werden. Die Adern, welche wie schwarze Finger um sich griffen, breiteten sich immer weiter aus. Mittlerweile hatten sie einen Großteil seiner linken Seite übernommen, und wirkten eher wie lebendige Gebilde als Anderes. Pulsierend und einnehmend durchzogen sie die blasse Haut des Zauberers. Das linke Auge des Arkana war bereits schwarz und nicht mehr wirklich als solches zu erkennen. Die Schlingen hatten das Herz wie eine Hand umfasst und sich darum geschlungen, sodass es beinahe den Anschein erweckte, als läge sein schwarzes Herz außen.
      Die Schmerzen waren unbeschreiblich. August wollte schreien. Er wollte wüten, er wollte toben, doch sein Leib war viel zu schwach. Eigentlich wollte er gehalten werden. im Arm. Und gestreichelt, ehe ihm eine wunderschöne Frau mit leuchtenden Augen sagt, es wird alles wieder gut.
      Ja, August Foremar wollte belogen werden. Er selbst spürte, dass die Korrumption nicht für Hakim heilbar war. eine heilende Hand war durchaus fähig, jedoch erschien ihm die Last dieser Bürde zu gewaltig, um sie zu schultern. Und zum Anderen war er nicht da.
      Eine starke Hand zerrte ihn auf den Boden, wo er still zu Liegen kam. Er spürte Perley mehr als dass er ihn sah. So waren es nur die Stimmen und nicht das besorgte Gesicht des Butlers, der Ember ansah.
      "Das ist Korrumption?", fragte er entsetzt und sah auf den Zauberer. Dort, aus den Ausläufern der Adern...Waren das Pflanzen? Bildeten sich da Blumen? Schwarze Dornen stachen aus den Adern heraus, sodass sie wie schwarze Rosenstängel ausschauten.
      "Hakim müsste gleich kommen, ich...Scheiße noch eins", knurrte er und schlug auf den Boden. "Was soll ich machen..."
      "Aus dem Weg gehen wäre ein Anfang."
      Eine sanfte Stimme begleitete den Raum mit einem Schwung. Ein Lied in weiter Ferne und eine Aura, die vor August blindem Licht wie grell erleuchtet vorkam. Hakims Stimme war sanft wie immer und keine Unruhe keimte in ihr. Das Feuer entflammte den Raum und August spürte unter den Schmerzen die Wärme der Flammen, die ihn so an Ember erinnerten. Seine Ember. Nein, nicht seine. Sie gehörte...Niemandem. Und doch einem Anderen.
      Dennoch suchte seine Hand nach ihr.
      Stoßweise ging der Atem und schwerer fiel die Luft in seine Lungen zu pressen. Während Hakim seine Brust und die Adern abtastete, keuchte er und rang nach Luft, den Körper voller Schmerzen.
      "Will...nicht...", wisperte er zwischen zwei rasselnden Atemzügen. "nicht...so..."
      Hakim antwortete nicht. Warum antwortete er nicht?? Perley sah ihn ungeduldig an und seufzte schließlich. DIe Augen stachen vor Anspannung und Schweiß rann ihm herab.
      "Ich kann ihm nicht helfen", murmelte Hakim und zog sich von seinem geschundenen Leib zurück.
      Boom! Da war es also. Das Ende aller Enden. Unrühmlich und beinahe marginal. August hätte lachen können wenn die Schmerzen ihn nicht wahnsinnig werden ließen. Warum hatte er nur diese zwei Nächte mit Ember verbracht? Warum nicht achtzig? 100?
      "Wie meinst du das?", keifte Perley und trat einen Schritt auf den Arzt zu, der ihn mahnend ansah.
      "Ich kann es nicht lösen. Dies hier...", er wies auf die Adern und das Voranschreiten des Todes. "Kann nicht geheilt werden. Sein Körper ist überladen von Magie. Und der menschliche Geist ist schwach. Es ist ein Wunder, dass er noch stehen konnte...Ich bin untröstlich, meine Liebe..."
      Der Arzt sah zu Ember auf und neigte das Haupt.
      "ich bin mit meinen Kräften hier nicht von Nutzen."
      "DANN SCHER DICH RAUS DU NUTZLOSER DOKTOR; DU!", schrie Perley und fegte das Tablett vom kleinen Tisch in die Flammen. "FUCK!"
      "Jedoch", erhob der Hakim das Wort und sah zu den Beiden besorgten. "Eine Heilung kann nicht erfolgen, da die Magie von innen stammt und mit seiner verwurzelt ist. Eine gezielte Lösung jedoch ist möglich. Die Menschen nennen das Chemotherapie. Eine Art Gift, das in den Körper injiziert wird um ein anderes Gift zu töten. Nur das wir es hier mit Auren machen. Jasper Quill."
      Hakim sah auf und erhob sich. Die sanften Augen verweilten eine Weile auf Perley, der ihn wie einen Heiland anstarrte und dann langsam die Decke ansah.
      "Jasper hat eine Magie, die andere Auren auflösen kann. Mit großer Sorgfalt ist es möglich, diese Aura in August Leib zu leiten und die schadhafte Aura herauszufischen. Es ist riskant und könnte schief gehen, aber es ist seine einzige Chance..."
      Eine Sekunde lang sah Perley den Arzt und dann Ember an.
      Anschließend ging er ruhig zur Treppe.,
      "JUNGE!! SCHWING DEINEN ARSCH HIER RUNTER!"



      Spoiler anzeigen
      Augusts ungefilterte Magie hinter der Korrumption fühlt sich an wie ein Abgrund. Und ist ruhig. Kein Laut dringt er hervor. Nur eine Art Trommelschlag den er hören kann. Stimmen, die ihn rufen.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • „Er sagt, dass es das sei. Ich hab bisher nur Bilder davon gesehen, aber nichts sah vergleichbar aus.“
      Perley hatte Ember und August wieder zu Boden genötigt, wo sie neben ihm Platz genommen hatte. Seine deutlich kältere Hand war noch immer von der ihren umfasst während sie selbst die schwarzen Adern betrachtete. Diese Dornen... das war doch nicht mehr normal. Perley reagierte frustriert, verständlich, doch es reichte nicht wirklich an Ember heran. Die Angst, dass es doch keinen Weg hinaus gab, war unglaublich groß. Sie wusste ja, dass der Tag nahte, an dem August sein Ende fand. Aber nicht jetzt, nicht so spontan und unvorbereitet. Nicht... So.
      Dann machte sich Hakims Stimme bemerkbar und sorgte dafür, dass Ember erstmals von August wegsah. Nun war vielleicht doch der Moment gekommen, in dem sie diesen Mann als Heiligen wahrnahm. Anders konnte sie nicht erklären, wie er mit der Ruhe selbst von der Seite erschien und scheinbar alle Zeit der Welt hatte. Er hätte den gesamten Raum in Brand stecken können und doch nicht die Eiseskälte aus ihren Gliedern bannen können, die mit jeder Sekunde sich mehr ihres Körpers bemächtigte.
      Ein Zucken lenkte die Detective ab. Augusts Hand zuckte und bewegte sich, fühlte nach etwas. Einen Augenblick später hatte sie sie ergriffen und mit beiden Händen umschlossen. Ihre Daumen strichen abwechselnd über den Handrücken in einer beruhigenden Gestik. Nichts davon schien zu helfen während Hakim ihn abtastete und dabei in Schweigen verfiel.
      Schweigen war nie gut.
      Schweigen bedeutete immer schlechte Nachrichten.
      Wenn Hakim schwieg....
      Ember schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Noch bevor der Heiler die Diagnose stellte, wusste sie schon um den Wortlaut. Sie hatten zusammen einen Angriff eines Sharokhs überstanden. Er hatte den Tod schon einmal ein Schnippchen geschlagen. Wäre schon zweimal vor ihren Augen verblutet und hatte sich doch immer wieder gefangen. Und jetzt war es ausgerechnet eine Vergiftung, die sein Ende besiegeln sollte. Nur am Rande ihrer Wahrnehmung hörte Ember Perley, wie er Hakim anfuhr. Wut und Verzweiflung, die er nicht anders verarbeiten konnte, bahnten sich ihren Weg während Ember in absolute Stille verfiel. Nicht einmal ihren eigenen Herzschlag hörte sie, als sie Augusts Wange streichelte und nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte.
      Es war das Scheppern von Metall, dass sie aus ihrer Schockstarre riss und dazu brachtek aufzusehen. Perley fluchte lautstark auf und bildete einen jähen Kontrast zu der ruhigen, leisen Stimme des Heilers. Als spräche er eine andere Sprache starrte Ember ihn von unten an und stellte fest, dass sie wie gelähmt wirkte. Perley hingegen war es ganz und gar nicht. Wie der Leibhaftige brüllte er die Treppen hinauf, wobei es Ember nicht wirklich wunderte, dass keine postwendende Antwort kam.
      „Hakim... wie genau ist es dazu gekommen? Er war vorher schon angeschlagen und hat es nur kaschiert, richtig?“, fragte sie den Heiler leise. „Ich dachte, seine Zeit wäre eher abgelaufen und nicht... sowas.“
      Ember legte ihre Hand auf Augusts Brust, wo sich die Ranken verdichteten. Wieder einmal musste sie sich auf andere verlassen und hoffen, dass es funktionierte. Was hätte sie nicht dafür gegeben, eigenmächtig das Schwarz aus seinen Adern zu tilgen und wieder alles in Ordnung zu bringen. Nur dieses eine Mal.
      „Mr. Caulson, wieso ist Hakim da unten? Oh, warte, ihr habt August gefunden!“, kam es von oben und das eilige Getrippel von Füßen verriet ihnen, dass Jasper in der Tat auf dem Weg war.
      Seine Schritte stockten plötzlich bevor sie in noch schnellerem Gang sich fortsetzten. Er musste jetzt sogar Stufen übersprungen haben. Als er um die Ecke kam, fand sich keine Spur von jugendlichem Leichtsinn in seinem Gesicht. Seine Augen fanden erst Perley, dem der Zweifel noch immer lesbar im Gesicht stand, dann zu Hakim, der seltsam unbefangen wirkte. Erst dann entdeckte er Ember am Boden und schlussendlich August.
      Seine Augen weiteten sich und fingen sofort an wie Bernstein zu glühen. „Er macht diesen Krach?“, hauchte der Junge während er langsam näher kam. „Scheiße, ich hab gedacht, ihr habt irgendwas beschworen oder so.... Was sind das für Ranken? Warte mal... kommen die aus seinem Körper?“
      Man versorgte Jasper mit einem kurzen Abriss über ihren Plan. Sehr gut erinnerte sich Ember an den Jungen, der jetzt die Hände über den Kopf zusammen geschlagen und sich verpisst hätte. Doch davon war erschreckend wenig über. Jasper nickte und setzte sich neben Ember auf dem Boden. Er lächelte sie entschuldigend an als er ihre Hand von seiner Brust wischte.
      „Meinst du, du kriegst das hin?“ Neutrale Stimme, aber etwas schneidendes schwang unterschwellig mit.
      „Hey, das hat auch bei dir funktioniert und da hatte ich keinen Plan, was ich mache. Ich bin besser geworden, keine Sorge. Ah, Hakim, ich wollte später mit Ihnen auch noch was besprechen, wenn's geht“, sagte Jasper und verschwendete keinen Blick sowie Zeit.
      Seine Hand fächerte sich auf Augusts Brust flach auf und dann lauschte er. Einen Moment später trat der Heiler hinzu und berührte den Jungen an der Schulter. Stimmte, der Junge brauchte jemanden, der ihm Zugang und ein gewisses Maß an Kontrolle gewährte.
      „Siehst du? Ich hab dir nicht zu viel versprochen...“, murmelte Ember leise und hoffte einfach nur.

      Jasper musste sich mehrfach neu orientieren. Sobald er zu lauschen begann, brach ein Chaos mit unbeschreiblicher Wucht über ihn hinein, dass er rein gar nichts anderes mehr hören konnte. Ein gesammeltes Chaos, wild und unbeherrscht, bei dem man leicht die Kontrolle verlieren konnte. Es übermannte ihn, ertränkte seine eigene Melodie bis zum Punkt der Unkenntlichkeit. Er kratzte die Grenze, wo er sich selbst aus den Augen verlor, um unter dem Wirrwarr etwas anderes zu hören. Einen rhythmischen Schlag, der so gar nicht in das konfuse Chaos zu passen schien. Sofort heftete sich Jasper daran, hielt es fest und begann, Stimmen zu hören, die etwas riefen, was er nicht verstand. Dahinter glich es einer Wand, hinter der.... Nichts kam. Gähnende Leere. Er kannte keine Auren von lebendigen Menschen, die schwiegen.
      Trotzdem hatte er nun den Marker gefunden, den er suchte. Den Unterschied, den es abzutrennen galt. Und damit würde er nun beginnen.

      Ember fiel als Erste auf, dass die Dornen abfielen. Dass die äußersten schwarzen Adern an Schärfe verloren und wie Hämatome langsam aufzuplatzen begannen. Ihr Puls beschleunigte sich schlagartig als sie hastig darauf zeigte.
      „Hakim, das ist gut, oder?!“
      Jasper hatte derweil die Augen geschlossen und reagierte nicht mehr. Ihm stand Schweiß auf der Stirn während er sich mit Stille umgab, um seine Konzentration nicht zu brechen.
      „Siehst du, es funktioniert...“ Sanft streichelte Ember Augusts Kopf.
      Es würde klappen.
      Es musste.

      Spoiler anzeigen
      Jasper löst es bis zum Ende hin auf. Wenn sie August zum Ruhen wegbringen, weicht Ember ihm nicht mehr von der Seite. Jasper hängt sich danach an Hakims Fersen.
    • Will ich es greifen ist es schon nicht mehr da
      Niemand war mir jemals ferner und so nah

      Nicht mal Stille sagt, wie tief

      Wie ein ungeschickter Brief

      Was zerbrach als ich in Deine Augen sah


      ASP - Ungeschickte Liebesbriefe



      Man sagt, ein menschliches Herz blutet nur einmal aus.

      Als sie August wie einen Toten die Treppe hinauf trugen, nachdem Jasper regelrecht erschöpft in sich zusammen gesunken war, erschien einem diese Erkenntnis beinahe obsolet. Hier lag ein Mann auf vier kräftigen Händen, der dem Tod viel zu oft bereits ein Schnippchen geschlagen hatte. Vielleicht auch einmal zu oft, wenn man es genau nahm.

      An dieser Stelle, geneigter Leser, sind wir angelangt, nicht wahr? August Foremar, seines Zeichens Forscher und liebender Sucher, lag innerlich zerrüttet in seinem viel zu großen beinahe leeren Bett im Obergeschoss eines Hauses, was er verabscheute. Sein Geist glich von innen einem zerborstenen Spiegel, vor dem ein kleiner Junge zärtlich begann, die Teile seines Wahns wieder zusammen zu setzen.

      Ob er genesen war?

      Nun, das ist schwer zu sagen, nicht wahr?

      Die Adern waren nach Sallows zutreffender Beobachtung aufgeplatzt und hatten schwärzlichen Teer in den Raum gegossen, der jedoch bei Berührung von Luft regelrecht verdampfte. Als Ember ihre Ausruf tätigte, hatte Hakim bereits genickt und das Verschwinden bezeugt, auch wenn sie dies vor gewaltige Probleme stellte. Nicht nur gewaltig. Eher kolossal.

      Der Zauberer war seither nicht erwacht und im Bett sah er beinahe mickrig aus. Als würde er in den Laken versinken. Doch seine Aura pulsierte. Hakim hatte eine Hand noch auf seine Brust gelegt und den Puls sowie die Aura ertastet. Sie war da. Sie regenerierte. Die Frage war nur wie lange es dauerte.

      Während sich die Beteiligten im Zimmer befanden, sah Hakim eindringlich zu Jasper, Ember und Perley. Seine Augen sprachen Bände, fraßen sie sich doch beinahe in die der Beteiligten.

      "Das, was gerade geschehen ist, muss unter uns bleiben", mahnte er bissig und hob den Finger. "Das was gerade geschehen ist, könnte eine Revolution in der magischen Grundlagenforschung bedeuten und Jasper zu einem internationalen Ziel machen. Wenn die Welt oder andere Menschen herausfinden, dass er magische Korrumption heilen kann, wird jeder Zauberer, jeder Arkana, ja sogar jede Behörde dieser Welt den Jungen jagen..."

      Perley nickte und sah zu Jasper. Das waren Aussichten.

      "Dein Geheimnis ist sicher bei uns", nickte er. "DIe Frage ist eher, was geschieht jetzt mit August?"

      "Er wird eine Weile das Bett hüten. Die Himmel wissen, wie lange. Vielleicht eine Stunde, vielleicht Wochen. Seine Kraft ist massiv geschwächt. Ich stelle ihn unter meinen offiziellen Schutz damit nicht einer der Arkana auf die Idee kommt, sein Gebiet zu beanspruchen."

      Caulson nickte und seufzte erleichert. Gefühlt war er zwanzig Jahre gealtert, betrachtete man seine Gesichtsfarbe.

      "Ich mache...Nudeln. Ja, Nudeln", murmelte er und verzog sich aus dem Raum.

      Selbst Hakim stand unschlüssig da, ehe er einen Seitenblick zu Ember warf und zwinkerte. Schließlich legte er dem Jungen eine Hand in den Rücken und schob ihn sanft aus der Tür.

      "Du hattest etwas mit mir zu besprechen? ", fragte er grinsend.


      Es dauerte noch weitere zwei Stunden.

      Mit einem schmerzverzerrten Ächzen rief sich August Foremar aus dem Schlaf und öffnete flatternd die Lider. Der Schmerz war von ihm gewichen, die Dunkelheit noch immer umfangen. Doch das Augenlicht war besser. Zwar sah er noch immer nur Schemen und den Hauch von Licht, aber zumindest nicht mehr beiernde Schwärze. Seine Hand berührte eine weitere Hand, die er nicht sehen, aber spüren konnte.

      Es konnte nur eine Hand sein. Sie war warm und wunderbar. Ewig wirkend und nah. Auch wenn sie fern erschien. Und auch wenn sein Unterbewusstsein noch immer den Gedanken an eine trauernde Ember über Ruairi MacAllister aufrief wie eine Smartphone-App, so war es zumindest tröstlich, nicht allein zu sein.

      "H-hey...", wisperte er mit einem Krächzen als Stimme, ehe er den Kopf unter klingelnden Kopfschmerzen zu Ember drehte.

      Sie sah mitgenommen aus. Sie war wunderschön.

      Das silberne Haar wirkte stumpf und zerzaust. Wie Wellen aus flüssiger Seide.

      Selbst die Lippen, die er so mochte, spröde und zerschlissen. Und doch schöner denn je.

      "Was...Was ist passiert?", flüsterte er und hob seine Rechte nah an sein Auge.

      Kein Schatten...Nichts dergleichen war sichtbar. Wo waren die Adern hin? Die Korrumption?

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Jasper hatte es tatsächlich geschafft. Wie auch immer er es angestellt haben mochte, Augusts Aura und Puls waren noch da. Irgendwann im Laufe des Prozesses war er ohnmächtig geworden und so konnte Ember nur dabei zusehen, wie die beiden Männer ihn raus aus dem Koffer und hoch in sein Zimmer trugen. Neben ihr folgte Jasper, der schwer atmete und sich nicht ansatzweise bewusst war, was er da gerade geleistet hatte. Zu sehr waren sie alle darauf fixiert, dass August noch immer ohne Bewusstsein war.
      In seinem Zimmer angekommen wirkte der Rogue verlassen in seinem Bett. Ember hatte sich einen Stuhl heran gezogen, um sich neben ihn zu setzen und ihn keine Sekunde lang allein zu lassen. Noch wusste keiner, ob es funktioniert hatte. Noch wusste keiner, ob Jasper alles intakt gelassen hatte, was zu dem Arkana gehörte. Der Mann wirkte nicht mehr ganz so blass und man mochte meinen, dass seine Züge sogar entspannt aussahen. Sie würde gleich noch einen Waschlappen besorgen und zumindest sein Gesicht abwaschen...
      „Was? Wieso Ziel?“, ließ Jasper seine Stimme das erste Mal seit Minuten hören. Er war in der Nähe der Tür stehen geblieben und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Er wirkte müde, geschafft, aber in seiner Stimme schwang Angst mit.
      „Du hast eine tödliche Krankheit geheilt, Jasper. Du hast was stoppen können, das selbst Hakim nicht heilen kann und bist damit die Antwort auf die Ängste der Zauberer“, erklärte Ember während sie unter der Decke nach einer leblos wirkenden Hand suchte und sie ergriff.
      „Warum sagt mir das keiner?!“
      „Weil es nichts geändert hätte, oder?“
      Jasper klappte den Mund wieder zu. Richtig, es hätte nichts geändert. Selbst wenn er aus dem Nichts hätte Gold erschaffen können, er hätte es getan wenn es bedeutete, dass er damit jemandem das Leben rettete. Keine Sekunde hatte er hinterfragt, dass die Hoffnung auf ihm gelegen hatte und welchen Stellenwert seine Tat besaß. Nun stand der Junge, der nicht einmal volljährig war, vor einem Riesenproblem. Hatte Noland das alles schon einkalkuliert? Ein Zufall konnte es jedenfalls nicht gewesen sein.
      Als Hakim sagte, er wüsste nicht, wie lange August ohne Bewusstsein war, blickte sie auf. Er hatte keine Wochen. Er hatte nur noch Tage. Jetzt hatte sie es tatsächlich geschafft, die Korrumption aufzuhalten, nur um festzustellen, dass er vielleicht ohne einmal wieder aufzuwachen vom Tod geholt werden würde. Unbewusst drückte sie seine Hand etwas stärker. Er würde schon noch eher zurückkommen. Daran bestand kein Zweifel. Er würde zu ihr zurückkommen. Und während sie den erschreckend winzig wirkenden Arkana im Bett musterte, verabschiedeten sich die Anwesenden aus dem Raum und schenkten ihr die Ruhe, die sie bitter nötig hatte.

      Kaum hatte Hakim draußen im Flur die Tür geschlossen, war Jasper herumgewirbelt und durchbohrte den Arkana mit seinen Blicken. Dieser Mann hatte ihm nun schon zweimal gezeigt, dass seine eigenen Fähigkeiten nicht unbedingt das waren, für die er sie gehalten hatte. August hatte ihm Großteile des Außenkonstruktes erklärt, was es bedeutete, ein Zauberer zu sein, aber er würde niemals den Blick haben wie dieser Mann vor ihm. Jasper hatte den Entschluss schon lange gefasst, dass er sich mit seinen Fähigkeiten befassen musste, nun noch umso so sehr wie nie zuvor.
      „Ich habe immer gedacht, Zauberer seien ein furchtbares Volk. Dass gerade die Arkana mit ihrer Macht alles unterjochen. Sie haben gesehen, dass ich mit mir selbst nicht klargekommen bin und verleugnet hab, was ich kann. Und wenn ich jetzt noch höre, dass mich gefühlt die ganze Welt jagen wird, wenn herauskommt was ich kann... Dann kann ich nicht hier bleiben.“
      Nicht so bleiben, wie ich bin.
      Sein Ausdruck wurde weich, schüchtern gar während er einen Schritt zurücktrat, um dem Arkana Raum zu geben. „August kann mir, glaube ich, nicht beibringen, was ich wissen muss. Sie hingegen schon. Ich glaube, dass Sie derjenige sind, der meine Fähigkeiten besser einschätzen kann. Außerdem weiß ich nicht, wie lange er überhaupt noch macht...“ Er sah an Hakim vorbei zur Tür. „Ich wollte Sie fragen, ob ich Sie begleiten darf und Sie mich ausbilden können.“

      In der Zwischenzeit wartete Ember an Augusts Seite auf sein Erwachen. Sie hatte kurz nachdem sie allein gelassen worden war, ihr Handy gezückt und sich auf Arbeit krankgemeldet für den morgigen Tag. Den Freitag konnten sie alle wohl auch auf sie verzichten. Montag würde sie sich neu überlegen, wie sie weiter verfahren würde. Nach einer weiteren Zeit des Überlegens, was sie ungelogen eine Viertelstunde gekostet hatte, schrieb sie ebenfalls Ruairi. Kryptisch umschrieb sie, dass sie bei August war und dass es einen Zwischenfall gegeben hatte, der sie zeitweise in Anspruch nahm. Es kostete sie weitere wertvolle Minuten ehe sie noch die vollen Namen von Augusts Freunden hinzufügte. Und dass er tatsächlich einen Newgate aufgenommen hatte und daher vielleicht die Verbindung rührte.
      Irgendwann war Ember müde geworden, der Abend schritt schließlich gnadenlos voran. Ihr Handy hatte sie zur Seite gelegt und sich es etwas bequemer im Stuhl gemacht, doch zu keinem Zeitpunkt ließ sie Augusts Hand los. Allmählich ließ sie den Kopf hängen und begann ein wenig zu dösen während sie darauf wartete, dass das Schicksal seine Arbeit tat.
      Dann klang ein leises Ächzen und Embers Augen flogen zu Augusts Gesicht. Er bewegte sich nicht viel, aber immerhin etwas. Die Augen, die unter den lang verschlossen gebliebenen Lidern zum Vorschein kamen, waren weniger getrübt als noch zuvor. Hoffnung und Erleichterung breitete sich wie Samt auf ihrer Zunge aus als sie seine kratzige Stimme hörte und da wusste, dass er wieder da war. Ein unsicher wirkendes Lächeln erschien in ihrem Gesicht, nicht ganz schlüssig darüber, ob es noch zu früh war sich zu freuen.
      „Ich hab dir versprochen, einen Weg zu finden. Und das hat tatsächlich funktioniert. Wir sind deine Korrumption losgeworden“, erklärte Ember und entschied, dass entweder Hakim oder Jasper selbst ihm sagen sollten, dass der Junge ihn gerettet hatte. Zwar war sie nicht diejenige gewesen, die ihn gerettet hatte. Allerdings war sie diejenige gewesen, die ihn zurückgeholt hatte.
      „Wie schaut es mit dem Sehen aus? Wird's besser? Deine Augen sehen immerhin schon besser aus.“ Sie war aufgestanden und halb auf das Bett geklettert, um einen genaueren Blick auf sein Gesicht zu bekommen. „Warum hast du vorher nichts gesagt? Du hattest die Anzeichen doch sicherlich schon seitdem du mit Jasper im Untergrund gewesen warst. Wieso musste es erst soweit kommen? Es gab genug Leute, die dir hätten helfen können. Außer...“ Sie nahm einen gedehnten Atemzug. „Außer du wolltest nicht, dass dir jemand hilft. Damit du, wie deine Essenzen es sagten, allein stirbst und Ruhe findest.“
    • Ach der arme Junge...
      Hakim sah zu Jasper hinab und fühlte eine jähe Woge des Mitleids aufwallen. Er konnte sich gut in die Lage des jungen Mannes einfinden und auch wenn er es positiv durchdachte, war das Leben des Jungen fortan ein Spießrutenlauf. Wenn Jemand entdeckte, zu was Jasper fähig war, würde vermutlich wirklich die ganze Welt den Jungen jagen. Nur um seiner Kräfte habhaft zu werden.
      Blutige Erinnerungen an ein entbehrungsreiches Leben flammten in dem Hakim auf, während er Jasper ansah und nickte.
      "Zauberer sind mitunter furchtbare Wesen", murmelte er nachdenklich. Seine Stimme klang dabei wie ein alter Motorradmotor, ausgezehrt und angestrengt. "Jedoch unterjochen nicht alle Arkana ihre Gebiete und die anderen Rogues. Zumeist arbeiten sie Hand in Hand. Jedoch kann ich dies nicht sagen. Ich habe vor einigen Jahren eine Klinik errichtet, um den Menschen gutes zu tun. Vielleicht..."
      Auf Jaspers Bitte hin sah der Arzt hinab und seufzte.
      Ein Lächeln machte sich auf dem ernsten Gesicht breit.
      "Ich werde dich nicht so gut schützen können wie August", murmelte Hakim und sah nach vorne zur Ausgangstür. "Aber ich kann dir Zeigen, wie du deine Kräfte meistern kannst. Eines jedoch solltest du dir bewusst machen, junger Jasper: Solltest du selbst an der Korrumption erkranken, fürchte ich, wird dir keiner helfen können. Es ist ein Wunder, das August noch Magie wirken konnte in diesem Zustand. Normalerweise frisst die Aura sich selbst. Also sollten wir darauf achten, dich nicht zu überlassen. Ich kann dich ausbilden. Doch nur wenn du bereit bist, alles hinter dir zu lassen. Ich warte noch eine Stunde im Foyer des Hauses. Verabschiede dich und packe deine Habe, wenn du mitkommen willst..."
      Schweigsam legte der Hakim ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte, ehe er den Weg nach unten antrat.

      August hob schweigsam den Kopf und seufzte.
      "Wasser...", flüsterte er und wies auf das Glas, das er spürte. Erstaunlich, wie schnell seine Kräfte zurückkamen. Hatte seine Mutter doch bei einem Faktor nicht gelogen. Nachdem EMber ihm das Glas reichte nahm er zwei gierige Schlucke und legte sich anschließend wieder kraftlos ins Bett. Mit jeder Minute, die verging, trat mehr Licht und Kraft in seine Augen und machten es ihm schwerer, zu ignorieren, wei sehr er sich nach ihr gesehnt hatte.
      Konnte man von Liebe sprechen? Na, vielleicht noch nicht. Oder doch? Wann war es passiert, dass er derart Freude empfand wenn er Embers Gesicht (wenngleich nur schemenhaft) sah?
      "Das hast du", sagte er krächzend und lächelte, ehe er fortfuhr, Embers Fragenhagel zu beantworten. Es war nicht mehr die Zeit für Stolz und Geheimnisse. "Das Sehen wird besser. Ich kann sehen, dass du wunderbar aussiehst. Und eine harte Zeit hattest, offenbar."
      Sachte legte sich seine Hand auf ihren Oberschenkel und ruhte dort, genoß die Wärme des Körpers. "Warum habe ich nichts gesagt...Ich denke, es war Stolz. Ich merkte die Anzeichen, nachdem ich den Hortar zerfallen ließ. Es war zu viel, eine Überdosis Magie sozusagen."
      Immer wieder machte der Zauberer Pausen und atmete durch, als strenge ihn das Sprechen an, obgleich es so viel zu sagen gab.
      Als sie die Essenzen ansprach seufzte er und suchte nach ihrer Hand, damit er sie zitternd an seine spröden Lippen führen konnte.
      "Ich weiß, es ist die Bitte eines Narren, aber kannst du mir vergeben? Ich war stolz und hochmütig und dachte, ich kann es besiegen. Ich habe die Korrumption erforscht, seitdem sie auf der Welt zugegen ist und dachte, ich hätte den Schlüssel gefunden. Doch bei MacAllister merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Die Aura dort war so gewaltig, dass ich wusste, dass ich mich übernahm, aber..."
      Wie hätte er Ember nicht helfen können? MacAllister war ihm gleich, aber Ember...Sie hatte gerufen. Er war gekommen. Das war eine einfache Regel zwischen ihnen.
      "Ich habe mich einfach übernommen", murmelte er. "Anschließend wollte ich hierher und regenerieren, aber...Ich hab wohl die falsche Abzweigung genommen. Da ich dachte, wieder in eine Falle getappt zu sein, errichtete ich die Essenzen. Habe wohl etwas zu viel Kraft hinein gelegt, denn sie sollten dich nicht aufhalten...Ich wollte nicht alleine sterben, aber dass ich diesem verteufelten Leben manchmal überdrüssig bin, werde ich nicht leugnen..."
      Traurig blickte er auf ihre Hand und sah sie an. Noch immer war sie ein Schemen, aber ihre Augen als Schatten erkennbar.
      "Musst du nicht arbeiten? Ihr habt doch diesen Fall...Dieses Spiel, oder nicht?"

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    • Ich werde dich nicht so gut schützen können wie August.
      Ob Hakim vergaß, dass der Teufel nicht mehr lange machte? Sein Ablaufdatum war festgeschrieben und Jaspers Zukunft ausladend genug, als dass er sich darum Gedanken machen musste. Er wollte in Zukunft niemanden haben, der ihn schützte. Er würde auf sich selbst aufpassen müssen.
      „Vielleicht bin ich ja immun? Wer weiß das schon“, grinste Jasper unstet nachdem Hakim ihm seine Bitte nicht abgeschlagen hatte sondern sogar daran dachte, sie zu erfüllen. „Alles klar.“
      Er sah Hakim noch hinterher bis jener die Treppe nach unten verschwunden war. Sein Puls schlug ihm bis in die Ohren und Aufregung packte ihn. Nun würde er nicht nur einem Zauberer folgen, den er nicht kannte, sondern einem Arkana dazu. Einem, der in einem anderen Land residierte und ihm womöglich aufzeigte, was er in seinem Leben eigentlich erreichen sollte. Mit diesem Gefühl lief er in sein Zimmer und stopfte alles, was er hatte, in seinen Koffer. In der Zeit, die er hier war, hatte der Junge nicht viel anhäufen können. Ergo waren die Sachen schnell gepackt – so schnell, dass er noch Zeit fand, vor dem Zimmer seines Onkels Halt zu machen und nach einem Klopfen es zu betreten.
      Noland saß an einem Tisch und schrieb etwas. Was genau es war sah Jasper nicht, denn der alte Mann räumte das Schreiben sofort weg als er die Tür hinter sich hörte. Danach drehte er sich auf dem Stuhl zu seinem Neffen und musterte ihn. „Sieht ganz danach aus, als wärst du abreise bereit.“
      Jaspers Ausdruck verlor seine Fröhlichkeit. „Ist das nur ein Zufall oder täuscht mich mein Gefühl nicht, dass du all das hier wusstest?“
      Nolands blaue Augen fixierten seinen Neffen eindringlich. So langsam wurde sich Jasper bewusst, dass dieser Mann eigentlich von ihnen allen derjenigen mit den meisten Geheimnissen sein konnte. Er hielt sich stets aus dem Gröbsten heraus hielt und es uneinsichtig machte, was er überhaupt bezweckte.
      Genau diesen Verdacht bestätigte er nun. „Du brauchst lange, um misstrauisch gegenüber bestimmten Umständen zu werden. Das solltest du dir ebenfalls abgewöhnen bei dem Weg, den du einschlagen wirst. Ja, ich wusste, dass dein Aufenthalt hier nur ein Zwischenstopp sein würde. Dass August nicht derjenige sein würde, der dich lehrt. Ich wusste um dein Potenzial, aber nicht, dass du dir ausgerechnet Hakim aussuchst. Von daher wäre es wenigstens schön, wenn du ein Handy bei dir hast und dich manchmal melden würdest. Ich hatte nie eine Familie und du bist immerhin mein Neffe.“
      „Woher wusstest du es?“ Seine Stimme war heiser. Also hatte sich seine Mutter gar nicht von sich aus bei Noland gemeldet? Er wusste, wo er sie fand? Hatte er ihn vielleicht sogar gegen seinen Willen seinen Neffen entführt, ohne dass er es wusste?
      „Ich lese Erinnerungen und ich bin alt. Mir sind schon so viele Menschen und Zauberer untergekommen und nicht jeder birgt nur das in seinen Erinnerungen, was für den Einzelnen interessant erscheint. Du hast bei Ember gesehen, dass ich alles finden kann, was ich möchte. Vielleicht kam mir in dieser Lebensspanne auch der ein oder andere talentierte Zauberer unter?“ Er lächelte ein Lächeln vollkommen leer von jeglicher Wärme.
      Es war das erste Lächeln seines Onkels, das Jasper aufrichtigAngst einjagte, als er seinem Onkel den Rücken kehrte und mit seinen Sachen nach unten ins Foyer stieg.

      Ember reichte August das Glas mit Wasser, das sie sicherheitshalber für ihn oder eben sich am Nachttisch bereit gestellt hatte und nahm es wieder zurück, bevor er sich wieder zurücksinken ließ. Er bewegte sich wieder, ebenfalls ein gutes Zeichen. Das zarte Pflänzchen der Hoffnung keimte vorsichtig auf.
      „Harte Zeit? Ich? Hast du mal in den Spiegel geschaut?“ Sie schürzte die Lippen. „Ich durfte mich mit William anlegen und hab ihn fast erwürgt. War sehr spaßig, seiner Magie auszuweichen.“
      Eine Hand wanderte zu ihrem Oberschenkel. Instinktiv legte sie ihre eigene auf die seine und hielt sie an Ort und Stelle. Endlich keine leblos wirkende Hand mehr zu spüren war so unglaublich viel wert... Und sein Lächeln. Es wirkte nicht farbenfroh oder gar strahlend. Es mochte nicht so kraftvoll sein, wie man es sich erhofft hätte, allerdings trug es keinen Schleier mehr, den er so gern davor legte. Es war unverhohlen und echt, vollkommen und unverändert.
      „Du hast das mit Ruairi getan, weil ich dich darum gebeten hab. Egal was es mit dir anstellt. Das ist... rücksichtslos.“
      Wie konnte Thomas sich erdreisten zu behaupten, er sei ein Monstrum? Ein Monstrum handelte nicht selbstzerstörerisch nur für einen anderen Menschen. Er hätte nie seine Freunde geopfert, die er so geliebt hat. Es war schlichtweg nicht möglich, dass sie einen höheren Stellenwert als seine Freunde bekleidete. Wobei die Geste, mit der der ihre Finger an seine aufgesprungenen Lippen führte, Zweifel zuließen.
      „Das war primär wohl meine Schuld, dass du die falsche Abzweigung genommen hast. Ich hab dich noch nie so aufgewühlt gesehen wie an dem Abend“, sagte Ember leise und entschied, dass es keine Zeit mehr für Herumgetanze gab. „Ruairi war da, weil wir den Abend zusammen verbringen wollten. Er kam in mein Leben als du verschwunden warst und hat keinen Hehl darum gemacht, dass er sich für mich interessiert. Aber keiner von uns hat es offiziell gemacht. Vielleicht weil wir selbst nicht wissen, was das zwischen uns sein soll. Und als er dann sterbend auf dem Boden lag, konnte ich nicht anders. Ich habe euch beide so gut es ging von einander getrennt weil ich wusste, dass ihr beide was für mich übrig habt. Jetzt blinzel doch nicht so.“
      Ember ergriff seine Hand auf ihrem Oberschenkel, drehte die Handfläche nach oben und begann die einzelnen Fingerglieder abzustreichen.
      „Ich hätte dir vielleicht eher von ihm erzählen sollen, dann wärst du vielleicht nicht so schockiert gewesen. Nur hast du dann plötzlich angefangen, deine Gefühle nicht mehr so stark zu verstecken und dann stand ich zwischen den Stühlen. Ich weiß, dass ich stark für dich empfinde, aber benennen kann ich es noch nicht.“
      Ein Seufzen.
      „Ich hab mich für morgen krankgemeldet. Niemand wusste, ob du dein Bewusstsein überhaupt zurückerlangen würdest und ich habe dir versprochen, nicht allein zu sein. Aber.... deine Essenzen haben mir ein paar Dinge erzählt. Deine Freunde, die ich jetzt das erste Mal wirklich erleben konnte. Weißt du, dass du mir nie erzählt hast, wieso Thomas dir das Wort in den Rücken geritzt hat? Jetzt weiß ich es.... Wieso? Sie waren deine besten Freunde und so wie du ihnen hinterher trauerst kann es doch unmöglich sein, dass du sie alle wissentlich in den Tod geschickt hast, oder?“
    • Gäbe es Worte, um Augusts Gefühle zu beschreiben, während Ember sprach, er hätte sie ohnehin nicht sprechen können. War der erste Teil noch von freundlicher, gar fröhlicher Natur, so erstreckte sich das Spektrum seines Gesichts von Schmerz hin zu unendlicher Trauer, als sie zum zweiten Teil kam.
      Seufzend betrachtete er ihrer beider Hände und lächelte schwach, aber kurz.
      "Ja...William", murmelte August und schloss kurz die Augen, um seinen Freund zu imaginieren. "William war der Mutigste von uns und nie ein Kämpfer. Er hat den Kampf und Gewalt gehasst, obgleich er die vermutlich tödlichste Magie besaß, die ich jemals gesehen hatte. So mächtig und vernichtend und zart wie eine Rose vom Gemüt. Er hätte vermutlich nicht mal einer Fliege etwas getan."
      August schüttelte im Anschluss den Kopf. Sie irrte sich nicht, aber er wollte nicht, dass sie sich Vorwürfe machte. Nicht für etwas, für das sie nichts konnte.
      "Du kannst nichts dafür", flüstert er. "Es war richtig, mich zu rufen. Vermutlich wäre MacAllister sonst gestorben. Und glaub bitte nicht, ich hätte nicht bereits geahnt, dass etwas nicht stimmt. Ich mag kein Gedankenleser wie Noland sein und auch nicht so talentiert in Verschleierung wie manch Anderer, aber man merkt es dir an, dass du haderst. Mach dir bitte keine Gedanken. Du bist mir weder Rechenschaft noch Antwort schuldig. Und ich kann es verstehen. Gerade wenn man nicht weiß, was man für Jemanden empfindet, ist es am Schwersten, einen kühlen Kopf zu behalten."
      Beweisstück A bin ich, dachte August und ließ sich wieder zurückfallen. Noch immer streichte sie seine Hand und er fragte sich, wie lange ein schönes Gefühl anhalten konnte.
      Zu den Stühlen sagte er kaum etwas und nickte nur. Ein ritterlicher Mann hätte jetzt gesagt, dass der Andere die bessere Partie war. Immerhin wohnte ihm nicht der Tod an. Und er hatte keinen Kontakt zu den Toren und den anderen merkwürdigen Gestalten. Mit ihm war Embers Leben auf dem Wege normal zu sein. Zumindest so normal wie es sein konnte.
      Aber das Herz, das Wummernde in seiner Brust, wollte dies nicht. Es ließ ihn eisern schweigen, während sie weitersprach und als sie zum letzten Teil ihrer Worte kam, würde ihm übel.
      Nun...Was sollte er sagen?
      "Habe ich nicht?", fragte er leicht erstaunt. "Nun, ich bin nicht stolz darauf, dass er es tun musste... Ich fürchte, du hast ein positiveres Bild von mir als du haben solltest. Es ist wahr, Ember."
      Beinahe flehentlich sah er sie an.
      "Es ist wahr, was sie dir sagen. Ich habe die Tore geöffnet. Und es waren zwei. In meinem Wahn und aufgrund dessen, was ich in dem ersten Tor sah, wollte ich es ihnen zeigen. Ich wollte ihnen beweisen, dass meine Theorien nicht falsch oder verrannt waren. ALs wir das Tor öffneten wusste ich bereits, dass es das Falsche war. Und da ich es spüren konnte, dieses Böse, dieses...Wahnsinnige. Wusste ich, dass sie in den Tod gingen. Nur deswegen habe ich es geschafft, meine Magie noch rechtzeitig zu wirken."

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    • Es dauerte ein paar Augenblicke ehe die Erkenntnis zäh wie Honig in Embers Verstand sickerte. Newgate hatte sie nicht beide nicht verletzt, weil August es nicht wollte. Es war vielmehr seine eigene Persönlichkeit gewesen. Was wiederum bedeutete, dass andernfalls sie beide dort in diesem Alptraum hätten ebenfalls zu Staub zerfallen können.
      „Ja, Ruairi wäre wohl zweifellos dort gestorben. Es wäre egal gewesen, wer dort gelegen hätte. Für jeden Einzelnen hätte ich dich gerufen weil derjenige nur... Kollateralschaden gewesen wäre, fürchte ich“, sagte sie leise.
      Noch immer lag Augusts Hand entspannt auf ihrem Oberschenkel und ließ sich streicheln. Sie spürte kein Zucken als sie mit ihren Themen fortfuhr, nur seine Mimik änderte sich hier und dort. Dort erkannte sie auch, dass ihre letzten Fragen erwartungsgemäß einen wunden Punkt trafen und das Unwohlsein sich in seinem Gesicht abzuzeichnen begann. Sie schüttelte leicht den Kopf während er sie fragte, ob er ihr wirklich nie die Geschichte dahinter erzählt hatte. Und dann sagte er drei Worte, die dafür sorgten, dass ihr ein eiskaltes Gefühl entstieg.
      Die Bewegungen ihrer Hand stellten sich ein. Es sollte stimmen, was Thomas gesagt hatte? August hatte wissentlich das Tor geöffnet und damit seine Freunde getötet. Sein Wissendurst musste ihn getrieben und gesteuert haben, damit er....
      Ember blinzelte. Als er das Tor öffnete?
      „Dann stimmt es nicht, was deine Freunde gesagt haben...“, widersprach sie vorsichtig. „Thomas hat es so ausgelegt, als wenn der Preis zum Öffnen des Tores ihr aller Leben sei und du es akzeptiert hast. Aber es war nicht so, oder? Das Tor war offen und dann konntet ihr ihm nicht mehr entgehen, richtig?“
      Sie sah den Ausdruck in Augusts Augen. Die mittlerweile deutlich klareren Iren fanden ihre problemlos und wirkten nachdrücklich. Genau das, was sie immer von ihm erwartet hatte, wenn sie auf das Thema kamen. Sie kannte ihn mittlerweile lang genug, dass sie behaupten würde, dass er in dieser Hinsicht nicht log und sie ihrem Bauchgefühl vertrauen konnte. Er hatte nicht mit ihrem Leben bezahlt.
      Etliche Sekunden schwieg Ember nur und betrachtete August und sein Mimikspiel. Noch immer lag er dort im Bett, kraftlos, wie man es erwartete nach einer schweren Krankheit. Aber er war wieder anwesend, sprach mit ihr, tobte nicht. Da waren noch so viele Fragen, die einer Antwort bedurften und sie würde sie alle abarbeiten. Mit der Zeit.
      Sanft nahm Ember Augusts Hand von ihrem Oberschenkel und legte sie zurück aufs Bett. Dann stand sie auf, stellte ein Knie auf die Matratze und beugte sich über den Zauberer. In Windeseile flogen ihre Augen über sein Gesicht hinweg, blieben etwas länger an Augen hängen, um die Klarheit zu bezeugen.
      „Verrätst du mir freiwillig, was du in dem ersten Tor gesehen hast?“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern. Ob er wohl ahnte, dass seine Freunde geplaudert hatten?
      Ihre Hand legte sich an seine Wange, leicht und kaum spürbar. Es gab diverse Dinge, die da noch zwischen ihnen im Raum standen, doch nichts davon ließ die Stimme in ihr vollkommen verstummen. Schon mehrere Male hatte sie sie gehört und wurde eisern von ihr hinter Verschluss gehalten. Doch das plötzliche Verschwinden von August hatte ihr aufgezeigt, dass sie ignorant gewesen war. Es konnte alles binnen Sekunden vorbei sein, doch Reue hielt über Ewigkeiten. Ember wollte nichts bereuen.
      Sie beugte sich noch tiefer über sein Gesicht. Ihre Haare fielen in einzelnen Strähnen nach vorn während sie seinen Atem bereits auf ihrem Gesicht spüren konnte. War das gemein, dass er zu fertig war, um etwas zu erwidern? Möglich. Nutzte Ember das bewusst aus? Ebenfalls möglich. Noch einen Moment verweilte sie so über ihn, dann berührte sie seine spröden Lippen mit ihren. Es war ein sanfter, ein kurzer Kuss, von dem sie spürte, wie sich sein ganzer Körper anspannte. Also löste sie ihn wieder, zog sich jedoch nur soweit zurück, dass sie sein Gesicht zur Gänze sehen konnte.
      „Du hast mich im ersten Tor gesehen. Das Tor sieht mich, haben sie gesagt. Als du mich im Evenstar getroffen hast, hast du mich erkannt und deswegen nicht bei diversen Gelegenheiten sterben lassen, richtig? War ich... ein Teil deiner Forschung?“
      Ihr Hals wurde trocken aufgrund dieser Fragen. In ihr herrschte ein wildes Chaos zwischen Angst wegen der Antworten, Bestürzung weil er alles vorher wusste und ihr nichts gesagt hatte und das Verlangen, ihn einfach nur in ihre Arme zu schließen. Die Wärme zurückzuerlangen, die seine Berührungen ihr schenkten, selbst wenn sie es leugnen wollte.
      „Sie sagten, die Entdecker der Magie waren große Zaubererfamilien. Newgate, deine, noch eine.... und meine? Rem hat auf meinen Namen entsprechend reagiert, aber es gibt keine Zauberer in meiner Familie. Nicht über etliche Generationen hinweg, das ist Schwachsinn.“
    • Ach sollte es so einfach sein?
      Das übliche Frage-Antwort-Spiel? Dieses Mal ganz ohne Maske? Gab es wirklich einen Moment wie diesen? Schweigsam lauschte August und bemerkte, dass sie die Berührungen eingestellt hatte. Es war beinahe seltsam, Ember diese Namen aussprechen zu hören. William, Thomas. Sie klangen wie Schatten einer fernen Vergangenheit. Dinge, die er nicht wirklich beschreiben konnte. Ruhig schüttelte er sacht den Kopf und seufzte. Die alte Fehde. Das alte Stelldichein, dass Thomas und er immer gespielt haben. Reue zeichnete seinen Blick und beinahe schlagartig wirkte August unendlich alt und müde, als er Ember wieder ansah.
      "Thomas hatte immer eine sehr einhellige Meinung von meinen Forschungen. Er fand sie gefährlich und beinahe unverantwortlich der Welt gegenüber, aber ich wollte es wissen. Ember, ich wollte wissen, woher wir kamen und was der Ursprung von diesem allen hier ist. Und dieser Durst, dieser Hunger nach dem "Mehr" trieb mich an. Mehr als alles Andere. Ich hatte im Rem eine Miteifernde, die genauso versessen darauf war, auch wenn Izabella uns ständig zur Raison rief."
      Eine kurze Sekunde verklärte sich sein Blick und nur er sah vor seinem inneren Auge die Szene erneut, die ihn einst so erschüttert hatte. Izabella wie sie "Nein!" schrie, Rem, die als Erste starb und Thomas, der ihn noch im Tode verfluchte. Seufzend schüttelte er erneut den Kopf.
      "Thomas hat das alles falsch wahrgenommen. Das Tor zu öffnen hatte Jeder von uns in irgendeinem Interesse. Die meisten wurden von Wissenshunger getrieben, doch als wir es schließlich schafften, da...Da wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Das erste Tor nahm mir meine Familie. Verschlang sie. Erst Jahre später sollte ich erfahren, dass es nicht das Dimensions-, sondern das Zeittor war, das ich geöffnet hatte. Und in dem Wahn, sie wieder herauszuholen, versuchte ich es erneut.Es war nicht der Einzige Grund...Aber...Beim Öffnen merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Der Luftdruck, die Energie, das Gefühl, alles war anders. Und riss meine Freunde in der Sekunde mit, in der ich bereits meine Magie wirkte. Für Thomas muss es so ausgesehen haben, als wüsste ich, was kommt, jedoch war es nicht so."
      Die Frage, die sie anschließend stellte, barg jedoch wesentlich mehr Feuer und Zunder in sich, als er dachte. Sagte er es ihr freiwillig? Hatte er denn eine Wahl? Sie hatte ihn aus einer misslichen Lage gerettet und war nicht ganz Herrin ihrer Sinne, aber...War es schon Zeit?
      Seufzend wollte er zur Antwort anheben, als sie ihn überfiel.
      Nun, es war nicht das rechte Wort, aber für August war die Zeit in der Sekunde mehr als unerheblich.
      Als sich ihre Lippen auf seine rauen Reste von Lippen senkten, schien der Moment in die Ewigkeit gemeißelt. Mit einem Mal durchfuhren seinen Körper Blitze, die ihn sichtlich versteifen ließen und noch nicht einmal bewegen konnte er sich. Gerade so schaffte es der mächtige Arkana, seine Lippen zu bewegen, sodass er zumindest den Kuss - so kurz er nun mal war - erwidern konnte. Aber für den Rest war nicht einmal Zeit. Dennoch raste sein Herz mit einem Mal in einer Geschwindigkeit, die ihm die Luft aus den Lungen trieb. Schweigsam sah er Ember an, das Erstaunen und gleichsam Erfüllte auf das Gesicht geschrieben.
      "W-was...", wisperte er. "Wofür war der denn?"
      Eine Frage, die ihm Raum verhallte, ehe er sich straffte und räusperte. Licht war in seine Augen zurückgekehrt und seufzend sah er Ember an.
      "Wenn es zu viel ist, brich ab", murmelte er und griff mit der Hand ins Nichts. Schmerzhaft explodierten Blitze vor seinem inneren Auge, als er ein altes, räudig aussehendes Notizbuch aus dem Raum zog, das Embers verdächtig ähnlich sah.
      "Wir beide...teilen dieselbe Leidenschaft", murmelte er und blätterte zur letzten Seite. Ein Konterfei, das Embers bedeutsam ähnlich sah, aber nicht fertig gezeichnet war, zierte diese. "Ich habe nicht dich gesehen. Zumindest nicht direkt. Als ich meine Familie verlor, folgte ich ihr ins Tor. Und das Tempus-Tor zu öffnen birgt leider diverse Gefahren. Wer in den Fluss der Zeit schaut, läuft Gefahr, den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. Ich wurde in eine andere Zeit geschleudert und sah den Ursprung. Den Tag, an dem die Menschheit die Magie entdeckte.
      Du hast Recht, wenn du sagst, dass Zaubererfamilien daran beteiligt waren. Entdeckt wurde die Magie in einem Wald nahe der Londoner Stadtgrenze. Im Mittelalter unserer Zeit. Vier Familien, die bedeutsam für ihre Zeit waren, waren Zeugen dieses Umstandes. Darunter war die von Sallow, Newgate, Watson, Delacroix und meine. Diese fünf Menschen entdeckten die Magie. Und noch während ich diesen Umstand erblickte, rief eine Stimme einen Namen. Eben deinen. Ich wusste, dass keiner der Menschen gemeint war, aber es war deutlich zu vernehmen, dass Ember Sallow ein Ziel des Tores war. Ich kannte dich zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber ich wusste, dass die Sallows keine Zauberer mehr hervorgebracht hatten. Was genau dort geschehen war, weiß ich nicht. Aber seit dem Tag der Entdeckung verloren die Sallows praktisch ihre Zauberkraft. Als wäre sie ihnen geraubt worden. Aber dort brach die Szene ab... Ich wusste, etwas stimmte nicht und wollte das Tor daher aus zwei Gründen wieder öffnen. Meine Familie zu finden und herauszufinden, was es mit Ember Sallow auf sich hat."

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    • Endlich hörte Ember von August persönlich, was sie immer nur über Ecken und Kanten erfahren hatte. Wie tragisch es wirklich gewesen war, denn wer konnte es ihm schon übel nehmen wissen zu wollen, woher die plötzliche Entdeckung der Magie stammte? Warum die Menschen erst so spät diese Fähigkeiten erhielten. Dass er dabei zuerst seine Familie verlor und diese wiederzubeschaffen suchte, war ebenso wenig vorzuwerfen. Wenn Ember es gekonnte hätte, wäre sie den gleichen Weg gegangen. Und wie sich herausstellen sollte, war sie gar nicht so weit davon entfernt gewesen.
      Einen Moment lang schwebte sie noch über seinem Gesicht. Wofür der Kuss gewesen war? Das war das Ergebnis dessen, wenn sie sich zugestand, erleichtert zu sein und nicht alles abwägte. Nicht ständig auf die Waagschale legte, wie sich diese und jene Handlung auswirken mochten. Sie wollte ihn nah bei sich haben, das hatte diese ganze Aktion ihr bewiesen.
      Sie rückte erst von ihm ab als er an ihr vorbei ins Nichts griff. Ihre Augen wurden groß als sie für einen Augenblick fürchtete, er wäre so einfach an ihr Notizbuch gekommen. Würde er vermutlich auch wenn er wusste, wo sie es lagerte, aber dennoch. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie, dass dieses Buch deutlich mitgenommener aussah und Flecken unbekannten Ursprungs aufwies.
      „Wieso wusste ich nicht, dass du mir nachmachst?“, fragte sie hin und her gerissen zwischen Argwohn und Amusement. Natürlich war seines älter, aber dass er sogar Zeichnungen anlegte...
      Ember runzelte die Stirn. Die Zeichnung wies bedeutsame Parallelen zu ihrer Erscheinung auf und doch war es nicht die gleiche Person. Ähnlich, aber nicht identisch. Er hatte nicht per se sie gesehen sondern jemand ähnliches. Jegliche Belustigung über das Buch verschwand jäh als August seine Erzählung fortführte. Sichtlich getroffen sackte Ember wieder zurück auf den Stuhl neben dem Bett und schüttelte leicht den Kopf.
      „Schau an, vielleicht musst du für einen Punkt auf deiner Liste das Tor nicht noch einmal öffnen“, murmelte sie und dachte an ihr kleines, beschauliches Dorf. Wie hätte sich ihr Leben abgespielt, wenn ihnen nicht die magischen Fähigkeiten abhanden gekommen wären? Es hätte vermutlich jeden der Anwesenden an diesem Tag treffen können, nun war es eben ihr Zweig geworden. „Vielleicht ein Tribut? Irgendetwas? Oder vielleicht besaßen die Sallows ja doch als einzige keine Kraft sondern nur das Wissen oder was auch immer? Wenn dort die Magie entdeckt worden war, weiß doch niemand, ob meine Familie überhaupt Zauberkraft besaß, weißt du?“
      Ihr Blick driftete fort zu Stellen, die niemand sehen konnte. Das gefiel ihr alles überhaupt nicht. Weder der Punkt, dass eines der größten Geheimnisse scheinbar ausgerechnet sie auf dem Schirm hatte, noch der Fakt, dass sie scheinbar im Schicksal eine gewisse Rolle spielen würde. Zumindest wenn man dem Rad Glauben schenken mochte.
      Am Ende seufzte sie nur gedehnt und rutschte ein wenig auf dem Stuhl herum. „Im Endeffekt macht es auch keinen Unterschied. Du hast gesagt, ich soll mich eh von den Toren fernhalten. Dann gebe ich mir diesbezüglich einfach etwas mehr Mühe. Aber du solltest mir wirklich alles sagen, was ich wissen sollte. Für den Fall, dass dir wieder etwas passiert...“
      Ember schloss die Augen. Sie tanzten eigentlich nur noch um den entscheidenden Tag herum und leugnen brachte niemanden von ihnen weiter. Als sie wieder die Augen öffnete, wirkte Augusts Blick weniger trüb und fast wieder normal.
      „Wir können uns nicht mehr mit Was-wäre-wenn-Fragen aufhalten, das macht mehr kaputt als alles andere. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wenn du wirklich einfach verschwunden wärst. Dass du hier noch liegst und sprichst grenzt schon an ein Wunder. Deshalb hab ich dich geküsst und ich würd's nochmal tun. Ich glaube, ich war mir noch nie so sehr bewusst, wie wenig Zeit wir noch haben.“
    • Das Lachen, was sich seiner Kehle entrang, als sie das Buch sah, war krächzend und beinahe unreif. Aber es war ehrlich und wahrhaftig amüsiert. So traurig ihr Abrücken war und so gerne er sie gehalten und noch so viel mehr getan hätte, war es wichtig, ihr dieses zu zeigen.
      "Nachmachen?", kicherte er. "Als ich das letzte Mal geschaut habe, war ich etwa 100 Jahre älter als du. Also fürchte ich, du hast es mir nachgemacht."
      Auf ihre Fragen hin konnte er nur mit den Schultern zucken.
      "Ich kann es nicht beantworten. Ich wurde vom Tor zurück gerissen ehe ich es herausfinden konnte. Es erschien jedoch nicht wie eine Entscheidung, welche die Dame vom Sallow Zweig getroffen hat. Ich vermute eher, dass die anderen Familien sie überstimmt haben."
      Ruhig sah er Ember an und beobachtete jede ihrer Regungen, ehe er das zu sehen glaubte, was er gedacht hatte. Da war etwas unter dem Selbstsicheren der jungen Frau. Unter all dem Krawall und dem morbiden Interesse an Mord und Totschlag.
      Ein Hauch von Angst.
      Schweigsam legte er seine Hand suchend auf ihre und lächelte sie an.
      "Hey...", murmelte August. "Mach dir keine Sorgen. Ich bin hier und bei dir. Und was auch immer durch das Tor kommt oder hinein geht, ich stehe ihm entgegen...Und alles erzählen...Es ist schwierig, alles zu erzählen, aber das, was ich berichtete, war im Groben alles. Ich öffnete das Tor, sah diese Szene und das Auskommen und wurde mit deinem Namen im Ohr zurück geschleudert. Meine Familie sah ich nicht mehr, aber was ich sagen kann, ist dieses: Die Magie trat durch das Tor in unsere Welt. Egal, woher sie kam und was die Ursache für diese Invasion von magischen Auren ist. Sie kamen durch das Tor und hefteten sich an alles Lebende dieser Welt. Dies war das Tor..."
      Er blätterte eine Seite in seinem Notizbuch zurück und offenbarte eine Zeichnung eines Tores, das auf einem freien Landstück stand. Backsteinartig hatten sich Steine gebildet und magische Runen schienen aus dem Inneren heraus zu leuchten. In der Mitte befand sich eine Fläche, die einem Sternenhimmel glich und gleichsam tiefer war. So unendlich tief. Eine Figur war davor gemalt. Eine kleine, beinahe zerbrechlich wirkende Gestalt. Sie trug ein Kleid, ein schmales Sommerkleid wie es der Mode in England vor der Jahrhundertwende entsprach. Und einen Teddybären.
      "Das ist das Tempus-Tor, wie ich es in Erinnerung habe", murmelte er und blickte versonnen auf die Zeichnung. "Meinen Forschungen nach erhielt jeder Familienzweig eine bestimmte Magie, die sich an ihn heftete. Manche jedoch wichen von diesem Weg ab und erforschten neue Magiearten. Gerade meine Familie war dafür berüchtigt. Irgendwann im späten Mittelalter, als die Verfolgungen begannen, hatte meine Familie eine Art von Zauberei entwickelt, die sie als eine der fünf mächtigsten Familien auszeichnete. Das letzte, was ich herausgefunden habe, ist die Tatsache, dass die Sallows sich als Zaubererjäger betätigten. Ein Abkömmling des Sallowzweiges kam im 19. Jahrhundert dazu. Als Elvyra Sallow einen jungen Mann heiratete. Sein Name Abraham Caulson."
      Vielsagend sah er sie an und lehnte sich wieder zurück, ehe er ihren Worten lauschte.
      So schön sie waren, so hörte er doch etwas unter ihnen, was ihm nicht behagte. Warum hatte sie Angst um ihn? Sollte sie sich wirklich an seine Fersen heften, jetzt, wo seine Zeit begrenzt war? Schweigsam legte er eine Hand an ihre Wange und lächelte.
      "Es ist schön, auch diese Seite einmal von dir zu sehen"; murmelte er. "Und hey, lass dich nicht davon abhalten. Ich wäre ein Vollidiot, wenn ich mich dagegen wehren würde!"
      Erneut fand ein Schmunzeln den Weg auf seine Lippen. Und auch wenn es schmerzhaft aussah, war es freier als jemals zuvor.





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    • Es sah so aus als hätte man sie überstimmt? Was zum Henker war da unter einer handvoll Menschen nur vorgefallen, das nie den Weg in irgendwelche Aufzeichnungen gefunden hatte?
      Hatte es wirklich nie den Weg in Aufzeichnungen gefunden?
      Sie würde Ruairi dahin gehend aktivieren müssen. So sehr es ihr auch leid tat, ihn aufgrund seiner Wissensbasis auszunutzen, so war dies die perfekte Gelegenheit. Wenn sie ihm das alles mitteilte, was sie erfahren hatte, dann würde er ihr diesen Gefallen bestimmt tun und recherchieren, was er konnte.
      Ihre Augen öffneten sich spärlich als eine Hand nach ihrer suchte und sie fand. Seine Finger wirkten nicht mehr so kalt wie noch vor Stunden und das allein ließ sie sich noch ein wenig mehr entspannen. „Jetzt bist du hier“, erwiderte sie leise wobei sie es vermied einen Blick in sein Gesicht zu werfen. „Du wärst es nicht, wenn ich dich nicht gefunden und aus diesem Alptraum geholt hätte. Dann stünde ich ohne dich mit dem Tor konfrontiert ohne zu wissen was in der Vergangenheit vorgefallen ist.“
      Allerdings bekam er ihre Aufmerksamkeit zurück als er in seinem Buch zurückblätterte und ihr die Zeichnung des besagten Tores zeigte. In Bruchteilen von Sekunden hatte sie sich die wichtigsten Merkmale gemerkt, ebenso wie den Teddybären, den die Gestalt trug. Es war nicht klar ersichtlich, wie alt die Person war, aber wegen des Kleides musste es sich um ein Mädchen handeln.
      Komplett stutzig wurde sie jedoch, als die Jäger fielen. Wie war das denn passiert, dass eine ehemalige Zaubererfamilie sich zu Jägern mauserte? Ihr Mund klappte jedoch erst Sekunden später auf. „Warte. Heißt das, ich bin vielleicht mit Perley verwandt???“
      Das wäre ja göttlich. Dem verkniffenen Hauswirtschaftler unter die Nase zu reiben, dass sie über zig Ecken verwandt waren würde ihm vermutlich vor Schreck den Bart abfallen lassen. „Eine ehemaliger Zaubererfamilie wird zu Jägern eben jener. Wie tragisch. Würde ja fast meinen, dass da irgendein Zwist gesät worden war.“
      Mit einem Rascheln kämpfte sich August das Kopfteil des Bettes empor. Schwer lehnte er sich an das Holzteil und begegnete Ember nun wach auf Augenhöhe. Erst jetzt erwiderte sie seinen Blick richtig und bewegte sich kaum als er ihr eine Hand an die Wange legte.
      „Wieso klingt das so, als sei ich ein sehr eindimensionaler Mensch in deinen Augen?“, fragte sie gespielt pikiert und rümpfte dabei die Nase. „Ich glaub, du hast schon verdammt viele Facetten von mir gesehen, aber sie einfach nicht wertgeschätzt. Oder gekonnt ignoriert, was auch immer.“
      Sie ergriff die Hand an ihrer Wange und zog sich an ihr näher zu August herüber. Dieses Mal wartete sie nicht sondern versiegelte ihre Lippen sofort. Mit ihrer Zunge fuhr sie über seine spröden Lippen und befand, dass er Lipbalm brauchte. Oder einfach mehr trinken sollte. Durch seinen geschwächten Zustand war sie sich sicher, dass nichts aus dem Ruder laufen würde.
      Wobei... was sollte schon noch aus dem Ruder laufen? War das Chaos nicht schon längst heraufbeschworen worden?
      Mit einem zufriedenen Seufzer zog sie sich wieder ein wenig zurück und sog kurz die Oberlippe zwischen die Zähne. Ihr gottverdammtes Herz, das zwischenzeitlich nur so groß wie eine Walnuss gewesen war, schwoll wieder auf alte Größe an und forderte seinen Platz in ihrem Brustkorb ein. Ihr Blick lag zunächst auf seinem Mund, wanderte anschließend jedoch zu seinen Augen hoch.
      „Meinst du, wir sollten Perley mal erlösen? Der dreht bestimmt die Küche auf links. Oder willst du noch ein bisschen unentdeckt bleiben?“
      Sie grinste. Ein helles, verschmitztes Grinsen, wie sie es schon länger nicht mehr gezeigt hatte.
    • Grinsend betrachtete August Ember, nachdem sie ihn nochmals geküsst hatte. Es erschien wie ein aberwitziger Traum, dass er tatsächlich noch hier lag und mit ihr sprechen konnte. Wenn Foremar ehrlich war, war seine Rückkehr nicht mehr als ein einsamer Fiebertraum gewesen und doch hatte sie es erneut geschafft. Wie oft hatte sie ihm jetzt schon den Hintern gerettet? Es musste doch bereits einige Male sein...
      Schweigsam lauschte er ihr und nickte versonnen, während er in die Kissen zurücksank.
      "Das stimmt, ja. Du hast mich gerettet und es wieder geschafft"; murmelte er zufrieden und versuchte sich nicht die bittere Wahrheit dieses Umstandes klar zu machen.
      Ja, er lebte. Aber wie lange war das der Fall? Tage? Stunden? Was konnte die Korrumption mit seiner Lebenszeit anstellen, wenn er sich darauf besann?
      Nach ihrer Reaktion auf die Caulson Familie musste er heiser auflachen. Und auch wenn es klang wie eine schlecht startende Harley, so kam es von Herzen und er nickte darauf.
      "Das ist wahr, ja", sagte er heiser. "Ihr seid verwandt. Vielleicht über ein paar Ecken und Kanten, aber definitiv verwandt. Perley weiß davon noch nichts, möchte ich meinen. Zumindest glaube ich das. Ich habe keine Ahnung ob die Caulson Familie derart präzise Aufzeichnungen über ihren Stammbaum führt. Erschien mir eher nicht so... Und die Version Jäger zu werden gibt es häufiger als du glaubst. Es gibt auch Zauberer, die Zauberer jagen. Leider sind ihre Arten nicht besonders rühmlich."
      Nachdenklich sah August an die Decke und schüttelte schließlich den Kopf.
      "Das stimmt. Du bist nicht eindimensional", murmelte er. "Vielleicht bin eher ich es. Wir sollten Perley langsam erlösen, denke ich. Zumal ich seine Aufmerksamkeit kenne und er vermutlich schon gemerkt hat, dass meine Aura wieder aktiv ist. Nicht wahr, Perls?"
      Den letzten Teil des Satzes rief er regelrecht durch den Raum, wobei es eher einer heiseren Normallautstärke gleich kam. Im gleichen Moment öffnete sich die Tür geräuschlos und Perley Caulson trat stolz, aber durchaus mit schuldbewusstem Blick den Raum.
      "Ich...Ich habe nicht..."
      "Ich weiß", nickte AUgust und grinste. Er ließ Embers Hand nicht los, gab sie ihm doch die Kraft, die er brauchte. "Ich wollte mich unter den Lebenden zurückmelden."
      "Ich bin froh, August", nickte Perley ergeben und eilte schnellen Schrittes zum Bett. An der anderen Seite fand er seinen Platz und sah auf seinen Meister herab. "Es war knapp. Wir hätten beinahe keine Möglichkeit gehabt dir zu helfen."
      "Ich kann es mir denken. Geht es dir gut?"
      "Bestens, ich...Der Junge ist fortgegangen. Er ging mit Hakim und ich...Kacke, ich hab nicht mal eine Ahnung, was ich sagen soll."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Wie sie es drehen und wenden mochte, Ember bekam nur ein pelziges Gefühl auf der Zunge, sobald sie selbst das Wort gerettet in den Mund nehmen wollte. Denn das war ein sehr zwiegespaltenes Wort in dieser Hinsicht und im Bezug auf diesen Mann im Bett. Mehrere Male war sie nur diejenige gewesen, die ihn als erstes fand und dann zu denen brachte, die ihm wirklich helfen konnten. Hier war es nichts anderes gewesen. Allerdings waren am heutigen Abend diverse Worte und Vermutungen gefallen, die ihr aufrichtige Sorge bereiteten. Ganz zu Beginn hatte sie angenommen, dass August den Tod suchte. Inzwischen war sie davon meilenweit abgerückt. So sehr sogar, dass sie sich selbst für ihre eigene Annahme gescholten hatte. Schließlich war er eigenmächtig dem Tod kurzweilig von der Schippe gesprungen. Dennoch konnte sie nicht leugnen, dass es nicht die Erlösung gewesen war von ihr aus dem Alptraum gerettet worden zu sein. Hier war er mit Leid konfrontiert, das er im Tod wohl nicht mehr fürchten musste. Hier saß Ember vor ihm und wirkte wie etwas, das er nie erreichen konnte. Das Damoklesschwert schwebte über seinem Kopf und die allgegenwärtige Angst vor der Zeit war schlagartig wieder zurückgekehrt.
      Hatte sie ihn also wirklich gerettet?
      „Ich glaub, ich werfe Perley diese Tatsache an den Kopf wenn wir uns wieder gegenseitig an die Kehle gehen wollen“, murmelte Ember leise und schmunzelte bei dem Gedanken.
      Als August ihr bestätigte, dass Perley erlöst werden dürfe, hätte sie beinahe eine Schnute gezogen. Sie hatte gehofft, dass er es hinausschieben würde. Mehr Zeit mit ihr allein einfordern würde. Stattdessen schaffte sie es ihr Gesicht eher in Erstaunen zu verziehen als kurz darauf die Tür aufging und Perley eintrat. Sein Gang hatte an nichts eingebüßt, aber seine Mimik zeigte erstmals etwas, das Schuldbewusstsein ähnelte.
      Und dann sollte er nicht gelauscht haben? Als ob.
      „Sagte ja, dass wir ihn wieder hinkriegen“, warf Ember dazwischen, sichtlich ungerührt von Perleys Betroffenheit. Die Hand, die immer noch von August festgehalten wurde, war warm und wohlig. Allerdings runzelte sie beim letzten Teil doch die Stirn.
      „Wie, er ist fortgegangen? Jasper ist mit Hakim abgehauen? Wir haben doch gesagt, dass wir Stillschweigen bewahren, aber dann soll er doch nicht direkt mit dem nächsten Arkana verschwinden!“ Sie fuhr sich mit ihrer freien Hand über das Gesicht. „Weiß Noland davon?“
      Das wiederum konnte Perley nicht beantworten. Auf der einen Seite war es vermutlich nicht schlecht, wenn man Jasper aus London wegbrachte. Doch konnte sie nicht sagen, dass das Unwohlsein verschwunden war. Jasper war wie der heilige Gral für zu viele Beteiligte und jetzt war er mit einem Fremden praktisch verschwunden. Von der Bildfläche getilgt... Nichts, was sie tangieren würde. Obwohl sie sich doch gern von ihm verabschiedet und bedankt hätte. Er war weder ihr Freund noch Angehöriger. Sie hatte ansonsten keinerlei Verbindungen zu ihm und so ließ sie ihn gedanklich einfach ziehen. Hakim würde ihn schon nicht zu dummen Taten anstiften. Hoffte sie.
      „Sag mal Perley, du magst nicht zufällig was Leichtes für August zubereiten? Der hat seit mindestens 24 Stunden nichts mehr gegessen und ich bin mir sicher, deine Küche bringt ihn wieder auf die Beine...“, schlug Ember stattdessen vor, ihre Blick huschte dabei zu August, der vielleicht ihre Absicht dahinter verstand.
    • Perley wirkte ein wenig verloren in all dieser Masse an Emotionen, die ihn regelrecht fluteten.
      Es war ein Leichtes, immer den harten Jäger zu mimen und eigentlich sollte August sein erklärtes Feindbild sein, aber über die Jahre hatte sich etwas wie eine brüchige Freundschaft zwischen den Beiden entwickelt, die es nicht überhören galt.
      Als Ember ihren kleinen Monolog an Fragen hielt musste er erneut schuldbewusst die Achseln zucken und seine Unwissenheit kundtun. Freilich war dies ein schlechter Moment, um solche Nachrichten zu überbringen.
      Gerade wollte er sich dahingehend ereifern, als August seine andere Hand auch auf Perleys Arm legte.
      "Es ist gut", mahnte er ruhig und beinahe wispernd. Doch erschien es, als sei ein Hammer im Raum gefallen, sodass der Jäger verstummte. "Ich habe geahnt, dass es kommen würde. Und ich bin sicher, dass Noland es zumindest auch geahnt hat. Hakim ist kein schlechter Lehrmeister und vermutlich genau das, was Jasper jetzt braucht. Ich kann ihn Lehren, Kontrolle zu entwickelt, aber Hakim kann ihm seinen Nutzen darbringen. Soll er diesen Weg gehen wenn er es für nötig hält. Ich für meinen Teil vertraue dem Jungen."
      Grinsend sah er in das Gesicht seines Freundes, das sich schon wieder verfinsterte.
      "Aber..."
      "Perley. Es ist gut. Lass es gut sein", grinste August.
      Und ob er Embers Absicht verstand. Sogar mit bebendem Herzen. Vergessen erschien die Erschöpfung seiner Gließmaßen, als er ihre Hand ganz sachte und kaum spürbar fester drückte, ehe er zu Nicken begann.
      "Das wäre wirklich schön", sagte Foremar und kam aus dem Grinsen nicht mehr heraus. "Wenn ich es mir recht überlege...Mir ist nach deinem hausgemachten Irish Stew."
      "Irish Stew?", fragte Caulson und zog die Augenbrauen hoch. "Dafür habe ich nichts hier. Also ich meine...Ich könnte dir etwas kleines bereiten, was ich da habe..."
      "Bitte, Perley", sagte August. "Ich habe wirklich einen Bärenhunger."
      Nur nicht auf Essen, dachte er fies.
      "Gut, gut. Ich gehe einkaufen und bereite es zu. Achte auf dich. Oder besser: Sie tut es", sagte er an Ember gewandt und verschwand wieder wortlos aus dem Raum.
      Es dauerte vielleicht gute zehn Sekunden, da hörte man die Tür erneut zuschlagen und August grinste breiter als jemals zuvor.
      "Ich komme mir vor wie ein Dieb, aber ich muss sagen, es macht wirklich Spaß", lachte er heiser und sah Ember an, ehe er ihre Hand näher an sich zog und einen Druck auf ihren Leib ausübte. "Küss mich noch mal", murmelte er und nahm ihr beinahe die Entscheidungsfreiheit, als er sich ihren Lippen bereits näherte und ihren Kopf zärtlich an seinen drückte.

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      The more you drag me to hell
    • Vielleicht war es ja auch eine Sache des Blutes. Vielleicht war das einer der Gründe, warum sowohl Perley als auch Ember August immer wieder zur Seite standen, egal, was sie für den Rogue eigentlich hätten empfinden sollen. Oder es lag einfach daran, dass sie beide in der Lage waren, hinter Dutzenden von Schichten blicken und den wahren Menschen dahinter beurteilen zu können. Als würde man sich durch einen Seetangwald kämpfen, wobei nur sie den langanhaltenden Atem besaßen, der dazu nötig war.
      Als August ihren Wink scheinbar verstand und als Zeichen seiner Bestätigung ihre Hand drückte, wurde ihr für einen Augenblick flau. Sein Grinsen im Profil wurde sogar noch breiter als es hätte überhaupt möglich sein dürfen und auf seine Aussage hin, dass er ausgerechnet ein Stew haben wollte, musste Ember ihre Hand vor den Mund legen und betreten zur Seite schauen. Sonst wäre sie in bodenlosem Gelächter ausgebrochen und das wäre eher der Humor von Teenagern. Sie waren keine Teenager. Niemals. Nur vielleicht das eine Mal in der Vergangenheit gewesen. Aber... einmal war kein Mal?
      „Stew klingt sogar noch besser“, pflichtete Ember heiser bei, das Kichern war unschwer daraus zu hören. Gott, sie konnte Perley nicht einmal ansehen ohne in Tränen auszubrechen. „Ich pass schon auf.“
      Und dann verschwand der Hauswirtschaftler endlich und Ember konnte das lang festgehaltene Lachen endlich loslassen. „Hast du sein Gesicht gesehen??“, prustete sie los und es dauerte ein paar Sekunden ehe sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Das Lachen verschwand allerdings nicht von ihrem Gesicht.
      August erwiderte das Grinsen und schlagartig wurde Ember sich bewusst, dass der Mann hier schneller regenerierte als sei angenommen hatte. Sie hatte mit einem Rogue gerechnet, der zwar wieder Herr seiner Sinne war, aber sicherlich nicht so viel Kraft an den Tag legen konnte, um sie zu sich zu ziehen. Dennoch folgte sie seinem Zug wie von Geisterhand geschoben und bekam nicht einmal mehr großartig die Gelegenheit, etwas auf seine Forderung zu erwidern.
      Noch immer waren seine Lippen spröde und rissig. So sehr, dass Ember hinterfragte, ob er ihre eigenen überhaupt richtig spüren konnte. Sie für ihren Teil lehnte sich in den Kuss, der unerwartet zärtlich ausfiel und eher so wirkte, als würde man mit seinen Berührungen geizen, um nicht zu barbarisch zu wirken. Ein leises Kichern erklang, kurz bevor sie August eine Hand auf die Brust legte und ihn sanft ein wenig von sich schob. Ihre Augen glitzerten trotz des schummrigen Lichtes im Raum.
      „Es ist schon verdammt spät. Wo will Perley jetzt noch Zutaten herbekommen? Der wird Ewigkeiten unterwegs sein. Was hast du denn jetzt noch alles in seiner Abwesenheit geplant?“, fragte sie amüsiert nach, ihr Kopf leicht schräg gelegt.
      Nun.... sie hatte sich für morgen auf jeden Fall von der Arbeit abgemeldet...
      Der einzige Hinweis war das leichte Absinken ihres Blickes bevor Ember ihre Hand fortnahm und erneut Augusts Lippen suchte. Immerhin würde er sich wohl mit einem weiteren Kuss nicht zufrieden geben – und sie auch nicht.
    • "Wem die Stunde schlägt, sollte berеit sein
      Erst wenn nichts mehr gеht, wird es vorbei sein
      Totgesagt, doch stehen noch
      Verdammt, wir leben immer noch"

      OOMPH - Wem die Stunde schlägt



      Das Amusement auf ihrem Gesicht zu sehen, war schon mehr als der Himmel für ihn bereit hielt.
      Auch wenn es ratsamer gewesen wäre, sich dem Triebe nicht hinzugeben, so erschien es ihm noch weniger ratsam es nicht zu tun. Als sich ihre Lippen das erste Mal von seinen lösten, fühlte es sich merkwürdig ein. Beinahe hätte er einen unbedachten Kommentar gegeben, ehe ihm auffiel, dass es seine Lippen waren, die reibeisengleich über seine Zunge rieben.
      "Herrgott, ich brauche eine ganze Kanne von diesem Lippenzeug", knurrte er und leckte sich mit der Zunge über die Lippen.
      Die Hand auf seiner Brust fühlte sich heiß an und mit einem Mal bemerkte er, wie Blitze durch seinen Körper fuhren und ihn vollständig zu beleben schienen. Seine Beine begannen leicht zu zucken und erst jetzt schien ihm die Zärtlichkeit gewahr zu werden, mit der Ember ihn geküsst hatte. Zärtlich und gleichsam zurückhaltend. War das noch angebracht?
      In Anbetracht seiner Verfassung mit Sicherheit. Jetzt musste er nur seinem Körper dies Ganze mitteilen, der wie eine Alarmuhr auf Ember reagierte. Schlagartig belebten sich die Muskeln und er fühlte sich als könnte er Bäume ausreißen. Nun, zumindest zeitweise.
      Auf ihr Kichern musste er ebenfalls heiser lachen.
      Es war das erste Mal, dass er ausfallend und ausgiebig zu lachen pflegte. Ja, selbst Tränen blitzten nach einer kurzen Weile in den Augen des Zauberers und ließen ihn angestregt ins Bett fallen.
      "Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung", lachte er und wischte sie fort. "Ich wollte einfach Zeit. Zeit mit dir. Und ich dachte mir, da ich ihn einfach hereingebeten habe und du ihn nicht dort haben wolltest, komme ich dem nach. er wird bis Tottenham fahren müssen, um Fleisch zu kriegen..."
      Das Lachen verebbte langsam und ein leicht spitzbübisches Grinsen pflanzte sich auf sein Gesicht.
      "Geplant habe ich nichts, aber ich denke, mehr Zeit ist nie schlecht. Wer weiß, was uns noch einfällt."
      Ein Zwinkern glitt durch sein Gesicht, ehe er sich wieder in den Kuss hinein legte. Suchend und fordernd glitt seine Zunge hin zu ihren Zähnen und begehrte wie ein eifriger Hungernder Einlass. Bereits jetzt zitterten seine Hände, als er ihren Rücken hinauffuhr und sie auf ihre Schulterblätter legte. -
      Gute Güte, dachte er. Wohin sollte das führen?
      Nach einer kurzen Weile, als der Atem zu schwer und gleichsam bedeutsam wurde, löste er sich kurz von ihr und sah ihr in die Augen. Diese glitzernden Augen. Sachte fuhr er sich erneut mit der Zunge über die Lippen und seufzte.
      "Sollte das hier ein Traum sein, töte ich jeden, der mich weckt", flüsterte er und fuhr mit der Hand ihren Kiefer nach. "Könnte mich regelmäßig von dir retten lassen, Sallow."
      Ein schwaches Grinsen legte sich auf sein Gesicht, ehe eine seiner Hände (die nun wieder Temperatur bekamen) unter ihre Oberbekleidung fuhr und die warme, weiche Haut ihres Rücken ertastete.
      Nein, er würde sich nicht mit einem Kuss zufrieden geben. Notfalls würde er Perley verhexen.

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    • Noch war Ember Herrin ihrer Sinne, noch war sie nicht unaufmerksam genug um zu übersehen, was da mit Augusts Körper geschah. Je öfter sie ihn berührte, je intimer diese Berührungen waren, umso schneller schien er seine Kräfte wiederzuerlangen. Das sah sie an den zuckenden Beinen unter der Decke, die die Bewegung beinahe verschluckt hätten. Oder an der Kraft, mit der er sie an sich gezogen hatte. Sie glaubte nicht daran, dass es nur an der Erleichterung lag.
      „Hey, er stand sowieso schon vor der Tür und ich hasse es, bespitzelt zu werden. Aber du hast nicht mitbekommen, wie im Arsch dieser Mann gewesen war nachdem er dich gesehen hat. Ich hielt's nur für fair, dass er sieht, dass es dir besser geht. Aber das heißt noch lange nicht, dass er dein Patschehändchen halten muss“, grinste sie noch immer während sie daran dachte, wie ein perplexer Perley sich auf den Weg nach Tottenham machte, um Zutaten zu besorgen. Um beinahe Mitternacht.
      Mehr Zeit war nie schlecht.... Erst recht nicht, wenn man so erpicht darum kämpfte wie Ember und August es taten. Es war so, als kämpfe man gegen ein Meer, die Urgewalt der Natur, und jedes Mal, wenn sie einen Brecher überwunden hatten tauchte dahinter der nächste, noch größere auf. Eisern weigerten sie sich, weggespült zu werden, aber irgendwann würden sie der Gewalt nichts mehr entgegenzusetzen haben. Also gab sie sich mit dem momentanen Erfolg zufrieden, der Phase zwischen den Wellen, und genoss die Nähe zu August, die sie sich mehrfach untersagt hatte. Die Hände, die über ihren Rücken aufwärts glitten wirkten unstet.
      „Ein Glück, dass Jasper fort ist und Perley einkaufen muss“, murmelte Ember als August einen ihrer zahllosen Küsse löste und sie ansah. „Und wenn du dich weiter so oft in Schwierigkeiten bringst, muss ich wahrscheinlich öfter in Aktion treten.“
      In der Zwischenzeit hatten sich raue Hände unter ihren Pullover geschoben und dafür gesorgt, dass sich Ember etwas aufrichtete. Die daraufhin entstehende Gänsehaut hätte sie gern geleugnet, aber ihr Puls verselbstständigte sich bereits wieder. Ihr Blick glitt von seinen Augen hinunter zu seiner Brust. Man hatte ihm die Weste abgenommen, doch sein dünnes, doch recht schmuddeliges Hemd gelassen. Bestimmt legten sich ihre Finger an den untersten Knopf und begannen langsam damit, Knopf für Knopf durch die Löcher zu fädeln.
      „Ich weiß auch nicht, wieso, aber irgendwie krieg ich dich immer nur in abgemergelter Form oder sonst wie mitgenommen mit.“ Es lag kein Vorwurf in ihrer Stimme. Es war lediglich eine Feststellung. „Das musst du dringend ändern, wenn wir Berwick einen Besuch abstatten.“
      Ihre Lippen zuckten als sie den letzten Knopf nahe seines Halses löste und ihm das Hemd zur Seite schob. Seine Hände waren immer noch auf ihrem Rücken und so konnte sie es ihm nicht gänzlich abstreifen. Es reichte jedoch aus, damit sie mit ihrer Hand über sein Herz streichen konnte, wo nun keine schwarzen Adern mehr einen Kranz bildeten. Es verstrich ein weiterer Augenblick, dann beugte sie sich zu ihm und platzierte einen Kuss dorthin, wo eben noch ihre Hand gelegen war.
      „Ich bin Jasper unglaublich dankbar, dass es geklappt hat. So muss ich dich nicht heimsuchen und dich im Jenseits für deine Dummheit maßregeln.“
    • "Führe mich nicht in Versuchung", kicherte er und wurde sich des Makaberen seiner Worte nur schmerzlich bewusst.
      Eigentlich hatte Ember ihn wirklich nur in schlechter Verfassung zu sehen bekommen. Selbst jetzt, als ihre Hand auf seiner ausgemergelten Brust lag, wirkte er wie ein Schatten seiner Selbst. Wenn er an sich heruntersah, sah er einen haarlosen, tätowierten Körper, bei dem die Rippen sichtbar und die Hüftknochen zwar nicht prominent, aber dennoch sichtbar hervorstachen. Die Tätowierungen auf seinem Körper kaschierten mitunter Narben, die er sich durch seine Experimente selbst zugeführt hatte und erschienen mit einem Mal fehl am Platze. Er hätte ihr gerne, in dem Tal dieser hereinbrechenden Wellen, sein wahres Ich gezeigt. Jenen August, der satt und lebendig war und sich an der Magie erfreute. Und dem Wissen danach.
      Doch all das war bereits fort.
      "Ich gebe mir alle Mühe", grinste er schwach zwischen ihren Küssen und beobachtete hingerissen, wie sie offenbar sein Hemd zu öffnen wusste, jedoch wieder in eine Zurückhaltung fiel. War es das überhaupt? EIn Kuss auf seinem Herzen, das er für einen schwarzen Klumpen gehalten hatte. Ein Herz, das bereit war für alle Lieben zu kämpfen. Und doch zu verlieren.
      Sachte berührte seine Hand ihre Haare, als sie ihren Kuss platzierte und schwach kämpfte sich ein Lächeln auf sein Gesicht.
      "Das wäre auch verschwendet", murmelte er und hielt ihr Gesicht für einen Moment in seinen Händen. "Ich weiß, es gibt keine Worte, um all das hier zu beschreiben. Und ich weiß auch, dass diese Momente viel zu kostbar sind um sie verstreichen zu lassen. Vielleicht war das der Grund warum Perley weg sollte. Seit dem Tag, wo wir den Sharokh bezwangen habe ich dir Dinge sagen wollen. Dass mich deine Nähe glücklich gemacht hat und es noch tut. Deine Starrköpfigkeit, die mir so manches graues Haar beschert hat und der Aktionismus der dich antreibt wie ein Zahnrad. Ich kann nicht sagen, waurm das alles passiert und warum jedem deiner Rufe Folge leiste, aber es ist einer Macht gleich, die mich zu dir zieht. Und ich habe leider zu spät erkannt, wie kostbar das alles ist. Ich möchte nichts mehr an Zeit verschwenden..."
      Viel zu langsam drückte er seine Lippen nochmals auf ihre und entließ ihr Gesicht seiner Fänge. Zumal du nicht viel davon hast, dachte er bei sich grimmig und entledigte sich seines Hemdes.
      Sachte hob er sich auf die Ellenbogen und grinse sie an. Das Haar des Zauberers wirkte zerzaust und gleichsam in Form, während die AUgen wieder vor Leben pulsierten.
      "Und bevor die Frage kommt: Es geht mir gut. Also wehe, du schonst mich in irgendeiner Art, Ember Sallow."

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