[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • Wollte sich Ember tatsächlich mit Perley messen? Ganz bestimmt nicht. Wenn dieser Typ eine ernsthafte Gefahr für Zauberer darstellte, dann würde sie ihm maximal den kleinen Finger brechen können bevor er sie regelrecht zerfleischte. Und selbst wenn ihre geschätzten Kollegen sich dafür interessierten, was hier gesprochen würde, so änderte es nichts daran, dass die standardisierte Security aller höchstens für die Penner reichte, die sich manchmal hierher verirrten. Hätte einer ernsthaft versucht Perley zu stoppen, würde derjenige seinen Kopf vermutlich nicht mehr ganz so hoch oben tragen.
      Schlagartig veränderte sich der Gesichtsausdruck des Mannes vor ihr und wechselte von dieser schneidenden Kälte zu etwas anderem, auf das Ember nicht ganz kommen wollte. Dafür erschrak sie, als die Tür in ihrem Rücken erzitterte, kaum schlug Knight mit seiner Faust dagegen. Es war, als hätte man diesen Kerl regelrecht gerufen. Den wollte sie ganz bestimmt nicht in ihrem Büro wissen, wenn Perley hier gerade wütete. Apropos wüten; der Butler entpuppte sich vor ihren ungläubigen Augen als wahres Chamäleon. Es waren keine sonderlich großen Handgriffe, die Perley vollzog, aber sie reichten aus, dass selbst sie daran zweifelte, dass vor ihr ein Jäger stand. Wenn sie es sich recht überlegte, hatte sie ihn noch nie ohne Fliege oder gar mit einem offenen Hemd gesehen. Umso verblüffter war sie, als seine Verwandlung komplett war und er sogar noch eine Bäckerstüte wortwörtlich aus dem Ärmel schüttelte. Das war ja nicht zu fassen...
      Erneut forderte der Commissioner nach Aufmerksamkeit und jetzt musste sie sie ihm gewähren. Trockenen Mundes drehte sie sich um und öffnete die Tür, um dem Wahnsinn seinen Lauf zu lassen. Dass das keine Untertreibung gewesen war, durfte sie Sekunden später bezeugen. Alles, was Ember tun konnte, war starren wie ein debiles Kind.
      Perley lächelte. Breit.
      Ember fühlte sich völlig im falschen Film als Perley überschwänglich Knights Hand packte und sie schüttelte. Dieses Attentat der anderen Sorte schien selbst bei dem steifen Sack von Commissioner zu ziehen, denn der war eher perplex als alles andere. Allerdings konnte sie sehr gut nachvollziehen, wie er sich fühlen musste, als er Perley seine Hand regelrecht entriss.
      „Sorry, dass du mir wieder nachräumen musstest. Wir sehen uns später“, stimmte sie Perley zu, nahm die Tüte entgegen und schmunzelte ihn peinlich berührt an.
      Wie auch immer in Gottes Namen sie das zu Stande gebracht hatte.
      Beide schauten dem frohlockenden Gang des uneingeladenen Gastes nach ehe sich ihre Blicke untereinander wieder trafen. „Sir, es tut mir leid. Colin ist ein wenig... na ja, ungestüm, wenn ich das mal so sagen darf. Es kommt nicht wieder vor, ich werde ihn daraufhin gehend noch mal ansprechen.... Allerdings frage ich mich allen Ernstes, wie er mit Johnson.... Ach, auch egal. Kann ich etwas für Sie tun?“

      Der Rest des Arbeitstages verschwamm in einer undeutlichen Masse von Eindrücken. Knight hatte tatsächlich nur von dem 'Eindringling' gehört und wollte dem auf den Grund gehen, um sich danach wieder zurückzuziehen und seinen eigenen Angelegenheiten nachzugehen. Was Ember ganz recht kam, denn sie war nicht mehr ganz pässlich. Noch zwei weitere Male hörte sie leise wie einen Nachhall ihren Namen und die Gewissheit traf sie härter als geahnt. Sie hatte August versprochen, dass sie käme wenn er nach ihr rief. Und genau das tat er jetzt.
      Also gestand sie Ruairi, dass sie ihren Plan mit den Castern doch nicht umsetzen würde. Weil es wohl doch zu riskant war und er es ihr auch abgeraten hatte. Ein kleines Zeichen, dass sie nicht wirklich ihren Dickkopf immer und überall durchsetzen musste. Stattdessen hatte sie sich bei ihm für seine ständige Unterstützung bedankt und sich anschließend in den Feierabend verabschiedet.
      Der Fahrtweg zum Dusk & Dawn war binnen Sekunden für sie gefühlt zurückgelegt und als sie ihren Wagen geparkt hatte und ausgestiegen war, brodelte es in ihr. Perley hatte recht, dass es ihre Schuld war, dass sich August praktisch in Luft aufgelöst hatte. Einzig und allein der Schluss blieb übrig, dass er sich in seiner eigenen Magie irgendwie verrannt hatte. Andernfalls würde sie seine Stimme wohl kaum hören und Perley solche Schwierigkeiten haben, ihn aufzuspüren. Wie auch immer es sein mochte, sie würde ihn zurückholen.

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    • Kapitel 2: Schneefall In Der Hölle

      "Ausgesprochen viel zu sagen, doch genügte euch ein Schweigen:
      Ohne Umweg, so als hättet ihr euch immer schon gekannt.
      Vielleicht sind die Pfade ähnlich, doch die Richtung ganz verschieden.
      Eventuell war es das Reisen selbst, das euch verband."



      Der Tag glich einem Knitterfest. Während Perley Caulson zurück eilte, um das Dusk and Dawn vorzubereiten, erschien ihm die Tätigkeit an sich beinahe hilflos dumm.
      Hier und dort verschaffte er sich Ablenkung durch Hausarbeit und das Zusammenlegen von Wäsche, die er über den Tag dreimal gewaschen hatte. Säuberlich hatte er Augusts Hemden zusammen gelegt und in den Schrank verstaut, ehe er sich nicht mal gewahr wurde, dass dies nicht seine Aufgabe war. Kopfschüttelnd war er sodann herabgestiegen und hatte Jasper erneut aufgrund seiner Faulheit gemaßregelt, obgleich der Junge nichts dafür konnte, dass die Gedanken des Hauswirtschafters um August selbst kreisten.
      War es anfangs nur ein Verdacht, dass er in Schwierigkeiten steckte, so erschien ihm die Wahrscheinlichkeit immer opportuner, dass dies nicht einmal kalkuliert war. Ember hatte ihm berichtet, dass August verletzt war. Nun, eindeutig war er das. Der Arm sah damals bereits fürchterlich aus, ohne dass er mit schrecklicher Magie in Berührung kam, aber dies konnte der einzige Grund sein. Es sei denn es war etwas im Hause Sallow passiert, dass ihn noch schrecklicher verletzt hatte.
      In seiner Vorsicht und gleichsamen Angst hatte der Butler die Nummer des Hakims heraus gesucht und sich daran gütlich getan. Im Falle des Falles brauchten sie einen Arzt. Vielleicht sogar einen Bestatter.
      Gott!
      Mit einem wütenden Schrei fegte er die Gläser von dem kleinen Küchentresen und zertrümmerte sie an der Wand. Wieso machte er sich solche gedanken um einen Zauberer???
      Weil das Brot gut schmeckte, was er dir gab, als du hungertest.
      Das stimmte. August hätte ihn töten können, als er am verwundbarsten war. Er hätte ihn töten und einfach verschwinden lassen können und stattdessen hatte er ihm aufgeholfen und ihm eine Arbeit geboten. Eine Aussicht für seine Rache. Nein, eine Alternative. So viel Schuld lud sich auf die Schultern des Butlers, dass seine adrette Frisur einem schlecht gemachten Seitenscheitel glich, als er sich auf den Tresen stützte und wartete. Die Fäuste geballt und und das Gesicht eine einzige Maske des Schmerzes.
      Gerade als er sich seufzend bereits ind en Koffer begeben wollte, spürte er es. Eine Veränderung der Atmosphäre, das gewohnte Summen im Ohr, der Metallgeschmack im Mund. Jemand näherte sich. Ein Zauberer. Zumindest jemand, der seine Aura kultivierte.
      Mit schnellem, langen Schritt eilte er zur Tür und riss diese beinahe aus den Angeln.
      Nur um verdattert in das vermutlich überraschte Gesicht von Ember Sallow zu starren, die auch schon bessere Tage gesehen hatte.
      "Sie", murmelte er als wüsste er nicht wer sie war.
      Wieso spürte er Aura an ihr? Na, er musste sich getäuscht haben. es waren die überscharfen Sinne des Jägers, die ihm einen Streich spielten! Mit Sicherheit.
      "Wurde auch Zeit."
      Mit einem Schritt zur Seite ließ er sie ein und schlug die Tür zu.
      "Ist Ihnen Jemand gefolgt? Erwarten Sie noch Jemanden?", fragte er kurz angebunden und seufzte. "Ich möchte mich dennoch in aller Form für mein unprofessionelles Auftreten vorhin entschuldigen. Es liegt nicht in meiner Natur mich derart aufzuregen, aber August ist ein Freund, den ich zu schützen gedenke. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir sagten, inwieweit er verletzt war. Welche Verletzung hatte er davon getragen?"
      Mit einer schmalen Geste wies er zu der sich immer ändernden Tür im Raume. Jetzt glich diese Einer Festungstür aus grobem Holz und mit einem Eisenbeschlag.
      "Wenn er durch ein Tor verschwand, ist es warhscheinlich, dass etwas beim Zaubern schief gelaufen ist. Ich vermute, dass er einen Zauber falsch gewirkt hat. Jedoch weiß keiner von uns besser wie Dimensionsmagie funktioniert, wie Rem Chapman. Also dachte ich, wir fragen sie. Was meinen SIe?"

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    • Zahllose Gedanken durchströmten Ember als sie den kurzen Aufweg zur Detektei nahm. Ihr war nicht recht klar wieso sie Schuldgefühle plagten, aber wenn sich August tatsächlich selbst verrannt hatte, dann lag es zweifellos an das, was er gesehen hatte. Und das war primär sie am Boden vor einem Mann knieend, um dessen Leben sie bangte. Nicht um seines, sondern um das eines Anderen. Es hatte ein wenig gedauert bis sie verstanden hatte. Aber dann war es klar, dass er nicht nur auf physischer Ebene verletzt worden war. Das war es gewesen, das ihn so durch den Wind gefegt hatte.
      Nichtsdestotrotz war ihr Entschluss gefasst als sie die Hand ausstreckte, um die Klinke der Tür zu berühren. Dort kam sie jedoch gar nicht an, denn Perley riss die Tür auf und Beide starrten sich einen Moment lang an. Das war ungewöhnlich. Er wusste zwar, dass sie kommen würde, aber sicherlich nicht wann. Er würde wohl schlecht vor der Tür campiert und gewartet haben bis sie kam. Noch viel seltsamer war die Art, wie er diese einzige Wort aussprach. Ember kannte diesen Tonfall aus jahrelanger Arbeitserfahrung. Da war Skepsis und Überraschung in seiner Stimme, dezent, wie ein subtil aufgetragenes Parfum.
      Hinter ihr wurde die Tür geschlossen, erst dann wandte sie sich Perley vollkommen zu. "Soweit ich gesehen habe, ist mir keiner gefolgt. Gilt natürlich nicht für dieses Miststück Clara oder wie auch immer die heißt." Ein weiterer Blick über den Hauwirtschaftler zeigte ihr, dass er besorgt war. Sein Äußeres hatte gelitten, sein Hemd Falten und seine Sprache wechselte ständig den Tonus. "MacAllister wäre gestern in meiner Wohnung gestorben, wenn August nicht gekommen wäre. Er wurde angegriffen und ich hab einen von diesen ominösen Würfeln bekommen. Sein Arm ist daraufhin wieder aufgerissen und er hat wohl etwas in die Szene hineininterpretiert was ihn emotional aufgeworfen hat."
      Grandiose Wortwahl und wunderbar sachlich geblieben. So kannte sich Ember und hätte am liebsten rein gar nichts gesagt. Sie wollte nicht sehen, wie Perley sie ansah oder gar darauf ansprach, dass sie Augusts Gefühle verletzte. Selbst wenn sie das gar nicht absichtlich tat. Also folgte sie seinem Blick zu der Tür, die ein jedes Mal anders auszusehen schien. An den Koffer hatte Ember auch schon gedacht, aber ihre Überraschung war alles andere als gespielt, nachdem Perley den Namen einer Toten erwähnte.
      „Wie meinen....?“
      Ein Poltern erklang von oben, das ihre Blicke auf sich zog. An der Treppe kam Jasper herunter geeilt und nahm drei Stufen zeitgleich. Sein Haar war nass, er musste es wohl gewaschen haben nachdem Perley ihn gerügt hatte, und seine Beine steckten in einer dunkelgrünen Jogginghose mit schwarzen Shirt ohne Aufdruck. Noch bevor er die letzten Stufen genommen hatte, blieb er stehen und sah Ember mit ziemlich genau dem gleichen Ausdruck in den Augen an, wie Perley vorhin.
      „Okay, das versteh ich nicht.“
      Ember runzelte die Stirn. „Was verstehst du nicht? Darf ich nicht herkommen, wenn ich will?“
      „Nee, das meinte ich gar nicht. Ich hab eher... wen anders erwartet? Keine Ahnung, aber Sie.... klingen.“
      Embers Augen wurden erst ausdruckslos, dann schnellte ihr Blick zu Perley herüber. „Sie haben eben auch so komisch reagiert. Was stimmt hier nicht mit mir?“ Es konnte nicht der Würfel sein. Ruairi hatte ihr ausführlich erklärt, dass der Würfel nicht dermaßen stark Aura entsandte, als dass man ihn spüren konnte. Dass hingegen selbst Jasper wie ein perfektes Radar ausschlug, war seltsam. Verdächtig sogar.
    • Caulson wollte sich gerade über die Tatsache empören, dass es diese Frau regelmäßig schaffte, August in emotionale Krisen zu stürzen, jedoch erschien der faule Junge auf der Treppe und zerstörte das Bild.
      Gewaschen hatte er sich mittlerweile, aber die Kleidung ließ immer noch zu wünschen übrig. Es war wirklich ein Graus, die Jugend bei ihrem Verfall zu beobachten.
      Kopfschüttelnd betrachtete er den Jungen und lauschte dennoch, was beide zu sagen hatten. Erst danach und nach Embers empörter Frage hob er abwehrend die Hände.
      "Es stimmt...Nun, vielleicht stimmt wirklich etwas nicht. An Ihnen haftet Aura, würde ich vermuten", murmelte er. "Sie haben einen Widerhall. Für den Jungen ist ein Klingen, für mich ist es ein Summen, wie von einem elektrischen Gerät. Das soll nicht weiter schlimm sein. Die Aura ist nicht stark und kaum spürbar, also ist es entweder Jemand der weit entfernt ist oder aber Jemand schwaches. Haben Sie in letzter Zeit Jemanden oder Etwas berührt, was sie besser nicht berührt hätten? Oder nicht regelmäßig berühren?"
      Ruhig ließ er die Hände sinken und wies auf die Tür.
      "Zur anderen Frage. Wir gehen nun dort hindurch und gelangen in den Altarraum, den Sie bereits kennen dürften. Es ist der Raum, wo August seine Forschungen betreibt und wo er seine Seele regelrecht verlor. Dort steht ein Spiegel, in dem die Essenz von Ms Chapman aufgefangen ist. Und da sie diese Magie sozusagen erfunden hat, ist es ein Leichtes mit ihr zu sprechen, sofern wir etwas Magie besitzen. Also kommt die Aura an Ihnen gerade Recht!"
      Schwach blitzte ein Grinsen über seine Wangen und er wies zur Tür.
      "folgen Sie mir."
      Langsam setzte sich der Butler in Bewegung und legte die Hand an die merkwürdige Kerkertür.
      "Was wir dort unten sehen, haben Sie niemals gesehen, verstanden?"
      Ember sollte erst beim Eintreten verstehen, warum diese Warnung durchaus angebracht war. Als die Tür aufschwang und das merkwrüdige Innere preisgab, glitt ein Hauch von Moder und Blut durch den Raum. Perley ging als Erster hindurch und befand sich in einer Art Kerkergewölbe wieder. Die Wände waren aus grobem Stein gehauen und stachen vor Dreck und getrockenetem Blut. Von überall umfing sie der Geruch von Eisen und Kräutern, die verbrannt worden waren, um den Geruch zu übertünchen. Mitnichten hatte dies funktioniert. In dem schmalen Gang der sie erwartete, brannten altmodische Fackeln aus Pech und altem Holz. Knisternd und flackernd brachen die Flammen die Schatten aus dem Raum auf und erhellten den Raum, den sie betraten.
      Noch immer befand sich das Lesepult in der Mitte des Raumes und noch immer lag dort das Buch mit den schwarzen Seiten aufgeschlagen darauf. Kein Buchstabe war auf den Seiten zu finden, jedoch vermochten die Magiekundigen und Spürbaren ein Schreien aus der Tiefe zu hören. Als würden die gequälten Geister nach ihren Rufen. Mit ihnen singen.
      Alles an diesem Raum erschien verboten, auch wenn sich außer dem Spiegel und dem Buch ncihts magisches hier befand.
      Eiligen Schrittes trat Perley an den Spiegel heran und riss die Decke von ihm herab, mit der dieser verborgen war. Staub und Dreck wirbelte durch den Raum und ließ den Jäger husten, ehe er in das blinde Glas sah.
      "Sie erlauben?", fragte er eilig und griff nach Embers Hand, die er auf das kalte Spiegelglas legte.
      Wie von Zauberhand brach das Glas an dieser Stelle. Der Riss breitete sich Spinnennetzförmig aus und riss das regelhafte Bild entzwei. Nur um gleich darauf das Gesicht einer jungen Frau zu zeigen.
      Ihr Gesicht war ebenmäßig und von beinahe elfenbeinfarbener Haut. Die blauen Augen der jungen Frau wirkten nicht von dieser Welt, waren sie doch zu hell um real zu sein. Die schwarzen, seidenglatten Haare fielen wie ein Fluss von ihrem Kopf und bildeten einen ebenmäßigen Rahmen um ihr schmales Gesicht. Doch das wirklich verstörende, fand Perley, war ihre Stimme.
      "Du bist nicht August."
      Alleine dieser Satz jagte dem Jäger einen Schauer über den Rücken und er musste einen Schritt zur Seite treten. Die Stimme klang, als würde sie aus vier Richtungen gleichzeitig sprechen, während die Augen sich in ihrer beider Augen brannten.
      "Was wollt ihr?"

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    • „Der Würfel.“
      „Was für'n Würfel?“, schaltete sich Jasper dazwischen und sein Blick sprang zwischen Ember und Perley hin und her. Irgendetwas stimmte nicht und erst jetzt dämmerte er ihm, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass er August den ganzen Tag nicht einmal gesehen hatte. „Oh Scheiße. Ist August was passiert?“
      „Wahrscheinlich“, kappte Ember den Satz kurzerhand und biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht hätte sie doch nicht einfach so den Würfel würfeln sollen. Das käme ganz bestimmt kein zweites Mal vor. „Aber wir holen ihn. Kein Problem.“
      Kein Problem, Ember. Wir holen ihn wirklich. Es ist gar keine große Sache und geht ganz schnell.
      An Perley gewandt fügte sie hinzu: „Ich kenn' den Raum, ich war da schon mal und hab ihn da raus geholt, als er sich die Hucke zugekippt hat. Mich überrascht da nichts mehr.“
      Auch das war nicht ganz richtig. Jedenfalls merkte sie das, als Perley vor ging und sie Jasper bedeutete, da zu bleiben. Dies war nichts für die Augen eines Jungen. Und wie recht sie damit behalten sollte, denn der Geruch allein war schon verstörend. Der Anblick war ihr durchaus bekannt und weckte alte Erinnerungen, aber die Atmosphäre war anders. Sie rümpfte die Nase durch den obszönen Geruch, der eine Mischung aus Blut und irgendetwas verbranntem darstellte. Die Scherben von damals waren verschwunden, dafür zierten dunkle Flecken den steinernen Boden, die sie als Blut identifizierte. Hierher war er also verschwunden in der Zeit, wenn sie ihn nicht sah. Er hatte ja erwähnt, dass er nach Wegen suchte, den Tod auszutricksen. Aber nie hätte sie gedacht, dass es so aussehen würde.
      „Damals hatte er mit jemanden geredet, als ich gekommen bin um ihn zu holen. Dann war das Rem?“, fragte Ember und schüttelte nur den Kopf. Wäre sie an seiner Stelle, hätte sie sich nie mehr hier fortbewegt. Wenn der Spiegel wirklich Fragmente eines Freundes enthielt, dann wäre sie ihm vermutlich nie mehr von der Seite gewichen. Aber warum war es nur Rem und die anderen Vier?
      Embers Blick glitt über das Buch mit den nachtschwarzen Seiten ohne Text, das August beim letzten Mal eilig zugeklappt hatte. Erneut hörte sie ganz leise Stimmen, mehrere, die eindeutig nicht die von August zu sein schienen. Als sie an dem Buch vorbei gegangen war, nahmen auch die Stimmen wieder ab. Dann glitt ihr Blick zu dem matten Spiegel, der mahnend dahinter aufragte. Langsam trat sie neben Perley, nachdem dieser die Decke abgenommen hatte und dann einfach nach ihrer Hand griff. „Hey!“
      Ember war sich sicher, das Brechen von Glas zu hören, kaum lag ihre Hand auf dem kalten Glas. Ein eisiger Schauer durchströmte sie, dann riss sie ihre Hand schon wieder zurück und starrte wie versteinert den Spiegel an, der zunächst brach und dann plötzlich eine Frau zeigte. Embers Augen weiteten sich als sie das erste Mal Rem Chapman erblickte.
      „Du bist nicht August.“
      Während Perley einen Schritt zur Seite trat, bewegte sich Ember nicht einen Zentimeter. Sie wusste nicht, warum sie dieses Ebenbild so anstarrte, aber irgendetwas fesselte sie. Hielt sie an Ort und stelle und verweigerte ihren Füßen den Dienst. Im Laufe der Zeit hatte sich die Detective deutlich schlimmeren Dingen gegenüber stehen gesehen. Das Spiegelbild einer Toten grenzte nicht mal ansatzweise an ihre Liste.
      „Hi Rem“, sagte Ember mit einer Stimme gröber als Schleifpapier, „August hat da so ein kleines Problem und sich scheinbar in deiner Magie verrannt. Kannst du uns helfen, ihn zurück zu holen?“
    • Es heißt, der Grusel ist ein Faktor der menschlichen Angst.
      Wir gruseln uns, da sich das Angstzentrum aktiviert und gleichzeitig Hormone ausschüttet, welche den Körper und die darunter liegenden Muskeln aktiviert. Binnen Sekunden flutet sich der Leib mit einem Cocktail aus Stresshormonen, welche die Sehnen spannen und die Muskeln sich verkrampfen lassen, um einen möglichst schnelle Flucht auszulösen. Und selbst wenn man sich dieser biologischen Prozesse bewusst und völlig mit sich selbst im Reinen ist, überrascht es doch jeden Menschen, der Furcht nicht mehr gefühlt hat, immer wieder aufs Neue.
      So auch Perley Caulson, dessen Hormone mit einem Mal verrückt zu spielen schienen. Er schluckte einen bitteren Geschmack hinab und musste sich zusammenreißen, um nicht fortzulaufen. Hatten August nicht gesagt, dass diese Fünf Verrückten Zauberer nur durchschnittliche Magier waren? Das hier war anders.
      Die Präsenz, die dieser Spiegel ausstrahlte, war nicht gewaltig oder erdrückend. Man fühlte sich nicht so, als würde man einem Arkana gegenüber stehen, aber da war etwas anderes... Verglich man einen Arkana und den Druck, den er erzeugte, mit einer gewaltigen Axt, die dräuend über dem Haupt schwebte, so war es hier anders. Präziser, schmerzhafter. Als würde ein Skalpell unter die Haut schneiden.
      Rems Abbild wirkte nicht von dieser Welt.
      Sie war eine Essenz, so viel ließ sich sagen. Keine wirkliche Seele, die man eingesperrt hatte, sondern eine personifizierte Erinnerung aus August Geist und Gehirn. Und gerade das machte sie derart gefährlich. Denn auf dem Gesicht der jungen Frau, welches betörend schön war, erschien ein Schatten, der sich über die überraschten Augen legte.
      "August hat ein Problem", wiederholte Rem und seufzte theatralisch. "Meine Liebe, August hat immer Probleme. Beginnend mit sich selbst und endend mit der Magie, die er stahl. Ich kann helfen und werde es dennoch nicht, wenn ich nicht einmal deinen Namen zu erfahren weiß."
      Perley trat heran und sah in den Spiegel.
      Die blauen Augen hefteten sich auf den Butler und wirkten beinahe durchstechend, als sie sich seinem Gesicht zuwandte.
      "Ich kenne dich", bemerkte Rem.
      "Perley. Perley Caulson", sagte der Hauswirtschafter und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. "Und das ist Ember Sallow."
      "Ich kannte einen Caulson. Richard Caulson."
      "Das war mein Großvater, Miss Chapman."
      "Ein grässlicher Mann. Jagte uns und knüpfte Zauberer auf wie Schlachthausvieh. Es ist erstaunlich, dass Jemand wie du August sucht."
      Perley nickte ergeben und sah gefestigt in die Augen. Undefinierbar erschien sein Gesicht.
      "Ich habe eine Schuld zu begleichen, Miss", sagte er ruhig und neigte das Haupt.
      "Schuld...Ein ewiger Kreislauf, nicht wahr? Augusts begann mit Schuld und deiner endet damit. Und enden wird im Tod. SO wie schon einst", giftete Rem und sah wieder zu Ember. Diesmal mit deutlich mehr Neugierde. "Sallow...Ich kenne diesen Namen ebenso...August zeigte ihn mir, als ich noch lebte."
      Perley zog die Augenbrauen hinauf und sah zu Ember.
      "Schaut nicht so überrascht. Die Familien, welche im Spätmittelalter als die Entdecker der Magie galten...Es waren die Familien Foremar, Delacroix, Newgate und Sallow. Es ist erstaunlich, einen Abkömmling dieser mächtigen Zaubererfamilie zu sehen."

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    • Anfänglich musterte Ember interessiert die Gestalt im Spiegel, deren Augen nicht von dieser Welt zu stammen schienen. Sie wies deutlich die Züge auf, wie man sie von einer Person im wahren Leben erwarten würde, und doch wurde die Detective den Eindruck nicht los, dass hier noch andere Dinge am Werk waren. Ember wusste, dass es nur eine Essenz war, die hier im Spiegel eingeschlossen war und demnach hielt sie Rem für ein Echo ihrer Selbst. Eine Figur, die nach Augusts Vorstellungen so festgehalten worden war. Sie verfügte über das Wissen zum Zeitpunkt der Bindung und war demnach der Schlüssel für ihr Weiterkommen.
      Dass Perley an ihrer Seite sich plötzlich häufiger bewegte als zuvor bescherte ihm einen Teil ihrer Aufmerksamkeit. Zu oft hatte Ember gesehen, wie sich Menschen verhielten, die sich unwohl fühlten. Und wenn sich dann die stärkere Form des Unwohlseins hinzu gesellte, konnte man manchmal über die Luft hinweg die Angst spüren, die sich daran machte, auch andere anzustecken. Doch Ember wehrte diesen Impuls vehement ab und hielt ihren Blick unentwegt auf das Spiegelbild.
      So hatte er Rem also in Erinnerung behalten?
      Auf Rems Aussage hin holte Ember bereits tief Luft. Was war das denn bitte für eine Freundin? Schlug einfach direkt die Hilfestellung ab, nur weil sie nicht einmal Namen hatte? August musste ja unbedingt Sturheit betonen, wie es schien...
      Bevor sie aber etwas Falsches sagen konnte, schaltete sich Perley dazwischen, der endlich die Bewegung nach vorn anstrebte. Damit riss er Rems Augen von Ember los und fokussierte sie auf sich selbst. Ausnahmsweise hielt es Ember für klüger, die Luft wieder auszustoßen und die Beiden erst mal machen zu lassen. Dieser kurze Wortwechsel hatte schon dazu gereicht, dass sie diese Erinnerung von Rem nicht ausstehen konnte. Hoffentlich hatte August einfach nur ein verzerrtes Bild von ihr gehabt.
      Schuld als ewiger Kreislauf? Diese Meinung teilte Ember nicht. Sicher, wenn man darauf bestand, dem anderen immer wieder einen Gefallen tun zu müssen weil man dachte, man müsse es, fände die Schuld nie ein Ende. Aber ein jeder konnte diese Schuld eigenmächtig abtun, nur fand dazu nicht jeder die Stärke. War wirklich Rem der Meinung, dass Schuld ein Kreislauf war oder hatte August etwas dazu gedichtet? Was hiervon war wirklich sie und was nur ein Nachhall von Erinnerungen, geschaffen aus Augusts Verstand? Es bereitete ihr Kopfschmerzen nur daran zu denken, dass sie theoretisch alles hinterfragen müsste was hier an Unterhaltung fiel.
      Und dann waren diese unwirklich blauen Augen wieder auf der Detective und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.
      „Sallow... Ich kenne diesen Namen ebenso...“
      Wundert mich nicht. Aber damals klangst du wesentlich netter als ich August hier raus gekarrt hab. Ich will gar nicht wissen, was er dir noch alles erzählt hat.
      „August zeigte ihn mir, als ich noch lebte.“
      Aus dem Augenwinkel bemerkte Ember, wie Perley sie ansah. Zu dem Zeitpunkt hatte Ember aber die Kontrolle über ihren eigenen Gesichtsausdruck verloren. Als sie noch lebte? Sie lebte vor zig Jahrzehnten, vorEmbers Geburt und bevorsie sich überhaupt kannten. Also hatte er in irgendeiner Form Kontakt mit den Sallows gehabt? Wieso?
      Das Wieso lüftete Rem direkt im Anschluss und spätestens da hatte Ember das Gefühl, dass sich ihr Hals zuschnürte. Das ergab keinen Sinn. Es gab keine Zauberer in ihrer Familie, ihre Stammbücher reichten so weit zurück ohne auch nur ein einziges Mal einen Zusammenhang mit Zauberern zu nennen. Niemand in ihrem Dorf hatte auch nur erwähnt, dass bei ihnen der Verdacht bestünde, begabte zu haben.
      Es gab und gibt bei uns keine Zauberer. Es tut nichts zur Sache.
      Den letzten Satz wiederholte Ember immer wieder in Gedanken. Ruairi hatte nie was davon erzählt, dass ihr Familienname so weit zurückreichte. Sie waren keine Zauberer. Niemand von ihnen. Niemand hatte eine Aura ausgebildet, niemand war jemals im Register eingetragen worden. Keiner hatte auch nur ansatzweise erwähnt, mit Zauberern in Kontakt gestanden zu haben. Nie hatte...
      „Jetzt hast du meinen Namen. Wie holen wir August zurück?“, presste Ember hervor und erkannte ihre eigene Stimme nicht mehr.
      Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, die nur noch ein spürbares Kribbeln erzeugten. Jeder Atemzug tat ihr weh, während sie noch immer wiederholte, dass es nichts zur Sache tat. Dass es stimmen musste, wenn dieses Abbild es behauptete und eine Lüge unwahrscheinlich war. Was bedeutete, dass August es seit der Sekunde gewusst hatte, als sie sich ihm vorgestellt hatte. Vielleicht war das damals auch einer der Gründe gewesen, warum er sie nicht mit einem Fingerschnipps getötet hatte.
      Es tut nichts zur Sache.
      Es tut nichts zur Sache.
      Es tut nichts zur Sache...
      ...
    • Der Kampf, den Ember ausfocht, war auf ihrem Gesicht sichtbar.
      Selbst Perley, der um die Inhalte ihrer Gedanken nicht wusste oder gar erahnte, welche Kämpfe sie durchlitt, schien um Worte verlegen, während er zwischen den Frauen (konnte man es Frauen nennen, wenn eine davon ein Abbild war?) hin und her blickte. Ember hielt ihren Blick auf den Spiegel geheftet während Rem Ember fixierte. Beinahe erschien es dem Butler, als fräßen sich ihre Augen in Embers hinein.
      Welch Zerrbild hatte August von Rem Chapman?
      Perley wusste es nicht. Er hatte Rem niemals kennen gelernt und kannte das Wenige nur aus Geschichten. Aber den Gerüchten nach soll sie eine herausragende Zauberin gewesen sein mit einem nicht zu verkennenden Gerechtigkeitssinn. Das, was hier in dem Spiegel vorgefunden wurde, war ein Schatten davon.
      Ein gewaltiger noch dazu.
      Auf dem Gesicht der jungen Frau erschien mehr und mehr ein Schatten, den selbst Ember nicht übersehen konnte. Die Augenw urden eine Spur kühler und die Mundwinkel verzogen sich ein Stück.
      "Es gibt nicht viel, das ihr tun könnt. Es tut mir Leid!", murmelte sie und zuckte die Achseln.
      "Wie meinen?"
      perley war perplex. Sollte sich das alles nicht gelohnt haben? Die Strapazen, die Wut? Alles für die Katz?
      "Meine Magie ist nicht einfach zu verstehen. Aber versuchen wir es: Stellt euch zwei Punkte vor, die meilenweit voneinander entfernt liegen. Meine Magie erlaubt es, den Raum um diese Punkte herum zu krümmen und sie aufeinander zu zu bewegen. Als würde man ein Blatt Papier falten und zwei Bleistiftpunkte übereinander legen."
      "Einfachste Wurmlochtheorie", murmelte Perley und verschränkte die Arme.
      "Wie auch immer. Meine Magie jedoch hat einen entscheidenden Nachteil. Sofern August nicht konzentriert seine Portale öffnet und den Zugang zu meiner MAgie nicht recht findet, öffnet er Tore, nicht nur an andere Punkte, sondern auch mit einem Dimensionsverschnitt. Als würde man einen Weg gehen und plötzlich neben sich im Matsch versinken."
      Caulson nickte. Immerhin folgen konnte man ihr. Die Frage war nur, wie sie August wieder fanden.
      "Und wie..."
      "Ich komme gleich dazu. Geduld, Jägersjunge", mahnte Rem und sah Perley böse, gar feindselig an. "Eine Dimensionsgrenze zu sprengen ist nicht ganz einfach und bedarf Vorbereitung. Ihr benötigt dazu meine Essenz und ein Gefühl. Ein starkes Gefühl. Hass, Liebe, Abneigung, völlig egal. Ich gebe euch meine Essenz. Sie ist hier verborgen in diesem...Ding.", sie wies auf den Spiegel und ein Ekel trat auf ihr Gesicht. "Es wird euch ein Tor öffnen. Aber den Weg könnt ihr nur mit einer Verbindung erreichen. Ruft das Gefühl ab und tretet hindurch wenn ihr es beinahe schmecken könnt. Aber nur unter einer Bedingung!"
      Perley seufzte.
      "Die wäre?", fragte er und lockerte die Arme wieder.
      "Sagt August, dass ich ihn hasse", wisperte die Frau und verschwand in der gleichen Sekunde im Spiegel.
      Aus dem Zerrbild der zertrümmerten Scheibe begann die Mitte des Spiegels zu wabern. Als würde man einen Stein in die Mitte eines ruhenden Sees werfen, begannen die Glasfetzen Wellen zu schlagen und sich zu kräuseln, wie von fremder Hand gezogen. In der Mitte der Spirale, die sich zu bilden begann, wurde ein schwarzes Tor sichtbar. Winzig zunächst, ein Wurmloch unter Miniatur doch mit der Zeit größer werdend. Eine unheimliche Aura durchflutete den Raum und ließ die Gläser in den Schränken erzittern. Donnerhall, von weiter Ferne, wurde hörbar und der Geruch frischen Lavendels trat an ihre Nase.
      "Alsdann", murmelte PErley und sah zu Ember. "Wollen wir?"

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      Hinter dem Spiegel:
      wald.jpg
      Besonderes: Keine Tiere, keine Rufe. Die Luft riecht alt und modrig und es fällt leichter Regen.

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    • Nach rems Erklärung nach hatte sich August im wahrsten Sinne des Wortes verrannt. Er war irgendwo stecken geblieben oder gelandet und wusste vermutlich selbst nicht einmal, wo er sich befand. Sollte dieses eingebildete Abbild doch behaupten, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte. Dann würde sie dem dämlichen Abbild zeigen, dass ihre veralteten Theorien in der Zeit stecken geblieben waren und sie gefälligst an ihren eigenen Worten ersticken sollte.
      Gott, wie sie dieses Abbild nicht ausstehen konnte.
      „Was für ein Zufall, dass wir deine Essenz direkt parat haben“, sagte Ember leise mit noch immer derselben gepressten Stimmlage wie zuvor.
      Es bedurfte ein starkes Gefühl, um August zu finden? Kein Problem. Vermutlich würde Perley schon ausreichen, wenn man bedachte, wie geladen er sie aufgesucht hatte, kaum war klar gewesen, dass der Rogue verschwunden war. Doch hätte er nicht ausgereicht, dann hätte sie an seine Stelle treten können und eine breite Palette an ausreichend starken Gefühlen anbieten können. In Bezug auf August hatte sie scheinbar fast alles durchlebt, was nur irgendwie möglich war.
      Sagt August, dass ich ihn hasse.
      Das sorgte endlich dafür, dass Ember nicht mehr all zu sehr auf dem gerade Erfahrenen fest hing sondern sich wirklich dem Weiterkommen stellte. Sie würde August ganz bestimmt nicht diese Nachricht übertragen, denn in diesem Falle war sie sich absolut sicher, dass die echte Rem das niemals gesagt hätte. Dass es etwas war, das einzig und allein aus Augusts verzerrter Wahrnehmung stammte. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht tun.
      „Hab ich schon mal erwähnt, dass mir so schwarze Löcher wirklich nicht gefallen?“ Mit Argwohn sah Ember dabei zu, wie das schwarze Loch in der Mitte des Spiegels stetig weiter wuchs und das feste Glas nicht mehr als fest erkennbar machte. „Urgh, und ein Freund von Lavendel war ich auch noch nie.“
      Sie rümpfte die Nase während sich ihre Nackenhaare aufstellten. Dafür hatte sie nun keine Zeit. So viel zum Thema, sie konnten ihm nicht mehr helfen... Hier vor ihnen war ein Weg, um August finden zu können. Der Donnerhall, der fernab klang, mischte sich mit einer Stimme, die sie über den Tag verteilt schon ein paar Mal gehört hatte. Sie atmete einmal tief durch, dann straffte sie ihre Schultern.
      „Jep. Ich hatte mir unsere Jagd zwar nicht so vorgestellt, aber es kommt ungefähr hin, hm?“
      Wie befohlen holte sie alles an Emotionen hervor, die sie in Bezug auf August aufbringen konnte. Jede einzelne mit ihrem charakteristischen Gefühl und Geschmack auf der Zunge, von denen sie am Ende nicht einmal bestimmen konnte, welche die dominierende war. Als sie durch den Spiegel trat, wusste sie nicht recht, wie ihr geschah. Es fühlte sich an, als riss man an ihr aus verschiedenen Richtungen. Kurz bevor sie dachte, dass ihr wirklich das Fleisch abgerissen worden wäre, fand sich Boden unter ihren Füßen wieder und sie kam stolpernd an.
      Aber wo kam sie überhaupt an?
      Ember stand allein in einem dunkel düsteren Wald mit knorrigen Bäumen ohne Laub und modrigem, moosbewachsenem Boden. Eigentlich sollte es in Wäldern frisch riechen, die Luft hier war davon meilenweit entfernt. Während sich Ember umblickte hörte sie kein einziges Geräusch außer dem leisen Rieseln von Regen. Schließlich tauchte Perley aus dem Nichts auf und sie wusste, dass sie zumindest das gleiche Ziel hatte wie er.
      „Wunderbar. Dann sind wir ja ein Stück weiter“, meinte Ember nüchtern und schloss die Augen. Vielleicht hörte sie ihn hier ja deutlicher oder wusste zumindest in welche Richtung sie laufen müssten.
      Komm schon, August. Lass dich finden.
    • Der Wald, der sie umfing, glich einem Gruselkabinett einer Kinderphantasie.
      Mannsgroße Wurzeln ragten aus dem finsteren Boden wie Finger, die nach den Knöcheln griffen. Die wenigen Pflanzen, welche neben den meterhohen Bäumen wuchsen, erschienen einem wir Karikaturen von Unkraut, das von Nachtschatten zu wachsen schien. Fahl schien das Mondlicht durch die Wipfel und ließ die wenigen Baumkrusten wie Gesichter aussehen, die mahnend starrten. Geradezu dräuend blickten die Äste auf sie hinab, während Caulson sich den Staub von den Klamotten schlug.
      "In Etwa", murmelte er und nickte Ember zu. "Versuchen Sie es gar nicht erst. Dies hier ist August Magiekonstrukt. Sie werden ihn hier überall spüren, weil er es ist. Wobei ich auch diese bösartige junge Frau hier spüre. Und es fühlt sich nicht gut an."
      Es brauchte nicht die Anmerkung des Butlers, um die Kälte zu verdeutlichen, die auf diesem Raum lag. Das sanfte Plätschern eines Bachs oder Flusses erfüllte den Raum und seufzend marschierte Perley los, nachdem er sich die Ärmel hochgekrempelt hatte.
      "Rüsten Sie sich", sagte er. "Wir sind in Augusts Alptraum. Ich habe keine Ahnung, was dieser Spinner sich hier noch ausmalt."
      Das Unheil, das er befürchtete, sollte nicht lange auf sich warten lassen...

      Nach einer ganzen Weile strammen Fußmarsches durch weichen Boden und merkwürdige Wurzeln, schien die Welt sich nicht mehr zu drehen. Jeder Baum sah aus wie der Nächste und keine Route schien erkennbar. Die Dunkelheit, die sie umfing, war allgegenwärtig und griff mit kalten Fingern nach ihrem Verstand, während Perley einen Ast beiseite schlug und ihn abknickte.
      Alter Pfadfindertrick um eine Route zu finden. Leider waren sie bereits an sieben solcher Äste vorbei gekommen.
      "Ich gebe es zu", murmelte er. "Ich hab mich verlaufen. Haben Sie eine Idee?"
      Gerade wollte er erneut einen Weg einschlagen und hielt doch inne. Wie von einer Kugel getroffen erstarrte der Jäger und sah in die Richtung, in welche sie gerade gehen wollten.
      "Sollten Sie eine Möglichkeit haben sich zu verteidigen, sollten Sie es jetzt tun", murmelte er und wies mit dem Kinn in die vorgesehene Richtung.
      Dort, aus dem Finstern des Waldes, erhob sich etwas aus dem Unterholz. Dies Wesen war eindeutig menschlicher Natur, denn es lief auf zwei Beinen. Doch der Gang war komisch. Es schien, als wäre das Wesen verletzt.
      Beim Näherkommen schien der Mond dem Pfad des Wesens zu folgen und mit jedem Meter wurde es einem Beobachter gewahr, dass es sich um einen jungen Mann handelte.
      Sein Gesicht war vollmundig und kantig und das Kinn zierte ein leichter Bartschatten. Die Haare, oder das was man Haare nennen konnte, waren ein Wust an Locken, die ihm in alle Richtungen abstanden. Der Mann, dessen Name ihnen noch unbekannt war, war recht groß gewachsen und von drahtiger Gestalt. Und doch brannte in seinen Augen dasselbe helle Feuer, was man bereits in Rems Augen gesehen hatte.
      "Erneut eine Essenz", murmelte Perley und duckte sich leicht.
      Keine Sekunde zu früh, wie es schien, denn just in dem Moment, da sie sich bereit machten, schien sich die Luft zu verändern. Ein Druck begann auf der Stelle zu lasten, an der Ember stand und Perley brauchte keine Sekunde. Mit einem Schrei ("RUNTER!") riss er Ember zur Seite fort, als der Baum hinter ihnen Beinen wie von einer Bombe getroffen explodierte.
      Jedoch war es nicht Auswirkung der Explosion die derartig Schaden anrichtete. Hierbei war erstaunlich, dass der Baum nicht zersprang, sondern regelrecht zerfiel. Als würde von einer unsichtbaren Macht aufgelöst.
      Hart kamen Perley und Ember auf dem Boden auf. Der Matsch kaschierte den Fall, aber dennoch war es ein Stück Boden, auf das sie plumpsten. Perley trieb es die Luft aus den Lungen und eilig rollte er sich von Ember hinab.
      "Scheiße", knurrte er. "Das ist Newgate. Angeblich Zerfallsmagie. Hoffe, Sie haben Bock."
      Schweigsam zog er eine alte Beretta aus der Innentasche seiner Jacke und warf sie Ember zu.
      "Sie sollten wissen, wie Sie damit umgehen. Antimagische Kugeln und nur drei davon. Also zielen Sie gut, Sallow. Und keine Rücksicht. Sie sind nicht real."
      Caulson wartete nicht auf weitere Reaktion.
      Mit einem Knurren schoss er aus dem Dickicht, das sie bisher schützte und rannte auf Newgate zu, der sich dem Angreifer beinahe seelenruhig zuwandte. Mit einer wegwerfenden Handbewegung explodierte der Boden um Caulson an drei verschiedenen Stellen. Aus nächster Nähe ließ sich erspüren, dass die Aura des Zauberers wie eine Zierharmonika war. Sie dehnte sich und zog sich zusammen. Und das in Form einer klauenbewährten Hand. Überall wo die Geisterhand den Boden oder anderes berührte, zerfiel dieses zu Staub.
      Perley schluckte und tat drei weitere Schritte, ehe er den Zauberer ansprang. Mal sehen wie gut er war...

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      Perley springt ihn frontal an und die beiden beginnen zu ringen. Rest is up to you ;)

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    • Dass ein Versuch sinnlos war hatte Ember schon nach etwa zwei Sekunden merken dürfen. Es schrie von allen Seiten jemand auf sie ein mit wirren Worten, die sie nicht verstand. Sie hatte aufgehört zu lauschen, da hatte Perley seinen Satz erst zur Hälfte vervollständigt.
      „Vielleicht hätte ich doch eine Waffe einpacken sollen. Erinnern Sie mich das nächste Mal dran, nicht unbewaffnet aus dem Haus zu gehen“, murmelte Ember und stapfte Perley hinterher, der die erste Richtung angab.

      Es änderte sich rein gar nichts, außer dass ihnen die Moral schwand. Egal wie weit sie liefen oder woran sie sich zu orientieren suchten, die Umgebung schien immer gleich. Der Stand des Mondes änderte sich nicht und auch die abgeknickten Äste wiederholten sich. Sie waren in einem Alptraum. Da war es nur logisch, dass es daraus nicht so einfach zu verschwinden galt. Es musste eine andere Kondition geben, um es zu durchbrechen. Andernfalls wäre August auch schon längst zurück gekehrt.
      „Seh ich. Wir könnten -“
      Zeitgleich mit Perley blieb auch Ember stehen. Ihr Puls beschleunigte sich als sie dem Blick des Jägers folgte und eine Gestalt ausmachen konnte. Wie er auch erkannte sie den menschlichen Umriss relativ schnell, ebenso wie das falsch wirkende Gangbild. Embers Augen verschmälerten sich während sie Perley leicht duckte. Sie kannte ihn nicht, aber der Hinweis, dass es noch eine Essenz sein musste, reichte ihr, um auf der Hut zu sein. Ein Abbild im Spiegel war eine Sache. Eine freilaufende Essenz ihr gegenüber eine ganz andere.
      Das realisierend bemerkte Ember den Druckabfall und verlagerte ihr Gewicht zur Bewegung, da hatte Perley sie schon umgerissen. Noch während des Falles fanden ihre Augen den Ursprung dessen und sah, wie sich ein Baum auflöste. Das hatte sie schon einmal gesehen, vor Monaten zum ersten Mal. Die Erkenntnis packte Ember, da prallten sie beide auf dem unebenen Boden auf und irgendwas in ihrem Rücken knackte. Sofort rollte sich Perley von ihr ab und sie stemmte sich auf die Ellbogen auf.
      „Hab das schon mal gesehen“, erwiderte sie knapp und ignorierte den Matsch, der ihre Kleidung ruinierte.
      Noch einer von Augusts Freunden. Also war die Chance, dass die anderen auch hier waren nicht unbedingt gering. August ließ sich von seinen eigenen Freunden jagen, ein Mahnbild, dass er noch immer heimgesucht wurde.
      Allerdings war sie in der Tat darüber überrascht, als Perley ihr eine Beretta reichte. Sowas versteckte er also neben Bageln in seiner Jackentasche. „Ich weiß.“ Sie nahm die Waffe an sich und checkte kurz das Magazin. In der Tat. Nur drei Kugeln. Munition war wertvoll, nichts davon vergeuden.
      Perley war bereits aus dem Dickicht gestürzt und hatte Newgate anvisiert. Durch das Gestrüpp beobachtete Ember, wie der Boden an drei Stellen zerfiel. Zeitgleich. Vorhin war es nur der Baum hinter ihnen gewesen und die Strecke dazwischen war unberührt geblieben. Was bedeutete, dass sein Bereich stark abgegrenzt war und sich nicht erstreckte wie die des Richters.
      Damit konnte man arbeiten.
      Dann sprang Perley ihn unverwandt frontal an und Ember setzte sich in Bewegung. Sie umzirkelte die zwei ringenden, wohl wissend, dass sie nun schnell sein musste. Gegen den Zerfall war auch Perley nicht immun und wenn sie versuchte auf Newgate zu schießen war die Chance hoch, auch Perley zu treffen. Etwas anderes musste her.
      Wenn diese Essenz hier zwischen ihr und August stand, dann würde sie weichen müssen. Ember fokussierte sich vollends auf den Rogue und sprintete dann selbst aus der Deckung los. Indes hatte Perley von Newgate ablassen müssen, um aus der Gefahrenzone zu kommen. Kurz vor dem Rogue tat sich ein Graben auf, wo nur eine Sekunde zuvor der Hauswirtschaftler noch gestanden hatte. Im nächsten Moment warf sich Perley ihm wieder an den Hals und entdeckte Ember, die noch drei Meter entfernt war. Zwei übereilte Herzschläge später war sie nah genug dran und hatte mit der dominanten Hand ausgeholt. Mit all ihrer Macht donnerte sie dem Rogue den Schaft der Beretta gegen die Schläfe, sodass ihr ganzer Arm erzitterte. Der Rogue taumelte ihr entgegen, zog Perley mit sich und alle drei schlugen wie ein Sandwich auf dem Boden auf. Ember, die ganz unten lag, bekam kaum Luft, schlang aber geistesgegenwärtig den Arm um Newgates Hals und drückte ihn so fest zu, wie sie konnte.
    • Diese Frau konnte nicht einfachste Anweisungen befolgen!
      Perley war wütend, als er von Newgate hinfort geschleudert wurde und aus den nächsten Metern Ember heran schießen sah. Zugegeben, Körpereinsatz konnte die Frau. Sie schlug der Essenz die Waffe an den Kopf und brachte den Zauberer damit nicht nur ins Taumeln. War auf dem Gesicht eine Art Schmerz zu sehen? Wie konnte eine Essenz Schmerz empfinden?
      Dass die Essenz sie beide unter sich begrub war ein erstaunlicher Umstand, aber nicht überraschend. Überraschend hingegen war die Leichtsinnigkeit, mit der Ember Sallow vorging. Einen Würgegriff? Wirklich?
      Mit einem Knurren zog sich der Jäger unter der Essenz hervor und rollte sich zur Seite ab.
      "NEIN!"
      Just in dem Moment als der Arm der Essenz nach oben schnellte und sich um Embers Gesicht legen wollte, nutzte er den vollen Schwung seiner kurzen Springbewegung, in die Perley verfallen war. Mit einem schnellen Tritt, der jedem Fußballspieler Ehre gemacht hätte schnappte der Arm der Essenz zur Seite, wo die Erde regelrecht in Staub zerfiel. Die zweite Bewegung des Jägers, war fließend und beinahe unsichtbar.
      Ruppig knallte er der Essenz sein Knie auf die Brust und schlug mit ungeahnter Brutalität mit der Faust in sein offenes Gesicht. Zauberer waren keine Unsterblichen. Sie waren keine Götter! Denn Götter bluteten nicht. Und so wie das Blut nach drei gezielten Schlägen spritzte,war das Ganze hier eine Farce.
      Heulend vor Schmerz schob sich die Essenz von Ember herunter und wand sich aus dem Klammergriff der Detective. Perley stellte sich hab zwischen sie beide und fuhr Ember an.
      "Ich gebe Ihnen eine Knarre und Sie machen einen auf Freistilringer? Wirklich?", fauchte er und schüttelte den Knopf.
      Die Essenz rappelte sich auf und Newgate wirkte nicht mehr so angriffslustig wie vorher. Stattdessen tropfte Blut aus seiner zertrümmerten Nase und den Jochbeinen um seine Augen.
      "Was glauben Sie, wie ich August noch in die Augen sehen kann, wenn Sie draufgehen, verfluchte Scheiße?!"
      Die Stimme des Butlers wirkte beinahe verzweifelt, ehe er sich dem Zauberer stellte, der sich mühsam aufrappelte und sie beide aus zuschwellenden Augen ansah.
      "Geht weg!", rief die Essenz mit einer unirdischen Stimme. "Wenn ihr August liebt, lasst ihr ihn endlich sterben!"
      "Ach halt die Klappe, du Pappeimer!", grunzte Perley und wischte sich Rotze vom Gesicht, die hoffentlich seine eigene war. "Würden Sie dann?"
      Keine Sekunde zu früh.
      Erneut spürte er den Druck in seiner Nähe und sprang wieder zur Seite, ehe die Welt um ihn herum zu Staub zerfiel. Kam ihm das richtig vor? Zielte dieser Bastard überhaupt?

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    • Es dauerte zu lange. Viel zu lange. So lange, dass Ember an Newgates Kopf vorbei blicken und feststellen durfte, dass Perley offensichtlich nicht unbedingt für ein Tagteam eingestellt war. Sie brachte ein ersticktes Geräusch hervor, als sich eine Hand auf ihr Gesicht zubewegte, ihre Finger schlossen sich fester um den Griff der Baretta, die noch immer in ihrer Hand war. Na gut, vielleicht hatte Perley ja doch recht gehabt und sie war noch befangen.
      Die Hand wurde plötzlich von ihrem Gesicht weggerissen, aus ihrer Position sah sie nicht, dass es ein Tritt gewesen war. Der Ruck ging dafür durch ihrer beider Körper und dann bekam Ember tatsächlich keine Luft mehr. Das Knie, das Perley Newgate auf die Brust drückte, war so schwer, dass es ihr jeglichen Freiraum nahm. Trotzdem hielt sie ihren Griff eisern bei, solange es eben notwendig war. Bis ein weitaus heftiger Ruck den Kopf der Essenz auf ihre Brust knallen ließ und Ember erst nach dem zweiten Schlag recht realisierte, dass Perley auf ihn einprügelte. Beim dritten Schlag schrammten Spritzer seines Blutes über ihre Wange und das schmerzerfüllte Heulen war so markerschütternd, dass sich ihr Griff kaum merklich lockerte. Schlussendlich befreite er sich aus ihrem Griff und robbte von ihnen weg.
      Noch immer lag Ember auf dem Rücken, vor ihren Augen hatten schwarze Punkte zu tanzen begonnen. Schmerzerfüllte Atemzüge taten sich abgehackt als müssten ihre Lungen erst wieder lernen, wie man sich entfaltete. Das war doch alles absurd. Niemand hatte gesagt, dass Essenzen Schmerzen leiden und bluten konnten. Irgendwas stimmte hier nicht.
      „...Stopp...“, krächzte Ember leise und rollte sich über knorrige Wurzeln auf die Seite, wo die schwummrig Newgate ausfindig machen konnte, der sich auf die Beine kämpfte. Zwischen ihnen stand Perley wie eine Mahngestalt, allerdings klang er so gar nicht danach.
      Darüber machte sich Perley ernsthaft Gedanken? Wie August reagieren würde? Das aktivierte ihre nicht gerade geringen Lebensgeister. Er sollte sich viel lieber Gedanken um seinen eigenen Kragen machen, wenn sie ihn in einer ruhigen Minute in die Finger bekam. „Stopp, Perley“, versuchte sie erneut, war allerdings immer noch mehr kehlig als laut.
      Übertönt wurde sie von der Essenz, deren unwirklicher Hall die Bäume zum Ächzen brachte. Ein neues Frösteln überkam Ember, die wie Perley auf den Druckabfall reagierte, glücklicherweise aber nicht in Reichweite lag. Perley hingegen schon, der mit einem beherzten Sprung auswich und seiner Begleitung freie Sicht auf die Essenz gab.
      „Okay, STOPP JETZT!“, brüllte sie aus Leibeskraft und erntete damit die Aufmerksamkeit beider Männer, kaum stand sie wieder und hatte dieses Mal die Waffe hochgenommen. Sie achtete nicht auf Perley sondern nur auf die Essenz vor sich. Oder den Rogue, den Mann, was auch immer er sein sollte.
      „Dann lass mich mich von ihm wenigstens verabschieden! Wenigstens das solltest du mir als sein Freund doch zugestehen können!“
      Die Essenz hier vor ihren Augen war kein knallharter Abwehrmechanismus. Denn sonst hätte er schon längst einen von ihnen ernsthaft getroffen und zu Staub zerfallen lassen. Die Angriffe waren immer zu knapp gewesen, wie eine Warnung, aber nie mit tödlicher Präzision ausgeführt. Der Gang, wie sich Newgate eben genähert hatte, wirkte seltsam. Vielleicht, weil er nicht verletzt sondern gehetzt wirkte? Die ganze Gestalt wirkte mittlerweile nur erbärmlich und wenn man es aus dem richtigen Winkel betrachtete eher wie ein verletztes Tier. War das... Angst?
      „Du bist doch der, der ihm den Teufel in den Rücken geritzt hat, oder? Was hältst du von einem Waffenstillstand? Bis ich mich verabschieden konnte, hm?“, rief sie ihm herüber, hielt sich aber bereits für den Fall, dass auch Worte ihren Sinn verfehlten.
      Denn dann musste sie auf das zurückgreifen, das ihre Wirkung nie verfehlte.
    • Die unwirkliche Situation wurde noch kurioser, als sich Ember wirklich gegen seine MEthode entschied.
      Es war eine Sache, einem Befehl nicht Folge zu leisten. Dafür mochte es die ein oder andere gute Erklärung geben. Doch das hier war wirklich lachhaft. Eine Verhandlung? Mit einem Geist?
      Perley schüttelte den Kopf und verschränkte die blutigen Hemdsärmel vor der Brust, während Newgate das erste Mal wirklich Notiz von ihr nahm. Die wirren Haare hingen ihm blutverschmiert ins Gesicht und er zog geräuschvoll die blutende Nase hoch, während er sich aufrappelte und die Polizistin ansah.
      "Nein!"; donnerte er. "Nein, ich war das nicht! Ich hätte August nie...Er ist ein Freund!"
      Perley zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. Das hier war wirklich eine Farce und Zeitverschwendung.
      "Verabschieden...Niemand sollte ihn sehen...August ist schwach. Und dem Tode geweiht. Wie wir alle. Er hat uns angewiesen, ihn zu schützen und das tun wir!"
      Die Sprache der Gestalt wurde mehr und mehr unwirklicher und klang beinahe wie ein Kind, das mit der Stimme eines Erwachsenen heulte. Doch ehe die Situation um den Waffenstillstand beantwortet werden konnte, veränderte sich erneut die Luft. Ein milder Wind trat auf und aus dem Dickicht des schwarzen Unterholzes begannen, Äste und Wurzeln zu knacksen.
      "Sallow", mahnte Perley und löste die Arme aus der verkrampften Haltung. Mit einem Kopfnicken wies er auf den Rest der Lichtung, aus dem sich jetzt drei weitere Gestalten zu lösen begannen. Wie aus dem Nichts tauchten sie aus, von waberndem Licht umgeben, das sich in sie zurückzog, sobald sie verstofflicht waren.
      Als erstes trat eine schlanke, kleine Frau vor. Das schwarze Haar war kurz geschnitten und im Stile der zwanziger Jahre frisiert. Ihre schmalen Augen wiesen auf eine asiatische Herkunft hin, auch wenn man es ihr sonst nicht ansah. Sie trug eine eng anliegende Hose und Bluse, die nicht wirklich zu ihrem Äußeren passten. Als zweites trat ein Mann aus dem Unterholz hervor. Er war noch größer als August und mindestens genauso drahtig, auch wenn seine Schultern markanter und breiter waren. Sein kantiges Gesicht und die Falten um seine grünen Augen zeugten von einem fröhlichen Gemüt. Das blonde Haar hielt er militärisch kurz und auf seinem Gesicht zeichnete sich ein Erkennen ab. Zuletzt trat eine weitere Frau aus dem Unterholz direkt vor ihnen. Ihr Haar war von Feuergeistern erfüllt und rot wie Blut. Die Augen erschienen einem beinahe schwarz im Abendslicht und ihr Mund wirkte beinahe wie ein Strich als sie in einem edlen Kleid auf sie zu schlenderte.
      "Fürchte, jetzt sind wir in der Unterzahl...", murmelte Perley und sah die Meute an. "Ich nehme an, Sie sind Augusts Freunde. Die er gerettet hat?!"
      "Mitnichten hat er uns gerettet", sagte der große Mann und lächelte schwach. "Thomas Watson", stellte er sich vor und nickte leicht. "Das sind Marya Bishop und Izabella Lynch. Wir sind oder besser: waren...Augusts Freunde aus einer lang vergangenen Zeit."
      "Freunde nennt ihr euch..", murmelte Perley. "Ihr habt die Lady gehört. Wir wollen uns nur verabschieden, wenn er so beschissen dran ist."
      "Ich fürchte", bemerkte Watson und baute sich vor Perley auf. "Das kann ich nicht zulassen. August will Niemanden sehen. Er hat beschlossen, in dieser Einöde sein Dasein zu fristen und wir-"
      "Thomas..."
      Die Stimme von Izabella war dünn, beinahe kaum vernehmbar. Und doch wohnte ihr eine Kraft inne, die Perley erschaudern ließ. Aus Erzählungen wusste er, dass die Lynchs Meister der Take-Over-Magie waren, bevor man ihren Sinn erkannt hatte.
      Watson drehte sich zu ihr und sah sie an.
      "Es ist sie", sagte Izabella und wies auf Ember. "Sie soll gesehen werden."
      "Du irrst dich. Keine Magie, keine Spur davon."
      "Rem hat nicht gelogen. August hat nicht gelogen. SIe ist es. Sie wird gesehen..."
      "Was zum Geier...", knurrte Perley und wurde in der Sekunde bleich als Bishop hinter ihm auftauchte.
      Aus dem Nichts! Und er hatte sie nicht einmal gespürt.
      "Das ist zu groß für dich, Jäger", murmelte Bishop und verschränkte die Arme. "Wenn du also nicht für lange Zeit in Dunkelheit leben willst, halt den Mund."
      "Der Jäger bleibt hier mit Marya", beschloss Watson und nickte ihr zu. "Und du...Komm mit uns. Es wird Zeit, dass wir reden."
      Mit einer einladenden Geste winkte er die Polizistin heran und gleichsam in Richtung des Waldes, der sich mirakulöserweise öffnete.


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      Sie gehen eine gefühlte ewigkeit ohne das sich die Szenerie verändert. Wenn Ember mit den Fragen durch ist,die sie haben sollte, wird sie eine Art wabernde Wand sehen.

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    • Ember konnte bis zu ihr spüren, wie Perleys Achtung für die gerade noch tiefer abwärts fuhr als der Mariannengraben. Aber darum ging es nicht. Sie wanderten jetzt schon Ewigkeiten durch diesen Gruselwald, ohne auch nur ansatzweise eine Ahnung zu haben, wie sie August fanden. Diese Ungereimtheit vor ihnen war der erste Anhaltspunkt, den sie nutzen konnten. Sofern sie ihn nicht vorher umbrachten.
      „Pfft, dem Tode geweiht sind wir alle, du Pfosten...“, murmelte Ember leise auf Newgates Ausruf hin und hob die Beretta ein Stück höher. Eine falsche Bewegung und sie würde nicht noch einmal den diplomatischen Weg versuchen wollen. Er hatte die Essenzen also angewiesen.... so so. Dann lag sie mit ihrer Vermutung vielleicht doch nicht ganz so falsch.
      Der neu aufkommende Wind, der nicht mehr ganz so widerlich roch und bedeutsam weniger kühl war, lenkte die Detective ab. Wie Perley reagierte sie auf die Veränderung, allerdings hatte er die Richtung schneller ausfindig machen können als sie. Ihr Blick folgte seiner Bewegung und entdeckte drei neue Gestalten. Es brauchte keine weiteren Worte, damit klar wurde, dass die Neuankömmlinge die Gruppe um August vervollständigten. Embers Kieferlinie spannte sich an als sie abwägte, wer am ehesten als Ziel für eine Kugel herhalten sollte. Einen würden sie im Notfall ohne Waffe standhalten müssen, also wäre Schadensbegrenzung klug. Sofort merkte sie sich jedoch die Namen, mit denen sie sich vorstellten und ließ dann sogar die Waffe leicht sinken. Hätten sie kurzen Prozess machen wollen, dann wäre es schon lange geschehen. Und für Sadisten hielt Ember Augusts Erinnerungsgestalten nicht.
      Gerade holte Ember Luft, um Thomas zu widersprechen, da nahm Izabella ihr den Job bereits ab. Das einzelne Wort, das sie aussprach, ließ sogar die Polizistin zögern. Die Art, wie sie es aussprach und dabei klang erinnerte sie entfernt an... „Dolores....“
      Die Waffe sank vollständig zu Boden. Fragende Blicke wanderten zwischen den Essenzen hin und her. Es traten wieder mehr Fragen als alles andere auf, aber bislang klang es so, als würde man sietatsächlich zu August bringen. Ein Erfolg auf ganzer Linie.
      Trotzdem zuckte Ember erschrocken zur Seite, als Marya aus dem Nichts hinter Perley erschien. Dass keiner von ihnen das hatte kommen sehen, war mehr als nur beeindruckend. Es war vor allem verstörend, wie leichtes ihr gefallen war. Allerdings richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Thomas, als er sie direkt ansprach.
      „Perley, warte einfach. Ich krieg das schon hin. Ich hol ihn zurück“, versicherte Ember dem Hauswirtschaftler mit solch einer Überzeugung in der Stimme, das rein gar nichts in der Welt sie vom Gegenteil hätte überzeugen können.
      Dann gab sie ihm die Waffe zurück, winkte Marya übertrieben lächerlich und stapfte zu Thomas herüber. „Ihr könnt mich gern Ember nennen. Klingt besser als du da.“
      Zusammen mit den Essenzen ließ Ember Perley hinter sich zurück und bald darauf konnte sie ihn nicht mehr sehen, wenn sie einen Blick über die Schulter zurückwarf.

      „Wer oder was soll mich sehen? August? Kein Problem, den suche ich immerhin.“
      Eine Weile lang hatte Ember geschwiegen, nicht sicher, wie genau sie sich verhalten sollte. War das eine Art Test? Musste sie noch so wachsam sein, weil man ihr jederzeit den Kopf abreißen würde? Vor ihr ging Thomas, hinter ihr Izabella und der noch immer röchelnde William. Von Rem war keine Spur weit und breit.
      „Dann hast du ihm den Teufel in den Rücken geritzt? Warum? Er hat mir nie den Umstand erzählt. Wobei er generell wenig von euch gesprochen hat. Er hat euren Verlust nie wirklich verkraftet, glaube ich.... Weiß ich, wenn ich euch hier so sehe.“ Sie stieg über eine weitere von hundert Wurzeln hinweg. „Worüber haben August und Rem nicht gelogen? Und ganz ehrlich, August hat nicht beschlossen, hier sein Dasein zu fristen. Er hat nach mir gerufen, also komme ich.“
      Sie musste ihnen ja nicht die Bandbreite erzählen, was sonst noch zwischen ihnen vorgefallen war. Das sollten sie eigentlich wissen. Wobei... Nur Izabella hatte Ember erkannt.
      „Dolores sieht dir selbst im hohen Alter wahnsinnig ähnlich. Eine wunderbare Frau“, sagte sie über ihre Schulter an Izabella gewandt und kassierte dafür beinahe einen tiefhängenden Ast im Gesicht.
      Nur um dann nach einer weiteren Weile eine seltsam wabernde Wand vor sich zu entdecken. Die Gruppe hatte angehalten und vor ihr Stellung bezogen. Die Bäume fransten wie im Nebel verschluckt deutlich aus und irgendwie hatte Ember gehofft, dass es.... kein Hindernis gab. Sondern dass sie August einfach irgendwo entdecken würde. Egal wo, egal wie.
    • Hinter dem Wald lag ein Tor.
      Zumindest machte es den Anschein, betrachtete man die gigantische Wurzel, die sich ein paar Minuten des Weges vor ihnen erhob. Sie zog einen Halbkreis über der Erde und glich einem Tor in eine andere Welt, durch das die ungleiche Gruppe schritt. Hölzer knackten unter ihren Füßen als sie durch das Dickicht stapften und die Luft kühlte sich merklich ab. Pfeifend brach der Wind durch die Äste und wirkte beinahe wie ein schlechter Ratgeber in dunkler Nacht.
      Während Marya zurückgeblieben war, folgte ihnen nun auch noch Newgate, der hinter ihnen her schlurfte.
      Thomas indes schwieg zu den Fragen, die Ember über die Stille des Augenblicks hinweg stellte. Selbst als Izabella ihm einen Knuff in die Seite gab, schien er nicht locker zu lassen, weshalb die Rothaarige sich an Ember wandte. Ihre Augen leuchteten bei der Erwähnung des Namens ihrer Schwester.
      "Dolores? Sie lebt?", fragte sie begeistert und ein Lächeln legte sich auf ihre Züge.
      Ein Lächeln, frei wie die Morgensonne auf einem grünen Hügel. Strahlend wie ein fallender Stern. Selbst der neutrale Beobachter musste anerkennen, dass Izabella wunderschön war, wenn sie lächelte. Und noch schöner wenn sie lachte, was sie mit einem kleinen Kichern begann, das nach jedem dritten Luftholen in einem kleinen Grunzer endete.
      "Dann hat August Wort gehalten", grinste sie. "Ich habe ihn damals gebeten auf Dolores zu achten, wenn etwas schiefgeht und ich war mir nicht sicher ob...Ich meine...Es war August, nicht wahr?"
      Sie drehte sich zu ihren beiden Freunden um. Thomas grunzte und schüttelte den Kopf und Newgate nickte grinsend.
      "Augusts Nase steckte immer in seinen Büchern", sagte er nasal und richtete seine Nase mit einem ekelhaften Knacken. "Ich habe ihn nie ohne ein Buch gesehen. Oder ohne eine wahnwitzige Theorie."
      Izabella nickte.
      "Ja, das stimmt. Ein fröhlicher, laut lachender junger Mann."
      Thomas und die Gruppe erreichte die wabernde Wand zwischen ihnen. Eine Art Schleier, der die Wirklichkeit verzerrte und das wiedergab, was man zu sehen erhoffte. Ruhig schritt er hindurch und betrat einen weiteren Abschnitt des Waldes. Hier war es noch finsterer, zerklüfteter.
      "Bevor wir ihn erreichen...", begann Watson schließlich und blieb auf einer kleinen Einöde stehen. Hier wuchsen nicht einmal mehr ordentliche Pflanzen und die Bäume wirkten tot. Als hätten sie nie existiert. Dieser ganze Ort mit seinen finsteren Gestaden schrie förmlich nach Trauer und besinnungsloser Wut. Als hätte ein Zauberer ein wunderschönes Eiland zerstört und mit Finsternis im Herzen aufgebaut.
      Selbst jetzt, nach all der Zeit, warf Thomas Watsons Gesicht grausige Schatten über die Welt, als er zu sprechen begann.
      "August Foremar ist ein Monstrum", begann er einhellig und fing sich garstige Blicke seiner Freunde. "Nein, ihr wisst, dass es so ist. August war besessen von der Magie, ihrer Herkunft und dem Tor. Und hätte er damals auf uns gehört, wäre das alles nicht passiert. Niemand von uns wollte derartig früh sterben und ich habe mir selbst nicht ausgesucht so zu sein. Aber Fakt ist, dass du etwas wissen musst, Ember."
      Ein Schweigen legte sich auf die Lichtung, ehe die beiden anderen sich wartend setzten.
      "Rem und August erforschten den Ursprung der Magie. August erkannte als Erster, dass das Sieben-Wege-Tor damit zusammenhing und gleichsam überredete er Rem, mit ihm dieses Tor zu öffnen. Der Grund warum ich ihm den Teufel einritzte, war die simple Tatsache, dass er mir eines Tages, nach meinem Tod, beichtete, dass er wusste, was passieren würde.
      Das er wusste, was geschah, wenn er dieses Tor öffnete und in den Abgrund dessen sah, was er begehrte."
      Izabella schwieg betreten und sah zur Seite. Selbst Newgate war um Worte verlegen.
      "Wir starben für das Bestreben eines Monsters, ein einziges Mal in die Tiefe zu sehen. Das erste Mal sah er es, als er es bei seiner Familie öffnete. Und das zweite Mal, als er mit uns hinein sah."
      Izabella seufzte und räusperte sich.
      "Wie Thomas sagte, gibt es da etwas, das du wissen musst...", begann sie und sah Ember an. "Das Tor, welches uns tötete, war das Dimensionstor. Jedoch das, was er als erstes öffnete, war das Tempus-Tor. Das Tor der Zeit. Und so wie er hinein sah und etwas zu sehen glaubte, so sah auch etwas hinaus. Etwas, das zwischen den Zeiten leben kann."
      Newgate fuhr fort, als er sich aufrappelte.
      "Rem erzählte uns, dass sie eine Frau gesehen hat. Eine Frau mit silbernem Haar. An Augusts Seite. Und das Wesen auf der anderen Seite des Tores...Ein Wesen, dessen Aussehen sie nicht mal beschreiben konnte, habe hinaus geblickt und deinen Namen gerufen. Ember Sallow. Du wirst gesehen, Ember Sallow. Von Niemand anderem als dem Tor selbst."

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    • „Jap, Dolores lebt und führt ein sehr erfolgreiches Etablissement“, antwortete Ember mit einem Schmunzeln. „Hat August und mir schon unter die Arme gegriffen, da wusste ich noch gar nicht, wer sie war. Als er zu mir sagte, er müsse noch ins Freudenhaus, hatte ich nicht an so ein Versprechen gedacht.“
      Nein, sie war stattdessen schon fast an die Decke gegangen. Wobei der Umstand damals noch ein anderer gewesen war. Das Schmunzeln in ihrem Gesicht wurde jedoch zäh als sie in das offenherzige Lächeln Izabellas sah. Augenblicklich fühlte sich ihr eigenes Lächeln fad und kaltherzig an während die Frau neben ihr regelrechte Sonne verkörperte. Wie zur Hölle konnte man diesem Lächeln nicht verfallen? War August ihr verfallen und nicht Rem?
      „Dann habt ihr einen anderen Menschen gekannt als wir.“ Als ich. „Er ist im Hochsicherheitsgefängnis gelandet und dort habe ich ihn rausgeholt. Seitdem ist er eher... eigensinnig. Störrisch. Viele beschreiben ihn als kalt aber das ist er ganz und gar nicht.“
      August als fröhlicher, laut lachender Mann. Das einzige Mal, dass sie ansatzweise diesen August zu Gesicht bekam war in jener Nacht, als sie in seinem Bett gelegen hatte. Wo sie immer wieder gedacht hatte, dass es der nahende Todestag war, der ihn toll werden ließ. Dabei war es völlig anders gewesen. Er hatte einfach die Maske, die er ständig nutzte, fallen gelassen. Nur für sie und sich selbst diesen Abend lang. Sofort kehrte die Enge in ihrer Brust zurück, die sie erst langsam vergaß als sie durch die Schleierwand trat und die Umgebung noch mal trister wirkte. Das hier beschrieb vielleicht, wie es August eigentlich ging. Ein ehemalig schönes Land, nun völlig zerrüttet und verdorrt.
      „August Foremar ist ein Monstrum.“
      Der Blick, den Ember Thomas zuwarf, hätte nicht vernichtender sein können. Man hatte nur das Recht darauf eine Person in seiner eigenen Wahrnehmung zu beschreiben. Was für ihn ein Monster war, konnte für die nächste Person schon etwas gänzlich Anderes sein. So wie für Ember August schon lange kein Monster mehr war. Sie wusste, dass er versessen auf seine Forschungen gewesen war. Dass er Fehler in Kauf nahm. Aber genauso sehr, dass er sich diese Fehler nie vergeben hatte. Dass er die Konsequenzen zu schultern versuchte und unter der Last zu straucheln begonnen hatte.
      Während sich die Anderen setzten, blieb Ember in Thomas' Nähe stehen und hatte die Arme verschränkt, wartend. Und langsam löste sich der vernichtende Blick und wich etwas anderem. Etwas, das sie selbst nicht besser hätte beschreiben können. Mit jedem weiteren Wort weiteten sich ihre Augen bis zu dem Punkt, an dem sie leise sagte: „Er wusste, dass ihr sterbt und hat trotzdem das Tor geöffnet?“
      Wie passte das in die Gleichung? Das konnte nicht alles sein. Da musste mehr dahinter stecken. Wie damals mit dem Deal des Sharokhs. Es musste so sein. Er würde doch niemals seine einzigen und besten Freunde opfern, nur um einen lächerlichen Blick zu riskieren.
      Ein wenig zu gehetzt flog ihr Blick zu Izabella, als diese die Ausführung fortführte. Er hatte schon zwei Tore gesehen. Zwei verschiedene noch dazu. Bereits eines hätte ihn durchdrehen lassen müssen, dass das erste das Tempus-Tor war, war auch schlü.... Moment. Mit keiner Silbe war je erwähnt worden, dass das Tempus-Tor das Erste war, das er gesehen hatte. Sie hatte gedacht, es sei das zweite Mal erst gewesen, dort, als seine Freunde starben. Weil er dort spurlos verschwand und kaum gealtert erschien. Es war andersherum gewesen...
      Allerdings war es Newgate, der dafür sorgte, dass sie langsam keinem Wort mehr rechten Glauben schenken wollte. „Ich war jetzt schon Teil einer Verschwörung, wurde als Mittel zum Zweck benutzt und war wohl Teil einer Prophezeiung. Und jetzt soll ich, als Nichtmagische, irgendetwas mit den Toren zu schaffen haben? Wie viel mehr Zufälle soll es denn noch geben?“
      August wusste es. Wusste, dass sie irgendeine Beziehung zu den Toren hatte und hielt es nicht für nötig, sie zu warnen. Weil er hoffte, dass sie ihn durch die Tore führte? Oder nur dahin, um sicher Einblicke zu bekommen? War das alles nur gewesen weil er seinen Drang befriedigen wollte? Wollte er sie opfern wie er seine Freunde geopfert hatte?
      Ember presste Lippen und Augen zu fest aufeinander, dass sie Sternchen sah. Sie durfte nun keine voreiligen Rückschlüsse ziehen, jedes Wort, das hier gewechselt wurde, konnte an sich schon eine Lüge sein. Nichts hier von war echt, außer das schreckliche Gefühl tief in ihrer Magengegend. Öfter als ihr lieb ist hatte sie erfahren wie es ist, wenn man von Freunden enttäuscht wurde. Aber das, was da schwer in ihr lastete, war nicht mehr einer Freundschaft zu zuordnen. Das hier wog schwerer.
      Und rein gar nichts davon würde dafür sorgen, dass sie auf dem Absatz kehrt machte und ging.
      „Danke für die Auskunft. Ich denke, ihr könnt mir nicht sagen, ob das nun gut oder schlecht ist. Ob ich weiter aufpassen sollte oder nicht. Wie auch. Ihr seid ja nur Essenzen.“ Sie tat einen tiefen Atemzug, dann stapfte sie an Thomas vorbei auf die letzte vor ihnen liegende Waberwand zu. „Nichts davon wird dafür sorgen, dass ich ihn nicht hier raushole.“
      Er hat gerufen, ich werde kommen.
      Damit ließ Ember die Essenzen hinter sich und trat durch die letzte Wand.

      Es waren Versprechen, die Ember bis hier her hatten kommen lassen. Das Versprechen an August, zur Hilfe zu kommen, wenn er sie rief. Das Versprechen an Perley, August zu finden und wieder zu bringen. Das Versprechen an Dolores, auf August aufzupassen. Das Versprechen an sich selbst, ihren eigenen Weg zu gehen.
      Und so fiel ihr Blick, als sie aus der Wand trat, auf einen alten, knorrigen Baum ohne Blätter. Er wirkte ausgetrocknet, tot und morsch in einer feindseligen Umgebung, die nicht mal mehr an den Wald zuvor erinnerte. Am Stamm gelehnt lag jemand und sie brauchte nur eine Sekunde um ihn zu erkennen.
      „August.“ Ihre Stimme war laut genug, dass sie zu ihm drang. Doch er bewegte sich nicht und sorgte dafür, dass sie sich langsam in Bewegung setzte. Von Weitem sah sie, wie sich Adern seinen Arm herauf schlängelten und bis zu seiner Brust und Hals reichten. Schwarze Adern, die aussahen wie der Grund für das Verdorren dieses Landes.
    • Thomas Watson blickte mit den anderen Essenzen der abrauschenden Ember hinterher und sah zu, wie sie durch die letzte Wand der Versicherung ging.
      Erst danach wurde sein Gesichtsausdruck weicher und er vergrub die Hände in den Taschen seiner Jeans. Das Gefühl von Wärme durchflutete seine Körperteile, während er seufzte.
      "Wir haben alles getan, was wir konnten, nicht wahr?", fragte er in die Runde.
      Izabella nickte und sah lächelnd in die tristen Sterne einer öden Welt. Es brannte sich der Eindruck einer verlorenen Frau auf ihr Gesicht, auch wenn das Lächeln noch immer der Morgen einer finsteren Nacht war. Ihre Haare schüttelte sie leicht aus und wischte sich eine Träne von ihrem Gesicht.
      "Wir haben alles getan. Sie muss selbst erfahren, was dies alles bedeutet. Und August muss sich öffnen. Muss ehrlich sein."
      "Er hat Angst, Bella", murmelte William, dessen Nase bereits abgeheilt war. "Denk an diesen Ruairi, den wir gespürt haben. Er ist das, was August nicht sein kann. Frei und unbelastet von der Last jener Erkenntnisse von damals."
      "August ist einer der warmherzigsten Menschen, die ich kenne", sagte Izabella bestimmt und ignorierte Thomas' Schnauben. "Auch wenn du ihm nicht vergeben kannst, Tom. Er ist und bleibt der August den wir kannten. Der Junge, der immer gelacht hat und uns alle mit nervigen Theorien gepeinigt hat. Und ich glaube, zum rechten Zeitpunkt wird er seine Angst überwinden."
      "Der uns geopfert hat", grunzte Watson und sah zu der Gabelung des Wegs. "Und der zu feige war, das Sallow zu sagen. Und auch welche Rolle sie spielt. Wenn sie es erfährt, wird sie ihn fallen lassen wie ein kaltes Stück Fleisch."
      "Da bin ich nicht mal sicher", grinste Izabella und lehnte sich an einen Baum.
      "Wenn er ihr sagt, was er ihrer Familie angetan wird, wird sie es nicht so leicht nehmen."
      "Abwarten...", murmelte Newgate. "Sie ist eine Sallow."
      Schweigsam wies der Zauberer auf den Boden, den Ember gerade noch mit ihren Füßen berührt hatte. Dort, wo die Ödnis auf die Spur traf, wuchs Rosmarin aus den Spuren...

      Die Schmerzen waren ein treuer Begleiter einer einsamen Seele.
      Gewunden und allgegenwärtig beherrschten sie Augusts Verstand beinahe umfänglich. Wie glühende Eisen hatten sich die Adern durch sein Fleisch gegraben und innerlich hatte er sich diesem ergeben. Wie hätte er Ember sagen können, dass die Magie ihn von innen zerfraß? Nicht nachdem sie ihn um Hilfe rief um diesen anderen Mann zu retten. Unweigerlich brachte sein misstrauischer Verstand die Frage auf, ob sie ebenfalls für ihn...
      Nein. Wer würde das schon? Wer würde ihn retten wollen? Nicht nach alledem... Schon einmal war er kurz davor, alles zu verlieren, was er wollte. Vielleicht das Einzige, was er je wollte. Und dann kam dieser Sharokh. Holte ihn aus der Selbstgeißelung heraus in welche er sich nach Bellas Tod geflüchtet hatte. Gott, er würde die Augen der Frau nicht vergessen können, wie sie ihn ansah. Und anflehte es nicht zu tun.
      Aber wie hätte er denn...?
      Eine Stimme drang zu ihm, als er sich dort suhlte. In der Tiefe seines Schmerzes, der sein Herz mit eiserner Hand umklammerte. Schwach und mit flatternden Lidern öffnete er die Augen und sah in die Schwärze seines Selbst hinauf. Er hatte nicht bemerkt, dass ein Baum ihm als Kissen diente und er halb aufrecht angelehnt war. Seine Schultern fühlten sich klamm an als er schwach zu Ember Sallow hinauf sah.
      Natürlich war es Ember Sallow. Wer auch sonst?
      Unnatürlich langsam zeichnete sich ein kaum merkliches Grinsen ab.
      "Hey...", wisperte er durch trockene Lippen.
      Die Stimme nicht mehr als ein Krächzen.
      "Siehst gut aus...Besser als ich mich fühle...Was tust du hier?"
      Schmerzhaft verzog er das Gesicht und sah Ember beinahe entschuldigend an.
      "Na, eigentlich weiß ich, was du hier willst...Hast den Ruf gehört, nicht wahr?", murmelte er und hob die Hand. "Bleib da. Es hat keinen Sinn, Ember. Es ist eine Magiekorruption, die mich auffrisst. Und ich kann sie nicht mehr aufhalten."

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    • Die Schritte, die Ember auf August zu machte, wirkten wie ein Marathon. Wie eine unglaublich lange Strecke, deren Ende immer wieder in die Ferne rückte. Eisern hielt sie ihren Blick auf den Mann am Baum gerichtet, der sich noch immer kaum rührte. Die Adern sahen alles andere als gut aus und wirkten nicht wie etwas, das sie schnell beseitigen konnte. Hatten sie vielleicht recht gehabt, dass er hier seine letzten Momente haben wollte? Wollte er es wirklich ohne ihre Anwesenheit tun? So war der Deal damals nicht geschlossen worden.
      Und dann stand sie plötzlich vor ihm. Sie musste sich nur hinhocken und ihre Hand nach ihm ausstrecken. Er sah furchtbar aus, nicht nur vom körperlichen Schmerz gepeinigt. Ihre Vermutung lag also richtig, dass es nicht nur daran gelegen hatte, dass er sich verrannt hatte. Beinahe hätte sie behauptet, den muffigen Geschmack selbst auf der Zunge spüren zu können.
      Dann regten sich seine Lider und gaben den Blick auf matte Iren frei, die Embers Herz drei Kilo schwerer machten. Hier sah sie nichts mehr von den Mann, dem sie damals im Evenstar begegnet war. Oder dem, der neben ihr im Bett gelegen hatte. Diesen Blick hatte sie vor sehr sehr langer Zeit kurzzeitig selbst im Spiegel bewundern können, ehe sie sich aus ihrem Loch riss. Nur was sie vermochte galt nicht für alle Menschen um sie herum. Schweigend ging sie neben seinen Beinen in die Knie und befand sich auf Augenhöhe mit ihm. Seine Haut wirkte andersfarbig, die Haare strähnig und stumpf. Seine Stimme... seine Stimme war nur noch ein Echo.
      „Du fragst wirklich, was ich hier mache?“, wiederholte sie mit leichtem Unglaube in der Stimme seine Frage und sog die Luft ein. Diese Adern....
      „Bleib da? Sag bloß du hast Angst, du wärst ansteckend.“ Sie versuchte sich die Sorge in ihrer Stimme nicht anmerken zu lassen, doch ihr Erfolg war nur mittelmäßig. Er trug immer noch die gleichen Kleider wie von dem Abend, wo er zu ihr kam. Seitdem hatte er sich hier wohl verkrochen, ob Absicht oder nicht.
      Ember ignorierte seine Warnung und strich August mit einer Hand sanft die Haare aus der Stirn. „Ich bin ein bisschen beleidigt, muss ich gestehen. Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich das auch. Wenn du also rufst, dann komme ich. Du kannst mir noch so viele Essenzen entgegen stellen, die halten mich nicht ab dich zu finden. Ich war vielleicht nur ein bisschen langsam.“
      Sie legte nun beide Hände an seine Wangen und hob sein Gesicht ein wenig an, damit sie es besser begutachten konnte. „Ich hätte gar nicht anders gekonnt. Im PD stand plötzlich ein sehr ungehaltener Hauswirtschaftler und verlangte von mir, seinen – und ich zitiere – Meister zu finden. Wie kann ich dem denn nicht gerecht werden? Und das heißt, dass ich dich hier raus holen werde.“
      Vorsichtig gab Ember Augusts Gesicht wieder frei und fuhr mit sanften Fingerspitzen über seinen Hals und Schulter. Sie hatte von diesen Phänomenen gehört, es aber noch nie in echt gesehen. Demnach wusste sie auch nicht, ob es ein Mittel gab oder nicht.
      „Bisher haben wir noch immer Wege gefunden. Ich bin mir sicher, dass Hakim was weiß. Perley hat schon alles vorbereitet gehabt, wir müssen nur zurück, okay?“
      All ihre Worte waren von einem dezenten Lächeln geschmückt gewesen, einer lautlosen Aufmunterung, die nun von ihr abfiel als sie seinen Blick ein weiteres Mal suchte. Als sie nun weiter sprach, war nichts mehr von der Losgelöstheit zu spüren.
      „DeineFreunde haben mir gesagt, dass wir dich hier zum Sterben allein lassen sollen. Wenn du wirklich allein sein wolltest, dann hättest du mich nicht gerufen. Wenn du es wirklich gewollt hättest, dann wärst du unauffindbar gewesen. Wäre es wirklich soweit gekommen, dann hätte ich dir das nie verziehen, August. Solltest du wirklich gehen, dann ganz bestimmt nicht allein.“
    • Sein Atmen und die Stimme verließen nur ruckartig seinen Körper.
      Als würde wieder und wieder ein Stromstoß durch den geschwächten Leib gehen und ihn davon abbringen, klare Worte oder Atemzüge zu tätigen. Stattdessen wirkte der Zauberer mager und schwach, als er sich der Berührung ergab. Wer wunderte sich, dass diese Frau nicht auf ihn hörte? Es war nicht wirklich verwunderlich, oder? Hatte Ember jemals auf ihn gehört.
      "Ich...", wisperte er und sah ihr schwach in die Augen, hielt kaum ihrem Blicke stand. "Bin nicht ansteckend...Bin...Korrumpiert..."
      Verseucht.
      Von dem, was er liebte. Von dem, was er erforscht hatte über Jahrzehnte. Sachte hob er den aderdurchzogenen Arm und grinste wieder schwach.
      "ist zu weit fortgeschritten...", flüsterte er. "Hat Herz erreicht...Jetzt...Ist es wirklich...Ein schwarzer Klumpen..."
      Keuchend rang sich der Zauberer ein Lachen ab, als er Ember ins Gesicht sah. Soso, Perley hatte also nach seinem Meister verlangt? Hatte sich Sorgen gemacht, was? Und sie? Wo war ihre Motivation.
      Ah, die Essenzen...Ja...Stimmt, er hatte seine Freunde geholt um sie aufzuhalten. August hatte nicht gewollt, dass sie ihn derart verstümmelt bewundern durften. Stattdessen war sie hier. Trotz der Tatsache, dass er nur einmal gerufen hatte. Warum hatte er sie gerufen?
      Weil es nur sie geben konnte, sagte eine Stimme in seinem Inneren, die ihn beinahe erschreckte. Doch sein Leib war zu schwach um eine angemessene Reaktion zu befördern. Schweigsam genoß er die zarten Berührungen an seinem Leib. Gott, wie sehr hatte er sich gewünscht, diese Berührungen in jener Nacht nicht an eben jene zu verlieren? Warum hatte er nicht drauf beharrt?
      August hatte sich mit dem Tod, den Sharokh und so vielen Geistern und Monstren angelegt. Und jetzt gab er auf wegen einer magischen Vergiftung?
      Nur zurück...Ja, das war einfach...einfach zurück. Zurück in ein Leben, das er nicht mochte. Zu Freunden, die er nicht hatte. Zu einer Frau, die ihn nicht liebte. Zu einem Krieg, den er nicht gewinnen konnte. War es nicht ungerecht? Konnte es nicht ein wenig Gerechtigkeit geben?
      Noch ehe sich August versah, hatte sich sein fahler, durchscheinender Leib in die Höhe gehoben. Der verseuchte Arm hing nutzlos an seiner Seite und die Adern setzten sich fort. Wie Krallen gruben sie sich in sein Fleisch und krochen Zentimeter um Zentimeter hinauf.
      "Nicht allein...", wiederholte er.
      Er konnte es spüren. Diese Vergiftung tötete ihn. Und nicht einmal der Tod brauchte einzugreifen. Vielleicht konnte er sie durch das Tor stoßen und dann in Frieden...
      Nein...Nein das war nicht fair.
      Ächzend legte er den gesunden Arm auf ihre Schulter und sah ins Leere. Seine Augen waren starr, beinahe kaum vorhanden, betrachtete man das fehlende Licht in ihnen.
      "Führe mich...", flüsterte er. "Zurück zu dem Tor...Ich sehe nichts...Wenn wir bei Perley sind...Nimm das."
      Sachte glitt seine Hand ins Nichts vor und aus dem Nichts erschien eine Kugel. Sie war blau und von unendlicher Tiefe, als würden sich die Räume übereinander stapeln und sich gegenseitig ansehen. Sie wirkte so unscheinbar und doch vielfältig wie der Zauberer selbst. Witzig, bedachte man die schmale Analogie der Wurzel.
      "Die Essenzen...Sie waren nicht gut zu dir...", wisperte er blind und stützte sich schwer auf Ember, auch wenn es nur eine Hand war. Die Augen des Zauberers sahen ins stille Leere und wünschten doch nur ihr Gesicht zu sehen.
      Die Augen, die vollen Lippen. Nur ein Lächeln. Der Tod nahm einem wirklich jede Freude.

      Spoiler anzeigen
      Die Essenzen sind verschwunden. Der Rückweg verläuft so problemlos wie du willst. Wenn bei Perley, einfach die Kugel zerdeppern. Dann kommen sie zurück in das DnD. Hakim ist noch nicht da.

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