[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • Achtlos zog sich Ember ihren versauten Pulli über den Kopf und warf ihn auf ihr Bett. Danach kramte sie in ihrem Schrank und zog das erstbeste Top heraus, dass sie zwischen die Finger bekam. Es klingelte wie vermutet an der Tür noch während sie den Stoff auseinander faltete, um die Arme und den Kopf durchzustecken. Sie hörte Schritte, das Klacken der Tür, wenn man sie öffnete und dann war sie sich sicher, eine Frauenstimme gehört zu haben. Nur einmal, ganz kurz, aber das würde erst viel später ins Gewicht fallen, wie sie feststellen müsste. Sie hatte gerade ihr Oberteil gerichtet, da rummste es plötzlich und Ember hatte zu oft gehört, wie sich Körper anhörten, die zu Boden gingen. Ihr Herz sank ihr bis in die Knie als sie eilig aus dem Schlafzimmer trat und beinahe auf Ruairi getreten wäre, der regungslos im Flur lag.
      „Ruairi?!“
      Eine Sekunde später war Ember neben Ruairi auf dem Boden, die Augen vor Schreck geweitet. Der Mann lag absolut regungslos auf dem Boden, die eine Hand am Herzen ins Shirt gekrallt, die andere krampfhaft um eine Schachtel geschlossen. Geschlossen waren ebenfalls auch seine Augen und Ember senkte den Kopf, um seine Atmung zu prüfen.
      Nichts.
      Ihr Blick glitt dabei zur Tür, die noch immer weit offen stand. Jemand hatte ihn angegriffen während sie im Zimmer nebenan war. Es war unwahrscheinlich, dass ein S-Klasse Caster das Ziel gewesen war. Höchstwahrscheinlich hatte derjenige damit gerechnet, sie anzutreffen. Während ihr all dies ins Hirn sickerte, fühlte sich ihr Gesicht brennend heiß an. Es dauerte eine weitere Sekunde ehe sie Begriff, dass das Gefühl nicht von ihrer Gefühlslage herrührte. Derjenige, der dort gestanden hatte, führte eine Aura mit sich, die sie spüren konnte.
      „Ruairi, hörst du mich?! Hey!“, versuchte Ember erneut und ignorierte die offenstehende Tür vorerst. Mit all ihrer Kraft löste sie seine geballte Hand von seinem Herzen und suchte nach dem Puls.
      Nichts.
      Ihr wurde langsam aber sicher ganz anders. Das hier war schlecht, richtig schlecht, und alle Anzeichen standen auf Rot. Hastig beugte sie sich über sein Gesicht, hielt seine Nase zu und versuchte, ihm Luft einzublasen. Aber es war, als puste sie gegen eine Wand. Ihr Atem war abgehackt, als sie ihre Hände auf seinen Brustkorb legen wollte, davor jedoch zurückschrak. Es gab rein gar nichts Raues, das sie hätte spüren können, doch genau dort wo sein Herz war, fühlte es sich unheimlich kratzig und rau an. Andersartig und nun wuchs echte Panik in ihr. Ein Sanitäter würde hier nichts ausrichten können. Bis dahin wäre Ruairi längst erstrickt. Es gab allerdings jemanden, der schneller als jedes Fahrzeug war und so sehr sie es auch hasste, ihn erneut in einem Moment der absoluten Hilfslosigkeit zu rufen, sprang Ember auf die Füße und stolperte zu ihrer Tasche, um dort das Handy herauszukramen. Noch während sie zurück zu Ruairi flog, wählte sie Augusts Nummer und stellte auf Laut. Das Handy landete irgendwo auf dem Boden als Ember Ruairi unter den Achseln packte und soweit in ihre Wohnung zog, dass sie mit viel zu viel Kraft ihre Wohnungstür zuschlagen konnte.
      „Shitshitshitshit, verdammter!“, fluchte Ember weiter als nur die Mailbox dran ging und sie die Wahlwiederholung drückte, nur um dann wieder bei Ruairi zu sein. Das Kribbeln, das ihn sonst immer begleitete, war wie weggewaschen worden. Nur das Raue an seinem Herzen war noch da und darunter kein Herz zu spüren.
      Da wurde die Verbindung am Handy aufgebaut.
      „August, ich brauch' dich!“, rief sie und wusste, dass das vermutlich schon gereicht hätte, um ihn zu mobilisieren. „Ruairi MacAllister stirbt. Bitte!....“
    • August Foremar war durchaus ein Mann der Geduld.
      Nein, war er nicht. Eine Lüge, geneigter Leser, eine fade. August war viel eher kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Der Würfel in seiner Hand hatte sich gerade noch irgendwie falsch angefühlt und beinahe hätte er ihn auf den kleinen Tisch geworfen um zu sehen, was an dieser merkwürdigen Aura dran war, die er um das Artefakt spürte. Er musste genau hinsehen, beinahe übergenau warten, bis sein Leib verstand, wie diese Aura zusammen gesetzt war. Langsam näherte sich sein Gesicht dem Artefakt und stark konzentriert verblieb seine Aura auf seinen Augen ehe er zusammen zuckte und den Tisch bveinahe umstieß.
      "Au, verdammter Eselsdreck!"; fluchte er und riss das Telefon aus dem zweiten Sessel. Er achtete nicht einmal darauf, wer anrief, sondern drückte den schmalen KNopf auf dem Bildschirm und fauchte: "Was?!"
      Embers Stimme klang angestrengt und nahe zu verängstigt, was ihn alleine bereits aus dem Sessel katapultierte. Sie brauchte ihn...War es verwerflich, ein gutes GEfühl zu entwickeln, wenn eine Frau diese Worte sagte? In diesem Falle wollte er bereits grinsen und Luft holen, um ihr zustimmend zu antworten, ehe sie die letzten Teile des Satzes aussprach.
      Ruairi MacAllister...
      Nun, warum nicht? Rein taktisch gesehen, war es gut, wenn er starb. Jedoch kam ihm Embers aufgeregte Stimme derart merkwürdig vor, dass es seinen Blick merklich verdüsterte, ehe er mit einem Wink ein Portal zu ihrer Wohnung öffnete. Sie hatte ihm nicht gesagt, wo sie waren, aber aus irgendeinem Grund wusste er, dass er sie mit ihm dort in dieser Wohnung vorfinden würde.
      August warf das Handy in seine Tasche und trat durch das schmale Portal hindurch, nur um eine Szene des Chaos' gewahr zu werden. Auf dem Boden lag ein Ruairi MacAllister, dessen Augen wie betreten an die Decke starrten. Sein Leib war regelrecht verzerrt, eine Hand griff blind nach seinem Herz. Röchelnd versuchte er nach Luft zu ringen, die er niemals finden würde. Irgendetwas an dieser Szene und dem Ausdruck in Embers Gesicht sagte ihm, dass es nicht angebracht war, diese Zusammenkunft in Frage zu stellen. Er hätte einfach auf Noland hören sollen...
      Und eigentlich hatte August es ja auch geahnt. Nur nicht mit ihm...
      Schweigsam trat er eiligen Schrittes an den leblosen Körper heran und fühlte mit seiner Hand über der Brust des Casters. Wahrlich, seine Aura war gewaltig. Die S-Klasse hatte eindeutig mehr zu bieten als er dachte, jedoch erschien eine Sache merkwürdig...
      "Es gibt kein Herz..:", murmelte August und fühlte über der entsprechrende Stelle mehrmals. "Unmöglich...Da muss doch..."
      Doch auch tiefer...Nichts davon erschien real was er zu fühlen glaubte. Denn er fühlte nichts. Nicht einmal wenn er sich anstrengte. Es war nicht dort, es war nicht an Ort und Stelle...
      Schweigsam hielt er inne und wollte bereits ein vernichtendes Urteil abgeben, ehe er den Ärmel seines weißen Hemdes von seinem linken Arm löste. Noch immer prangte dort ein Verband von der letztmaligen Begegnung mit einer mächtigen Magie, ehe er seine Hand auf die Brust des Zauberers legte.
      "Halt Abstand", sagte er nur und begann in der Sekunde mit der Absorpion.
      In diesem Falle war die Aura nicht gewaltig, sondern glich eher einem feinen Sog, der sich stetig ausbreitete. Die Finger des Rogue bohrten sich in die Brust des Casters während dieser zu einem stummen Schrei ansetzte. Ein Rumpeln glitt durch die Wohnung, als löse man schwere Schrauben aus den Wänden und August verzog das Gesicht in Schmerz und anhaltender Wut über das, was er vorfand.
      Nicht nur, dass das Herz dieses Mannes an einen anderen Ort gebracht wurde, sondern auch die Tatsache, dass Jemand derartig mächtige Magie wirken konnte, machte ihn wahnsinnig.
      Jedoch war es erstaunlich...Je Länger er über dem Caster kniete und die Magie aus ihm herauszog, desto mehr kribbelte sein Arm und schien die Wunden unter der Haut zu heilen. Als wäre die KRaft, die sich ihm darbot, beinahe heilender Natur...
      Nach einer kurzen Zeit, es mussten Minuten oder Stunden gewesen sein, riss er mit einem Schrei die verbrannte Handfläche von der Brust des Casters und stolperte zurück gegen das treue Sofa.
      Nur um Sekunden darauf einen röchelnden Atemzug von Ruairi zu vernehmen, der gierig nach Luft geiferte und mit erschrockenen Augen zu Ember sah. Schwer atmend saßen sich die beiden Zauberer gegenüber und starrten sich beinahe unwirklich lange an, ehe Ruauri den Kopf auf den Boden legte.
      "Foremar", keuchte Ruairi.
      "MacAllister...", flüsterte August und rieb sich den linken Arm.
      Erst danach erhob er sich auf die Füße und sah Ember für einen kurzen Moment an, ehe er sich wieder dem Caster zuwandte.
      "Wer war das?", fragte er schließlich an Ember und Ruairi gewandt.
      Dieser keuchte und kämpfte sich auf die Ellenbogen hinauf, ehe er sich mit der anderen Hand durchs Gesicht fuhr.
      "Eine Frau...", flüsterte er, noch immer Luft geifernd. "Eine junge Frau...Dunkles Haar...Recht klein..."

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    • Quälend lange Sekunden verstrichen, in denen Ember Ruairi mit geweiteten Augen anstarrte und ihn an verschiedenen Stellen am Körper berührte. Keine Sekunde lang zweifelte sie daran, dass August nicht kommen würde, aber die Zeit schien ein gänzlich neues Konstrukt bekommen zu haben. Noch bevor sich das Portal öffnete spürte sie an ihrer Schulter ein neues Gefühl, eine neue Aura, und da wusste sie, dass er kam. Ihre Lippen waren nur noch ein schmaler Strich als sie zu August aufsah, als sei er der Messias persönlich.
      „Wie, er hat kein Herz??“, wiederholte sie in einer Stimmlage, von der sie selbst nicht wusste, was sie sein wollte. Als August dann in Stille verfiel, verschlimmerte sich die ungute Ahnung und ernsthafte Angst machte sich in ihr breit. Was, wenn selbst er nichts ausrichten konnte? Wo kein Herz mehr war...
      Doch dann befreite August seinen bandagierten Arm und wies Ember an, Abstand zu nehmen. Was sie auch tat indem sie auf ihrem Hosenboden zurückrutschte und vergaß, wie man sprach. Wie man dachte. Aber ganz bestimmt nicht, wie man fühlte. Diese Angst war so echt wie die Tatsache, dass sie gerade die zwei Männer zusammengebracht hatte, die sie immer getrennt halten wollte. Eine gefühlte Ewigkeit befand sich Ember in dieser Starre und sah stumm dabei zu, wie August tat, was auch immer er tat. Als sich irgendwann ein Schrei löste und August zurückschreckte, zuckte auch Ember unwirsch hart zusammen. Ihr Blick hatte gerade noch auf August gehaftet, der mit ihrem heiligen Sofa kollidiert war, nur um dann zu Ruairi zu zucken, kaum stieß dieser einen Atemzug aus. Ihre Blicke trafen sich, und während seiner größtenteils schockiert war, war ihrer weniger sorgenvoll. Ein viel zu lang angehaltener Atemstoß entwich ihrer Brust als sie sich endlich wieder etwas mehr entspannen konnte.
      Auf die Frage hin, wer das war, konnte Ember rein gar nichts sagen. Der Pizzabote war es bestimmt nicht gewesen. „Ich hab denjenigen nicht gesehen. Nur seine Aura gespürt.“ Noch immer ärgerte sie sich darüber, nichts mitbekommen zu haben. Und über die Tatsache, dass sie sich nicht traute, so eng mit Ruairi umzugehen, wie sie es sonst tat. Der Grund dafür stand ein paar Meter entfernt und ein mulmiges Gefühl beschlich sie. Noch während Ruairi kurz beschrieb, wem er die Tür geöffnet hatte und sich dabei auf die Ellbogen kämpfte, klackerte es. Embers Augen folgten dem Geräusch und entdeckten die Schachtel und das Pergament. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen als sie danach griff und zuerst den Zettel entfaltete. Die zwei Worte, die darauf standen, hätten alles bedeuten können. Immerhin stand ihr Name an der Klingel. Doch der Inhalt der Schachtel war deutlich pikanter. Einzig den Deckel hob sie an und ihr Blick wurde diffus als sie erkannte, was dort drin lag.
      Ohne dass sonst jemand den Inhalt gesehen hatte, schloss Ember die Schachtel wieder.
      „Hatte sie einen beschissenen Akzent?“, fragte Ember augenscheinlich völlig aus dem Kontext gegriffen. Sie warf Ruairi einen durchdringenden Blick zu, der diese Frage angesichts des kurzen Austausches nicht beantworten konnte. Noch bevor ein weiteres Wort fallen konnte, stand sie auf, eilte in ihr Büro und stellte die Schachtel dort ab während sie nach ihrem Notizbuch suchte. Zurück kam sie mit einer aufgeschlagenen Doppelseite, die eine Skizze von dem Mädel zeigte, die Ember nach Nolands Angriff gefunden hatte. Die, die kein Nachnamen hatte und deren genannter Vornahme wohl auch nicht stimmen mochte.
      „Sah sie so aus?“ Mehrmals tippte sie auf das Bild, das sie Ruairi zeigte. Wenn er es bejahte, dann war die Idee, mit Perley auf die Jagd zu gehen urplötzlich viel weniger erschreckend.
    • Die Situation glich einem merkwürdigen Labyrinth aus Einzelteilen.
      Auf der einen Seite war dort August, der immer noch wie hypnotisiert zu Ruairi und Ember starrte. Und das im abwechselnden Rhythmus. Der unaufmerksame Beobachter mochte erkennen, dass er es vielleicht aus gesprächstaktischer Hinsicht tat, jedoch war es anders. Sein Verstand begriff nicht, wie einfältig er gewesen war, zu glauben, dass Ember und er...So ein Irrsinn, verfluchter!
      Innerlich wollte er schreien und seinen Trainingsraum in Schutt und Asche verwandeln und doch gab ihm nur der pochende Schmerz in seinem lädierten Arm, der noch schlimmer aussah als vorher, den Halt, den er brauchte.
      Die frisch verheilten Wunden waren wieder aufgeplatzt und rasch wickelte er die Verbände wieder um die blutenden Stellen, ohne den Teppich voll zu kleckern. Der Teppich, auf dem sie...Lass das, August!
      Er nickte zu den Ausführungen und doch war August erstaunt, über Embers plötzlichen Themenriss. Sie wusste etwas...Sie ahnte etwas. Selbst Ruairi blickte sie regelrecht erschrocken an, während er sich entspannte und den Kopf schüttelte.
      "Zu den Akzenten kann ich nichts sagen", murmelte er kurzatmig. "Sie hat nur "hi" und "bye" gesagt. Aber das Bild trifft es. Aber sie trug keine Brille. Aber es kommt hin."
      Schweigsam versuchte auch August einen Blick auf das Bild zu erhaschen, weshalb er den beiden unliebsamerweise näher kommen musste. Rasch flog sein Blick über die Zeichnung und doch sagte sie ihm nichts. Jedoch waren die Augen der jungen Dame durchaus bemerkenswert. Und er hatte diese Augen schon mal gesehen...
      "Hat sie einen Namen?", fragte August und sah Ember an. Diesmal nur Ember.
      "MacAllister sollte sich ausruhen", murmelte August und erhob sich wieder aus der Hocke. "Ein bis zwei Tage Ruhe."
      "Ich sags nicht gern, aber...Danke", keuchte Ruairi und streckte seine Hand aus.
      Erstaunlicherweise nahm August diese an und schüttelte sie kurz.
      "Niemand verdient einen solchen Tod."
      "Was ist mit mir geschehen? Ich...Ich hatte keine Chance, zu..."
      "Zaubern? Konnten Sie auch nicht. Sie hat Ihr Herz und damit den zentralen Punkt Ihrer Auragenerierung versiegelt und in eine andere Dimension gesperrt. Egal, wer diese Frau ist: Sie ist verflucht mächtig und offenbar rücksichtslos wenn es darum geht, Menschen zu töten..."

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    • Ember stieß einen scharfen Atemzug aus. Das Bild traf es also. Ergo war es wirklich dieses Miststück gewesen, dass sich einfach so an sie herangeschlichen hatte. Wenn es dieser ominösen 'Clara' darum gegangen wäre, Ember der gleichen Gefahr auszusetzen, dann hätte sie ihr damals in der Wohnung wesentlich einfacher den Gar aus machen können. Wäre da nicht diese Schachtel und die Notiz gewesen, hätte sie auch beinahe einfach mit dem Glauben gehen können, dass das Mädel sie noch immer irgendwie auf dem Kieker hatte. Was wiederum bedeutete, dass sie Ruairi willentlich dieser Gefahr ausgesetzt hatte. Was wiederum bedeutete...
      Anstatt dass der Detective die Farbe aus dem Gesicht wich, lief sie vor Wut sogar leicht rot an. Üblicherweise teilte sie die Inhalte ihres Buches nicht sonderlich gerne, jetzt allerdings hielt sie es recht energisch auch August hin als dieser Interesse bekundete. „Das dürfte dann das gleiche Miststück sein, dass mich nach Nolands Angriff hier 'besucht' hat. Die mit Sicherheit nicht Clara heißt. Ruairi, du hattest diese Beschwerden schon vorher. Wenn die das war, dann hatte sie dich schon länger im Visier. Sie wusste, dass du jetzt gerade bei mir warst. Damit du mir was gibst.“ Sie hatte in ihrer anderen, geballten Faust noch den Pergamentfetzen, den sie unwirsch auseinander faltete nachdem sie ihr Buch geschlossen zur Seite gelegt hatte. Sie präsentierte die zwei Worte Ruairi, wobei ihr auffiel, das August auch hier ein besonderes Interesse pflegte. Wie hätte es auch anders sein sollen. „Das Gör hat dich ohne mit der Wimper zu zucken niedergestreckt. Weil du mit mir in Kontakt stehst. Dann wird sie wohl auch wissen, dass wir zwei noch in Kontakt stehen.“
      Sie wandte sich an August, noch immer dominierte das Feuer ihre Stimme. Nichts war mehr von der Angst zu hören, die sie noch ein paar Minuten zuvor heimgesucht hatte. Stattdessen sah sie dabei zu, wie sich Rogue und Caster die Hände reichten und eine Gänsehaut jagte ihr kurz über die Haut bei dem Anblick.
      „Was bedeutet, dass ich dieses Gör finden muss. Was fällt diesem Balg eigentlich ein...“, murmelte Ember leise während sie Ruairi an den Schultern zurück an die Wand drückte und ihn anwies, dort noch einen Moment zu verweilen. „Komm erst mal richtig zu Atem, ja?“
      Ihr Blick richtete sich auf August. Oder besser gesagt, seinen Arm. „Ich dachte, Hakim würde dir helfen statt.... was auch immer. Warte.“
      Sie verschwand eilig im Bad und kam mit einem Handtuch zurück, das sie unerwartet sanft um seinen Arm wickelte. Zusätzlich. Sie spürte, wie er unter ihren Berührungen zusammenzuckte und mit dem Wissen, dass Ruairi gerade nur ihren Rücken sehen konnte, wurden ihre Augen eine Spur weicher als sie Augusts Blick begegnete. „Wenn sie einen S-Classe Caster so einfach überwältigen kann, gilt das auch für dich. Ich sag's gern nochmal, aber ich habe echt wenig lustig drauf, dass einer von euch oder sonst wer in meinem Bekanntenkreis wegen mir angegriffen wird.“
      Vielleicht sollte sie die Beiden anweisen, nicht mehr mit ihr allzu viel Zeit zu verbringen. Vielleicht reichte das schon aus, um den Angreifer von ihnen wegzuhalten. Scheinbar hatte er eine Agenda mit Ember und mit sonst niemanden. Trotzdem. Dass sie Ruairi so einfach niederstrecken konnte und sogar von August anerkannt worden war, beunruhigte Ember mehr als vieles andere in letzter Zeit. Wer wusste, ob diese Person schon seit längerem in ihrem Schatten ein Auge auf sie geworfen hatte?
    • Vielleicht waren es die Schmerzen...
      Vielleicht war es auch die Aussicht, dass sie Ruairi MacAllister derart vertraut berührte. Vielleicht war es auch das Handtuch, das sich um seinen Arm fand und dessen Zweck er nicht verstand. Doch August fühlte, je länger diese Unterhaltung ging, eine nicht enden wollende Wut aufwallen. Dachte sie wirklich...? Für einen kurzen Moment dachte er noch, dass Ember Sallow vielleicht nicht wirklich bei Verstand, ehe er durchatmete und Ruairis Sprechversuch in seine Richtung im Keim erstickte.
      "Herrgott, Sallow!", donnerte er so kräftig er konnte. Durch die zwei Worte und die Emotion, die darin lag, klang seine Stimme eher wie ein Knurren und das Geschirr in den Schränken vibrierte leicht, sodass ein sanftes Klirren durch den Raum glitt. "Wie wäre es, wenn du mal zwei Gänge zurückschaltest und deinen Kopf aus deinem Hintern ziehst?"
      Keuchend lehnte er sich gegen die Wand und verzog das Gesicht vor Schmerzen, als er sich den Arm schlingenartig vor den Bauch hielt. Ruairi indes begehrte auf, doch begann ebenfalls wieder zu keuchen und schüttelte den Kopf.
      "Red...nicht so..."
      "Halt den Rand!", knurrte August und sah Ember an. "Fürs Erste: Du möchtest dieses Gör finden? Das einen S-Klasse-Caster mal eben niederstreckt. Du und welche Armee? Denkst du, dass dein Training mit Perley dafür ausreicht, Sallow? Oder sucht hier jeder verschissene Vollidiot nach dem nächsten Himmelfahrtskommando?"
      Er war schließlich einer davon...Mäßige dich, August...Mäßige dich, oder du verlierst sie...
      Klappe! Muss raus!
      "Werde...ihr helfen...", krächzte Ruairi und sah August böse an.
      "Klar. Sicher! Tolle Idee! Fan-fucking-tastisch!", donnerte August und stieß sich von der Wand ab. "Ihr überlebt keine Sekunde mit diesem Weib und soll ich dir sagen, was dann passiert? Vermutlich grillt sie zuerst deinen Arsch und anschließend Embers. Und ich darf wieder die Reste von den Wänden kratzen! Ja, sie wird mich genauso leicht übertölpeln können, das stimmt!"
      Er nickte zu Ember.
      "Du hast vollkommen Recht", sagte er erneut, merklich ruhiger und unter der Wut war mehr. EIn Gefühl, dass er lange nicht gefühlt hatte. Verzweiflung. "Sie wird uns alle mühelos wie Spanferkel ausnehmen und ich darf zusehen! Und dann kriege ich gesagt, dass DU keine Lust drauf hast, Menschen zu verlieren? Komm auf mein Level, Sallow!"
      Schnaubend drehte er sich um und öffnete mit der gesunden Hand ein Portal.
      "Ruh dich aus, MacAllister", knurrte er und sah nochmals zu Ember. "Achte auf ihn."
      Noch ehe er seinen Fuß durch das Portal setzen konnte, hustete Ruairi und rief:
      "Warte..."
      "Was?!"
      "Warum...", begann er krächzend und hielt sich die Brust, als er sich räusperte. "Warum hast du die Aura meiner Schwester? Ich habs gefühlt..."
      Kurz wurde der Rogue bleich. Nun, vielleicht bleicher als sonst, wenn man ehrlich war. Konnte er es bemerkt haben? Nur wegen diesem kurzen Zauber? In einer Totenstarre? Wie?
      Schweigsam und kopfschüttelnd begegnete er Ruairis Blick.
      "Ein andermal, MacAllister", flüsterte er, dann sah er nochmals zu EMber. "Tut mir Leid."
      Mit einem weiteren Schritt war er verschwunden.

      Auf der anderen Seite erwartete ihn nichts. Ein dunkler Raum, kein Feuer oder warmer Boden. Er befand sich in einem Verlies. Kalte Wände, der Stein war grob und feucht. Es roch nach Verwesung und dem Staub der Jahrtausende. Die Zelle, in die August gegangen war, maß der Schritte drei auf drei. In der Höhe waren es zwei. Winzig geradezu.
      Und noch ehe der Zauberer sich fragen konnte, was geschehen war, brach er zusammen, dem Schmerz unterlegen.

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    • Es war schon lange her, dass Ember derart außer Konzept gerissen worden war. Als August plötzlich so anders reagierte konnte sie nicht schnell genug schalten. Ruckartig zog sie ihre Hände von ihm zurück und starrte ihn mit geweiteten Augen an. Ein Großteil davon lag in dem Tonfall veranlagt, doch seit Ewigkeiten hörte sie ihren Nachnamen aus seinem Mund. Das war schon so lange nicht mehr so vorgekommen, dass sie ganz vergessen hatte, wie es sich anhörte.
      Als er sich gegen die Wand lehnte stand Ember zwischen zwei Fronten, die eigentlich das gleiche wollten. Sie wusste es und ging trotzdem nicht gerecht mit beiden Seiten um. Hinter ihr hörte sie leise Ruairi sich einmischen, zu dem sie sich am liebsten umgedreht und gekümmert hätte. Zeitgleich würde sie sich nicht von August abwenden wollen und befand sich genau dort, wo sie in der Realität auch stand. Zwischen den Männern.
      August fuhr mit seinem Ausbruch fort, den Ember langsam als solchen erkannte. Sie sah, wie sich seine Miene verzerrt hatte und er seinen Arm hielt, dass er Schmerzen litt. Er hatte Ember mit Ruairi in ihrer Wohnung gefunden und Fetzen aus vergangenen Gesprächen kehrten aus ihrem Unterbewusstsein zurück. Er hatte damit gerechnet, dass sie jemand anderen gefunden haben könnte und sich mit ihm traf. Und das hier sah mehr danach aus als alles andere. Ihre Augen verengten sich allerdings bei einem entscheidenden Aspekt, den August in seinem Ausbruch scheinbar vollkommen vergaß. Und bei den späteren Worten, die er an sie richtete. Es kostete sie aller größte Mühe, ihm nicht das Wort abzuschneiden und ihn mit der gleichen Intensität niederzuschreien, wie sie es schon einmal getan hatte. Aber nicht jetzt. Nicht, nachdem er wirklich ihrem Ruf nachgekommen war und geholfen hatte. Nicht, nachdem er das hier vorgefunden hatte und vermutlich auf ihre Worte einfach überreagiert hatte.
      Trotzdem ließ sich die schwelende Wut in ihrer Brust dadurch nicht lindern.
      Am Ende holte sie tief Luft und verschränkte die Arme vor der Brust. Lass ihn gehen, sagte sie wie im Mantra gedanklich immer wieder zu sich selbst während er sein Portal aufriss und sich anschickte, zu gehen. Es war Ruairi, der ihn aufhielt und ihn etwas fragte. Just in diesem Moment fiel alles aus ihrem Gesicht und sie konnte nur noch Augusts Blick begegnen bevor dieser in seinem Portal verschwand.
      Etliche Sekunden stand Ember einfach nur da und starrte die Luft an, durch die der Rogue verschwunden war. Dann übermannte ein wilder Mix aus Emotionen sie und fluchend schlug sie mit der Faust so kräftig gegen die Wand, dass sie bereits einen Augenblick später weiter fluchte und kurz in die Hocke ging, während sie ihre Hand an ihre Brust drückte. Eilig blinzelte sie ein paar Tränen weg, die in Wahrheit verschiedener Herkunft waren. Weitere Sekunden vergingen, in denen ihr Kopf einfach nur nach vorn gesackt war und sie auf nichts reagierte. Dann drehte sie sich unangekündigt zu Ruairi um und rutschte auf dem Boden zu ihm herüber. Ihre Miene war sich uneins darüber, welches Gesicht sie nun machen sollte und entschied sich dahingehend für einen Mix aus mehreren.
      „Geht's dir besser?“, fragte sie leise wobei ihre Stimme angestrengter ruhig klang als sie sollte. Sie war noch nie der Typ gewesen, der Ausbrüche dieser Art leicht einsteckte. „Immerhin hat er dir geholfen und dir ist nichts weiter passiert. Das sah zwischendurch....“ Sie merkte, wie ihre Augen leicht brannten und sie musste kurz zur Decke schauen, um nicht die Fassung zu verlieren.
      „Du wirst mir nicht helfen. Und ich werde auch nicht einfach kopflos nach dem Mädel suchen. Aber wenn sie mich hätten töten wollen, hatte sie mehr als genug Chancen dazu.“ Dessen war sich Ember mittlerweile sicher. „Immerhin hab ich versprochen, mich nicht wie eine Lebensmüde Kopf voran in alles zu stürzen.“
      Sie versuchte ein schmales Lächeln, aber so recht wollte es ihr nicht von den Lippen gleiten. Ihre Finger, die unterdessen eiskalt geworden waren, tasteten sich langsam über Ruairis Arm zu seiner Brust, wo sie seine Atmung und sein Herz schlagen fühlen konnte. Das entspannte sie ein wenig mehr.
      „Du verstehst aber, warum ich nicht wollte, dass ihr euch auf so einer Art begegnet? Ich wusste, dass dir nicht gefällt, wie er spricht. Oder was er treibt...“ Sie seufzte bevor sie einmal seine Hände kurz drückte. „Ich hol dir ein Glas Wasser, Moment.“
      Damit pilgerte sie in die Küche und organisierte das versprochene Glas Wasser. Dann kehrte sie zu Ruairi zurück auf den Boden und musterte ihn.
      „'Clara' hat dir einen dieser Würfel für mich in die Hand gedrückt. Das war in der Schachtel in deiner Hand.“
    • Ruairi brauchte noch einen Moment, um diesen beinahe unrühmlichen Abgang zu realisieren.
      Immer wieder und wieder spielte er die Möglichkeiten in seinem Kopf herum, um zu verstehen, weshalb ein Rogue, ein Arkana, die Aura seiner Schwester besaß. Als würde sie ihm gehören...
      Verwirrt rieb er sich den Kopf und nickte Ember zu als sie ihn nach seinem Zustand befragte. Es tat gut, ihr Gesicht zu sehen auch wenn ihre Reaktionen zu August merkwürdig erschienen. Sicherlich, er wusste, dass sie intim geworden waren und derartige Dinge nun einmal geteilt hatten. Aber die Reaktion des Rogues war durchaus bemerkenswert.
      "Ja, das hat er. Anstandslos, muss ich sagen", murmelte er und sah Ember lächelnd an. Der Schweiß tropfte ihm von der Stirn während er sich innerlich fragte, wieso er nichts hatte tun können. "Meinem Herz geht es gut und das obwohl es...nicht da war?"
      Ein merkwürdiger Umstand, auch wenn er wusste, dass die Roguemagie durchaus andere Grenzen kannte als die Schulmagie. Jedoch derartiges war ihm bisher nicht unter gekommen.
      Sachte legte er eine Hand an ihre Wange und lächelte.
      "Alles gut", flüsterte er. "Ich lebe und lasse nicht zu, dass Ember Sallow eine Träne um mich weint."
      Auf ihre nächsten Sätze hin verdüsterte sich sein Blick merklich, auch wenn er äußerlich sehr gelassen blieb. Warum hätte sich Ruairi auch aufregen sollen? Er kannte Ember zumindest derart gut genug, als dass er wusste, dass sie sich nichts ausreden ließ, was sie beschlossen hatte. So blieb ihm nur zu seufzen und sich gegen die Wand zu lehnen.
      "Ich weiß, ich kann dich nicht aufhalten", flüsterte er. "Aber ich kann dir helfen. Wenn ich nicht gerade erstickend am Boden liege, bin ich recht fähig in Magie und GEschichte, falls du es noch nicht weißt..."
      Versuchte Ironie, tolle Idee, Ruairi. Fütter das Trauma...
      "Sorry, ich wollte witzig sein. Ich verstehe warum das so nicht wolltest, wobei ich sagen muss, dass ich ihn mit tatsächlich schlimmer vorgestellt habe...Als er mich berührt hat...."
      Fort war sie. Glas Wasser? Brauchte er eines? Hatte er danach verlangt? Er wusste schon nicht mehr wie viel Uhr es eigentlich war. Dennoch nahm er die Flüssigkeit dankbar an und nickte, ehe er sie wie einen Kurzen herunter schüttete. Das kühle Nass zerriss ihm beinahe die Speiseröhre aber kühlte seinen Leib wunderbar. Er hätte drin baden können, in diesem Tau der Götter...
      Den Geschmack nach Blei und Londoner Toilettenhäusern ignorierte er geflissentlich.
      "Ein Würfel...", flüsterte er. "Du meinst einer wie bei diesem Spiel? Dices? Zeig ihn mir bitte!"
      Noch ehe sie sich erheben konnte, griff er nach ihr und sah sie an.
      "Foremar...Ember, als er mich berührt hat, habe ich etwas gespürt...Er stirbt. Er stirbt rasant. Während er mir seine Aura gegeben hat um zu heilen, hat er das ausgesaugt, was mich blockiert hat. Mit jeder Sekunde, die er das getan hat, habe ich gespürt, wie sein Lebensgeist schrumpfte. Vielleicht..."
      Gott, ich hasse mich dafür...
      "Vielleicht solltest du ihn warnen", wisperte er.

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    • „Mhm, genau so ein Würfel, würde ich sagen. War mir klar, dass du ihn sehen willst. Ich hab die Schachtel erst einmal außer Gefahr gebracht, sie steht nebenan, ich kann sie -“
      Ember war bereits halb am Aufstehen, da langte Ruairi nach ihrem Arm und hielt sie auf. Sanft, ohne jegliche Gewalteinwirkung hielt er sie an Ort und Stelle ehe sie die Anzeichen dafür gab, einfach bei ihm sitzen zu bleiben. Als er ihr dann mit seinen eigenen Worten beschrieb, wie sich Augusts rapider Verfall für ihn anfühlte, war die Erleichterung völlig von ihrem Gesicht verschwunden. Eine Art Berechnung, allerdings nur eine schäbige Maske für das was darunter versteckt lag, machte sich in ihrer Mimik breit ehe sie langsam nickte.
      „Ich weiß.“
      Mit einer schnellen Bewegung fing sie sein Handgelenk ein und fühlte mit zwei Fingern den Puls, der vorhin noch verschwunden war. Ja, es war wieder alles so, wie es sein sollte. Welch gruselige Vorstellung... und beeindruckend zugleich. Also war es mit den richtigen Mitteln tatsächlich recht einfach, einen mächtigeren Vertreter auszuschalten. Das Zentrum seiner Aurenregeneration.... Lösch das Herz aus und die Macht versiegt.
      „Ich weiß, dass er rasant stirbt. Er hat noch ein paar Tage und schuld daran bin ich. Als ich ihn damals erschossen habe, hatte er bereits einen Plan gehabt, wie er mit dem Arkana des Todes einen Handel mit eben jenem abschließen kann. Es hat funktioniert und er ist mit ein wenig mehr Zeit wieder zurückgekommen. Die ist aber bald abgelaufen.“
      Wie furchtbar es klang, wenn man es laut aussprach. Und noch viel schlimmer war das Gefühl, das es in ihr auslöste. Als würde man etwas aus ihr heraus zerren wollen, das sich mit Widerhaken in ihr Fleisch geschlagen hatte.
      „Selbst wenn ich ihn warnen wollte, ich weiß doch nicht einmal, wo er jetzt ist“, merkte sie seltsam sachlich an und stand schlussendlich doch auf. „Mal ganz davon abgesehen, dass ich erst gehen kann wenn ich mir sicher bin, dass es dir wieder gut geht. Kannst du aufstehen?“
      Sie reichte ihm ihre Hand und half dem Caster auf. Er sah nicht mehr ganz so schrecklich aus wie zuvor, aber er hatte definitiv bessere Tage gesehen. Wenigstens bis zum Küchentisch bugsierte sie ihn und war sichtlich erleichter, dass er dort nicht mehr wie ein Schluck Wasser in der Kurve hing.
      Nichts davon half jedoch, dass sie unglaublich erschrak, als die freundliche Klingel an der Tür ertönte. Genervt rollte sie mit den Augen – ein Versuch, ihre instinktive Handlung zu kaschieren – und pilgerte dieses Mal selbst zur Tür. Mehrfach vergewisserte sie sich, dass es wirklich nur der Lieferbote war und nichts, rein gar nichts verdächtig an der Tüte war, die er ihr reicht. Der arme Mann dachte sicherlich, sie sei paranoid. Zufrieden schlug sie dem Kerl die Tür vor der Nase zu und kam zurück zum Tisch, wo sie lautstark die Tüte auseinander nahm und ihr Essen sortierte.
      „Was meinst du eigentlich, warum er die Aura deiner Schwester haben könnte?“, fragte sie unverwandt wobei sie Ruairi nicht direkt ansah. „Er hat Kontakt zu ihr gehabt bevor sie sich als Welt offenbart hat. Wollte sie für seine Sache gewinnen. Ich nehme an, dass er mit seiner eigentlichen Magie sich etwas von ihrer Aura einverleibt hat und sie nutzt? Ich weiß nicht genau. Aber er hat ja noch vier weitere zur Verfügung. Ah, die Schachtel.“
      Schon wieder war sie verschwunden und kehrte mit dem kleinen Schächtelchen zurück, dass sie einfach auf dem Tisch zwischen sie beide abstellte bevor sie endgültig auf ihrem Stuhl Platz nahm.
    • Zuhörend und schweigsam trat er an die alte Couch heran und ließ sich etwas unsanfter darauf fallen als er es gewollt hatte.
      Die Erkenntnisse um Foremar schienen Ember nicht zu überraschen. Auch wenn sie kundtat, dass sie darum wusste, bezweifelte der Zauberer, dass sie wusste, dass sich seine Lebenszeit verringert hatte. Doch ihr Gesicht dabei war das, was er sich ins Gedächtnis brannte. Eine Frau, der es offenbar beinahe körperliche Schmerzen bereitete, das Offensichtliche auszusprechen.
      "Ich...Ich weiß nicht", begann er und rieb sich durch die Augen. "Ich glaube, seine Zeit, also seine Aura...SIe ist weniger geworden. Mit jeder Sekunde, die er absorbiert hat. Als wäre diese Kraft dafür verantwortlich, dass er seine Lebenskraft verliert...Ich weiß auch nicht. Ich habe so etwas noch nie gesehen."
      Lüge. Hatte er. Aber diese Grenze war bisher noch nie überschritten worden. Niemand hatte je versucht, den Tod zu betrügen. Den Tod zu betrügen ist ein Frevel, denn Tod hieß auch Gerechtigkeit. Foremar würde sämtliche Monstren der Welt erzürnen.
      "Ich...Mir geht es gut. Gib mir ein paar Minuten, dann werde ich..."
      Ja was eigentlich? Verschwinden? Eigentlich wollte er das nicht. Er hatte sich auf einen Abend mit Ember gefreut. Er wollte sie nicht verlassen.
      Anstatt den Satz weiter zu führen, nahm er die Schachtel vom Tisch und öffnete sie. Darin lag ein einfacher, elfseitiger Würfel in schöner, ansprechender Farbe. Er strahlte nichts aus, nicht einen Funken von Aura oder magischer Kraft. Und doch schien er davon überzulaufen, dass es schwer war, seine Finger bei sich zu behalten.
      "Zauberer...", begann er und legte die Schachtel schnell beiseite. "Zauberer werden von Magie angezogen. Es ist wie ein Sog, ein Maelstrom. Es zieht uns zueinander und gleichsam zum Kern einer Magie. Je mächtiger sie ist, umso stärker der Drang, diese berühren zu wollen. Und ich bin ehrlich Ember..."
      Ruairi blickte auf und seufzte. "Ich habe noch niemals so sehr den Drang gehabt, diesen Würfel zu berühren."
      Zum Beweis hob er seine Hand, die bedächtig zitterte, als leide er unter Entzug. Mit einem Mal schienen diverse Themen nicht mehr wichtig. Nicht wichtiger als dieser Würfel dort. Ruairi musste sich zusammen reißen und den Kopf schütteln, ehe er Ember wieder ansehen und nicken konnte.
      "Ergibt Sinn, aber das ist es nicht...", sagte er und faltete die Hände vor seinen Knien, während er sich mit den Unterarmen auf seine Oberschenkel stützte. "Auch wenn er sie absorbieren hätte können...Diese Aura ist nicht dasselbe. Ich sagte, dass es die Aura meiner Schwester ist, aber...Irgendwie auch nicht. Sie fühlt sich anders an. Älter. Als würde man einen verstaubten Folianten aus dem Regal holen und den Staub fortblasen. Und wir sind dagegen die moderne Verfilmung...Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll..."

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    • Ember hörte aufmerksam zu. Selbst wenn es nicht danach aussah, weil sie gerade aktiv jeden Blickkontakt mied, aber nicht ein Wort blieb ohne Wirkung. Nach all dem Aufruhr stürzte sich ihr Verstand regelrecht dankbar auf alles, was er in irgendeiner Art und Weise verarbeiten konnte. Seine Aura nahm also ab? Wie hätte sie jemals diesen Umstand erkennen sollen? Ganz davon zu schweigen, dass sie nicht einmal einen Vergleich ziehen konnte, wie es vor dem Pakt gewesen sein mochte.
      Sie hob erst dann ihren Blick, als er sie um ein paar Minuten bat und doch seinen Satz nicht zu Ende brachte. Es genügte ein einziger Blick, um das unausgesprochene hörbar zu machen. Für alle im Raum. Natürlich stand ihm nicht der Sinn danach, jetzt wieder zu gehen. Eigentlich stand ihrer ebenfalls nicht danach, erst recht nicht nach dieser überraschenden Attacke. Aber wenn er seine Worte davor ernst meinte, dann musste er sich zurückziehen um ihr den Raum zu geben, sich um andere Sachen Gedanken machen zu können.
      Stattdessen widmete er sich der Schachtel und berührte ohne Umschweife den Würfel. Allein das hätte Ember spätestens nach den Briefen nicht mehr getan und das ungute Gefühl verabschiedete sich noch immer nicht. Nach dem, was vorhin passiert war, gefiel es ihr nicht, dass Ruairi ein Ding in Händen hielt, was scheinbar so mächtig sein sollte. Obwohl bei genauerer Betrachtung dies nur der halben Wahrheit entsprach. Sehr penibel berührte er nur die Schachtel und nicht den Inhalt. Die Erklärung folgte kurz darauf und ließ sie nur umso verwirrter zurück.
      „Warum zur Hölle soll mir jemand ein so höchst magisches Ding schicken? Oder noch viel besser, was haben all die Jugendlichen damit zu schaffen?“
      Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe, als Ruairi sie auf seine zitternde Hand aufmerksam machte. Beinahe geistesgegenwärtig fischte sie nach der Schachtel und holte sie zu sich zurück. Als sie einen Blick hinein warf, sah sie lediglich einen hübschen Würfel. Auch wenn sie sich auf ihn konzentrierte, merkte sie nichts besonderes.
      „Sag mal, hattest du nicht vor ein paar Tagen noch irgendwas von Neun und Drei gesummt oder so?“, fiel ihr wieder ein während sie den Würfel vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger heraus holte. Er fühlte sich nicht mal besonders schwer an und an den Seiten waren keine rechten Zahlen zu erkennen. Dann rollte sie ihn sachte über den Tisch und blinzelte, als eine Nachricht erschien, dass sie es doch bitte noch einmal versuchen solle.
      Seltsam.
      Schnell sackte sie den Würfel wieder ein bevor Ruairi auf andere Ideen kam und ließ ihn wieder in seiner Schachtel verschwinden. „Ich lehne mich jetzt mal gaaaanz weit aus dem Fenster“, meinte Ember schließlich während sie die Gabel in ihrem Essen versenkte, das sie vor sich gezogen hatte. „Was ist, wenn es eine Art Vorfahren gibt? Eine Macht, aus der die Auren entspringen? Irgendwoher muss das ja kommen und soweit ich weiß ist das noch nicht geklärt. Oder, Variante Zwei, es gibt keinen gemeinsamen Vorfahren, aber eine Art Urform? Eine Urform für jede Art von Aura, die einfach je nach Person einen anderen Touch bekommt?“
    • Ruairi betrachtete den Würfel noch kurz, ehe er auf die Frage von Ember antwortete. Es gab eine betörend einfache Antwort auf die Frage, nur gefiel ihm diese ganz und gar nicht, wenn er ehrlich war. Besorgt blickte er auf das Artefakt und zuckte die Achseln.
      "Traurigerweise weiß ich das nicht", murmelte er und wusch sich mit den Händen durchs Gesicht. "Ich kann mir nur denken, dass die Kinder und Jugendlichen eher bereit sind, diese Grenzen zu überschreiten und die Artefakte in Bewegung zu setzen. Da es ein Würfel ist, wird er denke ich aktiviert, wenn man ihn wi- NEIN EMBER!"
      Noch ehe er seine Gedanken hatte sortieren können, hatte Ember bereits den Würfel geworden. Die Fragestellung nach Neun und Drei hatte er überhört, da sein Verstand noch immer nicht in der gewohnten Geschwindigkeit funktionierte. Der Würfel klackerte über den Tisch und gab lediglich einen kurzen, kaum merkbaren Impuls von sich. Er war kaum zu spüren, wenn man nicht genau drauf achtete. Doch die Nachricht, die er projizierte, war merkwürdig.
      "Das ist allerdings...Erstaunlich...", murmelte Ruairi und beugte ich herab, ehe der Würfel aus seinem Sichtfeld gerissen wurde. "Wie soll ich dir helfen, wenn du ihn mir ständig weg nimmst?", fragte er nörgelnd und lehnte sich zurück. "Ich habe derartiges gesummt, weil es die Gefangenen sangen. Die Kinder sprechen von einer App, die es dazu gibt. Vielleicht braucht man die noch..."
      DIe Überlegung war zumindest berechtigt. Er hatte von einigen Opfern gehört, die eine app auf dem Handy hatten. Dies würde zumindest die beste Spur darstellen, wenn er ehrlich war. Nur wie konnte er verhindern, dass Ember wieder Alleingänge unternahm.
      "Du solltest dieses Spiel nicht alleine spielen", sagte er schließlich. "Es ist gefährlich und tötet Menschen und ich habe keine Lust, deine Leiche von der Straße zu holen. Da bin ich ausnahmsweise mit Foremar einer Meinung."
      Beinahe vorwurfsvoll pickte er in sein Essen, obwohl ihm der Appettit vergangen war. Drei, vier Picker ließen sich machen, dann legte er die Gabel unverrichteter Dinge auf den PLastikteller und sah wie hypnotisiert hinein.
      "Es ist möglich, ja", nickte er zu Embers Vermutung. "Wir wissen nicht viel über den Ursprung der Magie. Wir wissen nur, dass sie mit dem Sieben-Wege-Tor kam und die Entdeckung zur Verteilung geführt hat. Es wäre durchaus möglich, dass es eine gemeinsame Ur-Magie gibt. Aber das wäre nicht mehr spürbar, denke ich. Dann müsste es bei jeder Magie spürbar sein. Also tippe ich eher auf eine Art Verwandten, den August..."
      Ja, was denn? Absorbiert hatte? Intus hatte?
      "Absorbiert hat?", fragte er beinahe angeekelt. "Nichtsdestoweniger ist es die Aura meiner Schwester. Beinahe eins zu eins."

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    • Da setzte also jemand auf Naivität und jugendliche Dummheit? Wieso fühlte sie sich jäh an August zurückerinnert, der selbst aus ähnlichen Gründen das Tor erforscht hatte? Hatte sie überhaupt einmal nachgefragt, was er dort gesehen hatte? Würde er ihr das erzählen?
      „Vielleicht macht der Würfel etwas anderes, wenn ein Zauberer ihn wirft? Was mich wieder zu der Frage zurückbringen würde, ob alle Jugendlichen magisch begabt waren oder nicht. Soweit ich weiß, nicht.“
      Sie würde das Ding tatsächlich weit weg von Jasper halten. Nicht auszudenken, was der Junge damit anstellen mochte. So sehr, wie er in den letzten Tagen schon am Handy gehangen hatte, war es nicht unwahrscheinlich, dass er ganz genau wusste, von welcher App Ruairi da sprach.
      „Ich erkenne an, dass du mir helfen willst. Und bei diesem Würfel wohl auch wirst, aber nicht, nachdem du fast gestorben wärst. Genug davon diesen Abend, okay? Und ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich mir keine ominöse App ziehen und allein starten werde. Mir hat die Sache mit dem Brief wirklich gereicht.“
      Ein weiteres Drama wie das wollte Ember nun wirklich nicht durchleben. Ja, sie hasste es ungemein, dass es erneut so schien, als wenn ihr die Hände gebunden worden wären, aber wenn es bedeutete, nicht schneller den Löffel abzugeben als unbedingt notwendig, dann sei es so.
      Noch während sie darüber brütete fiel ihr auf, wie Ruairi lustlos in seinem Essen stocherte und es schlussendlich ganz sein ließ. Wie konnte sie selbst eigentlich essen, als sei nichts gewesen? Oder gar so ignorant gegenüber den Vorkommnissen sein? Vielleicht war das ja eine versteckte Gabe, von der sie nur noch nichts gewusst hatte...
      „August trägt die Auren von mindestens fünf anderen Rogues in sich. Du sagtest, du kennst dich gut mit Geschichte diesbezüglich aus. Ich kenne nur die Nachnamen von zweien der Dreien, und das sind Lynch und Chapman, wobei letzterer zu der Tochter des Bosses des Londoner Untergrundes gehört. Gibt's da irgendeine Verbindung? Irgendetwas?“
      Beinahe schuldbewusst schob Ember die leere Packung ihres Essens beiseite und nippte an ihrem Bier. Wenn August noch einmal kam und behauptete, dass sie keine Geheimnisse mehr voreinander hatten, dann würde sie ihm allen ernstes das Artefakt des Sharoks in den Leib jagen. Das gute Ding lag wohlbehütet in ihrem Waffenschrank direkt neben ihrer eigenen Glock, und hatte es nicht wie angeraten abgegeben oder zerstört. Man wusste schließlich nie, wozu es noch gut sein konnte.
      „Er wird sie unmöglich von deiner Schwester geklaut oder kopiert haben. So funktioniert seine Magie nicht. Würde ich sagen.“ Sie runzelte die Stirn. In der Theorie wusste sie, wie es funktionierte, aber ohne es selbst anzuwenden war die Erklärung mehr als schwierig. „Selbst wenn ich ihn hätte warnen wollen, weiß ich nicht, wo er jetzt hin ist. Sein Arm sah wirklich beschissen aus, er hat ja sogar mein Handtuch mitgenommen. Er ist so der Typus, der sich halbtot in den Keller wirft, damit er beim Sterben niemanden zur Last fällt, weißt du?“
    • Ruairi ließ sich ein wenig mehr in das Sofa sinken und faltete die Hände vor dem Bauch.
      Er fühlte sich leer und beinahe kraftlos, als er zum Tisch blickte und sich vorstellte, ein Kind rollte diesen Würfel. Oder gar ein Zauberer. Wie groß mochte der Drang sein, dieses Ding zu berühren, für Jemanden, der noch nie derartige Stärke spürte?
      Erst nach einer kurzen Weile sah er zu Ember und nickte müde mit dem Kopf.
      "Nein, nicht alle waren magisch begabt. Ein paar davon, aber die meisten waren Menschen. Das einzige, was vielleicht bemerkenswert war, ist der Umstand, dass es sich bei den Zauberern um eine Art Clique handelte, die dieses Spiel zeitgleich spielte. Der Tatort sah aus wie ein Splattermovie. Als hätten sie sich..."
      Als hätten sie sich abgeschlachtet.
      "Für diesen Abend ist es genug, ja", nickte Ruairi und schloss kurz die Augen, um das Schwindelgefühl aus seinem Bewusstsein zu verbannen. "Das Versprechen nehme ich an. Ich weiß ohnehin, dass ich dich nicht aufhalten könnte, selbst wenn ich es wollte..."
      Er legte den Kopf auf die Sofalehne und seufzte, während Ember von August sprach. Er mochte es nicht, wie sie von ihm sprach. Diese Art von....Was eigentlich? ...in der Stimme. Etwas schwang dort mit, das er nicht wirklich beziffern oder beschreiben konnte. Als fehlte ihm Kontext in diesem Wirrwarr.
      "Lynch ist ein Name einer bekannten Zaubererfamilie aus Irland. Sie waren Vorreiter der sogenannten Take-Over-Magie. Zumeist bedienten sie sich mythischer Kreaturen, die Angst und Schrecken verbreiteten. Und die Familie Chapman ist als Untergrundmogule bekannt. Zumeist eher magisch unscheinbar, gab es vielleicht zwei, drei herausragende Magier in ihrer Familie. Ich weiß nicht. Es gab noch andere große Zaubererfamilien. Gemessen an Foremars Alter wrüde ich sagen, dass die Familien Crawlings, Watson und Newgate die größten waren...Aber Verbindungen zu finden...Ich weiß, dass er eine zu mir hat, aber welcher Art diese ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist es auch nicht wichtig..."
      Sorgsam lauschte er ihr und nippte selbst an seinem Getränk, von dem er nicht mal mehr wusste, wie es schmeckte.
      "Nein, das denke ich auch nicht. Auren zu absorbieren ist nicht so einfach. Vielmehr lässt er sie zerfallen. Das zumindest hat er bei mir gemacht. Er hat sie genommen, ummantelt und zerfallen lassen. Wie Sand in der Hand", beschrieb er und seufzte. "Du scheinst einiges über ihn zu wissen. Also vom Typus her. Er erschien mir eigentlich gar nicht so. VIel eher als ein Selbstdarsteller.

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    • Es waren größtenteils Menschen gewesen, die Opfer dieses Würfels geworden waren. Es lag die Frage nahe, warum. Vielleicht war die Dunkelziffer einfach viel höher, die den Würfel erfolgreich für was auch immer benutzten und nur die Jugendlicher menschlicher Herkunft ihm zum Opfer fielen. Wenn ja, dann war Ember doch nicht so sicher gewesen wie sie angenommen hatte als sie den Würfel warf. Wobei... was das Alter betraf war sie nicht mehr in der Zielgruppe. Auf der anderen Seite hatte diese Clara gut möglich hinein gepasst. Und immerhin hatte sie ihr dieses Ding geschickt.
      "Was meinst du, er hat eine Verbindung zu dir?", fragte Ember etwas irritiert nach. "Wieso hör ich jetzt das erste Mal davon? Wie kommst du darauf? Vielleicht liegt darin die Begründung, warum du Siobhans Aura bei ihm gefühlt hast."
      Hoffte sie jedenfalls. Wenn August ihr irgendetwas erzählt hatte, das lose Fäden besaß, konnte sie hier vielleicht anknüpfen. Es waren zu viele Unbekannte in der Gleichung, aber irgendwo musste man schließlich anfangen. Doch bevor sie sich weiter in Gedanken verstricken konnte, wurde sie wieder etwas nachdenklicher. Ruairi hatte sie mit ihrem Essen am Tisch allein gelassen und hatte sich auf das Sofa zurückgezogen. Von hier aus sah sie, wie er seinen Kopf auf die Lehne fallen ließ und noch immer alles andere als das blühende Leben war.
      "August hat dir aber schon geholfen, oder?..." Ihre Stimme war leise und die Sorge trat wieder in ihre hervor. "Du scheinst immer noch verdammt fertig zu sein. Hast du mich angelogen, dass es dir besser geht? Du kannst es mir sagen, Ruairi..."
      Damit ließ Ember alles am Tisch stehen und kam langsam zu dem Caster auf ihrer Couch herüber. Sie umzirkelte ihn bis sie in sein Gesicht sehen konnte und feststellen musste, dass die Farbe noch immer nicht ganz in sein Gesicht zurückgekehrt war. Ein paar Schritte später stißen ihre Beine an seine Knie als sie sich leicht über ihn beugte und ihm Haare aus dem Gesicht strich.
      "Ich bin sehr gut darin Menschen einzordnen und Kleinigkeiten herauszufinden. Von daher sollte ich wissen, wie er eigentlich ist und wie er sich gerne zeigt. Und darüber hinaus hast du mir noch mal gezeigt, dass ich nicht voreilige Schlüsse ziehen sollte... Ja, über eine Erfallsmagie verfügt er ebenfalls. Das haben wir damals ausgenutzt als wir die Bäume des Sharokhs zerlegt haben."
    • Die Schleier werden dichter, die letzten Sternenlichter,
      bedeckt ein dunkler Mantel und die Welt wird blind.
      Es weicht die letzte Helle, wir geh'n über die Schwelle
      und wandern tief und tiefer in das Labyrinth.
      [Subway To Sally - Ins Dunkel]




      Embers Wohnung

      Ruairi blinzelte zweimal auf als er die Müdigkeit merkte, die sich seines Körpers bemächtigte. Auf dem Gesicht des Zauberers erschien ein Hauch von rosafarbener Blässe als er ihre Knie an seinen bemerkte und eine zarte Hand die Strähnen aus seinem Gesicht strich. Wie gerne hätte er einfach einen Abend mit ihr verbracht? Wie ein normales Paar, dachte er und ertappte sich erneut bei diesem Gedanken. Aber wie schön wäre es gewesen, einfach auf dem Sofa zu sitzen, eine schlechte, einfache Serie zu schauen und sich anschließend zu fragen, wohin die Zeit verflogen war. Vielleicht konnten sie dann noch eine Weile das Boudoir unsicher machen und der Abend würde die perfekte Krönung eines beschissenen Tages.
      Stattdessen unterhielten sie sich länger als er es gut fand, über August und seine Motive und die Verbindung zu ihm. Innerlich sträubte sich Ruairi gegen die Vorstellung aber fügte sich. Denn wenn er die Sorge einmal in Ember wusste, so wusste er auch, dass sie kaum mehr fortging.
      "Du hörst nicht zum ersten Mal davon", grinste Ruairi. "Dadurch dass sich die Auren meiner Schwester und seiner ähneln, muss es eine Verbindung geben. Ich weiß nur nicht welche. Ich meine...Ich weiß, dass meine Familie von der Familie Newgate abstammt, die sich im Mittelalter ergeben hatte. Aber mehr ist mir nicht bekannt. Weshalb sollte er also eine Aura besitzen, die der meiner Familie ähnelt?"
      Vielleicht war er kein MacAllister. Oder August war einer. Oder etwas in August.
      "Er hat mir geholfen", nickte er. "Er hat präzise und schnell die Aura entfernt und mein Herz aus der anderen Dimension zurück geholt. So ungern ich es zugebe, aber ich habe selten Jemanden erlebt, der derartig schnell eine solche Behandlung durchführen kann. Ich meine...Unter Fachleuten galt er als brillant, was Magie und deren Grenzen anging. Aber das hier..."
      Er legte seine Hand auf sein Herz und sah Ember an. Ein Glühen stand in seinen Augen, als müsste er sich selbst vergewissern, dass er noch da war.
      "Das war monströs...Da ist eine Schwärze in ihm. Eine tiefe, tiefe Dunkelheit. Als ich fort war, da...Ich sah in diesen Abgrund, Ember. Und ich sah kein Ende. Und wenn er Sharokhmagie zerlegen kann, ist er vermutlich gefährlicher als ich dachte."
      Er würde sie hinein ziehen, dachte Ruairi. August Foremar war der Leibhaftige Tod für Ember Sallow. Soviel stand fest. Seine Tiefe und Schwärze war nicht gegen das Helle und das Licht, das sie ausstrahlte, wenn sie bei Jemandem war. Die Frage war nur, weshalb war es so? Wieso waren die beiden beinahe füreinander gemacht, wenn doch er...Also wenn doch Ruairi so viel besser war...
      Stop!
      Für einen Moment schüttelte er den Kopf und sah Ember grinsend an.
      "Ich bin einfach müde, denke ich. Wollen wir vielleicht ins Bett gehen? Ich meine, morgen ist auch noch ein Tag und ich denke nicht, dass wir viel tun können so wie wir aussehen. Und ich kann es nicht erwarten, neben dir zu liegen und zur Ruhe zu kommen, ehrlich gesagt", sagte er und stubbste leicht an ihr Knie.
      Erst danach griff er nach ihrem Kiefer, der so herrlich nah war, und küsste sie zart auf die noch immer warmen Lippen, die verführerisch nach ihrem Essen schmeckten. Eine ganze Weile hielt er die Berührung, bis sie ihm beinahe überdrüssig zu werden schien, ehe er sich löste und seufzte.
      "Das hab ich vermisst", flüsterte er.


      Er rannte.
      Gehetzt, gepeinigt und gespalten rannte ein Zauberer um sein Leben. Man mochte glauben, es verfolge ihn. Man mochte denken, er entkäme. Doch nichts dergleichen geschah. Erst als der Mann, der in einen schwarzen Umhang gehüllt über den Weg hetzte, der die Straße mit dem Ufer des rettenden Flusses verband, stolperte er über einen Ast.
      Schwerfällig fiel er hernieder und begrub Gras unter sich.
      Ächzend und fluchend rappelte der Mann sich auf und sah in das trübe Wasser des Flusses, dessen Wellen das fahle Mondlicht widerspiegelten. Ein gehetztes Gesicht starrte ihn an und ließ die Augen trüb und blass erscheinen.
      "Bitte...", flüsterte August und hielt sich die Seite. "wo....Wo bin ich..."
      Er fühlte sich schwach. So unendlich schwach und müde. Die Augen fielen ihm zu.
      "Em...ber..."
      Kalt wispernd trugen sich die Worte über die Welt, ehe er in dem Dunkel versank, das sein eigenes Labyrinth ausmachte. Verschollen in seiner eigenen Magie. Das musste man erstmal schaffen.

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    • Weshalb sollte August eine Aura besitzen, die der Siobhans ähnelte? Es war nicht seine eigene, das war klar. Es war einer der fünf Freunde, die nun in August weiterlebten und so eine Verbindung zu den MacAllistern herstellte. Als die Reihen sich zu schließen begannen, blinzelte Ember lediglich ein paar Mal ohne etwas Besonderes dazu zu sagen. Einer seiner Freunde war ein MacAllister oder ein Newgate gewesen. Wohl eher letzteres wenn sie Ruairis Beschreibung Glauben schenkte und danach ging, dass es sich älter angefühlt hatte. Das ergab alles Sinn wenn man es unter dem Standpunkt betrachtete, dass sein Magiezweig auf eine andere Linie fußte.
      Ließ sich wirklich so viel auf und aus Blutlinien geben?
      Embers Augen verfolgten die Geste, um sich dann seines Blickes bewusst zu werden. Erneut strahlten seine Augen, sodass sich ihre eigenen leicht verengten in der Erwartung, dass gleich etwas passieren würde. Doch nichts dergleichen geschah und sie entspannte sich wieder. Ja, ihr war klar, dass August seinen Ruf nicht umsonst erlangt hatte. Jedes Mal, wenn er auf seine Fähigkeiten zurückgegriffen hatte, schien es problemlos von statten zu gehen. Erst im Nachhinein hatte sie verstanden, dass dies keine Selbstverständlichkeit war. Und dass selbst Ruairi es so bestätigte, bewies es ihr ein weiteres Mal. Damals, als er sie in dem verunfallten Auto vors Krankenhaus gesprungen hatte, musste er sich dementsprechend sammeln. Als er sie durch das Portal wieder nach Hause geschickt hatte, war das nicht nur mit einem Fingerzeig passiert. Selbst als er auf ihren Hilferuf gekommen war, wirkte er völlig souverän. So völlig anders wie vorhin mit seinem unrühmlichen Abgang. Er war verletzt gewesen, vermutlich verwirrt als er sie am Boden aufgelöst vor einem anderen Mann gesehen hatte.
      Oh Gott, sie hatte ihn in ihrer Wohnung hergerufen.
      "Als du fort warst?", wiederholte Ember Ruairis Worte, die sie so unvorbereitet getroffen hatten wie nichts anderes diesen Abend zuvor. Das hieß, dass er knapper dem Ganzen entkommen war, als sie angenommen hatte. Das trieb ihr nun doch den Schock so tief in die Knochen, dass sie selbst den Kommentar auf die Schwärze vergaß. August hatte so unheimlich viel Schreckliches bisher erlebt, dass es selbstverständlich war, dass Schwärze sein Innerstes füllte. Er war durch ihre Hand gestorben und wieder zurückgekehrt. Er war ein wandelnder Toter. Nichts davon reichte aus, damit sie sich von ihm abwenden würde.
      Außer vielleicht dieser Mann hier direkt vor ihr.
      Sie schmunzelte auf seinen zaghaften Kontakt mit seinem Knie. "Na gut. Aber lass es nicht zur Gewohnheit werden, so früh ins Bett zu gehen, ja?" Dann umfing er ihre Kieferlinie und küsste sie, was sie mit einem doch sehr zufrieden klingenden Summen zur Kenntnis nahm. Wie froh sie doch darüber war, dass diese Lippen noch warm und nicht kalt waren. Dass sein Flüstern noch immer echt und kein Hirngespinst war.
      "Glaub mir, da bist du nicht der Einzige."


      Donnerstag - 7:43 Uhr
      Police Department


      Ember hatte die restliche Nacht über einen unruhigen Schlaf gehabt. Es brannten ihr eigentich zu viele Themen auf der Seele, ihr Geist kam nach den Ereignissen nicht recht zur Ruhe und auch der Mann neben ihr im Bett war zwar angenehm, beruhigte sie aber nicht annähernd so sehr wie es andersherum der Fall gewesen sein musste. Eigentlich hatte sie ihn noch vieles fragen wollen, aber daran war an dem Abend nicht mehr sonderlich zu denken gewesen. Sie war froh genug darüber, Ruairi zwar verschlafen, aber deutlich besser beisammen am Morgen danach zu erleben und mit ihm zusammen die Wohnung zu verlassen. Ein kleiner Lichtblick, wenn auch kein überwältigend großer.
      Wie üblich trennten sich ihre Wege im Department kurz vor ihren Büros, wo ein jeder seinen Pflichten nachging. In ihrem Fall war das ein Abstecher bei dem Bastler ihres Vertrauens im Keller, der dank der dargebotenen Probe zusicherte, etwas Brauchbares basteln zu können. Erst danach setzte sie sich in ihr Büro und begann damit, den Plan mit den drei Castern auszufertigen. Sie würde August noch später kontaktieren müssen zwecks Timing und Ruairi hinweisen. Dann musste sie es nur noch schaffen, die Drei aus dem PD zu schmuggeln. Vielleicht würde sie August dann auch noch mal auf den Würfel hinweisen. Sofern er denn noch gewillt war mit ihr zu reden.
    • Hauptquartier der London Metropolitan Police
      8:55 Uhr


      Man sagt, die Nacht färbt den Tag.
      Folgt man dieser Logik, so konnte der Tag nur in finsteren Farben gemalt werden, bedachte man die Nacht, die Perley Caulson hatte. Nicht, dass er sich sonderlich viel aus Sorge machte, aber die Tatsache, dass August nicht wieder nach Hause kam, nachdem er offenbar eilig die Wohnung verlassen hatte, machte ihn doch stutzig. Mit Sicherheit gab es Dinge, die die beiden Kameraden nicht miteinander teilen, doch zumeist ließ es sich erahnen, was der Zauberer dachte. Und dadurch ließ sich deduzieren wo der Zauberer genau war. Dgich dieses Mal war es anders. Dieses Mal war er nicht nach Hause zurück gekehrt und hatte Perley einen dusseligen Auftrag gegeben oder seinen Koffer vorbereiten lassen. Auch war keine Nachricht hinterlassen worden. Nur die Eile des Unterfangens hatte den Mann zu der Annahme gebracht, dass es etwas mit Sallow zu tun haben musste.
      Wie er drauf kam, geneigter Leser? Nun, Perley war zum einen nicht dumm und wusste um die Zuneigung seines Herrn für diese Frau. Gemessen an dieser Tatsache, der Kontaktlosigkeit und dem Verschwinden gab es nur einen Rückschluss. Und dieser trug weiß-gräuliches Haar und war zu neugierig.
      Als Caulson beinahe teilnahmslos in das PD trat, fiel er von vornherein auf. Ein hochgewachsener Mann mit gerader Haltung, einem stechenden Blick und beinahe obszön gestutzten Schnauzbart fiel den meisten Damen wie Herren ins Gesicht. Und doch schienen sie nicht sonderlich daran interessiert zu sein, dass der Mann mit dem dunklen Wollmantel und dem Schal seinen Weg zielstrebig in die obere Etage richtete.
      "Hey, Sir!", rief eine Stimme hinter ihm.
      Johnson, Zierde der Zunft der Polizei von London, bewegte seinen massigen Körper hinter dem Tresen hervor und eilte dem Mann entgegen, der an der Treppe inne gehalten hatte. Schweiß rann von dem fleischigen Gesicht des Mannes, während er sich schwer atmend in Richtung seines Ziels bewegte. Als er zum Stehen kam, sah er den seltsamen Mann an und der stechende Blick ging ihm unter die Haut. Man bemerkte eine ungebändigte Wut und Eile aus seinen Gesten heraus, die er nicht provozieren wollte.
      "Sie wünschen?", fragte Perley Caulson mit einem völlig ausdruckslosen Gesicht.
      "Sir, ich...Äh...Also ich muss Sie auf Waffen prüfen...Und sie können nicht einfahc zum Chief..."
      "Da will ich gar nicht hin", beteuerte der Butler und wandte sich dem Mann zu. "Ich will zu Ember Sallow."
      "Sallow? Äh...Ja, also die ist da, aber...Sir, ich muss wirklich..."
      "Gehen."
      "Was?"
      "Sie wollten gehen", bemerkte Caulson und drehte sich auf dem Absatz herum, um die Treppe hinauf zu steigen.
      "Sir, ich muss sie wirklich bitten!"
      Das Gezeter und Gerufe des Mannes wirkte beinahe nichts. Die Menschen im PD drehten sich nicht herum und schienen den Mann kaum zu bemerken, der sich zwischen den Menschen hindurch wand, als sei er aus Gummi. Diese Mernschen regten ihn auf. Blockierten die Sicht und machten viel zu viel Terz um eine verfluchte Waffe. Wenn er Jemanden umbringen wollen würde, wäre dieser bereits tot.
      So begab es sich hernach, dass Perley mit einem Schwung abdrehte und den Gang eiligen Schrittes entlang schritt. Das Gesicht des Butlers wirkte dabei wie eine Totenmaske, als er vor Ember Sallows Büro stand. Eine Front aus Wut und Kälte umfing seinen Blick, als er ohne zu Klopfen die Tür aufriss und seinen Weg hinein fand.
      Die Einrichtung erwies sich als nicht wirklich erstaunlich, beinahe karg, wenn er es ernst nahm. Doch die Betroffene saß an ihrem Platz, wie erwartet.
      Noch ehe er ein Wort der Begrüßung vernahm marschierte er auf den Tisch an und stützte sich geräuschvoll auf diesen, während er wütend zu Ember sah.
      "Ich habe nur eine verfluchte Frage, Sallow!", knurrte er. "Ich weiß, dass August gestern Nacht bei Ihnen war und ich werde mich nicht beleidigen, indem ich so tue, als ob ich nicht wüsste, dass dieser Dummkopf vermutlich Hals über Kopf ausgebrochen ist, weil Ihr Höschen wieder ein wenig flatterte. Also: Meine Frage ist einfach. Was zum Geier haben Sie mit August gemacht? Er ist gestern nicht zurückgekehrt und ich finde nicht mal eine gottverdammte Spur von ihm! Gnade Ihnen die Götter, wenn Sie ihn wieder in das Gefängnis gesperrt oder Ihren Kollegen vorgeworfen haben! Sie haben dreißíg Sekunden, sich zu erklären, bevor ich Sie kopfüber aus dem Fenster hänge!"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ember....
      Es war schon das dritte Mal, dass sie innerhalb recht kurzer Zeit von ihren Unterlagen aufschreckte in der Annahme, man habe sie gerufen. Wie bei den Malen zuvor sah sie beinahe notorisch zur Tür, dann zum Telefon und schlussendlich seufzte sie. Es mussten diese Hirngespinste gewesen sein, die ihr eine solch unruhige Nacht beschert hatten. Umso interessanter war es, dass Ruairi scheinbar nichts von ihrer unruhigen Nacht mitbekommen hatte. Der sah am Morgen neben ihr zwar etwas zerknautscht, ansonsten aber deutlich besser aus.
      Und dann war da noch die Schachtel in ihrer Handtasche.
      Lang und breit hatte sie mit sich debattiert, ob sie den Würfel mitnehmen sollte. Oder gar wollte, immerhin wusste man nicht, ob und wer ihn spüren konnte. Genauso unzufrieden war sie allerdings auch mit den Gedanken, den Würfel unbeaufsichtigt in ihrer Wohnung zu lassen. Wie, mit Verlaub, mittlerweile alles in ihren vier Wänden. Irgendwie gingen dort mehr Zauberer ein und aus als es ihr lieb war. Also trug sie die Schatel lieber bei sich und würde sie ganz diplomatisch August zeigen. Sozusagen als kleines Zeichen, dass sie seine Expertise schätzte.
      Doch ihre Planung würde sie vermutlich gar nicht weiter umsetzen können, denn Lärm ballte sich bereits in den Gängen vor ihrem Büro. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen während sie angestrengt versuchte, genaue Worte zu vernehmen. Allerdings hörte sie in erster Instanz nur altbekannte Stimmen aus dem Präsidium, jedenfalls bis sich der Quell und Unruhe ihr scheinbar immer weiter näherte. Und dann bekam sie ein paar Fetzen mit. Aufrichtige Sorge schlug in ihr Wurzeln, die alsbald in echten Schock umschlug, kaum öffnete sich die Tür zu ihrem Büro und sie erkannte, wer hier solch einen Tumult auslöste.
      Ember starrte Perley hin und her gerissen zwischen Schock und Überasschung an. Wie hatte er es geschafft, einfach so hier rein zu spazieren? Offensichtlich hatte man versucht, ihn irgendwie aufzuhalten und war kläglich dabei gescheitert. Viel schlimmer war jedoch die Erkenntnis, die sie so lautstark traf wie Perley seine Hände auf ihren Tisch knallte. Es gab nur einen einzigen Grund, warum er es überhaupt als nötig erachtete, sie persönlich aus eigenem Antrieb aufzusuchen.
      Sofort wurde Ember eine Spur blasser.
      "Sind Sie völlig wahnsinnig?!", zischte Ember, die den anfänglichen Schock verdaut hatte und schnell genug schaltete, um auf die Beine zu springen und zur Tür zu hasten, die einfach offen gelassen worden war. Dieses Mal verschwendete sie nicht einmal eine Sekunde darauf, aus der Tür oder gar ins Nachbarbüro zu schauen. Stattdessen schloss sie die Tür sogar hinter sich ab. "Sie können doch nicht seinen Namen hier einfach so offen nennen! Es wird immer noch nach ihm gefahndet und niemand bis auf meinen Nachbarn hier weiß, dass ich noch den Kontakt zu ihm pflege. Meine Güte!"
      Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, doch Farbe brachte das nicht zurück. Stattdessen fiel sie sogar noch ein bisschen weiter als ihr der Gedanke kam, dass es keine Hirngespinste waren, die sie gehört hatte. Was, wenn es ernstgemeinte Rufe gewesen waren? Was zur Hölle hatte der Arkana nur angestellt?
      "Versuchen Sie ruhig, mich draußen zu hängen. Aber es haben sich schon ganz andere Leute an mir die Zähne ausgebissen", giftete sie feindselig zurück, eine ungefilterte Reaktion auf die Sorge, die sie wieder durchflutete. "Und wenn Sie noch mal so abfällig mir gegenüber werden, dann zeig ich Ihnen, warum Ihr August mich so sehr schätzt. Ja, er war gestern bei mir und ist dann einfach Hals über Kopf verschwunden. Durch ein Portal, so wie er auch gekommen ist. Ich dachte, er wäre wieder im DnD, wie sonst auch immer. Wie zum Teufel soll ich wissen, dass er es nicht ist?!"
      Mit ihrem Rücken lehnte Ember an der geschlossenen Tür und verlor sekündlich noch mehr Farbe aus ihrem Gesicht. Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber jetzt meinte sie in diese Stimme etwas hinein interpretieren zu können, das sie kannte. Sie kannte nur zu gut, wie er ihren Namen aussprach. Und sie hatte es einfach als Täuschung abgestempelt...
      "Er ist verletzt", fügte sie nun deutlich leiser hinzu, der feindselige Ton war vollends verklungen. "Ich glaube, ich habe ihn mich rufen hören. Zuletzt vor ein paar Minuten..."
    • Diese Frau wusste wirklich, wie man Menschen auf die Palme bringen konnte. Gott, er hasste diese arroganten Menschen, die immer noch glaubten eine große Nummer zu sein obwohl sie nicht mal den Kern des Problems verstanden.
      Schweigsam sah er ihr in die Auge und ignorierte den giftigen Unterton in ihrer Stimme beinahe vollständig.
      "Ich würde gerne sehen, wie Sie es versuchen", murmelte er und schüttelte den Kopf aufgrund dieser Unverfrorenheit. "Und mitnichten bin ich wahnsinnig. Wenn sich Ihre Kollegen auch nur einen verteufelten Scheißdreck dafür interessieren würden, was hier gesprochen wird, hätten sie mich nicht mehr oder minder widerstandslos passieren lassen. Also halten Sie den Ball flach."
      Dennoch war etwas an ihrer Antwort, dass ihn sich erheben ließ und für einen Moment spaltete die Sorge sein wütendes, kaltes Gesicht. Es war unüblich, dass August Hals über Kopf einen Ort verließ. Zumeist war der Zauberer recht besonnen in seinen Aktivitäten und stets bemüht, eine Art von Gleichgewicht zu halten. Es sei denn etwas hatte ihn erschüttert...
      "Gut, also wenn er verschwunden ist und Sie nicht wissen, wo er ist, sind Sie mir beträchtlich unhilfreich", grunzte der Jäger beinahe versonnen und seufzte. "Warum war er verletzt? Was haben Sie-"
      Perleys Gesicht veränderte sich schlagartig, als er einen Gang spürte. Schnelle Schritte, ausladende Schritte. Ein Mann mittleren Alters vielleicht. Oder eine große Frau. Nein, das passte nicht. Es musste ein Mann sein. Die Schritte waren zu unbeherrscht.
      Beinahe Sekundenbruchteile später hämmerte eine Hand an die Tür und betätigte gleich darauf den Drehknauf der Tür. Freilich blockierte die feine Milchglastür, da der Riegel versperrt war. Eine Sekunde lang fragte sich Perley, wie mies sein Tag noch werden konnte und begann in atemberaubender Geschwindigkeit mit einer kleinen Verwandlung.
      Der oberste Knopf seines Hemdes wurde geöffnet, die Fliege entfernt und in die Jackentasche gestopft. Das ordentlich frisierte Haar ein wenig zerzaust und nach hinten geschlagen und mit zwei Kniffen in die Wangen gelangte sogar ein wenig Rose auf sein blasses Gesicht. Den Schal warf er sich wieder über und gleichsam mit einem Ende nach hinten. Aus der Tasche seines Mantels wanderte eine Tüte in seine Hand, die aus einer von 1000 Bäckereien stammen konnte. Nur er wusste, dass es ein Bagel mit Frischkäse war.
      "Sallow?!", donnerte Knights Stimme aus dem Schatten der Glastür, ehe sie lauter wurde als Ember die Tür öffnete.
      Solomon Knight war einen halben Kopf kleiner als Perley und blickte neugierig zu dem mittlerweile androgyn wirkenden Mann, der ein breites, viel zu breites Grinsen auf dem Gesicht trug.
      "Was ist hier los?", fragte der Chief mit einem dräuenden Unterton und wollte seinen Blick auf Sallow fixieren, die ihm ein wenig zu apathisch in der Gegend herum stand.
      "Aaach, Sie müssen der Chief sein, von dem ich so viel gehört habe!", bekundete Perley grinsend und war in der nächsten Sekunde bis auf einen Schritt an Knight heran gerückt. Seine Rechte packte die des Chiefs und schüttelte sie eifrig. "Donaghue ist mein Name. Colin Donaghue. Ich bin einer von Embers Nachbarn. Sie hat heute Ihr Frühstück auf den Treppen vergessen, das Dummerchen, also habe ich es ihr flugs gebracht."
      "Äh...Ja...Nun, also...Freut mich?", fragte Knight und zog die Augenbraue hoch. "Sie wissen aber, dass das hier keine Privaträume sind, oder? Sie sind in einem Polizeirevier..."
      "Natürlich weiß ich das, Sir. Ich wurde ordnungsgemäß von einem sehr attraktiven Polizisten untersucht und ich bin sauberer als eine fünf Sterne Toilette, wenn Sie verstehen..."
      "So so", grunzte Knight und befreite seine Hand aus der Umklammerung dieses Irren.
      "Ich werde natürlich sofort gehen. Hier ist dein Frühstück, Darling!", sagte Perley und überreichte ihr die Tüte mit einem farbenfrohen Grinsen. "Wir treffen uns bei Jasper heute, ja?"

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