[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • Das Gespräch endete zu einem Zeitpunkt, zu dem es sicherlich angebracht war.
      Nicht, dass August begeistert war, aber er musste es hinnehmen, dass es einfach Dinge gab, die sie sich nicht mehr sagen würden. Ob er nun wollte oder nicht. Noch eine ganze Weile lang stand er da und betrachtete die geschlossene Ausgangstür zur Detektei und hieß sich einen Narren. Hatte er jemals wirklich geglaubt, dass es wieder so werden würde wie früher? Nun, mit noch mehr Ballast auf den Schultern als vorher? Lächerlicher Idiot, dachte er und schüttelte den Kopf.
      Als er sich endlich von der Tür loseisen konnte, schmerzten seine Beine und ließen ihn beinahe kraftlos zusammensinken. Er schleppte sich gerade noch bis zur Tür, die in den Raum der Tausend Treppen führten, als ein sanftes Pochen seine Willensstärke auf die Probe stellte. Mit einer schwungvollen Bewegung riss er die kleine Zwischentür auf und starrte Hakim ins Gesicht, der ihn wie immer freundlich lächelnd empfing. Dieser verteufelte Bastard.
      "Guten Abend", sagte der Arzt und neigte leicht den Kopf.
      "Eher gute Nacht."
      "Wollen wir beginnen? Du siehst gut aus, heute. Ist etwas Gutes geschehen?"
      "Zumindest nichts schlechtes", murmelte August und seufzte. "Bringen wir es hinter uns, mein Körper ist geschwächt und ich stehe kurz vor einem Einbruch."
      "Aber natürlich, Sadiq. Lass uns beginnen."


      Ein paar Stunden später endete die schmerzhafte Behandlung des arkanen Arztes und August saß in seinem Sessel zu später Stunde. Das Feuer im Raum war zwischenzeitlich heruntergebrannt und hatte das Wohnzimmer mit dem Geruch nach Rauch und kaltem Holz erfüllt. Die Augen waren ihm schwer und seine Gedanken kreisten immer noch um das Gespräch, dass Ember und er geführt hatten. Das erste wirkliche Gespräch seit langem und eigentlich hätte er froh sein müssen. Aber was sollte er machen? Die Bitternis so mancher Erkenntnis wog schwer im eigenen Geiste, hieß es doch. Zumindest wenn man diesem Bekloppten von Dichter glauben mochte. Aber wer glaubte schon Dichtern?
      Idioten, dachte August stinkig und leerte das Glas Whiskey, das er sich nach der Behandlung gegönnt hatte. Es gab Tage, da konnte ihn die Welt einfach mal kreuzweise. Und dann gab es Tage, da wünschte er sich, empathischer zu sein und sich nicht aufzuführen wie das was er eben war: Ein Arkana, der einen Bürgerkrieg verhindern wollte.
      Als sein Telefon zu klingeln begann, las der Arkana gerade einen interessanten Artikel aus einer Frauenzeitschrift ("Serial Girls Merit") mit der Überschrift "Was SIE IHM sagen möchte, wenn sie ... sagt" und schüttelte über so manche Auffassung der jungen Damen herzlichst den Kopf. Gerade wollte er einen gesalzenen Kommentar unter einem Pseudonym "Mr D. Cember" als das Telefon grässlich zu vibrieren begann und ihm beinahe aus der Hand fiel. Als Embers Kennung auf dem Bildschirm erschien, hob er erstaunt die Augenbrauen udn suchte nach einer Uhr. Erstaunlich. Es war doch so spät?
      "Ja, was kann i-"
      Das Keuchen im Telefon alarmierte ihn beinahe sekündlich. Entweder bekam er einen Mitschnitt aus grässlichen Bettgeschichten von Sallow, oder sie steckte wirklich in Schwierigkeiten. Als sie ihm ihre kurzen Worte ins Telefon hauchte und danach das Chaos in der Wohnung los zu brechen schien, hörte August das "Hilf mir" bereits nicht mehr.
      Derwischgleich katapultierte er aus dem Sessel und versuchte, seine Wut im Zaum zu halten, die sich überfallartig auf seine Seele legte. Mit einem ungeahnten Schwall schien seine Aura ein Eigenleben zu entwickeln, weshalb er nicht einmal daran dachte, dass er Menschen damit aufwecken konnte. Wie Flammen hüllte seine Aura alleine durch Wut den ganzen Raum ein und ließ alles Magische darin beinahe verblassen, als er mit glühenden Augen auf seine Jacke schiss.
      Raummagie, dachte er und befreite Rems Seele aus seiner. er brauchte ihre Kraft.
      Mit einem Mal wurde seine Aura kühl und anschmiegsam wie eine zweite Haut, als er mit einer schlagenden Bewegung in die Luft fuhr. Nur die wenigsten hätten wohl erkannt, dass er vier komplizierte Fingerzeichen mit der Hand vollzog, ehe sich die Tür leicht öffnen ließ und er hindurch wanderte.


      Exakt siebzehn Sekunden nach dem Anruf riss die Luft vor Embers Haus ein und er stand vor der Eingangstür. Die kalte Luft peitschte ihm um die Nase, doch der Arkana bemerkte nicht einmal etwas davon. Die Augen voll glühender Wut sah er hinauf zu Embers Fenstern und entdeckte noch Licht in ihrer Wohnung. Es wäre ein Leichtes, einfach in die Wohnung zu platzen und sich den Raum zu verschaffen, den er brauchte. Ember sicherte ihre Wohnung nicht sehr gut.
      Mit einem zweiten Schritt verschwand er wieder in der Nichtigkeit des Daseins und bemerkte diesmal nicht die junge Frau, die sich aus dem Schatten eines Baumes schälte, unweit der Stelle wo er eben gestanden hatte.
      Das schulterlange Haar fiel ihr glatt über die Schultern und im Mund trug sie einen Lolli, an dem sie eifrig zugange war. Grinsend betrachtete, sie die Wohnung, wo gleich die Hölle losbrechen würde und legte den Kopf schief.
      "Ei ei ei, was seh ich da...", murmelte sie und begann zu summen. "Armer, schwacher August..."
      Erst danach verschwand sie wieder in den Schatten und nur ein kurzes Aufleuchten blassroter Augen ließen erahnen, wo sie noch eben gestanden hatte.


      Als August Embers Wohnung betrat, veränderte sich die Atmosphäre.
      Selten war er mit voller Kraft in eine Wohnung getreten und hatte sich derart produziert, aber etwas sagte ihm, dass es notwendig war. Er materialisierte im Eingangsbereich und warf einen Blick durch die kalte Wohnung. Licht brannte im Wohnzimmer.
      Die Aura des Arkana schien sich wie eine Welle von Wut durch die Wohnung zu drücken und verpasste selbst den Fensterscheiben bedrohliche Schwingungen. Er nutzte das volle Potenzial jeder Seele, die er besaß, um mögliche Eindringlinge zu unterdrücken. Jeder MAgische, der diese Aura zu spüren bekam, würde gleichsam das Verlangen haben, zu knien und um Gnade zu winseln. August fühlte sich wie ein Flammen, als er das Wohnzimmer betrat.
      Mit einem neugierigen Auge erfasste er Ember als Urheberin dieser Unruhen am Telefon, wie sie beinahe völlig durchgedreht vor etwas davon lief, was es nicht gab. Wie hatte sie es gesagt? Haptische Illusionen?
      Es war ein leichtes Trugbilder zu lösen, aber irgendetwas sagte August, dass es damit nicht getan war. MIt einem schnellen Blick auf den Tisch entdeckte er eine magische Quelle, die zumindest der Aura ähnlich war, die den Raum beherrschte, wenn August seine nicht darüber legte.
      "Ember!", rief er laut, doch die junge Frau reagierte nicht oder bemerkte ihn nicht. Vielleicht sah sie ihn auch als etwas Anderes an.
      Realität. SIe brauchte Reales.
      Mit einer schnellen Bewegung nahm er den Brief an sich und stopfte ihn in die Hosentasche. Als er auf Ember zulief, schien eine fremde Aura sich auf ihr platziert zu haben. Hatte diese Närrin etwa...Natürlich hatte sie, dachte August und in seinem Gesicht spiegelte sich Sorge und gleichsam die Wut, zu spät zu sein. Erst zu spät gerufen worden zu sein?
      "Ember!", rief er nochmals und trat an sie heran. "Hörst du mich?"
      Sie, die sich mit Leibeskräften wehrte, würde einem weiteren Trugbild ihrer Meinung nach nicht glauben. Nur kurzzeitig musste sie etwas anderes sehen.
      Mit rasenden Augen fuhr er über ihren Körper hinab und bemerkte, dass die Aura wie eine Flüssigkeit versuchte, mit ihr zu verschmelzen, gerade zu in sie einzudringen. UNd mit diesem Wissen war es um August geschehen. Niemand tat dieser Frau etwas! NIEMAND!
      Mit einem Knurren drückte er Embers Hand beiseite und legte seine Hand auf ihre Stirn. Es würde das Problem nicht lösen, aber sie zumindest etwas beruhigen.
      "Schlaf!", flüsterte er und gab eine gewaltige Menge seiner Aura in ihren Körper.
      Sofern Menschenauren und Zaubererauren aufeinander trafen, gab es eine recht lustige Wechselwirkung. Zumeist laugten sie einander aus und hoben sich auf, wenn die Menge gleich war. Aber in diesem Falle war Embers Aura von der ihres Angreifers dominiert, weshalb es eine Wirkung gab, die August zwar berechnet, aber nicht für möglich gehalten hätte. Kurzzeitig würde die Illusionen aus ihrem Blickfeld verschwinden und Ember tatsächlich in eine Art Dämmerschlaf fallen. Mehr gab es nicht zu tun. Die Aura musste gelöst werden. Und August wusste bereits, wie.
      MIt einer weiteren Handbewegung öffnete er erneut ein Tor in ihrer Wohnung verfluchte den Umstand, dass die wenige Deko, die hier war, durch den Raumriss durcheinander gewirbelt wurde. Aber es war die einzige Möglichkeit, die kaum bekleidete Dame aus ihrer Wohnung zu kriegen. Behände griff August unter sie und hob sie an.
      Sein linker Arm schrie vor Schmerzen regelrecht in sein Bewusst und wieder und wieder hörte er sich sagen, dass es nur wenige Sekunden seien.


      Als sie durch das Tor stiegen, zog der Mahlstrom von Aura an ihren Leibern. Beinahe hätte er die Kontrolle verloren und konnte sich gerade so beherrschen um Ember auf dem Holzboden des Dusk and Dawn abzulegen, ehe er sich keuchend erhob und wütenden Auges die Treppe hinauf blickte.
      "JASPER!"; donnerte seine Stimme durch die Etagen. "JASPER, HERRGOTT! SCHWING DEINEN HINTERN HIER RUNTER! ICH BRAUCH DEINE HILFE"
      Mit einer achtlosen Bewegung riss er den Brief aus seiner Hosentasche und warf ihn in Embers Nähe. Jetzt hieß es warten. Gleich würde der Zauber sich lösen und Ember erwachen.
      Als er die bedächtigen Schritte des Jungen (des vermeintlichen Jungen) zu hören glaubte, sah er nicht hin, sondern legte seine Hände um Embers Kopf.
      "Komm ran, Junge!", sagte er und winkte in seine Richtung. Aus seinem Arm troff Blut. Sorge und Wut wischten die Stimme beiseite und was blieb war eine enorme Aura, die sich wie ein Kokon um Ember hüllte.
      "Sallow sieht haptische Trugbilder!", erläuterte er. "Da ist eine Aura. Lös diese Aura von ihr, schnell!"

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    • Noland hatte, wie August es sich gewünscht hatte, nach seinem Neffen gesehen. Wie erhofft hatte sich der Junge unter seine Decke gewühlt und schlief den Schlaf der Gerechten. Genau das, was man ihm am meisten gewünscht hätte. Danach war auch der alte Rogue zu Bett gegangen und hatte den Tag für abgeschlossen erachtet.
      Wie falsch er damit lag fand er erst heraus, als ihn eine eiskalte Welle aus dem Schlaf riss. Es war lange her, dass nackte Angst ihn aus dem Schlaf riss und dazu nötigte, sich hastig aus dem Bett zu schälen. Das war kein Traum oder imminente Gefahr gewesen, die ihm seine Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Der Ursprung dessen befand sich nur ein Stockwerk unter ihm und war so schnell verschwunden wie er gekommen war. Tief atmete Noland ein und wieder aus. Das konnte Jasper unmöglich überhört haben. Leise ging Noland zu seiner Tür, schloss sie auf und lugte in den Flur. Ihm gegenüber war die nächste Tür bereits einen Spalt geöffnet und hell leuchtende Augen starrten ihn aus der Dunkelheit an. Natürlich hatte der Jung es nicht überhört.

      Das Telefon war Ember aus der Hand geglitten als der falsche Ruairi sie an ihrem Handgelenk erwischt hatte. Die Kraft, mit der er sie festhielt, war unglaublich und schürte nur noch die Panik, die sie bereits bis zum Hals überschwemmt hatte. "Du kannst nicht immer vor allem weglaufen, Ember", sagte er leise, die Verletzbarkeit in seiner Stimme sprach Bände. Tat sie genau das? Lief sie vor allem weg?
      "Nicht weglaufen?", war ihr knappe Antwort als sie ihm unverwandt den Ellbogen in die Magengegend rammte und er sie vor Schmerz stöhnend losließ.
      Wie sie dieses Geräusch hasste. Wie sie es hasste, dass sie ihm Schmerzen zufügen musste selbst wenn er nur ein Trugbild war. Sofort rannte sie an dem zusammengesunkenen Mann vorbei, griff sich den nächstbesten Stuhl und warf ihn nach ihm. Der Stuhl krachte gegen Ruairis Rücken und mit einem dumpfen Geräusch ging das Trugbild zu Boden. Ember kämpfte um Luft während sie den am Boden liegenden Ruairi anstarrte und die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Das war reinste Folter. Selbst wenn sie wusste, dass das alles nicht echt war. Langsam aber sicher verstand sie, wie sich Ruairi fühlen musste. Wie sollte sie sich vor Augen führen, was real war und was nicht? Mit röchelndem Atem sackte sie an der nächsten Wand zu Boden und zog die Beine an. Regenerieren bis er wieder Aufstand. Fassung zurückerlangen für den Fall der nächsten Stufe. Drei Stunden waren eine verdammt lange Zeit wenn es darauf ankam. Aber mit Glück musste sie keine drei Stunden aushalten, wenn August ihren Worten glaubte. Nur hatte sie keine Bestätigung von ihm hören können.
      Dann, ohne Vorwarnung, schien sich etwas zu verändern. Ihre Augen weiteten sich aus Angst vor dem nächsten Hirngespinst, das man ihr vorsetzen würde. Es schien ihr die Luft zum Atmen völlig zu nehmen, der Druck auf ihrem Brustkorb war beinahe unerträglich. Ihre überreizten Sinne vernahmen Schritte aus dem Flur und sofort schoss ihr gehetzter Blick in diese Richtung.
      "Ember!"
      Doch Ember reagierte nicht. Vor sich sah sie einen vor Wut aufragenden August, der scheinbar am liebsten die gesamte Wohnung pulverisiert hätte. Alles, was sie in diesem Moment zu tun vermochte, war in eine Schockstarre zu fallen. Wie dumm konnte sie eigentlich sein? Sie hatte nach ihm gerufen, wer versicherte ihr denn jetzt, dass das der echte August war? Es konnte die nächste Stufe sein auf ihrem Höllentrip. Und gegen einen wütenden Arkana zu kämpfen, den sie bereits einmal getötet hatte, schaffte sie nicht. Vielleicht sah er sie nicht, wenn sie sich nicht bewegte. Wenn sie sich ganz klein machte und nicht mehr existierte...
      Nervöse Augen folgten dem Zauberer als er sich dem Tisch näherte und den Brief von Oliver Brown ruppig in seine Tasche steckte. Warum sollte ein Trugbild das tun? Das ergab keinen Sinn. Dann war es vielleicht doch der echte August. Immerhin konnte er durch den Raum springen. Aber wenn sich diese Halluzinationen nur dem bedienten, was sie dachte, dann war auch das möglich...
      Ember vergaß zu atmen als August direkt auf sie zulief. Instinktiv presste sie sich noch enger an die Wand, die Augen schon so groß, dass sie Gefahr lief, sie fielen ihr aus. Tränen rannen ihr über die Wangen als sie nicht die Sorge, sondern nur die Wut ins Augusts Gesicht sah. Er würde sie umbringen. Er würde sie dafür bezahlen lassen, dass sie ihn erschossen hatte. Er hatte nur auf den richtigen Augenblick gewartet, das war alles.
      "Ember!", rief er nochmals und trat an sie heran. "Hörst du mich?"

      Ja, sie hörte sie. Jedes einzelne seiner Wörter. Doch nichts davon hielt sie davon ab, nach ihm zu schlagen. So wollte sie nicht sterben. So würde sie nicht sterben. Bis zum letzten Moment würde sie sich mit Händen und Füßen wehren. Rigoros wischte er ihre Fäuste beiseite und legte eine Hand an ihre brennende Stirn. Sie bekam ein heiseres "Nein" zustande und eine Hand, die sich um sein Handgelenk klammerte. Dann geschah etwas mit ihr, was sie nicht beschreiben konnte und ihr Blick verschwamm auf eine neue Art. Der am Boden liegende Ruairi flackerte und löste sich buchstäblich in Luft auf. Nur August vor ihr blieb bestehen. Bevor sie das allerdings realisieren konnte, übermannte eine Ohnmacht sie und ließ ihre Hand kraftlos von seinem Handgelenk gleiten und die Lider schließen. Dann wurde alles dunkel um sie.

      Noland und Jasper starrten sich immer noch unstet an. Das waren insgesamt nur ein paar Sekunden gewesen, dann machte sich wieder eine Aura im Erdgeschoss bemerkbar und Jaspers Bernstienaugen zuckten gen Boden, dann wieder zu Noland. Dieser schüttelte leicht den Kopf, selbst nicht ganz schlüssig was da gerade vor sich ging.
      Und dann donnerte Augusts Stimme durch das gesamte Gebäude.
      Während Jasper einfach nur schockiert über die reine Lautstärke war, las Noland zwischen den Zeilen. Da schwang eine ernstgemeinte Not mit, eine, die bezeugte, dass August tatsächlich mit etwas konfrontiert war, was er nicht allein beheben konnte. Als er zu seinem Neffen hinüber sah, gaffte er ihn mit riesigen Augen an. Wusste nicht, ob er gehen sollte oder nicht. Sein Onkel entschied für ihn, indem er als Erstes in den Flur trat und zur Treppe ging. Jasper folgte ihm auf leisen Sohlen, seine Aura verriet ihm bereits, dass dort unten mehrere Auren zeitgleich aktiv waren. Kein Kampf, aber eine Auseinandersetzung.
      Noland entdeckte die am Boden liegende Ember zuerst. Noch auf der Treppe hielt er kurz inne und bewertete die Sachlage. Eine halbnackte Ember, bewusstlos am Boden. Ein aufgewühlter August, der die Hände an ihren Kopf gelegt hatte, während Blut über seinen verletzten Arm lief. Und eine ihnen unbekannte Aura, ausgehend von einem Brief, der gar zufällig im Raum lag. Erst nach seiner Analyse kam er die letzten Stufen hinab und näherte sich, gefolgt von Jasper.
      "Was hat sie jetzt schon wieder Dummes angestellt?", fragte Noland vorsichtig und hielt einen gebührenden Abstand. Als Mentalmagier verstand er die Natur der Magie viel besser, die sich in Embers Poren festsetzte und sie scheinbar nicht mehr freigeben wollte. Das war schwierig. Zu schwierig für Jasper, der nicht einmal eine ordentliche Kontrolle über seine eigenen Fähigkeiten hatte. "Er wird sich nicht durch deine und die fremde Aura arbeiten können, August...."
      Jasper stand wie angewurzelt neben seinem Onkel und starrte auf Ember. Auf ihre nackten, langen Beine. Auf ihre geschlossenen Lieder und schlussendlich August, der seine Hände neben ihrem Kopf hatte. Er hörte gar nicht recht was die beiden Männer beredeten, so laut schallte eine Kakophonie in seinen Ohren. Allerdings hatte Noland recht. Wenn August die fremde Aura überlagerte, konnte Jasper nichts tun.
      "August, ich weiß nicht, wo sie anfängt und aufhört", flüsterte Jasper atemlos als der Arkana seine Hände von der Frau am Boden genommen hatte und seinen Einfluss löste. Embers Lider begannen bereits wieder zu zucken, doch es war Noland, der von ihnen allen als Erstes einen Schritt zurückmachte. Wer wusste schon, was sie jetzt sehen würde? "Ich... ich kann das nicht so einfach aufheben..."
      Jasper brauchte Zeit. Zeit, die er eigentlich nicht wirklich hatte, als sich Ember leise stöhnend bewegte und wieder zu sich kam. Sie blinzelte etliche Male, fand sich schließlich im Dusk & Dawn wider und setzte sich auf. Sie fröstelte angesichts des kalten Bodens unter ihrem Hintern und Füßen ehe sie kurz den Blick schweifen ließ. Sie erkannte den Jungen, Jasper, der sie bleich anstarrte. Daneben stand Noland, der sie eher berechnend ansah. Zur ihrer Seite hockte August, das Blut an seinem Arm schien sie regelrecht anzuleuchten. Also war er es wirklich gewesen. Er hatte sie aus ihrer Wohnung geholt. Er war gekommen. Er war... echt?
      "Du bist mich echt lange nicht mehr besuchen kommen. Das macht mich traurig."
      Embers erleichterter Gesichtsausdruck bekam Risse als sie langsamd en Kopf von den Zauberern abwand und hinüber zu den Sesseln sah, wo ein Mädchen auf der Lehne saß und ihre Beine baumeln ließ. Ihr strohblondes Haare war zu zwei Zöpfen gebunden, die grünen Augen sahen sie vorwurfsvoll an. Das Mädchen war vielleicht sieben Jahre, nicht älter, und Ember brauchte eine Ewigkeit ehe sich ihr Unterbewusstsein an die Stimme erinnerte.
      "Oh bitte. Noch mehr Klischee geht ja wohl nicht", presste Ember zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, ein bittersüßes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Emily konnte ihr keine Gefahr werden. Sie konnte sie nur auf emotionaler Ebene verletzen.
      Jasper schüttelte indes ungläubig den Kopf. "Mit wem spricht sie da?"
      "Er hat doch gesagt, sie leidet unter Halluzinationen. Was hat sie getan?", fragte Noland während Jasper bereits zu dem Brief schlufte und ihn vorsichtig untersuchte. "Das ist ein recht starker Einfluss. Wenn sie sogar haptisch sind, dann wird er nicht so einfach zu lösen sein. Wie hast du es geschafft, dass sie dir nicht an die Gurgel gesprungen ist?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Viel zu viel Gerede, dachte August und wirkte fahrig und ungeduldig.
      Die Schmerzen in seinem Arm erschienen beinahe wie das dumpfe Pochen eines Herzschlages, wenn man es genau nahm. Beinahe unüberhörbar und doch Teil des Ganzen. Der kniete neben Embers Kopf auf dem Boden und hielt seine Hände an ihren Kopf gebettet. Ihre Haare fühlten sich weich unter seinen rauen Händen an und beinahe wäre er in diesem Gefühl für eine Weile versunken, wenn nicht Noland und der Junge ihn beinahe daraus aufgeschreckt hätten.
      Stattdessen würde sich über das Für und Wider unterhalten und der Junge glotzte schlimmer als eine Nonne auf einem Rave. Kopfschüttelnd seufzte August, ehe er Noland und seinen Neffen ansah.
      "Glotz da nicht so hin, Junge!", ermahnte er Jasper. "Es sind nur Beine. Ich weiß, dass er sich nicht durcharbeiten kann. Ich löse meine Aura gleich von ihr, aber dann wird sie wieder halluzinieren. Ich befürchte, du hast nicht allzu viel Zeit. Zieh die andere Aura aus ihr heraus und vernichte das Scheißding, was auch immer das ist!"
      Gleich nachdem er es ausgesprochen hatte, tat er wie geheißen.
      Eine Illusion zu beenden war leicht. Es war wie ein Spiegelzerschlagen. Man nahm einfach seine Aura zurück, die sich vorher wie ein Helm um Embers Kopf gelegt hatte. Vielleicht würde sie etwas davon merken, vielleicht auch nicht. August hatte niemals selbst unter einer Illusion gestanden, aber zumindest war es nicht schädlich.
      August blickte Jasper an und versuchte auszublenden, was Ember sagte? Hatte sie gesagt, dass es sie traurig machte, dass er nicht öfter bei ihr war? Oder war das nur Teil dieser grässlichen Illusion, die sich wieder zu manifestieren begann? Vielleicht sah sie auch gar nicht ihn sondern Jemand anderen...
      "Ich weiß, dass du Zeit brauchst, Jasper", murmelte August und sah den Jungen an. "Die Realität ist leider, dass du keine hast. Hör zu, ich weiß, dass es sicherlich nicht einfach wird, aber ich vertraue dir! Gib dir Ruhe und geh mit Bedacht ran. Wann immer sie ausbricht und zu hektisch wird, halte ich sie im Zaum. Arbeite dich von unten nach Oben mit der Aura und ich halte ihren Geist so lange stabil bis du am Kopf angelangt bist!"
      Anschließend sah er zu wie Jasper sich des Briefes besah, den August schon wieder völlig vergessen hatte. Gott, er hätte das Ding einfach zerstören sollen.
      August sah Noland an und zuckte die Achseln. Wie hatte er es geschafft? Im Grunde genommen hatte er gar nichts großartig tun müssen. Es erschien ihm beinahe, dass Ember ihn direkt erkannt hätte als das was er war. Real. Vielleicht war es auch der Schlafzauber gewesen, den er auf sie hatte legen müssen, er wusste es nicht.
      Nur Wenige hätten den Kampf auf Augusts Gesicht erkannt, dem er sich aussetzte. Er blickte hinab zu Embers Gesicht und streichelte ihr sanft durch das Haar, ehe er zu Noland zurück sah.
      "Ich weiß es nicht", murmelte er. "Ich weiß ehrlich gesagt weder was sie getan hat noch was ich getan habe. Ich weiß nur, dass dieser Brief die Quelle ist und der Zauber gesprochen wurde. Mehr nicht."

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    • Ember starrte noch immer das Mädchen an, das auf dem Sessel saß und seine Beine schwingen ließ, die in eine weiße Leggins gesteckt worden waren. Ganz langsam runzelte Ember die Stirn als sie überlegte, ob es auch das Outfit gewesen war, das Emily am Tag des Unfalls getragen hatte. Ein rosa Kleidchen und flache weiße Schuhe, die mit Glitzersteinchen besetzt worden waren...
      "Warum hast du aufgehört, mein Grab zu besuchen? Papa findet das nicht so gut, glaube ich. Er weint noch immer, wenn er mich besuchen kommt", sagte das Mädchen völlig unbefangen und Embers Herz wurde schwerer.
      Ja, sie hatte mit den Jahren aufgehört, Emilys Grab zu besuchen. Aus den täglichen Besuchen wurden wöchentliche. Monatliche. Jährliche. Bis sie irgendwann völlig eingestellt hatte, den weiten Weg zurück zu fahren, um sich für ein paar Minuten an den Grabstein einer unwiderbringlich verlorenen Person zu stellen. Ohne es zu wissen hatte Ember mit der Zeit abgeschlossen und nur das Foto in ihrer Wohnung erinnerte sie noch daran, dass es Emily einst gegeben hatte. Die Ermittlerin schüttelte sich bei der Erinnerung an all die Worte, die der falsche Ruairi ihr angetragen hatte. Vermutlich hatte er gar nicht so unrecht gehabt mit all den Behauptungen. Er hatte ihr auf dem Silbertablett serviert, wieso sie ständig den Kontakt zu Menschen verlor, die sie mochte. Wie sie systematisch ihre eigenen Beziehungen sabotierte und am Ende nur da stand und behauptete, nichts daran ändern zu können.
      "Das ist Folter...", murmelte Ember leise und zuckte zusammen, als jemand ihr Haar berührte. Sie war dermaßen abgelenkt gewesen von der Pseudoemily, dass sie die drei anderen Hirngespinste um sich herum völlig vergessen hatte. Hektisch schoss ihr Kopf herum und sie blinzelte direkt in Augusts Gesicht. Sie stockte. Bis vor ein paar Momenten war sie sich sicher, dass er echt war. Aber dieses Gesicht, was er gerade zur Schau stellte, war ihr neu. Es passte nicht, es wirkte zu... treffend für ihre Situation. Vielleicht war er ja auch einfach nur die bestgelungenste Halluzination von allen? Langsam und vorsichtig begann sie sich von ihm wegzuschieben, ständig ein wachsames Auge auf ihn gerichtet.
      "Lass sie", wies Noland August umgehend an als sie sich bereits eine Armlänge über den kalten Boden geschoben hatte. "Solange sie nichts in die Hand nimmt, was ihr gefährlich werden kann, lass sie tun was sie will. Du kannst sie immer noch davon abhalten, deine Einrichtung zu zerstören, aber es schürt nur ihre Panik wenn du sie festhältst." Glücklich war auch Noland nicht mit diesem Zustand. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete Ember, die so fremd agierte wie noch nie zuvor. "Ich glaube, sie hat vorhin eine Person gesehen, die wohl gestorben ist. Es gibt ein Traumata, das sie mich nie hat sehen lassen." Er zuckte mit den Schultern. Ein Schuss ins Blaue.
      Jasper indes hatte vorsichtig ein paar Finger an den Umschlag gelegt und lauschte der Melodie in seinem Kopf. Sie war kompliziert und nicht eingängig, aber bei Weitem nicht so üppig und divers wie jene der Arkana. Vielleicht konnte er sie lösen, die vom Brief bestimmt sogar, aber er hatte noch nie bei anderen Menschen es versucht. Einflüsse zu lösen war für ihn komplett neu und nach dem Fiasko am Nachmittag hatte er Angst. Tiefgreifende Angst, dass er dieser Frau mehr schaden als helfen würde und am Ende einen furiosen Arkana am Hals hätte. "Ich kann nicht von unten nach oben anfangen. Ich mach das komplett, so als schält man 'ne Zwiebel..." Ein unsicherer Blick ging zu Ember, die noch immer mit dem leeren Sessel zu reden schien und ihn zwischenzeitlich sogar anschrie. "Und im Moment kann ich es bei ihr nicht richtig unterscheiden. Ich hab heute nachmittag schon fast Scheiße gebaut, wie soll das jetzt gehen?"
      Noland warf ihm einen Blick zu. Der Sachverhalt stand eh schon fest. Wenn selbst August darauf zurückgriff, sich auf einen instabilen Pubertierenden zu verlassen, dann musste es schon Art haben. Er war verzweifelt. Verzweifelt genug, um das Risiko einzusetzen, dass Jasper mehr zerstörte als richtete.
      In diesem Augenblick hechtete Ember unangekündigt auf den nächsten Sessel zu. Sie prallte gegen ihn, warf ihn um und verharrte dann in einer Position, als säße sie über jemanden und würde ihn würgen. "Was ist, wenn meine Hallus selbst umbringe, hm?!", schrie sie den Boden an während alle drei Zauberer sie entgeistert anstarrten. "Dann hälst du. Wenigstens. Das. Maul!"
      Keiner der Männer bewegte sich während Ember Luft zwischen ihren Händen würgte und schwer atmete. Sie zuckte umher, als würde sich jemand gegen sie wehren und ihr Gesicht war zu einer furchtbaren Grimasse aus Schmerz und Entschlossenheit verzogen. Während Jasper einfach nur schockiert die Frau anstarrte, regte sich etwas in Noland. Noch nie hatte er seine ehemalige Kollegin erlebt, wie sie so leichtfertig darüber sprach, jemanden umzubringen. Das war das Letzte, was sie jemals tun würde und allein der Einblick in ihre Reaktion, als sie August erschossen hatte, war mehr als nur tragisch gewesen. Sie verlor langsam den Verstand und ihm waren ebenfalls die Hände gebunden.
      "Aufgepasst...", sagte er leise als er sich Ember langsam näherte, die mittlerweile aufgehört hatte zu schreien und nur noch den Boden unter sich anstarrte. Erneut fielen Tränen zu Boden als sie in ihrer Wahrnehmung auf den leblosen Leib Emilys starrte, den sie gerade erwürgt hatte. "Ember, lass los..."
      Sofort war Ember zur Seite gerollt als sie sah, wie Noland seine Hand nach ihr ausstreckte. Er durfte sie nicht berühren. Nicht nachdem er sich gegen ihren Willen Zugang zu ihren Erinnerungen verschaffte hatte. Er würde es erneut tun. Würde sie auslesen wie ein labbriges Buch und anschließend verbrennen wenn er keinen Nutzen mehr aus ihr ziehen konnte. "Fass mich nicht noch mal an!", fauchte sie ihn an, aber Noland ließ nicht locker. "Du hast mir versprochen, nie gegen meinen Willen meine Erinnerungen zu lesen! Du weißt, dass diese Magie die Schlimmste für mich ist! Du hast es getan ohne auch nur mit der Wimper zu zucken! Du hast mein Vertrauen missbraucht!"
      Ember scherte es nicht mehr, ob es der echte Noland war oder nicht. Endlich konnte sie dem Rogue alles ins Gesicht schreien was sie in sich gehalten hatte. Dass er sie verletzt hatte. Dass er ihr Vertrauen bewusst missbraucht hatte. Alles, was sich in ihr zu diesem Zeitpunkt aufgestaut hatte. Und doch kam er noch immer mit ausgestreckter Hand auf sie zu, der Ausdruck in seinem Gesicht war hart. Auch das musste eine Halluzination sein. Der echte Noland war nicht so offensiv. Es war ein Trick.
      Erneut legte sich Embers hektischer Blick auf August, der sie noch immer so seltsam ansah. Das Blut an seinem Arm hatte mittlerweile eine kleine Pfütze auf dem Boden gebildet. Wieso sollte sie sich einen verletzten August einbilden? Sie wusste, dass sein Arm in Mitleidenschaft gezogen worden war, aber woher stammte die Info, dass er dermaßen blutete? Wie sonst hätte sie hierher kommen sollen?
      August war die einzige Person im Raum von der sie das Gefühl erhielt, kein Hirngespinst zu sein. Ein strafender Blick ging zu Noland, an dem sie vorbei huschte, um vor August auf die Knie zu gehen. Ihre eisigen Hände legten sich an seine Wangen, angestrengt starrte sie in sein Gesicht. Auch Emilys Hals hatte sich unter ihren Fingern warm angefühlt. Genauso wie das Gesicht, das sie nun in Händen hielt. Die Augen wirkten genauso lebendig, die Illusion war scheinbar perfekt. Und doch...
      "Bitte lass es kein Fehler sein...", murmelte sie als sie einfach nur die Hände und den Kopf geschlagen sinken ließ. Und dann einfach verharrte.
      Noland war zu Jasper gegangen und holte ihn an seinem Arm wieder auf die Füße. "Deine Zeit dich als nützlich zu beweisen, junger Mann."
      Jasper starrte seinen Onkel an, dann Embers Rücken. "Was hast du gemacht?"
      "Selbst wenn sie unter Halluzinationen leidet ist sie immer noch Detective mit einem scharfen Verstand. Sie wird sich zu dem einzigen in diesem Raum flüchten von dem sie denkt, es sei real. Und da sie August zu Hilfe gerufen hat, wird er es sein. Sie vertraut drauf, dass er einen Weg findet ihr zu helfen. Und sein Weg bist du."
      Jasper grummelte unverständliche Worte. Dann setzte er sich langsam in Bewegung und setzte sich fast außer Reichweite zu Ember auf den Boden. Ein unsicherer Blick ging zu August, dann zu Ember. Seine Augen hatten zu keinem Augenblick aufgehört zu leuchten als er die Hand ausstreckte, Embers nackten Fuß berührte und die Miene verzog. August hatte ihn Kontrolle gelehrt. Zeit, das Ganze auch einzusetzen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es war hart, die Frau, die ihm so viel bedeutete, derart verstandslos zu erleben.
      Dargeboten wurde das sämtliche Spektrum aller Gefühle, das er für möglich hielt und doch erschreckte es ihn obschon er den Ausgang hätte erahnen müssen. Eine Halluzination konnte machtvoll sein, wenn ein guter Zauberer diese ausführt. So war es nicht verwunderlich, dass sie die Schlimmsten Dinge sehen musste, die man sich vorstellen konnte.
      Augusts Arm schmerzte schlimmer mehr und er spürte das seichte, rote Blut auf den Boden tropfen. Hakim würde ihn schelten und er musste ihn rufen. Aber er konnte nicht fort. Er kontne nicht gehen.
      Ember war doch hier. Und sie suchte nach ihm.
      Eine Szenerie, die er sich immer hatte wünschen wollen. Eine Frau, die nach ihm suchte. Die ihn verlangte, die...Ja, was eigentlich? Ihn liebte? Wer könnte ein Monstrum wie August Foremar lieben? Den Schlächter der Hundert. Den Teufel. Den Kriegsherrn. Wer sollte das tun? Diese Frau hier?
      Sachte spürte er ihre weichen, kalten Hände an seinem Kiefer und wollte nach ihr greifen. Doch bei allem, was ihm heilig war...Wenn er es tat, würde er dem Moloch seiner Gefühle niemals entkommen und erneut in den Abgrund stürzen, in dem er gefangen war.
      August warf einen kurzen Blick zu Jasper und nickte.
      Ehe er den Moloch willkommen hieß.
      Mit der rechten Hand ergriff August ihre an seiner Wange und begann zu lächeln. Seine Augen, bernsteinfarben und regelrecht brennend, bohrten sich wie Dolche in ihre wunderbaren, tiefen Augen. Eine ungekannte Fähigkeit des Teufels lag nicht in seiner Stärke oder dem Wissen über Magie. Sie lag vielmehr in der Tatsache, dass er die Herzen der Menschen zu binden wusste, ohne einen Funken von Aura zu nutzen.
      Um Jasper den Weg zu ebnen musste er das tun, was jeder Zauberer hasste: Seine Aura gänzlich aufheben.
      Jeglichen Schutz vor Schaden aufheben und selbst die magischen Aurafetzen loseisen, die seinen Arm umschlungen und den Blutfluss regulierten. Er würde in Lebensgefahr geraten, aber diese Frau war mehr wert als jedes Leben, das er zu führen gedachte.
      Schweigsam tat er also, was notwendig war.
      "Ich bin hier", flüsterte er und mit einem Mal schien sein Gesicht bleicher zu werden. "Ich bin echt. Real. Fühl mich. Spür mich."
      Sachte legte er den Rechten Arm um sie und schloss die Augen kurzzeitig. Und mit einem Herzschlag, ging ein Puls durch den Raum als die Aura des Teufels verlosch. Mit einem Mal verlor der Raum an Masse und die Temperatur fiel um ein paar Grad. Das Licht um ihn herum nahm an Farbe zu und tauchte den Raum in blasses Orange, während Jasper zu Werke ging.
      Und was vormals stetige Tropfen waren, zeigte sich nun als regelrechter Blutfluss. Ein kleines Rinnsal glitt zu Boden und Schmerz hüllte den Zauberer ein. Sein Puls beschleunigte sich und hielt sein Herz kaum im Zaum. Extrasystolen waren nicht ungewöhnlich, doch August hatte bereits so viel Blut und Energie verloren, dass er einen Infarkt fürchtete. Dennoch sah er aufmunternd zu Jasper.
      "Du schaffst das! Mit Ruhe. Und Gelassenheit. Die Macht ist dein und du bist die Macht. Hab keine Angst davor", flüsterte er und sah anschließend zu Noland.
      Wortlos formte er das Wort "Hakim" mit einem Blick zur Garderobe. Dort würde er eine Nummer finden. Er hoffte, dass Noland den Hinweis verstand.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Noland war die einzige Person im Raum, die den vollen Umfang der Lage objektiv beurteilen konnte. Er war nicht derart nah mit Ember verbandelt wie August, der vor ihr saß und ihre Hand an seiner Wange ergriff. Er war auch nicht in der Lage, das Problem zu lösen so wie Jasper, der die Augen geschlossen hatte und Dinge hörte, die sonst keiner mitbekam. Nein, Noland war nur ein stummer Beobachter und das war eine seiner Paraderollen. So war er es, der in Jasper direkt die Reaktion darauf sah, als August seine Aura löste. Wahrscheinlich merkte der Junge es selbst nicht einmal, wie er einen deutlich tieferen Atemzug machte, so als sei ihm Druck vom Brustkorb genommen worden. Die Lichter änderten subtil die Farbe, die Temperatur veränderte sich. Alles Reaktionen darauf, wenn ein Zauberer seine Aura einstellte. Und eine mächtige darüber hinaus. Ihm entging nicht, wie sich Augusts Gesicht scheinbar verfärbte, wie der Rinnsal an seinem Arm zunahm und er mit einem Mal beschlich den alten Rogue ein ungutes Gefühl. Das sich noch intensivierte als er auf den Blick des Arkana traf, der einfach nur ein Wort stumm mit seinen Lippen bildete.
      Der alte Rogue reagierte sofort. Er stürmte zwar nicht wie so manch Jungspund zur Garderobe und suchte nach etwas, das mit Hakim zu tun hatte, aber sein Schritt war doch mehr als nur eilig. Noch während er unter den Jacken nach irgendetwas suchte, wühlte er nach seinem Handy und stellte fest, dass er gar keines an sich trug. Er grummelte, als er schließlich etwas fand und damit zum Scheibentelefon ging, das Einzige, was hier unten als Telefon funktionierte. Er hasste Augusts Geschmack für antike Möbelstücke.
      Jasper registrierte nur am Rande das Geräusch von einer sich drehenden Wahlscheibe. Er hatte das erste Mal hier überhaupt das Privileg, nicht mehr diese Symphonie aus mindestens fünf Auren zu hören, sondern primär nur eine einzige. Eine einzige, die sich unter etwas anderes mischte und versuchte, sich ihrem Klang anzupassen. Das war einfach nur widerlich, befand der junge Rogue und begann sich darauf zu konzentrieren, welche Noten und Töne nicht zu Ember passten.
      Die bekam davon herzlich wenig mit. Für einen winzigen Augenblick fürchtete sie, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. August hatte ihren Blick mit solch einer Intensität erwidert, die sie noch nie zuvor in dieser Form bei ihm gesehen hatte. Aber sie wusste nicht, warum sich ihr Unterbewusstsein dies wünschen würde. Also konnte sie ihn dahingehend nicht beeinflussen und die Chance, dass er echt war, wuchs weiter an. Nachdem sie ihren Kopf und Hände hatte sinken lassen, schloss sie ebenfalls die Augen. Noch immer hörte sie Stimmen, die sie gut kannte und die ihr mehr als nur böse Dinge an den Kopf warfen. Aber sie setzte ihr Urvertrauen darauf, dass August ihr helfen konnte. Dass er einen Weg fand, es zumindest erträglich bis zum Morgengrauen zu machen. Er konnte es. Er würde es.
      Und dann war da ein Arm um sie, so leicht, dass es Eingebung sein musste, die Ember wissen ließ, dass das keine Einbildung war. Fast instinktiv langte sie nach vorn, schloss ihre Arme um den ersten Körper vor ihr, der zu diesem Arm gehören musste. Ihre Stirn fand eine Schulter und sie erinnerte sich noch später daran, dass es eine abstruse Mischung aus Schweiß, Blut und irgendetwas Anderem war, das sie mit diesem Moment in Verbindung brachte. Nichts davon spielte eine Rolle als sich ihre Finger in dem Stoff vergruben und denjenigen davon abhielten, sich auch nur einen Zentimeter zu entfernen. Die Hand an ihrem Fuß registrierte sie gar nicht.
      In der Zwischenzeit war Noland zurückgekommen und hielt neben Jasper an. Er suchte Augusts Blick, bedeutete ihm, dass er Hakim erreichen konnte und er sich bereits auf dem Weg befand. Die Dringlichkeit war ihm nicht abzusprechen gewesen.
      Jasper schauderte. Er hatte grob abgrenzen können, wo die fremde Aura anfing und wo sie endete. Doch zu tief war seine Angst, dass er doch wieder etwas falsches erwischen konnte und so ging er wesentlich vorsichtiger und langsamer vor als es gut war für diese Situation. Oder eher für Augusts Situation. Nur wusste der Jung, dass der Arkana es ihm nie verzeihen würde, wenn er aus dieser Frau eine ebenso matschige Person machte wie aus Hill, den er ebenfalls auf dem Gewissen hatte. Und so pflückte Jasper Note für Note aus dem Stück heraus und löste sie auf. Doch die Zeit musste er sich dafür nehmen.
      "Du musst sie loslassen sobald er hier ist...", sagte Noland leise, ein Funken Sorge erschien in seiner Miene als er die Lache betrachtete, die sich bereits am Boden sammelte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Das Empfinden wurde ein grauer Sumpf aus kleinen Reizen.
      August Foremar hatte sich bereits in so manch verfahrener Situation vorgefunden. Vergessen waren die Momente nach den Morden, diesem schrecklichen Unfall...Und vergessen auch die Tatsache, dass er bereits dem Tod entgegen getreten war. Ohne Angst, mochte man meinen. Doch dies war durchaus eine verfahrene Situation, aus der es kein schnelles Erwachen gab.
      Er spürte noch Embers Umarmung in der Sekunde, in dem sein Verstand in die graue Suppe seiner Empfindungen stürzte. Er merkte nicht einmal, dass er sich enger an die Frau drückte, als es gut für ihn war. Zumindest konnte er so kaschieren dass er sekündlich Kraft verlor. Sein Herzschlag hatte mittlerweile einen neuen Spitzenwert erreicht und begann nun in gravierender Weise langsamer zu werden. Und doch schien es ihm nicht möglich, nicht die Wärme ihres Leibes zu spüren und das verdächtige, leise Zittern, das sie verbergen wollte. Dieses unterschwellige Zeichen von wahrer Angst, die man nur vor Menschen zeigte, deren Vertrauen man genoß. UNd so strich Augusts kalte Hand sachte über ihren Rücken und grub sich anschließend ebenso in das Nachthemd, um ihr zu verdeutlichen, dass er keinen Schritt gehen würde.
      Nicht, dass er es hätte können.
      Nickend nahm er Nolands Hinweis zur Kenntnis und atmete sachte durch. Jeder Atemzug brannte in seiner Kehle und sein linker Arm war bereits taub und kalt. Nun traf es auch die Schulter. Seine Beine spürte er bereits nicht mehr und war dankbar, zu knien und sich an Ember teilweise festhalten zu können. Da sie ihr Gesicht an seine Schulter presste, konnte er die Wärme ihres Atems genießen und sie nicht sehen, dass ihm bereits Blut aus dem Mund lief. Das Phönixfeuer hatte doch einiges an Schaden angerichtet. Gottverlucht seien diese Kreaturen, dachte er August ein wenig amüsiert, während er zu Jasper sah.
      Der Junge kam voran. Das war gut. Nur dass er vier Hände hatte, störte August ein wenig. Aber das mochte an der Blutarmut liegen, die ihm mehr und mehr den Verstand vernebelte.
      "Das...machst du gut...", flüsterte er und nickte dem Jungen aufmunternd zu.
      Er spürte die fremde Aura schwächer werden, wenngleich nicht verschwinden. Innerlich bereute er es, dem Jungen so viel Zeit zugesprochen zu haben, aber was wollte man machen. Er hätte die Welt aus den Angeln gerissen, wenn Ember etwas passiert wäre. So ganz anders als...
      Nolands nächsten Hinweis nahm er mit einem Lächeln zur Kenntnis. Seine Zähne hatten sich bereits rot gefärbt.
      "Ich lasse los...wenn Jasper fertig ist...", wisperte er heiser. "Ich bin...einmal für diese Frau gestorben...Ich sterbe noch hundert Mal für sie..."
      Theatralischer Bastard, dachte er über sich selbst und schüttelte amüsiert den Kopf, während er Ember enger an sich drückte. Nur noch ein paar Minuten mehr.

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      The more you drag me to hell
    • Die nächsten Minuten waren mit Abstand am Schlimmsten für Noland. Er war als einziger dazu verdammt, tatenlos im Raum zu stehen. Während Jasper sein Bestes tat, die Aura zu lösen, war August der einzige Anker für Ember und umgekehrt. Näherte er sich, um den Arkana zu untersuchen, würde Ember das zweifelsohne mitbekommen und wieder wegschrecken. Also konnte Noland nur stehen und warten.
      Und die Minuten zählen.
      Und die Sekunden zählen.
      Am Ende wusste er gar nicht, wie lang genau er festgewachsen im Raum stand und nur darauf wartete, dass August zusammenbrach oder Jasper endlich fertig war mit was auch immer er da genau trieb. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, ging zur Eingangstür, öffnete sie und warf kurz einen Blick nach draußen in die beschienenen Straßen. Etwas in ihm hatte gehofft, dass dort doch schon das Taxi vor fuhr und einen weiteren Arkana absetzte. Doch nichts dergleichen passierte und so musste Noland die Tür wieder schließen und sich zurück an seinen Platz stellen, um abzuwarten. Um seinen Einsatz nicht zu verpassen.
      Den verpasste er jedoch unerwartet doch, als plötzlich Jasper zu Seite kippte und regungslos liegenblieb. Weder Ember noch Augst hatten sich bewegt, also war was mit ihm nicht in Ordnung. Ein bisschen zu grobschlächtig zog Noland seinen Neffen von den Beiden weg und kniete sich neben ihn. Seine Augen waren geschlossen, Schweiß stand auf Jaspers Stirn und sein Atem war flach, aber gleichmäßig. Ermüdungserscheinungen. Noland klickte leise mit der Zunge und richtete seine Aufmerksamkeit auf das verschlungene Paar, durch das endlich wieder Bewegung ging.
      Zumindest war eine Bewegung davon gut. Ember löste sich von August, nahm die Arme zurück, um ihn eigentlich geschafft ansehen zu wollen. Doch soweit kam es gar nicht mehr. Noch während sie von ihm Abstand nahm, driftete der Arkana zur Seite und fiel in seine eigene Blutlache, die sich ungesehen von Ember an seiner Seite gebildet hatte und dem Saum ihres hellen Nachthemdes einen dunkelroten Akzent verlieh. Noland ahnte bereits, dass das nicht unbedingt zur Besserung der Situation beitragen würde und wollte sich gerade auf die Beine kämpfen, da war der Lebensgeist in die Frau schon zurückgekehrt.
      "August?!", keuchte sie auf und man hörte, dass sie gerade vom Regen in die Traufe geriet. Die Stimmen in ihrem Kopf waren verschwunden, sie sah keine Doppelbilder mehr. Umso schlimmer war die Erkenntnis für sie, dass das vor ihren Beinen die Realität sein musste. Ihre Augen zuckten von einer Seite zur anderen als sie durch seine Blutlache rutschte, um ihn wenigstens halbwegs auf ihre Beine zu ziehen.
      Jetzt hatte Noland zwei Notfälle vor sich liegen. Besser konnte dieser Morgen ja gar nicht mehr werden. Als hätte er es beschworen, klingelte es an der Tür. Er wusste gar nicht, wie schnell er eigentlich auf die Beine kommen und an der Tür stehen konnte, die er zu seinem eigenen Erstaunen eiskalt aufriss und den Arkana erkannte, den er in Embers Erinnerung gesehen hatte.
      "Noland, angenehm", sagte er kurz angebunden als er einen Schritt zur Seite trat und Zugang zum Innenraum gewährte. Selbst von hier sah man Jasper, der noch immer auf der Seite lag und Ember, die mit zerfurchtem Gesicht herüber blickte. In einem von Blut getränkten Nachthemd mit einem halbtoten August in den Armen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Hakim Ibn Fahdlan war ein geduldiger und sensibler Mann.
      Geboren zu einer Zeit, als die Menschen noch gar nicht wussten, wie man Krieg schreibt, war es ihm beinahe unmöglich, den besorgten Ton des merkwürdigen Anrufers zu überhören, der ihm blitzartig eine Anforderung im Namen von August schickte. Seit wann nutzte man noch Telefone?
      Jener, den man den Kaiser nannte, fuhr in einem angenehmen Londoner Taxi umher, als er festgestellt hatte, dass das Zwei-Wege-Tor nicht mehr funktionierte, das August ihm aufgebaut hatte. Und dafür gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder war Foremar gestorben oder er hatte das Sakrileg begangen, seine eigene Aura zu löschen und sich schutzlos zu lassen. Letzteres wäre durchaus die schlechtere Wahl, dachte der Arkana und knetete nervös seine Hände.
      Nun, kneten konnte man das nicht nennen. Krachend brachen die Knochen unter seinen weichen Handflächen und setzten sich in Sekundenschnelle wieder zusammen. Eine Arbeit, um sein Hirn zu beschäftigen, während er sich inhärent die Folgen dummen Handelns ausmalte.
      Am Ort des Geschehens angekommen, bezahlte er den unfreundlichen Fahrer, der sich die ganze Zeit über das Krachen von Knochen auf dem Rücksitz beschwerte. Mit einem verzogenen Gesicht richtete er die Samtgewandung, die er sich umgeworfen hatte und eilte schnellen Schrittes zur Tür, die ihm alsbald geöffnet wurde.
      Hakim war ein gepflegter Mann mit gut gestutztem Bart und ordentlichem Haarschnitt. Erneut blitzte der Ohrring an seiner Seite im Widerschein der Flammen des ausgehenden Kamins.
      Und das erste, was der Arzt sah, war eine Blutlache und ein ziemlich blutleerer August darin. Eine panische Frau hatte ihn auf ihre Beine gezogen, um ihm Halt zu geben. Das war nicht schlecht und auch nicht gut. Der Zustand des Jungen jedoch war besorgniserregend. Eine derart verwirrte Aura hatte der Arzt bereits lange nicht mehr erlebt. Zwei Notfälle. Zwei Entscheidungen.
      "Friede", nickte der Arzt freundlich. "Ich bin der Hakim."

      Es war bereits Hunderte von Jahren her, da man einem Mann einen Namen gab.
      Geboren unter einem Widerstern, einem bösen Geburtszeichen, wurde der Mann geächtet und verfolgt. Ein Mann, dessen Wunden heilten und der nicht zu sterben vermochte. Egal, welche Wunden man schlug und welche Arzt der Lügen man ihm vorwarf, er wurde geheilt von Schmerzen.
      und leider auch von Gefühlen.
      Mit den Jahrzehnten vereinsamte der Mann, der nun in einer Höhle lebte und sich nicht sicher war, welches Jahr und welchen Tag es hatte. Als die Zeiten der Kriege und Verachtung anbrachen und die menschliche Rasse Jenes entdeckte, was sie heute "Magie" nennt, da war der Mann bereits Hunderte von Jahren in der Höhle verblieben und hatte sich versteckt. Erst mit den folgenden Jahren der Akzeptanz und des Wissens wurde man seiner gewahr, als er wieder und wieder vom Berge hinab stieg, um die Kranken und Verwundeten zu heilen, welche die Schlachtfelder zurückließen.
      Mit der Zeit und der Masse an Beobachtern nannten die Menschen ihn den "Engel von Bagdad", "Gottes Ersten Diener" oder aber schlicht "Allahs Rechte Hand".
      Oder aber schlicht "Hakim". Der Arzt. Der Heiler. Das Wunder.
      Mit brennendem Blick eilte Hakim zu den beiden Verletzten. Schweigsam kniete er neben Ember nieder und fühlte in rascher Abfolge den Puls und die Lebenskraft des Arkana ab. August hatte schon immer ein Talent dafür, seinen Leib in Lebensgefahr zu bringen. Und nur der Gutmütigkeit des Hakims war es zu verdanken, dass er nicht schon vor 100 Jahren gestorben war, als er ihn aus dem Tor gezogen hatte. Koipfschüttelnd betrachtete er den Arkana und seufzte.
      "Phönixfeuer", wisperte er. "Also wirklich, August...Halte ihn gerade, tifli."
      Jeder halbwegs begabte Zauberer wusste um die verheerende Wirkung von Phönixfeuer auf einen magischen Körper. Ein Feuer, dass die Aura zerfrisst und zerpflückt wie eine Leiche zurücklässt. Und das auch noch ohne Schutz. Doch wichtiger war Anderes.
      "Dieser hier...", murmelte Hakim und sah zu Jasper. "Dieser bedarf meiner Hilfe eher. Seine Aura ist verwirrt, zerrupft und beinahe leer vom Geiste der Macht."
      Sorgsam wanderte der Arzt durch das Blut und scherte sich nicht darum, dass es an seine herrlichen, seidenen Pantoffeln gelangte.
      "Dieser hier leidet...", flüsterte er und sah zu Jasper mit aufmerksamen Blick. "Und Leiden muss beendet werden."
      Sachte kniete er neben Noland und dem Jungen nieder und sah mit offenem, freundlichen Blick in die Augen des Zauberers.
      "Sieh nicht in meine Gedanken, Noland", bemerkte er ruhig. "Du würdest es nicht überstehen."
      Als er seine Hand auf den Jungen legte, veränderte sich der Raum erneut. Dachte man bei Augusts Präsenz bereits an Macht und Dominanz, so war es hier gänzlich anders. Als würde man ein gewaltiges Feuer zünden, legte sich Wärme über den Raum und füllte ihn aus. Die Luft begann zart nach Lavendel und Kardamom zu duften und erstaunlicherweise nahmen die Farben im Raume zu. Als würde man einen Drogenrausch durchleben. Die Aura des Hakims manifestierte sich in einer Form, welche zumindest nicht geläufig war. Anstatt sich wie ein Wolke um den Zauberer zu legen, bildete sie Flügel aus. Leuchtende, grell weiß erscheinende Flügel auf dem Rücken des Mannes, vier Flügel an der Zahl, breiteten sich über die Verletzten aus und pure Lebenskraft sickerte wie zäher Honig in den Jungen.
      Sorgsam sortierte der Arzt die verwirrte Aura, füllte Löcher und fügte zusammen, was zusammen gehörte und nahm die Angst und Erschöpfung von ihm, die der Junge erlitt.
      "Wahrlich", flüsterte Hakim und sah zu Noland. "Dein Neffe ist mächtig. Und mutig. Wird er ausgebildet, ist er zu Großem fähig."
      Sachte erhob sich der Arzt nach der ersten Behandlung und wanderte nun mitsamt seiner Flügel zu August, der ihn mit halboffenen Augen ansah.
      "Wie oft hast du dich nach dem Tod gesehnt, Sadiq...", murmelte Hakim und beugte sich herab. "Halte ihn ruhig, mein Kind."
      Und erneut geschah es. Wärme und Zuflucht breitete sich durch den Raum wie eine schützende Hand, als der Arkana begann, die Wunden des Zauberers zu heilen, die er sich selbst geschlagen hatte. Mit jeder Sekunde eines Herzschlages sickerte mehr und mehr dieser heilenden Kraft in den Zauberer hinein und erstaunlicherweise ließ sich beobachten, wie das Blut, das erkaltet auf dem Holzboden lag, wieder zurück in den Körper fand. Erst mit dem letzten Tropfen schlossen sich die Wunden am Arm und August erwachte langsam zum Leben.
      "Nun...", murmelte der Arzt lächelnd. "Das war ein Erlebnis, nicht wahr?"
      August, noch immer von der BEhandlung geschwächt, richtete seine Hand langsam in seine Richtung und zitterte dabei wie Espenlaub.
      "Ha...kim..."
      "Ja, mein Sohn", nickte der Arzt freundlich. "Hab keine Furcht. Schlaf. Du hast gut getan, in dem was du tust. Ich wache über die Deinen."
      Es brauchte keine sieben Sekunden, da sah August nochmals kurz zu Ember und begann anschließend zu schlafen.
      "Du warst ebenso mutig", murmelte Hakim und sah zu Ember. "Geht es dir gut, tifli? Leidest du noch immer?"

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    • Nolands Blick wich nicht einen Augenblick lang von dem neuen Arkana, der das Dusk & Dawn betrat. Er kannte ihn nur durch Embers Erinnerung und den vagen Eindruck seiner Aura, den er erst jetzt einer Person richtig zuordnen konnte. Normalerweise wäre er höchst alarmiert gewesen, aber wenn August ihn eigenmächtig freiwillig hier in seine Reihen einlud in solch einem Zustand musste ein gewisses Grundvertrauen her. Dies bestand bei Noland darin, den Arkana frei im Raum wandern und tun zu lassen und ihn nur mit seinen Augen zu beobachten.
      Ember erkannte Hakim bereits in der ersten Sekunde. Dank des Treffens im Zwielichtsaal wusste sie, dass er nicht zu denen zählte, die August direkt an den Kragen wollten. Auch der Hinweis darauf, dass sie zusammenarbeiteten um einen Ausweg aus der verzwickten Lage zu finden sollte sie eigentlich nachsichtiger stimmen. Trotzdem kam sie nicht drum herum August noch ein Stück enger an sich zu ziehen. Obzwar ihr üblicher, warnender Blick vollkommen fehlte. Sie brachte kein Wort heraus als sich Hakim neben ihnen niederließ und August befühlte. Auch der Hinweis, dass es Phönixfeuer war, sagte ihr nicht sonderlich viel. Sofort tat sie wie geheißen und richtete den Mann auf ihrem Schoß gerader aus. Das konnte sie. Das bekam sie selbst mit eiskalten, toten Händen hin. Dass sie selbst am ganzen Körper bebte merkte sie gar nicht. Viel zu sehr war sie darüber schockiert, wie kalt er sich auf ihren fast nackten Beinen anfühlte.
      Noland war indes zu Jasper zurückgegangen und hatte ihn vorsichtig betastet. Der Junge wirkte, als sei er komplett ohnmächtig, aber irgendetwas war anders. Noland war kein Arzt und wollte auch nie einer sein, weshalb er die Diagnose des Arztes nickend zur Kenntnis nahm und ihn weiterhin beäugte. Wieso unterstellte eigentlich ein jeder ihm, ständig die Erinnerungen jeder Person auslesen zu wollen? Das war höchstgradig gefährlich und das wusste er besser als jeder andere. Niemand sonst wusste, ab welcher Menge an Informationen Verstände brechen würden oder nicht mehr in der Lage waren zu unterscheiden welche Informationen die eigenen oder fremd waren.
      "Ich bin aktuell auch gar nicht geneigt, mir noch mehr Erinnerungen anzusehen", gab Noland knapp zurück und wurde offensichtlich nicht wirklich warm mit dem freundlichen Blick, den ihm der Arkana entgegen brachte. Der Mann hatte nicht ohne Grund diesen Titel bekommen. Je netter und harmloser die Zauberer wirkten, desto tiefer fiel man in der Regel auf die Schnauze, wenn man ihnen leicht glaubte.
      Die Veränderung im Raume ging an niemanden wirklich spurlos vorüber. Ember nahm den Farbunterschied und die Duftnuancen in der Luft wahr wohingegen Noland nicht gerade begeistert den Blick abwenden musste angesichts der grell leuchtenden Aura. Jasper begann zu zucken, da hatte sich nicht einmal eine Hand seinem Körper genähert. Es erstarb in dem Moment, als er in Kontakt mit der fremden Aura trat und der angestrengte Gesichtsausdruck wich aus seinen Zügen. Der Hinweis darauf, dass erneut ein Arkana seinen Neffen als mächtig beschrieb, stimmte Noland nicht wirklich glücklicher. Sanft drehte er seinen Neffen auf den Rücken, dem bereits wieder Leben in die Glieder floß und seine Augen unter den Lidern sich bereits bewegten.
      Als Haim zu Ember und August kam wusste sie nicht, was sie fühlen oder denken sollte. Ihr gesamter Fokus lag gerade auf dem, was sie in ihren Armen hatte und noch enger an sich zog als es hieß, sie solle ihn halten. Dieser trübe Blick, den er bis eben noch in den Augen hatte, beraubt von jedem Glanz oder jeder Finesse, war grausam anzusehen. Es erinnerte sie zu gut daran, wie es damals bei Emily ausgesehen hatte, als das Leben aus ihren Augen gewichen war. Ember hatte jede einzelne Sekunde davon tatenlos zusehen müssen. In Erinnerung dessen spürte Ember die Wärme der Aura nur am Rande ihres Körpers kratzen. Nichts davon konnte bis in ihren Kern dringen und sie dort erwärmen. Innerlich war sie kalt, zerfressen von Angst, Schmerz und Vorwürfen.
      Ein wirklich tiefer, lang angehaltener Atemzug entkam Ember erst als August Worte formulierte, sie noch einmal ansah und dann einschlief. Erst dann erlaubte sie es sich, die Spannung ein wenig fallen zu lassen. Erst dann sackten ihre Schultern ein ganzes Stück nach unten und ihr angespanntes Gesicht lockerte sich. Nicht eine Sekunde lang löste sie ihren Blick auf Augusts Gesicht, selbst dann nicht als Hakim sie direkt ansprach.
      Was sollte sie auf seine Frage antworten? Ja, sie litt auf viel zu vielen Ebenen, als dass sie es klar hätte benennen können. Nur eine davon war physischer Natur, der Rest entzog sich dem, was man berühren konnte. Zu behaupten, es ginge ihr gut wäre eine Lüge, die jeder problemlos entlarven konnte. "Ich glaube, man hört nie auf zu leiden", sagte sie schlicht und ergreifend.
      Hinter ihnen raschelte es, als sich Jasper aufsetzte und mit den Händen durch sein Gesicht fuhr. "Was für ein Trip...", murmelte er und schreckte zusammen als er Hakim sah. Wobei er sich offensichtlich nicht darüber erschreckte, wie Hakim aussah. "Sie sind Ursprung der südländischen Musik!"
      Er erinnerte sich an die zahllosen Male, wo diese wunderschöne Musik ihn in den Schlaf gelullt hatte. Die einzige Melodie bisher, die ihm nicht den Schlaf geraubt sondern gebracht hatte. Dann stutzte er als ihm auffiel, dass die Kopfschmerzen weg waren. Dass seine Aura nicht eigenmächtig eskalierte. Es fühlte sich.... zusammengehörig an. So seltsam wie noch nie zuvor und verdutzt guckte der Junge seine eigenen Hände an. "Krass...."
      Ember reagierte nicht auf Jasper oder Noland. "Lass mir mein Leid. Ich muss da selbst rauskommen." Wenn es ihr genommen würde, verschwand auch ein Teil dessen, was sie auszeichnete. Vielleicht nahm es ihr dann sogar ihren Antrieb. Ihre Motivation. Für sie gehörte es bis zu einem bestimmten Grad zu ihrer Person und formte sie zu dem, was sie war. Ein Teil von ihr, den sie nicht einfach abschieben können würde.

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    • Hakim sah Ember neugierig ins Gesicht und lächelte unentwegt. Es war leicht, so manche Gefühle aus der jungen Frau herauszulesen. Nicht, weil sie besonders anfällig war, sondern weil es Hakims oberste Aufgabe als Heiler war, die Gefühle der Menschen zu spüren. Wie sonst hätte er das Leid in ihrem Blick sehen können?
      Schweigsam schlug der Arzt den Blick nieder und berührte Augusts Gesicht noch einmal leicht, während er in einen tiefen Schlaf sank. Vielleicht mochte dieser Stunden gehen, genau konnte es der Arzt nicht sagen. Beinahe unendlich langsam sah er auf und seufzte schwer, ehe er lächelnd nickte.
      "Hab keine Angst, tifli", murmelte er und sah Ember weiter fest in die Augen. "Ich berühre und heile nur, wer geheilt werden möchte oder der Heilung bedarf. Du hingegen bedarfst es nicht. Denn du bist nicht gebrochen, mein Kind. Ein Irrpfad oder eine stürmische Zeit bedarf nicht der Heilung. Sie bedarf der Liebe und Anleitung. Und beides wirst du erhalten, da bin ich sicher."
      Wie zum Beweis nickte er zu seinen eigenen Worten und sah anschließend zu Jasper, den er ebenso freundlich wie verständig anlächelte.
      "Eine südländische Musik", wiederholte er und zog eine Augenbraue hinauf, während eine Hand zu seinem Ohrring fuhr. Dem einzigen, den er trug. "Wahrlich, das ist wohl so. Südländisch bin ich wohl in deinen Augen, mein Sohn. Und doch...Du scheinst mir geheilt und zufrieden, wenn ich mir dein Gesicht ansehe."
      Die Worte trugen Freundlichkeit mit sich, die sich wie Honig in den Raum ergoss. Mit Glück im Herzen stellte der Heiler fest, dass der junge Mann nunmehr eine vollständige, passende Aura mit sich trug und regelrecht erstuant auf seine Hände sah. Hatte er noch nie derartiges gefühlt?
      Schweigsam erhob sich der Arzt just in dem Moment als Perley herein stolperte und sich gerade noch den Kragen richtete.
      "Was zum..:Was ist denn hier los?"
      "Ah, Perley!", begrüßte Hakim den Mann und erstaunlicherweise fielen sie sich wie Brüder in die Arme, wenngleich von Seiten Perleys ein bisschen weniger herzlich.
      "Was ist...", murmelte der Butler und sah anschließend mit wirrem Haar zu Ember, ehe er mit einem weiteren Blick zum schlafenden August zu verstehen begann.
      "Er hat es schon wieder getan", knurrte Perley und bereite die beiden Sessel so vor, dass sie eine perfekte Liege bildeten, sofern man den schmalen Tisch darunter schob. "Bitte helft mir", sagte er und sah Hakim und NOland, während er unter Augusts Arme griff.
      Mit einem Schwung und einem leicht bitteren Kommentar des Arztes legten sie den Arkana auf die behelfsmäßige Bettstatt und sahen sich anschließend an. Ehe sie auch einen Blick für Ember in ihren doch recht ungewöhnlichen Kleidungsstücken hatten.
      "Nun...", begann Perley seufzend und sah schief grinsend zu Ember. "Wir haben Kleidungsstücke in Augusts Zimmer und auch ein Bett dort. Sie können es gern nutzen. Ich denke, August hätte nichts dagegen."
      "Ich werde beim Patienten bleiben. Wenn er erwacht, wird er verwirrt und schmerzverirrt sein. Da sollte ein Arzt hier sein. Und ich werde den Eingang bewachen, damit ihr alle ruhig schlafen könnt. Fürchtet euch nicht", lächelte Hakim und zog sich einen Stuhl heran.
      "Denn ich bin jetzt da..."

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    • Es gab mal eine Zeit, da hatte Ember fast den Pfad ihrer gläubigen Eltern eingeschlagen. Nach Emilys Tod hatte sich all dies schlagartig geändert und die Meinung, dass ein gnädiger Gott doch keine Kinder töten würde, sich gefestigt. Nun regten derlei Worte rein gar nichts mehr in ihr. Höchstens ein schmallippiges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel als sie den Worten des Heilers nicht viel Wert zumaß. Nett, dass er glaubte, sie bräuchte keine Hilfe. Dann hatten ihre Worte diesbezüglich ja ihre Wirkung nicht verfehlt.
      "Äh, ja, mir geht's prima", antwortete Jasper etwas überrumpelt als er sich diesem entwaffnenden Lächeln gegenüber sah. Was stimmte denn nur nicht mit diesem Typ? Und noch viel wichtiger: Wo hatte August den denn aufgetrieben? Viel länger konnte er seinen Kopf nicht darüber zerbrechen, da kam eine neue Person in den Raum gestolpert. Perley sah mehr als nur verwirrt aus angesichts der bunten Zusammenwürfelung an Leuten und deren Zuständen. Tatsächlich entgleiste aber nur Jasper das Gesicht als er sah, wie sich Perley und Hakim regelrecht in die Arme fielen.
      Noland schnaubte nur als er sich wieder erhob und sich langsam aber sicher Ember näherte. Sie saß noch immer auf dem Boden, hielt August fest als sei es das Letzte, was sie tun würde. Völlig losgelöst von der Tatsache, dass sie einen mentalen Angriff überstanden hatte und mit nichts außer einem Nachthemd auf dem Boden der Detektei saß. Näher heran traute er sich erstaunlicherweise dann doch nicht. Er wusste nicht, dass er sich insgeheim davor bewahren wollte in ihre anklagenden Augen zu blicken.
      Glücklicherweise übernahm Perley dies. Er erntete von Ember einen schon fast warnenden Blick als er sich erdreistete, sich nach August zu beugen. Für einen Moment haderte Ember mit sich, dann rückte sie doch von August ab und ließ zu, dass man ihn auf die zusammengeschobenen Sessel bettete. Während die Männer dies vollrichtete, kam sie mühsam wieder auf die eigenen Füße. Erst jetzt fiel ihr wirklich auf, wie kalt es ihr eigentlich war und dass das Nachthemd zwar nicht mehr vollkommen durchtränkt war, die roten Spuren es nun aber eher wie ein verwaschenes Batikteil wirken ließen. Sie seufzte. Er hatte sie ohne alles hergebracht. Weder kam sie in ihre Wohnung zurück noch konnte sie morgen normal zur Arbeit gehen. Sie war drauf angwiesen, dass sie irgendwie wieder in ihre Wohnung kam.
      Während sie den Brief am Boden ins Visier nahm, hatte Noland nur den Kopf geschüttelt und war dann direkt die Flucht angetreten. Weder wollte er länger als nötig hier unten verweilen noch in ein pikantes Gespräch mit Ember geraten. Er trat also den taktischen Rückzug an und ließ seinen Neffen, der mit den Händen in den Taschen seiner Jogginghose am Fußende von August stand, allein zurück.
      "Tja, ich glaube viel mehr kann ich jetzt auch nicht tun", meinte Ember nachdem sie den Brief aufgehoben hatte. Sie hatte erkannte, dass es nur ein Stück Papier war solange sie den Inhalt nicht las. Höchstwahrscheinlich könnte sie die Wirkung erneut ausrufen, wenn sie ihn nochmal las. Also ließ sie ihn schön gefaltet in ihrer Hand verschwinden. "Könnten Sie mir in spätestens drei Stunden Bescheidgeben, Perley? Ich hab weder Handy noch sonst irgendwas bei mir. Ich muss irgendwie in meine Wohnung kommen oder zumindest mich im PD blicken lassen..." Einen weiteren Moment verharrte sie einfach nur im Raum und musterte still August, der seelig zu schlafen schien. Dann schickte auch sie sich an, die Nacht zu verdauen und verschwand in Augusts Zimmer. Warum man ihn nicht direkt hierher gebracht hatte, war ihr nicht wirklich schlüssig.
      Also blieb nun nur noch Jasper zusammen mit zwei Arkana und dem Hauswirtschaftler zurück. Für ihn war nicht mehr an Schlaf zu denken, der Junge war hellwach und sein Kopf raste. Er hatte Stille in seinem Kopf. Vermaledeite, teuflisch schöne Stille in seinem Kopf, ganz ohne Fremdeinwirkung. Er wusste nicht, wann er sich das letzte Mal so klar gefühlt hatte. Mehr als nur interessiert filzte er Hakim mit seinen Augen so gut er nur konnte.
      "Was haben Sie gemacht? Und wie funktioniert das, was Sie machen?", fragte er mit hörbarem Interesse und trat von einem Fuß auf den anderen, ignorierte Perley vollkommen. "Ich glaub, ich war noch nie so klar in meinem Leben. Und woher kennen Sie beide sich?" Er wedelte dann doch kurz mit dem Zeigefinger zwischen Hakim und Perley hin und her.

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    • Auch wenn Ember den Raum nicht beherrschte, so nahm sie ihn doch mit ihrer Präsenz scheinbar genug ein. Zwei Männer sahen ihr beinahe hypnotisch nach, als sie sich in ihrem merkwürdigen Outfit nach oben begeben wollte.
      Es war nicht die außergewähnliche Situation, die dieses Verhalten so merkwürdig machten, sondern vielmehr das Verhalten der Detective. Sie war einer psychischen Ausnahmebelastung ausgesetzt gewesen und reagierte beinahe gelassen auf all das. Sicherlich, es sprach Sorge um August aus ihrem Blick, aber was war es sonst?
      Perley schickte sich an, ihr hinterher zu laufen, wurde jedoch von Hakim freundlich zurück gehalten. Als sei der Vater dem Sohne gnädig, grinste der Heiler und schüttelte den Kopf.
      "In Ordnung, Ms Sallow", murmelte Perley ergeben und stellte sich einen Wecker auf seinem Telefon, das er aus der Tasche seiner Hose beförderte.
      An Schlaf war nun wirklich nicht zu denken. Es war mitten ind er Nacht und dennoch übermannte keine Müdigkeit die beiden Männer, die nun gemeinschaftlich zu August sahen. Wann hatte der Arkana zuletzt derart friedlich geschlafen? Hätte Perley Ember sagen sollen, dass August gar nicht mehr dort oben schlief, weil ihn Alpträume plagten?
      Vielleicht nicht. Vielleicht war es besser so.
      Perley sah noch immer stumm und starr Lächer in die Landschaft, als Hakim sich dem jungen Mann zuwendete, der vor Energie strotzte. Lächelnd lehnte er sich in seinen Schneidersitz, in den er sich begeben hatte und legte den Rücken an dem Sessel ab, ehe er die Schultern zuckte.
      "Wie habe ich es gemacht...Mein Sohn, ich fürchte, die Magie der Heilung ist sehr komplex zu erläutern. Müsste ich es einfach erklären, so würde ich es als Puzzle bezeichnen. Ein Puzzle aus Leib oder Aura, dass ich in der Lage bin, zusammen zu setzen", sagte der Heiler und legte den Kopf schief. "Was dir wiederfahren ist, ist jedoch merkwrüdig selten. Deine Aura war nicht zerfetzt, es erschien vielmehr, als habe sie sich selbst und freiwillig aufgetrennt. Als würde man versuchen, gewisse Dinge zu verbergen oder ihnen nicht mehr habhaft zu werden. Fürchtest du dich vor deiner Kraft, mein Sohn?"
      Perley erwachte als Jasper seine letzte Frage stellte.
      "Hakim kannte meinen Großvater", berichtete Caulson und drehte sich ächzend zu ihnen. "Mein Großvater war Jäger von Zauberern undjagte zumeist in Arabien. Und dort begegnete er auch Hakim."
      "Wohl wahr, wohl wahr. Es waren unschöne, aber gerechte Begegnungen. Dein Großvater wusste, dass ich kein Ungemach bedeutete."

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    • Jaspers Blick driftete in die obere rechte Ecke seiner Augen ab als er so darüber nachdachte. Hakim setzte Auren wieder zusammen, er selbst nahm sie auseinander. Vielleicht wäre der Arkana in der Lage gewesen, das Unheil, das er angerichtet hatte, wieder zu korrigieren. Richtig zu korrigieren. Wäre Hakim in der Lage gewesen, Hill wieder zur Besinnung zu bringen oder war er hoffungslos aufgeschmissen gewesen? Falls nicht, warum hatte August dann einfach kurzen Prozess gemacht? Weil die Zeit dafür zu knapp war?
      Fürchtest du dich vor deiner Kraft?
      Jasper suchte Hakims Blick. Nach den mittlerweile drei Vorfällen war eine Furcht nicht mehr abzusprechen. Das erste Mal war ein Unfall gewesen, den er nicht einmal hatte kommen sehen. Das zweite Mal war ein Wiedererleben einer ähnlichen Situation. Beim dritten Mal konnte er rechtzeitig die Reißleine ziehen. Er fürchtete die Konsequenzen, die es mit sich brachte, wenn er die Kontrolle verlor. Er schien Menschen zu töten ohne wirklich zu wissen, wie er es anstellte. Vielmehr wollte er aberkennen, wer er wirklich war. Diese Spaltung zwischen dem Wunsch nicht das zu sein was man war und der Gewissheit, dass man seine Natur nicht ändern konnte hatte womöglich genau zu diesem Phänomen geführt.
      "Mhm, ich mag meine Fähigkeit nicht. Ich hab's August auch schon erklärt, dass ich eigentlich gar kein Zauberer sein will. Ich wollte so weit weg davon sein wie nur möglich. Dann hab ich vor drei Jahren erstmals die Kontrolle verloren und einen Jungen getötet." Er kratzte sich am Kopf als er versuchte, den Nebel aus seinen Erinnerungen zu vertreiben, den Noland ihm beigefügt hatte. "Vor ein paar Tagen ist es erneut passiert und deswegen hat sich August die Verletzung zugezogen. Ich töte Menschen ohne zu wissen wie. Alle um mich herum baden meinen Scheiß aus. Ist doch klar, dass man davor Angst hat und es nicht will..."
      Dann sah er zu dem schlafenden August herüber, der die Spannung aus seinem Gesicht verloren hatte. Sein Gesicht hatte wieder mehr Farbe und auch sein Arm sah beinahe so aus, als hätte sich jemand nur einen Spaß erlaubt und ihn bandagiert.
      "Ich hatte so ein ähnliches Ding in der Hand, was seinen Arm verbrannt hatte. Es war so... warm. Ganz komisch. Es hat die Stimmen und Geräusche, die ich ständig höre, einfach ausgelöscht. So wie jetzt übrigens auch. Sie haben keine Ahnung wie viel Angst mir diese Stille in meinem Kopf auf einmal macht. Ist verdammt seltsam, wenn man das zweite Mal in seinem Leben absolut nichts als Stille im Kopf hat."

      Das Klicken der Tür löste etwas in Ember aus. Sie stand in dem dunklen Raum, den Rücken an das Holz der Tür gelehnt und den Kopf in den Nacken gelegt. Für einen Moment schloss sie ihre Augen, fühlte die Kälte, die über ihre Füße stetig weiter aufwärts kroch. Lauschte dem Geräusch ihres Atems, den sie leise zwischen ihren Lippen immer wieder ausstieß. Überdeutlich fühlte sie das Papier in ihrer Hand, deren Finger sich entspannten und das Papier zu Boden gleiten ließen. Sie wusste gar nicht, wie sie es benennen sollte, wie sie sich gerade fühlte. Müde in vielerlei Hinsichten wäre wohl das Treffendste gewesen. In den vergangenen Stunden hatte sie sich gegen ein Trugbild ihres Lovers gewehrt, der ihr viel zu viele Dinge vorgeworfen hatte von denen sie fürchtete, dass es die Wahrheit war. Sie hatte Emily eigenhändig erwürgt, selbst wenn es nur eine Illusion gewesen war hatte es sich unglaublich echt angefühlt. Wie rigoros sie es getan hatte, konnte sie sich selbst nicht erklären. Wie leicht hatte sie die Entscheidung getroffen, einfach einen Familienangehörigen umzubringen, von dem sie lediglich dachte, er sei längst tot? Und dann war da noch die Sache mit August. Sie war einmal Schuld an seinem Tod gewesen. Heute hatte sie ihn beinahe ein zweites Mal in den Tod getrieben und das dann noch in ihren Armen. Glücklicherweise konnten sie das verhindern.
      Es änderte aber nichts daran, dass sie ihm einundzwanzig Tage als limit aufgebürdet hatte. So oder so, sie hatte ihm die Wahl genommen und ihm ein deutlich schlimmeres Los zugespielt. In dieser Hinsicht sah sie bereits, dass der Trugbild-Ruairi etwas ausgesprochen hatte, was sie längst befürchtet hatte. Sie war zu egozentrisch eingestellt gewesen um zu verstehen, was um sie herum geschah. Nicht umsonst hatte das Schicksalsrad sie als seine Geliebte bezeichnet. Das war nicht unbedingt ein Hinweis auf die Zukunft sondern eine möglicherweise eine Beschreibung der Gegenwart gewesen. Es gab keine andere Erklärung, warum August sonst so viel für sie tat. Und wie dankte sie es ihm?
      Mit schweren Schritten schleppte sich Ember zum Bett herüber. Dort verweilte sie einen Augenblick und ließ den Blick schweifen. Nichts hier deutete daraufhin, dass das Zimmer regelmäßig frequentiert wurde. Sicher, es roch marginal nach ihm, aber bei Weitem nicht so wie es hätte sein müssen. Irgendetwas sagte ihr, dass sie Staub auf den Ablagen der Kommoden finden würde. Er schlief also tatsächlich nicht mehr viel oder gar hier oben. Ebenfalls verschuldet durch ihre Handlung.
      Gerade hatte sie die Decke zurückgeschlagen, da fiel ihr auf, dass ihr Nachthemd wohl nicht mehr das Beste war. Sie schnalzte mit der Zunge und suchte sich aus dem Schrank etwas heraus, wie man ihr angeboten hatte. Sie griff nach dem ersten Teil und zog ein unscheinbares helles Hemd heraus, groß genug, als dass sie ihr eigenes dagegen tauschen können würde. Schweigsam wechselte sie die Kleidung und kletterte ins Bett. Ihre Nase bestätigte mittels Duft von Waschmittel, dass das Bett nicht genutzt worden war. Sofort rollte sie sich unter der Decke zusammen und presste die Augen zusammen. Es würde alles gut werden. Sie würde morgen zusammen mit Ruairi diesen Wichser von Oliver Brown ausfindig machen. Dann würde sie die Caster hierher bewegen um Noland sie auslesen zu lassen und Hinweise für den Richter zu finden. August würde wieder auf die Beine kommen. Morgen, ganz sicher. Und dann musste sie nur noch das Training mit Perley bewältigen.
      Das war machbar.
      Wild, aber machbar.
      Es würde alles gut werden. Es musste.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • [Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
      Brenne, rase, wenn das Dunkel sich legt,
      Dem sterbenden Licht trotze, wutentfacht]

      Dylan Thomas




      Hakim sah dem Jungen offen und beinahe herzzerreißend ehrlich ins Gesicht. Der Arzt wusste um die Konflikte, die eine erwachende Kraft mit sich brachte und gerade wenn diese in derart mächtiger Form vorhanden war. Es war ihm seinerzeit ziemlich gleich ergangen, auch wenn der Arzt das ungerne zugab.
      "Ich fühle deinen Konflikt, mein Sohn", murmelte er und nickte lächelnd. "Es ist nicht immer einfach mit dem zu hadern, was man hat. Und Flucht erscheint immer wieder als die einfachste der Alternativen. Doch leider ist es so, dass wir nicht verleugnen können, wer oder was wir sind. Herkunft und dergleichen ist nicht von Belang, aber was wir sind, suchen wir uns nicht aus. Wir wählen nur die Art und Weise, wie wir damit umgehen.
      Du kannst fliehen oder du kannst fliegen. Nur eins von beidem wird dein Weg."
      Der Arzt sah den Jungen an und legte kurz seine Hand auf seine Hände.
      "Das hat nichts mit der Wärme zu tun, die du gespürt hast", sagte Hakim und sah ernst zu August hinüber. "Ein Hortar ist ein magischer Gegenstand, der Auren, magische Energien und weiteres einsperrt und aufbewahrt. Wenn der Hortar sich in Reichweite einer magischen Energiequelle befindet, wird er immer wieder seiner Funktion entsprechend reagieren und die Teile aufnehmen, die sein Halter loswerden möchte. So auch deine Verwirrtheit und die Stimmen, wie ich vermute."
      Grinsend tappste er dem Jungen auf die Schulter.
      "Du solltest die Stille nutzen, mein Freund", grinste er und erhob sich langsam. "Geh schlafen. Regeneriere. So wie ich es tun werde. Schlafe ohne Angst, mein Junge."


      Zwei Stunden später

      August erwachte in einem Sog aus magischer Suche und gleicher Unstetigkeit des Traumes.
      Er hatte geträumt, so viel stand fest, jedoch wusste der Zauberer nicht mehr zu sagen, was diese Träume beherrscht hatte. Vielleicht ein Gesicht, vielleicht aber auch gar nichts. Schweigsam regte er sich auf seiner unliebsamen Bettstatt und fiel beinahe von den behelfsmäßigen Stühlen und dem Tisch herunter. Was für eine verfluchte Scheiße, dachte er als er sich aufsetzte und einen Blick in den leeren Raum warf. Wo hatten sie Ember? Ah, vermutlich oben, natürlich. Die naheliegendste Wahl. Vermutlich hatte Noland sein Zimmer geopfert und bei seinem Neffen geschlafen, sofern dieser überhaupt schlief. In seinem Delirium hatte er die Stimme des Jungen gehört, wie er Fragen über Fragen stellte.
      Schwach und beinahe wackelig auf den Beinen erhob sich der Zauberer und sah auf seinen bandagierten Arm hinab. Eine schlechte Quote, August, dachte er grinsend. Zweimal beinahe gestorben für eine Frau. Er hatte es schon besser hingekriegt. Aber was wollte man machen, nicht wahr? Er konnte sie einfach nicht im Stich lassen.
      Seufzend rieb er sich durchs Gesicht und schleppte sich die Treppe hinauf.
      Das Zimmer hatte er lange nicht mehr genutzt. Hatte er überhaupt noch geschlafen, die letzten Nächte? Vermutlich kaum. Viel zu sehr hatte er sich in die Suche nach einer Lösung vertieft und kaum darüber nachgedacht, was es mit ihm anstellen würde. Immer wieder hatte er die Müdigkeit mittels Illusionen entfernt und nur alle drei Tage mal geschlafen. Wen wunderte es also, dass er beinahe übermüdet erschien, wenn seine Aura nicht mehr funktionierte?
      Schweigsam ging er zunächst an dem Zimmer vorbei und suchte das Bad auf. Er fühlte sich ekelhaft und beinahe betäubt von seinem eigenen Geruch nach Blut und Schweiß. Nach einer kurzen, aber immerhin heißen Dusche stieg er aus der Dusche heraus und betrachtete isch einen Moment lang nackt im Spiegel.
      Gott...Er war wirklich alt geworden. Seit über 100 Jahren blickte er diesen fragilen Körper an und wunderte sich, dass er nicht längst dem Tod die Hand geschüttelt hatte. Schweigsam zog er sich nur seine Hose wieder an und trocknete noch seine Haare, als er die Tür zu seinem Zimmer aufstieß.
      Und SIE vorfand.
      In seinem Bett. Schlafend, wie er hoffte.
      Der erste Impuls war, die Tür wieder zu schließen und doch im Sessel zu schlafen. Er hätte Hakim suchen können und...Aber die Detective...
      Die einzige Frau, die ihn nach einer Zeit mal nicht angesehen hatte wie ein Monstrum lag in seinem Bett, das er kaum genutzt hatte, weil er den Gedanken nicht ertragen hatte. Jetzt war sie hier. Hatte sie sein Hemd an? Eines davon? Ein schwaches Grinsen zog sich durch sein Gesicht, als er die Tür sachte schloss und sich langsam auf den Weg zum Bett machte.
      War das merkwürdig? Eindeutig ja. Fühlte er sich wie ein Stalker? Mittelbar. Aber war es das wert? Jede Sekunde.
      Schweigsam ließ er sich auf der Seite des Bettes nieder und sah in das schlafende Gesicht. Er hätte sie schlafen lassen können. Hätte sich zusammenreißen können und einfach wieder gehen. Doch stattdessen fand sich seine Hand an ihrer Wange wieder und fühlte die sanfte Wärme ihres Gesichtes. Auch wenn sie zusammengerollt wie eine Raupe dalag.
      Sanft strich er ihr eine Strähne des silbernen Haares aus dem Gesicht und seufzte.
      "Du hast mich gerufen", wisperte er und grinste. "Mich. Das Chaos selbst. Hättest vielleicht besser Jemanden rufen sollen, der zumindest eine Hose einpackt. Oder eine Bluse."
      August erging sich in ein kurzes Kichern, ehe er die Hand von ihrem Gesicht nahm.
      "Mein Gott, was tu ich hier. Rede mit einer schlafenden Frau über den Sinn und Unsinn eines Hilferufs. Sollte dich besser schlafen lassen, aber du wirst es eh nicht hören. Du schläfst ja meist wie ein Stein, Ember Sallow. Auch wenn es nicht hilft, aber ich möchte, dass du unterbewusst weißt, dass jede Minute, die ich mit dir verbringen darf, ein Geschenk ist. Und ich es genieße. Auch wenn ich mit deinem halbkomatösen Leib spreche..."
      Sachte legte er eine Hand auf ihre Schulter und streichelte ihren Arm hinab, der sich unter ihren Kopf begab.
      "Wäre es wohl anders gelaufen, wenn wir uns nicht so kennen gelernt hätten, frage ich mich..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ein unsteter Geist braucht lange, um schließlich in den Schlaf zu finden. Diese Erkenntnis hatte Ember so tief in ihrem Sein verwurzelt, dass sie eigentlich damit gerechnet hatte, gar nicht mehr die restlichen drei Stunden als Schlaf verbuchen zu können. Immer wieder musste sie sich hart zusammenreißen und gewaltsam die Denkprozesse unterbrechen, die sich unweigerlich zu spinnen begonnen hatten. Immer und immer wieder. Wie ein endloser Kreislauf. Ihr Geist war müde, ihr Körper am Ende und eigentlich brauchte sie den Schlaf mehr als alles andere. Aber der Zirkus in ihrem Kopf spielte unentwegt weiter seine und ließ sich nicht unterbrechen. Am Ende gab sich Ember geschlagen, wohnte der Show bis zum Ende bei und merkte gar nicht, wie sie doch in einen leichten Schlaf überging, der mit Sicherheit nicht ausreichen würde, um sie auch nur ansatzweise wieder zu regenerieren.
      Es glich einer schwarzen Decke, unter der sie zu liegen schien. Schwer und samtig verhinderte sie, dass sie ihre Lider öffnete als sie etwas hörte. Oder dachte, sie würde etwas hören. Ihre Glieder waren zu schwer, als dass sie sich hätte bewegen können oder gar wollen. Einfach nur liegen, warten bis Perley kam und sie freundlich daran erinnern würde, dass draußen die Sonne aufgegangen war und sie wieder mit Fassung ins PD spazieren musste, um diesen hinterlistigen Rogue einzubuchten.
      Ein leises Klicken ertönte. Musste die Tür sein. Hätte Perley sein können, wenn denn schon drei Stunden um waren. Aber Perley würde die Tür nicht schließen, nicht leise. Er hätte das Licht angeschaltet und sie geweckt, wie sie es wollte. Dann war es eben nicht Perley. Vielleicht Noland. Viel mehr hatte sie doch nicht in Erfahrung bringen können, es würde ihm nichts nützen wenn er ihre Erinnerungen noch einmal auslas. Oder hatte er nicht weit genug zurück gesehen und wollte mehr?... Sollte er eben tun, was er nicht lassen konnte. Dann würde sie ihn am nächsten Tag eben nicht mehr nur mit Worten die Meinung geigen.
      Schritte. Dann bewegte sich das Bett auf der Seite, zu der sie eingerollt war. Noch immer waren ihre Lider einfach unfassbar schwer, so schwer wie jeder einzelne Muskel. Sie war müde, sie war am Ende, und wusste trotzdem, dass nichts in diesem Gebäude eine Gefahr für sie darstellen konnte. Zumindest so lange, wie eine gewisse Person in Reichweite war. Wann hatte sich dieses Urvertrauen eigentlich eingestellt?
      Dann war eine Hand an ihrem Gesicht. Üblicherweise wäre Ember nun zusammengezuckt, aber sie war zu müde dafür. Sie registrierte die Berührung auch nur halb, geschuldet durch die Leichtigkeit mit der sie erfolgte. Haare wurden aus ihrem Gesicht geschoben und das kitzelige Gefühl schien ihr Gehör wieder in Gang zu bringen. Jedenfalls erklang eine Stimme, die sie eindeutig August zuschreiben konnte. Na gut. Dann war es eben ein luzider Traum. Das war auch in Ordnung. Das hieß, dass er die Behandlung immerhin gut überstanden hatte, und das war viel wert. Obwohl sie zugestehen musste, dass er wirklich daran hätte denken können, ihr wenigstens eine Hose einzupacken. Schande über dein Haupt, August, dachte sie nur und grinste gedanklich.
      Die Hand verabschiedete sich mit einem Kichern und sie rechnete damit, dass der Traum damit vorbei war. Dass sich das Bett wieder bewegen würde, Schritte erklangen und die Tür klickte. Funktionierten luzide Träume so? Das konnte sie beim besten Willen nicht sagen. Vielleicht wachte sie auch nur auf oder schlief weiter. Beides davon war ihr recht. Doch entgegen dieser Vermutung hob sich die Stimme erneut und irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass es kein Traum war. Als sich dann noch eine Hand auf ihre Schulter legte und über den Stoff des Hemdes ihren Arm hinabglitt zweifelte sie ernsthaft an ihrer These und langsam begann sich die Schwere aus ihrem Körper zu verabschieden. Noch immer blieben ihre Lider geschlossen, ihr Körper unbewegt. Aber ihre Lippen besaßen genug Kraft, um Worte zu formulieren.
      "....bin kein Stein...", murmelte sie noch hörbar im Delirium. Sofort stoppte die Hand an ihrem Arm, so als hätte sie ihn erschreckt. Er ließ sie jedoch dort und zog sie nicht weg. Das war schon mal eine Steigerung. "Du wärst nie.... aus dem Knast gekommen.... Mehr weiß ich nicht...."
      Sie drehte sich ein bisschen weiter auf die Seite, gab ein wenig ihrer gekrümmten Haltung auf und streckte den Arm nach vorn aus, den er vorhin noch berührt hatte. Sie hatte keine Lust sich darüber Gedanken zu machen, was er in diese Handlung interpretieren mochte. Niemand schlug Streicheleinheiten aus. Nur ihr Gesicht blieb entspannt und die Augen geschlossen.
      "Bin froh, dass es dir besser geht. Aber mach das nicht nochmal. Das war dumm. Ausbluten ist dumm. Seh ich das nochmal hol ich dich persönlich aus dem Jenseits und prügel dich dahin zurück..." Sie sprach noch immer leise, aber hörbar wacher als zuvor. Ein zartes Lächeln zuckte am Rande ihrer Mundwinkel bei dem Gedanken.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Warum hatte August spüren können, dass sie wach war?
      Nicht, dass er danach gesucht hätte oder derartiges vermuten durfte. Es war vielmehr eine Art Urgefühl, dass sie ihn doch auf irgendeine Weise hören würde. Als sie sachte zu sprechen begann, dachte August zunächst, es wäre eine Art Traumsprache. Als würde ein luzider Traum sich den Weg durch die Allmacht des Schlafes bahnen. Und doch wirkte es zu koordiniert.
      Erst mit weiteren Sätzen konnte der Zauberer sicher sein, dass sie wach war und irgendwie doch mit ihm intereargieren mochte. Den ausgestreckten Arm nahm er mit einem sachten Lächeln zur Kenntnis und fuhr mit der gesunden Hand weiter darauf auf und ab. Das Hemd stand ihr wirklich gut. Beinahe atemberaubend, wenn man es in Worte fassen musste.
      Schweigsam einstweilen schluckte er einen Kloß hinab und seufzte, ehe er sich mehr auf das Bett setzte und ein Bein unter sich schlug.
      "Ist verstanden, Chefin", grinste er während er flüsterte. "Und ich wäre aus dem Knast gekommen...Ich war dort, weil ich es wollte, Ember. Ich bin immer nur dort, wo ich sein möchte. So wie gerade..."
      Herrgott, würdest du dieses Süßholz raspeln lassen? Das ist ja nicht auszuhalten! Wir sind in keinem Teenestreifen, wo der Held die verzweifelte Heldin verführt. Das gab es nicht!
      "Ich glaube, für das Jenseits bin ich eigentlich noch zu jung", murmelte er und musste sogleich kichern. "Mit etwa 150 Jahren..."
      Schwer seufzend verlangsamten sich seine Streicheleinheiten und er begann damit, mehr und mehr ihre Wärme der Haut zu fühlen. Den sanften Duft zu riechen, der sie umgab und der nicht seiner oder der Duft nach Waschmittel war.
      Noch immer tropften seine Haare leicht und er fühlte sich müde. Aber es gab Dinge zu sagen, die nicht einfach waren. Mit dem ersten sollte er vielleicht anfangen, ehe es zu spät war.
      "Ich habe Angst, weißt du?", begann er.
      Vielleicht war es auch offensichtlich. Wer wusste das schon? Aber wovor hatte er eigentlich Angst? Vor dem Tod?
      "Nicht vor dem Tod, nein", beantwortete er sich die Frage selbst. "Es ist vielmehr die Angst vor den Dingen, die mich dahinter erwarten. Ich habe so lange gelebt und habe den Tod so oft gesehen, dass ich es beinahe für selbstverständlich hielt, ihm wie einem Freund die Hand zu schütteln. Doch an dem einen Tag dort...Ich weiß nicht, was schlimmer war in diesen Momenten. Dass ich nie wieder ein Wort würde mit der Frau sprechen können, die mich nicht für ein Monstrum gehalten hat oder die Schwärze die ich ihm Raum dahinter sah?"
      Irgendwann lag seine Hand still auf ihrer Schulter, beinahe parallel zum Schlüsselbein, während er unentwegt in ihr Gesicht sah, dessen Augen geschlossen blieben. Und das war gut.
      Nur die Himmel wussten, was er tun würde, wenn sie ihn nochmals so ansah.
      "Kein Paradies erwartet mich, Ember", flüsterte er. "Oder irgendetwas anderes Schönes. Nichts dergleichen. Ich sah einen Raum voller Schwärze und das Gesicht desjenigen, der mich geholt hatte. Und ich fühlte mich allein. Rief nach euch allen. Rief nach dir. Aber niemand war dort, mich zu hören. Ich war allein. Verstehe mich nicht falsch...Ich komme mit einem Leben in Einsamkeit klar. Sonst hätte ich nicht Berwick-zum-Teufel-Nochmal-Upon-Tweed genommen. Aber das Alleinsein..."
      August schüttelte sachte den Kopf, während seine Hand wieder zu ihrem Kiefer wanderte und sachte die Kieferlinie nachfuhr. Diese wunderbare makellose Haut, von der er sich immer frage, wie sie es wohl anstellte, sie derart frisch zu halten.
      Wie lange mochte er noch Zeit haben, ehe die Realität sie alle wieder an Ort und Stelle rief?

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    • Chefin.... Ember lachte sich insgeheim ins Fäustchen. Das hatte sie noch nie bei August gehört und dass er es jetzt so benutzte erinnerte sie von der Art und Weise her an Ruairi. Erneut bewegte sich das Bett und sie konnte bestimmen, dass er ein wenig näher gerückt war, so wie sich die Matratze nach unten verzog. Sie reagierte nicht auf seinen Kommentar, dass er immer dort war, wo er zu sein wünschte. Sie wusste ganz genau, dass er aus dem Evenstar hätte verschwinden können. Dass er dank seiner Dimensionsmagie praktisch überall sein konnte. Und doch wusste sie genauso gut, dass es Orte gab, an die er niemals kommen würde, egal wie sehr er sich dafür anstrengte. Sein Platz an der Seite seiner Freunde war unwiderruflich verloren.
      "Finde ja, du hast dich für so lange Zeit echt gut knitterfrei gehalten", kommentierte sie sein Alter und merkte, wie er sie langsam aber sicher aus dem Schlaf heraus an die Oberfläche holte. Da bedeutete allerdings noch lange nicht, dass sie die Augen öffnen oder sich gar aufsetzen musste. Die Anstrengung steckte noch immer in ihren Knochen und so, wie sie dort gerade lag, fühlte es sich ganz gut an. Vielleicht lag es auch daran, wie die Bewegungen an ihrem Arm langsamer wurden und sie mehr und mehr die Wärme seiner Hand durch den dünnen Ärmel zu spüren bekam.
      "Ich habe Angst, weißt du?"
      Da war Ember das erste Mal geneigt, doch die Augen zu öffnen. Dieser Satz reichte aus, um ihren Kopf endgültig aus der Dunkelheit des Schlafes zu reißen und sie ihre Ohren spitzen zu lassen. Selbstredend war er nicht frei von Angst. Das hatte sie bereits im Zwielichtsaal gesehen. Hätte es vielleicht gesehen, als sie ihn erschossen hatte. Aber dass er es so offen heraus formulierte, obwohl er wusste, dass sie wach war und ihm zuhörte, war neu. Allerdings mischte sie sich in seine Worte nicht ein, gab ihm den Freiraum mehr Sinn hinter diesen einen Satz anzubringen. Fast hätten sich ihre Lider jetzt doch geöffnet, das Zucken ihrer Augäpfel war schon verräterisch genug. Es klang so, als hätte er an dem Tag einzig und allein sie vermisst. Sie, die ihn viel zu schnell nicht mehr als das Monster hatte betrachten können, das so viele andere in ihm sahen. Was war denn mit all den anderen Personen? Was war mit Perley, der ihn als Freund betrachtete? Oder Dolores? Ihretwegen auch Hawthorne, der auf seine eigene abstruse Art und Weise eine Bekanntschaft zu ihm pflegte? Seine Hand kam auf ihrer Schulter zum Liegen, fühlte sich plötzlich unglaublich schwer auf ihr an.
      Augusts folgende Worte ließen ihr Herz wieder schmerzhaft zusammenfahren. Wahrscheinlich war es ihm nicht bewusst, aber das Maß an Schuld stieg ins Unermessliche in ihren Gedanken. Wenn man nicht wusste, wie es nach dem Tod war konnte man nichts dergleichen fürchten. Aber sie war es, die den Arkana dazu gezwungen hatte, hinter den schwarzen Schleier zu blicken. Er war schon dort, wo niemals jemand wieder her zurückkommen sollte. Er hatte Dinge gesehen, die sich dem menschlichen Verstand entzogen. Alles nur wegen ihr. Es war eine Furcht, die niemand nachvollziehen können würde und sie allein hatte ihm diese Bürde auf den Rücken geschnürt.
      Ihre Lippen, die plötzlich hart wurden als sie sie aufeinander presste waren der einzige Hinweis auf ihre Gedanken. Seine Hand auf ihrer Schulter verlor sich, beinahe hätte sie nach Luft geschnappt und nachgefragt, warum er sie wegzog. Schon einen Augenblick später fühlte sie Finger an ihrer Kieferlinie und jeglicher Protest verpuffte. Spätestens jetzt wäre es gelogen zu behaupten, dass ihr Geist noch irgendwie dem Schlaf nachtrauerte. Sie nahm einen tiefen Atemzug, dann veröagerte sie ihr Gewicht ein wenig nach hinten, sodass sie sich ein wenig auf den Rücken drehte, um August nicht aus dem Augenwinkel anzusehen. Sie musste ein paar Mal blinzeln und die Trägheit aus ihren Augen verbannen. Dann sah sie einen halbnackten Mann mit feuchten Haarspitzen neben ihr sitzen, die tiefen Ringe unter seinen Augen waren noch immer da, aber nicht mehr so dunkel verfärbt. Seine Mimik war so offen wie schon lange nicht mehr und nichts mehr war von dieser seltsamen Spannung zwischen ihnen vorhanden. Nicht jene Spannung, wie sie noch vor ihrem Training mit Perley geherrscht hatte. Als sie ihren Blick kurz über seine gesamte Erscheinung wandern ließ baute sich allerdings eine andere, neue Spannung langsam und schleichend auf. Noch immer war seine Hand an ihrem Kiefer während sie schließlich in sein Gesicht sah, seinen Blick suchte und schlussendlich fand.
      "Wer hat dich denn dazu genötigt, diese Erfahrung zu machen an diesem Tag? Du hättest sie gar nicht machen sollen und einfach damit leben sollen, dass du nicht weißt, was dahinter kommt. Ich hab dir das Wissen aufgebürdet August. Eigenmächtig. Es war meine Entscheidung. Du sagt, ich soll mich nicht verantwortlich fühlen, aber ich bin dafür verantwortlich. Für das Wissen, für deine Angst, für... ach, für das ganze Chaos hier. Du bist nicht das Chaos, ich bin es. Diese Halluzinationen haben mir alles mögliche an den Kopf geworfen. Dass ich egoistisch bin, mich nicht um meine Mitmenschen kümmere. Sie haben recht, August. Ich nehme nur, ständig, von allen Menschen, denen ich begegne. Ich hab dich gerufen weil ich wusste, dass du kommst. Weil ich ausgenutzt hab, dass du eine Schwäche für mich hast und anstelle dir irgendetwas zurückzugeben laste ich dir nur noch mehr auf. Ich kann dir nich mal deine Angst nehmen. Ich kann dir nur versprechen, dass ich genauso kommen werde, wenn du rufst." Ihre Augen waren groß und dank der Dunkelheit konnte man nicht sehen, dass sie erneut glasig wurden. Ihre Stimme hatte sie dafür dieses Mal unter Kontrolle, sie war nur angekratzt von dem ganzen Geschreie des Abends zuvor.
      "Ich kann dir nicht einmal versichern, dass du nicht allein sein wirst. Aber ich will das so gern. Nur kann ich es nicht."
      Ihre Hand, auf der sie nicht lag, fand sein Handgelenk. Kühle Finger schlossen sich um die noch von der Dusche erhitzte Haut.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es war schön, ihre Augen zu sehen. Auch wenn es gefährlich war, sich auf jedwedes Spiel einzulassen. Selbst August bemerkte diese eigenwillige Stimmung im Raume, die er nicht ganz zu deuten wusste. War es eine Spannung wie neulich? Voll Argwohn und Angst? Oder war es vielleicht eine Spannung wie das letzte Mal, als sie sich gesehen hatten?
      Unbedacht und ungenannt nahm er es hin und ließ seine Hand weiter über die weiche Haut ihres Kiefers gleiten, während sie sprach. Sachte wischte er die Spuren vorangegangener Tränen fort und fühlte einmal mehr diesen starken Sog zu ihren Lippen hin. Nicht, dass sie besonders gewesen wären oder gar überirdisch schön, wie man es in Büchern las. Es war einfach die Tatsache, dass er sich nach Jemandem sehnte, der ihn verstehen konnte. Und sie konnte es. Auch wenn sie versuchte, mehr die Schuld auf sich zu nehmen, musste er doch lachen. ja, an der Argumentation war nicht viel zu rütteln. Aber das war nicht der Weisheit letzter Schluss.
      "Du willst es unbedingt schlecht sehen, nicht wahr?", murmelte er und fuhr mittlerweile mit dem Finger offensiver ihren Kiefer entlang. Bis er schließlich den Absprung zu ihrem Hals schaffte. Hier konnte er sogar den Puls spüren und das ließ ihm noch einen weiteren Schauer über die Haut jagen.
      "Du warst die Veränderung in meinem Leben, die ich brauchte. Ich habe dich manipuliert und außen vor gelassen, weil es das war, was ich gut konnte. Ich habe mich fortgedreht, anstatt dich damals anzusehen. Selbst als du es mir bewiesen hattest, dass du mir vertraust. Stattdessen habe ich dich bewusst ferngehalten von meinen Geheimnissen und habe versucht, alles mit mir auszumachen. Und habe nicht gesehen, dass dort eine Frau war, die litt und Angst um ihren Bruder hatte. Ich war so..."
      Er holte einmal tief Luft.
      "Ich war so eigensinnig und arrogant...Ich habe nicht mal eine Sekunde an deine Gefühle gedacht und da war es nur verständlich, dass du... Dass du so handeln musstest..."
      Schweigsam lauschte er ihren Worten und ads erste Mal fand sich etwas in seinem Blick, dass er nicht vielen zeigte. Es war kein Mitleid, denn das hatte Ember nicht nötig. Es war vielmehr eine Art Verständnis in dem, was sie durchmachte...
      Ruhig stellte er seine Berührungen ein und ließ seine Hand einen Moment lang auf ihrem Kissen ruhen, ehe er sie wieder ansah und lächelte.
      "Das, was deine Halluzinationen dir angedeihen ließen, waren deine schlimmsten Ängste. Und wie es mit Ängsten nun einmal ist, verkörpern sie alles Negative in uns. Und so kann ich berichten, dass nicht alles, von dem was du sagst, auch stimmt. Du gibst Menschen genauso. Nur merkst du es vielleicht nicht. Du hast mir die Möglichkeit gegeben, mich wieder ein wenig zu öffnen. Du bist nicht das Chaos, Ember Sallow. Du bist die Heilung."
      Dann, als wäre es der Gefahr nicht genug, legte er seine Hand wieder auf ihren Kiefer. Diesmal jedoch, um mit seinem Daumen ihre leicht bebende Unterlippe zu berühren.
      "Eine Schwäche...Für dich...", murmelte er ihre Worte und grinste schelmisch. "Ja, vielleicht stimmt das sogar."
      Ach, scheiß auf das Schicksal, dachte August und verzog leicht das Gesicht.
      Dann, eine Sekunde darauf grinste er und beugte sich zu ihr hinab, um ihr Kinn leicht anzuheben. Zumindest dieses eine. Diesen einen Kuss, dieses eine Mal noch wollte er ihre Hitze, die Weichheit ihrer Lippen und das Leben, das von ihnen ausging erleben und versiegelte ihre Lippen mit seinen.
      Es dauerte nicht lange und dennoch jagte es ihm Schauer durch den Körper als naschte er vom Nektar des Lebens. Und kalt fühlte es sich an, als August ihrer beider Lippen entließ.
      "Eines Tages...", wisperte er. "Werde ich rufen. Und ich bin sicher, du wirst kommen."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die gesamte Situation war höchst grenzwertig. So grenzwertig, dass von ihnen beiden bald nicht mehr klar gesagt werden konnte, wo sie hätten aufhören müssen. Für den Willen aller Beteiligter. Aber niemand hier konnte leugnen, dass es da diese Reize zwischen ihnen gab. Diese Reize, die anfänglich dafür gesorgt hatten, dass sie ihn aus dem Knast holte und jetzt am Ende dafür sorgte, dass er ihr verfiel. Das Schicksalsrad hatte recht gehabt, und eigentlich hätte sich Ember mit Händen und Füßen dagegen wehren wollen. Nur nicht jetzt. Nicht, wenn sie ihn weiter unentwegt ansehen konnte und spüren durfte, wie er erneut ihre Kieferlinie entlangfuhr. Als er auf ihren Hals wechselte, konnte sie noch immer nichts sagen, auch wenn ihr zahllose Worte im Hals stecken blieben. Sie wollte es nicht zwangsläufig schlecht sehen. Sie hatte nur damit angefangen, ihren Blick nicht mehr abzuwenden und dadurch offenbahrte sich erst das Gesamtkonstrukt vor ihr.
      Welchen Grund hatte August denn gehabt, Ember in alles einzuweihen zu dem damaligen Zeitpunkt? Ihre Bekanntschaft war kurzweilig und sie hatten sich dennoch gegenseitig mit Vorsicht genoßen. Getarnt unter Höflichkeit und einem Fall, der sie aneinander band. Er hatte ihr nichts gegeben, um sich nicht für ihren Bruder zu entscheiden, das war vollkommen richtig. Auf der anderen Seite war sie lediglich die nervige Detective gewesen, die keine wirklich Rolle beziehen wollte. Die im Nichts getanzt hatte. Er hatte keinen Grund gehabt, sich auch nur ansatzweise um ihre Gefühle zu scheren. Nicht, wenn sie nicht etwas tiefergehendes verband und das tat es damals scheinbar nicht.
      Du bist die Heilung.
      Embers Brust schwoll an als sie einen ihrer typischen bissigen Kommentare dazu abgeben wollte. Sie war noch lange keine Heilung nur weil sie einen Einfluss auf Menschen ausübte. Jeder beeinflusste einen anderen Menschen im Laufe seines Lebens, das galt so genauso für August als auch für sie. Vielleicht ließ sie sich dazu breitschlagen zu sagen, dass sie eine Gelegenheit geboten hätte, aber eine Heilung saß vor Stunden unten vor dem Kamin und wunderheilte einen halbtoten Arkana.
      Dann vergaß Ember wie man atmete. Augusts Daumen strich über ihre Unterlippe, die sich zum Protest bereits von ihrem Partner getrennt hatte. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, ihre Augen weiteten sich minimal als sie wusste, wohin das führte. Als aufrichtige Frau hätte sie jetzt für ihrer beider Willen ihn stoppen müssen. Eine klare Grenze definieren, die während der verstrichenen Minuten vollkommen unkenntlich geworden war. Aber wie sollte sie es machen ohne ihn völlig vor den Kopf zu stoßen? Welche Worte brachte man in einer Situation wie dieser an, nach diesem Tag, angesichts ihrer Erlebnisse? Und dann grinste er sie erneut an und sie verstand, dass sie sich gar keine Grenze ausdenken wollte.
      Er lenkte ihren Kiefer und sie folgte seiner Aufforderung weich wie Butter, legte den Kopf ein wenig in den Nacken und gab sein anderes Handgelenk frei, das sie noch immer umklammert hatte. Scheinbar kraftlos sackte ihre Hand neben ihrem Kopf in das Kissen und ließ sich von August vereinnahmen. Sie erinnerte sich daran, wie sich ihre bisherigen Küsse mit ihm angefühlt hatten. Wild, ungestüm, fordernd. Das hier war anders, seltsam sorgsam und deutlich anders als die Zuneigung, die ihr Ruairi entgegenbrachte. Hinter Augusts Lippen versteckte sich eine andere Sehnsucht, die Ruairi wohl nie nachempfinden geschweige denn anbringen können würde. Erst nachdem sich ihre Lippen wieder trennten schnappte Ember nach Luft als ihre Lunge sie daran erinnerte, doch bitte Luft zu holen.
      "Warn mich bitte vor, wenn du rufst", sagte sie atemlos und leckte sich über die Lippen. Nein, sie würde nicht nach ihm greifen und diesen Moment ruinieren. Der gehörte ihm, ausnahmslos und sollte seine Belohnung sein für die Offenheit, die er ihr entgegenbrachte. "Jetzt, wo du schon mal hier bist, soll ich dir Platz machen? Wollte dein Bett, dass du scheinbar eh nicht mehr genutzt hast, nicht langfristig blockieren..." Sie konnte einfach nicht den Blick von ihm abwenden. Sie starrte ihn weiterhin an mit einem Puls, der sie ganz bestimmt nicht nochmal schlafen schicken würde.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"

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