[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    • Es brauchte keine Sekunde, als Perley begriff, das etwas nicht stimmte. Die Auren durchwanderten den Raum so viel konnte er sagen. Er zumindest spürte den D-Klasse Rogue recht plötzlich. Aber etwas stimmte nicht mit dem Jungen. Jasper hielt sich die Ohren zu und stöhnte, als hörte er mehr als dort war.
      Doch die Sekunde, die es brauchte, bis Perley begriff was es vermutlich war, war bereits zu viel.
      Unleidlich zischte er und wandte sich zur Tür. Das nahm Überhand und musste kontaminiert werden. Irgendwie. Auf ihre Frage hin nickte er und ging zu dem Trugbild, um es abzuschalten, jedoch geschah das, was er vermutet hatte: Der Junge verlor die Kontrolle über etwas. Ob es nun seine Kräfte waren oder anderes, das wusste er nicht. Er sah nur, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Auch mit Ember nicht.
      Die junge Frau ging in die Knie und hielt sich die Hände vor die Brust.
      Caulson hatte nicht viel Erfahrung in der Handhabung von Magie und derlei Abwegigkeiten. So war es auch nicht erstaunlich, dass er den Vorgang nicht vollends verstand, den Jasper mit Ember vollzog. Jedoch reichte die Geste aus. Bevor der Junge sein Wort stammeln konnte, rief Perley in gebieterischer Stimme:
      "Es ist genug!"
      Nicht, dass es etwas gebracht hätte. Jasper hatte den Vorgang offenbar schon selbst beendet, bedachte man die Reaktion, die er an den Tag legte. Mit einem kräftigen Hieb klopfte er auf das Trugbild und dieses schloss sich wieder zu einem kleinen metallenen Kreis. Perley nutzte die Gunst der Stunde und wanderte langsam zur Tür, immer ein wachsames Auge auf den Jungen gerichtet. Und selbst die kritischsten Menschen hätten die Abneigung darin erkennen können. Die Abneigung eines Menschen, der Zauberer zu hassen gelernt hatte. Schweigsam öffnete er die Tür und blickte hinaus zu August, der sich gerade wieder in den Sessel fallen lassen wollte, nachdem Helena gegangen war.
      "August? Ich benötige Assistenz", murmelte Perley und zog sich wieder zurück.
      Der Zauberer erhob sich achtsam und wanderte eiligen Schrittes durch das Zimmer, während er sich immer noch fragte, was hier eigentlich passiert war. In den Raum getreten, erfasste August zuerst den am Boden liegenden Jasper und sein erschöpftes, geradezu geschocktes Bild. Ember, die genauso aussah, bemerkte er als zweites und schluckte kurz. Wut, die er nieder zu kämpfen gedachte, kämpfte sich nach oben und bildete den Abschluss eines langen Atmens.
      "Geht es allen gut?", fragte er gelassen und zielgerichtet an Ember.
      Perley gab er ein kurzes Zeichen, dass er dem Jungen aufhelfen sollte.
      "Das Training ist für Jasper beendet", murmelte August und nickte dem Jungen zu. Er sah wirklich nicht gut aus. "Ich denke, wir haben zu reden, Junge. Ruh dich oben aus, ich komme gleich zu dir."
      Caulson wanderte mit Jasper zur Tür, ehe er den Arm des Jungen losließ. Er wollte Ember noch nicht verlassen. Das war zu wenig für heute. Sie musste mehr lernen. Sie musste.
      Doch Augusts Blick war eindeutig. Zu eindeutig.

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    • Das Chaos ins Jaspers Kopf wurde schlagartig weniger, kaum hatte Perley die Kugel erneut betätigt und die Trugbilder damit aufgelöst. Das bedeutete allerdings noch lange nicht, dass die Kopfschmerzen erstarben oder dass sich Ember wieder so verhielt wie davor. Noch immer war das Wissen tief in Jasper verankert, dass er diese Menschenfrau gerade angegriffen hatte, absichtlich oder nicht. Alles nur, weil er sich selbst nicht im Griff hatte. Es war vielleicht einfach nur Glück gewesen, dass er es so schnell begriffen hatte und frühzeitig stoppen konnte bevor die Schäden irreversibel waren.
      Ember zählte derweil für ein paar Sekunden ihre Herzschläge, ein Ritus, den sie sich einst eingebläut hatte wenn es darum ging, sich wieder zu fassen. Nach ihrer Übung hob sie den Kopf und fand sofort den Jungen, der sie mit purem Schock in den Augen fassungslos anstarrte. Das, was in seinen Augen stand, war ureigene Angst, die ihr sofort eine Spur Mitleid einflößte. Er hatte tatsächlich keine Kontrolle über das was er tat und scheinbar schockierte ihn das zutiefst. Erst danach folgten ihre Augen Perley, der argwöhnisch Jasper im Blick behielt und zur Tür ging, um danach nach August zu fragen. Das Mitleid in Ember wurde durch Furcht abgelöst. Furcht davor, dass er sah, wie sie schon wieder am Boden kroch und dieses Mal sogar ein Kind dafür zuständig war. Furcht, was er mit dem Jungen anstellen würde wenn er erfuhr, dass er irgendetwas mit ihr angestellt hatte. Furcht vor dem ersten Wortwechsel zwischen ihnen am heutigen Tage. Doch August war schneller zur Stelle als sie erwartet hatte und so hatte sie sich gerade mal in eine sitzende Haltung bringen können bevor er erst den Jungen und dann sie ansah. "Es geht uns allen gut!", warf die Ermittlerin direkt nach Augusts Frage hinterher, wobei sie sich bei Jasper ernsthaft nicht sicher war.
      Jasper zuckte in dem müden Versuch, aufzustehen. Es bedurfte Perleys Hilfe, ihn wieder auf die Beine zu stellen und sein Blick zu dem Hauswirtschaftler sagte schon alles. Man sah den Scham, dass man ihm aufhelfen musste und zeitgleich betroffen war, dass Perley etwas tun musste, was ihm höchst zuwider war. Man hörte, wie Jasper immer wieder leise Entschuldigungen zu dem Mann murmelte, der ihn zur Tür begleitete und ihn dort schließlich entließ. Ihm gegenüber stand Noland und man konnte sehen, wie er sich seinem Neffen annahm bevor die Tür wieder die Sicht versperrte.
      Indes hatte Ember es endlich geschafft, sich wieder auf die Beine zu bringen. Sie klopfte sich die Knie ab und nach einem Moment des Rumdrucksens sah sie August an. Was hatte sie eigentlich erwartet in seinem Blick zu sehen? Das war ihr nicht klar bis zu dem Augenblick als sie sah, dass er es als genug für sie erachtete.
      "Ich kann nicht aufhören. Ich hab' gerade mal angefangen. Alles gut, siehst du? Lass Perley weitermachen", verhandelte sie und breitete die Arme aus. Tatsächlich fühlte sie sich wieder wie zuvor und die Kälte war beinahe vergessen. "Ich habe keine Ahnung, was mit dem Jungen da nicht stimmt, aber er sieht wirklich nicht gut aus. Er wirkt so fragil, so...." Ember seufzte in einem barschen Tonfall als sie einfach die Arme an ihre Seiten fallen ließ und endlich einen weichen, von Sorge durchfurchten Ausdruck in ihrem Gesicht zuließ. "Was ist mit deinem Arm passiert? Bist du.... okay, den Umständen entsprechend?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Gott, er hasste dieses Hin und her.
      Augusts Blick war noch immer voller Argwohn, während er Jasper hinterher sah und seinen Abtransport überwachte. Sicherlich sah man dem Jungen an, dass er völlig überfordert und fertig war. Vielleicht war der Abend auch einfach zu viel gewesen. zu hart für seine unerfahrene Seele. Foremar fühlte sich schuldig, dass er es Noland versprochen hatte, ihn nicht an Arkana - Zeugs heran zu lassen. Welcher hirnverbrannte Idiot hatte ihn dazu genötigt, ihn in die Nähe von Hill zu bringen?
      Gott, er könnte sich in den Hintern beißen.
      Der Kampf mit sich selbst war auf dem Gesicht des Zauberers ersichtlich und nicht besonders schön anzusehen, sodass er beinahe froh war, dass Noland den Jungen fortnahm.
      "Ich...Es tut mir Leid, ich hätte besser-"
      Perleys Erklärung wurde jäh unterbrochen als August schlicht und ergreifend die Hand hob. Er hatte in der ganzen Zeit den Blick nicht von Ember Sallows Gesicht genommen. So viel Unausgesprochenes lag in der Luft. Einem Knistern, Zittern oder Beben gleich, das die Luft zerriss. Viele Worte, die ihm in den Sinn kamen wollte er formulieren und doch keines davon erreichte auch nur den Status eines Satzes. Erneut klappte der Mund auf und zu. Als wäre es normal, dass nichts heraus kam.
      Während Ember in all ihrer Pracht vor ihm stand und die Arme ausbreitete als würde sie Waren auf einem Basar feilbieten. Doch was hötte er sagen können? Bitte sieh mich nicht so an? Mit all deiner Menschlichkeit...
      Bitte sag etwas, das mir zeigt, dass ich noch da bin? Worte. Alles nur Worte. Und dennoch unterband er den Drang auf sie zu zu gehen und in eine Umarmung zu ziehen. Warum er dies tun wollte, erschloss sich ihm nicht, aber sein Körper schien danach zu verlangen.
      "Wenn du es sagst, vertraue ich dir", nickte er und sprach ruhig und gefasst. Nur in seinen Augen tobte der Krieg mit sich selbst weiter. Auf ihre Frage hin hob er seinen Arm wie ein lebloses Stück Fleisch an und ein verträumtes Lächeln trat auf sein Gesicht. "Eine kleine Selbstüberschätzung", gab August zu. "Nichts gravierendes. Ich kümmere mich um Jasper. Dann..."
      Er sah noch einmal hin. Noch ein Blick. Nur noch ein letztes Mal.
      "Dann viel Erfolg beim Training", lächelte er und nickte Perley zu, ehe er den Raum wortlos verließ.

      Und das brachte selbst den Butler in Schieflage.
      Schwitzend hatte er sich auf das Schlimmste vorbereitet. Augusts Wutausbrüche waren legendär. Gerade wenn es um Menschen ging, die er mochte. Wie also mochte er sein, wenn dieser Frau etwas geschah?
      Caulson atmete durch und seufzte.
      "Nun...Das war neu", murmelte er und strich sich durch den Schnauzbart. "Alsdann...Sofern es Ihnen gut genug geht, würde ich fortfahren. Die Aufgabe bleibt die Gleiche. Finden Sie den Rogue unter den Menschen und zeigen Sie auf ihn. Sie haben zehn Minuten."
      Er wurde schnell wieder herr seiner Gefühle und klopfte auf das Trugbild, das seine Wirkung erneut entfaltete.
      Jedoch nicht ohne einen schnellen Seitenblick zur Tür. Etwas stimmte mit August nicht. Ganz und gar nicht.

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    • Dieses Mal sah Ember, wie sich Augusts Lippen bewegten, aber kein Ton sie verließ. Ihre Augen wurden minimal größer in einer Erwartungshaltung. Sie war sich sicher, dass nicht nur sie die Atmosphäre zwischen ihnen beiden so seltsam auffasste, aber er musste schon etwas sagen, damit sie erahnen konnte, was ihn beschäftigte. Dieses Schweigen war somit das Schlimmste, was er ihr hätte antun können. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ging er auf ihre Worte ein. Kommentierte jeden einzelnen ihrer gesprochenen Sätze und zeigte eine Mimik, die die Erwartungshaltung völlig aus ihrem Anlitz fegte.
      Und dann sah sie mit einem zutiefst erschütterten Ausdruck dabei zu, wie August nicht nur ihr sondern auch Perley zulächelte und sich einfach aus dem Raum begab.
      Ember war fassungslos. Ihr Mund stand leicht offen während sie völlig grenzdebil wirkend die Tür anstarrte, durch die der Arkana wieder verschwunden war. Perleys Seufzen ging an ihr völlig spurlos vorbei, völlig überfordert mit dem Versuch zu rekapitulieren, was da gerade geschehen war. Er hätte Galle spucken sollen, irgendjemanden drohen müssen ihm die Eingeweide rauszureißen. Stattdessen lächelte er und ging einfach.
      "Neu? Neu ist das falsche Wort, Perley. Das war verstörend", erwiderte Ember und wusste, dass sie die zehn Minuten zuerst einmal gebrauchen würde, um ihre Gefühlswelt wieder zu neutralisieren.

      Noland hatte Jasper hoch in sein Zimmer gebracht. Der Junge hatte wieder angefangen zu stammeln, gar zu stottern, und wirkte völlig aufgelöst. Da August nicht wie ein Gejagter durch die Räumlichkeiten peste war niemanden etwas schlimmeres zugestoßen. Also konnte es ja nicht so schlimm gewesen sein, dachte sich der alte Rogue als er Jasper auf seinem Bett absetzte und neben ihm Platz nahm. Eingehend musterte er seinen Neffen, der betont deutlich seine Augen geschlossen hatte, so als hoffte er damit sämtliche Eindrücke aus seinem Kopf zu schaffen. Doch Noland wusste es besser.
      "Es wird nicht besser wenn du versuchst es zu vergessen."
      Jaspers Kiefer mahlte. "Mit der Zeit wird es das."
      "Zeit verändert nur Sachverhalte, aber löst sie nicht. Du hast ein Trauma nie wirklich verarbeitet und es holt dich jetzt ein. Wenn du es nicht angehst, dann wirst du so bleiben wie du bist", sagte Noland leise.
      "Eine Zeitbombe, was?" Jaspers Augen öffneten sich leicht. Das Leuchten war komplett gewichen und war einer Mattigkeit gewichen. "Ich glaube, ich habe in der Schwarzen Stadt jemanden getötet."
      Noland zeigte keine Reaktion. "Manchmal muss das sein, so grausam es sich anhört."
      "Man muss ganz bestimmt keine Menschen einfach so töten", fuhr er seinen Onkel mit einer so plötzlichen Intensität an, dass selbst Nolands Augenbrauen in die Höhe hüpften.
      "Wenn du wirklich getan hast, was du denkst, dann wirst du es nicht einfach so getan haben. Du bist kein willkürlicher Mörder, Jasper. Ich habe Dutzende von ihnen gesehen und kann das sehr gut beurteilen. Was auch immer du getan hast war zu diesem Zeitpunkt absolut notwendig um etwas oder jemanden zu schützen. Aber wieso glaubst du nur, dass du jemanden getötet hast?"
      Jasper senkte den Blick. "Ich habe schon mal sowas gesehen... Sie sind dann... irgendwie leer, ich weiß auch nicht."
      "Darf ich sehen?" Nolands Stimme war weich, sanft. Kein Argwohn lag in seiner Tonlage, doch die meisten wussten, dass die Fähigkeit des Rogues nur einer Person am meisten überhaupt nützten. Und das war mitnichten er selbst.
      Jasper wirkte zunächst unentschlossen, sein Blick wanderte unruhig umher. Schließlich nickte er und reichte seinem Onkel eine klamme, kalte Hand. "Du hast mir mal gesagt, du kannst es weniger schlimm machen. Geht das auch bei mir?"
      "Ich sehe, was ich tun kann", versicherte Noland seinem Neffen und ergriff ohne ein Leuchten, ohne ein optisches Anzeichen seiner eigenen Aura, die Hand des Jungen.

      Ember riss einmal kurz der Geduldsfaden. Fast hätte sie gegen den Tisch getreten, auf dem die Teetasse Perleys noch immer stand, riss sich aber noch rechtzeitig am Riemen. Immer wieder hatte sie orten können, dass ein Zauberer unter den Trugbildern war. Ihn aber jedes Mal sicher zu lokalisieren gelang ihr nicht immer einwandfrei. Mal lag sie richtig, mal nur einen Punkt daneben. Das sichere lokalisieren von Aura war bestimmt hilfreich für später, aber welchen Nutzen sollte sie daraus ziehen? Sicher, vermutlich konnte sie damit auch ein gewisses Gefahrenpotenzial einstufen können, aber wie wurde sie dadurch gegenüber der Zauberer wehrhafter? Vielleicht war dieses ganze Chaos mit August und dem Jungen und Noland und gefühlt der ganzen Welt auch einfach zu viel.
      Bei ihrem letzten Versuch hatte sie sich zwanghaft wieder in den gewünschten Gemütszustand versetzt. Damit ließ sich auch richtig das Rogue-Trugbild erkennen und sie konnte drauf zeigen, selbst wenn es schwammig für sie erschien. Nur war schwammig schon mal besser als gar nicht. Nach der Feststellung atmete die Ermittlerin einmal durch und ließ wieder Normalität in ihrer Gefühlswelt zu.
      "Mit August stimmt etwas nicht. Das wissen Sie auch. Er hätte sich nie ein Kind einfach so angelacht, um das er sich kümmert. Er würde sich nie selbst überschätzen. Er würde... aufbrausend sein, aber nicht.... so", grübelte Ember und blickte hilfesuchend zu Perley herüber.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August brauchte ein paar Sekunden, nachdem sich die Tür schloss.
      Nur ein paar Sekunden der Ruhe, des Friedens. Von allem. Jasper und Noland waren bereits fort, vermutlich nach oben ausgewichen. Gut für die beiden. Nicht gut, nein. Dem Jungen ging es schlecht, so viel war ihm anzusehen. Und auch das rechnete er sich an. Noch ehe er den Ausbruch kommen spürte, richtete er eine Barriere ein. Eine Art Beschwörung, mächtig genug um Geräusche zu ersticken.
      Kreisrund nahm sie den Raum ein und richtete sich mit ihm aus, sodass er herumlaufen konnte ohne Geräusche zu machen.
      Und dann schrie er.
      Laut und beinahe hysterisch wahnsinnig schrie er drauf los, die Geräusche für immer in dieser Kugel eingesperrt. Mit einer fahrigen Bewegung wischte er sämtliche Dekoration von einem Sideboard. Eine Vase mit Blumen, ein kleiner Spiegel und eine Schatulle krachten nur für ihn ohrenbetäubend laut auf den Holzboden während er selbst nicht aufhören konnte zu schreien. Erschöpft und voller Schmerz ließ er sich auf die Knie nieder und hieb auf den Holzboden ein, der sich ihm offenbarte. Nur leichte Vibrationen zeugten von der Misshandlung des Bodens, als er sich schließlich sachte erhob und auf das Chaos sah, das er angerichtet hatte.
      Perley würde ihm Vorhaltungen machen, aber was sollte er tun? Die eine Sache. Nur diese eine. Er hätte es Ember sagen sollen. Ehrlich sein sollen. Aber was würde das mit ihr machen? Ihre beiden Leben waren eine geraume Zeit verbunden gewesen, doch seit dem Male, wo sie ihn getötet hatte, erschien sich das Ganze nicht mehr zu einer Einheit zu fügen. Gerade in dem Moment, in welchem er das Vertrauen hätte wieder aufbauen können, schwieg er und ging hinaus!
      So wie sie!
      Was zum Teufel hatte er sich dabei gedacht?!
      Wütend auf sich selbst und beinahe apathisch ruhig löste er die Barriere und richtete seine Weste mit dem Hemd neu aus. Die Haare durchfuhr er und schlug sie nach hinten.
      Es wurde Zeit, nach dem Jungen zu sehen.
      Schweigsam ging er die Treppe hinauf und fragte sich, was ihn an der Zimmertür erwartete, an die er anklopfte.


      Perley hatte ihr eine ganze Weile zugesehen.
      Während sie damit beschäftigt war, Runde um Runde die Aura des Rogue zu suchen, wanderten seine eigenen Gedanken um August und sein Verhalten. Verstörend war eine ausgesprochen gute Beschreibung für das, was er gesehen hatte. Normalerweise hätte August ihn drei Stunden lang angeschrien für die Tatsache, dass er zuließ, dass Jasper Ember etwas antat. Und vermutlich hätte er den Jungen in den Moloch geworfen. Und jetzt? Ein Lächeln?
      Traurig war die Tatsache, dass Ember mit ihren Bemerkungen nach dem letzten Versuch ins Schwarze traf. Schweigsam stellte er eine Tasse Tee auf den Tisch und wies mit der Hand darauf. Anschließend setzte er sich auf den Stuhl zurück und sah Ember an. Die Hand fuhr dabei unablässig über den Schnauzbart, während er seufzend ausholte.
      "Ich frage mich, ob Sie August Foremar jemals gekannt haben, ehrlich gesagt", bemerkte der Hauswirtschafter und beugte sich leicht vor. "Es stimmt etwas mit ihm nicht, das stimmt. Und ja, freilich weiß ich, was es ist. Aber Ihre Annahme, dass er sich niemals ein Kind anlachen würde oder sich um Bedürftige kümmert, ist leider falsch. Mr Foremar hat es nur in den letzten Jahren vermieden, wenn ich das so sagen darf. Schauen Sie doch in Ihre Unterlagen. Den Mord, den er begangen hat."
      Es wurde Zeit. Zumindest ein wenig musste sie erfahren.
      "Es war ein sechsjähriger Junge", berichtete Caulson. "Ein Rogue der seltenen A-Klasse, von Natur aus geboren. Er hatte seine Kräfte nicht unter Kontrolle und verlor sie in einem Wutanfall. August zögerte keine Sekunde und nahm die komplette Strafe und alles was damit zusammenhing auf sich. Er schickte die Mutter mit dem Jungen fort und schickte ihr über Dolores Zuwendungen, damit sie ungestört leben konnten. Ein Geschäftspartner unterrichtete den Jungen, der heute eine gute Schule besucht und viele Freunde hat. Er nahm die Strafe auf sich, weil bereits dort eine Untersuchung nur Furcht und Hass in der Bevölkerung gesäht hätte.

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    • Ember war noch dermaßen im Fokus, dass sie beinahe nicht mitbekommen hatte, wie Perley einen Platz an dem minimalistischen Tisch für sie einrichtete. Nur aus dem Augenwinkel sah sie seine Handbewegung, die sie erst dann vollends registrierte und zu ihm herübergeschritten kam, um den Inhalt der Tasse zu beäugen. Dabei fiel ihr auf, wie sich der Hauswirtschaftler ständig über den Bart fuhr. Ein Zeichen der Nachdenklichkeit, vielleicht sogar von leiser Sorge geprägt. So hatte sie ihn auch noch nicht erlebt. Auf seinen Gedanken hin, ob sie August jemals gekannt hatte, konnte sie nur müde die Nase rümpfen. Natürlich hatte sie das nicht getan. Die kurze Zeit, in der sie notdürftig beisammen gewesen waren, war nur ein Lugen zwischen den minimal geöffneten Spalt einer Tür zur Seele der jeweiligen Person gewesen. Weder konnte er noch sie behaupten, den jeweils anderen wirklich kennen zu können. Sie besaßen lediglich Momentaufnahmen des jeweils anderen und polizeiliche Berichte und Akten, die parteiischer waren als überhaupt möglich sein sollte.
      Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, zeigte sich weder Bestürzung noch Überraschung in Embers Gesicht als sie der Ausführung Perleys lauschte. Freilich hatte sie nicht erwartet, dass dieser Arkana, der den Teufel trug, der so verschrien sowohl unter Menschen als scheinbar auch in seinen eigenen Kreisen war, sich für ein Kind aufopfern würde. Im polizeirechtlichen Sinne würde diese Bekanntmachung auch nicht sonderlich viel ändern. Man rollte den Fall eines Arkana nicht auf, den man lieber verurteilt als frei herumlaufend sehen wollte.
      Doch für Ember machte es August ein ganzes Stück menschlicher. Nachvollziehbarer. Nahbarer.
      "Wie soll ich ihn wirklich kennen können, wenn wir nur so kurz miteinander involviert waren? Das ist faktisch gar nicht möglich. Deswegen bin ich gar nicht mal so überrascht, dass er entgegen meiner Vermutung doch Schuld eines anderen auf sich nimmt. Meine Meinung zu ihm ist noch nicht so festgefahren, als dass es mich arg überrascht... Aber dann erklärt es, wieso er sich um Jasper kümmert." Es würde passen. August hatte ihr einmal anvertraut, dass er sich nach einer Familie sehnte. Deswegen hatte sie ihm mitgeteilt, dass seine Schwester womöglich noch am Leben gewesen war. Deswegen hatte er diesen Gesichtsausdruck gezeigt als er ihr offenbart hatte, dass er unfruchtbar sei. Das waren alles Hinweise gewesen. "Das wird vermutlich bedeuten, dass Jasper ebenfalls nicht minder befähigt ist. Potenziell gefährlich sein könnte. Rührt daher auch die Verletzung an Augusts Arm?"

      Ein Klopfen war alles, was sich an Jaspers Zimmertür zutrug. Nachdem August geklopft hatte, geschah einige Sekunden lang rein gar nichts. So als wäre niemand dort. Doch kurz bevor man zu einem zweiten Versuch ansetzen würde, bewegte sich die Klinke und die Tür schwang auf. August entgegen trat Noland, der den Arkana kurz musterte und dann einen Schritt zu Seite machte. Er gab den Blick frei auf Jasper, der noch immer auf seinem Bett saß, den Oberkörper leicht vornüber gebeugt. Als August eintrat, hob der Junge seinen Kopf und sah seinen Lehrmeister mit nicht mehr ganz so unstetem Blick an. Noch immer wirkte er geschlaucht, aber nicht mehr so desorientiert wie zuvor.
      "Ist sie okay?", fragte Jasper.
      Noland war inzwischen zu einem Stuhl zurückgekehrt und hatte sich ächzend darauf sinken lassen. Die Spuren, die er hinterließ waren minimal, aber ein Arkana wie August dürfte sie zweifellos wahrnehmen können. Gedanklich richtete er sich schon auf die folgende Unterhaltung ein, doch bereuen tat er es nicht. Jasper hatte ihm das erste Mal gewährt, seine Erinnerungen zu lesen. Vermutlich nicht so weit wie er es getan hatte, doch wer einmal Zugriff bekam, der nahm sich so viel wie nur irgendwie möglich. Somit wusste er nun, was in der Schwarzen Stadt geschehen war. Wie August an seine Verletzung gekommen war und was das Trauma grundsätzlich erst ausgelöst hatte. Woher die Narbe über Jaspers Auge stand. Wie seine Schwester ihrem Sohn erzählt hatte, warum er keinen Vater hatte. Kein Wunder, dass der Junge heilos überfordert war mit seinem Dasein.
      "Wäre sie es nicht wärst du vermutlich schon einen Kopf kürzer", schlussfolgerte Noland ruhig. Allerdings war Augusts Ausraster nicht so spurlos an ihm vorbeigegangen, wie er gedacht hatte. Er sah die Haare, die frisch zurückgeschlagen worden waren. Eine nicht sonderlich ruhige Atmung und die leichte Röte im Gesicht, die auf vieles hindeutete.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • [ We're hiding here inside a dream
      And all our doubts are now destroyed
      The guidance of the morning star
      Will lead the way into the void
      ]
      Ghost - He Is


      Perley musste aufpassen, dass er nicht zu viel verriet von dem was August lieber verschweigen wollte, wie es den Anschein machte.
      auf der anderen Seite hatte sich Ember zumindest ein wenig Information verdient, bedachte man die Schwierigkeiten, die sie aushalten musste. Perley zuckte die Achseln und trank nun selbst an seinem Tee, der zwischenzeitlich kalt war. Eines mussten sie noch schaffen, ehe er die heutige Stunde beenden konnte. Nur dieses eine noch.
      "Welche Fähigkeiten Jasper hat oder nicht hat, obliegt der Erzählung eines Anderen", sagte der Butler und seufzte schwer. "Aber seine Verletzung erhielt August, als er den Jungen vor einem Hortar zu schützen suchte. Ein Hortar ist ein Artefakt, das magische Energie kaserniert und freizugeben weiß. Soweit ich weiß, hat August Phönixfeuer absorbiert und dabei seinen linken Arm geopfert. Ein unnötiges Risiko meines Erachtens, aber mich fragt nun einmal Niemand."
      Er konnte nicht umhin, einen genervten Unterton in die Stimme zu legen, als er sich schließlich wieder erhob und seufzte.
      "Lassen Sie uns weiter machen. Es verbleibt eine letzte Übung, die ich gerne noch versuchen möchte", begann er. "Sie beinhaltet das, was wir Jäger den "Schattenschritt" nennen. Wie Sie wissen, ist Magie und die Anwendung ein Vorteil, den Zauberer nur allzu gern nutzen und ausnutzen. Wir Menschen haben dagegen nicht einmal ansatzweise eine Chance, selbst wenn wir es wollten. Um dem entgegen zu treten, entwickelte meine Familie eine Art Gegenmaßnahme, die ich Ihnen gerne weitergeben möchte. Wenn Sie sich vielleicht dorthin stellen würden? "
      Er wies mit der Hand auf die Mitte des Raumes und wartete, bis Ember sich postiert hatte. Schweigsam sah er sie an und bewegte sich langsam auf sie zu. Sah ihr starr in die Augen, nur um dann erneut scheinbar durch sie hindurch zu gehen. Als er hinter ihr stand drehte er sich um und wiederholte den Vorgang ein weiteres Mal, um es ihr zu verdeutlichen.
      "Das Geheimnis dieser Technik ist wesentlich schwieriger, als die Fähigkeit einen Raum zu lesen", sagte er und strich sich durch den Bart. "Zauberer haben eine normale Aufmerksamkeitsspanne. Ihr Sichtfeld und die Fähigkeit sich zu fokussieren ist derart ausgeprägt, dass sie über weite Flur blicken und Veränderungen spüren können. Hierzu dehnen sie ihre Aura auf ein Feld hin aus und erleben so jeden Schritt einer jeden Person. Wir Menschen würden ins Trommelfeuer geraten, nicht wahr?"
      Er kicherte leise vor sich hin und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
      "Falsch", beantwortete er seine Frage selbst. "Indem wir uns diese Fähigkeit der Zauberer zu Nutze machen, geraten wir nicht hinein. Wir versuchen nicht, wie jede andere Beute, dem Blick auszuweichen und der AUfmerksamkeit zu entgehen, sondern lenken diese gezielt auf uns und nutzen den unerwarteten Fokus des Zauberers. Halten Sie den Blick auf mich gerichtet und steuern sie meine Aufmerksamkeit durch ihre Präsenz. Wir nennen das den "Unbeugsamen Willen". Töten Sie mich, Ember Sallow. Versuchen sie es mir zu vermitteln und übermannen Sie mich. Halten Sie meine Aufmerksamkeit auf Ihrem Blick und zeigen Sie, dass Sie durchweg eine Gefahr sein können. Und anschließend bewegen SIe sich auf mich zu und gehen Sie einfach an mir vorbei. Ich berühre Sie, wenn Sie es nicht schaffen."


      August sah Noland entgegen und bat nicht um Einlass.
      Er musste es auch nicht. Ihm wurde der Weg frei gemacht und es brauchte eine kurze Sekunde, ehe er sich des Jungen besehen konnte. Er sah besser aus, beinahe gesundet. Zumindest wenn man den noch immer unsteten Blick außer Acht ließ. In Augusts Augen stand eine Art Sorge nebst einer Art Mitgefühl, da er das Gefühl, zu viel Kraft zu besitzen, gut kannte.
      Schweigsam suchte er sich eine Ecke, in die er sich stellen konnte und sah Jasper an.
      "Ihr geht es gut", nickte er und bestätigte damit Nolands Geschichte. Er hätte den Jungen rücksichtslos getötet. Oder?
      "WIe geht es dir? Hast du die Ruhe gefunden?"
      Schweigsam beugte er sich leicht vor und kam einen Schritt näher. Einem Kleinkinde gleich hockte er sich vor den Jungen und zerrte eine Art Armbanduhr aus seiner Hosentasche. Man hätte es für ein einfaches Chronometer halten können, jedoch drehten sich die Zeige wild umher, als suchten sie etwas anstelle von einer Anzeige der Zeit.
      Sachte ergriff er ohne zu fragen Jaspers Hand und legte die Uhr anschließend auf das nach oben gedrehte Handgelenk des Jungen. Schlagartig begannen die Zeiger schneller zu laufen, als versuchten sie einander einzuholen.
      "Keine Angst", murmelte August nachdenklich und betrachtete die Uhr eine Weile. Erst danach tauschte er einen Blick mit Noland. Schade, das dieser nur Erinnerungen lesen konnte. Aber vermochte er es auch eine Aura zu ordnen?
      "Deine Aura ist ein einziges Chaos", bekannte der Arkana und sah den Jungen aufmerksam an. Suchte nach einem Hinweis, einer Art von Idee. "Sie erscheint wie ein Puzzle zerschmettert und nur halb zusammen gesetzt. Magst du mir sagen, was los ist? Oder weshalb das geschieht?"
      Anschließend sah er direkt zu Noland.
      "Oder du? Weißt du es?"

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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von NicolasDarkwood ()

    • Embers Augen wurden binnen Sekunden zu riesigen Scheinwerfern. " Vor einem Hortar?! Dann waren die beiden im Untergrund, ich fass es nicht. Wie kann er denn ein Kind in den Untergrund mitnehmen?? Die Dinger sind doch nicht ohne Grund illegal!"
      Damit hatte Ember den Ort, wo sie gewesen waren, schon einmal besser lokalisieren können. Nur der Grund dahinter eröffnete sich ihr noch immer nicht. Mit Phönixfeuer hatte sie verständlicherweise auch noch keine Berührungspunkte gehabt und demnach wusste sie nur grob um dessen Zerstörungskraft. Dass es aber Augusts Arm gekostet hatte, war eindrucksvoll genug. So eindrucksvoll, dass sie instinktiv einen Blick zur Tür werfen musste. Das war nicht nur eine einfache Verletzung. Perley hatte bewusst das Wort geopfert gewählt. Somit hatte er seinen Arm scheinbar langfristig so beeinträchtigt, dass er ihn nicht mehr nutzen konnte. Auch das war neu und es schmerzte sie erstaunlich stark, dass sie so plump vorhin darauf dann reagiert hatte.
      Die ersten Worte des Hauswirtschaftlers vermochten nicht ganz ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, bei einem anderen Wort hatte er sie jedoch. Perley bezeichnete sich als Jäger? Was hatte sie verpasst? Zugegeben, sie hatte bereits erwartet, dass der gute Mann kein einfacher Hauwirtschaftler war, aber was war er dann? "Mal ganz stupide nachgefragt: Was haben Sie eigentlich gemacht bevor Sie August getroffen haben?"
      Sehr wahrscheinlich rührte seine schroffe Art nämlich daher. Der heutige Tag war ein Tag voller neuer Erkenntnisse. Ein wunderbarer Tag wenn man bedachte, wie viel sie scheinbar in kürzester Zeit über diverse Menschen hier gerade lernte. Als sie den Hinweis bekam, dass er ihr eine Technik beibringen wollen würde, kam schlussendlich doch ihre Erwartungshaltung und Spannung zurück. Wie aufgetragen stellte sie sich an die angezeigte Stelle und wartete ab, beobachtete ganz genau, was Perley nun tat. Sie hielt seinem starren Blick stand, wenngleich auch nur mit Mühe, denn einschüchternd war nicht einmal ansatzweise das passende Wort zum Beschreiben des Ausdrucks in diesen Augen. Trotzdem wollte sie keine einzige Veränderung verpassen, nicht den Moment verfehlen, wenn er es ihr zeigte. Was auch immer zeigte, sie würde das schon irgendwie bemerken können. Oder sagen können, was er getan ha-
      Da stand Perley bereits hinter Ember.
      Völlig verwirrt drehte sie sich zu ihm um und blinzelte ihn träge an. Er war doch nur gelaufen? Warum war er einfach an ihr vorbei gelaufen ohne dass sie es gemerkt hatte?! Er tat es ein zweites Mal, sie wirbelte ein zweites Mal herum und war mehr erbost über sich selbst als alles andere. Bei der folgenden Erklärung verstand sie den Sinn dahinter bereits beim ersten Mal. Das allerdings ordentlich umzusetzen war eine gänzlich andere Nummer. Wie sollte sie einen Killing Intent aufbringen, wenn sie ihn noch nie gehabt hatte?
      Das war gelogen. Sie hatte ihn ein einziges Mal gehabt. Ein einziges Mal war sie mit der Absicht zu töten auf einen Menschen losgegangen und war vermutlich genau deswegen erfolgreich gewesen.
      Ember war sprachlos. Es war nicht der Überraschungsmoment gewesen damals. Es war kein Zufall gewesen, dass die Kugel getroffen hatte. Es war kein Kalkül, durch das sich August freiwillig hatte treffen lassen. Selbst wenn er damit gerechnet hatte, dass sie ihn irgendwann umbringen wird, dann war es nicht zu diesem Zeitpunkt im Lagerhaus gewesen.
      Diese Erkenntnis ließ Ember unverwandt in die Hocke sinken, die Hände zu einem Dach vor ihrem Mund gefaltet während sie den Boden anstarrte. Er hatte nicht gewusst, dass sie ihn hinterrücks erschießen würde. Das Vertrauen war echt gewesen. Er hatte ihr irgendetwas sagen wollen und sie hatte das alles zunichte gemacht. Niemand hatte sie gezwungen oder manipuliert, ihn zu erschießen. Das war sie ganz allein gewesen. Übelkeit stieg in ihr auf als sie die Augen schließen musste, um einfach einen weiteren Sinn auszuschließen. Ihr Mund war staubtrocken als immer mehr Zahnräder klickten.
      "Ich habe ihn traumatisiert, richtig?" Ihre Stimme war leise, aber ohne etwaige Geräusche im Raume klang sie außerortdentlich laut. Sie nannte Augusts Namen nicht - Perley würde auch so verstehen, von wem sie sprach. "Wie lange hat er gebraucht, bis er wieder halbwegs ansprechbar war? Was hat er in der Zeit gemacht bis ich wieder da war, Perley? Was hat er gesagt?"


      "Es ist... ertragbar", sagte Jasper nach einem Augenblick und beäugte August wie er näher kam und sich vor ihm hockte.
      Üblicherweise hätte er ihm seine Hand direkt wieder entrissen, aber jetzt war er einfach zu erschöpft dafür. Müde folgte sein Blick den sich wild drehenden Zeigern der Gerätschaft an seinem Arm. Jasper war sogar zu erschöpft um jetzt noch Angst wahrnehmen zu können. Sein Kopf fühlte sich zermatert an, matschig und zäh, selbst als der Arkana vor ihm eine Diagnose stellte.
      "Daran bin höchstwahrscheinlich ich schuld", schaltete sich Noland dazwischen, behielt seine Haltung jedoch bei. "Er hat mich um Hilfe gebeten und ich habe ihm den Zugang zur Erinnerung seines ursprünglichen Traumas genommen. Er wird sich mit der Zeit langsam wieder daran erinnern und dann auch damit umgehen können, aber zum jetzigen Zeitpunkt macht es ihn nur zu einer Zeitbombe. Es reicht, wenn er für den Tod eines Zauberers in der Schwarzen Stadt verantwortlich ist."
      Damit machte Noland auch für August direkt klar, dass er Jaspers Erinnerungen gelesen und das Wissen erlangt hatte, was vorgefallen war. Und sogar noch darüber hinaus, wenn er von einem Trauma sprach, das er manipuliert hatte.
      "Der Gedankenleser war nicht der Erste, den ich versehentlich getötet habe", erklärte Jasper und zog die die Stirn in Falten als ihm auffiel, dass ihm tatsächlich die Erinnerung an den genauen Vorfall vernebelt erschien. Sofort entspannte er sich merklich, wenn auch nicht ganz. "Deswegen will ich nichts mit meiner Magie zu tun haben. Das damals war auch ein Unfall gewesen und ich wusste nicht, dass dadurch jemand stirbt. Ich habe doch niemanden berührt, verstehen Sie?... Ich weiß nicht mal, was ich gemacht hab."
      Verzweiflung lag in seiner Stimme, die sich langsam um alles zu schlingen schien, das ihn ausmachte. Noland besah sich seinen Neffen ein paar Augenblicke lang, dann redete er weiter. "Meine Schwester ist nicht-magisch. Sie weiß nur nicht, wer Jaspers Vater ist, wir tippen offensichtlich also auf einen Zauberer. Oder unsere Blutlinie ist einfach durchgeschlagen, wer weiß das schon. Jedenfalls war sie mit einem Zauberer als Sohn leicht überfordert und nach all den Berichterstattungen und da Jasper schon immer eher der schüchterne Jung war hat er sich in den Kopf gesetzt, eben ein normales Kind zu sein."
      Normal... Was war in dieser Gesellschaft schon normal. Jasper wusste, dass sein Onkel vermutlich noch mehr wusste. Die Bilder in seinem Kopf gesehen hatte, wie er gemobbt worden war. Wie er von seinen Mitschülern schikaniert worden war, bedroht und beleidigt worden war. Wie er an die Narbe gekommen war und das erste Mal, wie sich seine Fähigkeiten bemerkbar gemacht hatten.
      Jasper schluckte und drehte ruckartig seinen Arm. Seine eiskalten Finger schlossen sich um Augusts Unterarm während er ihm mit erstaunlicher Ausdrucksstärke in die Augen sah. "Sie haben recht, ich muss Kontrolle lernen. Sonst kann ich nie mehr einfach nur unter Menschen gehen ohne Angst zu haben, wieder jemanden ins Koma zu bringen. Bitte, helfen Sie mir...."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • [All your faith, all your rage, All your pain, it ain't over now
      And I ain't talking about forgiveness


      It's the cruel beast that you feed
      It's your burning yearning need to bleed
      Through the spillways ]
      Ghost - Spillways


      Schweigsam und langsam erhob sich Perley Caulson aus der gebückten Haltung und betrachtete Ember mit wachsender Neugierde. Im Grunde eher mit einer unverhohlenen Überraschung, als sie nach seinem Erbe fragte. Warum auch nicht, dachte er. Davon abgesehen, dass er vermutlich bereits vor einiger Zeit nach seiner Herkunft gefragt hätte. Aber das mochte er ihr nicht vorhalten. Sie schien allzu sehr beschäftigt mit den illegalen Dingen des Untergrunds zu sein.
      "Das müssen Sie ihn fragen, fürchte ich, Ms Sallow", bemerkte Perley schließlich spitz und ließ sich auf einem der Stühle nieder. "Aber sie werden die wahre Natur von Todesangst nie verstehen, wenn sie es mit ihren moralischen Werten zu erklären versuchen. Soviel sei wohl gesagt."
      Auf seine Vergangenheit angesprochen schlug er die Beine übereinander und sah Ember durchdringend. Das erste Mal erschien eine Art Entschlossenheit auf dem Gesicht des Butlers, als dieser seinen Schnauzbart strich.
      "Was war ich vorher...", murmelte er und schien spielerisch zu überlegen. Freilich wusste er es ganz genau. "Es war einst ein Junge. Ein Junge, der seinem Vater geboren wurde wie ein normales Kind. Unwissend, welcher Tätigkeit der Vater nachging, wuchs der Junge mit Freunden und Spaß im Herzen auf. Als der Junge 14 wurde, töteten Rogues seine Mutter auf brutale Weise. Erst dann erfuhr er, dass seine Eltern einer alten Kaste angehörten, die sich "Jäger" nannten. Aus der Aversion Magie gegenüber und der Wut eines Pubertierenden schloss sich der Junge seinem Vater an und erlernte die Wege der Jagd von ihm. Erlernte, wie man Magie aufspürte, wie man Zauberer täuschte und sie schlussendlich tötete. Mit bloßen Händen oder auch mit Waffen, die hierfür erschaffen wurden.
      Mit 19 Jahren hatte der Junge ausgelernt und ging fortan selbst auf die Jagd. Betrat als Mensch den Untergrund und suchte die Schlimmsten der Schlimmen in Hoffnung, den Mord an seiner Mutter zu vergessen und den Hass als Antrieb zu verwenden, den er den Zauberern gegenüber hegte.
      Eines Tages...Traf der Junge jedoch einen Mann, bei dem er zum ersten Mal im Leben Todesangst verspürte. Dies war vor 14 Jahren, als man August Foremar jagte, nachdem er einen Politiker getötet hatte. Es stellte sich heraus, dass es ein anderer Arkana gewesen war, dessen Krieg er nicht teilte, jedoch auch verletzt wurde. Der Mann spürte den Arkana auf und begann, seinen Fähigkeiten gemäß, auf ihn einzukämpfen.
      August hätte mich an diesem Tage töten können. Mühelos. Verletzt und in die Ecke getrieben wie er war, hätte er mein Zögern ausnutzen können und sollen. Doch er tat es nicht. Er schlug mir mein Kukri aus der Hand und ließ mich gehen. Mit der Order, mich zu melden, wenn ich die Welt verändern will."
      Perley musste schmunzeln.
      "Ich wollte das nicht. Die Welt verändern", murmelte er. "Ging mir nie mehr am Allerwertesten vorbei, ehrlich gesagt. Aber dieser Blick von damals hat mich verfolgt. Und bis heute suche ich einen Grund und einen Weg, August zu töten. UNd nichts erweist sich als zielführend. Aus einer Feindschaft wurde mit der Zeit eine Partnerschaft, wenn nicht gar eine Freundschaft. Mehr ist es nicht."
      Schweigsam zuckte er die Achseln und wollte gerade wieder dazu anhalten, die Übung fortzusetzen, da Ember regelrecht zusammenbrach, nachdem sie eine Weile überlegt hatte. Kurz besorgt, dass der Junge doch eine Art von Erfolg einheimsen hatte können, hastete Perley nach vorne, um sie zu untersuchen und hielt doch mitten in der Bewegung an, als sie ihre Fragen stellte.
      Und nun war es am Butler, auf ein Knie zu gehen und regelrecht entkräftet seine Schultern hängen zu lassen. Als fehlte ihm die Kraft für alles Weitere. Schließlich erhob er sanft die Stimme und sah Ember an.
      "Ja", bemerkte er schlussendlich und ehrlich. "Ja, das haben Sie wohl. Wie lange er brauchte weiß ich nicht genau. Er spricht noch heute nicht darüber. Zumindest nicht wirklich. Mittlerweile kann er es zugeben, dass Sie ihn töten wollten, aber eine ganze Weile hat er nur die Narbe angestarrt und den Kopf geschüttelt. Hat jeden regelrecht angeschrien, der auch nur ihren Namen erwähnt hat. Ist regelrecht ausgerastet. Und was er gemacht hat...Nun, was soll ich dazu sagen, Ms Sallow. Sich selbst zerstört, wie er es immer tut. Getrunken und noch mehr getrunken. Sich in Arbeit vergraben und vergessen, dass Menschen existieren. Und versucht, einen Krieg zwischen Menschen und Zauberern zu verhindern."
      Man hätte nicht ablesen können, ob der MAnn wirklich mit ihr Mitleid hatte oder nicht.
      "Stehen Sie auf, Ms Sallow", murmelte Perley nachsichtig und seufzte. "Es macht keinen Unterschied mehr. Was geschehen ist, ist geschehen. Ich weiß nur, dass August bereut. Mehr als sie sich ausmalen können. Und vermutlich jemals möchten."
      Er hielt ihr eine Hand hin und blickte auffordernd darauf. Es war nicht die Zeit des Versteckens.

      Augusts Gesicht veränderte sich nur unmerklich, als Noland zugab, die Erinnerungen gelesen zu haben.
      Fantastisch, dachte er. Sag ihm doch am besten gleich, was er genau getan hat. Der Tod wäre für Hill noch die gnadenvollere Methode gewesen. Doch das was Jasper aus ihm gemacht hatte, war schlimmer als das. DA machte es keinen Unterschied, dass der Mann de facto noch gelebt hatte.
      Er lauschte eine Weile dem Zwiegespräch der beiden und hob schließlich eine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
      "Ruhig Junge..."
      Erst danach legte er seinen Blick durchdringend zu dem Jungen und sah ihn an.
      "Um es klar zu sagen: Ich weiß, wie es dir geht. Ich verstehe deinen Schmerz und auch deinen Willen, dich von all dem hier zu lösen. Was du getan hast, ist nicht deine Schuld Jasper. Magie ist ein instabiles Konstrukt und wenn man es einem Jüngling nicht zeigt und ihn unterweist, kommt es zu derlei Zwischenfällen", murmelte August und seufzte schwer. "Es ist normal, in jungem Alter mehr Sklave als Herr seiner Magie zu sein. Und egal, was du getan hast..."
      August legte seine Hand warm auf die kalten Finger des Jungen, nachdem dieser erzählt hatte.
      "Egal was du getan hast, du bist jetzt hier. Du weißt um diese Schwäche und bittest um Hilfe. Und das ist der erste von vielen richtigen Schritten, die du noch gehen wirst. Natürlich werde ich dir helfen, so gut ich kann. Ich bin selbst kein Meister, aber ich kenne durchaus den ein oder anderen Meister, der dir helfen kann, dich zu mäßigen und deine Kraft unter Kontrolle zu bringen. Aber auf eines muss ich bestehen..."
      Er hob sorgsam den Finger und lächelte schief, während er den Jungen ansah. Das erste Mal spiegelte sich etwas wie jugendhafte Freude darin, als würde er etwas Großartiges verkünden.
      "Keine Geheimnisse mehr. Wenn dich etwas belastet, möchte ich es wissen. Erzähl es deinem Onkel, erzähl es mir. Aber niemals mehr für dich. Wenn deine KRaft außer Kontrolle gerät oder zur Last wird, sag es mir. Ich vermag sie nicht zu versiegeln aber ich kann mittels einfacher Illusionen dafür sorgen, dass du ruhiger wirst. Und am Tage werden wir deine Aura trainieren. Wir werden dir zeigen, wie man sie kontroilliert, damit diese Dinge nie wieder geschehen. Was sagst du dazu? Ich möchte als Erstes, dass du lernst, dass du hier du selbst sein kannst. Ganz ohne Kontrolle. Dazu gehört auch, die Kräfte zu akzeptieren und sie zu sehen. Kannst du das?"
      Eine Antwort des Jungen erwartend, fiel ihm noch etwas ein.
      "Ach, Noland", sagte er und sah mit einem Seitenblick zu ihm. "Es wäre wirklich hilfreich, den Jaspers Vater zu finden. Nicht um der Wiedervereinigung willen, doch wir müssen verstehen was diese Kraft genau ist."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Jedes einzelne Wort, das Perley sprach, war kein Balsam für Embers Seele. Vielmehr rieb er wie mit feinem Schleifpapier über ihre angerissene Seele und versuchte sie damit in eine neue Form zu bringen. Sie hatte gedacht, durch den Vorfall damals wäre ein nicht unerhebliches Stück von ihr abgebrochen. Das war es auch ohne Zweifel, aber die Bruchstellen, die zurückgeblieben waren, hatten nicht an Schärfe verloren. Tunlichst hatte sie darauf geachtet, dass die Zeit sie nicht glätteten und nun musste sie eigenmächtig die Bruchkanten glätten. Perley konnte gar nicht wissen, wie viele lose Fäden in ihrem Kopf plötzlich zu einem gebündelten Tau zusammen liefen und ihr sinnbildlich die Flucht aus ihrem Loch ermöglichten.
      Es hatte zwar an Vorbereitung gebracht, aber Ember besaß die notwendige Absicht, die Perley von ihr verlangte. Sie besaß den völligen Fokus, antrainiert durch ihr elendig langes Schießtraining. Und Ruairi hatte unbewusst auf ihre doch starke Persönlichkeit reagiert. Damals, als sie mit dem Wissen um seine Schwester zu ihm kam und er sie direkt als etwas wahrgenommen hatte, vor dem man Acht geben musste. Nie hatte sie all diese Kleinigkeiten gebündelt eingesetzt oder auch nur für eine Sekunde den Gedanken daran verschwendet, ob es sich in irgendeiner Art und Weise als nützlich entpuppen können würde.
      Jetzt gab Perley ihr den Schlüssel dazu in die Hand.
      "Wenn er es ansatzweise so sehr bereut wie ich damals, dann schon", fand Ember ihre Stimme wieder als sie nach seiner Hand griff und sich auf die Beine helfen ließ. Die Erkenntnis war wichtig, ändern konnte man an der Vergangenheit nie etwas. "Vielleicht sollten wir doch mal etwas länger sprechen und nicht nur im Vorbeigehen."
      Dann nahmen sie das Training wieder auf und es geschah, womit vermutlich niemand gerechnet hatte: Ember schaffte auf Anhieb, was Perley von ihr verlangte. Das Gefühl, das Mindset, kurz bevor und nachdem sie auf August geschossen hatte, war dermaßen tief in ihrem Bewusstsein verankert, dass es ihr ungewohnt leicht fiel, den benötigten Killing Intent auf Perley zu projezieren. Im Gegensatz zu ihm hatte sie es bereits einmal geschafft, August umzubringen. Sollte er sich jemals dazu entscheiden, sich zwischen sie und ihn zu stellen musste sie in der Lage sein, ihn zu beseitigen. Er wäre ihr im Weg, und das suggerierte sie sich tiefgreifend. Wie der Hauswirtschaftler zuvor richtete sie ihren gesamten Fokus auf Perley aus und tötete rigoros jeden Zweifel ab, dass es bei ihm wahrscheinlich gar nicht funktionierte. Aber sie hatte geschafft, dass August sie nicht bemerkt hatte. Geschafft, dass ein S-Klasse Caster eine gewisse Form von Respekt ihr gegenüber erbracht hatte. Das war es auch gewesen, was Knight ihr das eine Mal gegenüber aufgezwungen hatte und ein weiteres Mal würde sie es nicht zulassen. Wenn es um reine Willensstärke ging, dann war sie eine Mauer, die ihresgleichen suchte. Und so schaffte sie es tatsächlich beim ersten Versuch, an ihm vorbeizugehen ohne angetippt zu werden.
      Ember jubelte nicht. Sie freute sich auch nicht, war nicht erleichtert. Es lag eher eine nüchterne Form der Bestätigung in ihrem Gesicht als sie sich nach Perley umdrehte und ihn ansah. "Zwei Zauberer haben mir bisher gesagt, dass ich Potenzial besitze und es nicht nutze. Ich schätze, das haben sie beide damit gemeint."


      Noland konnte nicht anders als die Stirn in leichte Falten zu ziehen. Er hatte die Geschichten gehört, die sich um August Foremar rankten. Dazu gehörte sicherlich nicht, dass er sich aufopferungsvoll um einen Jugendlichen kümmerte. Und so wandelten sich die Falten in einen wieder geglätteten Zustand als sich Noland in seinem Pokerspiel bestätigt fand. Wieder einmal wurde er in seiner Annahme bestätigt, dass man Berichtserstattungen keinen Deut treuen durfte. Die Medien schrieben sowieso nur das, was der Pulk an Menschen wissen wollte.
      Jasper hingegen spielte kurz mit dem Gedanken, seine Hand wegzuziehen. Er entschied sich jedoch dagegen als ihm auffiel, wie furchtbar kalt seine eigenen Finger eigentlich waren. Er hörte den Worten von August zu wobei Noland vermutlich der Einzige war, der sich dieser Tragweite gerade bewusst war. Dieser Junge da hatte in seinem Leben nicht eine einzige Vaterfigur gehabt. Er war allein von seiner Mutter aufgezogen worden während um ihn herum all die Kinder ihr meistens normales Leben führten. Er war von Anfang an anders gewesen und hatte alles in seiner Macht stehende dafür getan, es nicht zu sein. Jetzt einmal gesagt zu bekommen, dass er sich nicht verstellen musste, dass es jemanden gab der ihm eine Stütze war wenn er wieder hinfiel, bedeutete ihm mehr als die beiden älteren Männer im Raume höchstwahrscheinlich wissen konnten.
      Denn immerhin bekam Jasper nur ein etwas gezwungen wirkendes Lächeln hin. "Okay. Ich kann's versuchen." Wohl fühlte er sich dabei allerdings offensichtlich noch nicht ganz. Er war es auch, der direkt auf die Frage seines Vaters hin seifzte und Noland die Antwort abnahm. "Das wird wohl schwierig ihn zu finden. Wenn er nicht irgendwo in einer Kartei abgelegt ist wird es wohl schwierig einen Vergewaltiger zu finden."
      Noland grunzte als er hörte, wie lapidar sein Neffe darüber berichtete. "Ich dachte, es trifft dich viel mehr."
      "Warum? Immerhin hat sie mich behalten und nicht weggegeben. Wobei sie damals wohl auch nicht wusste, dass er ein Zauberer war." Jasper zuckte nur mit den Schultern. "Sie hat mir damals gesagt, dass sie meinen Großeltern nicht sagen konnte, dass sie ein uneheliches Kind erwartet und schon über das Datum hinaus ist. Also hat sie es verschwiegen bis es nicht mehr ging und am Ende mich doch behalten."
      "Du weißt ja erstaunlich viel", gab Noland zu und richtete dann die nächsten Worte an August. Er hatte nicht nur Jaspers Erinnerungen gelesen sondern auch jede einzelner seiner Schwester bevor er ihr die Erinnerung an ihren Sohn genommen hatte. "Sie ist damals nach einem Besuch in einem Pub von einer Gruppe junger Männer überfallen worden. Sie hat sich damals nicht zu Polizei getraut und demnach gab es keine Anzeige von ihr. Sie weiß nicht, wer von ihnen Jaspers Vater ist, es hätte jeder der drei Männer sein können."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Perley Caulson war nicht minde beeindruckt.
      Und auch wenn das, was er sah, durchaus das Potenzial hatte, etwas Großes zu werden, so war es doch der Zweifel, der vorherrschend in seinem Verstande schwelte. Der bärtige Mann ließ sich auf das Spiel ein. Sicherlich wäre es in einem Kampf nicht ganz so einfach, aber dies hier war nur der erste Teil eines mehrstufigen Trainings, das sie bestehen sollte. Eine Jägerin aus ihr zu machen, war mitnichten schwer, jedoch würde eine einfache Jägerin nicht ausreichen. Irgendwann musste sie den Auren der Arkana gegenüber treten und dies war nicht zu vergleichen mit dem Druck, den er ausüben konnte.
      Umso erstaunlicher war es, dass sie die Aufgabe beim ersten Mal bereits schaffte. Ember schaffte es, den Fokus des Butlers auf etwas zu lenken was jenseits ihrer AUgen lag und er bemerkte nicht, wie sie hinter ihn gekommen war. Ein famoses Ergebnis, wahrhaftig! Und so ließ es sich Perley nicht nehmen, zu grinsen und schwach zu applaudieren.
      "Herzlichen Glückwunsch", bemerkte er und nickte anerkennend. "Das war gut. Außergewöhnlich gut, möchte ich meinen."
      Gott, konnte er gut lügen. Freilich war es außergewöhnlich, jedoch schreckte ihn die Dunkelheit in ihrem Blick regelrecht ab. Nicht auszudenken, wozu diese Frau fähig wäre, wenn sie das nicht kontaminierten.
      "Sie sollten sich ein wenig Freude erlauben, Ms Sallow. Sie haben heute zwei wichtige Schritte hin zu einer ausgewachsenen Jägerin gemacht. HInsichtlich ihres Potenzials denke ich, haben die beiden Zauberer durchaus nicht die Unwahrheit gesagt. Mit Sicherheit bedarf es noch einiger Nacharbeiten, aber ich denke, Sie sind auf einem guten Weg."
      Er richtete sich wieder gerade auf und versteifte seine Position. Die Freude über den Erfolg seiner Schülern wich dem stoischen Blick eines Jägers und barg eine gewisse Kühle. Die gewohnte, mochte man meinen.
      Schweigsam wies er zur Tür.
      "Das Training ist für heute beendet. Ich denke, es werden noch ein, zwei weitere Unterweisungen von Nöten sein, ehe Sie die Kräfte vollends verwenden können, aber ich glaube, Sie haben Großes vor sich."
      Großes Leid oder großer Segen. Das war hier die Frage.
      "Kommen Sie. Sie verdienen einen geruhsamen Abend. Gönnen Sie sich ruhe und sammeln Sie Ihren Geist, jeden Abend. Schärfen Sie Ihre Sinne!"
      Schweigsam öffnete der Butler die Tür und hielt sie offen, um Ember zur Garderobe zu leiten.


      August bemerkte die veränderte Schwingung im Raum und nahm sie freudig auf.
      Es erleichterte ihn zusehends, dass der Junge langsam zu vertrauen begann. Ein Vertrauen, das zwar brüchig, aber gleichzeitig wichtig war, um voran zu kommen und die Magie zu beherrschen. Und trotz der Erleichterung hielt er die Verbindung zum Jungen aufrecht und versuchte, nach den Spuren der verwirrten Aura zu suchen, wähernd Noland ihm berichtete. Die Geschichte des Jungen war tragisch, so viel stand fest. Und einem Phantom hinterher zu jagen, würde nichts bringen. zumindest jetzt noch nicht.
      August nickte den beiden zu und seufzte.
      "Das tut mir Leid zu hören", murmelte er und sah mit unverhohlenem Mitleid zu dem alten Mann hinauf. "Es muss schrecklich für deine Schwester und deine Mutter gewesen sein. Auch wenn sie Großmut bewies. Ich habe keine Ahnung, ob man derartige Straftäter verfolgen kann. Wenn es ein Zauberer ist, ist es sicherlich möglich, ihn aufzuspüren, jedoch bräuchte ich einen Namen und ein Gesicht. UNd das macht das Ganze durchaus schwer."
      Sicherlich gab es Möglichkeiten. Die Frage ist, ob es wirklich so zielführend war, diesem jetzt nachzujagen. Erst jetzt löste August die Verbindung zwischen ihrer beider Hände und erhob sich langsam.
      "Sei es wie es sei", murmelte er und sah zu Jasper. "Erhol dich und ruh dich aus. Du wirst heute ein wenig Schlaf finden können. Sobald du deine Augen schließt, wird dich eine leichte Müdigkeit überkommen. Lass sie zu, wenn du schlafen willst. Es ist ein einfacher Illusionszauber, der deine Gehörgänge vorrübergehend für die Stimmen der Auren blockieren wird. Es ist nicht viel, aber zumindest Schlaf wirst du finden. Und ab Morgen werden wir sehen, was wir für dich tun können, okay?"

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      The more you drag me to hell
    • Wäre Embers Aufmerksamkeit nicht vollumfänglich auf Perley gerichtet gewesen, so wäre ihr vermutlich entgangen, dass er seine Worte nicht ganz wahrheitsgemäß sprach. Wo genau die Lüge fußte, wusste sie natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht, aber dass er gerade etwas sagte, das er nicht ganz so meinte, entging einem geschulten Ermittler selten.
      "Ich freue mich dann, wenn ich das Gelernte auch in die Tat umsetzen kann. Wie Sie vielleicht wissen, mangelt es mir nur vermehrt an Zeit. Ich habe keine Zeit, um mich langsam heran zu tasten. Ich lebe mit einem Ablaufdatum und das möchte ich gerne so weit wie nur möglich überschreiten", quittierte sie den Hinweis zur Freude lediglich und verfiel bereits wieder in eine ihrer nachdenklichen Spiralen. Interessanterweise begegnete sie der Kühle in seinem Blick mit einer vergleichbaren. Zumindest, bis er sich zur Tür schickte und sie damit aus dem heutigen Unterricht entließ.
      Und als hätte man einen Stöpsel gezogen verlor sich die Konzentration in Ember und ließ den Ausdruck in ihrem Gesicht schlagartig wieder weich werden. Als hätte man sie aus einer Phase gerissen, in der sie voll fokussiert zugebracht gewesen war. Ein längst überfälliger tiefer Atemzug entfleuchte ihr als sie zu Perley hinüber kam und vor ihm den Raum der Wünsche, wie sie ihn nun gedachte zu nennen, verließ. Allerdings steuerte sie nicht direkt die Garderobe an. Für heute war sie noch nicht fertig. Wenn sie jetzt einfach so ging, dann würde es wieder so wirken, als sei sie einfach wortlos abgehauen. Also schlenderte sie herüber zu den Sessel, wo vorhin noch das Dreiergespann gesessen hatte, und ließ eine Hand über den Stoff eben jener gleiten.
      "Meinen Sie, ich bekomme noch einen Tee wenn ich Sie ganz lieb darum bitte?"

      "Hätte sie damals Anzeige erstattet und zugelassen, dass man sie befragt und Proben nimmt, wäre eine Ermittlung vermutlich von Erfolg gekrönt gewesen", meinte Noland schlicht und ergreifend. Die Erinnerungen an die drei Täter waren vage und verschwommen. Es war ein Trauma gewesen und er verstand nur allzu gut, dass die Gesichter der drei jungen Männer völlig verschwommen in ihrer Erinnerung abgelegt waren. "Nun allerdings wird es schwierig. Wobei ich schätze, dass es weniger eine Rolle spielt. Es kann auch einfach eine Mutation gewesen sein, wir schätzen ja alle nur, dass er ein Zauberer war. Bestätigt ist rein gar nichts."
      Jasper nickte müde. Er kannte sich nicht damit aus, wie es mit der Vererbung von Magie zuging. Ob sie Generationen übersprang und von der Seite seiner Mutter gekommen war. Wie es überhaupt passieren konnte, dass zwei Geschwister so unterschiedlich waren. Kannte sein Onkel denn keine Vorfahren, die ebenfalls magisch gewesen waren? August riss Jasper aus diesen Überlegungen als er seine Hand von ihm nahm und sich aufrichtete. Große Augen folgten dem Schatten des Arkana während sich Noland bereits anschickte, den Raum zu verlassen und im Erdgeschoss nach etwas zu schauen. "Haben Sie jetzt schon gezaubert? Warum ist dann meine Aura nicht ....?", fragte er und schnitt sich selbst die letzten Worte ab. Am heutigen Abend war nichts mehr wirklich normal. Er hatte die Kontrolle verloren, fast seinen eigenen Kopf dabei riskiert und beschlossen, dass es so nicht weitergehen können würde. Dass er Hilfe brauchte, um weiter zu existieren mit seinen Mitmenschen. "Okay..."
      Damit verabschiedete er sich von August, der das Zimmer verließ und die Tür hinter sich zuzog. Nachdem das Türschloss geklickt hatte und der Arkana sich seines Weges trollen wollte, kam ihm Noland von den Treppen nach unten entgegen. Angesichts der Kürze war er nicht lange unten gewesen. Oder vielleicht sogar gar nicht, wie er ihm enthüllte: "Unten wartet noch jemand auf dich. Ich glaube, sie wartet nicht auf mich."
      Ohne eine Reaktion abzuwarten ging er an ihm vorbei in sein eigenes Zimmer, aus dem man kurz darauf das Klicken der Verrriegelung hörte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Peley wusste nicht genau wie er auf das vorhin gesagte reagieren sollte. In die Tat umsetzen...Ja, das hatte er auch einst gewollt. So schnell wie möglich auf das Schlachtfeld, die Regeln vergessen, sich ausprobieren und die Grenzen abstecken. Bei ihm hatte es siebzig Kämpfe gut gegangen.
      Anschließend war er einem Monstrum begegnet. Selbst Ember sollte erkennen, dass die Jagdfähigkeiten einem Menschen keine übersinnlichen Kräfte gaben. Ihre Körper waren noch immer im Vergleich zu Zauberern mehr als fragil und unstet. Und ein Arkana war durchaus noch eine ganz andere Liga. Aber das würden sie beim nächsten Mal besprechen, beschloss er während er die Tür hinter ihr schloss. Ein lauer Luftzug verriet ihm, dass sich der Raum dahinter geändert hatte. Wie es das so oft tat, wenn August anwesend war. Als würde dieses ganze Konstrukt sein Körper sein.
      Dies war anhand der Fähigkeiten des Zauberers nicht wirklich ausgeschlossen, wenn man es ernst nahm.
      Gerade hatte sich Perley gefreut, sie endlich los zu sein, als Ember ihn anhielt und um etwas bat, das er nicht erwartet hatte. Sollte sie doch eine Einsicht haben? Auf seinem Gesicht spiegelten sich eine Mixtur aus Überraschung und Missbilligung, während er nach einer Weile der kühlen BEherrschung eines Butlers wieder anheim fiel und nickte.
      "Sehr wohl, Ms Sallow", erwiderte er und wies ihr einen Platz am Feuer zu. Die Sessel wurden durch die knisternden Flammen erwärmt und die restlichen Teetassen waren eilig fortgeräumt.
      Perley verschwand im Nebenraum, um den Tee zu bereiten und eilte sich, zurück zu kehren. Er wollte auf keinen Fall, dass August ihn noch erwischte. Eine Standpauke hasste er noch mehr als die Zeit selbst.
      "Bitte sehr", murmelte Perley, als er die Tasse auf dem Tisch abstellte. "Lassen Sie es sich munden. Fühlen Sie sich wie daheim."

      August war an sich kein besonders humorvoller Mensch.
      Und dennoch amüsierte der letzte Kommentar seinen Verstand ein wenig. Nicht die Tatsache, dass Jasper nicht mal gemerkt hatte, wie er den Jungen in eine Illusion gehüllt hatte. Es war vielmehr die Erkenntnis, dass er nicht eingerostet war, was das anging. Ein kleiner Schleierzauber, welcher die Ohren und Sinne befiel und schon waren die Auren beinahe nicht mehr zu hören. Jasper würde schlafen können, so viel stand fest. Ob er es wollte, war eine andere Frage.
      August schloss die Tür und seufzte leise als er seine Weste gerade zog und sich etwas Staub von den Hosen schlug. Freilich, sein Hauswirtschafter war nicht der fleißigste dieser Tage. Soviel musste er sich eingestehen. Perley musste gemahnt werden, damit er seinen Pflichten nachkam, während August die Treppe erreichte und erneut Noland begegnete.
      Auf den Kommentar des Zauberers nickte er ihm zu und zuckte die Achseln.
      "Sieh nachher einmal nach Jasper. Gib ihm ein wenig Zeit zum Schlafen. Schau bitte nur ob der Zauber hält, den ich gewirkt habe", sagte August ihm hinterher ehe er sich, die Ärmel aufkrempelnd, auf den Weg nach unten machte.

      Jedes Knarzen, jedes Biegen des Holzes unter seinen Lederschuhen wirkte fremd und schwer in seinen Ohren. Im Wohnraum selbst war es noch immer warm und behaglich. Die Sessel wurden von einem sanften Feuerschein erleuchtet und die Ecken und Kanten der Bilder und sonstigen Dekorationen warfen scharfe Schatten. August selbst erreichte das Ende der Treppe mit einem leicht schweren Schritt und kam etwas aus dem Gleichgewicht, da sein linker Arm noch immer nutzlos in einer Schlinge steckte. Es war wirklich ärgerlich und man sah ihm den Ärger an.
      Helena erwartend war er erstaunt, Ember in einem der Sessel vorzufinden. Und für einen kurzen Moment zögerte er und hielt inne in seinen Schritten. Erneut war dort diese Trockenheit in seinem Mund, das Gefühl des Brennens in seiner Brust und witzigerweise das Gefühl, Flüssigkeit durch die Narbe hindurch zu verlieren. Wachsam glitten seine Augen über Tisch und Beine der Polizisten und suchten nach verdächtigen Erhebungen, auch wenn er nicht erwartete, dass sie ihn hier angreifen würde. Obgleich er geschwächt war.
      Sachte kam er in den Feuerschein gewandert und sah zu Ember hin, die Augen starr auf sie gerichtet, als bemerke er nichts anderes in diesem Raum.
      "Ihr seid fertig, sehe ich?", sagte er und es war mehr eine Feststellung denn einer Frage. "Wie waren deine ersten Stunden?"
      Schweigsam blieb er in einem gewissen Abstand vor dem Sessel stehen und setzte sich erst,nachdem er sich sicher war, sie nicht mehr pausenlos anzustarren.

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      The more you drag me to hell
    • Ember hatte es sich in einem der Sessel vor dem Kamin gemütlich gemacht. Daran zu denken, den Tee zu trinken, war noch nicht, als beschäftigte sie ihre Finger mit etwas anderem. Der Teelöffel war zu ihrem neuen Opfer geworden und wanderte permanent durch ihre Finger. Seit dem Augenblick, in dem sie aus dem Trainingsraum gekommen war, hatte die Erschöpfung des Tages zugeschlagen und ihre Fänge um ihren Körper gelegt. Ein bisschen musste sie sich jedoch noch antreiben. Ruhen konnte sie noch, wenn sie allein in ihren vier Wänden war.
      Das ganze Gebäude schien ein Eigenleben zu besitzen. So war sie sich nicht einmal sicher, ob es die Treppenstufen oder etwas anderes war, die ein leises Knarzen von sich gaben. Sie wand sich allerdings auch nicht um sondern wartete einfach, ob sie Glück hatte und sich August doch noch hertraute. Tatsächlich sogar hatte sie die Augen geschlossen, den Kopf an das Kopfteil gelehnt und lauschte nicht nur mit ihren Ohren. Perley hatte gesagt, sie sollte üben. Und so kitzelte es bereits leicht auf ihrem rechten Oberarm als August sich näherte und offensichtlich die einzige Quelle dafür sein konnte. Als er sich mit Worten bemerkbar machte, wandte Ember ihm ihr Gesicht zu und musterte ihn kurz von Kopf bis Fuß. Noch immer trug er seinen Arm in der Schlinge, seine Haare wirkten zerstreut. Es war jedoch sein starrender Blick auf sie, der ihr einen leicht fragenden Ausdruck aufs Gesicht trieb.
      "Fertig mit den Nerven trifft es eher", erwiderte sie und der fragende Ausdruck verlor sich erst als sich August in den anderen Sessel neben sie setzte. "WIe fasse ich meinen unglaublichen Erfolg am besten zusammen? Perley hat die Nerven verloren, mir ein Kind vorgesetzt, dass mir allen ernstes auch noch eine Hilfe war und wurde zum Schluss dann doch noch überrascht.... Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich immer wieder erstaunt bin, was für Leute du kennst?"
      War sie eigentlich nicht sogar ein Schritt weiter als Perley? Während er nach einem Weg suchte, den Arkana umzubringen hatte Ember dies unlängst geschafft. Nur einen wahren, aufrichten Grund besaßen beide nicht wirklich dafür. Und selbst wenn der Hauswirtschaftler damit recht hatte, dass man Vergangenes nicht ungeschehen machen konnte, war es nicht leicht sich einfach von der Schuld und der Reue loszusprechen.
      Es entstand ein Moment der Pause, in dem Ember lediglich in den Kamin sah. Damals hatte August das Thema abgewürgt, würde er es erneut tun? Irgendetwas hatte sich verändert, dessen war sie sich sicher wenn sie an die seltsame Spannung zurückdachte, die sich zwischen ihnen gebildet hatte. Seufzend nahm stellte sie ihre Beine wieder nebeneinander, um sich nach vorn zu lehnen, die Ellbogen auf den Oberschenkeln abzustützen und das Kinn in ihren Händen abzulegen.
      "Weißt du, was viel schlimmer ist? Das Training war auf mehr als nur einer Ebene hilfreich." Pause. "Ich glaube, meine Erkenntnis dazu war... unabsichtlich." Pause. Gott, wieviele Pausen konnte man denn einfügen? "Damals dachte ich, ich hätte keine Wahl gehabt und du hättest mich manipuliert. Hast du vielleicht auch, aber es war mein höchst eigener Entschluss gewesen, den Abzug zu betätigen. Du hast mir wirklich vertraut und ich bin dir wortwörtlich in den Rücken gefallen." Pause. "Man kann Vergangenes nicht entschuldigen. Gerade sowas nicht. Ich hab gedacht, es reißt mir den Boden unter den Füßen weg und dann... warst du auf einmal wieder da. Ich dachte, ich halluziniere ich wäre völlig durchgedreht. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich nicht daran gedacht habe, was das mit dir anstellt."
      Ein weiterer, tiefer Atemzug. Dann löste sie ihre Haltung auf und drehte sich auf die Seite, um August frontal ansehen zu können. "Und das tut mir wirklich leid."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August fühlte sich merkwürdigerweise unwohl.
      Es lag nicht einmal an der Nähe zu dieser Frau, sondern vielmehr war es die Stimmung, die sie beide umgab wie ein nächtlicher Schleier. Als würden sie in ihre eigenen Vergangenheiten gehüllt, die jeder Einzelne von ihnen zu vergessen suchte.
      Schweigsam lauschte August ihren ersten Worten und musste kurz auflachen, als sie auf ihre Erfolge zu sprechen kamen.
      "Ich kenne durchaus ein paar merkwürdige Leute, ja", nickte er und sah nun seinerseits in die Flammen, als versuchte er sich der Gesichter zu erinnern, die ihn umgeben hatten vor so langer Zeit. "Und nimm es ihm nicht übel. Perley verliert ständig die Nerven mit Menschen. Er ist nicht besonders gut darin. Vielleicht verstehen wir uns auch deswegen so gut, weil wir beide ein wenig merkwürdig sind, nicht wahr?"
      Er lächelte freudlos und knetete seine Hände, während er ihrer folgenden Erzählung lauschte. Erst nach einer Weile, als er merkte, in welche Richtung das Gespräch laufen sollte, richtete er sich leicht auf und sah sie aufmerksam an.
      Der Wunsch, dies abzubrechen und die alten Narben nicht wieder aufzureißen, durchwuchs ihn wie ein wurzelschwangerer Boden und dennoch flüsterte ihm eine Stimme in seinem Kopf, es zuzulassen. Manchmal musste ein Pflaster eben ruckartig entfernt werden und es blieb keine Zeit für schöne oder notwendige Worte.
      Mit der Zunge fuhr er sich über die staubtrockenen Lippen und begegnete Embers Blick noch eine Weile, ehe er in die Flammen sah.
      "Es ist schon gut", murmelte er beinahe tonlos.
      Nach einem Räuspern sah er wieder zu, die Wärme des Feuers völlig vergessend.
      "Es ist nur allzu verständlich, dass du dich selbst zunächst wieder finden und zusammen setzen musstest. Ich starb und kehrte wieder. Wie ein Phantom aus dem Nichts. Und ich kann dir leider sagen: Sterben ist auch nicht so angenehm, wie man es denkt. Nicht mal wegen der Schmerzen, sondern meist fällt einem erst dann ein, was man noch sagen wollte. Und man kann es nicht. Also..."
      Er drehte seinen Körper leicht ein und schlug die Beine übereinander.
      "Also sage ich es jetzt: Ember, ich habe dich auf eine Art und Weise manipuliert, die keine Entschuldigung wieder gut macht. Es mag Gründe dafür gegeben haben. Gute Gründe, wie ich finde, aber dennoch habe ich es getan. Ich selbst schloss vor ewiger Zeit einen Pakt mit einem Sharokh, der mir nicht erlaubte, gegen Seinesgleichen vorzugehen. Ich hätte deinen Bruder oder dich nicht schützen können, also musste der Vertrag brechen. Ich musste getötet werden, auf die eine oder andere Art. Ich hatte nicht erwartet, dass du es tust, aber die Tat hat mich schlussendlich erlöst. Auch wenn der Preis leider zu hoch war...Dennoch: Es tut mir ebenso Leid, dass ich dies alles tat. Von Herzen."
      Schweigsam verblieb er in der Position und atmete durch. Auf seinem Gesicht spiegelte sich ein ganzes Spektrum von Gefühlen. Von Trauer, zu Wut und von Wut zu Resignation.
      Es war Zeit.
      "Es gibt noch etwas...", murmelte er und seufzte. "Als ich wusste, dass nur mein Ableben den Pakt mit diesem Scheusal von Wesen brechen würde, beriet ich mich mit einem Arkana, welcher der Ritualmagie fähig war. Er schlug mir ein kompliziertes und beinahe gefährliches Ritual vor, das mich zwar von den Toten zurückholte, jedoch nur mit einer beschränkten Zeitdauer.
      Damals dachte ich nicht, dass ich den Kampf mit dem Sharokh überlebte oder dass ich nochmals den Drang habe, zu leben, aber...Wie es das Schicksal so will, nicht wahr?"
      Ein schwaches Grinsen huschte über sein Gesicht.
      "Das Ritual gelang und ich kehrte nach dem Tod wieder zurück ins Diesseits. Lebendig. Jedoch musste diese Zeit teuer erkauft werden. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Ich habe noch drei Wochen, Ember. Drei Wochen, die ich leben und atmen kann, ehe der Tod mich holen kommt. Es sei denn ich finde einen Weg, dies zu verhindern. "

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      The more you drag me to hell
    • Für Ember war klar, dass Sterben eine nicht besonders angenehme Sache war. Sie war oft genug anwesend gewesen als es geschah, als jemand aus dem Leben schied. Allein der Anblick, wie sich damals Emily aus ihren Armen verabschiedet hatte, wie sie um jeden einzelnen Atemzug kämpfte, war nur schmerzlich zu verkraften gewesen. Genauso hart war es, als August einfach nur vor ihr umfiel. Sie wusste zu dem Zeitpunkt genau, wie es ablief. Und konnte doch nichts anderes tun als hinter ihm zusammenzubrechen und sein Ableben zu beschreien. Ob er das wohl noch mitbekommen hatte?
      Schließlich bestätigte August Embers lang vermutete Theorie. Er hatte einen Vertrag besessen, noch bevor sie sich kannten. Es musste gewesen sein, als der Rest seiner Familie ins Nichts gezogen worden war oder als er all seine Freunde verloren hatte. Dass sie ihn in einer Form erlöst hatte, glaubte sie allerdings nicht. Wenn dem so gewesen wäre, dann säße er ihr nun nicht gegenüber. Mit diesem schweren Ausdruck im Gesicht, der eigentlich nicht hätte da sein sollen. Wenn er nur für ein paar Worte zurückgekehrt war, dann hätte er sie ihr jederzeit erbringen können. Dass es so lange gedauert hatte bedeutete, dass es etwas anderes gab, das ihn hielt. Vermutlich die bevorstehende Auseinandersetzung zwischen Zauberern und Menschen. Im Gegensatz zu ihm machte sich eine Form von Erleichterung in ihrem Gesicht breit als sie endlich die Aussprache fanden, die längst überfällig war. Und dennoch... war da mehr. Das fühlte sie. Das sah sie. Doch sie schwieg, fiel ihm nicht ins Wort und ließ ihn zuende reden, was sich als eine der größeren Prüfungen in ihrem Leben entpuppen würde.
      Ritualmagie... Das deckte sich mit dem, was sie von Ruairi in Erfahrung hatte bringen können. Schließlich musste es eine logische Erklärung geben, wie August zurück in die Welt der Lebenden fand. Genauso wie es logisch war, dass er einen Preis zahlen musste und seine Zeit begrenzt war. Das alles war ihr bewusst, dämmerte in den dunklen Ecken ihres Verstandes und wartete darauf, in den Vordergrund zu treten. Zeit war etwas, gegen die sie alle kämpften und verloren. Ihre eigene Uhr lief ab wie jede andere, die einem Lebewesen bei seiner Geburt zugeteilt wurde. Jeder musste gehen, jeder würde irgendwann dahinscheiden und einen Berg an liebenden Menschen zurücklassen. Zeit war unaufhaltsam und -
      Drei Wochen. Einundzwanzig Tage. Fünfhundertvier Stunden.
      Embers Gesicht wurde schlagartig völlig ausdruckslos. Während ihr Verstand verzweifelt versuchte zu kompensieren, wie wenig Zeit das eigentlich war, vermochte sie es nicht auch nur irgendeinen Ausdruck auf ihr Gesicht zu zaubern. Es schien fast, als sei sie eingefroren, hätte die eigene Zeit tatsächlich angehalten. Dann blinzelte sie einmal und diese kleine Bewegung schien die Zahnräder der Zeit wieder in Bewegung zu setzen. Entgegen der Vermutung vieler sprang sie nicht auf ihre Füße oder brach in Flüchen oder dergleichen aus. Sie tat einen einzigen, tiefen Atemzug bevor sie sich von ihm abwandte und ihre Augen wieder auf das Feuer richtete. Ihre gesamte Haltung verlor an Energie, sie sackte noch ein Stückchen tiefer in den Sessel und wirkte plötzlich so kraft- und machtlos, wie sie es war. Gedanken, die so schnell durch ihren Kopf schossen, dass sie nicht einmal zusammenhängende Sätze aus ihnen bilden konnte, waren alles, was sie gerade wirklich wahrnahm. Die komplette Brandbreite an Emotionen, die ihr zur Verfügung stand, spülte über sie hinweg bis sie am Ende einfach nur das Feuer ansehen konnte.
      Sie war seine persönliche Nemesis.
      "Warum hast du es mir nicht eher gesagt?" Embers Stimme hörte sich seltsam leer an, kratzig und fremd. "Ich war immer noch genau da wo du mich zurückgelassen hast. Ich wäre die Letzte gewesen, die nicht gekommen wäre, hättest du gerufen. Wusste wieder jeder darüber Bescheid außer mir?"
      Schuld war ein Wort, das sie in diesem Kontext nicht in den Mund nehmen würde. Wäre sie nicht gewesen, hätte er mehr von seinem Leben gehabt. Hätte es sinnvoller einsetzen können, so wie er es jetzt gerade tat. Aber anstelle ihn einfach nur verfrüht aus seinem Leben zu reißen hatte sie ihn dazu verdammt, einen zweiten Tod zu erleben. Und dieses Mal hatte er sogar ein festes Datum, einen Tag, an dem es enden würde. Menschen lebten mit der Ungewissheit, wann ihr Tod käme. Ihn aber auf den Tag und die Stunde genau zu datieren können war womöglich das Grausamste, was man sich hätte vorstellen können. Und so presste Ember einfach nur die Lippen fest aufeinander als sie sich nach vorn beugte und eine Hand über ihre Augen legte. Das Sammelsurium an Emotionen resultierte darin, dass sie schlussendlich die Kontrolle über sich verlor. Sie hatte alles getan, nicht zu weinen, und zog am Ende den Kürzeren.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Wie schwer konnte es sein, nicht wahr?
      Einfach die Wahrheit zu sagen und die Welt den Rest erledigen zu lassen. Das war doch einfach. Zumindest hatte es sich August einfacher vorgestellt. Doch auch ihm wuchs mit jedem Wort, das er sprach, der Kloß in seinem Hals und er musste mit jenem kämpfen, dessen er sich immer verwehrt hatte: Nackter kalter Angst.
      Ember zu sehen, wie sie in dem Stuhl zusammen sank und regelrecht an Masse verlor, gab ihm beinahe den Rest. Auch er konnte die Augen nicht mehr bei ihr behalten, obschon ihre Gestalt und ihre Nähe ihm gut taten. Es hätte so viel zwischen ihnen sein können, wenn sie nur eine Chance gehabt hätten. Eine einfache Chance, die nicht darin bestand, sich gegenseitig zu töten oder zu belügen. Gott, wie hätte ihre Bekanntschaft enden können, wenn er nicht der gewesen wäre, der er nun einmal war?
      "Warum hast du es mir nicht eher gesagt?" Embers Stimme hörte sich seltsam leer an, kratzig und fremd. "Ich war immer noch genau da wo du mich zurückgelassen hast. Ich wäre die Letzte gewesen, die nicht gekommen wäre, hättest du gerufen. Wusste wieder jeder darüber Bescheid außer mir?"
      Eine Frage, die nicht mehr Zündstoff hätte enthalten können. Umso verständlicher war sie in Augusts Augen, ehe er sich in den Sessel zurück lehnte und die Hand seinerseits über die Augen legte. Keine Träne floss mehr hindurch und doch wallte eine Woge der Trauer über ihn. Ein Leben, was so lange gedauert hatte. Und jetzt beendet von einem verfluchten Kontrakt mit einem Skelett?
      "Ich habe die letzten Wochen damit zugebracht, einen Ausweg zu finden", murmelte er schließlich und sah wieder zu ihr, auch wenn sie nicht hinsah. Auch wenn sein Blick nach ihr schrie. "Ich habe es kaum Menschen erzählt. Perley weiß davon, weil er mich fand, wie ich alles zerstören wollte und mich hasste, nachdem der Sharokh nicht mehr war. Hakim weiß davon, weil er mich bei meinen Versuchen heilt, diesen verfluchten Kontrakt loszuwerden, damit ich nicht durch Schlafen allzu viel Zeit verliere. Noland hat es herausgefunden. Ich sage es dir jetzt, weil es wichtig ist. Und weil ich dumm genug war, es geheim zu halten, weil ich dachte ich schone dich damit. Ich wusste, du würdest dir Vorwürfe machen...Sag nicht, dass es nicht so ist! Ich kann sie spüren, deine Gedanken!"
      Seufzend drehte er sich wieder zu ihr, während sie in Tränen ausbrach. Es war das erste Mal, dass er Ember in Tränen aufgelöst sah. Das erste Mal, dass er sie so verletzlich sah und beinahe hätte er abgebrochen und es vergessen. Es brauchte nur einen kleinen Illusionszauber oder Noland. Mehr nicht...
      "Ember...", sprach er sie an. "Sieh mich an, bitte..."
      Er wartete, bis sich Augen in seine legten, wie die liebkosende Umarmung eines Paares, das sie niemals würden sein können.
      "Es ist nicht deine Schuld", sagte er deutlich. "Es ist nicht deine Schuld. Du hattest keine andere Wahl, weil ich dich in diese Lage gebracht habe. Ich hätte ehrlicher sein können, aber du warst verzweifelt. Ich hätte dir sagen sollen, dass es einen Weg gibt. Aber ich konnte nicht, wollte nicht, denn ich wollte...Ich wollte einfach nur..."
      Für einen Moment stockte er selbst, dann lehnte er sich kraftlos zurück.
      "Ich hoffe, du kannst einem armen Irren vergeben. Aber ich wollte einfach ein wenig mehr Zeit mit dir. So dumm es klingt."

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    • Natürlich hatte August versucht, einen Weg aus dem Dilemma zu finden. Deswegen war er so anders, nachdem sie ihn nach ihrer Trennung getroffen hatte. Was wusste Ember denn schon, was der Arkana in der Zwischenzeit bereits alles ausprobiert hatte? Es gab nichts daran zu leugnen, dass sie keinen Schimmer davpn hatte, was er eigentlich in seiner Zeit tat, in der er sie nicht mit ihr vertrödelte. Wie ignorant konnte ein einziger Mensch denn bitte sein?
      Als er schließlich ihr unterstellte, dass sie sich Vorwürfe machte, ballte sich ihre andere Hand von selbst zur Faust. Selbstverständlich machte sie sich Vorwürfe. Selbstverständlich würde sie sich niemals ausreden lassen, dass es nicht ihre Teilschuld gewesen war. Die Vergangenheit ließ sich nicht mehr ändern. Selten hatten Worte und Erkenntnisse eine derartige Schwere an sich. Es kostete sie ihre gesamte Überwindung die Hand vor ihren Augen sinken zu lassen und sich wieder aufrechter hinzusetzen. Es gab fast nichts, was sie noch mehr hasste als wie ein kleines Mädchen in Tränen aufgelöst zu sein. Also nötigte sie sich eine wenigstens nicht ganz so weinerliche Miene ab, die trotz der Tränen ihre Wirkung nicht verlor. Es dauerte einen erschreckend langsamen Atemzug lang ehe sie den Blick vollständig hob und ihn auf August richtete. Ihr Brustkorb stotterte als sie den Mann ansah, der durch ihre Hand gleich zweimal sterben sollte.
      Ember hörte sich seine Worte an. Ließ sie in ihren Verstand rieseln wie feinster Sand. Und mit jeder Silbe, die er fertig formte, fühlte sie sich in einer einzigen Meinung bestätigt. Noch während sich August kraftlos zurücklehnte gewann sie im Gegenzug an Stärke. "Wieso zur Hölle soll es dumm sein, sich mehr Zeit mit jemandem zu wünschen?!", warf sie ihm entgegen, lauter als gewollt während ihre Stimme hin und her tanzte zwischen laut und brechend leise. "Das ist verdammt nochmal normal, August!"
      Sie hatte sich selbst mehr Zeit mit Emily gewünscht. Mehr Zeit mit Alex, um die Wogen zu glätten. Mehr Zeit mit Shawn, den sie nur so selten sah. Mehr Zeit mit Ruairi, der ihre Beziehung scheinbar immer noch für einen Traum hielt. Sogar mehr Zeit mit August... Denn er war der Grundstein gewesen, sie zu der Person zu formen, die sie nun war.
      "Hast du dein beschissenes Versprechen vergessen, dass wir uns zusammen Berwick-upon-Tweed ansehen wollten?! Du steht in meinem scheiß Handy als Berwick eingespeichert!" Frust war die vorherrschende Emotion, die nun ihre Worte färbte. Ember wusste, dass es mehr als kitschig war jetzt diesen Vergleich zu bringen, aber sie wusste sich nicht mehr zu helfen. Alles, was sie die vergangenen Tage in sich gehalten hatte, brach aus dem brodelnden Kessel hervor, der angefeuert wurde von Frust und Verzweiflung. "Du kennst mich, August. Klar mache ich mir Vorwürfe und ja, ich würde viel tun, um dir eine Lösung zu präsentieren. Aber ich kriege ja nicht einmal meinen eigenen Fall vernünftig angepackt. Ich hab mich selbst in eine Pattsituation mit dem Richter manövriert. Ich...." Der Frust verpuffte, die Faust auf ihrem Bein öffnete sich und Erschöpfung trat ans Tageslicht. "Es werden immer mehr Baustellen anstatt weniger..."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Dieses Gespräch war beinahe mehr als August verkraften konnte, wenn er ehrlich war. Nicht aufgrund der Tatsache, dass sie über unangenehme Themen sprachen (was sie taten!), sondern vielmehr, weil er die junge Detective noch niemals in dieser Verfassung gesehen hatte.
      Ein normaler Mann wäre auf sie zugesprungen und hätte sie getröstet, sie im Arm gehalten und ihr gut zugeredet. Aber durfte er das? Hatte er noch das Recht dazu? Er, der sie von Anfang bis Ende in diese Lage gebracht hatte und nun genau das geschah, wovor er sich gefürchtet hatte?
      Selbstvorwürfe und Trauer?
      Als sie wieder zu reden begann, zuckte er kurz zusammen ob der Lautstärke. Es war erstaunlich welche Kraft Gefühle aufbringen konnten, dachte August und sah sie überrascht an, ehe er schwach grinsen musste. Nicht allzu sehr, aber genug, um eine gewisse Einsicht zu proklamieren.
      "Das ist wahr...", murmelte er. "Ich habe natürlich nicht vergessen, dass wir das beschissene Berwick besuchen wollten. Das beschissenste Kaff im Norden. Und du hast mich wirklich als Berwick eingespeichert?"
      Ein kurzes Kichern durchfuhr seine Rede, auch wenn sie sich nicht auf seinem Gesicht zeigte. Anschließend zog er sein Telefon heraus und suchte nach den Kontakten. Er konnte nicht gut mit Technik, aber es reichte gerade so aus. Schweigsam hielt er es mit dem Display zu ihr gerichtet.
      Dort stand neben ihrer Nummer nur die Kennung "Sie". So mancher mochte das abwertend empfinden, doch August wusste, es war anders. Sie war die Frau, die ihn verändert hatte. Wenn sie auch nur kurz derartig verbandelt waren, dass es geziemlich erschien, dies behaupten zu können. Sie war die Frau, nach deren Rat er sich sehnte, wenn er mal wieder in einer Klemme saß. Sie war diejenige, die ihn retten konnte und wollte als es Niemand tun wollte.
      "Vorher warst du "Nervige Detective"", murmelte er beiläufig und zog das Handy wieder fort.
      Als er ihren Frust bemerkte drehte er sich wieder zu ihr und sah sie an.
      "Die Baustellen mögen mehr sein, aber die Lösung greifbar nahe", murmelte er und sah sie an. "Du bist nicht unfähig. Du bist klug, stark und weißt, wann du angreifen oder dich zurückziehen musst. Vergiss Kjetil für diese Zeit. Ich habe dir versprochen, dass er dir kein Haar krümmen wird. Und dazu stehe ich."
      Er lehnte sich weider etwas zurück und sah in die Flammen.
      "Dir und allen, die du liebst", bemerkte er zum Schluss und eine wissende Atmosphäre schien in der Luft zu hängen, ehe er den Kopf schüttelte und sie wieder ansah.
      "Geh jetzt heim. Schlaf dich aus, dein Tag war anstrengend. Geh eine Baustelle nach der anderen an, es ist genug Zeit. Ich werde derweil weiter versuchen, mit Hakim zu einer Lösung zu kommen, wie man den Tod verarschen kann. Auch wenn es durchaus angenehmere Tanzpartner gibt, wenn du verstehst, hihi."
      Mit einem schmalen Lächeln grinst er sie an.
      "Verlier die Hoffnung nicht, Ember Sallow. Noch sind wir am Leben."

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    • Mit einem gewissen Funkeln in den Augen verfolgte Ember, wie August an seinem eigenen Handy herumfingerte und ihr das Display entgegen hielt. Tatsächlich leuteten sie in dem Telefonbuch lediglich drei Buchstaben an und was für manchen vielleicht als herabstufend aufzufassen gewesen wäre, sah die Ermittlerin gänzlich anders. Sie war bedeutungsschwanger. Trug viel zu viel unausgesprochene Bedeutung mit sich als dass sie sich jemals über diese Bezeichnung beschwert hätte.
      "Wow. Was für ein Upgrade von Nervige Detective ", murmelte Ember, der man ein gewisses Amusement nicht aberkennen konnte. Immerhin hatte sie bereits damals ein Adjektiv bekommen, selbst wenn es nicht besonders liebsam gewesen war.
      Was die Baustellen betraf fühlte sie sich als stünde sie auf einem unendlich langen Flur. Die Antworten zu den jeweiligen Fragen lagen hinter den Türen, die sie links und rechts einfach nur öffnen musste. Aber jedes Mal fehlte ihr entweder der Schlüssel oder sie hatte die richtige Tür bereits verpasst. Ein Spiel, das sich ständig wiederholte und sich vielleicht nur mit der Hilfe des Zufalles durchbrechen ließ.
      Ember sah August durchdringend an. Er war der Zweite, der ihr versichert hatte, dass weder ihr noch sonst jemanden ihrer Lieben etwas widerfahren würde. Und ob sie es wollte oder nicht stieg in ihr direkt die leise Frage auf, ob August wohl wusste, dass sie jemand anderen traf. Er wusste viel - abwegig war diese Vermutung nicht. Besonders nicht, wenn man die Stimmung richtig deuten konnte und die wies eindeutig darauf hin, dass er zumindest etwas vermutete. Viel hätte sie daraufhin erwidern können. Zum Beispiel, dass sie ihren Kram selbst regeln musste sobald drei Wochen vergangen waren und sie keinen Ausweg aus der Klausel gefunden hatten. Aber den Bogen traute sie sich dann doch nicht mehr zu schlagen.
      "Mh, ausschlafen ist gut. Ich muss morgen früh wieder im PD stehen, wir haben immer noch unter der Woche", merkte sie an, verstand aber den Wink mit dem Zaunpfahl. Seufzend streckte sie sich nach dem Tee, der mittlerweile nur noch lauwarm war, und kippte ihn in einer Bewegung ihre Kehle hinab. Dann stand sie auf und musterte August erneut. "Solltest du nicht eigentlich nur Tipps austeilen, die du auch selbst einhältst?... Ah, ist schon gut."
      Rigoros rieb sie sich mit beiden Handflächen ein letztes Mal über das komplette Gesicht, damit etwaige Spuren nicht mehr sichtbar waren. Dann kam sie die paar wenigen zu August hinüber und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, aufzustehen. Man verabschiedete sich nicht von sitzenden Menschen, soviel Anstand hatte sie noch. Außerdem hatte sie endlich das Gefühl, dass diese seltsame Spannung zwischen ihnen zumindest teilweise abgeklungen war. Kaum stand der Rogue auf seinen Füßen schlang Ember bereits einen Arm um seinen Nacken und drückte ihn an sich. Leicht, damit der in der Schlinge hängende Arm nicht zu viel Druck abbekam. Drei Herzschläge lang, dann gab sie ihn wieder frei und lächelte ihn ein wenig scheu an bevor sie sich zur Garderobe wand. "Ich geb dir Bescheid, wenn ich was Neues in Erfahrung bringen kann. Tanz nicht so viel mit Hakim, das hört sich seltsam an."
      Wie er schon richtig bemerkt hatte; es gab weitaus bessere Tanzpartner als einen weiteren Arkana. Nachdem sie sich die Jacke wieder übergeworfen hatte, befreite sie auch ihre Haare aus dem lästigen Haargummi und winkte August. Dann verschwand sie nach draußen in die Nacht Londons.

      Embers Wohnung - 22:19 Uhr

      Die Müdigkeit holte Ember während der Autofahrt nach Hause gnadenlos ein. Sie war nicht nur körperlich am Ende, auch ihr Geist fühlte sich einfach nur zermürbt an. Das Training war anstrengender gewesen als sie hatte zugeben wollen und so schlurfte sie regelrecht aus ihrem Wagen die Treppe zur Haustür hoch nachdem sie einen Parkplatz am Bordstein hatte finden können. Auf dem Weg in die Wohnung warf sie einen Blick in den Briefkasten und sammelte den Schwung Briefe ein, der sich seit der Bekanntmachung nicht rarer machte. Da sie direkt von der Arbeit ins Dusk & Dawn gefahren war, konnte sie erst jetzt den Stapel an Briefen zu den anderen auf ihrem Couchtisch werfen nachdem sie müde die Schuhe von ihren Füßen gestriffen hatte und ihre Jacke aufgehängt hatte. Für einen Moment stand sie einfach nur regungslos in ihrer dunklen und absolut stillen Wohnung, die nur leise vom Surren der Elektrogräte in der Küche unterbrochen wurde. Mit einem Seufzen schaltete sie das Licht im Wohnzimmer an und holte sich ein Glas Wasser, bevor sie sich auf ihre Couch sinken ließ und einen Blick über den Berg an Briefen wandern ließ.
      Hörte dieses üble Gerede denn nie auf? Vielleicht sollte sie sich ein Postfach einrichten lassen, zu dem die Briefe geschickt wurden. Immerhin kam noch niemand auf die Idee, ihr fragwürdige Pakete zuzuschicken oder so. Wobei dies vermutlich auch nur noch eine Frage der Zeit sein würde... Die Lage war unstet, die Menschen verunsichert und Ember konnte es ihnen nicht einmal übel nehmen. Seufzend nahm sie sich ihren kleinen Detektor, den ein jeder Ermittler ohne magische Fertigkeiten bekam, und fuhr damit über die Briefe hinweg. Das kleine runde Gerät ähnelte eher einem metallenen Handschmeichler und reagierte ähnlich wie ihre Fußkette, die sie heute nicht getragen hatte. Wie gewohnt reagierte der das Gerät auf den ein oder anderen Brief, der leichte magische Spuren mit sich trug. Es war eine reine Sicherheitsmaßnahme, mit der sie neuerdings alle ihre Schreiben abtastete bevor sie sie öffnete. Man mochte sie mittlerweile als paranoid beschreiben, aber nachdem sich die Vermutung verhärtet hatte, dass der Killer mit Briefen agierte traute sie keinen Schriftstück mehr.
      Und trotzdem wunderte es Ember, als das Gerät oberhalb eines unauffälligen weißen Umschlages förmlich eskalierte. Obwohl ihre Alarmglocken angingen war sie zu müde, um den Kopf darüber zu verlieren. Sie hatte den Brief noch nicht angefasst - er war mitten unter zahlreichen anderen gewesen. Nun wischte sie alle anderen Schreiben großflächig zur Seite und zog die Antimagiehandschuhe aus ihrer Handtasche. Das Glas stand weit genug entfernt, sodass sie es nicht unbedingt umwerfen würde, als ihre Finger über den Briefumschlag strichen und ihm umdrehten. Kein Abesender. Natürlich. Aber es gab eine Codierung von der Poststelle, die ihn bearbeitet hatte. Und somit würde man ein Gebiet abstecken können, aus dem der Brief eingesammelt worden war. Sie hatte einen Umkreis. Sofern dieser Brief zu jenen gehörte, die schon mindestens zwei Menschen getötet hatten.
      Embers Finger verharrten in der Luft über dem Brief. Wenn es der Killer war, dann war das hier ein direkter Angriff auf sie. Sie sollte den Brief einreichen, ihn nicht selbst öffnen sondern Fachpersonal dran lassen. Sofern es denn der Killer war. Es konnte alles mögliche sein, niemand wusste vorher, was in einem Brief steckte. Vielleicht waren die Handschuhe nicht Sicherheit genug. Vielleicht mussten härtere Geschütze ran. Immer noch träge, wenn auch etwas wacher, schlufte Ember zu ihrem Schrank im Büro. Aus einer Schublade holte sie etwas, das wie ein winziges Zelt aussah, dass im Durchmesser einen halben Quadratmeter maß. Das schlug sie auf dem Tisch auf und platzierte den Brief im Zentrum. Sollte dieser Brief etwas explosives an sich haben, würde das Antimagiefeld den Ausbruch eingrenzen. Dann hatte eben nur ihr Tisch einen Brandfleck, aber besser der Tisch als sie selbst. Als weitere Sicherheitsmaßnahme platzierte sie ihr Handy in Griffreichweite. Man wusste schließlich nie.
      Dann stellte sie die Lasche des Umschlages auf, riss ihn auf und zog ruckartig ihre Hände aus dem Feld zurück. Ihre Augen waren verengt, so als erwartete sie ein Geräusch, einen Lichtblitz, irgendetwas. Aber es blieb unauffällig in der Wohnung mit dem Surren der Elektronikgeräte im Hintergrund. Embers Miene wurde finster. Starke magische Spuren und keine Explosion oder dergleichen? Das war in der Tat beunruhigend. Sie wartete die obgligatorischen dreißig Sekunden ab, um zeitverzögerte Angriffe auszuschließen, dann förderte sie den Zettel im Umschlag mit der gleichen Technik ans Licht. Wieder geschah nichts, wieder wartete sie dreißig Sekunden. Vielleicht war sie wirklich schon zu paranoid und sie hielt magische Glückwunschkarten auch schon für gefährlich... Sie schüttelte den Kopf. Irgendwas kitzelte sie an ihren Armen und wenn Perley ihr eines beigebracht hatte, dann auf das Kitzeln zu achten.
      Einen weiteren Atemzug später griff sie nach dem Schreiben und drehte es so, dass sie einen Blick auf den Inhalt erhaschen konnte. Ihre Stirn fiel in Falten als sie feststellte, dass es wie ein ganz normaler Brief geschrieben worden war. "Sehr geehrte Ember Sallow... warum so förmlich...", murmelte sie und hob den Brief testweise aus dem Feld. Wieder geschah nichts und ihre Verwunderung wuchs nur noch. Sie spürte nichts, weder körperlich noch geistig außer die bereits bekannte Ermüdung. Ohne den Hauptteil zu lesen sprang ihr Blick direkt ans Ende des Briefes. Sie stockte. Oliver Brown. Das konnte unmöglich ihr Täter sein, außer er verwendete ein Pseudonym. Warum dann einen vollständigen Namen? Sie war sich sicher, dass bei einer Überprüfung es mit Sicherheit Übereinstimmungen geben würde. Wieso zog er dann einen Unschuldigen mit ins Gefecht? Oder manipulierte er Unschuldige, diese Briefe zu schreiben? Aber dann war es nicht seine Fähigkeit, die tötete, sondern die des Unschuldigen. Gab es einen Rogue mit diesem Namen? Vielleicht konnte August denjenigen finden....
      Erneut schüttelte Ember den Kopf. Vielleicht war das ja gar nicht der Täter. Also begann sie erneut und las den Brief von Anfang bis Ende einmal vollständig durch. Er war kurz, sachlich gehalten und war weder anklagend noch lobend formuliert. Eher neutral, so als stelle der Absender lediglich Tatsachen fest. Zum Beispiel, dass sie ja wohl offenkundig mit den Arkana zusammenarbeite. Dass August sie manipuliert habe und sie nun gar nicht mehr im Sinne der Justiz handele. Dass ihre gesamte Arbeit Heuchelei sei und sie sich aus den Fällen zurückziehen sollte. Eine Warnung mit ähnlichen Worten wie Tallburn an die Wände geschrieben hatte.
      Ember stieß einen gedehnten Atemzug aus als sie den Brief offen auf den Tisch fallen ließ. Die Chancen, dass das ihr Täter war, waren nicht bei Null. Es bestand die Möglichkeit, dass es der Gesuchte war. Hatte er sie als Ziel ausgesucht weil sie die leitende Ermittlerin war? Wollte er nun doch seine Haut retten oder warum nahm er dann mit ihr Kontakt auf? Es war ein Brief gewesen wie bei allen anderen... Nachdenklich blickte Ember ihre Handinnenflächen an und versuchte sich zu konzentrieren. In sich hineinzuhorchen. Nichts schien irgendwie anders zu sein. Sehr seltsam, wie sie befand, als sie den Brief wieder in das Zelt zurücklegte und das Glas leerte. Morgen würde sie den Brief mit ins Revier nehmen und dort untersuchen lassen. Eine Überprüfung durchführen, ob ein Oliver Brown existierte und wo er saß. Dann würden sie ihn ausfindig machen und aufs Revier bringen lassen. Endlich hatte sie eine handfeste Spur, der sie folgen konnte. August hatte recht gehabt. Die Lösungen waren vielleicht näher als sie es gedacht hatte.
      Nach gut dreißig Minuten kam Ember mit einem großen Handtuch um den Körper gewickelt aus dem dampfenden Badezimmer. Ein kleines hatte sie um ihre Schultern geschlagen, auf dem ihre Haare nun abtropften, als sie gerade rüber in ihr Schlafzimmer gehen wollte. Im dunklen Wohnzimmer blinkte etwas regelmäßig weiß auf und es dauerte einen Augenblick ehe sie bemerkte, dass es ihr Handy war. Schnell hatte sie es von der Couch aufgesammelt und es geöffnet. Eine neue Nachricht von Tarah. Seit wann schrieb Tarah so spät? Ember öffnete die Nachricht und las.

      Hi Ember,
      ich weiß gar nicht, wie ich dir das genau sagen soll.
      Hast du in letzter Zeit die Nachrichten verfolgt? Bestimmt. Die Nachrichten werden immer schlimmer, immer mehr Gewalt kommt auf. Man kann ja seinen Nachbarn gar nicht mehr richtig trauen. Ich hab von mehreren unserer Kunden auch schon gehört, dass sie sich nicht sicher sind, ob die Polizei richtig agiert. Und du bist ja sogar noch in ihren Rängen aufgestiegen.
      Versteh mich bitte nicht falsch. Du bist immer noch meine Freundin, aber ich muss an die Sicherheit meiner Familie denken.
      Bitte nimm es mir nicht übel, wenn wir uns erst einmal von dir distanzieren bis sich der Tumult ein wenig gelegt hat. Okay?
      Viel Glück
      Tarah


      Ember blinzelte etliche Male verwirrt. Ja, sie hatte die Nachrichten verfolgt. Ja, es gab mehr als genug Unruhen. Aber woher kam denn diese Kamikazeaktion auf einmal? Sie würde morgen bei Tarah einmal anrufen und nachfragen müssen, was das sollte. Zugegeben, die letzten Wochen über hatten sie nicht viel Kontakt.... Sollte das nicht eigentlich als Distanzierung schon ausreichen?
      Sichtlich irritiert schüttelte die Ermittlerin den Kopf und begab sich wieder ins Bad, um ihre Haare zu föhnen und sich bettfertig zu machen. Nach fast exakt einer weiteren halben Stunde hatte sie erneut eine SMS, die sie dieses Mal sofort bemerkte, da sie ihr Handy mitgenommen hatte. Es musste Tarah sein, die ihre Nachricht entschuldigte, dachte sich Ember und stockte, als sie Shawn als Absender sah. Erst Tarah, dann Shawn. Hatte sie die Nachrichten doch verpasst? War irgendwas passiert?

      Hey Schwester,
      ich wollte dir kurz mitteilen, dass es mir gut geht. Auch hier in Birmingham gibt es Angriffe und Unruhen, wie wohl auch bei dir in London.
      Ich habe nachgedacht. Lange nachgedacht und beschlossen, dass ich mich nicht mehr mit dir treffen werde. Nach dieser Sache mit dem Sharokh, dem Deal und allem... Ich kann das nicht. Überall, wo du wandelst, ziehst du das Chaos an. Ich will mich nicht nochmal in Sachen verstricken lassen, wo es auch um mein Leben geht, Ember. Das verstehst du doch bestimmt als große Schwester.
      Ich hab unseren Eltern auch geraten, sich erst einmal von allem zu entfernen. Nur als Sicherheitsmaßnahme.
      Mach's gut
      Shawn



      Ember starrte mehrere Minuten lang den hell leuchtenden Bildschirm an während sie auf den geschlossenen Klodeckel gesunken war. Wieso schrieb ihr jetzt ihr eigener Bruder auch so einen Text? Wieso klang es so, als würden sie alle ihre Verbindungen zu ihr abbrechen? Was hatte Ember nicht mitbekommen, das solch eine Panik in ihren Mitmenschen auslöste?
      Völlig verdutzt und nun doch leicht verunsichert holte sich Ember ein Nachthemd aus ihrem Schrank und steifte es sich über. Noch immer lag die Verwirrung schwer in ihrem Gesicht, egal wie oft sie die Nachrichten las. Das Schriftbild stimmte, die Nummer stimmte... Diese Texte stammten hundertprozentig von den jeweiligen Absendern. Irgendwann im Vorbeigehen fiel ihr Blick wieder auf den Brief unter dem Zelt. Nein... das konnte nicht sein. Magie war lokal gebunden, sie konnte nicht so weitreichend sein und andere Menschen beeinflussen. Das war unmöglich. Wenn hier also etwas magisches von statten gegangen war, dann war nicht ihre Umwelt manipuliert worden.
      Sondern Ember selbst.
      Mitten im Gang hielt sie inne und starrte den Brief an. Was, wenn Magie ausgeübt worden war und ihr Zelt hatte seine Wirkung verfehlt? Was, wenn sie längst beeinflusst worden war und der Ausgang unausweichlich war? Sicher, man fürchtete sich davor, von anderen verstoßen zu werden. Das rechtfertigte aber noch lange nicht den Selbstmord.... Augenblick. Was, wenn die Morde tatsächlich Selbsttötungen gewesen waren?
      Ember starrte mit großen Augen den Brief an. Unmöglich. Tallburn hätte sich nie nur wegen Halluzinationen, Abstoßung oder mieser Worte umgebracht. Die Frau war so dickköpfig gewesen wie Ember es erst in Jahrzehnten wäre. So leicht ließ sich so eine Person nicht in den Suizid treiben. Da brauchte es noch eine ganze Menge mehr...
      "Ember, was machst du da?"
      Ein Aufschrei entkam Ember, als sie zusammenzuckte und herumwirbelte. Im Halbdunkel stand jemand vor der Eingangstür ihrer Wohnung und schien sich gerade eine Jacke auszuziehen. Fahrig suchte Embers Hand nach dem Lichtschalter. Ihre Augen kämpften gegen das grelle Licht im Flur an und brauchten ein paar Momente ehe sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten. Umso größer wurden sie jedoch, als sie die Person im Flur erkannte.
      "Was machst du hier, Ruairi??"
      Ember gaffte Ruairi an. Das war er, ohne Zweifel. Unter Tausenden hätte sie seine Augen, sein Gesicht, seine ganze Person ausfindig machen können. Und nun stand er da im Flur, hängte seine Jacke weg und sah sie leicht irritiert an. "Du hast gemeint, ich kann nach deinem Termin noch mal vorbei kommen. Wir wollten was besprechen?"
      Hatte sie das? Ember stutzte. Selbst wenn, wie war er reingekommen? Er verschaffte sich nicht einfach Zutritt, selbst wenn er es konnte. Er klopfte an. Er klingelte. Er rief auf ihrem Handy an.... Aber er wäre nie einfach so in ihre Wohnung gekommen. Misstrauen wuchs in Ember, die lockere Haltung fiel ab und wich einer gesunden Abwehrhaltung.
      "Woher wusstest du denn, wann mein Termin vorbei ist?"
      "Du hast mir zwischendurch Bescheid gegeben?" Er kratzte sich an der Nase. Die Geste passte. Die Stimme passte. Nichts ließ darauf schließen, dass es nicht Ruairi war. "Ich.... nun... kann auch wieder gehen, wenn du mich nicht hier haben willst...."
      "Nein, warte!", rief Ember ihm schneller hinterher als sie gedacht hatte. Hier ging es doch nicht mit rechten Dingen zu. Sie musste auf den Grund gehen, was das hier werden sollte. Das war vermutlich Teil des ganzen Dramas. Halluzinationen, die wie echt wirkten. Das musste es sein. Hirngespinste, die einen in den Wahnsinn trieben. Unbewusst lachte Ember bei diesem Gedanken auf. Mit Hirngespinsten kannte sie sich ja nun wirklich gut aus. Das musste sie nur bis zum nächsten Morgen aushalten, dann konnte sie ins PD fahren und dann würde man schon eine Lösung finden. Sie trug nun die Spuren des Killers an sich, das musste sie einfach nutzen.
      Nichts leichter als das.


      3:07 Uhr

      Ember hatte sich auf ihrer Couch eingrollt. Sie trug noch immer ihr Nachthemd und hatte die Augen rigoros geschlossen. Doch sie schlief nicht, sie versuchte einfach nur alles aus ihrem Geiste auszuschalten.
      "Und deswegen können wir nicht zusammen sein. Du bist egoistisch und versuchst mir meine Schwester madig zu reden. Du willst alles nur für dich haben und ignorierst dabei die Bedürfnisse der Anderen. Du ruinierst ihnen das -"
      "Halt. Dein. Maul."
      Embers Stimme war fest, aber es zeigten sich bereits Risse. Seit Stunden unterhielt sie sich mit einem fiktiven Ruairi, den sie einfach nicht abschütteln konnte. Was anfänglich als netter Plausch begonnen hatte wandelte sich schnell in die schlimmste Reflektionsstunde ihres Lebens. Aus dem Mund eines geliebten Menschen nur die schlimmsten Dinge zu hören, war über Stunden nur schwer zu ertragen. Egal, wie sie sich versucht hatte, abzulenken, nichts brachte Linderung. Sie hatte sogar versucht Ruairi anzurufen, doch sie bekam nicht mal ein Freizeichen. Dass die Gestalt vor ihr nicht darauf reagierte bewies ihr nur, dass er definitiv nicht echt war. Das widerum bedeutete, dass sie einfach nur aushalten musste. Stimmen in ihrem Kopf waren nichts unbekanntes. Damit konnte sie arbeiten. Es war einfach nur ein Duell des Willens, mehr nicht...
      "Ember, hör mir doch zu....", sagte der falsche Ruairi mit seiner sanften, nachdrücklichen Stimme und erhob sich aus dem Sessel neben ihr. Er ging vor ihr in die Hocke, das hörte sie sogar, hielt aber die Augen geschlossen. Nur die Stimmen ausblenden... Nur...nicht...hinhören...
      "Du bist nicht echt. Geh weg. Noch drei Stunden und dann bist du Geschichte." Wie ein Mantra beschwor sie es immer und immer wieder. Sie hörte ein leises Seufzen. Dann öffnete sie doch die Augen und sah einen besorgt dreinblickenden hübschen Mann vor sich. Gott, was hätte sie jetzt dafür gegeben, wenn es der echte gewesen wäre. Wenn er sie einfach in den Arm genommen hätte oder sie einfach nur gestreichelt hätte.
      Als hätte der falsche Ruairi das gleiche im Sinn hob er seine Hand und streckte sie nach Ember aus. "Du bist eine beschissene Halluzination. Du tust, was ich denke. Respekt an deinen Erzeuger", spuckte sie ihm abfällig entgegen. Denn Halluzinationen spielten sich nur im Kopf ab. Sie waren nicht echt.
      Da berührten warme Finger ihre Wange.
      Ember schrie lauthals auf. Sie katapultierte sich von der Couch geradewegs in den falschen Ruairi hinein und stieß ihn weg. Sie fühlte den Aufprall gegen ihn, fühlte, wie er von ihr zurückgedrängt wurde und krachend zu Boden ging. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte Ember Ruairi an, die sie anklagend ansah. Diese Halluzinationen waren nicht normal. Sie waren haptisch.
      Sofort brach Ember in Panik aus. Mit Stimmen, mit Dingen, die nicht echt waren, konnte sie umgehen. Aber nicht mit etwas, dass sie berühren konnte. Das war es gewesen, dass sogar Tallburn in die Knie gezwungen hatte. So tötete der Killer. Die Opfer brachten sich wirklich selbst um. Bei Tallburn war es nur unglücklich gewesen, dass das Wochenende dazwischen gewesen war. Sie hatte bei ihr um Hilfe angerufen.
      Oliver Brown war der Killer.
      Ember hechtete über das Sofa zurück nachdem sie sich ihr Handy gekrallt hatte und bevor Ruairi aufgestanden war. Sie war so schnell auf die Beine gekommen, dass ihr schwindelig war als sie in reiner Panik die einzige Nummer wählte, die ihr so schnell in den Sinn kam. Es gab nur eine Person, wo sie wusste, dass sie egal wann kommen würde.
      Ihr Körper bebte noch schlimmer als je zuvor als ihr Blick langsam wieder verschwamm. Damit hatte sie nicht gerechnet. Vielleicht wurde man von seinen Halluzinationen getötet und merkte nicht, dass man es selbst tat. So wollte sie nicht sterben. So würde sie nicht sterben. Sie würde nicht sterben im Angesicht eines Menschen, den sie liebte. Die Worte, die der falsche Ruairi ihr zugeflüstert hatte, waren allesamt ihre eigenen Makel gewesen. Was sie selbst von sich wies, aber die dreckige Wahrheit war, die sie nie hören wollte. Er sprach die ungeschönte Wahrheit. Hier in ihrer Wohnung konnte sie die Gefahr noch niedrig halten. Wer konnte schon wissen was sie sehen und fühlen würde, wenn sie nach draußen auf die Straße lief? Wenn dann die weite Welt Zugriff auf sie hätte? Nicht auszumalen.
      Mit geweiteten Augen, bereit wieder in die nächste Ecke zu sprinten, hielt sie sich das Handy ans Ohr, das Freizeichen klang überlaut in ihren Ohren. "Geh ran....Geh ran.... komm schon!!...."
      Dann, endlich, klickte es, als der Hörer abgenommen wurde. "Es sind Halluzinationen. Haptische Halluzinationen. So tötet mein Killer und ich bin die nächste", keuchte sie atemlos in das Mikrofon, da kam Ruairi langsam um die Couch herum. "FASS MICH NICHT NOCH MAL AN!"
      Getöse erklang, als sich Menschen über Möbel warfen und Füße über den Boden eilten. Möbel wurden umhergerückt, Stühle fielen um und es klang nach Chaos pur bevor Ember wieder ins Telefon sprach. "Hilf mir, August...."

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