[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    • London -
      Die Himmel wussten, wo genau

      Ich bemerke fürderhin, geneigter Leser: August war wütend.
      Unendlich wütend, betrachtete man die Lage, in der er sich befand. Einen Jungen zu suchen, der offenbar nichts besseres zu tun hatte, als mit irgendjemandem mitzugehen. Wie alt war er eigentlich? Fünf? Man ging nicht mit Fremden mit!
      Erschöpft und abgekämpft schleppte sich der Arkana durch die Stadt und verfluchte alle paar Meter den Namen des Burschen, der ihn derartig versetzt hatte. Sollte er beten, dass er verletzt und/oder zerstückelt in einer Ecke der Straßen Whitechapels lag. Denn wenn es ihm gut ginge, würde er ihn eigenhändig zu der Chimäre in seinem Koffer sperren. Und Frank hatte tagelang nichts gegessen.
      Die Kräfte verließen ihn bereits beinahe, als der Faden, dem er folgte, dicker zu werden schien. Die Aura des Jungen wurde spürbar, aber die Aura neben ihm war mächtiger. Ein genaues Kräftegleichgewicht ließ sich nicht heraus arbeiten, aber es reichte aus, um seine Schritte zu beschleunigen.
      Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit zu erwähnen, dass Augusts Kopf nicht wirklich gut funktionierte. Schwummerig von der Explosion und gleichsam von den Tagen des Aufenthalts mit dem verrückten Heiler erwies sich seine Konstitution als durchaus verbesserungswürdig. So kam er auf die offensichtlichste Lösung erst nach einigen weiteren Minuten atemlosen Keuchens.
      Ein Passant, der auf einem Handy tippend an ihm vorbei ging, langte er auf die Schulter und drehte diesen in einer fließenden Bewegung herum.
      "He, was-"
      Der Zeigefinger des Zauberers tippte an die Stirn des Mannes, dessen Gesicht sich von verärgert überrascht hin zu freudig wiedererkennend wandelte.
      "Jamie! Altes Haus, wie gehts dir?"
      "Gut, gut", murmelte August und wies auf das Telefon. "Darf ich mal?"
      "Na klar, Jamie! Hier!"
      Gute, alte Illusion. Wunderbare Magie. Wunderbare Magie.

      Es hatte ihn einen Anruf von drei Minuten gekostet, um Noland übellaunig anzuranzen und anschließend von diesem verfluchten Gedankenleser den Aufenthaltsort seines vermaledeiten Neffen zu erfahren. Mit Illusionszaubern war es so eine Sache. Sicherlich hatten sie ihren Wert in der Gesellschaft, jedoch erwies sich eine Illusion bei schlichten Gemütern zumeist als hartnäckig. So folgte ihm sein Kumpan, den August liebevoll Johnny getauft hatte, durch die Straßen Londons. Immer wieder teilte er Erinnerungen aus Jamies fragwürdigem, jedoch bunten Sexualleben und August fragte sich mehr und mehr, warum er eigentlich nicht einfach dem Tod in die Arme sprang.
      Seufzend betrat er nach einigen Umwegen schlussendlich das Gebäude, auf dessen Dach die Sabine Rooftop Bar lokalisiert war. Wer zum Geier baute eine Bar auf ein Dach? Briten konnten so merkwürdig sein manchmal! Mit einem ewig plappernden Begleiter im Aufzug kümmerte er sich weniger um die Mordgedanken, die er gegenüber dem Entführer seines Schützlings hegte, als um die Tatsache eines Gegenzaubers, der ihm nicht gelang.
      Als die Fahrstuhltür sich öffnete, war Johnny gerade dabei.
      "...und ich sage zu ihm: Nein, aber ich schlafe lieber mit dem Bären als mit deiner Mutter, hahahahahahaha! Ist das nicht lustig Jamie? Ich meine, mit einem Bären, hahahahahahaha"
      "Witzig."
      "Nicht wahr? Jamie, du musst unbedingt morgen zu mir und meiner Lisbeth kommen und mit uns zu Abend essen!"
      "Man möchte brechen...", murmelte August und sah sich im Lokal um.
      Die wenigen Gäste blickten mit Erstaunen zu dem Mann, der mit einem blutverschmierten Hemd die Bar betrat. Die Haare standen ihm zu BErge und auf seinem Gesicht stand blanker Zorn.
      "Was?"
      "Was muss ich blechen, sagte ich."
      "Gar nichts, das wäre eine Einladung, ich-", Johnny wollte weiter sprechen da fand erneut ein Finger den Weg an seine Stirn. In derselben Sekunde verdrehte die Mann die Augen und starrte ins Leere. "Oh, ein Vogel. Schau mal Omi!"
      Torkelnd und sich um sich selbst drehend wankte der Mann durch das Lokal, während August zielstrebig auf die Gruppe draußen zulief. Und er kannte diese Gesichter! Herrgott und vermaledeit nochmal!
      Mit einem wütenden Schnauben riss er die Glastür auf und trat nach draußen.
      "Atroska!", donnerte er kalt und sah zu der jungen Frau hinüber.
      Das fehlte noch. Eine Auseinandersetzung mit einem Arkana. Ganz mieser Zeitpunkt.

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    • Jaspers Blick stand nicht einen Augenblick lang still. Er sondierte die umsitzenden Gäste, warum genau er das tat konnte er nicht einmal sagen. Allerdings erschrak er, als plötzlich Helenas Begleitung auftauchte und ihr einen bunten Cocktail mit Orangenscheibe und sich selbst ein einfaches Glas mit durchscheinender Flüssigkeit hinstellte. Er setzte sich neben Helana und gegenüber von Jasper, dem er nichts mitgebracht hatte. Dies bescherte ihm einen eindringlichen Blick seiner Begleitung.
      "Ich bin nicht verpflichtet dem Jungen was mitzubringen."
      "Nein, aber du solltest doch Manieren besser kennen als ich, oder nicht?", tadelte sie ihn und griff nach dem Cocktail. "Nimm's Hugo nicht übel, Jasper. Er ist ein wenig vorsichtig mit Fremden. Mag es nicht so gern wenn ich einfach so mit Fremden spreche."
      Der Junge blinzelte. Das wurde einfach immer schräger mit diesem seltsamen Duo und er wurde das Gefühl nicht los, dass die Zeit gegen ihn arbeitete. Womöglich war es wirklich nur Zufall gewesen, dass das Timing an der Fleet Bridge bei ihnen gepasst hatte, aber sie hatte dermaßen schnell geschaltet, dass es unheimlich war. Sie wirkte auch in keinsterweise beunruhigt darüber, dass sie scheinbar einen Jungen als Köder für einen Arkana benutzte. Wer so ruhig war in Angesicht dessen musste selbst über Macht verfügen, egal in welcher Art und Weise. Deswegen hatte sie wohl auch einen Bodyguard an ihrer Seite. Jasper wurde immer weniger Freund einer lockeren Plauschrunde und verfiel immer weiter in ein unwohles Schweigen. Aufstehen und weggehen stand außer Frage. Also musste er einfach aushalten und hoffen, dass August nicht auftauchte und die Zwei an ihm das Interesse verloren.
      Es dauerte jedoch nicht allzu lange, da versteifte sich Hugo plötzlich. Man hörte etwas Tumult aus dem Innenraum, was Jasper dazu veranlasste sich auf seinem Stuhl umzudrehen. Hinter der Glasfassade erspähte er August, der einen hanebüchenden Anblick bot. Die Haare standen ihm wirr ab, sein Blick war eine Mischung aus Wut und Hetze. Sein Gesicht wirkte verschwitzt und dann war da dieses Hemd. Jaspers Augen wurden groß. Er musste ohne Umwege hierher gekommen sein.
      Helena hingegen winkte August und wirkte beinahe erheitert, wenn da nicht die Absitenz von Freude in ihrem Gesicht gewesen wäre. Sie deutete auf den letzten freien Stuhl nebst Jasper und ihr direkt gegenüber und wartete seelenruhig ab wie sich der schnaubende Arkana näherte und augenblicklich die Blicke aller auf sich zog. Instinktiv wandte sich Jasper wieder von ihm ab und wurde nur noch kleiner in seiner Decke.
      "Du musst meinen Namen nicht so schreien. Keiner von uns ist taub. Willst du was trinken? Ich kann Hugo schicken."
      "Kannst du nicht", warf er umgehend ein und musterte August mit deutlich weniger Feindseligkeit als Jasper. "Scheinbar scheint das Verschwinden des Jungen so wichtig zu sein, dass Sie nicht einmal auf Ihr Erscheinungsbild achten..."
      Helenas Augen lagen kurz auf Jasper, dann richteten sie sich auf August. "Ich muss gestehen, ich bin erstaunt. Ich dachte, diese Sallow sei deine Adjutantin. Was hast du dann mit diesem Jungen zu schaffen? Und warum zeigst du ihm die Schwarze Stadt? Da geht man einmal ein bisschen Recherche im Untergrund betreiben und bekommt sofort kritisches Material zur Hand..."
      Sie nippte am Strohhalm ihres Cocktails. Jasper war absolut grenzverwirrt. Sallow... den Namen hatte er doch letztens erst noch gehört... Unsicher linste er zu August hinüber, der seinen einen Arm noch immer so gut es ging versteckt hielt. Das war derjenige gewesen, mit dem er nach dem Feuer gegriffen hatte. Ohne sein Zutun setzten sich die Bilder des Ereignisses wieder vor seinem geistigen Auge zusammen und er musste die Augen fest schließen und hoffen, dass er die Erinnerung verdrängen konnte. Das entging Helena selbstverständlich nicht.
      "Für mich sieht Jasper allerdings ein wenig verstört aus. Mindestens so verstört wie dein Anblick. Was habt ihr getrieben? Du läufst doch sonst nicht so zugerichtet durch die Straßen, wenn ich mich nicht täusche. Eigentlich wollte ich sowieso noch mit dir sprechen aber keiner hat mir so recht sagen wollen, wo du abgestiegen bist....

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Schweigend und dennoch brennend vor Zorn war August dem Angebot der jungen Frau nachgekommen.
      In seinem Gesicht zeichnete sich in rascher Abfolge diverse Gefühle seiner Selbst ab. Zunächst war es Erstaunen, schließlich Erkennen und am Ende stand nichts weiter als blanker Zorn. Wie konnte diese Frau, diese Arkana, diese...Diese...Nicht mal ein Wort wollte ihm für so viel Unverfrorenheit einfallen, als dass er sich geräuschvoll auf dem angebotenen Stuhl niederließ und die Fragen von Helena fürs erste geflissentlich ignorierte.
      Stattdessen nutzte der Zauberer die Gunst der Stunde und legte eine Hand auf die Schulter des Jungen. Es mochte wie eine kleine, vertraute Geste aussehen, doch wandelte sich auch dieser Ausdruck von Freundlichkeit binnen Sekunden. Ruckartig griff er nach dem Kinn des Jungen und drehte es ruhig, dennoch bestimmt zu sich. Bernsteinaugen tasteten die Augen des Jungen ab und suchten nach der Spur, einer winzigen kleinen. Jede Illusion hinterließ Spuren. War man selbst Illusionist, vermochte man sie zu finden. Doch hier lag nur der Schein der normalen Augen Jaspers auf ihnen. Also Entwarnung.
      Ausatmend ließ er das Kinn des jungen Mannes los und sah ihn weiter an.
      "Gehts dir gut, Junge?", murmelte er, ein wenig weniger aggressiv.
      Nur um sich nach der Antwort des Jungen zu Atroska umzudrehen und sie doch mit offenkundiger Feindseligkeit zu betrachten. Es stimmte schon, Jasper war unverletzt. Doch die Himmel wussten, was ein Arkana dazu verleitete, einen Jungen als Köder zu verwenden. Und dass er einer war, war mehr als offensichtlich!
      "Ich habe keinen Durst", grunzte August und knallte seinen blutverschmierten Arm auf den Tisch. Ein wenig Neanderthalerdasein hatte noch nie geschadet.
      "Mein Erscheinungsbild geht dich, mit Verlaub, einen feuchten Kericht an, Bursche", zischte Foremar und mit einem Mal stand unverhohlene Mordlust in dem kühlen Blick.
      Nun, man musste kein Mathematiker sein um sich auszurechnen, dass man Foremar durchaus mehr Opfer zur Last legte als hier versammelt waren. Es musste Niemand wissen, dass er sich eher selbst gesprengt hätte. Doch er durchlitt Schmerzen in seinem Arm, die der Norm weit überlegen waren und jetzt stellte sich auch noch ein Leibwächter in den Weg. Ein Leibwächter! Es hatte Zeiten gegeben, da hatten ihn nur Könige gewagt, anzufassen!
      Den Blick den er Atroska zuwarf, war zwar nicht so mordlüstern, aber nicht allzu weit davon entfernt. Ob sie wusste, dass es nur ein falsches Wort brauchte?
      "Zunächst einmal, Schwester...", begann August mit tiefer, wohldurchdachter Stimme. Und er kostete das Wort regelrecht aus, bis er es fast ausspie. "Geht es dich nichts an, mit wem ich wo und wann bin. Und was die Verstörtheit des Jungen angeht, denke ich, dass du einen ebenso großen Anteil daran hast wie ich. Sagen wir also einfach, ich hatte Dinge zu erledigen und der Junge hat mich begleitet."
      Mit einem unlauteren Räuspern richtete sich August auf und sah beide Menschen an diesem Tisch an.
      "Dass du meinen Aufenthaltsort nicht erfahren kannst, solltest du erahnen können, Helena", sagte er genüsslich. "Was also gibt es zu bereden, dass du einen meiner Freunde als Köder verwendest? Ich möchte nur voranschicken: Ich werde ihn untersuchen lassen, sofern wir hier fertig sind. Sollte sich auf Jaspers Körper, in ihm oder sonst wo irgendetwas von eurer Magie finden, finde ich euch und reiße euch die Gedärme raus, okay?"
      MIt jedem Wort, das er sprach, wurde die Drohung deutlicher. Mit Sicherheit war sie an dieser Stelle übertrieben, denn offenkundig ging es dem Jungen gut. Aber man wusste ja nie. Arkana vertrauten einander nicht weiter, als man sie werfen konnte. Er verzichtete jedoch auf das Kettenrasseln mit kalter Aura, die den Raum verdunkelte. Es sollte stilvoll sein, nicht überheblich. In seiner jetzigen Verfassung war es ohnehin fraglich, wie lange er noch bei Bewusstsein war.

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    • Jasper wurde beim Zuschauen sogar noch kleiner, kaum hatte August eine Hand auf seine Schulter abgelegt. Seine Lider flogen binnen Sekunden wieder auf und hetzten zu dem Arkana an seiner Seite, ständig mit der Angst, dass seine Aura wieder außer Kontrolle geraten würde. Er hätte nicht den Kopf ein winziges bisschen drehen sollen, denn so langte August nach Jaspers Kinn und richtete ihn frontal auf sich aus. Seine Pupillen sprangen ständig zwischen dem anderen Augenpaar hin und her, völligst verunsichert, was das nun sein sollte. So schnell wie es gekommen war hatte er ihn jedoch wieder losgelassen und Jasper schrumpfte wieder in seiner Decke ein. Er war mittlerweile so klein, dass er schier in der Decke unterzugehen schien. "Mir geht's prima. Grandios...."
      Das, was August als Wunde am Körper trug war gleichzusetzen mit dem Zustand von Jaspers Geist. Er fehlte nicht mehr sonderlich viel, dann würde das Gefäß in seinem Kopf buchstäblich überfließen. Es war jetzt schon brandgefährlich, man sah ihm seine Instabilität nur nicht zwangsläufig so schnell an. Zugegeben, die Arkana hatten schließlich auch nur Augen für die deutlich größere Gefahr in ihrer Reichweite als einen verstörten Jungen.
      Hugo wich unter Augusts Blick keinen Zentimeter zurück. Allerdings zeigte sich Vorsicht in seinen Augen und eine Ruhe, die in Anbetracht der Situation von mehreren Parteien am besten nachgeahmt werden sollte. Er wirkte nebst Helena wie ein Ruhepol, ein unumstößlicher Fakt, der sich allerdings nicht feindselig in die Schussbahn werfen würde. Sein Job war eher, die Angezielte aus eben jener Bahn wieder herauszuziehen.
      Unterschwellig hatte sich ein zierlicher Arm aus Helenas Decke geschält und die Hand auf den Unterarm des Mannes an ihrer Seite gelegt. Allerdings erwiderte sie den Blick des anderen Arkana ebenso unverholen wie er eine subtile Drohung in den Augen stehen hatte. Viel Kontakt hatte Helena mit keinen der Arkana - sie zog sich meist aus den Angelegenheiten heraus und tat nur das Nötigste, das ihr widerwilliger Platz von ihr verlangte. Folglich war sie ein wenig überrascht, wie rigoros August auf sie reagierte, wie feindselig er plötzlich war. Für den Bruchteil einer Sekunde flackerten ihre Augen zu dem versteckten Arm, dann zu Jasper und wieder zurück. Für einen weiteren Moment ließ sie die Worte einfach so im Raume stehen während Jaspers Augen groß wurden und zu seinem Lehrmeister wnaderten.
      "Wie denn IN mir???"
      "Dein Freund unterstellt mir unlautere Dinge", stellte Helena nüchtern fest und verschränkte einen Arm unter der Decke vor ihrem schmächtigen Körper. "Aber wie schön, dass ich dann über meine absolute Unversehrtheit Bescheid weiß, hm?" Eine Ausdruckslosigkeit schlich sich in ihren Blick und ließ den vorher wachen Blick langsam aber sicher toter erscheinen. Hugo reagierte als Erstes darauf, indem er seine Hand auf der ihren an seinem Arm platzierte und ihr einen verstohlenen Blick zuwarf. "Eigentlich wollte ich dich nur aufsuchen um dir mitzuteilen, dass ich dir meine Unterstützung anbieten wollte gegenüber der Welt. Ich hab' gehört, deine kleine Freundin hat Schwierigkeiten dabei Beweise ans Licht zu fördern. Aber angesichts der sehr netten Worte von dir sollte ich das vielleicht noch einmal überdenken." Sie brach mit Augusts Blick und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Jasper, der sich umgehend versteifte. "Ich hoffe du weißt, dass August ein Forschender ist? Wenn er sich mit dir so sehr abgibt dann nur, weil du etwas kannst oder bist was seine Neugier weckt. Weißt du, was du vermutlich in seinen Augen bist?"
      Jasper starrte Helena mit geweiteten Augen an. Es flackerte in seinen Augen, ganz kurz, ganz schwach. Seine Angst, die ohnehin schon nicht mehr zum Erliegen gekommen war, stichelte sich wieder hoch, fraß sich durch seinen Kern wie Säure. Seine Lippen zuckten in Versuchung, eine Antwort zu liefern, doch seine Stimme war wie versiegt.
      "Ein Objekt seiner Forschungen, nichts weiter. Er wird dich lehren, dafür sorgen, dass du dein Potenzial entfalten kannst nur um es dann auszuschlachten. Sofern ihm denn noch genug Zeit bleibt." Damit kehrte sie zu August zurück, der von ihren Worten alles andere als unberührt blieb. "Ich habe ihn durch Zufall aufgegabelt. Wenn du dich auf deinem Terretorium besser fühlst, bitte sehr. Sag mir, wo ich dich finden kann und dann suche ich dich dort auf. Nachdem du was auch immer da behandelte hast."
      Helena deutete auf den zerpflückten Arm des Teufels.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mit den Jahren seines Lebens hatte August viele Typisierungen des Menschen vorgenommen.
      Manche Menschen erschienen ihm bitter und gerade offen feindselig. Diese waren die Einfachsten, die es zu beherrschen galt. Dann gab es die Guten. Jene, die ständig nach dem Guten und dem Bösen suchten und die Abgrenzung darüber genauso schnell verloren wie ihren Geist. Diese mussten nicht beherrscht werden. Sie rotteten sich selbst aus. Doch jene, die keine Stellung bezogen, keine Regung zeigten und ihm nun gegenüber saßen und ihn regelrecht zur Weißglut brachten, waren die gefährlisten. Denn diese brachten das Schlechteste in ihm hervor.
      Was maßte sich diese Frau an? In einem Gebiet, das nicht das Ihre war. In einer Bar, die nicht geschützt war. Mit einem Burschen, der - ob Unglück oder nicht - sein Schüler geworden war! Wie konnte sie es wagen, diesen Jungen als Köder zu nehmen und auch noch Sallows Namen in den Mund zu nehmen? Wären ihre Vorschläge nicht wenigstens zu bedenken, würde er sie bereits abschlachten und ihre Gedärme zu ihren Familien schicken und...
      Seufzend verzog August das Gesicht und grinste anschließend nachsichtig.
      "Ich unterstelle nur, dass der Junge womöglich mit magischer Gewalt hierher gebracht wurde. Um dies auszuschließen, will ich ihn untersuchen lassen", bemerkte er und bemerkte genauso das Tote in ihrem Blick. Oh, Helena...Das hättest du mir nicht zeigen dürfen. Er war nicht umsonst als Teufel bekannt und würde unter Arkana den Ruf weiter wahren müssen. Zumindest anstandshalber.
      "Du hast also gehört, dass Sallow Probleme hat, ja? Würde mich brennend interessieren, woher. Wenn du doch deine Unterstützung anbieten wolltest, wäre es doch ein Leichtes, deine Quelle zu teilen, damit wir Informationen austauschen könnten, nicht wahr?"
      Ein wölfisches Grinsen legte sich auf Augusts Gesicht und innerlich hasste er diese Rolle. Aber die Welt und auch die Arkana brauchten einen Fürsprecher, der sie das Fürchten lehrte. Zumindest der sie lehrte, über ihre Taten nachzudenken.
      "Vorsicht, Helena...Man könnte dir Beeinflussung unterstellen...", murmelte August und hernach geschah doch das, was er zu vermeiden suchte. Der Raum wurde dunkler, bedrohlicher. Als habe sich ein Tor geöffnet und Finsternis hinein gelassen. "Es ist kein Geheimnis, dass ich die Grenzen der Magie erforsche, Junge. Man hat dich deswegen zu mir gebracht. Und wärest du nur ein Forschungsobjekt, wie Madame Versteck-mich-gern dort behauptet, lägest du schon lange auf meinem Tisch und würdest schlimmer seziert als ein Fisch zur Morgenröte."
      Dies alles sagte er, ohne Jasper auch nur anzusehen. Mit einem Ruck erhob er sich schließlich, wobei sein Arm bereits nutzlos an seiner Seite hing. Vielleicht wäre dieses Treffen anders verlaufen, wenn er nicht gerade einen Mann zu Asche verbrannt, sich selbst zur Zielscheibe gemacht und einen Jungen quer durch London verfolgt hätte. Vielleicht wäre er dann freundlicher gewesen...Aber nicht mehr heute.
      "Komm, Junge", sagte er und gab Jasper das Signal aufzustehen.
      "Sofern deine Überlegungen an dieser Stelle nicht beendet sind - wobei ich mich dann über den Gehalt dieser Gedanken sorgen würde - triff mich morgen an dieser Adresse. Es ist eine kleine Detektei."
      Ohne auf eine Reaktion zu achten drehte sich August herum und wartete, bis Jasper an seiner Seite war.
      "Ach und noch eins, Helena!", rief er über die Schulter hinweg. "Komm allein oder komm gar nicht. Sehe ich deinen Freund in deiner Nähe, bleibt dir die Tür verschlossen."

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    • "Was glaubst du wohl habe ich im Untergrund getrieben? Ich sagte doch, ich habe Recherche betrieben und dort unten erzählt man sich alles mögliche. Dass du mir dieses Gemunkel bestätigst, kam von dir und nicht von mir."
      Helenas Stimme war absolut ruhig aber etwas schien sich verändert zu haben. Man konnte den Finger nicht darauf legen aber Jasper rutschte unruhig in seinem Stuhl herum. Hugos verstohlener Blick wurde eindringlicher als sich die Umgebung noch weiter zu verdunkeln schien und die Lichter in den umstehenden Leuchten gedimmt wurden. In Helenas Haltung veränderte sich rein gar nichts, doch Jasper reagierte ohne Umschweife. Bis vor wenigen Sekunden hatte sich Jasper mit der Stille in seinem Kopf arrangiert, sie beinahe schon als natürlich wahrgenommen. Dass ihn der Lärm mit einem Schlag fast von den Füßen holte hatte er jedoch nicht erwartet. Es war ein seltsamer Lärm, ein subtiles, hohes Sirren, dass sich in die Windungen seines Gehirns zu fressen schien. Fast zeitgleich mischte sich eine neue, ihm unbekannte Melodie hinzu, die er unter dem Sirren nicht richtig erkennen konnte. Unlängst hatte er die Augen fest zusammen gepresst und kämpfte gegen den Drang an, seine Hände wieder vor die Ohren zu schlagen. Die junge Frau ihnen gegenüber wurde dadurch abgelenkt. Ihr Blick driftete weg von August hin zu Jasper, den sie mit dem gleichen toten Ausdruck musterte. Was in ihren Gedanken vor sich ging war allerdings ein Rätsel für alle anwesenden.
      "Komm, Junge", sagte er und gab Jasper das Signal aufzustehen.
      Entfernt drangen die Worte an Jaspers Ohren und er musste die Augen wieder öffnen, damit er sah wohin er trat. Das Glimmen lag noch immer in seinen Augen und für einen kleinen Moment blitzte so etwas wie Erkenntnis in den dunklen Augen des Streitwagens auf. Sie verharrte weiterhin regungslos, ließ August seine kleinen Machtspielchen abhalten und selbst entscheiden, wann dieses Gespräch vorüber war. Unsicher fasste Jasper Fuß und stolperte August hinterher, der nur kurz für ihn gewartet hatte. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück zum Dusk and Dawn.
      Erst als die beiden mit dem Fahrstuhl außer Sicht waren fiel die Spannung ab, die sich doch in Helenas gebrechlich wirkendem Körper aufgebaut hatte. Sie atmete gedehnt aus als sie zu ihrem Cocktail griff und sich dem Strohhalm widmete. An ihrer Seite langte Hugo hinter sie, um den langen, unbeharrten Schwanz mit einer Pfeilspitze am Ende wieder zwischen dem Körper der Frau und dem Stuhl ungesehen verschwinden zu lassen.

      Unten hatte es nur drei Versuche gedauert bis Jasper und August ein Taxi zu sich hatten winken können, das auch gewillt war, sie zu befördern. Dieser Fahrer hatte nicht sonderlich darauf geachtet, wen er gerade transportierte und vielleicht war dem Jungen auch einfach das Wirken von Magie entgangen. Sein Kopf dröhnte wieder unter dem heilosen Krach und er lehnte die Stirn gegen das Glas des Fensters.
      "Es tut mir leid. Wirklich. Ich wollte einfach nur zurück aber ich bin an der Brücke praktisch direkt in die Beiden reingelaufen. Die hat mich gesehen und dann einfach genötigt mitzugehen. Wer war das überhaupt?"
      Er wollte nicht fragen. Sich nicht vorstellen, was August in der Schwarzen Stadt noch angestellt hatte um das aufzuräumen, das er verursacht hatte. Einmal nicht das Kopfkino einschalten, das ihm nur noch mehr Leid bescheren würde. Die alten Bilder waberten noch immer wie ständige stumme Begleiter vor seinen Augen umher. Am liebsten hätte er sich kopfüber in einen Eimer Eiswasser begeben, damit die schneidende Kälte ihm sämtliche anderen Empfindungen nehmen würde.

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    • Taxi - Mitten in London - zu einer Zeit, wo niemand mehr gerne spricht

      August war erleichtert, als eines der London Cabs vor ihnen hielt und ihnen die Tür entriegelte. Der Fahrer - ein unangenehmer Kerl mit schottischem Akzent - rümpfte kurz die Nase, als er Augusts blutverschmiertes Hemd und den verstörten Blick des jungen Mannes an seiner Seite bemerkte, jedoch sagte er nichts dazu. So fuhr man schließlich am Besten.
      Schweigsam kletterte August in den Wagen und wartete, bis Jasper saß, ehe er dem Fahrer mindestens genauso unfreundlich und ungeduldig die Adresse des Dusk and Dawn nannte. Noch während der Fahrer zum Anfahren ansetzte, fuhr sich der Zauberer durch die Haare und ließ mit einem Seufzer die Erschöpfung zu, die ihn derartig heimgesucht hatte.
      Mit einem Mal wurde das harte GEsicht des Zauberers regelrecht grau vor Anstrengung und seufzend winkte er ab, als Jasper seine Entschuldigungsarie begann.
      "Ist schon gut, Junge", murmelte August und das erste Mal vermochte man die Müdigkeit in seiner Stimme zu hören. Müdigkeit, die sich auf das gesamte Leben zu beziehen schien. "Das war Helena Atroska. Eine der 21 Arkana. Bekannt als der Streitwagen. Sie ist vielleicht nicht so hinterhältig und gefährlich wie die meisten Anderen, aber wer sie unterschätzt, tut dennoch nicht gut daran. Wie geht es dir? Beruhigt sich der Kopf langsam?"
      Er wies grinsend auf den Kopf des Jungen und lehnte sich zurück. Die Fahrt dauerte nicht lange und daheim erwartete ihn bereits der Heiler. Zumindest am nächsten Tag,. Er musste nur ein paar Stunden aushalten, ehe die Erschöpfung einsetzte.
      Nur ein paar Stunden...


      Dusk & Dawn - Nächster Tag - 18:01 Uhr

      Perley Caulson war ein pünktlicher Mann.
      Ja, man konnte es sogar regelrecht pedantisch nennen, aber er legte Wert darauf, dass seine Mitmenschen sich ebenfalls an die Pünktlichkeit hielten. Auch wenn er innerlich immer noch nicht glaubte, dass Ember Sallow den Weg ins Dusk and Dawn fand, so wölbte sich sein ganzes Sein gegen die Tatsache, dass sie bereits eine Minute zu spät war.
      "Sie ist zu spät", bemerkte er knurrend und wanderte vor der Tür der Detektei auf und ab, eine kleine Taschenuhr immer wieder betrachtend.
      "Beruhig dich, alter Freund", grinste August und lehnte den Kopf an den Ohrensessel an.
      Der Zauberer hatte sich in ein neues Hemd gekleidet, dessen linken Ärmel man schlicht an der Schulter abgetrennt hatte. Der Arm darunter lag vollständig in einem Verband und regungslos auf der Armlehne des Sessels. Zu seinem Leidwesen schmerzte dieser so sehr, dass August kaum in der Lage war, das schiefe Grinsen aufrecht zu halten. Sachte nahm er einen Schluck von dem Getränk, das auf einem kleinen Tisch stand und schlug die Beine übereinander.
      Feurig glitt der Konash seinen Hals hinab und betäubte eine Weile lang die gellenden Schmerzen.
      "Wie soll ich mich beruhigen, wenn Ms Sallow es nicht für nötig hält, zu ihrem Unterricht zu erscheinen?"
      "Höre ich da Sorge?", feixte August und kicherte leicht.
      "Sorge!? Humbug! Du weißt genau, dass mich derartige Gefühle nicht im Geringsten interessieren. Aber sie bedeutet dir etwas und ich will nicht, dass das alles umsonst war."
      "Nimm sie nicht zu hart ins Gebet, hörst du?", fragte August und seufzte. "Wann kommt Hakim?"
      "Er wollte gegen Abend da sein. Noch Jemand der zu spät kommt!", spie Perley und seufzte schließlich. "Es kann nicht angehen..."
      "Perley..."
      "NEin, das meine ich nicht. August, ich finde, du solltest es Ember sagen. Du solltest ihr sagen, dass du noch drei Wochen hast, ehe der Tod seine Schuld einfordert. Auch wenn sie nicht helfen kann und vielleicht Jemand anderen trifft oder nicht trifft, verdient sie es..."
      Eine Weile lang sah der Zauberer ruhig und versonnen in die Flammen des Kamins. Auf seinem Gesicht spielte sich - nur für Perley sichtbar - die komplette Bandbreite an Gefühlen ab, die er sonst geschickt zu verbergen wusste. Da war Zuneigung, Trauer, Wut und schlussendlich Angst. Die blanke Angst vor dem Tod.
      August schluckte den Kloß in seinem Hals hinab und seufzte schwer als er nickte.
      "Ich weiß", gab er zu und sah Perley an. "Ich weiß, dass sie es verdient. Und ich weiß, dass ich es ihr sagen muss. Aber wenn ich es tue, wird sie sich Vorwürfe machen. Unendliche Vorwürfe..."
      Perley gab ein missbilligendes Schnalzen von sich als er den Kopf schüttelte.
      Just in dem Moment klingelte es an der Tür und der Butler riss regelrecht die Tür auf. Ohne genau hinzusehen, begann er zu sprechen.
      "Wurde auch Zeit! Sie haben eine merkwürdige Auffassung von Pünktlichkeit!"

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    • Jasper hielt die Augen weiterhin geschlossen und den Kopf an die Fensterschreibe gedrückt. Das Rütteln des Wagens machte seine Kopfschmerzen nicht besser, verschlimmerte sie jedoch auch nicht weiter. Vielmehr lenkte es ihn ab von Gedanken, die er nicht haben wollte. Folglich hörte er nur umso deutlicher die Müdigkeit aus Augusts Stimme heraus und Reue meldete sich sofort zur Stelle. Also hatte er einfach so einen Abend mit einem anderen Arkana verbacht. Scheinbar zog er die mächtigen Spieler auf dem Brett magisch an, ob er es wollte oder nicht. Oder er war einfach nur in den Kreisen gelandet, wo sich Entziehen nicht mehr wirklich lohnte.
      "Mein Kopf? Sicher, der hat sich wieder normalisiert", erwiderte er notgedrungen, wandte dem Teufel an seiner Seite jedoch nicht das Gesicht zu. Die kurzweilige Stille war aus seinem Kopf gewichen und das Singen und Säuseln der Melodien waren wie alte Bekannte in seinen Kopf zurückgekehrt. In diesem Sinne hatte es sich normalsiert - der allgegenwärtige Lärm, von dem er sich nicht trennen konnte.


      Donnerstag - PD

      Ember hatte seit langem mal wieder eine verdammt gute Nacht gehabt. Sie konnte später gar nicht mehr sagen, wie lange sie mit Ruairi in ihren Armen einfach nur dagelegen hatte und ihn gestreichelt hatte. Wie sie über die hirnrissigsten Dinge sinniert haben und schließlich so müde waren, dass sie einfach eingeschlafen waren. Dementsprechend hektisch war der Morgen gewesen als er sich hastig von ihr verabschiedete, um noch bei seiner Wohnung vorbei zu fahren und andere Klamotten zu besorgen. Trotzdem war Ember später als er im Department gewesen, doch sie ließ es sich nicht nehmen, ihm einen Pappbecher mit Kaffee kommentarlos in sein Büro zu bringen und dann in ihrem eigenen zu verschwinden.
      Und aus dem kam sie ganze Stunden nicht wieder hervor.
      Mit neuem Elan ging sie den Hinweisen zu ihrem seltsamen Briefmörder nach, wie sie ihn nun liebevoll nannte. Der Analysebereich hatte die spärlichen Spuren, die man sicherstellen konnte, ausgewertet und war zu dem Schluss gekommen, dass tatsächlich mit einem Artefakt hantiert worden war, das illegal eingeführt sein musste. Es gab nur wenige Quellen auf der Erde, die als Ursprungsort dienen konnten und somit ließ sich je nach Theorie eingrenzen, woher die Substanz aus der Miene oder gar der Feder stammen konnte. Diese Spuren sortierte Ember, bemaß sie mit Wahrscheinlichkeiten und Heransgehensweisen, wie man illegal geschmuggelte Artefakte aus diesen Bereichen ausfindig machen konnte. So verging die Zeit schneller als gedacht und erst nachdem sie ihre Unterlinge auf ihre neuen Ziele angesetzt hatte schaute sie das erste Mal wieder auf die Uhr. Es war bereits kurz vor 18 Uhr und sie würde ihren Termin nicht mehr schaffen. Fluchend packte sie ihre Sachen und machte sich auf den Weg nach Hause, um nicht wie eine Ermittlerin gekleidet bei Perley aufzutauchen.


      Dusk & Dawn - kurz vor 18 Uhr

      Jasper hatte sich am Folgetag nur ein einziges Mal kurz blicken lassen, um sich etwas zu Essen zu holen. Den restlichen Tag war er wie vom Erdboden verschluckt. Er hatte sich in sein geliehenes Zimmer zurückgezogen und sich seine Kopfhörer aufgesetzt in dem Versuch, seine Erinnerungen an den Vortag mit Musik, Podcasts und allem anderen zu verdrängen. Er wollte nicht daran denken, was in der Schwarzen Stadt geschehen war. Wollte nicht daran erinnert werde, was vor drei Jahren geschehen war und damals niemanden gehabt hatte, der seinen Schlamassel aufräumte. Dann noch die Tatsache, dass er ahnungslos bei einem weiteren Arkana zugebracht hatte und am Ende August auftauchen und ihn rauszerren musste. Der Anblick seines Armes war ihm nicht eine Sekunde lang aus dem Gedächtnis verschwunden und er war sich sicher, verbranntes Fleisch gerochen zu haben. Aber was war wohl schlimmer: Die Wunden zu sehen oder das leere Starren einer gebrochenen Seele?
      Noland war mehrmals an Jaspers Tür vorbeigekommen und hatte versucht mit seinem Neffen Kontakt aufzunehmen. Doch jeder seiner Versuche wurde mit Schweigen quittiert und die Nachdenklichkeit wich schlussendlich Sorge. Er hatte nicht gewusst, dass der Junge mit August weggegangen war und somit war er auch im völligen Dunkel darüber, wo sie hingegangen waren. Also hatte er sich nach unten in den Eingangsbereich begeben, um dort nicht unbedingt Augusts auszufragen, seine Sorge aber durchaus kundzutun. Als er jedoch den Arkana in höchst malträtierter Form vorfand, vergaß er seine Worte und setzte sich schweigend in einen weiteren Sessel. Das sah mehr nach Kampf als allem anderen aus und ihn beschlich das Gefühl, dass sein Neffe Dinge gesehen hatte, die sein jugendlicher Verstand nicht verarbeiten konnte. Stattdessen verfolgte er nun die Unterhaltung zwischen August und Perley. Es würde das erste Mal sein, dass er Ember nach dem Vorfall wiedersehen würde. Höchstwahrscheinlich würde sie Galle speien sobald sie ihn erblickte. Dann klingelte es an der Tür und die Spiele wurden eröffnet. Perley öffnete extrem ungehalten die Tür und versperrte Noland den Blick auf den Ankömmling.
      Angemault wurde in der Tat eine Frau, die vor der Detektei stand und sichtlich verwundert Perley ansah. Eine dürr wirkende junge Frau ohne Begleitung mit langen schwarzen Haaren starrte den Hauswirtschaftler an, dem erst jetzt aufging, dass es nicht Ember war, die er gerade angemault hatte.
      "Ich finde, ich bin ziemlich akurat wenn man bedenkt, wie vage August Zeiten vorgibt", merkte Helena nüchtern an und musterte den Mann vor ihr. "Entschuldigen Sie die Störung aber ist August zufällig antreffbar?"
      Sie sprach mit Höflichkeit, wenn auch fehlender Freundlichkeit. Sie war aufmerksam, nicht feindselig, aber rechnete dem Mann vor ihr gewissen Respekt ein. Sie würde nicht ohne weiteres Einlass zu diesem Gebäude fordern, das war nicht ihr Stil.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Eine Überraschung sondergleichen, nicht wahr?
      Und Perley Caulson hasste Überraschungen. Eigentlich hasste er alles, was ihn aus der Fassung brachte. Und ihn brachte meist nichts aus der Fassung. Außer den Lottozahlen an einem Mittwoch. Und Sudoku. Er hasste Sudoku. Wer kam denn auf die Idee, 9 Zahlen in einem Viereck unterzubringen. Das war doch Humbug!
      Bedingt durch die Tatsache seiner eigenen Barschheit gegenüber der Neuankömmling, hatte er sich halb in den Raum gedreht, als er nicht die gewohnte Schlagfertigkeit der Detective zu hören bekam. Viel eher wunderte er sich, dass ihre Stimme derart an Kraft verloren zu haben schien.
      Ein Blick zur Seite ließ ihn alsdann wieder in angespannte Position verfallen und er richtete eilig seinen Kragen, den er vor lauter Auf-die-Uhr-sehen schon beinahe abgerissen hatte.
      "Verzeihung, aber ich möchte mir die Anmerkung erlauben und die Frage stellen, wer zum Geier Sie eigentlich sind?", fragte Perley und verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Lass sie rein, Perls", rief August beinahe kichernd und wies Noland mit einer Handbewegung an, zu bleiben. Es konnte nicht schaden, ein paar Ohren mehr zu haben. "Es ist in Ordnung."
      "In Ordnung, soso...", murmelte Caulson und trat beiseite, um der Dame höflich den Weg freizumachen.
      Nachdem sie in den warmen Raum getreten war, blickte er kurz nach draußen und warf zwei schnelle Blicke die Straße hinunter, ehe er die Tür wieder ins Schloss warf.
      "Möchten Sie ablegen?", fragte er und bereite sich vor, eine Jacke in Empfang zu nehmen. "Tee? Kaffee?"
      Wie schnell doch die Pflichten wieder in Fleisch und Blut übergegangen waren. Manchmal war er schon erstaunlich. Nachdem er die Jacke an der Garderobe verewigt hatte, wartete er noch eine Weile auf die Bestellung, während er immer wieder auf die Uhr sah. Sallow ließ sich Zeit.
      Er hasste Zeit.
      Eigentlich hasste er alles.
      "Für mich einen Tee, Perley", murmelte August und wandte sich Helena zu. Ein schmales Grinsen regte sich auf seinem Gesicht und er bot ihr den letzten der drei Sessel an. "Bitte. Nimm Platz, Schwester. Ich denke, hier spricht es sich besser als in einem Lokal voller Menschen. Was kann ich für dich tun?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Helenas Gesichtsausdruck zeigte keinerlei Regung als sie Perley lediglich anblinzelte. Er wusste nicht, wer sie war? Dann war er doch nicht so sehr im Bilde wie sie anfangs vermutet hatte und korrigierte gedanklich die Position dieses Mannes hinsichtlich August. Die eiligen Bewegungen, die sich einstellten kurz nachdem er feststellen musste, dass die erwartete Person nicht vor der Tür stand, sprach allein schon Bände für sich. Sie warteten auf jemand anderen - die Frage war, wer?
      Im Hintergrund erklang dann Augusts Stimme und entlockte Helenas Mundwinkeln ein flüchtiges Zucken. Erst danach gab Perley den Weg ins Innere der Detektei frei und ließ sie eintreten. Noland, der sich angesichts des unbekannten Besuches schon direkt zurückziehen wollte, wurde von einer Handbewegung des Arkana abgehalten. Also er stellte er lediglich die Beine auseinander, die Hände im Schoß gefaltet während er die junge Frau musterte, die eintrat und Perley ihre Jacke gab. Sofort weiteten sich seine Augen als er anhand Embers Erinnerung erkannte, dass ein weiterer Arkana gerade das Spielfeld betreten hatte. Es lag eine Priese Anklagung in seinem Blick als seine Augen zu August glitten. Er hatte ihn von den anderen seiner Sippe fernhalten wollen, und nun spazierte ein solcher einfach hier rein.
      "Tee wäre wunderbar, danke", sagte Helena und zog die Ärmel ihres Pullovers wieder lang, der mit seinem unaufregenden Grau ihren bleichen Hautton nur noch kränklicher wirken ließ. "Sie können mich ruhig Helena nennen. Ich mag Menschen wie Sie." Die reine Wahrheit, die in ihren Worten lag, wirkte für die meisten eher wie Sarkasmus oder Ironie. Es war schwierig bei ihr zu deuten, was sie wirklich wie meinte. Zumindest solange, wie sie das Amulett trug, das sich unter ihrem Pullober abzeichnete. Ihre Augen wanderten durch den Raum während sie zu den zwei Männern in den Sessel herüber kam. Nach der Runde verharrten ihre dunklen Augen auf Noland, der sich die Mühe machte, vom Sessel aufstand und ihr die Hand anbot. "Noland. Sehr erfreut."
      Doch Helena erwiderte die Geste nicht. Vielmehr stand sie einer Säule gleich im Raume und machte keine Anstalten, ihm die Hand zu reichen. "Habe ich Sie nicht auf etlichen Anzeigen in der Stadt gesehen? Der Rogue, nach dem die Polizei fahndet?" Instinktiv ergriff sie seine Hand nicht, weshalb er sie senkte und sich schließlich wieder setzte.
      "Das Präsidium möchte einfach nur sein Eigentum zurück, fürchte ich. Leider ist ihnen im Laufe der Zeit abhanden gekommen, dass Menschen kein Eigentum sind."
      "Hm....", machte Helena nur und setzte sich erstaunlich steif auf den letzten, verbliebenen Sessel. Ihre Augen wanderten über Augusts Erscheinung, die nun offenkundig und offensichtlich mit der Bandage um seinen Arm ausgestellt worden war. "Du siehst ziemlich schlecht aus, wenn ich das so bemerken darf. Ich habe gehört, dass du dich mit Hakim auch recht gut verstehst. Treibt er sich hier auch noch herum?" Sie beschrieb mit ihrem Zeigefinger einen Kreis durch den Raum. "Du kannst per se nicht viel für mich tun. Außer vielleicht, diesen mehr als kontraproduktiven Streit in unseren Reihen zu schlichten. Ich bin ganz ehrlich, weder traue ich der Welt noch mag ich sie besonders. Wie du schon richtig bemerkt hast, mag ich mich möglichst wenig einmischen. Ich will einfach die Ruhe wahren und ich denke, ihre Methode ist nicht der rechte Weg. Aber sie wird mehr Zusprecher finden als es gut ist. Wir würden mehr Zeit erwirken können, wenn deine Adjutantin Fortschritte macht. Wenn wir Kjetil wenigstens etwas Wind aus den Segeln nehmen wäre das schon Etwas. Hat sie denn in der Zwischenzeit schon Erkenntnisse gewinnen können?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August erinnerte sich wohl an sein Versprechen Noland gegenüber. Gerade erneut, als er den anklagenden Blick wahrnahm, den der Rogue ihm zuwarf. Doch war dies nicht die Zeit für derlei Kleinigkeiten. Mitnichten hatte er dies geplant, auf der anderen Seite brauchte er Fürsprecher, wenn er ehrlich war. Immerhin gab es noch die kleine Wahrscheinlichkeit, dass Ember scheiterte. Und derzeit sah es danach aus.
      Noch während Helena zu sprechen begann und sich eine kleine Unterhaltung mit Noland abzeichnete, kehrte Perley geschäftig zurück und stellte den Tee wortlos zwischen die Parteien.
      "Danke, mein Freund", murmelte August und verteilte die Tassen entsprechend der Bestellung. Eifrig begann er, Zucker in seinen Tee zu schaufeln während er zu Atroska sah.
      "Grundsätzlich gilt in meinem Heim die Regel, dass alles, was hier passiert auch hier bleibt. So genießt Noland meinen vollsten Schutz genau wie du zu dieser Zeit, Schwester."
      Die Bemerkung war eigentlich überflüssig, aber August wollte auf Nummer sicher gehen. Man wusste nie wie Arkana drauf waren und letztlich war er nicht in der Lage zu kämpfen. Mit einem offenen, aber müden Lächeln führte er die Tasse an die Lippen und nahm einen Schluck der viel zu heißen Brühe, was er mit einem kurzen Schrei kommentierte.
      "Gebe zu, ich sah bereits besser aus", bemerkte er mit einem lachenden Unterton in der Stimme. "Hakim ist gelegentlich Gast hier, das ist wahr. Zumeist spielen wir Schach und er besiegt mich haushoch, aber auch diese Spiele neigen sich der Seltenheit zu, da er sein eigenes Gebiet zu schützen hat."
      DIe folgenden Worte der Zauberin ließen ihn jedoch aufhorchen. Es war klar, dass die Welt wesentlich mehr Fürsprecher gewinnen würde. Und nur der Himmel wusste, was diese Wahnsinnige dann tun würde. August verzog das Gesicht zerknirscht und nickte abgehackt.
      "Ich denke, es bringt nichts, um den heißen Brei herum zu reden", begann er und räusperte sich um eine Schmerzwelle zu übertünchen. "Mit Sicherheit wird die Welt einige Fürsprecher gewinnen. Und ja, es wäre dreist gelogen, wenn ich nicht um meinen Posten fürchten würde. Sicherlich würde ich es überleben, aber nur die Himmel wissen, was diese Irre vorhat. Und Kjetil Wind aus den Segeln nehmen...Hast du schon mal einen Kometen gefangen? Ich denke, das ist wahrscheinlicher. Der Mann ist blind vor Zorn, das haben wir alle gesehen. Ich werde meine Adjutantin gerne fragen, sofern ich sie sehe. Jedoch denke ich, dass es nicht allzu viel Neues gibt. Die Frage, die ich mir stelle ist: Was treibt dich so weit in den Untergrund? Welche Recherchen bringen dich dazu?"

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    • "Du hast bemerkenswert viel Zulauf, wenn ich das so bemerken darf." Helena legte ihren Tee nicht mit Zucker trocken. Stattdessen nahm sie die Tasse zwischen ihre dürren Finger und schien die Hitze auf dem Porzellan gar nicht recht wahrzunehmen. Sie hielt sich die Tasse unter die Nase und atmete den aufsteigenden Dampf seelig ein. Nach ein paar Zügen lächelte sie tatsächlich hauchfein. "Eine wundervolle Mischung. Woher haben Sie sie?"
      Noland war mit der ganzen Angelegenheit nicht wirklich zufrieden. Wobei zufrieden nicht das passende Wort war, denn aktuell nahm er keine Gefahr wahr. Die Konstellation hier war ungewöhnlich, sicher, aber nichts schien hier innerhalb von Sekunden aus dem Ruder zu laufen. Außer natürlich, die junge Dame hier meinte, August plötzlich doch provozieren zu müssen. Doch angesichts dieser Verletzungen, die er stark bandagiert hatte, ging er nicht davon aus, dass auch nur eine Seite sonderlich auf Krawall aus war. Oder er unterschätzte Arkana einfach maßgeblich. Bei der sicht entfaltenden Unterhaltung wurde der alte Mann schließlich doch mit hineingezogen.
      "Stimmt, ich habe auch erfahren, was dem Richter genommen worden war. Ich nehme mal stark an, dass die Zeugen ohne meine Hilfe vermutlich nicht besonders hilfreich waren? Ich kann meine Hilfe anbieten, dafür müsste Ember lediglich die Zeugen hierher bekommen...", brachte er ein und achtete sorgsam darauf nicht zu viel darüber zu sagen, was seine Dienste bei der Polizei überhaupt gewesen waren.
      Helenas Augen lösten sich von Perley, dem sie für ihre Verhältnisse sogar schöne Augen machte, und sah zu Noland herüber. Nachdenklichkeit erschien auf ihrem Gesicht, eine Spur Grübel während sie eruierte, inwiefern die Adjutantin des Teufels und dieser Rogue miteinander involviert waren. "Sie unterstellen der Polizei wo Sie selbst tätig waren, solche Unfähigkeit?"
      "Ich unterstelle ihnen den Mangel von Zauberern mit den notwendigen Fähigkeiten. Das schlägt sich mei-"
      "Also fahndet man nach Ihnen weil Sie kein Sicherheitsleck sind sondern eine potenzielle uneinschätzbare Gefahr." Eine Feststellung seitens Helenas, die nicht genauer auf den Punkt hätte sein können. Ihre Faszination war geweckt, ganz zum Nachteil von Noland.
      Doch dieser verzog keine Miene und tat sich lediglich einen Löffel Zucker in seinen Tee. "Alles, was die Menschheit nicht kategorisiert hat, löst bei ihr Angst aus. Was sich nicht greifen lässt macht sich unberechenbar und niemand mag das. Ihre gesamte Runde ist das beste Beispiel. Man fürchtet Sie, wohl auch mit Recht wenn ich das so sagen darf."
      Ein paar Sekunden Stille entstand in der Helena Noland beäugte. Bevor sich die Spannung aber weiter aufbauen konnte, brach sie ihren Blick ab und kam zu August, ihrem Hauptaugenmerk, zurück. "Um deiner Frage Antwort zu gelten: Wann bin ich denn mal in London zugegen? Früher bin ich öfter gereist für meinen Findungsphasen, zur aktuellen Zeit wird es schwierig. Mein neues Werk dreht sich um Untergrundaktivitäten, Zwielicht und dergleichen. Wenn ich schon mal hier bin, finde ich im Untergrund bestimmt Inspirationen für meine neuen Figuren."
      "Sie schreiben?"
      "Dürfen Arkana nicht schreiben? Ich benutze ein Pseudonym damit niemand weiß, dass es von mir stammt. Irgendwie muss man sich in dieser Welt ja über Wasser halten wenn man sich aus allem anderen heraus halten will, nicht?"
      Noland quittierte das mit einem Zucken seiner Mundwinkel. Offensichtlicht hatten die einen Zauberer die eine Herangehensweise, die anderen eine andere. Er fragte auch gar nicht nach dem Namen, sonst würde er vermutlich nur noch jedes Buch das er sah nach dem Autor durchkämmen, um ihre Werke zu finden. Obwohl er sich ernsthaft fragte, über was sie wohl schrieb.
      Ihre Unterhaltung bekam einen jähen Dämpfer als es erneut an der Tür klingelte. Wieder war Perley zu Stelle und öffnete. Man sah an dem plötzlich gestrafften Rücken des Mannes, dass nun scheinbar Jemand eingetroffen war, den er kannte oder erwartete. Jedenfalls drang eine Frauenstimme herein und sorgte dafür, dass Helena August regelrecht anfunkelte und Noland plötzlich versteifte.
      "Es tut mir unglaublich leid. Wirklich. Es gab neue Erkenntnisse in meinem Fall und dann konnte ich nicht eher gehen. Der scheiß Verkehr um diese Uhrzeit ist echt nicht hilfreich...", entschuldigte sich Ember, der deutlich anzuhören war, dass sie selbst auch nicht über die verpasste Zeit erfreut war. Perley machte ihr Platz und ließ sie herein, doch sie machte keine Anstalten ihre Jacke auszuziehen. Jedenfalls noch nicht, denn sie wusste gar nicht, wohin es überhaupt ging. Deswegen trug sie auch nur eine schlichte Jeans mit Schlag, Turnschuhe, in denen man sie praktisch nie sah, und einen einfachen hellen Pullover unter ihrer Jacke. Ihre Haare hatte sie streng nach hinten in einen Zopf verfrachtet und so sah es eher danach aus, als würde sie ein Sportprogramm als alles andere erwarten. Kaum war sie in den Innenraum der Detektei getreten, fiel ihr Blick auf die Dreierkonstellation vor dem Kamin. Als Erstes fiel ihr Blick auf die am wenigsten bekannte Person. Ember erspähte Helena lediglich aus dem Profil, wie sie von ihrem Tee trank und der Ermittlerin keinen Deut ihrer Aufmerksamkeit schenkte. Das war unerwartet. Sehr unerwartet, sodass direkt alle Warnsignale in ihr zu schrillen begannen. Dann driftete ihr Blick zu Noland, der ihrem begegnete und ihr zunickte. Eine rasche Abfolge aus Anklagen und Wut rauschte über sie hinweg als sie ihren ehemaligen Freund entdeckte, wie er einfach hier saß und Tee trank. Was fiel ihm ein, sich einfach so dort zu platzieren mit einer Selbstverständlichkeit, die ihr kalte Wut hochtrieb? Er hätte Reue verspüren sollen. Er hätte sich entschuldigen sollen. Doch dann erstarb ein Großteil der Wut als sie sich daran erinnerte, dass Noland keine Moral besaß. Er hatte getan, was in seinen Augen notwendig gewesen war. Reue war ein Fremdwort für ihn.
      Zuletzt fiel ihr Blick auf August. Oder eher gesagt, seinem Arm. Von einer Sekunde auf die nächste verpuffte sowohl Wut als auch die Alarmbereitschaft und wichen unweigerlich der Sorge. Sie hatte ihn selten voll bandagiert sehen, meist tat er nur das nötigste. Und sofort schoss ihr die Frage in den Kopf, ob er sich eine Auseinandersetzung mit einem Arkana geliefert hatte. Und wie sie einfach nichts davon hatte mitbekommen können. Als rotierte sie nur am äußersten Rande seines Sonnensystems und bekam erst Lichtjahre später mit, dass im Zentrum ein Stern kollabiert war.
      All das lief in nur wenigen Sekunden ab in denen sie angewurzelt stehen blieb. Ihre Lippen öffneten sich, einzig und allein für August, doch sie klappte den Mund wieder zusammen und wandte sich schweren Herzens ab. Sie war weder deswegen hergekommen noch durfte sie die Unterhaltung mit ihren Belangen unterbrechen, die er da mit einem anderen Arkana führte. So schwer es ihr auch fallen mochte. Stattdessen wandte sie sich Perley zu und konnte nicht verhindern, dass in ihren Augen die stumme Bitte lag, einfach mit ihrem Programm zu beginnen, damit sie nichts falsches sagte.
      "Können wir los?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August beobachtete die junge Frau, wie sie ihren Tee genussvoll schlürfte und anschließend Perley ein paar Blicke zuwarf, die August nur schwer zu deuten wusste. War das Interesse? Oder war es eigentlich gar nichts und Atroska imitierte irgendwelche Gefühlsartikulationen?
      Umso erstaunlicher, dass selbst Perley ein wenig peinlich berührt reagierte und sich räusperte, um sein Stottern zu übertünchen.
      "Supermarkt", bekundete er. "1,99 das Kilo."
      Wow. Und hier saß August und dachte, er wäre der Einzige, der nicht wirklich flirten oder Interesse zeigen konnte. Stellte sich heraus, dass Perley sein Meister war. Zumindest in dieser Disziplin.
      Kopfschüttelnd sah er zu Atroska und Noland, welche die Sachlage bereits weiter erörterten. Zugegeben, Nolands Vorschlag war von einer gewissen Logik behaftet, die selbst August nicht verdenken konnte. Es hätte nützlich sein können, die Zeugen von Noland befragen zu lassen. August folgte der Unterhaltung aufmerksam und nahm schluckeweise von seinem Tee, obgleich sein Arm wie Feuer brannte. Er brauchte Hakim, es führte kein Weg daran vorbei. Wenn er nicht bald aufschlug, würde er sich dieses verfluchte Gliedmaß abreißen.
      "Zugegeben, man fürchtet die meisten Arkana zurecht und sie werden mittlerweile nach ihrem Gefährdungspotential ausgewählt. Aber dennoch muss ich dir Recht geben, dass die Menschheit mit viel Angst an diese Thematik heran geht. Man fühlt sich selbst als Zauberer manchmal mehr wie ein Terrorist, auch wenn man nichts in der Hinsicht unternimmt. Jedoch ist vielleicht die Unterredung mit den Zeugen keine schlechte Idee, Noland", murmelte August vor sich als eine Redepause entstand. "Vielleicht sollten wir mit Ember sprechen, wenn sie ankommt. Immerhin können wir so erreichen, das die Zeugen herkommen?"
      Nach einer weiteren Weile sah er zu Helena und kam nicht umhin, breit zu grinsen. Stimmt, er hatte vergessen, dass Atroska schrieb. Hatte er nicht sogar mal eines ihrer Bücher in den Regalen erblickt? Auch wenn er selbst keine große Leseratte abseits seiner okkulten Schriften war, so respektierte er den künstlerischen Aspekt hinter ihrer Tätigkeit.
      "Ein neues Buch also", bemerkte August grinsend und ließ die Tasse sinken. "Wie kommt es eigentlich, dass du-"
      Die Frage zu Ende zu formulieren war ihm nicht vergönnt.
      Mit einer rauschenden Bewegung hatte Perley die Stimmung bemerkt und war Richtung der Tür geeilt, als die Klingel erschallte. Freilich zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt überhaupt. Gott, wie er Unpünktlichkeit und die Folgen derer hasste. Schweigsam riss er die Tür auf und sah Ember in die Augen, um ihr eine Warnung zuzusprechen, jedoch hatte sie bereits den Weg in das Innere gefunden und war wie angewurzelt stehen geblieben.
      Hach, diese Situation. Noch während Perley die junge Frau ansah und etwas formulieren wollte, hatte sie bereits einen Blick durch den Raum genommen.
      Vielleicht einer ihrer größten Fehler, wenn man den Umstand bedachte. August sah mit erstaunt geweiteten Augen zu ihr und versuchte gar nicht erst, seine Verletzung zu verbergen. Und gerade als er sich erheben und zu ihr gehen wollte, versagte ihm selbst die Stimme den Dienst. Aus seiner Kehle drang ein Krächzen, das kaum hörbar im Raum verhallte. Was blieb war die Sehnsucht in seinen Augen, als sich Ember abwandte und er wieder kraftlos in den Sessel zurücksank.
      Gott, wie er dieses Leben manchmal hasste.
      Perley jedoch las die Situation korrekt und hing Embers Jacke an die Garderobe, ehe er ihr einen längeren Blick zuwarf und sie in Richtung der geheimen Tür führte, aus der August zuvor verschwunden war.
      "Bitte", murmelte er und sah August noch entschuldigend zu.

      Der Raum dahinter war kalt und ruhig.
      Er glich einem gemauerten, feuchten Verließ eines alten Schlosses, wenn man die groben Steine betrachtete und das wenige Licht, das den Raum durchflutete. In der Mitte des Raumes war ein Kreis auf den Boden gemalt und ein Stuhl mit einem Tisch befand sich hier. Alles war spartanisch eingerichtet und aus einfachstem Holz, als würde man keinen Wert darauf legen. Ein Foliant, alt und verstaubt, lag geöffnet auf dem Tisch und Perley nutzte die Gunst der Stunde, um den Folianten zuzuschlagen.
      Auf dem Einband ließ sich nur erkennen, dass es sich um magische Praktiken des 15. Jahrhunderts handelte. Und er selbst wollte nicht wissen, was August dort genau erforschte.
      "Nun...", murmelte er und sah Ember an. Eine Spur von Mitleid zeigte sich auf dem stoischen Gesicht des Butlers als dieser seine Krawatte lockerte.
      "Legen Sie den Pullover ab. Ziehen Sie Schuhe und Socken aus und alles Weitere, bis sie nur eng anliegende Kleidung am Leibe tragen. Es ist einfacher, gewisse Praktiken zu erlernen, wenn die Kleidung nicht umherflattert."
      Einen Moment lang hielt der Butler inne, ehe er sich höflich zur Seite drehte und die Tür anstarrte.
      "Er hat Sie vermisst", bemerkte er in stoischer Manier und beinahe beiläufig. "Es ist gut, dass Sie es noch geschafft haben."

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      The more you drag me to hell
    • Helena gab sich gar nicht erst Mühe, die offensichtlich vertrakte Situation vollständig zu erfassen. Noland hingegen war ganz seiner beisherigen Arbeit nach einer völlig anderen Meinung. Er sah binnen Sekunden den Austausch der Blicke von Ember uns August. Die Sorge stand ihr ohne ins Gesicht geschrieben und löste sogar den Eindruck ab, den er nur eine Sekunde zuvor von ihr erhalten hatte. Das war mit Abstand weniger wichtig für ihn gewesen als das, was sich zwischen den Beiden anbahnte. Scheinbar wollte August ebenfalls etwas sagen, doch mehr als unverständliche Geräusche brachte er nicht zustande und dann ergriff Ember regelrecht die Flucht. Dass die sonst so stoische und nachdrückliche Ember Sallow ohne Fragen und Kommentare den Rückzug antrat, hatte der alte Rogue nur extrem selten bis gar nicht in seiner Laufbahn mit ihr mitbekommen. Umso erstaunter sah er ihr sogar hinterher wie sie mit Perley zusammen hinter einer ihm unbekannten Tür verschwand.
      Das war eindrucksvoll gewesen.
      "Unerwiderte Liebe und Konflikte sind immer lohnenswerte Themen in Büchern. Irgendwie scheinen Menschen sich an dem Leid Anderer zu erfreuen", bemerkte Helena unverwandt so als sei nichts wirklich passiert.
      "Ich würde vermutlich ähnlich getroffen reagieren wenn ich erfahren würde, dass ein mir wichtiger Mensch plötzlich schwer verletzt vor mir sitzt und ich nichts davon weiß", pflichtete Noland bei und richtete seine Augen wieder direkt auf den Arkana direkt vor ihm. Er war sich sicher, dass er nicht die übliche Kälte in den Augen des Teufels gesehen hatte als er Ember erblickt hatte. Und so wie sie reagiert hatte, wusste sie auch nichts von der Zeitspanne, die ihm noch verblieb. Aber so, wie die Lage zur Zeit bestand, würden die Emotionen mehr als hochkochen, wenn er es ihr nun offenbahrte. Und die ihm verbleibende Zeit würde niemals ausreichen, um genug Distanz zwischen ihnen zu erzeugen, damit sie nicht eskalieren würde.
      "Ich schließe mal daraus, dass sie keine Neuigkeiten hat wenn sie einfach so vor dir flüchtet. Was hast du mit der armen Frau angestellt, dass sie regelrecht die Flucht ergreift wenn dein Arm fast abfällt?", fragte Atroska beiläufig nach und lehnte sich nach vorn, um die Tasse abzustellen.

      Wenn Ember ganz ehrlich war, dann hatte sie mit allem gerechnet, aber keinem Folterkeller. Sie bereute nicht unbedingt ihr Erscheinen oder das Einwilligen zu diesem Training, aber der fade Beigeschmack wurde langsam bleiern. Die Ruhe war nicht einmal das, was sie wirklich störte, doch die Kälte hatte eine Schwere und Absolution, die ihr missfiel. Als sie den Blick nach oben wandte, konnte sie in der Höhe Fenster erspähen, die das wenige Licht von irgendwo her in den Raum brachten. Der Tisch und der Stuhl inmitten des Kreises erinnerten sie an das Innere von Augusts Koffer, der einmal eine ähnliche Einrichtung gehabt hatte. Wenn auch nur um eine Karte zu beheimaten. Warum hätte es nicht einfach ein Mal ein nettes warmes Kaminzimmer sein können?
      Embers Augenbrauen zogen sich etwas zusammen, als sie Mitleid im Gesicht des Hauswirtschaftlers entdeckte. Offen und kaum verhüllt. Das hatte sie bisher nicht bei ihm gesehen sondern eher eine gewisse Neutralität oder gar Ablehnung. Dass er ihr nun ausgerechnet Mitleid entgegenbrachte, gefiel ihr absolut nicht. "Ich glaube, das Schlimmste gerade ist eher, dass Sie mich mit Mitleid ansehen. Ich dachte, Sie mögen mich nicht sonderlich."
      Auf Perleys Anweisungen hin blinzelte sie den Mann etwas verdutzt an. Eigentlich hatte sie sich für körperliche Betätigungen gekleidet, aber diese Anweisung war seltsam. Gepaart mit der Optik und der Anweisung bekam sie das Gefühl, dass sie gleich gefoltert werden würde. Und wenn Ember eines nicht war, dann masochistisch veranlagt. Trotzdem war es jetzt zu spät einen Rückzieher zu machen und ihr Wille gebot es ihr auch gar nicht anders. Ohne auf den Hinweis weiter einzugehen fing sie an, ihre Turnschuhe zu öffnen und beiseite zu stellen. Die Socken stopfte sie in die Schuhe. Auf den Hinweis hin, dass man sie vermisst habe, konnte sie ein Stocken in ihrer Bewegung nicht gänzlich überspielen.
      "Wenn er mich vermisst hat, hätte er mich anrufen können. Er hätte jemanden schicken können. Er hätte mir auch nur einen kleinen beschissenen weißen Zettel mit einer Zeile hinterlassen können, damit ich es weiß", gab Ember bissiger zurück als es geplant war und zwang sie dazu, sich zu räuspern als sie sich ihren Pullover über den Kopf zog. Gut, dass sie so schlau war und Sportunterwäsche statt normaler gewählt hatte. "Und was heißt, dass ich es noch geschafft habe? Ich wäre auch drei Stunden später oder wann auch immer erschienen, keine Sorge. Ist mir eher unangenehm, dass ich Sie hab warten lassen."
      Kurz überlegte sie, ob sie mit ihrer Jeans auch so verfahren sollte. Nach einem ungesehenen Schulterzucken verabschiedete sie sich auch von ihrer Jeans, die mit ihrem Schlag unten vermutlich zu den flatternden Kleidungsstücken zählen würde. Ihr war sowieso nicht klar, warum sich so viele Frauen davor grämten in Unterwäsche vor Fremden zu stehen. Am Strand im Urlaub oder im Schwimmbad war es doch nichts anderes.
      "Ich wär soweit. Also, was machen wir? Und bitte sagen Sie mir einfach nur, dass das hier keine Folterspiele oder so werde..."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • A candle casting a faint glow, You and I see eye to eye
      Can you hear the thunder? How can you hear the thunder that's breaking?
      Now there is nothing between us; From now our merge is eternal
      Can't you see that you're lost? Can't you see that you're lost without me?

      [Ghost - Cirice]


      August sank in dem Sessel zusammen und balllte die gesunde Faust auf der Armlehne. Herrgott, warum zum Teufel hatte er nicht einfach etwas gesagt. Ein "Hallo" oder dergleichen? Irgendetwas was ihr das Gefühl gab, Willkommen zu sein anstatt sie anzustarren und zurück zu sinken.
      Und doch war es nicht ungewöhnlich, so zu reagieren, wenn sie sich einfach abdrehte und von dannen zog.
      "Menschen leiden und ergötzen sich daran", murmelte August und seufzte schwer. "Genau wie Jeder von uns. Du schreibst sogar Bücher, vermutlich auch darüber."
      Er sagte es zu Niemandem bestimmten, auch wenn er anschließend Noland ansah. Das Gesagte war durchaus von wahrem Gehalt, jedoch fand sich in dem Gesicht des Zauberers mehr Schmerz als er zugeben wollte. Warum wollte denn niemand verstehen, dass auch er sich in einer Zwickmühle befand? Nichts lieber würde er Ember berichten, dass er nur noch wenig Zeit hatte und dass er Hilfe brauchte. Jedoch würde sie wissen,d ass es ihr Schuss war, der dies ausgelöst hatte. Und Vorwürfe waren nichts für ein derart junges Leben.
      Also nickte er Noland bewusst zu und seufzte.
      "Nein, ich denke nicht, dass es Neues gibt", gab er Helena gegenüber zu. "Das würde bedeuten,d ass ich selbst auf die Suche gehen muss. Jedoch möchte ich das vorher verifizieren. Und ich habe gar nichts mit ihr angestellt ich..."
      Sein Kopf fiel in den Ohrensessel zurück und er schloss die Augen vor Schmerz.
      "Sie hat mich erschossen. Und ich bin wieder da. So einfach."


      Im Raum wurde die Unruhe merklich fühlbar. Während sich die junge Dame entkleidete (wohl bis auf die Unterwäsche, wobei eine Hose gereicht hätte), sah Perley zur Tür und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
      "Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag Sie auch nicht", bekannte er und sah wieder mit der gewohnten Kälte zu ihr hinüber. "Jedoch bin ich nicht unempfänglich für gewisse Spannungen im Raum. Eines meiner wenigen Talente, wenn Sie es so wollen. Ein Talent, welches Sie noch zu erlernen haben, Ms Sallow."
      Auf ihre BEmerkung mit den Nachrichten musste er kichern.
      "Sie wissen, aus welchem Jahrhundert er kommt? Nicht einmal Sie können derart ignorant sein, dass Sie dies nicht verstehen. August hat es nie gelernt, Gefühle zu zeigen und wird es vermutlich auch nicht, wenn man es immer wieder von ihm erwartet. SIe brechen aus ihm hervor, es ist mehr wie ein Springbrunnen, der sich überlädt. Aber nun gut. Es ist, wie es ist, nicht wahr?"
      Auf ihre letzte Bemerkung nickte er nur und drehte sich wieder zu ihr. Freilich warf er einen Blick über ihren Körper. Dieser glich dem Blick eines Arztes: präzise, zielgerichtet und schamlos. Jedoch bemerkte der Hauswirtschafter durchaus gute Anlagen und nahm sich die Freiheit, zwei Schritte näher zu kommen.
      "Sie sind beachtlich gut in Form, Ms Sallow", bekannte er und nickte anerkennend. "Das ist gut. Das Training, was sie durchlaufen werden, wird Körperkraft und Ausdauer erfordern. Ihre Anlagen sind gut."
      Schweigsam begann er im Raum auf und ab zu wandern, ohne ihr zunächst besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Erst nach einer Weile formte sich ein Lächeln unter dem Schnauzbart und er begann zu referieren.
      "Wir werden keine Folterspielchen verrichten, haben Sie keine Furcht. Ich bin auf ausdrücklichen Wunsch von August hier. Der ihrem Sehnen nach einer Stärke gegen Zauberer nachkommen wollte. Und bevor Sie sich fragen: Ja, man merkt es Ihnen an. Nun, sei es drum. Wir beginnen mit einer einfachen Lektion:
      Wir lernen, den Raum zu lesen. Schließen Sie die Augen!"
      Er drehte sich abrupt zu ihr um und betrachtete, ob sie seiner Bitte nachkam.
      "Dieser Raum hier ist kreisrund", begann er langsam und ruhig zu erzählen. "Es befindet sich nichts hier, bis auf einen Tisch und einen Stuhl. Auf dem Tisch liegt ein Buch. Und wir beide sind hier. Ein guter Jäger, Ms Sallow, liest den Raum, in dem er jagt. Er kennt die Begebenheiten, die Intarsien des Raumes, wenn Sie so wollen. Konzentrieren sie sich auf die Umgebung und versuchen Sie, die Aura, die uns alle umgibt zu erspüren. Es wird sich anfangs merkwürdig nach Nichts anfühlen. Als würden Sie im Trüben fischen. Und doch ist dort etwas. Das Surren, das Rufen in der Stille. Wie der Ton, den sie erhalten, wenn Sie einen alten Fernseher anmachen. Ein leichtes Summen. Finden Sie dieses Summen im Raum und zeigen Sie auf den Bereich, ohne die Augen zu öffnen."
      Nach seiner Einführung schloss er den Mund und zog eine kleine Büchse hervor. Nur er wusste, dass darin Auraperlen lagen. Eine kleine Kette voller magieinfusierter Steinchen, die er sorgsam und lautlos im Raum versteckte.

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      Die Kette ist im hinteren rechten Eck, direkt hinter Ember an der Eckwand. Wie viele Versuche sie braucht, liegt bei dir.

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    • "Super. Ich hätte für wenige Meniten noch behauptet, dass ich Sie schon leiden können würde. Wenigstens nach dem netten Besuch."
      So gänzliche ihre Art konnte Ember doch nicht herunterschlucken als sie die Arme vor der Brust verschränkte und Perley finster ansah. Wenn sie wirklich so stumpf gewesen wäre, hätte sie es in ihrer Karriereleiter nie so weit gebracht. Man brauchte dieses gewisse Feingefühl in der Regel, um kleinste Unstimmigkeiten zwischen Personen ausfindig zu machen. Eigentlich hatte sie auch einen ganz guten Hang dafür und irgendwie wusste sie auch, dass Perley es gar nicht besser wissen konnte und sie damit triezte. Trotzdem. Pikiert war sie dennoch.
      Ein Schnauben ließ sie sich ebenfalls nicht nehmen. "Ich sagte ja, ich nehme auch Zettelpost. Hat er schon mal gemacht. Aber er hat es ja nicht einmal für nötig gehalten mir zu sagen, dass da sein kompletter Arm im Arsch ist! Das weiß jeder, der hier in diesem Gebäude herum wandelt, nur ich nicht. Es tut mir ja auch so schrecklich leid, dass ich arbeiten muss und nicht 24/7 hier einsitzen kann." Sie gestikulierte genervt mit dem Finger im Raum und benannte Personen, die sie vermutlich gar nicht auf dem Schirm hatte. Zur Hölle, selbst der Streitwagen war scheinbar besser informiert als sie. Nichts lief aktuell wie sie es sich vorgestellt hatte. Nur Ruairi war eine funktionierende Konstante. Aber selbst der wirkte noch immer schwer getroffen durch die Erkenntnis mit seiner Schwester. Baustellen. Es waren ringsherum Baustellen um sie herum und man hatte ihr das Werkzeug einfach weggenommen.
      "Sie haben mich auch nicht gesehen nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen war. Das kann sich ja niemand geben. Ich will wenigstens mit Männern ringen können wenn es sein muss. Wie peinlich ist das denn, wenn man im Einsatz einfach umgenietet wird..."
      Das war in ihrer Anfangszeit mehrere Male passiert und irgendwann war ihr schlicht und ergreifend der Kragen geplatzt. Sie hatte alles an Selbstverteidigungskursen und Kampfsportarten durchgenommen, was es damals gab, um wenigstens ein bisschen ihrer körperlichen Unterlegenheit auszugleichen.
      Raum lesen.... Okay, das klang auffällig unauffällig. Prompt befolgte Ember die Aufforderung und schloss die Augen wobei sie ihre Arme noch immer verschränkt ließ. Alles das, was er ihr als Szenerie beschrieb, war unlängst in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Sie konnte vermutlich auf einen Meter genau lokalisieren, wo der Tisch und der dazugehörige Stuhl standen, ebenso wie weit sie sich von den Wänden entfernt befand. Anhand seiner Sprache konnte sie ihn genauso gut lokalisieren. Doch nach seiner Erklärung wurde es plötzlich mucksmäuschen still und Ember hörte rein gar nichts mehr. Keine Schritte, keine Worte, keine Atmung, kein Rascheln. Nichts. Als wäre sie völlig allein im Raum.
      Doch das war sie nicht.
      Ember hörte in der Tat rein gar nichts. Maximal die Stille, die sie umgab. Was sie umgehend spürte, war die Kälte, die sich über ihre erhitzte Haut schob und sie ihr rauben wollte. Kein allumfassendes Gefühl war da, kein Surren oder etwas dergleichen. Stattdessen hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Was sie zweifelslos auch wurde und sie kannte dieses Gefühl nur allzu gut. Manchmal hatte sie eine Eingebung gehabt, woher dieses Gefühl troff doch meistens hatte sie damit dann nur Glück gehabt. Sie wusste, dass jemand da war aber nicht wo. Sie wusste, dass Perley sie beobachtete, aber irgendwo regungslos im Raum stehen würde. Es kostete sie einiges an Mühe, dieses Gefühl aus ihrer Wahrnehmung zu schieben und Platz zu machen für irgendetwas anderes. Nach gut zwanzig Minuten hatte sie es geschafft, dieses Gefühl der Beobachtung, dass sich schneller als eine Warnung gegenüber einer potenziell gefährlichen Person entpuppte, von sich loszulösen und wirklich nur die Stille zu hören und die Kälte zu fühlen. Sie hatte irgendwann aufgehört zu zählen, die wievielte Gänsehaut auf ihrer Haut erschien während sie angestrengt in die Leere lauschte. Ganz sicher würde sie nicht willkürlich in den Raum zeigen oder nur einer bloßen Vermutung folgen. Doch es dauerte beinahe geschlagene vierzig Minuten - ihr Körper hatte unterdessen leicht angefangen zu bibbern - bis sie lediglich eine Vermutung kristallisieren konnte. Eigentlich nur eine Art Eingebung ohne fundierte Begründung, und damit gab sie sich noch nicht zufrieden.
      Ember dachte an Ruairi zurück. Wie er reagiert hatte, als er ihre Wohnung betreten hatte nachdem diese ominöse Clara eingebrochen war. Er hatte direkt darauf reagiert, als wäre es etwas so dermaßen erdrückendes, dass man es nicht einfach übersehen konnte. Doch Ember war dem gegenüber ignorant gewesen. Vielleicht, weil ihre Antennen auf Gefahr und Feindseligkeit gepolt waren. Weil sie das Erspüren von Magie für sich von Anbeginn an kategorisch ausgeschlossen hatte. Hatte sie selbst nicht die großen Töne gespuckt und gemeint, dass ihr die Magie keine Angst machte und sie sich prima damit arrangieren konnte? Was war aus der Frau von damals geworden, die die sterbende Emily in den Armen gehalten hatte.
      Ember schniefte. Sie grummelte etwas in ihren nicht vorhandenen Bart und verlagerte ihr Gewicht auf den anderen Fuß als sich augenscheinlich etwas an ihrer Haltung änderte. Die Verbissenheit fiel von ihr ab als sie sich entschloss, anders an die Sache heranzugehen.
      Nach weiteren zehn Minuten war es kein Surren, das sie hörte. Es war eher ein Kribblen auf ihrer Haut, das sie ursprünglich als Frösteln abgetan hatte. Doch je mehr sie sich darauf konzentrierte, umso deutlicher ließ es sich von ihrer Vorderseite des Körpers abgrenzen. Ihr ganzer Rücken kribbelte, ihre Front jedoch gar nicht. Weitere zehn Minuten versuchte sie etwas aus diesem Kribbeln zu machen, doch nichts änderte sich.
      "Ich kann abgrenzen, dass es nicht vor mir ist. Aber hinter mir. Nur wo genau kann ich nicht sagen. Ich dachte, ich muss was hören, aber wenn mein Tipp richtig war, dann fühle ich es als Kribbeln", erklärte Ember ihre bisherigen Erkenntnisse.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • So langsam reichte es. Anstatt mit der Übung zu beginnen spuckte sie erneut große Töne von Ansprüchen obwohl sie gleichermaßen ihre Form des Handels niemals hätte einhalten können. Perley wusste nicht viel über die Nacht der Nächte, aber so viel mochte er zu wissen glauben, dass Ember seinerzeit geflohen war. Und jetzt erneut. Er fragte sich, was die gute Dame wohl von einem Menschen wie August verlangen wollte, wenn sie die Gelegenheit hatte, sich zu sammeln.
      "Er hat es deshalb nicht für nötig gehalten, Ms Sallow - und ich sage Ihnen das nur, damit wir voran kommen und ich meine Zeit nicht völlig verschwende - weil es gestern Nacht passiert ist, als er einen Jungen schützte. Mr Foremar neigt leider zu derlei Dummheiten und kümmert sich sodann um seine Regeneration, weil er der einzige Faktor ist, der diese Gruppierung namens Arkana derzeit davon abhält, offen gegen die Menschen Krieg zu führen. Für alles Weitere kann ich nur empfehlen, auf das gängige Mittel der Kommunikation zurück zu greifen. Also vergeben Sie mir wenn ich mich erdreiste zu sagen, dass Sie Ihre Wut ein wenig zügeln und sich mehr darauf konzentrieren sollten, diese Steinchen zu finden."
      Genervt setzte er sich auf den knarrenden Stuhl und sah ihr zu. Geschlagene vierzig Minuten. Geschlagene. Vierzig. Minuten. Gute Güte! Schweigsam lauschte er dem Sirren im Raum und besann sich, dass es Übung bedarf. Ja, es war nicht einfach, aber er hatte doch erwartet, dass eine Frau die ihren Körper derart gestählt hatte, so viel Körpergefühl besitzen würde, dass sie vermutlich einen Funken der Aura wahrnehmen hätte können.
      Nach einer Weile sah Perley auf die Uhr und sie anschließend an. Als sie ihr Ergebnis kundtat, seufzte er auf und erhob sich aus dem Stuhl.
      "Zunächst: Sofern es sich für Sie als Kribbeln darstellt, so ist es offenbar ein Kribbeln. Das ist selten, aber durchaus möglich. Für das zweite verdienen Sie einen Klaps auf den Kopf. Sie deduzieren, Sie spüren nicht. Aber sie haben den Hang dafür erfahren. Sie denken zu viel, während Sie versuchen einen Raum zu lesen. Versuchen Sie, das Denken auf ein Minimum zu reduzieren wenn nicht gar ganz zu lassen. Ich weiß, dass manche Menshcen nicht nicht denken können, aber seien Sie es sich gewiss: Ein Zauberer denkt nicht, wenn er Auren spürt. Er tut es unbewusst, mit dem ganzen Körper. Und wir alle tun das, zu jeder Minute. Also versuchen Sie, es als dieses wahrzunehmen: "Natürlich". Wir versuchen es erneut, jedoch mit erhöhter Schwierigkeit. Bitte ziehen Sie sich wieder an und versuchen Sie sich ein wenig zu erholen. Ich hole Ihren Mitspieler."
      Langsam wanderte er nach seiner Order zur Tür und öffnete diese. Ein warmer Hauch glitt durch den Raum und verhaltene Gespräche drangen an die Ohren. Und nur eine Stimme davon war August, der sich offenbar über etwas echauffierte.
      "Mr Noland? Würden Sie Jasper bitten, für eine halbe Stunde herzukommen?"
      Schweigsam schloss er die Tür wieder und sah zu Ember.
      "Wir werden diese Übung - wie gesagt - wiederholen. Dieses Mal konkurrieren Sie mit einem Schüler. Wer die Perle als Erster findet, gewinnt. Sie erhalten 10 Minuten Vorsprung, ehe es Jasper versuchen darf. Ist das ein Deal?"

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    • Ember konnte nicht anders als Perley regelrecht giftig anzusehen. Sie gab sich die größtmöglichste Mühe, zwackte aus allem, was sie bisher erfahren hatte, ihre Quintessenzen ab und durfte sich ständig die gleiche Leier anhören. Völlig unabhängig davon, wen sie fragte. Wussten die anderen eigentlich wie nervenaufreibend es war, ständig die gleiche Leier unter die Nase gerieben zu bekommen?
      "Mitspieler? Macht doch nur Spaß, wenn man auch einen Gegner hat...", murrte Ember, die ihre Sachen wieder aufklaubte und sich anzog. Dabei ging sie mehr als ruppig mit ihren eigenen Sachen um. Sie war frustriert, fror und war emotional geladen. Fehlte eigentlich nur noch, dass der dämliche Butler auf die Idee kam und ihr Dinge unterstellte, die er falsch deduziert hatte.
      Noland hatte Perley mit einem Ohr nur so gehört. Die Tür hatte sich dermaßen schnell wieder geschlossen, dass er für einen Moment überlegte, ob er sich getäuscht hatte. Dann seufzte er leise und stand auf. Ob er Jasper aus seinem Zimmer bekam, war fraglich aber nicht unmöglich.
      "Jasper wohnt auch hier? Meine Güte, du nimmst ja gefühlt jeden Streuner auf", murmelte Helena, die Noland nun mit ganz neuen Augen sah. "Bitte sagen Sie mir, er ist Ihr verloren geglaubter Sohn aus einer nicht akzeptierten Liebschaft."
      Noland hatte ihr den Rücken zugekehrt und war bereits zur Treppe gegangen als er ihr antwortete. "Mein Neffe, kein Sohn. Keine Liebschaft, nur Familie, die nicht existent sein sollte." Damit war er nach oben verschwunden, um seinen Neffen irgendwie zu motivieren, sich aus seinem Zimmer zu begeben. Es kostete ihn zehn Minuten seiner spärlichen Lebenszeit bis er den Jungen aus seinem Sumpfloch geredet und dazu bewegt hatte, sich was ordentliches anzuziehen. Nach getaner Arbeit kam Noland wieder runter und setzte sich. August wollte ihn als Zeugen, diese Rolle konnte er annehmen.
      Fast augenblicklich lag Helenas Interesse wieder auf Noland, der beinahe wieder umgedreht wäre. "Nicht existent? Wie verstorben oder wie gar nicht möglich?"
      "Vermutlich beides. Spielt aber keine Rolle."
      "Hmm... Und jetzt sind Sie mit dem Jungen auf der Flucht quasi. Wo ist denn die dazugehörige Mutter? Die wird doch nicht einfach ihren Sprössling so abgeben."
      "Waisenhaus." Die Antwort kam genauso belanglos wie alle anderen zuvor. "Da gibt es keine Eltern mehr, die sich beschweren könnten. Der Junge hat gespürt, dass wir verwandt sind und so hat er mehr mich als anders herum gefunden. Ich wusste nur, dass er in einem Waisenhaus untergebracht war."
      "Waisenhaus....", sinnierte Helena, als sei sie nicht wirklich überzeugt. Verstohlen warf sie einen Blick zu August. August nahm mit Sicherheit keine dahergelaufenen Rogues einfach so auf. Sie mussten besondere Fähigkeiten haben, alle beide. "Was genau haben Sie eigentlich bei der Polizei gemacht? Befragung von Zeugen nehme ich an. Ich schätze also, Sie sind eher in der mentalen Expertise bewandert?"
      Noland angelte nach seiner Tasse. "Die Menschen mögen es in der Regel nicht, wenn man sie verängstigt oder erpresst. Also ja, ist richtig."
      Helenas Augen funkelten, dann knarzte eine Treppenstufe und ihr Blick ging hinüber zur Treppe. Jasper verharrte dort und starrte Helena an. "Hi Jasper. Den Abend gut überstanden?"
      Sein Blick driftete zu Noland und August ab ehe er sich wieder in Bewegung setzte und die Tür ansteuerte hinter der Perley und Ember waren. "Klar. Ich wurde nur von zwei Arkana eingeschüchtert und hatte Migräne des Todes. Sonst alles ganz wunderbar." Damit entging er jeder Nachfrage und verschwand direkt hinter der Tür.

      Als die Tür im kreisrunden Raum ein weiteres Mal aufschwang tauchte plötzlich der Junge auf, den Noland im Schlepptau hatte. Ember starrte ihn an und verband ihn mit dem Namen Jasper. Nach ihm, nach einem Kind, hatte Perley gefragt. Das wurde ja immer besser. Jasper blickte allerdings mindestens genauso baff drein als er sie inmitten des Raumes erspähte. Was machte die Polizistin hier? Er war gerade mal drei Schritte herein getreten, da verzog er bereits das Gesicht. Seine Augen flackerten während er versuchte, das Rauschen auszublenden. Alles hier drin schlug Töne an, aber etwas störte diese Harmonie.
      "Was kann ich tun?", fragte Jasper und kam näher, wobei Ember und er sich misstrauisch beäugten.
      "Du sollst Perlen finden. Zehn Minuten nach mir", fasste Ember kurz und knapp zusammen und war sichtlich wenig begeistert über ihren Kontrahenten. Was fiel Perley ein, ihr ein verdammtes Kind vorzusetzen??
      "Perlen?", wiederholte Jasper und Perley zeigte ihm das Säckchen mit den Kugeln. "Die werden versteckt? Und dann?"
      "Ich bin kein Zauberer", gab Ember murrend zurück und Jasper starrte sie an.
      "Toll. Ich will kein Zauberer sein. Wollen Sie tauschen?"
      "Mit einem Kind ganz bestimmt nicht."
      "Ich mit Ihnen auch nicht."
      Dann starrten sie sich wieder an bis beide einen Abriss vom Hauswirtschaftler bekamen. Genervt verfiel Ember wieder in ihre Starre und schloss die Augen, Jasper setzte sich auf den Boden zu ihrer Seite. Konzentrationsspiele waren vielleicht eine bessere Ablenkung als eine Dauerbeschallung. Konnte man ja mal ausprobieren, dann verschwanden vielleicht auch die nervigen Bilder in seinem Kopf.
      Zehn Minuten waren binnen kürzester Zeit verstrichen und Ember hatte nicht einmal einen Hinweis, wo sie sich hin richten sollte. Mit zusammengebissenen Zähnen öffnete sie die Augen und sah zu dem Jungen herab, der in absolute Stille verfallen war. "Bitte, dein Zug."
      Japer brauchte nicht einmal großartig seine eigene Aura zu aktivieren. Das Rauschen in der Melodie war so prägnant, dass er es in Kilometern Entfernung noch orten können würde. Zumindest fühlte es sich so an, als er zielsicher exakt dorthin zeigte, wo die Kugeln lagen.
      "Oh, bitte", verdrehte Ember die Augen, nachdem der Junge gerade mal Sekunden gebraucht hatte und spot on gewesen war.
      "Was? Nur weil Sie taub sind sollten Sie nicht sauer auf mich sein", gab Jasper zum Besten, der die Beine ausstreckte und zu Ember hochsah. Die Frau war ein wandelndes Nervenwrack. Wenn sie als Mensch das lernen wollte, was die Zauberer von Natur aus taten, waren Nerven das letzte was sie gebrauchen konnte. "Möchten Sie einen Tipp?"
      "Versteh mich nicht falsch, aber jetzt soll ich mir Tipps von Kindern geben lassen?"
      "Ich kann es auch lassen, kein Ding. Dann können Sie selbst versuchen, es hinzukriegen", erwiderte er leichtfertig und bewegte die Füße auf dem Boden.
      Schweigen entstand während Ember Jasper buchstäblich mit den Blicken durchlöcherte. Dann schluckte sie ihren Stolz herunter. "Wenn du mir jetzt auch sagst, ich soll nicht denken, dann schreie ich."
      "Damit fängt's schon an. Wenn Sie schreien wollen, dann fühlen Sie. Wenn Sie nichts hören, sondern fühlen, dann müssen Sie diesen Kanal freischalten. Ich höre die Auren zum Beispiel wie Musik, ständig. Ich will sie loswerden und überlagere sie dann. Vielleicht klappt das ja bei Ihnen."
      "Nicht fühlen?" Ember blinzelte Jasper zu ihren Füßen verdutzt an. Menschen waren dazu gemacht, zu fühlen. Zauberer waren nichts anderes als Menschen. Aber Perley selbst hatte gerade gesagt, dass manche einfach nicht aufhören konnten zu denken. Aber wenn sie schon Schwierigkeiten hatte, ihren Kopf auszustellen, wie sollte sie es dann mit ihren Gefühlen anstellen?
      Dann weiteten sich ihre Augen in Erkenntnis. Ihr Blick richtete sich auf Perley. "Noch einmal?"
      Dieses Mal beobachtete auch Jasper die Frau, wie sie ein weiteres Mal versuchte die Perlen zu orten. Ihm fiel direkt auf, dass sie anders atmete, in einem bestimmten Rhythmus. Ihre Lider bewegten sich, oder eher die Augäpfel darunter, und dann schien eine Kälte auch sie selbst zu erfassen. Jasper schaute zu Perley, fragend.
      Ember versetzte sich an den Tag zurück kurz bevor sie August erschossen hatte.
      Kurz bevor die eigentliche Hölle für sie ausgebrochen war, war sie in einen Zustand des Nichts verfallen. Sie hatte sich mental eingrflößt, rein gar nichts zu fühlen bei dem, was sie tun würde. Das beschwor sie nun künstlich herauf, vergaß, dass draußen August saß, vergaß, dass ein Ruairi auf sie wartete und das Zeitlimit mit dem Richter. Sie levelte sich auf ein komplettes Nichts, und dann kam nach fast zehn Minuten eine eiskalte Welle, die sich als Kribbeln über ihren Körper stahl und sich dann auf elf Uhr Position an ihrem Körper sammelte. Es war unglaublich schwach und der einzige Hinweis, den sie hatte. Besser gerichtet, aber schwach. Ihr Finger richtete sich in die Richtung der Kugeln.
      "Ich sagte ja, Sie sind ein nervliches Wrack", grinste Jasper müde und war enttäuscht, dass es nichts gegen die Bilder in seinem Kopf gebracht hatte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August sah einen Moment hoffnungsvoll aus der Unterhaltung auf, als er die Stimme seines Hauswirtschafters hörte, doch unbeantwortet blieb diese Hoffnung leider. Es empfing ihn nicht das helle Gesicht der Detective, sondern lediglich die Anforderung nach Jasper. Warum Jasper? Warum nicht ihn?
      Kopfschüttelnd sank er zurück und sah Helena nur giftig an.
      "Hier ist jeder willkommen, Helena. Wie man auch an dir sieht. Es bringt nichts, wenn wir uns alle nur hassen und keine Einigkeit erschaffen. Sonst werden wir irgendwann genauso abgeschlachtet wie die Menschen im Norden."
      Nachdem Noland zurückkehrte, hob August nach einer kurzen Fragestunde Helenas nur die Hand und seufzte schwer.
      "Es reicht, Helena", murmelte er. "Auch wenn es ein geschützter Raum ist, sollen hier keine Recherchen betrieben werden. Ich bin zwar nicht in der Lage, dir großen Widerstand zu leisten, sofern du mir schaden wolltest, aber ich bin vorsichtig. Vielleicht sollten wir die Fragestunde auf einen anderen, besseren Zeitpunkt vertagen und uns vielleicht darüber Gedanken machen, ob - "
      Kurz hielt er inne als Jasper hinzutrat. Der Junge sah immer noch nicht besser aus. Als hätte er einen Geist gesehen oder versuchte, sich davon zu erholen. August hatte ihm nicht offenbart, was er dort unten getan hatte. Und auch nicht das Gespräch gesucht. All dies stünde noch an, sobald er wieder bei Kräften und mit Ember gesprochen hatte. Herrgott, wie sollte er es ihr nur sagen?
      Viel eher galt es nun, die Rolle weiter zu spielen, die er vor Helena und Noland einnehmen musste. Den Schwächling konnte er andererzeits spielen.
      "Vielleicht solten wir darüber reden, wie wir mehr Fürsprecher für die Sache gewinnen können", leitete August ein und warf einen letzten Blick auf die Tür. Sehnsucht war kein Ausdruck für das, was sich darin fand.

      Perley war genervt.
      Als Jasper hinzu trat erinnerte sich wieder daran, warum er Kinder und querköpfige Erwachsene hasste. Und warum August ihn lehrte, eben nicht so viel zu hassen! Schweigsam hatte er zugesehen, wie die beiden nach seinen Instruktionen die Übungen wiederholt hatten. Freilich hatte das Zutun des Jungen einen entsprechenden Einfluss. Einen Einfluss, den er zwar hätte berechnen können, aber es nicht getan hatte. Tatsächlich wirkte der Umstand, dass ein Pubertierender besser in einem Fachgebiet der Halbmagie war, belebend auf die Detective, wie es erschien. Auch wenn die beiden, was Sturheit anging, erstaunlich ähnlich waren. Bereits einmal hatte er sie zur Raison rufen müssen und hatte für den zweiten Fall überlegt, ein Stuhlbein abzumontieren. Und woher er die Tasse Tee hatte, die er genüsslich schlürfte, wusste auch keiner.
      Dennoch verstand es auch der Butler, den Raum entsprechend zu lesen. Und so entging ihm nicht, dass den Jungen etwas belastete. Etwas, das durch die einfache Konversation mit der Detective zwar nicht besser wurde, aber zumindest einfacher. Die erste Leiche war immer das Schlimmste, dachte Perley und setzte die Tasse geräuschvoll ab. Nach dem Tipp des Jungen hatte sie es raus. Begriffen, wie der Einfältige sagt.
      Das Lesen des Raumes war ein Vorgang, den man nicht vormachen oder lehren konnte. Es war ein Schalter, ein simpler einfacher Schalter, den jeder umlegen musste, ehe er verstand, wie es sich anfühlte. Und als er den erneuten Versuch mit einem Nicken genehmigte, bemerkte er die Veränderung ab der ersten Minute.
      Leicht schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht und er nickte, als Jasper zu ihm sah. Sie hatte es verstanden. Eindeutig und wahrhaftig. Dennoch dauerte es erneut beinahe zehn Minuten, ehe sie zu einem Ergebnis kam. Doch es war korrekt. Erstaunlicherweise und schneller, als Perley gedacht hatte.
      Sachte klatschte er in die Hände und lächelte.
      "Das war gut, Ms Sallow", kommentierte er. "Das war erstaunlich gut. Sie werden noch eine Weile des Übens benötigen, aber durchaus in der Lage sein, diese Kunst zu meistern. Wir erhöhen die Schwierigkeit noch einmal!"
      Perley erhob sich und seufzte beim Aufstehen etwas. Aus seiner Tasche beförderte er eine Kugel. Eine golden leuchtende, blank polierte Kugel aus Metall wie es schien und legte sie auf den Tisch vor Ember und Jasper.
      "Nun...Meine Herrschaften, was Sie hier sehen ist, ist ein Trugbild. Dieses Artefakt dient zur Erschaffung von beinahe echten Illusionen auf der Basis von gesammelter Aura. Ich habe in den vergangen Tagen und Wochen immer wieder Aurenbeispiele von diversen Menschen wie Zauberern eingefangen und werde sie nunmehr im Raum aussetzen. Dieses Mal ist der Auftrag schwerer, Ms Sallow. Das Ziel wird sich bewegen. Inmitten einer Menge von 10 Menschenauren befindet sich eine Aura von einem D-Klasse-Rogue. Sie ist schwach, aber da. Erneut ist die Aufgabe, die Aura zu erspüren und mir zu zeigen, wo sie sich befindet."
      Grinsend tippte er die Kugel leicht an.
      Mit der nächsten Sekunde veränderte sich der Raum ein wenig. Es erschien zwar nichts an Illusionen, aber doch zog eine Art von Leben in den Raum ein. Die Kälte des Kerkers schien ein wenig dem Aurenspiel zu weichen. und es fühlte sich zumindest so an, als wären Menschen in diesem Raum. Als könnte man sie atmen hören, wenn man nur allzu genau hinhörte.
      "Ah, und die Augen bleiben natürlich verschlossen", grinste Perley und begab sich in das Dunkel zurück. "Bedenken Sie, Ms Sallow. Sie sind eine Jägerin! Jagen Sie!"

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    • Mit dieser doch sehr aufschlussreichen Unterhaltung hatte Helena so ziemlich das meiste von dem erreicht, weshalb sie ursprünglich hergekommen war. Dass das nicht für jedermann offensichtlich war, kam ihr nur noch zugute. So nickte sie schließlich und erhob sich aus dem Stuhl, allerdings nicht ohne dem Arm des Arkanas einen vielsagenden Blick zuzuwerfen.
      "Ich hoffe mal, dein Einsatz war es wert gewesen", meinte sie nur schlicht, ging zur Garderobe und holte sich die Jacke vom Bügel. "Wenn ich irgendetwas tun kann, sag Bescheid. Nicht jeder aus unseren Kreisen ist immer auf Krawall aus, weißt du?"
      Noland sah der jungen Frau nur schweigend hinterher, als sie aus dem Dusk and Dawn verschwand um vor der Tür auf einen hochgewachsenen Mann zu treffen. Ihre Begleitung, wie Noland schätzte und tief durchatmete, kaum hatte er es nur noch mit einem Arkana zu tun.
      "Sie weiß nicht, was du getan hast", stellte er fest ebenso wie die Tatsache, dass ein Teil von Augusts Maske zu bröckeln begann. Jedoch nur ein Teil, den anderen würde er erst verlieren, wenn auch Noland nicht mehr anwesend war. Was auch nur Sinn ergab, wenn man sich Blößen nur in Anwesenheit von Menschen geben wollte, denen man vertraute. "Ich hoffe nur, dass sich dein Hauswirtschaftler bezahlt macht."
      Damit warf er einen Seitenblick zu der Tür, hinter denen es im wahrsten Sinne des Wortes heiß herging.

      Jasper hatte Ember vom Boden aus zu Beginn noch beobachtet, dann war sein Blick im Raum abgedriftet. Seine Aura spielte zwar nicht verrückt, aber das gesamte Konstrukt, das ihn umgab, war durchsetzt von Aura und kitztelte permanent sein gedankliches Trommelfell. Er konnte regelrecht spüren, wie die Migräne wieder stärker wurde und er sich am liebsten einfach wieder in sein Zimmer gestohlen hätte. Während Ember näher zu dem Tisch getreten war, starrte Jasper augenscheinlich nur willkürlich Löcher in den Raum.
      Die Ermittlerin war mit dem Lob Perleys alles andere als zufrieden. Das hier war eine Kleinigkeit und sie hatte sich von mehreren Parteien vorwerfen lassen dürfen, dass sie einfach nicht feinfühlig genug gewesen war. Plump und einfältig, um nicht zu übertreiben. Das hier hätte leichter von statten gehen sollen, schneller. Und kein Kraftakt, der die EInbringungen eines Kindes erforderte. Apropos Kind, dachte Ember und warf einen Blick über die Schulter zu Japser. Seit dem letzten Mal war mit dem Jungen irgendetwas passiert, das ihn so verändert hatte. Wie sie es drehen und wenden mochte, eine Verbindung zu August war nicht ganz unabwegig. Dann tippte Perley die glänzende Goldkugel an und drei Dinge geschahen zeitgleich.
      1. Die Atmosphäre im Raum wandelte sich. Schlagartig war sie weniger kalt und leblos sondern erfüllt von Etwas, selbst wenn man nicht den Finger darauf legen konnte.
      2. Richtete sich Ember kaum merklich weiter auf, die diesen Wechsel zwar nicht als solchen bemerkte, durchaus aber feststellte, dass etwas anders war. Sie hätte es früher als eine subtile Veränderung des Gefüges beschrieben, wie es manchmal vorkam wenn bekannte Parteien sich gegenübertraten und in eine Diskussion verfielen.
      3. Stöhnte Jasper plötzlich gedehnt auf, krümmte sich und hielt sich die Hände vor die Ohren.
      Sowohl Ember als auch Perley sahen zu Jasper, der aussah, als litt er körperliche Schmerzen. Er hatte die Augen zusammengekniffen und sich zu einer Kugel geformt während er weiterhin gequält stöhnte. Die Auren, die der Haushälter gerade losgelassen hatte besaßen in seiner Feinfühligkeit tatsächlich Stimmen. Ein furchtbares Chaos aus Stimmen brach über den Jungen herein in sämtlichen Gemütszuständen und Sätzen, von denen er immer wieder Worte aufschnappte. Nach der Aktion von letzter Nacht war das noch viel zu viel auf einmal. Es erinnerte ihn zu sehr an die säuselnden Stimmen aus der Schwarzen Stadt, an den heißen Ring in seiner Hand, an den Anblick von dem Gedankenleser, dem er-
      "Jasper, alles gut?" Ember hatte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter gelegt und sich zu ihm gebeugt.
      Wie ein Geisteskranker schlug er ihre Hand von seiner Schulter, kaum hatte sie in berührt. Er hatte sich ein Stück von ihr weggeschoben und starrte sie mit weit aufgerissenen, leuchtenden Bernsteinaugen an. Er atmete nur schnappartig, als wäre die Spannung zu groß um wirklich Luft einzulassen.
      Mit mindestens der gleichen Intensität hatte Ember ihre Hand zurückgerissen und begegnete dem Blick des Jungen mit mindestens der gleichen Intensität. Es brauchte kein Genie um zu schlussfolgern, dass Jasper überempfindlich auf Magie scheinbar reagierte. Oder einfach nur extrem sensibel war. Trotzdem bedeutete das nicht, dass sie weniger Vorsicht walten ließ. Der Junge war unter dem Radar geflogen und somit ein Rogue. Was auch immer er konnte, es war nicht ausgebildet und die Tatsache, dass August nicht nur Noland sondern auch ihm Zuflucht gewährte, ließ auf einen gewissen Wert die Rückschlüsse zu.
      "Perley kann sie wieder einsammeln, kein Problem. Richtig, Perley?" Sie schaute ihn gar nicht an sondern hatte ihre Aufmerksamkeit lediglich auf den instabil wirkenden Jungen vor sich gerichtet. "Alles in Ordnung, keiner will dir was. Du kannst gleich auch gerne wieder gehen, du musst nur aufstehen, okay?"
      Sie streckte ihm erneut die Hand aus, die Jasper wie etwas unglaublich Schreckliches angaffte und dann wieder die Augen zusammenkniff, so als hätte ihm jemand aus unmittelbarer Nähe in die Ohren geschrien. Er formte nur ein stummes Wort mit seinen Lippen, dann ging Ember plötzlich in die Knie. Nun war sie es, die mit geweiteten Augen den Jungen entgegenstarrte und sich die Hände vor die Brust geschlagen hatte. Wenn man es nicht besser wusste dann sah es so aus, als würde sie ersticken. Dabei hatte sie lediglich das Gefühl, als würde man ihr mit Gewalt an den Innereien zerren. Irgendetwas wegnehmen wollen, das Überlebenswichtig für sie war. Dass Jasper gerade nach einer Facette ihrer Aura gegriffen hatte, wusste sie natürlich nicht. Nur, dass es ihr eiskalt über den Körper lief und Jasper unerwartet schockiert reagierte. Er keuchte ein leises "Nein" und robbte panisch von Ember weg, die erleichtert aufatmete, kaum hatte sich der Junge entfernt. Ihr Blick war gen Boden gerichtet als sie sich vergewissern musste, dass das widerliche Gefühl aufgehört hatte.
      Doch Jasper war so weiß geworden wie der Kreis inmitten des Raumes. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gesammelt als er grunderschüttert erst an sich, dann Ember ansah. Er hatte wieder die Kontrolle verloren. Er hatte fast wieder aus Reflex einen Menschen in eine hirnlose Hülle verwandelt. Er hätte diese Frau da vorn verletzt, die vermutlich hier mehr Personen etwas bedeutete als es gut für alle Beteiligten war.
      "Ich...", stammelte er bevor seine Stimme vollkommen wegbrach. Das Chaos in seinem Kopf war übermächtig, die Stimmen zu laut, das Rauschen seines Blutes nur die Grundstimmung. Sein Blick verschwamm, wurde unscharf und ihm wurde übel als er wieder diese Bilder vor sich sah.

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