[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    • Gallows konnte nicht umhin, einem Lächeln zu erliegen, während er die junge Polizistin eingehend betrachtete.
      Ja, es war wirklich bemerkenswert, dass zwei unterschiedliche Zeitrichtungen doch so viele Gemeinsamkeiten mit sich brachten. Ob er ihr erzählen sollte, was bei ihrem letzten und ersten Treffen geschehen würde? Der innere Schalk gebot es ihm, weil er das Schicksal nicht leiden konnte, aber zugleich musste er sich eingestehen, dass es vermutlich die denkbar schlechteste Lösung aller wäre.
      "Kannst du durchaus", bestätigte er und lächelte. "Jedoch bedenke: Mit jedem Treffen was nun folgt, werde ich weniger von dir, du aber mehr von mir wissen. Es bringt die Natur der Sache also mit sich, dass wir beide immer einen leicht unterschiedlichen Stand voneinander haben."
      Anschließend seufzte der Mann theatralisch und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Im Gegensatz zu Augusts war dieses gepflegt und ordentlich gestutzt. August dagegen wirkte wie ein gerupfter Straßenhund, wenn man sie verglich. Wollte er eigentlich verglichen werden?
      "ICh spreche die Warnung aus, weil es meine letzte Gelegenheit sein wird, eine Ember Sallow zu treffen, die bereit ist, an der Welt etwas zu ändern. Ich möchte nicht, dass du den Stürmen der Zukunft erliegst, auch wenn du es selbst warst, die mich vor diesen gewarnt hat. Du selbst hast mir aufgetragen, dich zu warnen, meine Liebe. Und das habe ich getan. Denn so will es das Schicksal."
      Und noch einiges mehr, dachte er sich stumm, während er einen Seitenblick zu August warf.
      "Einen Penny für deine Gedanken", grinste er und verschränkte die Arme vor der Brust.
      Im weiteren Verlauf schienen die Gesprächspartner sich auszutauschen. Hin und wieder wurden Seitenblicke in Embers Richtung geworfen und vermutlich fragte sich jeder im Raum, weshalb August dieses gefährliche Los spielte. Immerhin war Ember ein ungeahntes Risiko für seine Herrschaft über den Zirkel. Und doch schien der Arkana nicht im geringsten beunruhigt. Im Gegenteil. Aus seiner Ecke des Gesprächs drang verhaltenes Gelächter und die volle Stimme Hakims an die Ohren, die von einer Begebenheit berichtete, als tränken sie Kaffee.
      Was für ein wirres Gerede...

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    • Ember kannte diese Art Blick sehr gut. So sah man aus, wenn man in Erinnerungen schwelgte, die größenteils eine angenehme Erfahrung darstellten. Und da Johannan sie gerade so ansah erwachte ihr Argwohn endlich wieder aus seinem Dämmerzustand.
      "Einen Moment bitte. Was habe ich getan, damit ein Arkana den Laufburschen für mich mimt?", fragte Ember und runzelte unweigerlich die Stirn.
      Natürlich hatte sie nichts dagegen, wenn dieser Umstand bedeutete, dass sie zumindest mit diesem Arkana nicht auf Kriegsfuß stehen würde. Allerdings sah sie keinerlei Grund, warum man ihre Bitte einfach so erfüllen sollte. Da musste etwas geschehen sein, dessen war sie sich sicher.
      "Letzte Möglichkeit? Ich glaube nicht, dass ich jemals davon abrücken würde, die Welt umzugestalten zu wollen...", meinte sie jedoch nachdenklich und folgte dem kurzen Seitenblick des Schicksalrades hinüber zu August.
      Er unterhielt sich überraschend locker und selbst Ember meinte, leises Gelächter hören zu können. Scheinbar schien die Stimmung sich zumindest in dieser Ecke wieder etwas berappelt zu haben und nicht weiter gen Süden gerutscht zu sein. Zwischendurch entdeckte sie ihn dabei wie er mit Hakim das Wort wechselte und so die Zeit überbrückte. Am anderen Ende des Raumes hatte sich das feindliche Lager sortiert. So richtig wohl würde sich die einzige Nichtmagische unter den zahllosen verstohlenen Blicken jedoch nie fühlen.
      "Danke übrigens für deinen Einwurf vorhin. Ich glaube, die Unterhaltung wäre sonst völlig aus dem Ruder gelaufen. Für die Überbringung meiner eigenen Warnung hätte man nicht unbedingt für einen Abend wie diesen warten warten müssen." Sie trat von einem Fuß auf den anderen. "Bei einem Kaffee wäre das bestimmt viel... unbefangener gewesen."
      Wieder ein Blick hinüber zu August.
      "Sie bringt es durch, ihn abzuwählen, oder?"
      Embers Stimme war leise geworden und drohte fast in dem recht lauten Gemurmel unterzugehen. Eine Spur Schwermut und deutlich hörbare Sorge schwangen in ihren Worten mit bevor sie einmal tief durchatmete. Die Versammlung war noch nicht vorüber und die Fronten noch nicht geklärt. Siobhan würde versuchen, die Arkana in den Aufstand zu bewegen und sie würden hart um jede Gegenstimme kämpfen müssen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Gallows beschloss, auf die letzten Fragen der jungen Frau nur sporadisch zu antworten. Zu vieles hing an einem guten Ausgang dieses Desasters hier. Und auch wenn er wusste, was geschehen würde und geschehen war, erschien es ihm dennoch merkwürdig unvertraut. Als würden die Winden des Schicksals sich nicht mehr so verhalten wie er es gewohnt war.
      "Du hast gar nichts getan", sagte er. "Zumindest nichts außergewöhnliches. Du warst einfach...du, denke ich?"
      Gallows zuckte mit den Achseln und holte gerade Luft, als Bewegung in die Arkana kam. Eine schwere Glocke wurde abermals geläutet um das Ende der Verhandlungen einzuläuten und kurzerhand verneigte sich der Arkana höflich vor Ember, sodass seine roten Locken wie ein Sturmwall wippten.
      "Es war mir eine Freude, dich wieder zu sehen", sagte er und grinste breit, ehe er sich beinahe verabschiedete. "Auch wenn ich bezweifle, dass du jemals einfach so mit mir einen Kaffee getrunken hättest. Aber ich sehe und verstehe besser denn je, was August in dir sieht. Erstaunlich..."
      Auf ihre letzte Frage hin grinste er nur und zuckte die Achseln.
      "Wir alle sind Sklaven unserer Selbst, Ember Sallow."
      Sachte verschwand der junge Mann in der Menge sich windender Leiber und huschte zu seinem Platz, der ein wenig abseits stand. Schweigsam wanderten die Arkana an die ihnen zugedachten Plätze, während August ihr kurz entgegen huschte. Einen kurzen Blick warf er ihr zu und überzeugte sich, dass sie unversehrt war. Immerhin das konnte er zumindest noch, ehe er sich wieder nickend an seinen Platz begab und sich räusperte.
      "Brüder und Schwestern", hallte seine kräftige Stimme über das lauthalse Schweigen der Meute hinweg, während der letzte Gong sachte im Raum verhallte. Stühle wurden gerückt und Leiber rieben an Kleidung sodass es munter raschelte, als endlich Ruhe einkehrte.
      "Wir haben beraten und verhandelt. Das Ansinnen der Nummer 21 steht zur Debatte und ich erbitte die Urteile. Geurteilt wird das Ansinnen, mich des Sprecherpostens zu entheben. Dem entgegen steht die Einlassung meiner Adjutantin, sich der Attacken auf unschuldige Rogues und unsere Familien anzunehmen und ein Ergebnis herbei zu führen. Hierfür wurden allenthalben zwei Wochen vorgeschlagen. Ich bitte euch alle nun zu entscheiden. Stimmt ihr für die Absetzung und Neuwahl eines Sprechers? Oder für meine Erhaltung?"
      Nach einer gefühlten Ewigkeit verhallte auch der letzte Ton in der hohen Kuppel des Raumes und nur noch die Adjutanten sahen einander an. Die Arkana selbst schienen in ihrer eigenen Welt gefangen.
      "Hebt die Hand für die Absetzung", sagte Augst und wartete gespannt auf die Antwortenden. Diverse Hände trugen sich nach oben. Zu viele, wenn er ehrlich war, aber tapfer zählte der Arkana die Stimmen aus.
      "9 Stimmen für die Absetzung", bemerkte er und blickte zu Siobhan. Diese sah ihrerseits beinahe wütend zu ihm herüber, während er sich schweigsam erneut zum Sprechen anhob.
      "Hebt die Hand für die Erhaltung", rief er in den Raum und zählte auch diese. "10 Stimmen für die Erhaltung. Ich zähle ferner zwei Enthaltungen."
      Er nickte erstaunlicherweise dem Schicksalsrad zu, dass seinerseits ebenso nickte. Neben August selbst hatte sich auch Siobhan enthalten.
      "Ich erkläre daher, die Absetzung auf zwei Wochen zu vertagen und die Ergebnisse von Ember Sallows Berichten abzuwarten. Ich treffe euch alle in zwei Wochen hier an diesem Ort oder einem anderen wieder. Die Kunde ereilt euch mit den Raben wie üblich. Achtet auf euch und hütet euch vor kopflosen Aktionen, meine Geschwister. Denn nichts ist dieser Tage so nützlich wie ein kühler Kopf und ein wackeres Herz."
      Der Richter schnaubte bei diesen Worten und war der Erste, der sich erhob. Schweigsam donnerten die schweren Schritte durch die leer wirkende Halle und beinahe geradlinig marschierte der große Norweger auf Ember zu, die noch immer in ihrem Stuhl saß. So selbstherrlich deplatziert, dachte der Mann und schnaubte widerlich abfällig, ehe er seine müden Augen zu Ember richtete.
      August hatte sich erhoben und sich ihm zugewandt. Wut stand in seinen Augen und färbte sein Gesicht neu.
      "Kjetil...", mahnte er und wollte die Hand heben, da der Richter zum Sprechen anhob.
      "Dies", sagte er mit tiefer, akzentgeladener Stimme. "Dies fand ich bei den Leichen meiner Liebsten. Wenn du glaubst, du kannst es besser: Finde den Verursacher...Sonst finde ich dich."
      Um eine Drohung kam er nicht hinweg, als er Embers Hand stoisch ergriff und ihr ein Kleinod hinein legte. Es war augenscheinlich ein Ring, gereinigt vom Blut. Auf dem Ring befanden sich merkwürdigen Insignien und ein rostig wirkender Kreis teilte zwei Abteile. Eine merkwürdige Aura ging von ihm ab und er wpürde sich heiß in Embers Hand anfühlen. Der Richter nickte und wandte sich um, ehe er den Raum schnaubend udn eiligen Schrittes verließ.

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      Stimmen für August:

      Emmett, Eva, Hakim, Der Eremit, Gerechtigkeit, Armah, Mueller, Der Turm, Schicksalsrad, (vllt Helena?, Wenn nicht:) der Stern

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    • Du warst einfach...du.
      Eine einfache Floskel, die ihre Wirkung aus dem Mund des Zauberers mit der Schicksalsmagie nicht verfehlte. Das Du von heute war vielleicht nicht das Du von morgen und die Gewissheit, dass vieles einen Menschen verändern konnte, lag Ember sauer auf der Zunge. Allein schon in welch wahnwitziger Geschwindigkeit sie sich verändert hatte seitdem sie August aus dem Evenstar geholt hatte hätte sie niemals erwartet.
      Johannans angedeutete Verneigung sorgte dafür, dass sie sich unsicher kurz umsah bevor er seine letzten Worte an sie richtete. Noch bevor sie etwas erwidern konnte war er mit einem doch sehr sympathischen Grinsen von Dannen gerauscht und und der regen Menge verschwunden.
      "Ich hatte einen mir unbekannten Schwerstverbrecher in meiner Wohnung. Natürlich wäre ich auf einen Kaffee ausgegangen...", murmelte sie dennoch, wenn auch unhörbar für den rothaarigen Mann.
      Dann tauchte August in ihrem Blickfeld auf, näherte sich ein Stück und schien sie zu mustern. Sie wusste nicht, was er von ihr wollte, hob die Augnebrauen und riss die Augen ein wenig auf, während sie den Kopf schüttelte. Eine wortlose Mitteilung à la Es ist schon nicht passiert. Trotzdem bescherte ihr dieser so kurzweilige Augenblick den einzigen Anker, den sie in dem Meer an Unsicherheit gerade bestens gebrauchen konnte. Also griff sie nach ihm im übertragenen Sinne und schloss zu August auf, um sich wieder auf den ihr angedachten Stuhl hinter ihm zu setzen.
      Die folgende Abstimmung war kaum zu ertragen. Egal wie verquert sie hatte denken wollen, ein Ausweg aus dem Falle, dass man August abwählte und sich für ihre Beseitigung aussprach, tat sich ihr nicht auf. Dann würde sie hier unten einfach sterben ohne dass an der Oberfläche jemand etwas davon mitbekam. Ein Opfer unter vielen, im schlimmsten Falle hätte sie August dann gleich mit sich gerissen.
      So musste Ember schweigend mitansehen, wie sich die Hände von neun Arkana hoben und für eine Abwahl stimmten. Wie zu erwarten waren die üblichen Verdächtigen dabei - der Richter, die Sonne und Bones. Interessanterweise auch Lupescu, den sie eigentlich anders eingeschätzt hätte.
      Im Gegenvotum meldete sich exakt eine Hand mehr als zuvor und Ember fiel buchstäblich ein Stein vom Herzen. Auch hier waren die üblichen Verdächtigen klar gewesen mit Emmett und Hakim, auch Eva hatte sie zu Augusts Lager gezählt. Spannend jedoch war die Meldung des Turms ebenso die jene des Eremiten, den sie noch kein einziges Mal gehört hatte.
      Zwei Wochen. August hatte seine Position und ihr Leben in Embers Hände gegeben und so viel Zeit erkauft, wie es ihm nur möglich gewesen war. Zwei Wochen um herauszufinden, wer die Strippen hinter den Angriffen zog und damit ihrer aller Hintern zu retten. Wenn sie das nicht schaffte, wäre sie mit Auslöser eines Bürgerkriegs, den sie vermutlich nicht einmal erleben würde.
      Viel weiter konnte Ember nicht nicht in ihren Gedanken versinken, da erhob sich der Richter geräuschvoll von seinem Platz und zog Embers Blick magisch an. Ihre Augen waren geweitet als sie den imposanten Mann direkt auf sich zu kommen sah. Doch sie weigerte sich, die angebrachte Sorge in ihrem Gesicht Platz finden zu lassen. Stattdessen atmete sie tief ein und blieb sitzen, so als fürchte sie nichts was auch immer kommen mochte. Kurz zuckte ihr Blick zu August, der sich ebenfalls erhoben hatte und etwas mehr Farbe im Gesicht bekommen hatte, als es ihm gut tat. Aber in dem Augenblick, in dem der Richter vor ihr zum Stehen gekommen war und sie seine Mimik von Nahem begutachten konnte, ließ ihre Sorge minimal nach. Sie kannte diesen Blick, den er gut versteckt unter seiner Fassung bewahrte. Sie hatte ihn oft genug im Spiegel gesehen.
      Trotzdem erschrak sie, als er nach ihrer Hand griff und etwas hineinlegte, das sich augenblicklich in ihre Handfläche zu fressen schien. Sofort schloss sie die Hand zur Faust, schloss die neugierigen Blicke der Anwesenden von dem aus, was ihr der Richter anvertraut hatte.
      "Sollte ich ihn finden wird er kein gewöhnliches Gericht sehen", entgegnete Ember und sah dem großgebauten Mann hinterher wie er die Halle verließ.
      Dies war ihr Ticket. Der brennende Ring in ihrer Faust war nicht nur ein ernsthafter Hinweis auf den Drahtzieher sondern zeitlich ein Weg wie sie sich seiner Anerkennung gewiss sein konnte. Fand sie denjenigen, der Schuld an diesem Chaos war, würde Kjetil Prestegard zumindest nicht mehr mit dem Gedanken spielen, ihr persönlich den Kopf einzuschlagen.

      Zurück im Dusk and Dawn konnte Ember das erste Mal seit gefühlten Stunden wieder normal durchatmen. Sie waren auf gleichem Wege wieder zurückgekommen wie sie gestartet waren und stolperten etwas baselig aus dem Kaminfeuer, das noch immer so seltsam brannte. Ember musste sofort ihre Arme und Beine schütteln, um die angestaute Spannung loszuwerden, nur ihre Faust verblieb so wie sie war.
      "Okay, August. Wie konnte dir entgehen, dass SIOBHAN die WELT ist?", schoss die Frage sofort aus ihre heraus, kaum hatte sie wieder genug Luft in der Lunge zum sprechen. "Sorry, das sollte jetzt nicht anklagend klingen. Du warst ja mindetens so erschrocken wie ich als sie auf einmal aufgetaucht ist. Und zwei Wochen? So ein Zeitlimit hat bei den Sharokh-Angriffen ja auch wunderbar funktioniert, ich weiß gar nicht wo ich-"
      Angestrengt brach Ember eigenständig ihre Wortschwall ab und stoppte inmitten des Raumes, durch den sie zu wandern begonnen hatte. Finde zur Ruhe und behalte einen kühlen Kopf, ermahnte sie sich selbst während sie auf dem Absatz kehrt machte und August musterte. Die Anspannung stand ihm mindestens genauso ins Gesicht geschrieben wie ihr und würde sich erst noch daraus verabschieden müssen.
      "Alles okay? Immerhin können wir einmal kurz durchatmen. Aber mal im Ernst, du hättest am Ende gegen Prestegard nicht das Wort erheben müssen. Wenn er gewollt hätte wäre ich unlängst durch den Raum geflogen und dafür hättest du keine Partei ergreifen müssen."
      Sie seufzte, leise und sanft, während sich ihre Miene zusehends entspannte und sie den Arkana vor sich freundlicher musterte. Sie hob sie Hand zwischen sie beide und offenbahrte nun ihnen beiden, was der Richter ihr in die Hand gelegt hatte.
      "Irgendein Kommentar hierzu?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Nie war August glücklicher, die kahlen Wände des Dusk & Dawn zu sehen, als er aus den grellen Flammen stieg.
      Der Rauch hatte den Raum etwas eingenebelt und verzog sich beinahe schlagartig, als die Flammen ein warmes, sattes Orange annahmen und den Raum angenehm beheizten. Schweigsam trat er in den Raum und warf seine Jacke auf einen der Sessel, ehe er sich zu einem Schrank gegenüberliegend des Sitzbereichs begab.
      Hier fand sich - neben besagtem Multifunktionsschrank aus schwerem Eichenholz, noch eine kleine Theke. Sachte griff er eine Flasche mit einer durchsichtigen Flüssigkeit heraus und fischte ebenso zwei Gläser aus dem Nichts, während seine Gedanken Sturm liefen. Embers Fragen prasselten regelrecht auf ihn ein, als er wieder um die Theke herum kam und die zwei Gläser sorgsam mit der Flüssigkeit.
      "Irgendein gebrannter von Dolores", murmelte er und schob ihr ein halbvolles Glas hin, während er seins hinab stürzte.
      Zwei Wochen...Zwei verfluchte Wochen waren gar nichts.
      "Wie konnte es mir entgehen...", murmelte er weiter und sah Ember mit einem Mal aufmerksam an. "Die Frage stelle ich mir bereits seit gut zwei Stunden. Wir konnte ich nicht bemerken, dass mir ein Arkana gegenüber stand. DIe Antwort ist einfach: Siobhan ist verschlagener als ich dachte. Auch wenn ihre Motive sicherlich nicht alle schlecht sind, erweist sie sich doch als hartnäckiger Gegner..."
      Nachdem er das Glas wieder absetzte und er wartete, ehe Ember ihres nicht mehr in Händen hielt, trat er näher an sie heran und tat das, was er sonst nie tat.
      Er umarmte sie fest und drückte sie an sich. Der Größenunterschied der beiden war zwar nicht so erheblich, aber schweigend drückte er ihren Kopf an seine Halsbeuge während er kurz die Lippen auf ihren Scheitel legte. Beide Menschen verharrten ein, vielleicht drei Sekunden in dieser Lage, ehe er sich wieder von ihr löste und einen Schritt Abstand nahm.
      "Damit das klar ist...", begann er und sah sie an während er sich an der Nase kratzte. Das Haar stand ihm wieder wirr ab, auch wenn seine Augen klar funkelten. "Er hätte nur über meine Leiche Schaden an dir anrichten können. Davon abgesehen tue ich was ich will."
      Vollidiot, dachte er und schenkte sich nach.
      Als sie die Hand öffnete und den Ring erblickte, griff er kurzerhand nach ihrer Hand. Es wäre gelogen gewesen, wenn diese kurze, zarte Berührung nichts ausgelöst hätte. Der Arkana hob die Hand etwas näher an seine Augen heran, sodass sein Atem ihre Handfläche streifte und besah sich des Rings.
      "NIcht wirklich", gab er zu. "Es sieht nach einem Bannring aus. Ein Artefakt, hergestellt um magische Energie zu kontaminieren. Sicher wissen wir es aber erst, wenn ihn ein Zauberer anzieht."

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    • Es war reine Routine, wie Ember automatisch nach dem Glas griff, das August für sie präpariert hatte. Prüfend roch sie an dem Klaren und rümpfte die Nase. Üblicherweise hätte sie es ihm gleich getan, nun allerdings besann sie sich eines besseren und seufzte, als sie das Glas auf den nächstbesten Tisch abstellte.
      "Das nächste Mal... Ich muss morgen wieder im PD erscheinen und dieses Mal gerne mit Auto", ließ sie ihn wissen und sah dabei zu wie er sich scheinbar ernsthaft mit der Frage beschäftigte, wie eine gewisse Siobhan einfach so unter dem Radar fliegen konnte.
      Gerade nach dem Kommentar in der Halle, dass ein jeder ihre Aura spüren konnte, hätte er es doch wissen müssen. Dass er es nicht erkannt hatte zeugte davon, dass seine Annahme richtig war und Ruairis Schwester schwieriger zu handhaben war als gedacht. Warum genau er sie überhaupt dabei haben wollte und sie auch noch eingewilligt hatte, war ihr jedoch ein Rätsel nach wie vor.
      "Und welche Motive wären das?"
      Ember bekam keine Antwort auf diese Frage. Stattdessen zog August sie in eine Umarmung und überraschte sie damit ein weiteres Mal diesen Abend. Das war allerdings der Beweis, dass er ihr ihre damalige Entscheidung wirklich nicht zu Lasten legte. Diese Umarmung strahlte eine Erleichterung aus, die sie nur zu gerne teilte und ihm die Hände auf den Rücken legte, um die Umarmung mit leichtem Druck zu erwidern. Keine gesprochene Entschuldigung der Welt konnte ihr so erfolgreich die noch immer in ihr lungernde Reue nehmen wie diese einfache Umarmung. Aber wie alles in der Welt währte sie nicht ewig und so gab sie den Mann frei als er Anstalten machte sich zu entfernen.
      ...Nur über seine Leiche?
      Ein kleines Blitzen tauchte in ihren Augen auf, als Ember eine Erkenntnis hatte. Das würde erklären, warum er sie hin und wieder so eigentümlich angesehen hatte. Warum er alles in seiner Macht stehende getan hatte, um ihr mehr als einmal den Hals aus der Schlinge zu ziehen. Dass Johannans Worte keine flapsige Bemerkung gewesen war, wie sie ursprünglich gehofft hatte.
      Ember entschied, vorerst nichts dazu zu sagen.
      Stattdessen kamen sie auf den Ring zu sprechen, der auf Embers offener Hand relativ nah an Augusts Gesicht thronte. Sein Atem strich in gleichmäßigen Zügen über ihre Haut aber sie ließ sich nicht davon ablenken. Immerhin hatte sie nun eine Vermutung seinerseits zu dem guten Stück und würde diese gegen eine zweite Meinung halten, die sie sich noch einholen würde. Wenn nicht heute, dann morgen. Auf alle Fälle würde sie nicht jedem den Ring unter die Nase halten. Das hier bedurfte ein wenig Fingerspitzengefühl.
      "Okay. Ich kenne da noch jemanden, der mir vielleicht etwas dazu sagen kann." Sie schloss die Hand und zog ihre Hand zurück, nur um den Ring in ihre Handtasche zu stecken, aus der sie im gleichen Zug das geliehene Magazin zog und es neben sich auf den Tisch legte. "Also. Zwei Wochen. Dann werde ich mal meine Fühler ausstrecken und schauen, welch dreckige Geschichten sich auftun lassen. Wohin hattest du eigentlich die Duplikate von Emmett geschickt?"

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    • Warum hatte er sich mehr erhofft, als einen leichten Druck auf seinem Rücken?
      Und wie alt war er eigentlich, dass er wie ein Teenager auf ein "mehr" geierte. Beinahe amüsiert wandte er sich ab und seufzte während er sich nochmals nachschenkte. Es stimmte wohl. Alte Schwächen verblassen nicht, nicht wahr?
      Den ungenutzten Drink fischte er beinahe achtlos vom Tisch und entsorgte ihn in der zugehörigen Spüle und im Ausguss. Sachte fuhren Gedanken wie Messer durch seinen Verstand und er zuckte die Schultern.
      "Siobhan hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie die Attacken auf die Rogues verurteilt hat. Vielleicht war es ein wenig blauäugig von mir oder vielleicht war auch mein Verstand noch zu vernebelt von den ganzen Dingen um die Sharokh herum. Aber ich habe wirklich geglaubt, dass sie an einer friedlichen Lösung interessiert ist. Ich denke, sie versucht nur, das Richtige ihrer Maßgabe nach zu tun. Auch wenn sie dabei nicht merkt, was sie alles kaputt machen würde..."
      Dann, als durchführe ihn eine Erkenntnis, sah er auf und hob den Zeigefinger einer Hand.
      "Einen Moment...", murmelte er und begann, in einer Schublade zu kramen. Hin und wieder hörte man ein kleines Rumpeln, während er weiter sprach.
      "Ich habe die Emmetts damals an die Tatorte geschickt um Proben zu sammeln. Jedoch - fand sich dort außer normalen magischen Ausdünstungen nicht wirklich etwas verwunderliches. Anschließend habe ich ihn diverse Leute beschatten lassen, die ich in dem Kreis der potentiellen Verdächtigen befanden. Dazu gehörten auch Knight und MacAllister. Also der Bruder. Naja, ich muss nicht sagen, dass Knight ihn abschüttelte und MacAllister das Duplikat schlicht und ergreifend verpuffen ließ, nachdem er es entdeckt hatte. War ein Riesenreinfall und ich kam nicht weiter. Es gab einfach keine Spuren mehr...Und ich frage mich bis heute, welchen Weg man noch gehen kann..."
      Schließlich fand er wonach er suchte und förderte ein kleines Ringetui aus der Schublade.
      Es war schlicht schwarz mit einem goldenen Einband und grinsend schob er es über die Theke.
      "Vermutlich dient der Ring dazu, seine Umgebung oder Auren zu manipulieren. Daher sollte man ihn nicht direkt mit sich herum tragen, solange wir seine Wirkung nicht kennen", bemerkte August und seufzte. "Steck ihn dort hinein. Und das Magazin kannst du behalten. Du brauchst es dringender als ich..."
      Ehe er sich erhob um das Ende ihres Abends einzuläuten, wandte er sich nochmals um.
      "Bitte informier mich, wenn du etwas herausfindest", bemerkte er. "Und mach dir keine Vorwürfe, wenn es nichts zu ermitteln gibt. ICh bin auf den Moment, vor Gericht zu stehen, bereits seit einigen Jahren vorbereitet."

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    • Sichtlich interessiert beobachtete Ember August dabei wie er einen Einfall hatte und begann, das Innenleben einer Schublade auseinander zu nehmen.
      "Also Knight ist mir persönlich auch nicht ganz geheuer. Ich kann nicht genau den Finger drauf legen, aber irgendetwas stimmt mit diesem Mann nicht. Und was Ruairi MacAllister betrifft... nicht verwunderlich, dass er den Doppelgänger einfach auflöst. Ich würde sagen, er gibt sich unvorsichtiger in Gegenwart von potenziell nicht gefährlichen Personen. Wie mir zum Beispiel."
      Wie konnte man es charmanter ausdrücken? Noch immer spielte Ember nicht wirklich im Spiel der ganz Großen mit obwohl sie viel zu nah am Spielrand stand und hier und da mal einen Ball zurück ins Feld schießen durfte. Es war nur eine Frage der Zeit bis sie einmal einen fiesen Ball gegen den Kopf bekam.
      Als August mit einem schwarzen Ringetui zurückkam, wurde Ember ganz plötzlich ziemlich schlecht. Sie hatte das Gefühl, ihr Magen sackte in ihre Kniekehlen ab als er ihr das kleine Schächtelchen zuschob und sofort ihre geisterhafte Furcht in Luft auflöste. Es fühlte sich bei ihr an wie ein Déja-Vu.... Wie seltsam...
      "Wow, und ich dachte schon du willst mir einen Antrag machen", spottete sie mit einem Grinsen, das ein Hauch zu nervös war. "Na gut. Mit Schusswaffen bin ich ja wirklich der Bessere von uns beiden, hm?"
      Mit langen Fingern griff sie nach dem nachtschwarzen Etui, klappte es auf und friemelte den Ring aus den Untiefen ihrer Handtasche hervor. Sie musste nicht lange suchen - durch die Hitze zuckte sie kurz zusammen ehe sie ihn in seine neue Behausung steckte und die Schachtel nun verstaute. Dann beugte sie sich vor, stellte die Ellbogen auf der Theke ab und stützte ihr Kinn auf einer Hand ab. Einen Moment lang beobachtete sie August nur, wie er da stand und sie ansah. Mit seinen wirren Haaren und dem klaren Blick in dem herrlichen Aufzug, den er viel zu selten trug. Ein Schwall SChwermut überspülte sie bei diesem Anblick, denn vor ihr stand ein Mann mit einem Leben, das er dank ihr verwirkt hatte. Wie viel Zeit blieb ihm eigentlich noch?
      Sich darüber den Kopf zu zerbrechen brachte nichts. Mit einem blassen, akzeptierenden Lächeln schloss sie die Augen, stieß einen Atemzug hervor und erhob sich wieder von der Theke. Wie wäre das ach so tolle Schicksal wohl in einer anderen Konstellation mit ihnen beiden verfahren?
      "Ich habe nicht vor, ergebnislos zu bleiben. Das ist nicht mein Stil, August. Niemand verlässt einen Tatort ohne Spuren zu hinterlassen. Ich finde denjenigen. Außerdem kann ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mich mit Prestegard ein wenig besser zu stellen."
      Sie ging zur Eingangstür hinüber und drehte sich noch einmal halb zu August um.
      "Falls irgendetwas sein sollte, meld dich bei mir. Immerhin sitzen wir nun Beide mit dem Kopf in der Schlinge", schmunzelte sie. "Und wenn du nur jemanden brauchst, der den Selbstgebrannten von Dolores mit dir trinkt."
      Dann winkte sie ihm kurz und verschwand in der kalten Nacht.


      Ruairis Wohnung - 21:49 Uhr

      Egal wie sie es drehte und wendete - ein jeder ihrer Wege führte genau hierher. Seit nunmehr fünf Minuten saß sie hinterm Steuer des geparkten Wagens und zerbrach sich den Kopf darüber, ob es wirklich eine so gute Idee war. Aber nachdem sie absolut keine andere Möglichkeit hatte ihn zu kontaktieren musste sie ihn einfach persönlich aufsuchen. Sie brauchte die Gewissheit, dass es ihm gut ging und Antworten.
      Schließlich gab sich Ember einen Ruck und stieg aus ihrem Wagen aus. Die kalte Luft jagte ihr ein Frösteln über trotz des Mantels, den sie trug. Eine Leggins war nun mal nicht sonderlich warm aber sie musste ja auch nur bis zu der Tür aushalten. Eilig huschte sie zur Eingangstür und suchte nach dem Schild an der Klingel, das noch nur handschriftlich ausgetauscht worden war. Ohne weitere Verzögerung klingelte sie und starrte gebannt auf die Tür. Es surrte, sie drückte gegen die Eingangstür zum Flur und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen. Als sie in das halbdunkle Treppenhaus stierte erhellte Licht aus einer Wohnung die Dunkelheit und Ember sah Ruairi seinen Kopf hervorstrecken.
      Gott, sie hätte beinahe erleichtert aufgestöhnt.
      "Hi", war die beste Begrüßung, die sie unter den Umständen hervor brachte. Ein schmales, etwas unsicheres Lächeln schlich sich auf ihre Lippen als sie die gleichen Augen ausmachte wie die der Welt. "Ich hoffe, ich stör' nicht. Bist du allein und können wir reden?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August blickte ihr noch lange hinterher. Zu ihren Anmerkungen hatte er nicht mehr wirklich etwas sagen können, da er spürte, dass sie nach Hause wollte. Oder vielleicht noch ermitteln? Man wusste es bei Sallow nie genau, weshalb er sich an die Theke lehnte und sachte vor sich hin grinste.
      Antrag, huh? Innerlich musste er sich dafür schelten, dass er das ohne Ankündigung getan hatte, aber die genuine Reaktion ihres Gesichts war einfach zu köstlich gewesen. Schweigsam stellte er die Gläser weg und seufzte schwer, ehe er selbst nach seiner Jacke greifen wollte. Mit einem kurzen Seitenblick nahm er aus seiner Westentasche eine kleine Taschenuhr heraus. Auf dem Deckblatt war in Gold ein schweres Wappen gehüllt, dass zwei gekreuzte Sensen zeigte.
      Mit einem kleinen Klicken öffnete sich die Uhr und entblößte keine Zeiger. Es war eher eine blutig anmutende Schrift, die ihm Ziffern ankündigte: 30.240 Minuten. Und sie lief rückwärts.
      Mit einem stoischen Blick steckte er die Uhr weg und öffnete die Tür zum geheimen Zimmer. Dahinter nahm ein schwerer Duft nach Schweiß udn Blut sein neues Territorium auf und August lächelte, während er die Jacke über einen Stuhl legte und die Gestalt darauf betrachtete.
      "Also...", begann er grinsend. "Wo waren wir stehen geblieben?"


      Ruairis Wohnung

      Das Surren riss ihn aus seiner sinnigen Abendbeschäftigung.
      Also das Auf-dem-Sofa-Sitzen und sinnlos Serien zu bingen, die er nicht mal wirklich verstand. Er hatte noch nie durchblickt, weshalb so viele MEnschen sich an Downton Abbey vergingen. Nun, zugegeben: Die Serie war durchaus interessant aber nur wenn man auf derlei Drama und auf das Hintergehen von Menschen stand.
      Als das Surren den Raum erfüllte, erhob er sich seufzend und schaltete den Fernseher aus. Ruairi war nicht für Besuch gekleidet. Er trug nur eine kurze Hose, die als Schlafhose fungierte und ein locker sitzendes T-Shirt, als er den Knopf ohne zu denken drückte. Mit einem leichten Gähnen trat er an die Tür, nur um Sekunden später Embers Gesicht zu sehen.
      Und mit einem Mal hellte sich seine müde Mimik auf udn ein breites Lächeln trat an die Stelle.
      "Hi", erwiderte er kichernd und machte ihr Platz zum Eintreten. "Das ist eine angenehme Überraschung. Hatte nicht mehr mit dir gerechnet. Ja, ich bin allein, wie du siehst. Zumindest war außer einem Netflix-Abend nicht mehr viel geplant."
      Sachte nahm er ihr den Mantel und die Tasche ab und platzierte beides im Eingangsbereich während er anschließend den Weg ins Wohnzimmer einschlug. Sie sah wirklich wunderbar aus! Wo sie wohl war? Ob sie ein Date hatte? Dummkopf! Denk nicht sowas!
      "Du siehst umwerfend aus", bemerkte er. "Wo kommst du her? Sieht wichtig aus. Und natürlich können wir reden. WIe kann ich dir helfen? Willst du was trinken? "

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    • Es kostete Ember mehr Mühe als üblich, nicht in ihren typischen Arbeitsmodus zu verfallen. Ganz unterbinden ließen sich die prüfenden Blicke allerdings nicht mit denen sie Ruairi von Kopf bis Fuß untersuchte. Allen Anschein nach hatte er wirklich nicht mehr mit Besuch gerechnet. Das war ihm auch nicht zu verübeln wenn man bedachte, dass sie ihn eigentlich versetzt hatte.
      Sie formulierte ein leises Danke als sie ihm ihren Mantel und ganz geistesgegenwertig ihre Handtasche gab, die sie jedoch jäh wieder an sich nahm, kaum hatte sich Ruairi auf den Weg ins Wohnzimmer gemacht. Ganz brav befreite sie noch ihre Füße aus den Schuhen, die sie unter die Garderobe stellte und schließlich zu dem Caster aufschloss.
      Auf seine Bemerkung hin überkam sie ein warmes Lächeln, das nicht gänzlich hinauf bis zu ihren Augen reichte. Dafür war ihre Mundpartie zu angespannt als sie auf Ruairi zuschritt ohne auch nur ein Wort zu sagen. Sie griff nach seinem Oberarm, zog ihn zu sich bis sie ihren anderen Arm um seine Taille und die Stirn an sein Schlüsselbein legen konnte.
      "Warte", hauchte Ember und ließ seinen Geruch auf sie wirken. Wie warm er sich anfühlte und den Pulsschlag spürte, wenn auch nicht so deutlich wie an Augusts Halsbeuge zuvor.
      Sicherlich zehn Sekunden stand sie einfach nur da mit geschlossenen Augen und atmete bewusst ein und wieder aus. Als sie das Gefühl hatte, nicht mehr so endlos aufgewühlt zu sein ließ sie ihn los und trat einen Schritt zurück.
      "Ich hab' bis gerade gearbeitet, könnte man sagen. Und ja, es war unglaublich wichtig", bestätigte sie ihm, ging an ihm vorbei und stellte die Handtasche mit einem viel zu lauten und schweren Geräusch auf dem Couchtisch ab. "Du hast doch bestimmt noch eine pappsüße Cola im Kühlschrank, oder?"
      Während sich Ruairi auf den Weg machte um ihr den Wunsch zu erfüllen zog sie den Reißverschluss ihrer Handtasche auf. Wie ein störendes Mahnmal gähnte sie der Schlund des Magazins an und sie fragte sich, wie sie es am besten anstellen sollte. Bisher hatte ihre Menschenkenntnis sie noch nie getäuscht und sie wollte daran festhalten, dass sie ihm vertrauen können würde. Dass das, was sie Beide verband, nicht nur aus reinem Nutzen entstanden war oder schlimmstenfalls ein Wink des Schicksals war. Noch so ein abgekartetes Spiel wie das von August mit ihr würde sie nicht ertragen. Nicht, wenn der Kartengeber Ruairi war.
      Just als er aus der Küche mit einem Glas Cola zurückkam zog sie das Magazin aus der Tasche und platzierte es prominent auf dem Tisch. Sie warf ihm einen stummen Blick zu bevor sie das Glas annahm, das er ihr reichte. Die Süße schlug ihr dermaßen provokant auf die Zunge, dass sie gefühlt eine Sekunde später völlig wach war. Wegen der Kohlensäure verzog sie kurz das Gesicht und stellte das Glas nebst Tasche und Magazin ab. Sitzen konnte sie nicht - das hatte sie die letzten Stunden schon zur Genüge getan.
      "Um mich kurz zu fassen: Ich war vorhin undercover im Untergrund. Recherche betreiben wegen den Angriffen auf die Rogues. Dort herrscht die reinste Kriegsstimmung und alles schreit förmlich nach einem Bürgerkrieg, wenn das so weitergeht. Nicht nur die Familie des Richters würde getötet, sondern scheinbar auch der Mann der Sonne, wenn ich das richtig gehört habe. Man munkelt so einiges und dazu gehört die Anwesenheit eines S-Klasse Casters und das Auftauchen seiner Schwester."
      Ember machte eine Pause und bedachte Ruairi mit einem Blick. Am liebsten hätte sie ihm einfach das Erlebte direkt und unverblümt ins Gesicht geschmettert, doch sie musste sich am Riemen reißen. Sie müsste es mit Umwegen machen sonst machte der Caster vielleicht einfach dicht. Was sie inständig hoffte, das er nicht tun würde.
      "Du hast gesagt, deine Schwester hätte hier etwas zu erledigen und du wolltest sie mir ja vorstellen. Wann hattest du das gedacht? Ich glaube nämlich, dass du mir vielleicht ein wenig von ihr erzählen könntest bevor ich sie sehe. Damit man ein bisschen was hat, über das man sich austauschen kann, weißt du?"
      Die Liste in Embers Kopf wurde ständig länger statt kürzer. Sie war so schnell hergekommen, dass Siobhan ihn möglicherweise nicht hatte vorwarnen können. Ein neues Handy besaß er schließlich noch nicht. Aber wenn sie es heute nicht mehr täte, dann vermutlich morgen. Siobhan wäre nicht so töricht zu glauben, dass Embers erster Weg nicht direkt zu ihrem Bruder führen würde. Nicht, nachdem er ihr von seiner neuen Liebschaft erzählt hatte. Wie wahrscheinlich war es also, dass die Welt in den nächsten Minuten nicht auch klingeln würde? Das wäre das reinste Desaster.
      "Pass auf, ich habe da vielleicht ein kleines Problem. Oder vielleicht eher wir. Aber dafür musst du mir was von deiner Schwester erzählen, Ruairi. Bitte vertrau mir in diesem Punkt, ich klär danach alles auf." Nun setzte sie sich doch auf das Sofa und begann sich die Hände zu reiben. Genauer gesagt die Finger, so als wären sie eiskalt und bräuchten das. "Du weißt wirklich nicht, was Siobhan hier will, richtig? Hat sie dich in Pläne eingeweiht? Werdet ihr euch gegenseitig schützen oder meinst du, sie würde auch gegen dich ziehen?"
      Es klang ein wenig Sorge in ihrer Stimme mit als sie die Beine anzog um die Füße auf das Polster zu stellen. Sie schlang ihre Arme um ihre Beine, legte das Kinn auf ihre Knie ab und betrachtete Ruairi eingehend. Er würde sie als verrückt abstempeln. Das war absehbar.
      "Vermutlich glaubst du mir nicht aber heute Abend fand eine Versammlung der Arkana statt. Ich habe Zugang bekommen und war Zeuge, wie sich alle Arkana getroffen und beratschlagt haben. Ruairi, es waren alle Arkana da. Ausnahmslos. Ich habe alle gesehen."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es ging alles ein wenig zu schnell für Ruairis Geschmack. Vor allem sein Verstand kam kaum hinterher, nachdem sie eine Ankündigung nach der anderen platzierte. Gefühl hatte sich auch sein Gemütszustand noch niemals so schnell verändert. Zumindest nicht so oft.
      Fürs erste war er auf eine gewisse Art erstaunt und gleichsam erleichtert, als er ihr Gesicht an seinem Schlüsselbein spürte. er musste den Impuls unterdrücken, sachte zu seufzen, ehe er seine Arme sachte um sie schlang. Vorsichtig drückte er Embers schmalen Körper an sich und legte seine Lippen auf ihren Scheitel, während sie ein paar Sekunden derart verharrten.
      Als sie sich lösten fühlte es sich kalt und unbefriedigend an. Beinahe so als habe man ihm etwas weggenommen. Als er ihr zustimmte und das Getränk besorgte, fragte er sich, was die Handtasche dort sollte, die er doch im Flur gelassen hatte. Aber manche Frau und mancher Herr hatten gerne ihre Habseligkeit beisammen. Warum also nicht.
      Als er zurückkehrte und ihr das Glas gab, setzte er sich zumindest auf das Sofa und betrachtete seelenruhig das Magazin vor sich. Antimagische Kugeln, dachte er und zog eine Augenbraue in Embers Richtung hoch. Es war nicht ungewöhnlich, dass Polizisten diese bei sich trugen, aber diese hatten etwas...Anderes...an sich. Etwas gefährlicheres. Es waren keine Polizeimagazine, so viel war klar. Da sie aber recht unruhig schien, ließ er sie erzählen, ehe er sich selbst eine Reaktion erlaubte. Auf die Nachricht im Untergrund hob er nur ruhig die Augenbrauen und seufzte. Diese Frau war nicht aufzuhalten, wenn sie etwas packte, so erschien es ihm. Er legte die Stirn in Falten und faltete die Hände auf seinen Oberschenkeln, während er sie ansah.
      "Du warst also im Untergrund", wiederholte er und nickte. "Allein? Ich hoffe zumindest, dass du ausreichend Schutzmaßnahmen ergriffen hast, damit man dich nicht zurückverfolgen kann. Gerade die Zauberer des Untergrunds sind sehr gut im Aufspüren von Menschen, wenn ich das so sagen darf."
      Er beschloss, das ungute Gefühl in seiner Magengegend zu ignorieren und ihre Tätigkeiten nicht in Frage zu stellen. Sie waren nicht zusammen oder verheiratet und ihr stand frei, zu tun was immer sie wollte. Jedoch hielt er es für mehr als bedenklich.
      "Aber was hat meine Schwester mit dem Munkeln von Bürgerkriegen zu tun?", murmellte er schwach lächelnd. Das war doch absurd. "Ich weiß nicht, wann ich es gedacht hatte. Irgendwann in den nächsten Tagen vielleicht? Ich habe keine Ahnung, wie ihr Zeitplan aussieht. Und was möchtest du wissen? Sie führt ein recht beschauliches Leben, denke ich. Und unterrichtet eben. Aber sonst fiele mir nicht viel ein. Ach, sie hat noch ein Hobby. Sie malt gerne."
      Ruairi grinste noch immer, auch wenn ihm die Stimmung komisch vorkam.
      "Möchtest du mir nicht sagen, was wirklich los ist?", fragte er schließlich und wurde in nicht mal einer Minute Zeitraffer mit der Antwort belohnt.
      Schweigend sah er Ember an, nachdem sie ihre Frage gestellt hatte und seufzte. Sachte schüttelte er den Kopf und sah sie wieder an. Nur diesmal war der Blick kälter.
      "Ich weiß wirklich nicht, was hier los ist, Ember", begann er und drehte sich zu ihr. "Aber nein, ich weiß wirklich nicht, was sie hier will. Ich vermute, sie wollte mich besuchen und sich London ansehen. Und was für Pläne? Und weshalb sollte ich meine Schwester nicht schützen? Und was meinst du mit gegen mich ziehen? Vielleicht wäre es langsam mal gut, mir reinen Wein einzuschenken, damit das hier kein merkwürdiges Verhör wird, wo man mir prominenterweise selbstgebaute Antimagische Munition auf den Tisch legt. Ich meine...Möchtest du vorher durchladen oder meinst du, ich kann noch so antworten?"
      Vielleicht war die Reaktion etwas heftig, aber Ruairi fühlte sich merkwürdig. Er war gut darin, Menschen zu lesen und es erschien ihm mehr und mehr wie das Verhör eines Verdächtigen anstatt der Abend zweier Vertrauter.
      Erst die letzte Antwort senkte Klarheit in seinen Blick.
      Mit einem Mal zeigte sein Blick Erkenntnis und Verstehen, ehe die Luft aus seinem Körper gelassen schien. Natürlich war sie nicht allein dort gewesen. Sie brauchte die Frage nicht mal zu beantworten. Es gab nur eine Antwort darauf.
      "Du hast Zugang erhalten...", bemerkte er und zog eine Augenbraue hinauf. "Durch Foremar, oder nicht? Er war es, der dir Zugang gewährte. Und warum sollte ich dir das nicht glauben? Was ist so wichtig daran, wenn du alle gesehen hast?"

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    • Das Nicken seitens Ember war fast nicht zu sehen gewesen. Dann drifteten ihre Augen hinüber zum Tisch zu Magazin und wieder zurück zu Ruairi.
      "Ja, ich bin durch August darein gerutscht. Dass da hat er mir untergejubelt für den Fall, dass etwas schiefläuft. Im Endeffekt ist nichts wirklich schiefgelaufen, nur sehr... hm.. überraschend. Die Versammlung fand statt weil sich die Welt angekündigt hatte."
      Über die vergangenen Minuten hatte sie mitansehen können, wie sich Ruairis Körpersprache und Mimik veränderten und schier sämtliche möglichen Regungen durchlebten. Verständlich, wie sie empfand wenn man bedachte, wie sie gerade über ihn herfiel. Aber sie brauchte diese Überfalltaktik. So verrieten sich Menschen am häufigsten, wenn sie wirklich etwas geheimhielten. Doch je länger sie darauf pochte, um so sicherer wurde sie, dass er wahrlich weder wusste was sie wollte noch dass sie überhaupt kam.
      Die ganze Zeit war ihr gar nicht aufgefallen, dass man das Magazin auf dem Tisch nicht einfach nur als Fakt sondern gar als Drohung erkennen konnte. Dies realisierte sie erst jetzt, riss die Augen auf und gab ihre Beine wieder frei, die sie seitlich von der Couch rutschen ließ.
      "Oh scheiße. Nein, Ruairi, das war jetzt nicht als Drohung oder was auch immer gemeint. Ich wollte es dir eigentlich nur zeigen..." Sie machte ein sehr unglückliches Geräusch. "Ich hab da gleich sowieso noch was anderes, was ich dir zeigen wollte. Aber zurück zum eigentlichen. Die Welt ist tatsächlich erschienen."
      Er wusste es nicht. Er konnte es nicht wissen. Oder er spielte einfach so gut seine Rolle, dass Ember nicht hinter die Fassade blicken konnte. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht und wäre ihm blindlinks in die Falle getappt. Am liebsten hätte sie jetzt einfach nach seiner Hand gegriffen, wie nach dem rettenden Seil, aber sie traute sich nicht.
      "Das Anliegen der Welt war die Absetzung Augusts als Sprecher der Arkana. Wenn das geklappt hätte, wäre kurzum ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Sie wollen nicht mehr mitansehen wie Rogues und deren Familien gezielt geschlachtet werden. Erschienen um den Platz der Welt einzunehmen ist deine Schwester, Ruairi. Siobhan wurde als Welt in die Arkana aufgenommen und sie sagt, sie war es schon immer."
      Bei den letzten Sätzen legte sich Unsicherheit sowohl in ihre Stimme als auch in die Züge ihres Gesichts. Sie wusste nicht, wie er reagieren würde. Ob er sie gar auslachen oder nur alles abstreiten würde. Doch warten bis zum Statement der Welt konnte sie nicht um ihm die Rolle seiner Schwester zu offenbahren. Fand er anschließend heraus, dass sie es wusste und nichts gesagt hatte war das noch schlimmer als es ihm so jetzt zu sagen.
      "Sie will den Aufstand. Deswegen ist sie jetzt erst erschienen, länger warten wollte sie nicht mehr."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Bleich war nicht das rechte Wort für die Farbe, die Ruairis Gesicht annahm, als Ember ihre Bombe platzen ließ.
      Zunächst war er durchaus erleichtert gewesen, dass es keine Drohung dieser Art gewesen war. Auch wenn sein Innerstes wusste, dass Ember ihm nichts tun wollte, so war doch ein kleiner Teil seines misstrauischen Selbst dazu angehalten, ihren Worten zu misstrauen und die Munition als Drohung anzusehen.
      "Die Welt...", flüsterte er und blickte starr an Ember vorbei an die Tür seiner Wohnung und versuchte sich vorzustellen, was sie dort sagte.
      Siobhan? Die Welt? Schon immer?
      "Absurd..."
      Völlig absurd. Seine liebe Schwester, die eher Blumen Namen gab und mit den Schatten der Kinder spielte? Die junge Frau, die darüber weinte, dass ein Eichhörnchen keine Nuss fand, wenn der Baum nicht ordentlich trug? Die eine Klasse von Kindern liebevoll unterrichtete? Sicherlich, Siobhan war mächtig, aber sie wollte nichts mehr davon wissen oder? Sie wollte doch nie wieder...Das konnte nicht sein...Das konnte einfach nicht sein...
      Weißlich blickte er zu Ember und sein Blick wirkte beinahe irr, als er ihre AUgen suchte. Atemlos und beinahe krächzend murmelte er.
      "Du lügst..."
      Es musste so sein. Sie hatte sich mit August verbündet und nun planten die beiden eine Art Überschwung. Sie wollte das doch so! SIe hatte ihn doch immer derart manipuliert! Oder nicht?
      Hatte sie das eigentlich? MDie Frau, die ihn so verzaubert hatte? Die ihn festgehalten hatte und nicht mehr gehen lassen wollte? Herrgott, dachte Ruairi und erhob sich eilig, um seinen Schwindel und die Übelkeit zu kaschieren. Die Welt drehte sich um seine Augen herum und er aktivierte seine Aura, um seine Realität zu bewahren, nachdem man ihm derart den Boden unter den Füßen gerissen hatte.
      "Siobhan...", flüsterte er und blinzelte eine Träne fort, als ihm bewusst wurde, dass die Wahrheit offenbar war. Und was es bedeuten würde...
      "Du musst lügen! Bitte sag mir, dass du lügst!", rief er regelrecht in Embers Richtung während er sich am Kamin festhielt und umdrehte. "Das muss eine Farce sein, die dir Foremar eingesetzt hat! Denn du sagst mir gerade, dass meine Schwester, die alle Kinder zum Lachen bringt, 17 meiner Kollegen brutal abgeschlachtet haben soll in einem Fiasko von Einsatz in Glasgow! Du sagst mir, sie will einen Aufstand, einen Bürgerkrieg! Meine Schwester! Die Frau, die kleine Kinder zum Lachen bringt, ich..."
      Er stockte kurz und atmete durch.
      "Mir ist schlecht..."

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    • Embers Unsicherheit wich einer ausgewachsenen Sorge, als Ruairi nur noch einzelne Wörter hervorbrachte. Der Ausdruck, der in seine Augen trat, löste eine ungeahnten Schmerz in ihr aus und augenblicklich fragte sie sich, ob sie vielleicht so ausgesehen hatte, als sie den toten August vor sich hatte liegen sehen.
      Als er ihr unterstellte, sie würde lügen, schüttelte sie abermals den Kopf und hielt seinem manisch wirkenden Blick stand. Sie wusste ganz genau, wen sie gesehen hatte. Wie alle anderen Arkana sie gesehen und ihren Standpunkt im Nachhinein einstimmig akzeptiert hatten. Hätte es Zweifel gegeben, dass Siobhan nicht die Welt war, dann wäre sie nicht als die Nummer 21 von allen aufgenommen worden.
      Dann erhob sich der Caster ruckartig und Ember sah, wie seine Iren zu leuchten begannen. Ihre eigenen Reflexe erwachten zum Leben und drängten sie dazu, hinter irgendeinem Gegenstand Schutz zu suchen. Ihr Verstand war die einzige Hürde, die ihre Reflexe nicht gänzlich besiegen konnte und so rutschte sie lediglich mit vor Schreck geweiteten Augen so weit zurück wie es die Couch zuließ. So wie Ruairi dieses bisschen Misstrauen nicht einfach abstellen konnte, war Ember nicht in der Lage, die unterbewusste Furcht vor dem, was er bewerkstelligen konnte, zu verdrängen. Er hatte ihr gezeigt, wenn auch nur ansatzweise, zu was er fähig war.
      Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihn am Kamin stehend mit großen Augen schweigend anzustarren während er seinen Kollaps erlitt. Natürlich konnte Ember es sich nicht vorstellen, wie er sich fühlte. Aber wenn plötzlich herauskäme, dass Shawn ebenfalls ein Rogue wäre, würde sie vermutlich ähnlich reagieren.
      "Sie hat die gleichen hellen Augen wie du", begann Ember leise und beschrieb seine Schwester, die sie eigentlich noch nie getroffen haben sollte, viel zu präzise. "Ihre Statur ist hochgewachsen, dir ähnlich. Heller Teint, volle Lippen und akzentuierte Wangenknochen. Sie trug ein elegantes Kleid und dazu Turnschuhe, warum auch immer. Sie hat mich erkannt, als sie mich sah."
      Beweg dich, verdammt!
      Mühsam löste Ember ihre Schockstarre und nötigte ihren Körper gegen alle Signale hinaus dazu, aus der Ecke der Couch aufzutauchen. Ganz langsam rutschte sie vom Polster und stand auf, immer den Blick auf Ruairi gerichtet, der sie noch immer mit glühenden Augen ansah. Doch sein Blick war weniger wirr sondern eher... gebrochen. Als würde sie sich einem verletzten Tier nähern kam sie langsam auf ihn zu. Vorsichtig legte sie ihm eine Hand auf den Arm, kaum war sie in Reichweite.
      "Ich bin sofort zu dir gekommen um dir das zu sagen. Ich hatte Angst, dass sie eher bei dir ist und Gott weiß was tut... Ich war so erleichtert, als ich dich unbeschadet in der Tür gesehen habe..."

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    • Ruairi spürte den Herzschlag bis zum Halse, als er sich langsam zu bewegen traute. Er löste sich von dem Kamin und kam schwankend zum Stehen, ehe die Übelkeit wieder Besitz von ihm ergriff. Es war erschreckend wie genau sie Siobhan beschrieb. Und noch viel erschreckender wie sie vor ihm zurück wich, als sei er ein eingekerkertes Tier. WIe ein wildes Tier...
      War es das, was sie in ihm insgeheim sah? Das Tier im Manne? Das Unkontrollierbare? Die angstmachende Magie, die man nicht verstand und nur ermessen konnte, indem man sie spürte? Gott, die Welt konnte so einfach sein, nicht wahr? Einfach fürchten, was man nicht verstand. Herrlich einfach.
      "Natürlich hat sie dich erkannt!", donnerte Ruairi lauter als beabsichtigt und kämpfte gegen einen Würgereiz an. "Ich habe ihr ja auch von dir erzählt! Alles, verflucht! Dass ich eine tolle Frau kennen gelernt habe, die mich seit Jahren aus meinem gottverfluchten Schneckenhaus geholt hat! Und dass sie toll aussieht und intelligenter als jeder Mensch ist, den ich kenne! Ich habe ihr dich beschrieben und alles erzählt was mir einfiel, weil ich wollte, dass sie sich freut!"
      Die Turnschuhe waren schon ein guter Treffer. Für eine Lüge durchaus treffend...Zu treffend, wenn er ehrlich war. Ruairi atmete schwer als sie näher kam. Ihre Hand spürte er erst einige Sekunden später, als er beinahe dazu übergegangen war, diesen Situation zu verdammen. Wie konnte sie so etwas behaupten...
      Er ließ ihre Hand wo sie war und sah sie an.
      "Unbeschadet...", murmelte er. "Du kommst hierher und erzählst mir, dass meine Schwester verantwortlich für hunderte von Toten der letzten zehn Jahre ist. Die mächtigste Arkana der letzten 100 Jahre...Und ich...Ich...Gott, ich glaube ich muss kotzen..."
      Er nahm ihre Hand unendlich sanft von seinem Arm und torkelte Richtung Küche, während sein Atem zu einem Pfeifen anwuchs. Die Frau, die ihn sein Leben lang begleitet hatte...Sein Feind? Eine Mörderin?
      "Was läuft da mit dir und Foremar?"; fragte er schließlich bissig und ohne sie anzusehen. "Wieso gewährt er dir Zugang? Sagtest du nicht, ihr habt keinen Kontakt mehr?"

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    • Wieso klangen seine Worte so sehr nach Abschied, nach einer Distanz, die hoffentlich keiner von ihnen beiden erleben wollte? Es war nicht die Lautstärke, die dafür sorgte, dass Ember die Lippen so fest aufeinander presste, dass sie nurmehr ein dünner Strich waren. Vielmehr die Art der Wortwahl und die zutiefst liegenden Emotionen in ihnen. Das war es, worauf sie sich in ihrem Auto eingestellt hatte. Genau diese Art von Reaktion von ihm, die dazu führte, dass sich ein Spalt zwischen ihnen auftun könnte. Wissentlich hatte sie dieses Szenario in Kauf genommen.
      Exakt diese Reaktion war es, die wirklich auch den letzten Funken Zweifel aus ihrem Verstand fegte. Trotz allem hatte er ihre Hand nicht wie ein lästiges Insekt von seinem Arm geschüttelt sondern vorerst dort liegen gelassen während er genau das murmelte, was sie gerade getan hatte. Ihre Worte sorgten dafür, dass Ruairi seine Schwester nie mehr mit denselben Augen wie früher sehen können würde. Sich von seinem Zwilling verraten fühlte und alles anzweifelte. In einer ohnehin schon zweifelhaften Realität in seinen Augen.
      Schließlich griff er doch nach ihrer Hand auf seinem Arm. Allerdings nahm er sie nur so sanft von seinem eigenen, dass Embers Augenwinkel unbewusst zuckten. Selbst in dieser Verwirrung erbrachte er keine groben Taten gegen sie und das sorgte dafür, dass ihr ohnehin schon geschrumpftes Herz noch winziger und schrumpeliger wurde. Langsam drehte sie sich um als er sich an ihr vorbei geschoben hatte und in die Küche torkelte. Gott, was wäre sie ihm gerne hinterher gerannt und hätte ihn in ihre Arme gerissen. Ihm alles nur Erdenkliche gesagt, um ihn wieder zu beruhigen. Doch bevor sie auch nur einen Schritt machen konnte, schoss er eine andere Frage völlig ohne Kontext hinterher, und das ohne sie eines Blickes zu würdigen.
      Umgehend spannte sich alles in ihrem Körper an.
      "Wir hatten keinen Kontakt mehr, richtig. Bevor er verschwand hinterließ er mir einen Schlüssel mit einer Adresse. Ich wollte dem nicht nachgehen, am Ende tat ich es doch. Er baut eine Detektei auf für all jene, die der Polizei nicht trauen und wollte mich dabei haben. Da habe ich die Bilder von den Angriffen gesehen, auf die ich dich ansprach. August hat sich Partner - Teilhaber - an die Seite geholt und wie es der Zufall so will ist Siobhan auch hier involviert", erklärte Ember ruhig, aber eindeutig. Sie verließ ihre Position nicht und harrte allein neben dem Kamin aus. "August hat mich zur Versammlung mitgenommen weil ich sein Ticket war. Für den Fall, dass man ihn abwählen und eventuell liquidieren wolle, hat er mich als Vorwand benutzt. Jetzt habe ich zwei Wochen Zeit um herauszufinden, wer Kjetil Prestegards Familie ermordet hat. Sonst findet der Richter eben mich. Großartige Partner, hm?"
      Ihre letzten Worte verklangen leiser und etwas getroffener im Raum. Es noch einmal laut auszusprechen verdeutlichte ihr Problem nur noch, aber sie hatte sich bereits dazu entschieden mit offenen Karten zu spielen, da hatte sie noch nicht einmal an der Tür geklingelt. Nur durfte sie jetzt nicht mit Zorn oder Frust reagieren. Sie musste sich jetzt zusammenreißen, der Ruhepol sein, den Ruairi wenn auch nur temporär brauchte.
      Schließlich setzten sich Embers Füße in Bewegung und trugen sie steif wieder zurück zur Couch. An sitzen war nicht zu denken, also legte sie eine Hand auf das Rückenteil und sah noch immer sorgenvoll zu dem Mann in der Küche herüber, der sie nicht eines Blickes würdigte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ruairi brauchte einen Moment lang, um zu realisieren, was sie dort eigentlich sagte.
      Mal beiseite geschoben, ob oder wie sie ihn belogen hatte...Die Tatsache, dass sie Kontakt zu einem Mann aufnahm, der sie angeblich nur manipuliert und ausgenutzt hatte, war bereits merkwürdig genug. Aber dass sie jetzt involvierter denn je in eine Sachlage war, die kein normaler Verstand beherbergen sollte, war dennoch mehr als er verkraften konnte und wollte.
      Schweigsam drehte er sich um und suchte noch immer Halt an den umliegenden Möbelstücken, während er Ember ansah.
      "Mal abgesehen von der Tatsache, dass es gefährlich und gedankenlos war, völlig ohne Schutz undercover zu gehen und gerade die Arkana auszuspionieren, wird es sicherlich nützlich sein, zu erfahren, was sie vorhaben. Davon ab...", murmelte er und seufzte schwer. "Weißt du was ich nicht verstehe? Auch wenn du sagst, dass es offenbar großartige Partner sind, verbündest du dich mit dem Mann, der dich deiner Aussage schwerstens manipuliert hat. Er hat dir Weiß Gott was angetan und das erste was du tust ist, dich wieder mit ihm einzulassen als wäret ihr alte Freunde!"
      Oder mehr...
      Schwer atmend blieb er im Rahmen der Küche stehen und versuchte möglichst nicht umzufallen. Es gestaltete sich schwerer als gedacht.
      "Und was meinst du mit Ticket? Welches Ticket? Und weshalb sollst du jetzt den Richter ausspionieren? Was ist da abgelaufen, Ember?"
      Manche konnten sagen, was sie wollten. Die Wahrheit war immer das Filetstück einer Geschichte, soviel stand fest. Jedoch erschien ihm gerade diese soeben kaum erreichbar. Es fehlte ein Zusammenhang in der Story, den Ruairi nicht verstand. Warum für den Mann arbeiten, dem man kaum vertraute und der einen manipulierte?
      Hatte Foremar etwas gegen sie in der Hand, von dem er nichts ahnte?
      "Und was meinst du damit, dass Siobhan da mit involviert ist? Diese merkwürdige Detektei? Wenn es überhautp eine ist. Ich meine, August Foremar ist nicht gerade für Menschenliebe bekannt, nicht wahr?"

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      The more you drag me to hell
    • Der Anblick hätte nicht furchtbarer für Ember sein können. Ruairi immer noch so haltlos umherwandeln zu sehen, ausgelöst durch das schiere Bombardement von Worten, ließ hin und wieder einen angespannten Muskel in ihrem Gesicht zucken. Am liebsten wäre sie wieder zu ihm gegangen, doch sie fürchtete sich davor, dass er ein zweites Mal den Abstand zu ihr suchte.
      "Ja, August hat mich wohl zuvor manipuliert", stimmte sie dem Caster zu, der sich im Türrahmen der Küche postiert hatte. "Aber es stimmt auch, dass niemand weiß, was wirklich in dieser Zeit abgelaufen ist. Dass er mehrfach dafür gesorgt hat, dass ich nicht draufgehe in Aktionen, die ganz bestimmt nicht von ihm vorausgeplant worden waren."
      Zum Beispiel der noch immer ungeklärte Autounfall. Oder der Angriff von Bones im Untergrund.
      "Ich hab' das ganze Elend der Leute ständig gesehen und war frustriert, dass ich mit meiner Arbeit bei der Polizei gefühlt nichts erreichen konnte. Durch ihn konnte ich unkonventionellere Wege gehen und hatte endlich das Gefühl, einen Hebel zu besitzen. Ich wollte etwas ändern an dem System, wie mit Menschen egal ihres Talentes umgegangen wird. In der notgedrungenen Zeit, die ich mit August zusammen verbringen musste, konnte ich mir ein eigenes Bild von ihm machen. Ich hatte den Eindruck, dass sich so etwas wie eine Freundschaft entwickelt hatte. Ich hätte genauso wenig gedacht, dass er nochmal mit mir in Kontakt tritt nachdem ich ihn erschossen habe. Und dann kam eben dieses Angebot von ihm und befeuerte den noch immer vorhandenen Wunsch in mir, weißt du?"
      Wie sollte sie ihre Beziehung zu August vernünftigt beschreiben? Sie konnte die verschiedenen Erlebnisse nicht mehr zusammenfassen und wiedergeben, es war lediglich ein Gefühl, dem sie folgte. Sie hatte sich nie bewusst dazu entschieden, den Arkana zu mögen. Genauso wenig wie sie sich dazu entschieden hatte, für Ruairi diese Gefühle zu entwickeln. Nur wurde ihr immer mehr bewusst, warum sie über all die Jahre solche Beziehungen ausgeschlagen hatte. Sie machten sie verwundbar auf einer Ebene, auf der sie so wenig Verluste wie möglich erfahren wollte. Das hatte sie gesehen, als sie den Abzug in der Lagerhalle betätigt und sich selbst dabei fast verloren hatte.
      Ihre Fingerkuppen fuhren langsam über den Stoff der Couch während sie ihre Augen nicht einen Moment von Ruairi nahm. Wenn das seine Form von Sorge für sie war, dann musste sie diese Art erst noch richtig zu erkennen lernen müssen.
      "Mit Ticket meine ich eine klug gespielte Karte. August wusste, dass man ihn absetzen wollte und dass ich von mir aus gesagt habe, ich wolle mit, war ein Glückstreffer. Er versucht herauszufinden, wer die Angriffe auf die Rogues angeleiert hat und hat dafür unter anderem Duplikate von Emmett White ausgesandt. Den dürftest du laut seinen Aussagen auch getroffen haben. Doch nicht ein einziges Duplikat oder Rogue kam lebendig zurück. Warum also nicht die Überraschungskarte spielen und einen Nichtzauberer damit beauftragen? Durch meine Aussagen habe ich zwei Wochen Zeit hinausgezögert bevor die Arkana sich wieder versammeln und dann vermutlich in den Krieg gegen die Menschen ziehen werden. Wenn ich erfolglos bleibe."
      In ein paar wenigen Schritten war Ember um die Couch herumgegangen und wühlte kurz in ihrer Handtasche auf dem Tisch bis sie das schwarze Etui gefunden hatte. Sie klappte es auf und stellte es auf die Rückenlehne der Couch, sodass Ruairi es sehen konnte.
      "Ich soll nicht den Richter ausspionieren, ich soll herausfinden wer seine Familie getötet hat. Ich weiß, dass du diejenigen in Gewahrsam hast aber dieses Detail hier fehlte dir. Prestegard hat dieses Artefakt bei den Leichen gefunden, aber mir sagt es nicht sonderlich etwas."
      Zu der Frage bezüglich Siobhans Beteiligung am Dusk & Dawn konnte Ember nur müde seufzen. Ihr war kalt, obwohl es definitiv nicht frisch in dieser Wohnung war. So zog sie die Arme vor ihrer Brust zusammen in der Hoffnung, es würde ihr etwas Wärme zurückgeben.
      "Wenn es eine ist, ja sicher. Auf jedenfall war August mehr als schockiert, als Siobhan im Zwielichtsaal erschienen ist. Er wusste nicht, dass sie die Welt ist als er sie aquiriert hatte. Ich weiß nur nicht, warum sie dem zugestimmt hat, ihr Motiv kenne ich einfach nicht. Das alles wäre also etwas, was du sie vielleicht selbst fragen solltest... Sie wird sich denken können, dass ich hier bin", gab sie ihre Gedanken preis und ihr Blick huschte einmal zur Tür so als erwarte sie jeden Moment das Auftauchen besagter Schwester.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Schweigsam lauschte Ruairi ihren ersten Ausführungen und schüttelte nur hin und wieder den Kopf. Freundschaft? Zwischen ihr und einem gesuchten Schwerverbrecher? Einem Mann, der die Leben von so vielen auf dem Gewissen hatte? Schwer war diese Version auch nur ansatzweise zu glauben und gerade jetzt, wo er ohnehin nicht wusste, was hier real und was nicht real war, erschien es ihm noch weniger plausibel.
      Der Zauberer fuhr sich mit der Hand durch das verschwitzte Gesicht und fand langsam wieder Halt in seiner Wohnung. Die Wände erschienen zumindest wieder dreidimensional und nicht verloren im Raum wie vorher. Auch wenn ihm bei der Erwähnung des Namens seiner Schwester immer noch übel wurde.
      Er gab ein kurzes Schnauben von sich und schüttelte den Kopf.
      "Du wolltest mit einem Schwerverbrecher befreundet sein, weil er ein, zweimal vielleicht wie ein normaler Mensch gehandelt hat? Und dann wunderst du dich nicht einmal, warum du auf einmal mitten in einer Ermittlung bist, die dich vermutlich das Leben kostet? Ich meine, eine Drohung des Richters nehme selbst ich beißend ernst und sorgt meist für einen Großeinsatz von Rettungskräften. Und du redest darüber, als würden wir Lottozahlen abgleichen. Ich weiß gerade nicht wirklich, wer du eigentlich bist..."
      Langsam tat er einen Schritt in den Raum hinein und hielt sich wieder am schmalen Kamin fest.
      "Also wenn ich es recht verstehe..Und bitte korrigiere mich: Dann hegst du tief in deinem Inneren den Wunsch, mit diesem Monstrum befreundet zu sein", schloss er und sah sie bitterlich sorgend an. "Sag mir bitte, dass dort nicht noch etwas ist, was ich wissen sollte, ehe man mich vor einem Kriegsgericht befragt."
      Seufzend setzte er sich endlich wieder auf die Couch, nachdem er wie ein Betrunkener durchs Zimmer getorkelt war. Schwerfällig kam sein Körper zum Sitzen und er blickte beinahe altbekannt neugierig zu dem merkwürdigen Etui was sie aufgebahrt hatte. War das ein Ring?
      Mit leuchtenden Augen betrachtete er den Ring in seiner Gesamtheit und war sich von mal zu Mal sicherer.
      "Dass Foremar gerne wüsste, wer die Rogues angreift ist mir klar. Und ja, ich habe seine merkwürdigen Handlanger bemerkt. Ich mag es nicht, wenn man mich hintergeht. Sei es offensiv oder passiv", bemerkte er grantig und sah zu dem Artefakt herüber. "Es fehlte mir, davon abgesehen, tatsächlich die Information hinsichtlich des Rings..."
      Beinahe selbstverständlich griff er danach und zog den Ring aus dem Etui heraus. Merkwürdigerweise war das Metall beinahe glühend heiß, als er es auf die Hand legte und sorgsam begutachtete er das Artefakt erneut.
      "Es ist definitiv ein Bannring", bemerkte Ruairi und legte ihn an einen seiner Finger an. Mit einem Mal wurde seine Hand taub und die Aura, die er sonst gut spürbar verströmte, erschien plötzlich nicht mehr vorhanden. Als sei seine Existenz selbst von der Welt gelöscht worden.
      "Ja, eindeutig", nickte er und zog den Ring wieder ab. Im gleichen Moment kam seine Aura zurück. "Jedoch ist der Ring nicht wirklich gefährlich...Aber mächtig...Ich würde sagen, er ist zumindest in der Lage eine gewaltige Aura unter Kontrolle zu halten. Wer auch immer dieses Ding getragen hat, war so mächtig, dass er seine Aura verstecken wollte."
      Seufzend legte er den Ring zurück und schüttelte den Kopf.
      "Du brauchst dir keine SOrgen zu machen. Siobhan wird sich denken, dass du hier bist und dann wird sie nicht kommen. Sie weiß mit Sicherheit, dass du mir alles weitergeben wirst und das Gespräch will ich mit ihr alleine führen. Ich werde sie morgen suchen und befragen, was mit ihrem Schwur geworden ist..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Auf praktisch nichts von dem, was Ruairi sagte oder fragte, reagierte Ember so richtig. Sie war über den Punkt, an dem sie sich innerlich einfach leer und taub fühlte hinaus. Einst hatte sie August auch als Monster abgestempelt, aber das wenigste, was er ihr gezeigt hatte, ließen sie darauf schließen, dass er diesen Titel wirklich verdiente. Vielleicht hatte sie einfach eine gute Momentaufnahme von dem Arkana erwischt oder es war wirklich von vorn bis hinten durchgeplant. Aber sie hatte schon immer ein Händchen für die Problemfälle gehabt und sich diejenigen rausgesucht, in denen ihr Vertrauen meistens nicht sonderlich gut platziert war.
      Sie hatte gedacht, bei Ruairi wäre es anders.
      Immerhin hat er es zur Couch geschafft....Dann sitzt er wenigstens sicher, dachte Ember während sie sich nach dem Etui streckte und es wieder in ihrer Tasche verschwinden ließ, gefolgt von dem Magazin, das noch immer sein Dasein mehr als lautstark bekräftigte. Dann lächelte sie Ruairi an, mit einer Spur Bitterkeit in den Augen, und stand auf.
      "Pass auf. Eigentlich wollte ich nur schauen, dass dir nichts passiert ist und dir von dem berichten, was ich gesehen habe. Das hat jetzt alles seine Eigendynamik gekriegt und jetzt hab ich eher das Gefühl, diejenige im Verhör zu sein als andersherum."
      Mitsamt ihrer Tasche steuerte sie zur Wohnungstür, wo sie sich den Mantel vom Haken nahm, ihn überwarf und sich in ihre Schuhe zurückzwängte. Möglicherweise war ihr spontaner Auflauf hier doch nicht unbedingt schlau gewesen. Aber Ruairi hatte auf ein anderes Thema abgelenkt, was ihn scheinbar schon länger beschäftigte. Und egal, wie gut sie sich verstanden - niemanden von ihnen hatte wirklich konkretisiert, was sie für den jeweils anderen sein wollte. Diese Fragen, die er ihr nun stellte, fühlten sich bei ihr an als wäre er derjenige, der ihr die Pistole auf die Brust setzte.
      "Aber das ist ja genau das, was ich meinte. Wie lange kennen wir uns? Ich habe ja vorgewarnt, dass eine Kennenlernphase nicht verkehrt ist. Scheinbar kennst du mich ja wirklich nicht gut genug", sagte sie und kämpfte um die Fassung in der Stimme, den Rücken noch immer der restlichen Wohnung zugekehrt.
      "Eigentlich hätte mich der Deal mit dem Sharokh auch den Kopf kosten müssen. Wer weiß? Vielleicht ist das ja der Nervenkitzel, den ich brauche damit mir nicht langweilig wird?" Der Sarkasmus war in ihre Stimme eingekehrt. Ein Schutzmechanismus, der meist völlig nutzlos war. "Oder aber ich bin deswegen nicht von Angst zerfressen weil ich jetzt wenigstens einmal die Chance habe, was selbst auf die Kette zu kriegen. In einem Bereich, der mir liegt. Da, wo ich mich in der Zukunft sehen würde, wird es ganz bestimmt nicht leichter. Zumindest waren das die Worte vom Schicksalsrad."
      Dann endlich drehte sie sich um und fixierte Ruairi auf der Couch. In ihrem Gesicht stand weder Wut noch Abscheu - nur Trauer.
      "Du scheinst ja halbwegs wieder auf dem Damm zu sein. Dann kann ich dir ja direkt die nächste Antwort auf deine brennenden Fragen geben. Eigentlich dachte ich, es spielt keine Rolle, was in meiner Vergangenheit war oder mit wem ich zusammen war. Aber da es dir ja scheinbar keine Ruhe lässt: Ich hatte eine Affäre mit ihm. Und die ist mit ihm gestorben in dem Moment als ich den Abzug gedrückt habe."
      Steif rückte sie ihre Tasche zurecht und machte auf dem Absatz kehrt. Die Flucht war bei Weitem kein schöner Abgang, aber irgendwo hatte auch sie ihre Grenzen und das sollte er merken. Sie würde sich niemals für das rechtfertigen von dem sie einst glaubte, dass es richtig gewesen sei. Ein winziger Kern in ihr flüsterte ihr boshaft ins Ohr, dass sie möglicherweise einfach nicht dafür gemacht war, glücklich zu sein.
      Wie es die Worte schon sagten: Sie wählte das Leid und die Lügen.
      Als sie Tür hinter ihr ins Schloss fiel klang es so endgültig als hätte sie jegliche Gefühle für Ruairi mit sich eingesperrt. Sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen als sie steif zu ihrem Auto marschierte, es aufschloss und ihre Stirn gegen das lenkrad presste, kaum saß sie. Die kalte Luft tat ihr übliches und so tat sie einige krampfhafte Atemzüge und kämpfte alles nieder, was sich gerade seinen Weg an die Oberfläche bahnen wollte.
      Gut zwei Minuten danach startete Ember den Wagen und fuhr allein nach Hause.

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