[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

    • August grinste wissend und zuckte die Achseln.
      "Du willst mir nicht sagen, wer der Herr dort draußen war und gleichsam erwartest du, dass ich dir von meinem Alter berichte? Du bist mir lustig. Wolltest du nicht mehr Vertrauen zwischen uns walten lassen, Partner?", fragte er und kicherte regelrecht.
      Mit einer kurzen Handbewegung lehnte er eine weitere Tasse Tee ab und seufzte.
      "Ich bin mir da nicht so sicher wie du. Ich wüsste nicht, wer derart Jagd auf mich macht. Aber ausschließen können wir gar nichts. Nur habe ich nicht mal eine gute Spur, der wir folgen können. Also wenn du etwas weißt..."
      Es ärgerte ihn ein wenig, dass sie zwar Dinge von sich preisgab, aber die entscheidenden zurückhielt. Gleichsam verlangte sie Informationen, die mehr als heikel waren. Und auch wenn er wissend tat, erschreckte es ihn ein wenig, dass sie von dem Sieben-Wege-Tor wusste. Er musste unbedingt dafür sorgen, dass ihr Fokus sich abwandte. Es musste nicht noch Jemand diesem Konstrukt verfallen.
      "Manche Kampfesspuren", begann er und seufzte, während er mit der Hand über seine Brust fuhr. "Manche davon heilen nicht gut. Die Magie von Bones ist leider ein wenig toxisch für andere Zauberer, da sie ihre Kreaturen mit Giften ausstattet. Dass ich nicht tot bin verdanke ich dem Umstand, dass ich auch den ein oder anderen Trick auf Lager habe."
      Den du vielleicht nie sehen musst, dachte August und sah zur Seite. Sie musste es nicht wissen. Sie sollte es nicht wissen. Die meisten waren gegangen, wenn er seine volle KRaft nutzte.
      "Ich habe einen anderen Trick verwendet, aber die Wunden müssen normal zuheilen. Wird ein paar Tage dauern schätze ich."
      Auf ihre letzte Frage hin musste er wieder lächeln, obgleich eine gewisse Traurigkeit darin lag.
      "Ich hatte beinahe vergessen, dass du Polizistin bist", sagte er und sah sie resignierend, aber kalt an. "Natürlich könnte ich dir das verraten, aber zu welchem Zweck? Die Magie des RIchters ist auf seinen Körper beschränkt. Du kannst ihr nicht anheim fallen. Aber da ich nicht weiß, wie viel du deinen Vorgesetzten bereits verraten hast, werde ich dies Detail nicht weiter ausführen. Auch wenn Kriegszustände herrschen sollten, verraten Rogues einander nicht."
      Es musste sein. Er konnte nicht riskieren dass diese Infos an Cunningham fielen. Sie würde wie ein Monstrum über sie herfallen und ihre Reiche auseinander nehmen. Und August wollte es nicht Schuld sein. Nicht schon wieder.
      "Was hast du jetzt vor, Sallow?", fragte er und sah sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an.

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    • Als Embers Gesicht aus den Untiefen der Tasse wieder auftauchte, prangte nun ihrerseits ein spöttisches Grinsen in ihrem Gesicht.
      "Shawn ist mein jüngerer Bruder. Er hat den ruhigeren Weg als Makler gewählt und lebt eigentlich in Birmingham. Da ich ihn als Notfallkontakt angegeben hatte, hat man ihn direkt angerufen. Seitdem fährt er mich quasi als mein privates Taxi durch die Stadt. Wollte nur sehen, wie sehr du auf ihn anspringst."
      Ohne es zu merken hatte sich der Spott in ihren Augen in eine Wärme verwandelt, wie man sie nur geliebten Menschen entgegenbrachte. Sie tat für gewöhnlich ihr Bestes, den jüngeren Bruder aus dem Chaos rauszuhalten, aber er war da, wenn sie ihn brauchte. Nachdem Shawn viel später erst erfahren hatte, welche Strapazen seine Schwester während ihrer Karriere durchlaufen hatte, machte sich der jüngste Sallow ständig Vorwürfe. So sehr, dass er sich auch ein Bein ausreißen würde, wenn es seiner großen Schwester half.
      Allerdings verschwand die Wärme aus ihren Augen bei Augusts weiteren Worten. Es war nicht ganz eindeutig zu erkennen, was gerade in ihrem Kopf vor sich ging während sich eine Trübheit in ihren Blick stahl. Wieder ließ der Rogue ein bisschen Licht durch den Türspalt fallen, nur um die Tür Sekunden später wieder fest zu verschließen.
      "Ich habe den beiden Aasgeiern nichts verraten. Nur bestätigt, was sie von Trevilian, der Zeugin, bereits gehört haben. Dass du auf ein Bündnis aus warst, was Cunnigham direkt in die Lächerlichkeit gezogen hat. Dass ich felsenfest darauf bestanden habe, dass du nicht derjenige warst, der das Chaos da unten angefangen hat."
      Die Punkt, dass August davon ausging, dass sie als Ermittlerin ihren Vorgesetzten jegliche Info haarklein vortrug, traf Ember unerwartet hart. So wie sich die Rogues nicht gegenseitig ans Messer lieferten tat sie es mit ihren Informaten gleich. Und wenn es sich dabei dann noch um ihren Partner handelte, verschwieg sie lieber zu viel als zu wenig. Er hatte zwar das Wort in den Raum geworfen, schenkte der Bedeutung dahinter allerdings gar kein Gewicht.
      "Sie wissen nur, dass du fast auf meinem Sofa verreckt bist. Nicht, wie du eigentlich überlebt hast und auch nichts von deinem Koffer. Du bist bei ihnen immer noch genauso gelistet wie vor deiner Zeit bei mir. Aber danke, dass du denkst, ich teile ihnen freudestrahlend alles mit, was ich herausfinde."
      Angespannt ließ Ember die Worte so im Raum stehen während sie ihren Tee in einem Zug leerte und die Tasse etwas zu kräftig auf die Untertasse zurückstellte. Anschließend blickte sie zu August hinüber, seufzte und begann in der Innsenseite ihres Mantes zu wühlen. Nach ein paar Sekunden erschien das kleine Notizbuch mit einem kleinen Bleistift. Sie klappte es auf und blätterte, bis sie eine freie Doppelseite fand.
      "Was ich jetzt vorhabe", begann sie und fing an, scheinbar wahllos Linien auf der Doppelseite zu ziehen, kaum lag das Buch auf ihren Oberschenkeln, "ist einer anderen Baustelle nachzugehen, solange sich der Sharokh nicht bemerkbar macht. Ich kann und werde mich bei euren Arkana-Streitigkeiten nicht einmischen. Dafür habe ich andere Probleme, die ich mir nicht erklären kann."
      Als sie geendet hatte, hob sie das Büchlein hoch und etwas von sich weg. Kurz musterte sie es, fügte noch ein paar Korrekturen hinzu und drehte anschließend das Buch zu August um. Auf der Doppelseite prangte der Schriftzug der Hauswand in Croydon in einer fast perfekten, wenn auch nicht sauberen Kopie.
      "Das hier stand unter dem Leichnam vom Narr. Nachdem man ihn abgenommen hatte. Das ist keine Schrift von Menschenhand, so viel ist mir klar. Aber wer zur Hölle schreibt denn meinen Namen an die Wand? Das ist das Einzige, was ich in der Zwischenzeit an Neuigkeiten habe sammeln können."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August nickte gelehrig und bedächtig und sah sie fest an, während er die Stimme zu Worten erhob:
      "Ein Bruder", murmelte er. "Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, wie deine Familie aufgebaut ist. Wir haben nie darüber gesprochen, nicht wahr? Hast du noch mehr Geschwister?"
      Foremar seufzte und erhob sich langsam, um im Raum auf und ab zu spazieren während sie sprach. Eine Angewohnheit. Lästig, aber notwendig.
      "Ich habe nie gesagt, dass du es freudestrahlend tust", murmelte er. "Da ich Cunningsham Kräfte kenne und sie vermutlich schon die Hälfte durchschaut hat, was wir zwei getrieben haben, ist es beinahe unumgänglich, dass sie DInge in Erfahrung gebracht, die mir schaden. Nur jedes Mal, wenn du mir derartige Fragen stellst, scheinst du zwar Interesse daran zu haben, aber weniger persönliches als sachliches Interesse. Und da bin ich eitel. Ich mag es nicht, ausgefragt zu werden. Einer Freundin oder Partnerin Fragen zu beantworten tu ich gern. Aber von einer Polizistin ausgefragt werden? Da musst du 100 Jahre früher aufstehen, Liebes."
      Während sie in ihr Buch kritzelte und er die Töne des Bleistiftes zu hören vermochte, sah er aus dem Fenster nach draußen. Das Auto war verschwunden und auch Bones machte keine Anstalten, das Haus zu betreten. Die einzige Sorge war der Richter. UNd so viele andere, die ihm nicht mehr folgten. Es würde eine grausame Schlacht geben, wenn sie nicht alsbald eine gute NAchricht präsentieren konnten.
      Als er das Kritzeln nicht mehr hören konnte, blickte er sich um und kam näher, um ein Blick in das Notizbuch zu werfen.
      Die Zeichen waren unverkennbar und durchaus hatte Ember zeichnerisches Talent, aber die Tatsache, dass Jemand dieses an die Wand schrieb, hatte nichts gutes zu bedeuten.
      "Ay, verdammich", murmelte er und zog die Stirn in Falten. "Das wird ja immer doller...ICh würde sagen, ein Wesen, das dich sprechen möchte...Und fällt dir da keines ein?"

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    • "Stimmt. Hast du nicht. Ich hatte mich für deine Familie und Herkunft interessiert." Ember musterte August unverholen. "Mehr Geschwister habe ich nicht. Meine Eltern sind frühpansioniert und fristen ihr glückliches Landleben zuhause, wo man sich noch immer das Maul über den Anderen zerreißt. Weder Shawn noch ich haben das lange aushalten können."
      Das traf so ziemlich den Kern. Ihre Eltern hatten bei ihrer Tochter davon abgesehen, jemals Großeltern zu werden und warfen ihr es häufiger vor, als sie es hören konnte. Stattdessen setzten sie ihre Hoffnungen nun auf den Jüngeren der Geschwister, doch auch Shawn schien nie wirklich das Glück im Spiel der Liebe gefunden zu haben.
      "Mir fällt nur eines ein, dass die notwendigen Kriterien erfüllen könnte. Und ich hab' eigentlich wenig Lust mit einem Sharokh zu sprechen."
      Just als Ember ihren Satz beendet hatte, schien ihr etwas aufzufallen. Jedenfalls starrte sie August einen Moment lang zu monoton an. Schweigend drehte sie ihr Büchlein wieder zu sich, blätterte durch ein paar Seiten, verharrte hier und dort einen Augenblick, um dann weiter zu blättern. Schließlich klappte sie es zusammen und verstaute es wieder in der Innentasche ihres Anoraks.
      "Du hast den Sharokh bis nach Chelsea verfolgt. Was, wenn er nichts direkt in Angriff nehmen sondern erst einmal von hier verschwinden wollte? Und es deswegen noch kein Opfer gab weil er auf eine Reaktion unsererseits wartet? Da du mir nicht direkt gesagt hast, dass White wie auch immer diese Worte geschrieben hat, kann es ja nur der Angelus gewesen sein."
      Eine Tatsache, die sie ganz entfernt am Rande ihres Bewusstseins verbannt hatte. Mit vielem würde sich die Detective auseinandersetzen können. Einem intelligenten wandelnden Magiekonstrukt, dem sogar der Arkana gewissen Respekt entgegenbrachte, nicht. Vielleicht wollte er nur mit Ember sprechen, weil von ihr nicht der Hauch einer Gefahr ausging, ganz anders als beim Rogue ihr gegenüber. Vielleicht hatte sie das Wesen auch einfach maßlos unterschätzt.
      "Na schön", verkündete Ember mit neuem Elan in der Stimme, als sie auf ihre Oberschenkel wie zum Aufbruch schlug und aufstand, "dann sag mir mal, wie ich am Schlauesten Kontakt mit dem Sharokh aufnehmen soll. Wir haben ihn bisher nicht finden können, beschwören können wir ihn auch nicht. Kann man ihn denn irgendwie... anlocken oder so? Da musst du mir einmal helfen, Arkana Nummer Fünfzehn. Du hast gesagt, das Wesen ist intelligent. Wenn es mit mir sprechen will, muss ich es doch irgendwie erreichen können."
      Ember hörte bereits in ihrem Geist wie sie zu sich selbst sagte: Das ist eine furchtbar dumme Idee.
      Aber wenn das Wesen schon explizit nach ihr fragte, dann würde sie dem einen Versuch geben müssen. Ohne August. Allein.

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    • August wartete einen Augenblick bis er all das Gehörte von eben verdauen konnte.
      Die Idee alleine, einen Sharokh zu konfrontieren, war schon aberwitzig dumm. Selbst für einen Arkana wie ihn war es eine ausgesprochen dumme Idee. Und sie war ein Mensch. Ein stinknormaler, wenngleich auch polizeilich erfahrener Mensch, der sich einem Konstruktwesen entgegen stellen wollte. Selbst Foremar war für dies Unterfangen beinahe nicht verrückt genug. Für diesen Plan sprach jedoch die Tatsache, dass das Wesen offenkundig kommunizieren wollte. Aber leider nur mit Ember.
      Schließlich sah er sie an und seufzte als sie sich erhob, den Kopf schwer auf die Hand gebettet und die Stirn malträtierend.
      "Davon abgesehen, dass es eine dumme Idee ist muss ich dir sagen, dass es eine saudumme Idee ist, Sallow", sagte er und sah sie mürrisch an. "Mal abgesehen von der Tatsache, dass du vermutlich Recht hast mit deiner Aussage und dieses magische Konstruktwesen mit dir Kontakt aufnehmen möchte: Es ist eine saumäßig dämliche Idee, ein Konstruktwesen zu kontaktieren. Sie sind uns in allem, was wir sind, überlegen. Proto-Menschen quasi, Übermenschen oder wie auch immer du sie nennen willst. Vermutlich wäre sogar Gott eine gute Bezeichnung für diese Viecher. Und..."
      Schwer seufzend stemmte er die Hände in die Hüften und sah zur Decke, ehe er sie wieder ansah.
      "Und leider hast du Recht", murmetle er. Er hatte das Thema ihrer Familie bereits wieder ad acta gelegt, da es wichtigeres gab, über das sie diskutieren mussten. Und wieder hatte es Sallow geschafft, ihn in eine Lage zu bringen, die mehr als gefährlich war.
      "Anlocken ist in diesem Falle das falsche, aber gleichzeitig auch rechte Wort. Sollte der Sharokh nach dir gerufen haben, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass er eine Antwort erwartet. Eine Antwort, die du witzigerweise nicht geben kannst, da wir nicht einfach etwas an Wände schreiben können..."
      Es gab nur eine Methode. Und die beinhaltete ihn und die Tatsache, dass er sie allein lassen musste.
      "Sharokh sind trotz ihrer Intelligenz Wesenheiten, die sich ernähren müssen. Sie ernähren sich von Aura. Magischer Aura um genau zu sein. Und je mehr davon an einem Ort versammelt ist umso reizvoller ist dieser Ort für sie. Wenn ich also genügend Aura freisetzen kann, dass es ihn interessiert, wird er hierher kommen...Anschließend muss ich mich zurückziehen, denn ich glaube nicht, dass er meine Nähe dulden wird....
      Die Frage ist vielmehr: Bist du wirklich bereit dafür? Wenn ja, sollten wir dich vorbereiten. Ausstatten. Waffen, Schilde, das übliche. Wenn nein, brechen wir ab und vergessen die Idee. Was solls sein, Sallow?"

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    • Ember lauschte August Überlegungen. Aufmerksam, fast schon grausam bedacht darauf, nicht ein Wort, eine Formulierung zu verpassen. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie den Rogue, wie er offensichtlich selbst mit der Idee ganz und gar nicht zufrieden war. Dass er ihr nicht widersprach in der Annahme, das Wesen habe sie kontaktiert, war schon einmal viel wert. Und sie hatte schon eine Idee, wie sie es alles bewerkstelligen könnte.
      "Ja, ich krieg' das hin", sagte sie schließlich ohne auch nur ein Hauch Zagheit in der Stimme. Beeindruckender war allerdings der Ausdruck in ihren Augen, den sie so dem Arkana noch nicht präsentiert hatte. Ein Inbegriff der Entschlossenheit und das Wissen um eine Idee.
      "Pass' auf, wir gehen folgendermaßen vor." Sie kramte noch einmal ihr Notizbuch hervor, schrieb etwas auf eine Ecke und riss das Stück Papier ab. Dann reichte sie es August.
      "Für den Fall, dass du dir mal ein ordentliches Telefon besorgen solltest ist das meine Handynummer. Ich halte es für unklug, wenn wir gemeinsam in meine Wohnung zurückkehren, zumal du noch deine eigene Agenda hast, richtig? Ich mache mich morgen mal ein wenig schlau, ich habe das schon eine grobe Idee was das Thema Ausstattung angeht. Ich versuch' das so schnell es geht abzuhandeln."
      Nachdem er ihr den Fetzen Papier abgenommen hatte, richtete Ember ihren Anorak. Dann ging sie schon zur Tür und legte ihre Hand auf die Klinke.
      "Sieh zu, dass dich die beiden Unruhestifter nicht zerfetzen. Und vergiss nicht, dich zu melden,ja?"
      Damit verließ Ember das Zimmer, wohl bedacht die Entschlossenheit fest im Vordergrund ihrer Gedanken zu halten. Es würde ein ganzes Stückchen Arbeit werden, aber sie hatte einen Plan.


      Donnerstag - 13:08
      Special Department - Technologiezentrum


      "Gib mir mal die Tüte mit den Subs rüber, du sollst die nicht alle allein fressen."
      Seit den frühen Morgenstunden hatte sich Ember im Department bei Heyden eingefunden. Der junge Mann Ende Zwanzig füllte gerade weiße Tabletten in eine unscheinbare braune Glasflasche um bevor er die Papiertüte mit den besagten Subs an die Detective über den Tisch zuschob. Die dunklen Ringe unter ihren Augen zeugten von der ruhelosen Nacht, geplagt durch die Paranoia man würde sie in ihrer eigenen Wohnung überfallen und dem ständigen Drang, den Plan weiter auszuhandeln.
      Nachdem sie Heyden von ihrer Idee berichtet hatte, war der junge Mann völlig ausgeflippt. Dass ihr Ziel ein Sharokh war, war ihm noch nicht zu Ohren gekommen und die schiere Möglichkeit einem zu begegenen schien ihn regelrecht in Ekstase zu versetzen. Dank seiner irischen Abstammung hatte er feuerrotes Haare, das ihm in satten Wellen über die Schultern fast bis zwischen die Schulterblätter fiel, hätte er seine Mähne nicht zu einem fetten Zopf gebunden. Die passenden Sommersprossen übersähten sein Gesicht und man sah an seinem korpulenten Körperbau, dass er nicht häufig sein Labor hier unten für sportliche Aktivitäten verließ. Er trug fast ständig eine ähnliche Brille wie jene, die er Ember gebastelt hatte und konnte damit auf Kilometern Aurenspuren und deren Signaturen identifizieren. Ergo war er am Tag daor förmlich aus dem Häuschen als er Überreste von Ausgust Aura an Ember kleben sah. Was ihr wiederum bedeutete, dass Cunnigham wirklich mehr verdächtigte als es zunächst den Anschein gemacht hatte.
      "Ich kann voll und ganz nachvollziehen, wenn Foremar sagt, du seist wahnsinnig. Erinnert mich an den Fall vor... sieben Jahren? Da wo man auch behauptet hat, du stellst ein Selbstmordkommando auf die Beine." Heydens furchtbarer Dialekt war für Ungeübten ein wahrer Graus.
      "Da wusste ich aber auch ganz genau, mit wem ich es zu tun hatte, Heyden. Jetzt darf ich mich gegen einen scheinbaren Gott stellen, wenn ich seine Worte mal so salopp kopieren darf."
      "Du weißt schon, dass die Leichen einige Wunden prä mortem zugefügt worden sind? Wenn du sagt, der Autounfall war schon schlimm..."
      "War er nicht", unterbach Ember den Techniker vehement während sie versuchte, ihr Sandwich aus den drei weiteren für Heyden zu identifizieren. "Aber die Gefahr ist zu groß, dass das Vieh nicht auftaucht, wenn Foremar es macht. Außerdem hat er ganz andere Baustellen, wo er sinnvoller eingesetzt werden kann. Im Ernst, er war nur als Mittel angedacht, um die Tatorte zu reinigen. Mehr nicht."
      Sie sah, wie Heyden ihr einen vielsagenden Blick zuwarf. Bedächtig schob er seiner Kollegin die braune Glasflasche hinüber.
      "Davon drei Stück etwa eine Stunde bevor du anfängst." Er schob eine weitere Glasflasche hinüber, dieses Mal jedoch in Grün. "Davon eine, fünfzehn Minuten bevor du anfängst."
      Ember holte weit aus, um die zwei Fläschchen zu der Stofftasche zu stellen, die bereits mit anderem Schnickschnack gefüllt worden war. Niemand von ihnen ging davon aus, dass sie in der Lage war, dem Sharokh zu schaden. Sie setzten alles auf eine Karte, dass sie die Konfrontation erst einmal überlebte. Und das Wesen überhaupt erst angelockt bekam.
      "Wie viel Vorlauf brauchst du? Stellst du eine Nachhut auf, die nach einer bestimmten Zeit vorrückt?", fragte Heyden sichtlich interessiert, als er in sein Salamisandwich biss.
      Ember schüttelte langsam den Kopf. "Nicht wirklich. Es darf keiner zu früh in die Quere kommen. Wenn doch laufe ich doppelte Gefahr. Ich habe meinem Bruder schon Bescheid gegeben, wo er einen Hinweis hinterlassen soll. Bisher weiß nur er wo und wann ich es probieren will. Wenn was schief laufen sollte, findet mich wenigstens der Richtige."
      Und nicht mein eigener Bruder...
      Heyden seufzte, was sich verdächtig nach Enttäuschung anhörte. Prompt räusperte sich Ember harsch woraufhin der Techniker schuldbewusst zusammenzuckte. Er hätte alles dafür getan, mit zu dürfen. Doch Ember würde niemanden mit in die Schusslinie ziehen. Vollbepackt mit der Tasche voller Wunderlichkeiten nickte sie Heyden zu und verließ sein abgekapseltes Labor. Man hatte ihn dermaßen weit vom Hauptgeschehen im Department platziert, dass sie ohne viel Kontakt rein und wieder raus kam.
      Vor dem Gebäude wartete bereits Shawn in seinem Wagen auf seine Schwester. Er musterte misstrauisch die Tasche, die sie zwischen ihre Beine stellte und sich anschnallte.
      "Das ist eine furchtbare Idee, Emmy."
      "Furchtbare Ausgangslagen bedürfen eben furchtbare Lösungsansätze. Fahr mich noch mal nach Hause, ich muss noch was einpacken und dir etwas geben, Shawny."
      Murrend startete Shawn den Wagen und fuhr vom Parkplatz ab.


      High Elms Country Park - 17:48

      Unter der Woche zu dieser Uhrzeit war in dem abseits gelegenen Park nicht mehr viel los. Ember hatte absichtlich diese Anlage gewählt, wo man nicht zufällig über sie stolpern würde und der Flughafen in ein paar Meilen genug Ablenkung bieten würde. Bepackt mit ihrer Stofftasche, dem langen Anorak sowie ihren festen Stiefeln lief sie den Weg entlang bis sie eine abgelegenere Bank fand, auf die sie sich fallen ließ. Eigentlich hatte sie vorgehabt, vorher sich noch ein wenig Mut anzutrinken, aber das war nicht ihr Stil. Stattdessen sah sie auf den Bildschirm ihres Smartphones, wo kein neuer Anruf eingegangen war.
      Ember lächelte müde. Sie hatte darauf gehofft, dass August nicht damit rechnete, dass sie ihren Plan ohne ihn direkt am Folgetag in die Tag umsetzte. Aber jeder Tag, wo kein neues Opfer des Sharokh gemeldet wurde, war ein weiterer gefährlich verstrichener Tag. Nachdem sie das Handy wieder weggesteckt hatte, wühlte sie aus der Tasche die grüne Flasche, öffnete sie und schüttelte sich eine unscheinbare Tablette auf die Hand. Ohne Wasser schluckte sie sie wie die drei anderen zuvor im Auto. Timing war alles bei dieser Sache.
      Dann seufzte sie. Sie wusste ja nicht einmal, ob es klappte. Sie hatte Shawn darauf getaktet, dass er den Hinweis über ihren Verbleib erst in etwa zwei Stunden im Twisted Mind Palace zu Händen Augusts abgeben sollte, damit er sich nicht zu früh auf den Weg machte. Ein abgekartetes Spiel, wo sie inständig darum bat, dass er ihr einmal keinen Strich durch die Rechnung machte.
      Das hier war ihre Arbeit. Ihr Job, ihre Risiken. Sie würde keinen Aussenstehenden mit in den Abgrund reißen, wenn es sich vermeiden ließ.
      "Schön, dann probieren wir es mal", sagte sie leise zu sich selbst als sie aus der Stofftasche eine Handvoll zart gefertigter Glasphiolen zog.
      Da Heyden für seine technischen Spielereien die Energien von Auren benötigte, sammelte er sie in eigens geblasenen Glasphiolen. Und der gute Mann hatte nicht nur ein paar wenige davon gelagert, sondern gefühlt eine Trillion. Darunter alles, was er irgendwie in die Finger bekommen konnte und das schloss sämtliche SS-Magier des Landes ein. Er führte eine berüchtigte Aurenbibliothek - eigentlich nur zum Zwecke seiner Bastelaktionen.
      Jetzt allerdings hatte er Ember praktisch mit einem unermesslichen Vorrat an Magie ausgestattet, die sie nun quasi den Hunden zum Fraß vorwarf. Sie warf die erste Hand voller Glasphiolen achtlos vor sich auf den Boden, wo die Phiolen in Millionen Teile zersprangen und ihren Inhalt umgehend preisgaben. Doch Ember spürte nicht einen einzigen Hauch davon.
      Nüchtern rümpfte sie die Nase. "Wunderbar, wenigstens das funktioniert schon mal..."
      Dann langte sie in die Tasche und zog die nächste Hand voller Phiolen hervor.

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    • Kapitel 2:
      Der Wächter am Tore


      Es erschien Menschen schon immer einfach, Magie zu manipulieren. Nach ihrer Entdeckung vor vielen hundert Jahren erhielten die Menschen nicht nur ein Monopol auf die Tatsache, sie ausüben zu dürfen. Sie nahmen sich sogar noch das Recht heraus, zu entscheiden, welche Wesen Magie tragen durften und welche nicht. Der Park, den sich Ember Sallow ausgesucht hatte, stellte für den Plan sicherlich einen geeigneten Grund dar, nicht wahr?
      Nun, lieber Leser, liebe Leserin. Ich wäre ein wahrlich grausiger Chronist, wenn ich ihnen verraten würde, dass unseren Hauptcharakteren die vermutlich schrecklichsten Jahre ihres Lebens bevorstanden, obgleich sie es vermutlich nicht einmal ahnten.

      Denn was geschah, als sie die Phiolen in den korrekten Zeitabfolgen auf den Boden warf und nicht spüren konnte, erschütterte die gesamte englische Südküste bis nach Cornwall.
      Auch wenn es sich anfangs kaum spüren ließ, so kam als erstes der Wind. Erst langsam, mit einer sachten Böe, die durch die Wipfel zog, ehe sich schließlich der Druck erhöhte und die Bäume ins Schwanken brachte. Mit dem Wind kam das Beben der Erde. Erst wie ein unterirdischer Puls, dann wie ein immer lauter werdendes Trommeln.
      Und die Trommel rief so laut...
      Immer schneller und schneller werdend, bildete der Boden bald Risse aus, die sich wie unterirdische Adern durch den Distrikt zogen. Die Fassaden vibrierten und selbst die Luft um die Gebilde herum begann zu flackern. Als würde man eine Zielscheibe auslegen breitete sich das Aurenkonstrukt über den Himmel hinaus in die Luft aus. Als würde man einen gewaltigen Pfeil auf einen Ort zeigen lassen, der für alle magiebegabten Wesen spürbar war.
      Und ist nicht gelogen, geneigter Leser, wenn ich sage, dass selbst in Cornwall sich die Zauberer nach und nach umwandten, um der Quelle dieser gewaltigen Aura zu folgen, die sich dort in der Ferne einem Turme gleich auftürmte. Zu schmackhaft, nicht wahr?

      Als die ruckartigen Emissionen beendet waren, kehrte die Stille ein.
      Beiernde, kalte, schwarze Stille legte sich über den Park und ließ das Gras verwelken und faulen. Und beinahe just in dem Moment, wo man sich als normaler Mensch schulterzuckend abgewandt hätte und seiner Wege gegangen wäre, brach der Himmel ein. Wie eine Glasscheibenkontraktion ging das schneidende Geräusch von Splitterndem Glas durch die Luft als zerschneide man einen Vorhang mit Schall. Aus dem Nichts, gleich wie es Foremar schälte sich eine Gestalt gar schrecklichen Antlitzes.
      Zumindest mochte man es so nennen. Die Menschen hatten die Angeli immer wieder mit den Sagengestalten ihrer Bibel verwechselt. Lange, weiße Flügel, eine blasse, edle Haut und perfektes Aussehen. Gnade und Güte seien ihnen ins Gesicht geschrieben und sie taten Gutes.
      Nichts dergleichen fand sich an dieser Gestalt.
      Der Angelus trat aus dem Zwielicht wie eine Gnadengestalt eines Dämons, den man nicht heraufbeschwören wollte. Gehüllt in ein Gewand aus LIcht und Schatten, die miteinander um die Herrschaft um die Farbe buhlten. Es saß wie ein Leinensack und gleichsam eine Rüstung aus engem, schwarz glitzerndem Stahl. Eine feste Form vermochte man nicht auszumachen, erschien sie bei jedem Herzschlag wieder anders. Der Kopf des Wesens lag unter einer Kapuze aus Schatten und Licht verborgen. Man erkannte lediglich ein spitzes, edles Kinn. Aus dem Rücken der Kreatur stachen pechschwarze, grausig und gleichsam wunderschön anzusehende Flügel in den Himmel und verflüssigten sich regelrecht in der Luft, wenngleich sie feste Form besaßen.
      Der Heiligenschein, das Erkennungszeichen der Göttlichen, war auch nur eine Abstraktion seiner selbst. Ein Flammenkreis stach um den Kopf des Wesens, der sich im Puls der Aura wog. Und als die Kreatur aus dem Nichts trat, erschien die Aura von Ember beinahe haltlos klein dagegen. Ein Druck herrschte über dem Land, dass keinem Gras die Erlaubnis gab, zu existieren. Wo immer die Kreatur auftrat mit seinen bloßen Füßen aus vier Zehen, zog Fäulnis und Grauen über das Land. Als raube er das Leben selbst.

      "Ember Sallow"
      Die Stimme der Kreatur war ein Kreischen und zugleich ein sanftes Flüstern, das ihre Ohren liebkoste. Ein Hauch des Windes und gleichsam ein tosender Sturm. Die Kreatur nahm die gewaltigen Finger und schob die Kapuze nach hinten. Unter dieser befand sich ein beinahe menschliches Gesicht.
      Eine Nase, zwei, nein drei Augen und zwei Ohren, die mehr Punkte im Kopf waren. Der Kopf war unbehaart und von blauer Farbe. Die Augen leuchteten in einem grellen Gelb, als die Kreatur vor sie trat.
      "Endlich sehen wir uns"; kreischte und flüsterte sie zugleich. "Ich habe gewartet..."

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    • Ember hatte ja geahnt, dass es eine furchtbare Idee war, die sie da gerade verfolgte. Selbstverständlich bemerkte sie den Wind, der plötzlich auffrischte und das Beben unter ihren Füßen, doch er Rhythmus dahinter drang nicht an ihre Ohren. Just als diese Zeichen eingesetzt hatten, zerbrach sie keine weiteren Phiolen sondern beobachtete wie die Umwelt auf ihr Tun reagierte. Als Wind und Beben aussetzten fiel ihr zunächst nicht die Veränderungen am Gras um sie herum auf.
      Der aufbrandende Lärm sorgte dafür, dass Ember erschrocken die Hände vor die Ohren schlug und ein Zusammenfahren nicht unterdrücken konnte. Ihr Blick schoss gen Himmel, wo sie nur noch das Aufbrechen eben jenen und die herabsteigende Gestalt sah. Dies war der Moment, in dem sie wirklich froh darüber war, die Tabletten im Voraus genommen zu haben. Ihre Wirkung hatten unlängst eingesetzt und stumpften ihre Emotionen auf brutale Weise ab. Doch sie wusste ganz genau - ohne sie hätte sie bei diesem Anblick schon lange die Flucht ergriffen.
      Manch einer war vermutlich fasziniert von dem Wesen, das eher einem Seuchenbringer als einem Engel glich. Auch Ember hatte unbewusst im Kopf ein völlig anderes Bild dieser Einheit gehabt, etwas.... Heiligeres. Etwas, das nicht so stark nach Verderbnis schrie, etwas, das vielleicht den Anschein erweckte, gut zu sein.
      Aber was war denn wirklich gut?
      Nicht ein Muskel im Körper der Frau schien ordnungsgemäß zu funktionieren. Über die Jahre hatte sie viele Schändlichkeiten gesehen, gehört und gespürt. Aber das Ding vor ihr war nicht mal in Worte zu fassen. Sie wusste nicht, wo sie als Erstes hingucken sollte. Die formlosen schwarzen Flügel, die zum Ende hin sich aufzulösen schienen? Das Gewand, das seltsam formlos erschien und flimmerte wie unter sengender Hitze, einer optischen Täuschung gleich? Oder doch der Boden unter seinen Füßen mit dem rasch sterbendem Grün, der eine Spur Unwirklichkeit hinter sich her zog?
      Die anderen Tabletten sollten sie vor den Einflüssen von Auren, von der Magie, schützen. Aber kein Mittel der Welt konnte die Präsenz des Angelus unterdrücken, sodass auch Ember den schweren Druck um sich herum wahrnahm, der ihr die Luft entzog und ihre Rippen wie Feuer brennen ließ.
      Als das Wesen schließlich ihren vollen Namen sprach, stellten sich unwillkürlich alle Härchen in ihrem Nacken auf. Schon immer hasste sie außerweltliche Stimmen, aber das hier setzte dem noch eine Krone auf. Wieder verlangte es sie, sich die Ohren zu zuhalten, doch bewegten sich ihre Arme nicht einen Millimeter. Stattdessen sah sie mit einem Grauen, das so tief in ihrem Kern verwurzelt war, zu, wie es sich die Kapuze vom Kopf streifte und seine drei gelben Augen auf sie richtete.
      Säße Ember nicht sicher auf der Bank wäre sie vermutlich jetzt vollends zusammengeklappt.
      Seine Worte klangen in ihrem Schädel unglaublich laut nach und obwohl sie den Zusammenhang der Worte verstand ergaben sie absolut keinen Sinn für sie. Wieso sollte so eine Einheit auf einen popeligen Menschen warten? Einer, der nicht einmal fähig war zu zaubern? War sie einfach nur zum falschen Zeitpunkt zur Stelle gewesen?
      Sie musste einmal kurz den Kopf schütteln, um endlich reagieren zu können. Wir verhielt man sich so einem Ding gegenüber?
      "Schön, endlich ein Bild zu dem Namen zu haben", sagte Ember schließlich, die gesamte Stimme ein zum zerbersten gespanntes Nervenkonstrukt, "wie kann ich helfen?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Du unterdrückst deine Gefühle, Mensch..."
      Das Kreischflüstern der Stimme brannte sich regelrecht in Stein und Wände, während das Wesen Schritt um Schritt auf sie zukam, um beinahe einen Meter vor ihr in Schweigen und Stehen zu verfallen und sie anzusehen.
      Eine gewisse Neugierde lag in den pupillenlosen Augen, die sich zu einem schmerzlich anmutenden Grinsen verzogen und anschließend wieder lockerten. Die Flammen um seinen Kopf schienen mal heller, mal weniger hell zu lodern, als er sich leicht hinabbeugte und die Flügel an den Körper zog.
      "Ich ersehnte dein Kommen, Ember Sallow. Seit dem Tage deiner Geburt haben wir beobachtet, gesehen und nicht gesehen. Gehört und nicht gehört. Und nun...Sind wir hier."
      In der nächsten Sekunde stand er rechts von ihr und sah in die Richtung in die auch sie schaute, ehe er nahe ihrem Ohre flüsterte.
      "Wir wissen es"; murmelte der Sharokh und ein Lächeln entblößte eine Reihe von spitzen Zähnen, die so gar nicht zum Gesicht passen wollten. Vielmehr zu einem Hai, der seine Beute belauert. "Wir wissen es, seit dem Tage, als ein Mensch das erste Mal das Tor öffnete und einen Blick auf uns warf."
      Er stand wieder vor ihr und beugte sich seelenruhig und gleichsam überirdisch schnell hinab und direkt vor ihr Gesicht.
      "Ich biete dir einen Handel, Ember Sallow...", murmelte und schrie es zugleich. "Einen einfachen nur, aber einen Handel. Und den biete ich nicht jedem..."
      Er erhob sich wieder und wandelte vor ihr hin und her, wodurch die Fäulnis mehr und mehr in den Boden sickerte. Der Druck in der Luft war beinahe übermenschlich, tödlich gar, wenn man nicht aufpasste.
      "Du bist bekannt mit einem Wesen, dass sich August nennt...", begann es zu sprechen und zu schreien. Augenscheinlich erschien es, als würde sich ein zweiter Kopf aus dem Ersten herauswinden wollen und um Hilfe schreien. Gleichsam bewegte sich der Kopf der KReatur nicht,a ls sie Ember wieder ansah.
      "August Foremar muss sterben...", kreischte/murmelte es und trat wieder näher, in der Hand ein leuchtendes Artefakt, dass er ihr darbot. Es wirkte einer kleinen Kugel gleich, die sich langsam senkte udn auf der blauschimernden Hand mit den sechs Fingern zum Liegen kam. Dort manifestierte es sich zu einem kleinen Messer, winzig war, aber edel geschmiedet. Als sei es aus purem Gold geschaffen.
      "Wir möchten, dass du August Foremar tötest...", murmelte der Sharokh. "WIr haben gerufen, du bist gefolgt. Folge uns nun noch einmal...Töte ihn und deine Lieben sind sicher...Verschone ihn und ich nehme mir Shawn...Und deine Eltern...Und die Frau mit der reizenden Tochter...Und alle, die du liebst, Ember Sallow...Töte ihn..."
      Die Stimme hallte wieder, ehe sich das Wesen herum drehte und langsam wieder auf die Mitte des Parks hinzu wanderte.
      "Du hast....drei Tage....Am Dritten Tage...hole ich Shawn, wenn August atmet..."
      Mit einem kurzen Klirren und einem bestialischen Schrei war es verschwunden. Als sei es nie gewesen.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ember konnte nicht anders als die Augenbrauen zusammen zu ziehen während das Wesen weiter mit ihr sprach. Ihr Verstand spielte ihr Streiche bei dem kläglichen Versuchen, eine Mimik zu deuten, die undeutbar war. Die folgenden Augenblicke erschienen ihr wie ein krasser Drogentrip, als wäre ihre Wahrnehmung völlig durcheinander. Gerade noch stand der Sharokh vor ihr, im nächsten Moment war er neben ihr und brachte Worte an ihr Ohr, die ambivalenter nicht hätten sein können. Ihr sonst so schlagfertiges Mundwerk war in Anspannung gepresst und nicht mehr in der Lage, Worte zu formulieren. Zumal sie nicht gewusst hätte, welche Worte angebracht wären oder wie so ein übermächtiges Wesen reagieren mochte. Schweigen war also ihre beste Option in diesem Falle.
      Embers Blick fiel wie hyponitisiert auf den Boden unter den Füßen des Sharokhs, der mit jedem seiner Schritte mehr Fäulnis ansammelte. Ein Anblick so wider jeglicher Natur, dass die Frau trotz der Tabletten eine Erleichterung verspürte, dass sie sie im Voraus eingenommen hatte. Ihre Instinkte hätten sie anderfalls vermutlich schon längst nach London zu Fuß rennen lassen.
      Als er dann endlich seine Absichten enthüllte, spürte die Detective wie sich eine Emotion tief in ihr zusammenbraute, es allerdings nicht bis an die Oberfläche schaffte. Die nüchterne Reaktion in ihren Gedanken war lediglich:
      Natürlich. Was hätte es sonst sein sollen.
      Sie hatte gar nicht gemerkt, wie sie ihre Hand geöffnet hatte, um das kleine Messer in Empfang zu nehmen. Die Worte des Sharokhs hallten noch immer in ihrem Geist nach, da verschwand er mit einem ohrenbetäubenden Geräusch und der unmenschliche Druck in der Luft normalisierte sich schlagartig. Das war der Augenblick, in dem sie den ersten befreiten Atemzug tat, der ein Gefühl gleich Eiswasser durch ihre Lungen schickte.
      Für ein paar Minuten saß sie einfach nur da und starrte den Fleck nieder, wo der Sharokh verschwunden war. Dann zog sie ihr Handy heraus, wählte einer Nummer und sagte, kaum hatte die Person abgenommen: "Hol mich ab, alles okay."
      Ohne eine Reaktion abzuwarten legte sie auf, steckte das Handy zurück und ließ das kleine Messer ebenfalls in ihrer Hosentasche verschwinden. Sie wusste nicht, ob sie es sich einbildete, aber es lag schwer und kalt in ihrer Tasche als sie die Tasche nahm und sich langsam auf den Weg zum Parkplatz machte, wo man sie abholen würde. Länger als nötig würde sie hier nicht verweilen.

      "Er ist wirklich gekommen, es hat also geklappt?"
      Embers Lippen waren ein schmaler Strich seit dem Zeitpunkt, wo sie zu ihrem Bruder ins Auto gestiegen war. Sie hatte geschwiegen, selbst als Shawn sie mit einem flehenden und erleichterten Blick angeschaut hatte, kaum hatte er sie einsam und allein auf dem Parkplatz stehen gesehen. Sie würde den sprichwörtlichen Teufel tun und ihm sagen, was ihr da gerade aufgetragen worden war. Denn bereits jetzt ahnte sie, dass die Zeit nach Abklingen der Wirkung der Tabletten ganz bestimmt keine gute werden würde. Bis sie irgendwo allein war würde sie es aushalten müssen. Damit niemand sah, wie sehr es an ihr zehrte.
      "Ja, hat es. Ich schwöre dir, komme ich jemals erneut auf eine dermaßen bescheuerte Idee, erinnere mich hier ran." Wenn du dann noch da bist. "Das Ding ist übermächtig. Ich habe ja schon viel gesehen, aber das war eine ganz andere Nummer. Bin ja wirklich nicht gottesfürchtig, aber das Ding... war beeindruckend."
      Die Umgebung raste an ihnen vorbei, jegliches Zeitgefühl schien ihr abhanden gekommen zu sein. Ember konnte Shawn nicht ansehen, sich nicht der Vorstellung hingeben wie er vermutlich Todesängst litt wenn ihn der Sharokh angreifen sollte. Was ihr letztes Gespräch sein konnte, zur Hölle, wenn sie wollte konnte sie ganz genau bestimmen was ihre letzten Worte an ihn waren. Diese Vorstellung erzeugte ein Rumoren in ihrem Inneren, ließ ein saues Gefühl in ihrem Mund zurück und die Übelkeit ansteigen.
      "Hast du aus ihm rausbekommen, was er will? Warum er dich nach dir gerufen hat?"
      "Ein Sharokh spricht in Rätseln. Ich muss erst ein wenig reflektieren, was genau es bedeutet. Deswegen sollst du mich ja nach Hause fahren, ich muss nachdenken."
      Ein leises Kichern ertönte von Shawn, dessen jetzt sichtlich entspannte Miene den Verkehr vor sich stets im Auge behielt. "Ich sag' ja, meine Normaloschwester hat Eier, die muss sich so manch ein Kerl erst mal wachsen lassen."
      Ember verzog das Gesicht aus verschiedenen Gründen. "Shawn, fahr links ran."
      Als guter kleiner Bruder der er war, tat er wie geheißen ohne nachzufragen. Der Wagen hatte nicht einmal vollständig auf dem Seitenstreifen gehalten, da stürzte Ember bereits heraus und ging am Grasstreifen auf die Knie. Geräuschvoll trennte sie sich von dem spärlichen Mageninhalt, verweilte einen Augenblick bis sie sich gefangen hatte und stieg dann zurück ins Auto. Aus der Tasche vor sich zog sie die Wasserflasche, um den Geschmack der Magensäure herunterzuspülen.
      Shawn sagte nichts. Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung als Ember ihm ein Zeichen gegeben hatte und sie zurück nach London fuhren.

      Wie erwartet ereilte Ember die befürchtete Überlastung, als sie in ihren eigenen vier Wänden allein war und sich nicht mehr mit aller Macht am Riemen reißen musste. Alles, was sie in der Zeit seit dem Park in ihr angestaut hatte, brach auf einmal an die Oberfläche und würde eine Lehre für sie sein, diese Taktik mit den Tabletten nicht noch einmal zu fahren. Wäre sie ein Mensch mit schwachem Willen gewesen, hätte dieses Erlebnis ganz anders ausgehen können.
      So brauchte die Frau nur ein paar Stunden bis sie sich halbwegs wieder gefangen hatte und anfangen konnte, logisch zu überlegen. Sie hatte sich auf die Couch gesetzt, das kleine goldene Messer vor sich auf dem Tisch gelegt und es seit Minuten einfach nur angestarrt wie eine heilige Reliquie. Immer wieder hörte sie den Satz in ihrem Geist Das ist ein schlechter Film , aber die Realität änderte sich dadurch nicht.
      Was sie allerdings am meisten störte war der Fakt, dass sie sich in der Sekunde bereits entschieden hatte, als der Sharokh ihr den Handel genannt hatte. Ohne zu zögern hatte ihr Unterbewusstsein für sie entschieden, was sie tun würde. Welche Wahl für sie die Beste war. Nur wie sie es umsetzen sollte, war ein einziges Mysterium.
      Sie bezweifelte stark, dass August nicht merken würde, wenn sie das kleine Messer bei sich trug. Vermutlich würde er es in Sekundenschnelle bemerken und dann würde sie in Erklärungsnot geraten. Ihr war klar, warum der Sharokh sie dafür ausgewählt hatte. Dass es scheinbar aber im Schicksal so festgeschrieben stand, dass diese Situation eintreten würde, ließ sie mit einem unsteten Gefühl zurück. Wenn dem so war, dann würde das Wesen um den Ausgang wissen. Wenn es das Schicksal, solltes es solches überhaupt geben, kannte würde es nicht um einen Handel bitten.
      So oder so war die Zeit nun ihr größter Feind. Viel Zeit zum Überlegen hatte sie nicht und egal welchen Weg sie einschlagen würde, sie alle führten sie zwangsläufig zu August. Seufzend steckte sie das Messer wieder in ihre Hosentasche, schnappte sich ihre kleine Tasche, schnallte sich das Brustholster mit ihrer Dienstwaffe um und schloss den Anorak. Draußen rief sie sich ein Taxi und nannte dem Fahrer ihr Ziel.


      Twisted Mind Palace
      Donnerstag 0:41 Uhr


      Ember bezahlte den Taxifahrer und maschierte zielstrebig auf das urig wirkende Gebäude zu, das zu dieser Uhrzeit Hochkonjunktur feierte. Der Geräuschpegel war in diesem Moment die reinste Linderung, da er sie von ihrem Gefühlschaos wunderbar ablenkte. Schwer ließ sie sich auf einen Hocker vor der Theke fallen nachdem sie den Raum nach Dolores überflogen und sie nicht entdeckt hatte. Es dauerte nur einen Augenblick, da hatte Ember bereits die Aufmerksamkeit der guten Barfrau mit dem schweren Akzent.
      "Ein Pimm's mit Holunder, bitte", lächelte die Detective träge und verschränkte die Arme auf dem Tresen.
      Dann würde sie nun warten müssen. Vom Schlaf hatte sie sich unlängst verabschiedet.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • High Elms County Park - 19.30 Uhr

      August Foremar wanderte durch das verdorrte Gras und nahm die Aurenvielfalt in sich auf, die dieser Ort beherbergte. Es war deutlich zu spüren, was hier geschehen war und grimmig sah der Rogue auf den Boden, wo sich die Fäulnis vor einem kleinen Kreis Leben auf dem Boden zurückgehalten hatte. Als hätte dort Jemand gestanden.
      Sachte ließ er sich auf ein Knie hinab und berührte den Boden. Und auch wenn die Reste der Phiole nur noch Staub waren, so spürte er einen kleinen Glassplitter unter der Haut und zog die Stirn in Falten.
      An seiner Seite war noch Jemand.
      Eine Frau die ebenfalls wachsam und beinahe neugierig die Grenzen der Zerstörung abging und mit dem Blick im Himmel nach etwas suchte. Bis sie die Stelle gefunden hatte. Auf ihrem Hals trug sie eine römische "2" als Markenzeichen und ihr Haar lag ausrasiert und ordentlich im Seitenscheitel. Auf ihrem rechten Auge offenbarten sich tiefe Narbenstrukturen, als hätte ein Bär über ihre Haut geschabt.
      "Ici il a disparu", murmelte sie mehr für sich selbst und wollte den Ort in der Luft berühren.
      "Obacht!"
      August Stimme war deutlich als er sich erhob und seine Begleitung ansah und an ihre Seite trat. Eva Beauregard war zwar keine kleine Frau, aber dieser hagere Professor überragte sie nun doch um einiges, während er auf den luftleeren Raum starrte.
      "Hier...", murmelte er.
      Sie nickte.
      "Er muss es gewesen sein", sprach sie in Englisch weiter, wobei sich ihr französischer Akzent deutlich zeigte. "Isch 'abe die Erschütterung bis nach Paris gespürt..."
      August pflichtete ihr kopfnickend bei. "Jemand hat es forciert", murmelte er. "Jemand wollte dieses Wesen treffen, so viel steht fest."
      "'Ast du eine A'nung, wer es sein könnte, peut-être?"
      Und wie er die hatte. Und wie sehr es ihn ärgerte, vermochte er gar nicht in Worte zu fassen.
      "Nein", sagte er schließlich und wandte sich, den Ort des Geschehens zu verlassen. "Ich werde Nachforschungen anstellen."
      "Und isch?"
      "Ruf die Arkana zusammen", rief er. "Wir brauchen ein Treffen, ehe es Krieg an zwei Fronten gibt! Sag ihnen, sie sollen in drei Tagen nach London kommen."
      "Isch denke nischt, dass sie alle komment werden, August!"
      Foremar grinste, doch das konnte sie nicht sehen.
      "Dir wird etwas einfallen, Eva..."
      Das ratlose Schulterzucken der Frau mit dem Narbigen Gesicht und den ausrasierten dunklen Haaren, sah er nicht mehr. Auch nicht, als sie kurz danach in einem Vakuum verschwand.

      Twisted Mind Palace - nach Mitternacht

      Die Zeit spielte gegen sie, so viel war sicher.
      Und auch wenn mir als Chronist nichts weiter übrig bleibt, als Zustände und Dinge zu beschreiben, so ahnte auch August nichts von den Umständen des Treffens. Sicherlich, der Rogue hatte Ideen wer es sein konnte. Und Ember war derer ganz weit oben. Aber genau wissen tat er es nicht, so viel stand fest.
      Schweigend zahlte er dem Taxifahrer einen bescheidenen Obolus, nachdem er die letzten Stunden damit verbracht hatte, den Tatort zu reinigen und die NAtur wieder herzustellen, ehe sich die Fäulnis ausbreitete.
      Jedoch - und das war das bemerkenswerte - fand er dabei den abgebrochenen Hals einer kleinen Phiole, die offenbar etwas weiter hinfort gerollt war und dem schädlichen Einfluss des Sharokh entkam. Die Reste der dort befindlichen Flüssigkeit wiesen nur einen Hauch dessen auf, was er bereits vermutet hatte. Aura. Flüssige Aura.
      Wütend und regelrecht genervt, betrat er das Twisted Mind und warf einen Blick in die Runde.
      Er hätte nicht erwartet, Sallow am Tresen zu sehen. Aber nun war sie schon einmal da. Schweigsam ging er unter dem Getöse des noch immer vollen Ladens an die Theke und winkte der Wirtin zu, die ihm einen Becher vor die Nase setzte. Die Flüssigkeit darin roch süß und brennend scharf an Alkohol.
      Schweigend legte er den kleinen Rest der Phiole auf den Tisch und sah Ember an.
      "Hast du mir was zu sagen?", fragte er und zog eine Augenbraue hinauf.

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      The more you drag me to hell
    • Ember hob nicht den Blick als sie bemerkte, dass sich jemand zu ihrer Seite setzte. Ein flüchtiger Blick glitt zu dem delikaten Glassplitter, der eindeutig zu jenen gehörte, die sie vor Stunden absichtlich zerbrochen hatte. Zugegeben, sie hatte auch keinerlei Anstalten gemacht, auch nur etwas zu vertuschen. Stattdessen bekam sie nun genau das, was sie beabsichtigt hatte.
      Seine wenigen Worte trugen eine gewaltige Menge an Emotionen mit sich, die Ember bei dem Rogue in dieser Form nicht vermutet hätte. Wut, Frust vielleicht und.... Enttäuschung? Tief atmete Ember ein und schwenkte das Glas in ihrer Hand auf dem Tresen ohne August anzusehen. Sie konnte es schlichtweg nicht. Zu viel würde man vermutlich in ihrem Gesicht lesen können.
      "Ich hab' den Sharokh überlebt und wollte das eigentlich zelebrieren", war ihre Antwort auf seine Frage.
      Im Anschluss kam ein Seufzer nachdem sie ihre eigenen Worte hatte Revue passieren lassen. Sie fühlte sich seltsam leer, so als wären ihre Empfindungen zu viel und gipfelten in einer undefinierbaren Masse, die sich als Leere äußerte.
      "Ich muss ganz ehrlich sagen; Wenn Gottesfürchtige so ein Wesen sehen würden, dann reißen die sich die Augen aus. Unfassbar. Ich habe mit vielem gerechnet aber ganz bestimmt nicht mit so einer Begegnung. Das war mit Abstand das bisher beängstigende, was ich gesehen habe."
      Ember lachte kurz leise auf ehe sie das Geräusch mit einem Schluck aus ihrem Glas hinunterspülte.
      "Ich muss sagen, ich fühle mich ein wenig wie ein Bauer im Schachspiel des Schicksals. Aber ich kann dir immerhin sagen, dass der Sharokh in...", sie schaute auf die Wanduhr, "ca. zweieinhalb Tagen wieder auftauchen wird. Und ich kann dir genau sagen, wer sein nächstes Opfer wird. Würde sagen, mein Versuch war nicht gänzlich nutzlos. Wenn es dich interessiert, was ich da eigentlich angestellt habe kann ich dir das gerne verraten. Aber vielleicht nicht hier an der Bar."

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    • Sie hatte Recht. Es war nicht gut, wenn vielerlei Ohren diesem Gespräch lauschten. Schweigsam trank er einen Schluck von seinem Gebräu während er ihr zuhörte. Das Gesicht des Zauberers war hierbei mehr eine Maske. Eine Maske, die einen Schwall von Wut verbergen sollte, die sich langsam emporarbeitete.
      "Du hast Recht", murmelte er und erhob sich von seinem Stuhl.
      Anschließend drehte er sich vor der Theke herum und lehnte sich gegen sie, ehe er mit dem Fuß einmal fest auftrat. Wie ein Pulsschlag ging ein Ruck von Aura durch das Haus, sodass sich alle Insassen des Etablissements zu ihm herumdrehten. Ein Rudelverhalten von Menschen und immer wieder erstaunlich. Man hielt inne und suchte die Ursache des Geräuchs.
      "Raus", sagte er und nickte der Wirtin zu, die eine kleine Glocke über der Theke zu läuten begann.
      "Also gut, Mädels!", rief sie in ihrem grässlichen Akzent. "Ihr habts gehört! Alle Huren auf die Zimmer und alle Freier raus in den Garten. Zack, zack, sonst mach ich euch Beine, ihr Hurenböcke!"
      Es dauerte gut fünf Minuten, bis der Raum, der vormals von Musik und Gesprächen erfüllt war, mit einem Mal totenstill erschien. Eine letzte Tür knallte und selbst die Wirtin zog sich nach einer kurzen Erfolgskontrolle in ein Separee hinter der Bar zurück.
      "Nun...", begann August und wanderte gemächlich hinter die Theke. "Wir sind allein. Wie gewünscht."
      Er nahm sich sein Glas und füllte es mit Wodka auf, obgleich nicht viel getrunken wurde.
      "Würdest du mir nun erklären, Partnerin", begann er und spie das letzte Wort regelrecht aus. "Was zum werten Geier du dir dabei gedacht hast, die komplette Südküste in Gefahr zu bringen nur um mit einem Wesen zu sprechen, dass verdammt nochmal ein Gott ist?!"
      Mit jedem Wort wurde er lauter und zynischer, die Stimme von einem leisen Zischen hin zu einem Sturm.
      "Ich habe dich für viel gehalten, Ember Sallow, aber nicht für eine dumme Frau!", donnerte August und schlug mit der Faust auf den Vortresen, sodass die Zapfanlage hüpfte. "NIcht nur, dass du selbst hättest sterben können, du hast sämtliche Anwohner der ganzen Stadt in Gefahr gebracht und für was?! FÜr ein nettes Gespräch mit einem extradimensionalen Wesen?!? ISt das dein verfluchter Scheißernst?!? Und was soll das heißen, du weißt wer das Opfer sein wird?!"

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    • Entgegen der Menge reagierte Ember nicht bei dem Impuls. Stattdessen spielte sie weiter scheinbar seelenruhig mit ihrem Glas bis eine grässliche Stille den Raum erfüllte und somit jegliche Leichtigkeit sowie Ablenkung mit sich fort riss. Ein Tauber hätte in den ersten seiner folgenden Worten bereits heraushören können, dass August gleich die Fassung verlieren würde. Mit diesem Wissen gewappnet ließ sie die Intensität seiner Stimme augenscheinlich mühelos an ihr abprallen bis er auf den Vortresen schlug und ihr ein minimales Zucken entlockte.
      Erst jetzt hob sie ihren Blick und konfrontierte den Arkana mit einem Augenpaar, das an Kälte fast nicht mehr zu überbieten war. Für einen einzigen Herzschlag lang trugen ihre Augen nach außen, was sie eigentlich dachte, was sie fühlte und zu was sie sich eigentlich entschlossen hätte.
      Sie würde dem Handel folgen und dafür sorgen, dass niemand ihrer Liebsten zu Schaden käme. Sie würde einen Weg finden, den Sharokh auch ohne August aus der Welt zu schaffen. Sie würde sich nicht einen einzigen Gedanken gewähren, ob sie sich nicht doch falsch entscheiden würde.
      Allerdings war es ihr Verstand, der dem einen Riegel vorschob und nach einem weiteren Blinzeln den Ausdruck verwischte, um dem Schwermut Platz zu machen. Fast wäre sie einem Impuls gefolgt und hätte dem schmallippigen Lächeln nachgegeben, das sich kurz bemerkbar machte. Da lieferte der Arkana ihr gerade einen weiteren Hinweis darauf, dass er alles andere als ein schlechter Mensch war und merkte es vermutlich nicht einmal.
      "Hätten wir deinen Plan verfolgt und es nach deinem Vorschlag gemacht, wäre der Sharokh nicht erschienen", begann sie und bewegte noch immer das Glas sachte hin und her. "Also musste ich es allein versuchen und du hast mir eine Idee gegeben, wie. Ich kann mich nicht ständig auf die Hilfe anderer verlassen, nur weil ich selbst nichts hinbekomme. Ich muss gestehen, dass ich nicht erwatet hätte, dass es klappt. Es war kein nettes Gespräch, bei Weitem nicht. Kein dahergelaufener Mensch hätte diese Worte hören sollen."
      Lebhaft erinnerte sie sich an die furchtbare Stimme, die doppelt erklungen war und es unmöglich machte, sich für eine Tonspur zu entscheiden. Der unermessliche Druck in der Luft von dem sie wusste, dass er sie spielend leicht hätte zerquetschen können. Nein, das war definitiv eine Erfahrung, die sie nicht wiederholen wollte. Trotzdem wusste sie, dass sie das Wesen wiedersehen würde, ob sie wollte oder nicht.
      "Es tut mir leid, dass ich Zivilisten in Gefahr gebracht habe." Aufrechte, sanfte Worte und doch entschuldigte sie sich nicht dafür, ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt zu haben. Nicht nachdem sie wusste, für was sie eigentlich gedacht war.
      "Die Nachricht stammte vom Sharokh. Er hat mir einen Handel angeboten aber was er will kann ich ihm nicht geben. Und ich kann dir nicht verraten, was es ist." Für einen Herzschlag lang senkte sie den Blick. "Wenn er es nicht bekommt, dann wird er als erstes Shawn töten."
      Es schien so, als würde das kleine Messer in ihrer Hosentasche einen eigenen Pulsschlag besitzen, der ihr immer wieder vor Augen führte, was ihr eigentlicher Job war. Was das Richtige war. Was zu tun war.
      "Allerdings finde ich es spannend, dass du mich in solchen Momenten Partnerin nennst. Ich gebe mir Mühe, dir zu vertrauen und dich nicht weiter in die Scheiße zu ziehen, als du ohnehin schon steckst. Aber jedes Mal, wenn ich was Wichtiges versuche zu hinterfragen, bekomme ich nichts. Gar nichts. Ich weiß so viel von dir." Embers Hand löste sich vom Glas und zeigte zwischen Daumen und Zeigefinger eine kleine Spanne. Die bisher gut verschlossenen Gefühle bahnten sich allmählich ihren Weg zur Oberfläche, wodurch ihre Stimme sekündlich an Frustration gewann.
      "Du weißt, warum der Sharokh nicht erschienen wäre wenn du anwesend wärst. Warum ist das so? Sag mir nicht, dass das auch alles mit diesem ominösen Sieben-Wege-Tor zu tun hat. Er hat nämlich von irgendeinem Tor gesprochen und dass ein Mensch einen Blick auf die Angeli geworfen haben soll. Ganz davon zu schweigen, dass er dich als Wesen bezeichnet hat. Nicht Mensch. Also, irgendwelche Worte dazu, Partner?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August fixierte sie einen Moment lang und wunderte sich selbst einerseits über die Seelenruhe und gleichsam die Kälte, die von ihr ausging. Ein Gefühl, das er zwar kannte, aber nicht im Zusammenhang mit dieser Situation. Normalerweise müsste Sallow wesentlich aufgeregter sein, wenn sie berichtete, dass ein extradimensionales Wesen mit beinahe gottlgeichen Kräften ihren Bruder holen wollte.
      "Partnerschaft hat in unserem Falle rein gar nichts damit zu tun, etwas voneinander zu wissen oder nicht. Darf ich dich daran erinnern, dass du mir selbst nicht einmal sagen wolltest, wer dein verdammter Bruder ist?!", keifte er regelrecht und verlor sich mehr und mehr in seiner Wut, die ihn überkam.
      Er wusste nicht mal worauf er eigentlich wütender war. DIe Tatsache, dass sie blindlings Menschen gefährdete als wäre es eine Alltäglichkeit oder noch immer dachte, dass sie einen Verhandlungsstandpunkt hatte.
      "Hätten wir meinen PLan verfolgt, wäre er vermutlich nicht erschienen, ja", murmelte er. "Aber wir hätten es zumindest als Team entschieden, als Partner! Du hingegen hast entschieden, dass es klüger ist, auf sich selbst zu vertrauen. Also erzähle mir nichts von Geheimnissen, die dir nicht bekannt sind, wenn du mir nur in den Kleinigkeiten vertrauen kannst, die du siehst! Du hast dich bewusst gegen diese Partnerschaft entschieden und uns alle damit in Gefahr gebracht! Und viel eher hast du mich einfach aus deinem Plan herausdividiert ohne auch nur eine Sekunde des Zögerns!"
      Seine Stimme wurde wütender und wütender und mit jeder Silbe erschienen seine Finger bleicher und länger zu werden. Er verlor die Kontrolle.
      ALs er bemerkte, dass seine Lippe die Farbe wechselte und ein tiefes Schwarz annahm, wandte er sich kurz um und sah in Richtung der Gläser und Flaschen, um sich zu sammeln.
      Ruhig, dachte er. Ganz ruhig. SIe ist ein Mensch, du ein Rogue. Es hat keinen Sinn, zu morden.
      "Tze...Handel...", zischte er und verschränkte die Arme vor der Brust, ehe er sich umdrehte. "Und natürlich kannst du es mir nicht sagen...Aber klar...Weißt du, das Problem an dieser kleinen Milchmädchenrechnung ist leider, dass man deinen Bruder nicht schützen kann, wenn man nicht weiß, was sie wollen. Also was willst du tun? DIesen Wesen geben was sie haben wollen?"
      Er sah sie spöttisch und ein wenig herablassend an. Und auch wenn August selbts merkte, wie grausig dies war, scheute er sich nicht, noch weiter zu gehen, als er wieder die Wut spürte.
      "Natürlich weiß ich, weshalb er nicht gekommen wäre. Und ich weiß auch, weshalb man mich Wesen nennt. Aber all das sind Informationen, die ich einem Partner nicht anvertrauen werde, der sie für seine kleinen Agendas benutzt, um sich hinter zweifelhaften ehrbaren Motiven zu verstecken!", zischte er. "UNd ja, es hat mit dem Sieben-Wege-Tor zu tun!"
      Er kam hinter dem Tresen hervor und machte sich auf den Weg zur Tür, ehe er nochmals inne hielt.
      "Ich denke, man kann getrost sagen, dass diese Partnerschaft nur schwerlich eine Zukunft hat, wenn man diese nur auf Informationen aufbaut. Zu einer Partnerschaft zählt ebenfalls der Gedanke, die Dinge nicht allein und nur nach seiner Nase zu lösen. Und vielleicht bemerkst du es erst zu spät, aber ich kann dir sagen, dass die Verluste, die dich dies Experiment kosten werden, nicht die Vorteile überwiegen werden...Denn was tust du, Ember Sallow, wenn der Sharokh nicht Wort hält?"

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    • Der einzige kleine Hinweis, den man aus Embers Körpersprache herauslesen konnte, war eine leicht erhöhte Atmung. Sie hatte ihn nicht ohne zu zögern aus ihrem Plan gestrichen sondern abgewogen, welcher Weg ihr Ziel am ehesten erreichen würde. Was sie dabei aus der Gleichung gestrichen hatte waren sämtliche zwischenmenschliche Aspekte. Einer der Gründe, warum man in der Regel nicht gerne mit ihr zusammenarbeitete. Sie war herausragend in dem, was sie tat. Doch sobald es darum ging mit anderen dafür zusammenzuarbeiten, stellte sie sich eher als eine Belastungsprobe aller heraus.
      Nur dass August ihr dies unverblümt entgegen schmetterte.
      Ember hatte ihm noch immer den Rücken zugewandt, als der Rogue zur Tür gegangen war und dort tatsächlich noch einmal innehielt. Sie wusste, dass dies der letzte Augenblick sein würde, in dem sie das Handeln beeinflussen konnte. Ließ sie ihn gehen, würden sich ihre Wege trennen und sie hatte ihre Chance vertan. Das schlechteste Szenario, denn ohne ihn würde sie weder den Handeln erfüllen noch den Sharokh davon abhalten können, ihre Liebsten zu meucheln. Demnach musste sie handeln, in der einen oder anderen Richtung.
      Zäh löste die Detective ihre Hand vom mittlerweile erwärmten Glas, um beide Hände tief in die Hosentaschen zu schieben. Sofort stießen die Finger ihrer rechten Hand an die Klinge, die ruhig auf ihren Einsatz wartete und sich wie dafür geschaffen mit ihrem Heft in ihre Hand schmiegte. Langsam stellte sie erst einen Fuß auf den Boden, dann den zweiten und wandte sich August zu. Fort war der Schwermut in ihren Augen und als sie einen tiefen, kontrollierten Atemzug tat sah es fast so aus, als müsse sie es tun um nicht gleichfalls völlig aus der Rolle zu fallen. Denn das war es, was sie gerade mühsam aufrecht erhielt.
      "Zu aller Erst: Nichts, was ich tue, geschieht ohne Nachzudenken. Denkst du, ich hatte Spaß daran mich ganz allein dem Sharokh hinzuwerfen wie ein Stück Fleisch?"
      Die Stimme der Frau war gefestigt, aber viel zu ruhig um wirklich auszusagen, was sie gerade fühlte. Langes Training sprach daraus hervor, denn egal was passierte, man durfte sich nicht angreifbar zeigen.
      "Pass auf, ich habe keinerlei Grund anzunehmen, dass auch nur ein einziges Wort von dem Wesen da der Wahrheit entspricht. Aber wenn es dir ins Gesicht sagt, dass es dich angeblich seit dem Zeitpunkt deiner Geburt im Auge hat und dich für nur eine einzige Tat auserkoren hat, dann schindet das schon Eindruck."
      Niemand wollte auch nur an die Aussicht glauben, ein Spielball des Schicksals zu sein. Erst recht nicht Ember. Mit bedachtsam gesetzten Schritten näherte sie sich dem Arkana, keinen Moment nahm sie ihren Blick von ihm.
      "Denkst du, es fällt mir leicht zu entscheiden, was ich tun soll? Dass ich nicht weiß, dass ich als eigentlich Machtlose zwischen den Fronten stehe? Du solltest besser wissen als alle anderen was man bereit ist zu tun, um die zu schützen, die man liebt. Und sei der Versuch noch so aussichtslos und dumm."
      Unterschwellige Wut begleitete die gefassten Worte und lagen unter ihnen wie ein langsam aufbegehrender Schwelbrand. Die Gedanken zu haben war eine Sache, es laut auszusprechen eine gänzliche andere. Noch etwa 4 Meter lagen zwischen ihnen. Ihre Hand schloss sich fester um das Metall in ihrer Hosentasche.
      "Egal welche Wahl ich treffe, bei jeder einzelnen begebe ich mich in Lebensgefahr. Weißt du, wie beschissen das ist wenn man sich nicht mal mit Magie zur Wehr setzen kann wie ihr das könnt? Wenn ich sage, ich gehe den Handel nicht ein, dann werfe ich mich mit Freuden zwischen den Sharokh und Shawn. Gehe ich den Handel ein wird allein der Versuch ihn zu erfüllen mich vermutlich töten, wenn ich mich dumm anstelle. Und wenn ich nichts von Beidem tue werde ich allein gar nichts erreichen."
      Knapp anderthalb Meter lagen noch zwischen ihnen. Als nur noch ein Meter sie trennte, schien etwas in der Frau zu kippen. Es deutete sich nur dadurch an, wie sie ihre Lippen aufeinander presste und die Augenbrauen zusammenzog. Sie hatte beide Hände aus den Taschen gezogen in der Anmutung, sie in die Hüften zu stemmen und sich vor August aufbauen zu wollen. Stattdessen verwandelte sie die Bewegung ihrer rechten Hand in eine Vorwärtsbewegung, mit der Spitze der Klinge, gut versteckt in ihrer Hand, auf Augusts Bauch auf Nierenhöhe gerichtet.
      Ein dumpfes Geräusch erklang, als ihre Hand mitsamt des Messers auf dem Holz des Türrahmens knapp rechts neben dem Körper des Rogues aufsetzte. Embers Augen fraßen sich regelrecht in jene des Mannes vor ihr und da brach endlich die sorgsame Kontrolle, die sie bis jetzt aufrecht erhalten hatte. In rascher Abfolge liefen Reue, Verzweiflung, Wut über sich selbst und eine Spur Erleichterung angesichts ihrer Entscheidung über ihr Gesicht.
      Als sie die Hand zurückzog gab sie die Sicht auf das Artefakt des Sharokhs frei. Sie war zu professionell, als dass sich diese Frau völlig emotionsgetrieben den hohlen Worten einer Einheit hingab, die mit den Leben der Menschen spielte. Sie hatte es erwogen, das Messer in seinen Leib zu treiben, doch die Chance, dass am Ende ihre Liebsten dennoch gemeuchelt werden würden, war viel zu hoch. Sollte sie allerdings damit Erfolg gehabt haben und August wirklich töten können, stand sie völlig allein und ohne auch nur den Funken einer Perspektive dem Abbild eines Gottes gegenüber. Der schlechteste aller Ausgänge.
      "Sie wollen, dass ich dich töte. Nur deshalb haben sie mich aufgesucht. Deswegen kann ich ihren Handel nicht erfüllen. Du hast völlig recht, ich schaffe das nicht allein. Egal, aus welcher Perspektive ich es betrachte", sie zwang ein fadenscheiniges Lächeln auf ihre Lippen als sie einen Schritt zurückwich und die Arme wie ein Schutzwall vor sich verschränkte, "ich bin am Arsch. Ohne dich komme ich hier nicht raus. Also bitte, August. Hilf mir."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Bereust du nun, dass du den Weg gewagt und scheinbar nichts gewannst?

      Bedauerst du die Worte ungesagt, die du nicht sprechen kannst?

      Vertäut und angepflockt, den Kopf gereckt, bis fast der Nacken bricht,

      So kauerst du im feuchten Dreck und wartest auf den Funken Licht.


      Es heißt, ein Mensch sieht seinen Untergang heran nahen, wenn man genügend Zeit mit sich bringt. Man bemerkt das Schwanken, das Flüstern in der Menge und das Universum, dass sich leicht zu einem hinab beugt. Manche nannten es den Hauch der Götter. Und in der Sekunde, in der Ember Sallow, redend, diskutierend, erklärend von diesem Hocker glitt, wusste August Foremar, dass sie es tun würde.

      Ob es die Kälte in ihren Augen war? Die Berechnung? Oder eher die Kontrolle, die sich ihm offenbarte. Er wusste es nicht zu sagen.

      "Ich weiß, wie beschissen es ist", hörte er sich selbst sagen, während er ihr in die Augen sah und sich vorkam, wie ein Reh, dass einem Wolf ausgesetzt ist. Es fehlte das Knurren in der Luft, ehe sich August fühlte, als sei er der Gejagte.
      Und doch - es lag ein wissender Ausdruck in seinem Gesicht, der Jeden vermutlich verunsichert hätte. Es passte eher zu einem Verurteilten, der seine gerechte Strafe erwartete. Für ein Verbrechen, das er getan hatte.
      Die Bewegung der Hand...
      August sah sie voraus. Er konnte sehen wie der zarte Muskel ihres Oberarms zuckte, als ihre Hand vorschnellte, ihn zu durchbohren, zu peinigen, wenn gar zu töten? War das dort ein goldener Schimmer? Vermutlich. Sein Körper reagierte nicht, als wollte dieser gar das Ende herbeiführen, trat er einen halben Schritt näher an sie heran. Ein Reflex, wie er vermutete. Der Reflex eines Tieres, das man in die Ecke gedrängt hatte.
      Doch war dieses Tier nicht zum Kampfe bereit. Vielmehr blickte er erschrocken neben sich, als das Messer in das Holz des Türrahmens stieß und die Struktur des Holzes aufbrach. Leise zischend versenkte sich das Metall im Holz und brachte es zum Schmoren.

      Foremar blickte entgeistert zu der Waffe und anschließend zu Sallow.

      Die Kälte in seinem Blick glich einer Eiswüste, mit der selbst Sibirien zu konkurrieren hatte. Es brauchte eine ganze Weile, die Wut in sich nieder zu kämpfen, die ozeanartig über ihn hereinbrach und seine wenig vorhandene Kontrolle in ihrem Mark erschütterte. Der natürliche Reflex des Rogues wäre die Tötung gewesen. Und Sallow hatte diesen Ausgang verdient, wenn sie es einfach so über sich brachte, ihn mit dieser Waffe anzugreifen. Jeder Magische wie Nichtmagische erkannte, dass dieser Dolch dazu gedacht war, einen Zauberer zu töten. Er löste Aura bei Berührung auf und war nichts anderes als das. Ein Beweis des nicht vorhandenen Vertrauens.
      August tippte mit seinem Finger auf die versenkte Klinge und zog ihn erschrocken weg, als es zischte und ein beißender Gestank von verbranntem Fleisch sich ausbreitete. Schweigsam richtete er sich auf und hielt sein Gesicht im Halbschatten der Wand verborgen.
      Mit einem Mal - so erschien es zumindest Dolores - die lautlos die Treppe hinab geeilt war, wurde einem Menschen wieder klar, warum man ihn einst den Schwarzen König nannte. Als würden die Schatten aus den Ritzen kriechen, verdunkelte sich der Raum mehr und mehr. Vom Boden nach oben, die Fenster verhängend wie schwarze Gardinen und mit dem Knirschen und Ächzen des Holzes, während August Foremar nur auf die Waffe starrte, ehe er nach einer gefühlten Ewigkeit zu Ember sah.
      Jegliches Menschliche schien aus den Augen gewichen zu sein und eine blasse Hülle dessen zurückgelassen zu haben, was noch dort war.

      "Du bist im Arsch", bestätigte er und ging wortlos an ihr vorbei in Richtung der Treppe, wo er Dolores erblickte. Und auch wenn die alte Dame kein Wort sagte und nicht einmal eine Geste vollzog, so hielt er inne und drehte sich zu ihr um.

      "Warne deinen Bruder vor, dass er in einer Stunde abgeholt wird. Sag ihm, er soll das Nötigste packen. Eine Frau wird an seine Tür klopfen!", sagte er und sah Dolores an. "Lory, bereite bitte meine Suite vor und richte dich auf einen langen Gast ein. Sag den Mädchen, dass sie die Eingänge bewachen und Ausschau nach den Wölfen halten sollen."
      Dolores nickte eilig und machte auf dem Absatz kehrt.

      Anschließend klopfte August einmal an die Wand, sodass ein Puls durch das Gebäude ging. Die Wirtin brach aus ihrem Separee heraus und sah erschrocken zu dem Rogue, der sie mörderisch ansah.

      "Emma", sprach er sie an, sodass die unwirtliche Wirtin zusammen zuckte. "Öffne den Keller für mich."
      "Aber, Mr Foremar..."
      "Öffnen."
      Seine Stimme duldete keine Widerworte. Langsam drehte er sich zu Sallow um und spürte das erste Mal Abneigung dem Menschen gegenüber.

      "Wenn du deinen Anruf gemacht hast, folge mir in den Keller. Es wird Zeit, dir zu sagen, wer ich bin."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Als sich der Raum plötzlich zu verdunkeln begann, zögerte Ember. Ihre Augen verfolgten stillschweigend, wie sich die Schwärze an den Wänden empor zog und sie seit langem ihm gegenüber etwas verunsicherte. Bei diesem Gedanken wurde sie kurz hellhörig. Richtig... wenn sie ehrlich mit sich war hatte sie sich an seiner Seite selten verunsichert gefühlt. Jedenfalls nicht von ihm aus.
      Dann ging August an Ember vorbei und erst als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, traute sie sich schwer zu schlucken. Sofort danach drehte sie sich um und verfolgte, wie der Rogue Dolores, die sie gar nicht bemerkt hatte, Anweisungen gab. Ihr selbst wurde sichtbar schwer ums Herz. Eigentlich hatte Ember damit gerechnet, dass August sie einfach fortschickte mit dem Mist, den sie sich selbst eingebrockt hatte. Dass er angesichts der letzten Minuten ihr tatsächlich Hilfe für ihren Bruder eröffnete, ließ einen Findling in ihrem Inneren erscheinen, der sämtliche ihrer Eingeweide zu zerquetschen drohte.
      Schließlich verschwand August in den besagten Keller, doch seine Worten bescherten ihr ein eiskaltes Gefühl. Unter solchen Umständen hätte sie nie erfahren wollen, wer er wirklich war. Ganz anders hatte sie sich das Alles hier vorgestellt und die Realität schlug ihr rücksichtslos ins Gesicht. Vielleicht wäre der Ausgang ein anderer gewesen, wenn sie mit dem Rogue Rücksprache gehalten hatte. Aber sich darüber nun den Kopf zu zerbrechen brachte niemanden weiter.
      Seufzend löste sie sich aus ihrer verkrampften Haltung, zog ihr Smartphone hervor und wählte Shawns Nummer. Nach etlichen Freizeichen ging nur die Mailbox dran. Ember machte ein ungehaltenes Geräusch mit der Zunge und wählte die Wahlwiederholung. Nach weiteren Freizeichen nahm ihr Bruder endlich ab und klang sichtlich verschlafen.
      "Ember?... Alles okay?" Trotz seines Deliriums schwang sofort eine Sorge mit angesichts der Erlebnisse des Vortages. Sie hatte ihn aus dem Schlaf gerissen.
      "Shawn, folgendes. Pack deine Tasche und mach dich fertig. Du bist das nächste Ziel von diesem Götterwesen und wir müssen dich da rausholen."
      Ein Rauschen, dann ein Schlag ertönte. Es raschelte weiter, dann hörte man ein leises Fluchen und die Stimme wieder lauter am Hörer.
      "Das Ding hat es auf mich abgesehen? Warum das denn? Das kennt mich doch gar nicht!" Nun war seine Stimme hellwach und hörbar nervös. Er hatte also das Telefon vorhin fallen lassen.
      "Sorry... ich wollte euch da raus halten, aber das hat nicht wirklich gut geklappt. In einer Stunde etwa holt man dich ab, eine Frau wird an die Tür klopfen. Fahr mit ihr mit und vertrau mir. Wir kriegen das schon hin. Ich hab dich lieb, vergiss das nicht."
      "Könntest du es nicht so klingen lassen als wäre das eine Verabschiedung?"
      Ember lächelte müde. "Mach dich fertig, kleiner Bruder."
      Dann wanderte das Handy zurück in ihre Tasche und ihr Blick zurück zu dem Artefakt, das noch immer im Türrahmen steckte. Wie fahrlässig, es einfach stecken zu lassen... Mit einem kräftigen Ruck hatte sie das Artefakt wieder in ihrem Besitz und ließ es dieses Mal in der Handtasche verschwinden, die sie eng an sich gedrückt trug. Nachdem sie tief durchgeatmet hatte schlug sie den gleichen Weg wie August ein, jedoch nicht ohne eine Notiz mit Shawns Adresse auf dem Tresen zurückzulassen.
      Der Weg hinunter in den Keller war überaus ungewöhnlich. Eine unaufregende Treppe führte in einen einzelnen Raum, der regelrecht zugemüllt worden war mit Schriften, Reagenzien und anderem. Die Luft hier unten war modrig und von Weitem konnte man erkennen, wie die dicken Staubschichten diesen Raum zu ihrem Reich erklärt hatten. Inmitten dieses augenscheinlichen Chaos stand August.
      "August, es tut mir wirklich leid", flüsterte Ember in die Stille und hüstelte anschließend, als die staubige Luft ihre Atmung etwas erschwerte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Wütend war der Rogue hinunter gegangen und hatte sich in dem Konglomerat an Absonderlichkeiten eingerichtet. Es war nicht schwer, in diesen Räumlichkeiten trotz der geringen Größe den Überblick zu verlieren. Die Wänden erschienen vollgestopft mit Büchern, wobei es sich hierbei um Tagebücher handelte. Rems Tagebücher. Ihre Gedanken und Fähigkeiten, aufgezeichnet auf wenigen Seiten Papier. Das chemische Ballonflaschenmassaker an der Hauptwand entstammte Thomas findigen Händen. Und er hätte noch unzählige Kleinigkeiten aufzählen können, die sich hier befanden und von unschätzbarem Wert für den Rogue waren.
      Doch stattdessen huschte er hinunter während Ember ihre Anrufe tätigte und das erste was zu hören war, war ein lautes Klirren, als er mit einem Wutschrei sämtliche Aufbauten von dem Tisch in der Mitte des Raumes fegte. Glassplitter zerbarsten an den massiven Steinwänden und ließen Kristalle regnen während er wie eine Gestalt aus einem Film über dem dunklen Kamin kauerte und sich fragte, warum es schon wieder geschah.
      "Ich will keine Entschuldigungen hören", sagte er und seine Stimme klang eher wie die Stimme eines Tieres, eines Monstrums, das sie anknurrte.
      "Du hast mich gefragt, wie meine Magie funktioniert. Du hast mich gefragt, warum ich gerade bei dir bleibe. Du hast mich gefragt, ob mein Alter mit dem Sieben-Wege-Tor zu tun hat", berichtete er und richtete sich auf, um sie wieder anzusehen.
      Doch sein Blick ging durch sie hindurch. Er sah andere Menschen dort.
      "So will ich denn nun berichten..."; murmelte er und sah sie an.
      "Die erste Frage: Mein Name ist August Foremar. Ich wurde im März des Jahres 1907 in Nordengland als Sohn eines Bankers und seiner Frau, einer Rogue geboren. Ich hatte Geschwister. Einen Bruder, sein Name war Alistair und eine Schwester. Ihr Name war Primrose. Als ich jünger war, lernte ich auf meinen Reisen verschiedene Leute kennen, die meinen Weg mit mir beschritten. Ihre Namen waren: Rem Chapman."
      Ein Wink mit seiner Hand und ein OPuls dröhnte durch den Raum und neben Ember erschien eine junge Frau, die sie ansah. Sie besaß dunkles Haar und ein nachsichtiges Lächeln.

      (Hinweis: Alle Bilder s. Vorstellung!)

      "Izabella Lynch und Thomas Watson."
      Eine rothaarige Frau und ein blonder Mann, der sie um beinahe eine Haupteslänge überragte gesellten sich durchsichtig hinzu.
      "William Newgate und Marya Bishop."
      Ein Mann mit wuscheligen Braunen Haaren erschien neben Ember und lächelte sie an. Sein GEsicht trug schwere Narben auf sich, während Marya einen asiatischen Ursprung zu besitzen schien. Ihr Haar war kurz und widerspenstig, als sie die Arme verschränkte.
      "Diese Menschen begleiteten mich auf meinem Streben, die Grenzen der MAgie auszuweiten. Bereits damals existierten die Arkana und es galt als hehres Ziel, ein Teil dieser Gruppierung zu werden. So auch wir. Jeder einzelne von uns hatte diesen Wunsch. Und gemeinsam forschten wir nach einem Weg, wie wir es schafften.
      Nach einiger Zeit des Forschens und des Fliehens fanden wir in London den Weg...
      Das Sieben-Wege-Tor. Ein Konstrukt von Magie, dessen wir Herr werden wollten. Arrogant wie wir waren...Wir erbauten Mittel und Wege, dieses Konstrukt zu halten und zu bändigen, aber nichts machte SInn. Ich konstruierte mit Rem den Koffer während die anderen Siegel und andere Haltegriffe erforschten, denn es besaß den Schriften nach keine Gestalt...Du erinnerst dich an den Weißén Kreis im Koffer? Oder den Spiegel?"
      Er setzte kurz aus und sah zu den Splittern auf dem Boden.
      "Ein riesiger Fehler, wie sich herausstellte...", murmelte er. "Wir öffneten das Tor...Und wir sahen zu tief hinein. Wir erblickten unendliche Weiten und Welten, Dimension über Dimension und freuten uns daran. Ungeahnte Macht durchströmte uns und wir hatten Hoffnung, endlich am Ziel unserer Träume angelangt zu sein...Gerade als wir die Freude verebben lassen wollten und uns zurückzogen, wehrte sich das Tor...
      Einen nach dem Anderen nahm es die Körper der Menschen an sich wie ein gieriger Schlund. Es sprach nicht. Es warnte nicht. Gleich einem gigantischem Mahlstrom verschlang es alle Menschen, die ich liebte...Ich hatte keine Wahl...Ich sah den Wesen, die sich zeigten, in die Augen und schwor ihnen Krieg..."
      Anschließend blickte August auf und seufzte.
      Es war Zeit. Es musste sein. Auch wenn sie es nicht verdiente.
      "Meine Magie nennt sich Troja", muremlte er. "Aus gutem Grunde. Es ist etwas, was nicht ist und nur erscheint. Aber es war nicht immer so...Meine Magie ist sehr einfach. Als ich geboren wurde, erhielt ich die Fähigkeit, Dinge, Auren oder anderes zu verschmelzen, unabhängig von ihren Beschaffenheiten."
      Wie um es zu beweisen, richtete er seine Hand auf die Glassplitter, die sich umständlich wieder zusammensetzten und ein Glas wurden. Mit einem kurzen weiteren Wink schienen sie in ihrer Struktur zu schmelzen und aufzubrechen, ehe sie wieder ein Ganzes wurden.
      "Als meine Freunde starben...Besann ich mich meiner Kraft und tat etwas unverzeihliches...Ich band ihre Seelen an mich. Ich verschmolz ihre Seelen mit meiner und erschuf ein Monstrum, was gleichsam ein Mensch war. Ein fünffacher Mensch in einem Körper. Ein Teufel unter Menschen. Mit den Seelen nahm ich auch ihre magischen Fähigkeiten in mir auf:
      Rems Dimensionsmagie, Thomas' Entstehungsmagie, Maryas Illusionen, Williams Zerfallsmagie, Izabelllas Teufelsantlitz...
      Und es dauerte nicht lange, da berief man mich in die Arkana, wähernd ich nur nach einem Weg suchte, das Tor erneut zu öffnen..."
      August lehnte sich schnaubend auf den Tisch und sah zu dem Glas.
      "Also ja, mein Alter hat mit dem Tor zu tun und auch nicht. Ich trage die Lebenserwartung von fünf Menschen in mir. Ich werde vermutlich irgendwann sterben, aber ich altere langsamer als normale Menschen."
      Anschließend richtete er sich wieder auf und kam vor den Tisch, um sie beinahe kalt anzusehen.
      "Der Grund warum ich bei dir blieb, war jedoch jener: Vor beinahe vierzig Jahren wurde mir von einer jungen Frau etwas vorausgesagt. Es geschah auf einem Jahrmarkt, beinahe im Vorbeigehen und ich maß dem keine Aufmerksamkeit zu, bis wir uns kennen lernen und du mich zu einem Angelus führtest. Sie sagte mir, dass zu einer bestimmten Zeit die "Glut", die ich ersehnte, einen Brand auslösen würde, der mich verschlingt und mich zu den Meinen führt. Wenn du also glaubst, dass sie dich beobachten, dann ist dem so, Ember Sallow. Denn ich tat es genauso, wissend, dass du die Glut bist, die das Feuer schüren wird, in dem ich sterben werde."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ember wusste nichts mit sich anzufangen. Wie in Stase starrte sie August an, der allen ernstes anfing zu erzählen, was sonst kaum ein Mensch über ihn wusste. Beim ersten Pulsschlag hätte sie schwören können, dass sämtlicher Staub von der Decke rieselte und im fahlen Licht Hirngespinste erzeugte. Beim erneuten Betrachten konnte sie allerdings eine transparente Frau erkennen und zuckte instinktiv von ihr zurück. Als dann mit jedem weiteren Namen eine weitere Gesalt auftauchte, stand Ember bereits mit ihrem Rücken an der Steinwand nebst der Treppe, die sie hinunter gekommen war. Mit geweiteten Augen musterte sie jeden einzelnen von Augusts verblichener Gruppe und war sich nicht sicher, ob es einfach nur Erscheinungen wie Momentaufnahmen waren oder mehr dahinter steckte.
      Die Gestalten verschwanden nicht als er ihr vom Tor und seinen Verlusten berichtete. Natürlich konnte sie sich nicht vorstellen, was diese Leute gesehen haben mochten. Aber sie taten es aus unschuldiger Neugier, einem Wissensdurst, der nicht mit einem solch hohen Preis versehen sein sollte. Und die schreckliche Tatsache, dass nur ein einziger aus dieser Gruppe es überlebt hatte und der einzige Zeuge dieses Umstandes war. Bereits ohne die folgenden Worte zu hören erkannte Ember die Last, die auf den Schultern des Rogues liegen musste.
      Aber jetzt hatte Ember einen Namen zu seiner Magie und die jähe Erinnerung, dass er seinst sagte, dieses Wissen würde sie irgendwann töten.
      Ganz automatisch folgte ihr Blick der gedanklichen Linie von Augusts Hand zu den Glassplittern auf dem Boden, die sich daraufhin als exemplarisches Beispiel fügten, zerflossen und wieder neu zusammen setzten. Allein dieser rapide Ablauf sah in ihren Augen absolut wahnwitzig aus. Die gesamte Situation hier unten im Keller war bereits wahnsitzig und schob sich langsam auf die Stufe zu, die die Begegnung mit dem Sharokh bisher einnahm.
      Bei der folgenden Erzählung wurde Ember schließlich leicht schwindelig im Kopf. Allein der Gedanke, dass es möglich war, eine Seele nachzuweisen und darüber hinaus diese greifbar zu machen und an etwas zu binden sprengte jegliche Vorstellungskraft. Sie merkte gar nicht, wie sie ganz leicht anfing, ungläubig den Kopf zu schütteln. Selbst dann noch als August um den Tisch herum kam und sie so kalt ansah wie bei ihrer ersten Begegnung.
      Im Endeffekt war es dann der Zusammenhang mit ihrer Selbst, der dafür sorgte, dass die Frau gänzlich nicht mehr wusste, was sie sagen, denken oder tun sollte. Ein paar Herzschläge lang starrte sie August an, das Erstaunen wandelte sich zu echtem Schrecken und sorgte dafür, dass sie leicht taumelte und sich ungelenk auf die Treppenstufen fallen lassen musste. Mit einem Schlag war ihr speiübel und auch wenn sie sich einreden mochte, dass es der Aversion gegenüber dämlicher Prophezeihungen geschuldet sein musste, wusste sie es besser. Eine ihrer eiskalten Hände legte sich vor ihre Augen in der Hoffnung, dass die Empfindung ein wenig des Schwindels und der Übelkeit mindern würde.
      "Deswegen hast du dich vorhin nicht gewehrt."
      Embers Worte verklangen in dem Keller wie ein wehmütiges Flüstern. Noch nie hatte sie eine so kraftlose Stimme in seiner Gegenwart verlauten lassen. Dies war der einzige Umstand, warum er sie noch nicht aus dem Leben katapultiert hatte. Nur, weil sie diejenige sein sollte, die ihn von der Qual erlöste, die sich Leben nannte. Denn sie hatte ganz genau geahnt, dass der Arkana vorhin oben ganz genau vorhergesehen hatte, was sie mit dem Artefakt geplant hatte.
      "Ich hätte dich töten können."
      Keine Regung seitens der Detective, die noch immer ihre eigenen Augen abdeckte und versuchte, den sich anbahnenden Zusammenbruch abzufedern. Doch sie versagte maßlos, als sie bereits einen Augenblick später den Satz wiederholte und bereits doppelt so laut klang.
      "Ich hätte dich töten können, August! Und du hast es gewusst!"
      Dann lief das sinnbildliche Fass über und zwang Ember dazu, auf die Füße zu springen und die Hand von ihren Augen zu reißen, denen man hier unten zum Glück nicht ansehen konnten, dass sie leicht gerötet waren.
      "Du hättest es blind akzeptiert, wenn ich dir das Artefakt wirklich in den Leib hätte rammen wollen! Wegen einer beschissenen Prohezeihung?!" Ember wurde mit jedem Wort lauter bis sie ihn letztenendes ungehemmt anschrie. "DU HÄTTEST ES EINFACH SO HINGENOMMEN!"
      Ember wusste nicht mal ob sie wütend angesichts der Tatsache sein sollte, dass August es von Anfang an gewusst hatte oder dass er sich scheinbar so sehr den Tod wünschte. Oder dass sie nur wegen dieses Denkens einen Freifahrtsschein bisher hatte. Oder sie wirklich nur der Bauer in einem Spiel war, an dem sie nie teilnehmen wollte.
      "DU WARST NUR AN MEINER SEITE WEIL ICH DEIN ENDE SEIN SOLL!"
      Sie schrie so laut, dass sie das Gefühl hatte, ihre Stimmbänder würden reißen und nur noch Blut käme über ihre Lippen. Ihr Hals brannte während ihr Herz krampfhaft pumpte, um den Sauerstoff in jede Blutbahn zu bringen. Die wutentbrannten geweiteten Augen verliehen ihr ein beinahe manischen Ausdruck, den sie erst nach etlichen Atemzügen aus ihrem Gesicht verbannen konnte. Woher sie die Kraft nahm, den Ausbruch auf ein etwas geringeres Level zu fahren, wusste sie selbst nicht.
      Nachdem sie sich durch das Gesicht fuhr, sah sie August wieder an. Abermals schüttelte sie den Kopf, dieses Mal jedoch deutlich sichtbar.
      "Vergiss es."
      Entschlossen stapfte sie auf den Arkana zu, ignorierte die durchsichtigen Menschen im Raum und die Splitter am Boden. Als sie vor ihm zum stehen kam packte sie ihn am Kragen und testete somit einfach aus, wie weit ihr Freifahrtsschein wohl reichen möge.
      "Niemand bestimmt, wer oder was ich bin. Es ist mir scheißegal, was das Schicksal will. Aber ich werde ganz bestimmt niemanden umbringen, der mir etwas bedeutet. Hast du das verstanden, August Foremar? Ich spiel das Spiel nicht mit."

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