[2er RPG] Dusk & Dawn [Asuna & Nico]

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    • Aus einem Moment wurde eine volle halbe Stunde an Zeit, die Ember nie wieder zurückgewinnen würde. Dreißig volle Minuten, in denen sie August unbeaufsichtigt in ihrer Wohnung zurückgelassen hatte. Dreißig Minuten ohne zu wissen, was er als nächstes plante und zu ihrer Überraschung tangierte es sie kaum. So weit war es also schon gekommen.
      Erschöpft hatte Ember das Bild wieder an seinen angestammten Ort zurückgestellt und sich vom Bett erhoben. Nachdem sie die Tür hinter sich wieder abgeschlossen hatte, trat sie leise ins Wohnzimmer und entdeckte August, der sich immer noch mit seinem Koffer beschäftigte. Immerhin steckte er nicht mehr zur Hälfte darin, aber es reichte, damit die Detective ihre Arme vor der Brust verschränkte. Aus Sicherheitsgründen natürlich.
      "Es tut mir leid. Das mit vorhin. Hat mich ein bisschen auf dem falschen Fuß erwischt. Die Kleine kennt Sie natürlich nicht, aber jeder Erwachsene kennt die Medien. Ich denke, es wäre eine mittelschwere Katastrophe gewesen wenn Kumilah zu ihrer Mutter sagt, wer bei mir untergekommen ist." Wenn Ember eines über die Jahre gelernt hatte, dann wenn sie überreagiert hatte und sich vielleicht entschuldigen sollte. In der Tat war es nicht angebracht gewesen, wie sie das Kind einfach aus der Schusslinie gerissen hatte. Denn schließlich war nichts passiert. Aber sie wollte nicht über das Trauma reden. Der furchtbare Therapeut damals hatte ihr schon gereicht.
      "Kumilah ist ein süßes Mädchen, nicht?"
      Da schwebte wieder diese Weichheit in Embers sonst so schroffer Stimme mit, die ihr nur selten über die Lippen kam. Etwas entspannter, da sie einfach nicht mehr das Thema Koffer ansprach, machte sie sich auf den Weg in die Küche, um die Einkäufe zu verräumen.
      "Haben Sie etwas dagegen, sich meinem Kochplan anzupassen? Reagieren Sie auf irgendwas allergisch oder mögen es nicht?", rief sie aus der Küche während Konserven und gekühlte Lebensmittel an ihre angestammten Plätze wanderten.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • August hatte sich eine gute halbe Stunde mit dem Inhalt seines Koffers beschäftigt.
      Ulysses war zwar zuverlässig wenn es um die Betreuung der Chimäre und der VErwaltung seines Krempels ging, aber wenn er praktische Lösungen suchen sollte, war dieser Kobold ein Graus. August hob seinen drahtigen Körper wieder aus er Vertiefung des Koffers hervor und befand sich gerade dabei, die Schnallen am Rand zu reparieren, als Sallow wieder den Raum betrat.
      Erstuanlicherweise, musste er schon beinahe in seinen Gedanken vermerken. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie nicht oder sehr viel später wieder zurückkehrte.
      Foremar saß auf dem Sofa im Schneidersitz, während er an den Schnallen des Koffers auf dem Beistelltisch werkelte. In der Hand hielt er einen gegenstand, der einem Schraubendreher gleich kam, während die Linke ein Licht beschworen hatte, dass ihm um den Kopf sirrte. Er hatte seine Brille aufgesetzt und das Haar mit einem kleinen Trick hinter die Ohren geschlagen, sodass sie ihm nicht ins Gesicht hingen. Und auch wenn sein Alter ihn zeichnete, wirkte er um Jahre jünger, während aus den Tiefen des Koffers eine sanfte Panflötenmelodie erklang.
      "Schon okay"; murmelte er und klemmte sich den Schraubendreher in den Mund. "Bins gewohnt, sozusagen. Die Welt in Furcht, wir kennen das. Die Katastrophe wäre wohl eher, wenn die anderen Arcana herausfinden, dass ich frei bin, tihihihi."
      Mit einem gewaltigen Klicken, rastete das Schloss wieder ein und August stieß einen erleichterten Seufzer aus.
      "Na endlich!", sagte er und sah sie an, ehe er nickte. "War ein liebes Kind, ja. Etwas neugierig, aber durchaus liebenswert. Woher kennen Sie Mutter und Kind?"
      Foremar setzte die Brille sorgsam ab und erhob sich, um sich zu dehnen und zu strecken.
      "Nein, nichts dagegen. Keine Allergien", gab er knapp wider. "Kann mich aber auch alleine versorgen, wenn es zu anstrengend ist. Dimensionszauber haben ihre Vorteile."

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    • Unwillkürlich musste Ember lächeln.
      "Tarah, ihre Mutter, und ich haben uns ganz romantisch im Louserds kennengelernt. Ein ganz kleines Familienrestaurant, das von den ganzen Touris verschmäht wird. Sie haben das beste Taboulé der ganzen Stadt. Ich bin damals während meiner Ausbildung knapp bei Kasse gewesen und hab immer eher die Nischenlokale aufgesucht. Damals hatte Tarah die Kleine noch nicht und sollte den Laden von ihrer Mom übernehmen. Tja, und wenn man fast jeden Abend da sitzt, erzählt man sich irgendwann Dinge und eins führt zum anderen."
      Dass sie dort mitunter ihre schlimmsten Krisen bewältigt hatte, trug definitiv dazu bei, dass die beiden Frauen ein innigeres Verhältnis aufgebaut hatten. Irgendwann beschränkte sich ihr Kontakt nicht mehr nur auf das Louserds sondern auf eine ausgewachsene Freundschaft. So weit, dass sie sogar als Kumilahs Patentante herhalten durfte.
      "Ganz unverhofft ist Tarah dann mit Kumilah schwanger geworden und ist am Ende voll in ihrer Mutterrolle aufgegangen. Die Frau hat Nerven, davon kann sich jeder eine Scheibe abschneiden."
      Ganz im Modus begann Ember, den Kopfsalat, Gurken und Tomaten zu waschen, um sie neben der Spüle abtropfen zu lassen. In der Zwischenzeit suchte sie sich ihr Schneidbrett, ein Messer sowie eine Salatschüssel.
      "Sie war meine erste richtig gute Freundschaft hier in London. Meine Familie war nie davon begeistert, dass ich unbedingt in eine Großstadt wollte, um zur Polizei zu gehen. Zwischenzeitlich hatten sie auch recht mit der Annahme, dass es keine gute Idee war. Hat sich jetzt wieder ein bisschen verlaufen über die Jahre."
      Ember kam ins Plaudern. Kochen war etwas, dass sie immer dazu verleitete. Gerade, wenn sie von Tarah wieder einer Lehrstunde darüber bekam, warum ihr Couscous immer so schlecht ausfiel.
      "Nehmen Sie einer alten Frau nicht eine ihrer wenigen Freuden am Leben und freuen Sie sich, dass Sie sich nicht für Essen bewegen müssen", entgegnete sie in ihrer bisher besten Laune des Tages.

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    • August nutzte die Redelaune seiner Mitbewohnerin und schlenderte durch den Raum in Richtung Küche. Mit einem kurzen Seitenblick zum Koffer schnippte er mit den Fingern und beinahe von selbst schien der Koffer in sich selbst zu verschwinden. Auf der Couch zeugte rein gar nichts mehr von diesem Utensil, während er sich in den Türrahmen der Küche lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte.
      "Soso...", murmelte er nach dem ersten Teil ihrer Geschichte. "Eins zum anderen..."
      Er nahm dies mit einem Schmunzeln zur Kenntnis, auch wenn seine Gedanken gleich um ganz andere Dinge kreisten. Er verurteilte nicht, erinnerte sich aber an Isabella und Thomas, die er auf ebenso zufällige Weise kennen lernte und welche jetzt als Namen auf seinem Rippenbogen lebten.
      Er sah Sallow beim Waschen des Gemüses zu und musste erneut feststellen, dass es einfach nicht sein Ding war. Er mochte kein Grünzeug, hatte er noch nie. Aber was blieb ihm? In der Not fraß derTeufel Fliegen. Und sicherlich hötte August ihr helfen können. Ein Fingerzeig und dieses Gemüse wäre Kleinholz, aber dann hätte er sich sicherlich wieder einen Vortrag anhören können von Selbstbestimmtheit und degleichen. Und dafür reichte seine Geduld noch nicht.
      "Klingt nach einer guten Frau", sagte er und erlaubte sich tatsöchlich ein schwaches Lächeln. "Ich komme auch vom Dorf. Bamburgh, um genau zu sein. Direkt am Meer gelegen. Meine Ma hat es gehasst, wenn ich von großen Städten sprach. Wollte nie, dass ich fortgehe. Bamburgh sei doch so schön, wieso sollte ich auch gehen wollen. Als sie starb, konnte ich es nicht erwarten die Stadt zu verlassen. Von daher verstehe ich die Sorge ihrer Eltern. Hab sie am eigenen Leib erlebt. Auch wnn sie sicherlich nicht im Keller festgekettet wurden."
      Anschließend hob er entwaffnend die Hände,
      "Alles klar. Viel Spaß der alten Frau bei ihren wenigen Freuden!", sagte er, obgleich er zehn bis zanzig Jahre älter aussah.

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    • "Die beste Frau neben meiner Mutter würde ich sagen."
      Aus dem Augenwinkel warf Ember August einen Blick zu. Sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann sie zuletzt jemanden in ihrer Wohnung hatte, der weder Tarah noch Kumilah war. Den Gedanken ließ sie sich jedoch nicht anmerken und schnitt die Tomaten in Scheiben.
      "Nein, ich wurde definitiv nicht in einem Keller angekettet. Ich habe aber über die Jahre genug Menschen aus ihnen befreit", erwiderte sie und musste zwangsläufig an einen Fall zurückdenken, der einfach nur zum Schaudern gewesen war. Immer mehr Kinder im Alter von 6 bis 9 Jahren verschwanden damals auf ihren Wegen nach Hause. Bis sie die Spur zu dem jungen Mann zurückverfolgt hatte, der alle Kinder in seinem Keller gepfercht und nach seinem Geschmack gekleidet hatte, war eine viel zu lange Zeit vergangen. Jedes Kind verkörperte dabei eine Neigung, eine Stimmung des Täters und Ember war sich sicher, dass diese Kinder nie über diese traumatische Erfahrung hinwegkommen würden. Nicht eines von ihnen hatten den Keller unbeschadet verlassen.
      "Bamburgh also.... ich muss gestehen, Dorf am Meer hat etwas malerisches, wenn Sie mich fragen. Wobei sich dies ändert, wenn man dort aufwächst, korrekt?"
      Ember zupfte sich ein paar Blätter Küchenrolle ab, um den Salatkopf trocken zu tupfen. Dann begann sie, ihn in kleine Stücke zu zupfen.
      "Was hat Sie in die Metropole London gezogen?"

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    • August kicherte hinsichtlich ihres Satzes.
      Wenn sie wüsste, wie seine Mutter war. Aber vermutlich war ihre ganz anders, nicht wahr? Immerhin waren sie zwei verschiedene Menschen mit den unterschiedlichsten Beweggründen. Schweigend sah er ihr eine Weile beim TOmatenschneiden zu, wobei es weder die Kunstfertigkeit war, die seinen Blick gefangen hielt, sondern das regelmäßige, ruhige "Tak", wenn das Messer auf die Holzunterlage aufkam. Ein wunderbares Geräusch.
      "Halten Sie diese Freundschaft. Tun Sie alles dafür..."
      Seine Stimme versprach ungeahnten Schmerz, der sich gleich darauf wieder in ein spöttisches Grinsen verwandelte, als sie von den jungen Mnschen sprach.
      "Immerhin haben Sie sie befreit. Ist ein Gewinn, nicht oder?", fragte er und lehnte sich in den Türrahmen. "Auch wenn sie vermutlich für ihr Leben gezeichnet waren..."
      Anschließend warf er die Haare nochmals aus dem Gesicht und seufzte.
      "Malerisch war es nur in der Ansicht. Es ist ein Dorf, ein KAff, Kuhhausen City, wenn Sie mich fragen. Gefühlte 1.000 Häuser und keine Seele darin, aber der Tratsch auf der Straße war das Wichtigste. Umso schlimmer wurde dieser als die Debatte mit Zauberern ihren Höhepunkt fand. Auf einmal waren jene, die Magie kundig waren, Feindsbilder und wurden regelrecht gejagt. Auch wenn man nicht mehr zu Mistgabeln griff oder Fackeln. Zumeist tat es ein Plakat oder eine Diffamierung vor Gericht", berichtete er und sah ihr beim Salatzupfen zu.
      "Was zog mich hierher..."; murmelte er das erst Mal nachdenklich und beinahe verloren. Das erste Mal, das man etwas wie Gefühl in seinem Gesicht sehen konnte. "Ich vermute das, was alle in die große Stadt zieht. Liebe, Blut und der Wunsch nach einem "Mehr", das alle in sich tragen und dennoch suchen. Bei mir war es die Liebe zur Magie. Ich wollte einfach nur frei sein udn das erlernen, wonach mir der Sinn stand. Und nicht das, was der STaat mir aufdiktierte wenn er gut drauf war. Ich kam hierher, mittellos und beinahe ausgehungert. In Zeiten, da wünschten Sie sich nicht einmal auf der Welt gewesen zu sein. Die frühen Neunziger waren die Hölle für Zauberer und Rogues. Nch dem neuen Gesetz, wonach Rogue-Magie verboten wurde, wurden wir mehr gejagt denn je. Jeder Funken eines Fehlers riss einen aus der Balance. Schrecklich das..."
      Zuletzt sah er sie an und forschte selbst nach.
      "Was hat Sie herher gebracht? Nur die Ausbildung?"

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    • Subtil veränderte sich das Tempo in Embers Bewegungen als sie hörte, wie August zwei kleinen Sätzen eine unheimliche Macht verlieh. Weder kannte sie die Vergangenheit dieses Mannes noch hatte sie es für nötig gehalten, danach zu fragen. Aber dieser Schmerz, der ihr in diesen kleinen, wenigen Worten ans Ohr drang, sprach Bände.
      Diese Spur zog sich weiter in den folgenden Sätzen, die ihr der Rogue offenbahrte. Es kostete die Detective unfassbar viel Selbstkontrolle, nicht alles stehen und liegen zu lassen, um sich dem Mann vollends zuzuwenden und ihm ihre Aufmerksameit zu schenken. Gehör, um zu verstehen, was er sagte. Blicke, um zu sehen, welches Bild sich in dem Gesicht ihres Gegenübers abzeichnete. Stattdessen begann sie nun die Salatgurke zu schälen und ebenfalls in Scheiben zu schneiden. Sie mochte die Haut von Gurken nicht.
      "Klingt an sich nach einem ordentliche Motiv, wenn Sie mich fragen." Ehrliche Antwort auf einen ehrlichen Einblick in Augusts Vergangenheit. "Aber was mich betrifft, habe ich nicht so löbliche Motivationen oder Sehnsüchte gehabt. Sie können eher sagen, dass ich geflohen bin. Weg von der Kleinstadt, weg von den altbekannten Bildern. Ehrlich gesagt hatte ich mir damals erhofft, dass mich die Großstadt einfach mit allem schluckt, was ich war. Alles neu formte, was ich bis dahin gewesen war und mir keine Zeit ließ um in Erinnerungen zu versinken. Also nicht ganz so... magisch."
      Blödes Wortspiel, aber ihr fiel nichts besseres ein. Sie befand sich gerade gefährlich nah an der selbstgezogenen Grenze, die besagte, nie zu viel von ihrer Vergangenheit preiszugeben. Nicht, dass sie besonders spektakulär gewesen war. Aber das waren Informationen, und in den richtigen Händen wurden Informationen wie diese zu Waffen mit ungeahnter Durchschlagskraft.
      "Der Versuch war teilweise von Erfolg gekrönt. Man kam vom Regen in die Traufe und ein Drama hat praktisch das nächste überlagert. Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit Floskeln wie "Man wächst nur an Hindernissen" oder sowas. Ich kann das nicht mehr hören. Sicher, es definiert unser Handeln, wie man vorhin eindrucksvoll bei mir gesehen hat." Das Messer traf einmal etwas lauter auf das Holzbrett auf. "Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ich meine Erinnerungen, Sie Ihre Tättowierungen." Ein Blick aus dem Augenwinkel war alles, was sie August zuwarf.
      Das kleingehäckselte Gemüse wanderte in eine größere Schale ehe sie sich daran machte, ein einfach Essig-Öl-Dressing anzusetzen.
      "Vielleicht sollten wir dem Staat einfach gemeinsam den Mittelfinger zeigen", plauderte Ember munter weiter, "mir gefällt meine Seite nicht, Ihnen ihre nicht. Dann nehmen wir einfach das Beste aus beiden Welten und rammen dem Staat seinen Stock einfach noch tiefer in den Arsch." Mit mächtig Elan rührte sie die Emulsion an, schmeckte sie mit dem Zeigefinger ab und würzte noch mit etwas Salz und Pfeffer nach. Dann stellte sie die kleine Flasche neben die Salatschüssel.
      "Wäre zumindest schön, wenn es so einfach wär. Was halten Sie von Fish 'n Chips aus dem Backofen? Frittieren ist immer so eine Sauerei."

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    • August begann zu kichern, während er wohl bemerkte, wie ich ihr Tempo veränderte. Sie hörte ihm zu. Erstaunlich, wenn man bedachte, dass die meisten Menschen ihn eher umbringen oder hinter Gittern sehen wollten. Doch nun stand ein Mensch dort, der sich tatsächlich zu interessieren schien.
      Unsinn, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Klein und gerissen arbeitete sie sich vor und ließ ihn für eine Minute in seiner Überzeugnung schwanken. Sie will dich aushorchen. Risiken abschätzen. Gut Freund machen, damit sie dich leichter kriegt. War bei Bella auch so, nicht wahr?

      "Ob es ein ordentliches Motiv ist, weiß ich nicht", gab er zu. "So wie Sie sich wünschten, dass London sie im Ganzen schlucke, habe ich mir gewünscht, dass ich heraussteche. Ich galt schon früh als Wunderkind meiner Sippe. Eine unausgereifte Kontrolle, wie meine Ma sagte. Mein Pa jedoch meinte, dass meine Aurakontrolle weit über dem Level eines Meisters lag. Man war sich uneinig, soviel stand fest. Also wünschte ich mir wie Sie aus dem Unbekanntsein der Kleinstadt hinaus in die große weite Welt zu gelangen, um mich zeigen zu können. Habs teuer bezahlt, ja ja."
      Er begann verächtlich zu schnauben, während er sich seine störrischen Haare mit einem Haargummi zusammenband, das er aus dem Nichts zu befördern schien. Noch während er sich unbeholfen einen winzigen Zopf machte und dabei gleich zwanzig Jahre jünger auszusehen schien, blieb ein kalter Gesichtsausdruck haften.
      "Von mir werden Sie nicht hören, dass man an Hindernissen wächst. An Manchen sicherlich, zugegeben. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, Liebes, dass dich die Hindernisse zumeist schlimmer misshandeln als Partner oder Freunde. Meine Hindernisse taten es zumindest", brummte er vor sich hin und lehnte sich erneut an den Türrahmen.
      "Fish'n'Chips sind okay. Ich bin nicht wählerisch. Habe in meiner schlimmsten Zeit Ratten und derlei Getier verspeist. Sie könnten mir eine angebrannte Hähnchenkeule festsetzen und es wäre ein Drei-Sterne-Menü im Gegensatz zu dem Fraß aus Evenstar. Und ja, es wäre sehr schön, wenn es einfach wäre. Aber wie nichts im Leben ist auch dies mitnichten einfach und elicht zu handhaben. Zumeit wird jeder Widerstand im Keim erstickt. Glauebn Sie mir, ich habe es erfahren und gesehen. Viele Jahre lang."
      Seien Hand fuhr unwillkürlich über die stelle an seinem Rippenbogen, auf dem die Namen derer verewigt waren, die ihren gemeinsamen Weg nicht mehr gehen konnten. Izabella, Thomas, William, Marya und Rem. Namen wie ein Gebet, das er jeden Abend sprach um sich zu vergewissern, warum er atmen musste. Warum er diesen Wahnsinn beenden musste. Warum er sich selbst endlich einem Ende zuführen musste.

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    • Mit wenigen Klicks war der Backofen ind Gang gebracht worden und das Backblech mit einer Schicht Alufolie und Backpapier vorbereitet.
      "Witzig. Was bei Ihen immenses Potenzial war, war bei mir genau das Gegenteil. Zu unfähig, um irgendetwas zu tun. Diese Blicke meines Onkels werd' ich nie wieder los..."
      Ember verlor sich in Erinnerungen, die sie nicht mehr erleben wollte. Seufzend holte sie die tiefgefrorenen Fish'n'Chips aus dem Gefrierfach des Kühlschrankes und riss lautstark die Packung auf. Sie kam nicht drum herum, August anzustarren, als er sich einen erbärmlichen Minizopf machte. Wortlos blinzelte sie ihn an, dann ließ sie ihn an ihren Gedanken teilhaben: "Auch witzig. Sie sagen, ich soll meine Haare offen tragen, das mache mich jünger. Ihnen würde ich genau das Gegenteil raten. Sie sehen das erste Mal so aus, wie das Alter in Ihrer Akte besagt." Den kalten Ausdruck in seinem Gesicht ignorierte sie gekonnt. Den kannte sie schließlich nun zu Genüge.
      Wahllos verteilte die Frau den Inhalt der Packung auf dem Backpapier, um sich dann an der Wand rückwärts anzulehnen. Nun hieß es zehn Minuten warten bis der Ofen vorgeheizt war.
      "An Ratten komm' ich auch bei Weitem nicht ran. Obwohl je nach Land die auch eine Delikatesse sein können... wenn sie nicht von der Straße kommen." Niemand wollte Seuchenträger freiwillig essen.
      Embers Blick wurde schärfer als sie beobachten konnte, wie sich August bei seinen Worten ohne zutun über seinen Rippen strich. Da sie es gesehen hatte wusste sie, dass dort seine Tättowierungen waren. Blitzschnell führte sie alle bisher gesammelten Erkenntnisse zueinander und wagte einen Schuss ins Blaue der bewies, warum sie so gut in ihrem Job war.
      "Es sind Namen, die Sie sich gestochen haben", stellte Ember fest und war sich absolut sicher, dass das exakt der Grund war, weshalb er dem Thema ausgewichen war. Wie sie selbst waren es Erinnerungen, die sich schmerzhaft in einen gebrannt hatten. "Welche und warum weiß ich nicht, aber das erklärt, warum Sie dazu geschwiegen haben."
      Sofort fuhren Embers Gedanken Achterbahn. Es gab unendlich viele Gründe warum man es für nötig hielt, sich Namen auf ewig unter die Haut zu stechen. Nicht einen davon würde sie unterstellen, nicht einen davon hinterfragen. Allein das sollte schon zeigen, dass sie kein völliger Trampel war, wie es manchmal den Anschein erweckte. Folglich riss sie ihren doch erstaunten Blick von dem Mann im Türrahmen und richtete ihn auf den Backofen, der noch verdammt lange brauchen würde, um auf Temperatur zu kommen.

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    • August begann sachte zu kichern, während er erneut in das Nichts zu seiner Seite griff und eine Falsche zutage förderte. Auf dem Etikett mochte es als Whiskey ausgewiesen sein, doch anstelle des genussvollen Trinkens entkorkte der Zauberer die Flasche udn setzte sie rigoros an den Hals. Drei, vier kräfitge Schlucke später starrte er ziellos in den Raum und zuckte die Achseln.
      "Meine Geschwister hielten mich auch für nutzlos. Einer meiner Brüder ist sogar auch Polizist geworden. Im Norden allerdings. Fährt Streife auf einer Ziegenweide oder so", murmelte er vor sich hin. "Von daher verstehe ich das Gefühl. Und auch wenn Ratten Delikatessen sind, muss ich sie nicht wirklich essen. Ihr Onkel war nich' Ihr größter Fan, was?"
      Er stellte die Flasche auf die Arbeitsplatte und erschrak leicht bei dem Geräusch des Aufziehens.
      "Das mag sein, aber mit Schrecken werde ich zeitgleich vele Jahre älter", kommentierte er mit rollenden Augen das Geschehnis. Anschließend klopfte er sich lächelnd auf den Rippenbogen.
      "Gut beobachtet, Detective", sagte er und sah sie an. "Es sind Namen, korrekt. Fünf, um genau zu sein. Und so wie Sie Erinnerungen tragen, die nicht in eine Unterhaltung mit einem verurteilten Mörder gehören, so gehören diese auch nicht dorthin. Manche Dinge sollten ruhen, bis die Zeit den Tod besiegt, nicht wahr? Auch wenn sie das nicht tut..."
      Wie oft hatte er gehofft, dass sie eines Tages gemeinsam in einem Restaurant saßen und Pancakes aßen? Wie oft hatten sie sich die Zukunft ausgemalt, in der das alles hier keine Rolle spielte. Wenn er damals nicht so impertinent und verbissen gewesen wäre, würde vielleicht diese Zukunft ein Stückchen näher herannahen als man es vermuten konnte...
      "Sie erlauben?", fragte er schließlich grinsend und legte seine Hand auf die Schließe des Ofens.
      Ohne eine Erlaubnis zog er den surrenden und summenden Behälter auf und legte seine Handfläche auf die bereits warme Schellackdecke. Mit einer kurzen Zeitverzägerung begann nach einem kurzen Murmeln des Zauberers die Schellackplatte unter seiner Hand zu glühen und leichte Blasen zu werfen. Auch das würde vergehen, dachte er und zuckte die Achseln. Als er sich vom Ofen erhob, war die Kontrolleuchte für das Vorheizen erloschen und das Essen konnte bereitet werden.
      "Soll die Anspielung auf mein Alter heißen, dass ich Ihnen endlich gefalle, Detective?", grinste er sie feixend an und nahm wieder Abstand.

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    • "Na gut, ich kann's meinem Onkel auch nicht verübeln bei dem Scheiß, der passiert ist."
      Ember bedachte die Flasche Alkohol mit einem vielsagenden Blick. Wenn August es für nötig hielt, zu solchen Mitteln zu greifen, musste es eine wirklich beschissene Erinnerung sein. Demnach war sie völlig damit zufrieden, dass sie nicht weiter danach fragte und er ihr bestätigt hatte, dass es immerhin Namen waren.
      "Es hat nichts damit zu tun, wer genau Sie sind. Es kann jeder Mensch auf Erden sein - ich würde so gut wie keinem von ihnen darüber etwas erzählen."
      Als August plötzlich neben ihr stand, machte sie instinktiv drei Schritte zur Seite. Er hatte seine Hand bereits an den Griff der Ofentür gelegt, sodass sie ihm mit einer Geste anwies, machen zu können was er denn wolle. Allerdings hatte er schon längst angefangen, weshalb Ember ihre Hand traurig unvollendeter Dinge sinken ließ. Ohne Wertung in ihren Augen sah sie dabei zu, wie der Magier in kürzester Zeit den Ofen auf Betriebstemperatur brachte. Praktisch sowas.
      "Nein, soll es nicht heißen", erwiderte Ember beiläufig während sie das bestückte Blech in den Ofen schob, kaum hatte August ihr wieder Platz gemacht. Allerdings war sie sich bewusst darüber, dass sie in dieser Kochnische keine wirkliche Ausweichmöglichkeit hatte. Sie ging schwer davon aus, dass sie im Falle eines Übergriffes ihn direkt ausschalten müsste. Sonst würde er mit seiner ihr überlegenen Körperkraft schon ein leichtes Spiel haben. Er brauchte dafür nicht einmal Magie.
      Ohne sich dies anmerken zu lassen, streckte sich Ember, um aus den oberen Schränken zwei Teller zu fischen. Dazu Messer und Gabeln sowie zwei kleine Schalen für den Salat. Dann zog sie sich in die hintere Ecke der Nische zurück, da August noch immer den Türrahmen blockiert. Einen Fuß stellte sie an der Wand auf, die Hände in den Hosentaschen vergraben.
      "Sie sehen furchtbar aus. Kein Schnitt in den Haaren, ungekemmt und was soll eigentlich diese weiße Strähne da? Sagen Sie mir nicht, das sind die Auswirkungen von psychischem Stress." Davon konnte sie selbst nämlich ein Lied singen. Was auch der Grund war, warum sich sich die Haare silbergrau färbte.

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    • Foremar musste kichern, als sie beinahe beiläufig erwähnte, dass sie ihm noch immer nicht verfallen war, gleichzeitig aber ihre Fluchtmöglichkeiten sondierte. Die frau hatte gute Reflexe, das musste er ihr lassen. Er beschloss, diesen Umstand nicht weiter auszureizen und ihr den Raum zu geben, den sie offenbar benötigte. Sollte sie sich ein wenig außen vor lassen, wenn es half.
      Als sie seine Haare jedoch ansprach, veränderte sich sein Gesichtsausdruck zu einem seligen Lächeln.
      "Ja, da stimme ich zu", sagte er und griff sich an eine vorwitzige Strähne, die sich aus dem Zopf gelöst hatte. Sie war weiß wie Schnee. "Habe das letzte Mal vor einigen Jahren meine Haare schneiden lassen und meiner Friseurin anschließend geschworen, sie nirgendwo anders schneiden zu lassen. Nun, was soll ich sagen...Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Aber versprochen ist versprochen, nicht wahr?"
      ALs sie psychischen Stress ansprach, fiel sein Blick ebenso auf ihre grauen Haare und er lächelte erneut feixend.
      "Nein, Ms Sallow. Kein Stress. Ich lag bei einem Zauber daneben und sah in einen Abgrund wissen Sie? Und was ich dort unten sah, ließ meine Haare erbleichen."
      Es klang, als würde er einen Scherz machen, um das Wahre nicht berichten zu müssen. Und doch hatte er ihr die wahre Geschichte erzählt, wie er und Bella das erste Mal das Tor geöffnet hatten. Und das was sie sahen, ließ sie bis heute nicht mehr ruhig schlafen. Nun, Bella vielleicht. Sie schlief noch sehr lange. Vielleicht für immer, wenn er keine Lösung fand.
      Dennoch beschlos Foremar die Brücke zu schlagen und ließ die Strähne los.
      "Ihr Onkel muss ja ein ziemlicher Tausendsassa sein, nicht wahr?", fragte er und grinste schief. "Und auch wenn Sie es keinem erzählen wollen. Irgendwann bahnen sich Geheimnisse immer einen Weg an die Oberfläche. Zumindest meine Erfahrung. Mit dem Unterschied, das über mich mehr in Ihren Akten steht, als ich bisher von Ihnen erfahren habe."
      August stieß sich von dem Türrahmen ab und kam zum Stehen.
      Er verließ die Küche, um in den kleinen Zwischenflur zu gehen und aus dem Fesnter zu sehen.
      "Wenn wir morgen in den Untergrund gehen, brauchen Sie stilgemäße Kleidung", kommentierte er. "Keine praktische Polizeikleidung oder Klamotten, die nach einer Waffenträgerin schreien. Und lassen Sie Ihre Antimagischen Waffen daheim. Sie spüren es."

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    • Leider war Ember sehr gut in ihrem Job. Und leider gab ihre Miene ein bisschen davon preis, dass sie gerade sehr wohl verstanden hatte, dass der Rogue vor ihr keinen Witz darüber gerissen hatte, wie er an seine Unschuldssträhne gekommen war.
      Selbstredend wusste die Detective darum, dass manche Geheimnisse irgendwann ans Licht brachen. Ihr Trauma hütete sie bereits seit Jahrzehnten, nur Tarah hatte sie einst davon erzählen müssen. Eine Stütze in dieser Angelegenheit war besser als gar keine. Es regulierte die drohende Wahrscheinlichkeit, dass einem etwas über die Lippen rutschte. Ganz aus Versehen natürlich. So wie es aus ihrer Körpersprache herausrutschte, dass August endlich aus dem Türrahmen trat. Die unterbewusste Anspannung fiel mit einem Mal von ihr ab und verdeutlichte ihr, dass sie bei Weitem nicht alles unter Kontrolle hatte, wie sie es sich so gerne immer vormachte.
      "Liegt einfach daran, dass ich nicht im Visier des Staates bin. Niemand interessiert sich für die Vergangengeit irgendeiner Frau bei der Polizei, nicht wahr?" Sie kopierte einen Teil seiner Sätze nur um zu sehen, wie er darauf reagierte.
      Schließlich nahm Ember Augusts Platz im Türrahmen ein und lehnte sich wie er kurz zuvor an. Noch immer steckten ihre Händen tief in den Taschen, den Blick auf den Mann in ihrem Zwischenflur gerichtet. Dann schlich sich ein angedeutetes Lächeln in ihr Gesicht.
      "Na, dann hauen Sie mal raus, was Sie sich vorgestellt haben. Bis der Backofen fertig ist dauert's noch einen Moment. Sie haben doch bestimmt in Ihrem tollen Portalzauber da etwas, was die Kriterien erfüllt. Na los, zeigen Sie mir, was Ihnen vorschwebt. Wenn es uns hilft, dann bekommen Sie sogar eine kleine Modenschau."

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    • Foremar sah sie noch einmal kurz aus dem Augenwinkel an und zuckte mit den Achseln, als sie ihre Bemerkungen vorbrachte.
      „Das mag sein“, bekannte er. „Zumeist interessieren sich Behörden oder Polizisten nicht für eine Vergangenheit und manches Mal sehen sie selbst den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass diese Menschen Waffen tragen dürfen.“
      Er grinste schief, als er bemerkte, dass sie seinen Stil kopierte. Umso verlockender erschien das folgende Angebot, wenn er ehrlich war und das Lächeln verwandelte sich bon einer Boshaftigkeit zu einer Form des Sadismus, die ihm selbst Angst einjagte.
      „Aber sehr gerne…haue ich raus… Davon abgesehen ist es ein Dimensionszauber, gute Güte noch eins.“, murmelte er. „Vielleicht sollte ich dann Reizwäsche ins Programm mit aufnehmen? Man weiß ja nie, nein nein…“
      Er sprach mehr mit sich selbst als erneut der schwarze Nebel vor ihm auftauchte und er Gedankenverloren in die Leere griff. Rappelnd und scheppernd kam der alte Lederkoffer wieder zum Vorschein, den er vormals mühsam reparieren konnte. Beinahe beiläufig warf er ihn vor sich auf den Boden und klappte ihn auf. Von innen ertönte zwischenzeitlich alte Plattenspielermusik. Swing, wenn er sich recht entsann.
      „Nun, dann folgen Sie mir, Ms Sallow“, grinste er und winkte mit einem Finger, ehe er in den Koffer stieg.
      Einer Treppe gleich verschwand sein Kopf im Dunkel des Innenlebens und offenbarte ihm eine neue Welt.
      Diese lag im fadenscheinigen Halbdunkel des Koffers waren blauschwarze Bänder an den Decken drapiert, die einen Sternenhimmel simulierten. Generell war die Fläche des Koffers freilich auf das Vielfache gewachsen. Hier drin erschien es, als könnte man mehrere Lastkähne nebeneinander parken. Als er hinab stieg, wandelte er im geräumigen Treppenhaus eines altehrwürdigen Hauses wie es einem erschien. An den Wänden befanden sich Dutzende von Porträts berühmter Personen nebst Nischen, in denen Bücher standen. Der Duft von Papier und Chemikalien hing in der Luft als er im Foyer auf die junge Polizistin wartete. Zu seiner rechten befand sich eine Art Kräuterlabor, das warm beheizt wurde und merkwürdigen Duft versprühte.


      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Zugegeben, Ember hatte nicht damit gerechnet, den beliebten Koffer so schnell wiederzusehen. Und noch weniger begeistert war sie, als August einfach in den einstieg und sich praktisch in Luft auflöste. Wie um Himmels Willen sollte sie jemaden im Blick behalten, der sich in solch kurzer Zeit einfach aus dem Staub machte?
      Am Ende seufzte Ember und ließ die Neugier über jeglichen Sinn und Verstand siegen. Argwöhnisch warf sie einen Blick in den geöffneten Koffer,so als könne ihr jeden Moment eine Bestie entgegen kommen. Stattdessen sah sie Treppenstufen und eine seltsame Tiefenwahrnehmung. Was sie zeitgleich verstörte und faszinierte.
      Drei Stufen hatte sie schon genommen, da war ihr noch gar nicht klar gewesen, dass sie sich diesen Entschluss gesetzt hatte. Langsam kam sie die Treppe hinunter und wusste gar nicht, wo sie zuerst hingucken sollte. Sämtlicher Argwohn war einer puren Form der Neugierde und Euphorie gewichen, wie jene, die Kinder besaßen. In ihrer Laufbahn hatte die Detective schon einiges erlebt. Aber nichts davon beinhaltete begehbare Magie.
      Erst als Ember ebenfalls m Foyer angekommen war, sagte sie etwas: "Also das ist faszinierend. Ich glaube, verdammt viele Leute wären hinter Ihrem Koffer her, wenn sie das hier sehen. Unfassbar... und ich lass' Sie auf meiner Couch schlafen..."
      Die Frau rümpfte die Nase und hatte sichtlich Schwierigkeiten, ein kindisches Lächeln auf ihren Lippen zu verbergen. "Hm, ich hatte schon immer 'ne Schwäche für frisch gekaufte Bücher. Die riechen immer so gut. Aber was ist das noch in der Luft? Bitte sagen Sie mir, Sie bauen hier Drogen oder sowas an. Schüren Sie das Bild, das sich mir gerade aus dem Gedächtnis verabschiedet."
      Das war Embers Stimme, wenn sie fernab ihrer Arbeit war. So entspannt und schlagfertig, wie man es im Normalfall von einer extrovertierten Person erwarten würde. Und nicht mit dem Stock im Arsch, wie gewisse Personen urteilen würden.
      Ihre Hände hatten sich unterdessen aus ihren Taschen gegraben und hatte sich in ihre Hüften gestemmt, während sie noch immer den Blick schweifen ließ und bei jeder Runde etwas Neues entdeckte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Foremar war kein besonders humorvoller Mann, soviel stand fest.
      Aber die Tatsache, dass er eine erwachsene Frau mit hier runter brachte, die sich dabei auch noch fasziniert wie ein Kleinkind umsah, bereitete ihm eine Spur des Vergnügens, die sich nicht ganz verleugnen ließ. Er mochte es, wenn man seine Forschungen und Gegenstände wertschätzte. Er hatte weitaus genügend davon angesammelt und Jahrzehnte dafür gebraucht, diesen ZAuber auf die Beine zu stellen.
      "Deswegen wissen auch nur die wenigsten, was in diesem Koffer ist, nicht wahr?", sagte er beiläufig grinsend und ging ein Stück weit in ie Behausung hinein.
      "Zu Ihrer Rechten finden Sie mein Kräuterlabor", begann er zu beschreiben, von der Lust des Unterrichtens gepackt. "Ich baue verschiedenste Kräutersammlungen an und teste sie auf magische Eigenschaften. Nein, es sind keine Drogen, aber mit ein wenig Alkohol könnten viele davon zu welchen werden."
      Er ging weiter in den Raum hinein und kam an einer Treppe an, die nochmals tiefer ins dunkel führte.
      "Bitte diese Treppe nicht nehmen", warnte er und sah sie eindringlich an. "Ich beherberge diverse magische Kreaturen, die ihren Freiheitsdrang leider nur allzu gern aus. Dazu kommt ein wirklich unleidlicher Goblin, der mir fürchterlich auf den Zeiger geht."
      Er wies sie jedoch auf die Treppe nach oben.
      "Dort oben jedoch ist der Raum, den wir benötigen", sagte er und ging auf den knarrenden Stufen voraus.
      Eine alte Sitzecke, in dessen Rücken eine gewaltige Rundumreihe von Bücherregalen stand, befand sich im kompletten oberen Stock. Auf der anderen Seite befand, unpassend und beinahe fehl am Platze, eine gewaltige Ansammlung an Kleidung, die in eine Nische hineinwuchs, die sich mit jedem Schritt asuzudenen schien. Hier fanden sich Kleider, Anzüge und allerlei weitere Arten von Kostümartikel, die August verloren aussehend betrachtete.
      Das meiste gehörte Bella und Thomas. Und er hatte es einfach an sich genommen.

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      The more you drag me to hell
    • "Hmmm~~~ Bedeutet das, ich bin etwas besonderes?"
      Ember folgte August auf Schritt und Tritt. Eigentlich hätte sie hier unten Runden über Stunden drehen , jede Ecke und jeden Winkel untersuchen und immer wieder etwas Anderes finden können. Da sie allerdings befürchtete, dass neben der Treppe noch andere Dinge hier eine gewisse Gefahr darstellen mochten, driftete sie vorzugsweise nicht zu weit ab. Wobei... sie eigentlich schon ganz gern zumindest mal einen Blick in das besagte Kräuterlabor geworfen hätte. Zu gern hätte sie ebenfalls wenigstens eine der Kreaturen gesehen. Einfach nur, um es getan zu haben. Man musste ja nicht jedes Wesen streicheln, das ein Fell besitzt.
      "Seh ich das richtig, dass man als Unwissender sich hier recht gut verlaufen kann?", fragte sie und starkste hinter dem Rogue die nächste Treppe empor.
      Die obere Etage entpuppte sich als wunderschöner RÜckzugsort - wäre da nicht der Berg an Kleidung gewesen. Etwas irritiert hielt Ember inne und betrachtete den Berg, dessen Ausläufer in alle Richtungen zu entwachsen schienen. Das da passte so überhaupt nicht in den Rest des Koffers, dass das Problem offensichtlich wurde. Ballast.
      "Und das Chaos da hat auch einen übergeordneten Sinn?", tastete sich die Detective vorsichtig heran während sie August musterte. Er wirkte anders als sonst, betroffener. Eine persönliche Komponente vielleicht.
      Als sie sich dem Haufen näherte, machte er keine verdächtigen Gesten noch Bemerkungen. Dies betrachtete sie als Erlaubnis, ein paar Stücke aus dem Berg zu ziehen und zu betrachten. Damit es nicht aussah, als würde sie die nicht gewollte Kleidung achtlos wegwerfen, legte sie jedes einzelne Stück sorgsam zusammen und sammelte sie auf einem Stapel, geordnet nach Art. Irgendwie kam sich Ember vor wie bei einer Haushaltsauflösung. Oder wenn jemand eine Wohnung geräumt hatte, weil jemand verschwunden oder gestorben war.
      Schließlich fand Ember ein kariertes cottagecore Kleid mit weiter weißer Bluse darunter in die Hände. Fasziniert über die Haptik hielt sie das Kleid hoch und an sich. Sowas würde sie nie im Leben freiwillig anziehen. "Wie ist das?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • „Sind wir nicht alle irgendwie besonders?“, fragte August und verschränkte die Arme.
      Es war ihm unlieb, dass eine fremde Person in den Klamotten von Bella und Thomas herumwühlte. Es war ihm ebenso unlieb, als sie eines der Kleider von Isabella wie selbstverständlich heraufnahm. Es war nicht ihr Lieblingskleid, wie man es aus kitschigen Filmen oder Serien kannte. Sie hatte es noch nicht einmal wirklich gemocht. Es war ein Stil, den ihre Mutter bevorzugt hatte und den Bella nicht einmal mit einer Kneifzange angefasst hätte. Aber dennoch musste Foremar dem Drang widerstehen, es Sallow nicht aus der Hand zu reißen.

      „Das wird es tun“, sagte er und wandte sich abrupt ab, um in den Rückzugsraum zu schlendern. Die Bücher der Regale wirkten noch immer so verlockend auf ihn, dass es ihm Schmerzen bereitete, diese nicht aufschlagen zu können. So viel Zeit war vergangen seit jenem schrecklichen Tag.
      Seine Hand fuhr erneut über seine Rippen und im Geiste sah er sie alle wieder in diesem Raum sitzen. Rem am Klavier im Nebenraum, wie sie spielte ohne es zu können. Thomas, der mit William über eine magische Theorie stritt, Marya, die stundenlang Bücher las und Bella, die ihn anfauchte, dass er nicht immer so kleinlich und genau sein sollte. Sie habe schließlich Fehler.
      Bei Gott, das hatte sie.

      Erst danach fielen ihm die Fragen der Polizistin ein, während in seinem Geist noch ein schlecht gestimmtes Klavier erklang. Unendliche Traurigkeit überwog ihn und er seufzte.
      „Ein Unwissender vermutlich. Aber ich habe es Ihnen ja gesagt. Sie sollten sich also zurechtfinden, nicht wahr? Und das Chaos, wie Sie es nennen, hat durchaus einen Sinn. Den Sinn, ein Chaos zu bleiben, wenn ich bitten darf!“
      Das letzte Chaos, das Bella veranstaltet hatte. Und Rem, die ein letztes Mal von einer ladyliken Attitüde sprechen wollte. Thomas, der das letzte Mal Erdnussbutter auf das Maul der Chimäre schmieren wollte und William, der ihn ängstlich davon abhielt. Marya, die kundig die Pflanzen ein letztes Mal wässerte, ehe sie loszogen.

      Seufzend trat August wieder in den Klamottenbereich und sah sie an,.

      „Nehmen Sie irgendeines. Es ist egal. Aber Hauptsache nichts, was nach Polizei oder sonstigem schreit.“

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    • August brauchte keine Worte, um Eindruck bei Ember zu hinterlassen. Mit dem Kleidungsstück, das sie aus dem Berg zog, verfestigte sich das Gefühl, als würde er sie im nächsten Augenblick mit irgendetwas Tödlichem hinterrücks bewerfen. So giftig wirkten die Blicke, die sie in ihrem Rücken spüren konnte.
      Als er sich plötzlich abwandte und in die komplett andere Richtung scheinbar unbeeindruckt schlenderte, ließ Ember das erhobene Kleid leicht sinken. Ihre Augenbrauen kräuselten sich während sie dabei zusah, wie der Rogue sich sogar wieder über seine Rippen strich. Mit einem Mal fühlte sich die Detective so Fehl am Platze wie schon lange nicht mehr in ihrem Leben. Als wäre sie in eine private Sitzung geraten, die nur für die engsten Vertrauten angedacht war.
      Dann war er plötzlich wieder bei ihr. Unwillkürlich zuckte sie zusammen, wie ein Kind es tat, wenn es sich ertappt fühlte. Stumm nickte sie, legte das Kleid in ihren Händen über den Arm und warf, wie geheißen, die ordentlichen Stapel zurück in den Haufen. Mit ihrem Wurf flog auch ihr Blick, der nun begleitet wurde von einem leisen, dedizierten Ausatmen.
      "Sie sollten mir sagen, wenn ich in Dingen wühle, die für Sie wichtige Erinnerungen beinhalten. Es ist keine Schande."
      Embers Worte waren fernab jeder Wertung. Vielmehr dachte sie an ihr eigenes Schlafzimmer zurück, der einzige Ort, an dem sie sich erlaubte, Erinnerungsstücke zu halten. Genauso wenig wie sie dort Fremde haben wollte, konnte auch August es wohl nicht ertragen, wenn Außenstehende Dinge sahen, die nicht für deren Augen bestimmt waren. Unwissentlich drückten sich ihre Finger etwas fester in den groben Stoff.
      "Ich werde nicht weiter dahingehend nachfragen. Ich habe vorhin Ihre Hände gesehen." Sie machte selbst auf dem Absatz kehrt und schob sich an August vorbei hin zu der Treppe, von der sie gekommen waren. "Aber es würde nicht schaden, wenn Sie ein kleines bisschen Vertrauen in mich setzen würden. Tue ich schließlich auch, wenn ich mit Ihnen in den Untergrund gehe."

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    • August schnaubte ein wenig und blickte ein letztes Mal auf das Kleiderchaos zurück. Sichergehend, dass Sallow es zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bemerken würde, hauchte er einen letzten Kuss auf das Kleiderchaos und seufzte leise.
      "Tut mir leid", flüsterte er beinahe unhörbar in Richtung der Kleider und der übrigen Räume, ehe er sich ebenfalls umwandte und in Richtung Treppe zurückging.
      "Es gibt da leider einen kleinen Unterschied, Ms Sallow", sagte er nachdenklich. "Sie haben keine Wahl. Sie brauchen mich und meine Hilfe, es kann demnach schwerlich von Vertrauen die Rede sein, vor allem, wenn man ihre Handlungen der letzten zwei bis drei Stunden in Betracht zieht. Derzeit - so sehe ich es zumindest - ist unser Verhältnis durchaus von Respekt, wohl aber auch einer Prise Angst und Zweifel durchdrungen. Es ist demnach nur schwerlich möglich, Jemandem zu vertrauen und ihm meine innersten Geheimnisse zu berichten, wenn dieser Jemand es selbst nicht kann."
      Er wollte nicht belehren, aber August war wütend. Nicht mal wirklich auf Sallow und ihre Art. Er hatte sich daran gewöhnt, dass die Polizistin sich offenbar in einen Mantel aus Sarkasmus, beißenden Kommentaren und Kälte hüllte, um nicht verletzt zu werden. Es war vielmehr der Umstand, dass er sich nicht über die Freunde unterhalten wollte, die nicht mehr hier waren.
      Gemeinsam ging er mit ihr die Treppe hinab und schickte sich an, seinen privaten Koffer zu verlassen, damit sie diesen grausigen Abend endlich hinter sich bringen konnten, als die Tür zum Tiefgeschoss lautstark aufgestoßen wurde.
      Gerade aös der Zauberer erneut das Wort an sie richten wollte, stolzierte der wohl merkwürdigste Bewohner seines Koffers durch das Foyer, fluchend und speiend.
      Ulysses war ein Goblin. Man dachte, das würde ihn ausreichend beschreiben, jedoch traf es dies nicht einmal im Ansatz. Ulysses besaß entgegen der meisten Goblins, eine Art von Frisur. Das borstige Haare hatte er ordentlich frisiert und mit einem Kamm (manche nannten es wohl Zaun-Rohling) nach hinten und zur Seite gekämmt. Die Haut darunter war bräunlich grün und die dunklen Knopfaugen des Wesens wollten nicht recht zu seiner Nase und den übergroßen Ohren passen. Hinzu kam, dass Ulysses bei der Arbeit mit magischen Tieren zumeist einen maßgeschneiderten Anzug trug, der einfach lächerlich an seiner plumpen Gestalt aussah.
      "Rotz und Spucke, so eine verfluchte Scheiße!", keifte er mit krächzender Stimme. "Ständig will man diesem Vieh nur Gutes und was bekommt man dafür? Vollgepisste Hosen und einen hässlichen Fleck."
      Wie als würde er mit einem Unsichtbaren reden wies er auf den Fleck an seinem Revers, der sich regelrecht durch den Stoff gebrannt hatte.
      "Hast du die Chimäre wieder zu füttern versucht?", fragte Foremar laut und blickte von der Treppe hinab.
      "Ach, zum Teufel mit diesem Mistvieh! Ständig weiß ich nicht, welcher Kopf mich da eigentlich anschaut!"
      "Acht immer nur auf den Schlangenkopf am Ende. Der Löwe ist harmlos..."
      "Harmlos...Bei den verfaulten Eiern des Heiligen, ich glaube eher nicht, dass ein Löwe harmlos ist. Du zahlst mir wesentlich zu wenig für derlei Komplikationen!"
      August verdrehte die Augen.
      "Ich zahle dir gar nichts..."
      "Sagte ich doch! Zu wenig! Und wer ist das?", fragte Ulysses und neigte den Kopf leicht nach links.


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