[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • [....]
      All I know
      Time is a valuable thing
      Watch it fly by as the pendulum swings
      Watch it count down to the end of the day
      The clock ticks life away

      [....]

      I kept everything inside and even though I tried
      It all fell apart
      What it meant to me will eventually
      Be a memory of a time when I tried so hard


      I tried so hard and got so far
      But in the end it doesn't even matter
      I had to fall to lose it all
      But in the end it doesn't even matter

      [....]


      Sylea konnte nicht mehr sagen, wie lange sie wirklich ohnmächtig gewesen war. Oder ob es wirklich nur eine Ohnmacht war oder der endgültige Versuch ihres Körpers, der übermächtig wirkenden Erschöpfung beizukommen. Irgendwann wurde ihr Körper jedoch wieder wach, fing an sich leicht zu bewegen während ihr Bewusstsein in den wachen Zustand wechselte. Normalerweise war sie immer höchst alarmiert wenn sie plötzlich wieder zu sich kam und sich erst orientieren musste. Doch sie spürte etwas warmes und vertrautes in ihrem Rücken. Eine wohlbekannte Aura, die ihre eigene perfekt zu ergänzen schien. Sie schlug ihre Augen auf, langsam, um sich an das Licht zu gewöhnen, das untertage eigentlich gar nicht herrschen dürfte. Doch das erste was sie wirklich sah, war der nackte Arm um ihren Leib, der sie eisern an sich band. Dann der Atem, der ihren Nacken streichelte, und erst danach die Umgebung, die sie noch nie so gesehen hatte.
      Doch es war Ascan in ihrem Inneren, von dem aufrichtige Verblüffung stammte, als das Mädchen den Blick durch die hängenden Gärten Babylons schweifen ließ. Das konnte sich unmöglich im Archiv des Babyloniers verstecken. Diese Gärten existierten nicht mehr, also wurden sie auch nicht woanders hingebracht. Was den Rückschluss zu ließ, dass das hier eine Nachbildung oder eine Täuschung war. Vielleicht ein Konstrukt.
      Noch während sie die Ranken über ihren Köpfen und die zahlreichen exotischen Blumen musterte, fing sie an zu sprechen. "Hey...." Es war nur ein einziges Wort, leise gehaucht mit der Furcht behaftet von der Reaktion, die sie womöglich erwartete. Ohne ihn zu sehen vermochte Sylea nicht viel über Cains Verfassung zu sagen, denn nach seiner Aura zu greifen war ihr im aktuellen Zustand zu heikel. Der warme Wind strich über ihren Körper und sorgte dafür, dass sie nicht mehr fröstelte. Doch die Erschöpfung saß tief in ihren Knochen und jede einzelne Bewegung fühlte sich an wie ein gewaltiger Kraftakt. "Geht es dir wieder ein bisschen besser?"
      Wo steckte eigentlich Mortimer? Sonst war er immer wie ein Bewacher um sie herum geschwirrt wenn sie in seinem Archiv gewesen waren. Nun fehlte von ihm jedoch jegliche Spur ohne jedoch bei dem Mädchen das Gefühl der Ungestörtheit zu erzeugen. Wieso hatte er sie beide hier abgesetzt? War es tatsächlich wirklich sinnvoll gewesen, dies hier als letzte Rettung zu sehen?
      Das ist eine Erinnerung. Ein temporäres Konstrukt, geschaffen aus Erinnerungen. Er hat euch Zeit gegeben euch zu sammeln.
      Sylea horchte gedanklich auf. Da war er wieder, die altbekannte Stimme in ihrem Kopf und die altbekannte Gestalt in ihrer Gedankenwelt. Zu ihrem Erstaunen jedoch war er nicht mehr die nebelige Gestalt mit den stechenden Augen in ihrem Kopf. Voller Überraschung fand sie neben sich die vollends enthüllte Gestalt eines Mannes mittleren Alters. Er sah sie nicht direkt an, doch selbst aus dem Profil erkannte sie seine markanten Gesichtszüge und die leicht schiefe Nase, die zu groß für den Rest seines Gesichtes schien. Seine Lippen waren schmal, die Augen noch immer stechend klar und von einem ähnlich Braunton wie der ihre. Seine Haare waren fast so lang wie ihre eigenen, als sie sie noch lang getragen hatte und waren eng an seinen Kopf geflochten, sodass er eher den Eindruck eines Stammesangehörigen machte. Dafür sprach auch seine Kleidung, die aus einer einzigen langen Kutte bestand. Vielleicht eher doch eine Sekte als ein Stamm... Sekte... Waren die Rubras vielleicht eher eine Sekte als ein Stamm? Wie sie es auch betrachtete, es war mehr als seltsam zu sehen, wie ein Ahne vor einem selbst stand und kommunizierte.
      "Es tut mir leid, Cain. Ich hab gewusst, dass Cordelia nicht mehr lebt und Scintilla sie komplett aufgelöst hat. Ich konnte es nicht sagen weil Ascan es mir verwehrt hat. Genauso wie ich seinen Namen erst erfahren habe, als ich weg war. Er konnte in der Zeit nichts vor mir verheimlichen, ich weiß jetzt über ihn Bescheid...", sprach sie leise weiter und kuschelte sich noch enger an den Körper des Seekers.
      Mehr Wissen bedeutete nur leider nicht eine Befreiung aus ihrer Lage. Noch immer war sie untrennbar mit Ascan verbunden. Noch immer war sie mit Cain verbunden. Ihr Problem hatte sich noch immer nicht gebessert selbst wenn sie ein paar mehr Antworten auf ein Warum nun besaß.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Hey...", antwortete Cain mit gedämpfter Stimme.
      Wenige Herzschläge verstrichen zwischen Syleas ersten, zaghaften Silben und der geflüsterten Antwort des Seekers. Die Stimme glich dem Wispern des Windes über ihren Köpfen und transportierte in einer Silbe eine schier unendliche Farbpalette der unterschiedlichsten Emotionen. Eine gefühlsreiche Komposition aus tiefgreifender Schuld, schmerzlicher Traurigkeit und letztendlich der unendlichen Erleichterung die als Echo alle anderen Töne überwog. Letzteres erwies sich als zwiespältige Empfindung, die seine ganze Existenz von einer Seite zur anderen Seite im ständigen Wechsel hin und her zerrte. Die Gewissheit über das Schicksal seiner Schwester peinigte Cain und gleichzeitig verspürte er eine Form der Befreiung von einer alten, erdrückenden Last. Es war dieser Gedanke, der das schlechte Gewissen und alles, was damit zusammen hing, ins schier Unermessliche steigerte. Am Ende hatte er Cordelia weder beschützen noch retten können. Er hatte als großer Bruder versagt und dennoch fühlte er wie ein tonnenschwerer Stein von seiner Brust genommen worden war. Und diese Vorstellung fraß ihn förmlich auf.
      Im Inneren seines Schädels heulte der Grimm in seinem Gefängnis auf.
      Cain verstärkte den Halt seines Armes um den zierlichen Körper neben sich und drückte sein Gesicht ein wenig mehr gegen die erwärmte Haut. Die Nasenspitze strich über die weichen Härchen im Nacken, als der Seeker ein weiteres Mal zitternd ausatmete. Die Gedankengänge ähnelten jenen über Cordelia, als Cain die Augen einen Spalt öffnete und nichts sah außer ein Meer an braunen Haarsträhnen. Er hatte Syleas Seele riskiert um einem erfolglosen Ziel nach zu jagen, nachdem er sich von Anifuris, nein Ascan, wie ein einfältiger Narr hatte manipulieren lassen. Cain verlor sich in den Selbstzweifeln und fühlte wie der tiefschwarze Selbsthass in seiner Brust köchelte. Beinahe hätte er sie beide verloren, Cordelia und Sylea. Die Muskeln in seinem Unterarm zuckten, während er das erschöpfte Mädchen in seinem Arm als mentalen und physischen Anker missbrauchte. Jedenfalls viel ihm keine bessere Umschreibung dafür ein. Er hatte es nicht verdient, dass sie hier bei ihm war. Er hatte nichts von alldem verdient, nachdem was er riskiert hatte.
      "Der Nebel in meinem Kopf ist verschwunden.", antwortete er. "Es ist seltsam, ich erinnere mich an alles, was geschehen ist während Ascan einen Teil meiner Seele besessen hat. Trotzdem fühlt es sich an wie die Erinnerung eines Fremden."
      Dieser Cain, ohne Liebe und jegliches Mitgefühl, war ein furchtbarer Mensch und niemand, zu dem er je wieder werden wollte.
      Aufmerksam lauschte er dem Klang ihrer Stimme und verspürte einen verräterischen Stich in seiner Brust. Sie hatte es gewusst, aber Cain durfte ihr daraus keinen Vorwurf machen. Es machte durchaus Sinn, dass Ascan ihr nicht erlaubt hatte darüber zu sprechen. Dadurch hätte er einen wichtigen Hebel verloren, um den Seeker wie eine Marionette zu lenken.
      Durch die Nähe spürte Cain den geliebten Herzschlag tief im eigenen Brustkorb und jedes Mal war er geradezu fasziniert davon, wie sich Rhythmus und Stärke aufeinander einspielten. Es war unsagbar beruhigend, dass dieses innige Band nicht zerrissen war und ihn davon abhielt völlig der Verstand zu verlieren. Wie hatte er es vermisst sich Sylea so nahe zu fühlen, auf einer Ebene, die kaum ein Menschen je begreifen konnte.
      "Es ist nicht deine Schuld. Ich sollte mich bei dir entschuldigen weil ich mich wie ein Anfänger von Ascan habe einlullen lassen", murmelte Cain schlicht aber nicht weniger aufrichtig. "Erzähl mir davon."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach ein paar Minuten hatten Sylea vorerst genug von dem Konstrukt um sich herum gesehen. Noch immer war sie erschöpft, sodass sie zwar wach blieb, ihre Lider sich jedoch widerstandslos wieder schlossen. Es genügte ihr zu wissen, dass Cain wieder voll da war. Nicht dem Grimm sofort wieder nachgab und nicht mehr den Anschein erweckte, er sei mental völlig gebrochen. Es reichte, dass er sie weiterhin festhielt als sei sie nun noch das Einzige in seinem Leben, das ihn in seinem eigenen hielt. Eine durchaus traurige Vorstellung, doch ein kleiner Teil tief in ihrem Inneren freute sich darüber, endlich den Platz eingenommen zu haben, den sie schon immer haben wollte. So wichtig für eine andere Person zu sein wie niemand sonst.
      "Du warst zu dem Zeitpunkt auch nicht vollständig. Ist nur klar, dass es sich nicht anfühlt wie die eigenen Erfahrungen... Immerhin hast du dich auch nicht wie du selbst gefühlt", bestätigte sie ihm seine Worte und dachte dabei über ihre eigene Situation nach. Es gab Momente, in denen Ascan die Kontrolle übernommen hatte, wo auch sie Erinnerungslücken aufwies. Lieber hätte sie fremdwirkende Erinnerungen gewählt als gar keine. Das Unwissen war in ihren Augen wesentlich schlimmer. Nun jedoch war sie sich sicher, dass solche Amnesien nicht noch einmal willkürlich auftreten würden. Dafür war sie nun zu eng mit der anderen Seele verbunden, die in ihrem schmächtigen Körper steckte und wie ein lästiger Zuschauer alles mitansah.
      "Er ist alt und er war ein Mensch. Er versteht besser als die Götter selbst aus welcher Motivation Menschen handeln. Er hatte bei dir einfach ein leichtes Spiel weil er zu viele Informationen hatte und genau wusste, welche Knöpfchen er drücken musste." Sylea zuckte mit den Schultern. "Anifuris ist eine Zusammensetzung aus dem Lateinischen. Ani für die Seele und fur für den Dieb. Er war deswegen so scharf auf die Aufzeichnungen der Estryreh weil er mit ihr eine Partnerschaft geführt hatte. Aus diesen beiden ging der Rubraclan hervor, sie haben ihn gegründet und all unser Wissen, unsere Techniken, beruhen auf den Forschungen, die Ascan einst angestellt hat. Zusammen mit Estryreh hat er Nachkommen gezeugt, die meine Vorfahren sind. Wir vermuten, dass das einen Teil dazu beiträgt warum meine Seele nicht unter seiner Herrschaft zerbrochen ist."
      Was auch immer in der Zeit geschehen war, in der Syleas Bewusstsein zu Staub zerfallen war - sie war wortwörtlich in jede Ritze von Ascans Erinnerungen gedrungen. In diesem Zustand des Nichts hatte er sich nicht gegen sie wehren können und war ernsthaft davon ausgegangen, dass sie sich wirklich auflöste. Nun hatte er ein wissendes Vessel vor sich, die höchstwahrscheinlich genau wusste, wie ihre gemeinsame Zukunft nun aussehen würde.
      "Dagda hat uns nicht trennen können weil er dann uns beide wieder in den Maelstrom hätte schicken müssen. Das heißt, Ascan und ich bleiben bis zu dem Zeitpunkt untrennbar verbunden bis einer von uns aufgibt und sich freiwillig vom anderen auflösen lässt. Dann würde der eine Teil des jeweils anderen werden und nicht mehr in den Maelstrom zurückkehren. Und du kannst dir denken, dass das keiner von uns will...", beendete sie ihre Ausführung und ließ eine Hand über Cains Bein streichen, einfach nur um sich zu vergewissern, dass sie ihn wirklich wieder bei sich hatte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mit geschlossenen Augen jedoch nicht weniger aufmerksam lauschte Cain der Erzählung über den Ursprung von Ascans Existenz.
      Der aufgewühlten Neugierde folgte ein tiefer Fall in die Ernüchterung, als der Einblick in die Erinnerungen der alten Seele keinerlei Lösung des eigentlichen Problems lieferte. Trotz des gewonnenen Wissens standen sie quasi wieder ganz am Anfang. Cain drückte Sylea an sich und reckte träge das Kinn bis er einen hauchzarten Kuss auf ihrem Scheitel platzieren konnte. Die Erschöpfung begleitete den rhythmischen Herzschlag wie ein subtiler Puls über das Band zwischen den Auren. Der Seeker konnte schwerlich differenzieren von wem der Impuls stammte, von Sylea oder von ihm selbst. Die Barrieren seiner goldschimmernden Aura waren gebrochen und gewährten der Rubra freien Zugang zu jeglichen Empfindungen, die seine Aura aufwühlten und gleichzeitig beruhigten. Der Wechsel zwischen Ruhe und Ungleichgewicht verfolgten keinen abgestimmten Rhythmus und reflektierten ungefiltert die klägliche Stabilität des Seekers.
      Ascan, Cordelia, Scintilla und auch Sylea...Sie alle hatten Narben und tiefe Furchen auf ihre ganz eigene Art hinterlassen.
      Der einst spiegelglatte Zustand der goldenen Aura gehörte für den Augenblick der Vergangenheit an.
      Ein tieftöniges Brummen löste sich aus seiner Kehle, das irgendwo zwischen Ungläubigkeit und Ärger über die eigene Blindheit schwankte.
      "Das ergibt Sinn. Und ich habe mich die ganze Zeit über von ihm blenden lassen. Ich habe wirklich geglaubt, dass wir eine Möglichkeit finden Ascan endgültig von dir zu trennen.", murmelte Cain und blickte durch halbgesenkte Augenlider in die prachtvollen Gärten, deren Anblick ihm keinen Frieden schenkte. Es musste eine Lösung geben. Irgendwo. Irgendwie.
      Cains Muskeln zuckten unter den suchenden Fingern an seinem Bein und für einen Augenblick ließ er den Kopf zurück in die himmlisch weichen Kissen sinken.
      "Ascan und Estryreh begründeten also vor all dieser Zeit den Rubra-Clan und führten ihn, bis Estryreh beschloss, dass ihr Gefährte eine zu große Bedrohung durch seinen Wissendurst darstellte?", fragte er und versuchte die zähfließenden Gedanken seines Verstandes in die richtige Richtung zu lenken. "Was hat er getan, dass sie ihm letztendlich den Rücken zukehrte? Sie hat ihn offensichtlich nicht vernichtet, sonst müsstest du nicht deinen Körper mit ihm teilen."
      Schwerfällig löste sich Cain von der jungen Frau in seinen Armen und stemmte sich in eine sitzende Position.
      Die Wichtigkeit dieser Erkenntnisse war ihm zweifellos bewusst, aber etwas anderen drängte sich in den Vordergrund. Sein Arm wog schwer, als er ihn ausstreckte und nach einem der Becher neben der mysteriösen Sanduhr griff. Er würde nicht ein weiteres Mal willentlich dabei zusehen, wie Syleas Verfassung unter Ascans Rücksichtslosigkeit litt.
      "Kannst du dich aufsetzen?", stellte er die Frage und drehte den Tonbecher mit den kunstvoll, eingebrannten Verzierungen zwischen den Fingern. "Für mehr als Wasser reichte es wohl nicht. Ich würde morden für einen Kaffee."
      Obwohl das Grinsen auf seinen Lippen etwas armselig wirkte, gab es Cain einen Teil seiner Selbst zurück. Die Art wie er lediglich den rechten Mundwinkel schief nach oben zog und dabei leicht die Nase kräuselte, verlieh ihm etwas Jungenhaftes.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • So unmöglich es auch wirken mochte: Auch Sylea hoffte, betete gar darum, dass es doch eine versteckte Möglichkeit gab mit der man Ascan von ihr trennen konnte. Es musste auf dieser weiten Welt doch das Wissen geben, wie man Seelen vollständig trennte. Wer sagte, dass der Gott wirklich die Wahrheit sprach? Dass er nicht unter Einfluss von Etwas stand oder einfach nur Lust darauf hatte, Lügen zu verbreiten? Immerhin stellte Dagda ihnen ja immer noch nicht nach - seine Worte waren als nicht alle für bare Münze zu nehmen.
      Syleas Stirn zog Falten als sie in den schier unenedlichen Aufzeichnungen von Ascans und nun ihren Erinnerungen wühlte, um die passende Erklärung auf die Fragen zu finden. "Estryreh hat sich mit den Künsten des Siegelns befasst während sich Ascan in der Faszination verlor, woraus das Bewusstsein besteht. Was einst als Studie begann wurde bald zu Versuchsreihen mit Menschen. Wie genau er an die Technik kam, mit Seelen zu interagieren ist weder ihm noch mir klar. Eines Tages konnte er es einfach. Eine geraume Zeit lang war Estryreh ebenso fasziniert aber als Ascan irgendwann damit anfing, dass seine Probanten immer jünger wurden und er irgendwann damit anfing, die Seelen von Neugeborenen auseinander zu pflücken war es ihr nicht mehr geheuer. Als sie dann schwanger wurde äußerte er das Interesse daran, auch ihr gemeinsames Kind einem Test zu unterziehen. Es wurde für sie immer grenzwertiger bis sie irgendwann bemerkte, dass ihre Worte gar keinen Einfluss mehr auf ihn hatten."
      Die furchtbaren Erinnerungen daran, wie Ascan Säuglinge einer Dissektion unterzog, musste Sylea gewaltsam von sich schieben. Zu grausam waren die Bilder, die Geräusche, die Schreie.
      "Estryreh hat eine Inquisition benachrichtigt, die daraufhin angerückt war und Ascan zum Tod durch Enthauptung verurteilt hat. Man hat ihm nicht einmal einen Tag Zeit gelassen und ihn dort enthauptet, wo nun die Versammlungsstätte der Rubras ist. Das bisschen Zeit hatte wohl ausgereicht, dass er irgendetwas bewirken konnte. Das Gefühl, noch nicht fertig zu sein, der Zorn darüber so unverstanden zu sein hat scheinbar dafür gesorgt, dass seine Seele nicht in den Maelstrom zurückgekehrt ist und wiedergeboren wurde. Er besaß seine Erinnerungen an sein Vorleben, an den Maelstrom und an die Tatsache, dass Seelen existierten. Er setzte seine Forschungen später fort und war der Erste, der eine Seele manifestieren und in ein bewusstes Lebewesen verfrachtet hatte. Damit hat er den Ursprung für all diesen Mist gelegt."
      Es ging Bewegung durch den Seeker in Syleas Rücken als er sich etwas von ihr schob und sich aufsetzte. Sie drehte sich ein bisschen, um endlich auch sein Gesicht sehen zu können, das noch immer durchzogen war von mehreren Schatten. Allein der Anblick reichte schon, damit ihr wieder schwer ums Herz wurde. Aber immerhin agierte er wieder von selbst und hing nicht wie eine leblose Puppe in irgendwelchen Stühlen.
      Sie ächzte leise als sie sich eigens richtig aufsetzte und Cains Hand folgte, die nach einem Becher griff, der neben einer kunstvollen kleinen Sanduhr stand. Sand rieselte emsig hindurch und Sylea spürte, dass sie das Zentrum von all dem hier war. "Sicher." Sie nahm den Becher entgegen und trank einen Schluck. Ja, für einen Kaffee würde auch sie vieles tun. "Oder stell dir einen Saft vor... Die müssen hier doch bestimmt irgendwelche Früchte haben, aus denen man Saft machen kann..."
      Sylea begegnete dem leichten Grinsen von Cain mit einem Lächeln, das erstaunlich viel Helligkeit besaß. Langsam bekam sie das Gefühl in ihrem Körper zurück, das Zittern stellte sich ein und sie hatte den Eindruck, wieder besser geerdet zu sein. Wenn es sein musste, dann würde sie seinen Anker bilden. Dafür sorgen, dass er sich nicht verlor. Dass er wie eine Kletterpflanze an ihrer Aura ranken können würde und den Halt bekam, den er dringend benötigte. Erst recht, nachdem Scintilla ihm jeglichen Halt einfach entrissen hatte,
      "Wir finden bestimmt irgendwo einen Kaffee zum mitnehmen... Ich glaube, wir können eh nicht mehr lange hier bleiben, oder?" Sie sah zu der Sanduhr hinüber, die unwissentlich das Ende ihrer Ruhephase markierte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Dann ist Ascan der Ursprung allen Übels.", wiederholte Cain knurrend und mehr zu sich selbst.
      Die Vorstellung der abscheulichen Gräueltaten erschütterte ihn bis ins Mark. Zweifellos brachte die Menschheitsgeschichte in ihrem düsteren Schatten stets neue und brillante Persönlichkeiten hervor die ohne Rücksicht und angetrieben von einem unstillbaren Wissensdurst zu den grausamsten Handlungen fähig waren. Die Erkenntnis, dass sich all die Erinnerungen nun fest verankert in Syleas Verstand befanden, löste eine Welle des Entsetzens und der ungebändigten Wut aus. Der brüchige Auraschimmer erzitterte unter der schieren Wucht eines Donnergrollens, dessen Ursprung die finstere Schwärze seines Seelenkerns bildete. Der schattenartige Grimm warf sich Zähne fletschend und grollend wie ein Monstrum in die astralen Ketten, die ihn banden und gierte nach dem Gefühl des Zorns. Cain und der Grimm bildeten die zwei Seiten einer Medaille: Das Nichts gegen ein schier unendliches Spektrum an Emotionen. Um Syleas Willen führte kein Weg daran vorbei dem ausgehungerten Ungetüm seine Grenzen aufzuzeigen. Mit einem tiefen Atemzug zählte der Seeker gedanklich von Zehn bis Eins herunter ehe er es wagte einen erneuten Blick in das vertraute Gesicht zu werfen. Die Iris glühte unter der Nuance flüssigen Goldes und verdrängte die schwärzlichen Flecken, die sich unter dem Gold ans Tageslicht kämpften. Er war ein Seeker, Kontrolle und Disziplin bildeten für ihn seit Jahren einen natürlichen Reflex wie das Atem selbst. Cain zwang sich ein schwaches Lächeln auf, während er den Blick ein weiteres Mal abwandte und die Sanduhr beäugte, die ihm entgegen starrte wie ein verhöhnendes Mahnmal.
      Frustration und Sprachlosigkeit wechselten sich sekündlich ab, ehe er seine träge Zunge dazu bewegen konnte wieder klare Silben zu formulieren.
      "Wir werden eine Lösung finden. Wir müssen.", sagte Cain, obwohl er die eigene Entschlossenheit in Frage stellte. "Vielleicht benötigten wir einen neuen Ansatz. Denkst du der Rubra-Clan könnte mehr Wissen verbergen, als wir vermuten. Estryreh verfasste Memoiren, vielleicht gibt es andere Anhaltspunkt, denen wir folgen können. Ich werde niemals akzeptieren, dass Ascan dich mit in den Untergang reißt. Es tut mir leid."
      Vorsichtig, als traute er sich selbst nicht, legte Cain einen Arm um die zierlichen Schultern von Sylea während er sie letztem Worte mehr flüsterte als wirklich laut aussprach. Seine Aura mochte geschwächt und angegriffen sein, aber es reichte aus um einen sanften Puls des Mitgefühls über das unsichtbare Band zuschicken. Zufällig richtete sich sein Blick über ihren Scheitel hinweg direkt in Ascans Richtung, als könnte er ihn unbewusst wahrnehmen. Er würde lieber sterben oder sich vom Grimm aufzehren lassen, als Sylea kampflos an Ascan zu verlieren. Der Gedanke allein war absurd, durch die Verschmelzung zog der Seeker selbst die Frau, die er eigentlich zu schützen gedachte, mit den Abgrund. Wie er es auch drehte und wandte, es war eine Zwickmühle.
      Trotz der Schwere erhellte ein ungewollt amüsiertes und heiseres Lachen den bewachsenen Balkon der Gärten.
      "Ich glaube nicht, dass eine Erinnerung so funktioniert.", schmunzelte Cain, obwohl das Gefühl nicht gänzlich seine Augen erreichte, denn Cordelias Verlust wog schwer, auch wenn Cain sich alle Mühe gab es zu verbergen. Stattdessen suchte sein Fokus bereits ein neues Ziel und verschloss die schmerzliche Trauer zusammen mit dem Grimm.
      "Hm, du hast Recht. Wir können nicht für Lange bleiben. Ich befürchte, dass der Babylonier uns in Kürze vor die Tür setzen wird. Er hat mir deutlich gemacht, dass unsere Zeit in den Gewölbearchiven abläuft."
      Cain verbarg das Gesicht an der warmen Halsbeuge und krümmte sich dabei regelrecht zusammen, um den Größenunterschied auszugleichen.
      "Ich weiß nicht wohin, Sylea. Es gab nie einen Plan B. Ich weiß nicht, was wir tun sollen.", flüsterte er und drückte seine Wange gegen die weiche Haut ihres Halses.
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    • Sylea hatte eingehalten in ihrer Trinkbewegung, als Cain plötzlich wieder in eine Stille verfiel, die ihr nicht gefiel. Sie lauschte mittels ihrer Aura, tastete sich sorgsam vor und spürte, wie der Seeker sich gegen den Grimm in seinem Kern stellte. Er war in Ketten gelegt worden, deren Zusammensetzung zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil aus silbriger Aura bestand. Das brachte weitere Erinnerungen zurück - der Handel mit Dagda war ja auch noch eine Sache, von der er nichts wusste. Und nichts erfahren würde.
      "Ich bin mir verdammt sicher, dass der Clan mehr weiß als er offenbahrt. Über die Zeit hat sich auch das Wissen verloren, dass Ascan Mitbegründer des Clanes war. Da nur Estryrehs Memoiren übrig geblieben waren hielt man ausschließlich sie als Begründerin. Dadurch wissen wir aber immer noch nicht, wer den Kreis in der Kathedrale gezogen hat. Das weiß nicht mal Ascan selbst", erinnerte Sylea Cain und stellte den Becher wieder zur Seite weg.
      Dann legte er ihr einen Arm um die Schulter und ließ das Mädchen in ihren Bewegungen verharren. Sie blinzelte den Mann vor ihr an, der sich so vorsichtig bewegte, dass sie dachte, er hielte sie für zerbrechlich. Für etwas, das man nur mit größter Vorsicht berühren durfte, da es sonst unter dem Einfluss zu Staub zerfiel. Es erschien kein Lächeln auf ihren Lippen, kein Anzeichen der Belustigung. Vor wenigen Stunden hatte sie mit allen Mitteln darum gekämpft, seine Seele zusammenzuhalten. Es wäre so leicht gewesen, einfach loszulassen und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Nur mit Dagda hatte sie es geschafft, das nötige Feingefühl aufzubringen um das wieder zusammenzusetzen, was zerbrochen erschienen war. Dass er nun ein ähnliches Verhalten ihr gegenüber zeigte, löste bei ihr kein positives Gefühl aus. Statt sich weiter darüber den Kopf zu zerbrechen neigte sie ihn ein wenig zur Seite, als der junge Mann sein Gesicht an ihrer Halsbeuge vergrub. Verzwickt beschrieb die Lage nicht einmal ansatzweise. Ganz sachte erschauderte sie als seine Stimme warmen Atem gegen ihre Haut hauchte und das Rumoren eben jener bis in ihre Knochen zu dringen schien.
      "Du hast es doch eben schon richtig gesagt. Wir gehen dem Clan auf die Spur. Ich habe jetzt ein ganzes Repertoire an Erinnerungen, auf die ich vorher keinen Zugriff hatte. Ich weiß, wo sich die Hallen befinden, ich weiß, wo ich was suchen könnte. Ich weiß nur nicht, ob wir dort Hinweise zu den Kreisen finden. Wir bitten Jace um Kooperation. Er hat eh eine Faszination an Ascan entwickelt, ich denke, er wird uns helfen. Wir besorgen uns Ausrüstung, um im Freien zu Nächtigen und dann suchen wir die Rubra-Hallen auf. Vielleicht gibt es einen Weg, wie wir Ascan nicht von mir trennen, aber dauerhaft in einen Schlafzustand versetzen können?"
      Bild dir bloß nichts drauf ein, meine Liebe. Du denkst, mein Wissen hilft euch enorm weiter und auch dein Deal mit Dagda ist hilfreich. Aber glaub nicht, dass ich mich ohne Widerworte wegsperren lasse.
      Ich habe nie etwas anderes von dir erwartet, du krankes Arschloch.
      Oh, was ist denn mit deiner Ausdrucksweise passiert?
      Sylea rückte ein wenig von Cain ab, um sein Gesicht zu mustern. Wenn er keinen Plan hatte, würde sie mit einem daher kommen. Ihm Führung geben, wenn er sich im Nebel der Welt verlor. Sie würde sein Leuchtturm sein und ihm den Weg weisen, egal wie schwierig es sein mochte. Das war ihre Bürde, ihr Leben. Ihre schmalen Finger fanden sein Gesicht, fuhren über seine Wangenknochen hinweg, musterten jeden Zetimeter seines Gesichts. Dann lehnte sie sich zu ihm und legte sanft ihre Lippen auf seine.
      Sylea war wieder da. Endlich.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Eine flüchtige Welle der Irritations schwappte über das Seelenband in Cains Bewusstsein.
      Das Ende auf seiner Seite fühlte sich dermaßen fasrig an, strapaziert durch Ascans perfides Spielchen, dass die Emotion den Seeker lediglich abgeschwächt und dumpf erreichte. Die zerfledderten Fasern knüpften sich bereits neu, aber bis die Aurenverschmelzung zur alter Form zurückkehrte, würde es noch ein paar Tage dauern. Eine Zeit, in der Cain und auch Sylea sich langsam von den Strapazen erholen mussten bevor das Duo den nächsten Schritt zur Ergründung des Rubra-Clans und dessen gut gehütete Geheimnisse wagte. Aktuell war keiner, weder das Vessel noch der Seeker, dazu in der Lage einer weiteren Belastung standzuhalten. Sei es durch einen besorgniserregenden und kindlichen Gott, dessen Beweggründe Cain nicht verstand oder durch Ascan, der versuchte die Gitterstäbe seines Gefängnisses zu sprengen. In der Gleichung durfte auch der unberechenbare Babylonier nicht vergessen werden. Bereits im Vorfeld allen Chaos war es dem Seeker sichtlich schwer gefallen die Gemütszustände des merkwürdigen Bibliothekars richtig zu kategorisieren, die der Babylonier wechselte wie normale Menschen ihre Socken.
      Cain nickte bestätigend und ließ beinahe gefügig zu, dass Sylea sein Gesicht in Augenschein nahm. Die goldschimmernden Augen zuckten kurz von einer Seite zur Anderen, suchten das vertraute Antlitz nach Spuren von Ascan ab. Winzige Mikrosxpressionen verwandelten die geliebten Gesichtszüge in eine befremdliche Maske und Cain erblickte einen völlig anderen Menschen. Mittlerweile erkannte er den Unterschied innerhalb des Bruchteils einer Sekunde. Er entließ einen kontrollierten Atemzug durch seine Nase.
      Die Augenlider flatterten unter den zarten Berührungen der kühlen Fingerspitzen und mit einem Seufzen, dass eine gewaltige und angesaute Spannung aus seinem gesamten Körper entließ, schmiegte Cain seine Wangen in die dargebotenen Handflächen. Zuerst linderte die Kühle ihrer Hände das dumpfe Zwicken, das mit einem regelmäßigen Takt hinter seiner Schädeldecke pulsierte, und als ihre Haut seine Körperwärme absorbierte, schloss der Seeker endgültig die Augen und lauschte dem lebendigenden Pulsschlag, der in ihren Handflächen pochte. Die verkrampfte Haltung erweichte schlagartig.
      Cain fühlte die musternden Blicke ebenso wie die streichelnden Finger.
      Sachte drehte er den Kopf etwas in ihrem Halt und drückte seine Lippen in ihre rechte Handfläche. Syleas warmer Atem war eine zarte Sommerbrise, warm und einladend. Blinzelnd öffnete Cain die Augen und schloss sie beinahe sofort wieder, als weiche Lippen sich auf seine legten. Der Arm um ihre Schultern verfestigte seinen Griff.
      Mit den Fingern der freien Hand schob Cain liebevoll eine kurze, widerspenstige Strähne braunen Haares hinter ihr Ohr. Eine Geste so unschuldig und zart, wie der sanfte Kuss, der zwar kurz andauerte aber ihn dennoch atemlos zurückließ. Cain drückte seine Stirn an Syleas. Als er wieder sprach, klang seine Stimme wie ein tiefes, zufriedenes Grollen tief in seinem Brustkorb.
      "Ich hatte Angst, du wärst endgültig fort.", murmelte Cain.
      Keine Zurückhaltung, keine falsche Scheu die Furcht zuzugeben. Nur die blanke Wahrheit.
      Mit dem Daumen fuhr er sachte über den Schwung ihres Kieferknochens, prägte sich die Konturen ihre Gesichtes ein, als erblickte er Sylea zum ersten Mal. Am Rande seines Sichtfeldes bildeten sich feinste Risse an den Rändern des Erinnerungsfragments. Kleinste Sprünge als bestünde der Horizont aus farbenfrohem Kristallglas. Der falsche Wind fegte über die Gartenterasse hoch im alten Babylon und wisperte bittend und flehend einen Namen: Baltazar.
      "Okay.", fuhr er schließlich fort, ohne die vermisste Nähe zu reduzieren. "Als Erstes suchen wir Jace. Ohne notwendiges Equipment sind wir in der Wildnis aufgeschmissen. Wir werden nichts minehmen, dass geortet werden kann. Keine Kommunikationgeräte, keine unnötige Technik. Wir bleiben unter dem Radar solange wie möglich, dann sind andere Seeker und Vessels das Einzige Problem, um das wir uns ernsthafte Sorgen machen müssen."
      Das letzte Sandkurn riselte durch die antike Sanduhr und das Erinnerungskonstrukt zersplitterte. Scherben in allen Facetten und Farbtönen fielen zu Boden und zerstoben in wüstensandartigen Nebel, ehe sich die Fragmente vollständig auflösten. Die Zeit war endgültig um. Anstatt eines leeren, tristen Raumes fand sich das umschlungene Paar mitten in den Privaträumen des Babyloniers wieder, als hätte sie ihre Position vor der Feuerstelle im Kamin nie verlassen.
      Der Archivar lehnte wenige Meter von ihnen entfernt mit der Hüfte an dem schweren Schreibtisch. Über seinem angewinkelten Arm hingen augenscheinlich frische Kleidungsstücke, die mehr der neuzeitlichen Epoche entsprachen. Er sah seine unfreiwilligen Gäste mit einem undefinierbaren Blick zwischen Neutralität und Langeweile an. Offensichtlich hatte er genug von Spielchen.
      "Es wird zeit für die Realität. Nicht wahr, meine Lieben?", sagte Mortimer. Bedächtig legte er die Kleidung auf dem Tisch ab und zog den altvertrauten Schlüssel für die Dimensionstüren aus der Tasche seiner perfekt sitzenden Anzughose. "Ihr solltet euch umziehen und ich warte beim Aufzug auf euch. Den hier...", er drehte den Schlüssel spielerisch zwischen den Fingern. "...könnt ihr behalten, als Andenken. Er wird euch aber nicht mehr in dieses Archiv transportieren. Ich glaube es wird Zeit für einen Umzug. Vielleicht etwas mit mehr Sonne, Edinburgh ist furchtbar trist, findet ihr nicht? Und nach dem fürchterlichen Chaos im Hellgate gehören meine Privilegien bald der Vergangenheit an."
      Mit einem Schulterzucken verließ Mortimer den Raum und verschwand in Richtung Gewölbearchiv.
      Cain erhob sich auf die Füße und ergiff Syleas Hände um ihr behutsam auf die Beine zu helfen. Gemeinsam ging er mit ihr zu dem ominösen Stapel aus zusammengewürfelten Kleidungsstücken, die schlicht aber von hervorragender Qualität waren. Das passte zu dem kauzigen Archivar, der sich stets in maßgeschneiderter Garderobe präsentierte, auch wenn die Farben und Schnitte häufig fragwürdig waren. Er fand alles von frischen Socken über Unterwäsche bishin zur schlichten Jeans, deren Stoff sich überraschend weich uns bequem anfühlte. Aufforderung schob Cain einen Stapel zur Sylea herüber.
      Mortimer, nein, Baltazar, hatte in einem Punkte zweifellos Recht: Die Realität wartete auf Niemanden.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Für eine Weile war ich das auch.“
      Zeit war in diesem Zustand nicht greifbar gewesen für Sylea. Noch immer hatte sie zwar die Erinnerungen Ascans, an denen sie sich entlanghangeln konnte, aber es war etwas anderes als wenn man es selbst erlebt hatte. Die Angst, die sie von Cain spürte war echt und ungefiltert. Sie hätte sich an seiner Stelle genauso gefühlt und fast hätte sie ihn auch verloren, wäre sie den Deal nicht eingegangen. Doch sie begegnete dem Seeker mit einem warmen Lächeln als er ihre Gesichtskonturen nach fuhr und sie wie er auch die Risse am Rande des Fragmentes wahrnahm. Der Name, der schwer wie Eisenstaub an ihre Ohren geweht kam, fraß sich regelrecht in ihre Erinnerungen und von nun an hatte der Babylonier einen anderen, richtigen Namen.
      Sylea nickte gerade noch zu Cains Planausführung, da zerstob der Traum der Hängenden Gärten. Es glich einem Drogentrip, wie sich die Realität veränderte und Farben aller Art umher wirbelten bis sie sandartig vergingen. Ein schönes Bild, wenn man es als Außenstehender betrachtete und konfus, wenn man sich bewusst wurde, wo man sich stattdessen befand. Sie fanden sich auf dem Boden des Kaminzimmers wieder. Binnen eines Wimpernschlages hatte das Vessel den Archivar entdeckt, der ganz genau das Ende des Traumes abgewartet haben musste. Er gab ihnen ein letztes Zeichen der Aufmerksamkeit mit und verschwand dann einfach Richtung Aufzug.
      Er hat seinen Teil der Abmachung noch nicht bekommen.
      Das ist richtig. Geh mal davon aus, dass wir ihn nicht das letzte Mal gesehen haben. Ich rate dir dennoch an, eher auf mich zurückzugreifen als selbst in Kontakt mit ihm zu treten.
      Natürlich doch. Damit dir wieder irgendwelche Gräueltaten einfallen. Vergiss es.
      Der Seeker schaffte es als Erster auf die Beine und holte dann seine Freundin vom Boden. Sie ächzte leise als sie ihre Beine wieder mit Gewicht versah und spähte zu dem Tisch hinüber. „Sehr aufmerksam von ihm, uns auch noch Klamotten zu geben.“
      Zusammen mit Cain durchsahen sie die Auslage und waren positiv davon überrascht, dass er schier an alles gedacht hatte. Und sogar die richtige Größe von Syleas Oberweite getroffen hatte. Doch sie zerbrach sich nicht den Kopf darüber, trennte sich von ihren mehr als ramponierten Kleidungsstücken und schlüpfte in die neue Wahl. Die alten Sachen faltete sie dennoch und legte sie ordentlich zurück. Man wusste ja nie. Jetzt trugen sie frische Kleidung in gedeckten Farben, wenn auch mit seltsamen Schnitten. Immerhin war er nicht auf die Idee gekommen, sie wie Paradiesvögel durch die Straßen zu schicken. Es gab sogar Mützen, mit denen sie einen Teil ihrer Gesichter kaschieren konnten. Den Schlüssel steckte sie erneut in ihre Hosentasche. Auch hier wusste man nie, wozu er noch gut sein konnte. Baltazar hatte ihnen nicht eröffnet, wohin der Schlüssel führte. Genauso wenig hatte er offen gelassen, ob er generell noch funktionierte.
      „Okay. Also gehen wir jetzt auf kürzester Strecke zu Jace, richten uns neu aus und dann müssen wir nach Süden. Nach Barrhill um genau zu sein. Dort müssten die Hallen der Rubras in der Nähe sein. Ascan hat mich auch gerade gewarnt, dass wir Den Babylonier wohl nicht loswerden... Die haben einen Deal abgeschlossen und er hat seinen Teil noch nicht erhalten“, meinte Sylea als sie mit Cain zusammen zu dem Aufzug gingen und einen letzten Blick durch die Hallen schweifen ließen. Was geschah dann wohl mit all den Exponaten, die sie hier untergebracht hatten? Der Rat müsste eine neue Einheit finden, die in der Lage war, solch eine geballte Macht zu verwalten. Und eine freie Seele wäre noch etwas, um das sich der Rat Gedanken machen müsste. Vielleicht erkaufte Baltazars Verschwinden ihnen genug Zeit, um erst einmal voran zu kommen.
      Am Aufzug trafen sie dann auch auf den Babylonier. Er wartete mit seiner üblichen, leicht genervt und gelangweilt wirkenden Haltung. Sylea war jedoch nicht sonderlich erpicht darauf, weitere Unterhaltungen mit ihm zu führen. Sie wollte nur noch, dass keine Tonnen an Erde über ihrem Kopf lagen.
      „Danke für deine Aufmerksamkeit. Dann entlass uns in die Realität und du bist uns los.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Barrhill.", wiederholte Cain. "Es ist nicht viel, aber ein Anfang."
      Im Grunde, dachte der Seeker umgeben von wertvollen Artefakten und skurrilen Exponaten, war es besser als Nichts. Cordelia's tragisches Schicksal knüpfte endgültig den losen Faden seiner Vergangenheit zu Ende. Es würde schmerzen, vermutlich eine sehr lange Zeit. Ein Bedürfnis der Verbleib seiner Eltern zu ergründen, besaß Cain nicht. Für ihn waren diese Menschen nicht mehr als völlig Fremde, die ihn überfordert in die Hände einer zwielichtigen Organisation gegeben hatten, die sich mit dem Ruf für Sicherheit und Gerechtigkeit zu sorgen, brüstete. Beim Gedanken an die Frau, die ihn geboren hatte, verspürte Cain rein garnichts denn Cordelia war die einzige emotionale Verbindung zu seiner Familie gewesen.
      Syleas Schicksalsfaden allerdings verlor sich weiterhin im Nichts der Dunkelheit.
      Der Seeker hoffte, dass Barrhill etwas Licht ins Dunkle brachte und ihnen einen Weg aufzeigte, um Ascan ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen wenn schon eine dauerhafte Trennung der Seelen nicht möglich war. Cain neigte das Kinn ein wenig, um das Mädchen anzusehen, dass so viel mehr Stärke besaß als er. Behutsam führte er die Fingerspitzen zu ihrem Handgelenk und ließ seine Finger zwischen Syleas gleiten, um ihre Hände miteinander zu verschränken. Ein schiefes Lächeln, einmalig und allein für die graubraunen Augen reserviert, zupfte an seinen Mundwinkeln. Cain hob die verschränkten Hände zwischen ihnen an und drückte einen flüchtigen Kuss auf Syleas Fingerknöchel.
      "Danke.", murmelte er. "Dafür, dass du mich dort rausgeholt hast. Sobald alles geregelt ist, musst du mir noch erklären wie du es geschafft hast, dass Dagda dich gehen lässt."
      Der Blick in den tiefdunklen Augen verriet bereits, dass er das Thema nicht unter den Tisch fallen lassen würde. Der allmächtige Gott hatte die Rubra und den unliebsamen Gast in ihrem Kopf sicherlich nicht aus Herzensgüte gehen lassen. Dahinter steckte mehr und der Gedanke daran, wann Dagda den geforderten Preis einforderte, bereitete Cain schweres Kopfzerbrechen.
      Der Babylonier erwartete das Paar am Aufzug.
      Beiläufig quittierte er die Worte des Dankes mit einer abweisenden Handbewegung.
      "Der Dank ist unnötig, Miss Rubra.", antwortete Mortimer mit einem merkwürdigen Tonfall zwischen gelangweilt und drängender Ungeduld. "Bevor ich es vergesse, ich habe mir erlaubt die Aufzusteuerung ein wenig zu...optimieren. Da ihr zwei Hübschen sicherlich nicht erpicht darauf seit im Sicherheitsbereich des Museums zu landen, führt euch der Aufzug direkt in das Foyer. Drückt einfach auf die Taste fürs Erdgeschoss."
      Mit einem 'Ping' öffneten sich die Aufzugtüren im Rücken und schoben sich mit einem schleifenden Geräusch zur Seite.
      Cain führte Sylea in den beengten Raum ohne dabei den Babylonier wirklich aus den Augen zu lassen. Das amüsierte Funkeln der grünlichen Iris in dem ansonsten eher gelangweilten Gesicht gefiel dem Seeker nicht.
      "Danke, Baltazar.", erklärte der Seeker nüchtern und entlockte damit dem Babylonier ein amüsiertes Glucksen.
      "Ah, es ist lange her, dass ich diesen Namen gehört habe. Baltazar-Jadara Shardin, es war mir ein zweifelhaftes Vergnügen. Geben Sie gut auf das Fräulein Acht, Cain. Und grüßen sie meinen Freund von mir, sollte er einmal zu Wort kommen.", verabschiedete sich der Archivar mit einer altbackenen Verneigung. Und zwinkerte. "Auf Wiedersehen."
      Knarrend und ratternd schlossen sich die Türen.
      Cain stieß ein gedehntes Seufzen aus. "Verdammt, ich brauch dringend frische Luft."
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Barrhill war in der Tat nicht sonderlich viel. Es war lediglich eine Kleinstadt umgeben von Waldgebieten, die auf den ersten Blick keine wirklichen Besonderheiten aufwies. Nichtsdestotrotz war dies der Ort, wo Sylea damals geboren worden war. Wo man sie in den Clan geführt hatte und ihr die Grundlagen gelehrt hatte ehe sie ausgesandt worden war, um den bösen unbekannten Geist zu bannen. Ab diesem Zeitpunkt wurde ihre Erinnerung schwammig und bekamen nur dadurch Bilder, dass sie sich nun die Erinnerungen mit Ascan teilte. Aus seinen Erinnerungen stammten die Lichtungen im Wald mit den Ritenzirkeln am Boden und die unterirdische Versammlungshalle, die man nur als Clanangehöriger betreten konnte.
      Das Schließen der Aufzugtüren vor ihr markierte den Start ihrer nächsten Etappe. Sylea wusste, dass sich bei ihnen nichts wie Ruhe und Frieden einstellen würde, sofern sie nicht vollends vom Radar des Rates verschwand. Und nach all den gewonnenen Erkenntnissen war es mehr als unwahrscheinlich, dass man ihnen nicht den nächsten Jäger auf den Hals hetzen würde. Demnach stand das Mädchen angespannt und unbewegt knapp vor der Tür mit Cain in ihrem Rücken, der seufzte und fluchte.
      „Frischluft kriegen wir schneller als wir uns vorstellen können, schätze ich. Ich würde sagen, wir schlagen uns erst mal in deine Wohnung zurück, sammeln uns und kontaktieren dann Jace. Länger als einen Tag werden wir dort wohl nicht bleiben“, sagte Sylea und war selbst ein wenig erschrocken von der Nüchternheit ihrer eigenen Stimme. Hatte sie sich schon immer so angehört? „Eine Nacht in einem Bett bevor es losgeht... Wenigstens darauf freue ich mich...“
      Als hätte es gar nichts anderes mehr gegeben, auf das sich Sylea hätte freuen können. Sie würde selbst das Tageslicht seit Ewigkeiten wieder zu spüren bekommen. Den Wind auf ihrer Haut spüren. Cainan ihrer Haut spüren.
      Als es bimmelte und die Türen ebenso scharrend auseinander trieben senkte Sylea sofort den Blick und zog sich die Mütze weiter ins Gesicht. Baltazar hatte nicht gelogen und sie direkt ins Foyer geschickt. Mit Cain wie einen Schatten in ihrem Rücken gingen sie entspannt wirkend durch die Halle immer weiter auf den Ausgang zu. Mit jeder Faser ihres Körpers erspürte das Vessel ihre Umgebung in der Annahme, ein Hinterhalt würde bereits auf sie lauern. Doch ihr Gespür blieb ebenso entspannt wie ihr Gang als sie die Glastüren passierten und dann plötzlich den freien Himmel über ihren Köpfen hatte. Für einen Augenblick gestattete es sich Sylea, anzuhalten und den Kopf in den Nacken zu legen. Sie sah zwar nur Wolken, aber wieso sagte nie jemand, wie schön sie sein konnten?
      „Dann mal los.“
      Erneut senkte sie den Blick und ging los. Ihre Hand hatte sie dabei nach hinten ausgestreckt und lächelte schmal, als sich eine größere, kräftigere Hand um ihre schloss.

      Wie erhofft hatte niemand die Wohnung in ihrer Abwesenheit gestürmt.
      Cain fand ohne Probleme den versteckten Schlüssel und sperrte die Tür auf, damit Sylea eintreten und die Nase rümpfen konnte. Es roch abgestanden und muffig. Es war wohl wirklich keine Seele hier gewesen. Eilig machte sie sich daran, die Fenster zu öffnen und Luft hinein zu lassen. Dabei blieb ihr Blick sowohl an der Couch als auch an den Fenstertüren zum Balkon hängen. Zarte Erinnerungen blitzten in ihrem Verstand auf, die kaum noch echte Farbe besaßen. Zähneknirschend trennte sie sich von den Fetzen und zog die Vorhänge zu. Die Sonne war dabei, unterzugehen. Es hatte sich wohl gegen Abend eingependelt.
      „Wir haben kein Handy. Wir kommen wir an Jace? Meinst du, er überwacht diese Wohnung noch und sieht uns?“, fragte Sylea während sie sich von ihrer Jacke trennte und auch die Schuhe von ihre Füßen trat. Dann wandte sie sich um und entdeckte den Seeker, wie er es ihr gleich tat und ihr einen fragenden Blick zuwarf. Einen Moment schien die Szenerie zu gefrieren, als gäbe es das Konzept von Zeit nicht mehr. Dafür fühlte Sylea eine Flut von Emotionen über sich hereinbrechen und schnell kam ihr der Gedanke, dass sie doch unter Schock gestanden hatte und sich das Trauma jetzt erst entwickelte. Dafür sprach die Hitze in ihrem Gesicht, die sich ins Unermessliche steigerte. Oder ihr verkrampfter Magen, der nicht viel größer als eine Pflaume mehr war. Wie konnte sie die ganzen Erlebnisse einfach verdrängen? Wie war es ihr möglich gewesen, in einer Ausnahmesituation noch angemessen reagieren zu können? Sie hätte allein unter dem Druck zusammenbrechen müssen und hatte es doch nicht getan. Ein Grund war mit Sicherheit das Band zwischen ihr und Cain, das sich langsam, aber sicher wieder festigte. Als die Zeit sich ihre Macht zurückgeholt hatte, biss sich Sylea auf die Unterlippe. Im nächsten Augenblick lag sie in Cains Armen. In den Armen, die ihr die Wärme schenkten, die sie so lange nicht mehr bekommen hatte. Die Arme, die sich jetzt um sie schlossen und ohne Worten schworen, sie nie mehr gehen zu lassen. Tief atmete sie seinen Geruch ein, vergrub ihr Gesicht an seiner Brust und fühlte regelrecht den Herzschlag, der durch das dünne Hemd drang. Jener Herzschlag, der ins Stottern gekommen war und gedroht hatte, zu versiegen. Jener, den sie mit aller Gewalt am Leben gehalten hatte, damit sie jetzt hier in seinen Armen stehen konnte.
      „Das“, hauchte das Mädchen und hielt noch immer fest, „habe ich so, sosehr vermisst. Ich hab dich vermisst, wie du mich ansiehst, wie du lächelst, wie dir die Anspannung bis in die Zehen steht, wie sich dein Gesicht verzerren kann... Alles. Ich hab mich davor gefürchtet, dass unsere Auren verschmelzen, weil ich nicht wollte, dass du an mein Schicksal gebunden bist. Das war egoistisch. Du sollst das selbst entscheiden können und nicht ich für dich.“
      Ihre Stimme war leise und gefasst. Dennoch schwang eine bittere Note in ihr mit, die begleitet wurde von einer unglaublichen Sehnsucht. Sie hatte das Gefühl, seit Äonen nicht mehr berührt worden zu sein und es glich einer Ekstase, wieder Herr über ihren eigenen Körper zu sein. Wieder dazu sein, wie Cain sie kannte.
      Sofern sie denn wirklich noch das Mädchen vor ihrem Verschwinden war.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die stickige, abgestandene Luft des Apartements hoch über den Dächern Edinburghs begrüßte Cain.
      Eine Ewigkeit schien es her, dass er diese Räumlichkeiten mit Sylea betreten und sich für ein paar sorglose Stunden hinter Panoramafenstern und dicken Vorhängen vor der Außenwelt versteckt hatte. Eine winzige Realitätsblase zwischen weichen Sofakissen und eisigen Duschmannövern am Rande des Trugbildes von Alltäglichkeit, die gefüllt war mit glücklichem Lachen, ernsten Silbenfetzen und den zarten Klängen vergangener Leidenschaft. Keine Menschenseele hatte die Wohnung aufgesucht und doch erfüllte die Erinnerung jeden Winkel, den Cain betrachtete. Der Seeker fühlte die Überbleibsel verblassender Emotionen; ein zartes Echo, das seinen goldschimmernden Seelenspiegel umschmeichelte und den Durst des Grimms ein wenig linderte ohne die Erinnerungen zu verschlingen. Er ließ sich umhüllen gar einhüllen von den Glücksmomenten vergangener Stunden und saugte die Empfindungen auf wie ein Schwamm. Nach der Erfahrung rein gar nichts zu spüren, fühlte sich Cain wie ein freigelegter Nerv und obgleich die Intensität beinahe zu viel war, sehnte er er all diese Eindrücke herbei und ließ sich für einen Augenblick treiben. Die zarten Ausläufer warmen Goldes krochen über Wände und Teppichboden, neugierig und forschend eine Umgebung zu entdecken, die ihnen eigentlich nicht neu war aber sich anders anfühlte als zuvor.
      Er kam nicht dazu ein Wort der Antwort über die Lippen zu bringen.
      Achtlos landeten schwere Stiefel in einer Ecke des Flures und die Jacke rutschte im selben Moment von Haken, als ein zierlicher Körper mit seiner Brust kollidgierte. Raschelnd segelte das vergessene Kleidungsstück zu Boden während sich Arme augenblicklich um Sylea schlangen. Der Seeker krümmte sich um das Mädchen in seinen Armen, als wolle er einen schützenden Schild aus Körper und Gließmaßen erschaffen. Die zarte Wärme drang durch den dünnen Baumwollstoff und sickerte regelrecht durch die Haut, dort, wo sich die Wange gegen seine Brust schmiegte und ein Ohr sich gegen seinen stolpernden Herzschlag presste.
      Cain schob die Finger seiner linken Hand zärtlich in den kurzen, braunen Haarschopf und ankerte seine gesamte Wahrnehmung auf den Menschen, der ihm Halt gab und verzweifelte um seine Existenz, sein Leben gekämpft hatte. Sylea bildete den Mittelpunkt aller weltlichen Sinne: Das seidige Gefühl der Haarsträhnen unter den Fingerspitzen, der seufzende Klang ihrer Stimme in seinen Ohren, der letzte Hauch von heißem Wüstensand und exotischen Blüten an ihrem Scheitel.
      Aus allen Richtungen kehrten die Aura des Seekers zu seinem Ursprung zurück und ahmte die verschlungene Haltung nach wie eine abstrakte Lichtspiegelung; Wärme und Geborgenheit ausstrahlend. Selbst der miesgelaunte Grimm schien für eine Sekunde den nagenden Hunger zu vergessen und badete in der unerschütterlichen Sehnsucht, dem Wunsch näher zu sein als Atome und Partikel es zuließen.
      "Es ist okay. Ich hätte diesen lächerlichen Deal mit Ascan auch nie eingehen dürfen, aber ich habe mich überzeugen lassen, dass die Schuld dich zu Grunde richten würde. Ich dachte, wenn ich es schaffe mich vollständig zu distanzieren bis wir eine Lösung gefunden haben, wäre es das Beste für uns.", murmelte Cain, drückte einen hauchzarten Kuss auf ihren Scheitel. "Abgesehen davon, habe ich meine Entscheidung längst getroffen. Ich bleibe bei dir."
      Ein wellenartiger Puls, behutsam und bittend, berührte den vertrauten Silberstreift und einzelne Verästelungen der goldenen Aura suchte die lang ersehnte Verbindung. Der Seeker wartete auf eine Erlaubnis und während seine Aura in schwebender Erwartung verharrte, umrahmten vom Umgang mit der Waffe geformte, raue Hände das Gesicht Syleas. Die Daumen streiften über die erhabene Wölbung des Wangenknochens unter den graubraunen Augen. Ein dezentes Grau, das im kühlen Licht des Flures wie silbrige Sterne funkelte. Cain neigte sich vor und gab dem ersten Wunsch seines Sehnens nach.
      Ein Kuss, federleicht und zart wie Schmetterlingsflügel berührte ihre Lippen und Cain stieß unwillkürlich ein stoßartiges Seufzen aus, da seine Sinne unter dem Gefühl beinahe explodierten. Es dauerte kaum zwei Sekunden, da drückte er nachdrücklich und mit trommelndem Puls, der sich in seiner Aura wiederspiegelte, den Mund auf Syleas. Ein Lichtblitz erhellte die Schwärze hinter seinen Augenlidern und es dauerte einen peinlichen Moment, bis er begriff, dass kein stürmisches Gewitter vor den Fenstern tobte.
      "Ich bleibe.", wiederholte er, zwischen den Küssen. "Ich gehöre dir. So lange du mich willst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • […]
      Du sagst, du beugst deine Knie vor niemand
      Du sagst, dass dich niemand bestimmt
      Du sagst, du bewegst deinen Arsch für niemand
      Und dass niemand dir was nimmt
      […]



      Erst in dieser Umarmung stellte Sylea fest, wie blank ihre Nervenenden eigentlich gelegen hatten. Der goldene Schimmer, der sich um sie schmiegte wie eine zweite Haut, ließ ihre eigene prickeln und sie erschaudern. Zeitgleich war da diese unfassbare Wärme, die sie einhüllte und ihr leise versprach, dass ihr nie wieder etwas widerfahren würde. Dass diese Umarmung alles war, was sie brauchte um wirklich sicher zu sein.

      […]
      Du sagst, du du verschenkst deine Zeit an niemand
      und dass du auf niemand schwörst
      Du sagst, deine Liebe bekommt niemand
      Dass du niemand gehörst
      […]

      „Wenn du mich nicht getroffen hättest, wäre diese Verbindung nie passiert. Wegen mir bist du an mein Schicksal gebunden und das sieht, mit Verlaub, echt beschissen aus.“
      Ja, Sylea verstand warum Cain Bedenken gehabt hatte. Ihrer beider Leben war miteinander verbunden worden, aber zu diesem Deal gehörten noch immer zwei. Nur der Fakt, dass sie das Vessel mit einem verrückten Wesen war, durchkreuzte diese Gleichung. Wenn Ascan irgendwann die Oberhand gewinnen sollte, dann wäre sie fort und Cain an ihn gebunden. Und wenn es stimmte, dann konnte Ascan seine Hülle ewig am Leben halten. So lange, bis Cain irgendwann wahnsinnig wurde oder einfach starb.


      […]
      Du weißt, du bist der Sklave von niemand
      Und dass dich niemand regiert
      Du bist der Affe von niemand
      Weil niemand dich dressiert
      […]



      Sylea wollte noch mehr erwidern. Dass es verständlich und zeitgleich dumm gewesen war, die Distanz zu suchen. Dass es überhaupt fraglich gewesen war, ob sie jemals wieder im vollen Bewusstsein zurückkehren würde. Dass es nichts in dieser Welt gab, dass sie von ihm hätte fernhalten können. Denn er liebte sie trotz allem, was und wer sie war.
      Doch all ihre Worte blieben ihr im Halse stecken, als ein einzelner, zarter goldener Ast an ihrem Silberstreif tastete. Beinahe ruckartig löste sich ihr Gesicht von der Brust des Seekers und wurde durch seine rauen Händen von einer weiteren Flucht gehindert. Ihr ganzer Körper kribbelte, nein, summte regelrecht unter der sehnlichen Erwartung, sich der goldenen Aura hinzugeben. Ihre Augen fanden keinen anderen Ausweg als die seinen und ihr Atem ging nur noch flach. Instinktiv wusste sie, was er vorhatte und schloss die Augen in dem Augenblick, als er seinen Kopf zu ihr neigte und sie küsste.

      […]
      Dein armes krankes Herz
      Wird in Liebe getränkt sein
      Jede Herrlichkeit auf Erden
      Wird auch dir geschenkt sein
      Jemand liebt dich
      […]

      Die Aura, die glänzend und stark noch immer am Rande ihrer eigenen lauerte, begann ein rhythmisches Trommeln zu durchfahren. Sylea hörte es nicht nur, sie fühlte jeden einzelnen Schlag, der sich als Cains Puls herausstellte. Ihr selbst war in dem Moment wo sich ihre Lippen trafen, jeglicher Gedanke einfach entwichen und ihre Finger klammerten sich in den Stoff auf seiner Brust. Gerade in dem Moment wo sie fürchtete, keine Luft mehr zu bekommen, löste er gerade lange genug ihre Lippen von einander, um zu sprechen und ihr ein nach Luft schnappen zu ermöglichen.
      „Das könnte.... ganz schön lange... werden“, entgegnete sie atemlos und wollte keine weitere Sekunde verschwenden. Sie suchte nach seinen Lippen, fand sie und verlor sich in dem Gefühl. In der Nähe, die zwischen ihnen herrschte. Der Hingebung. All das, was sie nur von diesem Mann bekommen konnte. Dies war auch der Moment, in dem sie die Hürden ihrer Aura fallen ließ und der Goldaura es ermöglichte, den Kontakt zu ihr herzustellen. Und als sie sich das erste Mal seit Äonen berührten knickten Syleas Knie beinahe ein. Das Silber wand sich um das Gold und schob sich in mikroskopisch kleine Risse, sodass es ihr abwechselnd heiß und kalt über den Rücken lief. Sie keuchte ihm dabei an die Lippen, als sie sich daran erinnerte, wie intensiv es sein konnte. Wie all das hier sein konnte.
      „Leb' nicht nur für mich, Cain. Du würdest es tun, das weiß ich. Aber lebe weil du es willst. Es reicht mir, wenn du mich nicht allein lässt. Auch wenn das egoistisch ist“, sagte sie leise bevor sie die Arme um seinen Nacken schlag aus Furcht, dass ihr doch die Beine versagten.



      Auch du wirst irgendwann jemandem dienen
      Jemand, der weicher ist und zarter noch als du
      Du wirst irgendwann jemandem dienen
      Jemand, der weiser ist und stärker noch als du.
    • "Ewigkeiten.", flüsterte Cain.
      Der Trommelschlag seines Herzens veränderte den melodischen Rhythmus zu einem beschleunigten Stakkato als sehnsüchtige Küsse den gottgegebenen Verstand vollständig auf Eis legten. Allein die sehnsüchtige Art und Weise der zarten dennoch leidenschaftlichen Berührung hätte vollkommen ausgereicht um jegliche Gedanken in Form eines allumfassenden Sturmgewitters weit an die Grenzen seines Bewusstseins davon zu fegen. Augenblicklich schlang Cain die Arme um den zierlichen Körper, drückte Sylea fest gegen seine Brust und hob dabei die sogar die Füße ein winziges Stückchen vom Boden, als die zitternden Knie drohten unter der Intensität der vereinigten Auren den Dienst einzustellen.
      Obgleich es an ein Wunder grenzte, dass der Seeker selbst nicht den Boden unter den Füßen verlor. Die Berührung aus silbrigem und goldschimmernden Seelenspiegeln jagten eine heißen gar unterwarteten Schock durch sein gesamtes Nervensystem bis in die Fingerspitzen, die Cain federleicht gegen die sanften Erhebungen der Wirbelsäule drückte. Ein vertrautes Herzklopfen, das nicht sein Eigenes war, erfüllte seine Ohren. Zittrige Atemzüge, die nicht seine Eigenen waren, füllten die Lungen mit lebensnotwendigem Sauerstoff. Seelen aus Gold und Silber verschmolzen zu einer harmonischen Einheit und formten durch ein zerbrechliches dennoch gestärktes Band aus zwei lebendigen Wesen eine vereinte Existenz. Sinne und Emotionen synchronisierten sich auf einer gemeinsamen Frequenz und offenbarte den gewundenen Pfad zur ungefilterten Gedankenwelt als Bruchstücke sorgsam errichteter Schutzwälle ins Nichts bröckelten. Zeitgleich mit Sylea entfloh auch Cain ein überraschtes Keuchen.
      Er konnte sie spüren als ein Teil seiner Selbst.
      Arme umschlangen haltsuchend seine Nacken und Cain ließ die verlockende Möglichkeit nicht verstreichen sein Gesicht in der dargebotenen Halsbeuge zu vergraben und einen vorwitzigen Kuss auf die warme Haut am Übergang zwischen Hals und Schlüsselbein zu platzieren. Er fuhr mit der Zungenspitze über die Unterlippe und weckte die Erinnerung, verblichen wie ein altes Polaroid, an den unvergleichlichen Geschmack von salziger Haut und Leidenschaft zu neuem Leben im Labyrinth seiner Gedanken.
      Behutsam setzte er einen Fuß nach vorn, dann noch einen, bis die Unterarme auf dem Rücken Syleas gegen die kühle Wand des Flures stießen und Cain langsam den verschlungenen Knoten der Umarmung löste. Mit leichtem Druck glitten seine Hände über den weichen Baumwollstoff des T-Shirts nach vorne bis er die Wölbungen der Rippenbögen ertasten konnte. Der Weg führte weiter hinab bis sich die Fingerspitzen in den Schwung des Hüftknochens schmiegten.
      Ein Lächeln drückte sich gegen den weichen Hals.
      "Wenn ich nicht leben wollte, hätte der Grimm, nein, der Schmerz mich vollständig verschlungen.", murmelte er. "Mit oder ohne deine Hilfe. Du siehst, du wirst mich nicht los. Jede Sekunde mit dir ist eine Ewigkeit mit Ascan wert."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • In einem Punkt war sich Sylea absolut und vollkommen sicher. Als sie ihre Auren das letzte Mal verbunden hatten, war es nicht so stark gewesen. Jetzt konnte sie sehen, wie sich ihre Farben nahezu vermischten und begannen, in einer Einheit zu existieren. So wie Cain spürte sie ebenfalls einen weiteren Puls neben ihrem eigenen und Atemzüge, die nicht ihr gehörten. Eine Erkenntnis, die ihnen eigentlich Angst einjagen sollte. In ihrer speziellen Situation jedoch beflügelte es nur das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wenn sie so sehr schon eine Einheit bilden konnten, dann gab es nichts auf der Welt, was sich zwischen ihnen schieben konnte.
      Der Kuss an ihrer Halsbeuge ließ sämtliche Bilder in ihrem Kopf von neuem erblühen. Wobei sie sich für einen Augenblick lang fragte, ob es wirklich nur die Bilder waren, die sie gesehen hatte. Es mischten sich andere Blickwinkel darunter, oder zumindest meinte sie das. Bereits jetzt hatte sie den Eindruck, ihre Brust würde gleich explodieren, da schob Cain sie mit Hilfe seines Körper zurück. Sie gehorchte, langsam, bis ein dumpfer Stoß ihnen signalisierte, dass sie die Wand gefunden hatten. Seine Hände lösten sich von ihrem Rücken während sie eisern an ihrem Halt festhielt. Ein weiterer Schauer rollte über ihren Körper hinweg als sich seine Hände nach vorn an ihren Rippenbogen bewegten und sie sich sicher war, dass er weiter aufwärts wandern würde. Sie berühren würde, wo sie seine Hände zu gern gespürt hätte. Doch er ließ sie sinken, setzte seine Reise abwärts fort und bescherten ihr ein erwartungsvolles Ziehen im Unterbauch. Ihre Lunge brannte mit jedem Atemzug, den sie tat und drohte, ihr das Gehirn weiter zu vernebeln. Abermals hielt Cain mit seinen Händen inne, dieses Mal, als er ihre Hüftknochen fand.
      „Das stimmt nicht“, murmelte sie leise und wollte das Thema eigentlich nicht anschneiden. Aber nun kam sie nicht drum herum. „Du warst dem Untergang geweiht. Nichts hätte den Grimm stoppen können außer einem Gott.“
      Dagda war eine Unbekannte für den Seeker. Er hatte nichts von dem mitbekommen, was zwischen dem Gott und dem Vessel abgelaufen war und jetzt war ganz bestimmt nicht der Zeutpunkt, darüber zu sprechen. Nicht, wenn er sie gerade an die Wand presste und sie nur noch eindeutige Signale ihres Körpers bekam.
      „Aber darüber will ich jetzt nicht reden. Ich will, dass du mich berührst, Cain.“
      Es war noch immer ein heiseres Murmeln, doch der fordernde Ton war nicht wegzudenken. Nun löste sie den Griff um seinen Nacken, ließ sich vollständig gegen die Wand sinken und ließ ihre Hände an seinen Flanken abwärts gleiten. Findige Finger fanden den Saum seines Oberteils und schoben sich darunter auf die brennende Haut. Ein Seufzer entkam Sylea, während sie seine Brust aufwärts wanderte und den Hinterkopf an der Wand anlehnte, die Augen vollkommen geschlossen. Unter ihrer Hand spürte sie seinen Puls, der ihr ohnehin nur noch in den Ohren klang. Nun gesellte sich aber das deutlich spürbare Heben und Senken seiner Brust mit dazu und glich sich dabei ihrem eigenen an.
      Endlich war Cain wieder mehr der junge Mann, den sie kennenlernen durfte. Der stabiler, emotionaler war als die Hülle, die er zwischenzeitlich gewesen war. Mit dem Tod seiner Schwester hatte er den letzten Anker in dieser Welt verloren, der ihn bei Sinnen hielt. Zeitgleich sprengte er jedoch auch die Ketten, die ihn klein gehalten hatten. Vor ihm erstreckte sich ein weites Feld, das er zusammen mit Sylea bestreiten können würde, wenn er es denn wollte.
    • Feinfühlige Sinne prickelten unter einer pulsartige Welle.
      Eine neue Komponente mischte sich in den Strudel aus verflochtenen Emotionen mit einer deutlich schärferen Nuance. Der Seeker drückte die Nasenspitze förmlich in die Halsbeuge, spürte den beschleunigten Puls unter seinen geöffneten Lippen, und sog die erhitzte Luft zwischen ihren Körper mit einem tiefen, witternden Atemzug ein. Das Aroma der Duftsignatur war kein Geruch im eigentlichen Sinne, sondern ein Gefühl, das er in seinem einzigartigen Spektrum wahrnahm und begleitet von der eigenwilligen Schärfe auf seiner Zunge prickelte. Cain witterte und schmeckte die Frustration.
      Die Erkenntnis entflammte die goldene Aura wie ein aufbegehrendes Feuer, dass mit Benzin überschüttet zu einem Inferno heranwuchs.
      Um Syleas Hüfte zuckten verräterische Fingerspitzen als Cains Hände ein wenig den Druck erhöhten. Magnetisch angezogen von der Verlockung dem Frust entgegen zu wirken, verkürzte er den sowieso bereits spärlichen Abstand zwischen ihnen und presste den Körper der jungen Rubra in eindeutiger Absicht gegen die Wand.
      Für einen flüchtigen Augenblick zog sich ein eisiger Strom durch den reißenden Fluss seiner Aura bei der Erwähnung des Gottes. Ein klitzekleiner Gedanke protestierte mit dem Verlangen eine Antwort auf die wichtige Frage zu bekommen, in welcher Form Dagda seine allmächtigen Finger mit im Spiel hatte. Cain gefiel die Vorstellung nicht, dass der kindliche aber mächtige Gott unwiderruflich in ihrer beider Schicksal eingebunden war. Dennoch klappte er gehorsam den Mund zu, denn die heisere Forderung überschattete alle Bedenken und Sorgen. Glühende Begierde zog und zerrte an der Verbindung der tosenden Seelen bis seine Gedankenwelt vollständig von Sylea und der Hitze in ihrem Körper eingenommen war, die alle Zweifel für den Moment wie ein Waldbrand vernichtete.
      Früher hatte Cain diesen allumfassenden Zustand mehr als alles andere gefürchtet.
      Die Bedrohung sich ganz und gar in den Empfindungen eines anderen Menschen zu verstricken und wortwörtlich den Verstand zu verlieren, war allgegenwärtig gewesen. Es war erschreckend einfach sich auf den Wellen einer fremden Gefühlswelt mittragen zu lassen und umso schwieriger den Weg ans Ufer der eigenen Persönlichkeit zurückzufinden. Wer sich in dem Irrgarten aus Wünschen und Ängsten verlor, ertrank. Das Blind Eye war ein Witz dagegen, obwohl die Aurenverschmelzung eine ähnliche Wirkung erzielte, wobei sich seine gesteigerte Wahrnehmung allein auf die Frau konzentrierte, die er mit seinem Körper gegen die Wand des Flures drückte.
      Sylea war sein Anker, seine Rettungsleine zur Realität.
      Sie bewegte und schälte sich langsam aus dem Kokon der Zweisamkeit, was Cain mit einem unwilligen Grollen quittierte, das allzu unmenschlich klang. Geschickte Finger schlüpften unter den Saum seines Hemdes und entschädigten den Seeker für die Unterbrechung. Beiden jedem Atemzug drückte sich sein Brustkorb den zarten Händen entgegen, die eine heiße Spur von seinen Flanken aufwärts hinterließen.
      Das tiefe Grollen verwandelte sich in ein zufriedenes Brummen, das durch seinen gesamten Brustkorb vibrierte und Cain beobachtete mit glühenden Augen wie sehr Sylea ihre kleine Erkundungstour genoss und ihm durch die streichelnden Berührungen genau mitteilte, wo sie seine Hände spüren wollte. Sie musste spüren, welche Wirkung sie auf ihn hatte, wo sich doch eine verräterische Härte gegen ihr Becken drückte.
      Hinter der sorgfältig konstruierten Fassade und trainierter Kontrolle schlummerte ein Cain, den nur die Rubra hervorzulocken vermochte. Um die Mundwinkel zuckte ein amüsiertes Grinsen als er seine Hände aufwärts in die gewünschte Richtung schob - allerdings über dem weichen Baumwollstoff des T-Shirts. Mit den Daumen fuhr er zunächst beiläufig und federleicht über den unteren Ansatz der weichen Wölbungen ihrer Brust, das Gefühl der Zartheit genießend. Quälend langsam wanderten seine Fingerspitzen höher und streiften wie zufällig die über die Erhabenheit der Brustwarzen, die sich unter dem dünnen Shirt und dem BH darunter abzeichneten. Cain ließ sich fast dazu verleiten das Haupt zu senken um das Spiel mit den Lippen zu wiederholen. Fast.
      Der Seeker wusste, dass Sylea über die einzigartige Verbindung fühlte, wie viel Willenskraft er aufbrachte. Sie konnte alles spüren.
      "Du willst?", knurrte Cain.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea war sich nicht sicher, was genau sie getan oder gesagt hatte, aber das Aufflammen der goldenen Aura war nicht zu übersehen gewesen. Wie ein Feuersturm wog sie über die Rubra hinweg und ließ die Luft in ihren Lungen kochend heiß werden. Der ohnehin schon kaum vorhandene Abstand zwischen ihren Körpern wurde vollkommen ausradiert, als sich Cain fast vollends gegen Sylea presste und dabei ein Knie zwischen ihre Beine zwängte. Als er dabei eine bestimmte Stelle berührte, überschlug sich ihr Herzschlag einmal. Er war ihr so unglaublich nah, dass sie nicht mehr recht wusste, wo ihr eigener Körper begann und wieder endete. Ihre Aura war ein zusammengeschweißtes Konstrukt, das eine Unterscheidung kaum noch möglich machte. Ihre Hitze wurde zu seiner, seine Begierde zu ihrer.
      Syleas Augen öffneten sich einen Spalt breit. Unter ihren Händen hob und senkte sich noch immer sein Brustkorb und als sie den Blick etwas hob traf sie auf seine glühenden Augen. In seinen Augen las sie, dass er sogar noch mehr spürte, als sie es gerade tat. Die Ausläufer der goldenen Aura übertrugen starke Gefühlsregungen wie das Verlangen bis zu ihr. Doch Cain war ein Seeker, jemand, der tausendmal empfänglicher für kleinste Anzeichen von Emotionen war. Und als ihr dieser Gedanke in den Sinn kam und dafür sorgte, dass sie sich emotional entblößt vorkam, sah sie die Reaktion in den Bernsteinaugen. Das Glühen wurde eine Augenblick intensiver und das Atmen fiel ihr schwer. Wenn er sie so ansah, hatte sie das Gefühl, rein gar nichts mehr vor ihm verbergen zu können. Sachte wand sie sich, als er mit besonderem Nachdruck gegen ihr Becken drängte und die Bewegung ließ das Ziehen in ihrem Unterbauch nur noch weiter anwachsen.
      Sylea war sich sicher, dass Cain in ihrer Anwesenheit noch nicht einmal wahrlich die Kontrolle verloren hatte. Dass er einmal zwar nah dran gewesen war, sich aber jedes Mal rechtzeitig besann und sich selbst damit am Riemen riss. Das tiefe Grollen, dass sich nur in bestimmten Situationen so aus seiner Kehle löste, war ein eindeutiges Zeichen und verlor niemals seine Wirkung auf sie. Dieses urtümliche Geräusch war so viel mehr als nur ein einfacher Ton in ihren Ohren. Es erschütterte etwas auf einem Level, das sie selbst nicht verstand.
      Ein leises Seufzen löste sich, kaum streiften Cains Finger ihre Brüste. Instinktiv wölbte sie sich gegen seine Hände, doch sein restlicher Körper hinderte sie größtenteils daran. Ihre Lippen zuckten während sie dagegen ankämpfte, sich auf die Unterlippe zu beißen. Eisern hielt sie den Blickkontakt aufrecht, wehrte sich dagegen, wegzusehen. So entging ihr nicht, wie sein Blick für eine Millisekunde abwärts glitt und sie spürte, wie viel Willen es ihn kostete, nicht einem anderen Gedanken nachzugeben.
      „Ja?“, hauchte sie und das Verlangen hatte ihre Stimmlage bereits verfärbt. „Ich will und du wirst.“
      Mehr konnte sie nicht sagen. Bisher hatte er ihr noch nicht gezeigt, wie es war, nicht direkt zu bekommen, was man wollte. Immer hatte sie die Kontrolle gehabt, hätte ihn jederzeit stoppen können und seine Fürsorge war omnipräsent gewesen. Sie wusste nicht wie es war, in die unterwürfige Rolle zu rutschen. Den Reiz dahinter kannte sie noch nicht.
      Sein Körper war ihrem so nah, dass sie kaum noch seine Brust berühren konnte. Also verabschiedeten sich ihre Hände von ihr und rutschten über seine Seiten abwärts bis sie den Bund seiner Hose fanden und sich ihre Finger darunter schoben. Solange er sie so an die Wand gepresst hatte, nahm er ihr die Handlungsfreiheit, die sie sonst immer inne hatte. Doch zu keinem Zeitpunkt fühlte sie sich eingeengt oder unterdrückt. Vielmehr stellte Sylea fest, dass ihr dieser Cain genauso sehr gefiel wie jener, der sie mit glühenden Augen angesehen hatte, als sie sich auf seinen Schoß geschwungen und geritten hatte.
    • ...und du wirst.
      Die Begierde tränkte die gehauchten Silben bis in den letzten Nachhall. Über das Seelenband erreichte den Seeker das ungefilterte Verlangen wie ein elektrischer Schlag. Das Blut in seinen Venen kochte, die Muskeln zuckten und sein Puls sprengte die messbare Skala. Jede Zelle seiner Existenz unterlag der unbezwingbaren Sehnsucht augenblicklich der Verlockung nachzugeben. Sylea zog ihn magnetisch an. Er hielt den intensiven Blickkontakt aufrecht, als ein ungebremstes Stöhnen über seine Lippen entkam.
      In seinem Käfig aber heulte der ausgehungerte Grimm zähnefletschend auf angesichts der verlockenden Herausforderung und der willigen Beute. Mit solcher Fülle an Emotionen konfrontiert zu sein, stachelte den Grimm gefährlich an. Das Spiel um Dominanz schien die Instinkte der formlosen und nachtschwarzen Bestie anzusprechen, aber das sorgfältig geflochtene Gefängnis hielt eisern stand.
      Mann und Bestie verfolgten dasselbe Ziel, doch weder Sylea noch Cain würden den Grimm jemals gewähren lassen.
      Cain steckte in der wohl wundervollsten Zwickmühle.
      Einerseits genoss er die augenblickliche Kontrolle. Andererseits wollte er Sylea und sich die lästigen Kleidungsstücke vom Körper reißen um endlich in den Genuss ihres nackten Körper an seinem zu kommen. Jede Variante für sich war verlockend. Vorwitzige Finger suchten den Weg unter den Bund seiner Hose und die Muskeln unter den Fingerspitzen zuckten voller Erwartung. Erneut sprangen die Gedanken und Wünsche wie eine Flipperkugel durch die Ströme seiner Wahrnehmung.
      Langsam neigte Cain den Kopf ein wenig vor und ließ seine Lippen über die Kieferkonturen hinauf bis zum Ohr wandern. Sein heißer Atem streichelte über die Ohrmuschel ehe er neckend in das weiche, empfindliche Fleisch knapp darunter biss.
      "Vertraust du mir?", flüsterte Cain.
      Der tiefe, volle Klang seiner Stimme war benetzt mit einer Rauheit, die jede Silbe weniger durch Ton als mehr durch Vibration übertrug. Der Seeker benötigte keine hörbare Antwort da er die Zustimmung über die Verschmelzung erfühlte noch bevor Sylea bewusst an eine Erwiderung dachte. Instinkte logen in den seltensten Fällen, aber ein abgesplitterter Teil seines ureigenen Wesens benötigte diese Bestätigung bevor er die Zügel seiner Kontrolle aus der Hand gab, sich fallen ließ und ganz seiner Begierde überließ.
      Cain schob seine Hände abwärts um kurzerhand das Ende des T-Shirts zu fassen und das störende Kleidungsstück ohne unnötiges Tamtam über Körper nach oben zu schieben. Goldglühende Äderchen suchten am Rande des Bewusstseins nach Alarmsignalen, aber als auch diese Suche erfolglos blieb, zog er der jungen Rubra das Shirt über den Kopf - und nur über diesen.
      Ein spitzbübischen Grinsen erhellte sein Gesicht, dass wenig über die Hitze in seinen Augen hinweg täuschte. Denn Cain zog das T-Shirt nicht in seine Richtung davon sondern zur Wand hin, denn die Arme befanden sich noch immer in den kuren Ärmeln. Die Abwärtsbewegung in Syleas Rücken zwang die Arme ebenfalls nach hinten. Demonstrativ knüllte Cain den überflüssigen Stoff, der sich zum Schluss nicht die zierlichen Handgelenke wickelte mit der Faust zusammen und fesselte damit effektiv ihre Arme auf dem Rücken.
      "Werde ich.", flüsterte er, sah ihr direkt in die Augen. "Wenn ich es will."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea hatte nicht geahnt, welche Wirkung einfache Worte auf Cain haben konnten. Oder wie sich ihre Stimme bereits verfärbt hatte. Dafür bekam sie jedoch direkt das Feedback, als sein Körper bei ihren Worten ein Eigenleben entwickelte. Das Trommeln der Aura, das sie mit jeder Faser ihres Körpers spürte, nahm an beängstigendem Tempo auf, das Zucken seiner Muskeln sah man bereits mit bloßem Auge. Das Stöhnen, das plötzlich über seine Lippen rollte, hätte vielleicht ein Warnsignal sein sollen. Am Ende sah sie ihn mit vor Überraschung geweiteten Augen an und ihr war es, als hätte sie den Grimm zeitgleich mit heulen hören. Bildlich konnte sie sich vorstellen, wie er sich gegen seine Gitterstäbe warf und darum kämpfte, freigelassen zu werden. Doch weder Vessel noch Seeker würden ihm diese Freiheit gewähren.
      Langsam aber sicher wurde Sylea ungeduldig. Hatte er nicht gehört, was sie von ihm wollte? Wieso sträubte er sich so sehr dagegen? Ausläufer dieser Gedanken spiegelten sich auf ihrem Gesicht wider noch bevor der Seeker langsam den Kopf neigte. Ihre Worte blieben ihr im Hals stecken als sein Atem ihren Hals streifte und eine Gänsehaut erwirkte. Als er sie dann neckte, schnappte sie barsch nach Luft und zog die Schulter reflexartig hoch, doch es reichte nicht, um ihn von seinem angestammten Platz zu verdrängen.
      „Vertraust du mir?“
      Oh, brauchte er denn wirklich eine Antwort darauf? Es gab schlichtweg keine, denn Syleas Silberstreif verriet die Antwort noch genau in der Sekunde, in der seine letzte Silbe verklang. Sie vertraute ihm alles von sich selbst an. Jede helle und jede dunkle Stelle ihres Seins ohne Rücksicht auf Verluste. Selbst wenn sie nach Worten gesucht hätte, wäre sie alle nur tonlos hervor gekommen. Cains Tonfall ließ ihre Kehle austrocknen, sie so unendlich kratzig werden, dass sie dachte, nie wieder sprechen zu können. Er sandte Wellen der Begierde direkt bis zu ihrer Mitte und sie presste instinktiv ihre Oberschenkel an sein Knie. Ergo nickte sie nur noch leicht mit einem bejahenden Geräusch, das sich beinahe mehr wie ein Flehen anhörte.
      Dann – endlich – bewegten sich seine Hände wieder und wanderten zum Saum ihres Shirts. Ein erleichtertes Seufzen entfuhr Sylea, was sie gleich daraufhin sofort wieder bereute. In einem Moment hob sie dankbar die Arme und ließ sich das Stück Stoff über den Kopf streifen, nur um im nächsten Moment schon daran gehindert zu werden, die Arme zu befreien. Unverständnis erschien in ihrem Gesicht und Protest wollte sich breitmachen als sie dieses vermaledeite Grinsen in seinem Gesicht entdeckte.
      „Was wird das denn?“, fragte sie hörbar pikiert und ruckte gegen den Stoff, den er ihr im Rücken geballt und damit ihre Hände handlungsunfähig gemacht hatte.
      Sie musste den Rücken ein wenig durchdrücken, damit seine Hände zwischen Wand und Rücken Platz fanden, sodass sie sich ihm nur noch deutlicher entgegen reckte. Ihre Brust hob sich angestrengt in schnellem Tempo und irgendwas war... anders. Sylea kannte keine Scham, wenn es um ihren Körper ging. Cain durfte sie ruhig so lange ansehen, wie er nur mochte, egal mit wie viel Kleidung. Aber so fixiert zu sein, so präsentiert zu sein, war neu für die junge Rubra. Neu und aufregend wie fast jede Erfahrung, die sie mit ihm machte. Ihre Wangen bekamen Farbe, während sie versuchte, das elendige Pulsieren zwischen ihren Beinen zu ignorieren.
      Irrwitziger weise reckte Sylea schließlich das Kinn und präsentierte sich von ihrer durchaus dickköpfigen Seite. „Meinst du, du hältst das lange aus? Hm? Wenn ich halbnackt vor dir stehe und du genau spürst, wie sehr ich das will? Und ich fühle, wie sehr du es willst?“
    • "Wonach fühlt es sich denn an?", raunte Cain vergnüglich.
      Mit einer geschickten Drehung seines Handgelenkes zog er den zusammen geknüllten Stoff demonstrativ ein wenig enger und folgte der verführerischen Wölbung der Wirbelsäule mit leichtem Druck der aneinander geketteten Hände. Näher führte er Sylea an seinen über sie gekrümmten Körper und knurrte zutiefst zufrieden tief in seiner Kehle. Die beschleunigte Atmung schmiegte die zarten Kurven gegen die harten Linien seines Brustkorbes und eröffnete Cain eine einladende Sicht sobald er den Blick gen Süden senkte. Die schmeichelhafte Röte ihrer Wangen schien wie blasse Aquarellfarbe über die erhitzte Haut zu verlaufen und erstreckte sich bald über den Hals bis über das verführerische Tal zwischen ihren Brüsten. Ein Pfad der Cain in Versuchung führte.
      Sylea präsentierte sich ohne Scham und der Seeker nahm die Einladung seinen Blick über jeden freigelegten Zentimeter wandern zu lassen allzu gern an. Goldschimmernde Verästelungen seiner Aura schmiegten sich gegen den pulsierenden Silberstreif und labten sich an dem Gefühl der Erregung, dass sich glutheiß zwischen ihren Schenkeln sammelte. Cain erschauderte unter den ungefilterten Empfindungen ihres Körpers, der ebenso schamlos seine Begierde präsentierte und dem Seeker haargenau zeigte, wo seine Berührungen am meisten ersehnt wurden. Die verspielte Spontanität entwickelte sich zu einem nervenzerreißenden Drahtseilakt zwischen dem Reiz des Wartens und dem Wunsch Sylea - und sich selbst - endlich dazu geben, wonach sie zweifellos verlangte. Wie eine Welle gelangte er bei jedem Aufbegehren ihres Körper an den Rand seiner Selbstbeherrschung.
      Cain löste eine Hand gekonnt aus dem Knäul hinter ihrem gewölbten Rücken und ließ die Fingerspitzen hauchzart, denn die Berührung war kaum als solche zu bezeichnen so leicht war sie, am Rand der Jeans entlang tanzen. Unter den Fingern spürte er winzige elektrische Schläge, als würde sich die Luft zwischen ihnen unaufhörlich weiter aufladen. Gemächlich schob er zuerst den Knopf durch das dazugehörige Loch und ertastete die weiche Haut unmittelbar darunter.
      Er grinste, denn der Trotz stand ihr ganz ausgezeichnet.
      Schwebend verharrten seine Lippen direkt vor ihren, schmeckten deren Süße bereits durch die winzige Entfernung während heißer Atem über sein Kinn streichelte.
      "Vermutlich nicht.", antwortete er amüsiert. "Aber ich lasse es gerne auf den Versuch ankommen."
      Früher oder später würde Cain nachgeben. Er war nicht sonderlich gut darin, Sylea lange vorzuenthalten, wonach sie sich sehnte. Dafür deckte sich ihr Begehren zu sehr mit seinem und die vereinten Auren erschwerten die anregende Verzögerung umso mehr. Es zog und zerrte an Cain in der wundervollsten Art und Weise.
      "Vielleicht lasse ich mich schneller überreden, wenn du nett darum bittest.", raunte er gegen ihre Lippen.
      Sicherlich war es nicht ganz fair, dass er sie genau in diesem Augenblick mit all seiner Leidenschaft küsste. Vorwitzig stahl sich seine Zungenspitzen zwischen ihre Lippen, als sie ihn gewähren ließ und plünderte, was er seit Äonen nicht mehr gekostet hatte. Der Kuss verschlang Ewigkeiten und gleichzeitig nur flüchtige Sekunden. Sich selbst etwas Erleichterung verschaffend, drückte er seine wachsende Erregung gegen ihre Hüfte.
      Schwer atmend löste sich Cain etwas und sah Sylea direkte in die silbrigen Augen.
      Wie in Zeitlupe öffnete die Hand ihrem aufgeknöpften Hosenbund den Reißverschluss und die Spitze seines Daumens fuhr mit sanften Druck über den dünnen Stoff der Unterwäsche, die darunter zum Vorschein kam - neckend, aber nicht tief genug.
      "Also? Meine Aufmerksamkeit gehört ganz dir.", grinste er atemlos.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”