[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Anifuris' Gedanken schweiften ab. Er hatte sich nur deswegen den Fühlern von etlichen Seelen entziehen können weil sein Bewusstsein über Jahrzehnte im Nichts geschwebt hatte. Keinen Körper zu haben und unfähig zu sein, wahrlich in den Kreislauf eintauchen zu können machte ihn zu einem wandelnden Toten, einem Geist wenn man so wollte. Folglich war sein Verstand noch nicht so arg überlastet, als dass er sich Ausweichmedien suchen musste. Ganz davon zu schweigen, dass das Assimilieren von Seelen seinen gedanklichen Speicher zu erweitern schien. Trotzdem änderte es nichts daran, dass er wirklich gerne den vollen Umfang von Mortimers Archiv mal begutachten wollte. Sofern im Hellgate nichts Spektakuläres geschah, war es vielleicht sogar eine Überlegung wert. Kammern voller Wissen waren für schlaue Menschen schon immer der heilige Gral gewesen.
      Sinnbildlich ging der Blick des Diebes zum Himmel als der Regen einsetzte. Das Geräusch hatte ihn schon immer beruhigt und der Fakt, ihn ohne eine weitere Stimme in seinem Kopf genießen zu können, war Gold wert.
      "Ich habe nie darum gebeten, rar zu sein. Aber gäbe es mehrere Begabte mit meinem Talent wäre die Welt kein sicherer Ort mehr. Weder für deinesgleichen noch für die Erde an sich. Gerne gebe ich das Kompliment zurück - einem Konstrukteur bin ich derweil auch noch nie über den Weg gelaufen."
      Sein Blick floss regelrecht zu dem Babylonier, der sich mit seltsamen Erzkugeln zu beschäftigen suchte.
      "Wenn du magst zeige ich dir die Kathedrale gerne mal. Sofern ich dann einen ausgiebigen Blick in dein Archiv werfen darf."
      Nichts in dieser Welt kam ohne einen Preis.

      Anifuris lehnte sich nach vorne, um über die Mittelkonsole einen Blick ins Navi zu erhaschen. Es bestätigte Cains Ansage und sorgte dafür, dass sich die alte Seele stillschweigend wieder zurücklehnte und aus dem Fenster sah. Die Dämmerung war bereits durch als sie auf den Parkplatz eines Hotels vorfuhren. Ein hübsches Hotel, das Sylea sicherlich gefallen hätte.
      "Meine Güte, entspann dich doch erst einmal", seufzte Anifuris als er sich aus dem Wagen schwang und die Schultern ordentlich kreisen ließ. "Wir werden sicherlich nicht während der Dunkelheit in potenziell tödliches Terretorium eindringen ohne zu wissen, was uns erwartet. Wir werden es vielleicht kommen sehen, du vermutlich nicht."
      Er ging bereits zum Kofferraum und pflückte seine achtlos gepackte Tasche heraus, um sie zu Schultern. Dann stapfte er einfach drauf los, vorbei an Mortimer und auch Cain. Ihm gefiel es absolut nicht, dass die Reise bis jetzt so problemlos verlaufen war. Nach den ganzen Anzeichen, die ganzer Sucher, die auf ihn angesetzt worden waren, hätte ab dem Zeitpunkt des Verlassens der Wohnung die Hölle losbrechen müssen. Sie auf der Fahrt in Unfälle verwickelt werden müssen. Doch keine dieser Befürchtungen war eingetreten. Zur Hölle, er fühlte nicht einmal eine fremdartige verdächtige Aura in der Nähe.
      Als gehöre ihm jeder Zentimeter in diesem Hotel marschierte Anifuris in das Hotel ein, Cain und Mortimer im Schlepptau. Sie mussten ein unfassbar verdächtiges Bild abgeben; ein junger Mann, der offensichtlich irgendwie aus der Zeit gefallen war. Ein weiterer junger Mann, der aussah, als wäre er auf irgendeiner Droge und vorweg ein dürres Mädchen mit der Präsenz eines Heerführers. So winkte das Mädchen den erschöpft wirkenden Schwarzhaarigen an der Rezeption heran, damit er für sie eincheckte und den Weg in ihre Räume einschlagen konnte.
      Man hatte ihnen ein Doppelzimmer mit Sitzgarnitur gegeben. Getrennte Betten und eine Sitzgarnitur, auf der Mortimer vermutlich im schlimmsten Falle sein Lager beziehen konnte. Allerdings ging Anifuris davon aus, dass der Babylonier als Konstrukteur sich einfach ein passendes Bett kreieren würde.
      Leise seufzte er, als er seine Tasche auf seinem Bett ablegte und sich umschaute. Kleines Zimmer für drei Personen. Ja, wäre Sylea nun anwesend würde es vermutlich spannend werden. So allerdings, mit dem Rauschen in seinen Ohren, würde es eine ziemlich ereignislose Nacht werden.
      Wobei...
      Er warf einen Seitenblick hinüber zu Cain. Anifuris unterschrieb die Worte Mortimers sofort, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sich das Ungleichgewicht bemerkbar machen würde. Das wusste jeder außer dem Seeker selbst. Fraglich war nur, wann es eintreten würde und wie sehr es ins Gewicht fiel. Ob es Sylea wieder animierte oder sie weiterhin zu Staub zerfallen blieb.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Quid pro quo.
      Das Leben forderte für alles eine Gegenleistung. Jede ausgeführte Handlung erzeugte ein entsprechendes Echo.
      Der Babylonier zeigte sich wenig überrascht von dem harmlos anmutenden Vorschlag einer kleinen Besichtigungstour durch die legendäre Kathedrale, die Anifuris erstaunlicherweise über so lange gefesselt hatte und dies - natürlich - für den entsprechenden Preis. Über die Lippen des Archivars glitt ein amüsiertes Lächeln. Es war eine winzige Regung, die leicht zu übersehen war. Ein Theorie, die hinter seinen unnatürlich grünen Augen schimmerte und offensichtlich hielt der Bibliothekar etwas sorgsam unter Verschluss.
      Einer von Anifuris seltener Art reichte bereits aus, um das sorgfältig ausbalancierte Gleichgewicht der Weltordnung zu kippen, dachte Mortimer schweigend. Und die Welt funktionierte nur in perfekter Balance.
      "Konstrukteure - es wird dich vielleicht überraschen - neigen zu erstaunlich kurzen Lebensspannen. Kräfte dieser Art ohne die notwenidge Kontrolle zu nutzen, endet häufig nicht sehr erfreulich. Materie nach dem eigenen Willen zu beugen, erfordert ein äußerstes Maß an Selbstkontrolle. Eine kleiner Ausrutscher in der Konzentration, ein Wutanfall oder Furstration, und diese hübschen Perlen hier durchbohren unsere Stirn schneller als uns lieb ist.", erzählte er.
      Versteckte sich eine unterschwellige Drohung in den Worten? Nun, für den Augenblick befanden sich die beiden mächtigen Seelen auf der gleichen Seite. Sie balancierten sich aus. Die Frage war nun, welche Seite sich zuerst neigte.
      Ein spöttischer Unterton schlich sich ganz zum Schluss in die melodiöse Stimme, die gar nicht zu dem schmächtigen Körper passen wollte.
      "Vielleicht komme ich irgendwann auf dein großzügiges Angebot zurück, mein Freund.", antwortete Mortimer.

      Mit verschräntken Armen ließ Cain den Blick durch das zwar kleine aber durchaus gemütliche Hotelzimmer schweifen.
      Scheinbar entspannt lehnte er mit den Rücken am Kopfteil des Bettes und beobachtete, wie der merkwürdige Bibliothekar um die Sitzgarnitur herumschlich, wie eine Katze um die Maus. Die schlanken Finger berührten den samtigen Bezug der Rückelehnen und die kunstvollen Schnitzereien des Rahmens, der die Polster einfasste. Eindeutig eine industrielle Nachbildung aber zur Überraschung des Babyloniers von sehr guter Qualität. Aber selbst ein Laie konnte von Weitem erkennen, dass es sich bei den Möbelstücken nicht um wertvolle Antiquitäten handelte. Sie strahlten kein Leben, keinerlei Geschichte aus. Mortimer seufzte.
      Mit geschlossenen Augen hob er die Hände an, während er hinter einem der beiden Sessel stehen blieb, und kehrte die Handflächen in Richtung Zimmerdecke.
      "Es stört doch niemanden, wenn ich etwas umdekoriere?", fragte Mortimer überflüssigerweise.
      Augenblicklich begannen die Möbel ein Stückchen über dem Boden zu schweben und bewegten sich langsam aufeinander zu. Obwohl die Objekte gänzlich unterschiedliche Formen besaßen, fügten sie sich zusammen wie perfekte geschnitzte Puzzelteile.
      Cain zog konzetriert die Augenbrauen zusammen, da er offenbar einer optischen Täuschung unterlag.
      Fließend verschwanden die Übergänge der einzelnen Teile bis die komplette Sitzgarnitur zu einem einzelnen, sich drehenden Objekt verschwamm. Ein Knistern lag in der Luft, ähnlich einer elektrostatischen Aufladung. Die Drehung verlangsamte sich und träge formten sich vier neue hölzerne Möbelfüße, ebenso ein Bettrahmen aus dunklem Holz. Das schmale, aber definitv bequemere Bett, stellte sich mit einem leisen und dumpfen Aufprall auf dem Boden ab. Wie Pilze schossen zahlreiche Kissen mit samtigen Bezug und einem dezenten 'Plop' aus der Maratze. Aus dem letzten farbigen Wirbel über dem Kontrukt löste sich eine entsprechende Decke, die tatsächlich sehr warm und kuschelig aussah. Auch ein altes Bewusstsein, wie der Babyloniert, schätze eine gewissen Bequemlichkeit.
      Das Knistern in der Luft verebbte, während Mortimer die Hände sinken ließ.
      "Et Voilà, mes amies.", klatschte er in die Hände und ließ sich probeweise auf der federnden Matratze nieder.
      Der Seeker registierte am Rande, dass das neu kreierte Bett des Bibliothekar wesentlich bequemer wirkte als die eigentlichen Hotelbetten.

      Später in der Nacht

      Der Rest des Abends verlief erstaunlich friedlich.
      Nachdem Cain für seine mehr oder weniger unfrewilligen Begleiter ein spätes Abendessen auf das Zimmer bestellt hatte, war Ruhe im Zimmer eingekehrt. Der Seeker gab es ungern zu, aber der gesamte Tag zehrte mehr an seinen Kräften als zunächst gedacht. Ein warmes Bett und der beruhigende Klang prasselnden Regens lullten ihn langsam in den Schlaf. Selbst das unangenehme Pochen in seinem Bein war erträglich geworden. Cain kämpfte mit dem Schlaf. Es behagte ihm nicht in Anwesenheit von Anifuris und dem Professor seine Wachsamkeit zu opfern. Andererseits, war er selbst im Wachzustand jemals wirklich sicher gewesen?
      Ein willkommene Leere empfing ihn.
      Eine allumfassende Schwärze wie sie nur traumlose Nächte brachten und die einen eholsamen Schlaf versprachen, wenn nicht eine Abfolge verschwommener Erinnerungen sein Unterbewusstsein gekitzelt hätten. Bilder eines Mädchens und der Klang eines wunderschönen Lachens, dass an der Seele des Seekers rüttelte, wie der Gefangene an eisernen Stäben. Ein Mädchen, das er geliebt hatte oder immernoch liebte? Etwas Wichtiges fehlte. Er wusste, dass er sie liebte, aber er fühlte gleichzeitig nichts. Die Erinnungen an Sylea, die Wärme ihrer Haut und den Geschmack ihrer Lippen, wirkten fremd und gleichzeitig so sehr vertraut, dass Cain im Schlaf zuckte und damit seine bisherige Regungslosigkeit unterbrach.
      Am anderen Ende des Raumes schlug der Babylonier die Augen auf und blickte mit neutraler Miene an die Decke.
      Etwas in der Atmosphäre des Zimmers veränderte und verschob sich, ehe Mortimer begriff.
      Die goldene Aura pulsierte in gleichmäßigen Wellen, die mit jeder Minuten ein wenig zunahmen. Ein Energiepuls der selbst Mortimer den Schlaf raubte.
      Nun, niemand konnte das Unterbewusstsein kontrollieren.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war das erste Mal, dass Anifuris live miterleben konnte, wie Mortimer seine Kraft zur Schau stellte. Es reichten die ersten leichten Anzeichen, dass sich seine Aura regelrecht zu kräuseln begann. Eine Warnung von all den Seelen, die sich in seiner Aura zu einer zusammengefunden hatten. Abscheu, Furcht und Neugier mischten sich zu einem undefinierbaren Sud zusammen und resultierten in einem vorsichtig neugierigen Blick des Seelendiebes während der Konstrukteur zu Werke ging.
      Das gestiegene Energielevel fiel wieder ab, nachdem Mortimer fertig war sein deutlich hübscheres Bett zu modellieren und sich proberweise darauf fallen ließ. Anifuris hatte gar nicht gemerkt, wie er automatisch seine Aura näher an seinem Kern verdichtet hatte - eine Schutzmaßnahme gegen Übergriffe. Er schnaubte leise als er sich notgedrungen wieder entspannte und etwas gereizt aus dem Fenster schaute. Vielleicht war es doch nicht so schlau gewesen, den Babylonier aus dem Untergrund ans Licht zu locken.

      Später in der Nacht

      Anifuris hatte noch etwas essen können bevor er sich in sein Bett verzog und grübelte. Ewig lang starrte er die Decke an, ähnlich wie der Seeker zu seiner Seite und doch mit einer gänzlich anderen Motivation. Er sorgte sich nicht um die restlichen Anwesenden im Zimmer sondern eher um die Leere in seinem Inneren. Der kurze Austausch auf der Autofahrt hatte ihm so einiges als Denkanstoß gegeben. Mortimer behauptete, Konstrukteure besäßen nur eine verkürzte Lebensspanne aufgrund der Macht, die sie besaßen. Deswegen wurde vermutlich alle fünfzig Jahre ein neues Gefäß fällig. Aber was, wenn dieses Gesetz auch für den Seelendieb galt? Was wäre gewesen, wenn man ihn damals nicht gewaltsam getötet hätte? Er hatte nicht einmal eine Zeitangabe, wie lange er in seinem Vessel aushalten konnte. Jedes Mal kam sein Ende verfrüht - entweder weil er den Menschen selbst buchstäblich frittiert hatte oder man ihn erfolgreich ausgetrieben hatte.
      Wie lange konnte Anifuris wirklich leben?
      Stunden zerbrach er sich über solche Fragen den Kopf während er mitbekam, wie die emotionalen Spiegel der Anwesenden in eine glatte Linie übergingen und sie in den Schlaf fielen. Er selbst begann ebenfalls zwangsläufig das Dösen, als sein menschlicher Körper nach der Ruhe schrie, die er zur Regeneration brauchte.
      Bis ihn ein Puls erreichte, der ihm einen abnormen Schauer über den Rücken fahren ließ.
      Binnen einer Sekunde war er hochgeschreckt, die geweiteten Augen auf Cain gerichtet. Ein zweiter Puls goldener Aura schwappte an sein Purpur und ließ die komplette äußere Hülle erzittern. Instinktiv fing sich Anifuris an mit den Händen über die Oberarme zu reiben, als würde er frieren.
      Er musste das unterbinden. Jetzt.
      Schnell schwang er sich auf die Füße und breute diese Aktion umgehend, als der nächste Pulsschlag ihn traf. Er warf ihn aus dem Gleichgewicht, zwang ihn stolpernd dazu sich am Pfosten des Bettes festzuhalten. Leise fluchte Anifuris, der genau spürte, dass Mortimer ebenso wachgerufen worden war.
      "Hättest du mit deiner Schwarzmalerei nicht einfach unrecht haben können?", knurrte er leise ehe er sich an Cains Bett kämpfte und fast von den Füßen geholt wurde.
      Solch eine Resonanz hatte selbst der Seelendieb noch nicht erlebt. Wenn das hier schon ausreichte, um ihn so aus der Bahn zu werfen, wollte er nicht wissen wie sich ihre verschmolzenen Auren verhielten. Mit angespannter Miene streckte er die Hand aus und berührte den Rand der wallenden goldenen Aura. Mit einem Paukenschlag legten sich die Pulse, die Wellen erstarben und bildeten einen gleichmäßigen Spiegel.
      In Anifuris Innerem vibrierte das Silber von Syleas Aura. Leicht, aber konstant, wie ein nerviges Hintergrundrauschen. Doch der Nebel, der ihr Bewusstsein darstellte, blieb unverändert.
      Anifuris seufzte. Er wagte er nicht, sich zu früh wieder in das Bett zurückzuziehen. Wenn er diese Pulsationen nicht in den Griff bekam, würde der Seeker früher oder später den verschlossenen Teil seiner Seele eigenmächtig wieder zurückfordern. Und das war selbst für die alte Seele nicht ohne Schmerzen verbunden.
      "Er sucht sie, aber sie reagiert nicht auf ihn", stellte er leise fest, sodass der Babylonier hörte, was er dachte. "Noch nicht."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Verborgen im dämmrigen Zwielicht, erzeugt durch den fahlen Lichtschein einer Laterne vor dem Fenster, verzog der Babylonier die Lippen zu einem wölfischen Grinsen.
      Mit gewöhnlicher Schwarzmalerei hatte der gleichmäßige Energiepuls jedoch wenig gemein. Eine natürliche Gesetzmäßigkeit setzte sich zuverlässig in Bewegung wie die schwerfälligen Zahnräder einer gut geölten Maschinerie. Ähnlich einem Echolot suchte die pulsierende Aura nach dem fehlenden Puzzleteil, um das Loch in der Seele zu füllen, die zwar freiwillig aber gewaltsam inzwei gerissen worden war.
      Der Bibliothekar bewegte sich mit äußerster Ruhe, als er bedächtig die Decke über seinen langen Beinen zurück schlug und die Füße auf dem kühlen Boden abstellte. Zweifelsohne brachten die rhythmischen Resonanzwellen der goldenen Aura in nicht annähernd so sehr aus dem Gleichgewicht wie den Aurenmanipulator, aber die Verschiebung des Machtgefüges in der Atmosphäre gefiel dem alten Babylonier nicht. Prüfend fuhr er mit den Fingerspitzen über seine Unterarme und spürte, wie ihm die feinen Härchen darauf zu Berge standen. Die Mundwinkel verzogen sich daraufhin missbilligend nach unten. Obwohl der Unmut von Anifuris einen gewissen Unterhaltungswert besaß, verlor die Situation allmählich seine Vergnüglichkeit.
      Eine Berührung des Seelendiebs besaß die Macht, die stürmische Oberfläche der goldschimmernden Aura augenblicklich zu beruhigen. Postwendend verschwand die aufgeladene Empfindung im Raum und hinterließ nicht als völlige Ruhe. Eine gelungene Notlösung, aber sicherlich kein Zustand, der für die Ewigkeit gemacht war. Anifuris wirkte beunruhigt, gar...nervös?
      "Er sucht unterbewusst, was ihm entrissen wurde.", bestätigte Mortimer und stützte das Kinn in die Handfläche. "Den fehlenden Teil seiner Seele und die damit einhergehende Verbundenheit zur Seele deines Gefäßes. Ich kann die Sehnsucht beinahe körperlich spüren. Unsere urgeigene Existenz strebt nach dem vollkommenen Gleichgewicht. Die alten Babylonier glaubten an das perfekte Gegenstück, sowohl unter den Menschen als auch in der Natur. Eine allumfassende Balance, die für das Leben unentbehrlich ist. Das Mädchen balanciert ihn aus.
      Die Verschmelzung ist eventuell gar nicht dein größtes Problem. Sag mir, mein Freund, glaubst du an Schicksal?"
      In der Dunkelheit des Raumes konnte der Bablyonier geradeso die schemenhaften Konturen des Seelendiebes und des jungen Mannes auf seinem Bett ausfindig machen. Die grünen Augen blitzten wie die Augen einer lauernden Katze im Dämmerlicht.
      "Jeder Mensch wird mit einem natürlichen Ungleichgewicht geboren. Ein Zustand des Strebens nach Zugehörigkeit, mit dem wir zu Leben lernen, wie mit einem fehlenden Sinn und der zumeist von einer umsorgenden Familie ausgeglichen wird. Ich vermute, dass unser junger Freund hier nicht so viel Glück hatte. Er hat gelernt mit seinem Ungleichgewicht zu leben, wie mit einer fehlenden Hand. Eltern, die ihn aufgrund seiner Gabe verstießen und seine jüngere Schwester vorzogen, die ein Idealbild an Unschuld darstellt, dass er um jeden Preis beschützen will.
      Da schenkt ihm das sprunghafte Leben den fehlenden Teil seiner Existenz und im selben Atemzug wird es ihm wieder weggenommen.
      Die Instabilität seines Wesens ist größer denn je. Ein winziger Schubs in die falsche Richtung...Nun ja, ich würde in diesem Moment nur ungerne in seinem unmittelbaren Radius stehen."
      Mortimer seufzte leise, dennoch war ein beinahe süffisantes Grinsen nicht zu überhören.
      "Der kleine Seeker ist stark.", fuhr der Archivar ungerührt mit gedämpfter Stimme fort. "Viel stärker, als ihm bewusst ist."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Mortimer konnte zum Glück nicht sehen wie Anifuris die Augen rollte. All dieses Gefasel von Einklang und Balance kam der alten Seele zu den Ohren schon wieder heraus. Viele Texte hatte er in seiner Lebensspanne dazu gelesen, wie viele Theorien eigenständig überprüft und und wie viele Fehler eigenmächtig ausgemerzt?
      Trocken lachte er leise auf. "Schicksal? Erzähl mir nichts von Schicksal. Manche Umstände ergeben sich meinetwegen durch Fügung aber Schicksal würde ich es nicht nennen. Das hier ist nichts Weiteres als ein leidiger Zufall."
      Ein Zufall, der ihn in den Körper einer Rubra mit Silberaura an der Seite eines Verstärkers gesetzt hatte. Er hatte in diesem Lauf, in diesem Versuch, weitaus mehr Möglichkeiten und Chance als in jedem anderen Versuch zuvor. Langsam zog er seine Hand zurück, nur um die spiegelglatte Oberfläche damit wieder zu stören. Sobald er sich zu weit entfernte, schlug sie wieder Wellen, wenn auch nicht mit dem gleichen Ausmaß. Anifuris klickte genervt mit der Zunge.
      "Ganz ehrlich? Dich wird sein Ausbruch weniger tangieren als mich. Ich hab' ein Stück seiner Selbst in mir und nicht du. Und der Junge ist nur dann stark wenn er weiß, wie. Solange er in diesem Zustand der Unwissenheit bleibt, wird er es nie so realisieren. Sicher, ich könnte ihn wecken und ihm seinen Teil wieder zurückgeben, aber dann wird dieses Unterfangen vermutlich scheitern. Er wird nicht mehr die Entschlossenheit haben wie er sie dir präsentiert hat", sagte Anifuris und teste aus, wie weit er seine Hand zurückziehen konnte ohne Schwindelanfälle zu bekommen.
      Schließlich seufzte er erneut und suchte in der Dunkelheit nach Mortimer. Er brauchte kein Licht um ihn zielgenau anzusehen. Seine Aura sprach für ihn.
      "Ich möchte dich ungern ausnutzen, aber wärst du so gütig und könntest mir ein kleines Messer besorgen?", fragte er deutlich ruhiger und wartete sogar artig ab bis der Konstrukteur ihm nachkam und ihm ein kleines, in der Dunkelheit unauffälliges Messer reichte. "Ich habe mich lange genug mit Seelenfragmenten beschäftigt als dass ich grobschlächtige Fehler mache. Die Male davor sind ähnlich ausgegangen wie dieser Fall hier, wobei damals deutlich mehr Zeit verging. Soll der kleine Seeker ruhig ein bisschen Ärger machen, das zwingt mich nur zum üben. Die letzten Male hatte ich nämlich weder einen Verstärker, noch eine Rubra zur Hand."
      Gold zum Verstärken, Silber zum Resonieren. Runen, um dem Ganzen eine Form zu geben und das Wissen, wie man es einzusetzen hatte. Von oben betrachtet hatte der Seelendieb endlich alles in seiner Hand, wonach er all die Jahre gesucht hatte. Zeit, es einmal zu überprüfen.
      "Vermutlich werde ich nicht in der Lage sein, den Nebeneffekt vollständig auszumerzen", merkte er an während er sich mit dem Messer in den rechten Zeigefinger schnitt.
      Das Blut quoll aus der Wunde, als er das Messer auf dem Bett ablegte und einen eiskalten Blick auf den Seeker richtete. Das Purpur seiner Aura begann Wellen zu schlagen, als er sich an dem leicht pulsierenden Gold von Cains Aura bediente und sie etwas zu sich zog. Seine Augenbraue zuckte ein wenig, als er sich etwas ins Gedächtnis rief und auf seinen linken Handrücken eine Rune malte, die jeder aus Mortimers Zimmer verblüffend ähnlich war. Sie war ein wenig abgeändert, trug die scharfe Handschrift der Rubras mit dem Schwung der babylonischen Rune. Als sie geschlossen war, ging ein Ruck durch seinen Körper als sich die Nebelteile, die Syleas Bewusstsein darstellten, kondensierten. Es zuckte förmlich jeder Muskel, als ein silberner Rinnsal in die geöffnete Hand mit der Rune lief und sich dort verdichtete. So sehr, bis sie ihre Farbe verlor und für jeden anderen in Luft aufging. Doch Anifuris sah mit Schrecken dabei zu, wie sich Aura in etwas anderes, Übermenschliches änderte.
      Sein Mund wurde trocken als er eine Vermutung hatte, was er da gerade geschaffen hatte. Mit geweiteten Augen zwackte er mehr von dem Gold ab, um sich ein weiteres Mal durch die Schichten an Aura zu wühlen bis Cains Seele ungeschützt vor ihm lag. Wie ein Schandfleck klaffte dort die Wunde, wo er das Fragment entfernt hatte, dass für die Liebe zuständig war. Mit zittriger Hand ließ er das neugebildete Konstrukt los und sah dabei zu, wie es sich nahtlos in die Lücke fügte und aus dem Kaputten ein Ganzes machte.
      Anifuris war dermaßen schockiert, dass er die Verbindung etwas zu hastig auflöste und regelrecht nach hinten gepresst wurde. Ungelenk fiel er nach hinten auf den Boden und starrte mit geweiteten Augen zu dem Bett, wo sich der Seeker zu regen begann. Der jähe Abbruch musste ihn geweckt haben. Die alte Seele hatte nicht genau überprüfen können, wie gut die Verbindung war, aber er hatte gerade etwas geschafft, was für unmöglich galt.
      Er hatte eine angegriffene Seele künstlich füllen können. Wobei die Frage war, für wie lange oder wie effektiv es war. Dass es eine begrenzte Haltbarkeit sein dürfte, war fast zu einhundert Prozent sicher, aber die Nebeneffekte waren genauso fraglich. Genauso gut könnte es sein, dass Cains Seele das Fragment abstoßen könnte und im Zuge dessen seinen ursprünglichen Teil zurückforderte.
      Ein gleichermaßen erschrockenes als auch freudiges Lächeln entstellte Anifuris Gesicht. Wie der manische Forscher, der er einst gewesen war.

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    • Der Babylonier kicherte vergnügt angesichts des genervten Tonfalls.
      Für einen Augenblick glaubte er sogar zu hören, wie sich die Augäpfel in ihren Höhlen verdrehten. Der Seelendieb war unverkennbar ein Mann der Wissenschaft, für den die primitiven Ansätze der alten Babylonier nichts weiter waren als vollkommener Humbug. Die antiken Schriften seines Volkes überzeugten selbst den Archivar nicht vollstänig - und er war zu diesem historischen Ereignis noch Herr und Gebieter über seinen ursprünglichen Körper gewesen. Trotzdem, ein Quäntchen Wahrheit steckte bekanntlich in jeder Geschichte. Welcher Mächte sich die wissbegierigen Gelehrten in Babylon auch bedient hatten, kosmischer oder faktischer Natur, die Existenz eines gefährlichen Wesens hervorgebracht, das heute unter dem Aktenzeichen 'Der Bibliothekar' geführt wurde.
      Die Erinnerung an das Leben bevor okkultistische Fanatiker seine Seele aus ihrer Hülle gerissen hatte, war bis heute hinter einem Nebel verborgen. Er konnte sich nicht mehr entsinnen, ob er sich freiwillig dieser Tortur unterzogen hatte. Allerdings gab es ein Detail, dessen er sich zweifellos sicher war: Er war kein guter Mensch gewesen.
      Schweigend erhob sich Mortimer und schlenderte förmlich in Richtung seines Reisegefährten.
      Beiläufig glitt eine langfingrige Hand in die rechte Hosentasche und zog die polierten Silberkugeln hervor. Zwischen seinen gekrümmten Fingern formte sich das silbrige Material zu einer glatten aber harten Klinge. Das unauffällige Werkzeug besaß einen schlichten aber hochwertigen Griff, dessen Material an geschnitzte Knochen erinnerte. Die filigrane Schneide war kaum länger als sein Zeigefinger.
      Wortlos reichte der Konstrukteur sein Werk weiter und verschränkte abwartend die Arme vor der Brust.
      "Du genießt die Herausforderung, hm?", kommentierte Mortimer.
      Der Babylonier, aufgrund des Mangels der Fähigkeit der Aurasicht, sah die aufbegehrenden Auren nicht. Aber er spürte sie.
      Ein Knistern lag in der Luft, als sich das Machtgefüge im Raum ein weiteres Mal in dieser Nacht verschob. Eine andere Beschreibung wollte ihm dabei nicht in den Sinn kommen, denn er fühlte, wie sich die Aura des Seekers verringerte, als sich Anifuris der signifikanten Fähigkeit eines Verstärkers bediente. Alles in ihm verlangte danach zu erfahren, was der Seelendieb dort veranstaltete. Der smaragdgrüne Auraspiegel des Konstrukteurs flammte vor Ungeduld auf, ein Ausreißer in der ansonsten allzeit glatten Hülle. Anifuris eine wichtige Erkenntnis gewonnen an der her ohne Zweifel teilhaben wollte.
      Gemächlich kniete sich Mortimer neben des Gestürzten auf den Boden und schob eine stützende Hand über den schmalen Rücken, wie ein umsorgender Freund. Eine Geste, die an dem Babylonier wie einstudiert und aufgesetzt wirkte.
      In der Dunkelheit bohrte sich die leuchtend grüne Iris in das Gesicht des jungen Mädchen, das die Seele des Manipulators beherbergte.
      Bevor er den Mund zu einer Forderung öffnen konnte, erfüllte ein leises Klicken den Raum.
      Der Schwache Lichtschein der Straßenlaterne vor dem Fenster fiel auf die Umrisse einer Schusswaffe, deren Lauf zielsicher ihre Richtung zeigte. Der Seeker hatte sich im Bett aufgesetzt, die versteckte Waffe unter seinem Kopfkissen hervorgezogen und blickte atemlos auf die verdächtigen Gestalten vor seinem Bett. Ein Schuss zwischen die Augen wäre selbst für mächtige Seelen wie Mortimer und Anifuris ein Problem, zumindest für die zerbrechlichen Gefäße, die sie besetzten.
      Die hinab gerutschte Decke ballte sich um seine Hüften, während sich der nackte Brustkorb unter schweren Atemzügen ausdehnte und zusammenzog, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen. Mit der freien Hand griff sich Cain an die Brust, es fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen groben, schmerzhaften Schlag versetzt. Der Seeker konnte es nicht sehen, aber der Goldschimmer wirbelte um seinen angespannten Körper wie ein erboster Sturm.
      Cain Desraeli fixierte Anifuris, der das Gesicht eines harmlosen Mädchen trug wie der Wolf den Schafspelz. Der Ausdruck in den goldenen Augen wirkte weltentrückt, als schwebe er zwischen Traum und Realität.
      "Sylea...?", murmelte Cain.
      Ein flüchtiges Wispern, als wäre es lediglich eine Illusion.
      Interessant, dachte der Babylonier.
      Es wäre ein Leichtes gewesen, die entsicherte Handfeuerwaffe in etwas Ungefährliches zu verwandeln - einen Stressball vielleicht - aber der Archivar war zu erpicht darauf zu sehen, wie sich die Situation vorerst ohne sein Eingreifen entwickelte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Die sanfte Berührung der Hand an seinem Rücken ließ Anifuris eher alarmierter als entspannter wirken als er Mortimer im Halbdunkel ins Gesicht starrte, der seinen Blick mit ebenso großer Intensität begegnete. Das seltsam anmutende Grinsen war noch immer auf den Lippen des Mädchens zu sehen während Anifuris ganz genau wusste, dass der Bibliothekar nicht verstanden hatte, was ihm gerade gelungen war. Und es ihm auf der Seele brannte, das Wissen zu aquirieren. Doch noch bevor auch nur einer von ihnen etwas sagen konnte, klickte es.
      Ein leises Klicken, das für Unwissende alles mögliche in der Welt hätte sein können. Doch beide Seelen, Jahrhunderte und Jahrtausende alt, kannten dieses Geräusch, das nur die Sicherung einer Schusswaffe von sich gab. Ihre Blicke richteten sich auf Cain, der sich aufgesetzt hatte und die Handfeuerwaffe auf sie gerichtet hatte. Er wirkte desorientiert, bekam scheinbar nur schwer Luft und seine Aura war ein einziges Chaos.
      Allein das war schon bemerkenswert. So bemerkenswert, dass Anifuris einmal kurz die Tatsache ausnutzte, dass Mortimer das Vessel noch immer am Rücken berührte und der Seelendieb so eine direkte Verbindung ihrer Auren herstellen konnte. Als das Purpur das Grün des Archivars berührte, erzitterte Anifuris' ganzes Selbst kurz unter dem schieren Alter, mit dem er ihn übertrumpfte. Er ging nicht weiter drauf ein, ließ nur das Purpur wie ein Filter darüber hinweggleiten und gewährte dem Babylonier einen ganz kurzen Einblick in die Aurensicht. Und damit Sicht auf den goldenen Sturm, der gerade um Cain tobte. Es dauerte nur wenige Sekunden der Stasis an ehe sich ihre Verbindung wieder löste und es wieder so war als sei nichts geschehen. All dies geschah ohne auch nur eine einzige Bewegung der Vessels, die noch immer am Boden verharrten.
      Selbst Anifuris war sich nicht sicher, wie es korrekt gewesen wäre, dem Seeker zu antworten. Was auch immer er mit seiner Seele angestellt hatte schien ihn näher an seinen Ursprungszustand zurückzubringen als erwartet. Aber etwas stimmte nicht, nicht gänzlich. Es kribbelte im Kopf des Diebes weil er spürte, dass Cains Seele arbeitete. Aber zu welchem Zweck konnte er nicht bestimmen.
      "Sie sitzt vor dir", antwortete Anifuris fast genauso leise, spürte allerdings nichts von dem Mädchen in sich.
      Selbst seine Manipulation an ihrem Bewusstseinsstaub schien sie nicht zurückzuholen. Diese Erkenntnis ließ das tot geglaubte Herz der alten Seele einen Sprung machen. Was auch immer sie getan hatte - scheinbar hatte sie sich wirklich verabschiedet oder war dermaßen aufgelöst, dass der Anker gewaltig sein musste, der sie wieder hervorbrachte. Vielleicht hatte er das erste Mal nicht nur alle Mittel, sondern auch noch wahrhaftig freie Hand.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Berührung grenzte an Fahrlässigkeit.
      Allerdings war eine mächtige Seele wie der Babylonier es gewöhnt so gut wie unantastbar zu sein. Eine Charakterschwäche, die ihn zwangsläufig im Wandel der Zeit irgendwann die Exitestenz kosten würde an die er sich mit aller Macht klammerte. Der Ewigkeit überdrüssig zu sein und gleichzeitig die Endgültigkeit des Sterbens zu akzeptieren, verstand lediglich jemand der ebenso lang lebte wie der Bibliothekar. Insgeheim fürchtete sich jeder vor dem Ende und vor der Bedeutungslosigkeit der eigenen Seele sobald sie in abermillionen winziger Brüchstücke zerstob.
      Die feingliedrigen Finger des Babyloneirs zuckten unwesentlich auf dem schmalen Rücken. Die Handfläche kribbelte unter den unsichtbaren Füßchen abertausdener winziger Ameisen. Wie lange war es her, dass eine fremde Aura ihn berührt hatte? Die Empfindungen schwankten zwischen unangenehm und faszinierend. Jedoch überwog die unmissverständliche Neugierde in der Sekunde, als sich ein Meer aus leuchtenden Farbspielen vor seinen Augen auftat.
      Einem glühenden Sandsturm gleich stob die goldene Aura des Seekers in alle Himmelsrichtungen. Einem lebendigen Puls gleich zog sich das Gold an den physischen Körper zurück um nur wenige Augenblicke später erneut auszudehnen. Dabei tat die Aura dies in einem unregelmäßigen Rhythmus, wie ein Herz, das ins Stoplern geraten war. In seinem peripheren Sichtfeld schimmerten ein kräftiges Smaragdgrün mit einem leuchtenden Puprur. Während das Gold den Raum mit einer fast hitzigen Wärme erfüllte, wirkte das Grün glatt und kalt wie ein geschliffener Edelstein.
      Ein schwer deutbares Lächeln verzog die ebenmäßigen und jugendlichen Gesichtszüge des Bibliothekars. Der Hauch von Enttäuschung, als sein Blickfeld sich wieder normalisierte, ließ sich nicht vollständig unterdrücken.
      Das leise Flüstern direkt neben dem Konstrukteur lenkte den Fokus wieder auf das durchaus gefährliche Problem in Form eines möglichen Projektils zwischen seinen Augen. Mortimer bemerkte ein minimales Zucken im Augenwinkel des desorientieren Mannes, dessen Hand mit der Waffe verräterisch zitterte. Was der Babylonier allerdings nicht mehr zu sehen bekam, war der absolute Stillstand des goldenen Sturms, als Sylea geflüsterte Worte in der Dunkelheit des Raumes erklang. Mit einem lautlosen Paukenschlag zog sich die Goldaura schlagartig zurück und glättete sich wieder zu einer friedliche, neutralen Oberfläche. Was blieb war ein schwaches und zu irgnorierendes Stechen in seiner Brust.
      Cain presste die Hand fest gegen seinen Brustkorb und blinzelte mehrmals hintereinander. Der tranceartige Ausdruck seiner Augen klärte sich mit jedem Wimpernschlag ein weinig mehr. Ein schwerer Atemzug kämpfte sich quälend in seinen Lungen ehe der Seeker langsam und kontrolliert wieder ausatmete. Für den Bruchteil einer Sekunde spiegelte sich die reinste Form von Verwirrung in seinem Gesicht wieder. Er erinnerte sich nicht daran, nach seiner Waffe gegriffen zu haben. Hatte jemand gesprochen?
      Verdächtig waren jedoch die zwei Gestalten die vor seinem Bett am Boden kauerten. Wachsamkeit funkelte in seinen Augen, als er die Waffe etwas senkte. Die Ruhe, die ihn erfasste fühlte sich richtig und falsch zugleich an.
      "Nein, ist sie nicht...", knurrte Cain erstaunlich ungehalten und erinnerte damit eher an den selbstlosen jungen Mann, obwohl er den Sinn seiner eigenen Worte nicht begriff.
      Ein weiteres Blinzeln und auch der Gesichtsausdruckt nahm eine gleichgültige Neutralität an.
      Der Zauber war vorbei.
      "Haben wir dich geweckt, mein Guter?", flötete Mortimer fröhlich wie aus dem nichts. "Mein lieber Anifuris hat mich daraum gebeten ein wenig von meinen einzigartigen Fähigkeiten vorzuführen, da wir leider nicht mit einem gesunden Schlaf gesegnet sind. Offenbar habe ich mich etwas hinreißen lassen."
      Cains Augen schmälerten sich angesichts der dreisten und wirklich schlechten Lüge, die er mangels einer besseren Erklärung vorerst hinnahm. Etwas pochte in einerm Hinterkopf, ein lästiger Gedanke, der einem einfach nicht einfallen wollte. Sichtlich frustriert schwang der Seeker die Beine aus dem Bett. Er war hellwach und würde heute Nacht keinen Schlaf mehr finden, das wusste er. In Kürze hatte er sich vollständig angezogen und warf einen wortlosen Blick über die Schulter zu seinen beiden fragwüridgen Begleitern bevor er durch die Tür und für den Rest der Nacht verschwand.
      "Macht, was ihr wollt. Ich bin nicht euer Kindermädchen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Egal was sich in diesen Minuten oder vielleicht auch nur Sekunden abzuspielen gedachte - Anifuris konnte nicht anders als fasziniert den jungen Mann anzustarren, der unter seiner Auraschicht noch andere Veränderungen durchlief, die nur der Seelendieb fühlen konnte. Wie jahrunderte altes dickes Eis, das einen Sprung in seiner gewaltigen Masse erfuhr und das Knacken so laut und unheilvoll durch das gesamte Konstrukt schallen ließ, dass es einem Angst und Bange wurde.
      Es dauerte erschreckend viele Sekunden bis Cain sich seiner wieder bewusst wurde und offensichtlich verwirrt die Waffe senkte, die er völlig unterbewusst gezogen hatte. Keiner von ihnen hatte mitbekommen, dass er eine mit sich führte und erst recht nicht wie er sie unter sein Kissen geschmuggelt hatte. Seine Reaktion war reine Routine gewesen, unterbewusstes Handeln, das es nicht wissentlich kontrolliert hatte. Was auch immer Anifuris dort angestellt hatte; es war gebrochen und hatte seine Wirkung auf den jungen Mann verloren.
      Mortimers erheiterte Stimme riss den Seelendieb schließlich völlig aus seinem Konzept. Dessen Lüge war so fadenscheinig, dass selbst Anifuris leicht angewidert das Gesicht verzog. Es war eine Sache, wirklich nicht lügen zu können. Eine gänzliche andere, es aus Spaß an der Freunde gar nicht erst richtig zu versuchen.
      Während sich Anifuris langsam wieder aufrappelte hatte sich Cain bereits angezogen und verschwand durch die Tür ins Nichts. Nachdenklich blinzelte die alte Seele ihm hinterher ehe er nur leise seufzte und sich zu seinem Bett zurückbegab. Ausladend ließ er sich auf die Matratze fallen, ein seltsames Gefühl der Wehmut machte sich in seinem Inneren bemerkbar. Es dauerte nicht weniger lange bis er feststellte, dass es nicht seine Emotion war. Zumindest nicht vollständig.
      "Schade. Scheinbar hat es nicht so lange gehalten, wie ich gedacht habe", brach er schlussendlich das Schweigen und sah dabei zu wie der Babylonier seine eigenen Kreise zog. "Ich habe ja schon lange widerlegt, dass die Seele eines Lebewesens unantastbar ist. Aber bis heute habe ich auch geglaubt, dass sie nicht veränderbar ist. Diese wenigen Momente zeigen jedoch, dass es sehr wohl möglich ist."
      Erst jetzt, völlig verspätet, schüttelte es seinen Körper in einem heftigen Anfall. Es sah aus wie Schüttelfrost, dabei befreite sich seine Aura nur von den letzten Resten des Smaragdgrüns, das sich fast wie natürlich von seinem Purpur abgestoßen zu fühlen schien. Dieses Phänomen hatte er schon öfter beobachten können wenn er mit mächtigen Seelen in Kontakt trat. Eine vergleichbar heftige Reaktion hatte er allerdings schon länger nicht mehr.
      "Ich bin mir wirklich nicht sicher, wie lange sich dieser Zustand hält. Bisher würde ich sagen, dass sich das Bewusstsein des Mädchens hier fast aufgelöst hat. Aber eben nur fast. Scheinbar ist es fast egal, was der Seeker versucht, er dringt nicht zu ihr durch. Ich bin mir echt nicht sicher, was das soll..."
      Sein Blick driftete Richtung Fenster ab, wo der Regen noch immer gegen die Scheibe prasselte.
      "Wieso hast du versucht, den kleinen Seeker zu belügen?"

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    • Der Babylonier grinste in der Dunkelheit.
      Mit einem glucksenden Kichern lehnte sein Rücken am hölzernen Rahmen des Hotelbettes während sein Blick auf die Tür gerichtete war, die geräuschvoll zürück ins Schloss gefallen war. Die Verwirrung im Gesicht des Seekers war einfach zu köstlich gewesen. Der Junge war wirklich nicht dumm, aber schien für den Augenblick seinen Fuß direkt auf der Leitung geparkt zu haben. Der Seelendieb konstruierte eine bemerkenswerte und geschickte Manipulation desSeelenkerns, obwohl sich dieser wehement dagegen sträubte. Das Unterbewusstsein, gesteuert durch reinsten Instinkt, wehrte sich gegen den unnatürlichen Zustand. Sicherlich hatte sich der Seeker willentlich einen Teil seines Wesens entreißen lassen, aber Unterbewusstsein und Verstand gingen nur in den seltensten Fällen Hand in Hand.
      "Hättest du ihm lieber die Wahrheit erzählt?", fragte Mortimer und ließ den Kopf in den Nacken fallen.
      Im Schattenspiel der Nacht glühte die grüne Iris seiner Augen wie die eines Raubtieres auf der Pirsch. Einzelne, rabenschwarze Strähnen fielen ihm verirrt in die Stirn als er den Kopf etwas zur Seite kippte um Anifuris besser ansehen zu können.
      "Abgesehen davon, dass er uns sowieso kein einziges Wort geglaubt hätte, war ich neugierig wie dein Schoßshündchen reagiert.", flüsterte Mortimer beinahe in das stille Hotelzimmer. "Die spontane Verwirrung über meine offensichtlich plumpe Lüge war die erste ehrliche Reaktion, die er in den letzten Stunden gezeigt hatte. Selbst sein Zorn nach unserer Rückkehr wirkte leer und helbherzig. Uner gerade noch sagte er ihren Namen mit solcher Sehnsucht, obwohl er das vertraute Gesicht keines zweiten Blickes würdigt seit ich zu euch gestoßen bin.
      Also, ja. Ich gebe dir vollkommen Recht. Sein Unterbewusstsein wehrt sich und du verlierst Stückchen für Stückchen die Kontrolle."
      Mit einem plötzlichen Ruck richtete sich der Babylonier auf und drückte sich vom Boden hob. Ein leises Lachen erklang dumpf, als würde er sein Gesicht in die eigene Schulter drücken, wobei er sich mit den Händen auf den Knien aufstützte.
      Der Bibliothekar streckte schließlich genüsslich den Rücken durch unde zog etwas aus seiner Tasche. Ein weiterer filigraner Schlüssel funkelte in seinen Händen. Eine mögliche symbolische Geste, denn er ließ das kühle Metall gemächlich durch seine schlanken Finger gleiten.
      "Egal, was das Bewusstsein deines Vessels in seinen gelösten Zustand versetzt hat...Ich bin mir sicher es braucht nur den richtigen Schlüssel.", damit rutschte der tatsächliche Schlüssel in seiner Hand zurück in seinen Ärmel und verschwand.
      Einen Schlüssel aus reinstem Gold, der allerdings nicht aus dem wertvollen Edelmetall bestand.
      Mortimer zweifelte nicht daran, dass die Seele des Mädchens antworten würde, sobald die Wellen der goldenen Aura nur hoch genug schlugen und ohne Zweifel ein heilloses Chaos dabei anrichteten.

      Das nächste Mal sahen Mortimer und Anifuris den Seeker erst in den frühen Morgenstunden am geliehenen Fahrzeug wieder gegen dessen Heck er lehnte und die Knöchel scheinbar lässig überkreuzt hatte. Dass er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, war unübersehbar an den tiefen Schatten unter seinen Augen zu erkennen. Ein dichter Nebel ruhte über der malerischen Landschaft in seinem Rücken und stieg beinahe unheilvoll aus den schottischen Wäldern empor.
      Der Anblick hatte durchaus etwas maystisches und prophetisches ansich, denn der Neben drohte alle um sich herum zu verschlucken.
      Der Babylonier schmälerte die Augen und fixierte den unsteten Blick des Seekers.
      Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte die alte Seele das ungute Gefühl einen zu großen Stein ins Rollen gebracht zu haben.
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    • Ja, Anifuris hätte Cain am liebsten die Wahrheit gesagt. Die Art, wie man am effektivsten die Seele eines anderen Lebewesen manipulierte, war an Wahrheiten und Hingaben gekopellt und gerade deswegen so aufwendig. Es war so filligran wie das Ausbalancieren einer Waage, die bereits unter dem Gewicht einer Feder zu kippen drohte.
      "Das ist auch so eine Sache, die nicht gänzlich in das klinische Bild passt. Ich weiß ganz genau, welches Fragment ich in mir aufgenommen habe und welche ich unberührt gelassen habe. Er dürfte aufrichtigen Hass und dergleichen noch problemlos spüren. Aber auch mir ist aufgefallen, dass es hohl wirkt. Ich glaube, sein Unterbewusstsein und Verstand sind wirklich nicht aufeinander eingestellt. Wenn er das jemals hinbekommen sollte wird es schwierig für mich...", sinnierte der Seelendieb auf seinem Bett.
      Er verlor die Kontrolle nur, weil er Angst hatte, die Waage aus dem Gleichgewicht zu bringen. Mit dem Seeker hatte er ein kleines Goldstück serviert bekommen, dessen Wert viel zu hoch war als dass man fahrlässig daran kratzte. Mit Leichtigkeit hätte er den jungen Mann festsetzen können und systematisch seine Seele zerlegen können bis er nur noch ein sabbernder Haufen war. Aber das war es nicht, was der Seelendieb wirklich bezwecken wollte. Er suchte den Anker, der sein Vessel daran hindern würde einen Weg zu finden, sein Bewusstsein aufzulösen.
      "Du kennst das Mädchen nicht. Wenn sie sich richtig verrannt hat, wird sie uns nie wiederfinden."

      Am nächsten Morgen schritten die beiden Seelen wie ein vertrautes Paar aus dem Hotel zum geliehenen Fahrzeug. Wer sensibel genug war spürte beim Anblick allerdings, dass beide Parteien ständig auf halbacht waren und sich sehr subtil ständig im Blick hatten. Als rechneten sie damit, dass der andere alsbald seinen Schachzug machen würde.
      Anifuris hob jedoch beide Augenbrauen als sein Blick auf Cain fiel. Der junge Mann sah wirklich gerädert aus. Scheinbar hatte der Ausbruch vergangener Nacht einen höhren Tribut gezollt als er ihnen weißmachen wollte. Sein Blick ging an dem Seeker vorbei in die Landschaft mit dem perfekten Wetter für ihr Vorhaben. Nebel war ein gutes Zeichen, zumindest für die beiden Seelen.
      "Du siehst wirklich, wirklich nicht besonders gut aus", bemerkte Anifuris unnötigerweise und blieb in angemessenem Abstand vor Cain stehen.
      Er hatte selbstverständlich mitbekommen wie sich Mortimers Blick leicht geändert hatte und das beunruhigte ihn mehr als alles andere. So langsam bekam auch er das Gefühl, dass sie es hier mit einer tickenden Zeitbombe zutun hatten. Und das gefährdete den Plan von ihnen allen.
      Anifuris klickte leise mit der Zunge. Hier draußen konnte er den jungen Mann schlecht überfallen und gewaltsam gefügig machen. Aber er musste ihn irgendwie von dieser Unruhe befreien, die ihn wahnsinnig werden lassen würde.
      "Du hast ein klitzekleines Problem mit deiner emotionalen Feinfühligkeit", sagte Anifuris leise, dieses Mal ohne Spott oder Hohn. "Du führst mit deinem Unterbewusstsein gerade Krieg. Es fordert deine Fähigkeit zurück zu lieben. Wenn du das nicht unter Kontrolle kriegst, drehst du früher oder später durch. Außer, du lässt mich ein wenig Feinmotorik betreiben und es ein wenig.... richten."
      Richten war hier vielleicht das falsche Wort, aber vielleicht brachte es ein wenig, mit halboffenen Karten zu spielen. So wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die sprichwörtliche Bombe hoch ging.

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    • Der Seeker verschränkte die Arme zu einer kläglichen, symbolischen Mauer vor der Brust.
      Die Silhouetten im Nebel erweckten den Eindruck von Spukgespenstern, die sich beinahe lautlos über den mit Kies bedeckten Parkplatz bewegten. Ein argwöhnisches Geräusch zwischen Schnauben und tonlosem Kichern erklang tief aus seiner Kehle, bei der wenig charmanten Begrüßung durch Anifruis. Die gesamte Körperhaltung sprach deutlich von Abwehr und einer Kluft, die sich langsam über die zerbrechliches Basis zwischen ihnen ausbreitete. Die goldene Iris flackerte rastlos im fahlen Licht des Morgens.
      "Charmant. Hab schon schlimmer ausgesehen...", murmelte er. Die Stimme war rau vom Schlafmangel.
      Cain stieß sich leicht vom geliehenen Fahrzeug ab und umrundete die schwarze Limousine mit ein paar wenigen Schritten.
      Wahrscheinlich gaben die drei Reisenden ein äußerst merkwürdiges Trio ab. Der Seeker ähnelte in seinem komplett schwarzen Outfit wie ein schlecht getranter Auftragsmörder inklusive schwarzer, enganliegender Handschuhe. Der Babylonier mit seinem eleganten Anzug, der wenig für eine ausgiebige Wanderung geeignet war, wirkte ebenso fehl am Platz wie das junge Mädchen, dass zwischen den Männern sofort heraus stach. Und niemand traute dem jeweils anderen über den Weg.
      "Vergiss es. Ich bekomm das allein hin.", zischte Cain und rieb sich mit dem Handballen unbewusst über das Brustbein. Etwas in seinem Kopf und Verstand rebellierte und begehrte gegen die Vorstellung auf, dass Anifuris seine Fähigkeiten ein weiteres Mal nutzte um die eisigen Klauen in seine Seele zu schlagen. Der Seeker sperrte sich gegen den Versuch der alten Seele und ohne für ihn sichtbar, schlug die goldene Aura kurzzeitig zu allen Seiten aus wie eine Warnung.
      Der Ausdruck auf dem Gesicht des Archivars wirkte simple gesagt recht erheitert. Mit dem Widerstand hatte er nicht gerechnet, aber es machte die gesamte Unternehmung umso spannender.
      "Nun denn. 'The Game's a foot'!", kicherte der Babylonier während er die Phrase rezitierte und öffnete schwungvoll die Tür zur Rückbank.
      Die Augenbraue des Seekers zuckte gefährlich, während er sich noch einmal umsah. Er wusste bereits, wo sie unterwegs das Fahrzeug abstellen würden. Den Rest des Weges ging es versteckt und zu Fuß durch die neblige Landschaft. Auskundschaften und Schwachpunkte erkennen.
      Ohne zu warten, schwang sich Cain hinter das Steuer und trommelte auf dem Lederbezug des Lenkrads herum.
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    • Wie der gute Beobachter, der Anifuris nun einmal war, schwieg er lediglich und ließ den Seeker machen. Er war ihm gegenüber feindlicher eingestellt als vielleicht jemals zuvor, vermutlich merkte er das nicht einmal richtig. Er fuhr einen kalten Krieg mit seinem Unterbewusstsein und merkte nicht einmal das.
      Anifuris Blick hinüber zu Mortimer war mehr als vernichtend. Scheinbar erheiterte dies alles den Babylonier mehr als dass es ihm Sorge bereitete. Obwohl es dies durchaus tun sollte. Denn dort, wo sie nun hinfuhren konnten kleine Fehler selbst für sie beide schwerwiegende Konsequenzen haben. Nun hatte der Seelendieb im Auto vor sich eine nervliche Bombe in Form eines Seekers sowie eine unberechenbare alte Seele, die sogar noch mehr Spaß daran fand als er selbst. Wieso noch gleich nahm Anifuris diesen Akt überhaupt auf sich? Ach ja - weil er sich Erkenntnisse aus den Untiefen des Verließes des Rates erhoffte.
      Schlussendlich schüttelte er lediglich den Kopf und setzte sich nach hinten auf die Rückbank neben Mortimer. Dann ging der Höllentrip mal los, den er sich selbst eingebrockt hatte.

      Scheinbar hatte Cain genau geplant, wie sie vorgingen. Das Dreiergespann war schweigend gefahren bis der junge Mann den Wagen abseits auf leicht abschüssigem Gelände geparkt hatte und meinte, von hier an würden sie per Fuß weitergehen. Der Nebel hatte sich nicht gelichtet sondern machte eher den Eindruck, als würde er noch dichter werden. Ein Umstand, der ihnen alle durchaus in die Karten spielte, wenn auch nicht unbedingt dem einzigen Menschen in der Runde. Verlor Cain die beiden Seelen aus den Augen würde er ohne sein Blind Eye vermutlich einen Moment brauchen, um sie wiederzufinden. Allein konnte er das Hell Gate sicherlich nicht stürmen.
      "In welche Richtung müssen wir?", fragte Anifuris ruhig nach und reagierte auf den Fingerzeig Cains mit einem Nicken.
      Dann zog er los, begleitet von Mortimer und dem Seeker über bewaldetes und grasiges Gelände. Die Feuchtigkeit lag schwer auf den Blättern und Grashalmen und hatte kurze Zeit später ihre Hosenbeine durchnässt. Ihr Schuhwerk war auch nicht hierfür ausgelegt, sodass die Nässe auch durch das Material drang. Mortimer war mit seinen etwas weiteren Klamotten wohl am schlimmsten dran, aber niemand hinterfragte es. Gerade er sollte sich dem spielend leicht annehmen dürfen.
      Nachdem sie eine Weile gegangen waren wurde Anifuris langsamer und hielt schlussendlich an. Er richtete sich gerade auf, vertraute auf den Schutz des Nebels, und streckte seine Aura aus. Es mangelte ihnen zwar an einem gewöhnlichen Sensoriktypen, aber mit dem Seelendieb konnten sie wenigstens andere Dinge erörtern. Zum Beispiel, dass in etwa zwei Kilometern vor ihnen ein Eingang in den Untergrund führte, der von mindestens zwei Menschen bewacht wurde. Dahinter nahm er zahlreiche weitere Auren von jeglichen Kalibern an. Und wenn er sich sogar anstrengte, dann könnte er sogar behaupten, eine bestimmte, leicht wahnsinnige brennende Aura wahrnehmen zu können, tief unter Tonnen von Erdreich begraben.
      Anifuris leckte sich über die Lippen. "Einfach bewachte Eingänge ohne Gefäße. Ich denke, sie haben Sicherheitsmaßnahmen im Inneren. Alles, was es durch den Eingang schafft, soll nie wieder herauskommen, könnte ihre Devise sein."

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    • Beiläufig berührte der Babylonier die taubehangenen Blätter der Sträucher zur seiner Linken.
      Langfingrige Hände streiften federleicht über junge Triebe und das feuchte Grüne der Flora, die sie im dichten Nebel umgab. Wie lange war es her, dass er etwas anderen gespürt hatte, als die staubigen Seiten alter Bücher und Manuskripte? Wann hatte Mortimer das letzte Mal mit ungetrübten Augen und frei die Welt in Augenschein genommen? Und obwohl er Materie in ihrer reinsten und ursprünglichsten Essenz nach seinem Willen formte und manipulierte, fühlte sich nichts realer und wahrhaftiger an, als die raschelnden Blätter unter seinen Fingerspitzen.
      Cain beobachtete den Babylonier mit scharfen Augen.
      Der Bibliothekar stach aus der nebligen Landschaft heraus, wie ein Schmetterling unter grauen Motten. Nicht durch eine exotische und bunte Farbgebung, sondern durch den teuren Anzug und dem Blick eines Träumers, der noch nie in seinem Leben die Welt außerhalb seiner Träume gesehen hatte. Es war beunruhigend, wie harmlos der Babylonier in diesem Moment wirkte. Der sanfte Ausdruck auf seinem Gesicht und die kindliche Neugier in den Augen hatten etwas Unheimliches. Keiner wusste, wann der Gemütszustand der alten Seele in das nächste Extrem umschlug.
      Über die Schulter des Archivars glitt sein Blick zum Seelendieb, der voran ging.
      Beim Anblick der schmalen Schultern zog sich etwas schmerzlich in seiner Brust zusammen in dem erfolglosen Versuch die fremdartigen Splitter in seiner Seele, von deren Existenz Cain nichts wusste, zu verstoßen. Hartnäckig krallten sich die fremden Partikel fest, wie kleine Parasiten. Kurz hielt der Seeker inne und riss den Kopf zur Seite, als ein verhallenden Lachen durch den Nebel erklang.
      Anifuris Worte rissen Cain aus den Gedanken und das Lachen in seinem Kopf verstummte. Hatte Anifuris recht und er wurde wahnsinnig? Aber ein nervtötendes Pochen in seinem Hinterkopf sträubte sich mit aller Kraft dagegen, den Seelendieb noch einmal sein Werk verrichten zu lassen.
      "Kannst du die Wachen ausschalten?", murmelte Cain und schloss zu Anifuris auf um in einem gebührenden Abstand neben ihm stehen zu bleiben. Aus dem Augenwinkel warf er einen flüchtigen Blick in das Gesicht des Mädchen, dessen Ausdruck unter dem Einfluss der alten Seele seltsam fremdartig wirkte. Eine Eigenart, die ihm schon immer einen Stich versetzte hatte. Auch jetzt, wobei er es eigentlich nicht fühlen durfte. Die goldene Aura war schon seit geraumer Zeit nicht mehr glatt und unbewegt, über traten fasrige Ausläufer aus der Hülle hervor und über seiner Brust tobte ein Wirbel aus feinsten Goldpartikeln. Zwischen den wirbelnden Wellen lugte hin und wieder etwas gänzlich anderes hervor: Schwärze, so dunkel, dass sie jedes Licht verschluckte.
      Mortimer, der auf der anderen Seite von Anifuris seinen Platz eingenommen hatte, fixierte die dichte Nebelfront.
      "Überlass mir die Sicherheitstüren. Der Mechanismus ist lächerlich und hält meinen Kräften nicht stand.", mischte sich der Babylonier ein und das smaragdgrün seiner Augen funkelte im Wettstreit mit dem Anhänger um seinen Hals.
      "Mein Wissen über das Hellgate ist leider etwas angestaubt.", fügte er hinzu und wandte sich an Anifuris. "Aber benutzen sie noch Bannkreise der Rubras als Versiegelung der einzelnen Sektionen? Spürst du etwas, mein Freund?"
      "Gemäß dem Fall es trifft zu, kannst du etwas dagegen tun?", fragte Cain an den Babylonier gerichtet.
      "Möglicherweise lassen Sie sich durch altbabylonische Runen aushebeln, aber das braucht seine Zeit.", antwortete Mortimer.
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    • Anifuris lauschte der kurzen Unterhaltung zwischen Mortimer und Cain nur beiläufig. Er hatte die Augen halb geschlossen und sich völlig darauf konzentriert, seine Aura wie kleine suchende Vögel auf den Weg zu schicken. Sie dabei nicht zu verlieren war eine Kunst für sich und bedurfte umso mehr Konzentration und Fähigkeit, je weiter sich die Aura vom Körper entfernte. Dann auch noch die eigene Signatur so zu ändern, dass man sie nicht direkt auf ihn zurückverfolgen konnte, setzte dem ganzen nur die Krone auf. Seine Sucher touchierten die beiden Wachen am Eingang und stahlen sich weiter ins Innere vor. Bis Anifuris plötzlich den Kontakt zu seinen Aurenfetzen verlor und schnappartig Luft holte.
      "Die beiden Männer sollten kein Problem sein", sagte er etwas kurzatmiger als beabsichtigt.
      Da erst bemerkte er den Seeker, der zwar in einer gewissen Distanz, aber immer noch neben ihm stand. Für einen Moment fiel der alten Seele alles aus dem Gesicht als er das reine Chaos der goldenen Aura sah. Ausbrüche in dieser Form waren nichts ungewöhnliches, erst recht nicht nachdem er mit der dazugehörigen Seele gespielt hatte. Die schwarzen Lücken jedoch, die sich immer wieder dazwischen zeigten, beunruhigten ihn mehr als nur ein wenig.
      Ein leises Fluchen entkam ihm. Im nächsten Moment sprang er den jungen Mann an seiner Seite regelrecht an. Wie erwartet reagierte Cain viel zu gut, besser noch als zu jedem vorherigen Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft. Da sich Anifuris mit seinem ganzen Körper ihm entgegenwarf konnte Cain den Schwung nicht abfangen und viel nach hinten über. Doch anstatt dumpf aufzuprallen warf er das Mädchen in einer Rolle über sich nach hinten weg. Er kam gerade noch mit dem Rücken auf dem nassen Boden auf während Syleas Körper einen Augenblick länger dafür brauchte. Als sich der Seeker auf alle Viere gerollt hatte kam Anifuris gerade mit dem Rücken auf dem Boden auf und starrte verdrossen durch die Grashalme zu dem jungen Mann herüber. Er streckte die Hand aus - und ließ einen ungerichteten Schwall seiner Aura direkt auf den ohnehin schon angeknacksten Mann los.
      Anifuris wusste, dass dieser immense Druck in Cains Zustand dafür sorgen sollte, dass er das Bewusstsein verlor. Doch statt wie ein nasser Sack zusammen zu klappen biss er nur die Zähne und kniff die Augen zusammen, als leide er immense Kopfschmerzen. Das reichte dem Seelendieb um sich auf alle Viere zu rollen und abermals nach vorn zu hechten. In der gleichen Bewegung presste er seine zierlich wirkende Hand auf die brennende Stirn und sprengte sich mit viel zu großer Gewalt durch die Schutzschichten der Aura von ihnen beiden. Es war nur ein Sekundenbruchteil, in dem Anifuris die fremdartigen Partikel in Cains Seele sah, nach ihnen griff und sie aus ihm herausriss.
      Gerade als er das geschafft hatte, katapultierte ein immenser Aurenpuls Anifuris von Cain weg. Die Verbindung löste sich, die fremdartigen Partikel lösten sich an der Luft einfach auf. Anifuris fiel nach hinten wieder ins nasse Gras, sein Blick ging in den Himmel, den er durch all den Nebel nicht sehen konnte. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Hand krallte sich krampfhaft in den Stoff an seiner Brust. Sein Mund war aufgerissen und er japste nach Luft.
      Der goldene Impuls war dermaßen stark gewesen, dass er durch Anifuris' Aura die haarfeine Silberschicht getroffen hatte, die Syleas Bewusstsein darstellte. Jetzt kam langsam Bewegung in den Silberstreif, der ganz seichte Wellen schlugen. Der Sandnebel in ihrem geteilten Bewusstsein fing an sich langsam zu verdichten, allerdings keine Form anzunehmen. Anifuris, im Besitz über die Kontrolle ihres Körpers, litt dadurch Aussetzter in Atmung und Pulsschlag. Verbissen versuchte er, sein Gleichgewicht herzustellen und kurz bevor ihm weiß vor den Augen wurde, beruhigte sich der Silberstreif wieder.
      Augenblicklich erlangte er einen gleichmäßigen Atemzug wieder und er rappelte sich ächzend auf die Beine. Ihm gegenüber stand Cain, den es scheinbar nicht so sehr getroffen hatte. Aber immerhin hatte der Seelendieb es geschafft, die Partikel wieder aus dem Mann zu lösen. Scheinbar hätten sie sonst mehr Schaden als Hilfe angerichtet.
      "Sorry", keuchte er und schüttelte seine feuchten Haare aus, "das war ein wenig... überstürzt."
      Er wartete nicht auf eine Reaktion als er seine Aufmerksamkeit auf Mortimer richtete.
      "Du kannst die beiden Menschen auch gerne in Gummibälle verwandeln oder was auch immer. Aber ich wusste nicht, dass sie Rubrakreise verwenden. Wenn ja, dann sollte ich leicht brechen können..."

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    • Der Angriff erfasste den Seeker völlig unvermittelt.
      Mit beeindruckender Wucht prallte der schlanke Körper der Rubra gegen seine Brust und brachte den angeschlagenen Cain damit aus dem Gleichgewicht. Nichts hätte ihn auf diese plötzliche Attacke vorbereiten können. Hart prallte der Seeker mit dem Rücken auf den taufeuchten Untergrund des Verstecks hinter der Böschung und es presste ihm förmlich die Luft aus den Lungen. Atemlos und mit einem erstickten Laut schnappte der überrumpelte Seeker nach Luft, ehe der Reflex seines Muskelgedächtnisses einsetzte. Den Schwung des Übergriffs ausnutzend beförderte er Anifuris von sich. Keuchend stemmte er sich auf alle Viere und kaum hatte er den Kopf herumgerissen, traf ihn die Aura des Seelendiebs in einer gewaltigen Welle.
      Der Schmerz, der hinter seiner Stirn explodierte, ließ grelle Lichtblitze in seinem Blickfeld tanzen und nahm ihm kurzzeitig die klare Sicht. Cain fasste sich an den Kopf und stieß ein schmerzerfülltes Stöhnen aus. Mit zusammen gekniffenen Augen erkannte er die Gefahr nicht, die erneut zum Sprung ansetzte. Eine Hand, die sich eiskalt an seiner erhitzten Stirn anfühlte, verstärkte den blendenden Schmerz in seinem Kopf bis ihm beinahe das Bewusstsein schwand. Etwas durchbrach die Schichten seine Aura und grub sich mit eiserner Gewalt bis zum Seelenkern vor. Es war pures Glück, dass Cain sie nicht durch einen Aufschrei verriet, denn ihm fehlte der benötigte Sauerstoff dafür. Eine Art gepeinigtes Gurgeln erklang tief in seiner Kehle, als musste er sich jeden Augenblick übergeben. Er erstickte.
      Für einen Sekundenbruchteil pulsierte die blanke Panik durch seine Aura.
      Der Druck in seinem Brustkorb baute sich in besorgniserregender Geschwindigkeit auf und entlud sich schlagartig in einem einzelnen, kräftigen Impuls. Die goldene Aura fegte einer Welle gleich über die Anwesenden hinweg, dass es selbst Mortimer in der Bewegung schwanken ließ, der das Spektakel mit unverhohlener Neugierde beobachtete. Mit erregter Faszination spürte der Babylonier das zaghafte Silber, dass sich im Bewusstsein des Seelendiebs rührte. Eine glühende Erkenntnis blitzte in den wissenden Augen des Archivars auf, während er darum bemüht war jegliche Regung aus seinem Gesicht zu verbannen.
      "Was...?", keuchte Cain, als er seine Atmung wieder unter Kontrolle hatte. Jedoch kam er über das erste Wort nicht hinaus, als er sich plötzlich zusammen krümmte und sich augenblicklich in das feuchte Gras übergab um einen brennenden Schwall Galle hervor zu würgen. Hustend kam er auf die Beine und wischte sich angewidert mit dem Ärmel über den Mund.
      Zornig trat er einen Schritt auf Anifuris zu und war sichtlich überrumpelt von der schieren Ignoranz des Seelendiebes zu dem Geschehenen. Cain schluckte die Frage und die langsam abschwellende Übelkeit herunter, als sein Blick zu Mortimer flog.
      "Mir scheint ihr zwei seid immer für eine Überraschung gut. Jedenfalls wird es nie langweilig.", kicherte der Babylonier. "Obwohl ich das Timing etwas bedenklich finde."
      Mit einem Kopfnicken sah er zu den beiden bewaffneten Männern in militärischer Kleidung, die zu ihrem Glück nichts von der Unruhe mitbekommen hatten.
      "Es wird mir ein Vergnügen sein.", flüsterte Mortimer. Bei dem eisigen Ton seiner Stimme gefror Cain das Blut in den Adern.
      Die smaragdgrünen Augen fixierten die Männer vor der massiven Stahltür.
      Ohne Vorwarnung explodierten die Überwachungskameras links und rechts des Eingang in die unterirdische Einrichtung. Dabei fielen keine winzigen Trümmerteile zur Erde sondern knallbunte Papierschnipsel. Selbst die Explosion hatte eher wie das dumpfe Ploppen einer kleinen Konfettikanone geklungen.
      Wer mit einem überraschten Aufschrei der Männer gerechnet hatte, wurde bitter enttäusch. Diese griffen sich ohne ersichtlichen Grund ins Gesicht und zerrten an schwarzen, enganliegenden Masken, die die untere Gesichtshälfte verdeckten. Es dauerte ein paar Sekunden bis das ungeübte Auge erkannte, dass der Stoff offensichtlich mit der Haut verschmolzen war und sich weiter ausbreitete bis es auch Nase und Augen bedeckte. Letztendlich verschwand das gesamte Gesicht vollständig unter der undurchdringlichen Schwärze. Verzweifelt kratzten Nägel über die Oberfläche, ehe die Körper der Männer zuckend und krümmend in sich zusammen brachen. Mortimer hatte die Wachen ohne mit der Wimper zu zucken außer Gefecht gesetzt.
      Entspannt schlenderte der Babylonier durch den Nebel auf die noch zuckenden Körper zu und schritt einfach an ihnen vorbei. Gebieterisch hob er eine Hand, die Handfläche noch vorn gekehrt, ehe er den Arm in einer wischenden Bewegung nach Links schwang. Unter einem Ächzen und metallischen Knirschen schoben sich die Stahlflügel der Türen zu beiden Seiten auseinander, wobei die komplizierten Bolzen der Schlösser einfach brachen und auseinander gerissen wurden.
      Mortimer blickte über seine Schulter zu seinen Begleitern und kratzte sich mit einem schiefen Grinsen am Hinterkopf.
      "Verzeihung. Ich war so lange nicht mehr im Außendienst, ich habe mich wohl ein wenig gehen lassen..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Anifuris wankte unmerklich und kaschierte es, indem er sich mit seinen Händen auf seinen Oberschenkeln abstützte. Natürlich war das hier das reinste Popcornkino für den babylonier gewesen und er hatte gespürt, wie eine Welle der Erkenntis den Archivar getroffen hatte. Natürlich war er viel zu aufmerksam, als das ihm die kleinsten Anzeichen entgehen würden.
      Folglich klickte der Seelendieb nur genervt mit der Zunge als der Babylonier sie auf das schlechte Timing hinwies. Keiner der beiden Männer am Tor hatte etwas von dieser Aurenexplosion mitbekommen, aber Anifuris fröstelte. Der Impuls war stark genug gewesen, dass zumindest zwei der dort unten eingeschlossenen Seelen darauf reagierten und eine Veränderung ihrer Aura anzeigten. Also waren mindestes zwei der Seelen dort unten in der Lage, etwas mit Auren anzufangen. Ein erwartetes Auskommen.
      Bei Mortimers Bestätigung hin fühlte sich Anifuris weniger getroffen als Cain. Sein Hinweis war offenkundig so gemeint, dass die beiden Männer vor der Tür einfach sterben sollte. Ein Tötungskommando in Form eines zu schick gekleideten Mannes, der viel zu leichtfertig in die eisernen Fänge des Bodenmauls wanderte. Und so sah Anifuris nur dabei zu, wie der Babylonier die Männer binnen Sekunden zu Fall brachte, die Kameras in Konfetti verwandelte und die schwere Eisentür so leicht entsicherte, als seien es Streben und Sicherungen aus Streichhölzern anstelle Eisenbolzen. Fast augenblicklich danach war der Seelendieb schon losgestampft und winkte Cain schlicht zu, dass er ihm folgen sollte.
      "Konfetti und Ersticken finde ich allgemein noch ziemlich harmlos", merkte Anifuris an als er über die zuckenden Männer herüber stieg und einen Blick auf die schwere Sicherung der Tür warf.
      Das bedeutete Abwehr gegen physische Gewalt. Weit und breit sahen sie allerdings noch nicht, dass gegen eine Gewalt wie ihre nützlich war. Der Rat musste eine Abwehrstrategie haben um Angriffe wie ihren abzuwehren. Jetzt war wohl Konzentration angesagt. Er stellte sich an Mortimers Seite und sah den langen, schräg abfallenden Gang hinab. Links und rechts gingen vorerst keine Türen ab. Weiter unten jedoch zweigte sich der Gang auf.
      "Ein Vorschlag. Alles, was uns physisch eine Gefahr werden könnte überlasse ich dir, alles was uns psychisch Probleme bereiten könnte fällt unter meinen Bereich. Was hältst du von der Aufteilung?"
      Abermals streckte er seine Aura ein winziges bisschen aus. In den nächsten Metern fand er keine Auffälligkeiten und auch an den Wänden entdeckte er keine verdächtigen Runen, die eingeritzt worden waren. Vermutlich kamen die nächsten Sicherheitsvorkehrungen erst weiter unten in den Gängen. Je tiefer sie in dieser Bestie stecken, umso schlechter kam man wieder aus ihren Gedärmen hervor.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Harmlos liegt wohl im Auge des Betrachters.", kicherte Mortimer und deutete mit einem Wink in Richtung des Seekers, der beim Anblick der letzten Zuckungen des erstickten Wachpersonals den Eindruck machte sich gleich ein zweites Mal ins Gebüsch zu übergeben.
      Cain hatte in seiner Laufbahn als Seeker schon einiges an Grausamkeiten gesehen. Die Kaltblütigkeit mit der Mortimer einen Mord beging, als würde er mit Strohpuppen spielen, traf ihn eiskalt und mit erbarmungsloser Härte.
      Für seinen persönlichen Geschmack bereitete es dem seltsamen Archivar ein wenig zu viel Freude. Cain hatte in seiner Laufbahn eine Vielfalt von Grausamkeiten gesehen, aber die Aura, die Mortimer umgab, bescherte ihm Ungehagen.
      Beiläufig zuckte der Babylonier mit den Achseln während sein Grinsen zu einer ungesunden Breite anwuchs bis es beinahe von einem Ohr zum anderen reichte.
      "Ein ausgezeichneter Plan, mein gerissener Freund.", stimmte der Bibliothekar vergnügt zu, als wäre ihm der Ernst der Situation nicht bewusst.
      Der Seeker warf einen vorsichtigen Blick in das Schlund aus kalten Metall und grauem Beton. Kaum überschritt Cain die erste Schwelle in den versteckten Eingang durchfuhr seinen Körper ein heftiger Ruck. Mit dem ausgestreckten Arm stützte er sich am stählernen Ramen der aufgebrochenen Tür ab. Ein Stimmengewirr erhob sich hinter seiner Stirn ehe er sämtliche Schutzmechanismen hochfuhr, die sein Verstand zu bieten hatte. Die schiere Anzahl an Bewusstseinen die auf engstem Raum an diesem Ort eingepfercht waren, löste fast eine vollständige Reizüberflutung aus - vor allem nach dem Übergriff von Anifuris. Cain schüttelte den Kopf, als könnte er mit dieser Methode die fremden Gedanken abschütteln.
      Der Lärm verstummte und schrumpte zu seinem monotonen Summe in einem gut versteckten Winkel seines Denkens.
      "Jemand hat uns bemerk," fügte Cain mit grimmiger Miene hinzu und betrat hinter Mortimer und Anifuris die Stufen, die ins Maul der Bestie führten. Die Veränderung der Aurasignatur in der Tiefe war ihm nicht entgangen.
      "Kannst du sie spüren, Anifruis. Ist Scintilla wirklich nocht hier?", fragte Cain mit gedämpfter Stimme und konnte nur hoffen das Jace sich nicht geirrt hatte.
      Die Treppen führten in einer Spirale in die Tiefe während um sie herum die Temperatur spürbar abfiel. Auf dem Weg nach unten fielen weitere Überwachungskameras in einer bunte Explosion dem Babylonier zum Opfer. Mittlerweile dürften auch die Sicherheitsmitarbeiter innerhalb von des Hellgate bemerkt haben, das etwas im Busch war. Immer mehr Bildschirme im Überwachungsraum färbten sich schwarz, bevor sie erkennen konnten, um wen es sich bei den Eindringlingen handelten.
      "Halt...", knurrte Cain und schob sich zwischen den beiden Seelen hindurch, denn er bisher zu seinem Leidwesen hinterher getrottet war wie ein gehorsamer Schoßhund.
      Mit einem stummen Kopfnicken deutete er an die Decke des gefühlt endlosen Korridors an dessen Ende sich ein Fahrstuhl befand.
      In die graue Betondecke waren feine Linien zu erkennen ebenso links und rechts an den Wänden sowie auf dem Boden. Ein Stück von ungefähr 10 Metern war geradezu mit haarfeinen Runen zugepflastert. Er fragte sich, was passieren würde, wenn einer seiner Begleiter den Korridor betrat. Was Cain spürte, war ein widernatürlicher Puls, der die Runen umgab.
      "Da wollte aber jemand auf Nummer Sicher gehen...", kommentierte Mortimer. "Das sind Runen des Rubra-Clans, wenn ich mich nicht irre."
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    • Anifuris warf einen Blick über seine Schulter zurück. In der Tat wirkte Cain empfindlich getroffen und plötzlich kam sich Anifuris ein wenig... unterschätzt vor. So ein Gesicht hatte der Seeker noch nie gezogen, egal wen er getötet hatte. Und das waren, mitnichten, so einige. Scheinbar hatte die gemeinsam verbrachte Zeit den Effekt mit sich gebracht, dass der Seelendieb harmloser oder gar sanfter erschien als der Babylonier. Er würde diesen Standpunkt dringend korrigieren müssen.
      "Ach, uns hat jemand bemerkt? Wiiiiirklich?", flötete er beinahe sorglos und spazierte an Mortimers Seite beschwingt die Treppenstufen hinab, die sie Meter für Meter tiefer unter die Erde bugsierten. "Es sind mindestens zwei Seelen hier eingekerkert, die etwas mit Auren anfangen können. Diese haben uns bemerkt. Aber ich kann dich beruhigen, kleiner Seeker, Scintillas Aura kann ich fühlen. Das kleine wahnsinnige Miststück liegt weiter unten in einer Einzelzelle."
      Eigentlich rechnete der Dieb damit, dass jeden Moment ein Schwarm an Sicherheitspersonal in den Gang strömte und sie angriff. Allerdings blieben solche Angriffe zu seiner Verwunderung aus, nicht einmal ein Menschenseele näherte sich ihnen. Als wären sie komplett allein bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in diesem Erdschlund.
      Kurze Zeit später erhellte ausgerechnet der Seeker die beiden Seelen, warum ihnen niemand entgegenkam. Cain schob sich zwischen den beiden hindurch und deutete auf die Decke, die über und über mit Runen gespickt war und deren Linien sich über die Seiten bis auf den Boden zogen. Was Mortimer ganz richtig bemerkte entlockte Anifuris ein selbstgefälliges Lächeln. Er schob den Seeker etwas harsch zur Seite und näherte sich den Linien an, die, je näher er kam, in seinem Kopf zu summen begannen. Kurz bevor die erste Linie begann ging er die in Hocke und richtete den Blick nach oben.
      "Nummer sicher gehen ist gut. Ich würde mir ehrlich gesagt sogar bei dir Sorgen machen, wenn du hier einfach durchmaschieren wolltest", kicherte Anifuris nachdem er sich in den Finger gebissen hatte und eine Blutlinie hin zu der Runenlinie zog. Augenblick dröhnte ein Puls ähnlich eines Gongschlages durch den Gang. Ein akustisches Signal, dass man versuchte, den Kreis zu brechen.
      "Man hat einen Rubraangehörigen genötigt, als diese Runen mit seinem Blut und Leben zu setzen. Betritt ein Vessel diesen Bereich wird die Verbindung von Seele und Körper getrennt. In den meisten Fällen wird die Seele sogar aus dem Körper gelöst. Du hingegen würdest vielleicht wie ein Fisch an Land auf dem Boden liegen bleiben."
      Anifuris zeichnete eine sehr alte Rune aus den Anfängen des Clans. Er verband sie mit seiner Blutlinie und brachte einige der Zeichen an der Decke und den Wänden zum leuchten und schließlich zum vollständigen Verblassen. Das widerholte er mit immer neuen Runen, die scheinbar die gezogenen überschrieben.
      "Das dauert einen Moment. Aber wenn man selbst die Zeichen begründet hat und das Wissen darüber verloren gegangen ist, helfen ihnen die Schutzmechanismen leider nicht viel", sinnierte er zufrieden während er Zeichen nach Zeichen aushebelte bis schlussendlich der Gang völlig normal aussah.
      Er war der erste, der eine Hand über die Linien streckte und nichts passierte. Seufzend stand er auf und klopfte sich den Staub von den Knien.
      "Schlaue Konstruktion. Sie wehren sich nicht gegen das Eindringen sondern eher dagegen, hier wieder rauszukommen", stellte der Seelendieb fest und fühlte gar, wie die alten Seelen im Inneren aufzubehren drohten. Sie spürten zwei der ihren und reagierten auf die Anwesenheit.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Bestätigung, das der Feuerteufel sich tatsächlich unter ihren Füßen befand, erfüllte Cain mit Erleichterung und gleichzeitig mit einer unterschwelligen Besorgnis. Im hintersten Winkel seines Verstandes pochte die bisher ignorierte Ahnung, dass Anifuris ihn geschickt an der Nase herumführte. Es gab keinen handfesten Beweis, dass seine Schwester die Übernahme durch Scintilla überlebt hatte.
      Etwas rührte sich im Seelenkern des Seekers. Hauchdünne Haarrisse auf zogen sich über die pulsierende Ummantelung, wie unzählige Sprünge in feinem Porzellan. Ungehört und ungesehen.
      Neugierige Augenpaare bohrten sich in den Hinterkopf des Seelendiebes, der auf die unzähligen Bannkreise zuging, als schlenderte er durch einen hübschen, friedlichen Park und nicht durch die Gänge eines Hochsicherheitsgefängnisses. Mortimers Blick funkelte wissbegierig über das angewandte Wissen, dessen Zeuge er wurde. Cain zeigte eine Mischung aus Skepsis und ehrlicher Verwunderung. Für einen Augenblick bildete er sich ein die säuerliche Note von Kränkung in der gefilterten Luft zu schmecken. Es war eine feine Nuance, die für gewöhnlich untergangen wäre.
      "Ich nehme an, dass der Ansturm an freiwilligen Gästen für einen Kurzurlaub eher dürftig ausfällt.", grinste der Babylonier und beobachtete fasziniert, wie die kunstvollen Blutrunen vibrierten. Von unsichtbarer Hand in Schwingung versetzt und fortgewischt Kreide von der Schiefertafel. Es war erstaunlich, was Anifuris mit ein paar Tropfen lebendigen Blutes anzustellen vermochte.
      "Abgesehen davon hat der Rubra-Clan mit wertvollen Informationen über die gefangene Seele in der alten Kirche nicht gerade um sich geworfen. Ich bezweifle, dass irgendjemand außer den Clanmitgliedern wirklich wusste, welche Mächte sie in Sylea eingepfercht hatten.", murmelte Cain und wagte als erster einen Schritt in den deaktivierten Zirkel. Als die Silben des Namens über seine Zunge rollten, flackerte das Gold in seinen Augen kurzzeitig auf wie die Flamme einer fast verlöschenden Kerze die einen neuen Schub Sauerstoff als Nahrung erhielt.
      "Zumindest wissen wir mittlerweile, dass der Rat nicht den blassesten Schimmer von deiner Existenz hatte, Anifuris. Allerdings verstehe ich immer noch nicht, wozu diese ganze Geheimniskrämerei gut war", fügte er hinzu.
      Vor dem Fahrstuhl blieb er stehen und glitt mit den Fingerspitzen über die blanken Knöpfe, die weder Nummern noch Buchstaben aufwiesen. Nachdenklich bildeten sich kleine Fältchen zwischen seinen Augenbrauen, ehe er einen winzigen Puls seiner Aura gegen das kühlte Metall schickte. Die ganze Zeit über hatte er seine Aura aus Selbstschutz nah bei sich gehalten.
      Cain erspürte die spärlichen Reste verblasster Seelen - menschlicher Natur - und drückte aus einem intuitiven Impuls heraus in scheinbar willkürlicher Reihenfolge die Tasten des Bedienungsfeldes.
      Mit einem klischeebehafteten 'Ping' setzte sich der Aufzug in Bewegung.
      "Kannst du spüren wie weit unter uns sich Scintilla befindet?", fragte der Seeker, während sie ungeduldig warteten.

      Spoiler anzeigen
      Scintilla befindet sich am tiefsten Punkt des Hellgate in Einzelhaft, in der Abteilung für unkontrollierbare Seelen mit der Klassifizierung "Elementare". Der Bereich muss größten statischen Belastungen durch diverse Elemente standhalten. Die Zelle von Scintilla ist eher vergleichbar mit einer großen Kuppel, deren Wände aus feuerfestem Material besteht.
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