[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Anifuris brauchte sehr zu seinem Gefallen nicht lange suchen. Er hatte bereits überprüft gehabt, ob die fremde Seele generell noch auf Erden wandelte und bereits damals hatte er eine Rückkopplung gespürt. Dass es sich dabei um weniger menschliches als übernatürliches handelte, hatte er dem Seeker damals verschwiegen. Und würde es weiterhin tun.
      "Das hätte ich nicht erwartet", gab Anifuris hörbar erfreut zu als er einen gleißenden Stern herausstellte, der sich inmitten anderer ebenso hell strahlenden Kugeln befand. "Es gab vor Ewigkeiten einmal ein Lager, in dem man potenzielle Vessel eingelagert hatte. Oder auch schwache Seelen. Damals war es nicht mehr als ein paar Höhlen, die in die Erde gegraben wurden. Aber scheinbar hat man da etwas dran geändert."
      Anifuris beschrieb dem Seeker die Highlands, die Richtung und die Entfernung, die er lokalisieren konnte. Er war dort das letzte Mal vor Jahrhunderten gewesen und konnte demnach nicht ausmachen, dass Hellgate das bestgesicherte Lager für durchgedrehte und potenziell tödliche Gefäße war. Alles was er bestimmen konnte war die schiere Dichte an mächtigen Seelen, die sich alle erstaunlich ruhig verhielten.
      "Hellgate nennen sie es nun? Wie einfallslos. Aber nun ja, sei es drum. Wie werden die Seelen dort festgehalten? Eine so große Dichte an Seelen auf kleinem Raum birgt immer Explosionspotenzial. Das grenzt schon an Fahrlässigkeit, außer der Rat hat ein kleines Sondermittelchen, mit dem er die Kontrolle wahrt."
      Instinktiv wunderte sich die alte Seele darüber, warum man Sylea nicht dorthin verfrachtet hatte. Die einzig logische Erklärung wäre gewesen, dass man ihn damals nicht hatte kategorisieren können und einen Transport demnach zu gefährlich emfpand. Durchaus logische Schlussfolgerung, wenn er das so denken durfte.
      "Wie lange ist das weg von hier? Ich habe eine unglaublich schlechte Einschätzung was Distanzen betrifft. Spätestens, seitdem es Autos und Flugzeuge gibt. Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich noch nie in einem dieser Metallvögel geflogen bin?"
      Er nutzte absichtlich dieses lächerliche Wort, um dem jungen Mann ein bisschen aus der Fassung zu bringen. Doch entgegen seiner Annahme schien es keinerlei Wirkung zu haben. Das unbefangen wirkende Lächeln in Anifuris Gesicht bekam langsam Risse und wurde ein wenig dunkler. Wie schnell sich Spielereien an der Seele niederschlugen...

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Tatsächlich zeigte sich kaum eine nennenswerte Regung im Gesicht des Seekers.
      Die Mimik wirkte beinahe wie in Stein gemeißelt, während das Grinsen auf seinen Lippen langsam verblasste und sich ein nachdenklicher Gesichtsausdruck heraus kristallisierte. Ein grübelndes Brummen erklang tief in seiner Kehle, als sich Cain mit dem Zeigefinger an die Unterlippe tippte. Anifuris beschrieb die Gegend mit erstaunlicher Präzision, dass sich das Bild einer malerischen Berglandschaft vor seinem inneren Auge auftat. Saftige, grüne Hügelkämme und kristallklare Seen, die von der Tourismusbranche liebend gern auf kitschige Postkarten gedruckt wurden. Der Seeker kannte dieses Gegend. Allerdings war es einige Jahre her, dass er dort gewesen war, zu klein, um sich an alle Details zu erinnern.
      "Glen More.", sagte Cain schließlich und rutschte etwas weiter an den Rand der Sitzfläche, die Ellbogen auf die Knie gestützt. "Die Gegend, die du beschreibst, ist Glen More in der Nähe von Aviemore mitten in den schottischen Highlands. Die Feiglinge verstecken sich ernsthaft in einem Naturschutzgebiet. Gesicherte Areale und nicht vollständig für die Öffentlichkeit zugänglich. Konntest du einen See in der Nähe erkennen?"
      Hellgate. Der Name war Cain nicht vollständig unbekannt, obwohl er die gesicherte und eigentlich strenggeheime Untergrundbasis selbst nie betreten hatte. Allein einen Fuß in die Verwahrungstrakte zu setzen, wäre der Tat gleich gekommen, Cain sprichwörtlich den Löwen zum Fraß vorzuwerfen. Zu viele Stimmen und Seelen, die nach Gehör verlangten und sich auf den Seeker gestürzt hätten.
      "Der Rat ist nicht für seine überragende Kreativität bekannt.", brummte Cain. Die Fußsoldaten des Rates in einfache Sektionen wie Seeker, Vessels und Hunter aufzuteilen, erschien ihm zu beliebig. In den letzten Tagen hatte er gelernt, dass jeder einzelne von ihnen viel komplexer und zu weitaus mehr fähiger war, als die Führungsebene ihnen zugestand. Sie konnte mehr sein, als Gefäße oder gehorsame Schoßhunde.
      "Bedauerlicherweise kann ich dir nicht erklären, wie sie die Seelen dort festhalten. Ich habe selbst nie einen Fuß in diese Anlage gesetzt. Allerdings befinden sich in Hellgate das Zentrum aller Forschungseinrichtungen in Großbritannien. Aller Ergebnisse und Erkenntnisse werden dort archiviert. Das Blind Eye wurde dort entwickelt. Vielleicht gibt es eine weitere Substanz, mit der sie die Vessels dort unter Kontrolle behalten. Aber ich gebe dir Recht. Eine sehr gefährliche Vorgehensweise, um die gefährlichsten Entitäten zu verwahren. Für eine fatale Explosion reicht vermutlich ein unachtsamer Funke..."
      Ein wahnsinniger Funke. Scintilla. Die Seele konnte einiges an Chaos und Unheil anrichten, wenn sie von der Leine gelassen wurde.
      Der Seeker hatte die Charakteristika studiert, um einen Weg zu finden, die Verrückte von Cordelia zu lösen. Ohne Erfolg.
      "Zwischen Aviemore und Edinburgh liegen knapp drei Fahrtstunden. Entweder brechen wir von hier auf oder wir versuchen eine Weile in Aviemore unterzutauchen und mehr über Hellgate herauszufinden. Vielleicht kann uns dein neuer Freund dabei behilflich sein?"
      Bei dem Gedanken an den Bibliothekar schüttelte es Cain ein wenig. Die kühle und aalglatte Art des Archivars war ihm nicht geheuer.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ein Naturschutzgebiet? Ja, ein See war in der Nähe. Gar nicht mal so unklug wenn man bedenkt, wie neugierig Kinder sein können. Es bedarf nur ein einziges ungeschicktes Kind um die ganze Anlage vermutlich hochzujagen", stimmte Anifuris zu nachdem er den Kreis gebrochen hatte und das Blut sich erst schwarz verfärbte, um schließlich im Rauch zu vergehen.
      Eine Substanz, die es vermochte, sogar alte Seelen zu betäuben? Dann musste man vermutlich den Körper betäuben solange die Seele noch keinen vollen Zugriff hatte. Aber falls dieser Moment eintreten sollte, dann musste der Rat etwas anderes haben. Und wenn es keine Substanz war, dann vielleicht einen Manipulator, wie er es selbst war. Was wiederum die deutlich größere Gefahr wäre.
      "Ich glaube, wenn du in die Gänge dort gewandert wärst hätte es ein paar Sekunden gebraucht und du wärst wahnsinnig geworden. Nimm's nicht persönlich, aber in dem damaligen Zustand hättest du all die Stimmen in deinem Kopf niemals ertragen. Selbst jetzt wäre ich mir nicht sicher", sagte Anifuris und bedachte den Seeker mit einem vielsagenden Blick.
      Allerdings war er mehr als interessiert daran, was der Rat dort noch so lagern mochte. Scheinbar war das die aktuelle Hochburg und er würde zu gern erfahren, wie man das Blind Eye mischte, um seine eigenen Schandtaten damit anzustellen.
      Er schlug sich auf die Oberschenkel als er sich schwungvoll erhob, das Buch von der Couch wieder unter seinen Arm klemmte und den Schlüssel hervorholte.
      "Eine wunderbare Idee! Treffen wir den Babylonier noch einmal. Vielleicht will er sich unserem Trupp ja anschließen. Ich habe da so ein Gefühl, dass die gute Seele vielleicht auch erfahren möchte, wen der Rat noch so eingesperrt hat", frohlockte die alte Seele und spazierte bereits zur Tür, vor der er stehen blieb.
      "Du solltest übrigens mir vorher sagen, wie es ausgeht, falls wir deine Schwester finden sollten. Was, wenn Scintilla sie bereits vollkommen übernommen hat? Was, wenn sie sich noch in der Phase der Verschmelzung befinden? Denn eines kann ich mit Sicherheit bestimmen: Deine Schwester wird den Kampf gegen Scintilla garantiert nicht überstanden haben. Ach, und mitkommen solltest du auch."
      Damit steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Ehrlicherweise ist Hellgate auch nicht mein Favorit unter den Ausflugszielen.", antwortete Cain mit undurchsichtiger Miene.
      Selbst in seinem aktuellen Zustand wäre er für die unberechenbaren und teils wahnsinnigen Insassen der unterirdischen Basis ein gefundenes Fressen. Der Mangel eines essentiellen Bruchstückes seiner Persönlichkeit schützte ihn nicht vor seinen eigenen Fähigkeiten, die überaus empfänglich für alles waren, das laut genug schrie.
      Der ruckartige Stimmungswechsel brachte den Seeker etwas aus dem Gleichgewicht. Ein leichtes Zucken schüttelte seinen Körper durch und er musterte den stürmischen Tatendrang der alten Seele mit der nötigen Skepsis.
      "Ich weiß genau, wohin wir müssen.", murmelte er noch und sah den kristallklaren See inmitten der schottischen Hügellandschaft bereits vor sich. Das Bild vor seinen Augen war so klar, als wäre er bereits vor Ort.
      Mit einem seichten Kopfschütteln erhob sich Cain ebenfalls vor der Couch und blickte an sich hinab. Die Kleidung war noch mit seinem eigenen Blut durch den untertrieben gesagt groben Beinbruch besudelt und zerrissen. Abgesehen davon trug er noch immer die Kleidung eines Nachtwächters. Mit einem Seufzen riss der Seeker den gefälschten Dienstausweis von der zerknitterten Uniformjacke und schleuderte diesen beiläufig auf den Couchtisch. Die Jacke landete über der Armlehne der Couch.
      "Warte.", erklang die ruhige Stimme des Seekers hinter Anifuris. Ein dezenter, genervter Unterton schwang in den Silben mit. Mit einer offensichtlichen Geste deutete er an sich herab und machte seinen fragwürdigen Verbündeten auf die Unordnung seiner Kleidung aufmerksam.
      "Macht es dem Herrn etwas aus, wenn ich mich vorher noch umziehe?", fragte er eher der Form halber und machte beinahe augenblicklich auf dem Absatz kehrt, um in dem angrenzenden Schlafzimmer zu verschwinden. Es dauerte nicht lange, da trat Cain zurück in den geräumigen Flur. Die klägliche Imitation eines Nachtwächters hatte sich verabschiedet. Stattdessen präsentierte sich der Seeker gänzlich in Schwarz und erinnerte damit mehr an den unterkühlten Mann auf der Waldlichtung. Die schweren Stiefel an seinen Füßen nahmen ihm nicht von seiner raubtierartigen Ausstrahlung. Schwarze Handschuhe wurden mit geübten Bewegungen über die Finger gestreift und das dunkle Haar im Nacken zu einem Zopf zusammen gefasst. Lediglich ein paar rebellische Strähnen fielen ihm dabei in die Stirn.
      Cain wirkte bereit für die Jagd.
      "Sollte der Rat sein Wort gebrochen haben und meine Schwester ist nicht länger.", begann Cain und überprüfte den festen Sitz seiner Stiefel, ehe er wieder aufblickte. "Jage ich den Bunker persönlich in die Luft."
      Mit einem Nicken deutete der Seeker auf den Schlüssel.
      Der Bibliothekar würde sie ohne Zweifel erwartet.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Anifuris rollte mit den Augen. Er hatte sich noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, dass Kleider Leute machten und dort, wo sie hingehen wollten, wäre die Kleidung das geringste Problem, um das sie sich scheren sollten. Allerdings war dieser leicht genervte Tonfall des Seekers zeitgleich eine Erinnerung an die alte Seele. Cain war noch immer der gleiche Mensch, aber doch anders. Das sollte er stets im Hinterkopf behalten wenn er seine Oberhand behalten wollte bezüglich Vorhersehbarkeit.
      Als Cain in seiner natürlichen Montur wieder zurückkam, bedachte Anifuris ihn lediglich mit einem abschätzenden Blick. Er horchte in sich, ob Sylea bei diesem Anblick eine Erinnerung wachrief, doch noch immer herrschte unendliche Stille. Eine Stille, die die alte Seele zwar begrüßte, aber das Gefühl nicht abschütteln konnte, die wahre Tragweite dahinter nicht zu erfassen. Noch immer fühlte er sich wie in Ketten gelegt, wenn auch etliche Glieder bereits gesprengt worden waren.
      "Deine Rachegelüste in aller Ehre, aber ich würde nicht versuchen, den Bunker in die Luft zu sprengen", merkte Anifuris hörbar ruhiger an, "du lässt damit eine Horde an wahnsinnigen Seelen auf die Welt los. Einer von ihnen unkontrolliert auf freiem Fuße ist schon gefährlich, aber eine ganze Ansammlung von ihnen könnte ganze Kontinente pulverisieren."
      Was sie Ansammlung auf solch kleinen Raum nur umso gefährlicher machte. Doch dann stoppte Anifuris in seiner Bewegung. Der Schlüssel steckte noch immer gedreht im Schloss während die alte Seele zu dem Seeker hinüberblickte und ihn musterte.
      "Ich vergesse immer wieder, dass du nur ein Mensch bist, kleiner Seeker. Du warst bis vorhin noch quasi außer Gefecht, vielleicht sollten wir es ein wenig... langsamer angehen." Ein unwirklich aussehender Ausdruck tauchte in den graubraunen Augen des Mädchens auf, das nicht mehr war. "Lass mich ein wenig Rücksprache mit dem Babylonier halten und du kommst erst mal wieder richtig auf die Füße. Sieht ja nett aus, was du da treibst, aber deine Beine zittern noch unter der Last."
      Er deutete beiläufig auf Cains Knie, die dank des Aufzuges weniger deutlich betont waren, aber ein Zittern nicht vollends kaschieren konnten. Ein Schulterzucken begleitete seine Handlung als er die Tür aufzog und buchstäblich in eine schwarze Leere starrte. Das war selbst für den Seelendieb neu.
      "Bin wahrscheinlich in ein paar Stunden wieder da", murmelte Anifuris bevor er in die Schwärze trat und spurlos verschwand.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein winziger Muskel um den Augenwinkel des Seekers zuckte.
      Das zwar verheilte, aber dennoch schmerzende Bein, ließ sich unter den wachsamen Augen der alten Seele nicht verstecken.
      Der Babylonier hatte den geteilten Knochen zwar in seine alte Position zurückgeführt, aber unter dem metallischen Silber, das seine Haut wie ein Netz durchzog, war der Knochen immer noch gebrochen. Prüfend und um vermutlich die Aussage von Anifuris zu widerlegen, legte er sein Gewicht auf das besagte Bein. Binnen Sekunden bereute Cain den trotzigen Versuch und musste ruckartig eine Hand zur nächsten Wand ausstrecken, um sich abzustützen.
      "Was geht mich der Rest der Welt an, wenn alles, was mir wichtig ist, fort ist.", murmelte Cain mehr zur sich selbst und blickte auf die Hand, die über einer dezent gemusterten Tapete lag. Welche gefährlichen Züge sich kristallisierten, war dem Seeker selbst nicht bewusst, doch hinter der goldenen Iris lag ein rabenschwarzer Schatten, der den glühenden Goldschimmer mit jedem verstreichenden Augenblick ein wenig mehr vergiftete.
      Der Seeker riss den Kopf förmlich herum, als Anifuris anscheinend beschloss auf eigene Faust den Babylonier in seinem Archiv aufzusuchen. Obwohl der Schmerz in seinem Bein durch den gesamten Körper zog und das heftige Auftreten ihn beinahe in die Knie zwang, eilte er auf die geöffnete Tür zu. Das Nichts lachte ihm höhnisch entgegen und der abschätzige Blick von Anifuris brannte sich in seine Netzhaut.
      "Wag es...", setzte Cain an und stieß mit einem dumpfen Aufprall gegen die Tür, die sich blitzschnell schloss nachdem Anifuris darin verschwunden war. "...nicht."
      Mit der geballten Faust schlug er gegen die Tür und lehnte seine Stirn an das glatt polierte Holz.
      "Hinterhältiger Mistkerl..."


      Das Archiv des Babyloniers wenige Sekunden später

      Mortimer Langdon saß in einem gemütlichen und etwas angestaubten Ohrensessel mit einem modisch fragwürdigen, moosgrünen Samtüberzug. Die Beine waren aus dunklem, eingeölten Holz. Ein Kenner erkannte eine Antiquität über Meilen hinweg.
      Der Archivar hatte seine Weste abgelegt und das Outfit eines Professors auf ein blütenweißes Hemd und eine dunkle Anzughose reduziert. Die Füße steckten dagegen tatsächlich in buntgestreiften Wollsocken, die er auf einem Hocker abgelegt hatte, der perfekt mit dem alten Sessel harmonierte.
      Der Babylonier hatte sich in seine Privaträume zurückgezogen.
      Hinter einem kleinen Raum, der wie ein steriles und langweiliges Büro voller Akten anmutete, befanden sich weitaus angenehmere Räumlichkeiten. Der Geruch war von einem dezenten Duft von Jasmin erfüllt, während ein Feuer in einem offenen Kamin prasselte.
      Alles an diesem Raum wirkte, als wäre ein Besucher nicht nur durch die Zeit gegangen sondern ebenfalls an einen anderen Ort teleportiert worden. Schwere Vorhänge aus edlen Farben und Materialien zierten Boden und Wände. Echtwirkende Flammen, aber ohne jegliche Hitze und somit Brandgefahr flackerten in ihren Wandhalterungen. Es war keine Kerze oder Ähnliches zu sehen, die Flammen schwebten frei in der Luft. Aus einer undefinierten Richtung erklang ein verhallendes Stimmengewirr, wie von einem altertümlichen Markplatz. Neben einem schweren, antiken Schreibtisch befand sich auf einer stufigen Erhöhung ein dekadentes Schlaflager mit mehr Kissen, als ein Mensch brauchte.
      Mortimer blickte von dem kleine Notizbuch in seinen Händen auf, als er ein Poltern aus Richtung des Büros vernahm. Die Feder auf dem alten Schreibtisch, die scheinbar wie von selbst schrieb, hielt ebenso irritiert inne wie der Archivar.
      Ein unverkennbares Surren versetzte die Luft in Schwingungen und kündigte einen überraschenden Besucher an. So zügig hatte Mortimer seinen neuen Freund nicht zurück erwartet. Neugierig lehnte er sich etwas vor und fixierte die unscheinbare Tür zu seinem Büro, die sich hinter seidigen Vorhängen verbarg.
      "Faszinierend. Äußerst faszinierend...", murmelte er.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Man sieht nichts.
      Man hört nichts.
      Man fühlt kaum etwas.
      Wie in einem luftleeren Raum, dennoch schwebend in einem weißen Raum des Nichts.
      Man friert nicht, man schwitzt nicht. Wie in einer wohligen Kugel schwebst du hier im Nichts.
      Du fühlst nichts, du denkst nichts. Du befindest dich in einem unendlichen Zustand des Seins, darauf wartend, dass jemand das Glas zerbricht.

      Anifuris polterte regelrecht in einem ihm unbekannten Raum. Er spürte deutlich den Wechsel der Realitäte, die ihn unweigerlich ins Straucheln brachte, kaum hatte er die Schwärze wieder verlassen und sich in einem fremden Raum wiedergefunden. Es dauerte ein paar Sekunden bis er den Raum als kleines Büro ausmachte, das allerdings verlassen war. Bei seinem Auftauchen war er gegen den Schreibtisch geprallt, weshalb er leise fluchte und sich den Beckenknochen rieb.
      Er sandte einen kleinen Aurapuls aus, eine Art Echolot, mit dem er zumindest feststellen konnte, dass er nicht allein war. Und dass diese grünliche Aura, die nach Weihrauch duftete, dem Babylonier in einem Raum hinter diesem Büro gehörte. Ein prüfender Blick, ob sich die Memoiren noch unter seinem Arm befanden, dann steuerte er die Tür an, hinter der er den Babylonier vermutete.
      Ganz wie es die Höflichkeit gebar klopfte er und wartete ab, bis er eine Bestätigung hörte. Erst dann öffnete er die Tür und schob die schweren Vorhänge zur Seite, um aufrichtig überrascht den Blick schweifen zu lassen. Die Luft surrte quasi voll Magie und wirkte so schwer und geladen wie zu jender Zeit, als er Höchstriten zu seinen Lebzeiten durchgeführt hatte. Der Raum war fensterlos und wurde nur durch Flammenscheine erhellt, die größtenteils ungebunden an den Wänden flackerten. Sämtliche Einrichtungen, Stoffe und Gerüche zeugten von einer längst vergangen Kultur und Zeitalter, die so ziemlich jeden Forscherdrang des Seelendiebs ansprachen.
      "Wenn die mir die Kathedrale auch so hergerichtet hätten, wäre ein Ausbruch ja hinfällig gewesen", bewunderte Anifuris den Raum nachdem er sich vorsichtig hineinschob und erst einmal klarkommen musste, dass die Magie im Raum ihn beinahe zu erdrücken schien. "Ich nehme an, man hat mein Eintreffen nicht so früh erwartet. Zugegeben, nach einer kleinen Planänderung hätte ich das auch nicht gedacht."
      Er blieb angemessenerweise in der Nähe der Tür stehen weil es ihm nicht wirklich behagte. Dies hier waren höchst eigene Privatbereiche einer EInheit, die vermutlich zumindest seiner Hülle gefährlich werden konnte. So unscheinbar Mortimer auch wirken mochte, wie er mit seinen bunten Wollsocken in unauffälligen Aufzug im Sessel lungerte, so schnell konnte die Stimmung kippen.
      "Ich dachte mir, ich frage mal vorsichtig nach, ob du vielleicht Interesse an einem kleinen Ausflug hättest? Wir sind auf der Suche nach jemanden und wie es der Zufall so will, befindet er sich im Hellgate. Sagt dir soch bestimmt etwas. Oh, sind das authentische Abhandlungen über babylonische Riten?", fragte er sichtlich interessiert nach als er Schriften auf dem Schreibtisch entdeckte, wo die autake Feder bereits ihren Dienst wieder aufgenommen hatte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Über das jugendliche Gesicht des Babyloniers zog sich ein breites, erfreutes Lächeln.
      Durch die Tür stolperte wie vermutet die flüchtige aber äußerst willkommene Gestalt einer jungen Vessel. Eine Gestalt, die nicht recht zu dem wissbegierigen und zielstrebigen Geist im Inneren passte. Eine anderes Gefäß wäre sicherlich passender für eine Seele wie Anifuris, aber manchmal musste ein jeder mit dem arbeiten, das zur Verfügung stand. Offensichtlich, wie Mortimer wusste, hatte Anifuris bei der Wahl seiner aktuellen Hülle kein Mitspracherecht gehabt. Ein Luxus, den nur wenige von ihnen besaßen. Vor allem jene, die einen gewissen Nutzen für den Rat hatten.
      "Willkommen in meinem bescheidenen Heim, mein Freund.", begrüßte Mortimer den Neuankömmling.
      Fragend und auf kindliche Art legte der Archivar den Kopf schief, während das Grinsen auf seinem Gesicht beinahe von einem Ohr bis zum anderen reichte.
      "Der Rat hat damit nichts zu tun. Bitte tritt näher. Ich versichere dir, du verletzt keine persönlichen Grenzen. Das hier...," lächelte der Babylonier mit der angebrachten Höflichkeit und vollführte eine elegante, ausschweifende Bewegung mit der Hand. "...ist lediglich eine konstruierte Illusion, die durch meine Erinnerungen gespeist wird. Nichts davon ist stammt wirklich aus dem alten Babylon. Bedauerlicherweise erfasst mich von Zeit zu Zeit ein lästiges Gefühl von Sehnsucht nach der Heimat. Sei mein Gast, Anifuris. Tee?"
      Mit einem Schnippen seiner Finger erhob sich eine filigrane Kanne aus reinstem Silber mit allerlei orientalischen Verzierungen, dazu der passende Silberbecher traditionell ohne Henkel. Der Duft nach frischem Jasmin stammte eindeutig aus der edlen Kanne. Beides schwebte wie ein stummes Angebot direkt vor der Nase seines Gastes, ehe die Kanne durch unsichtbare Hand geneigt wurde und sich die dampfende Flüssigkeit in den Becher ergoss.
      Mortimer hob seinen eigenen Tee an die Lippen und nippte an dem wohlduftenden Inhalt. Es hatte wirklich etwas Beruhigendes.
      "Hellgate? Selbstredend. Woran die Menschen auch glauben, wissen sie nicht, dass es tatsächlich Koordinaten für die leibhaftige Hölle gibt. Zumindest für Unsereins. Eingepfercht in winzige Zellen, jeder Stimulation und Aktivität beraut und beschränkt in unserer Entfaltung. Welcher von den bemitleidenswerten Teufeln erweckt dein Interesse?", murmelte er gedankenverloren, als spräche er mit sich selbst. Der überraschte Ausruf seines Besuchers schien ihn aus der Trance zu reißen.
      "Oh ja, tatsächlich verfasse ich gerade ein bescheidenes, persönliches Manifest über meine Forschung zur Umwandlung lebendiger Materie.", sprach er enthusiastisch und schwang die langen Beine vom Hocker. "Gegenstände zu manipulieren ist eine Sache, Lebendiges zu wandeln, fordert etwas mehr Fingerspitzengefühl. Altbabylonische Runen sind ein wunderbarer Stabilisator. Die neumodische Körperkunst ist da überaus hilfreich, um Symbole dauerhaft zu verewigen und ihre Wirkung über Jahrzehnte aufrecht zu erhalten."
      Mortimer schlenderte gelassen zum Schreibtisch herüber und begutachtete die fleißige Feder.
      "Ich muss dich dennoch freundlich an unsere Abmachung erinnern. Konntest du bereits einen Blick in das Manifets werfen?"
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    • Die Erklärung, dass all das hier nicht real war, ließ sogar den alten Seelendieb einen Moment andächtig schweigen. Über die Jahrhunderte hatte er viel gesehen, stand in Kontakt mit viel mächtigeren Wesen als er selbst es war, aber es erstaunte ihn jedes Mal aufs Neue, wenn er hochmagische Konstrukte sah. Erst recht, wenn er sich absolut sicher war, dass die Vorhänge sich in seinen Händen wahrlich real angefühlt hatten.
      "Was für ein Gast wäre ich, wenn ich ein Getränk ausschlage?", fragte Anifuris und sah dabei zu, wie eine Silberkanne samt Becher zu ihm schwebten und das Gefäß mit duftendem Tee auffüllte, kaum hatte er den henkellosen Becher in die Hand genommen.
      Selbst dieser einfache Becher wirkte genauso real wie alles andere hier im Raum. Nur mit dem Unterschied, dass die alte Seele spürte, dass dieses Gefäß einst mit Magie erzeugt worden war und demnach in seiner Realität angekommen war.
      "Ich muss gestehen, ich war viel zu lange nicht auf Erden als dass ich wirklich weiß, was die Menschheit dort fabriziert hat", gestand Anifuris während er langsam mit dem Becher in der Hand seine Runde zog. "Vor Ewigkeiten war ich mal dort, als es nur unterirdische Höhlen gab, wo der Rat einfacher zu haltene Gefäße verstaut hatte. Oder es zumindest versucht hatte. Dass es heutzutage ein Hochsicherheitstrakt ist, war mir nicht bewusst. Vorallem ist das grob fahrlässig. Angenommen, es befreit sich nur eine Seele, reißt sie die gesamte Anlage nieder und lässt einen Haufen an durchgedrehten Einheiten auf die Welt los. Wir suchen Scintilla."
      Auf Anifuris Nachfrage hin schien der Archivar endlich aus seiner gemächlichen Haltung zu erwachen und hob seine Füße von dem Hocker. Noch immer mit einer gewissen Vorsicht beobachtete der Seelendieb wie der Babylonier zu seinem Schreibtisch ging und einen Blick auf die Feder warf, die wie von Geisterhand über das Papier flog. Schweigend schloss er zu dem viel zu jung aussehenden Mann auf, der schließlich doch ein etwas heikleres Thema wieder ansprach.
      "Einen Blick habe ich hineingeworfen, ja", bestätigte Anifuris, "aber weiter als den Prolog bin ich noch nicht gekommen. Es gab da einen... hm... Zwischenfall mit dem kleinen Seeker, würde ich sagen. War nicht sehr erfreut darüber, dass ich ihm quasi Hausarrest verpasst habe und nun eigenständig einen Freund besuchen gegangen bin."
      Oh, und wie er sich vorstellen konnte, wie der gefrustete Cain in der Wohnung wie ein gefanges Tier umhertigerte.
      "Ich weiß, dass es eine gänzlich andere Sache ist, Lebendiges zu wandeln. Ich war mitunter der Erste, dem es gelungen war eine Seele im Körper eines anderen zu bannen. Der Rat hat sich dieses Wissen angeeignet und nutzt es nun in nicht perfektionierter Form. Weshalb mich brennend interessieren würde, wie er es schafft, durchgedrehte Gefäße im Untergrund zu halten. Sicher, man kann den Körper unter Drogen setzen wenn die Assimilation noch nicht vollständig erfolgt ist. Aber wie kriegen die Menschen erwachte Seelen wieder unter Kontrolle?"
      Er sah dabei seine eigene, kleine Hand an. Dieser Zustand hier war selbst für ihn neu. Ein anderes Bewusstsein wie ein Dämmerschlaf in sich zu wissen erschien ihm wie eine tickende Zeitbombe, die er nicht zu streicheln wagte.
      "Babylonische Runen hatte ich zur Zeiten meiner Forschung nicht. Darf ich da mal ein paar von sehen? Ich hatte mein eigenes System mit den Blutrunen entwickelt, die sich anhand der Aurenfarbe verhielten. Im Übrigen ist die Kette im Archiv da hinten auch von mir. Das war das erste Mal, dass ich etwas Lebendiges erfolgreich in etwas Totes fesseln konnte. Ich glaube, sie nimmt mir das immer noch übel..."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Beiläufig überflog der gewissenhafte Archivar die fleißige Feder.
      Der Schreibtisch stellte sich als ein heilloses Chaos heraus, denn kreuz und quer über das edle Holz waren Papiere mit Notizen verstreut. Das Durcheinander passte einerseits nicht zu der peniblen Ordnungsliebe des Babyloniers, andererseits spiegelte es allzu gut die sprunghaften Gedankenwechsel des Mannes an, der in diesem Augenblick unzufrieden mit der Zunge schnalzte. Die Schreibfeder, die offensichtlich aus der Schwungfeder eines Raubvogel gefertigt wurde, hielt zitternd mitten im Wort still, als erwartete sie voller Spannung, was ihren Herrn und Meister verstimmt hatte. Ruckartig setzte sich die Feder erneut in Bewegung und strich laut kratzend den kompletten ersten Absatz der neuen Seite durch um von Neuem zu beginnen. Jede Silbe entsprang einer uralten Sprache, die längst in Vergessenheit geraten war.
      "Scintilla?", fragte Mortimer und zog dabei eine Augenbraue sachte in die Höhe. Das Grinsen auf seinen Lippen erinnerte an eine Katze kurz vor dem Sprung auf ihre Beute. "Das verrückte Weibsbild besitzt keinerlei Selbstbeherrschung. Der Bezug zur Realität ist unserem kleinen Feuerteufel schon vor Jahrhunderten abhandengekommen. Sie ist nicht kontrollierbar. Welches Interesse haben du und dein zahnloser Schoßhund an ihr?"
      Scintilla war durchaus in der Lage ganze Landstriche in Folge eines frustrierten Ausbruches auszuradieren. Eine Wahnsinnige, die eine ganze Stadt in Schutt und Asche legte, wenn sie nicht ihren Willen bekam. Die Charakteristik erinnerte an einen Teenager, der das Wort 'Nein' nicht akzeptierte. Grob gesagt, war sie das auch. Mortimer kannte die Geschichte hinter Scintilla und ihres grausamen Ablebens. Wie ein rachsüchtiger Poltergeist klammerte sich die leicht reizbare Seele an vorzugsweise junge Mädchen als Gefäße.
      "Der kleine Seeker besitzt also tatsächlich Temperament?", schmunzelte der Babylonier und beschäftigte seine Hände damit, die verstreute Papiere auf einem sauberen Stapel abzulegen. Es war nicht ersichtlich ob er dabei ein System verfolgte oder alles wahllos aufeinander schichtete. "Ein Zwischenfall, soso...Ich nehme nicht an, dass du vorhast mich dahingehend zu erleuchten, mein Freund?"
      Die Neugierde in den Augen, die zu alt für sein jugendliches Gesicht waren, ließ sich kaum übersehen.
      "Der Rat geht, gelinde gesagt, äußerst laienhaft vor. Die Gefäße sind minderwertig und zu schwach.", murmelte Mortimer und setztes ich kurzerhand auf die freigeräumte Fläche des Schreibtisches, um elegant ein Bein über das andere zu schlagen. "Eine erzwungene Verbindung zwischen uns und einem Gefäß, dass kaum mehr Fassungsvermögen besitzt als eine dieser hübschen Teetassen, kann nicht von Erfolg gekrönt sein. Ihnen fehlt das entscheidende Puzzleteil. Jemand, der dazu in der Lage ist, eine Verknüpfung zu weben. Deine bedauernswerte Gastgeberin besäße eventuell das notwendige Talent dafür. Mit der richtigen Ausbildung und Anleitung, versteht sich. Aber das möchte doch niemand..."
      Das Grinsen verdunkelte sich ein paar Nuancen. Es war schwer zu sagen, welche Gedanken Mortimer durch den Kopf wirbelten. Generell schienen seine Stimmungsschwankungen von unberechenbarer Natur.
      Plötzlich klatschte der Babylonier begleitet von einem erfreuten Lachen in die Hände, wobei die Teetasse zwischen seinen Handflächen im Nichts verschwand, als wäre sie in einem winzigen, schwarzen Loch in seiner Hand verschwunden. Ein ausgeprägtes Gehör hörte vielleicht sogar ein leises 'Plop'.
      "Es ist wahr. Sie stellen die Körper ruhig.", bestätigte Mortimer. "Im Prinzip kontrollieren wir unsere geliehenen Körper, wie ein Fahrzeug. Funktionieren notwendige Teile nicht, haben wir keine Möglichkeit ihn zu nutzen. Sie versetzen die Körper in einen komatösen Zustand und berauben sie jeder Sinnesstimulation. Nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen. Völlige Bewegungsunfähigkeit. Nur der Geist bleibt wach. Wenige Seelen besitzen dein begnadetes Talent zur Manipulation. Kannst du dir vorstellen, was das mit einer Seele anrichtet? Und mit der Seele des unfreiwilligen Wirts, sofern noch existent?"
      Für eine solche Ausführung wirkte der Mann auf dem Tisch besorgniserregend gut gelaunt. Mit einer ausschweifenden Armbewegung deutete er auf die Schriftstücke hinter sich.
      "Bitte, sei mein Gast und sieh dir an, was dein Interesse weckt.", nickte er. "Ja, die Kette ist ein faszinierendes Objekt und ich versichere dir, mein Freund, sie ist stinksauer. Vor ein paar Jahren hat der Anhänger so stark vibriert, dass ihre Schwingungen mehrere meiner Schaukästen sprengten. Ich finde heute noch Glasscherben in den kleinsten Winkel. Äußerst ärgerlich und sehr unhöflich."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ich muss gestehen, dass ich Scintilla lediglich vom Weitem habe einmal beobachten dürfen. In direkten Kontakt mit ihr stand ich noch nicht, allerdings scheint das gute Weib schon viel zu lange sämtliche Rationalität verloren zu haben. Der kleine Seeker hat leider das Pech, dass man das Weib in seine Schwester versucht hat zu pflanzen. Ihr Körper existiert noch, aber ich spüre praktisch keine Menschlichkeit mehr wenn ich nach ihr suche. Ich denke, seine Schwester existiert schon lange nicht mehr."
      Anifuris hatte sich neben dem wüst wirkenden Schreibtisch platziert, der Silberbecher noch immer dampfend in seiner Hand während er dabei zusah, wie die Schreibfeder regelrecht eskalierte und einen ganzen Absatz einfach strich. Nachdenklich nippte er an dem Tee und musste seine Gedankengänge für einen Augenblick unterbrechen, in dem er anerkennend einen Blick in den Becher warf.
      Als er seinen Blick wieder auf Mortimer richtete, sah er gerade noch, wie eben jener ihn mit unverholener Neugier beäugte. Für den Babylonier war der Seelendieb eine willkommene Abwechslung in seinem sonst so tristen, scheinbar unendlichen Leben. Wie viele Hüllen hatte man ihm wohl gestellt in der unvorstellbaren Zeit seiner Existenz? Was hielt ihn davon ab, durchzudrehen wie sie alle anderen?
      "Zwischenfall in einer anderen Hinsicht. Ich habe dem kleinen Seeker seine Neutralität zurückgegeben", offenbarte er leise, nicht gerade schlüssig darüber, ob es klug war zu zeigen, was er konnte. Allerdings hatte Mortimer bereits gesehen, wie einfach er eine andere Seele absorbiert hatte. Da sollte der Rest nicht tragischer sein...
      "Ich habe ihm die Fähigkeit genommen, zu lieben. Diese Uremotion fehlt ihm nun, damit er objektivere Entscheidungen treffen kann. Und da bekanntlich nichts einfach ausgelöst werden kann, schläft dieser Teil nun in mir."
      Er führte seine freie Hand an seine eigene Brust und wusste, dass der Archivar nicht sehen können würde, dass es ein Seelenfragment war, was er tief in seiner eigenen vergraben hatte und dort nur auf seinen Einsatz wartete. Es störte die Ureigene Turbulenz seiner eigenen Seele nicht und lag wie ein Schatz vor den neugierigen Blicken der anderen verborgen.
      Anifuris kam nicht drum herum zu bemerken, dass er Mortimer ein wenig irritiert betrachtete. Viel zu elegant setzte er sich auf die freie Fläche am Schreibtisch während neben ihm die Feder unaufhaltsam weiter unaussprechliche Worte niederschrieb. Tatsächlich fühlte er sich in diesem Moment etwas fehlplatziert in diesem Raum, der aus einem Erinnerungskonstrukt bestand, tief unter der Erde. Seine Miene wurde undeutlich als er hörte, dass der Archivar das gleiche vermutete, zu dem Sylea imstande sein konnte.
      "Ich fürchte, sie brauch nicht einmal die Anleitung dafür. Unwissentlich hat sie es mit uns bereits getan weil sie hoffte, mich damit unterbrechen zu können. Ich habe noch nie gesehen, dass man Auren so delikat ineinander weben kann. Wenn sie jetzt noch herausfindet, wie man die Farben in Relation zur Seele betrachten muss, dann kann sie für jede Seele das passende Gefäß bestimmen. Ihre Affinität kommt einzig von ihrer silbernen Aura und gepaart mit dem Gold des Seekers könnte sie vermutlich sogar dich aus deinem jetzigen Körper ziehen und in einen anderen stecken", ließ er den Archivar weiterhin an seinen Gedanken teilhaben und ertappte sich dabei, wie er sich schon fast freute, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.
      Nachdem er die Erlaubnis von Mortimer bekommen hatte, ließ Anifuris seine aufmerksamen Augen über alles gleiten, das auch nur ansatzweise von Wert für ihn sein mochte. Er hatte schon lange nicht mehr an seinen Forschungen und Erkenntnissen gearbeitet, zumal er satte zehn Jahre einfach weggesperrt worden war. Bei diesem Gedanken drehte er sich ein wenig im Kreis, als er urplötzlich innehielt und wie gebannt ein paar Schriftzeichen anstarrte, die scheinbar willkürlich auf irgendwelchen Papieren niedergeschrieben waren.
      Sie ähnelten den Zeichen im Kreis an der Kathedrale.
      "Ich brauche mir nicht vorstellen, was es mit der Seele macht. Ich sehe es." Seine Stimme war abgelenkt als seine Fingerspitzen über die Zeichen glitten und eine böse Vermutung in ihm wachwerden ließ. "Der Seelenspiegel sieht anders aus als die Aurenfarbe, die der ein oder andere von uns noch sehen kann. Aber ich kenne niemanden, der sich durch die Aura graben kann und den Kern, die Seele, sieht. Deswegen konnte ich Inola in die Kette bannen weil ich jede einzelne Facette ihrer Seele bestimmen konnte. Jede Regung, jeden Winkel, jede Farbe und jeder Ton. Ich konnte diese Bausteine nach meinen Wünschen ändern, verdrehen, bis ich sie an den Tonus der Kette, einem toten Objekt, anpassen konnte. Weil ich mit ihrer Seele gespielt habe hat sie sich verändert, wurde jähzornig, von Rache zerfressen. Ursprünglich war sie allerdings eine zuvorkommende, liebenswürdige Person gewesen."
      Anifuris zuckte mit den Schultern als er sich von den Aufzeichnungen losriss und den Tee in einem hinunterstürzte. Unverwandt ließ er den Becher einfach los und sah verzückt dabei zu, wie er sich noch im Fall auslöste und einfach verschwand.
      "Und da es mich in den Fingern juckt zu sehen, wen der Rat noch eingesperrt hat, bin ich geneigt, mir dieses Höllentor einmal anzusehen. Da ich allerdings nicht weiß, was mich erwartet wäre etwas Unterstützung vielleicht nicht verkehrt. Ein kleiner Spaziergang in deinen Augen, wenn ich mal so sagen darf."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Bedauerlicherweise trügt dich dein Gespür nicht. Die Existenz der Gesuchten dürfte bereits im Augenblick der Besetzung buchstäblich in Flammen aufgegangen sein. Scintilla merzt das Bewusstsein des Wirts vollständig aus. Sie ist getrieben von Zorn und Rachsucht, obwohl ihre Mörder bereits seit Ewigkeiten unter der Erde verfaulen. Das Feuer übte schon immer eine gewisse Faszination auf sie aus. Ein Unglück führte zur weiterem Unglück. Letztendlich erging es Scintilla wie vielen bemitleidenswerten Menschen, die in dieser dunklen Zeit der Menschheitsgeschichte aus der Menge hervorstachen."
      Mortimer sprach sachlich als rezitiere er aus einer angestaubten, historischen Chronik. Sein Blick wanderte über die zuckenden Flammen im Kamin, die sich lechzend und hungrig am Sauerstoff labten. Der Ausdruck auf seinem Gesicht erschien entrückt, als blickte er durch das flackernde Feuer in eine längst vergangene Zeit. Der Babylonier mochte mächtig sein, aber die Gabe die Zeit zu durchschreiten, war auch ihm nicht gegeben. Dafür besaß er ein hervorragendes Erinnerungsvermögen.
      "Scintilla, in ihren ersten Leben Susannah Martin, wurde bei den Hexenprozessen von Salem verurteilt und erhängt. Eine Erleuchtung für die Gute, die noch am Strick aus unerklärlichen Gründen in Flammen aufging. Seitdem wütete sie unkontrolliert durch die Weltgeschichte. Ich frage mich, wie dein kleiner Seeker auf die Neuigkeiten reagiert. Ein Blick auf ihn reichte, um zu erkennen, dass er von Schuld geradezu zerfressen ist. Du magst ihm die Fähigkeit zu lieben genommen haben, aber ich frage dich, was geschieht mit Menschen die an ihrer Schuld ersticken und nichts mehr haben, dass ihnen Hoffnung gibt?"
      Obgleich der grausamen Worte verzerrte ein wölfisches Grinsen sein Gesicht, als amüsierte ihn der Gedanke an das Ausmaß der Katastrophe. Wozu war der Seeker mit der goldfarbenen Aura imstande, wenn die Dunkelheit über ihn hereinbrach? Ein Schauspiel, dass in den Augen des Archivars durchaus sehenswert war. Finsternis machte vor niemandem halt, auch nicht vor einer guten Seele, die stehts alle anderen über sich stellte.
      Überrascht hob Mortimer eine Augenbraue und betrachtete Anifuris mit einem Mal wie ein überaus seltenes Exponat.
      "Tatsächlich?", fragte er und lehnte sich etwas auf dem Tisch zurück, den Oberkörper mit den Armen auf der Tischplatte abgestützt. "Leider muss ich zugeben, dass ich diesen Umstand nicht vorausgesehen habe. Rein instinktiv, sagst du? Das ist ebenso faszinierend wie gefährlich. Ich zweifle nicht an deinen Fähigkeiten, die sicherlich ihres Gleichen suchen, aber du hockst auf einem Pulverfass, mein Freund. Die Kleine und der Seeker sind eine explosive Mischung. Du magst die Verschmelzung unterbunden haben, aber das relativiert nicht die enge Verbindung. Der Seeker mag vergessen haben, wie sich Liebe anfühlt, aber deine Begleiterin wird es noch wissen. Sag mir, ist sie dem Zorn zugeneigt? Wie wird sie reagieren, wenn sie erfährt, dass der Mann der sie eigentlich lieben sollte, das Schicksal seiner Schwester über ihres stellt?"
      Der Babylonier verfiel in langes Schweigen.
      Die Ausführungen über die Kette erweckten einen neuen Funken der Begeisterung. Die Fingerfertigkeit, mit der die Seele in das Kleinod gebannt war, war bewundernswert. Und dennoch brachte ihn die Kette bei seinen eigenen Forschungen nicht weiter. Anifuris manipulierte die Seelen selbst, Mortimer manipulierte feste Materie nach seinem Willen. Seele und Körper. Nur der Teufel persönlich wusste, wozu die beiden in der Lage sein konnten, wenn sie ihre Kräfte kombinierten.
      "Ich beneide dich um deine Aurasicht, mein Freund. Den Dingen auf diese Art auf den Grund zugehen...Beneidenswert.", grinste er. Es war eine außergewöhnliche Freunde, sich mit einem Gleichgesinnten zu unterhalten. Das hatte es seit über tausend Jahren nicht mehr gegeben. Mortimer hatte viele Dinge vergessen oder kümmerte sich nicht darum, aber eines hatte er nie verdrängen können. Einsamkeit.
      "Ein Ausflug in die Highlands?"
      In einer geschmeidigen Bewegung glitt der Archivar von dem kostbaren Tisch und schob sich eine Strähne dunklen Haares zurück.
      "Ein wenig frische Luft wäre angebracht."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Teil dem Seeker nicht mit, dass seine Schwester nicht mehr ist. Er wird ansonsten zu früh einen Zusammenbruch kriegen, den ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingeplant habe", teilte Anifuris Mortimer mit während er bereits wieder nach dem Schlüssel fischte.
      "Mir persönlich ist es eigentlich egal, ob er an seiner Schuld erstickt oder sonst was. Im Notfall verwandel ich ihn in einen sabbernden Haufen Zellen solange er mir goldene Aura nachproduziert. Er ist ein Verstärker sondergleichen. Ich konnte mit ihm viel zu leicht die Barrieren einer Seele durchdringen, die viel älter war als ich. Es hätte Wochen gedauert, wenn ich es auf die übliche Art und Weise versucht hätte."
      Wie ein kalter Windzug schob sich die einstige Aura von Helyon über sein Gemüt, ein letzter Gruß der Seele, die nun in seiner verschmolzen war und das Purpur bildete, das nun seine neue Aura war. Dann warf Anifuris einen Blick zum Archivar, der nicht weniger ernst sein konnte.
      "SIcher, das Mädchen ist ein Pulverfass. Aber sie ist und bleibt ein Kind, das keine Ahnung von der Außenwelt hat. Ich weiß nicht, ob du es noch nicht gemerkt hast, aber sie ist dormant. Seit der Aktion in der Wohnung ist sie einfach weg und doch da. Ihr Bewusstsein hat sich in Staub aufgelöst, ungerichtet und konfus, der noch immer durch mein Selbst driftet. Das ist ein Zustand, den selbst ich noch nicht so kannte. Ich weiß nicht, ob sie jemals wieder zurückkommt. Folglich weiß ich auch nicht, ob sie sonderlich zornig sein würde. Ja, sie hegte schon mal Rachegelüste, aber nichts außergewöhnliches."
      Schlussendlich zuckte er nur mit den Schultern und pilgerte zurück zu der Tür, die ins das Büro führte. Er zog die Tür zu, steckte den Schlüssel noch mal rein, drehte und öffnete die gähnende Leere dahinter. Wirklich praktisches kleines Spielzeug, das der Babylonier ihm gemacht hatte.
      "Dann würde ich mal sagen, wir sammeln unseren kleinen Seeker einmal zum Spielen ein", grinste Anifuris und trat zusammen mit Mortimer durch das schwarze Nichts.

      Der Seelendieb stolperte genauso ungeschickt wie zuvor durch das Nichts und in die Wohnung Cains. Hinter ihm folgte der Archivar sichtlich eleganter und schloss die Tür hinter sich während Anifuris die Ohren spitzte. Wo steckte der kleine Seeker?
      "Ich hab Besuch mitgebracht!", frohlockte Anifuris und legte sorgsam die Memoiren zur Seite, die er noch immer unter seinen Arm geklemmt hatte. "Wir können einen Ausflug zu dritt machen, was hältst du davon?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Verschwiegenheit.
      Mortimer verzog missbilligend das Gesicht angesichts des aufregenden Chaos, das ihm dabei durch die Finger glitt.
      "Dann tust du gut daran, deinen Goldesel bei Laune zu halten.", riet der Babylonier.
      Einem Menschen ohne Liebe, fehlte die Balance. Es war nur eine Frage der Zeit bis der Seeker zu schwanken begann.
      Andererseits überwog der Mehrwert seinen neuen Freund nicht allzu früh zu vergraulen, ein kurzes und amüsantes Scharmützel. Zustimmend nickte der Archivar und erhob einen Zeigefinger, um Anifuris kurz zu bedeuten etwas Geduld zu haben. Wenn Mortimer etwas besaß, dann war es Zeit und er sah keinen Grund, der ihn zu überschwänglicher Eile drängte.
      Mit sichtlicher Ruhe schlenderte der Babylonier durch den Raum und verschwand kurzzeitig hinter einem der luxuriösen Vorhänge. Als er nach wenigen Augenblicke zurückkehrte, trug er vernünftige Schuhe aus dunklem Leder an den Füßen. Passen ausgewählt zu dem eleganten Dreiteiler aus Anzughose, Wese und Jackett. Niemand, der ihn ansah, würde das Outfit als geeignet finden um in einen Hochsicherheitsgefängnis unter der Erde einzubrechen. Aber Mortimer war offensichtlich sehr zufrieden mit der Auswahl des edlen Anzuges, der von einer teuren und namenhafte Marke war. Einer gewissen Modernität konnte sich auch eine uralte Seele nicht entziehen. Er verzichtete für diesen kleine Ausflug auf den altertümlichen Touch. Und auf eine störende Krawatte. Das Hemd war bis tief unter das Schlüsselbein aufgeknüpft und gab den Blick auf das Medaillon frei, das in derselben Farbe seiner Augen schimmerte und eindeutig Lichtreflexe und Schatten beinhaltete, die nicht von der Beleuchtung herrührten. Er hatte es schon bei der ersten Begegnung getragen.
      Die plötzliche Schwankung der Aura veranlasste Mortimer kurz inne zu halten.
      Die glühende, zornige Art, die ihm entgegenschlug, ordnete er dem armseligen Tropf Helyon zu. Erstaunlich wie Anifuris es schaffte eine derart dominante Aura zu assimilieren. Ein wirklich begnadetes Talent.
      "Wenn Sie noch existent ist, kann sie auch zurückkehren. Es benötigt lediglich den richtigen Anreiz.", sprach Mortimer und machte eine beiläufige, fast wegwerfende Bewegung mit der Hand. Der Katalysator saß vermutlich direkt vor Nase seines ungewöhnlichen Freundes sobald sie zurückkehrten. Und er schäumt ohne Zweifel vor Wut.

      Bevor Anifuris seinen Satz beendet hatte, stand der Seeker bereits auf den Füßen.
      Cain sprang förmlich von der bequemen Couch. So ungern er es auch zugab, hatte Anifuris Recht behalten. Eine kleine Verschnaufpause hatte Wunder gewirkt. Lediglich das gelegentliche Ziepen seines Beines zerrte an den eh bereits zu dünnen Nerven. Wie ein überreiztes Raubtier, dessen Beute ihm zwischen den Pfoten hindurch geschlüpft war, führte seine eiligen Schritte Cain in den Flur.
      Es kochte unter der glatten Hülle aus Gold, als er Anstalten machte Anifuris am Kragen zu packen. Dabei schien es ihn wenig zu kümmern, dass es Syleas Körper war, den er mit mehr Kraft als nötig gegen die nächste Flurwand drückte.
      "Was sollte das?", knurrte er ungehalten und bemerkte erst in diesem Augenblick aus dem Augenwinkel den merkwürdigen Archivar, der gerade mehr Ähnlichkeit mit einem Banker hatte, bis auf die rebellische und zerzauste Frisur auf seinem Kopf.
      Der Griff um den Kragen der alten Seele löste sich wie in Zeitlupe.
      "Professor Langdon.", sagte er ruhig.
      "Ja, das ist mein derzeitiger Titel, in der Tat. Sehr gut. Wie geht es dem Bein, mein Lieber?", erkundigte sich Mortimer und hätte dabei nicht gelangweilter aussehen können.
      Es war absurd. Die ganze Situation war völlig verrückt.
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    • Anifuris Augen leuchteten für einen Moment deutlich zu freudig als er sah, wie Cain um die Ecke kam und ihn direkt fixierte. Eine Welle Zinnober schlug der alten Seele entgegen, so triefend, dass es sogar ihn einen Schritt rückwärts trieb. Und dann war der Seeker plötzlich vor ihm, spielte seine größere Körpergröße gegen ihn aus und packte ihn am Kragen. Unsanft fühlte sich Anifuris an die nächstbeste Wand gedrückt, die Freunde war teilweise aus seinen Augen gewichen.
      "Ich glaube, du vergisst mit wem du redest", erwiderte Anifuris äußerst gelassen, wobei eine subtile Note mitschwang, die ein wenig ungehalten klang.
      Der junge Mann vergaß ganz offensichtlich, dass der Seelendieb ihn spielend wieder ins Land der Träume oder noch weiter weg schicken konnte. Seine fehlende Liebe für Sylea rechtfertigte noch lange nicht das absolut wahnwitzige Verhalten, das er gerade an den Tag legte.
      Doch es war das Auftreten Mortimers, das den Seeker scheinbar am meisten aus der Bahn warf. Jedenfalls lockerte sich sein Griff an Anifuris' Kragen bis er ihn schlussendlich freigab.
      Und dann passierte etwas, das typisch für eine frische Assimilation einer Seele war. Anifuris Purpur schlug plötzlich Wellen, als sich Seelenfragmente aus seiner eigenen lösten, die noch zu frisch eingebettet worden waren. Cains Angriff auf ihn hatte Helyons Seele gereizt, die sich ungeahnt vehement ihre Daseinsberechtigung erkämpfte und den sonst so kühlen Kopf des Seelendiebes zu vernebeln begann.
      "Fass mich noch einmal so unbedarft an und deine fehlende Emotion wird dein geringstes Problem sein", entfuhr es Anifuris in einem scharfen Ton und er spürte, wie sich seine Präsenz schlagartig verfünffachte.
      Es ähnelte einem Vulkan, der glühend heiße Lava spuckte, die sich nun in alle Richtungen der Wohnung ausbreitete. Wie erwartet blieb der Archivar hiervon unbeeindruckt, aber die pure Druckwelle reichte aus, um den Seeker zurückweichen zu lassen bis er mit dem Rücken an die Wand stieß.
      "Im Gegensatz zu dir mache ich mich nützlich und sorge dafür, dass wir nicht im Alleingang dieses wahnwitzige Unterfangen beginnen", knurrte Anifuris und hörte sich auf abstruse Art ähnlich wie Helyon an, ehe er sich räusperte und der Druck sich wieder normalisierte.
      Der eingeschüchterte Seeker reichte aus, damit Anifuris die wildgewordenen Seelenfragmente wieder sorgsam einpflegen konnte. Wie ein paar lose Mosaiksteinchen.
      "Also. Wenn du dich in der Lage zu fühlst, kannst du uns in die Nähe des Hellgates fahren. Wir hören uns ein bisschen um bevor wir die Einrichtung stürmen und dann sehen wir, ob wir deine Schwester da heil herausbekommen."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der Babylonier verschränkte mit neugierigem Blick die Arme.
      Gedanklich zählte er bereits von Zehn bis Eins herunter, während sich das ungleiche Paar noch mit zornigen Blicken durchlöcherte. Offensichtlich war es lediglich eine Frage der Zeit, bis die Gemüter vollständig überkochten. Mortimer stellte sich noch stumm die Frage, wann Anifuris wohl der Kragen platzte, das erfüllte den winzigen Flur eine erdrückende Aura aus überschäumender Wut. Mit aller Seelenruhe verweilte der Archivar mitten in der unmittelbaren Schusslinie, um ja keine wichtige Sekunde zu verpassen.
      Die erdrückende Aura stieg mit jeder verstreichenden Sekunde weiter an und füllte schon bald den gesamten Flur vollständig aus.
      Schlagartig vernebelte der übermächtige Geruch alten Blutes die Sinne des Seekers. Der süßliche Geruch drohender Verwesung gepaart mit dem typischen und stechenden Geruch nach Kupfer. Der metallische Geschmack lag ihm bleischwer auf der Zunge. Eine Empfindung, die er bisher nur in der fragwürdigen Gegenwart eines Mannes gespürt hatte. Helyon.
      Der Alpha hatte mit jeder einigen Pore pure Dominanz verströmt und selbst Cain ohne eine Berührung in die Defensive gezwungen. Die Druckwelle löste den klammernden Griff des Seekers und trieb ihn mit dem Rücken an die gegenüberliegende Wand. In den goldschimmernden Augen blitzte neben dem funkelnden Zorn eine zweite Emotion auf: Erkenntnis.
      Cain hatte zuvor die seltsame Veränderung in der Aura der alten Seele gespürt und gerade jetzt war es überdeutlich in jedem Winkel der Wohnung zu spüren. Den Brechreiz schluckte er mühevoll herunter, da er den Eindruck hatte, dabei den Geschmack von Blut bis in die Kehle zu verteilen. Anifuris hatte Helyon nicht freigesetzt. Er hatte etwas viel Schlimmeres getan und so den Alpha der Höllenhunde um seine Existenz erleichtert. Cain drückte die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und hielt den Ansturm der aufbegehrenden Aura einfach aus.
      Erst als der Druck auf seinen Schultern, der ihn fast in die Knie gezwungen hatte, nachließ, erlaubte sich Cain einen zitternden Atemzug. Ekelhafte Geruch hielt noch eine Weile an, wie ein verhallendes Echo. Selbst die letzten Worte hatten ein wenig nach Helyon geklungen.
      Der Seeker zwang sich dazu die verkrampften Hände an seinen Seiten zu lockern, bis die Knochen nicht mehr weiß hervortraten.
      Fahrig strich er sich durch das schwarze Haar und funkelte Anifuris aus goldenen Augen an. Schließlich hob er in einer beschwichtigenden Geste beide Hände, wobei seine Miene alles andere als versöhnlich aussah. Er hatte es geschafft Anifuris für einen kleinen Moment um seiner kostbare Selbstbeherrschung zubringen. Dabei war es nicht einmal Absicht gewesen, aber was er gespürt hatte, war umso aufschlussreicher.
      "Verstanden.", gab er nur bissig zurück.
      Das er Anifuris auf die Idee gebracht hatte, den seltsamen Bibliothekar dazu zu holen, ließ er gänzlich unkommentiert.
      Stattdessen schob er seine Hand in die Jackentasche und zog einen Autoschlüssel hervor.
      "Wie es der Zufall will, habe ich uns bereits ein Fahrzeug organisiert, während anscheinend nutzlos und faul auf dem Sofa herum gehangen habe.", sagte er.
      Neben der Wohnungstür lehnten bereits zwei größere Umhängetaschen in denen sich die nötigsten Utensilien befanden, neben Kleidung, medizinischen Vorräten und zwei alten Mobiltelefonen, die mit Prepaidkarten ausgestattet waren. Leicht zu entsorgen und schlecht nachzuverfolgen.
      Der Gedanke auf kleinstem Raum mit Anifuris und dem Babylonier eingesperrt zu sein, förderte nicht gerade seine Laune. Er war sich ziemlich sicher, dass ihre Reiseunterhaltung nicht aus Ich-Sehe-Was-Was-Du-Nicht-Siehst bestehen würde.
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    • Anifuris Audruck war neutral. So neutral, dass es für seine Verhältnisse schon verdächtig war. Noch immer stand er im Flur und stierte den Seeker genauso nieder wie umgekehrt. Er sah den winzigen Augenblick, in dem Erkennis in den goldenen Augen blitzte, doch es kümmerte ihn nicht sonderlich. Sollte der junge Mann ruhig denken, er wüsste Bescheid. Dass die alte Seele kurz die Ruhe verloren hatte und nicht von einer nicht gänzlich eingefügten Seele übermannt worden war.
      "Sehr gütig", gab Anifuris nur knapp zurück während er mit den zarten Schultern rollte.
      Alles hier war nur eine Frage der Zeit. Die Konstellation, unter der sie standen, war so fragil als hätten sie auf Glasstäben ihr Fundament errichtet. Noch fühlte er den in sich abgesperrten Teil von Cains Seele nicht, aber irgendwann würde er sich melden. Würde gegen sein Gefängnis rebellieren und zu seinem Ursprungsort zurück wollen.
      Der Dieb deutete mit einer Geste zur Tür und zusammen mit Mortimer folgte er dem jungen Mann. Doch die losgelöste Miene war völlig aus seinem Gesicht verschwunden. Irgendetwas hatte sich geändert, nur konnte noch niemand sagen, was es war.

      Anifuris saß schon geraume Zeit lang still und anteilnahmslos auf der Rückbank des scheinbar geliehenen Wagens. Neben ihm hatte sich der Babylonier seinen Platz ausgesucht damit niemand von ihnen Cain während der Fahrt störte. Obwohl sie beide wussten, dass der Seeker mit jedem Härrchen seines Gehörganges mitanhören würde, was die beiden besprachen.
      Eigentlich wollte Anifuris gar nicht zum Hellgate. Es glich dem Fakt, mit offenen Armen ins Messer zu laufen. Doch wenn er anfing unter diesem Aspekt sein Dasein zu beleuchten, würde ihm viel zu schnell auffallen, dass es rein gar nichts mehr gab. Er hatte die Fähigkeiten erlangt, nach denen er sich gesehnt hatte. Die Memoiren gefunden, die ihn seiner verstorbenen Geliebten etwas näher bringen mochten. Aber nichts von alledem machte ihn wahrlich glücklich. Er war so nah dran an dem Zustand, den er sich über Jahrhunderte herbeigesehnt hatte, dass die Ermöglichung dieser Pläne fast schon schrecklich langweilig erschien. Vielleicht fuhr er genau deswegen zum Hellgate. Damit er etwas Neues fand, das ihm Antrieb verlieh.
      Bei diesem Gedanken huschte sein Blick hinüber zu dem Babylonier. Er war um längen älter und schien immer noch nicht den Verstand verloren zu haben. Gelangweilt war er, das stand außer Frage, aber von Wahnsinn war er weit entfernt. Was hielt diesen Geist bei Sinnen obwohl man ihn in einen Archivar verwandelt hatte?
      "Wie hat man dich eigentlich als Archivar bekommen? Und wie sieht das mit deinem Vessel aus? Verleihst du ihm Unsterblichkeit oder musst du es wechseln?", fragte er unverwandt Mortimer und brach damit die Stille im Wagen, der leise über die Straße brummte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Eigentlich grenzte es an Wahnsinn, dachte Mortimer.
      Ein zum Zerreißen angespannter Seeker mit dem wohl kürzesten Geduldsfaden ganz Großbritanniens saß hinter dem Steuer und auf der Rückbank lümmelten wie zwei Schuljungen zwei alte und gefährliche Seelen, die für ihre Unberechenbarkeit bekannt waren.
      Gelangweilt glitt sein Blick über die geheimnisvolle Schönheit der Highlands, wo sich hinter Hügeln und Wälder die wundersamsten Geschichten versteckten. Fantasie besaß die Menschen ohne Zweifel, wie sie aus dem Alltäglichen unzählige magische Legenden erschufen. Für den Babylonier, der unzähliger Zeitalter hatte kommen und gehen sehen, hatte sich der Vorhang des Mystischen vor langer Zeit gehoben. Übrig blieb ein kalter Realismus und die Gewissheit, dass alles irgendwann ein Ende fand. Eines Tages vielleicht auch er selbst, wenn er seiner Existenz überdrüssig wurde. Dennoch...Im Kern blieb auch sein Geist, der eines Menschen.
      Und wohnte nicht jedem von Ihnen die Angst vor dem Ende und dem Danach?
      Der Archivar löste den Blick von der grünen Landschaft und legte den Kopf etwas nachdenklich zur Seite, als Anifuris sich dazu entschied ein Gespräch zu suchen.
      "Niemand hat mich dazu genötigt. Fall es da ist, was du wissen wolltest. Kein Haken, keine bindende Klausel im Kleingedruckten.", widersprach Mortimer und betrachtete dabei die gepflegten Nägel seiner linken Hand. "Ich habe es angeboten. Zunächst aus dem simplen Grund, dass ich nichts Besseres zu tun hatte. Du hast sicherlich bemerkt, dass das unterirdische Archiv älter ist, als das Gebäude darauf. Die Gemäuer dort gehorchen ganz eigenen Regel."
      Der Babylonier berührte den kostbaren aber auch kitschig wirkenden Anhänger um seinen Hals. Den Stein legte er niemals ab. Nie.
      "Ursprünglich befand sich an dortiger Stelle ein verzweigtes Höhlensystem. Ein perfekter Platz, um mich vor der Welt zurückzuziehen. Mit den Jahren und der Entwicklung der Zivilisation habe ich gewisse Modernisierungen vorgenommen. Technik hat durchaus seine Vorzüge. Sei's drum, als der Rat stetig mehr Macht in der Welt erlangte und unsereins vom Jäger zum Gejagten wurden, wurde es hässlich."
      Der Gesichtsausdruck war nicht zu deuten, als er die Augen schloss und offensichtlich in alten Erinnerungen herum wühlte.
      "Wir alles wissen, dass es kein Geheimnis ist, dass unser nobler Rat ziemlich Dreck am Stecken hat. Verzeih mir die Ausdrucksweise, mein Freund.", fuhr er fort. "Die auftauchenden Artefakte und rebellierenden Seelen verlangten ihnen alles ab, bis sie mit ihrem hochgepriesenen Wissen am Ende waren. Letztendlich kamen sie zu mir. Ein Pakt mit dem Teufel, wenn du es so nennen willst. Mein Wissen über die Materia und Begabung als Konstrukteur gegen Immunität. Und ein geeignetes Gefäß."
      Ein Grinsen kräuselte sich auf seinen Lippen. Ein Zucken der Mundwinkel, das Cain im Rückspiegel betrachtete und einen eiskalten Schauer fühlte.
      "Die braven Bürger dieser Welt wären zutiefst erschüttert, sollten sie erfahren, dass der Rat der sie alle beschützen sollte, alle 50 Jahre ein Gefäß als Preis an mich ausliefert. Um deine Frage damit zu beantworten: Nein, ich kann einen Körper nicht ewig am Leben erhalten. Außerdem, genieße ich die Abwechslung. Ist das Mädchen dein erstes Gefäß?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Anifuris lauschte dem Babylonier aufmerksam während sich seine Aura gleichmäßig im Wagen wie eine subtile Duftnote ausbreitete. Auch wenn es augenscheinlich danach aussah, dass sie auf einer Seite standen und sich verstünden, traute der Seelendieb dank seiner Erfahrung dem Anschein nicht. Er wollte früh genug spüren, wenn sich etwas im Gefüge änderte und ihn nötigte, aktiv zu werden. Zumal er noch immer nicht gänzlich umfassen konnte, wo die Grenze eines Kontrukteurs lag.
      Dass Seelen Handel abschlossen, war rein gar nicht ungewöhnlich. Auch, dass man sie mit den notwenigen Gefäßen ausstattete nicht. Sylea hätte sich sicherlich gefragt, wie man an die geneigneten Personen kam und woher sie wohl stammen mochten. Doch die alte Seele scherte sich nicht sonderlich darum. Egal, wie lange Mortimeter schon in dieser Hülle steckte, es gab rein gar keinen Hinweis auf das ursprüngliche Bewusstsein dieses Körpers.
      "Ist ein Leben für fünfzig Jahre Ruhe nicht durchaus den Preis wert?", erwiderte Anifuris trocken und ihm entging nicht der Blick im Rückspiegel, den Cain ihnen zuwarf. "Nein, sie ist nicht mein erstes. Ich war bisweilen in drei anderen Körpern, mal länger, mal kürzer. Es gab hier und da Berichte über mich, aber eine konkrete Beschreibung gab es nie. Deswegen konnte mich der Rat auch nicht kategorisieren weil sie schlichtweg nicht wissen, wer ich bin. Obwohl ich gerne die Gesichter der Ranghöchsten sehen würde wenn sie erfuhren, dass ich den Menschen erst diese ganze Seelensache ermöglicht habe."
      Er verlor sich selbst in einem schwachen Lächeln, das ein bisschen von der Melancholie trug, die Sylea üblicherweise zeigte. Er sah nach vorn durch die Windschutzscheibe und sah dabei zu, wie der Asphalt und die Umgebung vor ihnen vorbeiflog. Er war Schuld an so viel Leid und Unglück von Tausenden, wenn nicht sogar Millionen, aber Reue war etwas, das er vor Ewigkeiten größenteils abgelegt hatte. Den Umstand konnte und wollte er sowieso nicht mehr ändern und nun war er gar nicht mehr so weit entfernt von dem Zustand, in dem sich der Archivar neben ihm befand. Er würde wohl das komplette System sprengen müssen, sämtliche Menschen ausradieren müssen, die das Wissen um das Binden von Seelen besaßen, sei es auch noch so gering. Es würde Jahrzehnte dauern bis er alle Wurzeln erfolgreich aus der Erde gerissen hätte. Vielleicht wäre er dann aber erst wirklich frei.
      "Weißt du, was mich wirklich ein wenig überrascht hat? Es gab bisher nichts, was mein Bewusstsein an einen Ort fesseln konnte, aber die Kathedrale, wo die Rubras ihre seltsame Feier abhielten, war von einem Bannkreis umzogen, dessen Urpsrung niemand kennt. Ich selbst kannte die Zeichen nicht, aber sie ähneln jenen, die ich in deiner Kammer gesehen habe. Gibt es außer dir noch jemanden, der noch auf Erden wandelt und sich dieser Art der Forschung verschrieben hat? Zu gern würde ich den Ersteller dieses Kreises treffen."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Du hast dich geschickt vor der Welt verborgen, Anifuris.", antwortete Mortimer.
      "Und es gibt nicht Vieles, das mir entgeht. Über Jahhunderte begleitete ich die Entwicklung der Menschheit und saugte wie ein Besessener jeden Tropfen ihres Wissens begierig auf. Die Ewigkeit lässt einem viel Freiraum für Entfaltung und die Erlernung neuer Fähigkeiten. Fremde Sprache aus fernen Ländern, Gebräusche und Geschichten und nicht zuletzt die Industrialisierung und den Aufschwung der Technik. Bedauerlicherweise ist selbst das Fassungsvermögen meines Verstandes nicht unendlich. Also erweiterte ich ihn. Buch für Buch. Raum für Raum."
      Der Babylonier sprach zweifelsohne von dem unterirdischen Archiv, voll gestopft mit historischen Manifesten, der Weltgeschichte und allem, was die Welt ihm zu bieten hatte.
      In der Spiegelung des Rückspiegels zog Cain nachdenklich die Augenbrauen zusammen ohne dabei den aufmerksamen Blick von der Straße zu nehmen. Etwas an dem Wortlaut des Archivars hatte sein Intresse geweckt und das allgegenwärtige Misstrauen räumte den Platz für einen eher grübelnden Ausdruck Platz. Das Gefühl ein entscheidendes Puzzelteil gefunden zuhaben ohne zu wissen an welche Stelle dieses gehörte, nagte an den Innenseite seines Schädels.
      Ein schwerer Regenschauer prasselte auf das Fahrzeugdach und tröpfelte in seinem ganz eigenen Rhythmus vor sich hin.
      "Reib ihnen dieses Tatsache unter die Nase und ich verspreche dir zumindest ein paar Herzinfarkte.", schmunzelte Mortimer in ungewohnter Manier und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Unterlippe.
      "Angesichts des Durchschnittsalters in den obersten Reihen einer machthungrigen und verstaubten Organisation ist das längst überfällig.", fügte er noch hinzu, ehe der Blick wieder aus dem Fenster wandte.
      Die letzte Frage des Manipulators sorgte dafür, dass der Babylonier den Kopf etwas schief legte und etwas aus seiner Tasche hervorzog.
      Als er die gekrümmten Finger öffnete und den Blick auf die Handfläche freigab, befanden sich darin drei silberne Kugeln. Das Erz war glatt poliert und schimmerte in denselben Nuancen wie das Metall im Bein des Seekers.
      "Konstrukteure sind selten. Vielleicht nicht so selten, wie du, mein neugieriger Freund, aber nicht häufig zu finden.", erzählte Mortimer, während die Kugeln über seiner Hand zu schweben begannen und sich dabei in gleichmäßigen Kreisen umeinander bewegten. Hin und wider änderten sie ohne erkennbares Muster die Richtung, drehten sich um sich selbst, brachen aus und kehrten in den Kreislauf zurück. Das Ganze wirkte wie eine abstruse Entspannungsübung.
      "Es ist nicht auszuschließen, dass die Rubras sich der Fähigkeiten eines Konstrukteurs bedient haben um die Kathedrale zu erbauen. Ich muss gestehen, dass es mich reizt einen Blick auf dieses Bauwerk zu riskieren. Bisher bot sich diese Gelegenheit nicht.".
      Die Antwort erschien für den eifrig plaudernden Archivar etwas zu unbefriedigend. Es wirkte beinahe, als wolle er das Thema nicht weiter ausführen.

      "Noch ungefähr 10 Minuten, dann haben wir Aviemore erreicht.", mischte sich Cain nach einem Augenblick des Schweigens ein.
      Flüchtig warf der Seeker einen prüfenden Blick auf das Navi des Wagens.
      Der Zielort war bereits einprogrammiert gewesen, als sie die unauffällige und schwarze Limousine entgegen genommen hatten.
      Der Hacker hatte sich bereits um alle notwendigen Formularien gekümmert und wie angekündigt, brachte Cain den Wagen nach besagten 10 Minuten auf einem dem ausgewiesenen Parkplätze einesHotels zum Stehen.
      Das Cairngorm Hotel wirkte mit seinen hübschen Giebeln, der hellen Steinfassade und dem verspielten Türmchen an der Nordseite wie die blasse aber dennoch ansehnliche Miniatur einer Burg. Der Parklatz stellte sich als weitegehend leer heraus. Mittlerweile war es dunkel geworden und ohne Zweifel hatte Jace eine Reservierung hinterlegt. Der Archivar war kein Teil der Planung, aber es dürfte nicht schwierig werden seine Anwesenheit zu erklären.
      Wie auf Kommando vibrierte das Mobiltelefon in seiner Jackentasche mit einer Nachricht die weitere Details enthielt, unter derem der Reservierungsname. Natürlich unter einem falschen Pseudonym, bezahlt im Voraus mit falschen Kreditkarten und unsauber verdienten Geld.
      "Glenmore ist von hier aus gute 20 Minuten entfernt. Dort muss sich irgendwo der Zugang zum Hellgate befinden.", murmelte Cain.
      Obwohl die angespannte Haltung des Seekers veriet, dass er am liebsten das Gaspedal bis ins Bodenbleck getreten hätte um auf der Stelle die unterirdische Einrichtung zu stürmen, stellte Cain den Motor aus und zog den Schlüssel ab.
      Das Bein schmerzte vom Fahren und er wirkte etwas blass um die Nase.
      Mortimer und Anifuris mochten die Bedürfnisse ihrer gestohlenen Körper ignorieren können, aber Cain die seines Körpers nicht.
      "Gehen wir rein...?"

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      Unbenannt.PNG
      (Bei uns ist es allerdings bereits dunkel und bestes, englisches Regenwetter. :D)


      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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