EPILOG
Long [lost] loveEr hatte es bis nach draußen geschafft.
Raus aus den unterirdischen Gewölben, raus aus all dem Gestank nach Blut und Tod. Hier draußen, mit dem blauen, weiten Himmel über seinem Kopf, war er wenigstens weiter gekommen, als er es selbst gedacht hatte. Nach nur kurzer Zeit hatte er sein Bewusstsein zurückerlangt, nachdem irgendein Gott entschieden haben musste, dass seine Zeit nicht durch die Hände eines Seekers gekommen war. Nein, er durfte nach draußen, die frische Luft einatmen und einen Funken Hoffnung verspüren.
Hoffnung, die sich Michael um den Hals gelegt und dunkle Würgemale hinterlassen hatte. Zusammengesunken an einem Baum lehnte der Körper mit den leeren Augen gen Boden gerichtet. Sein schöner Anzug war gerissen und blutgetränkt. Sein Gesicht nicht friedlich, sondern angespannt und gequält. Er hatte unter freiem Himmel sterben dürfen – nur nicht in Frieden.
Vor ihm hockte eine unscheinbare Person. Sie hatte die Arme um die Knie geschlungen, während Tränen über ihre blassen Wangen liefen. Ihr Gesicht war trotz der Tränen seltsam ausdruckslos, fast so, als wisse sie nicht, warum sie überhaupt weinte. Der graue Mantel, der sich um ihre Füße bauschte, war blutbesprenkelt. Die Ärmel reichten nicht über ihre Hände, wo rostrote Runen über beide Handrücken unter den Saum des Mantels verschwanden. Eine ganze Zeit lang schwieg sie und betrachtete den Leichnam, bis sie eine Hand ausstreckte und die von Michael berührte. Die junge Frau zuckte nicht zurück, sondern schien sich der Kälte recht bewusst zu werden. Dann wischte sie sich die Tränen mit den Handballen von den Wangen und stand auf. Ihr Weg führte sie zurück unter die Erde, dorthin, wo es noch jemanden gab, für den sie etwas empfand.
Borrowed life
Die Sirenen dröhnten in ihrem Kopf, in ihrem Körper, überall. Ihre Beine waren viel zu kurz für den mörderischen Sprint, den Rena an den Tag legte und durch Gänge des verwinkelten Unterschlupfes der Rubras führte. Sie hatte längst die Orientierung verloren und es war nur dem Chaos geschuldet, dass man sie nicht längst aufgelesen hatte.
Als die Signale ertönten, hatte man sie gerade in einem Raum zur Untersuchung verfrachtet. Man hatte sie nicht angekettet wie Sylea, aber die beiden Forscher schienen dieselben oder ähnliche Absichten zu hegen. Rena hatte mitgespielt soweit sie nur konnte bis das Chaos auch diesen Raum erreicht hatte. Anstelle alles abzuriegeln wurden die Türen geöffnet und man wollte evakuieren. Doch in dem Gedränge mit all den Spezialkräften, die zum Ort des Geschehens drangen, verloren die Forscher das kleine Mädchen und damit war sie auf und davon.
All das half Rena jedoch wenig. Ihre Lungen brannten wie Feuer, als sie sich in einem dunklen Raum zwischen Regalen und Kisten versteckte. Zu Atem kommen, das war wichtig. Danach konnte sie noch immer versuchen, einen Weg hinaus zu finden. Oder einen Weg zu Ascan, beide Wege führten zum Ziel. Das Chaos musste schließlich auch er sein. Nichts hier könnte zu solch einer Aufruhr führen. Dessen war sie sich sicher.
Wie lange Rena in ihrem Versteck saß, wusste sie nicht. Ihr Atem regulierte sich, das Zittern der kleinen Beine ließ nach. Doch die Sirenen verklungen nicht. Vielleicht waren es nur noch Nachwehen oder Ascan mähte sich geradewegs durch die Gänge. Vielleicht suchte er auch nach ihr? Immerhin hatte er ihre Seele damals in die Seiten gebannt, um sie Jahrzehnte später zum Leben zu erwecken. So jemanden konnte man nicht einfach zurücklassen. Oder?
Renas Kopf fuhr herum, als sie Schritte hörte. Leise, feine Schritte, sicherlich nicht von einem Mann. Nein, das konnten die leichten Schritte einer Frau oder eines Kindes sein. Hoffnung keimte in ihr auf, als sie den Kopf weiter hob, in Erwartung, Sylea zu entdecken.
Schon einen Augenblick später verpuffte jegliche Hoffnung und wich bodenlosem Entsetzen. Renas Füße kratzten über den Boden, als sie versuchte, sich noch kleiner zu machen und gegen die Wand zu pressen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, hektische Atemzüge wurden durch ihre zugeschnürte Kehle unterbunden. Als die Person um die Ecke des Regals trat und den Blick zielsicher auf das Mädchen in der Ecke richtete, wusste Rena, dass dies das Ende sein würde.
„Du hättest einfach warten sollen. Ich hätte dich überall auf der Erde finden können“, sagte der rothaarige Junge, der die Hände aus den Taschen zog, als er nahezu gelangweilt zu dem Mädchen herüberkam und vor ihr in die Hocke ging. „Du gehörst zurück.“
„… N… nein, ich…“, stammelte Rena, ihr Körper begann vollumfänglich zu zittern. „Er hat mich gerade erst b-befreit… Ich kann doch jetzt l-leben…“
„Das ist nicht dein Leben. Es ist geliehen“, korrigierte Dagda Rena und legte ihr die Finger an die Stirn.
Die Sirenen dröhnten in ihrem Kopf, in ihrem Körper, überall. Ihre Beine waren viel zu kurz für den mörderischen Sprint, den Rena an den Tag legte und durch Gänge des verwinkelten Unterschlupfes der Rubras führte. Sie hatte längst die Orientierung verloren und es war nur dem Chaos geschuldet, dass man sie nicht längst aufgelesen hatte.
Als die Signale ertönten, hatte man sie gerade in einem Raum zur Untersuchung verfrachtet. Man hatte sie nicht angekettet wie Sylea, aber die beiden Forscher schienen dieselben oder ähnliche Absichten zu hegen. Rena hatte mitgespielt soweit sie nur konnte bis das Chaos auch diesen Raum erreicht hatte. Anstelle alles abzuriegeln wurden die Türen geöffnet und man wollte evakuieren. Doch in dem Gedränge mit all den Spezialkräften, die zum Ort des Geschehens drangen, verloren die Forscher das kleine Mädchen und damit war sie auf und davon.
All das half Rena jedoch wenig. Ihre Lungen brannten wie Feuer, als sie sich in einem dunklen Raum zwischen Regalen und Kisten versteckte. Zu Atem kommen, das war wichtig. Danach konnte sie noch immer versuchen, einen Weg hinaus zu finden. Oder einen Weg zu Ascan, beide Wege führten zum Ziel. Das Chaos musste schließlich auch er sein. Nichts hier könnte zu solch einer Aufruhr führen. Dessen war sie sich sicher.
Wie lange Rena in ihrem Versteck saß, wusste sie nicht. Ihr Atem regulierte sich, das Zittern der kleinen Beine ließ nach. Doch die Sirenen verklungen nicht. Vielleicht waren es nur noch Nachwehen oder Ascan mähte sich geradewegs durch die Gänge. Vielleicht suchte er auch nach ihr? Immerhin hatte er ihre Seele damals in die Seiten gebannt, um sie Jahrzehnte später zum Leben zu erwecken. So jemanden konnte man nicht einfach zurücklassen. Oder?
Renas Kopf fuhr herum, als sie Schritte hörte. Leise, feine Schritte, sicherlich nicht von einem Mann. Nein, das konnten die leichten Schritte einer Frau oder eines Kindes sein. Hoffnung keimte in ihr auf, als sie den Kopf weiter hob, in Erwartung, Sylea zu entdecken.
Schon einen Augenblick später verpuffte jegliche Hoffnung und wich bodenlosem Entsetzen. Renas Füße kratzten über den Boden, als sie versuchte, sich noch kleiner zu machen und gegen die Wand zu pressen. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, hektische Atemzüge wurden durch ihre zugeschnürte Kehle unterbunden. Als die Person um die Ecke des Regals trat und den Blick zielsicher auf das Mädchen in der Ecke richtete, wusste Rena, dass dies das Ende sein würde.
„Du hättest einfach warten sollen. Ich hätte dich überall auf der Erde finden können“, sagte der rothaarige Junge, der die Hände aus den Taschen zog, als er nahezu gelangweilt zu dem Mädchen herüberkam und vor ihr in die Hocke ging. „Du gehörst zurück.“
„… N… nein, ich…“, stammelte Rena, ihr Körper begann vollumfänglich zu zittern. „Er hat mich gerade erst b-befreit… Ich kann doch jetzt l-leben…“
„Das ist nicht dein Leben. Es ist geliehen“, korrigierte Dagda Rena und legte ihr die Finger an die Stirn.
Losing game
Seitdem Sylea mit Cain zusammen aus dem Hollow Point entkommen waren, hatte sich einiges geändert. Die Führung im stationären Punkt wechselte, kaum wurde bekannt, dass ein Vessel samt Seele es geschafft hatte, zu entkommen. Das ehemals als so sicher eingestufte Endlager für gescheiterte Vessels bekam als neue Aufsicht Farina Hallesvorde, die, nachdem sie ihre Seele Medjab verloren hatte, als ungefährlich galt. Man schätzte jedoch ihr außerordentliches strategisches Talent und erhoffte sich zeitgleich, dass sie Schweigen darüber behielt, was wirklich dort vorgefallen war.
Doch das Fehlen ihrer Seele machte sich direkt am ersten Tag bemerkbar. Die junge Frau, die einst eine strahlende Zukunft vor sich gehabt hatte, wirkte neben der Spur und depressiv. Sie fühlte sich nicht mehr ganz, ohne es wirklich beschreiben zu können. Als man ihr ihre neue Tätigkeit zuordnete, nahm sie sie ohne Gegenwehr auf. Die Suche nach Sylea und Desraeli hatte sie nicht fortführen dürfen ohne gewisse Konsequenzen fürchten zu müssen. Deshalb ging Farina ihren Dienst als neue Aufsichtsperson des Hollow Points nach außen hin sehr gewissenhaft an.
Bis man sie eines Tages zum morgendlichen Apell nicht antraf. Man suchte sie in ihren persönlichen Räumen auf, wo sich schnell erklärte, warum sie nicht kam: Noch in ihrem Nachtgewand bekleidet hing ihr kalter Körper direkt vor den nicht zugezogenen Fenstern, aufgehängt mit einem Gürtel an der Stange der Vorhänge. Auf ihrem durchwühlten Bett fand man einen scheinbar hastig geschriebenen Brief, den man ihrer Handschrift zweifellos zuordnen konnte.
Darin stand geschrieben:
Ich halte es nicht länger aus.
Diese Stille in meinem Kopf. Gedanken, die nur meine sind. Da ist niemand mehr, der mir zuhört. Niemand, der sich die Gedanken mit mir teilt. Medjab wurde mir entrissen und ein Teil von mir gleich mit.
Ich darf sie nicht suchen. Ich darf sie nicht zwingen, mir Medjab wiederzubringen.
Ich kann nicht ohne Med. Wir waren eins und jetzt bin ich allein.
Die Stille ist schrecklich. Mein Kopf schmerzt, mein herz schmerzt. ICH schmerze. Es soll aufhören. Die Stille soll weg.
Weg.
Weg.
Weg.
Bitte.
Completed
Draußen vor den Hallen der Rubras saß ein gewisser Torwächter etwas abgerückt vom Tor auf dem Boden. Das Aufeinandertreffen mit seinem Schöpfer hatte Spuren bei dem Mann hinterlassen, der das Produkt aus Vielen war. Ihm war nicht entgangen, wie die Hölle losgebrochen sein musste bei was auch immer die Rubras in ihren Kammern und Gängen veranstalten mochten. Ihm war auch nicht entgangen, wie Leute starben und sich Mächte entfalteten, die sich seiner Reichweite entzogen. Als Michael aus dem Tor stolperte und das Weite suchte, griff Kehled nicht ein. Der Mann war regelrecht terrorisiert und verwundet, aber lebendig. Dass dem nicht lange so bleiben würde war ihm klar, als er die zweite Person erspürte, die die Hallen verließ und offensichtlich nach dem armen Mann suchte und ihn schließlich auch fand. Danach verschwand die Person und niemand kam vorerst aus den Toren zu den Hallen hervor.
Es verging eine geraume Zeit, die für Kehled kaum Bedeutung hatte. Syleas Berührung war abgeflaut und die zahllosen Risse in seiner Aura fielen ihm nun umso deutlicher auf. Die Worte, die man ihm beigebracht hatte, schmerzten ihn. Der Verlust seiner kleinen Freundin verletzte ihn noch immer. Als sich irgendwann im unterirdischen Teil der Anlage Ruhe einstellte, dachte der Torwächter, dass von nun an alles wieder seinen gewohnten Gang gehen würde.
Da hatte er sich getäuscht.
Er fühlte die Präsenz noch bevor er sie mit seinen Sinnen wirklich hörte. Mittels seines Stabes sandte er Wellen aus, die den kleinen Umriss eines Kindes ausmachten. Doch die Rückkopplung war so mächtig, dass er es kein zweites Mal versuchte. Eine andersartige Welle war die Antwort, die dem Wächter offenbarte, dass das Kind kein Mensch sein konnte.
„Du gescheiterte Existenz bist der Nächste auf der Liste“, verkündete der rothaarige Junge, während er auf den am Boden sitzenden Kehled zuging. Mit einer einzigen kleinen Handbewegung versagte er dem Wächter das Recht zu sprechen. Dagda brauchte nicht noch mehr Worten zu lauschen. Er war zwar unsterblich, aber ihn beschlich eine gewisse Dringlichkeit. Mit Ascans Seele zurück im Fluss spürte er endlich alle Seelen, die jemals in Kontakt mit Ascan gekommen und verunstaltet worden waren. Es war Zeit, das ganze Chaos endlich zu richten.
Dagda nahm ohne zu zögern Kehled seinen Stab ab. Er ließ die Finger über den glatten Stab gleiten und musterte ihn. Dass Kehled eine Zusammenfügung von Goldauren war, zeugte von Ascans Halbwissen. Er hatte es nicht geschafft, aus Vielem Eins zu machen, war aber nah dran gewesen. Er hätte es auch mit anderen Farben versuchen können – so viele Goldauren auf einen Schlag anzunähern war selten. Das musste selbst Dagda zugeben und es bestätigte ihn, Ascan unbedingt von der Erde tilgen zu müssen.
„Mit dir hat er etwas Einzigartiges geschaffen. Bereue es nicht“, sagte der Gott und verlor sich in seinen eigenen Gedanken. Seitdem er selbst auf Erden wandelte, war er die meiste Zeit über allein gewesen. Andere Götter waren oftmals zu mächtig und sprengten die Gefäße, in die man sie zwängen wollte. Vielleicht war es ihm in all der Zeit einfach zu langweilig geworden. Zu monoton, denn ein Gott fühlte sich nicht einsam wie die Menschen oder Tiere.
Achtlos warf Dagda den Stab etliche Meter zur Seite, den Blick auf den Wächter gerichtet. Er sah die Risse, die sich durch das Chaos der Auren zogen. Er spürte den Zwang, der ihn hier an Ort und Stelle hielt. Alles davon war Dagda zuwider. Das würde er korrigieren müssen.
„Du siehst dich nicht als Mensch, nehme ich an?“ Dagda formulierte es als Frage, allerdings war sie rhetorischer Natur. „Ich wollte dich eigentlich wieder in den Fluss zurückschicken. Aber ich denke, ich habe etwas Besseres für dich vor.“
Der Junge legte Kehled beide Hände an die Wangen und hob seinen Kopf kaum merklich an. Dann berührte der Gott die geschundenen goldenen Seelen, eine nach der anderen, und brachte sie zum Schwingen. Er hatte damals nicht gelogen als er behauptete, Seelen nicht trennen zu können. Aber verschmelzen… Das war eine gänzlich andere Fähigkeit. Nach und nach schwangen die Auren im Gleichklang und unter Dagdas wachsamen Augen verschmolzen die Risse miteinander. Stück für Stück wurde aus vielen einzelnen Teilen ein Ganzes, das am Ende harmonisch und gleichgesinnt zusammenlief. Das Chaos in Kehled erübrigte sich und die Qual, die ihn peinigen musste, gleich mit. Zwar bekam er sein Augenlicht nicht wieder zurück, aber das brauchte er auch gar nicht; Jetzt, mit dutzend Goldauren in seiner eigenen vereint, war er mehr als nur ein Mensch. Er war damit Dagda ähnlicher als viele andere Seelen es jemals sein würden. Und damit einher ging auch mehr Macht.
Dagda entging nicht der Augenblick, als sich Erkenntnis in die Miene des blinden Mannes schlich. Er würde sich ausprobieren müssen, aber nicht hier. Er hatte Zeit. Viel Zeit. „Du wirst lernen müssen, was du tun kannst. Ich bin weder dein Schöpfer, noch dein Herr. Du kannst mir jedoch folgen, wenn du es wünschst.“
Noch immer konnte Kehled nicht sprechen. Die zusammengezogenen Augenbrauen erübrigten eine Frage jedoch und Dagda legte den Kopf leicht schräg. „Spürst du nicht, dass sich deine Ketten gelöst haben? Es gibt keinen Bund mehr, der dich hält. Du bist dein eigener Seelenhort, du bist frei zu gehen, wohin du wünschst.“
Da gab Dagda den Mann frei und drehte sich um, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Im Gegensatz zu den Menschen wurden Götter nicht von minderwertigen Emotionen getrieben und gesteuert. Ihm konnte nie ein Fehler wie Kehled unterlaufen. Dafür waren seine Kreationen zu perfekt. Er führte den Fluss der Seelen und war mächtiger als fast alles auf diesem Planeten. Er war einzigartig ganz für sich und das wusste der Gott.
Nur litten Götter weder Trauer noch Einsamkeit. Und doch zupfte der Hauch eines Lächelns an seinen Mundwinkel, als er bemerkte, wie sich Kehled ohne seinen Stab aufrichtete und langsam dem Weg folgte, dem Dagda ihm ebnete.
Draußen vor den Hallen der Rubras saß ein gewisser Torwächter etwas abgerückt vom Tor auf dem Boden. Das Aufeinandertreffen mit seinem Schöpfer hatte Spuren bei dem Mann hinterlassen, der das Produkt aus Vielen war. Ihm war nicht entgangen, wie die Hölle losgebrochen sein musste bei was auch immer die Rubras in ihren Kammern und Gängen veranstalten mochten. Ihm war auch nicht entgangen, wie Leute starben und sich Mächte entfalteten, die sich seiner Reichweite entzogen. Als Michael aus dem Tor stolperte und das Weite suchte, griff Kehled nicht ein. Der Mann war regelrecht terrorisiert und verwundet, aber lebendig. Dass dem nicht lange so bleiben würde war ihm klar, als er die zweite Person erspürte, die die Hallen verließ und offensichtlich nach dem armen Mann suchte und ihn schließlich auch fand. Danach verschwand die Person und niemand kam vorerst aus den Toren zu den Hallen hervor.
Es verging eine geraume Zeit, die für Kehled kaum Bedeutung hatte. Syleas Berührung war abgeflaut und die zahllosen Risse in seiner Aura fielen ihm nun umso deutlicher auf. Die Worte, die man ihm beigebracht hatte, schmerzten ihn. Der Verlust seiner kleinen Freundin verletzte ihn noch immer. Als sich irgendwann im unterirdischen Teil der Anlage Ruhe einstellte, dachte der Torwächter, dass von nun an alles wieder seinen gewohnten Gang gehen würde.
Da hatte er sich getäuscht.
Er fühlte die Präsenz noch bevor er sie mit seinen Sinnen wirklich hörte. Mittels seines Stabes sandte er Wellen aus, die den kleinen Umriss eines Kindes ausmachten. Doch die Rückkopplung war so mächtig, dass er es kein zweites Mal versuchte. Eine andersartige Welle war die Antwort, die dem Wächter offenbarte, dass das Kind kein Mensch sein konnte.
„Du gescheiterte Existenz bist der Nächste auf der Liste“, verkündete der rothaarige Junge, während er auf den am Boden sitzenden Kehled zuging. Mit einer einzigen kleinen Handbewegung versagte er dem Wächter das Recht zu sprechen. Dagda brauchte nicht noch mehr Worten zu lauschen. Er war zwar unsterblich, aber ihn beschlich eine gewisse Dringlichkeit. Mit Ascans Seele zurück im Fluss spürte er endlich alle Seelen, die jemals in Kontakt mit Ascan gekommen und verunstaltet worden waren. Es war Zeit, das ganze Chaos endlich zu richten.
Dagda nahm ohne zu zögern Kehled seinen Stab ab. Er ließ die Finger über den glatten Stab gleiten und musterte ihn. Dass Kehled eine Zusammenfügung von Goldauren war, zeugte von Ascans Halbwissen. Er hatte es nicht geschafft, aus Vielem Eins zu machen, war aber nah dran gewesen. Er hätte es auch mit anderen Farben versuchen können – so viele Goldauren auf einen Schlag anzunähern war selten. Das musste selbst Dagda zugeben und es bestätigte ihn, Ascan unbedingt von der Erde tilgen zu müssen.
„Mit dir hat er etwas Einzigartiges geschaffen. Bereue es nicht“, sagte der Gott und verlor sich in seinen eigenen Gedanken. Seitdem er selbst auf Erden wandelte, war er die meiste Zeit über allein gewesen. Andere Götter waren oftmals zu mächtig und sprengten die Gefäße, in die man sie zwängen wollte. Vielleicht war es ihm in all der Zeit einfach zu langweilig geworden. Zu monoton, denn ein Gott fühlte sich nicht einsam wie die Menschen oder Tiere.
Achtlos warf Dagda den Stab etliche Meter zur Seite, den Blick auf den Wächter gerichtet. Er sah die Risse, die sich durch das Chaos der Auren zogen. Er spürte den Zwang, der ihn hier an Ort und Stelle hielt. Alles davon war Dagda zuwider. Das würde er korrigieren müssen.
„Du siehst dich nicht als Mensch, nehme ich an?“ Dagda formulierte es als Frage, allerdings war sie rhetorischer Natur. „Ich wollte dich eigentlich wieder in den Fluss zurückschicken. Aber ich denke, ich habe etwas Besseres für dich vor.“
Der Junge legte Kehled beide Hände an die Wangen und hob seinen Kopf kaum merklich an. Dann berührte der Gott die geschundenen goldenen Seelen, eine nach der anderen, und brachte sie zum Schwingen. Er hatte damals nicht gelogen als er behauptete, Seelen nicht trennen zu können. Aber verschmelzen… Das war eine gänzlich andere Fähigkeit. Nach und nach schwangen die Auren im Gleichklang und unter Dagdas wachsamen Augen verschmolzen die Risse miteinander. Stück für Stück wurde aus vielen einzelnen Teilen ein Ganzes, das am Ende harmonisch und gleichgesinnt zusammenlief. Das Chaos in Kehled erübrigte sich und die Qual, die ihn peinigen musste, gleich mit. Zwar bekam er sein Augenlicht nicht wieder zurück, aber das brauchte er auch gar nicht; Jetzt, mit dutzend Goldauren in seiner eigenen vereint, war er mehr als nur ein Mensch. Er war damit Dagda ähnlicher als viele andere Seelen es jemals sein würden. Und damit einher ging auch mehr Macht.
Dagda entging nicht der Augenblick, als sich Erkenntnis in die Miene des blinden Mannes schlich. Er würde sich ausprobieren müssen, aber nicht hier. Er hatte Zeit. Viel Zeit. „Du wirst lernen müssen, was du tun kannst. Ich bin weder dein Schöpfer, noch dein Herr. Du kannst mir jedoch folgen, wenn du es wünschst.“
Noch immer konnte Kehled nicht sprechen. Die zusammengezogenen Augenbrauen erübrigten eine Frage jedoch und Dagda legte den Kopf leicht schräg. „Spürst du nicht, dass sich deine Ketten gelöst haben? Es gibt keinen Bund mehr, der dich hält. Du bist dein eigener Seelenhort, du bist frei zu gehen, wohin du wünschst.“
Da gab Dagda den Mann frei und drehte sich um, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Im Gegensatz zu den Menschen wurden Götter nicht von minderwertigen Emotionen getrieben und gesteuert. Ihm konnte nie ein Fehler wie Kehled unterlaufen. Dafür waren seine Kreationen zu perfekt. Er führte den Fluss der Seelen und war mächtiger als fast alles auf diesem Planeten. Er war einzigartig ganz für sich und das wusste der Gott.
Nur litten Götter weder Trauer noch Einsamkeit. Und doch zupfte der Hauch eines Lächelns an seinen Mundwinkel, als er bemerkte, wie sich Kehled ohne seinen Stab aufrichtete und langsam dem Weg folgte, dem Dagda ihm ebnete.
Final Spark
Die Hütte im tiefsten Wald war schon lange nicht mehr so still gewesen. Nachdem Sylea und Cain davongezogen waren, war auch Mairead verschwunden. Ennis hatte Stunden über Stunden im Wald verbracht, um nach seiner Enkelin zu fahnden. Mit jedem weiteren verstrichenen Tag weigerte er sich stärker die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Mairead nicht nur Sylea und Cain gefolgt war, sondern womöglich in den Fängen der Rubras geendet war. Denn wenn sie einmal dort war, würde Ennis sie nie wiedersehen. Das wusste er, und doch weigerte er sich, dieses Szenario zu akzeptieren.
Der alte Mann war gerade dabei, Holz vor der Hütte zu hacken, da hörte er ein Rascheln und Schritte aus dem Wald. Als er sich zum Geräusch drehte, legte er die Axt an seine Schulter, jederzeit bereit, sie zu schwingen. Die Unruhe, Sorge und Anspannung war alles, was den Mann seit Tagen definierte und seine Laune entsprechend unter Strom. Er schien älter geworden zu sein in diesen wenigen Tagen, denn die Falten in seinem Gesicht warfen tiefere Schatten als zuvor.
Fragend zog Ennis die Augenbrauen zusammen, als ein Kind aus dem Dickicht trat. Ein Junge, vielleicht in Maireads Alter, mit feuerroten Haaren. Den Jungen hatte Ennis zuvor noch nie gesehen und sich einfach hierher verirrt konnte er sich nicht haben.
Erst recht nicht mit dem großen Etwas, das er abgedeckt mit einem Laken auf seinen Armen trug.
„Verschwinde“, brummte Ennis dem Jungen zu, der unbeeindruckt über die Freifläche auf die Holzhütte zulief. „Geh und nimm, was auch immer du da hast.“
„Bist du dir sicher, dass du es nicht möchtest?“, fragte der Junge und legte den Kopf dabei schief, seine viel zu alt wirkenden Augen unablässig auf Ennis gerichtet. „Ich denke, du würdest es bereuen.“
Ennis‘ Finger um den Stiel zuckten. Das war kein einfacher Junge. Er war wie Sylea, sah anders aus als wie er sich verhielt. Das schürte den Argwohn in dem Mann, der den Jungen bis auf wenige Meter herankommen ließ. „Ich brauche keine Geschenke.“
„Oh, das ist kein Geschenk. Obwohl… Vielleicht ist es das schon, wenn man bedenkt, wer es dir bringt“, überlegte der Junge laut und ging in die Hocke, um das längliche Bündel auf den grasbewachsenen Boden abzulegen. „Sie hätte es sich von mir gewünscht. Nur kann sie es nicht mehr bezahlen.“
Ennis‘ Blick fiel auf das Bündel am Boden. Irgendetwas daran ließ eine Gänsehaut über seinen Körper laufen und alles in ihm schrie ihn an, nicht nachzusehen, was darunter lag. Seine Füße waren wie festgeklebt. Der Blick starr auf das Bündel gerichtet. Unter dem Saum am oberen Ende des Lakens blitzte eine schwarze Haarsträhne hervor.
„Was ist…“ Ennis schluckte.
„Bis bald, Ennis.“ Der Junge machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Wald, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. Hätte Ennis aufgesehen, wären ihm vielleicht noch das Aufblitzen von zwei goldenen Augen aufgefallen. So jedoch verschwand der mysteriöse Junge so schnell wie er aufgetaucht war.
Etliche Minuten verharrte Ennis an seiner Position. Horror und das Wissen, nachsehen zu müssen, wogten schwer in ihm. Irgendwann setzte er steif einen Fuß voran. Dann den zweiten. Den dritten. Bis er kurz vor dem Bündel stand und auf es hinabblickte. Jetzt, wo er es so besah, schmiegte sich das Laken um die verhüllte Kontur darunter. Jetzt, wo er es genauer sah, ließ sich nicht mehr bestreiten, dass es wie ein Körper aussah. Ganz langsam ging Ennis in die Hocke, die Axt viel aus seiner Hand und achtlos auf den Waldboden. Eine eiskalte, zittrige Hand streckte sich nach dem braunen Laken aus.
Ennis zog gerade einmal das Laken bis zum Kinn hinab. Dann fiel er rückwärts auf seinen Hosenboden und stieß einen gurgelnden Ton aus, gefangen zwischen völliger Pein und unaussprechbarem Schmerz. Das Gurgeln wandelte sich in ein Stöhnen, dann ein Heulen und dann in eine Mischung aus all dem. Sein Herz zersprang in tausend Teile, seine Lunge quittierte ihm den Dienst. Die Sicht verschwamm vor seinen Augen, unfähig, den Blick von dem kalten, blassen Körper zu nehmen. All die grausamen Vorstellungen, die er rigoros von sich hatte schieben wollen, traten mit einem Schlag ein. Jetzt hatte er die schreckliche Gewissheit, was mit seiner Enkelin geschehen war.
Die Rubras hatten sie nicht mehr in ihren Fängen.
Trotzdem hatten sie ihm seinen wertvollsten Schatz genommen.
Die Sonne war dabei unterzugehen, als Ennis die Kraft gefunden hatte, sich auf die Beine zu kämpfen. Die Tränen waren leer, sein Herz schwer. Mehrfach musste er dazu ansetzen, das Bündel vor ihm auf die Arme zu nehmen. Mehrfach schreckte er davor zurück, den kalten Körper zu berühren. Das Gewicht auf seinen Armen trieb unmögliche Tränen zurück in seine Augen. Das letzte Mal, als er es gespürt hatte, hatte er sie vom Sofa ins Bett getragen, weil sie dort eingeschlafen war, nachdem er ihr einen Kakao gemacht hatte. Das war nur wenige Tage her gewesen. Da war sie noch warm und weich in seinen Armen gewesen und nicht kalt und steif wie jetzt. So steif wie seine Schritte, als er in die gemeinsame Hütte stolperte. Eng hielt er seine Enkelin an sich gedrückt, bevor er sich in den Sessel vor dem Kamin fallen ließ und Maireads Kopf an seine Brust bettete. Mit liebevollen Zügen strich er ihr die matten Strähnen aus dem Gesicht. Seine Lippen bebten, ehe er ihr einen sanften Kuss auf die Wange gab. Worte fand er keine. Es gab keine mehr zu sagen.
Als die Sonne dem Mond Platz machte, brannte Licht in der kleinen Holzhütte. Eine Totenstille hatte sich um das Haus gelegt, während die Eulen leise schrien und Grillen zirpten.
Bis ein einzelner, markerschütternder Schuss auch den Wald zum Schweigen brachte und die Stimme in der Holzhütte für immer verklingen ließ.
- Eine unbekannte Zeit später -
Hafen von Dover | Fähre nach Calais
The Seeker
Der seichte Wind, der vom Meer her auf das Land traf, war noch kalt und salzig zu dieser Jahreszeit. Auch das Wetter war nicht besonders schön, was möglicherweise daran lag, dass sich das britische Wetter in Calais mit dem Festland traf. Der Strand erstreckte sich abgesetzt von der Backsteinmauer, die den Strand vom nächsten Gehweg trennte.
Auf dieser Mauer saß eine junge Frau in einem grauen Mantel. Ihre bräunlichen Haare waren zum Teil unter einer Strickmütze versteckt, neben ihr stand ein schwarzer Suitcase. Die graubraunen Augen hatte sie den Strand abwärts bis zum Ufer auf eine einzige Person gerichtet, die dort mit dem Rücken zu ihr gewandt über die See blickte. Gerade passend, als der Himmel aufbrach und ein paar Sonnenstrahlen zu ihm hinabschickte.
Ihr gefiel dieses Bild. Die dunkle Gestalt, geküsst von Sonnenstrahlen.
Sie hatte ihn lange verfolgt. Lang genug auf einen Augenblick wie diesen gewartet, wenn seine zwei Begleiter nicht mehr in seiner Nähe waren. Gemächlich zog sie ihre Hände aus den tiefen Taschen des Mantels. Wie ein Schatten war sie ihm gefolgt, ohne dass er auch nur einen Verdacht von ihr hatte. Immer auf den rechten Zeitpunkt gespannt und jetzt, hier in Calais, hatte sie ihn endlich soweit. Allein. Unaufmerksam. Bereit, für das, was sie ihm geben würde.
Die Frau verlagerte ihr Gewicht nach vorn und machte sich bereit, von der Mauer zu rutschen. Doch dann hielt sie inne, als ein Windstoß ihr Strähnen aus der Mütze riss und ihr linkes Ohr freigab, dessen Muschel mit delikaten rostroten Zeichen verziert war. Leicht verschmälerten sich ihre Augen und sie legte den Kopf schief, während sie einfach abwartete. Es verstrichen einige Sekunden, dann entspannte sich ihr Körper und sie machte es sich auf der Mauer bequem. Die ebenfalls mit Zeichen verzierten Hände glitten zurück in ihre Taschen.
Heute war nicht ihr Tag. Einen Tag Aufschub konnte sie ihm noch gewähren. Sollte er sich ruhig von seiner vorherigen Liebsten verabschieden, denn bald würde er den Platz in seinem Herzen für jemand anderen brauchen.
Nämlich für sie.
Denn ihr Fokus hatte sich bereits auf den jungen Mann festgelegt und ihn als ihr neues Ziel ausgelegt. Das Ziel ihrer Liebe. Und so wie er damals eine Spur verfolgt hatte, tat sie es ihm gleich.
Nur nicht heute. Diesen Augenblick der Ruhe gestand sie ihm und auch ihrer verblichenen Verwandte zu.
Denn früher oder später würde sie ihren Platz schon einnehmen.
Dessen war sie sich absolut sicher.

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