[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Die beiden Geschwister sahen sich fragend an und schienen einen Moment lang verwirrt ob der Aussage der Heilerin. Wusste sie nichts um ihren Großvater? Hatte man ihnen nicht gesagt, dass er bei dem Tross des Prinzen war? Schweigsam sahen sie der Heilerin hinterher, die sich daran machte, den verletzten Zwerg zu begutachten, den die Tatzelwürmer so bösartig zugerichtet hatten.
      "Sie weiß es nicht", flüsterte Alarion und Yoki zuckte die Achseln. Erst danach machten sich beide davon, als hätten sie nichts hier zu suchen.
      Schweigsam suchten sie die Nähe von Urok, der sich noch immer mit Lucien über die Wegstrecke unterhielt. Zwischenzeitlich hatte man eine Route gefunden, die sie durch die nahe Ebene und das angrenzende Gebirge führen mochte. Die Zwerge waren zwar durchaus geschickte Bergreiter, aber die Baumgeister würden ein Problem geben. Derzeit beriet man sich noch lautstark (nun mit Lysandras Zutun) über die Möglichkeit, einen Teil der Armee zurück zu lassen.
      Indes sah Farryn auf und die Heilerin an, die ihr eine Frage stellte. Eine Frage, die nur allzu verständlich war.
      "Wir hatten Heiler", flüsterte sie. "Heilerinnen aus dem Tempel der Weißen Hand. Gefolgsleute Sylvars. Doch Faolan wusste davon. Er ließ seine Kreaturen einen Angriff reiten, als die Heilerinnen die Verletzten vom Feld bargen. Sie starben alle in einer Nacht. Andvari, Symon , Lysandra und Volgast haben versucht, die Zauberinnen zu retten, aber konnten nicht durchdringen. In dieser Schlacht verletzte man Symin beinahe lebensgefährlich. Und nur der Magie der Dryaden ist zu verdanken, dass Lysandra wieder beide Arme hat. Als sie Symon aus dem Maul des Wurms zerrte, musste sie ihren Arm dort lassen."
      Immerhin der Blutstrom ebbte ab und das Atmen des Zwergs wurde ruhiger. Erst jetzt wurden Zwerge sichtbar, die deutlich nahe neben dem Karren auf ihrem Eber saßen. Mit Argusaugen und angelegten Waffen beobachteten sie die Heilerin und warfen hier und da besorgte Blicke über den Rand des Holzes.
      "Wird er leben?", knurrte einer der Zwerge, ein besonders grimmiges Exemplar.
      Die Rüstung war nicht edel. Sie starrte vor Dreck, doch hier und da blitzte silbernes Metall hervor. So grell, dass die Sonne in ihrem Widerschein beinahe vor Scham errötete. Die Augen des Zwergs waren alt und runzlig. Doch wach und von solcher Leuchtkraft, dass man das Gefühl hatte, man blicke einem Edelstein ins Antlitz.
      "Er wird es schaffen, Hoheit", flüsterte Farryn und neigte leicht den Kopf.
      Der Zwerg nickte grimmig und sah Viola an.
      "Viola", flüsterte Farryn. "Viola de Clairmont. Erstes Schwert."
      Eine Vorstellung. Eine Vorstellung, die einem Herold gleich kam, denn die wachsamen Augen des Zwergs fixierten das Menschenmädchen beinahe klingenhaft. Erst danach weitete sich das Gesicht zu einem freundlichen, beinahe großväterlichen Lächeln.
      "Eine Ehre", murmelte der Zwerg. "Ich bin Alberich, Ulriks Sohn."
      "Arukh des Zwergenvolkes", erläuterte Farryn zu Viola gewandt. "Ein König. Arukh Alberich, Herr der Eisenberge."
      Erst nach einer Zeit sah Farryn wieder zu Viola nachdem der Zwergenkönig sich zu Ulrok und Lucien begab.
      "Ich tue was du sagst. Und jetzt geh zu ihm. Er liegt im mittleren Wagen", grinste die Elfe.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die Bösartigkeit Faolan's suchte vergeblich Ihresgleichen.
      Der jüngste Sproß der königlichen Blutlinie besaß offenbar keinerlei Ehrgefühl. Die Waffenruhe zwischen den Gefechten zu missachten, galt selbst unter den schlimmsten Feinden als äußerst respektlos. Es war das Luftholen vor dem nächsten blutigen Schlag und ein brüchiger, kurzweiliger Frieden um die Verletzten zu bergen und den Toten die letzte Ehre zu erweisen. Werlose Heilerinnen bei der Ausübung ihrer Pflicht arglistig aus dem Hinterhalt abzuschlachten, setzte Allem die Krone auf. Ein zorniger Schatten huschte über Violas sommersprossiges Gesicht bei der grausigen Erzählung und sie ballte die Hände in ihrem Schoß zu zitternden Fäusten. Stumpfe Nägel drückten sich schmerzhaft in die Handflächen, doch der kurzweilige Schmerz verscheuchte die Wut, die sie zu übermannen drohte. Die Kontrolle war zu einer Notwendigkeit geworden nach all den wunderlichen Dingen, die Viola über ihre bisher rätselhafte Herkunft erfahren hatte. Obwohl das Elfenblut in ihren Adern mit den Generationen dünn geworden war, konnte niemand mit Sicherheit behaupten, wozu sie wahrlich im Stande war. Vielleicht hätte Sylvar Rat gewusst.
      Viola fragte sich wie viel Zeit ins Land gehen musste, damit der Klang seines Namens aufhörte zu schmerzen.
      "Ich hätte in der Schlacht dabei sein sollen.", murrte sie. "Ich hätte..."
      Beim grimmigen Knurren eines Zwerges verstummte die Menschenfrau und blickte nervös zwischen Farryn und dem Neuankömmling auf dem trottenden Eber hin und her. Etwas in Tonlage der schlagfertigen Elfe veränderte sich augenblicklich und als sie respektvoll das Haupt neigte, zog die Heilerin verwirrt die linke Augenbraue in die Höhe. Die zweite geschwungene Augenbraue folgte wenige Sekunden später bis zum Ansatz der Haarlinie.
      Ein Zwergenkönig betrachtete es als Ehre. Etwas unwohl strich Viola über das edle Fuchsfell, das den Wintermantel säumte, und wäre am liebsten darin versunken um der befremdlichen Ehrehrbietung zu entkommen. Sie war ein gewöhnliches Bauernmädchen, ein Waisenkind ohne nennenswerte Titel aus einer Familie, die ihren geachteten Stand vor Generationen verloren hatte. Mit jeder Sekunde wurde die junge Frau sich den achtungsvollen Blicken und dem Flüstern bewusst, das ihr mit jedem Schritt folgte. Ein unauffälliger, grauer Schatten war sie schon lange nicht mehr, der ungesehen zwischen Zelten und Soldaten umher huschte. Mit peinlich berührter Verzögerung neigte auch Viola endlich den Kopf um ein wenig der angemessenen Etikette zu wahren.
      "Es ist mir eine Ehre, Arukh Alberich, Herr der Eisenberge.", wiederholte die Heilerin und sah erst auf, als das Schnauben des Ebers im Stimmegewirr unterging.
      "Ein Zwergenkönig? Hier?", flüsterte Viola ungläubig nur um gleich darauf unter dem Grinsen der Elfe rot anzulaufen.
      Am liebsten wäre sie gleich zu Beginn sofort in Richtung des mittleren Wagens gestürmt, nachdem Farryn ihr mit einem dezenten Kopfnicken die Richtung gewiesen hatte, aber ihr Pflichtgefühl hatte sie einen Besseren belehrt. Dennoch bebte ihr vollständiges Wesen unter der Erwartung endlich Andvari sehen zu können, auch wenn die geschilderten Umstände seiner Verletzungen die Freude etwas trübten. Ein Wiedersehen hatte sie sich gänzlich anders vorgstellt.
      Trotzdem...Dankbar für so Vieles legte Viola kurz eine Hand auf den Arm der Elfenkriegerin und sprang anschließend aus dem Wagen.
      Die Entfernung zum besagten Karren glich zähfließenden Äonen.
      Kein vorsichtiger Schritt schien Viola näher ans Ziel zu bringen und die Geräuschkulisse des Trosses rückte dumpf in den Hintergrund. Zögerlich streckte Viola eine Hand aus und schob den fadenscheinigen Vorhang bei Seite, der den Blick ins Innere versperrte und vor allzu neugierigen Blicken schütze. Ein schwerer Blutgeruch schlug der Heilerin entgegen und sie bildete sich ein das metallische Blut auf der Zunge schmecken zu können. Achtsam um keine unnötigen Erschütterungen zu erzeugen, kletterte die besorgte Frau in den Wagen. Durch winzige Löcher und den allgemein sehr dünnen Stoff fiel etwas Licht der jungen Frühlingssonne hinein.
      Das zarte Lichtspiel eröffnete den Blick auf einen bewusstlosen Elf.
      Für gewöhnlich leuchtete das schneeweiße Haar im Sonnenlicht, aber in diesem Moment war es stumpf und grau wie frisch gefallene Asche. Die Augen waren geschlossenen und ebenso wie Symon erweckte auch Andvari den Eindruck eines sanften Schlafes...wären die grässlichen Wunden nicht gewesen. Getrocknetes Blut und Staub der Schlachfelder klebte auf der bleichen Haut. Behutsam nahm Viola den Platz an seiner Seite in dem beengten Karren ein und konnte die Traurigkeit im Blick nicht verbergen.
      Ein wackeliges Lächeln zierte die Lippen, doch die Unterlippe bebte unaufhörlich während ein feuchter Schimmer die Augen trübte.
      Hauchzart berührten zögernde Fingerspitzen die verdreckten Haarsträhnen, die sich in Andvaris Stirn verirrt hatten und schob sie vorsichtig zurück. Die Stirn fühlte sich weder ungewöhnlich heiß noch kalt an, aber das verletzte Auge bereitete ihr Sorgen. Durch die Schwellung des Schnittes war unmlöglich zu erkennen ob das Auge selbst Schaden davon getragen hatte. Mit den tastenden Händen einer Heilkundigen untersuchte Viola zunächst den Schnitt auf seiner Brust und versuchte das Brennen hinter den Augenlidern zurückzudrängen. Der Kampf war verloren als die ersten schimmernden Tränen vor Kummer über die Wangen perlten.
      Mit dem Handrücken wischte sich Viola eilig über das Gesicht, was die Rötung lediglich verstärkte, und legte beide Hände auf der sich schwach aber regelmäßigen hebenden Brust ab. Dem Zug eines unsichtbaren Bandes nachgebend beugte die Frau sie vor und drückte ihre Stirn ungeachtete von Dreck und Blut ebenfalls gegen seinen Brustkorb. An diesem Zeitpunkt machte sich Viola keine Mühe mehr, die Tränen krampfhaft zurückzuhalten. Ihre Stimme war erstaunlich gefasst, während die Tränen seine Haut benetzten und die besänftigende Magie unter ihren Handflächen erwachte. Zarte Magieausläufer suchten den Weg zu zerrissenen Muskeln und Sehnen der tiefen Wunde die seine Brust zierte und verknüpften neu, was durch Gewalt getrennt worden war.
      "Warum nur bist du immer verletzt, sobald ich dich wiederfinde...?", murmelte sie. "Habe ich dir nicht gesagt, dass du daraus keine Gewohnheit machen sollst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Farryn schüttelte kurz den Kopf.
      Die Elfe wirkte mit jeder Minute erschöpfter, als der Zwerg mit einem Kopfnicken von dannen ritt. Wenn es nur einer der Fürsten gewesen wäre.
      Grinsend sah sie zu Viola und holte sachte Luft, um die aufkommenden, brennenden Schmerzen ihrer Lunge zu ignorieren.
      "Nicht ein König", murmelte sie. "Der König. Er stieß zur Armee, als Symon um Hilfe bat. Eher um Hilfe schrie. Die Zwerge rehabilitierten ihn nach langer Beratung und brachten einen Teil ihrer Armee mit. Leider nicht genug, wie du feststellen musst."
      Es waren immer wieder zu wenige. Für jeden Soldaten, der zur Armee stieß, folgten vier von Faolans Kreaturen. Es war einem endlosen Kriege gleichgekommen, einem Kampf gegen Windmühlen.
      Während Viola zum leblosen Leib des Elfenprinzen eilte, blickte Farryn in die steigende Sonne und die kälter werdende Landschaft. Sie wussten, dass die Flucht in die Menschenlande von Risiko geprägt war. Und wären nicht die Zwillinge mit dem Wissen um ihren Großvater in der Menschenstadt gewesen, wären sie vermutlich mit der Stadt untergegangen. Es blieb ein Graus.
      Nach einiger Zeit begann sie, ihrer Aufgabe nachzukommen.

      Der Tross setzte sich wenige Minuten danach in Bewegung.
      Ein Ruck ging durch die Karren, als die Eber und Pferde anzogen und selbst leblose Leiber taumelten im Schlafe, als die Räder zu rollen begannen. Gleichsamen Schrittes und doch langsamer als zuvor setzte sich der Tross der Armee in Bewegung. Die bunten Bänder und Banner, die an den Speerspitzen befestigt waren, wirkten stumpf und wenig furchterregend im Menschenland. Denn nichts sollte Zweifel an dem tragen, was es war: Eine besiegte Armee.
      Ruhig und gemächlich ritt Urok und sein König an der Spitze der Armee neben Luciens Tross und unterhielten sich lebhaft über Dinge, die kaum jemand mehr wissen wollte. Die Armee schlurfte hinterher und scheuen Blickes sahen sich die meisten Elfen oder anderen Wesenheiten in den fremden Gestaden um, deren Wolken sich dräuend zusammenzogen. Langsam rumpelte das Gefolge in Richtung der Stadt, die ihrer aller Verhängnis darstellte.
      Erst mit den Stunden des Wanderns glitten die Zwillinge wieder in Richtung des Karrens, in dem Andvari lag und betrachteten die dort kauernde Heilerin.
      "Du bist jene, von der er sprach oder? Also natürlich bist du das, wir wissen wer du bist, aber...Er sprach immer so merkwürdig träumend von dir...", fragte Yoki und sah mit leuchtenden Augen hinein.
      "Yoki!"
      "Entschuldige, ich frage doch nur."
      "Gibt es eine Möglichkeit, ihn zu retten?", fragte dann Alarion mit der gleichen Neugierde, die seiner Schwester anhaftete. Aus dem Finsteren des Karrens drang kein Laut während die Gespräche um sie herum zu einem merkwürdigen Hintergrundgrummeln wurden.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Die Zeit war ein merkwürdiges Konstrukt.
      Obwohl der Zeitfluss festgelegten Naturgesetzen unterlag und einem stetigen Rhythmus unterlag, verflog er gelegentlich schneller oder langsamer. Sekunden verwandelten sich in Ewigkeiten und Stunden in flüchtige Augenblicke. Die Zeit war weder sichtbar noch greifbar. Dennoch besaß sie genügend Macht, um das Leben jedes atmenden Wesens zu beeinflussen. Zeit konnte jemanden einholen und gleichzeitig unwiederbringlich davonlaufen. Zuweilen stand sie auch still ähnlich eines zugefrorenen Flusses im eiskalten Winter.
      Für Viola hatte die Zeit aufgehört zu fließen seit sie die Stirn gegen den vertrauten Herzschlag gelegt hatte, der ihr das Kostbarste auf der Welt geworden war. Die Welt außerhalb des zerlumpten Stoffes, der den Karren verdeckte, stand still. Die Stimmen verstummten ebenso wie das trottende Getrampel von Pferden und wilden Ebern während sich Herzschlag an Herzschlag anglich. Keinen Augenblick gönnte sich Viola eine Pause zur Regeneration und unablässig floss die Magie durch die Fingerspitzen in den ohnmächtigen Elf auf seinem kläglichen Krankenlager.
      Die schattengleiche Dunkelheit, mit der Vaeril die Heilerin infiziert hatte, störte nach wie vor den gleichmäßigen Fluss ihrer Aura, aber Stückchen für Stückchen schlossen sie die klaffenden Wunden.
      Viola hob den Kopf und führte zittrige Fingerspitzen an die verkrustete Schnittwunde über Andvaris Auge. Sie sah besorgt zu, wie die Schwellung unter ihren Fingern abklang und ebenso wie auf der entblößten Brust eine blassrosafarbene, frische Narbe zurückblieb. Mit genügend Zeit würden die Linien verblassen, aber nie völlig verschwinden. Diese Kunst hatte sie bisher nicht gemeistert. Stirnrunzelnd fuhr sie über die nun gespaltene Augenbraue und versuchte das Für und Wider abzuwiegen, das verletze Auge näher zu untersuchen. Ein dreckiger Karren war kein Ort für derartige Verletzungen und Viola konnte nur effektiv heilen wovon sie sich zuvor ein Bild gemacht hatte.
      Alles andere wäre ein riskantes Glücksspiel.
      Die unerwarteten Stimmen, die ungewöhnlich nah waren und definitiv nicht zum träge marschierenden Tross gehörten, schreckten die konzentrierte Frau auf. Viola riss den Kopf herum und tastete blind nach einer Klinge, die sie schon lange nicht mehr trug. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht ähnelte einer kampflustigen Löwin, die ihr Junges um jeden Preis verteidigen würde. Und das würde Viola, notfalls mit bloßen Händen.
      Der Schreck verließ die geröteten Augen, als sie die Zwillinge erkannte, sie sie bereits an Symons und Farryns Karren angesprochen hatten. Ein mildes Lächeln erweichte die angespannten Gesichtszüge.
      Beschwichtigend hob sie eine Hand.
      „Ist schon gut. Meine Name ist Viola, aber auch das wisst ihr Zwei sicherlich schon.“, sprach Viola sanft. Sie schmunzelte. „Hat er das?“
      Die Zwillinge waren jung. Obwohl die Gesichter zeitlos erschienen, wie es bei allen Elfen der Fall war, strahlten ihre Augen eine jugendliche Neugierde aus. Dabei waren sie keine reinblütigen Elfen, nicht wahr.
      „Alarion und Yoki, richtig?“, vergewisserte sich Viola zunächst. „Natürlich. Er ist nicht verloren, Alarion. Ich kann durchtrennte Muskeln und zersplitterte Knochen reparieren aber aufwachen…das muss er aus eigenen Kräften schaffen. Der Geist ist eine verzwickte Sache und der Kampf hat Andvari viel abverlangt. Er wird erwachen, wenn er soweit ist.“
      Sie wusste nicht, ob sie die Geschwister oder sich selbst damit beruhigen wollte.
      Mit geröteten Augen sah sie Alarion und Yoki musternd an.
      „Euer Großvater, nach dem ihr euch erkundigt habt. Kenne ich ihn?“, fragte Viola. „Verzeiht mir. Aber wenn ich euch beide ansehe, erkenne ich etwas Vertrautes.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Trotz der Tatsache, dass ihre Handlung mehr als verständlich war, schraken die Zwillinge zurück.
      Wie von selbst glitten ihre Hände an ihre Waffen und legten sich um die Schäfte ihrer geraden Stockschwerter. Nicht, dass sie wirklich erwartet hätten, einen Kampf zu provozieren, doch man wusste nie...
      Alarion fand als erster seine Fassung wieder.
      "Entschuldigung!", rief er und hob die Hände abwehrend in die Höhe. "Wir haben Euch erschreckt, wir wollten nicht..."
      Yoki stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite, was den gefassten Gesichtsausdruck kindlich entstellte, während sich der Bruder krümmte vor Schmerzen.
      "Das ist richtig", nickte die Schwester und grinste unschuldig. Trotz der Tatsache, dass dies Lächeln frei und unschuldig wirkte, trugen sie beide die Spuren der Schlachten an ihren Rüstungen und Kleidern. Blutsprenkler und Dreck stachen sich gegenseitig auf dem Metall aus und selbst die Schäfte der Schwerter wirkten verwittert von schwarzem Blut.
      "Es ist gut zu hören, dass er wieder wird", sagte Yoki und nickte zustimmend. "Wir hatten wirklich Angst, als diese Drachen kamen."
      "Ja, sie waren riesig und haben geknurrt. Haben einen auf dem Hügel vor der Stadt gesehen und als das Monstrum gebrüllt hat, haben die Steine gewackelt. Ich dachte immer Drachen wären ausgestorben..."
      "Sind sie auch, du Dummkopf!"; monierte Yoki und schüttelte den Kopf. "Das war doch Faolan. Der hat sie hervorgeholt."
      Alarion verzog das Gesicht und schüttelte sich spielerisch. "Grässlich", murmelte er.
      "Auf jeden Fall bin ich sicher, dass Andvari wieder aufwachen wird", bekundete der Bruder und nickte. "Er hat die ganze Zeit davon gesprochen, dass er Euch wiedersehen will und dass er sicher ist, dass es Euch gut geht. Er würde ja verpassen, dass er recht hat."
      "Dabei mag er es so, Recht zu haben", kicherte Yoki. "Er war gut zu uns. Wir haben keinen Vater mehr. Und unserer Mutter ist in Tirion und wohnt dort im Kerker. Er war wie ein Bruder."
      "Hey!", empörte sich Alarion. "Eher wie ein Vater. Er hat uns eine Weile verboten, Dinge zu tun, aber zumeist war er gut zu uns, ja."
      Auf die Frage der Heilerin sahen sich beide GEschwister an, als habe man sie offensichtliches gefragt. Dennoch legte sich ein Schatten auf ihre Gesichter, ehe sie zu Sprechen anhoben.
      "Vermutlich?", fragte Yoki und zuckte die Achseln. "Man sagte uns, dass er vielleicht beim Tross des Prinzen ist. Er ist ein Mensch, falls Ihr das meint. Da war so ein Mann, so ein schmieriger kleiner Mann. Er brachte eine Nachricht von ihm und sagte, dass er sich dem Tross vielleicht anschlösse, wenn er es schafft. Und dann musste Volgast mitgehen."
      "Ja genau!", rief Alarion. "Das war doch der Tag nach der Schlacht. Andvari war bewusstlos und die Generäle entschieden, dass man Volgast schicken sollte, als Mensch, versteht Ihr? Also ging Volgast mit dem Boten und wir reisten weiter. Und dann ist Eyrik gegangen."
      "Stimmt!"; sagte Yoki. "Eyrik hat sich seine Legion geschnappt und übernahm die schwerste Aufgabe...Er lockte die Feinde von uns weg, die uns verfolgt haben."
      "Wir haben lange nichts mehr von ihm gehört", flüsterte Alarion.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Mit einem schmalen Lächeln hörte Viola zu.
      Selbst mit keinerlei äußerlicher Ähnlichkeit hätte die Heilerin sofort erkannt, dass es sich offensichtlich um Geschwister handelte. Das neckende Geplänkel und die Art, wie Alarion und Yoki miteinander umgingen, sprach Bände. Die Zwillinge konnten es nicht leicht gehabt haben als halbblütige Elfen. Viola kannte nicht viele Geschichten über Kinder mit gemischtem Blut, die je das Alter eines Erwachsenen erreicht hatten. Eine Schande, die für die Menschen ebenso galt. Sie verstand, weshalb ihr Urgroßvater den Frieden in der Einöde fernab von neugierigen Blicken gesucht hatte. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, seiner kleinen Familie ein ruhiges und friedliches Leben zu ermöglichen. Die Zwillinge hatten Glück, dass Andvari sich ihrer angenommen hatte.
      "Es tut mir leid um eure Mutter.", antwortete Viola. "Und Andvari wird wieder. Ich verspreche es. Faolan wird bekommen, was er verdient."
      Die Heilerin spitzte die Ohren während sich das warme Lächeln zu einer zusammen gespressten Linie verzog.
      Das bedeutete, Lhoris und ihre eigene Vermutung war richtig gewesen. Die Nachricht hatte Andvari nie erreicht und was Pimpidou ihnen ausgehändigt hatte, war eine Finte gewesen. Stattdessen hatte er seinen schmierigen Boten mit eigenen Botschaften an die Front geschickt. Sie erinnerte sich an die Blicke, die Volgast und Pompidou im Saal des Hohen Rates eineinader zugeworfen hatten. Offenbar hatte sie auch mit dem kriegserprobten Hünen noch ein Hühnchen zu rupfen sobald sie zurück in Bourgone waren. Etwas Verborgenes spielte sich hinter den Kulissen des Kriegsgetümmels ab und hinter ihrer aller Rücken. Der Gedanke an die Geheimniskrämerei gefiel der jungen Frau nicht. Sylvar hatte es den Tod beschert, wer wusste schon, welchen Preis sie dieses Mal zahlen mussten.
      "Pompidou...", murmelte sie kaum hörbar.
      Viola schnaubte fassungslos. Traue niemals einem Politiker. Aufgrund der verwirrten Blicke der Zwillinge räusperte sich Viola und legte fürsorglich eine Hand auf die kühle Stirn des bewusstlosen Elfen an ihrer Seite. Kein Fieber, wie sie erleichtert feststellte.
      "Hm, dann kenne ich euren Großvater vielleicht wirklich sofern sein Name Gustave Pompidou ist.", sprach sie ruhig während es tief in ihrem Inneren brodelte. "Er hat mir in den vergangenen Wochen mit Rat und Tat zur Seite gestanden."
      Die Antwort war recht wage, aber Viola wusste nicht, welches Bild Alarion und Yoki von dem Mann hatten, den sie ihren Großvater nannten. Sie wollte das Geschwisterpaar nicht beunruhigen.
      "Ich bin mir sicher, Eyrik geht es gut. Dieser Barde ist zu stur zum sterben. Er lässt sich bestimmt die Gelegenheit nicht entgehen uns mit Musik und Gesang von seiner großen Heldentat zu berichten.", beruhigte Viola die Sorge. "Yoki? Gibt es auf einem der Karren noch sauberes Wasser?"
      Zur Verdeutlichung wieß sie auf der verheilten aber auch verdreckten Verletzungen, die der Drache Andvari zugefügt hatte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Zwillinge folgten weiterhin neugierig dem Karren und als die Schritte des Pferdes größer und ausladender wurden, hielten sie inne und sprangen kurzerhand mit auf den Bock. Kurz rumpelte der Wagen und Andvaris Körper begann merkwürdig zu schaukeln, jedoch fing sich die Ruhe schnell wieder.
      "Ach, das wird schon", sagte Yoki leichthin und grinste. "Unsere Mutter ist eine wichtige Frau. Sie wird nicht einfach umgebracht. Und Andvari hat uns versprochen, dass er sie sofort freilässt, wenn er König ist."
      Alarion schien dessen nicht wirklich überzeugt zu sein, fand sich doch ein ausgewachsener Schatten auf seinem Gesicht. Doch der Halbelf fing sich recht schnell wieder und stimmte in das Grinsen mit ein, als die Sprache der Heilerin auf Pompidou fiel.
      "Ja, das ist er!", riefen sie beide und auch bei Yoki trat ein Leuchten in die Augen. "Unsere Mutter meinte, dass er einen merkwürdigen Namen hat, aber unglaublich schlau und einfallsreich sei. Sie sagte immer, er hätte einem Blinden eine Sehhilfe verkaufen können."
      "Es erfreut, dass er dir geholfen hat", nickte Alarion. "Ich hatte Zweifel, als dieser merkwürdige Bote kam und Volgast mitnahm. Aber dieser schmierige Typ meinte, dass er dem Maitre diente und dass wir vertrauen sollen."
      Yoki nickte.
      "Ja, denn Großvater tue stets das Beste für sein Land. Und für uns. Hat uns immer Süßspeisen aus eurem Land zugeschickt, wenn er seine Händler aussandte. Manchmal kam er auch selbst. Heimlich und nur an die Grenze. Wir haben dann gezeltet und Fische gegrillt."
      Alarion nickte und grinste selig, ehe er den Tross entlang sah.
      "Ich frage mich wie lange wir reisen werden...", murmelte er mit einem Seitenblick zu Andvari. Anschließend sah er Viola an. "Ja, Eyrik würde das wohl tun."
      "Eyrik wird leben!", beschloss Yoki und erhob sich, ehe sie vom Bock sprang. "Ich hole dir Wasser. Und wehe, du zweifelst daran, Alarion!"
      Eine ganze Weile nblieb sie fort und Alarion sah ins Leere und seufzte.
      "Ich glaube, Eyrik ist tot", sagte er blass. "Er hat sich merkwürdig verabschiedet und meinte, in den Gefilden sähen wir uns wieder. Er wollte mir die Laute beibringen..."
      Nach einer kurzen Zeit eilte Yoki zurück und trug einen Wassereimer randvoll und beinahe viel zu leicht mit sich herum.
      "Es ist erstaunlich, dass du es so einfach heilen konntest", sagte sie und hievte den Eimer hinauf. "Sie waren so tief..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Viola verbarg die Verwunderung hinter einem friedliches Lächeln.
      Wenn sie für einen Augenblick bei Seite schob, dass ausgerechnet Pompidou der fürsorgliche Großvater sein sollte, der das begeisterte Leuchten in die Augen der jungen Elfen zauberte, genoss sie die ungewöhnliche Fröhlichkeit zwischen marschierenden Soldaten und dem Geruch von Blut und Tod.
      Das behelfsmäßige Zelt auf dem Karren wirkte ein wenig heller desto länger Viola den Zwillingen lauschte.
      "Euer Großvater wird erleichtert sein, dass ihr wohlauf seid. Ihr werdet ihn bald sehen, wenn wir in einigen Tagen den Bergpass hinter uns gelassen haben und die Ebenen der Menschenreiche durchqueren. Vielleicht nimmt er uns sogar persönlich in Empfang.", versuchte es Viola.
      Pompidou würde sich sicherlich den Einzug der Streunenden Armee vor den Toren von Bourgone nicht entgegen lassen. Immerhin hatte er das Chaos gemeinsam mit Kronprinz Lucien eingefädelt, wenn auch aus sicherilch unterschiedlichen Beweggründen. Da war sich die Heilerin sicher und empfand neben dem Groll auch einen Funken Dankbarkeit gegenüber dem Mann, der sie mit geschickten Worte umgarnt hatte aber ebenso einen großen Teil dazu beitrug, dass sie Andvari in Sicherheit wusste.
      Bourgone war nicht Beleriand.
      Die beeindruckenden und massiven Stadtmauern musste die Elfenprinzen Lysanthir und Faolan erst einmal überwinden, bevor sie ihre blutigen Finger nach Andvari ausstrecken konnten.
      Mit einem Lächeln sah sie Yoki nach und schnalzte tadelnd mit der Zunge, angestichts der betrübten Miene des jungen Alarion.
      "Eyrik mag zum Zeitpunkt des Abschiedes mit dem Schlimmsten gerechnet haben, aber das beudetet nicht, dass wir ihn nicht lebend wiedersehen, Alarion.", mahnte Viola.
      Die Heilerin bemühte sich um eine einigermaßen heitere Miene als Yoki zum Karren zurückkehrte.
      "Ich danke dir.", sagte sie und nahm vollen Eimer entgegen.
      Ein eigenartige Mischung zwischen einem erstickten lachen und einem überraschen Ausruf entrang sich ihrer Kehle. Bei Yoki hatte der Wassereimer spielend leicht ausgesehen. Die Knöchel ihrer Finger stachen weiß unter der blassen Haut hervor, als sie schnaubend den Eimer neben Andvari abstellte. Selbst neben Jungelfen wirkte Viola klein und zerbrechlich. In solchen Momenten fragte sich die Heilerin, wie sie überhaupt auf die todesmutige Idee gekommen war, sich mit einem Schwert, das beinahe lang war wie sie groß war, ins Schlachtgetümmel zu stürzen.
      "Ich wünschte es wäre so einfach.", lächelte Viola milde. "Jede Magie hat ihren Preis. Das gilt auch für meine Kräfte, denn sie zehrt an meiner Lebensenergie und laugt mich aus. Übespanne ich den Bogen dauert es Tage oder Wochen bis ich sie erneut wirken kann. Nach der unerfreulichen Konfrontation mit dem grausamen Baumschatten habe ich Wochen gebraucht um den kleinsten Magiefunken wirken zu können. Vaerils Schatten haben etwas mit mir angestellt und meine Magie vergiftet. Ich spüre es in der Art und Weise, wie ich schneller ermüde. Eigentlich bin ich mir gar nicht sicher ob ich Dandelost noch führen kann und den Titel des Ersten Schwertes noch verdiene."
      Zur Verdeutlichung hob Viola eine Hand an und präsentierte den Zwillingen ihre stark zitternden Hände. Unter Haut verliefen feine glühende Linien, kaum sichtbare Fäden, die sich langsam verdunkelten und wie schwarze Äderchen unter der Haut entlang liefen. Das Lächeln auf ihren Lippen verblasste nicht, als sie ein feuchtes Tuch aus dem Eimer fischte und damit begann den ohnmächtigen Elf von Blut und Staub zu befreien. Sanft tupfte sie das getrocknete Blut von dem verletzten Augenlid und wagte es, besagtes Augenlid ein wenig zu öffnen als die Verkustungen weich und nachgiebig wurden.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Zwillinge sahen Viola beinahe fasziniert an, als sie ihre Kräfte zur Schau stellte. Auch wenn es nur eine Idee von der Macht war, welche die Frau in sich trug, so wurden sie dennoch Zeuge einer alten und beinahe verschollenen Magie. Heilung war dieser Tage schwer zu finden und brachte zumeist mehr Leid als Segen mit sich. Doch hier wurden sie Zeuge, wie ein Riss durch die Brust in Sekundenschnelle verheilte und kaum mehr als die Spur oder die Idee einer Wunde übrig ließ.
      Schweigsam nickten sie ehe Alarion wieder das Wort erhob.
      "Ich habe von so etwas gehört", murmelte er. "Einer Magie wie Eure. Die, die schwarze Adern hinterlässt. Eyrik hat mir davon erzählt. Tempel von Uriel oder so, hat er gesagt."
      "Meriel, du Ochse."
      "Auch recht. Er berichtete davon, dass der Tempel wohl ausgerottet sei, es aber noch Bücher gibt. Eine Heilerin, die leider verstarb, hat wohl eines besessen."
      Yoki nickte ergeben.
      "Es soll angeblich noch vier Bücher geben, die die Künste der Meriel beschreiben. Aber keiner weiß, wo sie sind."
      Hilfreich, dachte sich Alarion und sah sich um. SIe waren der weiten Ebene zwar noch nicht entkommen, aber bereits ein gutes Stück in Richtung der tragenden Wälder vorgedrungen. Es schien keine Gefahr mehr zu bestehen, dass sie verfolgt wurden. Zumindest beruhigte sich die Armee deutlich und die Waffen wurden gesenkt. Zwischen den schimmernden Rüstungen und dreckstarrenden Gesichtern der verschiedensten Völkern entbrannten nach und nach kleinere Unterhaltungen und selbst in so trostlosen Zeiten vernahm man hier und dort ein kleines Lachen und ein amüsiertes Wort.
      Die Zwillinge verbrachten den Rest der Fahrt recht schweigend. Jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Hier und dort kamen auch Soldaten an die Karren und erkundigten sich nach den zahlreichen Verletzten. Erst später bemerkten die Zwillinge gegenüber Viola, dass noch weitere Verletzte weiter hinten transportiert wurden. Ihre Zahl war beinahe überschwänglich hoch und sie wurden eine Flut an Heilern benötigen, um diese ganzen Wunden zu versorgen.
      Nach einer weiteren Weile, sie wussten nicht mehr wie lange es noch gedauert hatte, richtete Yoki den Blick aus dem Karren heraus und grinste.
      "Ist das diese Stadt?", fragte sie über die Schulter und wies auf eine Stadt, die an den Bergen gelegen war.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Kopfschüttelnd beäugte Viola die Verletzung.
      Überbleibsel verkohlter Haut fühlten sich leicht warm unter den Fingerspitzen an obwohl die Wunde bereits ein paar Tage alt sein musste. Die Art und Weise, wie lediglich die Partien um das Auge herum empfindlich und gerötet waren, erinnerte die Heilerin an etwas Bekanntes. Die Haut war förmlich durch eine kurze aber plötzliche Hitze verletzte worden. Sternenlicht, dachte Viola.
      Zur ihrer Erleichterung war das Auge selbst hintakt, denn der tiefe Schnitt hatte ihr große Sorgen bereitet. Jemand hatte versucht Andvari aufzuhalten. Ein glasiger Schleier trübte die Iris, aber der würde nicht von Dauer sein. Behutsam kehrte die Menschenfrau dazu zurück, mit dem Daumen die unangenehm nässende und versengte Haut zu säubern. Wenn sie sich etwas vorbeugte, roch sie sogar den letzten Hauch verkohlter Haarsträhnen.
      "Es stimmt. Der Töchter der Meriel sind grausam abgeschlachtet worden, aber der Tempel existiert noch. Die Bücher wären äußerst hilfreich.", stimmte Viola beiläufig zu und fragte sich ob es in der Bibliothek der Weißen Hand etwas zu den Aufbewahrungsorten der Manuskripte finden ließ. Da gab es nur ein Problem: Sie konnte nicht einfach in Tirion einmarschieren und sich kurz ein paar Bücher ausleihen. Mehr wagte Viola nicht preiszugeben bevor sie nicht mit Andvari gesprochen hatte. Sie wusste nicht, wie die begleitenden Elfen auf die Geschichte reagierten. Wenn die junge Heilerin sich recht erinnerte, hatte König Oberon den Ruf der Töchter der Meriel mehr als nur zerstört, als sie sich weigerten ihm zu dienen.
      Aufmerksam sah Viola auf und hielt kurz in der Bewegung still.
      Vorsichtig schob sie die löchrigen Tücher der Plane an die Seite und warf einen prüfenden Blick nach draußen. Tatsächlich, aus den steilen Berghängen erhob sich Bougrone umgeben von Fels und tosenden Wasserfällen. Es war nicht strahlendweiß wie Tirion aber sicherlich ein sehenswerter Anblick.
      "Ja, wir sind fast da.", bestätigte Viola und fragte sich, wie viel Zeit vergangen war, seit sie sich über Andvari gebeugt hatte.
      Schweißperlen benetzten die aschfahle Haut ihrer Stirn.
      Dafür sah Andvari mittlerweile vorzeibar aus, von Blut und Staub befreit. Die Wunden waren sorgfältig versorgt und im Rahmen von Violas Kräften behandelt. Jetzt musste er nur noch aufwachen.
      "Seht mal.", sprach Viola ruhig und lenkte die Aufmerksamkeit der Zwillinge auf einen Gruppe berittener Männer. "Wir werden erwartet."
      Das Empfangskomitee bestand aus mehreren Reitern und einigen Fußsoldaten, wobei sie keine Adleraugen benötigte umzusehen, wie skeptisch die am Boden gehenden Männer zwei hochgewachsene Gestalten betrachteten. Die Eine, breit und hünenhaft. Die Zweite, ebenfalls um ein respektables Stück größer aber eher von der Statur eines flinken Schwertkömpfers. Offenbar hatten es sich Volgast und Lhoris nicht nehmen lassen, ihre Freunde zu begrüßen. Zweifellos versteckte sich auch der gewitzte Pompidou unter den Männern.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ja, wir sind da!"; rief Yoki und kletterte übermütig aus dem Lazarettkarren, während sich Alarion skeptisch aus dem Wagen bewegte.
      Mit Sicherheit war die Empfangstruppe notwendig, aber seit der großen Schlacht in Beleriand traute er den eigenen Augen nur bedingt.
      Urok Eisenhammer und sein König unter dem Berge lösten sich von der Meute und begannen einen raschen Trab einzuschlagen, dem auch Lucien folgen sollte. Als ranghöchste Vertreter der streunenden Armee waren sie ausersehen, die Verhandlungen zu führen, so es denn welche gab. Schweigsam löste sich Lysandra aus ihrem Baumgeist und schwebte neben den Zwergen hinab, um der heranreitenden Meute entgegen zu treten.
      Erst nach einer weiteren Weile des Aufeinanderzureitens wurde ihr bewusst, wer dort im Tross mitreiste. Ein erleichtertes Lachen breitete sich auf dem mädchenhaften Gesicht aus und selbst Urok und Alberich begannen kehlig zu lachen, als sie Volgast erblickten, der ihnen trotz Handfesseln zu winken begann. Selbst Lhoris, den alten Schwerenöter erkannten sie problemlos.
      "MEEEEISTEEEEER!"
      Ein Urschrei von heulenden Stimmen erhob sich aus der Mitte der Armee, beinahe auf Höhe von Violas Sitz. Gut vierzig Männer in merkwürdiger Tracht (Tuniken mit grellgelbem Muster) lösten sich aus dem Tross, wo sie bisher unsichtbar verblieben waren. Sie alle trugen Glatzen und einen einsamen Zopf am Hinterkopf, der sich bis auf ihren Rücken wand. An ihren Armen wie Schultern trugen sie schwere schwarze Kugeln, die sie mühsam an einer Kette balancierten und die ihnen mehr Gewicht verliehen. Die Menschen des Südens nannten sie die Kampfmönche vom Uran-Geti-Berg. Selten sah man die Kämpfer der legendären Künste außerhalb ihres Klosters und als sich gleich vierzig in Bewegung setzten, ging ein Murren durch die Meute. Es würde wie eine Kriegserklärung aussehen!
      Selbst die Zwillinge hatten die Beine in die Hand genommen und schrien das "Meister, MEister" mit, obgleich sie keinen suchten. Tränen zeichneten sich in den Augen der Schüler, als sie an den Zwergen vorbei auf das Komittee zusprinteten.
      "Meister Volgast!", riefen sie immer wieder während die Zwillinge mit ihrem "Großvater!" einstimmten.
      Und auch wenn der Vorgang hätte statisch von statten gehen sollen, so ließ es sich auch ein Rappe nicht nehmen, sich aus der Meute der Soldaten zu lösen.
      Das Pferd war schön und muskulös und trug einen alten Mann auf dem Rücken, der wie ein junger Spund sein Pferd zu Höchstleistungen über die Ebene trieb. Immer wieder holte er tief Luft, um Tränen der Erleichterung zu ersticken, als er Alarion und Yoki sah. Und selten sah man Gustave Pompidou glücklich. Doch dieses Mal, als er sich auf halbem Wege aus dem Sattel schwang und hart zu Boden kam, wirkte er unendlich glücklich als er seinen Enkeln in die Arme lief.
      "Oh!"; murmelte er tränenerstickt, ehe er beide Scheitel küsste. "Oh meine Lieben..."
      "Wir haben es geschafft!"
      "Das habt ihr, ja", lachte er, während Tränen die runzligen Wangen herab liefen. "Das habt ihr. Wie geht es euch? Seid ihr verletzt?"
      "Nein, uns gehts gut!", sagte Yoki und grinste. "Aber wir haben Hunger!"
      "Ihr sollt Essen erhalten, Liebes. So viel ihr mögt."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Plötzlich erhoben sich lautstarke Stimmen über dem Tross aus den müden und verwundeten Kriegern der Streunenden Armee.
      Viola beobachtete wie Bewegung in die Männer und Frauen kam in der Aussicht auf Sicherheit und der dringend benötigten Atempause, denn der Kampf gegen Faolan und seinen Bruder hatte ihnen Alles abverlangt. Widerwillig erhob sich die Heilerin von der Seite ihres Gefährten und kletterte ebenfalls aus dem behelfsmäßigen Karren. Beim Anblick der überschwänglichen Wiedersehensfreude musste auch Viola lächeln. Alle Förmlichkeit schien vergessen, als sich die eigenartige gekleideten Mönche um Volgast sammelten. Vermutlich war es Lucien zuverdanken, der wild gestikulierend verhinderte, dass die losgelöste Meute aus Mönchen, Elfen, Zwergen und Menschen nicht von Pfeilen oder Speeren durchsiebt wurde. Das höfische Protokoll wurde hier nach allen Regeln der Kunst in den Wind geschossen.
      Viola verblieb im Hintergund und beobachtete die glücklichen Gesichter.
      Federleichte Schritte stoppten auf ihrer Höhe und die Heilerin drehte den Kopf leicht zur Seite um Meliorn zuerblicken. Der Bogenschütze lächelte kaum merklich und stellte allgemein eher eine recht verkniffene Miene zur Schau.
      "Die Menschen werden uns als lebendiges Schild vor den Mauern benutzen.", knurrte er. "Sie werden kaum alle in die Stadt lassen."
      "Vermutlich nicht.", antwortete Viola. "Aber noch ist nichts entschieden. Du vetraust Lucien doch?"
      "Eine unfaire Frage, Viola.", schnaubte der Elf.
      "Krieg ist nie fair.", seufzte sie und bahnte sich allein einen Weg durch das Durcheinander.
      Der Anblick von Pompidou mit den Zwillingen erweichte das Herz der skeptischen Heilerin, deren Groll gegenüber Pompidou jedoch nicht völlig erlosch. Sie wollte das Wiedersehen nicht stören. Außerdem spürte sie, wie sich ein stechendes Augenpaar in ihren Hinterkopf bohrte. Lhoris brannte sich darauf zu erfahren, ob sein Freund und Schwertbruder noch unter den Lebenden weilte. Dabei sollte ihm Violas erleichterter Gesichtsausdruck Antwort genug sein. Sie schob sich zielstrebig in seine Richtung und die Erleichterung war groß genug, dass sie gerade noch im Augenwinkel seinen alarmierten Blick wahrnahm ehe sie den schwarzhaarigen Elf in einer Umarmung zog.
      "Er lebt, Lhoris.", murmelte sie, den typischen Geruch eines Schmiedfeuers in der Nase. "Das Sternenlicht und der Kampf mit Faolan hat ihn vollkommen ausgelaugt, aber er wird bald wieder aufwachen. Das spüre ich. Komm mit."
      Sie entließ den überrumpelten Elf aus ihrer klammernden Umarmung und zog ihn am Ärmel mit sich. Ein paar verdutzte Wachen, verloren im Gewirr, versuchten den 'Gefangenen' nicht aus den Augen zu verlieren und stolperten der Heilerin und dem Elf hinterher.
      Kurz hielt sie inne und begrüßte Pompidou, der sich ein wenig von seinen Enkelkindern trennen konnte, mit einem kurzangebundenen Nicken.
      "Ihr seid wirklich ein Mann voller Gehemnisse, Pompidou.", sprach sie ruhig.
      "Das hätte ich dir auch sagen können, meine Liebe.", erklang zu über ihren Köpfen hoch zu Ross von Lucien. "Das Empfangskomitee haben wir sicherlich Euch zu verdanken, nicht wahr?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Einen wutschnaubenden Elfen zu halten, bedurfte einer gewaltigen Kraftanstrengung.
      Einen Elfen zu halten, der zu seinem König und besten Freund wollte, erschien dagegen eine Titanenaufgabe. Lhoris brandete gegen die Hände der Soldaten auf, die ihn festhielten und die Handfesseln, die seine lädierten Finger hielten, erschienen beinahe wie Spielzeug, als er Viola und die gesenkten Banner der streunenden Armee erkannte. Lange Zeit hatte niemand die streunende Armee derart geschunden erblickt. Von überall her stachen ihm Verletzungen, betretene Gesichter und Wunden entgegen. Die Luft um die Kämpfer stand voll Blut und roch metallisch, während sie langsamen Marsches der Stadt näher kam. Und zu seinem Entsetzen führten die Zwerge die Armee an. Das konnte nur bedeuten, dass die Armeegeneräle allesamt verletzt oder nicht in der Lage waren, die Führung zu übernehmen. Noch ehe die Zwillinge hervor brachen, wand sich Lhoris aus den Händen seiner Peiniger und sprintete ohne Ansicht der Konsequenzen los.
      Die empörten Rufe der Soldaten missachtend riss er die Fesseln auseinander als seien es Spielzeuge von Kindern. Unsteten Blickes wich er den Zwillingen aus und den Mönchen, ehe er sich in einer Bärenumarmung mit Viola wieder fand.
      "Er lebt", wisperte er und blickte an ihr vorbei zu dem Karren. Sternenlicht? Weshalb hatte er Sternenlicht...Der Drache. Sie hatten von Drachen gesprochen. Faolan hatte seine fürchterlichste Waffe entsandt und die Drachen losgeschickt. Freilich brauchte er das Sternenlicht dafür. Nickend löste er sich aus der Umarmung und wanderte kurz angebunden in Richtung des Karrens, wo er Andvari vermutete. Die Wachen stolperten ärgerlich hinterher, hielten aber Abstand zu dem Elfen. Man mochte sich nicht ausmalen, was geschah, wenn er er hier Amok lief.
      Mürrisches Misstrauen begegenete den Menschen, als die Zwerge und die Armee zum Halten kam.
      Pompidou indes küsste seine Enkel auf die Scheitel und lächelte, als Viola ihn ansprach.
      "Mindestens so sehr wie Ihr, Frau Viola", sagte er lächelnd und zwinkerte. Zu Lucien gewandt sah er hinauf und schirmte seine Augen gegen die Sonne ab. "Es ließ sich nicht verhindern, Hoheit. Lhoris und Volgast wollten zu ihrem König und als ich erfuhr, dass Volgast einer der vier Großmeister des Mönchsorden ist, dachte ich es wäre besser sie hierher zu bringen."
      "Großmeister? Volgast?", fragte Yoki und sah an ihnen vorbei zu der Meute, die den Mönch umringte. Sie alle lagen ehrfürchtig auf den Knien und beteten ihr Haupt in den Dreck, ehe sie von ihm wieder aufgebeten wurden.
      "Ja, meine Liebe", nickte Pompidou. "Man nennt ihn dort Meister Hemmungslos. Er ist neben Meister Nutzlos, Meister Sprachlos und Meister Skrupellos einer der vier Großmeister."
      "Es soll mir gleich sein", unterbrach Lhoris nach dem er mit dem Zwergenkönig zurückkehrte. Von seinem Eber abgestiegen, wirkte der ZWerg beinahe witzig anzusehen und stemmte die Hände in die Hüfte.
      "Er hat Recht. Es ist genug mit den Freudigkeiten. Wir haben Verletzte. VIele Verletzte und der Kampf droht nach Süden zu wandern. Wir müssen zurück an die Front aber mit einem halbtoten Anführer werden wir das nicht schaffen. Können wir in der Stadt Heilung finden, Prinz?", fragte der Zwerg und sah Lucien fragend an.
      Pompidou indes blickte zum Herrscher und seufzte.
      "Er hat Recht, Eure Hoheit. Meine Kontakte in der Hauptstadt Tirion berichten, dass die Große Armee berufen wurde. Es wird sicherlich einige Zeit dauern bis diese auch nur die Grenze erreicht, aber es ist die volle Stärke der Elfenarmee."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "König Oberon holt somit endgültig zum letzten Schlag aus", murmelte Lucien beunruhigt.
      Vom Rücken seines Pferdes aus blickte er in eine Flut von besorgten Gesichtern und stieß ein langgezogenes Seufzen aus. Die Zeit der halbherzigen Bemühungen sollte ein Ende finden. Dennoch konnte er die gesamte Streunende Armee nicht einfach durch die Stadttore marschieren lassen und damit ganz Bourgone in ein Pulverfass verwandeln.
      "Pompidou, schickt Boten zu den Häusern aller Mitglieder des Hohen Rates. Es wird Zeit, dass wir uns entscheiden an wessen Seite wir in der bevorstehenden Schlacht kämpfen wollen oder ob wir uns feige hinter unseren Mauern verstecken", richtete der Kronprinz das Wort an Pompidou auch wenn er ihn damit von seinen geliebten Enkelkindern fortriss. "Und entsendet eine Nachricht zur Abtei der Heilkundigen. Meister Greneau soll sich und seine Brüder darauf vorbereiten, dass sie bald alle Hände voll tun haben."
      Mit gespreizten Fingern fuhr sich Lucien durch das vom Wind zerzauste Haar und wirkte trotz der von der langen Reise ermüdeten Gesichtszüge mehr wie der zukünftige Thronfolger als je zuvor. Viola atmete erleichtert aus. Der Prinz stieg unter skeptischem Geflüster etwas ungelenk und mit steifen Glieder vom Rücken seines Pferdes ab. Langsam gesellte er sich zu der Gruppe Lhoris, Pompidou und Viola wobei sein Blick auf den grimmigen Zügen des Zwergenkönigs lag.
      "Bringt Eure schwersten Verwundeten zum Tor und trommelt alle zusammen, die nicht länger auf einen Heiler verzichten können. Wir werden die Karren an einen sicheren Ort innerhalb der Mauern geleiten. Ich erbitte Euer Verständnis, dass wir nicht die gesamte Streunende Armee augenblicklich in die Stadt lassen können. Die Menschen hinter den Mauern müssen darauf vorbereitet werden, wenn wir keinen zweiten Krieg in den Straßen bezeugen wollen.", fuhr er fort. "Ich verspreche Euch, dass ich ohne weitere Verzögerung mit den Hohen Herrschaften dieser Stadt sprechen werde."
      Mit einem zuversichtlichen Nicken streckte Lucien dem Zwergenkönig die Hand entgegen für ein Bündnis, das dieser Kontinent seit seiner Geburt nicht erlebt hatte. Menschen, Elfen und Zwerge würden unter einem Banner gegen einen gemeinsamen Feind in die Schlacht ziehen.
      "Komm, wir begleiten Andvari.", flüsterte Viola und zupfte am Ärmel von Lhoris geliehenem Hemd.
      Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass keiner von ihnen den bewusstlosen Andvari länger als nötig aus den Augen lassen wollte. Die Heilerin verabschiedete sich mit einem Nicken von Pompidou und Lucien. Ohnehin hätte es niemand geschafft Viola davon abzuhalten an die Seite ihres Gefährten zurückzukehren. Auch nicht unter Androhung einer Kerkerzelle oder mit erhobenen Schwertern. Lhoris' Wachen schienen wenig davon angetan hinter einem Karren hinterher zu stolpern.
      Im Hintergrund öffneten sich die gewaltigen Stadttore mit einem grollen Dröhnen.

      ___________________________________________________________

      Mit dem Handrücken wischte sich Viola die Schweißperlen von der Stirn.
      Die behelfsmäßige Schürze aus grobem Leinen war von blutverschmierten Händen befleckt und verströmte den unverkennbaren Geruch frischen Blutes. Die kühlen Gemäuer der Abtei hatten sich binnen weniger Stunden in eines der größten Feldlazarette verwandelt, die sie je gesehen hatte. In allen verfügbaren Räumen verbanden die heilkundigen Ordensbrüder tiefe Fleischwunden und richteten zerschmetterte Knochen. Nachdem Viola sich vergewissert hatte, dass Andvari unter Lhoris wachsamen Blicken friedlich und ungestört ruhte, hatte sich die Heilerin ihrem Pflichtgefühl ergeben. Geschäftig huschte die junge Frau von einem Raum in den anderen und half, wo lediglich Magie die letzte Rettung war. Erschöpfung stand ihr in das bleiche Gesicht geschrieben, als sie zu an die Seite von Lhoris und Andvari zurückkehrte und die blutigen Finger in einer schlichten Holzschale säuberte.
      Die vergangenen Stunden erschienen Viola wie mehrere Tage und noch immer gab es keine Neuigkeiten aus dem Palast. Allerdings war der Hohe Rat nicht dafür bekannt zügige Entscheidungen zu treffen. Die Comtesse stellte sich zweifellos quer wie eine bockige Ziege.
      Ruhig trat sie an Lhoris Seite, der neben Andvaris Bett auf einem für ihn fiel zu kleinen Schemel hockte. Der Anblick hätte Viola für gewöhnlich amüsiert, aber die Sorge überwog.
      "Unverändert?", murmelte sie nur und legte eine federleichte Hand auf die Schulter des Schwertkämpfers.
      Viola beugte sich über der Bewusstlosen und streichelte hauchzart mit den Fingerknöcheln über die ausgeprägten Wangenknochen. Ein flüchtiger Blick wanderte zu den zwei schimmernden Objekten, die neben dem Bett an der Wand lehnten. Dandelost und Angrist lehnten nebeneinander an der groben Steinmauer, die die Wände der Räumlichkeiten bildete. Meliorn hatte beide Klingen eingehüllt in löchrigem Tuch vorbei gebracht. Seiner Meinung nach gehörten Schwerter wie diese an die Seite ihrer Träger.
      Vorsichtig, um den Schlafenden nicht zu erschüttern, nahm Viola auf der Bettkante Platz.
      "Es sind so viele Verletzte, Lhoris.", sprach sie ruhig und betrachtete die schattenartigen Linien über ihren Handrücken. "Die Brüder tun alles in ihrer Macht stehende, aber sie sind keine Zauberer. Wir werden nicht alle retten können und meine Kräfte sind erschöpft."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Zeiten waren dumpf und grau und glichen dem Himmel, der über Bourgogne thronte.
      Als die Tore sich grollend öffneten und einen Teil der streunenden Armee einließen, waren die Menschen in hellen Aufruhr verfallen. Gerufen hatten sie, nach den Heilanden ihres Zorns und nach den Soldaten. Eine feindliche Armee stürme das Tor. Man hatte sie nur mit Mühe wieder beruhigen und besänftigen können, ehe die Streunenden einziehen konnten. Die Zwerge hatten gut sortiert. Die Verletzten aller Völker hatten sie durchgeschaut und mit den findigen Kenntnissen ihres Volkes katalogisiert. Kategorie Rot waren jene, die nicht mehr versorgt werden konnten. Diese mussten umgehend geheilt werden. Symon gehörte zu ihnen. Der Zwerg sah noch schlechter aus und verlor noch immer Blut und nur der Zähigkeit des kleinen Volkes war es zu verdanken, dass er noch atmete. Farryn begleitete ihn zu seinem Lager, während sich die Brüder um ihm kümmerten. Kategorie Gelb waren Knochenbrüche und mittelschwere Wunden, die noch vor dem Tore blieben und nur schubweise eingelassen wurden, um versorgt zu werden. Diese Wunden würden alleine heilen, ohne weitere magische Hilfe. Kategorie Grün waren kleinere Wunden, die zumindest alleine heilen konnten. Die Streunende Armee hatte vor dem Tore Stellung bezogen und ihre LAger aufgeschlagen, die vor Blut und Dreck starrten. Wie aus dem Nichts waren durch die Baumgeister eine Art Wall entstanden in dessen Wipfeln Elfensoldaten Wache hielten, während bereits einige Stunden nach Aufbau des LAgers die ersten Feuer entzündet und Essen gekocht wurden.
      Doch nichts dieser erfreulichen Entwicklung vermochte Lhoris zu trösten, der auf diesem Schemel saß. Nachdem Pompidou mit dem Prinzen verschwunden war, um den hohen Rat einzurufen, erschien ihm die Wartezeit beinahe unendlich lang. Volgast hatten sie gehen lassen. Er war bei seinen Schülern und ergötzte sich an deren Labsal und Fragen, während er innerlich froh war, sie alle wieder zu sehen. Farryn verblieb bei Symon, Hogav hatten sie gebracht. Der Ork war schwer verwundet und konnte nicht in das Haupthaus gebracht werden. Stattdessen lag er vor den Gemäuern der Heiler und wurde dort durch mehrere von ihnen gepflegt. Er trug eine schwere Schulterwunde, die ihm massive Schmerzen bereitete. Lysandra thronte auf der Stadtmauer und sah von dort aus gen Norden, in Richtung der Berge. Sie wusste, etwas Großes rollte an.
      "Unverändert", murmelte er und seufzte. "Ich verstehe es nicht, weißt du...Ich verstehe es einfach nicht. Das Sternenlicht schwächt ihn, ja. Aber nicht so sehr. Irgendetwas scheint ihn zu halten, zu binden und ich weiß nicht was. Ich werde nicht schlau aus dieser Ohnmacht..."
      Langsam sah er zu Viola hinauf und erkannte die Anzeichen der Erschöpfung in ihren Augen und an ihrem Körper.
      "Du musst rasten, Viola", sagte er und drehte sich leicht zu ihr. "Wenn du die ganze Zeit zauberst, wird dein Körper ermatten und du wirst womöglich auch ein komatöser Patient. DIe Brüder tun genug und manches Mal ist es eben so...Wir bräuchten die Töchter der Meriel um die Verwundeten alle zu heilen und ein Krieg bringt leider Opfer mit sich..."
      Ruhig sah er zu Andvari, dann wieder zu ihr.
      "du kannst sie nicht alle retten..."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Ein gleißender und schmerzhafter Puls durchschnitt Violas geschwächte Aura.
      Das Gefühl, als hätte eine unsichtbare Klinge den Brustkorb geöffnet und glühende Kohlen hinter die Rippenbögen gezwängt, schnürte der Heilerin die Luft ab. Mühevoll presste sie einen Atemzug aus den plötzlich viel zu engen Lungen und in ihrem Schoß ballten sich die von schwarzen Äderchen durchzogenen Hände zu zitternden Fäusten. Für einen kurzen Augenblick glaubte Viola, dass der überanspruchte Aurakern endgültig kollabierte. Als sie begriff, dass das brennende Gefühl nichts mit ihrer Zauberkraft zu tun hatte, war es bereits zu spät. Der Verzweiflung und der verzehrende Jähzorn entluden sich an der einzigen Person im Raum, die ihre Wut eindeutig nicht verdient hatte.
      "Oh bitte, Lhoris. Versuch nicht mir zu erklären, was Krieg bedeutet.", presste Viola hervor. "Der Blick in den Spiegel erinnerte mich jeden einzelnen Tag daran, was es bedeutet ein Opfer des Machthungers gieriger Könige zu sein und was der Krieg zurücklässt sobald alle Häuser und Felder niedergebrannt sind. Ich mag keine Hunderte von Jahren als sein, aber ich weiß wie Asche und Tod schmecken. Du hast Recht. Ich kann sie nicht alle retten. Ich konnte nicht einmal meine eigene Familie retten."
      Viola vergrub die zitternden Fingern in der blutigen Schürze. Die schwarzen Verästelungen verloren an Struktur und verblassten langsam unter der Haut. Mit hängenden Schultern saß die junge Frau auf der Bettkannte. Das erste Mal seit langer Zeit ähnelte Viola dem, was sie eigentlich war: Ein junges Mädchen, das unter den Erwartungen und dem Druck in die Knie zu gehen drohte. Die zornige Verzweiflung glühte ungebrochen in den schimmernden Augen.
      "Wozu all diese Macht, wenn ich niemandem damit helfen kann? Das Leben von Symon hängt am seidenen Faden, obwohl ich alle getan habe, was ich konnte. Ich schaffe es nicht einmal, die Ursache für Andvaris anhaltende Ohnmacht zu finden. Ja, wir bräuschten die Töchter der Meriel, keine Nachfahrin einer dürftigen Blutlinie. Bedauerlicherweise hat König Oberon mit Verrat und genügend Schwertern dafür gesorgt, dass keine der Töchter mehr übrig ist. Er kann nicht gewinnen, Lhoris. Er darf nicht gewinnen."
      Viola stieß die Luft aus der verkrampften Lungen.
      "Ich bin müde", flüsterte sie leise. "So müde. Es tut mir leid, ich wollte meinen Frust nicht an die auslassen."
      Behutsam nahm sie eine von Andvaris Händen. Mit kreisenden Bewegungen fuhr Viola über die aufgesprungenen Fingerknöchel.
      "Aber ich habe Angst.", gestand sie. "Wir wissen nicht, was zwischen Faolan und Andvari auf dem Schlachtfeld vorgefallen ist. Wenn Faolan für diesen Zustand verantwortlich ist...Was wenn er nicht aufwachen kann? Ich weiß nicht, wie ich ihm helfen soll."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Ausbruch der Heilerin war überfällig, wenn er ehrlich war. Mehr als überfällig. Gerade die heilende Kunst war, galt sie doch zumeist als minderwertig oder unpraktisch im Geiste der übrigen Magie, die gefragteste im Kriegsfall. Jetzt wo der Tod wie einer der Ihren durch die Reihen der Verletzten striff und sich seine Opfer nach und nach zurecht legte, war die Kunst des Heilens mehr denn je notwendig. Und auch der Frust, den sie barg, wenn man nicht alle retten konnte.
      Lhoris schwieg geflissentlich während sich Viola ihren Frust von der Seele sprach. JEdoch die Adern machten ihm Sorgen. Es war nicht normal, so lange zu zaubern und würde vermutlich hohe Kosten mit sich tragen. Wenn sie es überhaupt wusste.
      Sachte seufzte der Elf und legte ihr die Hand auf die Schulter, als Zeichen, dass er ihren Ausbruch nicht übel nahm. Das schwarze Haar ruhte auf seiner Schulter als er sie ansah.
      "Fürs Erste beruhige dich erstmal. Ich kann verstehen, dass der Frust hoch ist, aber eine Abnutzung deines Kerns sollte nicht geschehen. Die Adern sind ein Zeichen sicherer Überlastung und ist als Warnsignal zu verstehen. Also wird deine erste Aufgabe sein, zu schlafen. Ich übernehme ab hier ein paar der Verwundeten. Wunden kauterisieren kann ich auch...", sagte er ruhig und sah zu Andvaris leblosen Leib, ehe er wieder zu Viola sah.
      "Macht ist eines. Sie zu besitzen ein Weg, aber leider tun es auch andere. Faolan ist ein Meister der Manifestation von Kreaturen. Vermutlich waren diese vergiftet oder trugen Spuren anderer Magie in sich, die infusiert wurde. Man kann es nur wissen wenn man eine solche Kreatur sieht...", sagte er und sah nachdenklich zum Prinzen hinüber. "Oberon ist ein mächtiger König, gewiss. Doch auch wir sind nicht untätig, kluge Viola. Wir haben ebenso Elfen eingeschleust, die uns aus dem Internen helfen. Nuala ist dort und ein Spion von Seiten Pompidous. Wir versuchen herauszufinden was möglich ist, aber wir werden ohne Hilfe nicht standhalten können. Und nun hör auf, dich selbst klein zu machen. Du bist eine Nachfarin des mächtigen Volkes. Es muss eine Möglichkeit geben, an die Künste heran zu kommen. Aber der einzige Zauberer, der helfen könnte, ist leider verstorben..."
      Seufzend erhob sich Lhoris und grinste sie an.
      "Bleib hier und raste. Ruhe neben ihm und schlaf etwas. Ich kümmere mich um die kleineren Wunden. Und vielleicht braucht es nur Zeit, bis Andvari wieder erwacht."
      Auch wenn der Elf es bezweifelte, dass es derart einfach war. Dieses Koma erschien ihm nicht normal, doch es brauchte so viel mächtige Magie...Doch woher nehmen?

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Nachsichtig berührte Lhoris die Schulter und sämtliche Anspannung schien von der erschöpften Heilerin abzufallen.
      Halbherzig öffnete Viola den Mund um refelxartig mit einem schwachen Protest aufzuwarten, aber etwas an der Präsenz des Elfen veranlasste sie dazu den Mund gehorsam wie ein belehrtes Kind zu zuklappen. Die tiefen Furchen zwischen ihren Augenbrauen gruben sich als letztes Zeichen der Auflehnung in die kränklich, blasse Haut. Ein weitere Mal beäugte Viola die schattenartigen Linien und die schwarz gefärbten Fingerkuppen. In einem Punkt sollte Lhoris richtig liegen, etwas stimmte nicht mit dem Magiekern. Viola fühlte das verstörende Ungleichgewicht unter dem Herzen und hegte starke Zweifel, dass die Überlastung allein dafür verantwortlich war. Seit dem Tag ihres Erwachsens fühlte die Menschenfrau die unheimliche Anwesenheit einer vertrauten und gleichzeitig verhassten Energie. Vaeril hatte ihr ein Abschiedgeschenk gemacht. Sie hatte es gespürt, als Dandelost nach langer Zeit wieder in ihren Händen lag. Der fleichmäßige Energiefluss zwischen der Elfenklinge und dem Quell ihrer Magie war gestört, denn Dandelost schien seine Trägerin nicht zu erkennen.
      Die Genräle der Streunenden Armee verletzt, teils so schwer, dass Viola um die Leben fürchtete. Der Lichtrufer, gefangen in einem unerklärichen Schlaf und ein Schild, dass sich nicht rufen ließ. Die Aussichten waren nie zuvor so schlecht gewesen.
      "Nuala...", murmelte Viola und verzog mit einem deutlich schlechten Gewissen das Gesicht.
      Sie hatte die Elfenkriegerin beinahe vergessen, die noch zu Beginn ihrer Reise versucht hatte, die Heilerin mit Blicken zu erdolchen. Nualas Zorn war ihr gewiss, sollte sie Andvari nicht helfen können. Als Lhoris zu guter Letzt auch noch Sylvar erwähnte, sog die Heilerin stockend den Atem ein.
      "Nein, das können wir nicht.", flüsterte sie und streifte dabei träge die Stiefel von den Füßen. "Aber es gibt einen einzigen Ort, der uns vielleicht die nötigen Antworten liefern kann. Der Tempel der Meriel ist zerstört aber nicht gänzlich verloren. Sylvar...er ist durch die Ruinen gewandert, als suche er etwas in den alten Fresken, die über all im Tempel verstreut sind. Ich bin eine kurzweilige Verbindung mit den Energien des Tempels eingegangen um Andvari nach den Unruhen in Telerin zu heilen. Die Töchter wurden von Oberon gefürchtet, weil sie den Schlüssel zu Leben und Tod in sich trugen. Vielleicht finden wir dort etwas, das uns hilft. Etwas, dass wir beim ersten Mal übersehen haben."
      Mit einem leisen Poltern landeten die Stiefel am Boden und Viola zog die Beine auf das schmale Bett. Je länger sie zur Ruhe kam umso unwiderstehlicher erschien die Vorstellung eines erholsamen Schlafes.
      "Zuerst muss er aufwachen.", murmelte Viola und ließ sich auf das Bett sinken. "Danke, Lhoris."
      Viola ergab sich. Ihr Körper schmiegte sich an Andvaris Seite wie das fehlende Teil eines Puzzles. Die verschlungenen Hände legte sie über seinem Herzen ab und schloss die Augen. Der Geruch von Blut durchdrang nach wie vor seine Haut, obwohl sie jedes bisschen davon behutsam gesäubert hatte. Es war der Geruch von Staub, Blut und Schweiß. Der Krieg haftete an ihnen allen, egal, ob sie sichi die Haut blutig schrubbte, um die unsichtbaren Spuren loszuwerden. Schwer ruhte der herbstrote Lockenschopf auf der Schulter des Schlafenden.
      Viola schlief ein bevor die Tür ins Schloss fiel.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der Schlaf eines Gerechten heilt die Wunden, so heißt es bei der weißen Hand.
      Die Heiler dort versuchen sich an der Forschung zur heilenden Wirkung des Schlafes und zumeist lagen sie damit richtig, dachte Lhoris als er die Tür schloss und sich in den Innenhof begab. Die Wachen sahen ihn noch immer merkwürdig an und doch wagten sie es nicht, Hand an den Elfen zu legen, der sie mit einem grimmigen und entschlossenen Blick betrachtete. Er brauchte sein Schwert. Und ein Pferd, dachte er und durchquerte den Garten in Richtung der Lazarette, wo die Schreie herkamen. Es gab Dinge zu tun. Und er würde nicht ruhen, ehe sie eine Chance hatten, diesen Wahnsinn zu stoppen.

      Schwärze.
      Der Raum um ihn herum explodierte in einem wahnsinnigen Farbenmeer und Andvari sah dem Drachen erneut in die schwarzen Augen. Überkreuzte Iriden, brennende Leidenschaft und den Geschmack von Feuer auf der Zunge öffnete er flatternd die Lider und begann langsam hektischer zu atmen. Der GEruch hatte sich verändert. Es roch nicht mehr nach Schlachtfeld und Blut. Sein Schwert war fort, er spürte das Gewicht nicht mehr in seiner Hand und eigentlich war seine ganze linke Körperhälfte gelähmt. Weder das Bein noch der Arm ließ sich recht bewegen und langsam, schürte Panik seine Angst. Als würde man ihm eine Garotte um den Hals legen schluckte der Elf und verspürte selbst dabei Schmerzen, was sie ihn zu einem kleinen Stöhnen brachte. Sachte sah er sich um. Das war ein Bett! Ein Zimmer. Er sah Wände und Decken, Fenster und Dekorationen wie Stühle und Überdecken. Seit wann war Beleriand so ausgestattet? Kein Haus der Stadt hatte eine derart feudale Ausstattung...
      Beleriand!
      Er dachte an die brennenden Straßenzüge und die einfallenden Horden von Schattengeistern, die sein wahnsinniger Bruder losgelassen hatte und zuckte zusammen, als er das Gewicht auf seinem Arm bemerkte. Und wie es sich bewegte.
      Erst danach sah er hinab und erkannte zu seinem Erstaunen Viola, die seelenruhig schlief. Sie sah erschöpft aus und doch fuhr seine Hand zitternd durch ihr feuerrotes Haar. Ihr Bäume, dachte der Elf und vernahm das erste Mal ein Lächeln auf seinem Gesicht. Es war lange her...So lange. Und er hatte sie vermisst. Hatte gebetet und gefleht, bis der Botschafter von Pompidou ankam und ihm berichtete dass sie lebte. Aber wie lange war die Angst Herr seiner Gedanken gewesen? Seufzend ließ er sich zurückfallen und beschloss, sie etwas schlafen zu lassen. Grinsend sah er zur Decke und versuchte sein Herz zu beruhigen. Alles was wichtig war, war hier bei ihm.

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Friedliche Stille ruhte über dem alten Gemäuer.
      Die Schmerzschrei verstummte mit Einbruch der Nacht und übrig blieb das tröstliche Flüstern der Ordensbrüder, die sich bis in die späten Stunden um die zahlreichen Verletzten kümmerten. Viola schlummerte ungestört an der Schulter ihres Liebsten bis das Herz unter ihrer Wange einen Hüpfer machte. Ein schlaftrunkener Seufzer entfloh den geöffneten Lippen, doch der Schlaf entließ sie noch nicht völlig aus seinen sanften Armen. Die Sterne funkelten am tiefschwarzen Nachthimmel, als Viola endlich die Augen öffnete. Ein kühler Luftzug ließ die junge Frau frösteln, denn jemand hatte das Fenster offen gelassen. Unterbewusst suchte sie die Wärme des vertrauten Körpers und drückte die kalte Nasenspitze in Andvaris linke Schulter. Sie hatte einen Arm und ein Bein über ihn geworfen, als wollte sie verhindern, dass er sich im Schlaf einfach davonstahl.
      Augenblicklich verweilte Viola stocksteif auf dem Bett und zögerlich wagte sie einen müden Blick in Andvaris Gesicht. Sie blinzelte verschlafen und rieb sich mit den Fingerknöcheln den Schlafsand aus den Augen. Ein zweiter Blick und sie wusste, dass sie nicht träumte.
      Andvari war wach und Viola versuchte sich zu erinnern, wie lange sie die vertraute, bernsteinfarbenen Augen nicht mehr gesehen hatte.
      Es waren klare Augen, die sie ansahen, als hätten sie etwas langverlorenes endlich wiedergefunden. Ein wackeliges Lächeln zupfte an ihren Mundwinkel. Viola wusste nicht ob sie vor Erleichterung und Glück lachen oder weinen sollte. Zu viele Gefühle stürzten aufeinmal über ihrem Kopf zusammen während sie die Handfläche über sein Herz legte und den Rhythmus seines Herzschlages fühlte, kräftig und lebendig.
      Andvari grinste und Viola zog geräuschvoll einem Atemzug durch die Nase, um nicht in Tränen auszubrechen. Schweigend veränderte die junge Frau ihre Position und richtete sich ein wenig auf. Lächelnd lehnte Viola die Stirn an seine, so nah, bis sich ihre Nasenspitzen berührten. Alles, was sie sah, war die Farbe leuchtenden Bernsteins.
      "Hey...", brachte sie mit zitternder Stimme hervor und streichelte mit der Spitze ihres Zeigefingers seine Schläfe entlang.
      Den Göttern sei Dank bis du wach.
      Ich habe mir solche Sorgen gemacht.
      Ich war so allein.
      Ich hatte Angst.
      Ich habe dich vermisst.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”