[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Eine ganze Weile lang starrte der Elf in den silberbehandelten Spiegel und seufzte schwer.
      Was für ein Bild gab er ab? Einen mächtigen Krieger? Die Muskeln an seinen Armen schienen bereits jetzt verkümmert und sein Leib war hälftig auf eine Holzkrücke gestützt, die ihn lächerlich dreinblicken ließ. Er vertraute seinem Bein noch nicht so wie er sollte und doch hatte ihn Viola dazu gedrängt, diesen Versuch zu machen. Die Gewänder der Menschen waren immer noch an einigen Stellen zu weit und streckenweise zu kurz, aber das mochte nicht sein Problems ein. Die Menschen beachteten ihn ohnehin nur argwöhnisch oder gar nicht.
      "Ich bin soweit", rief er nach draußen und stellte seine Krücke an die Wand.
      Ein letztes Mal blickte er zu der Bettstatt, die allzu lange sein Zuhause gewesen war und sah an seinem Bein herunter. Noch immer fühlte es sich wackelig und beinahe unsicher an, aber es blieb nichts anderes.
      Schweigsam machte er sich mit verzerrtem Gesicht auf den Weg. Der Gang des Elfen hatte nichts mehr mit der leichtfüßigen Art und Weise gemeinsam, die er vormals an den Tag gelegt hatte. Stattdessen verlagerte er das Gewicht falsch und humpelte ein wenig zu stark, ehe er nach drei Schritten merkte, dass das Bein ihn aushielt.
      Zwar wurde das Humpeln nur ein wenig besser, aber er konnte die restlichen Schritte aus eigener Kraft bewerkstelligen.
      Schweigsam trat er durch die Tür und schirmte die Augen gegen das Sonnenlicht ab, das ihn mitsamt der Heilerin empfing, die wie immer ein Buch auf dem Schoß trug.
      "Ich bin da", murmelte er und humpelte recht unsicher auf Viola zu. "Vielleicht noch nicht ganz in alter Geschwindigkeit, aber durchaus einsatzbereit. Befürchte nur, dass wir für die Rückreise ein wenig länger brauchen, wenn wir keine Pferde erhalten."
      Ein Lächeln umspielte seine Lippen und leichter Spott zeigte sich darauf als er neben ihr zu stehen kam.
      "Etwas gehört?", fragte er.
      Und beinahe - als würde die Antwort bereits vorbestimmt sein - unmittelbar ertönte ein lautes Geschnatter, was in einem kurzen Ruf und einer abschließenden Ankunft eines zerstreuten Pompidou endete.
      Das Ratsmitglied trug dieses Mal eine rote Robe und sein silbergraues Haar wirkte leicht wirr, während er sich den Staub von den Klamotten klopfte.
      "Gute Güte noch eins", schimpfte er, während er den Weg zu Viola und dem Elfen zu schließen begann. "Guten Morgen allerseits! Entschuldigt bitte mein rüdes Eindringen, aber es ist schwerer als eine Audienz bei Euch als bei dem Fürsten zu erhalten. Verzeihung verzeihung, haha..."
      Langsam näherte er sich und zog ein knittriges PErgament aus seinem Mantel und reichte es grinsend Viola.
      "Ich wollte Euch die Kunde nicht vorenthalten. Mein Bote kam gestern Nacht zurück und hatte eine Nachricht für Euch, Frau Viola."

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      The more you drag me to hell
    • Das Lächeln des Elfen spiegelte sich auf Violas Gesicht wieder.
      Es war gut, den stolzen Krieger endlich wieder auf eigenen Füßen ohne eine stützende Holzkrücke oder kränklich an ein Bett gefesselt. Die Heilern schob das Notizbuch in die Rocktasche ehe sie sich von dem angestammten Platz auf der steinernen Bank erhob und an die unsichere Seite des Elfen trat. Sie streckte nicht die zarte Hand aus um ihn zu stützen, sondern verblieb als stummes Angebot der Hilfe sollte ihn sein Bein oder das Gleichgewicht im Stich lassen. Gedanklich stimmte Viola ihm zu. Für den Rückweg benötigten sie Pferde, aber noch erschien der Gedanke daran in weiter Ferne zu liegen.
      "Darüber zerbrechen wir uns den Kopf, wenn es soweit ist.", antwortete Viola sanft, ein wenig mehr sie selbst als in den vergangenen Tagen. Die vielen Eindrücke und Erkenntnisse zu verdauen, stellte sich ein langwieriger Prozess heraus, aber es wurde jeden Tag ein wenig besser. Genau wie Lhoris verletztes Bein, fand auch die Heilerin allmählich zu einer Art von Balance zurück.
      "Gehen wir ein Stück durch die Gärten. Du musst das Bein regelmäßig bewegen, sonst versteift der Muskel und dann muss ich dir am Ende noch aufs Pferd helfen. Die Magie hat die Vergiftung im Blut neutralisiert, heilen muss der Rest von allein.", schmunzelte Viola mit einem schiefen Grinsen.
      Mit einem Kopfschütteln sah sie Lhoris an und zuckte beinahe erschrocken zusammen, als Pompidou eiligen Schrittes über den Kiesweg in ihre Richtung steuerte. Die gemischten Gefühle über seine Anwesenheit waren der Heilerin deutlich anzusehen, dennoch neigte sie höflich den wilden, rötlichen Haarschopf zu einer angemessenen Begrüßung.
      "Meister Greneau war der Meinung die Besuche seien nicht förderlich für unsere Genesung.", erwiderte sie schlicht. "Eine Nachricht? Aus dem Grenzland?"
      Ein gleichzeitig freudiges und ebenso besorgtes Leuchten erfüllte die Augen als sie das zerknüllte Pergament zwischen den Fingern des Mannes erblickte. Mit vorsichtigen Fingerspitzen, als fürchtete sie das dünne Papier könnte zu Staub zerfallen, nahm sie die Nachricht entgegen und entfernte sich ein paar Schritte von den Männern um die Zeilen mehrmals zu überfliegen. Die strahlende Miene trübte sich mit sorgenvollen Schatten.
      "Komm nicht her. Zu unsicher. Ich melde mich. Ich liebe dich, Andvari.", las sie laut genug vor und wandte den Blick zu Lhoris.
      Mit dem Pergament in der Hand kehrte sie die wenigen Meter zurück zu Pompidou und schloss die grazilen Finger fest um das Schriftstück.
      Ein bedrückendes Schweigen legte sich über die Heilerin.
      Nur langsam entkrampften sich die Finger um das zerknitterte Papier ehe sie es Lhoris reichte, in der Hoffnung die Handschrift zu erkennen.
      "Die Unruhen im Niemandsland haben sich nicht gelegt.", murmelte sie nachdenklich. Natürlich nicht, die Elfenprinzen würden nicht ablassen, wo sich der verhasste Bastardbruder in Reichweite befand. "Wir müssen doch irgendetwas tun können?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Lhoris war sich beinahe wieder der Erfreulichkeit seiner eigenen Bewegung bewusst, ehe Pompidou diese mittägliche Ruhe zu stören wusste. Auch wenn der alte Mann sich die letzten Tage bedeckt gehalten hatte, war seine Lüge durchaus nicht von unerheblicher Natur gewesen. Lhoris nickte dem alten Mann zu, der ihrer beider Begrüßungen erst später zu würdigen wusste. Ein vorsichtiges Lächeln hatte sich auf die runzligen Züge des Ratsmitgliedes geschlichen, gab er doch vor, die Inhalte der Nachricht nicht zu kennen.
      Dennoch blitzte in seinen wachen Augen ein schweres Erkennen auf, als Viola die Nachricht verlas.
      Auch wenn Gustave bereits viele Talente zu den Seinen zählte, so war die Kunst des Schauspiels Neuland für ihn, obgleich er sich seiner Meinung nach hervorragend schlug. Eine kurze Weile lang blickte er ehrlich betroffen zu Viola und setzte sich auf einen beistehenden Schemel, während Lhoris heran humpelte, um das Pergament in Empfang zu nehmen.
      "Ich...", begann Pompidou. "Ich bin untröstlich, Teuerste... Ich hatte keine Ahnung. Meine Spione haben mir wohl berichtet, dass die Schlachten noch immer toben, aber...Ich war nicht ansatzweise vorbereitet auf eine derartige Meldung."
      "Was sagten die Spione genau?", fragte Lhoris mit bissigem Unterton, als er die Nachricht zurückreichte. "Die Handschrift passt nicht. Es ist nicht Andvaris, Ratsmitglied."
      "Das kann ich nicht beurteilen, Herr Elf", begann Pompidou lächelnd und sah sie beide an. "Meine Boten sagten lediglich, dass sie sich nur knapp über die Pässe hatten schlagen können. Erneut kreisen die Gerüchte um einen schwer verletzten General der Streunenden Armee und Grabenkämpfe zwischen den Brüdern. Mein Spion Le Fou, er ist besonders bewandert müsst Ihr wissen, berichtete mir, dass Andvari und Lysanthir eine schwere Schlacht ausgetragen haben, welche in einem Duell mündete. Angeblich seien beide Brüder verletzt worden, aber Niemand gestorben. Als Vorsichtsmaßnahme, so berichten die Kundigen, habe man die Brücken zu den Pässen vernichtet, um die Armee am Weiterkommen zu hindern..."
      Lhoris sah den alten Mann beinahe gifitg und wütend an.
      "Was Ihr berichtet...Gleicht einem Todesurteil!", donnerte er. "Sich in einem Tal einzuschließen, ist Selbstmord. Eine Himmelfahrt."
      Pompidou neigte ehrfürchtig das Haupt und sah ehrlich zerknirscht aus.
      "Ich wünschte, ich könnte besseres behaupten..Hinzu kommt noch eine Kleinigkeit, Frau Viola", sagte Gustave und sah die Heilerin an. "Die Feinde rüsten sich zum Schlage, fürchte ich. Der Rat ist unruhig und man hat eine Sitzung einberufen. Ich befürchte, dass die weiteren Schritte gegen das Elfenreich thematisiert werden. Man hat erfahren, dass der Elfenkönig das Niemandsland angreift."

      Spoiler anzeigen
      Die Sitzung wurde von einer anonymen Quelle einberufen und hat alle Ratsmitglieder zur gleichen Zeit erreicht.

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    • Der beißende Tonfall in Lhoris' Stimme ließ Viola aufhorchen.
      Augenblicklich verhärteten sich die Eingeweide in ihrem Körper zu einem bleischweren Knoten und der Atem stockte. Die unterschwellige Befürchtung, dass Pompidou erneut ein falsches Spiel wagte, schob sich überdeutlich in das Bewusstsein. Würde das Ratsmitglied tatsächlich versuchen sie erneut an der Nase herumzuführen und dafür ihre Gefühle auszunutzen?
      Mit einem zustimmenden Nicken trat Viola an die Seite des Elfen und blickte aus dem Augenwinkel zu ihm herauf ehe sie sich mit zusammen gepressten Lippen an Pompidou wandte.
      "Lhoris hat Recht.", fügte sie hinzu. "Die Pässe zu verschließen, ist ein Todesurteil. Andvari würde die Seinen niemals in eine solch ausweglose Lage zwingen. Sagt mir, Pompidou, wie treu ist Euch dieser Le Fou? Fähige Spione sind selten einer Seite wirklich treu ergeben, gemäß dem Fall das nötige Kleingeld wechselt die Seiten. Wenn Lhoris sagt, die Nachricht stammt nicht aus Andvaris Händen, dann ist sein Wort über jeden Zweifel erhaben. Die Nachricht ist eine Finte."
      Viola konnte unmöglich Pompidou direkt an den Kopf werfen, dass sie seinen Worten misstraute. Die Zwickmühle bestand daran, dass sie seine Hilfe bedauerlicherweise benötigten ebenso wie Lucien die Unterstützung eines Mannes wie Pompidou zu Gute kam.
      Alarmiert nahm die Heilerin die folgenden Worte zur Kenntnis und trat einen Schritt vor.
      "König Oberon befindet sich im Niemandsland?", wisperte sie atemlos und sah über die Schulter beunruhigt zu Lhoris.
      Die gesamte Körperhaltung der jungen Frau versteifte sich, bei der unerwarteten Hiobsbotschaft. Der Elfenkönig und seine Söhne vereint unter einem Banner bedeutete eine Flut aus Blut und Zerstörung. Etwas anderen in dem Bericht des älteren Mannes steigerte die Beunruhigung, die allmählich in schleichende Panik umschlug, ins Unermessliche.
      "Ein Gegenschlag durch unsere Armee? Wer hat die Sitzung angeordnet? Wenn der Hohe Rat vor hat die Truppen zu mobilisieren und ins Grenzland zu schicken, sitzt Andvari in der Falle. Unsere Soldaten werden keinen Unterschied machen, zwischen der Streunenden Armee und dem Gefolge des Elfenkönigs."
      Viola blickte zwischen den Männern hin und her.
      "Der Rat muss uns anhören."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Pompidou erhob die Hände beinahe abwehrend, während er sich in einer dennoch guten Position wähnte. Der Elf reagierte wie gedacht. Freilich würde er die Schrift seines Freundes erkennen. Und freilich waren all das, was sie sagten, nur Indizien die sie zusammen setzten. Schweigsam lauschte er erst ihren Worten, ehe er sich räusperte.
      "Meine Lieben...", murmelte er mit tiefer Stimme. "Es ist mitnichten so, dass der König im Niemandsland ist. Ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich habe erfahren - und es sind nur Gerüchte, müsst Ihr wissen - dass der Elfenkönig das Niemandsland angreift. Er hat die große Armee zusammen gerufen und diese hat sich in Marsch gesetzt. Jedoch ist es noch unbekannt, wer sie anführt."
      Seufzend sah er zu Lhoris und nickte ergeben.
      "UNd sicherlich habt Ihr Recht, Herr Elf. Es ist eine auswegslose Situation und ich halte Andvari den Erzählungen nach nicht für unfähig. Jedoch ist es dies, was mir meine Spione berichtet. Spione, denen ich mein Leben anvertrauen würde, möchte ich meinen. Le Fou mag nicht immer der korrekteste aller Heiligen sein, aber wir haben einander nie hintergangen. Zumal er es nicht für Elfen tun würde. Ich kann mir nur vorstellen, dass Andvari nicht in der Lage war, Euch selbst zu schreiben und es diktiert hat."
      Gerade als Pompidou die Hoffnung verlor und der Zweifel im Blick des Elfen beinahe überdrüssig groß erschien, legte Viola die Richtung ein, die er ersehnt hatte. Braves Mädchen, dachte er und verzog hernach nicht eine Miene.
      Sein runzliges Gesicht ruhte auf Viola und schweren Herzens seufzte er schauspielerisch einwandfrei, ehe er sich vorbeugte und seine Hände faltete, während er sich auf den Oberschenkeln abstützte.
      "Ich gebe Euch Recht", bekannte er und Lhoris humepelte ins Sichtfeld von beiden. "Wer sie einberufen hat, weiß ich nicht. Aber es scheint, als habe jedes Ratsmitglied zur gleichen Zeit eine Nachricht erhalten. Als sei dies ein wohl geplanter Schachzug. Und ich halte mich nicht für einen schlechten Spieler, meine Liebe. Aber dies Manöver ist ganz erstaunlich."
      Kopfschüttelnd sah er zu VIola.
      "Ich stimme zu, dass es für Andvari das denkbar schlechteste Auskommen wäre, nur...Ich bin ehrlich zu Euch, Viola: Es sieht nicht gut aus. Wenn sich die Gerüchte verdichten, dass die große Armee auf dem Vormarsch ist, wird man die Ratsmitglieder nicht halten können. EIn jeder möchte seine Heimat schützen...", sagte er und erhob sich schwerfällig. "Haltet Euch bereit. Bereits in wenigen Stunden sollte die Sitzung beginnen. Ich werde eine Möglichkeit finden, dass Ihr sprechen könnt, aber wählt Eure Worte weise..."

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    • Letztendlich hielt Pompidou sein gegebenes Versprechen.
      Viola versuchte nicht darüber nachzudenken wie häufig sie das geknitterte Pergament zwischen den Fingern gehalten und nach einem Fehler, einem Zeichen für einen erneuten Verrat, gesucht hatte. In Lhoris vorrübergehenden Quartier war sie auf und ab gelaufen wie eine eingesperrte Wölfin. Der alte Meister Greneau hattte lediglich einmal versucht, seine aufgebrachte Schülerin zu einem beruhigenden Tee zu überreden, aber Viola hatte jedes Hilfsmittelchen abgelehnt. Von Angesicht zu Angesicht mit den höchsten Vertretern Bourgones im Herzen des Hohen Rates benötigte die heilkundige Frau einen glasklaren Verstand. Andererseits machte sie sich keine Illusionen. Weder war sie politisch sonderlich bewandert noch mit eiskaltem Kalkül gesegnet. Die Emotionen waren Violas größte Schwäche und Pompidou vermochte es mit ihnen zu spielen wie es ihm beliebte. Die Ungwissheit, ob die gekritzelte Botschaft wahrhaftig eine Finte darstellte, zerrte an den ohnehin gespannten Nerven.
      Unbestreitbar war nur eine Tatsache: Sie glaubte Pompidou kein Wort.
      Viola hielt den Blick gesenkt und fühlte dutzende Augenpaare, die ihren Nacken durchbohrten.
      Es war das erste Mal nach der unverhofften Rückkehr von den Toten, dass die Heilerin sich in Mitten von Angehörigen des eigenen Volkes befand und sich doch sekändlich mehr und mehr wie eine völlig Fremde vorkam. Getuschel und gedämpften Flüstern erhob sich wie das Summen eines aufgeschreckten Bienenstocks. Die Königin der fleißigen Arbeitsbienen ließ allerdings auf sich warten und so glänzte die Comtesse weiter mit Abwesenheit. Noch waren Plätze auf den erhabenen Rängen leer, aber der Sitzungssaal füllte sich menütlich mit mehr und mehr Mitgliedern der regierenden Gesellschaft.
      Tröstlich war einzig und allein die Anwesenheit des Elfen zu ihrer Linken. Mit eiserner Selbstbeherrschung hielt sich Viola davon ab einen zarten Faden der Magie zwischen ihnen zu spinnen, um Kraft aus seiner Stärke zu beziehen.
      Aus dem Augenwinkel entdeckte die Heilerin Prinz Lucien zwischen den Mitgliedern zu ihrer Rechten. Er sah ebenso ratlos aus, wie sie sich fühlte. Ein Umstand, der Viola keineswegs beruhigte. Der Kronprinz wusste also ebenso wenig, wie der Rest der fragenden Gesichter.
      Das Schlimmste? Violas Gedanken waren wie leer gefegt.
      Was konnte sie Vorbringen um eine Änderung zu bewirken? Sie?
      "Um Himmelswillen! Besäße jemand in diesen ehrwürdigen Hallen vielleicht die Freundlichkeit uns zu erläutern, warum in Gottes Namen wir alle herzitiert worden ohne angemessene Begründung?", donnerte die liebliche und ebenso harsche Stimme der Comtesse durch den Raum.
      Das Echo der grazilen Schritte erfüllte den Ratssaal, als die Comtesse sich einen Weg zum Podium bahnte.
      Das Erscheinungsbild wie gewohnt makellos aber ebenso eisig, wandte sie sich den Anwesenden zu und zeigte deutliches Missfallen darüber, dass auch sie nicht die kleinste Ahnung hatte welches Spiel hielt gespielt wurde. Sie war es nicht gewöhnt wie ein Schoßhund herbei zitiert zu werden.
      "Ich warte.", flötete sie bittersüß und mit Augen die pures Gift verströmten. Der Blick heftete sich auf Lhoris und Viola. "Und wer hat diesen Irrsinn zu verantworten!? Was hat die abtrünnige Heilerin samt Spitzohr in diesen Hallen verloren? Meinte Geduld hat ihre Grenzen!"
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    • Es war die Stunde des Falken, die den Jäger auszeichnete.
      Zumindest sagte man es dieser Art im Süden, aus dem Pompidou stammte. Just im dem Moment, als sich die Gespräche senkten und die Lautstärke in eine normale Erwartung überging, erhob sich der ältere Mann sorgsam und mit quietschendem Stuhl. Schweigend faltete er die Hände vor dem schlanken Bauch und ließ seine wachen Augen durch den Raum gleiten. Nicht zuletzt, um an den giftsprühenden Augen der Comtesse zu verbleiben, deren Ungeduld er mit einem Lächeln quittierte, dass zumindest seine Miene bis zu den Augen erheiterte.
      "Werte Mitglieder des Rates, Comtesse, werte Gäste", begann das Ratsmitglied mit ungewohnt fester und zugleich tief tönender Stimme, sodass es von den Wänden her hallte.
      "Wir befinden uns alle in Frage, wer dieses Treffen denn wohl einberufen hat, jedoch gibt es Anlass zur Sorge. Ungeachtet der Tatsache, dass dieser Irrsinn hier durchgeführt wurde, Durchlaucht, so ergibt es durchaus Sinn, dass der Hohe Rat sich mit Fragen der äußersten Sicherheit unseres glorreichen Staates befasst.
      Denn es ist, wie ich Euch berichte, hohe Mitglieder des Rates: In den letzten Tagen und Wochen erscheinen die Bewegungen des Hohen Königs unter dem Baume durchaus nicht mehr nachvollziehbar. Vielmehr hat er seine Truppen rüsten und sich sammeln lassen. Laut meinen Spionen hat sich die Große Armee der Elfen, eine beachtliche Streitmacht, die selbst unseren wohlgerüsteten Streitkräften gefährlich werden könnte, in Marsch gesetzt.
      Ihr Ziel scheint die südliche Grenze zu sein und noch sind die Spione nicht in der Lage, den Weg abzuschätzen, den sie einschlagen wird. Und doch möchte ich zur Diskussion stellen, dass wir uns ebenso erheben, um der dräuenden Gefahr bereit und gewappnet entgegen zu sehen!"
      Mit einem kurzen Räuspern unterbrach er seinen Monolog und sah zu Viola und dem Elfen herüber.
      "Im Zuge dessen hat mich Viola de Clairmont und der Elf Lhoris Farvalur um das Recht des Wortes gebeten, welches ihnen gewährt werden sollte...Meiner bescheidenen Meinung nach", neigte er den Kopf und lächelte gewinnend wie kalt in die Runde und setzte sich sorgsam wieder auf seinen Stuhl.

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    • "Fein. Wenn der Hohe Rat es wünscht, soll ihnen das Wort erteilt werden.", sprach die Adlige etwas zu schnippisch und gefror zu einer Statue, als die Männer und Frauen in den Rängen zustimmend murmelten.
      Die Comtesse sah Pompidou an, als hätte er ätzende Säure in die Kehle geschüttet.
      Zumindest ähnelte die angesäuerte Miene der edlen Damen einer unsichtbaren Folter und zweifellos hätte die Comtesse ihn an Ort und Stelle am liebsten um das Haupt auf seinen Schultern erleichtert. Bedauerlicherweise musste sie einen Ruf wahren und das war ein wirkliches Glück für das Ratsmitglied. Und für die fragwürdigen Gäste in den Hallen des Rates.
      "Bitte...", winkte die Comtesse ab und blickte mit der herablassenden Art einer privilegierten Frau auf Viola herab. "Sprecht und teilt dem Rat Eure überaus wichtigen Worte mit, Mademoiselle de Clairmont."
      In der prunkvollen Halle erstarb jedes Geräusch. Die Stille war so allgegenwärtig, dass es ein Leichtes gewesen wäre, eine Stecknadel auf den polierten Marmorboden fallen zu hören.
      Viola blickte Lhoris aus dem Augenwinkel an, mit einem Ausdruck in den Augen, der förmlich darum flehte, dass er ihre Seite nicht verließ. Mit einem tiefen Atemzug reckte die Heilerin ermutigend das Kinn und schritt den schmalen Gang zwischen den Emporen zu beiden Seiten entlang. Die Blicke folgten jedem Schritt wie Aasgeier, die auf einen Fehltritt warteten um sich auf ihre Beute zu stürzen.
      "Verehrte Comtesse, edle Damen und Herren des Hohen Rates.", erhob Viola die Stimme, zunächst zaghaft und etwas zu leise, aber mit jeder Silbe kräftiger. "Verzeiht mir, die ungebührliche Bitte in diesen Hallen zu sprechen. Verzeiht mir ebenso, dass ich ohne Umschweife zum Punkt komme und darauf verzichte den Hohen Rat mit Details meiner Verbindung zu den Kämpfen im Niemandsland zu belästigen. Die Einzelheiten dürften genügend Spekulationen geschürt haben. Ich habe sie alle gehört: Blutverräterin. Elfenhure."
      Ein empörtes Gemurmel erhob sich vereinzelt doch die Stimme der Heilerin blieb stark, kaum einer bemerkte das Zittern der Hände an ihren Seiten.
      Viola hatte beschlossen, sich nicht zu erklären oder ihre Verbindung zu Andvari und der Streunenden Armee zu verteidigen. Das Gerede war laut genug und es gab nichts, was dem Rat nicht bereits bekannt war. Außer dem Wissen, dass sie im Archiv des Palastes ausgegraben hatten. Davon würde kein Wort in diesen Raum gelangen, wenn es nach ihr ginge.
      "König Oberons Armee ist eine ernstzunehmende Gefahr. Darüber hinaus befinden sich seine Söhne Prinz Lysanthir und Prinz Faolan im Niemandsland und ich hatte das zweifelhafte Vergnügen das Ausmaß der Zerstörung mit anzusehen, dass diese Prinzen anrichten können. Wir werden einem Kampf nicht aus dem Weg gehen können. Dennoch gibt es bereits eine Armee vor Ort, die für Frieden an den Grenzen kämpft. Prinz Andvari Valverden, Bastard das Elfenkönigs, und seine Streunende Armee kämpfen um eine Beendigung der Konflikte im Grenzland. An seiner Seite kämpften mutige Männer und Frauen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die keine Bedrohung sondern einer Hilfe für uns sind. Entsenden wir die Truppen aus Bourgone werden sie keinen Unterschied zwischen Andvaris Kriegern und den Männern des Königs machen. Wir riskieren einen Verbündeten zu verlieren, der die Mittel in Händen hält, all das hier zu beenden. Prinz Andvari ist nicht unser Feind."
      Wieder erhob sie erbosten Flüstern. Niemand hätte vergessen, wie Andvari unzählige Soldaten der kaiserlichen Garde kaltblütig abgeschlachtet hatte.
      "Ich weiß, dass es keinen Grund gibt, mir zu Vertrauen oder einem meiner Worte, aber als Tochter dieser Ländereien und als Waise des Niemandslandes, sind mir die Folgen für diese wunderschöne Stadt bewusst, wenn wir diese Chance jetzt nicht ergreifen. Bourgone wird brennen sobald König Oberons Armee die Grenzen durchbricht. Unter seiner Führung wird es keine Waisen wir mich geben. Er wird nicht ruhen, bis allen Blutes der Menschen diese Lande tränkt und den Fluss blutrot färbt."
      Viola blickte zu Lucien. Zu Pompidou. Zu Lhoris.
      "Lasst Lhoris Farvalur und mich mit den Truppen ziehen. Ich stelle mich jedem Urteil, dass der Rat als rechtens empfindet, wenn das Niemandsland wieder sicher und die Gefahr gebannt ist. Andvari Truppen werden wissen, dass Bourgone nicht in die Schlacht zieht um ihnen ein Messer in den Rücken zu rammen, wenn wir an der Seite unserer Soldaten reiten. Gemeinsam können wir die Armee zurückschlagen."
      In einer demütigen Verbeugung präsentierte Viola allen Anwesenden den verwundbaren Anblick ihres Genicks, als drohte ihr bereits das Beil.
      "Ich beuge mich dem Willen dieses edlen Rates."
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    • Lhoris und Gustave lauschten den Worten der jungen Heilerin. Mit Sicherheit besaß sie nicht die Übung vor dem Rat zu sprechen, aber ihre Worte enthielten durchaus die Wahrheit. Leider waren es Worte, die sich der Hohe Rat nicht einmal ermessen konnte. Niemand konnte die Erfahrung der jungen Frau teilen, welche die Schrecken der Prinzen ausgelöst hatten. Vielmehr war es Hörensagen, das sie hier preisgab und Pompidou fühlte ihre Fälle schwimmen.
      Er musste es schaffen, dass der Hohe Rat dem Rüsten zustimmte. Und er musste Lucien dazu bekommen, die Macht an sich zu reißen. Und dies gelang nur mit einem Weib an seiner Seite. Liebte er, was und wen er wollte, aber es brauchte einen starken Erben des Reiches, ehe die Elfen sich rüsteten, bevor seine Schritte Wirkung zeigten.
      Mit den Kiefern mahlend knetete er seine langen Finger und lauschte dem bitteren Flüstern im Raum. Seufzend ließ sich feststellen, dass nicht alle dem Vortrag wohlgesonnen waren und so blieb nichts anderes...
      Schweigsam erhob sich das Ratsmitglied und klopfte mit seiner Faust zweimal auf den schmalen Tisch vor ihm.
      "Meine verehrten Ratsmitglieder, wenn ich-"
      Seine weiteren Erläuterungen gingen in einem Poltern ausserhalb der Ratskammer unter. Schwer schmiss sich Etwas gegen die dicke Holztür, sodass diese erzitterte. Von draußen drangen Stimmen an die Ohren der Kammer und es wurde mehrfach um Stillstehen geordert. Pompidou war selten aus der Fassung zu bringen, jedoch starrten seine Augen just in dem Moment kalt und berechnend zur Tür, als diese aufgerissen wurde und ein Mann die Kammer betrat.
      Ein Mann, den alle im Raume kennen sollten.
      Die Schultern des Mannes wirkten eingefallen trotz der stählernen Muskeln, die er an sich trug. Das hellgrüne Wams war vom Kriege zerrissen und gesprenkelt mit getrockneten Blutschwaden, die sich quer über seine Brust zogen. Der schwere kahle Kopf wurde von einem wirren Bart gesäumt, der ebenfalls von Blut getränkt war. Das linke Auge des Mannes war verbunden und die mächtigen Hände lagen in schweren Eisen, ehe er in den Raum stolperte.
      Volgast Tenebria hatte durchaus bessere Tage erlebt als diesen. Seine Schritte waren schwer und in seinem Bein steckte ein abgebrochener Pfeil, den er zu ignorieren schien. Mühsam wehrte er sich gegen die Fesseln um seine Handgelenke und begann zu ächzen, als die Wachen ihn zu Boden rangen und ihm Waffen an den Hals hielten.
      Schnell und beinahe unsehbar glitt sein Blick durch die Reihen und heftete sich an Gustaves. War das ein Hilferuf?
      "Haltet ein!"; rief Gustave und hob die Hand. "Fürstin und hohe Ratsmitglieder! Haltet ein!"
      Einen Moment lang schienen zumindest die Wachen inne zu halten, sodass der Riese sich auf die Knie begeben konnte.
      "Hört...mich an...", krächzte er und sah zur Comtesse hinauf.
      Pompidou nickte.
      "Ich stimme zu. Ich möchte hören, was er zu sagen. Was ein Mitglied der Sieben Fürchterlichen Generäle zu sagen hat!"

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    • Missbilligende Blicke wohin Viola auch sah.
      Die Wenigen, die mit augenscheinlicher Besorgnis den Worten lauschten, ließen sich an einer Hand abzählen. Hilfesuchend, obwohl Pompidou in ihren Augen das Vertrauen nicht verdiente, sah sie die Heilerin, verloren zwischen Politikern und Skeptikern, die Empore herauf. Von Pompidou wanderte ihr Blick über die Reihen von finsteren Mienen bis sie bei Lucien verweilte. Der Thronerbe mahlte angestrengt mit den Kiefern und hatte im Augenblick lediglich Augen für die Comtesse de Beaufort, die mit einem süffisanten Gesichtsausdruck und widerlich gönnerhafter Weise auf Viola herabschaute.
      Endlich erhob Pompidou die Stimme.
      Verunsichert spitzte Viola die Ohren und fragte sich, ob der spitzzüngige Poliker ihr damit einen Rettungsanker zuwarf oder die sprichwörtlichen Fesseln noch enger um sie schnürte. Mit jeder Anspruchnahme seiner Hilfe und jeder Bitte um Unterstützung zog sich die Schlinge fester zu, band sie stärker an einen Ort, der Viola fremd geworden war.
      Mit einem ohrenbetäubenden Poltern vor den imposanten Eichnportalen überschlugen sich die Ereignisse.
      Das Stimmengewirr erhob sich zu einem beinahe unterträglichen Summen und mischte sich mit entsetzten Aufschreien, als die hünenhaften Gestalt von Volgast Tenebria in die Ratshalle schlurfte. Die Wachen an seiner Seite konnten den Hünen selbst mit massiven Eisenketten kaum in Schach halten, doch angesichts der offensichtlichen Verletzungen gab auch der stärkste Körper irgendwann auf. Volgast, gefürchteter Krieger und mächtiger Windbändiger aus aberdutzenden von abenteuerlichen Geschichten, ging zu Boden wie ein umgestürzter Fels.
      Viola schlug erschrocken eine Hand vor den Mund.
      Eine eigenartige Mischung aus Entsetzen und Erleichterung flackerte in der leuchtend grünen Iris, doch als eine tödliche Speerspitze sich gegen die entblöste Kehle des Mannes presste, vergaß die Frau in welchen erlauchten Hallen sie sich befand.
      Bevor Pompidou ein Wort geäußert hatte, war die mit dem Druck überforderte Heilerin von dem leicht erhöten Podest im Zentrum gesprungen.
      "Volgast!", rief sie aus und der schockierte Tonfall hallte als verzweifeltes Echo kristallklar von den hohen Wänden wieder.
      Sie kam kaum in seine Nähe, da richtete sich ein zweiter Speer auf die junge Frau, die knapp rechtzeitig auf dem spiegelglatten Boden zum Stehen kam. Viola fixierte die bedrohliche Waffe, deren scharfkantige Spitze unmittelbar gegen das entblöste Schlüsselbein drückte knapp oberhalb der zarten Narbe, die sie im Tempel der Meriel davon getragen hatte.
      Ein magischer Puls fegte durch den Raum.
      Ein gewöhnlicher Mensch verspürte lediglich einen leichte unbehagliche Veränderung, ein sachtes Gefühl des Unwohlseins.
      Für alle, die in ihrem Leben mit Magie in Berührung gekommen waren, fühlte sich die Luft eigenartige aufgeladen an wie unmittelbar vor einem heftigen Gewittersturm. Violas Aura, für gewöhnlich von wohltuender Sanftheit erfüllt, umgab die zierliche Frau wie eine unsichtbare, wabernde Wolke. Kaum merkliche, schwarze Tupfen schmückten den äußeren Rand der grünen Iris. Die Hände des Soldaten begannen langsam aber stetig zu zittern und die lebendige Farbe verschwand allmälich aus dem energisch wirkenden Gesicht.
      "Soldat! Senk die Waffe! Das ist ein Befehl!", übertönte die Stimme Luciens die Unruhe.
      Als der besagte Soldat mit einem flüchtigen Blick zur Comtesse herüber sah, knurrte Lucien neben Pompidou verärgert.
      "Sieh nicht die Comtesse an. Dein Kronrpinz hat die einen Befehl gegeben, Soldat.", herrschte er. "Waffe runter, sofort!"
      Ertappt zuckte der Krieger in silberner Rüstung und den landestypischen bläulichen Farben Bourgones zusammen während Lucien die Treppenstufen hinabschritt. Langsam senkte der Soldat die Waffe über dessen geschliffene Spitze ein einzelner Blutstropfen perlte.
      Die Comtesse, zur Freude einiger Anwesenden im Raum, wirkte aufgrund der selten zur Schau gestellten Autorität des Prinzen zum ersten Mal seit langer Zeit sprachlos.
      Lucien saß in der Zwickmühle.
      Einen Verbündeten am Boden zu sehen und dennoch für das schaulustige Publikum eine gewisse Distanz zur Schau zu stellen, war ein wahrer Drahtseilakt.
      "Viola. Hat er dich verletzt?", murmelte er.
      Ein kurzer, fragender Blick aus dem Augenwinkel glitt zu Lhoris, denn er spürte es auch, das unangenehme und kühle Kribbeln direkt unter der Haut. Behutsam berührte er Viola an der Schulter. Die offen gezeigte Sorge schürte ein Geflüster ganz anderer Natur.
      "Nein. Es nur ein Kratzer.", antwortete die Heilerin mit belegter Stimme, den Blick auf Volgast gesenkt.
      Ein Blick des Kronprinzen genügte und die drohende Schneide verschwand von der Kehle des Generals. Es wurde Abstand genommen, doch die Ketten blieben. Mehr brauchte Viola nicht, um Form und Anstand zu missachten und sich auf Augenhöhe mit Volgast zu begeben. Sie sprach nicht, sondern bemühte sich um ein wackeliges Lächeln.
      "Sprecht, Volgast Tenebria.", forderte Lucien ihn auf.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Volgast befand sich in einer Trugschlusssituation.
      Auf Knien und Aug in Aug mit den Speeren an seinem Hals ließ es sich beinahe um eine Zwickmühle vermuten, jedoch wirkte der Zauberer nicht einmal milde beeindruckt. Zu sehr stach die Erschöpfung und die Müdigkeit aus dem gesunden, unverbundenen Auge, während er sich versuchte, aufzurichten.
      Selbst kniend überragte er so manches Ratsmitglied und war nicht minder erstaunt als Viola sich dazwischen warf und ebenfalls zumindest verletzt wurde. Er war zu schwach, um Wutr zu empfinden, doch fühlte die Hitze in der Luft, als wäre sie sein altgedienter Mantel in kalter Nacht.
      Schweigsam hob er den Blick zu Lhoris, der sich unmittelbar und in Windeseile erhoben hatte und die Soldaten anstarrte, als wollte er ihre Seelen eine nach dem anderen fressen. Selten sah man den Elfen derart wütend, ehe Lucien eingriff und beide Soldaten aus ihrer Starre holten.
      "Viola...", flüsterte Volgast und versuchte sich an einem Lächeln. Vielleicht war es der Situation geschuldet, aber das Lächeln barg mehr Schmerz als Hoffnung für die Situation.
      Auf Luciens Aufforderung hin sah er den Prinzen an und erhob zumindest seinen Oberkörper in eine gerade Haltung, damit er die Comtesse und die anderen Ratsmitglieder ansehen konnte.
      "Ratsmitglieder von Bourgogne", rief er mit kräftiger, lauter Stimme. Sie klang rau, verschrien vom Krieg und beinahe dünn für seine Verhältnisse. "Ich bin gekommen, um euch zu verkünden, dass Beleriand gefallen ist."
      Ein Raunen ging durch den Saal und selbst Pompidou musste sich bleich im Gesicht hinsetzen.
      "Wir haben tapfer gekämpft und viele Male die Truppen der Elfen zurückgeschlagen, wurden aber dennoch schlussendlich vom Feind besiegt. Wir haben die Stadt über Nacht aufgeben müssen und derzeit befindet sich die streunende Armee auf der Flucht im Niemandsland. Ich bitte Euch inständig...Mit allem was ich habe,...Bitte gewährt uns Asyl! Bitte öffnet Eure erhabenen Tore für die Armee, die Eure Grenze verteidigte, bis das letzte Blut vergossen war. Wir haben verletzte und Tote zu beerdigen und brauchen ein Obdach, bis wir wieder kampfbereit sind!"
      Schließ ließ er sich auf seine schweren Schultern nieder und neigte den Kopf.
      "Ich flehe Euch im Namen von Andvari an. Bitte gewährt uns Asyl."

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    • Volgast' Lächeln schenkte Viola keinerlei Trost.
      Die Pein darin überschattete alle hoffnungsvollen Lichtblick und hinterließ eine eisige Kälte im Herzen der Heilerin. Die Frage, die bleischwer auf der Zunge lag, wollte einfach nicht über die Lippen kommen. Es glich einer Erlösung als Kronprinz Lucien des Wort ergriff und dennoch zerschlug die darauffolgende Antwort jeder Hoffnung. Viola schlug die Hände schockiert vor den Mund und dämpfte damit das traurigen Wimmern der Bekümmerung. Beleriand, das letzte Bollwerk im Niemandsland war gefallen.
      Unzählige Gedanken schossen der Heilerin durch den Kopf und spiegelten sich im schimmernden Blick der grünen Augen wieder.
      Bei der Erwähnung von Andvaris nahmen zersplitterte etwas tief in der Seele, die bis zu letzten Sekunde um gute Nachrichten bangte.
      Im Hintergrund spürte Viola die Anwesenheit von Lhoris und Lucien.
      Die angespannte Stille, die dem verzweifelten Flehen folgte, erdrückte Viola mit ihrem gnadenlosen Gewicht.
      Niemand in den ehrfürchtigen Hallen des Hohen Rates wagte ein Wort zu äußern und in ihrem Rücken richteten sich die fragenden Blicke zu dem erhöhten Podest und der Comtesse. Letzte trug einen ungewohnten Ausdruck der Fassungslosigkeit. Obwohl jeder in diesem Saal Beleriand bereits vor langer Zeit aufgegeben und die verbliebenen Menschen im Niemandsland sich selbst überlassen hatte, traf die Neuigkeit jeden Einzelnen bis ins Mark.
      Die Comtesse behielt das Kinn erhoben und atmete hörbar durch die Nase aus; schwer und kontrolliert.
      "Lächerlich. Wir sollen die Tore für unseren Feind öffnen? Für Mörder, Abtrünnige und gesuchte Verbrecher?", zischte sie und Viola traute ihren Ohren nicht. "Das wird eine Panik in der ganzen Stadt auslösen. Die Bürger in Bourgone werden nicht wissen, wie ihnen geschieht. Wenn wir das tun, steht uns ein unkontrolliertes Chaos bevor."
      Wortfetzen der Zustimmung und des Widerspruchs erhoben sich in der Halle und hallten von der kristallenen Glaskuppel wieder.
      Viola blickte über die Schulter und sah in Luciens Blick, dass die Comtesse nicht Unrecht sprach. Die Besorgnis spiegelte sich gequält im Blick des Prinzen wieder.
      "Ich stimme der Comtesse zu.", sprach er mit beherrschter Stimme. "Wir riskieren Unruhen ungeahnten Ausmaßes. Niemand möchte einen wütenden Pulk von Bürgern mit Fackeln und Mistgabeln in den Straßen."
      "Aber...", protestierte Viola und erhob sich, nur schwerlich den Schein der Distanz wahrend. "Das könnt Ihr nicht machen. Ich flehe Euch an."
      Der selbstzufriedene Ausdruck der Comtesse erstarb jedoch schnell, als Lucien ein weiteres Mal sprach.
      "Entsendet einen Spähtrupp. Sie sollen der Streunenden Armee entgegen reiten und sie durch die Lande geleiten. Wir können die Tore nicht für die vollständige Armee öffnen, aber wir werden die Schwerverwundeten einlassen und versorgen. Es gab genug Tote. Die Streunende Armee erhält freies Geleit bis an die Mauern Bourgones und ist ermächtigt ihr Lager im Schatten der Stadt aufzuschlagen, bis weitere Entscheidungen getroffen wurden. Das ist alles, was ich Euch gewährend kann, Volgast."
      Auf den Emporen und Rängen explodierte Entrüstung.
      "RUHE!", donnerte Lucien. "Mein Wort gilt. Soldaten...Nehmt ihm die Ketten ab."
      Widerwillig kamen die Männer der Aufforderung nach.
      "Volgast...Sagt mir, lebt Prinz Andvari Valverden noch?", forderte er und sprach damit aus, was Violas sämtliche Existenz zu wissen begehrte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Als die Ketten von den Händen des Hünen fielen, wagte er das erste Mal einen vorsichtigen Blick in die Runde der Ratsherren. Man hatte ihn durch Spione gewarnt, dass die Ratshalle einer Löwengrube gleichkam, aber dass es sich derart zuspitzte, hatte Volgast auch nicht bedacht.
      Schweigsam erhob er sich schwerfällig auf die Knie und schließlich in die Höhe. Alle im Raume überragend, wirkte er für eine Sekunde so furchterregend, dass selbst Pompidou ihm den Titel eines der Sieben Fürchterlichen Generäle zu sprechen musste. Ein kurzer Seitenblick wurde zwischen Volgast und Gustave ausgetauscht, ehe sich das Ratsmitglied setzte und die Ausführungen von Lucien hörte.
      "Ich danke Euch", flüsterte Volgast und neigte vor Lucien den Kopf, als dieser zumindest etwas in Angriff nahm. "Es ist mehr als wir erwarten können. Dennoch betrübt es mich sichtlich, dass den Verteidigern Eures schönen Landes nicht mehr -"
      Ein Donnern erhob sich durch den Raum, ehe sich die Blicke auf Pompidou richteten, der mit der Faust auf seinen Tisch geschlagen hatte. Die Augen des alten Mannes erschienen mit einem Mal kälter als vorher und mahnten selbst den Riesen zum Schweigen, ehe er wieder zu Lucien sah. Das Gemurmel im Saal war bereits bis an die Decke hervorgedrungen und es war nur eine Frage von Sekunden, bis die Comtesse wieder nach der Macht griff.
      Auf die Frage von Lucien, hietl sich Volgast zunächst zurück, ehe er Viola ansah, um sich anschließend zu Lucien zu wenden.
      "Mein Herr ist am Leben", nickte er und ließ die Schultern hängen. "Jedoch verletzt. In der letzten Schlacht überrannte uns die Weiße Garde mit Drachen. Traumgestalten, geschaffen von Prinz Faolan von Tirion. Mein Herr kämpfte bis zum Letzten, musste sich aber schließlich einem der Drachen geschlagen geben. Er trug Verletzungen davon, die wir versorgen konnten."
      "Sagt mir, Volgast!"
      Pompidous Stimme erhob sich dazwischen und erneut lag der ruhige, aber kalte Blick auf dem Riesen, der sich merkwürdig ertappt umdrehte.
      "Habt Ihr Nahrung?"
      "Verzeiht?"
      "Nahrung! Zu Essen! Habt ihr sie?"
      Einen Moment lang sah Volgast ratlos in das runzlige Gesicht, ehe ein Erkennen sich breit machte.
      "Wir haben keine Nahrung. Wir verloren sie in Beleriand."
      Das war alles, was er brauchte.
      "Eure Hoheit", begann Gustave und erhob sich schneller als man schauen konnte aus seinem Stuhl. "Ich biete mein Heim für einen Stoßtrupp der Armee an. Man möge meine Keller leeren und die Nahrung zu den Kriegern bringen. Wenn es genehm ist..."

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    • Lucien de Bourgone mochte einen zweifelhaften Ruf unter den edlen Mitglieder der feinen, höfischen Gesellschaft genießen.
      Ein Kronprinz, der freimutig durch die Betten der Provinzen zog und dabei wenig Unterschied zwischen einem verlockenden Rocksaum oder dem gestählten Körper eines Soldaten machte. Ob adliger Jüngling oder hübsche Fürstentochter; Prinz Lucien frohlockte allzu gern den schöneren Freuden des Lebens und weniger den staubtrockenen Beratungen über notwendige Steuern. Zweifellos ein talentierter Feldherr, aber mit einem begnadeten Augenmerk für die ausschweifenden Vergnügungen für die verführerischen Künste. Nicht der Thronfolger, den sich der steife und angestaubte Adel wünschte und dennoch das zukünftige Haupt für die Krone. Er bemerkte mehr, als die Anwesenden ihm zugestanden, weshalb der flüchtige Blickkontakt zwischen Volgast und Pompidou seine Aufmerksamkeit erregte. Die augenblicklichen Gegebenheiten gestalteten sich jedoch mehr als ungünstig um seinen Verdacht anzusprechen. Etwas stimmte nicht.
      Pompidous Bereitwilligkeit die eigenen Vorräte für den augenscheinlichen Feind zu opfern, war mehr als ein glücklicher Zufall.
      "Ein großzügiges Angebot.", nickte Lucien und neigte leicht das Haupt einer dankenden Geste.
      Die Comtesse erbleichte obgleich des geführten Gespräches, dass ihre bisher gefestigte Position untergrub, und versuchte sichtlich bemüht die beschleunigte Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Die gierig angehäufte Macht begann durch ihre zarten Hände zu rieseln.
      "Meine edlen Ratsmitglieder, bedenkt welches Leid unser Feind über dieses schöne Land brachte?", begehrte sie auf. "Wollt ihr wirklich Kriminelle und spitzohrige Mörder in die Nähe unserer Stadtmauern lassen? In die Nähe von Haus und Familie? Pompidou! Prinz Lucien! Das ist Irrsinn! Kein Elf hat je das Herz unseres Reiches betreten und gelangte lebend bis an die Stadttore, bis ihr einer Verräterin und diesem Wilden dort Tür und Tor geöffnet habt!"
      "Madame, ihr vergesst Euch und wem Ihr sprecht", entgegnete Lucien kühl und bezog neben Viola neue Stellung. "Ich, Kronprinz Lucien de Bourgone, Thronfolger und zukünftiger Regent der freien Königreiche der Menschen, gestatte der Streunenden Armee die Zuflucht an den Toren von Bourgone."
      "Der Kaiser würde...", ertönte die spitze Stimme vom Podest.
      "Der Kaiser, mein Vater ist augenblicklich außer Stande die Entscheidung zu fällen. Wollt Ihr die Gesundheit Eures Herrschers wirklich damit belasten.? Wollt Ihr ihm mitteilen, dass dieser Rat nicht dazu in der Lage war, die letzten Bollwerke im Niemandsland zu halten?", zischte Lucien mit mehr Drohung als Viola je von ihm gehört hatte.
      Es wurde wieder still. Die Comtesse nahm Platz und vergrub die manikürten Nägel in den Handflächen.
      "Vortrefflich.", lächelte Lucien ehe er sich zu Volgast, Viola und Lucien wandte.
      "Volgast Tenebria, Lhoris Farvalur. Als Verbündete von Prinz Andvari Valverden verbleibt ihr in Bourgone unter entsprechender Bewachung und zur weiteren Genesung.", verkündete der Menschenprinz, der dem verbündeten Elf einen unbemerkten aber entschuldigen Blick schenkte. Lhoris war nicht in der Verfassung für eine Reise zu Pferd. Das Folgende würde allerdings auf wenig Anklang treffen.
      "Die Heilerin Viola de Clairmont wird als Vertraute Prinz Andvaris an meiner Seite den Spähtrupp begleiten, als Pfand für unsere Sicherheit gegenüber der Streunenden Armee und als Botin unserer guten Absichten."
      Der Kronprinz vollendete das kleine Schauspiel mit einer ausgestreckten Hand, die Viola zögerlich ergriff.
      Das erstaunte Geflüster klang viel zu laut in ihren Ohren.
      "Ist das in Eurem Sinne, Heilerin Viola?", sprach er leise.
      Trotz der bizarren Situation erschien ein erleichtertes Lächeln auf ihren Lippen. Andvari lebte. Und sie würde ihn wiedersehen.
      "Ja, mein Prinz.", murmelte sie.
      “We all change, when you think about it.
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    • Pompidou konnte nicht anders als lächeln.
      Sicherlich war das nicht der Gang der Dinge wie er gedacht war, aber zumindest eine Änderung hatte er deutlichst herbei geführt. Er hatte aus Lucien einen starken Nachfolger machen wollen und gerade in diesem Moment schaffte es der junge Mann, genau das zu sein. Schweigsam nickte Gustave dem Thronfolger zu und erhob nicht einmal mehr das Wort zur Verteidigung des Planes. Denn auch dies übernahm der Thronfolger souverän und beinahe selbstverständlich. Als hätte er nie etwas anderes getan oder gelernt als derlei Befehle zu geben.
      Erstaunlich, was eine Veränderung der Situation bewirken konnte...
      Volgast und Lhoris nahmen die Worte des Prinzen jedoch mit einem gewissen Missmut entgegen. Sicherlich schuldeten sie ihm Dankbarkeit, jedoch war die Aussicht, weiterhin unter Bewachung zu stehen für keinen der beiden ein lohnendes Auskommen. Schweigsam nickte sie dennoch beide. Volgast und Lhoris tauschten einen tiefen, beinahe intimen Blick, ehe er sie sich wieder lösten und den Thronfolger ansahen. Der Plan war der helle Wahnsinn und doch erschien zumindest der Raum nicht abgeneigt diesem Vorschlag gegenüber.
      "Ich finde", begann Pompidou schließlich. "Wir sollten den Worten des Prinzen einhelligen Glauben schenken, werte Freunde. Lasst uns wohl nicht vergessen, dass wir einst in derselben Lage waren und über einen Kamm geschoren wurden. Und nun verurteilen wir die Völker ebenfalls, nur weil sie auf der anderen Seite der Mauer hausen. Diese Völker, diese Armee, ja auch die Elfen haben für uns gekämpft und die Unseren verteidigt wie ihre Brüder und Schwestern. Aus Berichten meiner Spione darf ich berichten, dass sich die Kämpfe für beide Seiten als Verlustreich gestaltet haben und Beleriand nur unter großer Anstrengung fiel. Eine Armee wie diese als Verbündeten zu haben erscheint durchaus sinnig, nicht wahr?"
      Langsam trat er hinter seinem Sitz hervor und trat den Weg zu Volgast hin, an.
      Als er neben dem Riesen stand und seine Hand beinahe brüderlich auf dessen massige Schulter legte, räusperte er sich erneut.
      "Wir haben einst dem Dunkel der Weißen Armee in die Augen gesehen. Wir haben mit Blut gezahlt. MIt Blut und Tränen. Und heute, werte Freunde, heute haben wir die Gelegenheit, besser als unsere Vorfahren zu sein. Wir können Gnade zeigen, wo man Verderben sähte. Wir können Stärke zeigen, wo man Schwäche erwartete. Und es bedarf dafür nur der Tatsache, dass wir einem Mann, einem Elfen und seinen Getreuen eine Zuflucht bieten..."
      Wachsam sah er in den Rat und ignorierte die Comtesse erneut völlig. Der Rat musste zustimmen. NUr eine Stimme dagegen und sie würden einen brüchigen Frieden schließen, der ihnen entgegen kam.

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    • Eine kühle Frühlingsbrise erfüllte die frühen Morgenstunden.
      Der gleichmäßige Klang beschlagener Hufen auf holprigen Straßen ertönte über die kargen Felder der weiten Ebenen bis hin zu den Nadelwäldern, die die Äcker der Bauern umsäumten. Das Gerücht des herannahenden Krieges, der letztendlich die Grenzen überquert und sich bedrohlich dem Herzen der Menschenlande näherte, hatte viele Bewohner der umliegenden Dörfer und kleineren Handelsstädte zur Flucht in Richtung Kaiserstadt veranlasst. Ein Tross aus Rittern begleitet vom Kronprinzen höchstpersönlich ließ sich kaum verbergen. Überall kreuzten schwer bepackte Maultiere und Ochsenkarren die Wege Reiter. Sie alle versuchten rechtzeitig Schutz um Schatten der hohen Mauern Bourgones zu finden bevor die kriegshungrigen Elfen vor ihren Haustüren standen. Die streunende Armee floh über die Grenzen und ihnen folgten Oberons Soldaten ohne jegliche Gnade.
      Viola blickte über die triste Landschaft, deren eintöniges Braun und Grau vom ersten, zarten Frühlingsgrün unterbrochen wurde.
      Einzelne Bäume zeigte bereits saftige Blattknospen und die ersten Feldfrüchte reckte sich den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Sie alle konnte dem Getrampel schwerer Stiefel und dem verwüstenden Feuer zum Opfer fallen wie das einst fruchtbare Niemandsland.
      Die Heilerin konnte immer noch nicht glauben, dass sie warm eingepackt in edlem Fuchsfell, das das Innenfutter ihres Mantels bildete, auf einem stolzen Rappen neben Lucien an der Spitze des Zuges ritt. Es war ein kleiner Tross im Vergleich, aber schnell und gut bewaffnet.
      Die Comtesse war überstimmt worden, nachdem alle Ratsmitglieder wie gebannt an den Lippen von Pompidou und ihres Kronprinzen gehangen hatten. Die beiden Männer bildeten gemeinsam eine aus geschickten Worten zusammen gesetzte Naturgewalt, die sich keiner hatte entziehen können. Die stolze Comtesse hatte den Kürzeren gezogen und war verschwunden um ihre Wunden zu lecken. Zweifellos arbeitete sie bereits an einem Gegenschlag, der ihnen allen zum Verhängnis werden konnte. Versagte das Bündnis würden Köpfe rollen. Etwas anderen hinterließ eine seltsame Kälte in der Magengrube.
      Das Geflüster hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer.
      Der Kronprinz, Hand in Hand mit einer vermeintlichen Verräterin. Von der Heilerin, mit den wilden Locken wie glühendes Herbstlaub und den bezeichnenden Narben im Gesicht. Die Soldaten vor Lhoris Kammer hatten ebenfalls nicht lange geschwiegen über die Frau, die nachts dort ein uns ausging. Es war einmal gewesen und wuchs mit jeder wiederholten Erzählung ins Absurde. Das war nicht alles. Von einer heimlichen Liebschaft des Prinzen bis zu dem Vorwurf, sie hätte den Prinzen mit Elfenmagie verhext war eine Version lächerlicher als die andere. Aber zu Zeiten wie diesen besaßen Worte eine unheimliche Macht. Pompidou und Lucien hatten es bereits bewiesen.
      Viola lächelte dennoch.
      Sie würde ihn wieder sehen. Andvari. Endlich.
      Lucien neben ihr schnalzte mit der Zunge und ließ den störrischen Apfelschimmel, der sich nur vom Kronprinzen selbst satteln und führen ließ, neben Viola traben.
      "Würdest du wegen mir so strahlend Lächeln, würde ich dich auf der Stelle bitten meine Königin zu werden.", scherzte er flüsternd.
      "Lucien!", zischte sie und errötete.
      Lachend warf der Prinz den Kopf in den Nacken und pustete ein paar verirrte, blonde Strähnen aus der Stirn.
      "Das ist nicht witzig!", fuhr sie fort. "Du weißt, was die Leute flüstern."
      "Lass sie flüstern, bis sie blau anlaufen, Viola.", erwiderte er. "Gerede gibt es immer bis es den Leuten zu langweilig wird."
      "Wie lange denkst du werden wir noch unterwegs sein?", murmelte sie.
      "Wenn Volgast' Einschätzung richtig ist, sollte uns die Streunende Armee bald entgegenkommen.", antwortete Lucien. "Versprich mir Andvari nicht sofort in traute Zweisamkeit davon zu zerren bis wir die zumindest die Zelte aufgebaut haben. Ich weiß doch wie unbeherrscht junge Liebelei ist...Also bevor du ihm die Rüstung..."
      Ein zierlicher Lederhandschuh, das einzige Wurfgeschoss, das Viola zur Hand hatte, traf den verdatterten Lucien mitten ins Gesicht.
      Mit hochrotem Kopf sah die Heilerin den Prinzen an, der erneut in schallendes Gelächter ausbrach.
      "Schon gut, schon gut...", lachte er.
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    • Aus den Tiefen der Wälder und Berglandschaften Bourgognes schälten sich die müden Sonnenstrahlen heraus.
      Sie waren geritten und marschiert. Hatten geblutet und gelitten und einige waren auf dem Wege herab aus den Bergen verblichen. Verstorben an Dutzenden Wunden, beigebracht durch ihrer eigenen Rasse Schwert.
      Die Streunende Armee machte ihrem Namen alle Ehre.
      Bunt und laut zog sie durch das Tal der Bourgogne. Ein nicht enden wollender Strahl von Leibern, die auf verschiedensten Reittieren oder gar zu Fuß unterwegs war. In der Masse von Soldaten fanden sich die Zwerge in glänzender Rüstung und unter schweren Waffen. Sie ritten Rieseneber aus den nördlichen Eisbergen, die grausig dreinblickten und deren Nüstern wie ein Pferd schnaubten. Die Hauer der Schweine hatte man angefeilt, sodass sie tödlichen Speerspitzen glichen. Die Elfen trugen zumeist leichte Lederrüstungen, die von Blut gesprenkelt erschienen. Viele von ihnen wirkten nicht mehr dem Schönen Volke zugehörig, denn ihre Blicke waren leer und entrückt, wenn man es genau betrachtete. Zu tief saß der Stachel der Niederlage bei Beleriand und zu tief die Erkenntnis, dass sie Faolans Monster nicht besiegen konnten.
      Die Vorhut bestand aus einem Tross von Zwergenreitern, die allesamt wachsam in alle Richtungen sahen. Gleich dahinter folgten drei Bataillone Elfen. Ihnen folgten Halblinge unter Waffen und mit gruselig anmutenden Rüstungen aus Fell und Tierschädeln, während ihre Waffen meist die Ähnlichkeit mit angeschärften Pfannen zu haben schienen. Dennoch waren die Blicke trotz der mangelnden Größe nicht minder finster, als sie starr gen Süden sahen, eine Delegation herannahend.
      In der Mitte des gewaltigen Trosses fanden sich drei Karren. Nur die Armeeführer wussten, dass in dem mittleren Karren Andvari selbst zu liegen war. Der Elf war einer Ohnmacht anheim gefallen und hatte sichtliche Wunden davon getragen. Ein Drachenzahn hatte die Rüstung durchstoßen und seine Brust quer aufgerissen, während über seinem geschlossenen linken Auge eine tiefe Schnittwunde klaffte. Nichts, was ein guter Heiler nicht wieder hin bekam, aber für die erste Zeit war es genug.
      Der zweite Karren war offen gehalten und barg die schlimmere Verletzung.
      Hier lag Symon, der Bohrer. Das Gesicht des Zwergs wirkte ruhig und schlafend, jedoch blutverschmiert. In seiner Seite prangte ein Loch und der notdürftig angelegte Verband verfolgte mehr einen anderen Zweck. Zu seiner Seite saß Farryn Iarpetor und stützte sich schwer auf ihren Hammer.
      Keiner der Soldaten um sie herum sah gut aus. Sie alle trugen Verbände oder offene Wunden. Doch Farryn war einige der Wenigen,l die ihre Wunden nicht verband. Sie blutete aus mehreren Schnittwunden an Schultern und Armen und ihr Gesicht wirkte fahl, während sie aufsah.
      Der Dritte Wagen wurde von weiteren Fürsten der Armee bevölkert.
      Die Nachhut des Trosses bildeten Wesen mit grünlich schimmernder Haut und beinahe durchsichtigen Augen. Dryaden hatte man nicht mehr erblickt, seit die Elfen den Norden bezogen hatten, doch eine ganze Schar von ihnen war Andvari in den Kampf gefolgt. Nachtelfen liefen mit ihnen Schulter an Schulter und stützten sich auf Bögen und Speere, während die bläuliche Haut unter der Sonne zu funkeln begann. Sie alle hatten ihre AUgen verbunden, um dem grellen Licht zu entkommen.
      Zum Abschloss des Trosses folgte eine ganze Herde von Bäumen. Baumgeister, in dessen Krone Lysandra ritt und sich mühsam in den Ästen festhielt.
      Als der Tross den herannahenden Zug von Prinz Lucien erblickte, ritt einer der Zwergenfürsten vor.
      Dieser trug einen schweren, silbernen Hammer und eine ebenso glänzende Rüstung, die keine Ecke zu haben schien. Der rötliche Bart war in einen eleganten Zopf gebunden, der jedoch bereits leicht ausgefranst erschien. Auch hier starrte das Blut Anderer in den struppigen Haaren. Grimmig hefteten sich die Augen des ZWergs unter dem schweren Eisenhelm auf den Zug des Prinzen und grunzend brachte er seinen Eber zum Stehen.
      "HEDA!", donnerte er und rammte den Stiel seiner Hammers in eine dafür vorgesehene Schlaufe. "Ick bin Urok Eisenhammer, Fürst der Eisenzwerge, wa?! Wer jeht da?"

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    • Das vertraute Kreischen eines Falken hocb über den Häuptern durchschnitt den beinahe idyllisch wirkenden Zug aus Reitern in silbernen Rüstungen auf ihren massigen Schlachtrössern. Lediglich die Pferde der Bogenschützen und Späher wirkten fast zierlich gegenüber den wenigen gepanzerten Reittieren. Der Spähtrupp des Kronprinzen wartete nicht mit schierer Masse auf, aber dafür mit den engsten vertrauten des Prinzen und den besten Kriegern, die unter seinem Kommando dienten. Lucien mochte eine Vorliebe für die sündhaften Freuden des Lebens haben, aber das er ein fähiger Heerführer und Kämpfer war, konnte ihm bei allem Groll niemand absprechen.
      In diesem Augenblick glitt sein Blick suchend über den Horizont.
      Etwas hatte Isobelle in wolkiger Höhe aufgeschreckt und bald schon erhoben sich die ersten Silhouetten müder Krieger über den kargen Feldern der Bauernschaften. Lucien war als würde der Boden zu ihren Füßen erzittern. Beim Anblick der gewaltigen Baumgeister, die er bereits in Beleriand erblickt hatte, war das Beben der Erde wenig überraschend.
      Erstaunen zeigte sich allerdings im Gesicht der rothaarigen Heilerin, die sich suchend über den Hals des Rappen beugte. Das Ross spürte die aufkeimende Unruhe seiner Reiterin und tänzelte nervös über den matschigen Untergrund. Der berittene Spähtrupp ließ die Streunende Armee geduldig näherkommen. In allen Augen glänzte ein Funken von Verwunderung und vorsichtiger Neugierde. Viele der Männer hatten in ihrem Leben weder leibhaftige Zwerge noch die geheimnisvollen Dryade erblickt. Letztere kannte auch Viola nur aus verstaubten Lehrbüchern. Die Nachtelfen wirkten trotz Augenbinden durcheinflößend. Aus allen Winkeln des Elfenreiches und weit darüber hinaus, hatten sich mystische Kreaturen und magische Wesen dem Ruf des Lichtrufers angeschlossen.
      Lucien zügelte den schnaubenden Hengst zu einem Halt.
      "Grüß Dich, Urok Eisenhammer. Ich bin Kronprinz Lucien von Bourgone und wir sind auf der Suche das den versprengten Überlebenden der Streunenden Armee. Wobei ich denke, dass unsere Suche nun beendet ist.", erwiderte der Kronprinz der Menschen und neigte zum Gruß das Kinn. "Volgast Tenebria suchte mit der ungewöhnlichen Bitte, Prinz Andvari und seinen Getreuen Unterschlupf zu gewähren, das Herz des Menschenreiches auf. Eine sehr mutige Bitte, die belohnt werden sollte. Wir sind hier um die Streunende Armee nach Bourgone zu geleiten, damit die Verletzten versorgt werden können. Es ist lange überfällig, dass wir gemeinsam kämpfen, Fürst der Eisenzwerge."
      Hinter Urok Eisenhammer schlurfte der Tross aus Elfen, Zwergen und allerlei wunderlicher Gestalten mit neugierigem Geflüster näher heran. Ursprung des Wisperns schien die Anwesenheit der Heilerin neben dem Prinzen zu sein, die sich suchend umsah.
      Gerüchte verbreitete sich nicht nur im Königreich der Menschen.
      Die Geschichte um die Menschentochter, die an der Seite des Lichtrufers reiste und in Ketten aber mit erhobenem Haupt nach Tirion geführt worden war, hatte sich über den Wind verbreitet. Die Heilerin mit den Locken von der Farbe glühenden Herbstlaubes und den bezeichnenden Narben, die das blasse Antlitz zierten. Eine Menschenfrau, die ein Elfenartefakt im Kampf geführt und den hinterlistigen, grausamen Baumschatten niedergestreckt hatte. Das Schild unter den Klingen, dessen leuchtende Lichtkuppel vom gesamten Schlachtgetümmel gut zusehen gewesen war. Das Erste der Sieben Schwerter, von dem nach der grausigen Schlacht um Beleriand nichts übrig geblieben war, außer erkaltetem Blut und einem verwaisten Elfenschwert.
      Vielleicht waren es genau diese Geschichten, die Viola einen Weg freigaben, als sie leichtfüßig von dem tänzelnden Rappen abstieg und einem Soldaten die Zügel förmlich in die Hand drückte.
      Sie erblickte Farryn im Herzen des gewaltigen Trosses und schenkte der raubeinigen Kriegerin ein erleichtertes Lächeln. Ein kurzer, aber schweigsamer Blick in den Karren eröffnete den schrecklichen Anblick von Symon. So viel Blut, so viel Leid. Viola seufzte bedrückt und nickt mit dem stummen Versprechen bald nach dem Zwerg zu sehen. Unter den müden Fußsoldaten, zwischen zerbrochenen Bögen und humpelnden Tritten, bemerkte sie Meliorn. Auch ihm nickte sie zu. Ebenso Lysandra, die sie aus der Ferne erblickte. Viele unbekannte Gesichter mischten sich unter die Verwundeten. Wen sie nicht erblickte, war Eyrik. Der fröhliche Barde war nirgends zu sehen.
      Sie hätte mehr Heiler mitbringen sollen.
      Viola brach das Schweigen und sah zu Farryn herüber.
      "Es ist gut dich an einem Stück wiederzusehen, Farryn.", sagte sie mit möglichst fester Stimme. Sie war Grauen gewöhnt, aber es war etwas gänzlich anderes, Freunde in diesem zerschundenen Zustand zu sehen. "Symon...Hält er noch durch?"
      Eigentlich wagte sie kaum die eine Frage zu stellen.
      Ein Wort. Ein Name. Ein vorsichtiges Flüstern, das dennoch soviel Energie barg wie ein Schrei. Sie musste sich vergewissern.
      Volgast hatte sein Überleben versichert, aber in wenigen Tagen konnte Vieles geschehen.
      "Andvari?", fuhr sie fort.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ihr seid mir wohlgegrüßt, Menschenkind, wa!", rief der bullige Zwerg und ließ den Hammer sinken. "Wir ham Verletzte, die wir versorjen müssn, wa."
      Eben noch wollte er Viola aufhalten, sich dem Tross zu nähern, doch bereits an ihrem Blick erkannte er die Frau aus den Geschichten, die sie sich erzählt hatten. Wären sie doch nur früher gekommen...Früher dem Kampfe gefolgt, dem Ruf unter den Sternen. Dann wären so manche Verletzungen entbehrlich gewesen.
      "Wir ham Menschen bei uns! Ein kleiner Tross, der mit uns jekämpft hat. Sin' verwundet, aber lebendich, wa?! Jekämpft wie jute Zwergenkinder!"
      Sorgsam wandte sich der Zwerg nach hinten und gab seinem Tross ein Zeichen, eine Passage zu eröffnen und die Menschen sichtbar werden zu lassen. Ein Hornstoß erklang im Tal und ließ die Erde nochmals erzittern, als die Armee zum Stehen kam und sich selbst die letzten Bäume der Ruhe anheim gaben. Farryn blickte mit fahlen Augen auf, als sie angesprochen wurde. Es war lange her, dass sie eine nicht schreiende Stimme gehört hatte. Die blonden Haare der Elfe waren verklebt von schwärzlichem Blut und den Überresten der Feinde, die sie durch die Lande geprügelt hatte. Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle und schwach nickte sie Viola zu.
      "Hält durch...", flüsterte sie und wies auf den Zwerg. "Tatzelwurm...hat ihn erwischt und durchgebissen. Konnten nichts tun außer verbinden."
      Wie auf Kommando zuckte der Körper des Zwergs kurz und beruhigte sich schlagartig wieder. Vielleicht war es auch ein Irrglaube, dass er allzu lange durchhielt. Farryn war kein Heiler. Nur ein dämlicher Hammerschwinger, die ihre Freunde nicht schützen konnte. Wie viele Leichen hatten sie zurücklassen müssen? Müde ließ sie ihren Kopf hängen um die Tränen zu verbergen, die sich in ihrem Inneren befanden. So vieles gab es zu beweinen, doch dieses Mal nicht. Noch nicht.
      Auf ihre Frage hin wies sie nur mit dem Kinn kurz auf den mittleren Wagen, der noch abgedeckt war. Die Wunden des Elfen würden für sich sprechen. Sie hatten ihn auf dem letzten Rest Stroh aufgebahrt und ihn in warme Decken gehüllt. Die Rüstungen war mit seiner Ohnmacht verloschen und hatte die schlimmen Wunden enthüllt, die er bereits seit einigen Tagen mit sich herum getragen hatte. Ein schwerere Riss auf der Brust, der bereits nicht mehr zu bluten wusste. Das Linke Auge lädiert, als habe man einen Speer hinein gebohrt.
      "Tut...mir Leid", flüsterte Farryn und schloss die Augen. Sie war müde. So unendlich müde.
      Aus der Mitte der Armee schälten sich zwei Elfen heraus, die ihre Gesichter bislang nicht gezeigt hatten. Der eine der beiden waren ein stattlicher junger Mann mit edlen, falkenartigen Zügen und wachen, dunklen Augen. Die dunklen Haare hatte er sich kurzgeschoren und wirkte beinahe jugendlich in seinem Antlitz. Ein Bartschatten umrahmte sein Gesicht merklich. Ein Umstand, der für Elfen nicht häufig war.
      Seine Schwester, in gleichem Alter vermeintlich, trug ihre Haare offen und in edlen Zöpfen gebunden. Beide trugen die Spuren der Kämpfe an sich und gürteten sich mit einem Schwert, als sie in Richtung der Heilerin traten.
      "Wir suchen unseren Großvater...", sagte der junge Elf und neigte leicht den Kopf. Erst jetzt viel auf, dass seine Ohren nicht derart gespitzt waren wie die der anderen Elfen. "Ich bin Alarion und das ist meine Schwester Yoki. Es ehrt uns, dich kennen zu lernen. Wir suchen ihn, ist er bei eurem Tross?"
      "Er is' nüsch da, Kind!", sagte ein Zwerg auf einem grimmigen Eber. "Und jetz halt se nüsch auf. Wir suchen inner Stadt nach ihm."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Mit wachsender Besorgnis glitt Violas Blick über den lädierten Zwerg.
      Die Worte der Elfenrkriegerin malten ein grausiges Bild in der Vorstellung der Heilerin. Die Tatzelwürmer mit den mächtigen Kiefern waren ein alptraumhafter Anblick gewesen und Prinz Faolan machte seinem Namen alle Ehre. Viola schenkte der niedergeschlagenen Farryn ein vorsichtiges Lächeln und legte behutsam die zierliche Hand auf deren Unterarm. Der Geruch metallischen Blutes verklebte die Nase je weiter die Heilerin sich über die Seitenwand des klapprigen Karrens beugte.
      "Es gibt nichts zu verzeihen, Farryn.", flüsterte sie sanft. "Und ich denke, dass Symon mir da zustimmen würde."
      Fragend wandte Viola sich herum, als fremde Stimmen sich in ihrem Rücken erhoben. Ein wenig peinlich berührt verzog sie das Gesicht, wobei sich ihre Nasenwurzel unter einem dezenten Rotschimmer sachte kräuselte. Es war das erste Mal, dass Fremde sie auf diese respektvolle Art ansprachen und sie wusste binnen weniger Augenblicke, dass sie sich für den Rest ihres Lebens nie daran gewöhnen würde. Während Lucien in ein Gespräch mit dem Zwerg namens Urok vertieft war und darüber debattierten welche Route das zügigste Vorankommen samt Karren versprach, wandte sich Viola ganz den jungen Neuankömmlingen zu. Geschwister, ohne Frage, vielleicht sogar Zwillinge, denn die Ähnlichkeit war verblüffend. Hatte nicht jemand vor einiger Zeit von Zwillingen unter den Schwertern gesprochen. Viola konnte sich nicht recht entsinnen, wo sie diese Worte schon einmal gehört hatte und warum ihr die falkenartigen Züge erstaunlich vertraut vorkamen.
      Erst auf den zweiten Blick bemerkte die Heilerin die merklich kürzeren Ohren.
      "Ich grüße dich Alarion.", antwortete Viola mit derselben respektvollen Geste. "Dich und Deine Schwester. Irgendwie habe ich das merkwürdige Gefühl ihr wisst bereits wer ich bin. Wer ist Euer Großvater? Leider fürchte ich, dass ich Euch bei eurer Suche nicht helfen..."
      Der Satz endete kaum da ertönte eine grimmige Stimme über ihren Köpfen, obwohl der Zwerg sie lediglich Dank seines schnaubenden Ebers um ein gutes Stück überragte.
      "Es hat mich gefreut eure Bekanntschaft zu machen. Verzeiht mir die Eile, aber ich befürchte als Heilerin habe ich im Augenblick alle Hände voll zu tun.", entschuldigte sich Viola und schickte sich an zu Farryn und Symon in den wackeligen Karren zu klettern. "Aber ich zweifle nicht daran, dass wir uns in der nächsten Zeit häufiger begegnen werden."
      Ächzend zog sich Viola auf die mit blutgetränkten Holzbretter, die den Boden des Karrens bildeten und rutschte an Symon heran. Unendlich vorsichtig legte sie die Hand auf seine Stirn, die sich beunruhigend kühl anfühlte, als würde das Leben zusammen mit seinem Blut stetig aus seinem Körper tröpfeln.
      "Gab es keine Heiler im Heer?", murmelte sie ruhig. Vorwürfe halfen niemandem. "Ich weiß nicht, ob meine Kräfte allein dafür ausreichen."
      Ein sanfter Puls strömte aus den warmen Fingerspitzen von der Berührung der Stirn aus durch den zerfetzten Körper des Zwerges, aus dem der Tatzelwurm eine üppige Mahlzeit gerissen hatte. Sie betäubte den brennenden Schmerz der Bisswunde und das stetig tröpfelnde Rinnsal an Blut verebbte.
      "Farryn..", sprach sie die Elfe an. Sie würde ihr eine Aufgabe geben, um sie etwas aus der Lethargie zu holen. "Kannst du etwas für mich tun? Für Symon? Halte die Wunde trocken und sauber. Er spürt keinen Schmerz und meine Magie wird die Blutung fürs Erste in Schach halten. Der Tross hält auf offener Ebene und wir hocken hier wie auf dem Präsentierteller, sobald wir Schutz haben, kümmere ich mich darum."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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