[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Pompidou war nicht für seine Nachsicht bekannt.
      Sicherlich war der Mann aus einfachem Hause nicht ohne Grund im Rat, aber er hatte sich diesen Posten erarbeitet. Wie so viele hier nicht. DIe meisten waren aufgrund von Stellung und Beziehung hier. Er jedoch, weil er ein notwendiges Übel war. Scharfsinnig erkannte Pompidou auch dieses Mal, dass an der Geschichte durchaus etwas mehr dran war, als man zunächst glauben mochte.
      Atemlos lauschte er den Worten Luciens und seufzte leicht auf, als er endete.
      Schwerfällig lehnte er sich in seinen Stuhl, der zu ächzen begann und begann glucksend durch seinen Bart zu streichen. Schieferblaue Augen hefteten sich zu Lucien und anschlöießend zur Comtesse, ehe er erneut um das Wort bat.
      "Werte Herren, werte Damen, verehrte Comtesse..."; begann er mit ruhiger, lauter Stimme zu skandieren. "Ich denke, dass wir durchaus und wenngleich nur kurz einmal darüber ventilieren sollten, was ein mögliches Bündnis mit den Elfen bedeuten könnte. Unstrittig ist, dass der Krieg beiden Seiten große Verluste aufbürdete. Ich wage sogar den Frevel und sage, dass das Volk der Menschen in Kampfesstärke leider - und zu meinem äußersten Leidwesen! - unterlegen ist. Es ist ferner bekannt, dass in Oberons Reich diverse Konflikte schwelen. Meine Spione berichten mir seit geraumer Zeit, dass sich die Fronten zwischen Aufständischen und Königstreuen verhärten und der Schimmerschatten, Lysanthir Valverden, immer öfter von der Front zurückgerufen wird. Es dürfte also durchaus eine Möglichkeit der Wende darstellen, sollte es uns gelingen, ein Bündnis zu schaffen, Majestät."
      Er neigte leicht den Kopf und klopfte sich gegen die Nase, wie es seine ANgewohnheit war, wenn er nachdachte.
      "Und mitnichten ist Andvari Valverden ein dahergelaufener Bastard. Ich hörte von der Schlacht, die seine Letzte war. Er ist durchaus eine Macht, mit der man künftig zu rechnen hat. und wäre es da nicht besser, einen weiteren Verbündeten unter uns zu wissen als einen weiteren Feind? Hohe Herren! Euer Wort!"

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    • In den Augen der Comtesse de Beaufort kannte die Torheit der Männer keinerlei Grenzen.
      Die kühle Frau stammte aus einflussreichem Hause und hatte bereits in früher Jugend die harte Lektion gelernt, dass eine Frau unter Wölfen nicht nur Zähne und Klauen benötigte. Lieblose Ehen und von eitlen Herrschaften für ihre Ambitionen belächelt zu werden, hatten einen Kokon aus Stein um ihr Herz gelegt. Demnach war Gustave Pompiou ein recht unbequemer und schmerzhafter Stein in ihrem Schuh. Ein scharfsinniger Mann, der sich weder leicht beeindrucken noch einschüchtern ließ. Das Schlimmste allerdings war nicht seine spitzfindige und durchaus nachvollziehbare Erläuterung, sondern die Tatsache, dass die Menschen gewillt waren ihm Gehör zu schenken.
      "Eure Spione, Pompidou?", sprach Isabelle de Beaufort und tippte mit einem perfekt manikürten Fingernagel auf den glatt polierten Tisch des Podiums. "Wie kommt es, dass der Rat nichts von Euren kleinen Unternehmungen weiß? Wertvolle Informationen von der Front zu verschweigen ist in meinem Augen nicht zu billigen, meine geschätzen Ratsmitglieder."
      Der Einwand brachte ein klägliches, zustimmendes Gemurmel hervor, das lediglich dafür sorgte das eine der gezupften Augenbrauen missbilligend Richtung Stirn rutschte.
      Neben der Comtessse räuperte sich der höchste Vertreter der Kaufleute und strich sich nervös mit den Fingern über den Spitzbart. Es war ein offenes Geheimnis, dass die ehrenwerte Comtesse durchaus Mittel und Wege besaß, das Blatt in ihrer Hand auch zu ihrem Vorteil auszuspielen.
      Allerdings hatte der Kronprinz den Anwesenden im Sitzungssaal etwas an die Hand gegeben, dass viele längst verloren gelaubt hatten: Hoffnung.
      "Euer Anliegen ist ohne Frage nachvollziehbar, aber es erscheint mir haaresträubend mit unseren letzten, verbleibenden Ressourcen einen Wunschtraum zu unterstützen.", erhob der Kaufmann Lambert das Wort. Bei jeder Silbe erzitterte der Spitzbart, dass Lucien - so unpassend der Moment auch war - ein Grinsen an seinen Mundwinkeln zucken spürte. "Wie unser geschätzes Ratsmitglied Pompidou bereits bemerkte, sind wir bisweilen de heidnischen Angreifern unterlegen. Die Kriege verzehren Nahrung, Material und ja, Soldaten."
      Lucien knirschte mit den Zähnen.
      "Wir haben bereits verloren.", knurrte er. "Ich habe gesehen welche Schrecken auf uns jenseits des Niemandslandes warten. Prinz Faolan, jüngster Sohn des Elfenkönigs, wartet mit Albträumen auf, die jeglicher Fantasie strotzen. Seine Kreaturen allein würden Bourgone überennen, wenn er nah genug an die Stadt herankommt. Glaub mir, wenn ich Euch sage, dass es niemanden gibt, der den Königssöhnen einhalt gebieten kann, als Andvari Valverden."
      Bleiche Gesichter starrten mit großen Augen in das Zentrum des Saals, als Lucien kurz umriss welche monströsen Bestien den jüngsten Prinz begleiteten. Angst war ein ebenso wirksamer Hebel, wie Hoffnung.
      "Lhoris Farvalur in Eure Obhut zu geben, garantiert nicht die Rettung der Heilerin.", erhob die Comtesse die Stimme und stand von ihrem Stuhl auf. "Ich möchte noch einmal betonen, welche Anklage im Raum steht: Beihilfe bei der Befreiung eines Kriegsgefangenen, Beihilfe am Mord eines hochrangigen Mitglied der Garde, Fahnenflucht. Über die moralische Verwerflichkeit sich offenbar dem Feind hinzugeben, soll nicht von Belang für die Anklage sein, aber bedenkt, dass diese Frau ihre Wahl einer Seite bereits getroffen hat."
      Sollte der aufmüpfige Kronprinz seinen Willen bekommen und die Lehren darauf ziehen.
      Sie würde ihn mit Argusaugen beoabchten.
      "Seid ihr Euch der Risiken und Konsequenzen bewusst, Pompidou? Da ihr offensichtlich gewillt seit, den Wunsch seiner Hoheit zu unterstützen.", wandte sich die Comtesse ihm kühl zu.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Pompidou verlor während der ganzen Szenerie und Befragung nicht für einen Moment die Ruhe oder das Lächeln, das sich warm und breit auf seinem Gesicht platziert hatte. Die gräulichen Haare erschienen beinahe zu adrett für das Gegenfeuer, das er erhielt und auch der Blicke, die ihm zugewendet wurden, war er sich überdeutlich bewusst. Der Blick zur Comtesse war geprägt von Ruhe und Freundlichkeit wenngleich hinter den alten Augen ein Feuer unverhohlener Wut loderte.
      Es gab nicht schlimmeres als Herrscher, die ein Land um ihrer Selbst willen zu Grunde richteten. Und gerade die Comtesse erschien nicht wirklich sinnig, wenn es um Prävention und die Angst ihrer Bürger ging. Innerlich fragte Gustave sich, ob die Herrscherin jemals außerhalb ihres Palastes gesehen worden war.
      Auf seine Spione hin angesprochen, neigte das Ratsmitglied den Kopf und lächelte erneut weiter, während er seine Hände in beinaher unmenschlicher Ruhe faltete und den Augenkontakt suchte.
      "Meine Spione, Comtesse", bestätigte er mit einem Nicken. "Der Rat wusste dahingehend nichts von meinem Vorhaben, da sich die jüngsten Misserfolge der Garde und der Schlachten zu häufen schienen. Im Sinne des Landes habe ich daher Spione zu den Elfen eingeschleust, sodass wir ihrer Schritte besser habhaft würden. Leider erzielte diese Maßnahme nicht den gewünschten Erfolg, da man mir berichtete, dass die Elfen dies ebenso getan hatten. Menschen, die für die Elfen spionieren. Da ich nicht sicher sein konnte, dass der hohe Rat nicht von außen infiltriert wurde, hielt ich meine Absichten geheim. Eine Publikation dieser Information, selbst vor den geschätzten Ratsmitgliedern wäre eine nicht hinnehmbare Gefahr für meine Leute gewesen, weshalb ich es für besser hielt."
      Er endete mit seinem Vortrag und lauschte den weiteren Stimmen.
      Ach, diese kleingeistigen Dilettanten. Sahen sie denn nicht die Möglichkeiten? Dachte denn Niemand wirklich weiter als bis zur nächsten Hure oder dem nächsten Mahl? Schweigend betrachtete er beinahe entsetzt die Diskussion und musste sich geschlagen geben. Es war nichts so allgegenwärtig wie die Dummheit der MEnschen. Und diese würde irgendwann ihr Untergang sein.
      Auf die Frage seiner Comtesse hin sah er mit verdecktem Abscheu und einem gewinnenden Lächeln an.
      "Aber natürlich", bemerkte er. "Vollends bewusst, Comtesse."
      Einstweilen..., dachte er.

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    • Die Comtesse de Beaufort presste die wunderschön, geschwungenen Lippen zu einer schmalen Linie zusammen.
      Ohne Zweifel missfiel der Adligen der Gedanke, die Kontrolle über die augenblickliche Lage in fremde Hände zu geben, doch die nachdenklichen und zweifelhaften Blicke der anwesenden Ratsmitglieder bohrten sich wie Messer in sie. Hoffnung war ein gefährliches Gut, dass in den falschen Händen unweigerlich für Chaos sorgen würde. Zu ihrem Leidwesen fürchtete die Comtesse die möglichen Folgen, sollte sie die Forderung des Kronprinzen ablehnen. Sie war nicht die Königin. Noch nicht.
      Eine Weigerung würde unbequeme Fragen aufwerfen, warum sie sich mit Händen und Füßen gegen die Rettung der Heilerin stemmte und damit gegen einen fairen Prozess. Und der möglichen Aussichten auf Frieden. Dennoch ergaben sich daraus Möglichkeiten, die ihr erlaubten ihre versteckten Fäden in eine neue, günstige Position zu lenken. Ein Fehler und es rollten Köpfe.
      Gönnerhaft hob die Comtesse eine der zarten Hände und brachte damit den Saal ohne ein gesprochenes Wort zum Schweigen. Mit Spannungen erwarteten alle im Raum das Urteil der höchsten Stimme des Rates.
      "Sei's drum. Die Entscheidung liegt nicht allein in meinen Händen.", sprach sie. "Sollen wir das Risiko eingehen und einen Feind in unsere Mitte lassen, um das Leben einer Deserteurin vor dem Ende zu bewahren für die unwahrscheinliche Aussicht auf Frieden? Die Elfen haben sich in der Vergangenheit wenig Verhandlungsbereit gezeigt und ich darf daran erinnern, dass das elfische Volk diesen Krieg begonnen hat. Wir können ihnen nicht trauen."
      Lucien in der Mitte des Saales hielt unwillkürlich den Atem an, als ein Ratsmitglied nach dem anderen sich erhob und entweder seine Zustimmung oder Ablehnung bekundete. Am Ende stieß die Comtesse ein schweres Seufzen aus.
      "Die Ratsversammlung stimmt dem Anliegen des Kronprinzen zu.", verkündete die Vorsitzende. "Der Elf Lhoris Farvalur wird unter ständiger Bewachung in die Verantwortung von Prinz Lucien übergeben, da ihr für den Angehörigen unseres Feindes bürgt. Weiterhin verfüge ich, dass Ihr Gustave Pompidou als geschätztes Ratsmitglied persönlich die Aufsicht über diese Unternehmung übernehmt und erstattet dem Rat über alle Vorkommnisse Bericht. Das ist nicht verhandelbar. Sollte Viola de Clairmont überleben, hat sie sich bei entsprechender Gesundheit dem Gericht und diesem Rat zu stellen. Gemäß dem Fall, dass der Elf sich entschließt ein Messer in den Rücken seines Fürsprechers zu stoßen, tragt Ihr zusammen mit dem Kronprinz die Konsequenzen."
      Eine Welle der Erleichterung umwog den Prinzen, doch blieb er aufrecht und gab dem Drang nicht nach augenblicklich aus dem Saal zu stürmen. Stattdessen verneigte er sich.
      "Ich danke Euch, Comtesse.", erwiderte er. "Eine weise Entscheidung damit der Gerechtigkeit in angemessener Weise gewürdigt werden kann.
      Die Comtesse klatschte einmal in die Hände und die Ratsmitglieder verließen unter aufgeregtem Gemurmel ihre Plätze.
      Erst als Lucien sich alleine im Saal wog, stützte er die Hände vorgebeugt auf die Knie und stieß den angehaltenen Atem aus. Ein erleichtertes Lachen ließ seine Schultern erbeben. Ihm war bewusst, dass die Comtesse etwas im Schilde führte. Die Frau sah den Thron mit einem Blick an wie eine Elster einen Silberlöffel. Für den Moment, genoss er das Gefühl eines kleinen Sieges.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es dauerte eine ganze Weile, bis Gustave sein Erstaunen in das plötzliche Umschwenken der Comtesse verarbeitet hatte. Innerlich betrachtete Pompidou die Comtesse mit unverhohlenem Abscheu, was er nur durch seine recht gute Kinderstube und die Tatsache verbergen konnte, dass er bereits seit vielen Jahren eine Maske spielte.
      Die Hoffnung auf Frieden oder eine Chance darauf schien selbst die Comtesse zu ängstigen. Vielleicht auch nur, damit sie ihre Macht halten konnte. Gustave konnte sich vorstellen, dass der Prinz durchaus den Thron der Lande an sich nehmen würde. Und was würde dann wohl mit diesem gönnerhaften Miststück passieren?
      Würde sich Jemand wundern, wenn sie eines Tages einfach verschwand? Vielleicht wusste ja der Elf im Kerker einen Ausweg, dachte er amüsiert, während er demütig lächelnd sein Urteil abgab.
      Freilich im Sinne des Prinzen.
      Als sie den Rat nach einer merkwürdigen Ansprache entließ, nickte Pompidou ergeben. Natürlich würde er herhalten müssen. War es nicht immer so? Ein Mensch hatte eine gefährliche, aber gute Idee, ein Anderer unterstützt und beide hingen am Ende. Trauriges Schicksal, aber leider über alle Maßen war.
      Der Saal leerte sich schnell. Pompidou musste darüber schmunzeln. Als ob sie alle Wichtiges zu tun hätten, als ihre Reichtümer zu mehren, Pläne zu schmieden oder die Dirnen des Hafenviertels aufzusuchen, das sie hier immer wieder verteufelten. Erstaunlich, wie wandelbar doch eine Form der Moral war, wenn es um den eigenen Hintern ging.
      Gedankenverloren hatte er nicht bemerkt, dass Lucien zurück geblieben war. Bereits an der Tür zum Saal angekommen, wandte sich Gustave nochmals um und platzierte sich seufzend hinter dem Kronprinzen.
      Es würde eine Zeit kommen, da eine andere Hand des Krieges notwendig war. Und Gustave war erpicht, diese zu formen.
      "Es ist erstaunlich, dass man selbst in den Wirren des Krieges Freunde in Feinden finden kann, nicht wahr, Prinz?", begann er und trat an seine Seite, den Blick zum Platz der Comtesse gerichtet.
      "Ihr wisst hoffentlich, dass die Comtesse nichts unversucht lassen wird, dieses Vorhaben zu torpedieren, oder?"

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    • In späteren Erzählungen über diese Ereignisse fiel kein einziges Wort über die farbenfrohe Kette aus Verwünschungen, die vor Schreck über die Lippen des Kronprinzen kamen. Die Hand auf seiner Schulter erschien wie aus dem Nichts und Lucien zuckte zu seinem Leidwesen sichtlich überrascht zusammen während ihm das Herz bis in die polierten Lederstiefel rutschte. Der Prinz sog scharf einen Atemzug ein und wandte sich zu Gustave um. Während der langsamen Drehung kehrte ein wenig Farbe in das Gesicht des jungen Mannes zurück, vor Verlegenheit darüber, dass er so leicht zu überrumpeln war. Etwas verlegen kratzte sich Lucien seitlich an der Nase.
      "Seid Ihr sicher, dass ihr in Eurer frühen Zeit nicht selbst Spion wart, Gustave?", räusperte sich Lucien. "Ihr habt mich zu Tode erschreckt."
      Fast theatralisch griff sich der Prinz an die Brust, in der das Herz tatsächlich beunruhigend schnell schlug, und lachte etwas verhalten über seine Unachtsamkeit.
      Der Ernst der Realität holte ihn jedoch schneller zurück, als ihm lieb war.
      "Lhoris hat mir nie Veranlassung dazu gegeben ihm zu misstrauen.", fuhr Lucien fort. "Den Ereignissen in Beleriand geht eine längere Geschichte voraus, doch ich fürchte die Geschichtsstunde wird etwas warten müssen. Ebenso wie die Verschwörung der Comtesse."
      Der Kronprinz konnte sich nicht sicher sein, auf welcher Seite Pompidou am Ende stand. Er mochte seiner Bitte zugestimmt haben, aber dahinter vermochte sich mehr verbergen, als es den Anschein hatte. Ein gesundes Misstrauen hatte noch nie jemandem geschadet. Dennoch, der Gedanke wohlmöglich einen Verbündeten vor sich zu haben, wirkte beruhigend.
      "Nun, dann sollten wir keinen Anlass geben, uns eine Schlinge um den Hals zu legen, findet Ihr nicht?", grinste Lucien, obwohl die leuchtenden, blassblauen Augen eine tiefe Sorge zeigten, die so ungewohnlich für das heitere und leichte Temprament des Prinzen waren.
      "Ja, mir ist bewusst, dass sie nichts unversucht lassen wird. Und ich bedauere es, das ihr in dieses kleine Scharmützel hinein gezogen wurdet. Sei's drum... werdet ihr mich in die Verleise begleiten? Ein Mitglied des Hohen Rates macht das Ganze wunderbar offiziell, denk ihr nicht?"

      Der Weg in die Verließe unter dem großen Vorplatz des Palastes war begleitet von unzähligen Verzweigungen und verschlossenen Türen.
      Je tiefer sie unter die Erde drangen, umso kälter wurde die Luft und die modrige Feuchtigkeit perlte von den sorgsam gemauerten Wänden ab. Nach einer Weile präsentierten sich die Wände grünstichig und von Moos bewachsen. Irgendwo in einer Ekce tropfte es leise in eine Pfütze. Bourgone war von Wasser umgeben, es floss über imposante Wasserfälle in die Stadt und mündete in dem lebenspendenden Fluss. Über ihren Kopfen verliefen Kanäle und ein weitverzweigtes System aus kupfernen Rohren, ein kleines Meisterwerk dieser Zeit.
      Fast routinierte passierten sie mehrere Wachposten auf ihrem Weg in die Tiefe, bis sie durch ein rostiges und leicht quietschendes Gittern trat.
      "Ich war noch nie so dankbar, dass ich jeden Winkel dieses Palastes auswendig lernen musste.", murmelte Lucien über das Labyrinth an Korridoren und Gängen.
      Vor der ihnen zugewiesenen Zelle, aus der ein hartnäckiger Geruch von fauligem Stroh drang, hielt er inne. Die Beleuchtung war spärlich und für ein menschliches Auge kaum ausreichend. Er erkannte nur wage Umrisse im flackernden Schein einer entfernten Fackel. Sie hatten den Elf tief unter die Erde geführt in die hintersten und schäbigsten Zellen, die nicht einmal für die Ratten gut genug waren.
      Vorsichtig näherte sich Lucien.
      Niemand war gewillt gewesen, ihm Auskunft zugeben, solange der Rat keine Entscheidung gefällt hatte. Er wusste nicht in welchem Zustand der Elf war. Nur, dass er kein einziges Wort verloren hatte.
      "Lhoris?", fragte der Prinz in die Dunkelheit und wagte sich näher an das massive Gitter, während ddie Wache neben ihm einen Schlüssel von seinem Schlüsselbund löste.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ah, Menschen...
      Gustave Pompidou war keiner von jenen Menschen, die sich durch Gefahren oder dergleichen verunsichern ließen. Viel eher bereitete es ihm Sorgen, dass es so viele gab, die es taten. Er hatte auf die Fragen des Prinzen kaum geantwortet, lediglich mit einem Lächeln und einem Nicken. Weshalb auch nicht. Spion war seines Zeichens zu viel der Ehre. Pompidou war nichts anderes als ein Kaufmann. Ein Händler zwischen den Welten und Kulturen und aufgrund dessen brannte sein Verstand umso mehr darauf, diesen Elf kennen zu lernen. Oder war es eher...Wiederzusehen?
      Er strich sich durch den weißen Bart und folgte Lucien durch die Verliese, während er sich ähnlich wie der Prinz die Umgebung von Gängen und Korridoren zu Eigen machte. Selbst hier musste der Kaufmann zugeben, dass er den Überblick verloren hatte. Bereits vor Minuten. Oder waren es Stunden?
      "Ich bin nicht undankbar, dass Ihr dieses Wissen behalten habt, Prinz", murmelte er mit rauer, raspelnder Stimme während er einer herabhängenden Kette auswich. Sie trug das Moos und den Rost wie eine eiserne Krone mit sich und Gustave fragte sich nicht selten, wie lange hier nichts mehr gebraucht wurde.
      Bis er den Geruch erkannte. Stroh. Stroh, verfaulende Exkremente und Blut. Widerlich in Kombination und er hielt sich leicht im Schatten, als sie sich dem Käfig näherten. Beim Namen des Elfen sah er auf und blickte in die Zelle hinein.
      Auf dem Boden hatte man Stroh ausgelegt, um die Exkremente und Flüssigkeiten zu fangen. In der Ecke stand ein Eimer aus fauligem Holz und eine schmale Einbuchtung in der Wand warf einen Schemen Licht in den Raum. Auf einer schweren Pritsche saß eine schlange, hochgewachsene Gestalt, deren seidiges, schwarzes Haar wirr in sein Sichtfeld hing. Und die Gestalt sah fürchterlich aus.
      Auf den Armen zeichneten sich Wunden von frischen Peitschenhieben ab. Schnitte zogen sich wie ein gemustertes Fell über den bloßen Oberkörper und der Elf sah um Jahrhunderte gealtert aus. Das seidig aussehende Haar erwies sich als fettig und mit Blut verklebt, als Lhoris in das Dämmerlicht der Fackel trat. Sein Gesicht zeigte Schlagprellungen und das rechte Auge war von einem Schnitt überlappt, der verkrustet blutete.
      "Ich bin hier", murmelte Lhoris mit heiserer Stimme. Die Tage des Schweigens waren nicht gut gewesen.
      Seine schlanken Finger legten sich an den kalten Stahl und er sah zu Lucien.
      "Ihr habt Euer Versprechen gehalten", bekannte er lächelnd. "Und Jener, der in den Schatten kauert, möge vortreten. Ich kann Euch nicht sehen."
      Gustave brauchte einen Moment um dem Gestank Herr zu werden und trat vor, wobei sich ein Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete.
      "Eine Freude."
      "Ich kenne Euch", sagte Lhoris nachdenklich und zog eine Augenbraue hoch. "Ihr wart bereits in Tirion..."
      "Vor langer Zeit, Herr Elf", bestätigte Gustave und nickte. "Als die Zeiten besser waren."
      "Friedlicher...Eure Familie...Sie trieb Handel mit den Fischern..."
      "Ihr habt ein gutes Gedächtnis", sagte Gustave und sah zu Lucien. "Alsdann...Wollen wir?"

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    • Beim grauenvollen Anblick des Elfen sog Lucien scharf die Luft ein.
      Beiläufig streckte der Kronprinz die Hand zur Seite aus und forderte die Wache stumm dazu auf, den Schlüssel in seine Hand zu legen. Dabei verließ sein Blick keine Sekunde lang das verkrustete Gesicht des Elfen. Eine hitzige Glut des Zorns drohte seine Gedanken zu überschwemmen, doch er konnte sich einen gefühlsschweren Ausrutscher nicht erlauben. Lhoris hatte sich vertrauensvoll in die Hände des Feindes begeben. Sicherlich hatte der Elf um das Risiko und die mögliche wenig sanfte Behandlung gewusst, aber es ließ dennoch säuerlich die Galle in der Kehle des Prinzen aufsteigen. Andvari hätte ihm davor den Kopf von den Schultern gerissen.
      Lucien nickte schwerfällig.
      "Ihr solltet langsam wissen, das ich meine Versprechen höchst ungern breche. Immerhin habe ich einen Ruf zuverlieren", grinste Lucien schwach und mit wenig überzeugender Heiterkeit. Ein glücklicher Zufall, dass sie sich eh auf den Weg zu den Heilern des Ordens machten. Er würde den ehrwürdigen Klerikern gleich einen weiteren Patienten bringen.
      Etwas verwirrt wanderte sein Blick zwischen Lhoris und Gustave hin und her. Eine solche Wendung war ihm nicht in den Sinn gekommen.
      Bei der Erwähnung von Pompidous Besuchen in Tirion schnellte auch seine Augen fragend in die Höhe. Es war Lucien regelrecht anzusehen, wie er versuchte Alter und Geschichten über Menschen in Tirion in Einklang zu bringen. Das letzte Mal, das Menschen friedlich und unbehelligt durch Elfenlande zogen war...sehr lange her.
      Das Verließ war kein Ort für Erklärungen und die Wache in seinem Rücken, konnte ebenso ein Spitzel für die Comtesse sein. Sie mussten äußerst vorsichtig sein und durften dem habgierigen Weibsbild keine Munition liefern.
      "Mich besticht das Gefühl, dass Ihr mir ein paar Antworten schuldig seid, Gustave...", murmelte der Prinz und führte den groben Eisenschlüssel in das rostige Schloss. Mit einem protestierenden Klicken sprangen die Bolzen zurück und Lucien bedeutete Lhoris einen Schritt zurückzutreten, damit die Tür aufschwingen konnte.
      "Kommt, mein Freund.", sprach er ruhig und bot Lhoris trotz der Gefahr seine edlen Gewänder mit Blut und Dreck zu ruienieren, seine Schulter als Stütze an. "Wir müssen Eure Wunden versorgen lassen, da ich befürchte von einer Furie mit Flammenhaar persönlich erwürgt zu werden, sobald sie aufwacht und Euch nicht lebendig vorfindet."
      Bevor Lhoris fragen konnte, schüttelte der Prinz den Kopf und sah kurz zu Pompidou.
      "Nein, sie noch nicht erwacht.", sagte er und seufzte. "Die Kleriker sind ratlos. Wir brauchen Eure Hilfe, Lhoris."
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    • Pompidou erlag einem schüchternen Lächeln und nickte dem Prinzen zu. Ja, es war durchaus Zeit für Antworten. Nur war diese Zeit nicht jetzt, wenn man es genau nahm.
      Nachdenklich fuhr sich das Ratsmitglied durchs Haar und sah zu Lucien.
      "Ihr werdet Antworten erhalten, Prinz. Jedoch sollten wir zusehen, dass wir hier verschwinden. Ich habe das sehr ungute Gefühl, dass die Comtesse - die Götter verfluchen dieses Weib - nichts unversucht lassen wird, Euch in eine missliche Lage zu reiten. Wir sollten vielleicht den Westausgang nehmen!"
      Pompidou wies auf das hintere Ende der Kerker und hoffte, dass keine weiteren Probleme auf sie zukamen, als er sich nicht an der Stütze für den Elfen beteiligte. Stattdessen griff er eilig nach einer Fackel, die in einem Ständer steckte und schlug sein Gewand über den Ellenbogen zurück.
      "Eilt Euch!", sagte er und begann forschen Schrittes den Weg durch den Kerker.
      Lhoris indes nickte und legte seine Hand um die Schulter des Prinzen und schleppte sich mühsam aus dem Kerker. Sein linkes Bein war taub geworden, nachdem man einen Speer hindurch getrieben hatte. Er selbst war mit dem Gedanken bereits vertraut, dass er es verlieren könnte, doch behauptete er sich tapfer so gut es ging.
      Das schwarze, verklebte Haar strich er sich aus dem Gesicht und sah zum Prinzen.
      "Wie kann ich helfen?", fragte er besorgt. "Wenn sie bis jetzt nicht erwacht ist, steigt die Gefahr, dass sie nie wieder erwacht. Warum habt Ihr mich nicht früher geholt?"
      "Bürokratie, mein Freund", erwiderte Pompidou. "Der Rat ließ auf sich warten. Aber habt keine Sorge. Wir werden das alles schon schaffen, nicht wahr?"
      Sorge mischte sich dennoch in das Gesicht des Elfen wärhend er sich regelrecht schleppen ließ. Sie durchquerten die Kerkerstände und kamen an das Ende des Zellenganges.
      "Und nun?"

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    • Prüfend glitt der Blick des Prinzen durch den modrigen Korridor zu beiden Seiten.
      Mit einem Stirnrunzeln verging eine flüchtige Sekunde, ehe er mit dem Kinn leicht nach links deutete. "Hier lang."
      Vorsichtig bugsierte er den verletzten Elf über das ungleichmäßige und von Feuchtigkeit rutschige Gestein unter ihren Füßen. Die Gehplatten waren unregelmäßig geschlagen und zum Teil mit dichtem Moos überwuchert, dort wo das Wasser aus den spröden Wänden tropfte. Kein wirklich geeigneter Untergrund für einen Palast, aber er hielt seit Jahrhunderten der Witterung stand und würde es auch in der Zukunft.
      Schweigend folgte Lucien seiner Nase.
      Und das war durchaus wörtlich zunehmen. denn durch das Labyrith führte ihn ein spärliche Brise von frischer Luft.
      Erst als die Umgebungsluft merklich aufklarte und nicht länger nach fauligen Wurzeln und Unrat stank, erlaubte sich der Kronprinz einen tiefen und wohltuenden Atemzug. Es durfte nicht vergessen werden, dass Lucien trotz all seiner Bemühungen und einem ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, einen gewissen Komfort gewöhnt war. Und das schloss den beißenden Gestank von Urin und allerdei Dingen, an die er nicht näher denken wollte, definitiv aus.
      Erst jetzt wandte sich Lucien den notwendigen Themen zu und stieß beiläufig mit dem Fuß eine alte Holztür auf, die ihn einen kleinen überwucherten Hof führte. Efeu rankte sich an hübschen, aber alten Steinsöulen empor und unter dem satten Grün verbarg sich eine in den Stein geschlagene Treppe, die gewunden den Fels hinauf führte. Für zwei erwachsene Männer nebeneinander zugehen, stellte eine Herausforderung da. Abgesehen davon, dass es ratsam war für den Aufstieg schwindelfrei zu sein.
      "Die ersten Tage sah es ganz danach aus, als wäre die Gefahr gebannt. Das Fieber sank und obwohl es wenige Augenblicke am Tag waren, öffnete Viola sogar zur Freude aller die Augen.", berichtete Lucien. "Allerdings schien sie nie richtig wach zu sein. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber sie sah mich an, als würde sie einen Kampf führen, den sie nicht gewinnen kann. Aber sie kämpft."
      Langsam und mit umsichtigen Schritten erklommen die drei Männer Schritt für Schritt die groben Stufen der Felstreppe.
      Der Prinz hatte sich dazu angeschickt, den Arm des Elfen vernünftig über seine Schultern zu schlingen und dessen scheinbar unbrauchbares Bein abzufangen. Bedauerlicherweise hätte Viola sicherlich etwas ausrichten können.
      "Ich wusste nicht, dass sie versuchen würden, Euch zu verhören, Lhoris.", murmelte er und war sich der eigenen Naivität schmerzlich bewusst. "Und nun dazu, wie Ihr uns helfen könnt oder besser, wie Ihr Viola helfen könnt. Keiner der Klerkiker ist der Magie mächtig, noch verstehen wir das Konzept in aller Gänze. Die Heiler kamen zu dem Schluss, dass die Ursache außerhalb ihrer Fähigkeiten liegt. Und die einzige magiebegabte Person im Umkreis von Meilen seid Ihr, Lhoris."
      Er wusste das der Elf kein Heiler war, aber es war die einzige Idee, die er noch hatte. Über ihnen rauschte das Wasser in reißenden Strömen in die Tiefe. Kurz wanderten sie sogar unter einem der imposanten Wasserfälle entlang, was ihnen fast ein unfreiwilliges Bad bescherte.
      "Bevor Ihr fragt: Ja, die Heiler werden Euch helfen lassen.", fügte Lucien hinzu und seufzte. "Die Kleriker haben Viola großgezogen. Bei aller Skepsis liegt ihnen etwas daran, ihr Leben nicht zu vergeuden."
      Nach einer gefühlten Ewigkeit und mit Scheißperlen auf der Stirn durch den steilen Aufstieg und das zusätzliche Gewicht des Elfen, betraten sie die hohe Steilklippe zur Linken des Kaiserpalastes. Von dort oben wirkte Bourgone beinahe irrwitzig klein, wie eine Spielzeugstadt mit seinen farbenfrohen Dächern. Das tosende Rauschen der Wasserfälle war hier allgegenwärtig. Ein hübscher Pfad aus weißem Kies führte verschlungen durch ein Meer aus kleinen Kräuter- und Obstgärten. Im Frühling mussten die Gärten um die Abtei ein wunderschöner Anblick sein mit einem Meer aus den buntesten Blüten und frischem Grün. Ein Geruch von Kräutern allerlei würde die Luft erfüllen. Durch ein rustikales Holztor führte ihr Weg weiter in ein altertümliches Gebäude aus grauem Stein mit alten Zinnen, die vom Moss und Efeu überwucherte waren. Das Bauwerk schien aus der Zeit gefallen zu sein. Im Vorhof mit dem alten Holzbrunnen hielt sie keiner der Anwesenden Männern in schlichten, braunen Roben auf. Wissende teils misstrauische Blicke folgten ihnen aus Gesichtern allen Alters mit ihren säuberlich gestützen Bärten und rapselkurzen Haarschnitten.
      "Erschreckt Euch nicht...", warnte Lucien und nach einem kurzen Weg durch die überraschend hellen Flure, was den großzügigen Fenstern geschuldet war, betraten die Männer ein Zimmer mit dem Blick ins Tal hinaus.
      Auf den Bücherregal, die eine ganze Wand einnahmen, lag zentimeterdicker Staub. Die Bücher wirkten vergriffen und gut belesen, ansonsten war das Mobeliar ebenso schlicht und einfach, wie die Bewohner der Abtei. Das Fenster in rundlicher Form und den Holzsprossen erinnerte an ein ausgemustertes Wagenrad und war weit geöffnet um die frische Luft in den Raum zu lassen.
      In einem schmalen Bett lag Viola, das Gesicht zur blassen Wintersonne gewandt.
      Die junge Frau war furchtbar blass und die Gesichtszüge wirkten etwas eingefallen in dem schmalen Gesicht. Tiefe, dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Sie trug ein einfaches Gewand aus beigem Leinen und die Decke hatte jemand bis zu den Schultern heraufgezogen. Die Arme lagen darüber und allein die langen Ärmel des Gewandes verbargen wie dürr sie waren. Allerings waren die ausgemerkelten und zerbrechlichen Handgelenke Hinweis genug.
      Das Bild war so friedlich, dass es es den Eindruck erweckte, die Frau schliefe lediglich.
      "Ich habe veranlasst, dass uns ein Augenblick mit ihr allein gegeben wird.", murmelte Lucien und schloss hinter Pompidou, der als letztes den Raum betrat, leise die Tür.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Lhoris atmete auf, als sie endlich wieder frische Luft zu spüren bekamen. Die Wunden an seinem Leib fühlten sich beinahe ohnmächtig kühl an, während sein eigener Körper versuchte, die Hitze mittels eines rastlosen Herzens wieder durch ihn zu pumpen. Der Hof, den sie betraten erinnerte ihn fernab an ein Zuhause hinter kalten Bergen und grausigen Sommern. Ein Heim voller wilder Blumen und starker Bäume, erbaut auf so vieler Elfen Schultern. Für einen kurzen Moment kämpfte selbst der erfahrene Hauptmann mit den Tränen ehe er sich wieder an Luciens Schulter sacken ließ und zuhörte.
      "Macht Euch keine Gedanken um meine Verletzungen", brummte der Elf und grinste schwach. "Sie werden heilen. Wie so viele Wunden. Und hinsichtlich Violas Zustand erblickt mein Verstand noch kein Licht. Ich verstehe nicht, was ihr so zusetzt und was sie so stark bekämpft...Ich hoffe, von Nutzen zu sein, Prinz..."
      Der Nutzen stand außer Frage. Ein Verdacht regte sich im Verstand des elfen. Eine Verdächtigung, die er bereits seit einigen Wochen mit sich herum trug, die er aber nicht verifizieren konnte, ohne sich gänzlich der Ruhe hinzugeben. Erst das Nachdenken in einem dunklen Keller brachte zumindest eine Form der Erkenntnis hervor.
      Schweigsam versuchte er unter angestrengtem Stöhnen, dem Prinzen bei seiner Lasttragung zu helfen, jedoch scheiterte er auch hier beinahe jämmerlich und kläglich. Es brauchte eine halbe Ewigkeit, bis sie den Aufstieg vollzogen hatten und er den steilen Berghang erklommen hatte.
      Oben angekommen hielt der Elf schwer atmend inne und blickte kurz ins Tal hinab. Wie klein alles aussah. Wie nichtig doch so manches weltliche Problem erschien, wenn man es von großer Ferne betrachtete. Und wie klein die Chance, dass dies hier das letzte Mal war, dass er diesen Anblick teilen durfte.
      Es dauerte noch eine weitere Weile und einen kleinen Kiesweg, da er die Kräuter roch. Ein merkwürdiger Duft aus allerlei Verschiedenheiten legte sich auf seine geschundene Nase und ließ ihnn seufzen. Es roch wie bei ihr. Bei Ayla...Nie hatte die Weiße Hand besser gerochen als unter dieser Frau.
      Als sie das altertümliche Bauwerk erreichten musste Lhoris lachen. Es passte nicht in as Muster der Stadt und war doch so seltsam vertraut, als habe er sein altes Haus wieder gefunden. Erstaunlich, wie sich Wahrnehmung doch verändern konnte. Eine ganze Weile betrachtete er die Männer in den Roben mit großer Neugierde...Das waren also Kleriker. Kluge Köpfe menschlicher Magie, die sich offenbar auf die Heilung verstanden. Ein kurzes Nicken später (zumindest empfand er es so), befanden sie sich vor einem kleinen Zimmer. Neben der Schlichtheit, die Lhoris bewunderte, fand sich hier jedoch die Spur des Todes. Sie stand in der Luft wie ein geißelndes Schwert und schwebte über dem Bett und der Gestalt darin. Und wenn er nicht gewusst hätte, wenn er vor sich hatte, so hätte er es nicht erraten können. Wie konnte man sich binnen weniger Tage so verändern?
      Pompidou betrat das Zimmer als letzter und schob eine Hand vor den Mund. Es roch nach Ausdünstungen und schlichter Magie. Als würde ein Kampf in der Frau toben. Nach all dieser Zeit noch immer.
      "Gute Güte...", murmelte das Ratsmitglied und sah zu Lhoris der sich von Lucien löste.
      Erst unsicher, dann immer sicherer humpelnd, näherte er sich dem Bett, wo die junge Frau lag, und drehte kurzer Hand ihren Kopf ein wenig zu sich. Dunkle Schatten unter ihren Augen, die Knochen beinahe sichtbar. Vergangen die Blüte der reinen Jugend und das lebendige Feuer, das sie einst nährte. Nunmehr nichts anderes als ein Schatten ihrer Selbst.
      Sachte fuhr er mit der Hand ihre Kieferlinie nach und streckte seine Aura nach ihrem Kern aus. Kaum ließ er sich ertasten, geschweige denn halten. Es wirkte beinahe, als berührte er eine Tote. Doch dort, tief in ihr...Dort war etwas, das er nicht genau zu betiteln wusste. Ein Kampf wohl wahrlich. Jedoch gegen wen?
      "Es ist ein Kampf...", murmelte er ruhig und setzte sich auf einen schmalen Schemel, den er neben dem Bett fand. "Ich vermute bereits seit geraumer Zeit, dass sie einer Art Vergiftung erlegen sein könnte. Eine Art Schatten, der in ihr wütet und ihr die Lebenskraft entzieht...Ich kann ihr helfen...Jedoch wird es mich einiges kosten und ich bedarf der Heilung währenddessen. Würdet ihr die Kleriker darum bitten?"

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      The more you drag me to hell
    • Lucien die Bourgone beoabchtete mit Sorge die seltsame Vertrautheit.
      Die federleichten Berührungen des Elfen ähnelten der Vorsicht, mit der bereits gesprungenes Glas bedacht wurde. Ein wenig zu viel Durck hier, eine unbedachte Berührung dort und die Oberfläche splitterte in unzählige kleine Scherben. Die Verfassung stand der lebensfrohen Frau nicht zu Gesicht und erzeugte in jedem, der sie kannte und ansah, eine tiefe Wehmut. Lucien brummte zustimmend und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Tatsächlich zerrte eine ungeahnte Macht die Lebensenergie der Heilerin auf. Eine Vermutung, die bereits unter den Klerikern umherging ohne die wirkliche Ursache für das Leiden zukennen.
      Unter der Hand des Elfen rührte sich Viola kaum, erst einen Augenblick später verzog die Frau etwas das Gesicht. Was Lhoris tat erschloss sich Lucien nicht, aber es schien der Heilerin nicht zugefallen. Die verbliebene Kraft reichte nicht aus um das schmale Kinn aus den Fingern des Elfen zu befreien. Der Prinz der Menschen konnte nicht wissen, dass der Elf ihren Magiekern nach der Ursache absuchte.
      "Die Soldaten in Beleriand berichtete mit von blutrünstigen Schattenbestien, die in der Stadt gewütet haben sollen.", sprach der Kronprinz bedächtig und leise, als könnte zu viel Lärm der bewusstlosen Frau schaden. "Hat eine davon Viola diese Wunde zugefügt?"
      Lucien konnte nicht wissen, was auf dem Marktplatz in Beleriand geschehen war. Der kurze Austausch zwischen Tilda und dem Prinzen hatte nicht ausgereicht, um die vollständige Tragweite zu erläutern. Er wurde das Gefühl nicht los, dass ihm entscheidende Puzzleteile zum großen Ganzen fehlten. Nachdenklich stützte er sich auf dem schlichten Fußteil des Bettes auf und nickte erneut.
      "Ah...", erklang es schließlich und Lucien trat etwas näher an das Bett heran. "Vaeril Baumschatten...Er hat ihr diese Wunde zugefügt, richtig? Deshalb war Andvari dermaßen außer sich als er das Blut und die Leichte gesehen hat."
      Damit fuhr ein Ruck durch den Prinzen, der nun zielstrebig in Richtung der Tür marschierte und den Verletzen mit Pompidou zurückließ. Er vertraute Lhoris und glaubte kaum, dass der angeschlagene Elfenkrieger es sich anders überlegen und flüchten würde. Nicht ohne Viola und nicht mit seinem Bein in diesem furchtbaren Zustand.
      Es dauerte wenige Minuten als Lucien mit einem Mann in dergleichen, bräunlichen Kleidung zurückkehrte, wie die Kleriker im Hof sie getragen hatten. Der Mann war älter als Pompidou und glich einem gebrechlichen Greis. Mit nachsichtiger Miene näherte er sich dem Bett und trat verwunderlicherweise ohne griße Scheu neben den elfischen Krieger.
      "Unser Kronprinz teilte mir mit, dass ihr gewillt seit unser armen Viola zu helfen. Meine Name ist Baptiste Greneau", krächzte er beinahe und stützte sich dabei schwer auf einen knorrigen, einfachen Gehstock aus Holz. Der Stock musste so alt sein wie der Greis.
      "Desweiteren sagte er, dass ihr während dieser Prozedur Heilung benötigen werdet. Die Kleriker von Bourgone üben keine Magie aus. Wir berufen uns auf die weltlichen Hilfmittel, die uns zur Verfügung stehen.", sagte er langsam und blickte dabei auf die junge Frau. "Was ich Euch versprechen kann, dass sich um Euch gekümmert wird. Das ist das Mindeste, das wir tun können um unsere Dankbarkeit zu zeigen, da Ihr gewillt seid eine Schülerin unseres Hauses zu retten. Ich gebe Euch mein Wort als Oberhaupt dieses ehrwürdigen Ordens."
      Mit einem regelmäßigen Klopfen seines Stabes durchquerte Greneau den Raum und deutete mit einem gekrümmten, runzligen Finger auf den Tisch deutete.
      "Das sind Violas Habseligkeit, die sie mit sich führte.", sagte er. "Wir konnten nicht mit vielen davon etwas anfangen. Vielleicht ist etwas dabei, das Euch hilft."
      Unter unscheinbarem Stoff funkelte eine Phiole wie ein einsamer Stern.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Luciens Hinweis war die dankbare Quelle, die er benötigte. Natürlich! Vaeril Baumschatten war dafür bekannt, Schattenmagie zu wirken. Und um sie heraus zu schneiden benötigte er Kenntnisse jenseits seines Horizonts. Nuala könnte vielleicht...Unsinn, schalt er sich und schüttelte den Kopf, während er nachdachte. Nuala war nicht hier. Vermutlich kämpfte sie noch mit Andvari und den anderen. Hoffentlich...
      Während Lucien verschwunden war, glitt sein Blick über die bleiche Haut der jungen Frau und innerlich fragte er sich wie er sie retten wollte. Um nach ihrer Aura zu greifen war es ein leichtes, jedoch um daraus eine Heilung zu machen, würde er selbst welche benötigen. Es dauerte eine weitere Zeitdauer, die er gespannt wartete und Pompidou beäugte, der sich unauffällig in eine Ecke drängte. Gerade wollten sie ein Gespräch beginnen, da der Prinz zurückkehrte und einen Greis mitbrachte, der ebenso ein Geschenk zu bringen wusste.
      Lhoris neigte leicht den Kopf.
      "Mein Name ist Lhoris, Herr", murmelte er in der SPrache der MEnschen und musste mit enttäuschter Miene feststellen, dass keine Magie vorhanden war.
      Demnach auch keine Aussicht für seine Rettung, wenn er es genau nahm. Wenn er ohne Heiler agierte, würde er sein Leben aushauchen ehe er Viola retten konnte. Es würde weit vorangeschritten sein, wenn er es recht bedachte. Eine Vergiftung dieser Art breitete sich aus wie ein Spinnennetz und würde nur unter größter Anstrengung zu entfernen sein. Schweigsam nickend nahm er die Worte des alten Mannes zur Kenntnis, obgleich sie ihm sauer aufstießen. Er hätte schreien mögen, wenn er seine Contenance nicht trainiert hätte.
      "Ich danke Euch", flüsterte er und nahm mit weiterem Dank die Habe der jungen Frau entgegen.
      Als er hindurch sah, musste er jedoch innehalten und das erste Mal stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. So etwas war noch nicht versucht worden und auch noch nie war dies derartig genutzt worden, aber die Not war bekanntlich der raffinierteste Lehrmeister von allen.
      "Was ist, Herr Elf?", fragte Pompidou endlich, aus seiner Starre erwachend. Sorgsam näherte er sich dem spartanischen Bett und sah zu der jungen Frau, ehe Lhoris ihn anblickte.
      In Händen hielt er die kleine Phiole.
      "Dies...", sagte er und hob sie an. "Ist ein flüssiger Stern. Ein Artefakt von beträchtlichem Wert und starken magischen Eigenschaften. ich gebe zu, dass er für derartige Heilungen noch nie genutzt wurde, aber ich bin sicher, dass Licht Schatten bekämpft."
      Ohne weitere Proteste zu erwarten, griff er nach dem Kopf der jungen Frau und neigte ihn leicht zur Brust, ehe er die Phiole öffnete und sie an die Lippen setzte. Einen Moment lang war er unsicher. War dies so? Besiegte das Licht die Schatten oder machte es sie tiefer? Lhoris räusperte sich und schluckte seine Bedenken mitsamt dem gewaltigen Kloß hinab und schloss ein Auge, wärhend er den Stern in die leicht geöffneten Lippen goss.
      "Bereitet bitte ein Bad mit lauwarmen Wasser vor", murmelte er.
      "Wieso?", fragte Pompidou. "Sie wurde gewaschen wie es aussieht."
      "Ja, das ist unstrittig, Herr Ratsmitglied. Jedoch werde ich gleich ohnmächtig wie ich fürchte. UNd meine Wunde brennt. Wundbrand ist nicht ausgeschlo-"
      Es brauchte einen kurzen Moment der Stille, ehe die Augen des Elfen zu flattern begannen und sich nach oben verdrehten. Er schaffte es noch, den Kopf von Viola abzulegen, ehe er selbst neben dem Bett zusammensank.

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    • Reflexartig sprang Lucien die kurze Distanz zum Bett nach vorn und lediglich sein beherzten Eingreifen verhinderte, dass Lhoris zu Boden ging. Das Gewicht des ohnmächtigen Elfen drückte sich gegen seine Seite und beschämt sah der Prinz in das bleiche und geschwollene Gesicht, das in den wildesten Farbtöten von Grün, Blau bis Violett schimmerte. Keiner der anwesenden Männer hatte angesichts der leblosen Frau einen Gedanken an die schweren Verletzungen des Elfen verschwendet. Die leere Phiole kullerte aus den kraftlosen Fingern des Elfenkriegers über den Leinenbezug des einfachen Bettes. Luciens Blick bewegte sich von Violas blassen Händen, die über ihrem Bauch abgelegt waren, herauf zu dem regungslosen Gesicht dessen Knochenstruktur zu stark hervorstach und mit Augen, die zu tief in ihren Höhlen eingesunken waren. Viola sah tatsächlich aus, als hätte die schattenartige Klaue des Todes bereits sein Werk vollendet. Mit Anspannung warteten die Besucher im Zimmer der Heilerin auf eine Regung der jungen Frau. Luciens Mundwinkel verzogen sich niedergeschlagen nach unten, als die Minuten verstrichen.
      Die Erlösung brachte ein ruckartiger Atemzug, so tief, dass es den schmalen Rücken sachte von der simplen mit Stroh gefüllten Matratze hob. Hörbar füllten sich die Lungen mit lebensspendender Luft, als hätte sie für Tage vergessen vernünftig zu atmen.
      "Seht...", murmelte der alte Greneau und deutete mit einem knorrigen Finger auf die gefalteten Hände Violas.
      Über die zierlichen Fingerknöchel breitete sich ein schimmerndes Netz aus Licht aus, das sich langsam aber stetig die Handgelenke und Arme herauf zog. Das kunstvolle Muster aus glühenden Ranken unter der dünnen Haut verströmte keinerlei Wärme als Greneau mit der Fingerspitze über den kühlen Handrücken fuhr.
      "Das ist außergewöhnlich, aber besorgniserregend.", fuhr er fort. "Das sind keine Venen gefüllt mit Blut sondern ein völlig eigenständiger Fluss. Das Licht eines Sternes fließt direkt unter der Haut. Kein Mensch sollte dazu in der Lage sein. Ihr habt mir verschwiegen, dass unsere gute Viola die Fähigkeit zur Magieausübung erworben habt, Prinz Lucien."
      "Ich weiß, wie der Orden dazu steht.", antwortete Lucien und schlang sich bereits in gewohnter Manier einen Arm des Elfen über die Schulter.
      "Es wird einiges zu bereden geben, sobald sie aufwacht.", sprach der alte Mann und jeglicher Zweifel an der bloßen Möglichkeit war fort gewischt. "Wartet, mein Prinz, bevor Ihr euch einen Bruch hebt. Zwei Patienten sind fürs Erste völlig ausreichend."
      Ein paar Minuten später trugen Lucien und ein dazugekommener Kleriker Lhoris aus dem Zimmer. Nur die Götter wussten, wie lange es brauchte bis die Heilerin erwachte und Greneau würde solange Wache stehen während sich um den Elf gekümmert wurde. Das Versprechen waren keine leeren Worte gewesen und bei Gelegenheit würde er sich auf angemessene Art bedanken. Komischer Gedanke, gerade einem Elf seinen Dank aussprechen zu wollen. Der Alte schmunzelte und schloss die runzligen Hände am das Holzgestell während sich unter seinen Augen und denen Pompidous das rankende Netz der Leylinien über den gesamten Leib der Heilerin ausbreiteten.

      - Einige Zeit später -

      Das Erste, das Viola nach einer quälenden Ewigkeit in der Finsternis erblickte, war ein vertrautes und faltiges Gesicht.
      Greneau lehnte mit gekrümmtem Rücken über dem Bett und schirmte die unfokussierten Augen der Frau vor dem einfallenden Sonnenlicht ab. Sie hatten zu lange in der Dunkelheit hinter den Augenlidern geruht. Bei dem Versuch den Kopf zuhaben, legte sich eien warme Hand auf ihre Stirn und drückte ihr Haupt sanft zurück in das Kissen.
      "Ruhig, Kind. Willkommen Zuhause.", flüsterte Greneau und warf einen kurzen Seitenblick zu Pompidou. "Wärt Ihr so gut und zieht die Vorhänge zu?"
      Viola schluckte trocken und kämpfte gegen den aufkommenden Husten in ihrem Hals. Bedächtig führte Greneau einen Becher kühles Wasser an ihre Lippen. Der alte Mann lächlete erleichtert und senkte die Hände in den Schoß.
      "Erinnerst du dich an meinen Unterricht? Die Schüler haben zu Schweigen, wenn der Meister spricht. Genau das werden wir jetzt tun. Du hörst zu und lässt die alten Männer erklären.", lächelte und begann Viola, die mit jeder Sekunde wacher wurde, über die Ereignisse der vergangenen Tage aufzuklären. Über das zurückhaltende Verhalten des königlichen Rates und ihren kritischen Zustand, der alle in höchste Sorge versetzte hatte und den stummen Elf in den Verliesen, der sich letzten Endes als gar nicht so schweigsam herausgestellt hatte.
      Viola seufzte leise. Sie hatten es also geschafft und hatten Bourgone rechtzeitig erreicht.
      Der Empfang war genauso unterkühlt gewesen, wie die Heilerin vermutet hatte und vor allem Lhoris gegenüber herzloser ausgefallen als...Lhoris!
      Ein Ruck ging durch den zierlichen Leib und dieses Mal schaffte es Greneau nicht seine ehemalige Schülerin davon abzuhalten sich im Bett etwas aufzurichten. Mühevoll schob sie die Ellbogen unter sich und blickte herüber zu Pompidou.
      "Bitte sagt, dass er nicht wieder in die Kerker gebracht wurde?", die brüchige Stimme, rau und angeschlagen nach der langen Zeit des Schweigens, trug einen panischen Unterton mit sich.
      "Er wird gut versorgt. Das verspreche ich dir, Viola.", antwortete der Alte mit einem beschwichtigenden Lächeln. "Es wäre besser, wenn du dich wieder hinlegst, denn..."
      "Ich habe genug gelegen, Meister Greneau,", widersprach Viola. "Bitte bringt mich zu Lhoris."

      -30 Minuten später-

      Mit sichtlicher Mühe bugsierte ein Kleriker sich und die erschöpfte Frau auf seinen Armen durch die schwere Holztür.
      Wenige Schritte hinter Viola und ihrem unfreiwilligen Packesel schlenderten Greneau und Pompidou durch die ehrwürdigen Korridore des Ordens. Der Heiler hatte versucht sie von dieser leichtisinnigen Idee abzubringen, aber am Ende war es ihm lieber jemand trug sie an ihr Ziel als dass sich das Mädchen heimlich aus dem Zimmer stahl und sich dabei alle Knochen brach.
      "Die Jugend...Nicht war, Pompidou?", sinnierte Greneau und schenkte der Tatsache, dass das Ratsmitglied neben ihm ebenfalls noch Jahrzehnte jünger war als erselbst, keinerlei Beachtung. "Eine solche Leidenschaft im Herzen aber leider zu wenig Vernunft."
      Jedenfalls hatte sich Viola dazu überreden lassen einen leichten Morgenmantel überzuwerfen, damit der arme Tropf, der vermutlich in seinem enthaltsamen Leben nicht eine einzige Frau entblöst gesehen hatte, sie nicht in ihrem dünnen Nachthemd durch die Flure tragen musste. Die Haare fielen locker über den schmalen Rücken und sie war weiter entfernt davon wieder Farbe im Gesicht zu haben, aber zumindest blieb sie wach.
      Sachte klopfte Greneau mit dem Holzstab gegen eine Tür, als sie ihr Ziel erreichten und warf einen kurzen Blick zu Viola. Das Licht unter ihrer Haut war verblasst, hatte jedoch blasse und verschlungene Male auf der Haut hinterlassen. Sie reichten über die Arme, Schlüsselbein und Brust. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt, ob die Spuren mit etwas Zeit verblassten und schließlich verschwanden.
      "Ich betone noch einmal, es ist höchst unagebracht, dass wir dich hierher bringen", versuchte es der Meister ein letztes Mal.
      "Meister Greneau...", seufzte Viola und spürte die Erschöpfung in allen Knochen und das Gefühl in ihren Beinen in diesem Moment auch eher fragwürdig. "Ich habe in meiner Dienstzeit mehr als genug nackte und blutige Soldaten gesehen, dass es bis an mein Lebensende reicht....Verzeihung, dass war unangebracht."
      Die letzten Worte fügte sie bei einem mahnenden Augenzucken des alten Mannes hinzu.
      Hinter Tür erwartete die Neuankömmlinge ein altertürmliches Steinbecken eingelassen in den Fußboden, dass über eine großzügige Treppen zu erreichen war. Im Dach befand sich die Miniatur der Glaskuppel aus dem Kaiserpalast und ließ das wärmende, aber gedämpfte Licht der Abendsonne hinein. Links an der Wand standen zwei bewaffnete Soldaten. Der kaiserliche Rat hatte also bereits Wachen zum Orden geschickt. Viola waren die Soldaten in den Gängen aufgefallen.
      Den Elf hatten die Kleriker dem heilenden Wasser überlasse und der Duft war erfüllt von zahlreichen, angenehmen Gerüchen der heilenden Kräuter mit denen das Wasser angereichert war. Blut, Schweiß und andere Überreste waren zuvor von dem malträtierten Körper gesäubert worden. Viola sah nicht fiel durch das schwummrige Licht, dass sich auf der Wasseroberfläche brach, aber das Bein des Elfenkriegers sah furchtbar aus.
      Schweigend setzte der nervöse Kleriker seine kostbare Last neben dem Kopf des Verletzten, der auf dem Rand des Beckens auf einem weichen Stoff ruhte, auf dem erwärmten Steinboden ab. Viola legte ohne Zögern eine Hand auf die Schulter des schlafenden Elfen, bis ihre Fingerspitzen das Schlüsselbein erreichten. Sie fühlte eine schwache Energie. Der Puls der Magie war gerade stark genug, dass selbst die Heilerin in ihrem Zustand einen Hauch der Lebensenergie fühlen konnte. Es würde einige Zeit ins Land gehen, bis sich ihr Magiekern erholt hatte und so fand sie sich mit dem Gedanken ab, Lhoris dieses Mal nicht heilen zu können. Aber er lebte und das war genug für den Augenblick.
      Es war Lucien, der langsam auf sie zu trat und neben Viola in die Hocke ging und einen Arm um ihre Schultern legte damit er sie erleichtert an seine Seite drücken konnte. Ganz vorsichtig, natürlich. Die junge Frau war über die Reaktion überrascht aber nahm die tröstliche Geste dankbar an.
      "Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt.", murmelte er und drückte ihr einen freundschaftlichen Kuss auf den Scheitel.
      Denn das waren sie nach dem Erlebten:Freunde. Eine eigenartige Ansammlung von Fremden, die sich einander verbunden fühlten.
      Viola blickte in das verfärbte Gesicht des Elfen hinab und verstärkte sanft den Halt ihrer Hand auf seiner Schulter. Sie dachte an Andvari in der Ferne, der eigentlich hier sein sollte an ihrer Seite, an Lhoris Seite und nicht einsam im feindlichen Niemandsland ohne ein Lebenszeichen seiner Liebsten.
      "Danke...", flüsterte sie. "Du hast mir das Leben gerettet."
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    • Pompidou wartete.
      Und wenn er ehrlich war, so tat er dies bereits seit einigen Jahren. Wartete auf ein Zeichen des sich verändernden Sturms, der über diese Lande wieder und wieder hinüber zog und der letztlich nichts von dem zurückließ, was sie einst gekannt hatten. In der Kammer des Elfen, diesem Heilbad, das er nur zur Hälfte verstand, fühlte er sich merkwürdig fremd. Er blickte auf die Wasseroberfläche, in der der Welf schwamm und betrachtete nachdenklich das Blut, das sich noch immer aus der Wunde am Bein und dem Gesicht heraus wusch. Leicht rosafarben rann das Wasser im Takt eines schwachen Atemzuges über den Rand des Beckens, während das Ratsmitglied die geleerte Phiole nachdenklich in den langfingrigen Händen drehte.
      Als Greneau mit der jungen Heilerin die Kammer betrat, schien diese zumindest keine Zeit zu verlieren. Wissend grinste er Greneau an und nickte. Mit den Fingern seiner freien Hand glitt er durch den weißlichen Bart und fragte sich, wann er zuletzt an seine Jugend hatte denken müssen? Es musste Jahrzehnte her sein.
      Schweigsam setzte er sich auf eine kleine, hölzerne Bank abseits der anderen Beteiligten und stützte die Unterarme auf die Oberschenkel, ehe er sich leicht nach vorn beugte. Das Haar fiel ihm ins Gesicht versteckte aber nicht den scharfen, wachsamen Blick, der sich auf den Elfen legte. Es war eine Sache, Verletzungen auszuhalten, aber nach dieser Tat gab es keine Zweifel mehr, dass der Elf ein Elitesoldat sein musste. Derartige Verletzungen und einen massiven Wundbrand auszuhalten, lag nicht in der Natur eines Menschen. Ein Jeder von ihnen wäre zusammen gebrochen.
      Die Kleriker hatten bestätigt, dass der Wundbrand sich im Bein ausgebreitet hatte und es blieb ein offenes Geheimnis, betrachtete man den Fleischhaufen, der sich in rötlich schillernden Farben im Wasser bewegte. Der Elf wurde das Bein verlieren. Zumindest nach ihren Erkenntnissen.
      "Ihr habt für einiges an Wirbel gesorgt, Frau Viola", bemerkte Pompidou schließlich freundlich und erhob sich, um zu den beiden zu stoßen. "Und Ihr habt wahrlich mächtige Freunde. Es geschieht schon selten genug, dass ein Prinz sich derart für eine Gemeine einsetzt. Aber ein Mensch, dem ein Eliteoffizier der Weißen Garde hörig ist, ist weitaus seltener."
      Sachte stellte er sich an die Seite des ungleichen Paares und kam nicht umhin, festzustellen, dass sie gut gemeinsam aussahen. Wären die Zeiten eine Andere, so würde sich eine Vermählung durchaus anbieten, aber was wollte man tun...Harte Zeiten erforderten ungewöhnliche Maßnahmen.
      "Sagt mir...", begann er erneut und hielt die Phiole in die Höhe, in der noch ein kleiner Rest der leuchtenden Flüssigkeit schwappte. Ein winziges bisschen vielleicht. "Was ist das hier?"

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    • Mit sichtlicher Verwirrung hob die junge Heilerin den Blick an.
      Das Ratsmitglied, Pompidou wie sie bereits wusste, hielt eine zerbrechliche Glasphiole in den Händen, die sich bisher ihrem Blick entzogen hatte und über die auch Meister Greneau kein Wort verloren hatte. Der alte Heiler hatte sich kurz gefasst, um die frisch erwachte Frau nicht zu überfordern. Nachdenklich zogen sich die Augenbrauen zwischen den Augen zusammen, ehe die Erkenntnis ihr Gesicht erhellte.
      Nickend sah sie Lucien an, der sie daraufhin aus seiner Umarmung frei gab.
      Zittrige Finger streckten sich nach der Phiole aus und krümmten sich sorgsam um das fragile Glas, als hielte sie eine unbezahlbare Kostbarkeit in den Händen. Und das tat sie auch. Viola hatte sich schon gefragt, welches Mittel ihr eingeflöst worden war um derartige Zeichnungen auf der Haut zu hinterlassen.
      "Es war nicht meine Absicht für derartige Unruhe zu Sorgen, Ratsmitglied.", wisperte Viola mit schwacher Stimme und in ihren Augen stand deutliches Misstrauen gegenüber des Mannes, der im Dienste der kaiserlichen Rates stand und ihrer Ansicht nach nichts in diesen Räumlichkeiten zu suchen hatte. Der Kronprinz fing ihren Blick ein und nickte knapp. Fragend aber weiterhin stumm sah Viola ihn an, was einem wortlosen Gespräch glich.
      "Also hat Prinz Lucien dem Rat alles erzählt?", seufzte sie. Das erklärte zumindest die Wachen und den Umstand warum Lhoris nicht in einer Zelle verottete. Der Prinz hatte die Karten offen auf den Tisch gelegt und damit vielleicht zwei Verbündete vor einem langsamen Tod bewahrt. Obwohl der Elf vor ihr noch auf einem schmalen Grad dazwischen schwebte.
      "Dann wisst ihr von Andvari und dem Vorfall in Beleriand.", stellte sie trocken fest und betrachtete die Phiole zwischen ihren Fingern. "Er schickte Lhoris zu mir, um micht zu beschützen. Deswegen ist er hier und verliert vielleicht mehr als nur sein Bein."
      Über einen Umweg kam Viola schließlich auf die eigentliche Frage Pompidous zurück. Wortlos reichte sie Lucien die Phiole und tauschte den Gegenstand gegen ein feuchtes Tuch getränkt mit schmerzlindernden Tinkturen. Ihre Griff war so schwach, dass der Stoff ihren Fingern beinahe entglitt, aber sie schaffte es das geschwollene Gesicht des Elfen damit zu betupfen.
      "Lhoris wird Euch erzählt haben, was das ist, wenn er mir die Flüssigkeit eingeflöst hat. Oder traut Ihr seinem Wort nicht?", fragte sie. "Das ist ein flüssiger Stern. Zumindest das, was davon übrig ist. Sternenlicht in reinster Form mit Magie gebündelt und mit größter Sorgfalt in einem Gefäß verschlossen. Ich bin keine Expertin aber ich vermute es hat die Schatten neutralisiert, die mich vergiftet haben. Es befand sich bis zu seinem Ableben im Besitz von Sylvar Valverden, dem zweiten Prinz des Elfenreiches. Er hat es für Andvari aufgehoben, aber das scheint nun hinfällig."
      “We all change, when you think about it.
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      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Pompidou begann leicht zu lachen und zum ersten Mal wirkte sein Gesicht nicht mehr entspannt oder gar gleichgültig freundlich. Dichte und tiefe Lachfalten breiteten sich über seinem Gesicht aus und hüllten sein ganzes Antlitz in Freude, als habe sich ein Damm gebrochen. Der alte Mann konnte lachen wie ein Junge. Lausbübisch und beinahe frech, grinste er Viola ins Gesicht während sie sprach. Und das nicht mal aufgrund der Tatsache, dass sie ihm etwas neues erzählte. Es war vielmehr die Tatsache, dass er endlich den Wind spürte. Den Wind der Veränderung, den er so herbei gesehnt hatte. Hier in einer alten Heilkammer, einem alten Bad, wo der Wind nicht wehte und die Luft nach Kräutern roch.
      und während er Rosmarin in seiner Nase wahrnahm, sah er Viola freundlich an.
      "Der Prinz hatte keine Wahl, meine Liebe", murmelte Gustave und nickte. "Geheimniskrämerei bringt niemals frohe Kunde und nichts reist schneller als schlechte Nachrichten. Es war von Nöten, Eure Motivation zu erläutern und gleichsam eine Verbindung zu Andvari Valverden zu offenbaren. Und auch wenn es nicht mein Verdienst war, bin ich froh, Eurem Ansinnen gedient zu haben. Macht Euch derartig keine Sorgen, liebes Kind. Unruhen sind das Gewürz einer guten Suppe, nicht wahr?"
      Ein heller, volltöniges Lachen erklang im Raum, ehe sich das Ratsmitglied wieder fing und räusperte. Sachte ordnete er sein Haar, dass ihm strähnig ins Gesicht fiel und seufzte.
      "Ich weiß Vieles, Mademoiselle. Und leider auch um die Geschehnisse von Beleriand. Meine Kundschafter berichten noch immer regelmäßig von Kämpfen in Beleriand. Man kommt nicht mehr in das Gebirge und die Bergpfade sind unpassierbar. Andvari hat sämtliche Zugänge zur Stadt einreißen lassen. Es heißt, die Streunende Armee sei vor Ort und bekämpfe eine größere Elfenarmee."
      Gustave zuckte mit den Schultern und lauschte nochmals aufmerksam, als sie von dem Stern berichtete. Und auch wenn ihm die magische Kunde der Elfen nicht fremd war, so erschien es ihm doch beinahe unglaublich, als er auf die Flasche sah. Ein flüssiger Stern? Gebunden durch Magie? War so etwas möglich? Und wenn ja, wie?
      So viele Fragen und so wenig Zeit...Er verfluchte die Tatsache, dass Krieg herrschte und er nicht im Elfenreich reisen konnte, ohne erschlagen zu werden.
      "Erstaunlich, nicht wahr?", flüsterte er und sah Viola an. "Wozu diese Elfen alles fähig sind...Damals dachte ich bereits, dass es atemberaubend ist, was sie mit dieser Magie anrichteten...Aber dies hier...Dies übersteigt alles! Ihr sagtet, es gehörte der Weißen Hand?"

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • Für einen Augenblick blieb Viola nichts anderes übrig außer dem volltönigen Lachen zu lauschen, dass in einem wellenartigen Echo von den Steinwänden der Heilkammer widerhallte. Ein Geräusch, das die triste Stille durchbrach und die drückende Stimmung für einen Moment aufhellte. Es war gefühlte Ewigkeiten her, dass die Heilerin ein ehrliches Lachen ohne jegliche Zurückhaltung vernommen hatte. Allerdings reichte es kaum aus, um den ernsten Ausdruck aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Sorge und die unterschwellige Furcht vor der bevorstehenden Zeit übertönte jeglichen Funken Leichtigkeit. Zu allem Überfluss war letztendlich die Erschöpfung von Geist und Körper zu prägnant, um die Situation einordnen zu können. Das Misstrauen verließ ihren Blick nicht vollständig sondern legte sich wie ein dezenter Hintergrundschleier in das gedämpfte Grün ihrer Augen.
      Ein kaum merklichen Zucken durchbrach das vorsichtig konstruierte Mienenspiel, als Pompidou die streunende Armee erwähnte. Es bedrückte die Heilerin zutiefst, dass in Beleriand keine Ruhe eingekehrt war und der Kampf kein vorübergehendes Ende genommen hatte. Als erstes Schwert wäre es ihre oberste Pflicht gewesen an Andvaris Seite zu sein. Als seine Geliebte wünschte sich Viola nichts sehnlicher, als ihm beistehen zu können und das schützende Schild zu sein, zu dem sie berufen war. Aber ihr waren sprichwörtlich die Hände gebunden. Es gab nichts, was sie tun konnte.
      Lucien fand als Erster seine Stimme wieder und erhobs ich aus der gekrümmten Hocke.
      "Das klingt mehr als beunruhigend.", murmelte er und strich sich nachdenklich über das Kinn, die Bartstoppeln unter seinen Fingerspitzen als eines der geringsten Übel der letzten, geschäftigen Tage. "Wisst ihr ob es bereits neue Verluste gibt? Wurden Namen genannt?"
      Viola verspürte den Drang sich die Ohren zuzuhalten und das Gespräch auszublenden. Zu groß war die Angst einen vertrauten Namen zuhören.
      Viola nickte bestätigend.
      "Ja, es gehörte der Weißen Hand. Ich habe das Gefühl, ihr wisst mehr als ihr zugebt, Monsieur.", erwiderte die Heilerin, wobei sie den Blick nicht von Lhoris abwandte und anscheinend versuchte, den Schaden an seinem Gesicht zu ermessen. Jemand hatte mit gnadenloser Brutalität zugeschlagen. Sie ertrug den Gedanken nicht, dass er ihretwegen in dieser misslichen Lage war. Lhoris hätte Bourgone fort bleiben und auf eine Nachricht von ihr warten sollen. Falls der Elf verstarb und eine Lebensenergie erlosch wie sollte sie das jemals Andvari erklären?
      Lucien beäugte unablässig Pompidou.
      "Da fällt mir ein...", begann er. "...Ihr habt noch nicht erläutert unter welchen Umständen Ihr unserem elfischen Freund hier begegnet seid. Es ist eine lange Zeit vergangen, seit die letzten Menschen halbwegs friedlich durch die Elfenlande gezogen sind. Eine sehr lange Zeit, Pompidou."
      Viola horchte auf.
      "Ihr kanntet Lhoris schon vor unserem Eintreffen?", fragte sie verwirrt.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Gustave Pompidou war ein Mann der Geheimnisse.
      Betrachtete er seine Tätigkeiten zwar als Tätigkeiten für die Götter und das Vaterland, so musste auch er sich eingestehen, dass die Beschreibung eines einfachen Kaufmannes diesem nicht gerecht wurde. Sorgsam drehte er die Phiole in den Händen und betrachtete sie, sodass es den Anschein erwecken mochte, er höre nicht zu. Beinahe erschien als legten sich die Falten in noch tiefere Abgründe auf seinem Gesicht als sein Blick regelrecht düster und verschleiert zu werden schien.
      "Fürwahr, das habe ich nicht, Prinz", nickte er und lächelte schwach, ehe er die Phiole hoch warf und geschickt wieder auffing. "Ich weiß leider von keinen neuen Opfern oder Opfern generell. Meine Späher kommen ebenso nicht über den Bergpass, berichten nur von Grabenkämpfen. Aber ich denke, wenn die Streunende Armee versammelt ist und die Schrecklichen Generäle wieder zu alter Stärke gefunden haben, werden wir einige Zeit von den Angriffen der Elfen verschont bleiben."
      Sachte endete er seinen Kriegsbericht und seufzend sah er Viola und den Prinzen an. Erneut schlich sich ein wissendes Lächeln auf sein Gesicht und er schüttelte sachte den Kopf.
      "Fürwahr, es ist lange her, nicht wahr", begann er mit volltönender Stimme, ehe er sich bequemer hinsetzte und die Beine übereinander schlug. "Sagt, kennt Ihr die Geschichte von dem Wirren Valois? Einem Mann, der grausig ungeschickt und tollpatschig war und mit seiner Debilität eine neue Grenze des Verständnisses eröffnete, indem er ein Rätsel löste, was nicht mit Klugheit und Finesse gelöst werden konnte? Nun...Die Tatsache, dass ich Begegnungen mit diesem Elfen dort und weiteren hatte, liegt in einer ähnlichen Geschichte verborgen. Als ich jung war - und das ist recht lange her - da zogen meine Eltern als einfache Schneider durch die Lande. Ich war ein Jüngling und lebte zu einer Zeit, als noch Euer Urgroßvater herrschte, Prinz Lucien. Meine Eltern überschritten eines Tages die Grenze der kalten Berge um die Elfen zu besuchen, da sich Tuch dort besser verkaufen ließ. Ich war fünfzehn Frühlinge alt und durfte das erste Mal mit hinter die Grenze. Ich war fasziniert von all dem Pomp und dem Reichtum, den das satte, grüne Land mir offenbarte. Und als ich dort wanderte im grünen Tale, begegnete mir auf einer Reise eine junge Maid. Eine Elfenfrau, schön wie ein Wintermorgen und mit dem Geruch nach lieblichen Lavendel. Sie war gar wundersam in ihren Ansichten und neugierig..:Oh, ich sage Euch...Sie war sehr neugierig..."
      Ein unmännliches Kichern entrang sich ihm, ehe er den Kopf schüttelte und seufzte.
      "Es kam wie es kommen musste. Wir versprachen einander die tollsten Dinge. Ich unter anderem meine ewige Liebe. Und sie sagte nur: 'Ich nehme dich beim Wort, Menschenkind. Eine Ewigkeit lang sei dein Herz mein...' Und ich lag fortan bei ihr. Mir kam es vor wie Stunden und Minuten, jedoch vergingen Jahre in der Welt. Jahrzehnte, um genau zu sein. Als ich als noch junger Mann ihren Fängen entstieg, waren beinahe 150 Jahre vergangen und ich fand mich in einer gänzlich veränderten Welt wieder. Man jagte mich wie ein Tier durch die Lande und dieser hier rettete mich seinerzeit. Lhoris Farvalur, Erbe der Familie Farvalur, eine der bedeutendsten Schmiedegilden der Elfenlande. Ich dachte, er hatte den jungen Mann vergessen, der ihn um Erbarmen anflehte...Doch offenbar...Haben Elfen ein gutes Gedächtnis."

      The more that I reach out for heaven
      The more you drag me to hell
    • "Wir sollten bei ihm sein.", flüsterte Viola zähneknirschend.
      Behutsam schob sie mit der Spitze ihres Zeigefingers eine feuchte, dunkle Haarsträhne aus der Stirn des Elfen. Viola beneidete ihn zu einem kleinen Teil um die Besinnungslosigkeit, die Lhoris für ein paar gnädige Stunde vielleicht die nagende Besorgnis ersparte oder das Gefühl am völlig falschen Ort zu sein. Sorge konnte ein hartnäckiges Übel sein. Einmal verwurzelt trübte das Gefühl den gesunden Verstand und hinterließ nichts als den Gram über die eigene Hilflosigkeit. Die Heilerin bereute nicht ein unschuldiges Kind vor einem zu frühen Tod bewahrt zu haben, aber auch an diesem verhängnisvollen Zeitpunkt hatte die Sorge um Elise ihre Wahrnehmung getrübt. Hätte sie die Furcht nicht gewinnen lassen, wäre Vaeril nie so nah an sie herangekommen. Viola blinzelte träge und versuchte die einhüllende Wärme des Heilbades zu ignorieren. Der beruhigende Duft der Kräuter machte sie schläfrig und die Glieder schwer, der schwache aber stetige Puls unter ihrer Hand tat sein Übriges.
      Andvari und die Streunende Armee erkauften den Verbündeten kostbare Zeit, wobei sich Viola fragte was sie in Bourgone erwartete und ob es den Preis letztendlich wert war.
      Die Bitterkeit über die verfahrene Lage verblasste für einen Augenblick zu einem dumpfen Hintergrundsummen, als Pompidou eine wahrlich magische Geschichte zum Besten gab. Verzaubert und in magische Fesseln gelegt von einer hübschen Elfenfrau und viele Lebensjahre älter, als sie Pompidou zugetraut hätte. Und da war es wieder: Das Gefühl von Bedauern.
      Liebe verleitete oft zu Überstürzung. Liebe macht blind für alles Andere.
      Sylvar hatte ihr im Tempel der heilenden Quellen etwas Ähnliches vorgeworfen und damit nicht Unrecht gehabt. Vielleicht war das hier die Strafe die das Schicksal ihr für die frevelhaften Verfehlungen im Tempel auferlegte. Getrennt von den Liebsten und eingekreist von Menschen, die einst ihre Heimat gewesen waren und sie nun beäugten als hätte sie plötzlich ein zusätzliches Augenpaar im Gesicht. Sie hatte die prüfenden Blicke der Kleriker bemerkt und hatte sich nie weniger Zuhause gefühlt als in diesem von Dämpfen erfüllten Raum. Die Vertrautheit zu dem Elfen begegneten die Ordensbrüder mit Skepsis.
      Die Gerüchte über ihren Verbleib und die unziemliche Nähe zum Feind taten ihr Übriges.
      "Lhoris ist ein guter Mann.", nickte Viola. "Obwohl er es mit Händen und Füßen abstreiten würde, wenn er könnte. Ihr hattet Glück, Ratsmitglied Pompidou. Und es tut mir leid, dass Euch dieses Schicksal auferlegt wurde."
      Lucien rührte sich im Hintergrund und räusperte sich leise, um Pompidous Aufmerksamkeit zu bekommen.
      "Bedauerlicherweise ruft die Pflicht.", sagte der Kronprinz. "Mein Vater wartet seit Tagen darauf, dass ich ihm meine Aufwartung mache, was ich sträflich vernachlässigt habe angesichts der dringlichen Notlage. Ich komme zurück sobald ich kann."
      Kurz beugte er sich zu Viola und platzierte einen höflichen Handkuss auf den Knöcheln ihrer freien Hand.
      "Ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass du dich sorgst.", murmelte er. "Falls es dich milde stimmt, werde ich versuchen eine Nachricht über euer beider Überleben nach Beleriand schleusen zu lassen."
      "Danke,... Lucien.", sprach sie leise und es war sichtlich ungewohnt den vornehmen Titel dabei zu ignorieren.
      Mit einer neckenden Verbeugung verabschiedete sich der Kronprinz um sich in die Höhle des Löwen, pardon, des Wolfes zu geben
      Viola warf einen flüchtigen Blick zu Pompidou und da er offensichtlich beschloss zu bleiben, erhob die Heilerin erneut die Stimme.
      "Warum helft ihr uns? Oder wollt es, nehme ich an. Der Wunsch nach Frieden? Wollt ihr Eure Schuld bezahlen, jetzt wo ihr wisst das Euer einstiger Lebensretter hier ist?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”