[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

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    • Volgast sah zu seinem baldigen König herab und grinste breit über das blau verschmierte Gesicht, ehe er den Gruß erwiderte. Er achtete darauf, seine Hand nicht vollständig zu schließen und nickte.
      "Wohl gesprochen", grinste er und lachte anschließend lautstark. "KAZEHAHAHAHAHA, JAJA, WAHNSINNIG SIND WIR WOHL, WAS??!"
      Ein Nackenschlag von Symon behob das Problem, wobei der Zwerg vorher auf herumliegende Trümmerteile hüpfen musste.
      "Klappe jetzt", feixte der Zwerg und sah zu Meliorn, der in seinen Augen vor Ehrfurcht beinahe die Hose offen stehen ließ. "Soso...'n Kaiser, wa?"
      Farryn indes schluckte das Bier in großen Zücken herab und rülpste herzzerreißend, ehe sie zu Lucien herüber sah. Eine innere Einkehr verbot ihr, das Wort zu erheben. Zumal es auch besser war. Sie wusste nichts Gutes über Menschen zu berichten, die sich immer aus allem heraus halten wollten. Jetzt kamen sie daher und spielten die Retter. Erbärmlich.
      Schnaubend wandte sie sich ab und wanderte zu den zurückgebliebenen Heilern, um sich verarzten zu lassen,.
      Andvari war indes hinter Meliorn hergelaufen und besah sich der Gräueltaten auf dem Weg zur Kirche hin. Sicherlich galt das Wort, dass der Krieg weder Sieger noch Nutzen kennt. Doch derartige Verwüstungen waren ihm bisher nicht untergekommen. Beinahe wehmütig sah er zu Alberts Leichnam hinab und schüttelte kaum merklich den Kopf. WIe würde er es den Menschen erklären können, dass es die Seinen waren die derartiges Leid verbreiteten? Wie würde er sie jemals zähmen können..,.
      Als sie den Kirchplatz erreichten blieb Andvari kurz stehen und sah mit Entsetzen zu den Trümmern, die sich vor ihm auftürmten. Der Schnee hatte sich auf die Trümmer gelegt und hüllte die Szenerie in ein friedliches, beinahe ruhiges Szenario. Rundherum erschienen die Leichname von Elfen und ebenso die von Menschen beinahe ihre Bewandnis zu verlieren, als Andvari hindurch wanderte, den Schnee leise knirschend zu seinen Füßen.
      Sachte trat er an den Leichnam heran und blickte in das Gesicht des Verendeten. Normalerweise endete ein Kampf mit dem Tod, aber hier war es anders. Wütend spuckte er neben die Leiche aus und sah zu Lucien.
      "Das", bemerkte er mit einem abwertenden Kinnzucken. "Ist Vaeril Baumschatten. Handlanger meines Bruders. Ich nehme an, dass die Reste hier seine Schergen waren."
      Sachte trat er an den Leichnahm heran und kniete sich daneben. Das rötliche Blut gefiel ihm gar nicht. Wirklich nicht. Eine Spur zur Kirche vielleicht? War der Baumschatten durchgedrungen?
      Das Herz schlug ihm im Halse, als er zu den Trümmern sah.
      "Ob sie es geschafft haben?", fragte er.

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    • Bedächtig trat Lucien einen Schritt nach vorn.
      Sein Blick fiel auf den gekrümmten Leib des toten Elfen, der die verräterischen Anzeichen eines Ertrunkenen trug. Ein dünnes Rinnsal tropfte aus seinem Mundwinkel und die Lippen wiesen eine vertraute, bläuliche Färbung auf. Im Todeskampf waren die beinahe gänzlich schwarzen Augen aus den Augenhöhlen hervor getreten. Eine grausame Art das Zeitliche zu segnen, aber nach Andvaris ungehaltener Reaktion zu urteilen, hatte der Elf zu seinen Füßen kein anderen Schicksal verdient.
      Diese Abscheu ging tiefer. Das war eine höchstpersönliche Angelegenheit.
      "Ertrunken...", murmelte Lucien. "Wie ist das möglich?"
      Der Kronprinz löste sich vom Anblick der armseligen Gestalt, die langsam aber stetig unter einer Decke aus frisch gefallenem Schnee begraben wurde, und sah Andvari fragend an.
      "Bei Eurem Zorn muss er den Tod wirklich verdient haben.", grübelte der Adelsspross während sein Blick über den verwüsteten Marktplatz wanderte. Eine rötliche, feuchte Spur im Schnee weckte seine Neugierde. "Andvari, seht."
      Unweit des Leichnams versickerte Blut im gräulichen Schneematsch; rotes Menschenblut in beunruhigender Menge. Lucien deutete auf weitere Blutpfützen, die einen unverkennbaren Pfad in Richtung der zerstörten Kirche einschlugen. Der Tote musste einen letzten verheerenden Hieb ausgeführt haben. Gegen welchen unglückselige Seele sich der Angriff auch gerichtet hatte, verlor eine besorgniserregende Menge Blut. Die Befürchtung blieb dem Prinzen im Halse stecken, es auszusprechen beschwor das Unglück herauf.
      Ein vorsichtiger Seitenblick zu dem weißhaarigen Elf an seiner Seite, sagte ihm mehr als er wissen musste.
      Andvari dachte dasselbe.
      "Das haben sie.", bekräftigte Lucien und sah zu, wie der Qualm der rauchenden Trümmer in den Winterhimmel stieg. "Wenn es jemand geschafft hat, alle in Sicherheit zu bringen, dann Tilda. Ich muss Euch um einen Gefallen bitten, Andvari. Der Zeitpunkt dafür ist dankbar schlecht gewählt und ich würde Euch nicht darum bitten, wenn es nicht von äußerster Dringlichkeit wäre."
      Lucien von Bourgone kehrte dem bedrückenden Anblick der zerstörten Kirche den Rücken zu und seufzte schwer.
      "Die Bedrohung ist nicht verschwunden und Eure Brüder befinden sich weiterhin im Niemandsland. Ich sah Lysanthir sich davonstehlen und Euer jüngster Halbbruder Prinz Faolan ist wie vom Erdboden verschluckt. Solange die Söhne des Königs das Grenzland durchstreifen, wird das Morden nicht enden. Wir müssen dem ein Ende setzen."
      Der Ernst in seinem Gesicht ließ ihn mehr den je wie einen zukünftigen Monarchen wirken.
      "Seit ihr dazu im Stande die beiden aufzuspüren?", fuhr Lucien fort. "Ich bitte Euch nicht darum sie alleine zu bekämpfen, aber es herrscht Uneinigkeit hinter den Grenzen und ich kann nicht bleiben ohne einen Aufruhr zu verursachen. Ich brauche jemanden hier, dem ich vertrauen kann. Wir müssen wissen, wo sie ihre Heere sammeln und welche alptraumhaften Überraschungen Eure Brüder noch breithalten. Meliorn wird Euch begleiten und Eure Nachrichten übermitteln."
      Die Tatzelwürmer waren nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und der jüngste Spross Oberons hatte sicherlich noch nicht alle Karten aus der Hand gespielt.
      Meliorns Blick wirkte zwiegespalten. Und doch nickte der Elf ergeben.
      Er hatte eine Schuld zu begleichen.
      "Ich gebe Euch mein Wort, dass ich sie finde.", sagte er mit fester Stimme. Es war ohne jeden Zweifel von wem der Prinz sprach.
      "Wenn sie lebt, finde ich sie.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es bedurfte keiner großen Wissenskundigkeit, um die Gedanken des Elfen zu erhaschen, der auf die rote Spur starrte und einen Kloß im Hals herab schluckte. Mit einem Mal wirkte seine enorme Körpergröße brüchig und von kurzer Dauer, da er sich in eine Art Buckel begab und die Arme leicht hängen ließ. Es mochte Erschöpfung sein, oder vielmehr die Feststellung, dass er die Frau, die er liebte, einfach auf dem Schlachtfeld zurückgelassen hatte. Und jetzt auch noch waffenlos.
      Seufzend schüttelte er kurz den Kopf und sah dann Lucien an.
      "Sagt es ruhig", bemerkte er. "Wir Elfen glauben nicht an derlei Aberglauben, aber ich denke, wir beide ahnen, wem dieses Blut gehört. Und auch wenn ich hoffen will, so sehe ich bei der Menge nur die Aussicht auf geringe Hoffnung."
      Andvari war zu sehr in kriegerischen Milieus aufgewachsen, als dass er die Spuren und Anzeichen ignorieren könnte. Achtlos und beinahe disrespektierlich trat er wie in einer normalen Schrittabfolge auf den Leichnam des Baumschattens zu. MIt einer beinahe beiläufigen Bewegung trat er auf den Kopf des Toten und zerdrückte Knochen und Strukturen unter seinem Stiefel bis gräuliche Hirnmasse und blaues Blut sich schwallartig auf den Schnee ergossen.
      "Die Bäume verfluchen euch", flüsterte er zischend und eine unverhohlene Wut stach sich in seinen Blick. "Und nimmer sollst du ruhen."
      Als Lucien seinen Gefallen formulierte wusste der Elf worauf der junge Prinz hinaus wollte, ehe er ihn aussprechen hörte. Sachte nickte er.
      "Ich kann sie aufspüren", bestätigte er. Er war vielleicht der Einzige, der es konnte. "Aber eine Armee ist zu auffällig, da stimme ich zu. Ich habe meine Gefährten hier und die Streunende Armee ist ebenfalls auf dem Weg ins Grenzland. Ich gebe Kunde, dass sie sich zurückhalten sollen und mache meine Brüder ausfindig..."
      Und danach finde ich sie und töte sie mit eigenen Händen. Und wenn es das letzte ist, was ich tue, dachte er bei sich und sah mit blitzenden Augen zu den Trümmern.
      Luciens Versprechen ließ ihn zumindest hoffen. Schweigsam nickte Andvari und seufzte.
      "Ich bete, dass Ihr sie findet", murmelte er.
      Die Stimme wurde ihm schwer als er einen letzten Blick zu den Trümmern warf und atmete.
      "Wir werden versuchen, die Stadt zu halten und wieder aufzurichten. Vielleicht kann ich sie halten und einen sicheren Hafen bieten, wie Tilda es tat. UNd wenn ihr zurückkehrt, findet Ihr hier Obdach."

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    • Lucien von Bourgone verzog unwillkürlich das Gesicht.
      Das ekelerregendes Knirschen des zerquetschten Schädelknochen und der damit einhergehende, fragwürdige Sud an bläulichem Blut und stückiger Hirnmasse, war selbst für erfahrene Augen ein widerwärtiger Anblick. Lucien hatte in seinem bisherigen, kurzen Menschenleben mehr Gräueltaten gesehen, als manch raubeiniger Soldat. Neben dem Prinzen schluckte Meliorn hörbar einen Kloß im Halse herunter und richtete den Blick auf das Schwert in seinen langfingrigen Händen. Unverkennbar die vernarbten Hände eines geübten Bogenschützen.
      Der Heerführer der Ersten Garde wandte den Blick von dem malträtierten Schädel ab. Die aufziehenden Krähen, die stets den Kriegsschauplätzen folgten, würden sich an dem Festmahl erfreuen.
      "Es bereitet mir kein Vergnügen Euch darum zu ersuchen, solange das Schicksal Eurer Gefährtin im Dunklen liegt.", murmelte Lucien ein wenig gedämpfter und vermochte kaum die Scham darüber aus seiner Stimme zu verbannen.
      "Ich überlasse Euch Beleriand, Andvari.", fuhr er hörbar fort. Er wusste, dass die Übriggebliebenen die neugierigen Ohren spitzten. "Die Stadt liegt taktisch günstig, aber ich hoffe, dass Euch keine weiteren Angriffe heimsuchen. An rauchenden Trümmern hat zuweilen kein Feldherr ein gesteigertes Interesse."
      Vielleicht war es eine leere Hoffnung. Solange die Brüder des Elfenprinzen von seiner Anwesenheit innerhalb der zertrümmerten Stadt wussten, drohte stets weitere Gefahr am Horizont. Sollte Viola leben, würde sie ihn dafür steinigen, ihren Liebsten in dieser Ungewissheit zurückgelassen zu haben.
      Mit einer sachten Geste nahm er Meliorn das gläserne Schwert aus der Hand und reichte es Andvari.
      "Nehmt es.", sagte er. "Ich bezweifle, dass Viola es gut heißen würde, wenn es in fremden Händen bleibt. Und das hier..."
      Etwas umständlich fischte Lucien unter dem Kragen seines versteckten Kettenhemdes einen feingeschliffenen Anhänger hervor. Das Siegel zeigte die grimmigen Umrisse eines Wolfskopfes, der den Blick gen Himmel richtete.
      "Sollten weitere Soldaten aus Bourgone unerwartet hier eintreffen oder ihr Schwierigkeiten bekommen, dann zeigt ihnen das Siegel. Es ist das Symbol des Kronprinzen und zeichnet Euch als meinen Verbündeten aus."
      Die Sonne berührte bereits ein zweites Mal an diesem blutigen Tag den Horizont, als Lucien sich schwerfällig auf den Rücken seines Rosses schwang. Sein Blick fiel auf Meliorn, der schräg hinter Andvari am zerstörten Haupttor Stellung bezogen hatte. Mehr als Blicke waren ihnen nicht vergönnt gewesen, nicht unter zu vielen wachsam Augenpaaren. Sie hatten nie eine Chance gehabt. Eine bittere Erkenntnis, die beiden mehr als bewusst war.
      Lucien hob die Hand zum Abschied, nickte Andvari mit einem Versprechen im Herzen zu und lenkte das schnaubende Reittier zu Aufbruch. Eine Handvoll Männer blieb zurück, um helfend zur Hand zu gehen. Treue Soldaten, von denen kein heimtückischer Verrat zu erwarten war.
      Er verließ Beleriand mit einem faden Beigeschmack.
      Dieser Sieg war nie einer gewesen. Es war Glück.

      Niemandsland
      2 Tage nach der Schlacht um Beleriand

      Schwerfällig wuchtete Tilda einen hölzernen Eimer aus dem eisigen Seewasser.
      Über ihrem Kopf ächzten die Äste der kahlen Baumkronen unter einer Lage aus Schnee, die beinahe zauberhaft in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Morgens funkelte. Mit Mühe hatten die flüchtenden Menschen ein Loch in die massive Eisschicht geschlagen, um wenigstens Zugang zu frischem Wasser zu haben. Die Jagdbeute war kläglich und die wenigen Vorräte neigten sich rasch dem Ende zu. Die Ungewissheit machte die Nerven dünn und sorgte für missmutige Stimmung in dem notdürftig errichtetem Lager aus provisorischen Zelten. Lhoris Feuer war das Einzige, das sie vor dem Erfrieren bewahrte.
      Jedenfalls lebten sie. Und das musste fürs Erste genug sein.
      Kurz suchte ihr Blick des friedvollen See ab, denn die Furcht vor Verfolgern war allgegenwärtig.
      Seufzend trat die ehemalige Schankdame den Weg zurück in das kleine Lager an und begrüßte auf ihrem Weg durch die winzige Ansammlung aus Zelten ein paar bekannte Gesichter. Nicht jeder war schon auf den Beinen. Die Müdigkeit nagte an ihnen allen.
      "Tilda?", sagte jemand zu ihrer Rechten.
      Mit besorgter Miene näherte sich Marlena ihrer Schwester. Die Kräuterfrau versorgte die Hungrigen mit einer dünnen Brühe aus Wurzeln und allem, was der karge Winter hergab. Und es war nicht viel. Die Miene der Frau mit den kurzgeschorenen Haaren wirkte äußerst besorgt. Eine Tatsache, die Tilda beunruhigte. Ihre Schwester machte es nicht zur Angewohnheit mit ihren Gefühlen zu hausieren.
      "Sie ist noch nicht aufgewacht?", murmelte Tilda.
      "Nein.", antwortete Marlena und schüttelte den Kopf.
      Unweit der Schwestern in einem weiteren notdürftig eingerichteten Zelt, lag die verwundete Heilerin regungslos unter wärmenden Fellen. Die Überlebenden wusste, dass die zierliche Frau ihnen kostbare Zeit erkauft und somit womöglich ihr Leben gerettet hatte. Die Pelze und Decken waren ein Zeichen von Dankbarkeit, denn mehr konnte niemand entbehren ohne selbst zu erfrieren. Die Sternenstahlrüstung hatten sie der Heilerin abgenommen, sorgfältig im Zelt verstaut und die verletzte Frau in wärmende Kleidung gehüllt. Und all dem folgte der angespannte Blick des schwarzhaarigen Elfen, der an Violas Seite wachte wie ein Schatten.
      Seit zwei Tagen schwebte Viola in eine Zustand zwischen Bewusstlosigkeit und Delirium.
      Das einst leuchtend rote Haar wirkte stumpf und klebte an der schweißnassen Stirn. Die Haut war blasser als gewöhnlich.
      "Es ist das Fieber, Tilda.", fuhr Marlena fort. "Die Wunde zeigt keinerlei Anzeichen einer Verunreinigung des Blutes. Ich kann mir nicht erklären, warum sie fiebert. Mit den spärlichen Vorräten, die uns zur Verfügung stehen, gibt es nichts, das ich tun könnte. Dafür reicht meine Heilkunst nicht aus, Schwester."
      Ein gleichzeitiges Seufzen folgte.
      Tilda nickte und machte sich auf den Weg zu Viola und ihrem Wächter.
      Bedächtig trat sie in das Zelt ein und rümpfte die Nase. Die Luft war stickig und getränkt von Schweiß.
      "Lhoris? Ich bringe frisches Wasser...", grüßte sie den Elf und warf einen besorgten Blick in das blasse Gesicht der jungen Frau. "Marlena ist besorgt."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Eine verflucht aussichtslose Lage.
      Lhoris hatte wahrlich nicht wenig Erfahrung an das Überleben im Felde. Nur schwerlich entging es einem Jeden, der ihn sah, dass der kernige Elf durchaus den Blick eines Flüchtenden beherrschte. Und doch, das Fieber, welches den zarten Körper der Menschenfrau heimsuchte, war mehr als tückisch.
      Seufzend erhob er sich und tauschte die feuchten Kompressen aus, die sie um die Waden und Achseln gelegt hatten. Sie glühten regelrecht und rochen unangenehm, als er sie in den letzten Rest brackigen Wassers tauchte. Mit der Hitze seiner Magie brachte er den Sud kurz zum Kochen, um die Verunreinigungen zu entfernen, aber es half nichts...
      Sie mussten weiter. Sie brauchten eine Stadt, einen Heiler oder irgendetwas, was das Fieber senkte. Die langen Haare des Elfen klebten an seinem Kopf, während er sich fragte, wie es seinen Freunden ging. Zwei Tage waren vergangen seit sie aus dem Tunnel geflohen und die Welt auf eine andere Art kennen gelernt hatten.
      Der Proviant wurde knapp und Wasser war dankbarerweise gefunden worden. Aber wie lange konnten sie hier überleben mit den Verletzten und Hungrigen? An die Kinder war nicht zu denken...
      Gerade wollte er sich aus dem Zelt begeben, als ihm Tilda bereits entgegen kam.
      "Ah, Tilda", begrüßte er sie mit einem schwachen Lächeln. "Danke!"
      Er nahm den Eimer entgegen und tunkte die Tücher in das kalte Nass, während er sich in einem Nicken verlor.
      "Und sie tut Recht daran, fürchte ich", bemerkte der Elf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Zelt war fürchterlich stickig, auch wenn nicht viel darin stand. NUr diese eine Liege. "Sie fiebert noch immer stark und ich vermute langsam, dass es Baumschattens Magie sein muss, die diese Reaktionen hervorruft. Ich denke, wir werden nicht umhin kommen, eine Stadt aufzusuchen oder zumindest einen Heiler. Gibt es so etwas hier?"

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    • Beiläufig schlug Tilda die Öffnung des Zeltes auf um ein wenig kühle, aber frische Luft einzulassen.
      Der beißende Geruch von Krankheit förderte sicherlich nicht die Heilung und weiteren Schaden konnte ein Luftzug unmöglich anrichten. Dennoch achtete Tilda sorgsam darauf, dass die Felle den gepeinigten Leib schön warm hielten während Lhoris die Umschläge sorgfältig auswusch. Ächzend ließ sich Tilda auf dem harten Boden nieder und tupfte mütterlich mit einem angefeuchteten, sauberen Tuch über die verschwitzte Stirn ihres Schützlings.
      Ein schweres Seufzen erfüllte den beengten Raum des Zeltes. Tilda schüttelte bekümmert den Kopf.
      In zwei Tagen schien die resolute Schankdame um ein weiteres Jahrzehnt gealtert zu sein. Die harschen Bedingungen des Niemandslandes ohne ein schützendes Dach über dem Kopf und den armseligen Mahlzeiten hinterließen ihre Spuren.
      "Gemäß dem Fall es gäbe einen Heiler, der sich mit der Vergiftung durch Magie auskennt, wüsste ich nicht wo wir mit der Suche anfangen sollten.", seufzte Tilda und strich Viola die schweißnassen Haare aus der Stirn. "Du bist durch diesen Landstrich gereist, Lhoris. Du weißt so gut wie ich, dass es hier nichts gibt außer Ruinen und hinterlistige Wegelagerer. Allerdings hast du in einem Punkt vollkommen Recht: Wir können hier nicht bleiben."
      Im Augenwinkel rührte sich etwas.
      Die Bewegung war so winzigklein, dass sie Tilda beinahe entgangen wäre. "Lhoris...?"
      Unter der sorgenvollen Miene der Frau zogen sich die Augenbrauen der bewusstlosen Heilerin angespannt zusammen. Die ersten zögerlichen Anzeichen des Erwachens deuteten sich auf dem bleichen Gesicht an. Tilda hielt den Atem an und spürte ein verräterisches Brennen in den Augen, als wenige Sekunden später Viola mit sichtlicher Mühe die Augen öffnete.
      Die Welt bestand aus Schmerz.
      Die Haut über ihrem Bauch fühlte sich an, als lägen glühende Kohlen darauf. Das zarte Licht des Wintertages stach in den verklebten Augen, deren Lider sich unter hauchzartem Flattern mühevoll öffneten. Der eigene Leib fühlte sich schwer an, als drückte das Gewicht unzähliger Steine ihren Körper gen Boden. Die Kehle war staubtrocken und das Bild vor ihren Augen verschwommen.
      Das Erste, das ihre Lippen verließ, war ein klägliches Wimmern.
      Viola erinnerte sich nebelhaft an die Ereignisse, nachdem Vaeril ihren Leib durchstoßen hatte. Es war ein Rausch aus Farben und Schmerz gewesen.
      Und Feuer. Lhoris' Flamme, die ihre Haut und Eingeweide versengte.
      Warum war der Elf dort gewesen und nicht an der Seite seines Schwertbruders? Ein bleiernde Übelkeit befiel sie.
      "Lho...Lhoris..." Es war mehr ein Krächzen als der vertraute, liebliche Ton. Einer Spinne gleich kroch eine zierliche Hand unter den Fellen hervor. "W..was ist...passiert? Wo...Andvari?"
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    • Zu sagen, er wäre nicht froh über die Luftveränderung gewesen, wäre gelogen. Er genoß den kühlen Lufthauch in den verschwitzten Haaren auch wenn es ihn sonst eher fröstelte. Dieser Landstrich war wahrlich nichts für ihn. Einfach zu kalt. Lhoris sah kurz hinaus um die Massen der Menschen zu sehen und seufzte ebenfalls schwer.
      Er legte eine seiner warmen Hände auf die Schultern der Schankdame und lächelte aufmunternd.
      "Habt Hoffnung, Tilda", grinste er. "Ich habe Schlimmeres durchgestanden. Und auch wenn sich hier kaum etwas befindet, so müssen wir weiter suchen. Es wird irgendwo eine Stadt geben. Wenn ich nur Karten hätte..."
      Schweigend blickte er zur Liege zurück ehe er die Berge inspizierte, die sich rund um sie herum befanden. Fernab lag Beleriand und auch wenn die Schreie und Explosionen mittlerweile verstummt waren, schien der Feind nah.
      "Irgendwo muss es eine Stadt geben. Und wenn wir zur Kaiserstadt gehen müssen", murmelte er und wollte erneut Luft holen als Tilda ihn auf eine Bewegung hinwies.
      Die Bewegung, auf die sie alle gewartet hatten. Ein kurzes Zucken, gepaart mit einem Krächzen von Stimme erhellte den Raum und der Elf lächelte das erste Mal seit langer Zeit ehrlich, als er Violas Lebenszeichen erblickte. Immerhin hatte er ein Versprechen halten können. Auch wenn er sie dafür nochmals verletzten konnte. Aber ein fähiger Heiler vermochte sicherlich auch das Narbengewebe zu heilen.
      Eilig huschte der Elf an Tilda vorbei zur Liege und fischte aus dem Eimer einen kleinen Becher heraus, den er mit kühlem Wasser füllte.
      "Ruhig", mahnte er und legte eine warme Hand unter Violas Nacken. "Sprich wenig, atme ruhig."
      Eine alte Regel bei einer Verletzung.
      "Gib dir selbst ein wenig Zeit und lausche. Ich bin hier und die anderen, die du gerettet hast, auch. Du wurdest verletzt, ziemlich schwer, möchte ich behaupten und wir suchen derzeit eine Möglichkeit, dein Leben zu retten. Dein Erwachen gibt uns zumindest Hoffnung, Heilerin", sagte er und grinste schwach, während er ihr das Wasser an die Lippen hielt. "Trink mit Bedacht."
      Sachte hob er den Becher und flößte ihr ein, zwei Schlucke des Wassers ein. Die Frage nach Andvari war das, was er befürchtet hatte. Seine Hand ließ ihren Kopf hinab und e stellte den Becher fort.
      "Andvari ist zurück geblieben", erklärte er. "Auf dem Schlachtfeld. Wir mussten uns trennen, da es zu deiner Rettung notwendig war. Er ist am Leben, mach dir keine Sorgen. Er war bei bester Gesundheit, als ich ihn verließ."

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    • Viola nickte geschwächt.
      Durch den Nebelschleier in ihrem Kopf versuchte die Heilerin den Worten des Elfen an ihrem Krankenlager zu folgen. Die Verlockung das Wasser gierig herunter zu schlingen, war kaum zu bändigen. Die Kehle fühlte sich kratzig an und bei jedem winzigen, schmerzhaften Schluck verzog sie das Gesicht. Viola schaffte die wenigen Schlücke, die wohltuende Linderung brachte ohne sich dabei zu verschlucken und war am Rande ihres Bewusstseins darüber sehr erleichtert. Der Körper schmerzte genug ohne einen Husten, der sämtliche Muskeln und Gliedmaßen durchschüttelte.
      Der Becher mit dem wohltuenden Wasser verschwand und hätte Viola die Kraft gehabt, hätte sie danach gegriffen. Die Hand in ihrem Nacken fühlte sich wunderbar warm an, denn trotz des bedenklichen Fiebers fröstelte die junge Frau.
      "Ich lass euch kurz allein. Marlena hat sicherlich noch etwas von der Brühe übrig.", sagte Tilda. "Da sie schonmal wach ist, sollten wir die Gelegenheit nutzen."
      Die ältere Frau erhob sich schwerwällig und mit einem erschöpften Seufzer.
      In den vergangenen Tagen war es schwierig genug gewesen überhaupt einen Tropfen Wasser über die Lippen der Heilerin zu bekommen, geschweige denn etwas, dass der Entkräftung entgegen wirkte. Dabei benötigte sie all ihre Energie, um wieder gesund zu werden.
      Der Schnee knirschte unter den müden Schritten, als sich Tilda langsam entfernte.
      "Vaeril...Ich hab ihn getötet...", wisperte Viola und leckte sich über die spröden Lippen, die bereits das kühle Nass vermissten. Qälend langsam schob sie die befreite Hand über die weichen Fellen und legte sie über der Stelle ab, an der die schattenartigen Klauen ihren Lieb durchstoßen hatten. Die Haut darunter brannte mit einem stetigen, unterschwelligen Schmerzreiz.
      "Du...", begann Viola und räuperte sich angestrengt von den wenigen Silben, die sie bereits gesprochen hatte. "Du hast...mir...das Leben gerettet. Danke."
      Ein dankbares Lächeln, kaum mehr als ein mattes Zucken der Mundwinkel und ein armseliges Abbild der gewohnten herzlichen Wärme, erhellte kurz ihr Gesicht. Vaerl hatte den Tod wahrlich verdient, aber Viola hatte das erste Mal in ihrem Leben getöt. Sie konnte das Gefühl nicht gänzlich greifen, das sich wie eine Schlinge um ihren Hals legte und hatte in diesem Moment auch nicht die Kraft dafür.
      Lhoris Worte über die notwendige Trennung von Andvari gab ihr einen Funken Hoffnung, dass der Mann, den sie liebte, noch wohlauf und am Leben war.
      "Keine Sorgen...", murmelte Viola und bereute das zaghafte Lachen augenblicklich, als sich ein brennender Schmerz in ihren Eingeweiden ausbreitete. Viola dachte an die unzähligen Male in denen sie Kratzer, Blessuren und schwere Verletzungen auf Andvaris Körper geheilt hatte. Der Elf hatte das unausgesprochene Talent, sich in Schwierigkeiten zu bringen.
      Tilda kehrte zurück und beugte sich zu Lhoris Ohr herunter.
      Unter dem Deckmantel ihm eine Schüssel mit dampfender Brühe zureichen, flüssterte sie im unbemerkt etwas ins Ohr. Sie wollte Viola nicht so kurz nach dem Erwachen beunruhigen. Niemand wusste, welche Halunken und Gefahren sie hier draußen erwarteten.
      "Es nähern sich Reiter. Noch haben sie uns nicht entdeckt. Hoffen wir, dass es so bleibt."
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    • Für einen Moment alleine zu sein, änderte eine Situation ins Merkwürdige.
      Das letzte Mal waren sie allein kurz vor seinem vermeindlichen Tod und der Entführung Violas gewesen. Es war lange her. Monate, wenn nicht gar Jahre, so fühlte er es und dennoch trieb ein schwaches Grinsen um sein Gesicht als sie zu sprechen begann. Natürlich gegen die Empfehlung des Betreuers. Wie konnte es auch anders sein?
      "Das ist wahr", bestätigte er und gab ihr immer wieder von dem Wasser. "Du hast ihn getötet, ich habe es beobachtet. Dieses Monstrum ist endlich zu den Bäumen gegangen und hat seinen letzten Schatten verwirkt, so viel steht fest. Und dein Leben...Nun, ich würde nicht sagen, dass ich es gerettet habe. Du hast hohes Fieber und es will nicht gehen. Ich will nicht festschreiben, dass es nicht auch meine Schuld sein kann. Eine verbrannte Wunde ist immer noch eine Wunde und die Hilfsmittel waren nicht wirklich zahlreich, wie du dir denken kannst. Aber wir hoffen, bald auf eine Stadt zu treffen, damit wir dir helfen können."
      Er redete zu viel, weil sich die Nervosität Bahn brach. Was würde Andvari sagen wenn er ihm gestehen musste, dass er seine Liebste hatte sterben lassen? Der Thrönling würde ihn vermutlich an den nächsten Baum knüpfen.
      Gerade als sie in Schmerzen ausbrach, legte er seine Hand auf ihre Stirn und seufzte.
      "Ruhig", murmelte er. "Atme weiter. Es geht gleich vorüber."
      Vorüber, mal sonst wo, dachte er als Tilda herein kam und ihm Kunde brachte, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Schweigend erhob er sich kurz und tat so, als wollte er die kalten Kompressen wechseln, ehe er der Schankdame nahe genug war.
      "Wie viele sind es?", fragte er. "Und wie weit sind sie fort? Vielleicht sollten wir sicherheitshalber das Signal zum stillen Aufbruch geben. Wenn du hier ausharrst, danach, kann ich auf Kundschaft gehen und versuchen, einen Weg um die Reiter herum zu finden."

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    • Mühselig versuchte Viola mit ruhigen Atemzügen die Lunge zu füllen.
      Eine warme Hand, im Vergleich zu ihrer glühenden Haut überraschend kühl, legte sich beruhigend auf ihre Stirn. Die schmerzliche Verkrampfung der Muskeln löste sich langsam und die junge Frau drückte schwach den Kopf gegen seine Hand. Die Geste war tröstlich.
      Es wäre eine unverschämte Lüge gewesen, sollte sie behaupten die eigene Kraftlosigkeit jage ihr keine Angst ein. Sie wusste um die tückischen Folgen einer Bauchverletzung und hatte viele daran qualvoll zu Grunde gehen sehen. Viola blinzelte die Tränen aus den Augen, die der Schmerz in diese getrieben hatte.
      "Aber ich atme noch. Ich...Ich denke das zählt.", wisperte sie die Antwort auf seine Bedenken, als sie wieder genug Luft bekam um weitere Silben zu formen.
      Ohne Lhoris beherztes Eingreifen wäre sie in den finsteren, stickigen Tunnel unter der Stadt elendig verblutet. Ihr Schicksal wäre besiegelt gewesen. Was nun geschah, lag nicht mehr in der Hand des Elfen, der im Augenblick mehr Worte an einem Stück hervor brachte, als sie je von ihm vernommen hatte.
      Viola spürte einen schwachen Magiefunken tief in ihre Brustkorb, der sich schwerfällig bei jedem rasselnden Atemzug anhob, aber sie hatte nicht die Kraft danach zu greifen.
      Erschöpft schloss die verwundete Heilerin die Augen und bedauerte den Verlust der tröstenden Berührung. Sie konnte lediglich darauf hoffen, dass Lhoris Recht behielt und Andvari unversehrt war.
      Tilda warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter auf ihren Schützling ehe sie unter dem Mantel der Tarnung eine der Kompressen aus seiner Hand fischte und ebenfalls den Schweiß herauswusch.
      "Eine kleine Gruppe von fünf Reitern ohne militärische Banner oder Uniformen.", flüsterte sie und drückte das überschüssige Wasser aus dem angegrauten Stoff. Sie nickte. "Die Ersten brechen bereits ihre Lager ab. Ich bleibe bei ihr, wenn du dich vergewissern möchtest....Elise!"
      Das letzte Wort erklang lauter und anklagend in dem stickigen Zelt.
      Durch den geöffneten Zelteingang lugte ein unordentlicher Schopf von blonden Locken hervor. Elise spähte mit Verunsicherung ins Innere und bei dem harschen Tonfall der älteren Frau begann ihre Unterlippe zu zittern. Das kleine Mädchen war verängstigt und das wunderte niemanden nach der Tortur, die alle hinter sich hatten.
      Tilda nickte Lhoris noch einmal bestätigend zu, ehe sie sich anschickte, das Kind vom Zelt fort zuschieben.
      "Du solltest doch bei Marlena bleiben, Mädchen...", tadelte sie. Dieses Mal klang Tilda etwas beherrschter. Violas Zustand war kein Anblick für ein Kind und die Heilerin brauchte wahrlich keine unnötige Aufregung.
      "Lass sie, Tilda...", sagte eine entkräftete Stimme leise in ihrem Rücken. Die junge Frau rang ich ein Lächeln ab. "Hallo Elise..."
      Das schien alles an Aufforderung zu sein, die das kleine Mädchen brauchte. Im nächsten Augenblick hatte sich Elise aus dem Griff der Schankdame befreit und die Entfernung zu Viola überbrückt. Die Heilerin verzog das Gesicht, als sich ein schmächtiger Körper an ihre Seite drückte und ein Elise das Gesicht an ihrer Schulter vergrub.
      "Du hast gelogen!", schluchzte der blonde Wirbelwind. "Das war gar kein Wettrennen!"
      Quälend langsam schälte die Heilerin einen Arm aus den Fellen und erschauderte bei dem kühlen Luftzug, der ihren Arm streifte. Die Bewegung schmerzte in jeder Zelle ihres Körpers. Tilda stemmte die Hände in die ausladenden Hüften und seufzte tief.
      "Tut mir leid, meine Kleine.", flüsterte Viola und legte eine Hand auf die wilden Locken.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Lhoris lauschte den Worten der Schankdame aufmerksam und drückte ihr anschließend die feuchte Kompresse in die Hände. Es fühlte sich falsch an, nur von Mutmaßungen zu leben.
      Mit einem kleinen Lederbändchen, das er immer an der Seite seiner Gürtung trug, band er seine schwarzen Haare zurück und zu einem Zopf zusammen, damit sie ihn nicht im Unterholz verrieten. Er nickte Tilda zu und wollte sich gerade von Viola verabschieden, als ein kleines Kind die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Im gleichen Moment, wo Viola zu sprechen anhob, legte der Elf seine Hand auf die Schulter von Tilda und lächelte nachsichtig.
      "Ein Kind wird ihr gut tun", murmelte er und sah zu Viola.
      "Ich bin kurz draußen, ein wenig Luft schnappen. Bin gleich wieder da."
      Manchmal waren Lügen notwendig. Ein weiteres austauschendes Nicken mit Tilda und er verließ das Zelt, an dessen Ausgang sein Schwert wartete. Treu und herzlich empfing es seinen Besitzer mit einem freundlichen Glühen als er es umgürtete und die kalte Luft einsog. DIe Tage waren voll beißender Winde gewesen und beinahe erschien es ihm unwirklich, dass sie vor einigen Tagen noch in Beleriand verweilten.
      Er grüßte kurz ein oder zwei Städter freundlich und machte sich am Rande des Lagers ein kurzes Bild von den Abbrucharbeiten. Freilich waren einige bereits dabei, ihre Habe zu sammeln, nachdem man ihnen das stumme Kommando gegeben hatte. er ließ es unkommentiert. Vorsicht war besser als Nachsicht in einer Welt ohne Gnade, so viel stand fest.
      Seine Füße führten ihn auf eisige Pfade in den nahenden Wald hinein, der ihre kleine SIedlung umgab wie ein schützendes Schild. Das Unterholz gab beinahe keine Geräusche von sich als er dumpfen Schrittes durch den Schnee marschierte und nach kleinen Hinweisen ausschau hielt. Es glich der Suche einer Nadel im Heuhaufen, einen neuen Weg ins Gehölz zu treten, wenn noch keine Menschenseele diese je betreten hatte. Und doch schaffte er es nach einer kurzen Zeit des Wanderns. Die Geräusche der Siedlung waren nicht mehr zu hören und das Tageslicht fast hinter Baumkronen verschwunden, da er der Reiter gewahr wurden, die auf einem der sumpfigen Pfade einher ritten.
      Lhoris postierte sich klug zwischen zwei Tannen und versuchte, den gegenliegenden Wind zu nutzen, während er beinahe geräschlos durch die Büsche huschte, die Hand immer am Schwert. Vorsicht war besser als Nachsicht, dachte er und beschloss, sich den Reitern langsam zu nähern. Er musste nur hören, was sie sagten...

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    • Tatsächlich folgten auf den sumpfigen Pfaden durch das verschneite Moor eine kleine Gruppe von Reitern einer unsichtbaren Spur.
      Die Pferde wirkten zu massig für einfache Banditen und stammten eindeutig aus edler Zucht. Die Umhänge und Kleidung der Reiter war einfach aber für die Verhältnisse des Niemandslandes merkwürdig sauber und ohne die Spuren einer harschen Reise. Die Tarnung war von Weitem betrachtet gelungen, aber ein geschultes Auge würde sich nicht hinters Licht führen lassen.
      Der erste Reiter hoch zu Ross hob die Hand und brachte den kleinen Tross zum stehen.
      Ein Zweiter löste sich aus dem Hintergrund und bezog Stellung neben seinem Reisegefährten, während wachsame Augen unter buschigen Augenbrauen und einem ebenso ungezähmten Bart durch die dicht an dicht stehenden Bäume, die die Moorpfade säumten.
      "Wir sollten zurück zum Haupttross reiten, mein Herr.", brummte der Mann und fuhr sich mit den Fingern nachdenklich über das Kinn.
      Die Pferde tänzelten rastlos auf dem matschigen Untergrund, als verlangte es sie nach Bewegung.
      "Irgendwo in der Nähe muss es sein.", antwortete der Reiter, dessen Antlitz unter einer Kapuze verborgen lag, die ihr tief ins Gesicht gezogen hatte. Im Zwielicht der Baumkronen waren die Gesichtszüge kaum auszumachen.
      Die Hände griffen stärker um die Zügel und die Handschuhe aus weichem Leder knirschten unter der ungehaltenen Kraft. Er hatte sich nie für einen ungeduldigen Menschen gehalten, aber ein weiterer Tag der Suche schien verloren und mit jedem Tag schwand die Hoffnung die Überlebenden aufzuspüren.
      "Mir liegt es fern Euren Befehlen zu widersprechen, Euer Hoheit, aber es ist hier nicht sicher.", sprach der Bärtige ein weiteres Mal mit Nachdruck und verstummte, als sein Gegenüber die Kapuze zurückwarf und das wärmende Tuch von Mund und Nase zog.
      "Es reicht.", unterbrach Lucien von Bourgone und drückte die Unterschenkel fest gegen die Seiten seines Hengstes. Dieser schnaubte empört über die rohe Behandlung und warf den Kopf ruckartig ins Zaumzeug. Den Prinzen schien das Gehabe des Tieres wenig zu interessieren. Er schnalzte ungeduldig mit der Zunge.
      "Solange wir noch Tageslicht haben, suchen wir weiter.", sagte er mit fester Stimme.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Schweigsam glitt der Elf durch das Unterholz und frage sich mehr und mehr ob das, was er tat wirklich klug war.
      Die Hand glitt zur Parierstange seines Schwertes und mehr und mehr kam er zu dem Entschluss, den weißen Schnee ein wenig in Blut zu tränken, sollten sie näher an die Siedlung heran kommen.
      Doch war etwas merkwürdig. Die Rösser wirkten zu standhaft und bullig für eine simple Banditengruppe. Sie wirkten edel. Edler als es vermutlich geziemlich war. Und doch war das Verhalten merkwürdig.
      Lhoris hielt sich noch eine Weile verborgen und bewegte sich nur, um dem Windspiel zu entgehen, das ihn verraten hätte. Erst nachdem einer der Reiter sich zu erkennen gab, atmete er durch und nahm die Hand vom Schwert. Sollte dieser Prinz nicht die Stadt retten? Entweder hatten sie es geschafft, oder aber sie hatten verloren udn waren ebenso Flüchtlinge.
      "Ihr tut gut daran, manchmal auf Eure Soldaten zu hören, Prinz!", rief Lhoris aus den Wäldern heraus und trat durch die Büsche nach draußen. "Es verbergen sich zwielichtige Gestalten im Unterholz, wisst ihr?"
      Eines der Pferde schien unruhig, doch so schnell wie er frei war, glitt der Elf über den Schnee ohne wirkliche Spuren zu hinterlassen.
      "Es tut gut, Eure Gesichter zu sehen!"; rief Lhoris und trat langsam auf die kleine Gruppe an Reitern zu.
      Es wirkte schon beinahe merkwürdig, einfach so auf Reiter zu zu laufen, aber der Gesinnung nach trennte sie keine Feindschaft. Zumindest spürte er keine Gefahr, als er langsam näher rückte und demonstrativ das Schwert hinter den Rücken schob.
      "Sagt, bringt ihr Kunde aus Beleriand? Leben sie dort noch?", fragte er und sah Lucien direkt ins Gesicht.

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    • Lucien von Bourgone verdankte es allein seinem Geschick, dass er nicht augenblicklich vor Lhoris' Füßen im schlammigen Morast landete.
      Der nervöse Hengst bäumte sich auf und blickte mit aufgeblähten Nüstern in Richtung des Neuankömmlings. Die gewaltigen Huften spritzten Schlamm und Eis beim donnernden Aufschlag auf den Boden in alle Himmelsrichtungen. Das unverkennbare Geräusch gespannter Bogensehnen ertönte leise aber bereits in seinem Rücken. Lucien wusste ohne einen Blick über die Schulter zu werfen, dass sich drei tödliche Pfeile in Richtung des scheinbar Fremden richteten.
      Tatsächlich benötigte der Prinz der Menschen einen beschämend langen Augenblick, bis er die Stimme zugeordnet hatte.
      Ein vergnügtes Lachen, das ebenso erleichtert klang, schallte über den verschneiten Pfad. Eilig hob er eine Hand, damit der Elf nicht durchbohrt wurde wie ein altes Nadelkissen. Der elfische Schwertkämpfer wäre sicherlich dazu in der Lage gewesen dem Angriff auszuweichen, schmunzelte Lucien. Dem Geschick und der Geschwindigkeit der Elfen war kaum etwas entgegenzusetzen.
      "Lhoris!", lachte er und erntete dafür einen skeptischen Blick des Kommandanten an seiner Seite. Dieser nahm seine Pflichten äußerst ernst und konnte der gefährlichen Situation wirklich nichts Amüsantes abgewinnen.
      "Den Göttern sei Dank! Wie Recht Ihr habt! Ein bekanntes Gesicht zusehen ist wahrlich eine Erleichterung.", fuhr er fort und glitt in einer fließenden Bewegung aus dem Sattel. Mit dem schnaubenden Pferd am Zügel schritt er dem Elf entgegen. "Wir suchen Euch seit zwei Tagen, seit wir Beleriand verlassen haben. Habt keine Sorge, Lhoris, Euer Prinz ist wohlauf und bis auf ein paar Blessuren unversehrt. Von den berühmt berüchtigten Schwertern sind ebenfalls alle am Leben. Leider sind die Söhne des Königs entkommen. Prinz Andvari ist auf meine Bitte hin in Beleriand zurückgeblieben. Er ist der Einzige, der seine Brüder ausfindig machen kann."
      Mit jeder Silbe verdunkelte sich die Miene des Kronprinzen ein wenig mehr.
      "Was ist mit Tilda und den Anderen?", fragte er bedächtiger.
      Bläulich schimmernde Augen sahen Ernst in das Gesicht des Elfen. Die Leichtigkeit war aus der Miene des Thronfolgers verschwunden, als er die nächste Frage mit den schlimmsten Befürchtungen im Hinterkopf stellte. Er hatte ein Versprechen, dass es zu halten galt.
      Er bedeutete Lhoris mit stummer Geste dir Führung zu übernehmen, während er neben ihm her ging.
      "Sagt mir, mein Freund.", begann er. "Ist Viola noch am Leben? Wir haben vor den Ruinen der Kirche eine beunruhigende Menge von Blut gefunden und befürchteten das Schlimmste."
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    • Gut, das Aufbäumen des Pferdes war eine Variable, die er nicht berechnet hatte. Vielleicht hätte er sich etwas bedächtiger und sichtbarer nähern sollen. Als die Pfeile sich auf ihn richteten, hob er verzögert und unendlich langsam die Hände auf halbe Höhe, ehe er mit großen Augen in die Pfeilspitzen sah.
      Erneut eine Sache, die er nicht berechnet hatte, die abe rim Nachhinein mehr als logisch erschien.
      "Friede?", fragte er grinsend, ehe der Prinz ihn wieder ansprach. Selbst dieser Tross war schon recht merkwürdig anzusehen, aber dennoch nicht zu missachten. Einem Pfeil vermochte er sicherlich auszuweichen, aber gleich mehreren? VErmutlich wäre er gestorben ehe er sein Schwert ziehen konnte.
      Schweigend trat er näher an den Prinzen heran und lächelte sanft.
      "Das ist gut zu hören, dass Andvari nicht dem Zorn seiner Brüder verfiel", bekannte er, auch wenn es nicht klug war, ihn nach seinen Brüdern streben zu lassen. Aber das behielt er für sich. "Es geht allen verhältnismäßig gut. Wir haben den Fluchttunnel erfolgreich verlassen und fliehen können. Sind ein paar Tage durch diese Wälder geirrt bis wir den See hinter dem Waldstück hier gefunden haben. Wenn ihr mir folgen wollt?"
      Ohne weitere Anforderung drehte er sich um und führte den Tross auf den kurzen Weg zurück in Richtung der SIedlung, wo bereits die ersten Zelte wieder eingepackt waren. Während sie sich durchs Unterholz schlugen und der Geruch nach Rauch, Fleisch und die Geräusche von Gesprächen langsam wieder die Luft erfüllten, begann er zu berichten.
      "Viola wurde verletzt. Schwer verletzt, fürchte ich. Vaeril schaffte es, seine Klauen in ihren Leib zu schlagen und sie verlor viel Blut. Ich habe ihre Wunde verschlossen, indem ich die Haut zusammenbrannte, aber ich fürchte, die Entzündung ist im Leib der jungen Frau geblieben. Ich bekomme sie nicht heraus also wollten wie weiter gen einer Stadt ziehen, wo man ihr helfen kann. Also ja, sie ist am Leben, aber ich weiß nicht, wie lange noch. Bitte sagt mir, dass eine Stadt in der Nähe ist, die einen kundigen Heiler beherbergt.

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    • Etwas im Blick des Elfen beunruhigte Lucien.
      Die Freude über die Kunde, dass Andvari lebte, war eher verhalten. Allerdings war Lhoris auch nicht für sein überschwängliches und wärmendes Gemüt bekannt - zumindest nicht unter den anwesenden Menschen. Trotzdem blieb ein winziger Zweifel zurück, der sich wie ein zuvernachlässigendes Hintergrundrauschen in seinen Gedanken einnistete. Ein Gedanke, dessen Bedeutung Lucien nur schwerlich greifen konnte.
      Die edlen Züge des Prinzen spiegelten von dieser Eingebung wieder. Es war ein Bauchgefühl, dass oft genug einen falschen Eindruck vermittelte und sich von den ungewissen Zeit täuschen ließ. Lucien nickte verstehend während er den Erzählungen lauschte.
      Die frische, klare Winterluft war alsbald von Gerüchen und Geräuschen erfüllt, die ein Gefühl von Heimlichkeit vermittelten und von der Verlockung eines wärmenden Feuers begleitet wurden. Der Duft von gebratenem Fleisch ließ jedem Soldaten, der sich sich seit Wochen von zähem Dörrfleisch ernährte, das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich bei der Beute am Spieß um ein schmackhaftes Reh oder ein dürres Eichhörnchen handelte.
      Dabei war den Gardisten durchaus bewusst, dass sie keiner Eiladung zum festlichen Gelage folgten sondern sich auf einer Rettungsmission befanden.
      "Das hatte ich befürchtet.", antwortete Lucien und schob beiläufig einen tiefhängenden Tannenzweig zur Seite. "Vaeril...Der Name weckte bereits reichlich Zorn und Unmut. Wir fanden seinen Leichnahm auf dem Marktplatz. An Land ertrunken ohne eine brauchbare Wasserquelle in der Nähe, könnt ihr Euch das vorstellen? Etwas Vergleichbares habe ich noch nie gesehen. Andvari schien sichergehen zu wollen, dass der Halunke auch in der Anderswelt bleibt. Er hat den Inhalt seines Kopfes im Schnee verteilt."
      Bei der Erinnerung verzog Lucien angewidert das Gesicht, ehe seine Züge wieder weicher wurden und sich Sorge in seinen Blick legte.
      "Ein kundigen Heiler gibt es, ja. Aber es wird Euch nicht gefallen, wo wir ihn aufsuchen müssen.", fuhr der Anführer der Ersten Garde fort und strich sich die wirren, blonden Strähnen aus der Stirn. "Ein Kleriker des Ordens, der Viola ausgebildet hat, besitzt möglicherweise das ausreichende Wissen, um eine deartige Wunde zubehandeln. Er ist ein engstirniger, aber weiser Mann. Kräuterfrauen und selbsternannte Druiden helfen uns nicht weiter. Wir müssen Viola in die Kaiserstadt bringen."
      Bevor er eine Antwort erhalten konnte, öffnete sich nach einer weiteren Baumreihe der Blick auf ein armseliges Lager aus hungrigen und ängstlichen Menschen, die in Eile das letzte Hab und Gut verstauten.
      Lucien hakte einen Finger unter das Tuch um seinen Hals und zog die notdürftige Maskerade wieder über Mund und Nase.
      "Wir sollten für den Augenblick die Täuschung beibehalten. Es gab genug Aufregung in den letzten Tagen.", murmelte Lucien und zwinkerte Lhoris mit allvertrautem Schalk zu. Es vermochte aber nicht die Besorgnis in seinen Augen zuverstecken.
      Eine Unruhe ließ sich jedoch nicht vollständig vermeiden, denn sobald die Menschen die vertraute Gestalt des Falkners erblickten kam Leben in das kleine Lager. Binnen Sekunden waren die Neuankömmlinge und Lhoris umringt von Stimmen und Gesichtern.
      Erst als die donnernde Stimme der Kräuterfrau Marlena über die Köpfe hinwegfegte, trat Stille ein.
      "Ruhe! Habt ihr alle nichts Besseres zu erledigen, als zu gaffen!?", herrschte die ältere Frau und schob sich zu Lhoris und Lucien, wobei sie die Stimme senkte aber nicht weniger grimmig klang. "Wollt Ihr hier Wurzeln schlagen? Kommt schon, bevor die Meute Euch auffrisst. Wir haben keine Zeit für ein höfliches Pläuschchen."
      Die Kräuterfrau führte die Männer, wobei die Soldaten zruückblieben, zu Violas Zelt.
      Beim Anblick der kränklichen und kraftlosen Frau ballte Lucien die Hände an seinen Seiten zu Fäusten. Er war kein Heilkundiger, aber auch der Prinz war erfahren genug um die missliche Lage zu begreifen. Aus Rücksicht auf die kleine Elise blieb seine Stimme ruhig.
      "Wir müssen Sie in die Kaiserstadt bringen, Lhoris.", murmelte er. "Sie stirbt."
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    • Schweigsam wanderte Lhoris neben Lucien einher und lauschte den Erzählungen des Schlachtfeldes wie ein neugieriges Kind dem Großvater. Und doch gab es Dinge, die er besser für sich behielt. Vielleicht hätte man dem Prinzen sagen sollen, dass Andvari nicht gerade für seine Geduld bekannt war. Zumeist wirkte er besonnen doch war Ungeduld ein treuer Begleiter des elfischen Prinzen. Er würde nicht in Beleriand verbleiben um eine Festung zu errichten. Er würde seine Brüder suchen und stellen wollen.
      "Klingt ganz nach Andvari", gab Lhoris entschuldigend lächelnd zu, während sie durch das Lager streichten. "Er zeigt sich selten wirklich nachsichtig mit Feinden. Galt zumindest unter Elfen nicht als der verständigste, wenn iche hrlich bin. Aber ihr tut Recht in Eurer Annahme: An Land ertrunken durch die Hand unserer Heilerin. Es war durchaus bemerkenswert."
      Ein versonnenes Schwärmen schlich sich in die Stimme des Schwertkämpfers während er grinsend einen herannahenden Mann grüßte, der ihn über die Packgeschehnisse der Menschen unterrichtete. Lhoris nickte ihm zu als Zeichen, dass sie genauso weiter verfahren sollten.
      Immerhin ging es voran.
      Schweigend nahm er die Erkenntnis an, dass die Kaiserstadt offenbar ihr nächstes Ziel war. Die Tatsache, dass er als Elf ins Feindesland drang war eines. Aber die Kaiserstadt. Lhoris' Antlitz verlor merklich an Farbe, bis die Schwarzfärbung seiner Haare beinahe prominent hervorstach.
      "Nun...", begann er mit belegter Stimme. "Sodann müssen wir in die Kaiserstadt. Ich...ich bin ehrlich und nicht begeistert, aber ich würde alles tun, um ihr Leben zu retten."
      Als Marlenas Stimme ihn aufweckte, riss er die Gedanken fern von der Vorstellung der Stadt und sah die alte an. Es stimmte etwas nicht, so viel stand fest. Nickend sah er zu Falkner und bedeutete ihm, zu folgen.
      Im Zelt erfolgte die Ernüchterung des Ganzen. Seufzend blieb auch Lhoris am Randes Einganges stehen und sah auf das kleine Bündel Leben, an das sich Viola klammerte.
      "Ich stimme zu. Wir sollten weiterziehen", wisperte er und wandte sich an Marlena.
      "Würdet Ihr die Menschen dort draußen informieren? Sie sollen ihre Lager zusammen packen. Wir reisen weiter. Wir müssen so schnell wie möglich Richtung Kaiserstadtr. Ich würde empfehlen, einen Anführer oder eine Anführerin zu wählen, falls wir uns trennen müssen."

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    • "Das war Viola's Werk?", stutzte Lucien.
      Der Eindruck, den der Kronprinz bisher von der eher stillen Frau hatte, geriet ein wenig ins Wanken. Viola weckte das Bild einer sanftmütigen Heilerin der Herzlosigkeit ein Fremdwort war. Zweifellos glühte ein Feuer hinter den leuchtend grünen Augen, aber ein grausamer Mord wie Vaeril ihn erlitten hatte, wollte nicht so recht zu der zarten Frau passen - zumindest nicht in den Augen des Prinzen. Die Berichte der Augenzeugen der halsbrecherischen Flucht aus dem Vorposten in Milan hatten eine gänzlich andere Vorstellung geformt. Natürlich kannte er die alten Geschichten.
      Die Gerüchte, die hinter vorgehaltener Hand gestreut wurden über das bedauernswerte Mädchen, dass einem barbarischen Akt der Grausamkeit zum Opfer gefallen war, über die bemitleidenswerte Frau die Frieden in dem blutigen Tagewerk auf den Kriegsfeldern fand anstatt sich den Pflichten einer Frau ihres Standes zu beugen.
      Welche Verbrechen der Elf mit dem Namen Baumschatten auch verbrochen hatte, sie hatten ihm einem schrecklichen Ende zugeführt.
      Nachdenklich ruhte sein Blick auf der jungen Frau, die mühevoll einen Atemzug nach dem Anderen tat.
      "Ich spreche mit Tilda.", antwortete Marlena und trat auf das spärliche Krankenlager zu.
      Mit einem beherzten Griff zog sie die kleine Elise zu sich, die protestierend mit den Beinen strampelte. Das Kind konnte kaum an der Seite der Heilerin zur Kaiserstadt reisen.
      "Erwartet nicht, das Viele Euch begleiten.", murrte Marlena. "Die meisten von uns haben ihre Gründe, warum sie das harte Leben im Niemandsland bevorzugen. Wir kommen zurecht. Wir sind schon zurecht gekommen, bevor ihr kamt, Falkner."
      Lucien sah der Kräuterfrau mit einem schweren Seufzen nach.
      "Es fällt mir wirklich schwer, das Gute an dieser Frau zu sehen...", murmelte er kopfschüttelnd ehe er sich an Lhoris wandte. "Wir reisen einer kleinen, vertraulichen Gruppe. Eine Meute von Flüchtlingen aus dem Niemandsland erweckt zuviel Aufmerksamkeit und ist ein leichtes Ziel für Banditen. Ich werde die Überlebenden zum nächsten Vorposten eskortieren lassen, dort können sie ihre Vorräte aufstocken, sich erholen und wenn gewünscht ihrer Wege gehen."
      Mit ernstem Blick sah er von der Verwundeten, die beinahe wieder dem Delirium des Fiebers nachgab, zu Lhoris.
      "Ich verstehe, dass ihr die Geliebte Eures Herrn beschützen wollt, Lhoris.", begann er mit einem für ihn ungewöhnlichen Zögern. "Aber ihr könnt nicht einfach durch die Stadttore von Bourgone spatzieren. Die Wachen töten Euch bevor ich auch die winzige Gelegenheit einer Erklärung bekomme. Und für Viola...Es gibt Gerede. Es heißt sie, sie wäre an dem angeblichen Hinterhalt in Milan beteiligt gewesen. Ihr Name in einem Atemzug mit dem Mord an einem hochrangigen Mitglied der Garde. Wie hoch werden die Gerüchte kochen, wenn sie mit einem Elf an ihrer Seite zurückkehrt?"
      Ein Rascheln weckte die Aufmerksamkeit des Prinzen.
      Viola hatte eine bleiche Hand über die Felle gelegt und sah mit halbgeschlossenen Augen zu den Männern. Allein die seichte Bewegung ihres schweren Hauptes ließ Sterne vor ihren Augen tanzen.
      "Ich...Ich kann nicht fort.", wisperte sie, blanke Panik in der bebenden Stimme. "Nicht ohne Andvari. Er muss...er muss wissen, dass ich lebe."
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    • Lhoris betrachtete Violas Leib noch eine ganze Weile, während die anderen sprachen. Selbst Marlenas Einwurf hörte er nur halb, da der Kopf des Elfen sich um sich selbst zu drehen schien. Sachte strich er sich durch das schwarze, seidige Haar und sah Marlena nach, die ein protestierendes Kind hinter sich her zog.
      Tilda war eine gute Wahl, soviel stand fest und wenn die Menschen hier bleiben wollten, sollten sie es tun. Nur war diese Lage hier denkbar schlecht.
      "Sucht Euch einen Ort, wo es Wasser und Nahrung gibt. Dieser hier taugt dazu nichts", bemerkte er nicht minder grimmig und erreichte für sich eine Art Gleichgewicht.
      Auf Luciens Bemerkung grinste der Elf schief.
      "SIe meint es gut, aber nicht zu gut", bemerkte er schulterzuckend und bewegte sich in dem Zelt, um Violas Stirn zu befühlen. Noch immer glühte sie.
      Sachte legte er die Kompresse richtig und sah dann zu Lucien.
      "Ich stimme Euch zu, Prinz", murmelte er. "Zumindest sollten wir unerkannt reisen. Der Rest wird sich fügen. Aber eine Sache sollte klar sein, Prinz Lucien."
      Der Blick, den der Elf dem Prinzen zuwarf, hätte beinahe blutrünstiger nicht sein können. Als würde ein Löwe aus dem Süden ein Schaf aus dem Norden betrachten, glühten die Augen des Elfen geradezu, als er den Prinzen ansah und sich neben Viola postierte. Beinahe aufmerksamkeitswirksam, wenn man es so wollte.
      "Ich bin weder der Diener eines Herrn noch etwas anderes. Andvari ist mein geschätzter Bruder und ehe ich von der Seite dieser Frau weiche, müsst ihr mir - so fürchte ich - die Beine abschlagen. Ich gehe durch dieses Tor und bleibe an Violas Seite. Gerne tarne ich mich und verkleide mich, aber wenn Ihr glaubt, ich drehe Däumchen seid Ihr schief gewickelt."
      Auf Violas Aufbegehren griff er nach ihrer Hand und lächelte sanft hinab.
      "Ruhig", murmelte er. "Ich werde es ihn wissen lassen. Aber zunächst müssen wir uns eilen, damit die Aussage auch noch in ein paar Tagen stimmt."

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    • "Bitte verzeiht, Lhoris.", antwortete Lucien, der beschwichtigend die Hände hob.
      Der zukünftige Thronfolger der freien Menschenreiche bat einen Elf um Verzeihung. Der Prinz konnte schwören, dass in weiter Ferne in einem staubigen Studierzimmer gerade ein verbohrter, alter Mann in Ohnmacht fiel. Vergeblich hatten unzählige Tutoren versucht ihm höfische Etikette und die gewünschte Weltanschauung einzutrichtern - mit mäßigem Erfolg.
      Der stechende Blick verlangte jedoch auch dem Prinz der Menschen den nötigen Respekt ab während die Entschlossenheit ihm durchaus imponierte. Mit dem Elf war nicht zu spaßen. Lucien zweifelte nicht daran, dass Lhoris jeden, der auch nur den winzigsten Hauch von Bedrohung darstellte, einen Kopf kürzer machen würde. Eine Bestimmtheit, die dem seltsamen Gespann aus Heilerin und Beschützer mehr Ärger einbringen konnte, als ihnen lieb war.
      "Voreilige Schlüsse zuziehen, war nicht meine Absicht.", fuhr er fort. "Ich bewundere Eure Ergebenheit für Euren Bruder, aber Ihr solltet Euch der Gefahr bewusst sein. Welche Hilfe könnt Ihr Viola sein, wenn Ihr tot seid? Bedenkt das. Der Rat der führenden Adelshäuser wird eine Erklärung verlangen, zumindest wird die Lemaire-Familie darauf bestehen nachdem ihnen die enthauptete Leiche ihres Erben präsentiert wurde. Sobald Viola einigermaßen bei Kräften ist, werden die Adligen sich auf sie stürzen, wie ein Rudel tollwütiger Wölfe."
      Mit einem gedehnten Seufzen fasste sich Lucien mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel.
      "Ich gebe Euch mein Wort, dass wir eine Lösung für dieses Dilemma finden.", versprach der Prinz. "Für den Augenblick sollten wir uns darauf konzentrieren, dass sie die Reise übersteht. Ich breche unverzüglich auf. Wir benötigen einen Karren. Viola kann unmöglich reiten, auch nicht mit unserer Hilfe. Ich bin in ein paar Stunden zurück, bevor die Nacht anbricht."
      Ein wachsames Auges auf Lhoris gerichtet, näherte sich Lucien der erschöpften, jungen Frau und ging neben ihrem Lager in die Hocke.
      Viola umklammerte die Hand des Elfen mit ihren eigenen, eisigen Fingern als hinge ihr Leben davon ab. Ein kaum merkliches Nicken war die schweigsame Antwort auf Lhoris Stimme, die gedämpft durch den Nebel in ihrem Kopf drang.
      "Bleib am Leben, verstanden.", lächelte Lucien zum kurzweiligen Abschied und schenkte dem Elf, der wie eine grimmige Glucke über der Heilerin thronte, ein kurzes Nicken.
      Mit so viel Aufsehen wie Lucien angekommen war, so still verschwand der Kronprinz. Eile war geboten.
      "Prinz Lucien hat Recht.", flüsterte Viola und drückte schwach seine Hand. "Sie werden dich töten, bevor du auch nur einen Fuß durch das Stadttor gesetzt hast. Er kann uns nicht beide verlieren, Lhoris. Nicht nach Sylvar."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”