[2er RPG] The Lesser Evil [Winterhauch & NicolasDarkwood]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Die untergehende Sonne warf ihr karges Tuch über das Land und ließ selbst die Räuberhöhle namens Beleriand in funkelndem Licht erstrahlten. Der Schlamm auf den Straßen wirkte mit einem Mal freundlich und die angesammelten Schneepfützen begannen sich wieder zu verfestigen als die Temperatur fiel. Nur noch wenige Menschen befanden sich auf den Straßen und Wegen und eilten in ihre Hütten und Häuser, um bei wärmendem Feuerschein und lauschig brutzelndem Essen ihres Abends zu frönen. Zu tun gab es genug, aber dies auch morgen noch.
      Sylvar, den man Eisenblatt nannte, wanderte einsam durch das Tor und sein Stab gab einen schmatzenden Laut von sich, wann immer er ihn aufsetzte. Sein Körper wirkte aufrecht, obgleich Schuld auf ihm geladen war und der Magier wusste, dass er Andvari in Kenntnis setzen musste. Es blieb nichts mehr übrig, als es auszusprechen. Dies kleine Wörtchen, dass er so hasste…
      „Du bist wieder hier.“
      Eine Feststellung, keine Frage. Die Stimme aus dem Haldunkel der Gasse erkannte der Erzmagier sofort und setzte ein gewinnendes Lächeln auf. Dort, im Halbschatten einer kleinen Veranda aus gebeiztem Holz, saß die große Gestalt des weißhaarigen Prinzen und spielte mit einem Stück Holz, dass er sich zurecht schnitt. Mittlerweile war es ein kleines Pferd, wie es schien.
      „Bin ich, ja“, bestätigte er und grinste ihn an, ehe Sylvar näher zu Andvari rückte. „Hattest du einen schönen Tag?“
      „Spar dir das.“
      Erneut dieser Ton. Befehlsgewohnt, hart und kälter als das Eis des Nordens. Die Stimme mehr ein Knurren als ein wirklicher Ton, ehe der Prinz mit beinahe leuchtenden Augen zu ihm aufsah.
      „Erkläre dich“, murmelte er. „Wo warst du?“
      „Ich war…Ich habe Zerstreuung gebraucht, Andvari.“
      „Zerstreuung…“
      „Ja, Zerstreuung. Mir ging viel im Kopf herum und ich dachte, ein ausgedehnter Spaziergang könnte mich ein wenig entlasten.“
      Andvari erhob sich unter dem Ächzen der Dielen und sah seinem Bruder in die Augen. Selten wirkte er so groß und körperlich übermächtig als in dieser Sekunde. Sylvar schluckte, als er die Wut in seinen Augen sah.
      „Ein Spaziergang…“, murmelte der Weißhaarige und ließ seine Augen nicht eine Sekunde von seinem Gesicht. „den ganzen Tag lang. Um Zerstreuung zu finden. Sag mir, Bruder…Was ging dir im Kopf herum, dass du uns einen Tag lang mit gelöschter Aura abhanden kamst?“
      Erwischt.
      Sylvar schluckte und fieberhaft rasten seine Gedanken im Kreis. Natürlich hatte Andvari versucht, seine Aura zu finden. Anfängerfehler.
      „Ja, nun,…“
      Mit einem Mal ging ein Ruck durch den Elfenprinzen und er warf mit aller Gewalt seine Schnitzerei in Richtung seines Bruders Kopf. Wie von einem unsichtbaren Hindernis aufgehalten, prallte es ab und fiel schwer zu Boden. Noch ehe der Zauberer dem Geschoss hinterhersehen oder etwas sagen konnte, fühlte er bereits einen gellenden Schmerz, der durch sein Gesicht schoss. Als die Faust seines Bruders ihn traf, kam es ihm vor, als habe man ihm eine Kanonenkugel ins Gesicht geschossen. Unerwartet und blitzschnell landete der Schlag auf seinem Kieferknochen und schleuderte ihn von den Füßen. Erst einige Meter weiter kam er zum Liegen, als er wie ein Stein auf dem schlammigen Boden einschlug.

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    • Ein spitzer Aufschrei ertönte in der Ferne.
      Viola, die beinahe einen der Teller fallen ließ, bekam das nasse Geschirr mit etwas Mühe noch zu fassen und blickte alarmiert aus den staubigen Fenstern. Hinter ihr fluchte Tilda in den buntesten Farben und Meliorn war von seinem Platz am Küchentisch aufgesprungen, wobei der Stuhl mit einem ohrenbetäubenden Aufprall zu Boden fiel. Das Stimmengewirr im Schankraum erhob sich, wie das aufgebrachte Summen eines Bienenstocks. Die Drei in der Wirtsküche blickten sich ratlos an, ehe die Vordertür mit Schwung aufgerissen und krachend gegen die Wand geschlagen wurde.
      "Tilda!", bellte die Stimme von Albert durch den gut gefüllten Schankraum. "Herrgott noch eins, Tilda!"
      Sowohl die gerufene Wirtin als auch die junge Heilerin, die mittlerweile leichenblass geworden war, eilten hinaus aus der Küche und ließen sämtliche Tätigkeiten stehen und liegen.
      "Bei den Heiligen, Albert! Beruhig dich! Wegen dir bekommen meine Gäste noch einen Herzinfakt.", schnaubte Tilda ungehalten und trat dem Meister der Zimmermänner mit erhobenem Kinn entgegen. "Atme tief durch. Wir haben einen Schrei gehört, was ist passiert?"
      Albert, der überaus ungehalten wirkte, lenkte seine Aufmerksamkeit auf die junge Heilerin, die über Tildas Schulter sah und eine Hand um das Heft von Dandelost gelegt hatte, um Ruhe und Kraft aus der Magie des Schwertes zu schöpfen.
      "Eure Begleiter haben beschlossen aus unseren Straßen eine Kampfarena zu machen!", knurrte er. "Louise, die Ärmste, hat beinahe der Schlag getroffen, als der werte Herr Zauberer wie eine Kanonenkugel an ihr vorbei flog."
      "Was!?", fragte Viola entsetzt und schlug schockiert eine Hand vor den Mund. Die grünen Augen glitten verwirrt über die Anwesenden, deren Blicke sich allesamt nun auf ihre zierliche Gestalt legten als erwarteten sie eine Erklärung.
      "Das ist doch Irrsinn.", murmelte sie und setzte sich in Bewegung.
      Viola schob sich mit Bestimmtheit an den zahlreichen Menschen und Elfen vorbei, umrundete einen mürrischen Zwerg um endlich an die kalte Abendluft zu treten. Tilda und Meliorn riefen ihr nach, doch die Stimmen gingen in einem dumpfen Hintergrundrauschen verloren. Der eigene, wilde Herzschlag war alles, was ihre Ohren erfüllte. Die junge Frau hattte große Mühe auf dem vereisten und teils noch matschigen Boden nicht auszurutschen. Schlamm besudelte den Saum ihrer Röcke, da sie sich nicht die Mühe machte, diese vor einem Schlammbad zu bewahren.
      Die Elfenbrüder zu finden war erschreckend einfach. Der erschrockene Aufschrei hatte viele der Bewohner an die Fenster oder vor ihre Türen gelockt. Zumindest jene die unmittelbar in der Nähe des Stadttores lebten.
      Viola erblickte Andvari. Der zornige Blick der bernsteinfarbenen Augen erschreckte sie für eine Sekunde. Finstere Schatten lauerten über seinen Gesichtszügen und hätten selbst der Heilerin beinahe das Fürchten gelehrt. Aber eben nur beinahe. Unweit von von ihrem Gefährten entfernt entdeckte sie Sylvar auf dem Boden. Die Spur, die sein Körper durch den Schlamm gezogen hatte, war überaus beeindruckend.
      Schlitternd und straucheld auf dem stellenweise bereits gefrorenen, eisigen Boden erreichte sie als erstes Sylvar. Viola ließ sich auf die Knie fallen und griff ohne die Erlaubnis abzuwarten nach dem Gesicht des Erzmagiers. Bereits jetzt breitete sich ein dunkler Schatten über seinen Kiefer aus, der äußerst schmerzhaft aussah. Mit einem vorsichten Sicherheitsabstand tummelten sich mittlerweile auch die Gäste der Schänke auf der Straße. Man erkannte Lucien, entsprechend maskiert mit dem Raubvogel auf der Schulter und daneben Meliorn, der einen kunstvollen Boden fest umklammerte. Tilda und Albert kämpften sich nach vorn und die Wiritn zeigte eine merkwürdige Mischung aus Wut, Sorge und Verwirrung.
      "Habt ihr Zwei den Verstand verloren!?", rief Viola und blickte zwischen den Brüdern hin und her.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylvars Gesicht schmerzte.
      Ein dumpfer, pochender Schmerz, als der Knochen brach und sich dank seiner Heilkräfte wieder zusammensetzte. Es hatte Andvari nicht einmal eine Sekunde lang gekümmert, dass er seinen BRuder ernsthaft verletzte. Und unter anderen Umständen hätte Sylvar es ihm vorgehalten. Nur diesmal nicht.
      Andvaris Augen glühten regelrecht in der Finsternis und langsam stapfte er durch den Schnee näher heran und sah zu seinem Bruder hinab. In seinem Blick stand nichts als Verachtung und Schmerz. Das Ballen seiner Faust war beinahe hörbar.
      Viola eilte an seine Seite und für eine Sekunde lang schienen die beiden wieder im Hier und Jetzt angekommen zu sein. Kurz hielt der Prinz inne und atmete durch, ehe er wieder zu Viola sah.
      "Offenbar habe ich das...", murmelte er kalt.
      Sylvar indes richtete seinen Kiefer und heilte seine Gesichtshälfte, während er sich mühsam auf die Beine rappelte.
      "Andvari, ich..."
      "Halt dein Schandmaul!", donnerte der Weißhaarige und ein Puls von Magie glitt durch die Luft. Lockerer Schnee wirbelte auf und die Luft wurde merklich wärmer.
      "So hör doch..."
      "Was ich höre, Bruder...", zischte Andvari. "Ist ein Verräter, der diese Stadt dem Untergang anheim geworfen hat! Hier leben gute Menschen, Sylvar!"
      "Ich...Ich hatte keine...keine Wahl, Andvari!"
      Ein Schnauben durchzog die Stille.
      "Ich habe dir vertraut", flüsterte der Prinz und wollte sich bereits vom Schauplatz entfernen, ehe Sylvar ihn anrief.
      "Andvari! Ich tat es für dich! Für deinen Thron, für dein Volk! Ich tat es nicht für mich, ich - "
      Er wollte nicht weiter reden.
      Der Sturm von Hitze, der ihm entgegen schlug, war allgegenwärtig, als Andvari herumfuhr und auf ihn zu schoss. Die Faust gehoben, bereit einen letzten vernichtenden Schlag zu landen. Und Sylvar wehrte sich nicht. Er wollte es nicht mehr. Er drückte Viola zur Seite und wollte den Schlag empfangen, ehe die Faust mit einem hässlichen Geräusch vor seinem Gesicht hielt.
      Und ein Elfenprinz erstaunt auf eine Gestalt zu seiner Rechten sah.
      Eine Gestalt, die ein wenig größer nur als der Durcschnittsmensch war. Der Umhang war der Gestalt viel zu groß, aber seine Hand schloss sich präzise und eisern um das Handgelenk des Prinzen, der verwundert zu ihm sah.
      "Es reicht jetzt", murmelte eine tiefe, Andvari nur allzu bekannte Stimme. Und er erkannte die Gestalt sofort...Beinahe in der ersten Sekunde. Er sah dessen Angesichts vor sich. Jünger, beinahe albern gestimmt und immer bedacht, gerecht und weise zu wirken.
      "Wie...", flüsterte er und sah ihn mit großen Augen an, als die Gestalt ihn entließ und Andvaris Hand kraftlos zu Boden sank.
      "Es tut mir Leid", murmelte die tiefe Stimme und eine Hand striff den Umhang fort von seinem Haupt. Darunter fand sich ein schlankes, beinahe blasses Gesicht mit spitzen Ohren und stechenden, dunklen Augen.
      Augen, die dereinst tot gen Himmel gesehen hatten. Das Lächeln war so frei. Und die Narbe auf seiner Brust...Sie wirkte uralt...
      "Lhoris...", flüsterte er und Tränen traten das erste Mal seit langem in die Augen des Elfen.

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    • Die eiskalten Worte des Elfenprinzen ließen Viola erschaudern.
      Die Stimme jeglicher Emotion beraubt, erwartete sie den zornigen und unaufhaltsamen Sturm, der zwangsläufig nach der Ruhe folgte. An Sylvars Seite bemühte sich Viola um einen festen Stand auf dem rutschigen Boden und verlor fast den Halt, als der magische Puls an ihr rüttelte und sie beinahe vollständig aus dem Gleichgewicht brachte. Herbstrotes Haar wirbelte um ihr Haupt, als hätte eine starke Windböe die Strähnen erfasst. Winzige Steinchen von der Straße zerstreuten sich zusammen mit dem aufgewirbelten Schnee in alle Richtungen und hinterließen zwei vereinzelte rote Striemen auf ihrer Wange.
      Meliorn sah den Kronprinzen mit unheivoller Miene an, ehe er sich in Bewegung setzte und die Schaulustigen zum Rückzug zwang. Widerwillig traten die Bewohner Stadt einen Schritt nach dem anderen zurück. Niemand konnte sagen, welche Kräfte der Elfenprinz in seiner Wut und Enttäuschung frei setzte. Lucien zog Tilda bei Seite und flüsterte ihr etwas in Ohr. Unverständlich für alle Umstehenden.
      "Sag mir, dass das nicht wahr ist, Sylvar...", forderte Viola mit einem entsetzten Flüstern, während sie sich noch an dem Ärmel ihres Freundes festhielt.
      Die Heilerin hob in jenem Augenblick schützen den Unterarm vor das Gesicht, als eine Welle der Hitze über die Straße fegte und sogar das Eis zu ihren Füßen in dreckige Pfützen verwandelte. Die fürchterliche Bedeutung der gesprochenen Silben floss zäh wie Honig durch ihren Verstand, ehe Viola sämtliche lebendige Farbe aus dem Gesicht fiel. Sie war fast so blass wie der Schnee auf den Dächern geworden.
      Viola riss den Kopf herum. Das menschliche Auge konnte kaum erfasssen, wie schnell Andvari sich bewegte da stieß der Erzmagier die junge Frau bereits geistesgegenwärtig zur Seite und damit außerhalb der zerstörerischen Wut des Weißaarigen.
      Unter den Menschen begann Panik auzubrechen. Niemand ahnte von welcher Gefahr Andvari genau sprach, aber es reichte aus um die guten Bewohner Beleriands in Aufruhr zu versetzen. Tilda und Albert hatten Mühe die Menge ruhig zu halten und bugsierten sie mit Hilfe von Meliorn und Lucien weiter die Straße zur Schenke hinauf. Die Wirtirn selbst nickte ihren Freunden kurz zu und behielt ihren sicheren Stand auf dem Weg. Eine Barriere aus einer einzigen Frau, zwischen den Brüdern und allem, was sie geschworen hatte zu beschützen.
      Tilda sah Viola stolpern und eilte über den matschigen Untergrund der Heilerin entgegen, um sie daran zu hindern, erneut zu Boden zu gehen.
      Die Frauen zogen sich weiter zurück, wobei es eher die resolute Tilda war, die Viola unbarmherzig von den Männern fortzog. Letztere wehrte sich wie eine Katze, die man ungefragt im Nacken gepackt hatte. Ein zerbrechlicher Mensch hatte zwischen diesen Fronten wirklich nichts zusuchen. Missbilligend hatte die Wirtin zur Kenntnis genommen, dass Andvari ohne Rücksicht in Kauf genommen hatte, seine Gefährtin in seiner rasenden Wut ebenfalls zu verletzen.
      Die Zeit schien eingefroren, als eine verhüllte Gestalt aus dem Nichts auftauchte und den womöglich tödlichen Schlag des Elfenprinzen abfing. Viola brauchte eine Sekunde länger, um die dunkle und volltönige Stimme richtig einzuordnen. Das enthüllte Gesicht brachte ihr Gewisstheit und doch wollten ihre Augen nicht glauben, was sie dort sahen. Die Welt drehte sich unter dem Schmerz, den Sylvars Verrat mit sich brachte, unter der Furcht, was Andvari in seinem Zorn bewirken konnte und dem Schock, ein altvertrautes Gesicht unter den Lebenden zu erblicken.
      Lhoris hatte tot im Staub gelegen, niedergestreckt durch Lysanthir. Sein Blut war in den Boden gesickert.
      "Das ist unmöglich," flüsterte sie und spürte, wie ihre Knie auf dem rutschigen Boden nachgaben. "Das ist ganz und gar unmöglich."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Für einen Moment lang stand die Zeit still und die Elfen starrten einander nur an.
      Der Weißhaarige, der mehr erstaunt und verwirrt drein blickte und der Dunkelhaarige, der sich anschickte, Sylvar auf die Beine zu helfen. Der Zauberer richtete noch immer seinen Kiefer und stützte sich schwer auf den Stock und nahm in Richtung der Taverne abstand. Ein Fluchen konnte er nicht unterdrücken. Der Schlag war verdammt hart gewesen.
      "Was...ich...Ich verstehe nicht,...", stammelte Andvari und sah Lhoris an, der immer noch grinste.
      "Eine List", sagte er und wies mit dem Daumen auf Sylvar.
      "List?"
      "Eine List."
      "Wie...was..."
      "In aller Ruhe, mein Freund", murmelte Lhoris und trat zwei Schritte an ihn heran. "Zunächst einmal musst du vergeben und vergessen, Andvari. Es war kein Verrat, der geübt wurde, sondern eine List. Und ich berichte euch alles, was ich weiß, wenn ihr mir nur zuhören wollt..."
      Andvari sah ihn an und schloss die Distanz zwischen den beiden mit zwei großen Schritten. Knirschend bäumte sich der Schnee auf als er aufstampfte und die Hand seines Freundes ergriff, wie um sich selbst zu versichern, dass er echt war.
      "Vi...Viola!"; rief er ungläubig und sah sie an, die Augen nass vom Schnee.
      Moment...Es war kein Schnee. Was auch immer es war, es brannte in den Augen und er wischte sich mit dem Handballen hindurch und hielt seine Hand hinauf,.
      "Schau!"
      Lhoris begann zu lachen und befreite seinen Arm aus der eisernen Umschlingung.
      "Vielleicht sollten wir alles weitere in der Taverne besprechen. Tilda, wärest du so gut, uns einen Tisch zu lassen?", fragte er die Schankdame vertraut, sodass Andvari ihn erstaunt ansah.
      "Was denkst du?"; fragte Lhoris. "Ich bin bereits seit vielen Wochen hier. Seit unserer Schlacht damals."
      "Du warst hier?"
      "Ja! Bei der Schmiede."
      Andvari begann zu kichern. Natürlich! Wo sollte man einen Hitzezauberer sonst einsetzen? Die Schmiede...so einfach und doch so kompliziert.
      Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu den Schaulustigen, während Sylvar sich langsam in Violas und Tildas Richtung bewegte, die Hand noch immer an seinem Kiefer.

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    • Der Verstand spielte ihr Streiche. Viola war sich dessen felsenfest sicher.
      Ein Toter gesellte sich nicht einfach zu den Lebenden und das Bild des niedergestreckten Elfen drängte sich wiederholt an die vorderste Front ihres Denkens. Erst Andvaris erstaunte und von Glück begleitete Stimme vertrieb den Schleier aus ihren Augen. Unwirsch schüttelte sie den roten Haarschopf und blickte in die Richtung, aus der ihr Name ertönte. Der Elfenprinz hatte seinen alten Freund am Arm ergriffen und bestätigte ihr zumindest, dass sie keiner Einbildung erlag. Sie hatte Lhoris nur flüchtig gekannt, aber er war der Grund weshalb sie nicht von Würmern zerfressen in einem einsamen Grab in einem feindlichen Land vermoderte.
      "Geht es, Liebes?", fragte Tilda an die junge Frau gewandt, ehe sie einen Blick zu Lhoris warf. Elfen steckten mit ihrer Geheimniskrämerei wirklich voller Überraschungen. Und im Augenblick war sich die Besitzerin der kleinen Taverne nicht sicher, ob sie weitere Überraschungen ertrug.
      Tilda hob den Blick in Richtung der Männer, wobei ihre Augenbraue gefährlich zuckte. Die ältere Frau ähnelte einer Naturgewalt, die lieber nicht entfesselt werden sollte. Sylvar bedachte die Frau mit einem prüfenden Blick, konnte sich aber nicht dazu durchringen ihm entgegen zu kommen.
      "Du, Lhoris, schuldest mir eine Erklärung.", knurrte sie, wobei sie dennoch ein Lächeln nicht vollständig verbergen konnte. "Was wir jetzt brauchen ist ein starkes Gebräu, dass den Schreck und die Kälte vertreib. Kommt."
      Die Wirtin stapfte durch den Schnee voraus Richtung Schänke und trieb dabei die schaulustigen Bürger vor sich her, wie eine Herde verschreckter Schafe. Einige ließen sich beruhigen und kehrten in die Wärme ihrer Häuser zurück. Der Rest suchte Schutz vor der Winternacht am Feuer der Taverne.
      Viola verschränkte die Arme vor der Brust und sah Sylvar entgegen, der scheinbar noch dabei war, den gebrochenen Knochen in seinem Kiefer zurichten. Der Anblick war äußerst schmerzhaft, aber der Schreck saß noch immer tief in ihren Knochen.
      "Deine Geheimniskrämerei bringt dich irgendwann ins Grab, Sylvar.", sprach sie leise. Der Atem wandelte sich beim Sprechen in feinen, weißen Nebel. Der zweite Schlag wäre endgültig gewesen. Sie war dennoch erleichtert. Ein Zögern begleitete Viola, als sie den Magier stützend am Arm fasste, der nicht bereits schwer den Stock umfasste.
      Schließlich hob sie ihren Blick zu Lhoris, der erschreckend und auf erfreuliche Weise quicklebendig war.
      "Es ist gut Euch unter den Lebenden zu wissen, Lhoris.", sagte Viola und lächelte. Andvaris Freude darüber war ansteckend und wärmte, wie die Strahlen der Sonne. Wer hätte gedacht, dass sie sich noch einmal wieder begegneten. Die tiefgrünen Augen schimmerten ebenso wie die Andvaris. Tränen waren eine Seltenheit in den Augen des Elfen.
      Die Heilerin gesellte sich an die Seite ihres Liebsten und sehnte schon die behaglichen und warmen Räumlichkeiten der Taverne herbei. Der Wind war beißend und eisig geworden.
      In der Taverne erwartete Tilda sie bereits und scheuchte die Männer, die sie alle bei Weitem überragten, wie kleine Jungs in Richtung eines freien Tisches direkt am Feuer. Nachdem sich alle gesetzt hatten, brachte die Wirtin ein fleckiges Holztablett an den Tisch mit mehreren kleiner Gläser gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Viola bildete sich ein, dass ihr von dem fragwürdigen Gesöff bereits aus der Entfernung die Augen brannte. Ohne abzuwarten, leerte Tilda das erste Glas und knallte es lautstark auf den Tisch. Erst dann schob sie jedem Anwesenden Eines zu und sich gleich das Zweite hinterher.
      "Runter damit. Und dann will ich wissen, was hier los ist."
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    • Schweigsam begab sich die streitende Meute unter vieler Augen in die Schänke, die ihre Tore doch noch öffnete, obgleich es nicht lustig aussah. Sylvar, der kaum gerade gehen konnte und sich noch immer den Kiefer rieb, obgleich die Beweglichkeit schon wiederhergestellt war. Dennoch schmerzte jede Bewegung mit dem Mund und hielt ihn geradezu auf Trab, während er sich von Andvari fort wand, der gerade so zu verstehen glaubte, wie seine Welt funktionierte. Oder aber auch nicht funktionierte.
      "Natürlich, Tilda"; murmelte Lhoris und lächelte ergeben während sie in die Schänke einzogen.
      Sylvar warf Viola nur einen nicht zu deutenden Blick zu und zuckte die Achseln. Sie hatte nicht ganz Unrecht mit ihrer MEinung und doch wünschte sich der Zauberer ein anderes Auskommen.
      "Euch ebenso, Viola", bestätigte der schwarzhaarige Elf, als sie sich an den Tisch setzten, der gerade von Männern freigeräumt wurde. Es war merkwürdig, Tilda so zu sehen, aber dieses Mal war es notwendig.
      Dennoch rührten Andvari und Lhoris das Glas nicht an und lächelten die Bardame nur entschuldigend an. Sylvar indes schüttete das Gesöff den Hals hinunter und verzog den Mund keuchend.
      "Das ist ein guter Punkt"; murmelte Andvari und sah erst Tilda, dann Lhoris und schließlich auch Sylvar an. "Ich möchte wissen, was hier los ist. Wieso bist du nicht tot? Und wieso bist du hier und nicht an meiner Seite?"
      Lhoris kratzte sich am Kopf und schüttelte sich nebenbei die Haare aus, die vor Schmutz starrten. Erst jetzt wurde deutlich, dass der Elf den ganzen Tag an einer Esse arbeitete. Sein Gesicht stand vor Ruß und Schmutz.
      "Vielleicht zur ersten Frage...", murmelte er und grinste. "Das war leider nicht meine Idee. Als wir auszogen, dich zu suchen, Prinz...Da wurden wir von Sylvar hier angehalten. Er sagte uns, dass du nicht gefangen genommen wurdest aufgrund einer Niederlage, sondern weil man dir mit Absicht eine unterlegene Truppe zur Seite gestellt hatte. Wir haben es selbst nicht gemerkt, aber offenbar wurden die Einheiten manipuliert. Nun, sei's wie's sei. Sylvar berichtete uns, dass Lysanthir bereits auf dem Weg wäre und Lunte gerochen hatte. Anschließend gab er Nuala und mir jeweils ein Schutzsiegel, dass wir an unserer Haut tragen sollten. Er meinte, einmal würde es uns am Leben erhalten obgleich es nichts zu leben gab..."
      "Eine List", murmelte Sylvar.
      "Eine Illusion viel eher. Das, was ihr alle saht, war eine simple Illusion meines Körpers. Ich wurde durchstochen und wäre gestorben. Aber dies Siegel, es hielt mein Herz am Leben und eine kleine Menge des Blutes in mir...So lange, bis ich in Tirion vom Wagen genommen wurde..."
      "Und er in die Halle der Heiler kam", vollendete Sylvar den Satz. "Von dort aus organisierte ich eine Flucht aus der Stadt heraus und sagte ihm, er solle sich bereit halten und zu uns stoßen..."

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    • Viola versuchte die neugierigen, bohrenden Blicke in ihrer aller Rücken zu verdrängen.
      Mutig langten ihre Finger nach dem angebotenen Glas, wobei sie nicht den Fehler machte und vorher an der Flüssigkeit schnupperte. In einem Zug kippte sie den brennenden Inhalt herunter. Dabei spielte es keine sonderliche Rolle, dass sich ihre Kehle anfühlte, als verätzte sich von Sekunde zu Sekunde. Es war nicht einmal ansatzweise möglich zu bestimmen, aus welchem Obst Tilda dieses Teufelszeug gebrannt hatte. Die Heilerin kniff die Augen zusammen und es schüttelte sie angewidert am ganze Körper. Jedenfalls war ihr schlagartig nicht mehr kalt. Geräuschvoll landete auch ihr Glas zurück auf dem Tisch.
      Die Wirtin zuckte nur beiläufig mit den Achseln und schob die abglehnten Gläser einfach weiter zu Meliorn und dem maskierten Lucien, die sich ebenfalls an den Tisch bequemt hatte und daran Platz nahmen. Beide Männer würgten das Gesöff herunter, wobei Meliorn sichtlich Mühe hatte seine Gesichtsfarbe zu kontrollieren.
      "Bei den Bäumen, Lhoris! Heißt das, dass König Oberon uns willentlich ins Verderben geschickt hat?", begann der Elf mit dem zerfetzten Ohr und räusperte sich verärgert. Tildas Schnaps brannte bei jedem Atemtzug.
      Viola legte die Unterarme auf dem Tisch ab und wirkte unerwartet ruhig, während sie in die Runde schaute.
      "Deswegen ist Nuala sofort verschwunden, nachdem wir das Refugium betreten hatte.", murmelte sie und klopfte mit den Fingerspitzen nachdenklich auf die fleckige Tischplatte.
      Von der vertrauten Sanftheit kaum etwas in den grünen Augen zu erkennen, als sich Viola ein wenig zurücklehnte und die Frage stellte, die sie plagte seit Lhoris das Wort erhoben hatte. Obwohl die junge Frau durchaus verstand, dass die Lügen und die Geheimnisse eine Notwendigkeit hatten, fühlte sie dennoch einen irrationalen Funken Entäuschung. Viola mit all ihrer Gutmütigkeit hielt das Kinn erhoben und gerade. Die aufrechte, präsente Haltung verlieh ihr mehr Reife. Sie war schon lange kein kleines Mädchen mehr, auch wenn sie sich gern hinter ihrer Zurückhaltung versteckte.
      "Das erklärt nicht, warum du mitten in tiefster Nacht aus der Stadt verschwindest und erst am nächsten Abend wiederkehrst, Sylvar. Wo warst du? Gleich vorweg, das Märchen mit dem Spaziergang kaufe ich dir nicht ab."
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    • Lhoris nickte Meliorn geduldig zu und bemerkte erst danach, dass auch Andvari seine Gesichtsfarbe wechselte. Erst zu weiß, anschließend zu purpur, wie es erschien. Und ein wütender Prinz war nicht gut für einen Raum, so viel wusste der DUnkelhaarige.
      "Hat er", bestätigte er ungern. "König Oberon sah es als sein Ziel an, seinen Sohn Andvari den Wölfen, Pardon an alle, zum Fraß vorzuwerfen. Er wusste, dass du nicht den Hauch einer Chance hattest. Und schickte alle anderen mit in den Tod. Zumindest sein Sohn Faolan übernahm diese gewichtige Rolle."
      Anschließend erntete auch Viola ein Nicken.
      "Nuala verschwand, nachdem wir das Refugium erreichten, um eine wichtige Mission zu erfüllen. Ich brauchte Jemanden an König Oberons Hof, der mir Bericht über Truppenbewegungen erstattete. UNd sie war dafür geegnet. Zur Zeit ist sie bei Lysanthirs Truppen und dient dort als Fußsoldatin", murmelte Sylvar beträchtlich langsamer und verlangte nach einem weiteren Glas.
      "Lysanthir?", fragte Andvari entsetzt und beinahe unwillentlich fuhr gleichsam seine Faust auf das Holz nieder, sodass die Platte erzitterte. "Ihr habt sie in den Tod geschickt..."
      "Du weißt, dass wir von Nuala reden?", fragte Lhoris grinsend. "Vermutlich ist sie schon Offizierin und hat Lysanthir in ihrem Bann. Von ihr wissen wir, dass die Raben dich jagen und nah waren."
      "Kommen wir zu meinem Spaziergang", begann Sylvar und blickte betroffen. "Damit ich euch unbemerkt und ohne große VErfolgung aus Tirion schaffen konnte, schloss ich mit Faolan einen Handel. Ein Leben für ein Leben. Violas Leben gegen deines, Andvari."
      Gegen den aufbäumenden Prinzen hob er direkt beide Hände und rückte ein wenig ab.
      "Beruhig dich!"; rief er. "Das war notwendig! Ich wusste, dass Faolan, wenn es zum Kampfe kommt, dir unterlegen sein würde. Aber Viola wäre wie Schlachthausvieh dargeboten. Also schloss ich den Handel. Er würde sie verschonen, wenn ich ihm euren Standort preis gab. Ich wartete bis letzte Nacht, nachdem ihr geruht hattet. Und gab ihm den Standort preis. Und bevor ihr jetzt alle über mich herfallt, hört her: Ich weiß, dass es ein Risiko ist, aber ich musste es eingehen um Faolan aus der Deckung zu locken. Derzeit befinden sich zwei Raben in der Stadt."
      "Dorynn, die Schlange und Gorm, die Keule", vollendete Lhoris und nickte.
      "Sollten wir es schaffen, diese beiden aus dem Verkehr zu ziehen, könnte Faolan aus der Deckung gelangen und sich zeigen. Und wir könnten ihn aus dem Wege räumen..."
      "Zum Preis wievieler Leben, Sylvar?", fragte Andvari wütend und sah beide ärgerlich an.
      Sie wussten nicht, was ein Kampf mit Raben auslöste. Selbst wenn sie fähige Magier nahmen, war die Stadt in Gefahr. In großer.

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    • Viola hüllte sich in Schweigen.
      Mit einem ernsten Ausdruck in den Augen versuchte sie die folgenschwere Bedeutung des Gesagten zu erfassen. Und während sich Andvari an ihrer Seite mit wütender Miene und kochendem Pulsschlag aufbäumte, blieb Viola erstaunlich ruhig. Bedächtig und beinahe mit einem Hauch von Anmut hob sie eine der zierlichen Hände vom Tisch und ergriff den Ellbogen des Elfenprinzen. Ohne den Blick zu heben, richtete sie ruhige aber bestimmende Worte an Andvari. Zwei einfache Worte, in denen zum ersten Mal ein Funken von Autorität lag.
      "Setz dich.", sagte sie und war sich der nervösen Blicke der umstehenden Tavernengäste bewusst.
      Tilda blickte die Heilerin mit eindeutiger Verwunderung an, wandte sich aber schließlich Sylvar zu um ihm wie gewünscht einweiteres Glas mit fragwürdigem Inhalt zu reichen. Meliorn ließ sich ebenfalls nachschenken. Der Schrecken stand dem Bogenschützen deutlich ins Gesicht geschrieben. Es würden Menschen sterben. Tilda war anzusehen, dass ihr derselbe Gedanke durch den Kopf ging.
      "Das ergibt keinen Sinn, Sylvar. ", fuhr sie mit gleichmäßiger Stimme fort. Wobei sie nicht wusste, ob sie es als beleidigend emfpinden sollte, dass Sylvar sie offensichtlich wie ein Lamm betrachtete, das zur Schlachtbank geführt wurde.
      "Faolan hatte Andvari bereits in Ketten. Warum sollte er das Risiko eingehen und sich auf deine Bedingungen einlassen? Warum mein Leben als Tauschpfand? Was interessiert es Faolan ob ein Mensch lebt oder stirbt? Ich verstehe das nicht."
      Bei der Erwähnung der Raben verlor Meliorn am anderen Ende des Tisches auch das letzte Bisschen Farbe in seinem Gesicht. Er war leichenblass geworden. Die Raben in Beleriand waren eine tödliche Bedrohung. Und vor allem war weder Prinz Faolan noch seine Schergen für die Ausübung von Gnade bekannt. Das gerrinste Problem würde sie alle in den sicheren Tod schicken. Er rühmte sich nicht damit, aber der Reflex vom Tisch aufzustehen und das Weite zu suchen, war beinahe zu verlockend.
      "Ihr habt uns alle dem Untergang geweiht", murmelte er vor sich hin. "Sie werden uns alle umbringen. Euer Handel ist nicht wert, wenn Prinz Faolan sein Wort gab."
      Tilda, die sich mit beiden Händen auf dem Tisch abstützte und leicht vorbeugte, sah Lhoris und Sylvar an. Andvaris letzte Frage, lag auch ihr auf der Zunge.
      "Das heißt Ihr machte meine Stadt zum Schauplatz Eurer persönlichen Familienfehde? Ihr riskiert das Leben unschuldige Männer, Frauen und Kinder um einen familiären Machtstreit beizulegen? Ich bin sehr enttäuscht von Euch.", sagte Tilda resigniert. "Ich habe Euch vertraut, als Euch hier aufnahm. Und jetzt bringt ihr den Krieg direkt in die Straßen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Eine Weile lang blickten die beiden Betroffenen schweigend zu Boden, ehe sich Lhoris nach einiger Zeit aus der Starre löste und seinen Blick auf Tilda und Meliorn richtete.
      Erstaunlicherweise gehorchte Andvari Viola und setzte sich einstweilen, auch wenn sein Blick nicht weniger wild als vorher war. Er war wütend, soviel konnte gesagt werden. Die Frage war nur, ließ sich diese Wut nutzen? Sylvar entschied sich zu schweigen und an seinem Glas zu nippen, während seine Wange langsam blau wurde.
      "Ich kann verstehen, dass die Aussicht der Raben in der Stadt euch allen Angst macht", murmelte Lhoris und nickte. "Und ich wünschte, es hätte einen anderen Weg gegeben. Das Problem ist aber derart ausgestaltet: Der Krieg macht vor keinem Dorf dieser Welt halt. Und so lange die Brüder Andvaris an der Macht sind und ihren König schützen, können wir das nicht ändern. Wir reden also über Monate, Tilda. Monate, die ihr verschont geblieben wärt, ehe der Krieg mit all seiner Härte über die Mauern hereingebrochen wäre."
      "So sind es nur zwei Raben", sagte Sylvar und sah hilfeflehend zu der Schankdame auf. "Zwei. Im Gegensatz zu Tausenden von Elfen, wenn Lysanthir seinen Weg hierher findet. Fragt Prinz Lucien, was er vermeintlich zu leisten vermag."
      Andvari hob die Hand und beide Elfen verstummten.
      "Ich will eine Antwort auf Violas Frage", sagte er und sah seinen Bruder an. Auch wenn er die Antwort kannte.
      Sylvar seufzte und sah ihn an, ehe er auch einen Blick zu Viola warf.
      "Faolan ist nicht wie die anderen Elfen, Viola.", sagte er. "Er ist ein Fanatiker, ein Irrer, geradezu ein Psychopath. Er liebt es, seine Opfer zu quälen und damals kam er an Andvaris Innerstes nicht heran. Er will die Magie Andvaris für sich gewinnen, aber nicht nur das Licht per se, sondern das Sternenlicht. Dieses kommt jedoch nur empor, wenn man das Opfer psychischen Qualen aussetzt. Er wollte dein Leben, damit er aus Andvari das Ganze herauspressen konnte. Ich brachte ihn davon ab, indem ich ihm den Thron selbst schmackhaft machte. Und ihm in Aussicht stellte, ihm gegen Andvari zu helfen. Was ich nicht tun werde!"

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    • Der Kronprinz zuckte leicht bei der Erwähnung seines Namens zusammen und legte den Zeigefinger auf den von Stoff bedeckten Mund.
      Die eisblauen Augen funkelten warnend, ehe der Blick durch dem Raum huschte. Scheinbar hatte keiner der Gäste seinen Namen vernommen und selbst der Merlin auf seiner Schulter plusterte sich aufgebracht auf, als könnte er jedes Wort tadellos verstehen.
      "Schreit es doch gleich zum Fenster hinaus, Zauberer!", zwischte er und verschränkte die Arme vor der Brust. "Bedauerlicherweise muss ich ihm recht geben, Tilda. Das feindliche Heer hat Milan dem Erdboden gleich gemacht. Bis auf wenige Flüchtende ist niemand mehr am Leben. Es gibt dort nichts mehr. Kein Stein steht mehr auf dem anderen."
      "Das mag sein, Falkner.", knurrte sie. "Aber das ändert nichts an der Heimlichtuerei!"
      "Tilda, bitte. Wir sind weder wehrlos noch völlig unfähig.", sprach Lucien, während er den zierlichen Raubvogel auf seiner Schulter über das bläuliche Gefieder strich. "Und du hast nun erfahrene Unterstützung gegen die aufziehende Bedrohung."
      "Du bist nur hier um dein Gewissen zu erleichtern!", keifte die Schankdame und deutete anklagend mit dem Finger auf den Kronprinzen.
      "Ohne meine Hilfe wärt ihr diesen Winter verhungert!", bellte Lucien zurück.
      Mittlerweile standen beide sich jeweils an einem Kopfende des Tisches gegenüber und fixierten sich wie zwei Wachhunde mit gesträubtem Nackenfell.
      "Es reicht! Setzt euch wieder hin. Alle beide!", ertönte eine raue Stimme vom Feuer her. "Es ist niemandem geholfen, wenn wir uns verkriechen wie ängstliche Mäuse." Albert blickte zu Meliorn. "Oder uns gegenseitig an die Kehle springen." Ein mahnender Blick zu Tilda und dem Kronprinzen. Beschämt nahmen beide Platz.
      Viola hörte den Worten des Elfenmagiers zu.
      Jeder Silbe brachte ein Gefühl von Grauen mit sich, dass sich kaum bändigen ließ. Unter dem Tisch suchte ihre Hand die ihres Gefährten und verwob ihre Finger miteinander. Die Befürchtung zu einer Schwäche Andvaris zu werden, hatte sich letztendlich als wahr erwiesen. Trotzdem war sie von der Enthüllung mehr ensetzt als überrascht.
      "Faolan hätte mich also letztendlich benutzt um sein Ziel zu erreichen und Andvari zu quälen.", flüsterte sie. Sie mochte sich nicht vorstellen welche Greultaten der gefürchtete Prinz in seinem
      Repertoire hatte. Wie offensichtlich war es gewesen, dass Faolan bereits zu dieser frühen Stunde geahnt hatte, welche Rolle Viola von den Menschen spielen würde. Dabei hatten weder die Heilerin noch der in Ungnade gefallene Elfenprinz zu diesem Zeitpunkt gewusst, was sie
      füreinander waren und sein würden.
      "Und was machen wir jetzt?", fragte Viola mit bleicher Miene in die Runde.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Andvaris versteinerte Miene heftete sich auf Tilda und Falkner, wie sie begannen, miteinander zu streiten. Und wäre die SItuation nicht durch Alberts Zwischenruf entschärft worden, so hätte er denselben Ton angeschlagen. Es brachte nichts, sich gegenseitig zu zerfleischen. Das gab weder die Situation noch die Tatsache her, dass der Krieg zu ihnen kommen würde, sofern sie die Raben nicht aus der Stadt entfernten. Und das ließ sich nicht einfach bewerkstelligen.
      "Faolan hätte genau das getan", bestätigte Sylvar und nickte während er sich schwer auf den Stab stützte, obgleich er saß. "Er hätte dich gefunden, gequält und auf tausend Arten grausigen Tötungsszenarien ausgesetzt nur um an Andvari heran zu kommen."
      Der weißhaarige Elf schlang seine Finger um ihre und sah seinen Bruder noch immer mit kaltem Blick an. Gleich wie es ausging. Verrat war Verrat, auch wenn es mit guten Absichten gepflastert war.
      Lhoris indes räusperte sich und sah in die Runde.
      "Wir können nicht allzu viel machen. Die Raben haben einen klaren Auftrag. Andvari gefangen nehmen und nach Tirion bringen. EIn Auftrag, der mehr Zündstoff beinhaltet als man glauben mag. Wir können uns sicherlich gegen zwei von ihnen verteidigen, aber gegen alle Raben wäre es ein hoffnungsloser Kampf."
      "Also bleibt nur der Kampf mit den beiden, ehe sie Bericht erstatten können"; schloss ANdvari und sah Lhoris an, der bedächtig nickte. "Dann ist es mein Kampf!"
      Die Stimme des Elfen wirkte fest und entschlossen, während er mit glühendem Blick zu den Elfen und den anderen sah.
      "Sie wollen mich? Sie sollen mich holen! Ich stelle mich ihnen vor der Stadt und sie sollen sehen wie sie mich kriegen können..."
      "Das ist Irrsinn, ANdvari"; murmetle Lhoris.

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    • "Nein."
      Eine lächerliche Silbe durchbrach das verbissene Gespräch und wäre aufgrund des Stimmengewirrs der Taverne beinahe ungehört geblieben. Ein simples Wort gesprochen mit einer sanften Stimme und doch forderte es sämtliche Aufmerksamkeit aller Beteiligten ein. Viola spürte den Fluss der Magie unter ihrer Haut, die darauf risultierende statische Aufladung der Luft und den spürbaren Puls der Klinge an ihrer Hüfte, das auf seltsame Weise die gleichen widerstrebenden Gefühle spiegelte. In diesen Augenblicken würde Viola darauf wetten, dass Dandelost ein eigenständiges Bewusstsein besaß.
      Für den Bruchteil einer Sekunde schimmerten goldene Tupfen in der grünen Iris ihrer Augen, die nach einem flüchtigen Blinzeln bereits wieder verglüht waren. Viola blickte in die Runde und nahm einen beruhigenden Atemzug, bevor sie sprach.
      "Lhoris hat Recht.", sagte sie. "Sich den Raben allein zu stellen ist Wahnsinn. Ich weiß, du bist davon überzeugt dich allen Schwierigkeiten und Kämpfen allein stellen zu müssen. Und das - bitte entschuldige - ist Schwachsinn. Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du die Bürde dieser Entscheidung nicht alleine trägst. Und du hast mir Dandelost anvertraut. Du kannst mir kein Schild in die Hand geben und erwarten, dass ich es nicht benutze. Also lass mich meine verdammte Aufgabe erfüllen."
      Aber an diesem Punkt ging es um so viel mehr, als ihre Befürchtung mit den Frauen und Kindern in einem Versteck eingepfercht zu werden und darauf zu hoffen und zu beten, dass sich alles zum Guten wandte, sobald sie die Tür nach draußen wieder öffnete.
      "Keiner von uns wird dich alleine gegen die Raben kämpfen lassen. Lhoris ist dein Schwertbruder, also lass ihn helfen. Lass ihn dir den Rücken freihalten, so lange deine Kräfte sich nicht völlständig erholt haben. Der Kampf in Telerin sitzt dir noch immer in den Knochen. Ich spüre das, also versuch gar nicht erst es zu leugnen."
      Als Untermalung ihrer Worte drückte sie seine Finger. Der direkte Kontakt hatte ihr ermöglicht in Ruhe ihre heilende Magie nach dem Elfenprinzen auszustrecken.
      Viola erinnerte sich an die Worte Lhoris, der ihr nun wie ein alter Freund gegenüber saß und verstand endlich die Bedeutung. Und sie vestand Sylvar, auch wenn sie seine Vorgehensweise nicht gut hieß.
      "Das hier ist größer als wir alle. Größer als ein Verrat, Stolz oder Liebe. Dieser füchterliche, sinnlose Krieg wird erst enden, wenn Andvari seinen rechtmäßigen Platz einnimmt." Viola drehte sich leicht auf der Holzbank und sah Andvari nun direkt an. "Du hast mir gesagt, du wärst nicht zum König geboren. Aber das glaube ich nicht."
      Auch wenn es bedeutete, dass sie ihn gehen lassen musste. Irgenwann.
      "Also, muss es einen Weg geben, wie wir die Raben aus dem Verborgenen locken ohne ihnen Andvari als Köder auf einem Silbertablett zu servieren."
      "Bitte möglichst ohne meine Stadt in Schutt und Asche zu legen.", brummte Tilda, die in ihrem Stuhl saß und nicht länger wütend sondern erschöpft, älter wirkte. Die Falten in ihrem Gesicht gruben sich tief in ihre Haut.
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    • Andvari blickte auf die ineinander verschränkten Finger und schüttelte den Kopf. Wie hatte er davon ausgehen, dass sie es nicht versuchen würde. Innerlioch wusste der Elfenprinz nicht, was vorherrschte: Stolz, dass sie es so unauffällig getan hatte oder Ärger, dass sie es gegen ihn verwendete.
      Schweigesam nickte er und seufzte.
      „Es mag sein, dass der Kampf mir noch in den Adern liegt, aber…“
      „Kein Aber!“, murmelte Lhoris und sah in die Runde. „Ich stimme Viola zu. Das alles hier ist größer als jeder einzelne von uns. Und ebenso wird es Zeit, dass die Schwerter ihren König zum Thron führen, Andvari. Jeder von uns ist bereit, für dich das Leben zu lassen.“
      Der Weißhaarige sah grimmig in die Runde und schnaubte.
      „Ich bin kein König und ich werde es nicht sein“, stellte Andvari fest. Auch wenn er wusste, dass es keine Wahl gab. Weder im Kampf mit den Raben noch mit der Tatsache, dass der Krieg nicht anders beendet werden konnte.
      „Nun, mal abgesehen von der Frage ob König oder nicht haben wir ein Problem, dass wir lösen müssen“, bemerkte Sylvar nun endlich und räusperte sich. „Es sollte das erste Ziel die Stadt und ihre Bewohner zu schützen. Also kann ein Kampf, sofern gewünscht, nur außerhalb stattfinden. Und er muss schnell stattfinden.“
      „Also eine Falle“, murmelte Lhoris.
      Andvari nickte ebenfalls.
      „Eine eben solche. Ich weiß, dass sie Andvari lebend fassen sollten, aber das heißt nicht, dass sie herausspringen wenn sie ihn sehen. Das wäre zu einfach für unsere beiden Häscher. Die Frage ist nur, welches Ziel geben wir ihnen, damit sie genügend Interesse haben, sich zu zeigen?“

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    • Die Enttäuschung in Andvaris Blick hinterließ einen bitteren Beigeschmack.
      Die Zeit, sich über ein schlechtes Gewissen den Kopf zu zerbrechen, hatte Viola allerdings nicht. Stattdessen nickte sie zustimmend, als Sylvar sprach. Zeit war ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnten.
      "Es gibt einen alten Versorgungstunnel innerhalb der Stadt.", mischte sich Tilda ein und sah kurz zu Albert hoch.
      "Tilda hat Recht. Er ist lange nicht benutzt worde, sollte aber noch nutzbar sein. Er führt in den nahegelegenen Wald. Der Tunnel wurde gegraben, um im Falle einer Belagerung jene aus der Stadt zu schaffen, die nicht kämpfen konnten.", ergänzte Albert.
      Meliorn stand von seinem Stuhl auf und legte bedächtig seinen Bogen auf den Tisch, ehe er zu Andvari blickte und leicht das Haupt neigte.
      "Ich bin einmal Euren Befehlen gefolgt und es wäre mir eine Ehre, es auch in dieser Schlacht zu tun. Mein Bogen gehört Euch. Ich kann die Stadt von den Dächern aus im Auge behalten.", murmelte er und umschloss das verzierte Gehölz mit den schlanken, aber schwielenübersäten Händen eines Bogenschützen.
      Der Kronprinz sah zu dem Elfen auf und zurück zu dem Vogel auf seiner Schulter, der mittlerweile trotz aller Aufregung den Kopf dösend unter das Gefieder geschoben hatte.
      "Ich gebe dir Isobelle mit. Ein zusätzliches Paar Augen schadet nicht.", bot er an und obwohl Meliorn dern Vogel skeptisch betrachtete, nickte er. Der kleine Raubvogel und er waren in der Vergangenheit nicht die besten Freunde geworden. Dann drehte sich der Menschenprinz in Richtung Sylvar und Lhoris. Die beiden erschienen im Augenblick zugänglicher für mögliche Ideen. Und diese hier würde dem Weißhaarigen nicht gefallen.
      "Drehen wir den Spieß um.", murmelte Lucien und sah den Zauberer über den Rand des Kruges in seiner Hand an.
      "Gehen wir davon aus, dass sie genauso wie Ihr überlegen, wie sie ihr Ziel in die Finger bekommen. Also geben wir ihnen die Aussicht auf etwas an die Hand, dass ihnen ein Gefühl von Überlegenheit und Sicherheit vermittelt. Etwas, dass sie einsetzen müssten, um Andvari aus der Deckung zulocken. Wer sich überlegen fühlt, neigt dazu nachlässig und unvorsichtig zu werden. Mit dem richtigen Köder müssen sie ihr Versteck verlassen. Ich kenne den genauen Wortlaut Eures Abkommen mit Prinz Faolan nicht, Zauberer."
      Lucien pausierte kurz, um sein Kinn auf die verschränkten Hände zu stützen.
      "Ihr sagtet 'Ein Leben für ein Leben'. Wobei ich nicht weiß, wie genau Elfen mit Spitzfindigkeiten sind. Euer Bruder hat Euch Violas Leben versprochen. Nicht ihre Freiheit. Ich bezweifle, dass er jemals vor hatte einen Menschen laufen zu lassen. Auch wenn der Handel von Eurer Seite aus, nur ein gut ausgeklügeltes Täuschungsmannöver war, Sylvar."
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    • Für einen Moment lang sah der Weißhaarige zu dem Elfen auf, der sich vor ihn aufbaute und blickte auf den edel gefertigten Bogen. Er erkannte ihn asl einen der ihren und nickte nur dankbar und mit einem nachsichtigen Lächeln.
      "Dann tue dies", murmelte er. "Beschütze Kind und Kegel dieser Stadt und lass ihre guten Bürger nicht in Gefahr geraten."
      Als jedoch Prinz Lucien zu sprechen begann, konnte man erblicken, wie ANdvaris Miene von Sekunde zu Sekunde finsterer zu werden schien. Er mochte nicht, in welche Richtung dies Gespräch laufen würde. Und noch weniger mochte er die Tatsache, dass die Argumente des Menschenprinzen durchaus Hand und Fuß hatten.
      Sylvar indes nickte bedächtig, als der Prinz ihn ansprach.
      "Es ist zutreffend, dass der Handel sich um ein "Leben" drehte. Es stand nicht in der Frage, die Freiheit zu erörtern..."
      "Du willst damit sagen, dass dein Handel vollkommen sinnlos war?"
      Wut war in der Stimme des Prinzen zu hören, während er seinen Bruder kalt musterte. Der blonde Haarschopf des Elfen schien an Farbe zu verlieren, als er mit den Schultern zuckte.,.
      "Das würde ich nicht sagen...", murmelte er. "Es war das beste, was seinerzeit möglich erschien, Andvari..."
      Andvari schnaubte und sah zu Lucien.
      "Davon abgesehen, Falkner: Es mag vielleicht durchaus gängig sein, den Jäger zu einem Fehler zu verleiten, aber ich habe das sachte Gefühl, dass ihr Jemand ganz speziellen als Köder einsetzen wollt. Gehe ich richtig in dieser Annahme?"
      Denn wenn es so war, würde dies hier über seine Leiche geschehen...Niemand nahm ihm fort, was sein war. SChon gar nicht ein Mensch, der die Krone bisher nur von weitem gesehen hatte...
      Innerlich wunderte er sich sehr über den Ausbruch, wenn er ehrlich war. VOr allem die Gedanken, die sie mit sich brachten. Aber er traute sich nicht, zur Seite zu blicken, sondern schluckte gehässigere Worte hinab.

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    • Meliorn nickte entschlossen, wobei die silbernen Ringe an seinem gesunden Ohr sachte klimperten.
      Stumm streckte er die Hand zum Menschenprinzen aus und krümmte auffordernd die Finger. Lucien grinste schwach und schickte sich an den winzigen, aber flinken Raubvogel auf seiner Schulter zu wecken. Isobelle zog den Kopf mit einem verägerten Schnabelklappern unter ihrem Flügel hervor und beäugte Meliorn skeptisch. Das stechende Blickduell, das sich Vogel und Elf leiferten wirkte in der Situation unfreiwillig komisch. Widerstrebend hüpfte der Merlin von der Schulter des Kronprinzen auf die Hand des Bogenschützen, wo Isobelle sogleich in einen der gekrümmten Finger zwickte, um ihre Unzufriedenheit auszudrücken. Meliorn verzog missbilligend das Gesicht, sagte aber nichts.
      "Wenn du etwas Auffälliges entdeckst, schick Isobelle zu mir.", murmelte Lucien und blickte dem Elf mit undefinierbarer Miene hinterher, als dieser durch die Hinterür verschwand.
      Beschwichtigend hob Lucien beide Hände in die Luft, als ihm eine Welle der Wut entgegen schlug. Offenbar fand seine Idee keinen begeisterten Anklang. Eine Tatsache, die für den Prinz des Menschenvolkes wenig überraschend war.
      "Hört mich an bevor Ihr mir den Kopf von den Schultern reißt, Andvari.", antwortete Lucien schnell, bevor der Elfenprinz sich anschickte über den Tisch zu hechten. "Meine bescheidene Meinung dazu ist nur, dass Euer Bruder Prinz Faolan einen fadenscheinigen Handel schloss, der ihm genug Schlupflöcher ließ, um am Ende doch zu bekommen wonach es ihm verlangt. Ohne dabei jedoch sein Wort brechen zu müssen. Unter anderen Umständen hätte er für diese Findigkeit meine Anerkennung."
      Lucien schwenkte den Blick in Richtung Elfenmagier. "Ihr habt einen unmöglichen Handel mit dem Teufel geschlossen, Sylvar. Aber er hat Euch allen einen Aufschub gewährt und Euer überleben gesichert. Ich stimme Sylvar also zu, in dem ich behaupte, dass es nicht völlig umstonst war."
      Viola ließ den Blick über die Verbliebenen wandern. Albert wirkte sichtlich unwohl und Tilda hatte die Augenbrauen so stark zusammen gezogen, dass sie kaum noch als Zwei zu erkennen waren.
      "Der Punkt ist: Wir haben keine Zeit mehr. Wenn die Raben nicht gerade das Gehirn von der größe einer Erbse besitzen, werden sie Euer kleines Scharmützel am Tor bemerkt haben. Sie werden wissen, dass Sylvars 'Verrat' nicht länger ein Geheimnis ist. Die Gefahr, dass Andvari flieht bevor sie ihn erwischen können, steigt mit jeder Minute und sie haben nicht die Zeit ganz Beleriand auf Links zu drehen. Im schlimmsten Fall bleiben sie im Verborgenen und beobachten, ob jemand die Stadt verlässt und warten auf Verstärlung durch Prinz Faolan. Und ja, ich habe einen speziellen Köder im Sinn, der sie zum Handeln verleiten könnte. Die Entscheidung liegt allerdings nicht bei mir."
      Nach langem Schweigen kehrte etwas Leben in die Heilerin zurück die unruhig mit den Fingern auf der Tischplatte trommelte.
      "Es ist riskant aber nicht unmöglich. Wenn dein Bruder erst einmal hier ist...", murmelte sie und wagte das erste Mal seit gefühlten Ewigkeiten den Blick zu Andvaris Gesicht zu heben.
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    • Mit jeder Sekunde, die der Prinz sprach, zweifelte Andvari mehr an seinen geistigen Fähigkeiten. Freilich waren seine Argumente nicht schelcht, aber würde er wirklich erwarten können, dass der Prinz die Frau die er liebte erneut hergab? Für ein Manöver, dass Leben kosten konnte?
      Andvari blickte nach dem letzten verklangenen Wort wie versteinert in die Runde und sein Gesicht nahm eine graue Färbung an. Mit einem Male war ihm speiübel und beiernd bittere Säure stieg seinen Magen empor und brannte in seiner Kehle.
      Und dennoch gab es ein Argument, dem er nichts entgegen zu setzen hatte: Sie hatten keine Zeit mehr.
      "Er hat Recht Andvari, wir mü-"
      "Halt deinen Mund", murmelte Andvari beinahe kälter als der Nordwind und brachte Sylvar zum Schweigen. "Ich weiß sehr wohl, dass wir keine Zeit haben, Falkner. Aber dennoch verlangt Ihr nicht mehr als mein Herz für diese Schlacht. Und auch wenn der Handel mit meinem werten Bruder ein fadenscheiniger war und er mehr Schlupflöcher bietet als euer Käse, so ist es dennoch Viola, von der wir reden. Mein erstes Schwert und mein Herz."
      Er sah den Falkner an und auch in die Gesichter der anderen. Er hasste es. So sehr. Er hasste derlei SItuationen und es brachte ihn an den Rand des Verstehens, auch wenn er nichts anderes konnte, als dem Sprechenden recht zu geben.
      Er löste seine Hand aus der Umschlingung der Finger, um mit einem Mal und wütend auf den massiven Tisch zu schlagen, sodass dieser einen Riss bekam. Seine Fäuste schmerzten unter dem Druck, aber gleichsam fühlte er sich befreit, als er sich zurücklehnte und den Falkner und Viola ansah.
      "Was also schlagt ihr vor?", fragte er grimmig und Sylvar grinste verstohlen.

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    • Das Gefühl eisiger Kälte erfasste Viola.
      Kalt und gnadenlos, wie das frostige Wasser der Eismeere hinter den Bergketten im hohen Norden. Ein Rinnsal, das ihre Wirbelsäule hinab floss und die schmalen Schultern unter einem unwohlen Schauer erbeben ließ. Viola senkte den Blick auf die fleckige und verkratzte Tischplatte, als wäre der Anblick unheimlich faszinierend. Sie sah nicht, welche Wandlungen seine Mimik vollzog. Aber Tilda sah es.
      Der Blick der gewöhnlich forschen Wirtin bekam einen mitfühlenden Glanz. Ein Blinder wäre mit Leichtigkeit in der Lage gewesen, das vom Schicksal gewobene Band zu erkennen, das zwei augenscheinlich völlig verschiedene Wesen miteinander verknüpfte. Es war beinahe schmerzhaft mit anzusehen, wie die Heilerin neben ihrem Gefährten immer kleiner wurde.
      Ein heftiger Ruck erfasste den Leib der jungen Frau, als ein ohrenbetäubendes Krachen erklang. Es kostete Viola alle Beherrschung nicht wie ein verschrecktes Reh von der alten Holzbank aufzuspringen. Es war schlagartig still im gesamten Schankraum geworfen. Für einen Augenblick wäre selbst eine fallende Nadel überdeutlich zu hören gewesen.
      "Bei meiner Urgroßmutter, möge sie auf ewig in ihrem Grabe verfaulen!", stieß Tilda erschrocken hervor und betrachtete den Riss der sich der Länge nach durch das massive Holz schlängelte. "War das wirklich nötig!?"
      Die Gläser von dem Ruck in die Luft katapultiert, kullerten über den wackelnden Tisch und wären vermutlich alle am Boden zerschellt, wenn Lucien und Albert nicht so gute Reflexe hätten. Hier und da zersprang trotzdem klirrend Glas am Boden.
      "Bleib sitzen, Tilda. Ich kümmere mich darum...", presste Viola die Worte aus ihren Lungen und rutschte von der Bank. Es war nicht ihr stolzester Moment, als sie einfach den erstbesten Grund beim Schopfe packte und die Flucht in die Küche ergriff auf der Suche nach einem Besen.
      Lucien blickte der jungen Frau besorgt hinterher und stieß schließlich ein langgezogenes Seufzen aus. Er wollte gerade den Mund öffnen, als sich eine bisher unbekannte Stimme dazu gesellte.
      "Ich sage wir liefern sie aus."
      An einem Tisch rechts neben ihnen, erhob sich Mael, einer der Lehrlinge Alberts und sah grimmig in den überfüllten Raum.
      "Vielleicht lassen sie uns in Frieden, wenn wir Ihnen geben, was sie wollen. Sie sind Fremde, Tilda.", fuhr er fort.
      Unter den Tavernengästen erhob sich zustimmendes Gemurmel. Die Wirtin erhob sich von ihrem Stuhl.
      "So gern ich dich habe, mein Junge. Aber ich glaub es ist besser, wenn du dich wieder setzt und deinen vorlautes, unwissendes Mundwerk hältst.", herrschte Tilda ihn an und wirkte empört und entgeistert zugleich.
      "Sollen wir wirklich unseren Kopf für Fremde hinhalten...", murmelte jemand aus einer anderen Ecke.
      Das Geflüster stieg immer weiter an, bis es der Wirtin zu bunt wurde. Viola stand mit dem Besen in der Hand in der Tür zur Küche und beobachtete alles aus sicherer Entfernung.
      "RAUS HIER! ALLE! SOFORT!", keifte sie und marschierte durch den Raum, nachdem sie ihren Stuhl unsanft nach hinten geschoben hatte. "UND TRETET MIR ERST WIEDER UNTER DIE AUGEN WENN IHR NÜCHTERN SEID UND EUCH NICHT MEHR BENEHMT ALS WÜRDET IHR EUCH VOR ANGST EINNÄSSEN! SCHÄMT EUCH!"
      “We all change, when you think about it.
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